Schlagwort-Archive: Klett-Cotta

[NEWS] Hans Hopf – Abgründe: Spektakuläre Fälle aus dem Leben eines Psychotherapeuten

Der junge Mann, der sich aus Liebeskummer erhängen will, die türkische Großfamilie, die seine Praxis umstellt oder der junge Mann, der in einer Sitzung seine Pistole zückt. Diese und andere Erlebnisse beschreibt der angesehene Psychotherapeut Dr. Hans Hopf in seinem neuen Buch. Es sind Geschichten über Gewalt, Sucht, Tod, Missbrauch – teils kurios, immer spannend, ergreifend, schockierend, aber auch lehrreich. Die Tätigkeit von Psychotherapeuten stellt man sich als nicht endend wollende Abfolge quälend langer Sitzungen voller schwieriger Gespräche mit verunsicherten oder psychisch gestörten Menschen vor. Dass es auch ganz anders sein kann, zeigt uns der erfahrene Psychoanalytiker Hans Hopf, der die spannendsten, ergreifendsten Therapieerlebnisse aus seinem langen Therapeutenleben schildert. Zu jedem Fall gibt er Erläuterungen aus psychoanalytischer Sicht und schildert den Verlauf der Therapien, auch wenn diese nicht immer erfolgreich enden. (Verlagsinfo)

Broschiert: 176 Seiten
Klett-Cotta

 

[NEWS] Kai Wieland – Zeit der Wildschweine

Reisejournalist Leon träumt von Selbstverwirklichung – für die Beständigkeit seiner Familie hat er wenig Verständnis. Als sich die Gelegenheit bietet, der Enge der Heimat zu entfliehen und stattdessen mit dem faszinierenden Fotografen Janko französische Niemandsorte zu erkunden, greift er zu. Doch auf der Reise geraten Leons Gewissheiten ins Wanken. Wie hoch ist der Preis für ein Leben ohne Verpflichtungen? (Verlagsinfo)


Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Klett-Cotta

Patricia McKillip – Das Lied des Basilisken

Poetische Fantasy: Ein Lied von Rache und Erlösung

Diese Fantasy ist die wunderbar erzählte Geschichte einer Vergeltung für erlittenes Unrecht, eine Geschichte von Erlösung und Befreiung. Der Stil ist literarisch, die Bilder poetisch und komisch, der Schauplatz erinnert an die italienische Renaissance und den hohen Norden.

Dieses Buch sowie „Schatten über Ombria“ werden der amerikanischen Autorin hoffentlich endlich den deutschen Durchbruch als eine der bedeutendsten Fantasyautorinnen bescheren.
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[NEWS] Lydia Kruska – Ängste bei Kindern und Jugendlichen – verstehen und handeln

Das Buch beschreibt, wie Ängste (entwicklungsbedingt) im Kindes- und Jugendalter überhaupt entstehen und wie sie sich im Kontakt zu anderen Menschen zeigen und regulieren lassen. Die LeserInnen können anhand von Fallbeispielen nachvollziehen, wie Ängste sich zu Angststörungen auswachsen und damit die weitere Entwicklung hemmen können. (Verlagsinfo)

E-Book
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 224 Seiten
Klett-Cotta

Russell, Gary – Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs: Die Erschaffung eines Filmkunstwerks

Wie die Extended-Fassung des jeweiligen HdR-Films in schöner Regelmäßigkeit zeigt, stellt der gezeigte Streifen das Ergebnis einer Auswahl dar, aus einer Vielzahl von Möglichkeiten. Diese Varianten findet man in diesem Buch. Es ist verblüffend zu sehen, was alles möglich gewesen wäre. Und es ist interessant zu erfahren, warum sich Regisseur Peter Jackson gerade für eine Variante entschied.

Der Autor

Gary Russell hatte während der fünfjährigen Vorarbeiten zum Film uneingeschränkt Zugang zu allem künstlerischen Material in den neuseeländischen Studios. Russell hat als Herausgeber eines Magazins, als Romanautor, Kolumnist und Hörspielproduzent gearbeitet. Er kam laut Verlag relativ spät zu Tolkien und dessen Mythologie. Frühere Publikationen beschäftigen sich mit der britischen Science-Fiction-Kultserie „Doctor Who“ und mit den Simpsons.

Die Aufmachung

Das Titelbild zum dritten Teil von „Die Erschaffung eines Filmkunstwerks“ zeigt diesmal nicht das Filmplakat (Aragorn mit dem Schwert Andúril), sondern den schwarz emporragenden Barad-dur, in dessen gegabelter Spitze das blutrote Auge Saurons umwölkt erstrahlt. Ich finde das einen weitaus beeindruckenderes Motiv als das sattsam bekannte Filmplakat. Im Plakat schaut einen Aragorn treuherzig an, aber auf dem Buchcover kann sich der Betrachter vorstellen, wie es wohl wäre, sich an einem solchen furchteinflößenden Ort zu befinden. Barad-dur ist die notwendige Leerstelle, an der sich der Zuschauer einbringen und seine Fantasie spielen lassen kann.
Die Rückseite des Umschlags zeigt den Angriff Rohans auf die Ork-Heere, die das bereits brennende Minas Tirith bestürmen. Eine der mitreißendsten Szenen des gesamten Films.
Die Innenseiten des Hardcover-Umschlags zieren jeweils doppelseitige „Breitwand“-Gemälde: Auf den vorderen Umschlagseiten reiten die Gefährten durch den überfluteten Isengart, im Hintergrund ragt der schwarze Turm Orthanc empor. Offensichtlich ist dies eine nicht geschnittene Szene aus dem Film, der sich die (gekürzte) Vertreibung Sarumans anschließen würde.
Die hintere Innenseite zeigt ebenfalls eine Farbstudie von Jeremy Bennett: die in goldenes Abendlicht getauchten Grauen Anfurten. Eines der letzten Bilder dieser Epilogszene, denn es fehlt bereits das Elbenschiff, das Frodo & Co. nach Valinor trägt. Die Erklärung steht auf Seite 218. Weitere Doppelseiten-Gemälde finden sich an jedem Kapitelanfang.

Vorwort

Gary Russell würdigt in seinem Vorwort die Anstrengungen des riesigen LOTR-Teams in den höchsten Tönen – das ist ja wohl auch das Mindeste, um seinen Dank abzustatten an jene Menschen, die ihm seine drei Bücher ermöglicht haben. Den dritten LOTR-Film betrachtet auch er als Krönung der Filmtrilogie – mit Fug und Recht. Ob wohl das dritte Buch dazu ebenso gut geworden ist?

Einleitung

Die Einleitung ist wieder einmal ein sehr wichtiger Text. Sobald man die winzige Schrift, in der sie gedruckt wurde, entziffert hat, stößt man auf eine Abfolge sehr interessanter Interviews, die Russell hierfür ausgewertet hat. Da ist zum Einen die Co-Autorin Philippa Boyens, die die Änderungen und Neuerungen an der Story klug zu rechtfertigen weiß.

Da ist sodann die OSCAR-geehrte Kostümbildnerin Ngila Dickson, von der wir erfahren, was sie sich bei den Kostümen der Hobbits und der Elben so gedacht hat. Auf das Hochzeitsgewand Arwens ist sie offenbar ganz besonders stolz.

Dan Hennah (er ist kurz in der Rüstkammer von Helms Klamm zu sehen) und Grant Major sind als Art Directors (Hennah löste Major ab) für alle Kulissen, Modelle, Ausstattungen an den Sets etc. verantwortlich gewesen und dirigierten die Konzeptdesigner Howe und Lee sowie die Pre-Visualisierungskünstler Paul Lasaine und Jeremy Bennett. Die Arbeiten dieser vier Künstler machen das Gros des vorliegenden Bandes aus, und deshalb ist er wohl das schönste der drei Artwork-Bücher geworden. Die Firma von Major und Hennah heißt „3Foot6“ (die angenommene Größe eines Hobbits) und des Öfteren sieht man in den Dokus Leute mit diesem Schriftzug auf der Schirmmütze durchs Bild wandern.

Ein Aspekt, der dem Zuschauer kaum auffällt, aber schon jetzt der Trilogie ihren Platz in der Filmgeschichte gesichert hat, ist die technische Handhabung der Farbgebung. Alle Bilder sind offenbar farblich manipuliert, um unterschwellig bestimmte Emotionen zu erzeugen – ähnlich wie die Musik. Dafür wurde extra eine neue Software geschrieben. Was diese bewirkt, war in einer der Dokus der ersten Extended-DVD angedeutet zu sehen: Wie jeder gewöhnliche Adobe Photoshop kann sie Stellen des Bildes digital aufhellen und abdunkeln. Darüber hinaus kann sie ganze Szenen mit einer einheitlichen Farbskala versehen – am deutlichsten ist dies in Lothlorien zu erkennen: Mit Ausnahme der später wieder einkopierten Anfangsszene, in der die Gefährten den goldenen Wald betreten, sind alle Objekte und Lichter mit einem Lavendelton versehen und alle Konturen weich gezeichnet. Lórien ist ein äußerst romantischer, magischer Ort.

Geradezu von höchster Ironie ist ein Umstand, den der Farbtechniker Peter Doyle von „The PostHouse“ erzählt: Weil das Außenlicht auf der Südhalbkugel aufgrund der dortigen Luftreinheit sehr hart und grell sowie das neuseeländische Gras „unvorstellbar grün“ ist, musste man beides digital nachbearbeiten – natürlich nur auf Film.

Nachwort

Das Nachwort von Peter Jackson: Ein ganz schön langer Text für ein Nachwort – hier etwa zwei Seiten. Sie sind von ungewöhnlichen Motiven flankiert: einem Schwarzen Reiter und einem Höhlentroll – Jacksons Art des Humors? Man weiß ja, dass er auf schräge Horroreffekte steht.

Jedenfalls: Er erzählt, wie er mit den Künstlern, die in diesem Buch verewigt sind, zusammengearbeitet hat. Bekanntlich war er es, der auf die (inzwischen weltbekannten) Illustratoren John Howe und Alan Lee bestanden hat. Sie und andere Zeichner und Designer überraschten ihn offenbar immer wieder mit bizarren Einfällen, so etwa für das Balrog, von dem zu Beginn nur die vageste Vorstellung von seinem Aussehen existierte. Tolkiens Beschreibung ist nicht sonderlich aufschlussreich. Daraus machten Howe & Co. jedoch die beeindruckendsten Action-Aufnahmen der ganzen Trilogie: Das Duell auf der Brücke von Khazad-dum (in Teil 1) und der anschließende Sturz in die Tiefen des Nebelgebirges, während Gandalf weiterhin das Balrog bekämpft (Anfang von Teil 2).

Langer Rede kurzer Sinn: Ohne die Pre-Visualisierung durch alle Künstler und Designer hätte Jackson den Film so nicht realisieren können, wie er heute zu sehen und zu bewundern ist.

Der Hauptteil

Der Hauptteil besteht aus den elf Kapiteln, in die sich der 3. Teil aufteilen lässt, bis hin zum „Epilog“. Den Beginn macht nicht etwa das überflutete Isengart (siehe oben), sondern der Eingang zum düsteren Morgul-Tal, wo sich Frodo und Sam unter Gollums Führung an der Festung des Hexenkönigs vorbeischleichen müssen, um die Endlose Treppe zu erklimmen.

Es wäre recht müßig (und mühselig) und langweilig, nun sämtliche Kapitel durchzuhecheln. Worauf es ankommt, ist ja mehr der Nutzeffekt für den Leser und Betrachter. Diesmal ist jedes einzelne Bild mit einem Kommentar versehen, der von seinem Urheber stammt. Wenn als Urheber „Three Foot Six Art Dept.“ angegeben ist, so kann man davon ausgehen, dass es sich um einen der Manager oder einen derart unbedeutenden Künstler handelt, dass er nicht in der am Schluss abgedruckten Liste des Teams zu finden ist. Unter anderem sind auch Entwürfe von Alan Lees Tochter Virginia zu sehen, ohne dass diese extra genannt wird. Der stolze Vater weist manchmal darauf hin.

Diese Kommentare erzählen mitunter richtige Geschichten. So erfahren wir beispielsweise, welche Mühe J. Bennett mit dem zweiten Tor von Gondor hatte. Es sah zunächst aus wie etwas aus Marokko, sollte aber eigentlich römisch oder wenigstens byzantinisch (also oströmisch) aussehen.

Solche Werdegänge zeichnen sich auch bei der Entstehung der endgültigen Entwürfe für die Rüstungen ab. Da sind eine ganze Reihe von militärischen Rängen unter den Gondorern: Infanterie, Zinnenwächter, schließlich die Elitetruppe der Brunnenwächter. Es ist mitunter recht erheiternd, dass frühe Entwürfe damit entschuldigt werden, dass sie vor der Ankunft John Howes entstanden. Erst Howe hat ja bekanntlich jeden Künstler über die Funktionsweise einer Rüstung aufgeklärt, wie die Dokus der 1. Extended-DVD belegen.

(Dass er das konnte, liegt daran, dass er selbst einem Klub angehört, der es sich zur Aufgabe macht, die ritterliche Vergangenheit wiederzubeleben. Ähnliche Klubs für „kreativen Anachronismus“ gibt es in Kalifornien, wo u.a. die Fantasy-Autorin Katherine Kurtz Mitglied ist.) [Dass man in Nordamerika versucht, eine der dortigen Kultur unbekannte ritterliche Vergangenheit zu beleben, finde ich recht putzig. Derlei „Reenactment“-Vereine gibt es bei uns ebenfalls reichlich. Anm. d. Lektors]

Ebenfalls amüsant sind die ersten Entwürfe für die Rüstungen, weil sie keineswegs europäisch anmuten, sondern auf orientalische und sogar „babylonische“ Quellen zurückgreifen. Welche das sind, verrät der Künstler nicht und es entzieht sich meiner Kenntnis. Weitere Quellen sind z.B. italienisches Möbeldesign, das auf Proportionen, Naturmaterialien und Funktionalität Wert legt.

Was mich zudem erstaunt hat, ist die Mühe und Sorgfalt, die auf so kurze Szenen wie Dunharg oder Cirith Ungol verwendet wurde. Beide Schauplätze erhielten ihr entsprechendes Design, und zwar nicht nur von den Malern wie Jeremy Bennett, sondern auch von den Großen: Alan Lee und John Howe. Oder wie es einer aus dem „3Foot6 Art Department“ sagte: „Wir waren entfesselte, besessene Irre!“

Grafische Qualität

600 Entwürfe, Skizzen, Gemälde und Digitalbilder aus dem Film sind zu bestaunen und zu „verdauen“. Man sollte sich einfach zwei oder noch mehr Stunden Auszeit nehmen, sich zurücklehnen und in eine andere Welt entführen lassen. Trotz dieser Bilderflut bleibt die eigene Vorstellungskraft unbeeinträchtigt, wie ich finde.

Die fotografische und drucktechnische Wiedergabe ist von ausgezeichneter Qualität. Die Kommentare etc. sind von Joachim Körber und Hans J. Schütz einwandfrei übersetzt, obwohl eigentlich Wolfgang Krege als „der“ Tolkien-Experte gilt. Der Preis für solch ein Werk ist keineswegs zu hoch; Kunstbände sind weitaus teurer.

Unterm Strich

Dieses Buch will sicher jeder haben, der sich ernsthaft mit dem Film und vielleicht auch mit Tolkiens Roman auseinandersetzt. Es gewährt ja einen Blick hinter die Kulissen, aber in künstlerischer Hinsicht. Denn dies hier ist der „Stand der Technik“, was die Konzepte angeht. Im Computer werden die Dinge nicht entworfen, sondern ausgearbeitet, verfeinert, koloriert usw. Was wir hier sehen, sind die ursprünglichen Grundlagen des Production Designs: die Ideen, mit denen dann CGI-Bearbeiter von Weta Digital, -Workshop und -FX, Kostümschneider, Bühnenbauer, Schmiede und all die anderen Handwerker als Grundlage arbeiten.

Insofern dokumentiert dieses Buch einen Meilenstein auf dem Weg der Weiterentwicklung des Fantasyfilms. Jacksons „Lord of the Rings“, bereits für für Teil 1 und 2 mit Oscars ausgezeichnet, setzt ja bereits jetzt Maßstäbe, und künftige Filmemacher werden sich daran messen lassen müssen. Wie armselig und unglaubwürdig sieht doch bereits jetzt der Film „Dungeons and Dragons“ aus.

Wer nur Spaß an einer guten Fantasystory sucht, braucht das Buch nicht – dem reichen der Roman (schon schwer genug zu lesen) und die drei Filme. Man kann ja das gesparte Geld in die DVD oder Blu-Ray mit all ihren Making-ofs und „Featurettes“ investieren und so viele schöne Stunden verbringen.

Michael Matzer (c) 2004ff
www.hobbitpresse.de

[NEWS] Michael J. Sullivan – Im Schatten des Kronturms: Die Riyria-Chroniken 1 (

»Hadrian Blackwater hatte sich erst fünf Schritte vom Schi?ff entfernt, da wurde er ausgeraubt.« Zwei undurchschaubare Männer, die einander hassen. Eine aussichtslose Mission. Und eine Legende, die gerade erst ihren Anfang nimmt. In dieser neuen Reihe erzählt Michael J.Sullivan die atemberaubende Geschichte, wie die Diebesbande Riyria gegründet wurde: Die Riyria-Chroniken. (Verlagsinfo)


Broschiert: 464 Seiten
Klett-Cotta

[NEWS] Nickolas Butler – Ein wenig Glaube

Ein schmerzhaft-schöner Familienroman, der die Macht und die Grenzen des Glaubens mit besonderem Feingefühl erkundet: Lyle und Peg Hovde empfinden es als großes Glück, dass ihre Tochter Shiloh samt Enkelsohn wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Doch bald treibt Shilohs neue Glaubensgemeinschaft einen Keil in das harmonische Familienleben. Als sich abzeichnet, dass auch der fünfjährige Isaac in die Fänge der Sekte geraten könnte, müssen die Großeltern eine folgenschwere Entscheidung treffen, die die Familie vollends entzweien könnte. (Verlagsinfo)


Broschiert: 384 Seiten
Klett-Cotta

Andy Serkis & Gary Russel – Herr der Ringe, Der: Gollum – auf die Leinwand gezaubert

Nach der Beendigung der letzten Dreharbeiten und Nachdrehs bekamen die Hauptdarsteller von Peter Jackson ein Erinnerungsstück überreicht: Orlando Bloom (Legolas) erhielt den schönen Galadhrim-Bogen und Elijah Wood als Frodo natürlich den originalen Einen Ring (von über einem Dutzend Kopien in allen Größen). Und was bekam Andy Serkis, der Gollum praktisch zum Leben erweckt hatte, nach fünf Jahren Arbeit? Einen blauen Lycra-Anzug…

Von Andy Serkis stammen die Tagebucheinträge zu „Der Herr der Ringe: Gollum – auf die Leinwand gezaubert“. Der Engländer Andy Serkis hatte vor dem „Herr der Ringe“-Projekt v.a. als Theaterschauspieler gearbeitet, unter anderem spielte er in den letzten Jahren die facettenreiche Rolle des Jago in Shakespeares „Othello“ sowie den Sykes in „Oliver Twist“. Mit „Snake“ drehte er seinen eigenen Kurzspielfilm. Er ist inzwischen mit seiner Frau Lorraine verheiratet und hat zwei Kinder, Töchterchen Ruby und Sohn Sonny (geboren 2000). Sein Humor und seine Fähigkeit, leicht Freundschaften zu schließen, werden von allen Kommentatoren als sympathischste Eigenschaften hervorgehoben.
Gary Russell ist der Autor aller drei Fachbücher, die die HdR-Filme als Kunstwerke vorstellen. Von ihm stammen die Interviews, die als als grau-beige unterlegte Kästen eingefügt sind.

Andys Tagebuch

Aus drei Monaten wurden fünf Jahre

Eigentlich wollte New Line Cinema’s Casting-Agenten Andy nur für etwa drei Monate anheuern. Er sollte dem digitalen Gollum seine Stimme leihen, nicht mehr. Andy hatte erst einmal keine Ahnung, wer Gollum war und welche immens wichtige Rolle er im HdR spielte. Daher stellte er sich eine überaus langweilige Mitwirkung vor. Das änderte sich, als Lorraine (s.o.) ihm erklärte, welch wichtige Rolle Gollum spielt. Andy erkannte anhand des Romans, dass Gollums tatsächlich sogar die einzige Figur war, die Tolkien psychologisch vielschichtig und schillernd angelegt sowie mit einer langen Entwicklungsgeschichte versehen hatte! Aus den drei Monaten sollten schließlich fünf Jahre werden.

Gollums Kern und Stimme

Als Theaterschauspieler musste Andy, so dachte er, erst einmal zum Kern der Figur vordringen. Das war gar nicht so einfach. Aber Andys Auffassung unterschied sich noch erheblich von dem, was sich die Leute vorstellten, die die Aufgabe hatten, eine digitale Figur zum Leben zu erwecken. Sie hatten ihren Gollum schon seit 1998 „im Kasten“ und zeigten Andy die kleinen Standbilder, die sie Maquettes nannten. (Diese ganze Geschichte lässt sich jetzt auf der Langfassung der DVD unter dem Titel „Smeagols Zähmung“ nachsehen.) Doch Andy hatte für Gollum eine ganz eigentümliche Sprechweise und Stimme entwickelt sowie ein „gollum, gollum“, das er seiner Katze abgehört hatte.

CGI-Techniken konkurrieren

Andy brachte Peter Jackson (PJ) zu der Erkenntnis, dass er seine fabelhafte Gollum-Stimme nur produzieren konnte, wenn er den entsprechenden Gesichtsausdruck und die angemessene Körperhaltung (wg. Atmung und Resonanz) einnahm: Mimik und Sprechen waren eine untrennbare Einheit. Das jedoch hatte schwerwiegende Folgen: Nach zwei Jahren Vorarbeit sahen sich die CGI-Animateure gebeten, ihren Gollum komplett zu überarbeiten: binnen zwei Monaten! Nur so konnten sie Gollum der Mimik und den Körperbewegungen Andys anpassen. Dazu setzten sie (siehe DVD wegen Details) drei verschiedene Technologien ein, um einen Streit zwischen Verfechtern verschiedener Techniken abzuwenden: das herkömmliche Key-Frame-Verfahren, das neue Motion Capturing (= Bewegungserfassung, kurz: Mocap) und das uralte Rotoscoping. Ein Amalgam der neuen Technik nannten sie „Roto-Animation“. Für Mocap musste Andy seinen zunächst weißen, späten dunkelblauen Lycra-Anzug tragen. Er sah aus, „als käme er direkt aus einem Laden für Fetischartikel“. (Koproduzent Rick Porras, so ist auf der Extended-DVD zu sehen, sprang an einem Tag für Andy ein. Die Ergebnisse waren einfach blamabel. Das beweist am besten, wie überzeugend Andys Arbeit wirklich war.)

„Niemand mag dich…“

Für die Vermittlung von Gollums einzigartiger Psyche ist eine Szene von zentraler Bedeutung, die als „schizoide Szene“ bezeichnet wird: Gollum/Smeagol streitet sich mit sich selbst, irgendwo in Ithilien. Bislang konnte das Publikum meistens über Gollum lachen. Doch als der Gollum-Teil, der väterliche Überlebenskünstler, den kindlichen Smeagol als „Mörder“ bezeichnet und diese Anklage offenbar der Wahrheit entspricht, ist Schluss mit lustig. Nun nimmt das Publikum Gollum/Smeagol als eigenständigen Charakter wahr. Mit einem Mörder (der uninformierte Zuschauer erfährt erst im 3. Teil, warum) ist schließlich nicht zu spaßen.

Szenen aus dem dritten Teil

Diese zentrale Szene erarbeitete Philippa Boyens, die mit Fran Walsh und Andy Serkis stark an der Ausarbeitung von Gollums Kern und Entwicklung beteiligt war. Die Schizo-Szene macht auch dem letzten Zuschauer klar, dass Gollum ein Ring-Junkie ist, ein Mörder, der jederzeit rückfällig werden kann – eine große Gefahr für die Mission des Ringträgers. Der Begriff des Junkie und der Sucht stammt von Andy. In den Kapiteln „Schenk uns den, Déagol, mein Guter“ (Déagol ist Sméagols Vetter, den er tötet, um den Ring zu erlangen) und „Die Rückkehr des Königs“ offenbart Serkis Szenen aus dem 3. Teil, die viele Zuschauer noch nicht gesehen haben. Andy konnte beim Kampf zwischen Déagol und Sméagol selbst Regie führen. Und das kann man von keinem anderen Darsteller sagen.

Private Unternehmungen

Ist die Beschreibung dieser Arbeiten schon allein recht spannend, so sind es auch manche von Andys gelungenen Berichten über seine Wanderungen (er ist Bergsteiger) und die einzige Kanufahrt, die er bewältigte. Ansonsten änderte sich sein Leben auf erhebliche Weise. Seine Familie vergrößerte sich um einen Sohn, den er von England mit zu den Kiwis brachte, und er heiratete seine Freundin. Sie lebten in verschiedenen Wohnwagen, Hotels, Pensionen, sogar einem eigenen Haus. Ganz en passant nimmt uns Andy auf eine Rundtour auf den Inseln des Neuseeland-Archipels mit. Die beigefügten Fotos liefern weitere Infos, so etwa vom Vulkan Mount Ruapehu, der die Kulisse für die Emyn Muil abgab. Am eindrucksvollsten zeigt sich Andy von der Begegnung mit Sir Edmund Hillary, einem der beiden Erstbesteiger des Mt. Everest, der in Neuseeland sozusagen der Grand Old Man ist.

Die Gollum-Revolution

Abgeschlossen werden die Tagebuchaufzeichnungen mit den Konsequenzen des veröffentlichten Films „Die zwei Türme“: Die Weltöffentlichkeit war von Gollum überrascht und begeistert, aber die Welt der Filmschauspieler machte sich ernsthafte Sorgen. Gollum bedeutete ein Revolution: Zum ersten Mal hatte ein echter Schauspieler es geschafft, eine digital erzeugte Figur mit Leben zu erfüllen und sie mit Realdarstellern interagieren zu lassen, so dass ein enorm hoher Grad an Glaubwürdigkeit erzielt wurde. Das ist die Gollum-Revolution, und so mancher Darsteller begann um seinen Job zu fürchten. Andy tat alles, um diese Ängste als unbegründet zu widerlegen. Gerade durch seine am Theater entwickelten Fähigkeiten hatte er ja erst die CGI-Figur zum Leben erwecken können. (Außerdem erzählt Andy noch zahlreiche witzige Szenen mit Journalisten, die nicht schmeichelhaft sind.)

Russells Interviews

Das ganze Buch würde stark den Eindruck von Selbstbeweihräucherung und Subjektivität erwecken, gäbe es nicht die Statements, die Gary Russell in vielen Interviews gesammelt und hier kondensiert wiedergegeben hat. Hier kommen die führenden Köpfe des HdR-Projekts wie der Regisseur, die Produzenten, die Autoren, die Leiter der Grafikabteilungen, von Weta Workshop und Weta Digital zu Wort sowie viele unbekannte Mitarbeiter, die sich gerne an Andy erinnern. Manche dieser Zitate sind mehr als eine Seite lang.

So gut und erhellend die Zitate auch sind, so können sie doch nicht alleine stehen, weil sie sonst zu trocken und belehrend wirken würden. Erst zusammen bilden das Tagebuch und die Statements eine Einheit, die bereits zwei Drittel des Buches ausmacht. Der Rest besteht aus hunderten von Fotos und allen Arten von Grafiken und Zeichnungen.

Die Illustrationen und Fotos

Abgesehen von vielen privaten Aufnahmen, die Andys Leben illustrieren, enthält das Buch eine erstaunliche Fülle von Grafikmaterial, das eines Gary-Russell-Bandes (s.o.) würdig ist (und wohl auch daraus stammt). Interessanter als die bekannten und auf der Extended-DVD zu findenden Grafiken aus „Die zwei Türme“ ist das bis dato nie gesehene Material aus „Die Rückkehr des Königs“.

Besonders Kapitel 7, betitelt „Schenk uns den, Déagol, mein Guter“, gewährt aufregende Einblicke: Hier wird die weitere Entwicklung des Hobbits Sméagol in Wort und Bild festgehalten, bis aus dem betuchten, dandyhaften Hobbit ein jämmerlicher, ausgemergelter und hasserfüllter, weil ringloser Ring-Junkie geworden ist: 500 Jahre im Zeitraffer sozusagen, ausgearbeitet von Autorin Ph. Boyens und inszeniert von Andy Serkis himself. Kap. 13 liefert einen Vorgeschmack auf „Die Rückkehr des Königs“, so etwa das Tor von Minas Morgul. (Aber auch hier ist Kankra nicht zu sehen.)

Andy ist ein Buch zum Film gelungen, das mich als erstes in Klett-Cottas Filmbuchreihe restlos zu begeistern und zu überzeugen wusste. Das lag nicht nur an Andys lebendiger und anschaulicher Erzählweise, sondern vor allem und in erster Linie an seinem Humor.

Dieser Humor ist einerseits recht britisch und trocken, andererseits gelingt Andy damit die Beschreibung des Besonderen, das eine seltsame Szene und Situation nach der anderen ausmacht. Wir erleben mit ihm den ersten verwirrenden Tag in Wellington, in den Wingnut Studios, im Weta Workshop und sogar schon am Set. Niemand mag dich… wer bist du überhaupt in deinem komischen Ganzkörperkondom?! Andy wusste genau, wie sich Gollum fühlte…

Außerdem genehmigt er sich ein paar nette Seitenhiebe auf das Filmbusiness und die Leute, die daran beteiligt sind – von den begriffsstutzigen Filmjournalisten bis zu den Agenten, die am liebsten sogar für Würmer am Angelhaken „saftige Honorare für zusätzliche Stunteinsätze“ herausschlagen würden, wenn sie könnten (S. 60, Spalte 2).

Die Übersetzung

Peter Torberg musste nach Angaben des Verlags viel recherchieren, um all die Fachausdrücke aus der Welt der Computergrafik, Animation und des Motion-Capture-Verfahren fachgerecht ins Deutsche übertragen zu können. Aber er hat seine Aufgabe mit Bravour erledigt.
Die einzigen Fehler sind in den Plural- und Kasusformen bestimmter Wörter wie etwa Pronomina etc. zu finden. Die hätte ein Korrektor oder Grammatikprüfprogramm eigentlich leicht entfernen können. Anders als in „Der Herr der Ringe: Waffen und Kriegskunst“ konnte ich jedoch keine Sachfehler finden.

Unterm Strich

Ich habe das ganze Buch auf der Hin- und Rückfahrt zwischen Stuttgart und München lesen können. Es ist nicht ermüdend, sondern abwechslungsreich, gespickt mit fachlichen Infos, aber unterhaltsam genug mit persönlichen Erfahrungen angereichert.
Außerdem wird das Tagebuch, wie gesagt, durch die zahlreichen Zitate und das umfangreiche Grafikmaterial abgerundet, so dass eine Einheit entsteht, die dennoch vielschichtig genug ist, dass man das Buch gleich mehrmals hintereinander lesen möchte (und könnte).
Der spezielle Humor, den Andy Serkis einbringt, lässt die informative Lektüre zu einem vergnüglichen Erlebnis werden, dass die Zeit wie im Fluge vergeht.

Hinweis

Das einzige andere Buch, das ähnliche tiefe Einsichten zum HdR-Projekt liefert, ist Brian Sibleys Buch von Ende 2001, das im Frühjahr 2004 ergänzt werden soll. Sibley beschreibt die Hintergründe des Buches und des Films sowie den Werdegang vom Buch zum Skript.

Michael Matzer (c) 2003ff
www.hobbitpresse.de

Fisher, Jude – Herr der Ringe, Der: Die Rückkehr des Königs – Das offizielle Begleitbuch

Mit zahlreichen Fotos und Illustrationen geschmückt führt dieser Band in das Geschehen und Hintergründe des dritten Teils der „Herr der Ringe“-Saga ein, die Peter Jackson in seiner Filmtrilogie erzählt. Endlich tritt auch Kankra, das Spinnenmonster auf, auf das die Tolkien-Fans im zweiten Teil vergeblich warten mussten.
Dieses Buch bietet – neben den Publikationen (Kalender usw.) anderer Verlage – den einzigen vorbereitenden Einblick in den dritten Film, der etwas taugt. Das „Fotobuch“ dient ja nur als Appetizer oder Souvenir. Was danach kommt, ist ein Buch von Gary Russell, das sich, wie schon seine zwei Vorgänger, ausschließlich mit dem Design und Artwork von „Die Rückkehr des Königs“ befasst.

Die Britin Jude Fisher hat zwanzig Jahre lang als Verlegerin und Buchhändlerin gearbeitet und ist Autorin aller „Offiziellen Begleitbücher“ (Visual Companions) der drei „Herr der Ringe“-Filme. Außerdem hat sie selbst einen Fantasyroman verfasst und ist eigentlich Spezialistin für altisländische Texte („Die Edda“ usw.). Laut Verlag hat sie unter dem Pseudonym „Gabriel King“ vier Romane verfasst, und wie man weiß, handelt es sich dabei um mindestens zwei Katzen-Fantasy-Romane, die bei Heyne erschienen sind: „Auf geheimen Pfaden“ und „Die Goldene Katze“.
Interviewausschnitte mit Jude Fisher sind auf der Special Extended Edition von „Die zwei Türme“ zu finden, und zwar auf der dritten DVD, in den „Anhängen“.

Professor Tolkien wollte den dritten „Teil“ seines umfangreichen Buches eigentlich „Der Ringkrieg“ nennen, der Verlag bestand aber auf dem Titel „Die Rückkehr des Königs“. Und um das typische Geschehen in einem Krieg geht es hier auch: Der Höhepunkt des globalen Konflikts findet auf den Pelennorfeldern vor den Toren der gondorischen Festung Minas Tirith statt.

Für Actionfans gibt es alles, was das Herz begehrt, und die Fotos dieses Bandes zeigen es in düsteren Farben: fliegende Drachen der Nazgul, turmhohe Mumakil-Elefanten, Orks in rauen Mengen und schließlich die Krieger der Toten, die von Aragorn in ihr letztes Gefecht geführt werden, bevor er sie von ihrem Bann erlösen kann. Auch Merry, Pippin und selbst Eowyn tauchen endlich in Rüstung auf.

Doch auch der Feind in den eigenen Reihen schläft nicht: Statthalter Denethor wurde von Sauron über den Verlauf der Dinge (per Palantír) getäuscht und hat alle Hoffnung fahren lassen. Er will sich mit seinem noch lebenden Sohn Faramir auf einem Scheiterhaufen verbrennen lassen.

Auch Gollum ist ein Verräter, wie man seit dem Schluss von Teil 2 weiß. Nachdem Frodo ihn an Faramir verraten hat, um sein Leben zu retten, führt Gollum die beiden „Hobbitse“ in das Versteck der Riesenspinne Kankra. Leider ist das Monster an keiner Stelle des Buches abgebildet. Das Titelbild jedoch zeigt Frodo mit Stich und Galadriels Phiole in der Hand, wie er Kankra gegenübertritt – ein eindrucksvolles Motiv.

Als das siegreiche Menschenheer vor dem Schwarzen Tor Aufstellung bezieht, hängt dennoch der Erfolg dieser Armee von drei kleinen Hobbits ab: Gollum, Frodo und Sam kämpfen am Schicksalsberg ums nackte Überleben – und um den „Schatzzzzz“!

Die Fülle der Fotos im Begleitbuch täuscht darüber hinweg, dass die interessantesten Motive fehlen:

1) Aragorns Täuschung durch den von Sauron missbrauchten Palantír Isengarts, so dass er glaubt, Arwen sei tot;
2) die toten Ritter, die Aragorn aus dem Dwimorberg ruft, wo sie als Schatten unter Isildurs Fluch dahinvegetieren – also seit rund 3000 Jahren; selbst für einen Geist ist das offenbar eine verdammt lange Zeit;
3) die Szene, in der Eowyn und Merry den Fürsten der Nazgul, den Hexenkönig von Angmar, tödlich verwunden;
4) der Zweikampf Frodos und Sams mit Kankra;
5) Aragorns Krönung zu König Elessar;
6) Gollums Ende.

Jude Fisher hat eine sehr brauchbare Einführung geschrieben, die zudem noch sehr gut aussieht. Was für Neulinge, die das Buch nicht kennen, am wichtigsten ist: Zahlreiche Begriffe und Figuren, die in den ersten beiden Filmen nur gezeigt, aber nicht erklärt wurden, finden hier eine Erläuterung, so dass man nicht als Unwissender in den dritten Film stolpert, den Höhepunkt der Trilogie.

Nach einem zusammenfassenden Rückblick auf Teil 2 geht es los mit einer Beschreibung des Königreiches Gondor. Weitere Erläuterungen folgen, vor allem zu den Elementen des Feindes: Sauron, Nazgul, der Hexenkönig von Angmar, Barad-dur (der Schwarze Turm), Kriegsmaschinen u.v.a.m.

Erst ab Seite 40 kommt die Handlung in Gang: zuerst die Völkerschlacht auf den Pelennorfeldern vor Minas Tirith, die absolut gigantisch ist – dann die Geschehnisse um die drei „Hobbitse“ in Cirith Ungol (dem Pass der Spinne) und in Mordor selbst. Der Schluss wird auch von der Autorin nicht verraten – Ehrensache!

Es fällt auf, dass Saruman überhaupt nicht mehr auftaucht – genau wie in der Kinofassung des Films. Darüber war Christopher Lee, der Saruman-Darsteller, nicht erfreut und beschloss, die Filmpremieren zu boykottieren. Um also Sarumans Wiederauftauchen zu sehen, können wir uns mal wieder auf die Zusatzszenen der „Special Extended Edition“ freuen, die wohl erst in einem Jahr veröffentlicht wird…

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

[NEWS] Anthony Ryan – Das Imperium aus Asche: Draconis Memoria 3

Im Krieg des weißen Drachen wird Freiheit mit Blut und Feuer bezahlt… Alles steht auf dem Spiel. Die zu bringenden Opfer sind hoch. Der letzte Hoffnungsschimmer liegt in einem uralten vergessenem Wissen. Mit das »Imperium aus Asche« legt Anthony Ryan den fulminanten Abschlussband der Draconis- Memoria-Trilogie vor. (Verlagsinfo)


Gebundene Ausgabe: 704 Seiten
Klett-Cotta

Jenn Lyons – Der Untergang der Könige (Drachengesänge 1)

Drachengesänge

Band 1: „Der Untergang der Könige“
Band 2: „The Name of All Things“ (noch ohne dt. Titel)

Kihrin sitzt in einem Kerker mit einem Ungeheuer als Bewachung. Seine Aussichten sind ziemlich trübe, und eigentlich will er einfach nur seine Ruhe, aber Klaue, seiner Wächterin, ist langweilig. Ziemlich nachdrücklich überredet sie ihn dazu, ihr seine Geschichte zu erzählen. Nicht, dass sie sie nicht längst kennen würde …!

Schon der Erzählrahmen dieses Buches ist ungewöhnlich. Die Handlung verläuft in zwei Zeitschienen, die sich abwechseln. Die eine erzählt Kihrin, die andere erzählt Klaue – weil Kihrin ihrer Meinung nach seine Erzählung nicht ganz am Anfang begonnen hat. Dazu kommt noch eine Stimme aus dem Off, die beide Erzählungen immer wieder kommentiert. Jenn Lyons – Der Untergang der Könige (Drachengesänge 1) weiterlesen

[NEWS] Wolfram Eilenberger – Zeit der Zauberer: Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929

Die Jahre 1919 bis 1929 markieren eine Epoche unvergleichlicher geistiger Kreativität, in der Gedanken zum ersten Mal gedacht wurden, ohne die das Leben und Denken in unserer Gegenwart nicht dasselbe wäre. Die großen Philosophen Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Ernst Cassirer und Martin Heidegger prägten diese Epoche und ließen die deutsche Sprache ein letztes Mal vor der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs zur Sprache des Geistes werden. (Verlagsinfo)


Taschenbuch: 431 Seiten
Klett-Cotta

[NEWS] Oliver Plaschka – Der Wächter der Winde

Vornehme Geschäftsleute in einer nachtschwarzen Limousine, ein Schmugglerpärchen mit einem Laster voller gestohlenem Whiskey, ein jugendlicher Waisenjunge aus dem Wilden Westen – sie alle geraten im Hinterland der kalifornischen Küste in einen Sturm, der sie verschlingt. Aber jenseits dieses Orts tut sich ihnen eine fantastische Welt auf.
(Verlagsinfo)


Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Klett-Cotta

Schütz, Hans J. / Tolkien, J. R. R. / unbekannt – Sir Gawain und der Grüne Ritter. Mit einem Essay von J. R. R. Tolkien.

Das arthurische Versepos „Sir Gawain“ aus dem 14. Jahrhundert, das aus über 2500 Zeilen mit Stabreim besteht, dürfte relativ bekannt sein. Es ist eine Abenteuergeschichte für Erwachsene und dreht sich um Liebe und Sex, Fragen der Ehre, gesellschaftliches Taktgefühl, persönliche Integrität sowie volkstümliche Magie – Letztere in der Gestalt des Grünen Ritters, der offenbar nicht zu besiegen ist.

|Der Essayist: Tolkien|

Professor Tolkien war schon rein beruflich ein Liebhaber der alt- und mittelenglischen Dichtung, sei es nun der „Beowulf“ oder Geoffrey Chaucers berühmte „Canterbury Tales“. Am liebsten waren ihm jedoch, so berichtet sein Sohn Christopher, die Dichtungen aus den westlichen Midlands, in denen Tolkien aufwuchs. Denn diese wichen vom Sprachgebrauch Chaucers, der sich später durchsetzte, gewaltig ab – folglich geriet ihr alliterierender Stil in Vergessenheit.

Aus dieser Region und aus der Zeit um 1370 stammt die Dichtung „Sir Gawain und der Grüne Ritter“. 1925 veröffentlichte Tolkien eine erste Übersetzung in Oxford. 1967 folgte eine zweite von N. David, und darauf stützt sich die deutsche Übersetzung durch Hans J. Schütz. Den Essay, der bereits in dem |Klett-Cotta|-Band „Die Ungeheuer und ihre Kritiker“ erschien, hat Wolfgang Krege übersetzt.

_Handlung_

Am Neujahrstag hat König Artus mal wieder seine Ritter um die Tafelrunde versammelt. Weihnachten ist vorüber, aber auf Burg Camelot feiert man immer noch gerne. Die Freude wird leider schwer gestört, als ein merkwürdiger Ritter auftaucht und den König selbst zum Kampf herausfordert. Der völlig in grün gekleidete und sogar mit einer grünen Haut und grünem Haar versehene riesige Ritter bezweifelt, dass unter den anwesenden Rittern einer sei, der edleren Gemüts ist als er selbst.

|Die Herausforderung|

Oho, welche Frechheit, meint Artus und würde den Herausforderer am liebsten selbst Mores lehren, doch Gawain bittet aus Pflichtgefühl selbst um diese Ehre. Artus stünde doch wohl über solchem Geplänkel, oder? Artus meint „okay“, und der Grüne Ritter hat nichts dagegen, statt dem König diesem Ritter die Rübe abzuschlagen. Denn darin besteht die Herausforderung: Gawain darf dem Ritter einen Hieb mit einer Waffe versetzen, ohne dass dieser sich wehrt. Doch danach darf der Grüne sich revanchieren – und zwar genau ein Jahr und einen Tag später.

Gawain hat kein Problem mit diesem Arrangement, denn schließlich will er ja a) nicht als Feigling dastehen und b) scheint das eine todsichere Sache: Welcher Mensch hätte sich denn nach einem tödlichen Axthieb auf den Nacken davon erholt? Keiner!

Mit einer stabilen Streitaxt trennt er dem brav vornübergebückten Ritter sauber den Kopf ab. Zum Erstaunen aller richtet der sich wieder auf, als wäre nichts gewesen, schnappt sich seinen Kopf und fordert Gawain auf, in einem Jahr allein zur grünen Kapelle zu kommen. Sprach’s und ritt von dannen. Er hat ihnen nicht einmal seinen Namen verraten. Gawain ist nun der Gelackmeierte, denn mit der Wette hat ihn der Grüne Ritter offensichtlich hereingelegt.

|Ein Jahr später|

So ein Jahr kann schnell vorübergehen, doch Gawain hat die Pflicht nicht vergessen. Angetan mit einer prächtigen Rüstung, macht er sich auf die Suche, fahndet überall in ganz Wales nach der grünen Kapelle, erlebt jede Menge Abenteuer mit den wilden Bergbewohnern (darunter auch Oger!), doch die Kapelle findet er nicht. Stattdessen stößt er – nachdem sein Gebet an Maria erhört wurde – auf eine prächtige und wehrhafte Burg. Hier freut man sich über alle Maßen darüber, ein echten Hofmann des Hochkönigs bei sich aufnehmen und unterhalten zu dürfen. Besonders die schöne Gattin des Burgherrn hat es Gawain angetan – wie schön sie sich von ihrer ständigen Begleiterin, einer düsteren alten Vettel, abhebt. Leider erfährt er nie ihren Namen.

Nach einer Weile des Feierns meint Gawain am 29. Dezember, jetzt müsse er aber los, schließlich seien es nur noch wenige Tage bis Neujahr. Der Burgherr, der (vorerst) leider ebenfalls namenlos bleibt, meint, er würde Gawain rechtzeitig zu der Kapelle bringen lassen, die ja ganz in der Nähe liege. Gawain müsse nur noch drei Tage ausharren. Dann schlägt er eine Wette vor: Der Burgherr werde etwas von seinen Jagden mitbringen und es seinem Gast geben, woraufhin ihm der Gast im Tausch dafür das geben würde, was er unterdessen in der Burg empfangen habe.

Wie raffiniert dieser Deal ist, stellt sich heraus, als Gawain am nächsten Morgen, während der Burgherr schon auf der ersten von drei Jagden ist, von der schönen Gemahlin seines Gastgebers geweckt wird. Da sitzt sie nun am Bettrand – die Verführung in Person.

Kann Ritter Gawain der Versuchung widerstehen, oder wird sie ihn von seinem Vorhaben abbringen? Immerhin vertritt er hier quasi seinen König!

_Mein Eindruck: die Erzählung_

Der Text der Erzählung liegt keineswegs als Epos in Verszeilen vor – das gibt es in anderen Ausgaben – sondern in Prosaform. Dadurch lässt er sich sehr gut lesen und verstehen. Die Handlung dürfte ebenfalls keine Probleme bereiten, aber es gibt natürlich ein paar Knackpunkte, auf die es ankommt und die man leicht übersieht.

Obwohl der Autor unbekannt ist, beruft er sich sich als erstes auf den alten Homer und dessen Heldengedichte „Ilias“ und „Odyssee“. Durch diesen Hinweis erspart sich der Autor selbst die obligatorische Anrufung der Muse, denn das hat ja schon der griechische Kollege erledigt. (Auch die detaillierte Beschreibung von Gawains prächtigem Schild ist der homerischen Beschreibung von Achilleus‘ Schild nachempfunden.)

Außerdem stellt sich der Autor damit in die entsprechende literarische Tradition. Nur das entsprechend gebildete Publikum kann mit diesem Homer-Verweis etwas anfangen, wodurch er schon am Anfang seinen Anspruch deutlich macht: Dieser Stoff ist nichts für die ungebildeten Stände. Nur wer Homer und die französischen Ritterromane kennt – so einer der Verweise am Schluss -, ist nach Ansicht des Autors in der Lage, mit dem „Gawain“ angemessen umzugehen.

Der Autor wendet sich also als Gebildeter an seinesgleichen, stellt sich nicht über sie. Dennoch ist das, was er im „Gawain“ vorzubringen hat, keine Lappalie, sondern eine ernsthafte Kritik des höfischen Moralkodex. Das wird am Schicksal des braven Ritters Gawain in der Burg der Verführerin deutlich.

Zweimal wird Gawain aufs Kreuz gelegt: einmal auf Camelot vom Grünen Ritters, dann wieder in der Burg des namenlosen Jägers. Nun ist aber Gawain keineswegs ein kompletter Idiot, mit dem man nach Belieben Schlitten fahren könnte, sondern sein Handicap besteht darin, dass er stets den hehren Idealen des höfischen Anstands und der Rechtschaffenheit entsprechend handeln will und muss. Er bietet dem Burgherrn sogar seine Dienste an, weil ihm die höfischen Regeln dies so vorschreiben. Allerdings scheint er es mit seinem Diensteifer ein wenig zu übertreiben

Deshalb bringt ihn die Versuchung durch die schöne Lady schwer in die Bredouille: Es wäre ein schwerer Bruch seines ritterlichen Kodex, sie von der Bettkante zu stoßen. Also plaudert er mit ihr über dieses und jenes, Gott und die Welt. Zum anderen darf er jedoch auch nicht seinen Burgherrn dadurch verraten, dass er mit der Lady Ehebruch begeht und seinen zeitweiligen Dienstherrn betrügt.

Doch in der dritten Nacht reichen all seine Finten, die ihm höfisches Gebaren, Geschwätz und Tändeleien an die Hand geben, nicht mehr aus, um die Waffen der Versucherin abzuwehren: Sie kommt oben ohne. Jetzt wird’s ernst. Wie uns der Autor klarmacht und was sich im Verhalten Gawains spiegelt, streckt der höfische Anstandskodex die Waffen und die religös motivierte Moral kommt endlich zu ihrem Recht – was wohl längst überfällig war, meinen wir lesen zu können. Gawain sucht sogleich den Beistand eines Mönches auf, bei dem er die Beichte ablegen kann.

Doch er hat einen winzigen Fehler gemacht, der ihm zum Verhängnis werden könnte. Das ist aber durchaus verständlich, wenn man in Betracht zieht, dass er ja am nächsten Tag sterben soll. An Neujahr soll er in der Grünen Kapelle dem Grünen Ritter seinen entlößten Nacken hinhalten, damit dieser ihn mit der Axt durchtrennen kann. Keine erhebenden Aussichten. Man kann also Gawains Fehltritt mit seiner Angst um sein Leben entschuldigen. Aber ist es wirklich so einfach? Wenn Gawain nämlich ein wirklich frommer Christenmensch wäre, dann würde er auf die Freuden des Jenseits hoffen und den tödlichen Hieb in Kauf nehmen. Also ist Gawain weder ein Top-Christ noch ein Top-Ritter, sondern lediglich ein normaler Mensch.

Und als solcher wird er uns auch vorgestellt. Denn auch wenn seine beiden Gastgeber in der Burg (vorerst) namenlos bleiben, so sind doch alle einigermaßen gut charakterisiert. So ist etwa der Burgherr ein großer Jäger vor dem Herrn, der das Jagen (leider) als Sport betreibt, zuweilen unter Einsatz des eigenen Lebens. Diese Charakterzeichnungen berechtigen Tolkien in seinem Essay zu der Aussage, dass es sich bei dem Text „Sir Gawain“ nicht um eine tumbe moralische Allegorie handle, sondern um ein tief verwurzeltes Märchen. In diesem würde der Autor auf alte Quellen zurückgreifen und sie den Erfordernissen der Zeit und des Autorencharakters anpassen.

Das Auftauchen eines von Magie umgebenen Grünen Ritters und eines möglicherweise magischen Gürtels dienen Tolkien als Beleg, dass es sich um ein Märchen handelt. Heute würden wir von „Fantasy“ sprechen. Außerdem kommt in dem Text auch die arthurische Hexengestalt Morgan le Fay vor – sie ist die düstere Gestalt an der Seite der Burgherrin. Sie hat also ihre Finger im Spiel.

Der brave Ritter Gawain verflucht nach dem Showdown an der Grünen Kapelle – sorry, er stirbt nicht – alle Frauen, was nun wirklich ungerecht ist. Er verflucht seine eigene Feigheit, die ihn verwundbar für ihre Versuchung gemacht hat. Das ist ebenfalls ungerecht, denn er hat ja drei Tage lang tapfer standgehalten, wie es ihm die höfische Sitte gebot, und seinen Burgherrn nicht verraten, wie es ihm die christliche Moral gebot. Es nun einfach mal so, dass Gawain ein Opfer seiner eigenen ethischen Maßstäbe geworden ist, die er nur zum Teil erfüllen kann, da sie sich in etlichen Punkten widersprechen.

Diese Widersprüche und ihre Folgen aufzuzeigen, ist der Zweck, für den das Epos geschrieben wurde. Ob es wohl geholfen hat? Wir können es natürlich nicht wissen. Aber Zweifel dürften angebracht sein.

_Der Essay_

Tolkiens sechzig Seiten langer Essay plus Postskriptum zu „Sir Gawain“ ist ein kleines Meisterstück. Dieser Vortrag, den er an einer nicht näher bezeichneten akademischen Institution gehalten hat, ist recht anspruchsvoll, sowohl in der Gedankenführung als auch in der Sprache und Terminologie. Aber weitaus verständlicher als so manche akademische Arbeit, die nach dem 2. Weltkrieg geschrieben wurde. Wie erwähnt, hatte Tolkien den „Gawain“ schon 1925 veröffentlicht. Außerdem ist sein eigener Kommentar bzw. Anmerkungsteil angehängt, den er beifügte, als „Gawain“ 1953 von der BBC im 3. Programm gesendet wurde. Mehr Erklärungen kann der heutige Leser eigentlich nicht verlangen.

Tolkien erklärt zunächst den Aufbau des „Gawain“ und stellt eine These auf: Dies ist keine moralische Allegorie, sondern ein tief verwurzeltes Märchen. Dann macht er sich daran, relevante Gründe und Textstellen anzuführen, um seine These zu belegen. Seine Argumente sind in meine obige Analyse eingegangen, brauchen also nicht noch einmal wiederholt zu werden. Natürlich ist Tolkiens Argumentationskette viel feiner aufgebaut und besser formuliert, als ich dies im Rahmen einer Buchbesprechung tun kann. Dafür braucht er aber auch sechzig Seiten.

Tolkien spricht als Philologe, nicht als Linguist oder moderner Literaturwissenschaftler. Er setzt sich mit seinen Vorgängern auseinander, die er zuweilen |ad absurdum| führt, und vertritt seine eigene Einschätzung. Hier verlässt er die exakte Wissenschaft, die die Philologie wohl ohnehin nie war, und betritt das weite Reich der persönlichen Interpretation. Das ist legitim, denn der Autor des „Gawain“ bezieht keine eindeutige Stellung, wie sein Held zu beurteilen ist. Allerdings sprechen auch die Gründe, die Tolkien für seine Deutung mancher Stellen anführt, für seine Sichtweise. An keiner Stelle artet sein Essay in trockenes Haarespalten aus. Und am Schluss haben wir einen tieferen Einblick in ein für das englische Mittelalter essenzielles Werk gewonnen.

Und zudem hat Tolkien es geschafft, in uns Sympathie für jenen ach so vollkommen scheinenden Ritter Gawain zu wecken, der an seinen Ansprüchen an sich scheitern muss. Doch diese Ansprüche wandeln sich mit den Epochen, und selbst das Verständnis, das Tolkien 1925 oder 1953 dem Helden entgegenbringt, könnte so manchem heutigen Leser ein Kopfschütteln abringen: Diese Moral, dieser Anstand, diese Sitte! Herrje, haben wir mit diesen alten Zöpfen nicht schon 1968 Schluss gemacht? Es sieht manchmal so aus, doch andererseits feiern die alten Werte wie Treue, Loyalität und Aufrichtigkeit ein Comeback. Wäre es anders, wären wir nicht besser als die Versucherin und die Hexe Morgan le Fay (die vermutlich ein und dieselbe sind): Wir würden dann beispielsweise die neu in die EU eingetretenen Länder und ihre Menschen alle aufs Kreuz zu legen versuchen. Und das wäre wirklich fies, oder?

_Die Übersetzungen von Text und Essay_

Hans J. Schütz hat auf Seite 97 eine Nachbemerkung eingefügt. Wir erfahren mehr über das Werk und seine Bedeutung, sowohl im literarischen Kontext als auch in seiner Aussage. Schütz erwähnt, dass das moralische Dilemma, in dem sich Gawain verstrickt, nicht durch den Autor beseitigt, sondern in einer Ambivalenz belassen wird, „was zu zahlreichen Deutungen geführt hat“ – mit denen sich Tolkien oben auseinandersetzt.

Sodann führt Schütz die diversen englischen Ausgaben des Originals und die Übersetzungen auf. Wirklich erstaunlich ist die Tatsache, dass die erste deutsche Übersetzung erst durch Manfred Markus (Stuttgart) im Jahr 1974 erfolgte. Diese orientiere sich sehr stark am Originaltext, liefere aber nicht die Vorlage für die Prosaübersetzung durch Schütz. Dafür sei vielmehr Davis‘ Mittelenglisch-Übersetzung aus dem Jahr 1967 die Grundlage gewesen (und nicht etwa Tolkiens eigene Übersetzung). Ein kluger Schachzug, denn Schütz lässt sowohl philologische Genauigkeit als auch verklärende Nachdichtung – mit allen stilistischen und sprachlichen Eigenheiten – links liegen, um eine möglichst lesbare und modernen Lesern verständliche Prosafassung vorzulegen.

Die akademischen Geister mögen über den Wert einer solchen Fassung streiten. Den Leser, der mit Akademien nichts am Hut hat, sich aber für literarische Meisterwerke – auch der Fantasy – begeistern kann, wird die Prosafassung aber durch eine verständliche Textgestalt und eine spannende Handlung unterhalten. Überkandidelten Stilfiguren wird hier eine Absage erteilt, so dass man sich beim Lesen auf die Story konzentrieren kann, ohne sich viel um die Form kümmern zu müssen.

_Unterm Strich_

Die sehr lesbare Prosafassung der mittelenglischen Verserzählung mag den Fantasyleser als klassisches Werk dieses Literaturzweigs ebenso interessieren wie als Werk des arturischen Legendenkreises. Letzten Endes halten sich jedoch die phantastischen Elemente dessen, was Tolkien als „Märchen“ zu bezeichnen beliebt, ein wenig in Grenzen. Statt wie sonst den Helden als magiebegabt dazustellen, ist es umgekehrt: Der Held wird Opfer der Magie von Morgan le Fay und muss sich mit den verfügbaren Mitteln verteidigen.

Diese bestehen (in drei Kategorien) einerseits aus höfischer Sitte und Anstand, andererseits aber aus christlichen Moralgesetzen. An den Widersprüchen dieser Vorgaben scheitert unser braver Ritter, und das dient dem Autor zur Kritik an den höfischen Wertvorstellungen seiner eigenen Zeit – nach dem Motto: Erziehen wir unsere künftigen (Thron-)Erben eigentlich nach den richtigen Idealen? Keine müßige Frage. Sie stellt sich jedem frischgebackenen Elternpaar aufs Neue.

Tolkiens Essay spricht wohl eher Leser mit literaturwissenschaftlichen Interessen an, ist aber durchaus verständlich formuliert und mit Anmerkungen erweitert. Die beiden Übersetzer haben jedenfalls in ihrer jeweiligen Kategorie saubere Arbeit geleistet. Ich konnte keine Fehler finden. Nur manchmal fiel es mir schwer, im Text die Hochzahl zu einer bestimmten Anmerkung zu finden. Sie sind mitunter in den zitierten Versen versteckt oder unter den Angaben, an welcher Stelle der 2500 Zeilen des Gedichtes man sich gerade befindet.

[NEWS] Kathryn Lomas – Der Aufstieg Roms. Von Romulus bis Pyrrhus

Souverän und facettenreich schildert Kathryn Lomas die römische Geschichte von den allerersten Anfängen bis zum Beginn der Punischen Kriege. Glänzend gelingt es ihr, diese Geschichte in ihrer Besonderheit verständlich zu machen, und sie gibt überraschende Antworten auf die historische Frage aller Fragen: Wie und warum gelang einer kleinen Stadt der erstaunliche, in keiner Weise vorgezeichnete Aufstieg zur Weltmacht?
(Verlagsinfo)


Gebundene Ausgabe: 544 Seiten
Klett-Cotta

Gibson, William – Mustererkennung

Seit einiger Zeit tauchen im Internet geheimnisvolle Filmclips auf, die weltweit einen Kult ausgelöst haben. Auch Cayce Pollard fiebert jedem neuen Clip entgegen – doch was steckt dahinter? Ihre Recherche führt sie ins Machtzentrum unserer globalisierten Gesellschaft.

_Der Autor_

William (Ford) Gibson, geboren 1948, lebt in Vancouver, British Columbia, jener Gegend, in der auch seine Kollege Douglas Coupland lebt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er fing als Englischlehrer an, floh vor dem Wehrdienst ins kanadische Toronto und schrieb ab Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre Erzählungen, die die Science-Fiction verändern sollten.

Höhepunkt dieser Entwicklung war der Roman [„Neuromancer“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=280 in dem er den „Cyberspace“ postulierte, das, was wir heute als Internet kennen und nutzen. Allerdings stöpselt sich Gibsons Held Case direkt in den Computer ein. Auch an dieser direkten Gehirn-Maschine-Verbindung wird bereits gearbeitet, Geräte für Endverbraucher waren schon auf der CeBIT 2004 zu sehen.

Sein Werk bestand bis zu „Mustererkennung“ aus vielen Storys und zwei Roman-Trilogien, der „Neuromancer“- und der „Idoru“-Trilogie. Alle Bücher sind bei |Heyne| erschienen. Doch „Mustererkennung“ erscheint bei einem Verlag, der nicht gerade für Science-Fiction bekannt ist, sondern vielmehr für Tolkien und andere Fantasy: bei |Klett-Cotta|.

Mehr Infos: http://www.williamgibsonbooks.com und http://www.williamgibson.de/

_Handlung_

Seit einiger Zeit tauchen im Internet geheimnisvolle Filmclips auf, die weltweit einen Kult ausgelöst haben. Auch Cayce Pollard fiebert jedem neuen Clip entgegen – doch was steckt dahinter?

Um zu verstehen, was das Thema des Buches ist, muss man zunächst die Hauptfigur Cayce Pollard verstehen, ihre spezielle Sensibilität, Tätigkeit und Welt. Die Dreißigjährige, deren Name zufällig genauso ausgesprochen wird wie Gibsons erster Held Case, ist eine hochbezahlte und auf geradezu unheimliche Weise intuitive Marketing-Beraterin. Sie sagt ihren Auftraggebern, ob ein Logo Erfolg verspricht oder ein Flop wird. Deshalb kennt sie sämtliche Logos aller Zeichen – und hat eine Meinung dazu. Eigentlich wohnt sie in New York City, doch ihr neuester Auftrag hat sie nach London geführt. Sie kann in der Wohnung ihres Freundes Damien wohnen, der zurzeit in Stalingrad mit russischen Helfern Soldatenleichen ausgräbt und seine makabre Arbeit auf Film festhält.

Gleich nach ihrer Ankunft in London (Camden Town) hat sie sich ins Netz eingestöpselt, um den neuesten Filmclip – Nr. 135 – herunterzuladen und die entsprechende Newsgroup abzufragen. Es gibt zwei Denk-Schulen: Entweder gehören die Clips zu einem bereits fertigen Werk, dessen Schnipsel nun die Welt peu à peu beglücken oder das Werk – ein Film? – befindet sich gerade im Aufbau, und die Welt darf gespannt zugucken, was dabei entsteht. Cayce hat sich noch nicht für eine der zwei konträren Ansichten entschieden, neigt aber zu letzter Ansicht.

Aber auch in London erweist es sich als unmöglich, dem Kultphänomen zu entgehen. Sie erfährt, dass ihr gegenwärtiger Auftraggeber „Blue Ant“ über eine Schwesterfirma Mundpropaganda über die Filmclips verbreiten lässt, um herauszufinden, wen die Info erreicht und über welche Wege. Dazu passt die Nachricht, dass auch die Urheber der Clips das Gleiche tun, allerdings auf andere Weise: Sie schmuggeln in die Clips elektronische „Wasserzeichen“ ein, um die Endabnehmer ermitteln zu können. Willkommen in der modernen Welt des Guerilla-Marketing!

Als Unbekannte in die Wohnung ihres Freundes eindringen und auf ihrem Computer eine Porno-Website abfrage, weiß Cayce, dass es um mehr gehen muss. Steckt diese unausstehliche Italienerein namens Dorotea Benedetti dahinter, die sogar Cayces ausgeprägte Phobie vor bestimmten Markenzeichen (der unsägliche Michelin-Mann!) gegen sie ausnutzt? Der Chef von |Blue Ant|, ein neureicher Belgier namens Hubertus Bigend, bittet sie, für ihn die Urheber der Kultclips ausfindig zu machen. Gegen Honorar, versteht sich. Er will diese Marketingmethode für Filmgeschäfte ausnutzen und wittert das große Geschäft.

Cayces Vater ist einer der Gründe, warum sie den Auftrag übernimmt. Wingrove Pollard war während des Kalten Krieges ein Sicherheitsguru, offenbar ein Ex-CIA-Agent, und lehrte seine Tochter einiges über Selbstverteidigung und Absicherung der Umgebung. Er nahm am 11. September 2001 ein Taxi Richtung World Trade Center. Er gilt als verschollen, doch seine Lebensversicherung betrachtet ihn nicht als tot. Cayce trauert noch immer um ihn, er erscheint in ihren Träumen. Von ihm hat sie zahlreiche ihrer Vorgehensweisen gelernt, die ihr beispielsweise bei der Sicherung der Wohnung zupass kommen.

Als sie diesen gefährlichen und unheimlichen Job für |Blue Ant| weiterverfolgt, führt sie ihr Weg erst nach Tokio und in die südenglische Provinz, schließlich nach Moskau zu den Urhebern der Filmeclips – eine sehr bewegende Begegnung, die an eine Epiphanie grenzt. Hilfe erhält sie von unerwarteter Seite, aber auch Verrat droht. Die Spur führt zu den Urhebern, aber auch über das Schicksal ihres Vaters erfährt Cayce endlich Genaueres.

_Mein Eindruck_

Die Handlung bewegt sich stets an der vordersten Front der Entwicklung des Internet, deshalb ist es für jeden Leser ratsam, sich in dieser Hinsicht auf den neuesten Stand zu bringen. Cayce ist ständig in einer Newsgroup, in der die zwei Denkschulen miteinander in Threads diskutieren, dann wieder entdeckt sie die Wasserzeichen und erfährt etwas über Steganografie. Auch Keylogger werden gegen Cayce eingesetzt, also versteckte Programme, die Tastatureingaben aufzeichnen und an unbefugte Dritte weiterleiten.

Brieffreunde erweisen sich als Freunde fürs Leben, Freunde erweisen sich als Verräter, und Feinde werden zu Überläufern, alles ist im Fluss. Das wichtigste Zitat des Buches auf Seite 78: |“Wir haben keine Zukunft, weil unsere Gegenwart so flüchtig ist. […] Wir haben nur das Risikomanagement. Den Spin des momentanen Szenarios. Mustererkennung.“| Grob zusammengefasst: Die Zukunft ist unkenntlich geworden, denn unsere Gegenwart lässt keine Gewissheiten mehr zu, nur noch Mustererkennung zwecks Risikobewältigung. Wir können uns auch nicht an die Vergangenheit unserer Großeltern halten, |“weil sie nicht genügend ‚Jetzt‘ als Grundlage hat.“|

|Mustererkennung|

Und genau darum geht es im ganzen Buch: um Mustererkennung. Cayces scharfer, von Papa geschulter Blick sortiert ständig ein und wertet. Globalisierte Unternehmen sind überall zu finden, da ist die Wertung einfach: McDonald’s, GAP, Prada, überall das Gleiche. Doch in England besteht ein einfacher Unterschied zu den USA: Es ist die Spiegelwelt. Man fährt links statt rechts. Das war’s. Um sich ihrer Identität zu versichern, ist es für Cayce lebenswichtig, die Artikel, die sie benutzt, jeder eigenen Identität zu berauben (sie entfernt die Etiketten) und zu verändern (trennt Nähte auf etc.). Wenn sie nicht gleich ultraseltene Artikel kauft.

Im Ozean des Ewiggleichen ist das Eigenständige, Individuelle aber nicht nur ein Boot für das Ego, sondern auch eine Herausforderung an die Gleichmacher. Und an die Machthaber. Zum Beispiel in der ehemaligen Sowjetunion. Cayce stößt daher als Frau des 21. Jahrhunderts auf Organisationen, die sich auf ihre angestammte Macht einiges zugute halten: die Mafia, der KGB, die alte CIA und wie sie alle heißen. Leichen aus dem Keller des Kalten Krieges, aber sie leben noch und machen ihr das Leben schwer. Das Einzige, was sich für sie in diesem Schatten-Kampf als hilfreich erweist, sind die Lehren ihres Vaters, der ja selbst ein Kalter Krieger war. Und der ihr einiges über Paranoia beigebracht hat.

|Epiphanie|

Es ist die gleiche Paranoia, die die Urheber der Filmclips gezwungen hat, sich verborgen zu halten und die Verbreitung ihrer Werke zu überwachen. Der Moment, als Cayce endlich die weiblichen Urheber der Clips, die die ganze Welt faszinieren, kennen lernt, bricht ihr schier das Herz. Ich kann hier nicht mehr verraten, doch das Schicksal der Urheber gleicht ihrem eigenen auf unheimliche Weise: Sie hat ihren Vater bei einem Anschlag verloren, sie haben ihre Eltern bei einem Anschlag verloren. Und nun erschaffen sie eine fiktive Welt, die die Gestalt eines Minensplitters hat. Und die Mine kam aus den USA….

Man merkt also: Hinter all der virtuellen Realität des Internet und den Schrecken der globalisierten Unternehmen befindet sich eine Welt, die von Schicksalen, Emotionen, Träumen und wildesten geistigen Verknüpfungen geprägt ist. Diese Dinge sind nicht nur sehr bewegend, sondern mitunter auch sehr komisch und erheiternd, eben menschlich. Und das vor allem macht die Lektüre des Buches zu einem Erlebnis, von dem man mehr haben möchte.

|Leserfahrung|

Ich habe das Buch in nur einer Woche gelesen. In jedem Kapitel wartet es etwas Neues, etwas Lustiges, etwas Bewegendes auf den Leser. Man erfährt mehr über den Zustand der eigenen Welt, als man aus einer ganzen Enzyklopädie erfahren könnte. Denn hier geht es nicht nur um die Dinge, die sich ändern, sondern vor allem um die Menschen, die mit den Veränderungen zurecht kommen müssen, durch Mustererkennung, durch Risikomanagement, entgegen der lockenden Paranoia.

|9/11|

Es ist auch ein wichtiges Buch über den elften September. Cayce hat den Fall der Türme gesehen, denn sie war damals in Manhattan, um ihren Vater zu treffen. Der Fall der Türme erschien ihr (wie auch mir) wie ein Film, den man in Hollywood ausgetüftelt hatte (auch Tom Clancy hatte das Szenario vorweggenommen). Sie suchte ihn auf den Wänden mit den Vermisstenanzeigen, doch der Fall eines Rosenblatts scheint für sie mehr über den Verlust auszusagen, als alle CNN-Berichte es tun könnten. Sie lässt Detektive nach ihrem Vater suchen, damit ihre Mutter endlich Lebensversicherung und Pension erhält. Vergeblich. Der Verlust bleibt durch die Ungewissheit eine offene Wunde. Sie schließt sich erst am Schluss.

Vielleicht sind durch diesen Einbruch der Irrealität in die Welt der gewohnten menschlichen Erfahrung die Filmclips für viele Menschen so wichtig geworden. Die Clips, die aus Moskau kommen, zeigen einzelne Menschen, dann wieder ein Liebespaar bei einem Kuss, in Bewegung, in höchstmöglicher Bildauflösung. Menschliche Begegnungen auf der Grundlage uralter Gewissheiten. Dies ist ein Versprechen auf Heilung. Und daher ist die Wirkung der gezeigten Szenen auch so groß.

Dass dem wirklich so ist, belegt in komödiantischer Darstellungsweise der Fall jenes japanisch-amerikanischen Mädchens in Kalifornien, dessen Bild einem japanischen Spieleprogrammierer zunächst als Kultfigur überlassen wird, um an eine bestimmte Geheimzahl heranzukommen. Das Mädchen ahnt nichts von der Transaktion. Doch als es tatsächlich die glühenden Liebesbriefe ihres „Verehrers“ zu Gesicht bekommt, verlässt sie sofort Kalifornien, um sich mit ihm zu treffen. Denn diese emotionale Wärme ist in einer Welt des Zufalls wertvoller als alles andere.

_Unterm Strich_

Zum ersten Mal verlässt William Gibson die mehr oder weniger ferne Zukunft, um seine Geschichte ganz in der Gegenwart anzusiedeln. Auch das Erzähltempus ist das Präsens. Der Leser kann also genau verfolgen, was passiert, es gibt kaum Sprünge, so als verfolge man ein (Web-) Tagebuch. Lediglich die zahlreichen E-Mails erzeugen Sprünge in Raum und Zeit, bringen Bewegung in die lineare Handlung, erzeugen Spannungspunkte.

Doch diese Kommunikation wird von Cayce Pollard ebenso in einem Zwielicht gesehen wie ihre gesamte Umgebung: Feinde, Verräter – sie könnten überall sein, wem kann sie trauen? Paranoia versus Vertrauen: Es gibt keine Gewissheit mehr, nur Mustererkennung. Das ist eine der Lehren dieser Geschichte. Eine andere ist die von der möglichen Bewältigung von Katastrophen wie dem 11. September, sei es in New York City, sei es in Moskau. Hier gelangt Mustererkennung, als reaktives Verhalten, zur Mustererzeugung, also zu kreativem Verhalten.

William Gibsons Roman ist spannend, bewegend, zuweilen etwas melancholisch und verrückt, doch am Ende steht die Hoffnung. Es ist in meinen Augen ein Meisterwerk, eines der ersten, das des 21. Jahrhunderts würdig ist.

_Die Übersetzung_

Die Übertragung von Gibsons Meisterwerk finde ich sehr gelungen. Da haben die beiden Übersetzerinnen saubere Arbeit abgeliefert. Da aber Übersetzen immer auch Interpretieren bedeutet, sollte sich der des Englischen mächtige Gibson-Fan unbedingt auch das Original ansehen, das es ja in einer preiswerten Taschenbuchausgabe gibt.

Das Einzige, was mich an der deutschen Ausgabe stört, ist die Schrifttype für die E-Mails, die allenthalben in den Text integriert sind. Während im Original die gut lesbare Schriftart Courier oder New Courier verwendet wird, hat man im Deutschen zur der Schriftart OCR (A oder B) gegriffen. OCR steht für „Optical Character Recognition“ und ist manchmal bei Strichcodes zu finden, weil maschinenlesbar. (Wer mit diesen Bezeichnungen nichts anfangen kann, öffne seinen Texteditor und durchsuche die Liste der Schriften, die dieser bereithält – ob auf Windows, Mac oder Linux, ist gleichgültig.)

Das ist aber genau der Punkt: Was für Maschinen gut ist, muss es noch lange nicht für Menschen sein. Obwohl also Courier und OCR Schriftarten mit festem Zeichenabstand sind, lässt die flüssige Lesbarkeit von OCR doch einiges zu wünschen übrig. Aber das ist mein subjektives Empfinden, und andere Leser mögen weniger streng urteilen.

|Das Titelbild|

…finde ich hingegen sehr gelungen. Es reflektiert genau, was der Autor aussagen will. Das ‚T‘ auf dem Titel findet sich sogar im Text wieder.