Schlagwort-Archive: SF

Jack Vance – Das Gesicht (Dämonenprinzen 4)

Rundum gelungener Abenteuerroman: Die Jagd auf den wütenden Darsh

Auf seinem Rachezug durch den Kosmos ist Kirth Jersen an der vierten Station angelangt. Der Name seines Opfers: Husse Bugold, ein Dämonenprinz, der als einer von fünf Aliens an der Auslöschung von Gersens Familie beteiligt war. Sein Deckname: Lens Larque. Wie immer gibt es einen Haken an der Sache, und der Gegner schläft nicht…
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George R. Stewart – Leben ohne Ende (Meisterwerke der Science Fiction)

Klassiker des Katastrophenromans

Eine rätselhafte Viruspest greift um sich wie ein Steppenbrand und rafft weltweit die Menschen dahin. Die Ordnung bricht zusammen, es gibt keine Regierungen, keine Kommunikation, keine Infrastruktur mehr. Nur ein Prozent der Weltbevölkerung überlebt die verheerende Seuche. Die Zivilisation wird ausgelöscht. Die Übriggebliebenen müssen neue Wege des menschlichen Zusammenlebens suchen… (Verlagsinfo)
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Isaac Asimov – Die nackte Sonne (Foundation-Zyklus 5)

Spannende Ermittlung: Als Detektiv unter heißer Sonne

Detective Elijah Baley traut seinen Ohren nicht, als er von seinem neuen Auftrag erfährt: Er soll die Geborgenheit seiner „Stahlhöhle“ New York verlassen und nach Solaria fliegen, einer dünn besiedelten Welt der Spacer. Er wurde angefordert, um einen rätselhaften Mord aufzuklären, der absolut jeder Logik entbehrt.

Auf Solaria bekommt Elijah Angstzustände, sobald er sich unter freiem Himmel sieht, aber sein Partner, den er aus einer früheren Ermittlung kennt, beruhigt ihn: Robot Daneel Olivaw. Doch auch noch auf den zweiten Blick sieht R. Olivaw wie ein Spacer bzw. wie ein Mensch aus. Und das hat alles seinen guten Grund, wie sich herausstellt…

Dies ist der zweite Weltraumkrimi Asimovs, nachdem er mit „The Caves of Steel“ (Die Stahlhöhlen, ungekürzt 1988) einen ziemlichen Erfolg verzeichnen konnte. Und dies ist der Startpunkt für die zahlreichen Roboter-Romane Asimovs, die er schließlich mit den Motiven aus dem Foundation-Zyklus zu seiner eigenen Geschichte der Zukunft vereinigte.
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Isaac Asimov – Die Stahlhöhlen (Foundation-Zyklus 4)

Dynamisches Ermittlerduo: Mit dem Robot in die Unterwelt

3000 Jahre in der Zukunft. Während die „Spacer“ genannten Weltraumsiedler auf ihren dünnbesiedelten Welten leben, die ihre Vorfahren kolonisiert haben, vegetieren die Menschen der alten Erde, zu Millionen zusammengepfercht, in überkuppelten Metropolen: den Stahlhöhlen.

In der Spacer-Kolonie außerhalb New Yorks wird unter rätselhaften Umständen ein Spacer ermordet. Politische Repressalien drohen, und der Polizei-Commissioner Enderby betraut seinen besten Mann Elijah Baley mit der Aufklärung des Mordes. Doch zum ersten Mal in seinem Leben soll Baley mit einem Ermittler der Spacer zusammenarbeiten, ausgerechnet mit einem Roboter: R. Daneel Olivaw. Doch warum zum Kuckuck sieht Olivaw genauso aus wie ein Mensch? Wird er sich auch wie einer verhalten? Und was, wenn nicht?
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Chelsea Quinn Yarbro – Das Ungeheuer vom Sumpf. 8 neue Stories von Spitzenautoren der Gegenwart

Classic SF aus den 1970er Jahren

Die US-amerikanische SF-Szene hat eine Tradition von jährlichen Bänden an Originalveröffentlichungen, so etwa von Damon Knight, Robert Silverberg und Terry Carr. Die von Roy Torgerson halbjährlich veröffentlichten „Chysalis“-Bände bringen jeweils Erstveröffentlichungen aus dem zeitgenössischen SF- und Fantasy-Umfeld. Dieser Chrysalis-Band aus dem Jahr 1977 enthält Erzählungen von Monteleone, Sturgeon, Harlan Ellison und fünf weiteren Newcomern. Seltsamerweise fehlt das Vorwort des Herausgebers.
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Ken Liu (Hrsg.) – Zerbrochene Sterne. Die besten chinesischen SF-Stories


Durchwachsene Qualität, hoher Preis

Ein junger Mann wird dreimal in der Nacht angerufen – und jedes Mal ist er selbst am anderen Ende der Leitung. Genauer gesagt, sein zukünftiges Ich, und dreimal soll er die Welt vor der unausweichlichen Zerstörung retten. »Mondnacht« lautet der Titel dieser Kurzgeschichte von Cixin Liu, die der preisgekrönte Herausgeber und Übersetzer Ken Liu zusammen mit fünfzehn weiteren Erzählungen der besten Science-Fiction-Autoren Chinas in diesem Band versammelt hat.

Manche sind bereits in der Literaturszene etabliert und international berühmt wie etwa Cixin Liu, Hao Jingfang und Han Song, manche gehören zur jungen, ehrgeizigen Generation wie Qiufan Chen und Xia Jia, und andere wiederum sind in der wachsenden Zunft der Geisteswissenschaftler verwurzelt, zum Beispiel Regina Kanyu Wang und Fei Dao. Sie alle entwickeln in ihren Erzählungen einen kritischen, von der Gegenwartskultur geprägten Blick auf China, und manche Texte konnten erst in der Übersetzung überhaupt veröffentlicht werden. Abgerundet wird dieser Sammelband durch drei Essays, die das Phänomen der chinesischen Science-Fiction ausführlich beleuchten und verständlich machen. (Verlagsinfo)
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Cherryh, C. J. – Brüder der Erde

Actionreich: Feindliche Brüder retten die Welt

Als einziger Überlebender eines Raumschiffs erreicht er in einer Rettungskapsel einen erdähnlichen Planeten. Er wird von Eingeborenen gefangen und wie ein gefährliches Tier in Ketten gelegt. Auch als er die Achtung dieser stolzen, fremdartigen Geschöpfe errungen hat, begegnen sie ihm wie einer reißenden Bestie. Bis er des Rätsels Lösung findet: Er ist nicht der erste Mensch, der diese Welt betrat. (Verlagsinfo)

„Brüder der Erde“ von 1976 ist Cherryhs erster, einzeln stehender SF-Roman. Vorher hatte sie nur den Fantasy-Roman „Das Tor von Ivrel“ veröffentlicht. Diesem Abenteuer folgte die Fortsetzung „Weltenjäger“, der 1977, also im Jahr darauf, erschien. Beide Romane wurde in dem Sammelband „The Hanan Rebellion“ zusammengefasst.

Die Autorin

Caroline Janice Cherryh, geboren 1942 in St. Louis, ist von Haus aus Historikerin und lebt in Washington. Sie erhielt schon 1980 ihren ersten Science-Fiction-Preis für ihre umwerfende Novelle „Kassandra“. 1983 folgte der erste |HUGO Award| für „Pells Stern“, später ein weiterer für „Cyteen“. Beide Romane gehören zu ihrem Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus, der eine Future History darstellt, wie sie schon von anderen Größen des Science-Fiction-Feldes geschaffen wurde, darunter Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov.

C. J. Cherryh auf |Buchwurm.info|:

Kauffahrers Glück
Der Baum der Schwerter und Juwelen
Das Tor von Ivrel
Pells Stern
Der Quell von Shiuan
Tripoint
Das Schiff der Chanur
Das Unternehmen der Chanur
Die Heimkehr der Chanur
Chanurs Legat (Chanur 5)
Fremdling (Atevi 1)
Eroberer (Atevi 2)
Erbe (Atevi 3)
40000 in Gehenna
The Betrayal (Cyteen 1)
Cyteen: Die Wiedergeburt
Cyteen: Die Rechtfertigung
Die letzten Städte der Erde
Finity’s End. Ein Alliance-Union-Roman
Der Engel mit dem Schwert
Hammerfall (The Gene Wars 1)
Yeager
Schwerkraftzeit
Höllenfeuer
Hestia
Der Paladin
Der Koboldspiegel
Der Biss der Schlange
Das Kuckucksei
Fortress in the Eye of Time
Fortress of Eagles
Fortress of Owls
Fortress of Dragons“
Visible Light
Rider at the Gate (Finisterre 1)

Handlung

Als einziger Überlebender eines Raumschiffs erreicht Lieutenant Kurt Morgan in einer Rettungskapsel einen erdähnlichen Planeten. Beim Kampf gegen ein feindliches Raumschiff der menschlichen Hanan wurde sein eigenes Schiff, die Endymion, vernichtend getroffen. Bevor es explodierte, konnte er mit seiner Rettungskapsel entkommen. Doch bevor es zu diesem Kampf kommen konnte, vernichtete die Endymion den Hanan-Planeten Aeolus. Das wird schwere Folgen für Kurt haben.

Gefangen

Er wird von den eingeborenen Nemet gefangen genommen und so vor den wilden Tamurlin bewahrt, die ihn sicherlich qualvoll zu Tode gefoltert hätten. Also kann er froh sein, dass der Nemet-Kapitän Kta ihn gerettet hat und ihn in seine Heimatstadt Nephane bringt. Kta hat sich für Kurts friedliches Verhalten persönlich verbürgt und seine Ehre aufs Spiel gesetzt. Das behält Kurt im Hinterkopf, als er zu seinem Entsetzen in der Festung von Nephane einer Hanan-Kriegerin begegnet. Djan könnte ihn jeden Moment mit ihrer Pistole töten, weiß er. Schließlich hat sie wegen der Vernichtung von Aeolus genügend Grund, ihn zu hassen. Sie gibt ihm eine Frist von zwei Wochen des Wohlverhaltens, sonst gibt’s Zoff.

Frei

Ktas Familie nimmt Kurt in ihrem Heim auf, doch Mim, die Tochter des Dieners Hef, scheint Kurt zu hassen. Kurt bemüht sich, alles richtig zu machen und keinem auf den Schlips zu treten. Er muss seinen Stolz hinunterschlucken und sämtliche Tabus, Gesetze und Sitten der Elas-Familie, die ihn aufgenommen hat, beachten. Am Ende der 14-tägigen Frist, die ihm die Methi gewährt hat, muss er Abschied nehmen. Mim verzeiht ihm, dass er ein Mensch ist. Als Menschen hat sie bislang nur die wilden Tamurlin kennengelernt, die sie gefangen hielten, doch Kurt scheint nichts von deren ungehobelter Wildheit an sich zu haben. Kurt hat das Gefühl, dass er Mim lieben könnte, und sie ihn, doch der Anstand sieht anderes vor.

Einladung

Die Methi beansprucht Kurt für sich und lädt ihn ein (was einem Befehl gleichkommt), in ihrer Festung zu wohnen. Sie verrät ihm, dass der Planet Aeolus, den er zu zerstören half, die größte Anlage der Han zur Produktion von geklonten Soldaten beherbergte (dies ist also ein Vorläufer von Cyteen!). Glücklicherweise ist sie selbst kein Klon, vielmehr lädt sie ihn ein, ihr Gefährte zu werden. Ohne es zu ahnen, würde sich damit Kurt den Ex-Lover Djans, Shan t’Tetur, zum Todfeind machen. Ohne sich festzulegen, benutzt Kurt lediglich ihre Maschinen, um die einheimische Sprache zu erlernen.

Antrag

Das Haus Elas nimmt ihn bei seiner Rückkehr wie einen eigenen Sohn auf, doch Mim geht ihm aus dem Weg. Verzweifelt fragt er sich nach dem Grund und stellt sie eines Nachts zu Rede. Sie hält sich nicht für würdig, seine Frau zu sein. Sie ist gar nicht Hefs Tochter, sondern war drei Jahre lang Sexsklavin unter den wilden Tamurlin, das ist die erste Erniedrigung. Kta rettete sie, als er die Tamurlin-Piraten bekämpfte, und nahm sie auf, obwohl herauskam, dass sie eine Indras ist, also keine Tamurlin. Nicht nur das: Sie ist eine Indras aus dem verfeindeten Indresul jenseits des Binnenmeeeres. Es ist Kurts schwerer Fehler, nicht nach ihrem Vater zu fragen. Er bittet sie um ihre Hand, und sie sagt nicht nein.

Politik

Er bittet bei Kta und Hef um Mims Hand und nach verschiedenen Vereinbarungen, die Nachkommen betreffend – sie ist kein Mensch –, kann die Verlobung öffentlich stattfinden. In diesem Moment treffen die Wachen der Methi ein: Die Verlobung sei verboten. Zu spät! Kurt lässt sich zur Methi bringen, die ihm erneut die Gefährtenschaft anbietet, die er nicht annimmt. Sie erklärt ihm die politische Lage mit Indresul, den Nemet, den Tamurlin – sie waren einst die Beherrscher Nehanes, bevor Nemet sie vertrieben – und einer mächtigen Volksgruppe namens Sufaki, der Djans Exlover Shan angehört. Kurt sieht seine Lage immer komplexer werden, doch er will bloß zurück zu Mim.

Hochzeit

Der Botschafter Indresul besucht die Methi in der Festung, um seine Forderungen im Namen der Methi Indresuls zu überbringen. Kurt und Kta erfahren, dass Indresul den Krieg gegen seine ehemalige, abtrünnige Kolonie vorbereitet. Ungerührt jedoch gelingt es ihm, im Haus Elas seine Vermählung mit Mim über die Bühne zu bringen. Es ist eine große Ehrung für ihn, folglich fühlt er sich verpflichtet, die Ehre des Hauses, das ihn aufgenommen hat, zu schützen. Dazu gibt es bald einen traurigen Anlass.

Belagerung

Nur zwei Wochen nach der Hochzeit warnt Ktas Schwager Ben t’Osanef das Haus Elas vor einem Aufstand der Sufaki, denen Ben selbst angehört. Dieser Aufstand gegen die Indras-Nemets vollzieht sich zunächst still und leise in Gestalt von Spionen vor dem Haus, doch als die Sufaki-Feiertage kommen, ist es mit der Ruhe vorbei. Niemand von den Indras traut sich vors Haus, doch die Vorräte gehen zu Ende, und Mim besteht darauf, auf dem Markt Nachschub zu kaufen. Kurt insistiert, sie zu begleiten, um sie zu schützen.

Hinterhalt

Auf dem Markt wird Kurt unvermittelt von Angehörigen der Sufaki abgedrängt. Als er in eine Gasse am Rande des Platzes eilt, gerät er in einen Hinterhalt, in dem er unterliegt und gefesselt wird. In der nächsten Nacht wollen ihn drei der Kerle ins Hafenbecken werfen, doch er trickst sie aus und schlägt sie nieder, bevor es ihm gelingt zu entkommen und seine Fesseln abzuwerfen. Seine einzige Sorge gilt Mim – wo ist sie? Lebt sie noch?

Mein Eindruck

Diese Szene bereitet den Höhepunkt des ersten Drittels des Romans vor und bildet zugleich einen Wendepunkt in der Dramaturgie. Denn was Mim angetan wird und was sie danach selbst tut, verändert nicht nur das Schicksal von Kurt Morgan und Kta t’Elas, sondern auch das ihrer Welt. Die Folgen reichen bis zur letzten Szene, als Kurt den Tempel von Nephane stürmt, um die Methi Djan gefangen zu nehmen. Doch Blutrache vereitelt dieses Vorhaben: Ein ferner Verwandter Mims lässt die Methi für ihre Taten büßen, denn sie ließ die Tat der Sufaki zu, die Mim letztlich in den Selbstmord trieb.

Doch wie konnte es dazu kommen, dass Mim in dieser Tat den einzigen Ausweg sah? Liegt es an ihrer Nemet-Kultur, die der japanischen Samurai-Kultur ähnelt, oder steckt mehr dahinter?

Hintergrund

Die Autorin sagte dazu in einem Interview für das „Das Heyne Science Fiction Jahr 1987“ (|Heyne| 1987): „Für Kim und Mim ergeben sich Probleme, weil er sich nicht vorstellen kann, was sie alles durchgemacht hat. Hier haben wir diese zierliche kleine Person, dieses chinesische [oder Porzellan-]Püppchen, eine Frau, die ihm äußerst zerbrechlich erscheint. Sie aber hat eine Menge furchtbarer Dinge hinter sich, die sie durch SCHWEIGEN bewältigt. [Sie war die Sklavin der Tamurlin.] Und das ist es eigentlich, was ihre Tragödie heraufbeschwört; die Tatsache, dass sie beide einander nicht verstehen können …

ER wusste nicht, was sie tun würde, wenn sie einmal in Schwierigkeiten geriete; IHRE Art war es nicht, es ihm zu sagen … die Falle wurde aus ihren beiden verschiedenen Persönlichkeiten gebaut. Sie war kein Element eines abstrakten, planbaren Handlungsablaufes. Der Punkt wurde erreicht, wo für sie, und zwar auf Grund dessen, was sie war, nur noch Selbstmord übrig blieb; sie beging Selbstmord nicht deswegen, weil der Autor entschied, dass das geschehen solle – sie hätte weglaufen können, sie hätte zehntausend verschiedene Dinge tun können -, sondern weil sie Mim war, eine Frau aus einem Adelshaus, die all das durchgemacht hat, was sie durchgemacht hat.

Erst als ich diese Figur wirklich gut kennen gelernt hatte, konnte ich sehen, dass SIE in dieser Situation keine andere Wahl als Selbstmord hatte, dass das für sie der einzig vernünftige und richtige Weg war; und einfach aufgrund dessen, was sie ist, wird sie dann zum ursächlichen Element eines Krieges, was sie auch wiederum nicht vollständig voraussehen konnte. Aber sie kannte sich ziemlich gut aus mit Politik und wusste immerhin, dass ihr Selbstmord weitreichende Folgen haben würde. Als bloßes Handlungsmoment hätte ich das gar nicht planen können, das ergab sich aus der intimen Kenntnis ihrer Psychologie.“ (S. 32/33).

Die Kultur

Wie man sieht, bedarf es, um Mims Situation zu verstehen, der Schilderung einer detailliert erfundenen Kultur. Sie darf nicht so fremdartig sein, dass wir sie nicht verstehen können, aber komplex und ungewöhnlich genug, um als Alien-Zivilisation glaubwürdig sein zu können. Um es kurz zu machen: Die Kultur der Nemet ist in Nephane wie in der kolonialen Mutterstadt Indresul eine Kombination aus mehrere antiken Kulturen. Der Ehrenkodex ist extrem streng und erinnert an Japans Mittelalter.

Die Nemet-Religion verfügt über ihre eigene Mythologie und entsprechende Göttersagen, dass sie als griechische Götterwelt durchgehen kann, allerdings erweitert um heiliges Herdfeuer und Ahnenverehrung. Die Gottkaiserin, Indresuls Methi, ist die Stellvertreterin des Sonnengottes auf Erden. Der Stand der Technik entspricht ebenfalls dem antiken Griechenland. Es gibt große Kriegsschiffe mit drei Ruderdecks, sogenannte Triremen. Sie sind extrem schnell und wendig, so dass ein Rammstoß meist verheerende Folgen hat.

Was heißt hier „fremdartig“?

Die Aufgabe der Autorin besteht nun darin, die Reaktion der Nemets auf das Erscheinen eines Menschen wie Kurt Morgan zu erklären. Die Reaktion in Nephane unterscheidet sich deutlich von der in Indresul. In Nephane lebt das aus Nemets und Sufakis gemischte Multi-Kulti-Volk unter der Herrschaft einer Menschenfrau, die über gewaltige Waffen verfügt. Nur sehr wenige Nemets, wenn überhaupt jemand, wissen, dass die Hanan-Frau Djan nicht von ihrer Welt stammt, sondern von der Welt Aeolus. Dieses Geheimnis verrät Djan außer Kurt nur sehr wenigen.

Im Gegensatz zu Nephane ist Indresul weitaus konservativer. Die Existenz eines Menschen ist bereits ein Affront, denn er hat nur auf der Stufe der Tiere einen Platz. Man glaubt, er besitze keine Seele. Umso schlimmer ist daher Kurts Behauptung, er komme von einer Welt, die um eine andere Sonne kreise. Das ist nun wirklich Gotteslästerung und Ketzerei! Wäre die Methi Ylith nicht so fasziniert von Kurts offensichtlich intelligenten Aussagen über die Theologie der Nemet, würde sie ihn sofort aburteilen und töten lassen. Aber Kurt ist nicht alleine: Kta, sein Sippenbruder, weigert sich, ihn zu verraten, sondern unterstützt ihn, selbst wenn er dadurch sein Leben aufs Spiel setzt.

Den Trick, einen Fremden als den eigentlich Alien erscheinen zu lassen, wendet Cherryh mehrmals in ihren Werken an, so etwa in den vier CHANUR-Romanen, die ich wirklich empfehlen kann, sowie in „Kuckucksei“, wo ein Menschenjunge unter kriegerischen Monstern aufwächst und dies ganz normal findet. Werte sind eben relativ, demonstriert die Autorin, und nirgendwo so intensiv und mannigfaltig wie in ihrem schon erstaunlich langen ATEVI-Zyklus.

Brüder

Ich habe einige Male über den Titel des Romans nachgegrübelt, denn kein einziges Mal taucht die Erde auf, höchstens als Kurts herbeizitierte Heimat. Doch dafür stehen die ganze Zeit die Brüder Kurt und Kta im Vordergrund. Dass sich ein Nemet – alle Nemets sind von Natur aus dunkelhäutig – mit einem Alien wie Kurt verbrüdert, ist alleine schon bemerkenswert. Als aber Kurt in Indresul als Tier abgetan und demnächst entsorgt werden soll, stellt sich Kta eindeutig auf seine Seite und rettet ihm so das Leben.

Aber Kta ist selbst oftmals in Gefahr, nicht, weil er sich nicht gegen Piraten oder Banditen zu wehren wüsste, sondern vielmehr, weil er schwer suizidgefährdet ist. Mehrmals ist Kta in Versuchung, es wie Mim zu machen und sich das Messer in den Bauch zu rammen oder aus dem Fenster zu stürzen. Der Grund dafür liegt in seiner Selbstverachtung. Diese wiederum resultiert wie bei Mim aus einer strengen Moral, die vom Ahnen- und Götterglauben abgeleitet ist. Alle Grundsätze des Moralkodex sind darauf ausgerichtet, die Ahnen stolz machen zu können und den göttlichen Gesetzen zu genügen.

Kein Wunder, dass die Methi von Indresul einer Theokratie vorsteht und auch die Methi von Nephane einen halbgottähnlichen Status genießt. Beide Methis dürfen sich dennoch nicht in die internen Sippengesetze der Häuser einmischen. Und wenn das Große Schwert eines Hauses gezogen wird, darf dies nicht ohne nachfolgendes Blutvergießen erfolgen. Die Ehre des Hauses steht über allem. Dass sich Ktas Vater und Mutter den Freitod gegeben haben, verwundert nicht. Nun ist Kta der letzte Lord seines Hauses, und deshalb zählt seine Ehrenhaftigkeit doppelt so schwer.

Die Aussage

Nur die brüderliche Freundschaft des ausgestoßenen Kta und des alienhaften Menschen ist ironischerweise in der Lage, den Nephane-Bürgerkrieg zwischen Nemet und Sufaki zu beenden sowie den Krieg mit Indresul zu verhindern. Der Preis ist zwar hoch, aber dass dies überhaupt gelingt, liegt an der Logik der Ehrengesetze: Beide sind ungebunden und können als Vermittler auftreten, ohne in den Verdacht zu geraten, für sich einen Vorteil herausschlagen zu wollen. Und sie sind das lebende Beispiel dafür, dass es gelingen kann, Frieden zwischen ungleichen Völkern zu schließen. (Von dem Frieden zwischen hellhäutigen Menschen und dunkelhäutigen Nemet ganz zu schweigen.)

Starke Frauen

Dass in diesem Roman starke Frauen die Herrschaft innehaben, ist sicher ganz im Sinne der Autorin, aber für die amerikanische Science-Fiction des Jahres 1976 immer noch ziemlich ungewöhnlich. Frauen durften Vermittlerinnen, Diplomatinnen (bei Le Guin), Amazonen (Cherryh), Heilerinnen und Seherinnen – vulgo: gute Hexen (bei Tanith Lee und Vonda McIntyre) – sein, aber Kaiserinnen gab es nur in schlechter Fantasy. Nun treten gleich zwei Herrscherinnen auf, eine davon eine fremdartige, aber menschliche Hanan, die andere eine dunkelhäutige, aber nichtmenschliche Kaiserin wie jene legendäre SIE aus Henry Rider Haggards Afrika-Phantasien.

Diese zwei Herrscherinnen üben eine ungleiche Herrschaft aus. Die der Methi von Nephane führt geradewegs zu Bürgerkrieg und Untergang. Der Grund liegt in ihrer Schwachheit, die Liebe genannt wird. Sie liebt den Sufaki Shan t’Tefur zu sehr, um ihm Einhalt in seinem Aufstand gegen die Nemet zu gebieten. Das Gefühl wird ihr Verderben.

Ganz anders hingegen die Methi Ylith von Indresul. Betrachtet sie anfangs den Menschen-Alien Kurt als Tier, sondern ändert sie schrittweise ihre Meinung, weil sie der Vernunft und der Diplomatie den Vorzug gewährt. Sie lässt nämlich Priester und Adelige ihr Urteil fällen, behält sich aber das letzte Wort vor. Ein Fingerschnippen – Kopf ab, hieße es für Kurt. Aber sie lässt ihn am Leben und bewahrt letzten Endes Nephane vor der Zerstörung. Bezeichnenderweise hat sie keinen Lebensgefährten, der Ylith schwächen würde. Sie muss eine einsame Frau sein. Oder der Verlag hat die Erwähnung von Lovern schamhaft verschwiegen. So wie auch verschwiegen wurde, dass Kurt mit Methi Djan geschlafen hat. Das erfahren wir erst ziemlich spät.

Die Übersetzung

Die Übersetzung durch Hans Maeter ist recht gut gelungen. Nur finden sich mehrfach die bei Heyne früher üblichen Flüchtigkeitsfehler wieder. Da heißt es mal „apan“ statt „ypan“ (Schwert) sowie „Ypan“ statt „ypai“ (Mehrzahl von Schwerter). Einmal fand ich sogar eine Verwechslung von Kurt mit Kta, aber mit ein wenig Nachdenken kann man den Fehler aufklären.

Landkarte

Sehr schön fand ich die von Erhard Ringer gezeichnete Landkarte der Region um das Trennende Meer zwischen Nephane und Indresul. So wird auch verständlich, dass die degenerierten Tamurlin-Menschen weit im Süden siedeln. Kurt bringt sich beinahe um, als er nach Mims Suizid dort zu seiner Raumkapsel zu gelangen versucht. Aus dem Regen gelangt er jedoch in die Traufe, als er den Tamurlin-Kannibalen in die Hände fällt. Erst Kta haut ihn wieder raus. Der abenteuerreiche Mittelteil des Romans lässt sich anhand der Landkarte viel besser nachvollziehen.

Unterm Strich

Ich fand die Lektüre dieses Romans recht kurzweilig und vor allem spannend. Die Spannung ergibt sich aus den Gegensätzen zwischen Menschen und Nemet, zwischen den Kulturen und den Lebensgrundsätzen. Mehr als einmal setzen die ungleichen Brüder Kurt und Kta ihr Leben ein, um nicht nur sich selbst zu retten, sondern vor allem auch ihre Heimatstadt Nephane, die vor der Zerstörung durch Indresul steht. Die haarigen Situationen passen gut in einen Actionroman.

Doch dies ist kein Planetenabenteuer nach dem Zuschnitt von Experte Jack Vance, sondern eindeutig von einer Frau geschrieben. Sie zeigt nicht nur zwei Frauen in der Position der absoluten Herrscherin, sondern, dass Männer nicht immer unbedingt auf Gewalt und Zerstörung aus sein müssen, sondern auch mal konstruktiv zusammenarbeiten können. Leicht macht sie es ihren zwei Hauptfiguren ja nicht gerade. Nicht nur sind sie füreinander „Außerirdische“, sondern auch noch verschiedener Hautfarbe, Religion und Temperaments.

Space Opera

In einer Mischung aus Science-Fiction-Hintergrund und Fantasy-Vordergrund kommt eine klassische Space Opera mit dem speziellen Cherryh-Touch zustande, die man so nur selten wiederfinden dürfte. Die deutsche Ausgabe ist mit einer sehr nützlichen Landkarte versehen, die Erhard Ringer zeichnete und sich besonders im Mittelteil mit seinen langen Reisen als Orientierungshilfe erweist. Der Band selbst in längst vergriffen, wurde aber 1984 erneut in dem |Heyne|-Sammelband „Chroniken der Zukunft 1“ abgedruckt, den es vielfach als preisreduziertes Mängelexemplar gab. Sammler dürften aber das deutsche Original wegen seines wunderbar gelungenen Titelbildes schätzen.

Originaltitel: Brothers of Earth, 1976
Aus dem US-Englischen übertragen von Hans Maeter
ca. 250 Seiten
ISBN-13: 9783453305618
Auch in „Chroniken der Zukunft“ erschienen, Heyne SF-TB 06/1001 (1984)

http://www.cherryh.com
www.heyne.de

Wolfgang Jeschke / Ben Bova (Hrsgg.) – Titan-9. SF-Erzählungen

Classic SF: Zauber der X-Logik

Die Großen der Science-Fiction werden mit ihren Meisterwerken bereits in der so genannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 9 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Storys von Henry Kuttner alias Lewis Padgett, Fredric Brown, Clifford Simak und Murray Leinster gesammelt.
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Michael Bishop – Nur die Zeit zum Feind. SF-Roman

Die schöne Helena aus der Steinzeit

Auf einer Zeitreise in die Zeit der Frühmenschen vor einer Million Jahren verliebt sich John Monegal, der Reisende, in eine Frau, die von ihrem Stamm wie einst die schöne Helena verehrt wird. Er hat von ihr sein ganzes Leben lang geträumt. Warum? Und was hat das Experiment der US-amerikanischen Wissenschaftler damit zu tun?

Für diesen wunderbar stimmungsvollen, romantischen und humorvollen Zeitreise-Roman wurde Michael Bishop 1983 mit dem NEBULA Award ausgezeichnet, einem der beiden wichtigsten Preise im SF-Genre.
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Stephen Baxter – Die letzte Flut

Langsame Apokalypse

Die nahe Zukunft: Der Meeresspiegel steigt rasant an. Städte werden überflutet, Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Was ist die Ursache für diese verheerende Flut? Der Klimawandel? Oder ein anderes, bisher unbekanntes Phänomen? Als die Wissenschaftlerin Thandie Jones eine sensationelle Entdeckung macht, beginnt ein gnadenloser Wettlauf mit der Zeit. Denn die Flut bedroht das Überleben der ganzen menschlichen Zivilisation… (Verlagsinfo)

Hintergrund der Geschichte ist, dass sich im Tiefengestein der Erde große Wasserkavernen befinden. Diese Kavernen brechen auf und überfluten die Kontinente. In den ersten Jahren steigt der Meeresspiegel um wenige Zentimeter pro Jahr, dann um mehrere Meter pro Jahr, schließlich um hunderte Meter pro Jahr. Über einen Zeitraum von 50 Jahren beschreibt der Roman die Flucht der Menschen vor der nicht aufzuhaltenden Flut. Die einen fliehen in höhere Gebiete, die anderen versuchen ihr Glück auf Flößen und die dritten bauen Archen, um zu überleben. (Wikipedia.de)
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John Birmingham – Der Effekt

Spannend: Die Amis sind weg – was machen wir jetzt?

Am 14. März 2003 verschwinden die Vereinigten Staaten von Amerika – aber wohin? Auch Teile der angrenzenden Länder werden von einer Energiewolke erfasst, die jedes Leben vernichtet. Wer oder was könnte diesen unglaublichen Effekt ausgelöst haben, fragen sich die überlebenden Amerikaner, die eigentlich gerade in den Irak einmarschieren wollten. Dieser wiederum erklärt zusammen mit dem Iran den USA den Krieg. Für die übrig gebliebenen Amis geht es nun ums nackte Überleben. Wer dachte, mit dem Verschwinden der Amis erfülle sich sein Wunschtraum, sollte einmal etwas über die möglichen Folgen lesen.
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Robert Rankin – Warten auf Oho (Hörbuch)

Detektivparodie, Verschwörungsfantasie und metaphysische Komödie

Gott ist tot, und seine Frau Eartha ist sauer. Gott hat nämlich vor seinem Ableben die Erde seinem Sohn Colin vererbt, obwohl er sie ihr geschenkt hatte. Damit nicht genug, trachten nun Dämonen im Auftrag eines „Ministeriums für glückliche Zufälle“ (lies: Hölle) nach der Herrschaft über eben jene nichts ahnende Erde.

Moment, ein wenig Ahnung gibt es hinieden doch: ein Dieb und ein Privatschnüffler kommen der übelriechenden Sache aus ganz unterschiedlichen Richtungen auf die Spur. Doch nach dem zu urteilen, wie sie sich anstellen, ist das Schicksal Terras mehr als ungewiss…

„Warten auf Oho“ bezieht sich im Titel – sowohl des Originals wie auch in der Übersetzung – auf Samuel Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“. Allerdings ist Rankins Roman wesentlich lustiger, unterhaltsamer und wortreicher.
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Stanley G. Weinbaum – Die besten Stories von Stanley G. Weinbaum


Umfassende Best-of-Sammlung

Stanley G. Weinbaum wurde nur 35 Jahre alt (1900-1935), hat aber in nur ca. 18 Monaten in der Science Fiction neue Maßstäbe gesetzt. Als erster baute er ab 1934 in seine Erzählungen eine einfühlsame Schilderung fremder Lebewesen in ihrer natürlichen Umwelt ein. Seine erste Kurzgeschichte „A Martian Odyssey“ war eine Sensation und wurde 1968 von seinen SF-Kollegen auf den zweiten Platz ihrer Liste der besten Stories aller Zeiten gesetzt. Weinbaum war einer der ersten Autoren überhaupt, der sich ernsthaft mit Exobiologie und fremdartigen Ökologien beschäftigte.
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Stanley G. Weinbaum – Mars-Odyssee. SF-Erzählungen

Evolution auf Speed, die Über-Frau und andere Schrecken

Stanley G. Weinbaum hat in nur ca. 18 Monaten in der Science Fiction neue Maßstäbe gesetzt. Als erster baute er ab 1934 in seine Erzählungen eine einfühlsame Schilderung fremder Lebewesen in ihrer natürlichen Umwelt ein. Er war einer der ersten Autoren überhaupt, der sich ernsthaft mit Exobiologie und fremdartigen Ökologien beschäftigte. (aus der Verlagsinfo)
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Greg Bear – Mariposa (Quantico 2)

Techno-Thriller: ein Blick in den Abgrund

Das bewährte FBI-Team aus „Quantico“ bekommt einen neuen Auftrag. Das Unternehmen Talos, geleitet von Axel Price, schickt sich an, die wirtschaftliche Kontrolle über die bankrotten Vereinigten Staaten von Amerika zu übernehmen. Zum Glück hat das FBI einen Maulwurf in die Talos-Organisation einschleusen können: Fuad Al-Husam wartet auf die Sicherheitslücke, die ihm Jane Rowland, in der Talos-IT verschaffen soll. Jane arbeitet für Spider/Argus, einen Ableger der NSA…
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Keith Roberts – Drachenpiloten. SF-Roman

Tollkühne Drachenflieger über Englands Küsten

In einer Parallelwelt bewachen Krieger auf großen Papierdrachen eine isolierte Insel, die sich vor Dämonen fürchtet. Bis es eines Tages zur Invasion kommt. Dies ist einer der besten Science Fiction-Romane des britischen Erzählers und Illustrators Keith Roberts. „Drachenpiloten“ ist ein Episodenroman aus acht Kurzgeschichten und längeren Erzählungen, der bereits 1985 in England erschien.
Keith Roberts – Drachenpiloten. SF-Roman weiterlesen

Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Story-Reader 14. Internationale SF-Erzählungen


Classic SF: Der Terminator lässt schön grüßen

In dieser Anthologie sind 24 SF-Erzählungen internationaler AutorInnen vereinigt, darunter:

– Die Erzählung „Der Henker ist heimgekehrt“ von Roger Zelazny, die 1976 mit dem HUGO Award als beste Novelle des Jahres ausgezeichnet wurde;

– Thomas F. Monteleones Novelle „Feraxya“ (Breath’s a ware that will not keep); und

– Crant Carringtons tragisch-schöne Geschichte “Was tun, wenn die Geliebte an Bord des Raumschiffs weilt?” sowie

– P.J. Plaugers beachtliche Kurzgeschichte „Ein Kind jeglichen Alters“ (A Child of all Ages).

– Stories von den deutschen AutorInnen Irmtraud Kemp, Jörn J. Bambeck, Reinmar Cunis, Gerd Maxímovic, Peter Schattschneider, Lutz Rathenow, Rudolf Stolte und anderen.
Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Story-Reader 14. Internationale SF-Erzählungen weiterlesen

Timothy Zahn – Astra. SF-Roman

Für Trekkies: Durchschnittliche Techno-Science-Fiction

Astra scheint ein ziemlich unscheinbarer Planet zu sein, doch er weist eine rätselhafte Eigenschaft auf: Es gibt eine Region, die keinerlei Metalle enthält und in der, bringt man sie dorthin, Metalle buchstäblich vom Erdboden verschluckt werden.

Noch absurder wird die Situation, als in dieser Region gewaltige Gravitationsanomalien auftreten und scheinbar ein lange untätig gewesener Vulkan ausbricht, indem er ein Artefakt ausstößt. In Wahrheit handelt es sich jedoch um die automatische Produktionsanlage einer längst untergegangenen Rasse, die wieder ihre Tätigkeit aufgenommen hat.

Nichts ist wertvoller als das Know-how hochtechnisierter Rassen, das man plündern und ausbeuten kann – und prompt beginnt der politische und militärische Wettlauf um Astra und seine Geheimnisse. (aus der ergänzten Verlagsinfo)
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Harry Harrison – Jim diGriz, die Edelstahlratte (Stahlratte 4)

Agenten-Abenteuer unter verliebten Ekel-Aliens

Jim diGriz, die Edelstahlratte, ist kaum von seinem letzten Auftrag, die Welt zu retten, nach Hause zurückgekehrt, um in den Armen seiner schönen Angelina wohlverdiente Ruhe zu finden, da sieht er sich einer noch größeren Aufgabe gegenüber: Es geht um die Rettung der Galaxis.

Schleimige, tentakelbewehrte Monster haben einen ganzen Satelliten mit Admirälen entführt und so die Raumflotte lahmgelegt. Jim lässt sich ein Schwabbelkostüm anmessen, um sich unerkannt unter die Invasoren zu mischen – und hat Mühe, ihrem Liebeswerben zu entgehen… (Verlagsinfo)
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Philip K. Dick – Paycheck – Die Abrechnung. Erzählungen

Mittelmäßige Story-Auswahl

Der vorliegende Band enthält einige der besten Storys von Philip K. Dick (1928-82), darunter die literarische Vorlage zu John Woos Actionkrimi „Paycheck – Die Abrechnung“ (mit Ben Affleck und Uma Thurman). Etliche andere Storys erschienen bereits in der Mammutstorysammlung „Der unmögliche Planet“. Einige sind dort aber nicht enthalten, so auch „Paycheck“. Ich bespreche diese „neuen“ Storys eingehender.

Philip K. Dick ist in Hollywood angesagt: Der letzte Höhepunkt der Verfilmungen seiner Werke besteht in „Paycheck – Die Abrechnung“. Aber die Verfilmungen begannen schon 1980 mit Ridley Scotts „Blade Runner“, und das ist nun ein wahrer Kultfilm geworden. Weiter ging’s mit „Total Recall“, „Screamers“, „Impostor“ und „Minority Report“. Andere Filme wie „Matrix“, „eXistenZ“, „Vanilla Sky“ und „Die Truman Show“ verdanken Dicks Ideen ebenfalls sehr viel, ohne ihm allerdings dafür nachträglich zu danken. Warum Dick ziemlich genau 50 Jahre nach Erscheinen der jeweiligen Storys aktuell wird, könnte etwas mit den Lizenzrechten zu tun haben. Das ist aber nur eine Vermutung.

Aber auch die Filme befassen sich zwangsläufig mit den Grundthemen in Dicks Werk: Was ist menschlich? Und was ist die Wirklichkeit? Früher oder später dürfte wohl jeder Leser ebenfalls auf diese zwei Fragen stoßen. Dick liefert dazu eine Menge Anregungen und unterhaltsame Ideen.

Der Autor

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.
Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn).

Vorwort – von Sascha Mamczak

Sascha Mamczak ist bei Heyne der verantwortliche Lektor für die Science-Fiction-Titel. In seinem Vorwort geht er auf die Frage ein, wie sich Science-Fiction und Film/Fernsehen zueinander verhalten, genauer: Wie gut könnten Verfilmungen von Science-Fiction-Stoffen sein, wenn sich Film & Fernsehen Mühe gäben? Es gibt ja so unterschiedliche Werke wie „Blade Runner“ und „Total Recall“ – der eine ein Kultfilm, der andere ein Starvehikel im Gewand eines Actionfilms. Aus seinen Antworten muss man allerdings selbst ableiten, was Mamczak von John Woos Film „Paycheck“ halten würde, wenn man ihn fragte.

Wichtiger noch sind seine Anmerkungen zur Bedeutung der Science-Fiction als literarisches bzw. multimediales Mittel, um sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen: Sie ist das einzige Genre, das die angemessenen Mittel bereitstellt. Wie sonst sollte man die Tatsache umsetzen, dass die USA & Co. einen permanenten Präventivkrieg gegen „den Terror“ führen? Wer schuldig und wer unschuldig ist – wer bestimmt das?

Die Folgen dieses neuen Kalten Krieges werden zunehmend bizarrer, je mehr deutlich erkennbar wird, wie skrupellos sich die USA und Großbritannien eine Entschuldigung für ihren Angriff auf den Irak zusammengedichtet haben. Dass die angegriffenen „Terroristen“ nun weltweit den Spieß umdrehen, wird noch zu einigem Kopfzerbrechen und leider auch zu vielen Opfern führen. Wir bekommen es bereits jetzt durch gestiegene Sicherheitsausgaben zu spüren.

Die Erzählungen

Paycheck – Die Abrechnung (1953)

Die Titelstory schildert uns die Abenteuer des Mechanikers Michael Jennings. Er ist gerade von einer zweijährigen Anstellung bei der Firma Rethrick Construction zurückgekehrt. Da man ihm aber sein Gedächtnis gelöscht hat (eine Operationsnarbe beweist das), erinnert er sich nicht daran, was er in dieser Zeit getan hat. Man kann sich seine Überraschung vorstellen, als er als Lohn für zwei Jahre Lebenszeit nicht die erwarteten 50.000 Verrechnungseinheiten, sondern lediglich eine Tüte mit sieben rätselhaften Gegenständen erhält. Doch es ist alles rechtens, wie Kelly, die Empfangsdame, beweist: Er hatte die Umwandlung des Geldes in „Naturalien“ selbst genehmigt.

In den zwei Jahren ist es zu einem Regierungsumsturz gekommen. Mittlerweile schnüffelt so etwas wie Gestapo hinter allem her – natürlich auch hinter Jennings. Man will wissen, was Rethrick baut und was Jennings dabei zu tun hatte. „Wo ist die Rethrick-Fabrik?“ Jennings hat keine Ahnung. Doch mit Hilfe der „geerbten“ Objekte kann er a) entkommen und b) sogar diese ominöse Fabrik ausfindig machen: Sie liegt in Iowa, ein grauer Betonklotz auf einem schwer bewachten, kahlgebrannten Hügel.

Da kommt Jennings ein verwegener Gedanke: Wenn er Rethrick mit dem erpressen könnte, was er in der Fabrik zu finden hofft, dann könnte er Teilhaber werden. Leider kommt es ganz anders, denn Kelly, der er sich anvertraut und auf die er baut, ist nicht die, für die sie sich ausgibt…

Nanny (1955)

„Nanny“ (Kindermädchen) ist eine beißende Satire auf das amerikanische Konsumverhalten. – In einer Welt der nahen Zukunft gibt es Robotkindermädchen (ähnlich wie „Asimo“), die zwar ihre Schützlinge behüten wie ihren künstlichen Augapfel, aber dafür gegeneinander kämpfen bis zum Letzten. Nach wenigen Jahren sind die Modelle so veraltet, dass sie die Schlachten untereinander verlieren und durch neue ersetzt werden müssen. Das wiederum hält die Wirtschaftsmaschine am Laufen, ist aber auch ein Spiegelbild des Rüstungswettlaufs zwischen beiden großen Machtblöcken während des Kalten Krieges . Geschildert durch die Augen zweier Kinder und zweier Elternpaare ist diese Erzählung zwar sehr geradlinig, aber auch sehr einfühlsam.

Jons Welt (1954)

Caleb Ryan lebt in einem verwüsteten Nachkriegsamerika, das sich so langsam wieder berappelt. Immerhin verfügt er als Ingenieur inzwischen über eine richtige Zeitmaschine. Damit will er in die Vergangenheit reisen, an jenen Zeitpunkt, da der Militärforscher Schonerman den Grundstein legte für jene Killerroboter à la „Terminator“, die zunächst von der UNO gegen die Sowjets eingesetzt wurden, die sich dann aber verselbständigten und Krieg gegen alle Menschen führten – und dabei fast Erfolg gehabt hätten.

Der einzige Umstand, der Ryans perfekt geordnetes Leben stört, ist das abnorme Verhalten seines Sohnes Jon. Jon hat, wie er erzählt, lebhafte „Visionen“ von einer alternativen Wirklichkeit, in der die Erde von gelben Weizenfeldern und grünen Parks bedeckt ist und weiß gewandete Menschen über das Universum diskutieren. Jons Vater lässt ihn umgehend am Gehirn operieren, um diese Hirngespinste abzustellen.

In der Vergangenheit gelingt es Ryan und seinem Begleiter Kastner, Schonermans wissenschaftliche Unterlagen zu stehlen und zu entkommen. Auf einem der Zwischenstopps zurück in die Zukunft erfährt Ryan, dass der Krieg vorüber ist. Von den Killerrobotern, den „Greifern“, haben die Soldaten nie etwas gehört, auch nicht von einem gewissen Schonerman.

Als die Zeitreisenden in ihrer eigenen Zeit ankommen, sehen sie Jons Visionen verwirklicht. Jon gibt es nicht mehr. Doch anhand der Schonerman-Papiere könnten sie in der Vergangenheit noch einmal die Wiederholung des Krieges herbeiführen…

Die Story erinnert stark an „Die Sieger“, in der Soldaten, die lange im Bunker ihre Welt errichtet hatten, plötzlich in eine grüne Welt an der Oberfläche dringen, wo Roboter herrschen. Die Pointe ist sowohl ironisch als auch tragisch, wenn man Jons Schicksal bedenkt.

Frühstück im Zwielicht (1954)

Eine bitterböse, fesselnde Story mit einer überdeutlichen Warnung vor einem Atomkrieg.- Die fünfköpfige amerikanische Musterfamilie der McLeans frühstückt wie jeden Werktagmorgen, doch als Sohn Tommy zur Schule gehen will, ist da keine Schule mehr. Auch keine Straße, keine Häuser, nicht einmal eine Stadt. Da ist nur ein diffuser Nebel und wehende Asche vor der Haustür…

Die Soldaten, die mit Gasmasken in das Haus der McLeans eindringen, sind völlig von den Socken: ein gesunder Mann, der nicht beim Militär ist, eine Frau, die „nicht verschnürt“ ist, und Kinder, die nicht in Kanada im Lager indoktriniert werden. Und kiloweise Lebensmittel! Nachdem das gegenseitige Entsetzen und Erstaunen etwas abgeklungen ist, erklärt der herbeigerufene Politische Kommissar die Lage: 1977 – also in der Zukunft der McLeans – begannen die Sowjets, die USA mit robotergesteuerten Raketen zu beschießen. Er herrscht permanenter Weltkrieg zwischen den Machtblöcken. Die Raketen haben Amerika in eine radioaktive Wüste aus Schutt und Asche verwandelt.

Die einzige Möglichkeit, wie die McLeans in dieses Horrorszenario gekommen sein können, ist eine Zeitanomalie. Nachdem sie sich dafür entschieden haben, hier nicht leben zu wollen – man hätte sie alle getrennt -, verschlägt sie ein schwerer Raketenangriff wieder in ihre angestammte Gegenwart. Erschüttert, doch unfähig, die Wahrheit über die erlebte Zukunft zu erzählen, beginnt Tim McLean zu berichten: „Es muss an dem Heißwasserboiler gelegen haben“…

Kleine Stadt (1954)

Verne Haskel ist ein frustrierter Arbeiter in Woodland, Kalifornien. Er arbeitet in der Fabrik für Pumpen und Ventile. Seine Frau Madge ist ebenfalls frustriert und hat deshalb einen Liebhaber, Dr. Paul Tyler, aber das merkt Verne nicht. Denn Verne beschäftigt sich seit seiner Kindheit privat nur mit seiner riesigen Modelleisenbahn, die er im Keller aufgebaut hat. Madge findet sie monströs und Vernes Verhalten infantil. Dr. Tyler hingegen schwant Übles, sieht aber in Vernes Obsession zunächst eine Möglichkeit, ihn unmündig erklären zu lassen und sodann Madge zu bekommen.

Dummerweise verfällt Verne eines Nachts auf den verwegenen Gedanken, die Modelleisenbahn und das Abbild von Woodland, das sie reflektiert, abzuändern. Alles wird ersetzt und umgemodelt. Dann passiert etwas, das typisch ist für Dick: Die Vorstellung wird zur Wirklichkeit. Motto: Du kannst die Welt verändern, wenn du es willst. Und also geschah es, und Verne sah, dass es gut war.

Das Vater-Ding (1954)

Der achtjährige Charles Walton ist entsetzt: Er hat seinen Vater doppelt gesehen. Doch das Wesen, das sich nun an den Tisch zum Abendessen setzt, kann nicht sein richtiger Vater sein. Es sieht nicht echt aus. Und es droht ihm mit Prügel, sollte er nicht zur Vernunft kommen. Doch Charlie weiß sich zu helfen. Er geht zu Tony Peretti, dem 14-jährigen Schulrabauken, der bereits ein Luftgewehr besitzt. Peretti glaubt Charlie erst, als er die abgestreifte Haut von Charlies echtem Vater in einer Tonne in der Garage gezeigt bekommt. Peretti fällt an dem lebenden Vater-Ding auf, dass es irgendwie ferngesteuert wirkt. Doch wodurch und woher? Der beste Sucher ist Bobby Daniels, und tatsächlich: Unter einem Betondeckel im Garten findet sich ein riesiger Käfer. Leider nützt das Luftgewehr nichts gegen das Viech, und das Vater-Ding greift das Trio an. Charlie flieht in ein Bambusgebüsch und erstarrt: Dort wächst bleich wie ein Pilz – ein Mutter-Ding. Und einen Meter ist ein Charlie-Ding schon fast herangereift. Und dahinter warten noch andere Dinger. Da packt ihn das Vater-Ding…

Der gute (gütige) Vater verschwindet und wird durch den schlechten (strafenden) Vater ersetzt: eine der verbreiteten Kindheitsängste. Offenbar auch die von Philip K. Dick. Obwohl die Story von 1954 sehr gut in das paranoide politische Klima der McCarthy-Ära passen würde, die in jedem linken Amerikaner ein kommunistisches Monster vermutete.- Die Story ist sehr lebendig, spannend und einfühlsam erzählt. Sie erinnert am Schluss stark an Jack Finneys Roman „Invasion of the body-snatchers“, der nur ein Jahr später veröffentlicht wurde. Dieser sah bislang zwei Verfilmungen, 1956 von Don Siegel und 1978 durch Philip Kaufman.

Zwischen den Stühlen (The Chromium Fence, 1955)

In den USA haben zwei politische Parteien das Sagen: Die Naturalisten bestehen auf dem Recht des Menschen, Schweiß abzusondern und keine gepflegten Zähne zu haben. Die Puristen sind das Gegenteil: Die Schweißdrüsen sind zu entfernen und die Zähne penibel zu reinigen etc.

Don Walsh jedoch, ein braver Arbeiter mit Familie, weigert sich, einer dieser Parteien am Tag der Wahl sein Votum zu geben. Streit gibt es schon genug in seiner Familie: In der winzigen Wohnung kabbelt sich sein Schwager als Naturalist mit Dons Sohn Jimmy, einem Fähnrich der Puristenliga.

Am Tag, als die von der Industrie gestützten Puristen siegen, wird auch das sogenannte Horney-Gesetz verabschiedet, das Nazi-mäßige Verhältnisse einführt: Es gibt eine Konformitätskontrolle, und Don soll zur Umerziehung ins Lager. Als er allerdings erkennt, dass der Psychiater-Robot ihn falsch im Sinne der Regierung beraten hat, trifft er eine fatale Entscheidung. Dons Ende kommt unvermittelt und wirkt schockierend.

Autofab (1955)

Nach fünf Jahren Atomkrieg kriechen die Menschen (d.h. die Amerikaner) wieder aus ihren Löchern und bauen sich ärmliche Siedlungen. Aber sie haben es im Vergleich zu anderen Völkern noch gut: Automatische Fabriken, die sie zuvor unterirdisch angelegt hatten, versorgen sie mit allem, was sie brauchen: Medikamente, Lebensmittel, Kleidung, you name it.

Doch „der Mensch ist Mensch, weil er begehrt“ – und das gilt besonders für die Freiheit. Eines Tages beschließen die Oberen von dem, was einst Kansas City war, sich einen Autofab-Experten zu holen, um endlich selbst die Leitung der Automatischen Fabriken – kurz „Autofab“ – zu übernehmen. Denn die Autofab lässt sich nicht abschalten. O’Neill hat ein paar geniale Ideen, und nachdem die anderen ihre Wut an unschuldigen Androiden abreagiert haben, kommt er auch zum Zuge: Er legt einen Köder aus dem seltenen Metalls Wolfram aus, um den sich garantiert zwei Autofabs streiten müssen. Tatsächlich scheint sich die Autofab von Pittsburgh über den Haufen raren Rohstoffs zu freuen, da fallen die Jäger und Roboter aus Detroit über ihre Maschinen her. Pittsburgh sucht sich Verbündete, Detroit natürlich ebenfalls – schon bald ist der schönste Krieg im Gange.

Leider haben die Menschen jetzt zwar Freiheit, aber nichts mehr von den Autofab-Annehmlichkeiten. Mehrere Monate später geht O’Neill der halb zerstörten Autofab von Kansas auf den Grund und hört ein Rumoren, Surren und Grummeln. Tut sich da was? Und was, um Himmels willen, wird da unten produziert?

Man hat diese Story als Vision einer außer Kontrolle geratenen Ökologie gedeutet, als eine „grüne“ Warnung. Das scheint mir zu weit hergeholt. Denn die Autofab ist die Verkörperung einer Technologie, die sich aufgrund der Survival-Ideologie des Militärs, inzwischen der Kontrolle des Menschen entzieht. Die Autofab-Kultur kann denn auch nur mit einer militärischen List außer Gefecht gesetzt werden, jedoch nicht mit einem Frontalangriff. Richtig fies wird die Story dann am Schluss, als aus der Wiederauferstehung der Fabrik ihre Ausbreitung auf den Rest des Universums folgt.

Zur Zeit der Perky Pat (1963)

Ähnlich wie in „Autofab“ leben auch hier die Überlebenden eines Atomkrieges in unterirdischen Anlagen, die sie „Launengruben“ nennen“, und bekommen alles Lebensnotwendige von Flugzeugen, die Care-Pakete abwerfen. Aus den mechanischen Teilen bauen die Erwachsenen aber nicht etwa besonders nützliche Dinge, sondern eine Art Puppenhaus, über das jede Familie verfügt. Das Spiel heißt „Perky Pat“ und funktioniert genau wie Monopoly, nur dass die Hauptfigur eine Barbiepuppe namens Perky Pat ist: 17, blond und unschuldig. So geben die Überlebenden ihrem Bedürfnis nach, in der Scheinwelt der Vergangenheit zu leben, einer Welt des Konsums. Währenddessen lernt die junge Generation, mutierte Tiere, sogenannte Hutzen (Hunde + Katzen) zu jagen und zu essen.

Eines Tages kommt es zu einem Wettstreit zwischen Perky-Pat-Spielern und Spielern von „Companion Connie“ aus Oakland. Die Bedrohung ihrer jeweiligen Scheinwelten ist enorm: Companion Connie ist – oh Schock! – nicht nur verheiratet und intim mit ihrem Mann, sondern erwartet auch noch ein Baby! Als die Gewinner in ihre Perky-Pat-Kolonie zurückkehren, werden sie dort mit Steinwürfen bedroht und ausgestoßen: Companion Connie ist ihnen ein Gräuel.

Zwei Jahre später (1965) weitete Dick dieses Thema zu seinem Roman „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ aus: Die Scheinwelt von Überlebenden auf dem Mars wird durch Halluzinogene noch zementiert und plausibler.

Allzeit-bereit (1963)

In einem Amerika der nahen Zukunft haben es die Beamtengewerkschaften geschafft, dass sie einen Stellvertreter des Präsidenten stellen können. Dieser steht auf Abruf bereit, falls das präsidiale Supergehirn Unicephalon (= Ein-Kopf) 40-D ausfallen sollte. Bei einer Alien-Invasion tritt dieser Ernstfall ein: die KI fällt für Wochen aus. Nun muss Max Fischer ran, ein behäbiger Bürokrat, der plötzlich die Rolle des Obersten Befehlshabers der Streitkräfte ausfüllen soll.

Kein Wunder, dass er Opposition hervorruft, allerdings aus einem unwahrscheinlichen Lager: von den Medien. Die Nachrichtensprecher dieser Zeit sind Clowns und sehen auch so aus: mit roter Perücke und Knollennase. Jim-Jam Briskin bestreitet, dass Max Fischer legitimer Präsident der USA ist und stellt sich selbst Gegenkandidaten auf. Es sieht nicht gut aus für Fischers gerade erst begonnene Laufbahn als Präsi und er will schon auf den Knopf zur Vernichtung von Briskin drücken, da meldet sich die KI Unicephalon zurück und bringt alle zur Räson. Na, dann vielleicht beim nächsten Mal, Max?

Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten (1974)

„Ich will sterben“, fleht Addison Doug, doch dieser Wunsch bleibt ihm verwehrt. Genauso wie seine Mit-Temponauten Benz und Crayne ist er in einer Zeitschleife gefangen: Er ist dazu verdammt, immer wieder seinen eigenen Tod, seine Rückkehr und die nationale Trauerfeier wiederzuerleben. Seine Merry Lou ist ihm nur eine kleine psychologische Stütze bei seiner Bürde, aber immerhin: Benz und Crayne haben überhaupt niemanden, der ihnen hilft.

Nach und nach erfahren wir aus Gesprächen, wie es zu der misslichen Lage kam. Die Russen hatten schon ein Team 50 Jahre voraus in die Zukunft geschickt. Die Amerikaner mussten natürlich nachziehen, mit einem doppelt so weiten „Flug“. Leider ging beim „Wiedereintritt“ in die Gegenwart etwas schief, und damit begann die Zeitschleife. Als einzigen Ausweg sieht Doug die Selbstvernichtung beim „nächsten“ Flug: Er nimmt 50 Pfund Zusatzgewicht mit, so dass es beim Rückeintritt zu einer Implosion kommen müsste, bei der die Temponauten sterben sollten….

Das ist eine psychologisch tiefgründige, aber logisch gesehen anstrengende Story. Kein Wunder angesichts der zu bewältigenden Zeitparadoxa. Am wichtigsten ist aber die Psychologie, und auch bei dieser hapert es, besonders bei Merry Lou: Wenn sie Doug liebt, warum hilft sie ihm dann zu sterben? Sie sagt nie, dass sie ihn von seiner Bürde – nämlich die Hölle des ewigen Lebens – befreien will. Auch wird erst beim wiederholten Lesen klar, warum Doug seinen zwei Kollegen etwas vormacht: Sein letztes Gespräch mit dem Militärkommando der Mission verläuft ganz anders als er es ihnen erzählt. Fazit: In dieser Story, die zuerst in „Final Stage“ (GB) erschien, steckt mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Daher hat sie andere Autoren stark beeinflusst.

Die Präpersonen (1974)

Diese provokante Erzählung schildert die Welt des kleinen Jungen Walter Best, in der die Abtreibung bis zum zwölften Lebensjahr des Kindes legalisiert ist. Walter lebt daher in ständiger Furcht vor den „Männern im weißen Lieferwagen“: Von ihren Eltern für unerwünscht erklärte Kinder können noch lange nach ihrer Geburt durch Euthanasie getötet werden. Die Parallelen zu den Maßgaben für eine Abtreibung sind unübersehbar – der Autor hat lediglich die Frist vom 5. Monat auf das 12. Jahr verschoben, genau wie das die US-Regierung in seiner Story-Welt tut.

Kein Wunder, dass diese Geschichte in den USA die vehemente Kritik feministischer Autorinnen hervorrief, und sogar Professor Joanna Russ, selbst progressive Science-Fiction-Autorin („Planet der Frauen“), wurde ausfallend gegenüber dem Autor! Man sollte aber berücksichtigen, dass Dick seine Ansicht zur Abtreibung hier nicht unreflektiert und pauschal formuliert hat, sondern mit Vorbedacht. Und dass es nicht unbedingt seine eigene Meinung sein muss – ähnlich wie bei „Glaube unserer Väter“. Es trifft aber zu, dass er hier Walter Bests Vater Ian, einen Abtreibungsgegner, einige sehr unschöne Dinge über Frauen sagen lässt, die sich keine Kinder wünschen. Auch ansonsten hält Dick hier starken Tobak bereit.

Mein Eindruck

Meine Eindrücke habe ich zu fast jeder Story geschrieben. Unter den „neuen“ Storys ragen sicherlich „Paycheck“ (1953) und „Frühstück im Zwielicht“ (1954) heraus. In „Paycheck“ entwickeln unscheinbare Gegenstände wie etwa ein Busfahrschein oder ein Poker-Chip lebenswichtige Bedeutung. In den Augen des Zeitreisenden ändert sich ihre Bedeutung für sein Leben grundlegend, weil sie sich genau dann als passend erweisen, wenn ihr Nutzen am größten ist. Hier erhebt sich die Frage, ob nicht Ursache und Wirkung vertauscht werden. Der Witz ist aber, dass bei Zeitreisen mit höchster Wahrscheinlichkeit Ursache und Wirkung vertauscht werden. Davon abgesehen, erweist sich „Paycheck“ als durchaus robuste Basis für einen Thriller. John Woo hat dann nur noch die Action hinzufügen müssen – mit den erkennbar traurigen Ergebnissen.

„Frühstück im Zwielicht“ ist eine laute und eindeutige Warnung vor dem kommenden Weltkrieg. Die Anfangsszene ist ein echter Schocker: man sitzt friedlich und nichts ahnend beim Frühstück, als ein paar Soldaten brüllend die Tür eintreten und fragen, was der Unsinn soll, schließlich herrsche Krieg! Hier erlaubt sich Dick natürlich auch einen Spaß mit Zeit, Raum und Chaos. Am besten ist aber der ironische Schluss: Die Betroffenen betrachten es als ihre Pflicht, ihren nichts ahnenden Nachbarn nichts von dem Horror, der möglicherweise auf sie zukommt, zu verraten, sondern behelfen sich lieber mit dem defekten Heißwasserboiler, der all die Verwüstung an ihrem Haus angerichtet haben muss. Mögen die Nachbarn noch lange friedlich schlafen.

Dagegen fallen die Storys „Allzeit-bereit“, „Zwischen den Stühlen“, „Jons Welt“ und „Kleine Stadt“ ein ganz klein wenig ab. Da sie aber in gleicher Weise auf eine Pointe hin geschrieben sind, verfehlen sie ihre Wirkung auf den Leser nicht. Sie sind ironisch, zuweilen tragisch oder komisch. Die Botschaft ist häufig eine Warnung oder zumindest das Anprangern eines realen oder möglichen Missstandes, selbst wenn dies die (austauschbare?) Position des US-Präsidenten betrifft.

Unterm Strich

„Paycheck“ ist bietet eine ähnlich gute Auswahl an Storys wie „Minority Report“ – ebenfalls ein Film-Tie-in, wie die Amerikaner sagen. Die Überschneidungen sind geringer, als man zunächst befürchten würde – so fehlt etwa die harte Story „Glaube unserer Väter“. Diese Storys hier sind wahlweise provokativ („Präpersonen“), kritisch („Nanny“, Vater-Ding“, „Zwischen den Stühlen“), ironisch („Paycheck“), tragisch („Jons Welt“, „Temponauten“) und komisch („Kleine Stadt“, „Perky Pat“), aber stets mit einer Pointe versehen, die den Leser mit einer klaren Aussage des Autors zurücklässt.

Diese Auswahl – mit sechs Filmfotos illustriert – bietet dem deutschen Leser, der vielleicht nicht mehr auf die Haffmans-Story-Gesamtausgabe zurückgreifen kann, eine Menge weiterer Storys, die in den letzten Jahren nicht mehr zugänglich waren – auch nicht in „Der unmögliche Planet“ mit seinen 832 Seiten.

Die einzige Geschichte, die in Philip K. Dicks persönlicher Auswahl seiner besten Storys („Best of PKD“, 1977, vgl. die Moewig-Ausgabe) noch nicht in diesen späten Auswahlbänden vorliegt, ist „If there were no Benny Cemoli“ aus dem Jahr 1963. Die genannte PKD-Ausgabe von 1977 enthält übrigens ein gutes Vorwort von Dicks englischem Kollegen John Brunner sowie ein Nachwort und Anmerkungen vom Meister selbst.

Michael Matzer ©2004ff

[Nachtrag des Lektors: Die Seitenangabe bei amazon weicht ab, es sind 381 Seiten.]