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Henning Mankell – Die Pyramide

An der schwedischen Küste stürzt ein Sportflugzeug von Drogenkurieren ab. In dem ansonsten so idyllischen Städtchen Ystad, wo Kommissar Kurt Wallander tätig ist, explodiert wenig später das Haus zweier ehrbarer Schwestern. Und zu guter Letzt wird Wallanders Vater in Ägypten wegen Pyramidenbesteigung verhaftet. Unser Serienheld hatte es offenbar schon im Jahr 1989 nicht leicht in seinem Beruf.

_Der Autor_

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren. Heute verbringt der Schriftsteller, Drehbuchautor und Intendant die eine Jahreshälfte in Moçambique, wo er seit 1996 das |Teatro Avenida| in der Hauptstadt Maputo leitet. Die andere Jahreshälfte verbringt er in Schweden. Für sein vielseitiges Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa mit dem |Deutschen Krimi-Preis| und mit dem |Deutschen Bücherpreis|.

„Die Pyramide“ erschien 2002 in dem Erzählband „Wallanders erster Fall“. Auch die anderen Erzählungen aus dem Storyband „Wallanders erster Fall“ sind im Hörbuch zu bekommen.

_Die Sprecher_

Kurt Wallander (KW) wird diesmal gesprochen von Heinz Kloss, der schon beinahe jugendlich klingt: Im Jahr 1989 ist Wallander erst Anfang Vierzig. Schon schon in dieser Anfangsphase seiner Laufbahn als Kommissar hat Wallander einen engen Assistenten: Martinsson. Er wird gesprochen von Thomas B. Hoffmann. KWs namenlosen Vater spricht Peter Groeger, seine Tochter Linda (die später in die Fußstapfen des Vaters tritt) Katrein Frenzel.

Das Hörspiel erarbeitete Dramaturg Moritz Wulf Lange von der Produktionsgesellschaft |STIL|, die schon „Der Mann, der lächte“ hervorgebracht hat (mit durchwachsenem Ergebnis). Regie, Musik, Schnitt und Ton erfolgten in Personalunion von Simon Bertling und Christian Hagitte.

_Handlung_

Am Anfang werden wir erstaunt Ohrenzeugen eines Flugzeugabsturzes an der Küste von Südschweden. Es ist ein Rätsel: Was machten die Piloten des Sportflugzeugs in dieser Gegend, und warum stürzte ihre Maschine ab?

Es folgen einleitende Musik und Ansage.

Kurt Wallander erzählt in der Ich-Form von seiner kürzlich zurückliegenden Scheidung von Mona, die mit seiner Tochter Linda nach Malmö gezogen ist. Im Verlauf der Handlung taucht Linda allerdings mehrmals frustiert von Monas Kontrollfanatismus bei ihrem Vater auf. KW hat jetzt die Krankenschwester Emma Lundin zur Freundin.

An der Absturzstelle des Flugzeugs in Mossby erfährt KW, dass es sehr tief geflogen sein muss, denn es war nicht auf dem Radarschirm aufgetaucht. Wahrscheinlich war es ein Drogenkurier, der seine Fracht abwarf. Auf dem Revier verhört KW vergeblich einen aalglatten Drogenhändler namens Holm, der Südschweden mit Heroin versorgt. Sein Haus liegt in der Nähe der Absturzstelle. Dort wurden starke Scheinwerfer bemerkt, die nun aber verschwunden sind: die Abwurfstelle?

Etwas mehr Erfolg hat Wallanders Order, in dem explodierten Haus der Schwestern Eberhardsson notfalls bis in den Keller zu graben. Heureka! Die Experten finden nicht nur die zwei verkohlten Leichen der Schwestern, sondern auch einen versteckten Safe, in dem sage und schreibe fünf Millionen schwedische Kronen deponiert sind. Diese enorme Summe haben die beiden sicher nicht mit ihrem Strickwarenladen verdient. Jemand hatte etwas gegen ihren Reichtum: Sie wurden per Genickschuss hingerichtet. War es Holm? Er ist untergetaucht.

Unterdessen fliegt Wallanders alter Vater nach Ägypten, um die Pyramiden von Gizeh zu besuchen. Diesen Vorsatz nimmt er ein wenig zu wörtlich, denn die Polizei buchtet ihn wegen verbotenen Besteigens der Cheops-Pyramide ein. Sie verlangen per Telegramm 10.000 Kronen Buße von KW, sonst muss sein Vater zwei Jahre lang in ägyptischen Gefängnissen schmachten. KW fliegt hin und überzeugt den Alten, dass der es zwei Jahre lang ohne Malen nicht im Knast aushalten würde. Auch KW bewundert die nachts angestrahlten Weltwunder.

Und dieser Anblick bringt ihn auf die zündende Idee: Wer konnte denn die starken Scheinwerfer besorgen, um dem Drogenkurierflugzeug die Abwurfstelle zu markieren?

_Mein Eindruck_

„Die Pyramide“ ist ein ziemlich geradliniger Kriminalfall und wäre schon relativ früh vorhersehbar, wenn nicht Wallanders Ermittlungen mit Episoden aus seinem Privatleben variiert würden. Und auf dieser Seite seines Lebens hat er ja sozusagen die „Erleuchtung“, um in dem festgefahrenen Fall die richtige, die wichtigste Frage zu finden. Denn die Pyramide ist auch der schematische Aufbau des Falles. KW hat drei Ecken des Falls, aber ihm fehlt sozusagen die Spitze der Pyramide, der gemeinsame Nenner, um die richtige Lösung zu finden.

Wallander teilt uns auch seine Erkenntnis mit, dass sein Abmühen in dem Polizeijob ebenfalls einer Pyramide gleichkommt. Er und seine Kollegen mühen sich an zahlreichen kriminalistischen Fronten ab, doch die Spitze der Pyramide erreichen sie in den seltensten Fällen. So auch in diesem Fall. Wer waren die Geldgeber und Drahtzieher der Drogengeschäfte in Südschweden? KW wird es nie herausfinden, es sei denn, ihm kommt Kommissar Zufall zu Hilfe.

Denn am Ende der Geschichte gibt es einen erbitterten Schusswechsel, in dem der Kommissar ins Kreuzfeuer gerät, und später einen toten Hauptzeugen. Dumm gelaufen, Herr Wallander.

|Die Sprecher|

Alle Sprecher klingen wie professionell ausgebildete Schauspieler. Yara Blümel beispielsweise war schon in dem Poe-Hörspiel „Die Maske des Roten Todes“ zu hören. Heinz Kloss spricht wie schon in „Der Mann, der lächelte“ unseren Lieblingskommissar. Allerdings klingt seine Stimme, wie gesagt, schon fast jugendlich. Sie hebt sich deutlich von der Stimme von Wallanders Mentor, dem alten Kommissar Rydberg (Peter Panhans), ab. Interessant fand ich den mit einem Akzent versehenen Ägypter Radwan, gesprochen von Marc Oliver Bögel.

|Geräusche & Musik|

Wie bereits angedeutet, gibt es zwei akustische Höhepunkte des Hörspiels: am Anfang und am Ende. Der Flugzeugabsturz klingt fast, als säße der Hörer selbst im Cockpit der Piloten. Keine Angst, hier stürzt keine Stuka mit lautem Geheul ab, sondern lediglich ein Sportflugzeug.

Das finale Feuergefecht schließlich findet auf Holms Bauernhof statt: Im Hintergrund bellt ständig ein Schäferhund, und Wallander stutzt, als das Bellen aufhört. Gerade noch rechtzeitig, denn schon in der nächsten Sekunde peitscht ein ziemlich realistisch klingender Schuss durch die hell erleuchtete Fensterscheibe, an der er eben noch stand. Man kommt sich vor wie im Wildesten Westen. Schade, dass diese CD keinen DD-5.1-Sound hat!

Die Musik von Bertling / Hagitte versteht es, auf wirkungsvolle Weise Spannung zu erzeugen und Bedrohung anzudeuten. Dies geht auch mit einfachen Mitteln, wie zu hören ist. Der Einsatz der Musik erfolgt niemals aufdringlich, sondern unterstützend.

_Unterm Strich_

Anders als in „Der Mann, der lächtelte“ sind diesmal keine Fehler in der akustischen Umsetzung festzustellen. Deshalb konnte ich das Hörspiel unbeschwert genießen: die geradlinige Kriminalhandlung um Drogenhandel wird durch mehrere Ereignisse in Wallanders Privatleben – vor allem die Verhaftung seines übereifrigen Vaters – variiert.

Interessant, dass die Erleuchtung, die Wallander zur Aufklärung des Falls verhilft, gerade aus dieser Nebenhandlung abgeleitet ist. Aber so arbeitet eben unser Gehirn manchmal: Per Assoziation kommen in unseren Träumen die seltsamsten und verblüffendsten Verbindungen zustande.

Im Mankellschen Werk nimmt diese Erzählung sicher nur einen Platz auf den unteren Rängen ein, doch sie gewährt uns einen Einblick in die Anfänge des Meisterkommissars. Für Einsteiger liefert sie genaue Profile zur Hauptfigur, seinem Vater und seiner Tochter – allesamt Figuren, die im späteren Werk laufend auftauchen.

Der Dramaturg, die Produktionsgesellschaft STIL sowie die Regisseure haben zusammen mit den professionellen SprecherInnen saubere Arbeit abgeliefert, so dass ihnen eine maximale Wertung meinerseits nicht vorenthalten werden kann.

|Umfang: 72 Minuten auf 1 CD|

[NEWS] Rosa Schwarz – Ostwind – Spuren im Wald: Ostwind Abenteuerreihe 2

Eine Rinderherde bricht in Panik aus, neben dem Waldweg liegt ein verletztes Reh … die Menschen rund um Gut Kaltenbach sind in Aufregung: Kann es sein, dass ein Wolf umherstreift? Mika lässt sich von der Hysterie nicht anstecken. Doch dann will ihre Oma den freiheitsliebenden Ostwind von seiner Koppel in den engen Stall holen. Mika beschließt, dem rätselhaften Unwesen auf den Grund zu gehen … (Verlagsinfo)

Ungekürzte Lesung auf 3 CDs
Spieldauer: ca. 3:40 Std.
Sprecherin: Rubina Nath
der Hörverlag

Douglas Adams – Per Anhalter ins All (Hörspiel)

_Die Antwort lautet „42“_

Dieses Hörbuch bietet die Handlung der ersten zwei Romane [„Per Anhalter durch die Galaxis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1491 und „Das Restaurant am Ende des Universums“. Das sind nach allgemeiner Ansicht sowieso die besten Teile der fünfteiligen Trilogie.

_Der Autor_

„Douglas Adams hasste das Schreiben“, wie uns sein Freund Ken Follett verriet. Dennoch wurde er ausgerechnet mit den fünf Romanen seiner Anhalter-Trilogie weltbekannter Kultautor. Aus der Trilogie wurden nicht nur die anfänglichen BBC-Hörspiele von anno 1978, sondern auch Schallplatten, Filme und Handtücher (die Kausalität ist wie immer arbiträr und rein zufällig).

Er starb viel zu früh im Jahr 2001 vor der Fertigstellung eines neuen Romans, der posthum in dem Sammelband „Lachs im Zweifel“ (|Heyne|) abgedruckt wurde.

_Die Sprecher & die Produktion_

Das Hörspiel wurde 1981/82 von mehreren Rundfunksendern produziert, darunter BR, SDR und WDR. Die Musik und Geräusche steuerte Frank Duval bei.

Wenigstens die Sprecher sind vom Feinsten: Dieter Borsche und Bernhard Minetti traten schon in den 40ern und 50ern vor die Kamera und natürlich auf der Bühne auf. Minetti spricht den Wal, der auf Magrathea abstürzt. Borsche spricht die Rolle des Planetendesigners Slartibartfass, der besonders auf die Fjorde Norwegens stolz ist. Denn natürlich hat er auch die Erde entworfen.

Als Erzähler fungiert Rolf Boysen, der am bekanntesten in seiner TV-Rolle als General Wallenstein wurde. Den obercoolen Playboy Zaphod Beeblebrox mit den zwei Köpfen und drei Armen spricht Klaus Löwitsch, der im TV stets entweder Kriminaler und Kriminelle spielen musste.

Am Anfang wunderte ich mich darüber, dass der Sound so leise ist. Diese Lautstärke ist leider durchgehend festzustellen. Abhilfe: Bässe aufddrehen und pump up the volume!

_Handlung_

Arthur Dent, bis dato unbescholtener Erdenbürger, hat einen echt miesen Tag, der damit beginnt, dass ein besessener Bulldozerführer sein Haus abreißen will. Es soll im Auftrag der Stadt und der Baufirma, die einer Adligen gehört, einer lukrativen Umgehungsstraße weichen. Arthur entschließt sich zur Liegeblockade.

Bis sein beinahe bester Freund mit dem seltsamen Namen Ford Prefect (ein prefect ist an einer englischen Schule so etwas wie ein Klassensprecher) vorbeischaut, der in Wahrheit von einem Planeten in der Nähe des Sterns Beteigeuze stammt. Ford lädt Arthur zu einem Bierchen ein, solange noch Zeit sei, denn schließlich gehe in 10 Minuten und 25 Sekunden die Welt unter. Das passiert dann auch: Eine Vogon-Bauflotte sprengt die Erde, um einer Hyperraum-Umgehungsstraße Platz zu schaffen.

Zum Glück werden sie per Anhalter mitgenommen. Die Bauarbeiter der Vogonen, die Dentrassi, haben sie in ihr Schlafquartier eingelassen. Hier outet sich Ford als Redakteur eines intergalaktischen Reiseführers, dessen Vorderseite die Buchstaben „KEINE PANIK“ schmücken. Ein so genannter „Babelfisch“ versetzt die beiden in die Lage, mit anderen Wesen zu kommunizieren.

Natürlich will der Käptn der Vogonen sie sofort wieder über Bord werfen lassen, doch zuvor lässt er sie noch die schrecklichen Gedichte, die er zu schreiben beliebt, hören (sie sind im 2. Booklet abgedruckt). Arthur und Ford winden sich in Qualen. Dabei ist die Vogon-Lyrik nur die drittschlechteste im Universum.

Kaum aus der Luftschleuse hinausgestoßen, tritt der unwahrscheinlichste aller Fälle ein: Sie werden von einem anderen Raumschiff aufgegabelt, das gerade des Weges fliegt: Die „Herz aus Gold“ ist mit dem unendlichen Unwahrscheinlichkeits-Drive ausgestattet, was die Rettung ermöglichte. Sie wurde von Zaphod Beeblebrox geklaut, einem zweiköpfigen Playboy, dessen Stimme fast stests von einem Echo begleitet ist, was recht sonderbar klingt.

In seiner Begleitung befinden sich Eddie der föhliche Computer, Marvin der paranoide Androide bzw. melancholische Roboter sowie die Londoner Astrophysikerin Trillian. Trillian heißt eigentlich Tricia Macmillan und ist ein Mädchen, das Arthur mal auf einer Party im Londoner Stadtteil Islington kennen gelernt hatte. Sie mag weiße Mäuse lieber als Spinnen, ist aber ansonsten sehr intelligent.

Zaphod ist ein Tunichtgut – er erfand den Pangalaktischen Donnergurgler – und Schatzjäger. Daher landen alle auf der seit fünf Millionen Jahren verlassenen Welt Magrathea, die einst die Heimat von Planetendesignern war, als noch Bedarf an Luxusplaneten bestand. Die Erde ist einer davon. Allerdings erweist sich auch, dass man Anrufbeantworter-Botschaften, selbst wenn sie aus dem Subäther kommen, nicht ignorieren sollte, wenn sie auf eine mögliche Gefahr hindeuten: Die „Herz aus Gold“ wird von Atomraketen anvisiert …

_Mein Eindruck_

Douglas Adams spielte gerne Theater und mit der Sprache. Da gab es schon mal den einen oder anderen Berührungspunkt mit der Truppe von „Monty Python“. Die Vorliebe für Absurditäten und satirisch-bissigen Humor teilt er mit Cleese & Co., tendierte aber mehr Richtung Hörspiel und Buch statt Film & Fernsehen.

In seiner fünfteiligen Anhalter-Trilogie nahm er eine ganze Menge Dinge auf die Schippe, wobei der Produktionsprozess ziemlich chaotisch gewesen sein muss, denn alles fand unter höchstem Zeitdruck statt (wie fast alles bei Adams, wie die Romanschlüsse belegen). In der frei beweglichen Form einer Science-Fiction-Satire jedenfalls fand Adams die optimal geeignete Literaturform, um alle möglichen lieb gewonnenen Philosophien, Moralvorstellungen, Theorien usw. zu hinterfragen. Er konnte seine Figuren kreuz und quer durch Raum und Zeit schicken, ohne dass man ihn wegen mangelnden (oder übermäßigen) Realismus‘ verklagen konnte.

Was mir immer am besten an den Büchern gefallen hat, ist einerseits die Umkehrung vermeintlich fest gefügter Vorstellungen, dann wieder umwerfende Vergleiche, schließlich dann die überbordende Fülle an erfundenen Wesen. Philosophierende Wale, experimentierende Mäuse, lebendig werdende Pilotensessel, qietschvergnügte Computer (Eddie), melancholische Androiden (Marvin) – und natürlich Miliways, das Restaurant am (räumlichen? zeitlichen?) Ende des Universums.

Kein Wunder, dass die Romane die Vorlagen für Unmengen noch heute gebräuchlicher Redensarten lieferten: „Die Antwort ist 42.“ Wenn das die Antwort [auf das Leben, das Universum und alles andere] ist, wie lautet dann die Frage? „Deep Thought“ stammt zwar von Adams, gibt’s aber auch von IBM („Deep Blue“).

Die Wirkung der Bücher geht daher weniger von der mangelnden Spannung aus (es gibt kaum Spannungsbögen), sondern vielmehr von der Faszination durch die Überraschungen und Wendungen aus – etwa so, als ob man ein großes Geschenkpaket mit Ideen öffnen würde.

|Sprecher & Inszenierung|

Laserschüsse hallen durch den Korridor, wo ein Computer, hinter dem sich unsere Helden verschanzt haben, unheimliche Töne von sich gibt. Sie deuten an, dass er gleich in die Luft fliegen wird. Das alles ist natürlich nicht ganz einfach akustisch umzusetzen, aber der Soundlieferant – Duval? Der Sender? – schafft das durchaus zufrieden stellend. Allerdings klingt das noch wie die erste Kinoversion von „Krieg der Sterne“ aus dem Jahr 1977. Will heißen: für uns Heutige doch schon recht altbacken und spielzeugmäßig. Nur selten passen Soundkulisse und Ambiente gut zusammen, so etwa die Zigeunergeigen im „Milliways“. Aber mit dieser Meinung stehe ich möglicherweise allein auf weiter Flur. Über die „Musik“ von Frank Duval schweige ich lieber: ein Produkt ihrer Zeit, klingt sie absolut veraltet.

Bei den Sprechern erfreut die Professionalität der jungen Garde – die der alten sowieso, aber es fällt doch auf, wie viele alte Sprecher aufgeboten werden: Borsche, Boysen, Minetti (der Nestor des deutschsprachigen Theaters). Am besten gefiel mir noch der ultracoole Klaus Löwitsch, besonders dann, wenn er schon ein wenig angesäuselt klingt (was ihm nicht schwer gefallen sein kann, Friede seiner Asche).

Daneben treten wahnsinnig viele Nebenfiguren auf, die gar nicht in den Credits aufgeführt werden. So etwa die weißen Mäuse Benny und Frankie, die unsere Helden nach dem Untergang der Erde und mit dem Ende des somit abrupt beendeten 10-Millionen-Jahre-Experiments der Mäuse mit dem Auftrag losschicken, die Frage auf die Antwort „42“ zu finden. Und natürlich „Deep Thought“ und viele andere.

_Unterm Strich_

Mein Eindruck von diesem beinahe bekanntesten aller Hörspiele ist also durchaus gespalten. Die Adams-Komponente ist witzig und einfallsreich, doch die Umsetzung ist je nach Geschmack entweder ein Kuriosum oder eine Katastrophe. Am besten ist derjenige dran, der dieses Hörspiel zum ersten Mal hört und noch nie etwas von Douglas Adams gelesen hat. Aber über die Musik wundert sich derjenige dann doch ein wenig …

|Literatur-Hinweis|

Wer mehr über den echten und wahren (ja, den gab es) Douglas Adams erfahren möchte, sollte unbedingt Neil Gaimans Biografie etc. lesen, die den ungemein beruhigenden Titel [„Keine Panik!“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1363 trägt und ebenfalls wie die Adams-Trilogie im |Heyne|-Verlag erschienen ist.

|291 Minuten auf 6 CDs|

[NEWS] Andreas Gruber – Rache-Box. Die ersten drei Fälle für Pulaski und Meyers: Rachesommer – Racheherbst – Rachewinter

Rache ist süß? Rache ist vor allem spannend! Das beweist Andreas Gruber mit seiner Reihe um den zynischen Leipziger Kommissar Walter Pulaski und die engagierte Wiener Anwältin Evelyn Meyers. Gemeinsam begeben sich die beiden auf Serienmörderjagd quer durch Deutschland und Österreich. In dieser Box befinden sich die ersten drei Fälle des beliebten Ermittler-Duos. (Verlagsinfo)

5 CDs, Laufzeit ca. 39 Std.
Ungekürzte Lesung mit Achim Buch
der Hörverlag

Isabel Allende – Im Reich des goldenen Drachen (Lesung)

Spannendes Mystik-Abenteuer im Himalaya

Dieses Buch ist das zweite Abenteuer von Alex und Nadia. Isabel Allende mischt wie schon in „Die Stadt der wilden Götter“ Realität und magisch-mystische bzw. mythische Elemente. Dazu die Autorin: „Das Leben ist voller Geheimnisse. Und das Ziel von Literatur ist es, Geheimnisse zu ergründen. Wenn du Träumen, Visionen und Vorahnungen in deinem alltäglichen Leben und deiner schriftstellerischen Arbeit Raum lässt, scheint sich die Realität zu erweitern.“

Das Jugendbuch ist ab 12 Jahren geeignet, das Hörbuch ist 598 Minuten lang, also fast 10 Stunden. Hörproben und Infos gibt es unter www.hoerverlag.de.

Die Autorin

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Isabel Allende – Die Stadt der wilden Götter (Lesung)

In ihrem ersten Jugendbuch nimmt die Bestsellerautorin den Leser mit auf die Reise ins Innere des brasilianischen Dschungels, zu Menschenwesen, die noch nie Stahl, Waffen oder weiße Haut gesehen haben. Für die beiden Kinder in der Expedition wird dies eine Reise des Wachsens und der Verwandlung.

Das Hörbuch bietet laut Verlag die vollständige Lesung ohne jedwede Kürzung.

_Die Autorin_

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Lewis Carroll / Oliver Sturm – Die Jagd nach dem Schnatz (Hörspiel)

Sinnlich-hintersinnige Nonsens-Sch(n)atzsuche

Neun Männer und ein Biber landen auf einer Insel, um dort den sagenhaften Schnatz zu jagen. Doch was ist dieses Fabelwesen? Einen Schnatz zu erkennen, ist gar nicht so einfach – und ihn zu fangen noch viel schwieriger! Weit und breit taucht kein Harry Schotter® auf, um den Schnatzjägern einen hilfreichen Hinweis zu geben. Doch der furchtlose Captain ist ein Meister darin, seine Mannen zu motivieren, und so gelingt dem Bäcker, was keiner mehr für möglich gehalten hätte. Leider ist er gleich darauf auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Das Hörspiel ist für Kinder ab 7 Jahren geeignet, gibt der Verlag an.

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Thomas A. Barron – Merlin – Wie alles begann (Hörbuch)

„Merlin – Wie alles begann“ ist der erste Teil einer erfolgreichen Saga um die Jugend des legendären Zauberers: Sie erzählt von jener Zeit, als Merlin noch nicht der berühmteste aller Magier war, noch nicht der weise Lehrmeister des jungen Königs Artus, sondern ein Kind, dessen Mutter seine Herkunft mit einem geheimnisvollen Schweigen umgibt. Klar, dass er seine Wurzeln erkunden muss. Denn das bedeutet, die Quelle seiner Fähigkeiten zu ergründen.

Der Autor

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Mankell, Henning – Mittsommermord (Lesung)

Drei junge Leute werden im Wald von einem Unbekannten erschossen. Sie hatten es gewagt, die Mittsommernacht am 22. Juni in Rokoko-Kleidern zu feiern. Merke: Only try this at home!

_Der Autor_

Henning Mankell, 1948 in Härjedalen geboren und jetzt in Mosambique lebend, sieht sich selbst weniger als Krimiautor denn als Gesellschaftskritiker. Bereits mit 20 arbeitete er in Stockholm als Autor und Regisseur an einem Theater. In den siebziger Jahren veröffentlichte er mehrere Werke, die sich den Klassenkampf und die Arbeiterbewegung zum Thema machten.

Seit 1990 widmet er sich seinem Hauptwerk: den neun Fällen des Kommissars Wallander. Sie wurden Weltbestseller und alle im |Hörverlag| in Hörspielfassungen veröffentlicht. „Mittsommermord“ wurde 2001 von Wolfgang Butt ins Deutsche übersetzt.

Deutsche Verlagshomepage von Henning Mankell: http://www.henning-mankell.de/ (|dtv|)

|Henning Mankell bei Buchwurm.info|:

[Die Brandmauer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=704
[Hunde von Riga]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=95
[Mörder ohne Gesicht]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=143
[Die Pyramide]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=567 (Hörspielfassung)
[Die Rückkehr des Tanzlehrers]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1058

_Die Sprecher_

Ulrich Pleitgen spricht diesmal den Kommissar. Pleitgen kann auf eine lange, erfolgreiche Sprecher- und Schauspielerkarriere zurückblicken. Geboren 1946 in Hannover, erhielt er seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Am Mittsommerabend, dem 22. Juni, feiern drei junge Leute im Wald von Ystad ein feuchtfröhliches Fest. Sie sind in Rokoko-Kostüme gekleidet und gepudert. Ein Mann tritt zwischen den Bäumen hervor und jagt jedem eine Kugel durch die Stirn. Er ist zufrieden: Ihnen ist das Lachen vergangen. Eine von ihnen war Astrid Hillström.

Etwa sechs Wochen später wird Wallanders Kollege Kalle Svedberg ermordet in seiner durchwühlten Wohnung aufgefunden. Nun endlich erfahren die Kollegen mehr über ihren zurückhaltenden Kollegen. Wie sein bester Freund Bror Sundelius verrät, hatte Svedberg eine Freundin namens Louise. Die ist nicht aufzutreiben, lediglich ihr Foto fällt dem Kommissar in die Hände. Und das Foto von vier jungen Leuten in Kostümen des 18. Jahrhunderts. Eine der abgebildeten Frauen ist Astrid Hillström, die ihrer Mutter noch nach dem 22.6. eine Postkarte schrieb, die die Mutter als Fälschung bezeichnet.

Wallander und seine (nicht mehr ganz so neue) Kollegin Ann Britt Höglund ahnen einen Zusammenhang zwischen dem Mord an Svedberg und den verschwundenen jungen Leuten, als Astrids Mutter erzählt, Svedberg habe schon im Juli und August nach ihrer Tochter gesucht und Fragen gestellt. Er hatte ihr offenbar geglaubt, im Gegensatz zu seinen Kollegen.

Als das vierte Mädchen auf dem Foto stellt sich Isa Edengren heraus, eine junge, von ihren reichen Eltern seelisch misshandelte Frau, die versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Wallander ist verblüfft: Das Mittsommerfest war völlig geheim, und Isa überlebte, weil sie krank geworden war. Woher kannte der Mörder Ort und Zeitpunkt des Treffens?

Als er nach dem Verhör in Isas Versteck auf einer Insel schläft, weckt ihn ein Schrei. Er kommt zu spät, um Isa vor dem unsichtbaren Killer zu retten. Doch woher konnte dieser Mann oder diese Frau wissen, wo sich Isa befand?

Schon bald hat sich der Mörder neue Opfer ausgesucht, denen das Lachen vergehen soll. Ob Wallander noch rechtzeitig erkennt, wie der Killer seine Opfer findet?

_Mein Eindruck_

Die Dramaturgin Valerie Stiegele hat das Hörspiel für den Westdeutschen Rundfunk bearbeitet. Sie achtete dabei auf die Herausarbeitung eines logischen roten Fadens, den Aufbau von Spannung und einen Action-Höhepunkt. Das gelingt auch ganz gut.

Allerdings gibt es auch Brüche oder Lücken, die dem schnellen Fluss der Handlung geopfert werden: So besitzt Isa Edengren zu Wallanders größtem Erstaunen eine Tonbandaufnahme von dem Verhör, dem Svedberg auch sie unterzog. Wir bekommen diese Aufnahme allerdings nicht zu hören. Das wäre auch überflüssig gewesen, denn auch Wallander verhört sie ja, so dass wir das Wesentliche erfahren, was mit den Morden zu tun hat.

Die Kriminalisten von Ystad sind ja auch nur Menschen. Ann-Britt Höglund steht kurz vor der Scheidung, und der Kommissar macht sich Sorgen wegen Diabetes. Na, vielleicht ergibt sich noch etwas zwischen den beiden. Denn Ann-Britt heißt in den bekannten ZDF-Verfilmungen Maja …

Angesichts von Wallanders physischer Schwäche überrascht den Zuhörer dann doch ziemlich, welche Energie er bei der Verfolgung des Mörders, der ihm an der Wohnung aufgelauert hat, entwickelt. Ja, eine veritable Verfolgungsjagd schließt sich an, die dort endet, wo alles begann: im Wald von Ystad. Dort zeigt sich auch, wozu ein Brett vor dem Kopf alles gut ist.

Was das gesellschaftliche Engagement Mankells in diesem Roman angeht, so macht es sich an dem Grund fest, aus dem der Mörder seine Verbrechen begeht: Er will seinen Opfern das Lachen austreiben. Dies hat etwas mit seiner Rache an dem zu tun, was man ihm als Kind angetan hat.

|Die Sprecher|

Alle Sprecher sind Profis, wie deutlich zu hören ist. Am wichtigsten ist natürlich die Figur des Kurt Wallander: Ulrich Pleitgen verleiht dem ebenso beliebten wie beleibten Kommissar eine imposante Statur: einmal voller Energie, dann wieder lethargisch, denn er hat offenbar Diabetes. Dieser Energiemangel wird Wallander fast zum Verhängnis. Im Vergleich zu Heinz Kloss in „Der Mann, der lächelte“ wirkt Ulrich Pleitgen allerdings zu nervös, beinah schon aggressiv.

Von den übrigen Sprechern ist mir kaum einer im Gedächtnis geblieben. Sie folgen in rascher Abfolge aufeinander. Nur Anne Weber als Ann-Britt und Kathrin Bühring als Isa Edengren ragen heraus: Sie haben längere Parts und beindrucken durch ihre Modulationsfähigkeit, die besonders im rein akustischen Medium wichtig ist.

|Die Musik|

Auch diesmal ist die Musik eine Geschmacksfrage. Sie wird nur von Saiteninstrumenten gestaltet, also Violinen und Celli etc. Es handelt sich laut Booklet um drei verschiedene Urheber, was aber nicht von Belang ist. Die Musik erzeugt eine angespannte Atmosphäre durch dissonante Harmonien. Dann aber, wenn Action in die Handlung kommt, kippt das Dahinplätschern in recht rhythmische Kadenzen, so dass man fast meinen könnte, in einem James-Bond-Film zu sitzen.

Geräusche gibt es diesmal nur sehr wenige, so etwa Babygeschrei oder klingelnde Telefone. Daher treten auch keine Fehler wie etwa beim erwähnten „Der Mann, der lächelte“ auf.

_Unterm Strich_

Insgesamt würde ich das Hörspiel „Mittsommermord“ im oberen Mittelfeld einordnen: Hier wird nichts falsch gemacht, es werden aber auch keine künstlerischen Gipfel erklommen. Das Hörspiel eignet sich also recht gut für den Einstieg in Mankells Werk, zumal es nicht mal zwei Stunden lang ist. Dafür wiederum ist es mit 20 Euro recht teuer.

|ca. 110 Minuten auf 2 CDs
Originaltitel: Steget efter, 1997
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt|

Williams, Tad – brennende Mann, Der

_Im Bann der Drachenklaue, sehr gut vorgetragen_

„Der brennende Mann“ ist eine psychologisch spannende Episode aus den Tagen nach dem Großen Krieg, den Williams in seinem Bestseller „Der Drachenbeinthron“ und in drei weiteren Romanen erzählt hat: im Osten-Ard-Zyklus.

_Der Autor_

Tad Williams, 1957 in San José (Kalifornien) geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus als auch mit seinem „Otherland“-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“ (beide bei |Klett-Cotta| verlegt). Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Neben seinen Fantasyromanen schreibt Williams Drehbücher und Hörspiele, erfindet Computerspiele und zeichnet Comics. Er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in der Nähe von San Francisco.

Die Vorlage des Hörbuchs „Der brennende Mann“, eine 105-Seiten-Novelle, erschien bereits 1998 in Robert Silverbergs lesenswerter Anthologie „Der 7. Schrein“. Weitere Infos zum Autor: http://www.tadwilliams.de.

_Die Sprecherin_

Regina Lemnitz ist die deutsche Stimmbandvertretung von Kathy Bates, Whoopi Goldberg und Diane Keaton. Sie absolvierte ihre Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar, wo sie Schauspiel, Tanz und Gesang erlernte. Seit 1968 hatte sie mehrere Theaterengagements als Schauspielerin im klassischen Bereich, als Sängerin in Musicals und als Kabarettistin u. a. an den Münchner Kammerspielen, dem Schillertheater Berlin, dem Renaissance-Theater Berlin, den Salzburger Festspielen und dem Theater an der Wien.

Seit 1971 ist die vielseitige Schauspielerin auch durch viele Rollen im deutschen Fernsehen bekannt geworden. Sie war u. a. in den Serien „Unser Charly“ (1995-2005), „Dr. Sommerfeld – Neues vom Bülowbogen“ (2001) und „Der Landarzt“ (2004) zu sehen. Als Synchronsprecherin leiht Lemnitz seit Jahren vielen internationalen Stars ihre Stimme – siehe oben. Im Booklet steht, Kathy Bates sei in „Roseanne“ aufgetreten, aber das ist natürlich Unsinn. Kathy Bates und Roseanne (Barr) sind zwei verschiedene, reale Personen. Lemnitz hat beide synchronisiert.

Die Technik steuerte Achmed Chouraqui vom On Air Studio, Berlin.

_Handlung_

|“Die, die hier gelebt haben, Lord Sulis, sind tot. Aber das Gebäude lebt …“|

Im Land Osten-Ard regierten einst die Sithi, eine edle und friedfertige Rasse, zauberkundig und feinsinnig – so etwas wie Tolkiens Elben. Als die Nordmänner brutal in das Land einfielen und die stolze Burg Hochhorst angriffen, sprach Ineluki, der letzte Herrscher der Sithi, einen fürchterlichen Fluch aus. (Diese Geschichte erzählt Tad Williams in seinem vierbändigen Zyklus um Osten-Ard.)

Nun, viele Äonen später, hat der verbannte und glücklose Reiherkönig Lord Sulis in der düsteren, verfallenen Burg Hochhorst Zuflucht vor seinen religiösen Verfolgern gefunden. Er lebt dort mit wenigen Getreuen, seiner einheimischen Frau und seiner Stieftochter Breda, die in seltsamen Träumen von den Geistern der Burg heimgesucht wird. An den Wurzeln des Engelsturms herrschen immer noch die uralten Kräfte der Elben (Sithi) Ineluki und seines Bruders Hakatri.

Heimlich folgt Breda, die uns diese Geschehnisse viele Jahre später als alte Frau berichtet, dem Lord eines Nachts tief hinunter in die unterirdischen Verliese. Bei ihm sind die Hexe Valada, die er gefangen nehmen ließ, und zwei seiner Getreuen, Tellarin und Avalles. Tellarin ist seit Monaten Bredas Geliebter. Daher muss sie unbedingt erfahren, was er und ihr Stiefvater vorhaben, und koste es ihr Leben.

Der Lord, ein so genannter Abtrünniger und Zweifler an der offiziellen Lehre der Kirche von Nabban und deshalb in die Verbannung nach Erkynland geschickt, sucht die Antwort auf eine ganz bestimmte Frage: Wie steht es um die Grundlagen des Glaubens, an dem er zweifelt? Er ahnt nicht, dass seine Stieftochter unwissentlich im Bund mit seinem Feind ist.

Im tiefsten Innern des Engelsturms begegnet er dem „brennenden Mann“, der dort in Todesqualen in einer anderen Dimension verharren muss. Es handelt sich um Hakatri, Inelukis unglücklichen Bruder. Doch die Botschaft, die Lord Sulis von ihm erhält, hat verhängnisvolle Folgen. Wie es die Hexe vorhersagte: Einer muss dafür bezahlen. Breda spielt dabei eine entscheidende Rolle.

_Mein Eindruck_

Wie gesagt, ist die Geschichte ganz und gar aus dem Blickwinkel Bredas erzählt. Sie ist von königlichem Geblüt, aber zusammen mit ihrer Mutter vaterlos und somit verarmt aufgewachsen. Bis eines Tages Lord Sulis in Erkynland auftauchte und ihre Mutter zur Frau nahm. Doch warum musste er nur die heimgesuchte alte Burg wiederaufbauen? Er suchte Antworten, wälzte Bücher und vergaß dabei die Welt – und seine Familie. Auch der Lord ist ein „brennender Mann“, der im Fegefeuer der Verbannung und Ächtung leben muss.

Schon werden Attentäter gegen ihn ausgesandt, von denen Breda natürlich nichts ahnt. Sie ist viel zu sehr mit ihrer ersten großen Liebe Tellarin beschäftigt. Erst als die Hexe Valada eingekerkert wird, merkt sie, was vor sich geht und was auf dem Spiel steht. Die Dinge spitzen sich bis zu jener Nacht zu, die man hierzulande als Walpurgisnacht kennt …

Der Autor erzählt von großen Vorgängen, die die Welt der Menschen prägen, lange nachdem die Sithi-Lords verschwunden sind. Es handelt sich um die Folgen des Aufstiegs der Kirche zur Staatsmacht, die keine Abtrünnigen wie Lord Sulis duldet. Im Gewande eines Fantasyromans wirft der Autor einen kritischen Blick auf zentrale Vorgänge des europäischen Mittelalters.

Dabei wird die Geschichte nie langweilig, denn Breda erzählt sie mit der Weisheit und Ruhe des Alters, wenn sie auf ihr ungestümes fünfzehnjähriges Ich in jener Zeit zurückblickt. Damals befand sie sich in einer Epoche, als uralte Magie, Hexenwissen und neuer Kirchenglaube noch nebeneinander existierten.

Das Dingsymbol dafür ist die „Drachenklaue“, die sie für ihre Mutter kurz vor deren Tod holen sollte. Xanippa, eine ehemalige Hure und jetzt fettleibige Kräuterfrau, gab ihr eine Eulenkralle mit einem Gift, „das man hier auch Drachenklaue nennt“. Hier – das ist im Hochhorst der Ort, wo es zur Zeit der Sithi-Lords einen roten Drachen gab. Und wenn Breda dieses giftige Instrument, das einen schnellen Tod herbeiführen soll, einsetzt, dann ist dieser Akt ein Triumph der magischen alten Welt über die neuen Götter. Lord Sulis verkörpert einen anderen Glauben, die Amtskirche eine andere Variante des neuen Glaubens. Doch alle müssen sich dem uralten Fluch des brennenden Mannes beugen, der die Geschichte dieses Landes symbolisiert: Hakatri. Erlösung gibt es nur um einen hohen Preis.

_Sonstiges_

Das Titelbild ist ebenfalls sehr gelungen. Vor einem karminroten Hintergrund zeigt es eine schwarze Burg, die von bunten Flammen umzüngelt wird. In der Burg schwebt das grüne Gesicht des Geistes, den Lord Sulis beschworen hat.

Die Übersetzung, die der Stephen-King-Spezialist Joachim Körber angefertigt hat, ist sprachlich und stilistisch vom Feinsten. Aber das Wort „Kurtine“ musste auch ich erst einmal nachschlagen. Es bezeichnet einen Gebäudeteil des Hochhorstes: „Teil des Hauptwalles einer Festung“, sagt der |DUDEN|.

_Die Sprecherin_

Regina Lemnitz passt genau zu der Figur der alten Erzählerin Breda: Ihre Stimme klingt tief und gereift, aber durchaus noch kräftig. Das Kunststück, das sie zu vollbringen hat, besteht darin, auch das fünfzehnjährige Mädchen Breda, von dem sie berichtet, zum Leben zu erwecken. Lemnitz hat aber die nötige Freude im Herzen und erinnert sich an den jugendlichen Überschwang des ersten Verliebtseins, um genau das richtige Maß an Wärme in ihre Stimme zu legen, das der jungen Breda zueigen ist.

Aber es gibt jede Menge griesgrämige Leute in dieser Geschichte. Allen voran der grüblerische Lord Sulis, der nach Dingen fragt und forscht, die besser verborgen blieben. Dann ist da das Kindermädchen Ulka, aber sie hat nichts melden, ebenso wenig Xanippa, das Kräuterweib, oder Valada, die falkenartige Hexe. Mögen sie auch lachen oder lästern und jammern, Lemnitz verleiht ihnen stets ein charakteristische Timbre in der Stimme.

Auf diese Weise kann man sie leicht auseinander halten. Nicht dass dies allzu nötig wäre, denn der Autor hat seine Geschichte sauber organisiert. Und da es sich um eine ungekürzte Textfassung handelt, wird jede Figur ordentlich eingeführt. Es gibt keine Überraschungen oder Verwirrung.

Leider gibt es vor, nach und während der Lesung keine Geräusche und auch keine Musik. Letztere würde gut zur zunehmend unheimlicheren Stimmung der Geschichte passen.

_Unterm Strich_

Aufgrund der erneuten, sorgfältigen Lektüre und des Anhörens des Audiobooks konnte ich mein früheres enttäuschtes Urteil über diese feine Erzählung gründlich revidieren. Innerhalb der Anthologie „Der 7. Schrein“ (s. o.) fiel mir die Novelle durch ihren pessimistischen Grundton auf. Das trifft aber nicht für den Ausgang der Ereignisse zu – so viel darf ich verraten. Die Religionskritik, die Williams darin untergebracht hat, ist nicht aufdringlich, sondern im Vordergrund steht stets das Schicksal der genau gezeichneten Menschen.

Anhand der oben genannten Beobachtungen halte ich die kleine Geschichte für einen sehr guten, unterhaltenden Kurzroman, der mit seinem Finale an gewisse Geschichten von Edgar Allan Poe und Geistesverwandten erinnert. Regina Lemnitz liest mit einer flexiblen und gut charakterisierenden Stimme, welche die Erzählzeit ebenso gut darzustellen versteht wie die erzählte Zeit. Ihre gereifte Stimme passt optimal zur Erzählerin Breda, die offenbar schon ein hohes Alter erreicht hat. Es ist, als lausche man einer uralten Kathy Bates, die sich als Märchentante betätigt.

|Originaltitel: The burning man, 1998
Aus dem US-Englischen übersetzt von Joachim Körber
149 Minuten auf 2 CDs|

Nick Hornby – NippleJesus (Lesung)

Knien und Beten verboten!

Der „NippleJesus“ ist eine Collage aus kleinen nackten Brüsten, die von der Ferne betrachtet ein Kreuzigungsbild darstellen. Für den Museumsaufseher, der für dieses Skandalbild verantwortlich ist, wird das Bild zu seiner persönlichen Passion. Als er jedoch die eigentliche Intention der Künstlerin erfährt, versteht er die Welt nicht mehr … (Verlagsinfo)

Der Autor

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T. A. Barron – Merlin und die sieben Schritte zur Weisheit (Lesung)

Vom Lachen des Drachen und der Süße der Sünde

„Merlin und die sieben Schritte zur Weisheit“ ist der zweite Teil einer erfolgreichen fünfteiligen Saga um die Jugend des legendären Zauberers: Sie erzählt von jener Zeit, als Merlin noch nicht der berühmteste aller Magier war, noch nicht der weise Lehrmeister des jungen Königs Artus, sondern ein 13-jähriger Junge, der gerade seinen zuvor unbekannten Vater Stangmar verloren hat und dessen Mutter Elaine jenseits des Meeres lebt.

Kein Wunder, dass er seine Kräfte erprobt und sie herbeibeschwört. Doch der Erzfeind Ritagaur ist nie weit entfernt und vergiftet Elaine. Um das Gegenmittel vom Gott Daghda zu erlangen, muss Merlin die sieben Schritte zur Weisheit finden und gehen. Und er hat dafür nur vier Wochen Zeit.

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Umberto Eco – Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana (Lesung)

Was bleibt von einem Leben ohne jede persönliche Erinnerung? Nach einem Schlaganfall erwacht Giambattista Bodoni aus dem Koma. Zwar erinnert er sich an Alexander den Großen, erkennt dafür aber nicht den kleinen Alexander, seinen Enkel. Er hat sein biografisches Gedächtnis verloren. Schritt für Schritt tastet er sich zurück, sucht, was in den Jahrzehnten geschehen ist. Seine Suche führt ihn durch Trödelmärkte und das Internet bis hin zum Dachboden im Haus seines Großvaters. Und Königin Loana? Sie stammt aus einem populären Comic, der erstmals 1932 erschien, im Geburtsjahr Umberto Ecos.

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Edgar Allan Poe – Der Bericht des Arthur Gordon Pym (Lesung)

Der Traum von einem Abenteuer zur See kann ganz schnell in einen Albtraum umschlagen, aus dem es offenbar kein Erwachen gibt. So ergeht es dem 16-jährigen blinden Passagier des Titels, der in die Antarktis und darüber hinaus in eine weiße Region vordringt, die noch kein Mensch zuvor gesehen hat.

Der Autor
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Hermann Hesse – Unterm Rad (Lesung)

Das autobiografische Werk „Unterm Rad“ ist der bedeutendste und meistgelesene deutsche Schulroman. 1906 erschienen, stellte er sich in den folgenden Jahren – mit einer Unterbrechung während des Dritten Reiches – als das provozierendste und folgenreichste Buch Hesses heraus. Seine Auflage beläuft sich inzwischen auf zwei Millionen Exemplare.

_Der Autor_

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Frank Schätzing – Der Schwarm

Vor Kanadas Küste greifen Wale Touristenschiffe an. Merkwürdige, gefräßige Organismen nehmen den norwegischen Meeresboden in Besitz. Etwas scheint das Leben im Meer unter Kontrolle gebracht zu haben und gegen den Menschen zu wenden.

Sigur Johanson, norwegischer Biologe und Schöngeist, sieht eine Katastrophe heraufdämmern. Gemeinsam mit dem kanadischen Walforscher Leon Anawak und der britischen Journalistin Karen Weaver nimmt er den Kampf auf – gegen eine Macht tief unten im Meer … (Verlagsinfo)

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Stephen King – Friedhof der Kuscheltiere

Achtung: Manchmal kommen sie wieder!

Wer erinnert sich nicht mit Schaudern an den Film „Friedhof der Kuscheltiere“? Vielleicht sogar an dessen Fortsetzung von 1992? Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) produzierte 1999 ein stimmungsvolles Hörspiel, das dem Film durchaus das Wasser reichen kann. Tatsächlich dringt der Horror des Endes noch stärker zum Zuhörer durch, denn keine Bilder unterstützen seine Vorstellungskraft – diese wird vielmehr selbst aktiv, wodurch der Horror umso unmittelbarer wirkt.

Tierliebhaber seien gewarnt: Wiederauferstandene Katzen gehören nicht ins Haus oder in die Nähe von Kindern!

_Der Autor_

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Tad Williams – Stadt der goldenen Schatten (Otherland 1) (Hörspiel)

Auftakt zur Rettung der Welten

Tad Williams, der bisher vor allem durch seine Fantasy-Romane auffiel, legte mit „Otherland“ seinen ersten Abstecher in den Bereich der Science-Fiction vor. Das Hörspiel ist das Nonplusultra der deutschen Hörspielproduktionen. Ob es sich lohnt?

Der Autor

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein neuester Roman trägt den Titel [„Der Blumenkrieg“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539 Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

_Die wichtigsten Sprecher / Produktion_

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)

Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)

Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2

Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)

Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1

Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)

Joachim Kerzel spricht Einsiedlerkrebs, den letzten Otherland-Rebellen

Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft, sowie den Alten Mann (s. u.)

Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Newsfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte GEZ-/Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

|Walter Adler|

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen |Hörspielpreis der Kriegsblinden| für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

Von |Pierre Oser|

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Musik für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des |Tympano Hörbuch|-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u. a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_PERSONEN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren treten bereits in Band 1 auf, so etwa Olga Pirofsky.

Herr Sellars

Herr Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen.

Orlando

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwerkranker Junge. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“ alias Fredericks, über den er allerdings Überraschendes herausfindet.

Osiris

Osiris ist ein unglaublich reicher Mann, und er ist der älteste Mensch der Erde. Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes, und er ist der teuflische Schöpfer von Otherland. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt.

Jongleur

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt Otherland bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er hat die Rechnung ohne Dread gemacht.

Dread

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt, schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiels schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß.

Olga Pirofsky (nicht in Teil 1)

Olga Pirofsky ist eine unscheinbare Person. Aber da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

Der Andere (nicht in Teil 1)

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

!Xabbu

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

Paul Jonas

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

Renie Sulaweyo

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

Christabel

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

Beezle

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

_Handlung_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s. o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden -diese potenzielle Bedrohung möchte sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen.

Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

_Mein Eindruck_

Bleibt Williams zu Beginn noch recht konservativ und plausibel, was die technischen Möglichkeiten seiner Zukunftswelt angeht, begibt er sich zunehmend auf das Gebiet der Fantasy. Eine böse, außerweltliche Kraft steckt im Kern der Bruderschaft, und von den verschiedenen virtuellen Welten, durch die seine Charaktere stolpern, wirkt eine phantastischer als die andere.

Das beginnt bereits im Prolog. Paul Jonas, kurz vorm Durchdrehen in seinem Schützengraben, klettert einen Baum hinauf, der sich als Jacks Bohnenranke entpuppt, die ihn bis über die Wolken führt. Dort entdeckt er eine weiße Linie, die ihn zu einem Schloss geleitet, in dem eine buntgefiederte Vogelfrau in einem Käfig gefangen ist. Sie wird bewacht vom bösen Riesen, der hier der Alte Mann genannt wird. Dieser verschlingt Paul, der plötzlich ganz woanders landet, unter anderem in Alices Wunderland. War’s ein Traum? Aber nein: Paul hat eine kleine grüne Feder mitgebracht …

Mit diesen Fantasien, Märchen und anderen Fabulationen ist der Autor offensichtlich in seinem Element, und das Buch wird an diesen Stellen auch deutlich spannender und unterhaltsamer als beispielsweise auf den ersten paar hundert Seiten, in denen Renie dem Buschman !Xabbu, und damit gleichzeitig dem Leser, ein paar Lektionen darüber erteilt, wie Tad Williams‘ Vorstellungen von Virtueller Realität funktionieren. Hier erzählt uns der Autor wenig Neues über ein Thema, das in der Science-Fiction ja schon des Öfteren und häufig besser behandelt wurde. Zwar zeigt er später, dass er durchaus einige nette Einfälle hat, aber die Vorbereitungsphase gerät deutlich langweiliger als nötig. Immerhin ist diese Phase im Hörspiel auf kaum wahrnehmbare Minuten herausgekürzt – die Realität des Internet hat die Vision bereits eingeholt und somit kann die VR-Technik als bekannt vorausgesetzt werden. (Lediglich ein paar Details wie implantierte Sensoren stehen noch auf der Agenda der Forschung.)

Die Charaktere sind Williams‘ Stärke, sie haben sehr menschliche Schwächen und Bedürfnisse, und gerade der Kontrast zwischen dem spirituellen und naturverbundenen !Xabbu und Renie, die ganz praxisnah versucht, einfach nur ihre Familie durch- und ihren Bruder zurückzubringen, zeigt dies deutlich. Leider sind die Protagonisten auf mindestens vier getrennte Handlungsstränge verteilt, die alle um die Aufmerksamkeit des Lesers kämpfen. Andererseits sorgt dies für dauernde Abwechslung. „Otherland“ ist kein Hörspiel, das man bereits beim ersten Hören erfasst.

„Otherland: Stadt der goldenen Schatten“ ist der erste Teil einer Tetralogie. Da mag es kaum überraschen, dass am Ende des ersten Bandes ein ganzes Knäuel von unaufgelösten Handlungsfäden übrig bleibt. Überraschen könnte es aber, dass auch sonst kaum etwas passiert ist. Während die Figurenpaare versuchen, zum Kern der Verschwörung vorzudringen, bleiben sie leider meist Spielball des Geschehens. Nur selten bietet sich ihnen eine neue Einsicht oder gar die Möglichkeit zu handeln, beispielsweise dann, als sie den Einsiedlerkrebs aufspüren können: Er ist der letzte überlebende Programmierer von „Otherland“ und hat sich eine Freizone im Netz aufgebaut.

Immerhin, am Ende des Hörspiels kommen fast alle Figuren zusammen und stellen fest, dass sie gemeinsame Ziele haben. Aber das war’s dann auch schon, die Kernhandlung ist kaum ein Stück weiter vorangetrieben worden, und der Hörer fragt sich, worauf das wohl alles hinauslaufen wird.

„Otherland“ ist sicherlich nicht „Der Herr der Ringe“ des 21. Jahrhunderts – dazu ist es nicht bahnbrechend genug, und Cyberpunk-Science-Fiction à la Gibson ist es auch nicht, dazu sind die Charaktere zu stark in Gute und Böse polarisiert und die Geschichte mit zu vielen Fantasy-Elementen durchsetzt. Es ist wahrscheinlich mehr, denn es vereint all diese Richtungen in einem Amalgam der Erzähltraditionen. Könnte man das Universum der Literatur in einem „Otherland“ abbilden, so würden die Williams’schen Figuren durch etliche Länder dieses Universums ihren Weg suchen. Wohl dem, der eine Karte davon hat.

|Die Sprecher / Produktion|

Der Prolog weckt den Zuhörer gewissermaßen auf, reißt ihn heraus aus seinem Alltagstrott, hinein in die wüste und verwüstete Welt der Schützengräben: Granaten heulen heran und explodieren, Maschinengewehre rattern, ein Verwundeter brüllt und schreit seine Schmerzen in die Welt – es ist das pure Chaos. Mittendrin versucht der Gefreite Paul Jonas, so etwas wie Verstand zu behalten, doch als ein Unbekannter mit einer blütenweißen Zigarette auftaucht, will ihm das nicht mehr so recht gelingen … Nur der ewige Regen bleibt konstant.

SCHNITT. Ein Geräusch wie aus „The Matrix“ begleitet den abrupten Übergang zur ersten |Newsfeed|-Verlautbarung. Newsfeed ist ein Undergroundsender, der subversive Nachrichten verbreitet (gesprochen von A. Fröhlich). Es ist der Nachfolger zu all jenen verückten Weisen, die in den Science-Fiction-Romanen der sechziger und frühen siebziger Jahren auftauchten, etwa in John Brunners „Morgenwelt“-Klassiker. Newsfeed enthüllt die kalte, nackte und definitiv verrückte Wahrheit über den Planeten Erde 40 Jahre in der Zukunft, vom Jahre 1999 aus gesehen. Leider nähern wir uns dieser Vision mit affenartiger Geschwindigkeit und haben sie stellenweise schon fast erreicht.

SCHNITT. Eine Straßenszene vor der Technischen Hochschule, an der Renie lehrt. Ein Bombenanschlag hat heulende Sirenen und Schreie von Verwundeten auf den Plan gerufen, Renie irrt umher, dann steht unvermittelt der sanfte !Xabbu vor ihr. SCHNITT. Viel, viel später begeben sie sich auf der Suche nach Renies Bruder in eine von Mister J’s Spielhöllen. Hier wird VR real, hier wird’s Gestalt, wie Goethe sagt. Die Achterbahnfahrt beginnt, mit sehr seltsamen, aber interessanten Soundkulissen.

Es ist anzunehmen, dass alle diese Geräusche von Pierre Oser synthetisiert oder gesampelt und anschließend quasi zu einer Soundwelt komponiert wurden. Diese Welt ändert sich je nach Szene und Setting, also mal von Zukunftswelt, dann zu Schützengraben und weiter zu Thargors Fantasy-Ambiente. Die Frage ist, ob die Geräuschkulisse jeweils stimmig ist. Wir wollen ja keine MATRIX-Effekte in einer CONAN-Welt, oder? (Wäre aber ganz witzig.) Doch keine Bange – ich konnte keinerlei Patzer feststellen.

|Die Sprecher|

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa Joachim Kerzel oder Andreas Fröhlich (s. o.). Es ist angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner, und des Mädchens Christabel Sorensen, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

|Die Hörerfahrung|

Zunächst war ich vom ersten Hören des kompletten Hörspiels völlig erschlagen. Kopfweh ist noch eine der milderen Folgen der vollen Dosis von 334 Minuten „Otherland“ („nur“ fünfeinhalb Stunden). Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich mir die Mühe gemacht habe, die einzelnen Szenen auch in der Originalausgabe zu finden. Das kann ja nicht gut gehen.

Immerhin wurde mir sehr schnell klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde.

Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen? Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 50-55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen (sonst bestraft einen das Kopfweh). Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das ganz schön ermüden.

_Unterm Strich_

Auch wenn „Otherland: Die Stadt der goldenen Schatten“ inhaltlich sicherlich nicht schlecht ist, so habe ich persönlich zu ähnlichen Themen schon sowohl Spannenderes als auch Originelleres gelesen und gehört. Was vor allem beeindruckt, sind die Dimensionen des Hörspielprojektes, das Walter Adler unternommen hat. Aber ich darf mich nicht von Dimensionen – die Zahlen findet man auf den einschlägigen Webseiten des Buchhandels und des Verlags – beeindrucken lassen, denn schließlich geht es in erster Linie um die Qualität des Ergebnisses.

Diese Qualität erschließt sich, wie angedeutet, erst nach mehrmaligem Anhören des Ganzen. Aber schon beim ersten Mal sind eine Reihe zauberhafter Szenen im Gedächtnis haften geblieben, so etwa der Aufstieg ins Wolkenschloss des Alten Mannes, wo Paul Jonas auf die Vogelfrau stößt, die ihm viel, viel später in anderer Gestalt wieder erscheint. Denn es scheint das Prinzip der Permutation zu gelten: Eine Geschichte lässt sich in vielerlei Form erzählen, und die in ihr transportierten Figuren können in anderen Geschichten wieder auftauchen. So als gäbe es einen begrenzten Fundus, aus dem der Autor schöpfen könne, um verschiedene Gemälde daraus zu malen und sie miteinander zu verknüpfen (so ähnlich wie Roman und Hörspiel sich zueinander verhalten, wobei jede Form anderen Gesetzen gehorcht).

Walter Adler hat den berühmten roten Faden für vier verschiedene Handlungsstränge mit radikalen Kürzungen herausgearbeitet. Dadurch fällt es dem Hörer leichter, den vier Geschichten zu folgen: Orlando & Fredericks; Renie & !Xabbu, Christabel & Mr. Sellars sowie Paul & Gally. Dazwischen sind wieder Szenen der Gralsbruderschaft sowie der Newsfeed geschaltet. Doch folgt man Renie und !Xabbu, so ergibt sich ein Krimi, der genügend Spannung liefert, um den Hörer durch die gesamte Handlung voranzutragen. Die anderen Geschichten sind mal humorvoll, mal dienen sie der Erkenntnis, wieder andere sind so absurd-komisch wie „Alice im Wunderland“. Allerdings bleiben am abrupten Schluss viele Fragen offen – ein klassischer Cliffhanger. Denn dies ist nur das erste Viertel des gesamten Kunstwerks.

Die Ausstrahlung beginnt am 10. Oktober 2004 auf YouFM beziehungsweise HR2, also beim Hessischen Rundfunk. Viel Spaß!

Animierte Verlags-Homepage zum „Otherland“-Hörspiel:
http://www.hoerverlag.de/ws/otherland__ws/ws__otherland.htm
Mehr Infos: http://www.otherland.hr-online.de & http://www.hoerverlag.de

|Umfang: 334 Minuten auf 6 CDs|

Williams, Tad – Otherland 3: Berg aus schwarzem Glas

Das Hörspiel um die virtuelle Welt „Otherland“ geht in die dritite Runde. Der Hessische Rundfunk (hr2) hat es in Zusammenarbeit mit dem Münchner |Hörverlag| produziert. Regisseur und Hörspielbearbeiter Walter Adler ist ein alter Kämpe dieses Metiers und konnte die Crème de la Crème der deutschen Bühnenschauspielergeneration vors Mikro holen, von Rufus Beck und Dietmar Mues bis Nina Hoss und Sophie Rois. Aber ist das Ergebnis der Mühen auch spannend und unterhaltsam? Mal sehen …

_Der Autor_

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein vorletzter Roman trägt den Titel „Der Blumenkrieg“, danach kam letztes Jahr „Shadowmarch“ (August 2005 auf Deutsch erschienen). Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

|Rezensionen bei Buchwurm.info:|

[Otherland]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20
[Der brennden Mann]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=221 (Osten Ard)
[Der Blumenkrieg]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539
[Die Stimme der Finsternis]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1400
[Die Insel des Magiers]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1541

_Die Sprecher / Die Produktion_

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)
Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)
Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2
Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)
Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1
Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)
Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft, sowie den Alten Mann (s. u.)
Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Netfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

_Walter Adler_

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

_Von Pierre Oser …_

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Stücke für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des Tympano Hörbuch-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u. a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_FIGUREN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website http://www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren sind bereits in Band 1 aufgetreten, so etwa Olga Pirofsky und Calliope Skouros.

|Herr Sellars|

Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen. Seine beste Freundin ist die kleine Christabel.

|Orlando|

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwer kranker Junge, der unter Progerie leidet: vorzeitiger Alterung des Körpers. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“, über den er allerdings Überraschendes herausfindet. „Pitlith“ ist ein Mädchen namens Salome Fredericks. Ihr Agent Ramsay kann Kontakt mit Orlandos Agent Beezle (s. u.) aufnehmen.

|Felix Jongleur|

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt Otherland bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt, doch er hat die Rechnung ohne Dread gemacht.
Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes Osiris. Der Osiris-Mythos, der in „Otherland“ eine bedeutende Rolle spielt, besagt, dass der Gott von seinem Bruder Seth getötet wurde, doch seine Schwester Isis erweckte ihn wieder zum Leben und gemeinsam zeugten sie Horus, den falkenköpfigen Sonnengott. In „Otherland 2“ wird dieser Mythos umgedreht.

|Dread|

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiel schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß. Denn Dread leitet seinen Namen von MOR-DRED ab, dem illegitimen Sohn von König Artus und dessen Nemesis.

|!Xabbu|

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

|Paul Jonas|

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

|Renie Sulaweyo|

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

|Christabel|

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

|Beezle|

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

|Martine Desroubins|

Martine ist eine französische Rechercheurin, und sie ist gut. Seit ihrer Kindheit ist sie blind, aber sie kann Dinge fühlen, die andere nicht wahrnehmen. Im Alter von acht Jahren nahm sie an einem Experiment mit sensorischer Deprivation (Aussperren aller Sinneswahrnehmungen) teil: Tagelang war sie allein in einem dunklen Raum. Damals verlor sie ihr Augenlicht (aber nur psychisch, nicht physisch). In Otherland erinnert sich Martine nach und nach an ein seltsames Kind, mit dem sie damals im Dunkeln sprach.

|Die Zwillinge|

Schon im Prolog zu Teil 1 tauchen die Zwillinge als albtraumhafte Verfolger von Paul Jonas auf. Hier heißen sie Finch und Mullet, der eine dick, der andere dünn. In Teil 2 treten sie im Kontext des Buches „Der Zauberer von Oz“ als Blechmann (Tin Man) und Vogelscheuche (Scarecrow) auf.

|Calliope Skouros|

… ist eine Polizistin in Australien, die sich mit merkwürdigen Vorkommnissen im australischen Busch befasst. Sie fährt zu den Ureinwohnern und erfährt, wie es zu dem Mord an einem fünfjährigen Mädchen namens Merapanui kommen konnte. Ihren Chef Stan Chan interessiert das nicht die Bohne. Sollte es aber – Dread stammt aus Australien.

|Dulcinea Anwin|

… ist eine Auftragsmörderin und Agentin. Sie arbeitet u.a. für Dread.

|Olga Pirofsky|

Olga Pirofsky, 56, ist eine unscheinbare Person, doch hat sie eine interessante Leidengeschichte hinter sich – seit ihr Sohn Alexander starb, setzt sie sich für Kinder ein. Da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

|Der Andere|

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

_Vorgeschichte_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s. o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem Zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden – diese potentielle Bedrohung möchten sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen. Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

|Die Ereignisse in „Otherland 2: Fluss aus blauem Feuer“|

Alle Gruppen erfahren, was es mit dem „Fluss aus blauem Feuer“ auf sich hat. Er ist Verbindungsstelle, Grenze und Brücke zwischen einzelnen Simulationen, aus denen sich Otherland zusammensetzt. Jede Simulation hat zwei Gateways, an denen der Fluss ein- und wieder austreten kann. Es kommt also häufig darauf an, diese Gateways oder Pforten zu finden, beispielsweise um rechtzeitig einer Gefahr zu entkommen.

Die Schicksalsgemeinschaft, die Herr Sellars nach Otherland gerufen hat, wird schon bald getrennt und muss sich vielen Prüfungen stellen, ähnlich wie es im „Herrn der Ringe“ geschieht – ein Werk, das mehrere Male zitiert wird, so etwa von Orlando. Unerkannt befindet sich unter ihnen der Serienkiller mit dem passenden Namen Dread. Er will die Meister seiner Grals-Bruderschaft stürzen und sucht zu diesem Zweck entsprechende Informationen.

Renie und !Xabbu kämpfen mit riesenhaften Insekten und seltsamen Kreaturen in einer pervertierten Version der Welt des „Zauberers von Oz“. In einem tragischen Kampf wird einer der Gefährten als der maskierte Dread entlarvt (ich werde mich hüten zu verraten, um wen es sich handelt). Er flieht, nachdem er einen der Freunde getötet hat. Übrig bleiben außer Martine Desroubins noch Florimel, eine deutsche Frau, und der junge T4b (englisch ausgesprochen: ti for bi).

Paul Jonas gewinnt zunehmend mehr von seinem verlorenen Gedächtnis zurück. Er fühlt sich auf der Reise der Gruppe durch Otherlands zentralen Fluss von zwei unheimlichen Wesen verfolgt (siehe oben: „Die Zwillinge“). Ein gewisser Nandi Paradivasch verschafft ihm Gewissheit über seine Geschichte. Nandi gehört zu einer Organisation, die sich „Der Kreis“ nennt und die gegen die Gralsbruderschaft kämpft. Paul sei ein Gefangener in den Simulationen oder Sims, und der Mensch, der ihm das angetan habe, sei Felix Jongleur, sagt Nandi. Jongleur sei so alt, dass er wie Paul selbst den Ersten Weltkrieg erlebt habe. Er lebe in einem Anwesen in Louisiana und strebe das ewige Leben an. Paul erhält einen wichtigen Hinweis: Er muss zum Haus des Irrfahrers gehen und dort die Weberin befreien. Gemeint ist der Ort Ithaka, und dreimal darf man raten, welche Figuren gemeint sind.

Wer meint, all dies sei viel zu abgefahren, sollte sich mal die NetFeeds reinziehen. Diese Untergrund-Nachrichten aus der „realen“ Welt beleuchten schlaglichtartig, wie bizarr die Entwicklungen sein können, die wir bereits heute im Ansatz erkennen können. NetFeeds dienen als Pausenfüller und trennen wichtige Kapitel voneinander.

_Handlung von „Berg aus schwarzem Glas“_

Der Auftragskiller Dread ist in Otherland wieder auf die Spur von Renie und ihren Gefährten gestoßen. Er entführt Martine, und in den Tagen ihrer Gefangenschaft ahnt sie langsam, mit welch einem grausamen Feind sie es hier zu tun haben. Endlich gelingt es den anderen, Martine zu befreien, doch Dread schwört Rache.

Unterdessen kann seine Angestellte Dulcinea Anwin, eine EDV-Spezialistin, ihre Neugier nicht mehr bezähmen und kommt Dreads möderischen Vorlieben auf die Spur. Auch die australische Polizistin Calliope Skouros zieht das Netz um Dread immer enger. Orlando und Fredericks, seine Freundin, müssen in einem ägyptischen Tempel den Kampf mit einem Mächtigen der Gralsbruderschaft bestehen. Es steht auf Messers Schneide.

Die Gefährten begegnen sich in einer Simulation des Trojanischen Krieges wieder. Zwar sind Paul (eine Verkörperung von Odysseus), Fredericks, Orlando, Renie, !Xabbu, Martine, Florimel und T4b ungleich auf die gegnerischen Kriegsparteien verteilt, doch sie können gemeinsam fliehen. Die Freunde erreichen schließlichen den titelgebenden schwarzen Berg, auf dessen Gipfel ein gefesselter Riese liegt. Langsam begreifen sie, dass dies das Betriebssystem von Otherland, in dem sie sich befinden, sein muss – der Andere (s.o.). Es scheint ihm gar nicht gut zu gehen …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal hat sich Tad Williams der alten Mythen, Sagen und Legenden angenommen. Es ist im Grunde nur eine Handvoll neuer Simulationen (Sims), die es zu durchqueren gilt, doch erstens wechselt der Schauplatz ständig, und zweitens sind sie zunehmend miteinander verflochten. Da ist man nach einer Weile schon froh, wenn man es wieder einmal mit Vorgängen in der anerkannten „Realität“ zu tun bekommt. Dort agieren verschiedene Menschen in Richtung auf die Aufklärung von Dreads Verbrechen und was es mit dem Treiben der Gralsbruderschaft, das das weltweite Kindersterben verursacht, auf sich hat.

Dass der Autor auch Computerspiele entworfen hat, merkt man in der Mehrzahl der Sims deutlich: Stets gilt es Hindernisse zu bewältigen, Informationen zu sammeln, wichtige Gegenstände zu erwerben und schließlich die Prüfung zu bestehen. Ist dies alles bewältigt, so kann unter günstigen Umständen der Durchbruch zur nächsten Sim gelingen. Williams entwirft in „Otherland 3“ wunderschöne und bezaubernde Sims. Doch die Frage ist natürlich: Gibt es irgendeinen Fortschritt oder sind die Gefährten zu einer Unendlichkeitstour ohne Ziel verdammt?

Der Fortschritt ist von einer hohen Warte aus zu beobachten, sozusagen nach jedem Band. Nach dem Eintritt in Otherland versuchen sich die Gefährten zurechtzufinden. Das war in Teil eins, und in Teil zwei treten schon die ersten Konflikte auf. Außerdem wird die Vergangenheit in einem Ausmaß enthüllt und aufgedeckt, dass es dem Verräter unter den Gefährten nicht mehr gelingt, sich zu verstecken. Die wahre Natur von Otherland als die eines Konstrukts von alten machtgierigen Herrschaften, die nach Unsterblichkeit streben, wird erkennbar – nicht jedem und nicht im ganzen Ausmaß, doch die Lage ist als Bedrohung klar und deutlich erkennbar.

Aber es gibt diverse Helfer und Freunde in- und außerhalb Otherlands. Am faszinierendsten ist dabei jene junge Frau von ätherischer Schönheit, die Paul Jonas in unterschiedlicher Gestalt geleitet. In Teil drei überwindet er endlich seine künstliche Amnesie und er erkennt, um wen es sich bei ihr handelt. Auch Orlando offenbart sie sich – in Sim-Verkleidung – als Schutzengel.

In Band drei erweisen sich die wichtigsten Gefährten, wie etwa Paul Jonas, Orlando oder Renie Sulaweyo, als fähig, eine Gesamtlage zu erfassen, als sie in der Sim des Trojanischen Krieges auftauchen. Dort sind der Gefahren mächtig viele (tolle Actionszenen!), und das Überleben hängt manchmal von einer schnellen Reaktion ebenso ab wie von einem schnellen Gedanken oder Freund. Dass sie es dadurch zum Durchbruch auf eine zentrale Einheit Otherlands schaffen, kommt gerade noch rechtzeitig.

Denn auch die Gralsbruderschaft war nicht untätig. Sie bereitet den Übergang vom sterblichen Körper in die unsterbliche Inkarnation innerhalb Otherlands vor, wo sie als Gemeinschaft von ägyptischen Göttern unumschränkt und ewig zu herrschen erwartet – wozu sonst der Riesenaufwand? Allerdings gibt es da neuerdings ein paar Schwierigkeiten, von denen die Unternehmungen von Mr. Dread nur eine ist. Er will selbst die Herrschaft an sich reißen. Es bleibt spannend: Otherland muss enden – doch was wird dann aus unseren Gefährten?

_Die Sprecher / Die Produktion_

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa den rasant daherquasselnden Andreas Fröhlich als NetFeed-Nachrichtensprecher. (Er ist als deutsche Stimme von Edward Norton und John Cusack bekannt, sprach aber auch den Gollum im „Herr der Ringe“ und führte dort Dialogregie.)

Ich finde es angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner, und des Mädchens Christabel Sorensens, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

Die Soundeffekte erstrecken sich übrigens auch auf die Stimmen. Es gibt Stimmen, die irgendwie „wässrig“ klingen oder krächzen, als handle es sich um eine Krähe oder einen Geier. Beispielhaft findet diese Technik ihre Anwendung in Orlandos Kampf im Wüstentempel, wo er es mit diversen ägyptischen Göttern und ihren Schergen, den „Zwillingen“ (s. o.), zu tun bekommt. Auch Hall und Echo kommen zum Einsatz: „Otherland“ ist der Traum eines Toningenieurs, denn hier kann er zeigen, was sein Tonarchiv und die Kompositions-Software draufhaben.

Wie schon beim ersten Teil des Hörspiels wurde mir klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde. Auch das Ende ist wohl kürzer als im Buch. Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen?

Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel, Personal – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das etwas ermüden. Am besten ist es natürlich, das Hörspiel mehrmals zu genießen. Es finden sich bestimmt Details, die man zuvor überhört hat, und Zusammenhänge, die sich neu ergeben.

_Unterm Strich_

In Teil 3 kommt die Handlung ganz ordentlich voran und eine entscheidende Phase für das Schicksal von ganz Otherland ist erreichbar: Die böse Gralsbruderschaft initiiert das Ritual, mit dem sie die Herrschaft antreten will. Ob ihr das gelingt, wird die Fortsetzung erweisen. Es bleibt spannend.

Dass es solche Fortschritte gibt, ist für den Game-Laien nicht immer ersichtlich, weil so viele Handlungsstränge parallel geführt werden. Doch für Gamer, die Erfahrung mit komplexen Welten haben, ist „Otherland“ wahrscheinlich ein Klacks. Sie kennen die Funktionsweise der Sims im Schlaf, wissen, welche Entscheidungen Erfolg versprechen und auf welchem Level sie sich befinden. Leider wird weder im Buch noch im Hörspiel irgendeine Statistik ausgegeben, daher sind solche Gamer-Hilfen nicht vorhanden und der Zuhörer muss sich auf Erfahrungen aus Film (schnelle Schnitte) oder Radio (Sound, Effekte, Meldungen) verlassen.

In jedem Fall ist das Hörspiel „Otherland“ in seiner Gesamtheit eine Erfahrung der ganz besonderen Art. Wie hochwertig das Produkt eingestuft wird, zeigen auch die Gebrauchtpreise bei Ebay oder Amazon. Sie liegen weit über den üblichen Preisen für Audiobooks.

|Originaltitel: Otherland – Book 3: Mountain of Black Glass, 2001
330 Minuten auf 6 CDs
Mehr Infos: http://www.hoerverlag.de, http://www.otherland.hr-online.de, http://www.tadwilliams.de |

[NEWS] Ursula Poznanski – Cryptos

Kerrybrook ist Janas Lieblingswelt: ein idyllisches Fischerdorf mit viel Grün, geduckten Häuschen und einer Burgruine. Es gibt Schafe, gemütliche Pubs und vom Meer her weht ein kühler Wind. Manchmal lässt Jana es regnen. Meistens dann, wenn an ihrem Arbeitsplatz mal wieder die Kühlung ausfällt und es schon vor elf Uhr so heiß ist, dass man kaum mehr atmen kann.
Jana ist Weltendesignerin. Auf ihrem Desktop entstehen die alternativen Realitäten, in denen jeder spannende Abenteuer erleben kann, während er sich eigentlich in einer Art VR-Kapsel befindet. Denn in einer Wirklichkeit, in der das Klimasystem bereits gekippt ist, bleibt für die meisten Menschen nur die Flucht ins Virtuelle … (Verlagsinfo)


Ungekürzte Lesung mit Laura Maire
1 MP3-CD, ca. 12h 20min
der Hörverlag