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Tad Williams – Stadt der goldenen Schatten (Otherland 1) (Hörspiel)

Auftakt zur Rettung der Welten

Tad Williams, der bisher vor allem durch seine Fantasy-Romane auffiel, legte mit „Otherland“ seinen ersten Abstecher in den Bereich der Science-Fiction vor. Das Hörspiel ist das Nonplusultra der deutschen Hörspielproduktionen. Ob es sich lohnt?

Der Autor

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein neuester Roman trägt den Titel [„Der Blumenkrieg“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539 Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

_Die wichtigsten Sprecher / Produktion_

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)

Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)

Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2

Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)

Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1

Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)

Joachim Kerzel spricht Einsiedlerkrebs, den letzten Otherland-Rebellen

Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft, sowie den Alten Mann (s. u.)

Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Newsfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte GEZ-/Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

|Walter Adler|

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen |Hörspielpreis der Kriegsblinden| für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

Von |Pierre Oser|

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Musik für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des |Tympano Hörbuch|-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u. a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_PERSONEN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren treten bereits in Band 1 auf, so etwa Olga Pirofsky.

Herr Sellars

Herr Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen.

Orlando

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwerkranker Junge. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“ alias Fredericks, über den er allerdings Überraschendes herausfindet.

Osiris

Osiris ist ein unglaublich reicher Mann, und er ist der älteste Mensch der Erde. Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes, und er ist der teuflische Schöpfer von Otherland. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt.

Jongleur

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt Otherland bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er hat die Rechnung ohne Dread gemacht.

Dread

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt, schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiels schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß.

Olga Pirofsky (nicht in Teil 1)

Olga Pirofsky ist eine unscheinbare Person. Aber da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

Der Andere (nicht in Teil 1)

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

!Xabbu

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

Paul Jonas

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

Renie Sulaweyo

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

Christabel

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

Beezle

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

_Handlung_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s. o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden -diese potenzielle Bedrohung möchte sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen.

Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

_Mein Eindruck_

Bleibt Williams zu Beginn noch recht konservativ und plausibel, was die technischen Möglichkeiten seiner Zukunftswelt angeht, begibt er sich zunehmend auf das Gebiet der Fantasy. Eine böse, außerweltliche Kraft steckt im Kern der Bruderschaft, und von den verschiedenen virtuellen Welten, durch die seine Charaktere stolpern, wirkt eine phantastischer als die andere.

Das beginnt bereits im Prolog. Paul Jonas, kurz vorm Durchdrehen in seinem Schützengraben, klettert einen Baum hinauf, der sich als Jacks Bohnenranke entpuppt, die ihn bis über die Wolken führt. Dort entdeckt er eine weiße Linie, die ihn zu einem Schloss geleitet, in dem eine buntgefiederte Vogelfrau in einem Käfig gefangen ist. Sie wird bewacht vom bösen Riesen, der hier der Alte Mann genannt wird. Dieser verschlingt Paul, der plötzlich ganz woanders landet, unter anderem in Alices Wunderland. War’s ein Traum? Aber nein: Paul hat eine kleine grüne Feder mitgebracht …

Mit diesen Fantasien, Märchen und anderen Fabulationen ist der Autor offensichtlich in seinem Element, und das Buch wird an diesen Stellen auch deutlich spannender und unterhaltsamer als beispielsweise auf den ersten paar hundert Seiten, in denen Renie dem Buschman !Xabbu, und damit gleichzeitig dem Leser, ein paar Lektionen darüber erteilt, wie Tad Williams‘ Vorstellungen von Virtueller Realität funktionieren. Hier erzählt uns der Autor wenig Neues über ein Thema, das in der Science-Fiction ja schon des Öfteren und häufig besser behandelt wurde. Zwar zeigt er später, dass er durchaus einige nette Einfälle hat, aber die Vorbereitungsphase gerät deutlich langweiliger als nötig. Immerhin ist diese Phase im Hörspiel auf kaum wahrnehmbare Minuten herausgekürzt – die Realität des Internet hat die Vision bereits eingeholt und somit kann die VR-Technik als bekannt vorausgesetzt werden. (Lediglich ein paar Details wie implantierte Sensoren stehen noch auf der Agenda der Forschung.)

Die Charaktere sind Williams‘ Stärke, sie haben sehr menschliche Schwächen und Bedürfnisse, und gerade der Kontrast zwischen dem spirituellen und naturverbundenen !Xabbu und Renie, die ganz praxisnah versucht, einfach nur ihre Familie durch- und ihren Bruder zurückzubringen, zeigt dies deutlich. Leider sind die Protagonisten auf mindestens vier getrennte Handlungsstränge verteilt, die alle um die Aufmerksamkeit des Lesers kämpfen. Andererseits sorgt dies für dauernde Abwechslung. „Otherland“ ist kein Hörspiel, das man bereits beim ersten Hören erfasst.

„Otherland: Stadt der goldenen Schatten“ ist der erste Teil einer Tetralogie. Da mag es kaum überraschen, dass am Ende des ersten Bandes ein ganzes Knäuel von unaufgelösten Handlungsfäden übrig bleibt. Überraschen könnte es aber, dass auch sonst kaum etwas passiert ist. Während die Figurenpaare versuchen, zum Kern der Verschwörung vorzudringen, bleiben sie leider meist Spielball des Geschehens. Nur selten bietet sich ihnen eine neue Einsicht oder gar die Möglichkeit zu handeln, beispielsweise dann, als sie den Einsiedlerkrebs aufspüren können: Er ist der letzte überlebende Programmierer von „Otherland“ und hat sich eine Freizone im Netz aufgebaut.

Immerhin, am Ende des Hörspiels kommen fast alle Figuren zusammen und stellen fest, dass sie gemeinsame Ziele haben. Aber das war’s dann auch schon, die Kernhandlung ist kaum ein Stück weiter vorangetrieben worden, und der Hörer fragt sich, worauf das wohl alles hinauslaufen wird.

„Otherland“ ist sicherlich nicht „Der Herr der Ringe“ des 21. Jahrhunderts – dazu ist es nicht bahnbrechend genug, und Cyberpunk-Science-Fiction à la Gibson ist es auch nicht, dazu sind die Charaktere zu stark in Gute und Böse polarisiert und die Geschichte mit zu vielen Fantasy-Elementen durchsetzt. Es ist wahrscheinlich mehr, denn es vereint all diese Richtungen in einem Amalgam der Erzähltraditionen. Könnte man das Universum der Literatur in einem „Otherland“ abbilden, so würden die Williams’schen Figuren durch etliche Länder dieses Universums ihren Weg suchen. Wohl dem, der eine Karte davon hat.

|Die Sprecher / Produktion|

Der Prolog weckt den Zuhörer gewissermaßen auf, reißt ihn heraus aus seinem Alltagstrott, hinein in die wüste und verwüstete Welt der Schützengräben: Granaten heulen heran und explodieren, Maschinengewehre rattern, ein Verwundeter brüllt und schreit seine Schmerzen in die Welt – es ist das pure Chaos. Mittendrin versucht der Gefreite Paul Jonas, so etwas wie Verstand zu behalten, doch als ein Unbekannter mit einer blütenweißen Zigarette auftaucht, will ihm das nicht mehr so recht gelingen … Nur der ewige Regen bleibt konstant.

SCHNITT. Ein Geräusch wie aus „The Matrix“ begleitet den abrupten Übergang zur ersten |Newsfeed|-Verlautbarung. Newsfeed ist ein Undergroundsender, der subversive Nachrichten verbreitet (gesprochen von A. Fröhlich). Es ist der Nachfolger zu all jenen verückten Weisen, die in den Science-Fiction-Romanen der sechziger und frühen siebziger Jahren auftauchten, etwa in John Brunners „Morgenwelt“-Klassiker. Newsfeed enthüllt die kalte, nackte und definitiv verrückte Wahrheit über den Planeten Erde 40 Jahre in der Zukunft, vom Jahre 1999 aus gesehen. Leider nähern wir uns dieser Vision mit affenartiger Geschwindigkeit und haben sie stellenweise schon fast erreicht.

SCHNITT. Eine Straßenszene vor der Technischen Hochschule, an der Renie lehrt. Ein Bombenanschlag hat heulende Sirenen und Schreie von Verwundeten auf den Plan gerufen, Renie irrt umher, dann steht unvermittelt der sanfte !Xabbu vor ihr. SCHNITT. Viel, viel später begeben sie sich auf der Suche nach Renies Bruder in eine von Mister J’s Spielhöllen. Hier wird VR real, hier wird’s Gestalt, wie Goethe sagt. Die Achterbahnfahrt beginnt, mit sehr seltsamen, aber interessanten Soundkulissen.

Es ist anzunehmen, dass alle diese Geräusche von Pierre Oser synthetisiert oder gesampelt und anschließend quasi zu einer Soundwelt komponiert wurden. Diese Welt ändert sich je nach Szene und Setting, also mal von Zukunftswelt, dann zu Schützengraben und weiter zu Thargors Fantasy-Ambiente. Die Frage ist, ob die Geräuschkulisse jeweils stimmig ist. Wir wollen ja keine MATRIX-Effekte in einer CONAN-Welt, oder? (Wäre aber ganz witzig.) Doch keine Bange – ich konnte keinerlei Patzer feststellen.

|Die Sprecher|

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa Joachim Kerzel oder Andreas Fröhlich (s. o.). Es ist angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner, und des Mädchens Christabel Sorensen, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

|Die Hörerfahrung|

Zunächst war ich vom ersten Hören des kompletten Hörspiels völlig erschlagen. Kopfweh ist noch eine der milderen Folgen der vollen Dosis von 334 Minuten „Otherland“ („nur“ fünfeinhalb Stunden). Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich mir die Mühe gemacht habe, die einzelnen Szenen auch in der Originalausgabe zu finden. Das kann ja nicht gut gehen.

Immerhin wurde mir sehr schnell klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde.

Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen? Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 50-55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen (sonst bestraft einen das Kopfweh). Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das ganz schön ermüden.

_Unterm Strich_

Auch wenn „Otherland: Die Stadt der goldenen Schatten“ inhaltlich sicherlich nicht schlecht ist, so habe ich persönlich zu ähnlichen Themen schon sowohl Spannenderes als auch Originelleres gelesen und gehört. Was vor allem beeindruckt, sind die Dimensionen des Hörspielprojektes, das Walter Adler unternommen hat. Aber ich darf mich nicht von Dimensionen – die Zahlen findet man auf den einschlägigen Webseiten des Buchhandels und des Verlags – beeindrucken lassen, denn schließlich geht es in erster Linie um die Qualität des Ergebnisses.

Diese Qualität erschließt sich, wie angedeutet, erst nach mehrmaligem Anhören des Ganzen. Aber schon beim ersten Mal sind eine Reihe zauberhafter Szenen im Gedächtnis haften geblieben, so etwa der Aufstieg ins Wolkenschloss des Alten Mannes, wo Paul Jonas auf die Vogelfrau stößt, die ihm viel, viel später in anderer Gestalt wieder erscheint. Denn es scheint das Prinzip der Permutation zu gelten: Eine Geschichte lässt sich in vielerlei Form erzählen, und die in ihr transportierten Figuren können in anderen Geschichten wieder auftauchen. So als gäbe es einen begrenzten Fundus, aus dem der Autor schöpfen könne, um verschiedene Gemälde daraus zu malen und sie miteinander zu verknüpfen (so ähnlich wie Roman und Hörspiel sich zueinander verhalten, wobei jede Form anderen Gesetzen gehorcht).

Walter Adler hat den berühmten roten Faden für vier verschiedene Handlungsstränge mit radikalen Kürzungen herausgearbeitet. Dadurch fällt es dem Hörer leichter, den vier Geschichten zu folgen: Orlando & Fredericks; Renie & !Xabbu, Christabel & Mr. Sellars sowie Paul & Gally. Dazwischen sind wieder Szenen der Gralsbruderschaft sowie der Newsfeed geschaltet. Doch folgt man Renie und !Xabbu, so ergibt sich ein Krimi, der genügend Spannung liefert, um den Hörer durch die gesamte Handlung voranzutragen. Die anderen Geschichten sind mal humorvoll, mal dienen sie der Erkenntnis, wieder andere sind so absurd-komisch wie „Alice im Wunderland“. Allerdings bleiben am abrupten Schluss viele Fragen offen – ein klassischer Cliffhanger. Denn dies ist nur das erste Viertel des gesamten Kunstwerks.

Die Ausstrahlung beginnt am 10. Oktober 2004 auf YouFM beziehungsweise HR2, also beim Hessischen Rundfunk. Viel Spaß!

Animierte Verlags-Homepage zum „Otherland“-Hörspiel:
http://www.hoerverlag.de/ws/otherland__ws/ws__otherland.htm
Mehr Infos: http://www.otherland.hr-online.de & http://www.hoerverlag.de

|Umfang: 334 Minuten auf 6 CDs|

Williams, Tad – Otherland 3: Berg aus schwarzem Glas

Das Hörspiel um die virtuelle Welt „Otherland“ geht in die dritite Runde. Der Hessische Rundfunk (hr2) hat es in Zusammenarbeit mit dem Münchner |Hörverlag| produziert. Regisseur und Hörspielbearbeiter Walter Adler ist ein alter Kämpe dieses Metiers und konnte die Crème de la Crème der deutschen Bühnenschauspielergeneration vors Mikro holen, von Rufus Beck und Dietmar Mues bis Nina Hoss und Sophie Rois. Aber ist das Ergebnis der Mühen auch spannend und unterhaltsam? Mal sehen …

_Der Autor_

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein vorletzter Roman trägt den Titel „Der Blumenkrieg“, danach kam letztes Jahr „Shadowmarch“ (August 2005 auf Deutsch erschienen). Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

|Rezensionen bei Buchwurm.info:|

[Otherland]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20
[Der brennden Mann]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=221 (Osten Ard)
[Der Blumenkrieg]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539
[Die Stimme der Finsternis]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1400
[Die Insel des Magiers]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1541

_Die Sprecher / Die Produktion_

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)
Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)
Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2
Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)
Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1
Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)
Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft, sowie den Alten Mann (s. u.)
Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Netfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

_Walter Adler_

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

_Von Pierre Oser …_

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Stücke für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des Tympano Hörbuch-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u. a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_FIGUREN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website http://www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren sind bereits in Band 1 aufgetreten, so etwa Olga Pirofsky und Calliope Skouros.

|Herr Sellars|

Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen. Seine beste Freundin ist die kleine Christabel.

|Orlando|

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwer kranker Junge, der unter Progerie leidet: vorzeitiger Alterung des Körpers. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“, über den er allerdings Überraschendes herausfindet. „Pitlith“ ist ein Mädchen namens Salome Fredericks. Ihr Agent Ramsay kann Kontakt mit Orlandos Agent Beezle (s. u.) aufnehmen.

|Felix Jongleur|

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt Otherland bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt, doch er hat die Rechnung ohne Dread gemacht.
Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes Osiris. Der Osiris-Mythos, der in „Otherland“ eine bedeutende Rolle spielt, besagt, dass der Gott von seinem Bruder Seth getötet wurde, doch seine Schwester Isis erweckte ihn wieder zum Leben und gemeinsam zeugten sie Horus, den falkenköpfigen Sonnengott. In „Otherland 2“ wird dieser Mythos umgedreht.

|Dread|

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiel schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß. Denn Dread leitet seinen Namen von MOR-DRED ab, dem illegitimen Sohn von König Artus und dessen Nemesis.

|!Xabbu|

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

|Paul Jonas|

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

|Renie Sulaweyo|

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

|Christabel|

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

|Beezle|

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

|Martine Desroubins|

Martine ist eine französische Rechercheurin, und sie ist gut. Seit ihrer Kindheit ist sie blind, aber sie kann Dinge fühlen, die andere nicht wahrnehmen. Im Alter von acht Jahren nahm sie an einem Experiment mit sensorischer Deprivation (Aussperren aller Sinneswahrnehmungen) teil: Tagelang war sie allein in einem dunklen Raum. Damals verlor sie ihr Augenlicht (aber nur psychisch, nicht physisch). In Otherland erinnert sich Martine nach und nach an ein seltsames Kind, mit dem sie damals im Dunkeln sprach.

|Die Zwillinge|

Schon im Prolog zu Teil 1 tauchen die Zwillinge als albtraumhafte Verfolger von Paul Jonas auf. Hier heißen sie Finch und Mullet, der eine dick, der andere dünn. In Teil 2 treten sie im Kontext des Buches „Der Zauberer von Oz“ als Blechmann (Tin Man) und Vogelscheuche (Scarecrow) auf.

|Calliope Skouros|

… ist eine Polizistin in Australien, die sich mit merkwürdigen Vorkommnissen im australischen Busch befasst. Sie fährt zu den Ureinwohnern und erfährt, wie es zu dem Mord an einem fünfjährigen Mädchen namens Merapanui kommen konnte. Ihren Chef Stan Chan interessiert das nicht die Bohne. Sollte es aber – Dread stammt aus Australien.

|Dulcinea Anwin|

… ist eine Auftragsmörderin und Agentin. Sie arbeitet u.a. für Dread.

|Olga Pirofsky|

Olga Pirofsky, 56, ist eine unscheinbare Person, doch hat sie eine interessante Leidengeschichte hinter sich – seit ihr Sohn Alexander starb, setzt sie sich für Kinder ein. Da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

|Der Andere|

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

_Vorgeschichte_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s. o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem Zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden – diese potentielle Bedrohung möchten sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen. Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

|Die Ereignisse in „Otherland 2: Fluss aus blauem Feuer“|

Alle Gruppen erfahren, was es mit dem „Fluss aus blauem Feuer“ auf sich hat. Er ist Verbindungsstelle, Grenze und Brücke zwischen einzelnen Simulationen, aus denen sich Otherland zusammensetzt. Jede Simulation hat zwei Gateways, an denen der Fluss ein- und wieder austreten kann. Es kommt also häufig darauf an, diese Gateways oder Pforten zu finden, beispielsweise um rechtzeitig einer Gefahr zu entkommen.

Die Schicksalsgemeinschaft, die Herr Sellars nach Otherland gerufen hat, wird schon bald getrennt und muss sich vielen Prüfungen stellen, ähnlich wie es im „Herrn der Ringe“ geschieht – ein Werk, das mehrere Male zitiert wird, so etwa von Orlando. Unerkannt befindet sich unter ihnen der Serienkiller mit dem passenden Namen Dread. Er will die Meister seiner Grals-Bruderschaft stürzen und sucht zu diesem Zweck entsprechende Informationen.

Renie und !Xabbu kämpfen mit riesenhaften Insekten und seltsamen Kreaturen in einer pervertierten Version der Welt des „Zauberers von Oz“. In einem tragischen Kampf wird einer der Gefährten als der maskierte Dread entlarvt (ich werde mich hüten zu verraten, um wen es sich handelt). Er flieht, nachdem er einen der Freunde getötet hat. Übrig bleiben außer Martine Desroubins noch Florimel, eine deutsche Frau, und der junge T4b (englisch ausgesprochen: ti for bi).

Paul Jonas gewinnt zunehmend mehr von seinem verlorenen Gedächtnis zurück. Er fühlt sich auf der Reise der Gruppe durch Otherlands zentralen Fluss von zwei unheimlichen Wesen verfolgt (siehe oben: „Die Zwillinge“). Ein gewisser Nandi Paradivasch verschafft ihm Gewissheit über seine Geschichte. Nandi gehört zu einer Organisation, die sich „Der Kreis“ nennt und die gegen die Gralsbruderschaft kämpft. Paul sei ein Gefangener in den Simulationen oder Sims, und der Mensch, der ihm das angetan habe, sei Felix Jongleur, sagt Nandi. Jongleur sei so alt, dass er wie Paul selbst den Ersten Weltkrieg erlebt habe. Er lebe in einem Anwesen in Louisiana und strebe das ewige Leben an. Paul erhält einen wichtigen Hinweis: Er muss zum Haus des Irrfahrers gehen und dort die Weberin befreien. Gemeint ist der Ort Ithaka, und dreimal darf man raten, welche Figuren gemeint sind.

Wer meint, all dies sei viel zu abgefahren, sollte sich mal die NetFeeds reinziehen. Diese Untergrund-Nachrichten aus der „realen“ Welt beleuchten schlaglichtartig, wie bizarr die Entwicklungen sein können, die wir bereits heute im Ansatz erkennen können. NetFeeds dienen als Pausenfüller und trennen wichtige Kapitel voneinander.

_Handlung von „Berg aus schwarzem Glas“_

Der Auftragskiller Dread ist in Otherland wieder auf die Spur von Renie und ihren Gefährten gestoßen. Er entführt Martine, und in den Tagen ihrer Gefangenschaft ahnt sie langsam, mit welch einem grausamen Feind sie es hier zu tun haben. Endlich gelingt es den anderen, Martine zu befreien, doch Dread schwört Rache.

Unterdessen kann seine Angestellte Dulcinea Anwin, eine EDV-Spezialistin, ihre Neugier nicht mehr bezähmen und kommt Dreads möderischen Vorlieben auf die Spur. Auch die australische Polizistin Calliope Skouros zieht das Netz um Dread immer enger. Orlando und Fredericks, seine Freundin, müssen in einem ägyptischen Tempel den Kampf mit einem Mächtigen der Gralsbruderschaft bestehen. Es steht auf Messers Schneide.

Die Gefährten begegnen sich in einer Simulation des Trojanischen Krieges wieder. Zwar sind Paul (eine Verkörperung von Odysseus), Fredericks, Orlando, Renie, !Xabbu, Martine, Florimel und T4b ungleich auf die gegnerischen Kriegsparteien verteilt, doch sie können gemeinsam fliehen. Die Freunde erreichen schließlichen den titelgebenden schwarzen Berg, auf dessen Gipfel ein gefesselter Riese liegt. Langsam begreifen sie, dass dies das Betriebssystem von Otherland, in dem sie sich befinden, sein muss – der Andere (s.o.). Es scheint ihm gar nicht gut zu gehen …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal hat sich Tad Williams der alten Mythen, Sagen und Legenden angenommen. Es ist im Grunde nur eine Handvoll neuer Simulationen (Sims), die es zu durchqueren gilt, doch erstens wechselt der Schauplatz ständig, und zweitens sind sie zunehmend miteinander verflochten. Da ist man nach einer Weile schon froh, wenn man es wieder einmal mit Vorgängen in der anerkannten „Realität“ zu tun bekommt. Dort agieren verschiedene Menschen in Richtung auf die Aufklärung von Dreads Verbrechen und was es mit dem Treiben der Gralsbruderschaft, das das weltweite Kindersterben verursacht, auf sich hat.

Dass der Autor auch Computerspiele entworfen hat, merkt man in der Mehrzahl der Sims deutlich: Stets gilt es Hindernisse zu bewältigen, Informationen zu sammeln, wichtige Gegenstände zu erwerben und schließlich die Prüfung zu bestehen. Ist dies alles bewältigt, so kann unter günstigen Umständen der Durchbruch zur nächsten Sim gelingen. Williams entwirft in „Otherland 3“ wunderschöne und bezaubernde Sims. Doch die Frage ist natürlich: Gibt es irgendeinen Fortschritt oder sind die Gefährten zu einer Unendlichkeitstour ohne Ziel verdammt?

Der Fortschritt ist von einer hohen Warte aus zu beobachten, sozusagen nach jedem Band. Nach dem Eintritt in Otherland versuchen sich die Gefährten zurechtzufinden. Das war in Teil eins, und in Teil zwei treten schon die ersten Konflikte auf. Außerdem wird die Vergangenheit in einem Ausmaß enthüllt und aufgedeckt, dass es dem Verräter unter den Gefährten nicht mehr gelingt, sich zu verstecken. Die wahre Natur von Otherland als die eines Konstrukts von alten machtgierigen Herrschaften, die nach Unsterblichkeit streben, wird erkennbar – nicht jedem und nicht im ganzen Ausmaß, doch die Lage ist als Bedrohung klar und deutlich erkennbar.

Aber es gibt diverse Helfer und Freunde in- und außerhalb Otherlands. Am faszinierendsten ist dabei jene junge Frau von ätherischer Schönheit, die Paul Jonas in unterschiedlicher Gestalt geleitet. In Teil drei überwindet er endlich seine künstliche Amnesie und er erkennt, um wen es sich bei ihr handelt. Auch Orlando offenbart sie sich – in Sim-Verkleidung – als Schutzengel.

In Band drei erweisen sich die wichtigsten Gefährten, wie etwa Paul Jonas, Orlando oder Renie Sulaweyo, als fähig, eine Gesamtlage zu erfassen, als sie in der Sim des Trojanischen Krieges auftauchen. Dort sind der Gefahren mächtig viele (tolle Actionszenen!), und das Überleben hängt manchmal von einer schnellen Reaktion ebenso ab wie von einem schnellen Gedanken oder Freund. Dass sie es dadurch zum Durchbruch auf eine zentrale Einheit Otherlands schaffen, kommt gerade noch rechtzeitig.

Denn auch die Gralsbruderschaft war nicht untätig. Sie bereitet den Übergang vom sterblichen Körper in die unsterbliche Inkarnation innerhalb Otherlands vor, wo sie als Gemeinschaft von ägyptischen Göttern unumschränkt und ewig zu herrschen erwartet – wozu sonst der Riesenaufwand? Allerdings gibt es da neuerdings ein paar Schwierigkeiten, von denen die Unternehmungen von Mr. Dread nur eine ist. Er will selbst die Herrschaft an sich reißen. Es bleibt spannend: Otherland muss enden – doch was wird dann aus unseren Gefährten?

_Die Sprecher / Die Produktion_

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa den rasant daherquasselnden Andreas Fröhlich als NetFeed-Nachrichtensprecher. (Er ist als deutsche Stimme von Edward Norton und John Cusack bekannt, sprach aber auch den Gollum im „Herr der Ringe“ und führte dort Dialogregie.)

Ich finde es angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner, und des Mädchens Christabel Sorensens, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

Die Soundeffekte erstrecken sich übrigens auch auf die Stimmen. Es gibt Stimmen, die irgendwie „wässrig“ klingen oder krächzen, als handle es sich um eine Krähe oder einen Geier. Beispielhaft findet diese Technik ihre Anwendung in Orlandos Kampf im Wüstentempel, wo er es mit diversen ägyptischen Göttern und ihren Schergen, den „Zwillingen“ (s. o.), zu tun bekommt. Auch Hall und Echo kommen zum Einsatz: „Otherland“ ist der Traum eines Toningenieurs, denn hier kann er zeigen, was sein Tonarchiv und die Kompositions-Software draufhaben.

Wie schon beim ersten Teil des Hörspiels wurde mir klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde. Auch das Ende ist wohl kürzer als im Buch. Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen?

Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel, Personal – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das etwas ermüden. Am besten ist es natürlich, das Hörspiel mehrmals zu genießen. Es finden sich bestimmt Details, die man zuvor überhört hat, und Zusammenhänge, die sich neu ergeben.

_Unterm Strich_

In Teil 3 kommt die Handlung ganz ordentlich voran und eine entscheidende Phase für das Schicksal von ganz Otherland ist erreichbar: Die böse Gralsbruderschaft initiiert das Ritual, mit dem sie die Herrschaft antreten will. Ob ihr das gelingt, wird die Fortsetzung erweisen. Es bleibt spannend.

Dass es solche Fortschritte gibt, ist für den Game-Laien nicht immer ersichtlich, weil so viele Handlungsstränge parallel geführt werden. Doch für Gamer, die Erfahrung mit komplexen Welten haben, ist „Otherland“ wahrscheinlich ein Klacks. Sie kennen die Funktionsweise der Sims im Schlaf, wissen, welche Entscheidungen Erfolg versprechen und auf welchem Level sie sich befinden. Leider wird weder im Buch noch im Hörspiel irgendeine Statistik ausgegeben, daher sind solche Gamer-Hilfen nicht vorhanden und der Zuhörer muss sich auf Erfahrungen aus Film (schnelle Schnitte) oder Radio (Sound, Effekte, Meldungen) verlassen.

In jedem Fall ist das Hörspiel „Otherland“ in seiner Gesamtheit eine Erfahrung der ganz besonderen Art. Wie hochwertig das Produkt eingestuft wird, zeigen auch die Gebrauchtpreise bei Ebay oder Amazon. Sie liegen weit über den üblichen Preisen für Audiobooks.

|Originaltitel: Otherland – Book 3: Mountain of Black Glass, 2001
330 Minuten auf 6 CDs
Mehr Infos: http://www.hoerverlag.de, http://www.otherland.hr-online.de, http://www.tadwilliams.de |

[NEWS] Ursula Poznanski – Cryptos

Kerrybrook ist Janas Lieblingswelt: ein idyllisches Fischerdorf mit viel Grün, geduckten Häuschen und einer Burgruine. Es gibt Schafe, gemütliche Pubs und vom Meer her weht ein kühler Wind. Manchmal lässt Jana es regnen. Meistens dann, wenn an ihrem Arbeitsplatz mal wieder die Kühlung ausfällt und es schon vor elf Uhr so heiß ist, dass man kaum mehr atmen kann.
Jana ist Weltendesignerin. Auf ihrem Desktop entstehen die alternativen Realitäten, in denen jeder spannende Abenteuer erleben kann, während er sich eigentlich in einer Art VR-Kapsel befindet. Denn in einer Wirklichkeit, in der das Klimasystem bereits gekippt ist, bleibt für die meisten Menschen nur die Flucht ins Virtuelle … (Verlagsinfo)


Ungekürzte Lesung mit Laura Maire
1 MP3-CD, ca. 12h 20min
der Hörverlag

Jo Nesbø (Nesbö) – Doktor Proktors Zeitbadewanne (Lesung)

Doktor Proktor:

1) „Doktor Proktors Pupspulver“ (2008)
2) _“Doktor Proktors Zeitbadewanne“_ (2009)
3) „Doktor Proktor verhindert den Weltuntergang. Oder auch nicht …“ (2010)

Lehrreiche Zeitscherze: Wie „Napoleon“ die Schlacht von Waterloo verhinderte

Doktor Proktor ist ein verrückter Professor. Na ja, beinahe vielleicht – eigentlich ist er ja ein genialer Erfinder! Doch nun ist etwas mit ihm geschehen. Eines Tages erhalten seine Freunde Lise und Bulle eine Postkarte von ihm, in der er behauptet, in der Zeit gefangen zu sein. Dabei ist er eigentlich nach Paris zurückgegangen, um die Liebe seines Lebens wiederzusehen. Als die beiden Kinder nach Paris reisen, ahnen sie nicht, was auf sie zukommt: eine unglaubliche Abenteuerreise durch die Zeit! (abgewandelte Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 8-10 Jahren.

Handlung

Dr. Proktor ist verschwunden. Deshalb sind seine Freunde Lise und Bulle sehr froh, dass sie eine Postkarte von ihm erhalten. Aber sie ist verschlüsselt und muss rückwärts gelesen werden, und sogar unter der uralten Briefmarke aus dem Jahr 1898 steht etwas. Ihr Freund behauptet, in der Zeit gefangen zu sein. Dabei ist er eigentlich nach Paris zurückgegangen, um die Liebe seines Lebens wiederzusehen, Juliette Margarine, die er dort kennengelernt hatte. Sie sollen schnell kommen, bittet er – und die Zeitseife mitbringen.

In Dr. Proktors finden sie alles Nötige: die verlangte Zeitseife, Franznasenklemmen, Instruktionen, eine Zeitbadewanne – und sogar eine siebenbeinige Spinne. Bulle nimmt zur Sicherheit noch Pupspulver mit. Er macht den Fehler, mit Lise zu wetten, sie können wie alle Mädchen nicht pupsen.

Als Nächstes besuchen sie einen Uhrenladen, wie der Doktor es wünschte. Eine große, hässliche Frau mit einem Holzbein, das mit einem Rollschuh versehen ist, begrüßt sie unfreundlich: „Macht, dass ihr rauskommt!“ Doch als sie ihr alte Briefmarke zum Kauf anbieten, ist sie interessiert. Lise verlangt 4000 Kronen, damit sie Flugtickets nach Paris kaufen kann. Ganz schön viel, findet die Frau, die sich Raspa nennt, aber sie zahlt. Wohin soll’s denn gehen? Nach Paris, verrät der vorlaute Bulle, bevor Lise ihn treten kann.

Doch auch in Paris ist kein Professor zu finden, wie die Wirtin der Pension Pommes Frittes bedauert sagt. Aber sie lässt sie in sein Zimmer. Dort finden sie die Zeichnung einer Zeitbadewanne mit zahlreichen Zahlen. Lise meint, das Geräusch eines Rollschuhs zu hören … Während sie zur Bibliothek geht, probiert Bulle die Funktionsfähigkeit der Zeitbadewanne aus: Er landet im Moulin Rouge des Jahres 1909 – klasse!

Doch Lise sieht sich verfolgt und versteckt sich. Es ist nur Juliette Margarine, die sie ja eigentlich sucht. Juliette sagt, sie habe die Postkarte per Zeitbadewanne geschickt. Doch auch die Freundin des Doktors wird verfolgt – von den Schergen ihres Mannes Claude Cliché, dem Verbrecherkönig von Paris. Denn Cliché habe ihren verarmten Vater gezwungen, sie ihm zu geben. Aber Cliché wollte bloß den Adelstitel ihrer alten Familie.

Doktor Proktor wollte sie 1969 vor diesem Schicksal bewahren und sie in Italien heiraten. Doch Cliché fing sie kurz vor der Grenze ab. An einer bestimmten Brücke hatten sie einen Unfall und wurden eingeholt. Sie log Viktor an, dies sei der Wagen ihres Vaters, und er fuhr weiter nach Italien. Drei Tage später heiratete sie Cliché, der eine Scheidung nie zulassen würde. Erst Viktors erneutes Erscheinen dieses Jahr ließ sie wieder hoffen. Denn mit der Zeitbadewanne könnten sie die Vergangenheit korrigieren, oder?

Zurück in der Pension treffen Lise und Juliette wieder Bulle, doch das Haus ist von Clichés Schergen umstellt. Den einzigen Ausweg bietet die Zeitbadewanne. So machen sich Lise und Bulle auf den Weg zurück ins Jahr 1969, wo Doktor Viktor Proktor inzwischen bemüht ist, den Dingen einen anderen Lauf zu geben. Doch wie Raspa bereits gewarnt hat: Nur der Tod kann die Geschichte ändern. Doch welche Rolle spielt sie?

Für Lise und Bulle beginnt eine turbulente und gefährliche Odyssee durch die Zeiten …

Mein Eindruck

Vom Jahr 1969 geht es weiter nach 1888 und von dort, mal zusammen, mal getrennt, in die Jahre 1815, wo Bulle die Schlacht von Waterloo verhindert, ins Jahr 1793, wo sie Dr. Proktor in letzter Sekunde vor der Guillotine retten. Noch wundersamer sind jedoch die Ereignisse des Jahres 1431, wo sie Jeanne d’Arc treffen. Durch die Machenschaften Raspas ist es zu einer unglücklichen Verwechslung Jeannes mit Juliette Margarine gekommen, die nun auf dem Scheiterhaufen steht, um als Hexe verbrannt zu werden! Können Sie sie retten?

Eine ernsthafte Botschaft

Für ein Kinderbuch ist dies eine erstaunliche komplexe Handlung. Und nicht nur das: Trotz aller Kapriolen und Bulle-Streichen verbirgt sich bis zuletzt eine ernste Botschaft in den Ereignissen. Die Geschichte mag in Stein gemeißelt sein, doch wer sie verändern will, der muss dafür sein Leben einsetzen. Deshalb kommt es immer wieder zu höchst brenzligen Situationen, die den Figuren diese Lektionen eindringlich vor Augen führt. Aber man kann gemäß dieser Regel auch zu einem Helden werden.

Eine Liebestragödie

Die geheimnisvolle Raspa war im Jahr 1969 die Hilfskraft des genialen Erfinders Doktor Viktor Proktor (klasse Name, finde ich) und erfand selbst die Zeitseife. Doch dann verliebte sich Viktor nicht etwa in sie, die sie ihn liebte, sondern in diese „Hexe“ von Juliette Margarine! Fortan verfolgte sie die beiden mit ihrem Hass. Sie war es auch, die Juliette zurück ins Jahr 1431 schickte – in den Kerker von Jeanne d’Arc, der sie verblüffend ähnlich sieht.

Diese Dreiecksgeschichte ist erstaunlich tragisch und ernst für ein solch lustiges Kinderbuch. Der junge Leser bzw. Hörer – der Verlag empfiehlt „ab 8 Jahren“ – lernt also auch etwas Nützliches über Herzensangelegenheiten und Freundschaften.

Komik

So viel Ernst verlangt als Gegengewicht auch viel Komik. Diese trägt der rothaarige, energische, einfallsreiche und stets unerschrockene Zwerg Bulle (sprich: bülle) bei. Er tritt als General Napoleon auf, lernt den belgischen Radfahrer Eddie Merckx kennen, trickst die Schergen von Claude Cliché – und bleibt Sieger, wenn er auch nie seine Klappe halten kann.

Sogar die blutdürstige Menge um das Schafott vermag er umzustimmen, indem er ihnen die Marseillaise, das Lied der Revolution, auf der Trompete vorspielt. In dieser Szene wird allerdings Marcel, der Trompeter, unvermittelt eingeführt und auch nicht erklärt, warum er wie ein Chinese das R mit dem L vertauscht. Aber wenigstens kann Lise beweisen, dass auch Mädchen gar mächtig pupsen können! Nötig ist nur eine entsprechende Dosis Dr. Proktors Astronautenpupspulver …

Das Booklet

… listet die Tracks auf und liefert ausführliche Informationen über den Autor und den Sprecher.

Der Autor

Jo Nesbø, geboren 1960, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker und gilt in seiner Heimat Norwegen als das neue Multitalent. Sein erster Roman „Das Fledermausmuseum“ wurde in Norwegen 1997 mit dem Riverton-Preis als bester Krimi des Jahres ausgezeichnet. Mit „Rotkehlchen“ gelang ihm der Durchbruch und seit der Veröffentlichung von „Die Fährte“ ist er ein Bestsellerautor. Inzwischen erscheinen seine Bücher in 14 Sprachen. (Verlagsinfo)

Der Sprecher

Andreas Schmidt macht sich und dem jungen Zuhörer (ab 8 Jahren) einen Spaß daraus, die Figuren ein wenig zu überzeichnen. So klingt Bulle (sprich: bülle) tatsächlich wie ein kleiner Dreikäsehoch, der ein wenig größenwahnsinnig wirkt, will er doch in der Schulkapelle die erste Trompete spielen. Tatsächlich ist Bulle der liebenswerteste Charakter des ganzen Stücks. Daneben verblassen selbst Dr. Proktor und vor allem Lise, die stets recht vernünftig wirkt, ebenso wie Juliette.

Dr. Viktor Proktor soll ja absichtlich wie ein „verrückter Professor“ wirken. Folglich darf er auch ein wenig durchgeknallt daherreden. Außerdem weist er einen leichten Akzent auf, der möglicherweise aus seinem Heimatland Frankreich stammt. Sein Gegenstück ist seine ehemalige Hilfskraft Raspa, die verschmähte Liebende. Die mittlerweile 40 Jahre älter gewordene Dame spricht einen rauen Akzent wie eine Slawin, und sie faucht oder kreischt oft. Wie sich aber herausstellt, ist sie keineswegs die Hexe, als die sie zunächst wirkt.

Geräusche und Musik gibt es keine, sodass ich hier keine Worte darüber verlieren muss. Nur an einer Stelle hörte ich ein Echo, ein seltener Soundeffekt.

Andreas Schmidt, geboren 1963 im Sauerland, spielte bereits mit elf seine erste Titelrolle in dem TV-Film „Alwin auf der Landstraße“. Er studierte zunächst Germanistik und Philosophie, wandte sich aber doch lieber der Schauspielerei zu und besuchte diverse Seminare. Sein Kinodebüt gab er 1987 in der überdrehten Komödie „Peng! Du bist tot!“. Für seine Leistung in „Pigs will fly“ wurde Schmidt 2003 für den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller nominiert. Erneut wurde er 2006 für „Sommer vorm Balkon“ vorgeschlagen. Seine jüngste Hauptrolle spielte er 2008 in der viel beachteten Tragikomödie „Fleisch ist mein Gemüse“. (Verlagsinfo)

Regie führte Ralf Ebel, die Technik steuerte Ahmed Chouraqui.

Unterm Strich

Wenn man eine Zeitreise unternimmt, wie es alle Hauptfiguren dieser Geschichte tun, dann lautet natürlich die erste Frage: Kann man so die Vergangenheit verändern? Immer heißt es, dass nur der Tod eines danach Strebenden die Geschichte verändern könne. Doch dass es auch Ausnahmen geben kann, lässt der Autor mit einem Augenzwinkern zu.

Jenseits aller rasanter Aktionen vermittelt er die Botschaft, dass man zumindest die Zukunft verändern kann – und das lässt uns hoffen. Immer wieder drohen tragische Unglücke in der Geschichte: die Schlacht von Waterloo, die Hexenverbrennung Jeanne d’Arcs und nicht zuletzt die Enthauptungen auf dem Platz der Revolution in Paris.

Hier wird die Geschichte als Ansammlung von Grausamkeiten und Tragödien präsentiert – ist das wirklich der Stoff für Achtjährige? Doch die abschreckenden Szenen sollen den jungen Hörer zum Umdenken bringen, damit er sich sagt, dass eine Schlacht vielleicht doch keine so tolle Sache ist, wie viele Hollywoodfilme immer behaupten.

Das Hörbuch

Obwohl die zentralen Figuren immer noch die gleichen sind, ist diese Lesung kein „Kasperletheater“ mehr. Vielmehr hat die überkandidelte und wendungsreiche Handlung eine zweite Ebene erhalten, die zum Nachdenken anregt. Beide Aspekte kann der Sprecher angemessen präsentieren.

4 Audio-CDs
Spieldauer: 251 Minuten
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Gelesen von Andreas Schmidt
ISBN-13: 9783867174046

http://www.hoerverlag.de

_Jo Nesbø bei |Buchwurm.info|:_
[„Das fünfte Zeichen“ (Hörbuch)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2768
[„Die Fährte“ (Hörbuch)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2939
[„Der Erlöser“ (Hörbuch)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4847
[„Schneemann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5347
[„Der Leopard“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6370

Franz Fühmann – Prometheus. Griechische Sagen (Hörspiel)

Prometheus‘ Geheimnis: das Experiment Mensch

Das Hörspiel des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) aus dem Jahr 2001 beruht auf den zwei Romanen „Prometheus. Die Titanenschlacht“ und „Prometheus. Die Zeugung“ des DDR-Autors Franz Fühmann (siehe unten).

Fühmann, schon immer ein Freund der literarischen Gattung Mythos, verarbeitet die ältesten griechischen Sagen über die Entstehung von Himmel und Erde, die Titanen, ihre Niederlage gegen die (neuen) Götter, das Schicksal des Prometheus und seine Erschaffung der Menschen. Wie es danach weiterging, muss man bei Gustav Schwab nachlesen, denn Fühmanns Romane blieben unvollendet.

Franz Fühmann – Prometheus. Griechische Sagen (Hörspiel) weiterlesen

Williams, Tad – Otherland 2: Fluß aus blauem Feuer

Käptn Fledderjans Attacke auf den Eisschrank

Das Hörspiel um die virtuelle Welt [„Otherland“]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20 geht in die zweite Runde. Der Hessische Rundfunk (hr2) hat es in Zusammenarbeit mit dem Münchner |Hörverlag| produziert. Regisseur und Hörspielbearbeiter Walter Adler ist ein alter Kämpe dieses Metiers und konnte die Crème de la Crème der deutschen Bühnenschauspielergeneration vors Mikro holen, von Rufus Beck und Dietmar Mues bis Nina Hoss und Sophie Rois. Aber ist das Ergebnis der Mühen auch spannend und unterhaltsam? Mal sehen …

_Der Autor_

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein vorletzter Roman trägt den Titel [„Der Blumenkrieg“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539 danach kam letztes Jahr „Shadowmarch“. Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

Die wichtigsten Sprecher / Produktion

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)
Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)
Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2
Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)
Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1
Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)
Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft sowie den Alten Mann (s.u.)
Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Netfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

_Walter Adler_

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

Von _Pierre Oser_

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Stücke für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des Tympano Hörbuch-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u.a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_FIGUREN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website http://www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren sind bereits in Band 1 aufgetreten, so etwa Olga Pirofsky und Calliope Skouros.

|Herr Sellars|

Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen. Seine beste Freundin ist die kleine Christabel.

|Orlando|

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwerkranker Junge, der unter Progerie leidet: vorzeitiger Alterung des Körpers. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“, über den er allerdings Überraschendes herausfindet. „Pitlith“ ist ein Mädchen namens Salome Fredericks. Ihr Agent Ramsay kann Kontakt mit Orlandos Agent Beezle (s. u.) aufnehmen.

|Felix Jongleur|

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt |Otherland| bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt, doch er hat die Rechnung ohne Dread gemacht. — Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes Osiris. Der Osiris-Mythos, der in „Otherland“ eine bedeutende Rolle spielt, besagt, dass der Gott von seinem Bruder Seth getötet wurde, doch seine Schwester Isis erweckte ihn wieder zum Leben und gemeinsam zeugten sie Horus, den falkenköpfigen Sonnengott. In „Otherland 2“ wird dieser Mythos umgedreht.

|Dread|

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiel schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß. Denn Dread leitet seinen Namen von MOR-DRED ab, dem illegitimen Sohn von König Artus und dessen Nemesis.

|!Xabbu|

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

|Paul Jonas|

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

|Renie Sulaweyo|

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

|Christabel|

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

|Beezle|

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

|Martine Desroubins|

Martine ist eine französische Rechercheurin, und sie ist gut. Seit ihrer Kindheit ist sie blind, aber sie kann Dinge fühlen, die andere nicht wahrnehmen. Im Alter von acht Jahren nahm sie an einem Experiment mit sensorischer Deprivation (Aussperren aller Sinneswahrnehmungen) teil: Tagelang war sie allein in einem dunklen Raum. Damals verlor sie ihr Augenlicht (aber nur psychisch, nicht physisch). In Otherland erinnert sich Martine nach und nach an ein seltsames Kind, mit dem sie damals im Dunkeln sprach.

|Die Zwillinge|

Schon im Prolog zu Teil 1 tauchen die Zwillinge als albtraumhafte Verfolger von Paul Jonas auf. Hier heißen sie Finch und Mullet, der eine dick, der andere dünn. In Teil 2 treten sie im Kontext des Buches „Der Zauberer von Oz“ als Blechmann (Tin Man) und Vogelscheuche (Scarecrow) auf.

|Calliope Skouros|

… ist eine Polizistin in Australien, die sich mit merkwürdigen Vorkommnissen im australischen Busch befasst. Sie fährt zu den Ureinwohnern und erfährt, wie es zu dem Mord an einem fünfjährigen Mädchen namens Merapanui kommen konnte. Ihren Chef Stan Chan interessiert das nicht die Bohne. Sollte es aber – Dread stammt aus Australien.

|Dulcinea Anwin|

… ist eine Auftragsmörderin und Agentin. Sie arbeitet u.a. für Dread.

|Olga Pirofsky|

Olga Pirofsky, 56, ist eine unscheinbare Person, doch hat sie eine interessante Leidengeschichte hinter sich – seit ihr Sohn Alexander starb, setzt sie sich für Kinder ein. Da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

|Der Andere| (nicht in Teil 1)

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

Weitere Figuren: Neanderthaler, Azteken, Piraten, Häuptling Starke Marke, Mutanten, Rieseninsekten, Klone, drei blinde Mäuse, ein ägyptischer Werwolf namens Upu-aut und viele andere.

_Vorgeschichte_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s.o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem Zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden – diese potenzielle Bedrohung möchte sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen. Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

_Handlung_

Die mehrsträngige Handlung wird ebenso breit angelegt fortgesetzt, wie man das aus dem [ersten Teil kennt. Die Abenteurer sind weiterhin in der gefährlichen virtuellen Welt Otherland gefangen. Alle Gruppen erfahren, was es mit dem „Fluss aus blauem Feuer“ auf sich hat. Er ist Verbindungsstelle, Grenze und Brücke zwischen einzelnen Simulationen, aus denen sich Otherland zusammensetzt. Jede Simulation hat zwei Gateways, an denen der Fluss ein- und wieder austreten kann. Es kommt also häufig darauf an, diese Gateways oder Pforten zu finden, beispielsweise um rechtzeitig einer Gefahr zu entkommen.

Die Schicksalsgemeinschaft, die Herr Sellars nach Otherland gerufen hat, wird schon bald getrennt und muss sich vielen Prüfungen stellen, ähnlich wie es im „Herr der Ringe“ geschieht – ein Werk, das mehrere Male zitiert wird, so etwa von Orlando. Unerkannt befindet sich unter ihnen der Serienkiller mit dem passenden Namen Dread. Er will die Meister seiner Grals-Bruderschaft stürzen und sucht zu diesem Zweck Informationen.

Renie und !Xabbu kämpfen mit riesenhaften Insekten und seltsamen Kreaturen in einer pervertierten Version der Welt des „Zauberers von Oz“. In einem tragischen Kampf wird einer der Gefährten als der maskierte Dread entlarvt (ich werde mich hüten zu verraten, um wen es sich handelt). Er flieht, nachdem er einen der Freunde getötet hat. Übrig bleiben außer Martine Desroubins noch Florimel, eine deutsche Frau, und der junge T4b (englisch ausgesprochen: ti for bi).

Paul Jonas gewinnt zunehmend mehr von seinem verlorenen Gedächtnis zurück. Er fühlt sich auf der Reise der Gruppe durch Otherlands zentralen Fluss von zwei unheimlichen Wesen verfolgt (siehe „Die Zwillinge“). Ein gewisser Nandi Paradivasch verschafft ihm Gewissheit über seine Geschichte. Nandi gehört zu einer Organisation, die sich „Der Kreis“ nennt und gegen die Gralsbruderschaft kämpft. Paul ist ein Gefangener in den Simulationen oder Sims, und der Mensch, der ihm das angetan hat, sei Felix Jongleur. Jongleur sei so alt, dass er wie Paul selbst den Ersten Weltkrieg erlebt habe. Er lebe in einem Anwesen in Louisiana und strebe das ewige Leben an. Paul erhält einen wichtigen Hinweis: Er muss zum Haus des Irrfahrers gehen und dort die Weberin befreien. Gemeint ist der Ort Ithaka, und dreimal darf man raten, welche Figuren gemeint sind.

Doch nicht alles ist bierernst. Unterdessen bestehen Orlando alias Thargor und seine Freundin Fredericks die Gefahren, die sie in einer Comic-Küchenwelt erwarten: Comic-Indianer, Suppenterrinen-Piraten und wild gewordenes Gemüse. Den Höhepunkt dieser Episode bildet der heroische Angriff auf den Eisschrank, wo sie im Tiefkühlfach eine unheimliche Entdeckung machen. Ein Hinweis schickt sie zu „den Mauern Ilions“. Dies meint das alte Troja [(Ilium).]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346

Nach der Eisschrank-Heldentat gelangen sie in eine Sim des alten Ägypten, wo ein Werwolf sie aufs Kreuz legt und sie in der Wüste zurücklässt. Wieder erscheint ihm die Vogelfrau, und sein Software-Agent bildet einen unsicheren Kontakt zur realen Welt. Orlando erlaubt Beezles Kontakt, dem Agenten von Fredericks (Ramsay), dass seine, Orlandos, passwortgeschützte Dateien geöffnet werden. Der Anwalt Decatur Ramsay macht die Bekanntschaft von Olga Pirofsky, die als Darstellerin einer Netz-Show für Kinder arbeitet. Allerdings verursacht ihr die Tätigkeit in letzter Zeit rasende Kopfschmerzen, und sie beschließt, den Ursprung der Krankheit, der die Kinder zum Opfer fallen, aufzuspüren.

Immerhin verdichten sich die Informationen, die man als Leser/Hörer über die Grals-Bruderschaft erhält, und aus den bislang anonymen „bad guys“ schälen sich einzelne Personen und deren Motive heraus. Weiterhin bleiben eine Menge Fragen offen, etwa jene nach der Identität und Eigenart der schwarzen Pyramide (die wohl der „Berg aus schwarzem Glas“ des 3. Bandes ist). Für Kenner der Literatur ist jetzt schon abzusehen, dass im 3. Teil der Trojanische Krieg eine zentrale Rolle spielen dürfte.

Wer meint, all dies sei viel zu abgefahren, der sollte sich mal die NetFeeds reinziehen. Diese Untergrund-Nachrichten aus der „realen“ Welt beleuchten schlaglichtartig, wie bizarr die Entwicklungen sein können, die wir bereits heute im Ansatz erkennen können, zum Beispiel die Frage: „Was ist echt und authentisch, wenn sich alles simulieren lässt?“ Außerdem ist die Rede von einer AIDS-ähnlichen Seuche, die „Bukavu“ genannt wird. NetFeeds dienen als Pausenfüller und trennen wichtige Kapitel voneinander.

_Mein Eindruck_

Es bestehen keine Zweifel hinsichtlich der literarischen Qualität von Williams‘ erzählerischen Fähigkeiten: Sein Stil ist lyrisch bis humorvoll, seine Charaktere äußerst detailliert wiedergegeben und entwickelt. Nur der Plot könnte noch ein wenig straffer gehandhabt werden. So aber kommt der Eindruck auf, als ob die virtuellen Landschaften, mit denen sich die Gruppe auseinandersetzen muss, nach einer Weile beliebig werden – man weiß zudem schon im Voraus, dass die Leute gerettet werden, natürlich nur in letzter Sekunde. Dieses Muster wird zu sehr strapaziert. Und der Plot hat eine gefährliche Ähnlichkeit mit den auch nicht so realen Welten in Stephen Kings Zyklus um den [„Dunklen Turm“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=822

Immerhin stellt Williams in der Verkleidung seiner Geschichte ein paar ernste Fragen, u. a. „Was sind die ethischen Überlegungen einer Künstlichen Intelligenz (KI)?“, „Was ist Wahrnehmung?“, „Was ist das Wesen von Gut und Böse in einer virtuellen Welt?“, „Was ist hier ein Leben wert?“ Und so schnell, wie sich die Computertechnologie und das Internet Richtung Cyberspace entwickeln, erscheinen die Fragen durchaus relevant. Philip K. Dick hat sie zum Teil bereits gestellt (vgl. „Total Recall“ und [„Blade Runner“).]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=197 Insofern geht Williams in den Gefilden des Existentialismus weiter als Dick und in Sachen Cyberspace weiter als Gibson. Schon jetzt lässt sich daher sagen, dass der Otherland-Zyklus – Williams empfiehlt, ihn als vier Teile eines einzigen Buches zu lesen – ein bedeutendes Werk des Science-Fiction-Genres ist. Man muss ja nicht gleich einen Klassiker daraus machen, wie das bereits manche Leser zu sagen wagen.

_Die Sprecher_

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa Rufus Beck (als „Häuptling Starke Marke“) oder Andreas Fröhlich (NetFeed-Nachrichtensprecher).

Ich finde es angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner und des Mädchens Christabel Sorensens, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

Wie schon beim ersten Teil des Hörspiels wurde mir klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde. Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen?

Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 50-55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen (sonst bestraft einen das Kopfweh). Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das ganz schön ermüden.

_Unterm Strich_

Walter Adler hat den berühmten roten Faden für vier verschiedene Handlungsstränge mit radikalen Kürzungen herausgearbeitet. Dadurch fällt es dem Hörer leichter, den vier Geschichten zu folgen: Orlando & Fredericks; Renie & !Xabbu, Christabel & Mr. Sellars sowie Paul & Gally. Dazwischen sind wieder Szenen der unheimlichen Gralsbruderschaft sowie der NetFeed aus der Realwelt geschaltet.

Doch folgt man Renie Sulaweyo und dem Buschmann !Xabbu, so ergibt sich ein Krimi, der genügend Spannung liefert, um den Hörer durch die gesamte Handlung voranzutragen. Paul Jonas‘ Geschichte hingegen ist eine Tragödie, deren Ausmaße sich nur ganz allmählich enthüllen und die viel mit Kindern zu tun hat. Die anderen Geschichten sind mal humorvoll, mal dienen sie der Erkenntnis, wieder andere sind so absurd-komisch wie „Alice im Wunderland“, so etwa der witzige Angriff auf den Eisschrank.

|Ausblick|

Allerdings bleiben am abrupten Schluss viele Fragen offen – ein klassischer Cliffhanger. Denn dies ist nur das zweite Viertel des gesamten Kunstwerks. Die Fortsetzung soll im Juni veröffentlicht werden. Sie verspricht nach allem, was ich darüber gelesen habe, sehr dramatisch zu werden. Denn nun macht Felix Jongleur alias Osiris Ernst: Er will Otherland als sein Herrschaftsgebiet übernehmen und sich und seinen „Brüdern“ das ewige Leben verschaffen. Wenn er sich da mal nicht getäuscht hat.

|329 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Otherland – Book 2: River of Blue Fire, 1998
Mehr Infos unter: http://www.hoerverlag.de & http://www.otherland.hr-online.de |

[NEWS] STAR WARS IX. Der Aufstieg Skywalkers

Das Finale der Skywalker-Saga, erzählt für Kinder

Etwas ist erwacht. Jede Generation hat eine Legende. Niemand geht je wirklich.

Die über 42 Jahre erzählte Skywalker-Saga um Luke, Leia und den Kampf gegen die dunkle Seite der Macht findet mit Episode IX ihr gigantisches Finale. Wird der Widerstand um Rey und Finn die erste Ordnung und Kylo Ren besiegen können? Der Kinoblockbuster erstmals für Kinder erzählt – gelesen von der Synchronstimme von Pilot Poe Dameron. (Verlagsinfo)

Ungekürzte Lesung auf 1 MP3-CD
Dauer: ca. 5 Std.
Sprecher: Alexander Doerung
der Hörverlag

 

Angie Sage – Septimus Heap – Magyk (Lesung)

Genialer Vortrag einer Durchschnitts-Fantasy

In der Burg wütet der fürchterliche Zauberer DomDaniel, der den Turm der Zauberer erobert hat und eine Herrschaft des Schreckens errichtet. Der Einzige, der ihn aufhalten könnte, ist Septimus Heap. Denn er verfügt als siebter Sohn eines siebten Sohns (wie sein Name schon sagt) über große magische Kräfte. Aber wo steckt Septimus? Ist er tatsächlich bei seiner Geburt gestorben, wie die Hebamme behauptet, oder wurde er sogar entführt? Und warum lässt DomDaniel ohne Unterlass nach der Tochter der ermordeten Königin fahnden?

Das magische Abenteuer wird vom Verlag ab elf Jahren empfohlen.

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Jules Verne / Leonhard Koppelmann – Reise zum Mittelpunkt der Erde (inszenierte Lesung)

Mit Kino-Feeling: Begegnung mit dem Meeresmonster

Professor Otto Lidenbrock, ein kauziger Experte in Sache Steine und Mineralien, findet in einem alten isländischen Buch eine Wegbeschreibung ins Erdinnere. Mit seinem Neffen Axel und dem einheimischen Führer Hans steigt er durch einen isländischen Vulkankrater hinab und entdeckt eine atemberaubende unterirdische Welt voll faszinierender Landschaften und Lebewesen. (ergänzte Verlagsinfo)

Der Autor

Jules Verne / Leonhard Koppelmann – Reise zum Mittelpunkt der Erde (inszenierte Lesung) weiterlesen

Heather Amery – Meine große Kinderbibel

Worum gehts?

Bibelgeschichten aus dem Alten und dem Neuen Testament für kleine Hörer.
Auf dieser CD erhalten sowohl Kinder als auch Erwachsene einen neuen Blick auf die Bibel. Die Geschichten reichen von der Erschaffung der Erde, der Menschheit bis hin zum Tod und der Auferstehung Jesu. Somit stellt diese Audio CD von Heather Amery ein ganzheitlich christliches Werk dar.

Heather Amery – Meine große Kinderbibel weiterlesen

[NEWS] Ali Sparkes – Die Verschwörung (Die Nachtflüsterer 3)

Band 3 der Reihe um die drei Tierflüsterer – Action und Spannung für Kinder ab 10!

Elena, Matt und Tima sind Nachtflüsterer, sie können alle Sprachen verstehen. Auch die der Tiere. Gemeinsam mit ihren tierischen Freunden konnten sie schon viele Gefahren für Mensch und Tier abwenden. Doch als plötzlich im städtischen Krankenhaus Kinder auf mysteriöse Weise verschwinden, stehen die Nachtflüsterer vor einem Rätsel. Ihre Nachforschungen laufen allesamt ins Leere. Diesmal brauchen sie die Hilfe von Spin. Spin, der Junge, der das Licht scheut und immer genau dann auftaucht, wenn man am wenigsten mit ihm gerechnet hat. Was ist sein Geheimnis? Und wer ist er überhaupt? Ein Vampir? (Verlagsinfo)

Gekürzte Lesung
Sprecher: Oliver Rohrbeck
der Hörverlag

 

[NEWS] Melanie Raabe – Die Wälder

Die Wälder, das bedeutet: kein Zurück mehr. Keine anderen Menschen mehr. Kein verlässlicher Handyempfang mehr. Die Wälder, das bedeutet: Ab jetzt bist du auf dich gestellt.
Als Nina die Nachricht erhält, dass Tim, ihr bester Freund aus Kindertagen, unerwartet gestorben ist, bricht eine Welt für sie zusammen. Vor allem, als sie erfährt, dass er sie noch kurz vor seinem Tod fast manisch versucht hat, zu erreichen. Und sie ist nicht die Einzige, bei der er sich gemeldet hat. Tim hat ihr nicht nur eine geheimnisvolle letzte Nachricht hinterlassen, sondern auch einen Auftrag: Sie soll seine Schwester finden, die in den schier endlosen Wäldern verschwunden ist, die das Dorf, in dem sie alle aufgewachsen sind, umgeben. Doch will Nina das wirklich? In das Dorf und die Wälder zurückkehren, die sie nie wieder betreten wollte … (Verlagsinfo)

Gekürzte Lesung auf 1 MP3-CD
Spieldauer: 580 Min.
Sprecherinnen: Melanie Raabe, Anna Schudt
der Hörverlag

[NEWS] Lucy Foley – Neuschnee

Neun Freunde. Eine Hütte in den Highlands. Viele Geheimnisse. Eine Leiche.

Winter in den schottischen Highlands: Neun Freunde verbringen den Jahreswechsel in einer abgelegenen Berghütte. Sie feiern ausgelassen, erkunden die eindrucksvolle Landschaft und gehen auf die Jagd – doch was als ein unbeschwerter Ausflug beginnt, wird bitterer Ernst, als heftiger Schneefall das Anwesen von der Außenwelt abschneidet.
(Verlagsinfo)

MP3-CD, ca. 10:40 Std. Laufzeit
Leicht gekürzte Lesung mit Florens Schmidt, Maja Maneiro, Heike Warmuth, Sandrine Mittelstädt, Monika Oschek

der Hörverlag
 

[NEWS] Michael Robotham – Schweige still (Cyrus Haven 1)

Seine Kindheit birgt ein schweres Trauma, sein Leben hat er dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet: Der Psychologe Cyrus Haven berät die Polizei bei der Aufklärung von Gewaltverbrechen. Während er einen brutalen Mordfall untersucht, lernt Cyrus Evie Cormac kennen. Evie, die als Kind aus den Fängen eines Entführers gerettet wurde, ist zu einer hochintelligenten, aber unberechenbaren jungen Frau herangewachsen. Und verfügt über ein untrügliches Gespür dafür, wenn jemand lügt. Als Cyrus‘ Ermittlungen sich zuspitzen, bringt sie damit nicht nur sich selbst in tödliche Gefahr … (Verlagsinfo)

Gekürzte Lesung auf 1 MP3-CD
Laufzeit: ca. 8 Std.
Sprecher: Norman Matt
der Hörverlag

 

Leon, Donna – Verschwiegene Kanäle (Lesung)

In Commissario Brunettis zwölftem Fall steht eine zwielichtige Militärakademie im Mittelpunkt des Geschehens. Eines Morgens findet man dort im Duschraum den Kadetten Ernesto Moro erhängt auf. Ein Skandal, der unbedingt vertuscht werden muss. Also war es Selbstmord. Doch Brunetti ist anderer Ansicht. Und beißt auf Granit.

_Die Autorin_

Donna Leon, geboren 1942 in New Jersey, ging mit 23 Jahren nach Italien, um in Perugia und Siena zu studieren (wunderschöne Städte!). Sie arbeitete im Anschluss daran als Reisebegleiterin in Rom, als Werbetexterin in London und als Lehrerin in an amerikanischen Schulen in Europa und Asien. Gegenwärtig lehrt sie laut Verlagsinfo englische und amerikanische Literatur an einer Uni in der Nähe von Venedig, wo sie seit 1981 lebt. Ihre Krimis mit Commissario Brunetti sind weltweit Bestseller. Sie werden in Deutschland exklusiv vom ZDF verfilmt, u. a. mit Joachim Król in der Titelrolle („Nobiltà“).

_Die Produktion_

Hannelore Hoger (Erzählerin), Christian Brückner (Brunetti), Andrea Sawatzki (Signorina Elettra) u. a.
Hörspielbearbeitung und Regie: Corinne Frottier
Musik: Mario Schneider
Produktion: WDR Köln, 2004

_Handlung_

In der exklusiven venezianischen Militärakademie San Martino finden die Kadetten eines Morgens einen ihrer Kameraden erhängt im Duschraum auf. War es Selbstmord? Ernesto Moro hat den Hals in einer Seilschlinge, auf dem Boden liegt umgekippt ein Stuhl – ziemlich eindeutige Hinweise. Wenn da nicht die Kratzspuren an den Wänden der Duschkabine wären.

Die geben auch Commissario Guido Brunetti (Brückner) zu denken. Aber davon will Commandante Bempo, der Leiter der Militärschule nichts wissen. Und da die meisten Kadetten noch minderjährig sind, soll Brunetti bloß nicht versuchen, sie ohne Zustimmung ihrer Eltern zu verhören.

Ernesto Moro war 17, als er zu Tode kam, auf welche Weise auch immer. Er war der Sohn des ehemaligen Abgeordneten Dottor‘ Fernando Moro, der sich, in untröstlicher Trauer, überhaupt nicht vernehmen lassen will. Bleiben also nur noch andere Informations-Kanäle, möglichst verschwiegene. Prompt wird Brunettis Sekretärin Signorina Elettra (Sawatzki) fündig, wie auch immer. Anno 2002 hatte die Signora Moro eine Art Jagdunfall.

Eine „Art Unfall“?? Elettra und Brunettis Frau stöbern über weitere Kanäle die getrennt lebende Gattin Moros auf: Der „Jagdunfall“ war natürlich keiner, denn der Schütze hatte sich weder gemeldet noch entschuldigt. Seitdem braucht die Signora einen Rollstuhl. Sie ist sicher, dass sich ihr Sohn nicht umgebracht hat. Sein Tod war ebenso wie der Anschlag auf sie eine Warnung. Wovor?

Vor ein paar Jahren saß Moro einem Parlamentsausschuss vor, der die Korruption im Gesundheitswesen untersuchte. Er förderte eklatante Veruntreuungen zutage, und ebenso deckte Moro später auch im Bereich der militärischen Versorgung Interessenskonflikte auf. Zwei der Ausschussmitglieder hatten Aktien der liefernden Firmen.

Ist es nur ein böser Zufall, dass genau diese zwei Ausschussmitglieder, Colonel Toscano und Major Filippi, selbst oder über ihre Kinder an der Militärschule von San Martino vertreten sind – und dort auf Ernesto Moro stießen?

Brunetti mag ja ein Schlaukopf sein und über exzellente Informationskanäle verfügen, doch er hat noch einige harte Nüsse zu knacken, bis ihm das Ausmaß der Gefahr für die Familie Moro völlig klar wird …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal versetzt uns Donna Leon in die Lagunenstadt und umhüllt uns mit dem speziellen Zauber der „serenissima“. Wir folgen Brunetti und der Erzählerin über die diversen Piazzas, über kleine und große Kanäle, an Palazzi und Kirchen vorüber, bis wir ins mysteriöse Viertel der Giudecca gelangen, wo die Militärakademie San Martino die Umgebung beherrscht – und ihre sämtlichen Insassen, so kommt es Brunetti vor.

Doch wer nicht über das Hauptportal hineingelangt, nimmt – über „verschwiegene Kanäle“ – den Hintereingang, um herauszufinden, was hier eigentlich vor sich geht. Nicht nur der Commandante Bempo ist Brunetti gegenüber ein Geheimniskrämer und der Dottor‘ Moro sowieso, nein, auch Brunettis eigener Chef, Vicequestore Patta, würde den Fall am liebsten schon gestern zu den Akten legen. Bloß kein Aufsehen, bloß keinen Skandal! Es muss ein Selbstmord gewesen sein, nicht wahr, Commissario?

Wenn es nicht die Frauen gäbe, wäre Brunetti wohl wirklich ziemlich aufgeschmissen. Doch ihre Solidarität, wenn es um die Unterstützung der Gerechtigkeit geht, scheint keine Grenzen zu kennen. Nicht nur Signorina Elettra lässt ihre Verbindungen spielen, auch Paola, Brunettis Gattin mit den wahrhaft magischen Kochkünsten, kennt die eine oder andere Freundin aus der venezianischen Gesellschaft. Nicht nur Signora Moro selbst erteilt bereitwillig Auskünfte (zumindest bis sie untertauchen muss), sondern auch ihre malende Nachbarin mit dem klangvollen Namen Beatrice (Dante lässt grüßen!) Della Vedova. Q.e.d.: Wenn es diese Kanäle nicht gäbe, könnte der Herr Ermittler einpacken.

Aber auch Signora Brunetti Großmut kennt Grenzen: Was sie wohl täte, wenn er, der Commissario, sich von ihr trennen würde? Nun, bevor sie zum Brotmesser greift, erkennt sie noch rechtzeitig, dass das wohl eine hypothetische Frage sein muss. Sonst wäre es wohl um des Commissarios körperliche Unversehrtheit – und die seiner weltlichen Besitztümer! – schlecht bestellt.

Doch Scherz beiseite: Brunettis zwölfter Fall ist eine Anklage der „italienischen Krankheit“: nämlich die Korruption, die den Steuerzahler jährlich Unsummen kostet, einfach achselzuckend als Fatum hinzunehmen und einen – selten genug – aufgedeckten Skandal schon nach drei Tagen (spätestens) wieder zu vergessen. Dass auch das Militär nicht vor der Krankheit nicht gefeit ist, wagt nur selten jemand anzudeuten, geschweige denn mit tödlichen Folgen zu verknüpfen. Hier lehnt sich die Autorin ganz schön weit aus dem Fenster.

|Die Sprecher, die Inszenierung|

Mit Hannelore Hoger (Erzählerin), Christian Brückner (Brunetti), Andrea Sawatzki (Signorina Elettra) und Leuten wie Matthias Koeberlin („Das Jesus-Video“) oder Esther Hausmann (Paola Brunetti) verfügt die Regie von Corinne Frottier über erstklassige Könner ihres Fachs.

Brückner, geboren 1943 in Berlin, verleiht seinem Commissario die deutsche Stimme von Robert de Niro. Man kann ihn sich also gut als erfahrenen Ermittler vorstellen. Er verfügt inzwischen bei |Hoffmann & Campe| über seine eigene Hörbuchreihe. Der Reigen der oben erwähnten Damen umrahmt und, ähem, reguliert sein etwas autoritäres Auftreten.

Einziger Streitpunkt könnte – wieder einmal – die musikalische Untermalung des Hörspiels darstellen. Zwar ist es diesmal keine Kaffeehausmusik, die meine Nerven strapazierte, aber auch mit Mario Schneiders Streichern und Tasteninstrumenten wollte ich mich nicht so recht anfreunden. Aber das ist sicherlich von Hörer zu Hörer verschieden. John Williams oder Howard Shore zu engagieren, hätte wahrscheinlich das Budget gesprengt.

_Unterm Strich_

Es wird demnächst eine weitere Audio-Ausgabe dieses bei |Diogenes| erschienenen Buches geben: Auf sieben CDs sind dann die Ermittlungen Brunettis zu verfolgen. Ich muss sagen: Mir reichen die zwei CDs des |Hörverlags| vollständig aus, um der Handlung ein gehöriges Maß an Spannung und Vergnügen abzugewinnen.

Es ist für den Bearbeiter (diesmal die Regisseurin) immer eine Gratwanderung, den roten Faden der Ermittlungen herauszuarbeiten, doch diesmal ist es ihr ausgezeichnet gelungen. Die Handlungsführung ist derart ökonomisch, dass dem Erzähler sogar Zeit bleibt, den Commissario stehenbleiben zu lassen, um den Touristinnen nachzuschauen. Auch dies gehört dazu, um den Zauber des Mikrokosmos Venedig zu erwecken. Am Schluss bleibt nicht der Eindruck, einem Brachialkrimi gefolgt zu sein, sondern vielmehr der, ein rundes Bild gewonnen zu haben.

Während Sprecher und Musik eine künstlerische Einheit bilden, die das Werk adäquat vermittelt, so sollte doch nicht übersehen werden, dass sich die Autorin zu einer engagierten Aussage über die leidige „italienische Krankheit“ vorgewagt hat. Aber vermutlich juckt es keinen Italiener, wenn die Welt über die Krankheit Bescheid weiß, denn er liest es ja jeden Tag in der Zeitung, sei es nun |Il tempo| oder |Il gazzetto|.

[NEWS] Christelle Dabos – Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast (Die Spiegelreisende 2)

Ophelia wird zur Vize-Erzählerin am Hofe erkoren und glaubt sich damit endlich sicher. Doch es dauert nicht lange, und sie erhält anonyme Drohbriefe: Wenn sie ihre Hochzeit mit Thorn nicht absagt, wird ihr Übles widerfahren. Und damit scheint sie nicht die Einzige zu sein: Um sie herum verschwinden bedeutende Persönlichkeiten der Himmelsburg. Kurzerhand beauftragt Faruk Ophelia mit der Suche nach den Vermissten. Und so beginnt eine riskante Ermittlung, bei der es Ophelia mit manipulierten Sanduhren, gefährlichen Illusionen und zwielichtigen Gestalten zu tun bekommt. (Verlagsinfo)


2 MP3-CDs, Laufzeit: ca. 15h
Sprecherin: Laura Maire
der Hörverlag

Tolkien, John Ronald Reuel – Briefe vom Weihnachtsmann, Die

_Abenteuer am Nordpol: Von Elfen und Kobolden_

Von 1920 bis etwa 1940/41 schrieb Professor Tolkien für seine vier Kinder ganz besondere Briefe zu Weihnachten: die Briefe vom Weihnachtsmann. Hier erfuhren sie, was sich an sonderbaren, lustigen oder auch beängstigenden Begebenheiten am Nordpol zutrug. Auch mit Elfen.*

_Der Autor_

Professor John R. R. Tolkien (1892-1973) hat das „wichtigste Buch des 20. Jahrhunderts“, so die Umfrageergebnisse, geschrieben: „Der Herr der Ringe“ (1954/55). Doch dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Seit 1916, als er noch in den Schützengräben Frankreichs und später im englischen Lazarett lag, schrieb er an seiner privaten Mythologie, die die riesige Leinwand bildet, vor der sich die Handlung von [„Der Hobbit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=22 und HdR abspielt.

_Der Sprecher_

Der Theaterschauspieler Christian Hoening erzählt mit verschieden hohen Stimmen vom Nordpol: Der Weihnachtsmann spricht in mittlerer, normaler Tonlage. Während der Elf Ilbereth in einer recht hohen Stimme spricht, brummelt der Nordpolarbär in der tiefsten Tonlage, die Hoening zustande bringt. Kinder werden darüber entzückt sein. Ansonsten befleißigt sich Hoening einer klaren, akzentuierten Aussprache. Wird das erzählte Geschehen also dramatischer, merkt man das auch.

_Inhalte_

John junior, Michael, Priscilla und schließlich der etwas schwächliche Christopher (der später seines Vaters Werke komplett herausgab und veröffentlichte) – sie alle hatten das Glück, vom Weihnachtsmann alljährlich einen Brief zu erhalten, komplett mit einer oder mehreren Zeichnungen. Diese oftmals wunderbar detailfreudigen und witzigen Zeichnungen sind im Booklet des Hörbuchs abgedruckt, in hervorragender Qualität und mit Vergrößerungen.

Mit diesen Briefen folgte Professor Tolkien einer Familientradition. Lange Jahre waren die Werke weggesperrt, bis sie von Baillie Tolkien im Jahr 1976 veröffentlicht wurden. Darunter befinden sich manchmal recht umfangreiche Episteln, deren Vorlesen mitunter länger als fünf Minuten dauert: Minidramen. Das gesamte Hörbuch ist dadurch rund 65 Minuten lang, denn es umfasst alle Briefe ab 1925.

|Wovon der Weihnachtsmann und der Elf erzählen|

Der Weihnachtsmann, Father Christmas, lebt am Nordpol, aber nicht allein: Ihm leisten die Rentiere und der Nordpolarbär namens Karhu Gesellschaft. Dieser allerdings neigt zu Schabernack, denn er ist erstens sehr neugierig und zweitens unvorsichtig. Der North Pole ist ein richtiger „pole“, das heißt ein Mast von beträchtlicher Höhe. Einmal führt einer von Polarbärs Streichen dazu, dass dieser Mast direkt auf Father Christmas‘ Haus fällt. Es muss verlegt werden. (1925) Er ist auch schuld, dass manche Geschenke so spät oder gar verkehrt bei den Kindern eintreffen: Knabensachen für Mädchen – nicht auszudenken!

Father Christmas ist genau wie Gandalf und die Hobbits ein großer Fan von Feuerwerk. Einmal schafft es Polarbär, dass alle Raketen gleichzeitig losgehen (1929). Später kommen auch die beiden Neffen Karhus zu Besuch; Paksu und Valkotukka (das klingt sehr finnisch; ist es wohl auch: „paksu“ bedeutet „fett“), wollen aber nie wieder weg.

Weil die Arbeit immer mehr wird, nimmt sich der Weihnachtsmann einen Sekretär: den Schnee-Elfen Ilbereth. In den späteren Briefen aus den dreißiger Jahren ist häufiger vom Elfenvolk die Rede, wenn es darum geht, das Haus und die Vorratskeller gegen Angriffe der bösen Kobolde zu verteidigen. Auch Rote Zwerge, Schneemänner und Höhlenbären kommen vor. Dieses ganze Personal erinnert schon ziemlich an die Figuren im „Hobbit“, der 1937 mit großem Erfolg veröffentlicht wurde.

|Der letzte Brief|

In England herrscht seit zwei Jahren Krieg, und die deutsche Luftwaffen bombardiert eine Großstadt nach der anderen – bis Sommer ’41. Der Weihnachtsmann beklagt die mangelnden Lebensmittelvorräte, die zunehmende Not und die fortwährende Angst vor den Angriffen. Die Kobolde, die erstmals 1932 und 1933 massiert auftraten, sind offenbar auf dem Vormarsch. Der Brief von 1938 und der letzte Brief weisen nur noch sehr einfache Illustrationen auf. Der Spaß ist vorbei.

_Mein Eindruck_

Mit seinen unauffällig platzierten, aber stilecht mit der Briefmarke der Nordpolpost frankierten Briefen hat Tolkien nicht nur seinen eigenen Kindern eine Freude gemacht. Allerdings wurde das spätere Buch nicht so ein Bestseller wie der „Herr der Ringe“, denn vor allem Kinder ab 6 Jahren werden dafür zu begeistern sein: Sie glauben noch an den Weihnachtsmann.

Und so erfahren sie, was er bei der Erfüllung seiner anspruchsvollen Aufgabe erlebt, welche Pannen bei den schwierigen Weihnachtsvorbereitungen passieren können – woran der Polarbär nicht ganz unschuldig ist – und warum es einige Weihnachtsfeste fast nicht gegeben hätte.

Dass sich die Wirklichkeit außerhalb der kuscheligen Mauern des Tolkienschen Professorenheims nicht ganz aussperren ließ, dürfte einleuchten. Und so finden sich eben auch (verschlüsselte) Hinweise auf das politische Geschehen in Europa in den Jahren 1932/33 und 1938-1941. Ich denke da vor allem an das Auftauchen der Kobolde (goblins) in Father Christmas‘ Haus. Diesen stehen die guten Geister und Helfer, die Elfen, entgegen. Sie sorgen dafür, dass alle Kämpfe gut ausgehen.

|Der Sprecher; ein Tipp|

Christian Hoening und seine Arbeit an diesem Hörbuch habe ich bereits vorgestellt. Er erfüllt seine Aufgabe anstandslos. Man hört ihm gerne zu.

Allerdings sollte man nicht alle Briefe auf einmal anhören, sondern höchstens drei bis vier hintereinander. So erinnert man sich auch später noch an das Erzählte.

_Unterm Strich_

Ich bin mit diesem Hörbuch rundum zufrieden. Auf der CD befinden sich immerhin 65 Minuten gut gesprochene Lesung, und das sauber getextete und gedruckte Booklet enthält alle zu den Briefen gehörenden Illustrationen Tolkiens, mitsamt vergrößerten Ausschnitten.

Das Hörbuch eignet sich für Kinder ab 6 Jahren und ist ein nettes Weihnachtsgeschenk. Vielleicht kann es auch als Vorbereitung auf den „Hobbit“ dienen, den es ja auch als Hörbuch gibt. Der ist aber mit einer Laufzeit von 276 Minuten ein größeres Kaliber.

|Originaltitel: The Father Christmas Letters, 1976
The Father Christmas Letters, 1976|

[NEWS] Michael Kogge – STAR WARS VII. Das Erwachen der Macht

Der „Star-Wars“-Kinoblockbuster, erzählt für Kinder

Teil 7 der „Star-Wars“-Saga: Luke Skywalker ist verschwunden, als die Galaxis ihn am meisten braucht, denn Kylo Ren und die finstere Erste Ordnung haben sich aus der Asche des Imperiums erhoben. Nun liegt es an Rey, einer Schrottsammlerin, dem Piloten Poe Dameron und Finn, einem abtrünnigen Sturmtruppler, sich mit Han Solo und Chewbacca zu einer verzweifelten Suche aufzumachen, um die einzige Hoffnung auf Frieden in der Galaxis zu finden. (Verlagsinfo)


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1 mp3-CD, Laufzeit: ca. 3h 47
der Hörverlag

[NEWS] Christelle Dabos – Die Verlobten des Winters (Die Spiegelreisende 1)

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Unter ihrem alten Schal und hinter ihrer Brille verbirgt Ophelia zwei besondere Eigenschaften: Sie kann die Vergangenheit von Gegenständen lesen und durch Spiegel reisen. Ophelia lebt friedlich in einem Universum, das aus 21 Archen besteht, auf denen ebenso viele »Familiengeister« mit besonderen Fähigkeiten herrschen. Da eröffnet man dem jungen Mädchen, dass sie ab sofort mit Thorn vom mächtigen Klan der Drachen verlobt ist. Sie muss ihre Familie auf der Arche Anima verlassen, um ihm in die schwebenden Hauptstadt der Arche Pol zu folgen. Warum wurde ausgerechnet sie ausgewählt? Warum soll sie ihre wahre Identität verbergen? Ophelia muss sich in einem tödlichen Spiel bewähren … (Verlagsinfo)

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[NEWS] T. C. Boyle – Das Licht

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1 MP-CD, Laufzeit: ca. 12h)
der Hörverlag