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Cyril Judd (Kornbluth, Cyril M. / Merril, Judith) – Die Rebellion des Schützen Cade. SF-Roman

Wandlung eines Soldaten: Rebellen auf dem Mars

Schütze Cade wächst in der imperialen Ordnung auf, die die Planeten Erde, Mars und Venus beherrscht. Schon zehntausend Jahre herrschen Imperator, Statthalter und Feldherren, und der Orden der Schützen ist ihre eiserne Faust. Doch eines Tages gerät der stolze, vollständig indoktrinierte Schütze in die Hände der Rebellen, die den Sturz des Systems und die Errichtung des Menschen-Reiches anstreben. Und auf einmal ändert sich alles.

Die Autoren

„Cyril Judd“ ist das Pseudonym des Autorengespanns Cyril M. Kornbluth und Judith Merril.

1) Cyril M. Kornbluth

Wie auch in dem mit Frederik Pohl geschriebenen Roman „Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute“ (1953) nimmt Cyril M. Kornbluth (1923-58) bestimmte Yankee-Eigenheiten satirisch auf die Schippe. Erzählungen wie diese bedeuteten erstmals eine Abkehr von der optimistischen, himmelsstürmenden SF des Golden Age (Heinlein, Asimov, van Vogt usw.) und eine deutliche Hinwendung zu den „weichen“ Wissenschaften wie Soziologie und Psychologie. Der Mensch – und die Erde – rückten in den Mittelpunkt der Betrachtung und nicht eine Idee aus den technischen Naturwissenschaften, wie sie bislang vorherrschten.

Soziale und menschliche Probleme spielten nun eine Rolle. Auf diese Weise wurde Kornbluth zu einem Wegbereiter der SF der soziologischen, alle Grenzen sprengenden SF der sechziger Jahre (New Wave in USA und GB), die eine Literaturgattung war, die man ernst nehmen konnte (man denke etwa an John Brunners [„Morgenwelt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1274 und Thomas M. Dischs „Camp Concentration“). Leider setzte sein früher Tod mit 35 Jahren seiner Karriere ein jähes Ende.

Storysammlungen und Romane

1) Herold im All (Stories, 1968; Goldmann 1969)
2) Der Gedankenwurm (Stories; Suhrkamp 1987)
3) Der Altar um Mitternacht (Stories; Suhrkamp 1987)
4) Ehrbare Kaufleute und eine Handvoll Venus (The Space Merchants, 1953; mit Frederik Pohl; dt. 1971)
5) Welt auf neuen Bahnen (Wolfbane, 1959; mit Frederik Pohl; Goldmann 1972)
6) Gladiator des Rechts (Gladiator-at-law; mit F. Pohl; dt. 1962)
7) Die letzte Antwort (Search the sky, 1954; mit F. Pohl; Heyne 1972)
8) Die Worte des Guru (A mile beyond the moon; Goldmann 1975)
9) Katalysatoren (The wonder effect; mit F. Pohl; Goldmann 1977)
10) Nicht in diesem August (Not this August, 1955; Bastei-Lübbe 1985)
11) Schwarze Dynastie (The Syndic, 1953; Bastei-Lübbe 1986)
12) Start zum Mond (Takeoff, 1952; Pabel, Rastatt 1958)
13) (als Cyril Judd) Die Rebellion des Schützen Cade (Gunner Cade, 1952; mit Judith Merril, Ullstein 1972)
14) (als Cyril Judd) Außenstation Mars (Outpost Mars, 1952; mit Judith Merril, Ullstein 1984)

2) Judith Merril

Judith Merril, geboren 1923 als Juliet Grossman, lebt seit 1968 in Kanada. Von 1949 bis 1953 war Merril die Frau des bekannten SF-Herausgebers Frederik Pohl, der später mit Kornbluth zusammenarbeitete (s. o.). Ihre erste 1948 veröffentlichte SF-Story war „That only a mother“, die innerhalb der weiblichen SF zu den Klassikern zählt. Ihr erster Roman „Shadow on the hearth“ (wörtlich: „Ein Schatten auf dem Herd“) erschien 1950. Darin erlebt eine gewöhnliche Hausfrau den Atomkrieg. Die „SF Enyclopedia“ nennt den Roman eine der besten Geschichten über den nuklearen Holocaust. Die Verfilmung trägt den reißerischen Titel „Atomic Attack“.

„Dead Center“ (1954) erschien in einer Anthologie der besten amerikanischen Kurzgeschichten, und ihre Storysammlung „Daughters of the Future“ (1968) enthält drei bahnbrechende Novellen über Frauen (Mütter, Geliebte etc.) im Zeitalter der Raumfahrt. 1960 erschien mit „The Tomorrow People“ ein schwacher Roman, danach trat Merril vor allem als eine der fleißigsten Herausgeberinnen der SF überhaupt hervor.

In die Literaturgeschichte schrieb sie sich als eine der ersten Verfechterinnen der britischen New Wave in der SF ein. Diese literarische Bewegung verschmolz moderne Themen und Erzählformen mit SF-Motiven. Ihr wichtigster Exponent war J. G. Ballard, der tabubrechende Storys u. a. über J. F. Kennedy, Jacqueline Kennedy und Marilyn Monroe schrieb (in „The Atrocity Exhibition“).

Handlung

Schütze Cade (er hat keinen Vornamen) lebt in einer religiös verbrämten Militärdiktatur. Offiziell dient er dem Imperator, der jedoch durch seinen Statthalter und seine Feldherren vertreten wird. Das ganze System der Klin-Philosophie scheidet den elitären Orden der Schützen von den gewöhnlichen Bürgern, die angeblich keine Ahnung von den Vorrechten der Schützen haben. Schütze fühlt sich entsprechend privilegiert, ein System aufrechtzuerhalten, das angeblich bereits seit zehntausend Jahren besteht. Er verteidigt seine Ordensbrüder gegen jede Beleidigung oder Bedrohung von außen und trägt so zum Erhalt der Diktatur bei. Besonders die Brüder vom Mars vertreten ein paar allzu liberale Ansichten.

Aufgrund seiner vernagelten Froschperspektive hat er keine Ahnung von den Machtspielen des Statthalters und der Feldherren. Sein Truppeneinsatz im Kampf um ein Erzdepot irgendwo in Lothringen führt dazu, dass er in einem umkämpften Haus den Rebellen in die Hände fällt. Eine junge Frau hilft ihm, aber auch sie scheint den Rebellen des so genannten „Kairo-Mysteriums“ anzugehören. Unter Drogen gesetzt und hypnotisiert, wird er in die USA verfrachtet, wo sie ihm befehlen, den Statthalter zu ermorden. Cade, durch harte Ausbildung und Askese zur Disziplin geschult, kann sich dem posthypnotischen Befehl entziehen und die junge Frau täuschen.

Zusammen treten sie als Prostituierte und Freier verkleidet auf die Straße, wo sich Cade an einen Polizisten wendet. Er will unbedingt den Statthalter vor dem geplanten Anschlag und der Verschwörung warnen. Die junge Frau protestiert vergeblich gegen seinen offensichtlichen Unverstand: Beide werden verhaftet. Auf der Wache wird er nicht gerade sanft behandelt, als er behauptet, der Schütze Cade zu sein, von dessen Heldentod jeder inzwischen durch die Behörden informiert worden ist.

Während die Frau wieder entlassen wird, buchten die Polizisten Cade ein. In der Zelle lernt er den Klein-Lehrer Fledwick kennen, der sich als Dieb und Einbrecher durchschlagen wollte. Den beiden gelingt die Flucht, denn noch immer will Cade seine Vorgesetzten warnen. Doch auch beim Obersten Schützen in Washington, D.C., hat er kein Glück. Seine Gutgläubigkeit wird diesmal seinem Kameraden Fledwick zum Verhängnis, während ihm selbst in letzter Sekunde die Flucht gelingt.

Er muss unbedingt die junge Frau finden, sagt er sich, die sich als Prostituierte ausgab. Doch obwohl er sich in einem Bordell einquartieren darf, scheint es in der ganzen Halbwelt keine Frau wie jene Rebellin zu geben. Nach zwei Wochen vergeblicher Suche und weiterer Umwandlung zu einem Bürger begibt er sich zur Audienz beim Imperator. Dort sieht er nicht nur die junge Rebellin – offenbar ist sie ein Mitglied des Hofes -, sondern auch den Statthalter. Dieser verlangt eine Unterredung mit Cade.

Nun werden ihm endgültig die Augen über die wahren Sachverhältnisse im System geöffnet. Der Statthalter will ihn im Krieg gegen den Mars als Geheimagenten einsetzen. Cade beschließt, den Verräter seinerseits zu verraten und mit der jungen Frau abzuhauen. Doch diese hält eine weitere Überraschung für ihn bereit.

Mein Eindruck

Dieser aufklärerische Roman aus dem Jahr 1952 würde heute offene Türen einrennen, aber damals durfte er sich als Reaktion auf alle Militärdiktaturen des II. Weltkriegs verstanden wissen: Nazi-Deutschland, Italien, die Sowjetunion, Spanien und Japan. Die Abenteuer des Schützen Cade, der angeblich den Heldentod starb, zeigen auf, wie die Zivilbevölkerung unter der Willkürherrschaft des totalitären Regimes zu leiden hat: Verhaftung, Verurteilung, Ermordung ohne jede rechtliche Handhabe oder Verteidigung. Natürlich gibt es totale Überwachung und deshalb auch eine Geheimpolizei. Niemand entkommt der Bespitzelung.

Der Widerstand

Dennoch gibt es die Rebellen, die sich als eines der vielen Mysterien tarnen, also religiös begründete Geheimbünde, die sich im Verborgenen treffen. Mit ihrem Netzwerk können sie, so scheint es Cade, der Geheimpolizei entgehen und ihrerseits per Hypnose und Drogen ihre Agenten gefügig machen und auf Selbstmordmissionen schicken.

Was sie anstreben, ist natürlich der Sturz des unmenschlichen Tyrannensystems und die Errichtung des demokratischen Menschen-Reiches. Wie dieses aussieht, erlebt Cade erst auf dem Mars. Dort führt er die Bürger-Partisanen gegen die Statthaltertruppen in den Kampf. Mit seinen Methoden gelingt der Sieg. Dieses actionreiche Finale erinnerte mich stark an dasjenige von [„Der Wüstenplanet“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1662 natürlich auch wegen des wüstenartigen Terrains auf dem Mars. Spätestens hier eröffnet sich das gewohnte Szenario der Space Opera.

Metamorphose

Der Dreh- und Angelpunkt des Romans ist jedoch die totale Wandlung des Schützen Cade. Wie lässt es sich psychologisch plausibel darstellen, dass aus einem linientreuen Anhänger der staatlichen Doktrin ein rebellischer Bürger wird? Genauso gut könnte man aus einem SS-Mann einen Widerstandskämpfer machen. Die Autoren mühen sich redlich, diesen schrittweisen Prozess plausibel zu machen, so ganz will ihnen das aber nicht gelingen. Letzten Endes ist immer wieder eine List oder Zwang vonnöten, um Cade in die gewünschte Richtung zu treiben.

Eine Marsprinzessin

Und schuld ist daran fast immer das geheimnisvolle Mädchen, das für die Rebellen tätig ist. Sie ist nicht nur die Karotte, welcher der Esel Cade nachläuft, sondern auch die süße Belohnung für seine Mühe. Zunächst erscheint dieses schillernde Wesen als Widerstandskämpferin mit unsicherer Loyalität, dann als Prostituierte, schließlich sogar als Poesie vortragende Närrin bei Hofe. Alles nur Masken, denn letzten Endes erweist sie sich als Prinzessin von höchsten Graden. Das erinnert doch stark an Flash Gordons (1934ff) Verlobte Dale Arden, die er dem Schurken, Ming the Merciless vom Planeten Mongo, aus den Klauen reißt. Nur dass die Marsprinzessin Jocelyn ungleich selbständiger ist. Und dass es keinen verrückten Wissenschaftler namens Hans Zarkov gibt.

Die Übersetzung

Die deutsche Übersetzerin gab sich keinerlei Mühe, den Stil etwas aufzupeppen, sondern schluderte die Story einfach so herunter. Die zu erwartenden Druckfehler findet man denn auch ohne Mühe.

Was jedoch wesentlich schwerer wiegt, ist der begründete Verdacht, dass dieses Buch massiv gekürzt wurde. Es handelt sich zwar nur um einen Routine-SF-Roman, aber die „SF Encyclopedia“ erwähnt ihn immerhin als Beispiel dafür, dass Krieg als eine Art Volkssport betrieben wird. Say what?! Davon ist in der deutschen Fassung überhaupt nichts zu finden. Denn die Kriege, welche die Feldherren und der Statthalter unter sich anzetteln, sind nicht Volkssport, sondern Machtproben – eine Art überdimensionales Schach, wenn man will.

Dass hier gekürzt wurde, verrät auch der lückenhafte Szenenanschluss, der auf Seite 137 zu finden ist. Cade stellt eine Frage, und die liebliche Jocelyn schweigt zunächst, dann antwortet sie völlig unzusammenhängend: „Keinen einzigen.“ Von was, bitteschön?

Die mutmaßlichen Kürzungen würden auch den holprigen und holzschnittartigen Darstellungsstil erklären.

Unterm Strich

In seinem aufklärerischen, ideologiekritischen Ansatz, der gegen tumbe Soldaten wettert, bildet „Die Rebellion des Schützen Cade“ einen Vorläufer zu kritischer Soldaten-SF wie Joe Haldemans [„Der ewige Krieg“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=488 Aber die Form der Geschichte schuldet noch eine Menge ihren Vorbildern aus der Pulp-Ära, namentlich der romantischen Space Opera der dreißiger Jahre. Aber immerhin ist die weibliche Hauptfigur schon wesentlich selbständiger als etwa Flash Gordons ewige Verlobte Dale Arden. Denn inzwischen hatten C. L. Moores heroisch-geheimnisvolle Frauenfiguren eine Wandlung des Frauenbildes in der SF herbeigeführt. Und die Koautorin Judith Merril war selbst eine frühe Verfechterin starker und selbstverantwortlich agierender Frauen in der SF.

Die mutmaßlich stark gekürzte deutsche Übersetzung wird der Vorlage nicht gerecht. Diese Vorlage mag zwar ein routiniert geschriebener SF-Roman sein, aber er hat dennoch wesentlich mehr kritische Ansätze als so mancher Roman, den Heinlein zwischen 1947 und 1958 produzierte. Es wundert nicht, dass Heinlein bis heute nachgedruckt wird, aber „Schütze Cade“ völlig in der Versenkung verschwunden ist. Höchste Zeit für eine Neuübersetzung innerhalb einer kritischen Kornbluth-Würdigung.

Originaltitel: Gunner Cade, 1952
155 Seiten
Aus dem US-Englischen von Birgit Reß-Bohusch

Marc-Uwe Kling – QualityLand 2.0. Kikis Geheimnis

Nostalgische Erinnerungen an die Kabelzeit

Schwer was los in QualityLand, dem besten aller möglichen Länder. Jeder Monat ist der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnung, ein Billionär möchte Präsident werden, und dann ist da noch die Sache mit dem Dritten Weltkrieg. Peter Arbeitsloser darf derweil endlich als Maschinentherapeut arbeiten und versucht, die Beziehungsprobleme von Haushaltsgeräten zu lösen. Kiki Unbekannt schnüffelt in ihrer eigenen Vergangenheit herum und bekommt Stress mit einem ferngesteuerten Killer. Außerdem benehmen sich alle Drohnen in letzter Zeit ziemlich sonderbar … Marc-Uwe Klings lustige Dystopie um Menschen und Maschinen in einer Big-Data-Welt geht in die zweite Runde! Ein Roman voller kluger Einfälle, skurriler Figuren und verblüffender Plot-Twists. (Verlagsinfo)

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Marc-Uwe Kling – QualityLand

Das beinahe bestmögliche aller Länder

Willkommen in QualityLand, in einer nicht allzu fernen Zukunft: Alles läuft rund – Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter Arbeitsloser immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller?

Marc-Uwe Kling hat die Verheißungen und das Unbehagen der digitalen Gegenwart zu einer verblüffenden Zukunftssatire verdichtet, die lange nachwirkt. Visionär, hintergründig – und so komisch wie die Känguru-Trilogie. (Verlagsinfo)

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Stephen King – Danse macabre. Die Welt des Horrors

Von der Magie des Schreckens

Der Horrormeister aus Maine vermittelt in diesem Wälzer einen wertvollen Überblick über fast alle Erscheinungsformen von Horror und Fantasy: in Film, Radio, Buch und Fernsehen. Comics hat er zwar ausgespart, kommt aber immer wieder darauf zu sprechen. Außerdem ist der betrachtete Zeitraum auf die 30 Jahre von 1950 bis 1980 begrenzt. Dennoch ist „Danse macabre“ eines der grundlegenden Sekundärwerke zur Schauerliteratur, das in keinem Regal eines ernsthaften Horrorlesers fehlen sollte.

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Jérôme Loubry – Der Erlkönig

Inhalt

Wenige Tage nachdem Sandrine zu der Insel aufgebrochen ist, auf der ihre verstorbene Großmutter gelebt hat, findet man sie verstört und mit fremdem Blut an ihren Kleidern am Strand. Sie wird ins Krankenhaus eingeliefert. Was sie erzählt, ist wirr. Kommissar Damien kann sich keinen Reim darauf machen. Von welchem Kinderheim spricht Sandrine? Was hat es mit dem Bootsunglück auf sich, bei dem alle Kinder ums Leben gekommen seien sollen? Und weshalb stammelt sie immer wieder voller Schrecken diesen einen Namen: der Erlkönig? Damien folgt den Puzzleteilen von Sandrines Geschichte – und blickt schon bald in einen Abgrund, der dunkler ist als jede Nacht… (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Erstens: was für ein fesselnder Thriller, ich habe „Der Erlkönig“ innerhalb von eineinhalb Tagen regelrecht inhaliert, und mein Gehirn wurde – vor allem während des letzten Drittels – enorm durchgerüttelt!
Zweitens: was für ein Irrgarten, die Handlung ist meiner Meinung nach mit den Filmen von Christopher Nolan vergleichbar: undurchsichtig, mysteriös, verschachtelt, herausfordernd sowie anregend. Jérôme Loubry – Der Erlkönig weiterlesen

Stephen King – Im Kabinett des Todes. Düstere Geschichten


Klassische Horrorgeschichten, erstklassig zubereitet

„Im Kabinett des Todes“ enthält vierzehn düstere Geschichten, die für jeden Leser etwas bereit halten.

King zeigt sich in „Der Mann im schwarzen Anzug“ in literarischer Höchstform und erhielt für diese Geschichte den O’Henry-Award. Jede der Geschichten dieser Sammlung ist absolut einzigartig und zieht den Leser in ihren Bann, egal ob er sich mit Howard Cottrell als Scheintoter im „Autopsieraum Vier“ befindet oder in „Alles endgültig“ mit dem jungen Dinky Earnshaw mitleidet, dessen Traumjob sich als höllischer Albtraum entpuppt.

Viele blutige und unblutige Überraschungen warten auf den Leser in diesen faszinierenden Geschichten – und sie zeugen alle von der unbändigen Schaffenskraft eines Autors, der zu den anerkannt Größten seines Faches zählt.

Stephen King schrieb seine erste Kurzgeschichte mit 21 Jahren. Seitdem hat er eine Vielfalt von Romanen veröffentlicht, die ihren Siegeszug um die Welt angetreten haben. Doch in seinem Werk hat die kürzere Form – die Novelle und die Story – nie an Bedeutung verloren, seine Story-Bände waren nicht minder erfolgreich. Das beweist er auch mit seiner neuen Sammlung von Kurzgeschichten. (Verlagsinfo)
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Stephen King – Der Buick. Roman

Das Monster ist immer das Kult-Auto

Ein alter Buick steht im Mittelpunkt des neuen Romans von Stephen King – ein Straßenkreuzer, der genau wie sein Eigentümer vom Himmel gefallen zu sein scheint. Der Fahrer, ein geheimnisvoller Mann in einem schwarzen Mantel, verschwindet, und schließlich erweist sich, dass der Wagen genauso wenig ein Buick, wie der Typ im schwarzen Mantel ein Mensch ist. Der Wagen wird von den Männern der State Police beschlagnahmt und in einem Schuppen abgestellt, wo der Buick bald ein ungewöhnliches Eigenleben entwickelt… (Verlagsinfo)
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Stephen King – Duddits / Dreamcatcher

Kackwiesel und andere Aliens

Mit „Duddits“ knüpft Stephen King an seine klassischen Erfolge wie Der Friedhof der Kuscheltiere oder Es an: Was die vier Freunde Pete, Henry, Jonesy und Biber als harmlosen Jagdausflug in die Wälder von Maine geplant hatten, endet in einer bizarren tödlichen Bedrohung. Da fällt ihnen Duddits ein, ihr alter Freund mit telepathischen Fähigkeiten – er ist ihre letzte Hoffnung auf Rettung aus diesem nicht enden wollenden Alptraum …

„Duddits“ (im Original: Dreamcatcher) ist ein Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Stephen King aus dem Jahre 2001. Im Jahre 2003 wurde er unter dem Titel „Dreamcatcher“ verfilmt. Das Manuskript, von Hand geschrieben, war ein Mittel des Autors, um sich von einem Autounfall im Jahre 1999 zu erholen und wurde von ihm in einem halben Jahr fertiggestellt. (Quelle: Wikipedia.de)
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Jo Nesbø – Blood on Snow 2 – Das Versteck

Serienkiller-Dilogie mit Auferstehung

Ulf ist ein Geldeintreiber. Sein Biss ist der „Fischer“. Der Fischer ist DER Drogenhändler Oslos. Als Geldeintreiber wird man nicht unbedingt reich. Doch jetzt hat Ulf einen Weg gefunden. Glaubt er.

Zwei Probleme stellen sich: Drogenhändler lassen sich ungern reinlegen. Schicken sie ihre Killer los, braucht man ein gutes Versteck. (Verlagsinfo) Ulf denkt, er hat in der Finnmark ein gutes Versteck gefunden. Das erweist sich als Irrtum…

Die Verfilmung soll laut Verlag von Leonardo di Caprio produziert werden.
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King, Stephen – Das Leben und das Schreiben

_Bestsellerautor – gewusst wie!?_

Kann ich hier lernen, wie man einen Bestseller schreibt? Vermutlich nicht ganz, aber der Meister sagt uns, wie er dazu kam und gibt ein paar hilfreiche Tipps – zumindest wie man’s besser macht als bisher.

Hier hat einer der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts seine wichtigsten Einsichten zusammengefasst. Es ist ein persönliches, geradezu intimes Buch, andererseits aber auch ein Sachbuch mit brauchbaren Ratschlägen für angehende Autoren.

_Inhalte_

Nach nicht weniger als drei (!) Vorwörtern legt King endlich los: mit einem von zwei biographischen Teilen. Die Zweiteilung rührt natürlich von jenem schmerzhaften und einschneidenden Unfall im Sommer 1999 her. Davor hatte King bereits die Hälfte des Buches fertig.

Er erzählt zunächst, wie er überhaupt dazu kam, Geschichten zu mögen, viel zu lesen und schließlich selbst welche zu erfinden und festzuhalten. Seine Mutter bestärkte ihn darin ebenso sehr, wie es später seine Frau Tabitha tun sollte. Die Episode, wie sein erster veröffentlichter (nicht geschriebener) Roman „Carrie“ entstand, ist schon häufig erzählt worden – ich brauche sie nicht nochmals wiederzugeben. Interessanter ist da schon, wie er sein Handwerk verbesserte, etwa indem er als Sportreporter bei der Lokalzeitung arbeitete und zudem richtiges Redigieren lernte. Weitere Tipps bekam er von ablehnenden Lektoren der Zeitschriften, denen er seine Storys anbot („2. Fassung = 1. Fassung minus 10 %“ und dergleichen). An diese Ratschläge hält sich King noch heute.

|Schreiben ist Telepathie|

Sodann erklärt er, was Schreiben ist: „Telepathie natürlich“. Und er weiß diese erstaunliche Auffassung gut zu begründen. Im folgenden Teil beschreibt er den Inhalt der drei Ebenen des „Werkzeugkastens“ eines Schriftstellers. Dazu gehören natürlich allen voran die Sprache, die Grammatik und die Stilistik. Für ihn ist die kleinste Bucheinheit nicht das Wort oder der Satz, sondern der Absatz.

|Do it yourself!|

Der folgende Teil „Über das Schreiben“ ist sicherlich der wichtigste, wenn man selbst schriftstellerische Ambitionen hat – und die werden wohl die meisten Käufer dieses Buches mitbringen. Alle von Kings Ratschlägen sind brauchbar, manche sogar genial. Häufig hebt der frühere Englischlehrer den Finger, hebt sogar das Verbotsschild in die Höhe, doch die häufig eingesetzte Selbstironie schwächt diese wichtigtuerischen Posen immer wieder ab.

Ich selbst kann zahlreichen von Kings Ratschlägen nur zustimmen, schließlich habe ich selbst über zehn Jahre in Schreibwerkstätten und –seminaren (auf deren Nutzen geht er selbstverständlich ebenfalls ein) verbracht und meine Resultate vorgelesen und begutachten lassen. Nie jedoch wurden mir dort solche gut begründeten Tipps gegeben.

Eine Kostprobe: Vermeide Adverben wie die Pest! Beispiele wären „mutig widersprechen“, „herzzerreißend schluchzen“ usw. Adverben fügen einem bereits vorhandenen Verb oder einer Äußerung nur einen unterstreichenden Aspekt hinzu, sind also von vornherein relativ überflüssig, es sei denn, das Adverb erweitert die Bedeutung des Verbs oder der Äußerung („sagte er nachdrücklich“). Adverbialkonstruktionen kann man natürlich zu einem Stilmerkmal machen (etwa wie in den sog. „Swifties“), man kann es damit aber auch übertreiben und so einen ironischen Effekt erzielen.

|Falltüren der Prosa|

Natürlich gibt es in der Prosa noch zahlreiche weitere Falltüren, die es aufzuspüren und zu vermeiden gilt. King bietet angehenden Autoren auch in ihren Publikationsbemühungen Hilfe an: Man darf ihm bestimmte Manuskripte an www.stephenking.com schicken. Er warnt vor gierigen Agenten und tückischen Verlagsverträgen (etwa bei Doubleday!). Eine Leseliste bietet weiterführende Tipps zu Büchern, die der Meister gut findet oder fand. Dazu gehört vor allem seine Stilbibel „Elements of Style“.

|Die Biografie erschüttert|

Absolut erschütternd ist hingegen der zweite Teil seiner Biografie zu lesen, also über den Unfall selbst, bei dem er fast starb, und die Zeit der Rekonvaleszenz bis zu jenem Tag, an dem er wieder an diesem Buch schreiben konnte.

In einem der Nachträge kann man dem Meister über die Schulter schauen. „Siehst du: So sah die 1. Fassung der Story aus – und jetzt schau her: So sieht die 2. Fassung aus.“ Er begründet die Änderungen und macht deutlich, worauf es ihm bei seinem Handwerk ankommt. Diese Story ist unter dem Titel „1408“ in der Hörbuch-Trilogie „Blut und Rauch“ zu finden, die es bei |Random House Audio| gibt.

_Mein Eindruck_

Dieses lehrreiche Buch gibt nicht nur durch Erfahrung erworbene und erprobte Ratschläge an Jungautoren weiter, sondern erzählt auch viele Geschichten – nicht nur Kings eigene, die allein schon sehr interessant ist, aber auch die vieler anderer Leute (seine Familie, seine Frau, die Schulen, die Verleger usw.).

Für Bücherwürmer wie mich sind auch Kings Bemerkungen über andere Schriftsteller und ihre Produkte sehr wertvoll. Sie erfüllen eine ähnliche Funktion wie eine Rezension. Dabei scheut der Autor auch nicht vor handfester, aber berechtigter Kritik zurück. Er hat eben seinen Standpunkt und weiß ihn gewohnt eloquent zu vertreten.

Auf jeden Fall ist das Buch sehr kurzweilig zu lesen, sofern man sich für das Schreiben und die Vorgänge dabei interessiert. Andere Leser dürften vor allem von den biografischen Teilen und den Lesetipps profitieren.

|Originaltitel: On Writing, 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Andrea Fischer|

Lars Schütz – Rache, auf ewig

Inhalt

Ein Mann wird in einem Gewächshaus festgehalten. Unter ihm wächst der Bambus, Zentimeter für Zentimeter. Bis ihn die spitzen Sprossen stechen. Bis sie ihn durchbohren. Bis sie ihn qualvoll töten.
Profiler Jan Grall und Rabea Wyler haben schon viele verstörende Fälle bearbeitet, doch was sie an diesem Tatort vorfinden, treibt sie an ihre Grenzen. Ein albtraumhaftes Spiel gegen die Zeit beginnt, denn „der Erlöser“, wie der Täter sich nennt, wird nicht ruhen, bis seine Rache vollkommen ist. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Was haben ein Regenwald-Zerstörer, ein Mineralölkonzern-Chef, eine Großwildjägerin und Wustbaron gemeinsam? Sie verdienen es, die eigene bittere Medizin zu schmecken – das findet jedenfalls Der Erlöser

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Nele Neuhaus – Zeiten des Sturms (Sheridan-Grant-Reihe Teil 3)

Worum gehts?

Sheridan Grant muss nach der Rückkehr zur Willow Creek Farm feststellen, dass es dort keinen Platz mehr für sie gibt. Sie entschließt sich endgültig, alle Brücken hinter sich abzureißen und irgendwo ein neues Leben zu beginnen.
Sie lernt Paul Sutton kennen und lieben. Der Arzt trägt sie auf Händen und liest ihr jeden Wunsch von den Augen. Sie beschließen ihre Liebe vor Gott unter Beweis zu stellen. Doch plötzlich, kurz vor der Hochzeit, bekommt Sheridan plötzlich Zweifel. Ihr wird auf einmal alles zu eng und bricht erneut aus ihrem neugewonnen Leben aus und kehrt nochmals zurück nach Nebraska.

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Nele Neuhaus – Straße nach Nirgendwo (Sheridan-Grant-Reihe Band 2)

Worum gehts?

Ein heftiger Familienstreit schlägt die 17-jährige Sheridan Grant in die Flucht. Sie möchte nicht länger auf der Willow Creek Farm bei ihrer Adoptivfamilie leben. Sie beschließt nach New York zu reisen und dort als Sängerin durchzustarten. Der Weg dorthin ist jedoch alles andere einfach. Ein blutiger Amoklauf mit tödlichem Ausgang ihres Bruders sorgt für eine Menge Pressewirbel um Sheridan. Sie wird beschuldigt für diese Bluttat hauptverantwortlich zu sein.

Währenddessen gelangt es Detective Jordan Blystone ein jahrzehntelang verschwiegenes, folgenschweres Familiengeheimnis zu lüften und bringt Sheridans intrigante Adoptivmutter Rachel dadurch vor Gericht. Sheridan muss eine schwere Entscheidung treffen. Entflieht sie ein für alle Mal und endgültig ihrer dunklen Vergangenheit oder gibt sie der Sehnsucht nach ihrer Heimat nach?

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Nele Neuhaus – Sommer der Wahrheit (Sheridan-Grant-Reihe Teil 1)

Worum gehts?

Nebraska, im mittleren Westen Amerikas, Anfang der Neunzigerjahre: Die Fünfzehnjährige Sheridan Grant lebt mit ihrer Adoptivfamilie auf einer Farm. Weit und breit gibt es nichts als Maisfelder. Die musikalisch sehr begabte Sheridan leider sehr unter der strengen Hand ihrer Stiefmutter Rachel. Nach dem Unterricht trägt Rachel ihr zahlreiche Arbeiten auf dem Hof und im Haus aus, so dass Sheridan kaum freie Zeit hat.

Gott sei Dank gibt es noch andere Menschen in der Nähe der Farm, die ihr gut zugetan sind und so sogar umwerben. Doch dann geschieht eines Herbstabends etwas Schreckliches und Sheridan wird von da an bewusst, wer es wirklich ernst mit ihr meint.

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Cajus Bekker – Verdammte See. Ein Kriegstagebuch der deutschen Marine

Tragödien und Possenspiele

In diesem »Kriegstagebuch der deutschen Marine«, das 1971 viele Monate lang an der Spitze der Bestsellerlisten stand, werden die Höhepunkte des Marine-Kampfes im Zweiten Weltkrieg geschildert. Dabei stützt der Autor sich auf die amtlichen Kriegstagebücher, von denen viele erst in jüngerer Zeit an deutsche Stellen zurückgegeben wurden… (Verlagsinfo)

Der Autor

Cajus Bekker (* 12. August 1924 in Düsseldorf; † 10. März 1975; eigentlich Hans Dieter Berenbrok) war ein deutscher Journalist und Marine-Schriftsteller. (Quelle: Wikipedia.de)

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Lehane, Dennis – In tiefer Trauer

_Spannender Thriller mit Slapstick-Einlagen_

Das Privatschnüfflerteam Kenzie/Gennaro soll die verschwundene Tochter eines Milliardärs aufspüren. Ihre Spur führt zu einer Sekte, die es auf die Finanzen ihrer neuen Mitglieder abgesehen hat – Scientology lässt grüßen. Leider entpuppen sich für unsere Helden die erhaltenen Informationen als das Gegenteil der Wahrheit. Und das ist meist ganz schlecht für Geschäft und Gesundheit.

_Der Autor_

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich“ war sein erster. „Spur der Wölfe“ wurde 2003 als „Mystic River“ von Clint Eastwood verfilmt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein| und werden von Andrea Fischer besorgt.

|Seine Helden|

Zumeist stehen in den Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern „Stirb langsam“, und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat zwölf Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.

Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in „Spur der Wölfe“ untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in „In tiefer Trauer“ erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn’s drauf ankommt.

_Handlung_

Trevor Stone, ein angeblich todkranker Milliardär aus Boston, beauftragt unsere beiden Helden Kenzie/Gennaro mit der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Desiree. Ihre Mutter wurde bei einem Autounfall getötet, in dem er selbst, Stone, schwer im Gesicht verwundet wurde. Angela Gennaro, die selbst kürzlich ihren Ex-Gatten Phil verloren hat, fühlt daher Mitleid mit dem alten Mann und übernimmt den Auftrag. Kenzie hat bei der Sache gemischte Gefühle, kann aber Gennaro verstehen.

Die beiden Privatdetektive lesen die Berichte, die der erste Schnüffler geschrieben hat, den Stone auf Desirees Spur gesetzt hatte: Jay Becker war einst Kenzies Lehrer und Mentor bei einer der größten Detekteien Bostons.

Jay war Desirees Spur bis zu einer Seelsorger-Gesellschaft namens Trauer & Trost AG gefolgt, die eng mit einer Sekte namens ‚Die Botschafter‘ verbunden war. Beide geben vor, ihre „Klienten“ zu therapieren, verfolgen aber nur das Ziel, ihre Neumitglieder zu schröpfen. Parallelen zu Scientology kann jeder ziehen, wenn er mag.

Wie es scheint, verschwand Desiree zur gleichen Zeit Richtung Florida wie ein gewisser Jeff Price, seines Zeichens Verwalter von Trauer & Trost. Price ließ dabei zwei Millionen Dollar mitgehen. Doch seltsam: Kaum hatte Jay Becker diese Details über die junge Frau und die verschwundenen Gelder herausgefunden, verschwand auch er – irgendwo zwischen Boston und Stones feudalem Anwesen.

Kenzie und Gennaro stehen vor einem Rätsel. Es lässt sich nur in Florida aufklären, so viel steht fest. Mit Stones Privatjet werden sie aus dem kühlen Norden in den sonnigen Süden geflogen, zu ihren reservierten Hotelzimmern chauffiert und mit einem komfortablen Mietauto ausgestattet: Klarer Fall – bei so viel Sonderbehandlung ist etwas oberfaul.

In Nullkommanix büchsen sie aus, mieten einen schrottigen Toyota und futtern in einer heruntergekommen Cantina am Straßenrand. Hier sehen sie zu ihrem Erstaunen ein bekanntes Gesicht in der Zeitung …

Als sie den „verschwundenen“ Jay Becker gegen Kaution aus dem Gefängnis befreit haben, erzählt er ihnen die blutigen Details einer gar wundersamen Story, von der sie wiederum nur den geringsten Teil glauben. Desiree sei tot, behauptet Jay. Jeff Price sei ebenfalls tot. Na toll: Bleibt also nur die Heimreise. Leider kommt Jay Becker nicht einmal über die Distriktsgrenze, denn Stones Leute killen ihn. Kenzie/Gennaro werden mit Freuden wegen Mordes von der lokalen Polizei eingebuchtet – Ende des Falls?

Noch lange nicht. Vielmehr führt die Handlung wieder zurück nach Boston, wo es in Stones Anwesen zu einem genialen Finale mit zahlreichen Überraschungen kommt.

_Mein Eindruck_

Wie Kenzie selbst andeutet, ändert sich die Wahrheit hinter den Geschichten, die man Kenzie/Gennaro erzählt, je nachdem, welchen Standpunkt der jeweilige Erzähler gerade vertritt. Dies ist der Plot von Akira Kursosawas ausgezeichnetem Filmklassiker „Rashomon“. Darin ändert sich die Wahrheit hinter einem Fall von Vergewaltigung und Mord je nachdem, wer die Geschichte erzählt.

Folglich dreht sich der Fall dreimal: Zuerst glauben die zwei Schnüffler Stones Fassung, dann der von Becker und schließlich der von Desiree (die sich als recht lebendig erweist). Doch ist dies der Weisheit letzter Schluss? Natürlich nicht. Und je nach Fassung ändert sich, wer nun schuldiger Täter und wer unschuldiges Opfer ist, in einem fort. Der Leser hat alle Hände voll zu tun, diesen drei Fassungen zu folgen: „Schwarz ist weiß, oben ist unten, Norden ist Süden“ sagt Gennaro einmal. Genauso ist es. Und darum steckt der Plot voller Überraschungen.

|Schönheit, Wahrheit, Unschuld – alles Lüge?|

Die Stellung von Stone und seiner Tochter ändert sich sukzessive mit jeder neuen Fassung. Der Milliardär scheint ein menschenverachtender Ausbeuter zu sein, der seine Frau im Alter von 14 Jahren gekauft hatte und seine Tochter vergewaltigte, als diese selbst 14 war. Aber ist das wahr?

Zunächst scheint Desiree als das unschuldige Opfer einer Entführung durch eine Sekte und eines Sektenführers (Jeff Price), bis sie ihr Ende in Florida findet. Ihre überirdische Schönheit scheint ihre Unschuld zu belegen. Die wirkliche Wahrheit ist natürlich das genaue Gegenteil dieses Anscheins. Und das wiederum lässt Trevor Stone wie eines von Desirees Opfern aussehen, das sich lediglich wehrt, indem es sie von Detektiven jagen lässt.

Was Desiree so gefährlich macht, ist der geradezu magische Bann, den ihre äußere Schönheit auf die Männer ausübt, so dass sie ihr zu Willen sind. Die junge Frau lernt schon früh, diese Macht zu ihrem Vorteil auszunützen, und zwar ohne Skrupel. Beinahe wird dies auch Kenzie zum Verhängnis.

Erst sehr spät begreift er, worin Schönheit wirklich liegt. Sie liegt nicht in einem perfekten Äußeren, sondern in der charakterlichen Stärke und Güte von Angela Gennaro (oder einer ähnlich großartigen Frau). Angie mag ja vielleicht nicht umwerfend aussehen, aber sie liebt Kenzie, bangt um ihn, braucht ihn. Ohne sie wäre er wiederum völlig aufgeschmissen, „ein Nichts“, wie er bekennt. Kenzie findet Schönheit in der Innenwelt eines Menschen. Diese Schönheit ist ihm „heilig“ – das drückt der Originaltitel „Sacred“ des Buches aus. Und der Schluss des Buches setzt diese Erkenntnis angemessen um.

_Unterm Strich_

Auf den ersten Blick scheint der Handlungsverlauf von einer allzu unwahrscheinlichen Zahl von Zufällen getrieben zu sein. Aber man muss wie Kenzie/Gennaro lediglich seine eigene Sichtweise der präsentierten Fakten um 180 Grad drehen (schwierig genug!), um zu einer völlig anderen Interpretation der Geschehnisse zu gelangen – die sogar einen Sinn ergibt.

„In tiefer Trauer“ ist also nicht nur ein äußerst spannender und actiongeladener Krimi, sondern hat auch die Relativität der Wahrheit und anderer „ewiger Werte“ zum Thema.

|Sehr humorvoll|

Außerdem stieß ich hier auf einige der komischsten Dialoge, die ich seit langem gelesen habe. Lehane ist offenbar ein großer Fan der Marx Brothers – Kenzie überlegt einmal, wie sich Chico, Groucho und Harpo aus einer bestimmten misslichen Lage befreit hätten.

Manche Kabbeleien zwischen unserem dynamischen Heldenduo erinnern an Slapstick. Aber es ist genialer Slapstick. (Den deutschen Titel sollte man also nicht allzu wörtlich nehmen.)

|Dennis Lehane bei Buchwurm.info:|
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Lehane, Dennis – Streng vertraulich

_Coole Schreibe, harte Action_

Brisante Fotos bringen das Privatschnüfflerteam Kenzie und Gennaro schwer in die Bredouille: Sie geraten zwischen die Fronten eines Straßenbandenkrieges, und ihre Auftraggeber, zwei korrupte Politiker, wollen sie ebenfalls aufs Kreuz legen. Überlebens-Motto: Augen auf und durch!

_Der Autor_

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich“ war sein erster. „Spur der Wölfe“ wurde 2003 als „Mystic River“ von Clint Eastwood verfilmt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein| und werden von Andrea Fischer besorgt.

|Seine Helden|

Zumeist stehen in den Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern „Stirb langsam“, und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat zwölf Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.

Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in „Spur der Wölfe“ untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in „In tiefer Trauer“ erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn’s drauf ankommt.

_Handlung_

Kenzie und Gennaro werden von zwei hochrangigen Bostoner Senatoren beauftragt, ihre verschwundene Putzfrau Jenna wiederzufinden, die vertrauliche Dokumente entwendet haben soll. Als Kenzie/Gennaro Jenna endlich bei deren Schwester auf dem Lande aufgestöbert haben, geht Kenzie mit Jenna zu einem Bankschließfach, woraufhin sie ihm einen Umschlag mit einem brisanten Foto übergibt: Es zeigt einen der obigen Senatoren mit einem schwarzen Straßenbandenführer namens Socia. Pikant: Der Senator will Straßenbanden verbieten; über den Gesetzesvorschlag soll in Kürze abgestimmt werden. Noch pikanter: Socia ist Jennas Ehemann. Und wie Jenna sagt, gibt es noch 22 weitere Bilder von diesem Treffen.

Wenige Sekunden später wird Jenna vor der Bank auf offener Straße mit einer Uzi-Maschinenpistole niedergemäht. Kenzie gelingt es, den Angreifer, einen von Socias „Soldaten“, niederzuschießen. Doch nun ist natürlich jeder hinter dem Foto und dem Leben seines derzeitigen Besitzers her.

Socia, einer der Drogenbosse der Bostoner Unterwelt, hat einen Gegenspieler, seinen Sohn Roland, der ihm den Krieg erklärt, als Jenna, Rolands Mutter, zu Grabe getragen wird. Damit er Socia schaden kann, will natürlich auch Roland an das Foto herankommen: Kenzie/Gennaro stehen genau zwischen den Fronten. Weil die Polizei sehr ungern einen Krieg in ihrer Stadt duldet, will sie natürlich auch das Foto, das zum Zankapfel geworden ist. Und die Senatoren sowieso.

Doch das Foto ist Kenzies Lebensversicherung. Erst versucht er, in mehreren nervenaufreibenden Aktionen seine nackte Haut zu retten. Sein psychopathischer Freund Bubba Rogowski, ein Beirut-geschädigter Ex-Marine, hilft ihm mit diverser Artillerie. Als Kenzie auch an die übrigen Fotos herankommt, packt ihn die kalte Wut: Die Bilder zeigen den Senator, wie er es im Beisein Socias mit dessen Sohn Roland treibt. Purer Sprengstoff!

Der Showdown lässt nicht lange auf sich warten …

_Mein Eindruck_

Der Originaltitel des Romans lautet „A drink before the war“. Mit dem Krieg ist natürlich der stattfindende Bandenkrieg gemeint. Und den Drink nehmen Kenzie/Gennaro mit einem abgetakelten Polizisten namens Devine in einer Kneipe ein, dem einzigen weißen in einem schwarzen Viertel. Natürlich kommt es dort zu einer recht hässlichen Szene mit den anderen Kneipenbesuchern.

|Heiße Eisen|

Der Autor packt mit dem Thema „Rassismus“ ein heißes Eisen an. Aber als sei das noch nicht genug, kritisiert er die korrupten Politiker einen nach dem anderen, wobei sich einer von denen als Pädophiler und Unterweltfreund herausstellt. Der Autor stellt sich jedoch nicht auf eine bestimmte Seite: sowohl Schwarze wie Weiße, Arbeiterklasse wie auch herrschende Klasse haben gleichermaßen Dreck am Stecken. Keiner kommt ungeschoren davon, nicht einmal Kenzie selbst. Und auch Gennaro, seine berufliche Partnerin, hat kein blütenreines Gewissen: Im Zorn bringt sie beinahe ihren gewalttätigen Ehemann Phil um.

|Eine Stadt am Abgrund|

Neben der actionreichen Handlung bleibt den abgehetzten Hauptfiguren noch genügend Zeit, sich über den Niedergang ihrer Stadt Gedanken zu machen. Im Grunde ist Boston noch wesentlich besser dran als etwa Washington, L.A. oder New York City, doch was seinen gesellschaftlichen Niedergang angeht, so ist auch dieser offenbar unabwendbar. Die wichtigsten Werte wie etwa Kinder- und Mutterliebe wurden bereits verraten, von Werten wie Schutz des Eigentums und des Lebens ganz abgesehen. Verlautbarungen von Politikern vergleicht der Autor mit Weihnachtsmärchen: Die Wähler wollen ja unbedingt daran glauben, um die deprimierende Realität, die das Märchen widerlegt, aushalten zu können.

|“Fear is the mother of violence“| (Peter Gabriel)

Dieser Roman spielt auf keinen Empfängen oder Partys – Kenzie/Gennaro halten das für etwas unangebracht, wenn sie mitten in einem Straßenkrieg versuchen, ihre nackte Haut zu retten. Schauplätze sind in der Regel das heiße Pflaster, ausgebrannte Straßenzüge, irgendwelche Kneipen, Polizeireviere usw. Nicht gerade Beverly Hills.

Und doch: Als Kenzie seine Auftraggeber trifft, so findet das Gespräch in einer feinen Hotel-Lobby statt, aber was dort geredet wird, möchte man nicht in einer Klatschkolumne lesen. Hier wird mit harten Bandagen gekämpft. Kaum wieder daheim, reißt sich Kenzie den elenden Anzug vom Leib und schlüpft in seine Jeans. Er ist eben kein James Bond.

|Cooler Humor|

Ich musste beim Lesen mehrmals laut auflachen: Unsere beiden Helden lassen sich erstens von absolut gar nichts beeindrucken und führen zweitens ein geschliffenes Mundwerk, für das sie einen Waffenschein beantragen müssten. Selten so coole, harte Sprüche gelesen! Und das gilt auch für Miss Gennaro.

_Unterm Strich_

Ein kleiner, aber feiner Hard-boiled-Krimi, der jedem Raymond Chandler oder Ross MacDonald Ehre gemacht hätte. (Stephen King brauchte diese Krimis angeblich zum Überleben – nun ja.) Für jeden Krimifan sind Lehanes Bücher Pflicht, auch wenn man bei Amazon.de verschiedentlich anderes lesen kann. Leute mit zartem Gemüt sollen sich das neueste Schneewittchenabenteuer besorgen. (Obwohl Schneewittchen in der Urfassung auch ganz schön brutal ist – und die ist sicher nicht von den Brüdern Grimm!)

|Dennis Lehane bei Buchwurm.info:|
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Lehane, Dennis – Regenzauber

Hartgesottener Thriller um einen hemdsärmeligen Privatdetektiv, der es mit einem (oder zwei?) besonders skrupellosen Erpresser(n) zu tun bekommt. Nichts für schwache Nerven!

Ich bin auf dieses Buch gestoßen, weil es der Thrillerautor James Patterson in seinem Roman [„Roses are red“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429 als Bettlektüre seines Helden Dr. Alex Cross erwähnt. Ich habe diese Empfehlung zu keiner Zeit bereut. Das Buch ist ein Hammer. Für die renommierte „New York Times“ ist es ein „Notable Book of the Year“ gewesen. Bemerkenswert ist es in vielerlei Hinsicht.

_Der Autor_

Seit 1994 veröffentlicht der 1966 geborene Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich!“ war sein erster. Seine jüngsten tragen die Titel „Spur der Wölfe“/“Mystic River“ (http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1340 ) und [„Shutter Island“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1150 Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein|. Geboren in Dorchester, Massachusetts, lebt Lehane heute in der Region Boston, Massachusetts.

_Seine Helden_

Bis auf die jüngsten beiden stehen in allen Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern „Stirb langsam I + II“, und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat zwölf Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.

Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in „Spur der Wölfe“ untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in „In tiefer Trauer“ erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn’s drauf ankommt.

_Handlung_

Als die 26 Jahre junge Karen Nichols das Büro von Privatdetektiv Patrick Kenzie (es gibt wohl kaum einen irischeren Namen) betritt, glaubt er, Barbie wäre eingetreten, so aus dem Ei gepellt und proper sieht Karen aus. Sie liebt ihren Verlobten Andrew abgöttisch und würde sich am liebsten einen Mittelklassewagen kaufen. (Aber das Geld reicht nur für einen popeligen Toyota Corolla) . Karen bittet Kenzie um Schutz vor einem Typen, Cody Falk, der sie verfolgt und ihr zusetzt.

Kenzie erledigt diesen Job gerne, doch als Karen sechs Monate später von einem Bostoner Hochhaus nackt in den Tod springt, ist er erschüttert. Sie hatte ihn um erneute Hilfe gebeten, doch er war zu beschäftigt gewesen. Er findet heraus, dass Karen Drogen nahm, in einer Absteige wohnte, sich prostituierte und einen Psychiater besuchte. Wie konnte es zu diesem rasend schnellen Absturz der vorbildlichen Barbiepuppe Karen Nichols kommen?

Cody Falk mag zwar ein Vergewaltiger sein, doch er hatte mir Karens Absturz nichts zu tun. Kenzie stößt auf die Spur eines meisterhaften Sadisten, der mit Karens Psychiaterin unter Decke steckte und daher alle Schwächen der jungen Frau kannte. Erst tötete er ihren Verlobten, doch dessen Tod sah aus wie die Folge eines Unfalls. Dann zahlten die Versicherungen nicht, so dass Karen pleite ging und anschaffen musste (= Gebete um Regen in der Wüste). Die Abwärtsspirale drehte sich weiter, bis sie sich schließlich umbrachte. Aber war das wirklich alles? Ein Besuch in Karens Elternhaus offenbart seelische Abgründe – und dass Karens Stiefvater, ein reicher Chirurg, erpresst wird.

Als der Erpresser Wind von Kenzies Ermittlungen bekommt, setzt er die Mafia auf ihn und seine Freundin an. Offenbar will er auch Kenzies Welt mit seinen Psychoterrormethoden aus den Angeln heben. Doch Kenzie und seine Freundin und Partnerin Angela Gennaro drehen den Spieß um.

_Mein Eindruck_

„Prayers for Rain“ kann hartgesottenen Autoren wie Raymond Chandler oder Dashiel Hammett absolut das Wasser reichen. Was diese beiden für L.A. und James Patterson für Washington, D.C., getan haben, das tut Lehane für die Region Boston, Massachusetts: spannende Ermittlungen zwischen verrückten und sonderlichen Kriminellen oder „Normalen“ sowie knallharte, schnelle Action ohne Zögern.

Dabei ist Lehanes Detektiv Kenzie kein feiner Junge, sondern kommt aus der Arbeiterschicht, hat aber einen Collegeabschluss. Doch einmal Arbeiterjunge, immer Arbeiterjunge. Sein bester Freund ist deshalb Bubba Rogowski, ein Waffenhändler und Ex-Marine. Bubba mag zwar verrückt sein und absolut skrupellos, doch wenn es um Kenzies Freundschaft geht, kann man auf ihn zählen. Bubba nimmt es mit der Mafia auf und lässt an Politikern kein gutes Haar, genau wie Kenzie. Dieses Paar ist erfrischend ehrlich. Das bedeutet, dass seine Sprechweise von keinem (Feigen-) Blättchen beeinträchtigt wird.

Auch in Gefühls- und Liebesdingen zeichnet sich „Regenzauber“ durch hohen Realismus aus. Die geschniegelten Achtzigerjahre sind längst vorüber, deshalb sieht erstens Karen Nichols so deplaciert und außerirdisch aus und zweitens hat Kenzie keinen Bock auf teuer gekleidete Kreditkartenträgerinnen wie Vanessa. Er steht auf ehrliche Frauen wie Angela Gennaro (auch wenn ihre Frisur neuerdings seltsam aussieht). Ange ist genauso hartgesotten wie er selbst, schnell, intelligent, einfühlsam und doch ohne Furcht.

|Die Sprache|

… ist mit das Wichtigste an diesem Roman, zumindest in der Originalfassung. Es ist die Sprache von Bostons bürgerlicher Unter- und Mittelschicht. Die Sprecher verschlucken daher zahlreiche Wörter genauso, wie sie es beim wirklichen Reden tun würden. Lediglich ihren jeweiligen Akzent gibt Lehane nicht wieder, denn lautmalende Sätze verstünde niemand. Ein, zwei Sätze genügen ihm als Andeutung. Wenn Angehörige der „gelehrten“ Stände sprechen – die Psychiaterin, der Chirurg – dann merkt das Leser sofort an ihren gestelzten Satzkonstruktionen. Es ist eine Genugtuung zu verfolgen, wie Kenzie & Gennaro mit solchen Gestalten kurzen Prozess machen.

|Interieurs|

Lehane legt ein auffälliges Interesse an Innenausstattungen von Häusern und Wohnungen an den Tag. Alle diese Beschreibungen nimmt man ihm unbesehen ab, denn die Details sind so realistisch aufgeführt und so irre komisch und treffend kommentiert, dass man weiß, dass er sie wohl das eine oder andere Mal selbst gesehen hat.

Dabei sind diese Interieurs recht unterschiedlich: hier das geschmacklose Tinnef-Zuhause eines Mafiagangsters, dort das Neuengland-Authentische des Chirurgen und zu guter Letzt die psychopathische Innenausstattung der Praxis der „Psychiaterin“. Die verräterischen Räume charakterisieren ihre jeweiligen Bewohner. Und mögen diese Bewohner auch noch so normal erscheinen – wir glauben ihnen kein Wort, nachdem wir die Raumbeschreibung gelesen haben.

Lehane, Dennis – Mystic River – Spur der Wölfe

Als Kinder waren sie Freunde – bis einer von ihnen von Unbekannten entführt wurde. Als er zurückkehrte, war er verändert. Nun, ein Vierteljahrhundert später, sind alle drei in einen schrecklichen Mordfall verwickelt: Nun erweist sich, wie sie zu Männern geworden sind, welche Werte sie haben – und ob einer von ihnen sterben wird.

Diesen Roman hat wieder mal Clint Eastwood – nach „Bloodwork“ – mit Starbesetzung in die Bildsprache des Films umgesetzt und zwei OSCARs dafür eingeheimst. „Mystic River“ heißt der Streifen. Dazu hat der |Ullstein|-Verlag eine neue Ausgabe von „Spur der Wölfe“ aufgelegt. Das Taschenbuch trägt im Gegensatz zur Hardcoverausgabe jedoch den gleichen Titel wie der Film: „Mystic River“. An diesem Fluss liegt Boston, Massachusetts.

|Der Autor|

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor Dennis Lehane einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich!“ war sein erster. Seine jüngsten sind „Spur der Wölfe“/“Mystic River“ und [„Shutter Island“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1150 „Mystic River“ ist der erste Lehane-Roman, in dem sein Team von Privatdetektiven, Patrick Kenzie und Angela Gennaro, nicht auftritt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein|.

_Handlung_

Die Geschichte entwickelt sich zielgerichtet wie ein abgeschossener Pfeil, mit unerbittlicher Konsequenz bis zu ihrem logischen Ende.

Im Mittelpunkt stehen drei Jungen, doch der Ort, wo sie aufwachsen, ist die vierte Hauptfigur. Dieser Ort ist die Grenzlinie zwischen dem Bostoner Arbeiter- und Proletenviertel „The Flats“, das direkt an einem Kanal, dem Penitentiary Channel, liegt, und dem Viertel der „besseren Leute“, The Point, liegt. Die Grenzlinie wird von der Buckingham Avenue bezeichnet, kurz Bucky genannt. Diese Örtlichkeiten werden mit höchster Detailgenauigkeit gezeichnet; sie spielen eine wichtige Rolle, auf welcher Seite jemand steht.

Jimmy Marcus und Dave Boyle stammen aus The Flats, doch Sean Devines Elternhaus steht im Point – er soll später das College besuchen. Doch ihre Väter sind Freunde und Kollegen in der Schokoladenfabrik, und so kommt es, dass die ungleichen Kinder zusammen spielen und etwas unternehmen. Jimmy Marcus hat ein tollkühnes Naturell, ist ein notorischer Lügner und Dieb. Dave Boyle ist ein blasser Junge, eine Halbwaise, der bei seiner verbitterten Mutter unter ihrer Fuchtel leben muss. Er ist stets froh, wenn er sich an Sean und Jimmy hängen kann, und Jimmy duldet ihn gewissermaßen.

Es ist 1975, als etwas Entscheidendes passiert, das alle drei verändern wird. Sie spielen gerade mitten auf der Straße, als sich ein Auto nähert, aus dem ein Mann steigt, der wie ein Polizist auftritt. Er will sie alle drei mit auf die Wache nehmen, doch Kimmy und Sean weigern sich. Nur Dave steigt tränenüberströmt in den Wagen und verschwindet. Es ist kein Polizeiauto, und der Polizist und sein Fahrer keine Bullen. Dave redet nie darüber, was sie mit ihm gemacht haben, als er vier Tage später seinen Peinigern entkommen kann und wieder in seine Nachbarschaft zurückkehrt. Von nun an ist er wie gebrandmarkt.

Im Jahr 2000 wird die blutüberströmte Leiche von Jimmy Marcus‘ 19-jähriger Tochter Katie mit eingeschlagenem Schädel und durchschossener Schulter im Park gefunden. Sie wurde nicht vergewaltigt, lediglich ihr Auto weist Gewalteinwirkung auf. Jimmy Marcus, inzwischen Ladenbesitzer in The Flats, ist wenig später kurz vor dem Ausrasten, durchbricht sämtliche Polizeiabsperrungen und identifiziert sein Ein und Alles: Ihr Körper ist bereits schwarzviolett angelaufen.

Sean Devine leitet die Ermittlungen in diesem Mordfall, muss aber bei jedem Fehler seine Suspendierung befürchten. Man hat ihn auf dem Kieker. Schon bald findet er heraus, dass Katie, ein ausnehmend hübsches Mädchen, am Abend vor ihrem Tod mit zwei Freundinnen eine wilde Zechtour durchs Viertel unternommen hatte. Sie wollte nämlich am nächsten Morgen nicht zurück in Papis Laden zur Arbeit, sondern mit ihrem Freund nach Las Vegas durchbrennen, um zu heiraten.

Dieser Freund, Brendan Harris, erweist sich als unschuldig, das heißt, er hat ein Alibi. Und sein Bruder Ron ist von Geburt an stumm. Doch auch Jimmy Marcus stellt Ermittlungen an, und seine hammerharten Schwäger von der Seite seiner Gattin unterstützen ihn nach Kräften. Es gibt nämlich zweierlei Arten von Justiz in The Flats: die lokale und die offizielle der Bullen.

Wenige Tage später trifft er Dave Boyles Gattin Celeste. Sie erzählt ihm, wie Dave am Morgen nach Katies Verschwinden in ihre Wohnung gekommen sei, blutüberströmt und mit einer verletzten Hand. Ein schwerer Verdacht fällt auf Dave – Celeste muss verrückt gewesen sein, als sie ihn belastete. Oder von Jimmys männlichem Charme betört, wie er gerne denkt.

Jimmy war einst ein schwerer Junge gewesen, ein Einbrecher, Dieb und wahrscheinlich sogar ein Mörder (er tötete Brendan Harris‘ Vater). Er leitete eine Bande und saß mehrere Jahre ab. Nun leitet er immer noch insgeheim eine Bande, scheint aber eine reine Weste zu haben. Bis er Informationen erhält, die Dave weiter belasten. Doch ist Dave wirklich schuldig? Wer ist Dave wirklich, der schizophrene Dave, der zurückgezogene Dave, der so gern dem Alkohol zuspricht, um – was? – zu vergessen?

Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, wer zuerst die Wahrheit herausfindet und Justiz an Dave Boyle übt, sei sie nun gerecht oder nicht: Jimmy Marcus oder Sean Devine.

_Mein Eindruck_

Es ist ein geradezu ein klassisches Drama, das der Autor in seinem Roman sich entfalten lässt. Alte Feindschaften zwischen Ex-Freunden und Ressentiments zwischen unterschiedlichen Klassen brechen auf. Althergebrachte Auffassungen über die Ausübung von Gerechtigkeit prallen aufeinander: The Flats gegen The Point, mit der Buckingham Avenue als Demarkationslinie.

Diese soziale Geographie, die mit so vielen Werten einhergeht, ist wie gesagt äußerst genau und einfühlsam geschildert. Die Figuren scheinen daher manchmal nicht aus eigenem Antrieb zu agieren, so als hätten sie keinen freien Willen, sondern als würden der griechische Chor mitsamt Götterriege auftreten, um sie zu ihren jeweiligen verhängnisvollen Taten zu treiben. Das gilt ganz bestimmt für Dave Boyle und Jimmy Marcus. Dave trifft sogar das Fatum, die Schicksalsgöttin persönlich – natürlich in seinen schizophrenen Albträumen – und sie scheint es nicht gut mit ihm zu meinen.

Die Bedeutung des Milieus stellt allerdings auch ein gewisses Problem dar: Denn welcher Leser kann schon Sympathie oder gar Bewunderung für einen „Helden“ empfinden, der von den beschriebenen Mächten angetrieben wird, aber kaum eigenen Willen besitzt, der ihn aus der Masse heraushebt? Daher ist es die wichtigste Aufgabe des Autors, die spezifische Psychologie seiner Hauptfiguren herauszuarbeiten, ihre unverwechselbaren Erfahrungen zu schildern (etwa Jimmys finstere Vergangenheit) und sie so als Herren ihres Schicksals darzustellen. Das gelingt ihm hervorragend. Erst daraus kann der Höhepunkt des Dramas tragische Größe erreichen. Erst dann kann der Wettlauf mit der Zeit eine spannende Rolle spielen, denn dann ist die Welt kein Uhrwerk.

_Unterm Strich_

Ich habe das Buch in wenigen Tagen gelesen. Die Handlung schreitet rasch voran, und eine wichtige Enthüllung folgt der nächsten. Wer hat die arme Katie so bestialisch zugerichtet – war es ein Psychopath, ein Betrunkener oder waren es Mutwillen und Willkür?

„Mystic River“, so hat die amerikanische Kritik erkannt, ist Dennis Lehanes Annäherung an die Great American Novel à la Philip Roth oder John Updike; allerding wird hier eine ganz andere Art von Bürgern untersucht – keine Mittelständler aus Suburbia, sondern Arbeiterklassenangehörige, die eine verschworene Gemeinschaft bilden.

Zuweilen erinnern bestimmte Auseinandersetzungen, aber auch die exakte Milieustudie an das Sachbuch „Die Gangs von New York“ von Herbert Asbury, das von Martin Scorsese verfilmt wurde. Auf jeden Fall ist es ein besonderer Thriller mit bemerkenswerten Hauptfiguren – ich kann mich noch Wochen nach der Lektüre an Jimmy Marcus erinnern: an seine Trauer, seine Wut und seinen Rachedurst.

|Originaltitel: Mystic River, 2001
Übersetzung: Andrea Fischer|

Régine Deforges – Die Reisende

Das Leben in vollen Zügen: Erotische Phantasien einer Reisenden

Eine Frau auf Reisen – allein, in einem Zug, einer Wartehalle oder in einem Bahnhofscafé. Sie beobachtet das Geschehen um sich herum, ihre Gedanken schweifen ab… Sind ihre erotischen Begegnungen Traum oder Realität? Hat der attraktive dunkelhäutige Mann in ihrem Abteil wirklich seine Hand in ihre Bluse gleiten lassen? Und was passierte an jenem verregneten Vormittag am Gare Saint-Lazare?
… (Verlagsinfo)
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