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Gibson, William – Idoru

_Grenzgänger in Tokio: eine Warnung_

Der Erfinder des Begriffs „Cyberspace“ wirft – nach [„Neuromancer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=280 und „Virtuelles Licht“ – einen weiteren Blick in die nahe Zukunft: diesmal in die der Medien und Virtuellen Realität.

_Handlung_

Während einer Konzerttour durch Japan verliebt sich der US-Rockstar Rez von der Band Lo/Rez („niedrige Bildauflösung“, von „low resolution“) in die schöne, aber virtuelle Kollegin Rei Toei. Sie ist eine Idoru, das ist Japanisch für „Idol“. Wie Kyoko Date und Lara Croft führt sie ein „Leben“ in den Schaltkreisen des Internets. Rez möchte sie unbedingt heiraten.

Dazu braucht er aber offenbar eine nanotechnologische Software – der klassische MacGuffin, hinter dem alle her sind, der selbst aber nie erklärt wird. Jedenfalls hat die russische Mafia, der unter dem Namen „Das Kombinat“ der russische Staat gehört, ein begehrliches Auge darauf geworfen. Sie heuert den „Informationsmusterfischer“ Laney an, der in den unwahrscheinlichsten Verbindungen zwischen Info-Bits, den Knoten, noch intuitive Hinweise entdeckt. Und er wird fündig.

Die süße kleine Chia kommt, den allerneuesten Laptop mit VR-Technik auf dem Schoß, von der Westküste über den Teich nach Tokio geflogen und macht die Bekanntschaft einer netten, aber zwielichtigen Lady, die sich mit ihrem Lover in der großen Stadt trifft. Als es zum Streit zwischen beiden kommt, verzieht sich Chia, findet aber bald darauf ein schwarzes Kästchen in ihrer Tasche – genau, das „Nano-Ding“. Ihre eigentliche Aufgabe, dem Idol ihres Fanclubs, Rez, nachzuspüren, verwandelt sich bald in eine Art Schnitzeljagd, als der Lover sein Nano-Spielzeug wiederhaben will und Laney und die Russen auf Chia ansetzt.

Mit der Hilfe zahlreicher Grenzgänger zwischen empirischer und virtueller Realität, zwischen den Straßen- und den Datennetzen gelingt es Chia, sich halbwegs lebend aus der Affäre zu ziehen. Ein schönes Bild: Tausende kleiner Mädchen winken ihrem Idol Rez zu, so dass Chia und Anhang den Russen entkommen können, weil die Fans den Verkehr blockieren. Natürlich heiraten Rez und Rei Toei – Happyend?

_Mein Eindruck_

Gibson lässt deutliches Unbehagen in den engen Straßen und winzigen Zimmern der großen Metropole aufkommen. Da kommt die virtuelle Realität daher wie weiland der große weite Westen im Amerika des 19. Jahrhunderts, allerdings mit wesentlich erweiterten Spielregeln. Der Sieger kennt immer das richtige Passwort und zieht sich rechtzeitig vor dem nächsten Virenangriff zurück.

Die seit dem großen Beben zusammengebrochene Skyline Tokios wird mit Hilfe der Nanotechnolgie von den großen Konzernen wiederaufgebaut: Es sieht aus wie eine schmelzende Kerze im Rückwärtsgang.

Unwillkürlich sucht Gibsons Blick die Bruch- und Nahtstellen – darf der Bürger solchen Ausformungen trauen oder liegen sie auf einer Ebene mit „Virtuellem Licht“? Dies ist der Anknüpfungspunkt an Gibsons vorherigen Roman, der ja auch ein Bestseller wurde.

Gibsons literarischer Erfolg beruht darauf, dass er dem Leser ein Gefühl der Welt in wenigen Jahren vermittelt, faszinierend, unheimlich, aber vor allem bilderreich. Die Bilder werden in der virtuellen Realität noch weit mehr und farbiger beschworen als in der sogenannten primären Realität. Hier lenken neue technische Gimmicks wie durchsichtige Laptops, VR-Brillen und -Handschuhe sowie „Nano-Dinger“ die Aufmerksamkeit auf sich.

In „Idoru“, dem „Blade Runner“ der Neunziger (John Williams in GQ), wird aber auch das Bild des Menschen gezeigt, wie er sich an den Bruchlinien der Realitäten entlanglaviert. So mancher bleibt dabei auf der Strecke, je nachdem, ob er sich der angemessenen Methoden bedient, um sich durchzuschlagen.

Viel hängt von den richtigen Kontakten ab, in der Szene, in der Wirtschaft, in der sekundären Welt: So etwa in der „Verborgenen Stadt“, einer multikulturellen VR-Enklave (manche Leute würden Chatroom dazu sagen), aus der Chia und ihr japanischer Hackerfreund Hilfe erhalten.

Als Thriller funktioniert „Idoru“ ganz ordentlich, das ist jedoch sicherlich nicht der Hauptzweck seiner Existenz. Dennoch: ein Muss für jeden SF-Leser, der mitreden will.

|Originaltitel: Idoru, 1996
Aus dem US-Englischen von Peter Robert|

William Gibson – Agency (Jackpot-Trilogie Band 2)

Die PR-Agenten und ihre Kampfdrohne

San Francisco 2017. Die App-Flüsterin Verity Jane testet im Auftrag eines mysteriösen Start-ups ein neues Produkt: Eunice, eine Künstliche Intelligenz, die sich rasant weiterentwickelt und auch schon mal die eine oder andere Geldübergabe einfädelt.

Währenddessen arbeiten in London – ein Jahrhundert voraus – Wilf Netherton und seine Chefin Ainsley Lowbeer daran, mit Hilfe von Eunice, ihrer Software-Agentin, Veritys Welt vor einem drohenden Atomkrieg zu bewahren. Doch plötzlich ist Eunice verschwunden… (erweiterte Verlagsinfo)
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Gibson, William – Virtuelles Licht

William Gibson ist seit seinem preisgekrönten Roman [„Neuromancer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=280 (1983) und als Erfinder des Begriffes „Cyberspace“ einer der bekanntesten Science-Fiction-Autoren überhaupt. Zwei seiner jüngsten Werke sind die Romane „Idoru“ und „Mustererkennung“, er schreibt aber auch Essays, Drehbücher und Gedichte – die unter anderem auch im Web zu finden sind.

_Handlung_

Einige Jahre in der Zukunft von San Francisco. Die Oakland Bay Bridge gibt es längst nicht mehr – sie dient inzwischen als Heimstatt für zahlreiche Misfits, die sich ein Häuschen nicht leisten können. Auch Autos gibt es längst nicht mehr, dafür aber enorm leichte und robuste Fahrräder aus Pappe.

Auf der Oakland Bridge wohnt auch die Heldin des Romans, Chevette, die Fahrradkurierin, in einer komplexen Nischengesellschaft menschlicher Streuner. (Der Fan kennt die Szene aus der Verfilmung von Gibsons Story „Johnny Mnemonic“ mit Keanu Reeves.) Chevette ist ein streetwise kid und abgebrüht – besser für sie.

Die andere Hauptfigur ist Berry Rydell, ein Ex-Polizist aus Knoxville, Tennessee. Auch in Los Angeles will er nur ein Auskommen haben und schreibt sich bei der Firma |IntenSecure Armed Response| als Angestellter ein: ein privates Bewachungsunternehmen, das die Reichen und Schönen vor der Unbill des Alltags des Verbrechens im Lande beschützen soll.

In San Francisco übernimmt Chevette die Packtasche einer anderen Art von Kurier, dem Undercover-Agenten der von Singapur aus operierenden |Pacific Rim Company|, die in Nordkalifornien wirklich den Ton angibt – und gelangt so in den Besitz eines brisanten Stücks Hightech, einer speziellen Brille.

IntenSecure schickt Berry Rydell nach Science Fiction, um dort mit Kollege Lucius Warbaby (nomen est omen!) sowohl im realen Dasein wie im Cyberspace nach der Diebin der Brille zu fahnden. Leider scheint Rydell einen Anfall romantischer Verliebtheit zu erleiden, als er Chevette begegnet. Und flugs befindet er sich auf Kollisionskurs mit seinen Arbeitgebern, mit Kollege Warbaby und dem Undercover-Agenten. Rydell ist ein Chandler’scher Antiheld, der sich nur dank seines Instinkts auf die Seite der „Guten“ schlägt – und dafür von den Hackern à la Robin Hood in letzter Sekunde gerettet wird.

_Fazit_

Gibson hat im Gegensatz zu seinen vorangegangenen Romanen „Neuromancer“, „Count Zero“ und „Mona Lisa Overdrive“ einen erstklassigen Krimi geschrieben, mit Film-Noir-Kulissen und staubtrockenen Dialogen. Das dient nur dazu, seine romantische Vision der Zukunft des Jahres 2005 zu verdecken: Die Reichen haben die Erde und die Schwächeren ausgebeutet und verschanzen sich hinter festungsartigen Grundstücken und Wachdiensten. Die Armen, Ausgestoßenen, Dissidenten aber hausen im Zwischendeck der Oakland Bridge, glauben an die Macht der Gemeinschaft und die Pflicht zur Rebellion. Keine Frage, wem seine Sympathie gilt.

Doch diese Zukunft hat schon begonnen. Heute bringen Computerhacker im Amoklauf Firmen um Milliardenbeträge, erscheint die im Computer erzeugte Wirklichkeit schöner als unsere reale Welt, manipulieren Techniker an menschlichen Genen und werden massenhaft Klone herstellen. Es ist nicht allzu viel Vorstellungskraft nötig, um sich auszumalen, wohin unsere, insbesondere die amerikanische Gesellschaft treibt, welche der deutschen ja nur ca. zehn Jahre voraus ist.

„Virtuelles Licht“ lässt den Leser einen spannenden und unterhaltsamen Blick in eine Welt werfen, vor der uns der Autor warnt. Es ist ratsam, das Augenmerk auf jene Werte zu richten, für die es sich nach Ansicht Gibsons zu kämpfen, zu rebellieren lohnt. Dann können wir vielleicht noch was ändern – oder uns zumindest auf das Schlimmste einstellen.

William Gibson – Neuromancer (Lesung)

„Case ist 24 und seine Karriere am Ende. Das Nervensystem des abgehalfterten Daten-Cowboys ist zerstört, er hat keinen Zugang mehr zur Matrix des Cyberspace. Bis er Molly kennen lernt, eine durch Implantate getunte Kämpferin. Ein unerwarteter Auftrag führt sie in die gefährliche Auseinandersetzung zwischen den künstlichen Zwillings-Intelligenzen Neuromancer und Wintermute …“ (Klappentext)

Der Autor

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Gibson, William – Mustererkennung

Seit einiger Zeit tauchen im Internet geheimnisvolle Filmclips auf, die weltweit einen Kult ausgelöst haben. Auch Cayce Pollard fiebert jedem neuen Clip entgegen – doch was steckt dahinter? Ihre Recherche führt sie ins Machtzentrum unserer globalisierten Gesellschaft.

_Der Autor_

William (Ford) Gibson, geboren 1948, lebt in Vancouver, British Columbia, jener Gegend, in der auch seine Kollege Douglas Coupland lebt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er fing als Englischlehrer an, floh vor dem Wehrdienst ins kanadische Toronto und schrieb ab Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre Erzählungen, die die Science-Fiction verändern sollten.

Höhepunkt dieser Entwicklung war der Roman [„Neuromancer“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=280 in dem er den „Cyberspace“ postulierte, das, was wir heute als Internet kennen und nutzen. Allerdings stöpselt sich Gibsons Held Case direkt in den Computer ein. Auch an dieser direkten Gehirn-Maschine-Verbindung wird bereits gearbeitet, Geräte für Endverbraucher waren schon auf der CeBIT 2004 zu sehen.

Sein Werk bestand bis zu „Mustererkennung“ aus vielen Storys und zwei Roman-Trilogien, der „Neuromancer“- und der „Idoru“-Trilogie. Alle Bücher sind bei |Heyne| erschienen. Doch „Mustererkennung“ erscheint bei einem Verlag, der nicht gerade für Science-Fiction bekannt ist, sondern vielmehr für Tolkien und andere Fantasy: bei |Klett-Cotta|.

Mehr Infos: http://www.williamgibsonbooks.com und http://www.williamgibson.de/

_Handlung_

Seit einiger Zeit tauchen im Internet geheimnisvolle Filmclips auf, die weltweit einen Kult ausgelöst haben. Auch Cayce Pollard fiebert jedem neuen Clip entgegen – doch was steckt dahinter?

Um zu verstehen, was das Thema des Buches ist, muss man zunächst die Hauptfigur Cayce Pollard verstehen, ihre spezielle Sensibilität, Tätigkeit und Welt. Die Dreißigjährige, deren Name zufällig genauso ausgesprochen wird wie Gibsons erster Held Case, ist eine hochbezahlte und auf geradezu unheimliche Weise intuitive Marketing-Beraterin. Sie sagt ihren Auftraggebern, ob ein Logo Erfolg verspricht oder ein Flop wird. Deshalb kennt sie sämtliche Logos aller Zeichen – und hat eine Meinung dazu. Eigentlich wohnt sie in New York City, doch ihr neuester Auftrag hat sie nach London geführt. Sie kann in der Wohnung ihres Freundes Damien wohnen, der zurzeit in Stalingrad mit russischen Helfern Soldatenleichen ausgräbt und seine makabre Arbeit auf Film festhält.

Gleich nach ihrer Ankunft in London (Camden Town) hat sie sich ins Netz eingestöpselt, um den neuesten Filmclip – Nr. 135 – herunterzuladen und die entsprechende Newsgroup abzufragen. Es gibt zwei Denk-Schulen: Entweder gehören die Clips zu einem bereits fertigen Werk, dessen Schnipsel nun die Welt peu à peu beglücken oder das Werk – ein Film? – befindet sich gerade im Aufbau, und die Welt darf gespannt zugucken, was dabei entsteht. Cayce hat sich noch nicht für eine der zwei konträren Ansichten entschieden, neigt aber zu letzter Ansicht.

Aber auch in London erweist es sich als unmöglich, dem Kultphänomen zu entgehen. Sie erfährt, dass ihr gegenwärtiger Auftraggeber „Blue Ant“ über eine Schwesterfirma Mundpropaganda über die Filmclips verbreiten lässt, um herauszufinden, wen die Info erreicht und über welche Wege. Dazu passt die Nachricht, dass auch die Urheber der Clips das Gleiche tun, allerdings auf andere Weise: Sie schmuggeln in die Clips elektronische „Wasserzeichen“ ein, um die Endabnehmer ermitteln zu können. Willkommen in der modernen Welt des Guerilla-Marketing!

Als Unbekannte in die Wohnung ihres Freundes eindringen und auf ihrem Computer eine Porno-Website abfrage, weiß Cayce, dass es um mehr gehen muss. Steckt diese unausstehliche Italienerein namens Dorotea Benedetti dahinter, die sogar Cayces ausgeprägte Phobie vor bestimmten Markenzeichen (der unsägliche Michelin-Mann!) gegen sie ausnutzt? Der Chef von |Blue Ant|, ein neureicher Belgier namens Hubertus Bigend, bittet sie, für ihn die Urheber der Kultclips ausfindig zu machen. Gegen Honorar, versteht sich. Er will diese Marketingmethode für Filmgeschäfte ausnutzen und wittert das große Geschäft.

Cayces Vater ist einer der Gründe, warum sie den Auftrag übernimmt. Wingrove Pollard war während des Kalten Krieges ein Sicherheitsguru, offenbar ein Ex-CIA-Agent, und lehrte seine Tochter einiges über Selbstverteidigung und Absicherung der Umgebung. Er nahm am 11. September 2001 ein Taxi Richtung World Trade Center. Er gilt als verschollen, doch seine Lebensversicherung betrachtet ihn nicht als tot. Cayce trauert noch immer um ihn, er erscheint in ihren Träumen. Von ihm hat sie zahlreiche ihrer Vorgehensweisen gelernt, die ihr beispielsweise bei der Sicherung der Wohnung zupass kommen.

Als sie diesen gefährlichen und unheimlichen Job für |Blue Ant| weiterverfolgt, führt sie ihr Weg erst nach Tokio und in die südenglische Provinz, schließlich nach Moskau zu den Urhebern der Filmeclips – eine sehr bewegende Begegnung, die an eine Epiphanie grenzt. Hilfe erhält sie von unerwarteter Seite, aber auch Verrat droht. Die Spur führt zu den Urhebern, aber auch über das Schicksal ihres Vaters erfährt Cayce endlich Genaueres.

_Mein Eindruck_

Die Handlung bewegt sich stets an der vordersten Front der Entwicklung des Internet, deshalb ist es für jeden Leser ratsam, sich in dieser Hinsicht auf den neuesten Stand zu bringen. Cayce ist ständig in einer Newsgroup, in der die zwei Denkschulen miteinander in Threads diskutieren, dann wieder entdeckt sie die Wasserzeichen und erfährt etwas über Steganografie. Auch Keylogger werden gegen Cayce eingesetzt, also versteckte Programme, die Tastatureingaben aufzeichnen und an unbefugte Dritte weiterleiten.

Brieffreunde erweisen sich als Freunde fürs Leben, Freunde erweisen sich als Verräter, und Feinde werden zu Überläufern, alles ist im Fluss. Das wichtigste Zitat des Buches auf Seite 78: |“Wir haben keine Zukunft, weil unsere Gegenwart so flüchtig ist. […] Wir haben nur das Risikomanagement. Den Spin des momentanen Szenarios. Mustererkennung.“| Grob zusammengefasst: Die Zukunft ist unkenntlich geworden, denn unsere Gegenwart lässt keine Gewissheiten mehr zu, nur noch Mustererkennung zwecks Risikobewältigung. Wir können uns auch nicht an die Vergangenheit unserer Großeltern halten, |“weil sie nicht genügend ‚Jetzt‘ als Grundlage hat.“|

|Mustererkennung|

Und genau darum geht es im ganzen Buch: um Mustererkennung. Cayces scharfer, von Papa geschulter Blick sortiert ständig ein und wertet. Globalisierte Unternehmen sind überall zu finden, da ist die Wertung einfach: McDonald’s, GAP, Prada, überall das Gleiche. Doch in England besteht ein einfacher Unterschied zu den USA: Es ist die Spiegelwelt. Man fährt links statt rechts. Das war’s. Um sich ihrer Identität zu versichern, ist es für Cayce lebenswichtig, die Artikel, die sie benutzt, jeder eigenen Identität zu berauben (sie entfernt die Etiketten) und zu verändern (trennt Nähte auf etc.). Wenn sie nicht gleich ultraseltene Artikel kauft.

Im Ozean des Ewiggleichen ist das Eigenständige, Individuelle aber nicht nur ein Boot für das Ego, sondern auch eine Herausforderung an die Gleichmacher. Und an die Machthaber. Zum Beispiel in der ehemaligen Sowjetunion. Cayce stößt daher als Frau des 21. Jahrhunderts auf Organisationen, die sich auf ihre angestammte Macht einiges zugute halten: die Mafia, der KGB, die alte CIA und wie sie alle heißen. Leichen aus dem Keller des Kalten Krieges, aber sie leben noch und machen ihr das Leben schwer. Das Einzige, was sich für sie in diesem Schatten-Kampf als hilfreich erweist, sind die Lehren ihres Vaters, der ja selbst ein Kalter Krieger war. Und der ihr einiges über Paranoia beigebracht hat.

|Epiphanie|

Es ist die gleiche Paranoia, die die Urheber der Filmclips gezwungen hat, sich verborgen zu halten und die Verbreitung ihrer Werke zu überwachen. Der Moment, als Cayce endlich die weiblichen Urheber der Clips, die die ganze Welt faszinieren, kennen lernt, bricht ihr schier das Herz. Ich kann hier nicht mehr verraten, doch das Schicksal der Urheber gleicht ihrem eigenen auf unheimliche Weise: Sie hat ihren Vater bei einem Anschlag verloren, sie haben ihre Eltern bei einem Anschlag verloren. Und nun erschaffen sie eine fiktive Welt, die die Gestalt eines Minensplitters hat. Und die Mine kam aus den USA….

Man merkt also: Hinter all der virtuellen Realität des Internet und den Schrecken der globalisierten Unternehmen befindet sich eine Welt, die von Schicksalen, Emotionen, Träumen und wildesten geistigen Verknüpfungen geprägt ist. Diese Dinge sind nicht nur sehr bewegend, sondern mitunter auch sehr komisch und erheiternd, eben menschlich. Und das vor allem macht die Lektüre des Buches zu einem Erlebnis, von dem man mehr haben möchte.

|Leserfahrung|

Ich habe das Buch in nur einer Woche gelesen. In jedem Kapitel wartet es etwas Neues, etwas Lustiges, etwas Bewegendes auf den Leser. Man erfährt mehr über den Zustand der eigenen Welt, als man aus einer ganzen Enzyklopädie erfahren könnte. Denn hier geht es nicht nur um die Dinge, die sich ändern, sondern vor allem um die Menschen, die mit den Veränderungen zurecht kommen müssen, durch Mustererkennung, durch Risikomanagement, entgegen der lockenden Paranoia.

|9/11|

Es ist auch ein wichtiges Buch über den elften September. Cayce hat den Fall der Türme gesehen, denn sie war damals in Manhattan, um ihren Vater zu treffen. Der Fall der Türme erschien ihr (wie auch mir) wie ein Film, den man in Hollywood ausgetüftelt hatte (auch Tom Clancy hatte das Szenario vorweggenommen). Sie suchte ihn auf den Wänden mit den Vermisstenanzeigen, doch der Fall eines Rosenblatts scheint für sie mehr über den Verlust auszusagen, als alle CNN-Berichte es tun könnten. Sie lässt Detektive nach ihrem Vater suchen, damit ihre Mutter endlich Lebensversicherung und Pension erhält. Vergeblich. Der Verlust bleibt durch die Ungewissheit eine offene Wunde. Sie schließt sich erst am Schluss.

Vielleicht sind durch diesen Einbruch der Irrealität in die Welt der gewohnten menschlichen Erfahrung die Filmclips für viele Menschen so wichtig geworden. Die Clips, die aus Moskau kommen, zeigen einzelne Menschen, dann wieder ein Liebespaar bei einem Kuss, in Bewegung, in höchstmöglicher Bildauflösung. Menschliche Begegnungen auf der Grundlage uralter Gewissheiten. Dies ist ein Versprechen auf Heilung. Und daher ist die Wirkung der gezeigten Szenen auch so groß.

Dass dem wirklich so ist, belegt in komödiantischer Darstellungsweise der Fall jenes japanisch-amerikanischen Mädchens in Kalifornien, dessen Bild einem japanischen Spieleprogrammierer zunächst als Kultfigur überlassen wird, um an eine bestimmte Geheimzahl heranzukommen. Das Mädchen ahnt nichts von der Transaktion. Doch als es tatsächlich die glühenden Liebesbriefe ihres „Verehrers“ zu Gesicht bekommt, verlässt sie sofort Kalifornien, um sich mit ihm zu treffen. Denn diese emotionale Wärme ist in einer Welt des Zufalls wertvoller als alles andere.

_Unterm Strich_

Zum ersten Mal verlässt William Gibson die mehr oder weniger ferne Zukunft, um seine Geschichte ganz in der Gegenwart anzusiedeln. Auch das Erzähltempus ist das Präsens. Der Leser kann also genau verfolgen, was passiert, es gibt kaum Sprünge, so als verfolge man ein (Web-) Tagebuch. Lediglich die zahlreichen E-Mails erzeugen Sprünge in Raum und Zeit, bringen Bewegung in die lineare Handlung, erzeugen Spannungspunkte.

Doch diese Kommunikation wird von Cayce Pollard ebenso in einem Zwielicht gesehen wie ihre gesamte Umgebung: Feinde, Verräter – sie könnten überall sein, wem kann sie trauen? Paranoia versus Vertrauen: Es gibt keine Gewissheit mehr, nur Mustererkennung. Das ist eine der Lehren dieser Geschichte. Eine andere ist die von der möglichen Bewältigung von Katastrophen wie dem 11. September, sei es in New York City, sei es in Moskau. Hier gelangt Mustererkennung, als reaktives Verhalten, zur Mustererzeugung, also zu kreativem Verhalten.

William Gibsons Roman ist spannend, bewegend, zuweilen etwas melancholisch und verrückt, doch am Ende steht die Hoffnung. Es ist in meinen Augen ein Meisterwerk, eines der ersten, das des 21. Jahrhunderts würdig ist.

_Die Übersetzung_

Die Übertragung von Gibsons Meisterwerk finde ich sehr gelungen. Da haben die beiden Übersetzerinnen saubere Arbeit abgeliefert. Da aber Übersetzen immer auch Interpretieren bedeutet, sollte sich der des Englischen mächtige Gibson-Fan unbedingt auch das Original ansehen, das es ja in einer preiswerten Taschenbuchausgabe gibt.

Das Einzige, was mich an der deutschen Ausgabe stört, ist die Schrifttype für die E-Mails, die allenthalben in den Text integriert sind. Während im Original die gut lesbare Schriftart Courier oder New Courier verwendet wird, hat man im Deutschen zur der Schriftart OCR (A oder B) gegriffen. OCR steht für „Optical Character Recognition“ und ist manchmal bei Strichcodes zu finden, weil maschinenlesbar. (Wer mit diesen Bezeichnungen nichts anfangen kann, öffne seinen Texteditor und durchsuche die Liste der Schriften, die dieser bereithält – ob auf Windows, Mac oder Linux, ist gleichgültig.)

Das ist aber genau der Punkt: Was für Maschinen gut ist, muss es noch lange nicht für Menschen sein. Obwohl also Courier und OCR Schriftarten mit festem Zeichenabstand sind, lässt die flüssige Lesbarkeit von OCR doch einiges zu wünschen übrig. Aber das ist mein subjektives Empfinden, und andere Leser mögen weniger streng urteilen.

|Das Titelbild|

…finde ich hingegen sehr gelungen. Es reflektiert genau, was der Autor aussagen will. Das ‚T‘ auf dem Titel findet sich sogar im Text wieder.