Schlagwort-Archive: Ullstein

Stephen King – Danse macabre. Die Welt des Horrors

Von der Magie des Schreckens

Der Horrormeister aus Maine vermittelt in diesem Wälzer einen wertvollen Überblick über fast alle Erscheinungsformen von Horror und Fantasy: in Film, Radio, Buch und Fernsehen. Comics hat er zwar ausgespart, kommt aber immer wieder darauf zu sprechen. Außerdem ist der betrachtete Zeitraum auf die 30 Jahre von 1950 bis 1980 begrenzt. Dennoch ist „Danse macabre“ eines der grundlegenden Sekundärwerke zur Schauerliteratur, das in keinem Regal eines ernsthaften Horrorlesers fehlen sollte.

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Jérôme Loubry – Der Erlkönig

Inhalt

Wenige Tage nachdem Sandrine zu der Insel aufgebrochen ist, auf der ihre verstorbene Großmutter gelebt hat, findet man sie verstört und mit fremdem Blut an ihren Kleidern am Strand. Sie wird ins Krankenhaus eingeliefert. Was sie erzählt, ist wirr. Kommissar Damien kann sich keinen Reim darauf machen. Von welchem Kinderheim spricht Sandrine? Was hat es mit dem Bootsunglück auf sich, bei dem alle Kinder ums Leben gekommen seien sollen? Und weshalb stammelt sie immer wieder voller Schrecken diesen einen Namen: der Erlkönig? Damien folgt den Puzzleteilen von Sandrines Geschichte – und blickt schon bald in einen Abgrund, der dunkler ist als jede Nacht… (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Erstens: was für ein fesselnder Thriller, ich habe „Der Erlkönig“ innerhalb von eineinhalb Tagen regelrecht inhaliert, und mein Gehirn wurde – vor allem während des letzten Drittels – enorm durchgerüttelt!
Zweitens: was für ein Irrgarten, die Handlung ist meiner Meinung nach mit den Filmen von Christopher Nolan vergleichbar: undurchsichtig, mysteriös, verschachtelt, herausfordernd sowie anregend. Jérôme Loubry – Der Erlkönig weiterlesen

Stephen King – Im Kabinett des Todes. Düstere Geschichten


Klassische Horrorgeschichten, erstklassig zubereitet

„Im Kabinett des Todes“ enthält vierzehn düstere Geschichten, die für jeden Leser etwas bereit halten.

King zeigt sich in „Der Mann im schwarzen Anzug“ in literarischer Höchstform und erhielt für diese Geschichte den O’Henry-Award. Jede der Geschichten dieser Sammlung ist absolut einzigartig und zieht den Leser in ihren Bann, egal ob er sich mit Howard Cottrell als Scheintoter im „Autopsieraum Vier“ befindet oder in „Alles endgültig“ mit dem jungen Dinky Earnshaw mitleidet, dessen Traumjob sich als höllischer Albtraum entpuppt.

Viele blutige und unblutige Überraschungen warten auf den Leser in diesen faszinierenden Geschichten – und sie zeugen alle von der unbändigen Schaffenskraft eines Autors, der zu den anerkannt Größten seines Faches zählt.

Stephen King schrieb seine erste Kurzgeschichte mit 21 Jahren. Seitdem hat er eine Vielfalt von Romanen veröffentlicht, die ihren Siegeszug um die Welt angetreten haben. Doch in seinem Werk hat die kürzere Form – die Novelle und die Story – nie an Bedeutung verloren, seine Story-Bände waren nicht minder erfolgreich. Das beweist er auch mit seiner neuen Sammlung von Kurzgeschichten. (Verlagsinfo)
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Stephen King – Der Buick. Roman

Das Monster ist immer das Kult-Auto

Ein alter Buick steht im Mittelpunkt des neuen Romans von Stephen King – ein Straßenkreuzer, der genau wie sein Eigentümer vom Himmel gefallen zu sein scheint. Der Fahrer, ein geheimnisvoller Mann in einem schwarzen Mantel, verschwindet, und schließlich erweist sich, dass der Wagen genauso wenig ein Buick, wie der Typ im schwarzen Mantel ein Mensch ist. Der Wagen wird von den Männern der State Police beschlagnahmt und in einem Schuppen abgestellt, wo der Buick bald ein ungewöhnliches Eigenleben entwickelt… (Verlagsinfo)
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Stephen King – Duddits / Dreamcatcher

Kackwiesel und andere Aliens

Mit „Duddits“ knüpft Stephen King an seine klassischen Erfolge wie Der Friedhof der Kuscheltiere oder Es an: Was die vier Freunde Pete, Henry, Jonesy und Biber als harmlosen Jagdausflug in die Wälder von Maine geplant hatten, endet in einer bizarren tödlichen Bedrohung. Da fällt ihnen Duddits ein, ihr alter Freund mit telepathischen Fähigkeiten – er ist ihre letzte Hoffnung auf Rettung aus diesem nicht enden wollenden Alptraum …

„Duddits“ (im Original: Dreamcatcher) ist ein Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Stephen King aus dem Jahre 2001. Im Jahre 2003 wurde er unter dem Titel „Dreamcatcher“ verfilmt. Das Manuskript, von Hand geschrieben, war ein Mittel des Autors, um sich von einem Autounfall im Jahre 1999 zu erholen und wurde von ihm in einem halben Jahr fertiggestellt. (Quelle: Wikipedia.de)
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Jo Nesbø – Blood on Snow 2 – Das Versteck

Serienkiller-Dilogie mit Auferstehung

Ulf ist ein Geldeintreiber. Sein Biss ist der „Fischer“. Der Fischer ist DER Drogenhändler Oslos. Als Geldeintreiber wird man nicht unbedingt reich. Doch jetzt hat Ulf einen Weg gefunden. Glaubt er.

Zwei Probleme stellen sich: Drogenhändler lassen sich ungern reinlegen. Schicken sie ihre Killer los, braucht man ein gutes Versteck. (Verlagsinfo) Ulf denkt, er hat in der Finnmark ein gutes Versteck gefunden. Das erweist sich als Irrtum…

Die Verfilmung soll laut Verlag von Leonardo di Caprio produziert werden.
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King, Stephen – Das Leben und das Schreiben

_Bestsellerautor – gewusst wie!?_

Kann ich hier lernen, wie man einen Bestseller schreibt? Vermutlich nicht ganz, aber der Meister sagt uns, wie er dazu kam und gibt ein paar hilfreiche Tipps – zumindest wie man’s besser macht als bisher.

Hier hat einer der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts seine wichtigsten Einsichten zusammengefasst. Es ist ein persönliches, geradezu intimes Buch, andererseits aber auch ein Sachbuch mit brauchbaren Ratschlägen für angehende Autoren.

_Inhalte_

Nach nicht weniger als drei (!) Vorwörtern legt King endlich los: mit einem von zwei biographischen Teilen. Die Zweiteilung rührt natürlich von jenem schmerzhaften und einschneidenden Unfall im Sommer 1999 her. Davor hatte King bereits die Hälfte des Buches fertig.

Er erzählt zunächst, wie er überhaupt dazu kam, Geschichten zu mögen, viel zu lesen und schließlich selbst welche zu erfinden und festzuhalten. Seine Mutter bestärkte ihn darin ebenso sehr, wie es später seine Frau Tabitha tun sollte. Die Episode, wie sein erster veröffentlichter (nicht geschriebener) Roman „Carrie“ entstand, ist schon häufig erzählt worden – ich brauche sie nicht nochmals wiederzugeben. Interessanter ist da schon, wie er sein Handwerk verbesserte, etwa indem er als Sportreporter bei der Lokalzeitung arbeitete und zudem richtiges Redigieren lernte. Weitere Tipps bekam er von ablehnenden Lektoren der Zeitschriften, denen er seine Storys anbot („2. Fassung = 1. Fassung minus 10 %“ und dergleichen). An diese Ratschläge hält sich King noch heute.

|Schreiben ist Telepathie|

Sodann erklärt er, was Schreiben ist: „Telepathie natürlich“. Und er weiß diese erstaunliche Auffassung gut zu begründen. Im folgenden Teil beschreibt er den Inhalt der drei Ebenen des „Werkzeugkastens“ eines Schriftstellers. Dazu gehören natürlich allen voran die Sprache, die Grammatik und die Stilistik. Für ihn ist die kleinste Bucheinheit nicht das Wort oder der Satz, sondern der Absatz.

|Do it yourself!|

Der folgende Teil „Über das Schreiben“ ist sicherlich der wichtigste, wenn man selbst schriftstellerische Ambitionen hat – und die werden wohl die meisten Käufer dieses Buches mitbringen. Alle von Kings Ratschlägen sind brauchbar, manche sogar genial. Häufig hebt der frühere Englischlehrer den Finger, hebt sogar das Verbotsschild in die Höhe, doch die häufig eingesetzte Selbstironie schwächt diese wichtigtuerischen Posen immer wieder ab.

Ich selbst kann zahlreichen von Kings Ratschlägen nur zustimmen, schließlich habe ich selbst über zehn Jahre in Schreibwerkstätten und –seminaren (auf deren Nutzen geht er selbstverständlich ebenfalls ein) verbracht und meine Resultate vorgelesen und begutachten lassen. Nie jedoch wurden mir dort solche gut begründeten Tipps gegeben.

Eine Kostprobe: Vermeide Adverben wie die Pest! Beispiele wären „mutig widersprechen“, „herzzerreißend schluchzen“ usw. Adverben fügen einem bereits vorhandenen Verb oder einer Äußerung nur einen unterstreichenden Aspekt hinzu, sind also von vornherein relativ überflüssig, es sei denn, das Adverb erweitert die Bedeutung des Verbs oder der Äußerung („sagte er nachdrücklich“). Adverbialkonstruktionen kann man natürlich zu einem Stilmerkmal machen (etwa wie in den sog. „Swifties“), man kann es damit aber auch übertreiben und so einen ironischen Effekt erzielen.

|Falltüren der Prosa|

Natürlich gibt es in der Prosa noch zahlreiche weitere Falltüren, die es aufzuspüren und zu vermeiden gilt. King bietet angehenden Autoren auch in ihren Publikationsbemühungen Hilfe an: Man darf ihm bestimmte Manuskripte an www.stephenking.com schicken. Er warnt vor gierigen Agenten und tückischen Verlagsverträgen (etwa bei Doubleday!). Eine Leseliste bietet weiterführende Tipps zu Büchern, die der Meister gut findet oder fand. Dazu gehört vor allem seine Stilbibel „Elements of Style“.

|Die Biografie erschüttert|

Absolut erschütternd ist hingegen der zweite Teil seiner Biografie zu lesen, also über den Unfall selbst, bei dem er fast starb, und die Zeit der Rekonvaleszenz bis zu jenem Tag, an dem er wieder an diesem Buch schreiben konnte.

In einem der Nachträge kann man dem Meister über die Schulter schauen. „Siehst du: So sah die 1. Fassung der Story aus – und jetzt schau her: So sieht die 2. Fassung aus.“ Er begründet die Änderungen und macht deutlich, worauf es ihm bei seinem Handwerk ankommt. Diese Story ist unter dem Titel „1408“ in der Hörbuch-Trilogie „Blut und Rauch“ zu finden, die es bei |Random House Audio| gibt.

_Mein Eindruck_

Dieses lehrreiche Buch gibt nicht nur durch Erfahrung erworbene und erprobte Ratschläge an Jungautoren weiter, sondern erzählt auch viele Geschichten – nicht nur Kings eigene, die allein schon sehr interessant ist, aber auch die vieler anderer Leute (seine Familie, seine Frau, die Schulen, die Verleger usw.).

Für Bücherwürmer wie mich sind auch Kings Bemerkungen über andere Schriftsteller und ihre Produkte sehr wertvoll. Sie erfüllen eine ähnliche Funktion wie eine Rezension. Dabei scheut der Autor auch nicht vor handfester, aber berechtigter Kritik zurück. Er hat eben seinen Standpunkt und weiß ihn gewohnt eloquent zu vertreten.

Auf jeden Fall ist das Buch sehr kurzweilig zu lesen, sofern man sich für das Schreiben und die Vorgänge dabei interessiert. Andere Leser dürften vor allem von den biografischen Teilen und den Lesetipps profitieren.

|Originaltitel: On Writing, 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Andrea Fischer|

Lars Schütz – Rache, auf ewig

Inhalt

Ein Mann wird in einem Gewächshaus festgehalten. Unter ihm wächst der Bambus, Zentimeter für Zentimeter. Bis ihn die spitzen Sprossen stechen. Bis sie ihn durchbohren. Bis sie ihn qualvoll töten.
Profiler Jan Grall und Rabea Wyler haben schon viele verstörende Fälle bearbeitet, doch was sie an diesem Tatort vorfinden, treibt sie an ihre Grenzen. Ein albtraumhaftes Spiel gegen die Zeit beginnt, denn „der Erlöser“, wie der Täter sich nennt, wird nicht ruhen, bis seine Rache vollkommen ist. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Was haben ein Regenwald-Zerstörer, ein Mineralölkonzern-Chef, eine Großwildjägerin und Wustbaron gemeinsam? Sie verdienen es, die eigene bittere Medizin zu schmecken – das findet jedenfalls Der Erlöser

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Nele Neuhaus – Zeiten des Sturms (Sheridan-Grant-Reihe Teil 3)

Worum gehts?

Sheridan Grant muss nach der Rückkehr zur Willow Creek Farm feststellen, dass es dort keinen Platz mehr für sie gibt. Sie entschließt sich endgültig, alle Brücken hinter sich abzureißen und irgendwo ein neues Leben zu beginnen.
Sie lernt Paul Sutton kennen und lieben. Der Arzt trägt sie auf Händen und liest ihr jeden Wunsch von den Augen. Sie beschließen ihre Liebe vor Gott unter Beweis zu stellen. Doch plötzlich, kurz vor der Hochzeit, bekommt Sheridan plötzlich Zweifel. Ihr wird auf einmal alles zu eng und bricht erneut aus ihrem neugewonnen Leben aus und kehrt nochmals zurück nach Nebraska.

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Nele Neuhaus – Straße nach Nirgendwo (Sheridan-Grant-Reihe Band 2)

Worum gehts?

Ein heftiger Familienstreit schlägt die 17-jährige Sheridan Grant in die Flucht. Sie möchte nicht länger auf der Willow Creek Farm bei ihrer Adoptivfamilie leben. Sie beschließt nach New York zu reisen und dort als Sängerin durchzustarten. Der Weg dorthin ist jedoch alles andere einfach. Ein blutiger Amoklauf mit tödlichem Ausgang ihres Bruders sorgt für eine Menge Pressewirbel um Sheridan. Sie wird beschuldigt für diese Bluttat hauptverantwortlich zu sein.

Währenddessen gelangt es Detective Jordan Blystone ein jahrzehntelang verschwiegenes, folgenschweres Familiengeheimnis zu lüften und bringt Sheridans intrigante Adoptivmutter Rachel dadurch vor Gericht. Sheridan muss eine schwere Entscheidung treffen. Entflieht sie ein für alle Mal und endgültig ihrer dunklen Vergangenheit oder gibt sie der Sehnsucht nach ihrer Heimat nach?

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Nele Neuhaus – Sommer der Wahrheit (Sheridan-Grant-Reihe Teil 1)

Worum gehts?

Nebraska, im mittleren Westen Amerikas, Anfang der Neunzigerjahre: Die Fünfzehnjährige Sheridan Grant lebt mit ihrer Adoptivfamilie auf einer Farm. Weit und breit gibt es nichts als Maisfelder. Die musikalisch sehr begabte Sheridan leider sehr unter der strengen Hand ihrer Stiefmutter Rachel. Nach dem Unterricht trägt Rachel ihr zahlreiche Arbeiten auf dem Hof und im Haus aus, so dass Sheridan kaum freie Zeit hat.

Gott sei Dank gibt es noch andere Menschen in der Nähe der Farm, die ihr gut zugetan sind und so sogar umwerben. Doch dann geschieht eines Herbstabends etwas Schreckliches und Sheridan wird von da an bewusst, wer es wirklich ernst mit ihr meint.

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Cajus Bekker – Verdammte See. Ein Kriegstagebuch der deutschen Marine

Tragödien und Possenspiele

In diesem »Kriegstagebuch der deutschen Marine«, das 1971 viele Monate lang an der Spitze der Bestsellerlisten stand, werden die Höhepunkte des Marine-Kampfes im Zweiten Weltkrieg geschildert. Dabei stützt der Autor sich auf die amtlichen Kriegstagebücher, von denen viele erst in jüngerer Zeit an deutsche Stellen zurückgegeben wurden… (Verlagsinfo)

Der Autor

Cajus Bekker (* 12. August 1924 in Düsseldorf; † 10. März 1975; eigentlich Hans Dieter Berenbrok) war ein deutscher Journalist und Marine-Schriftsteller. (Quelle: Wikipedia.de)

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Régine Deforges – Die Reisende

Das Leben in vollen Zügen: Erotische Phantasien einer Reisenden

Eine Frau auf Reisen – allein, in einem Zug, einer Wartehalle oder in einem Bahnhofscafé. Sie beobachtet das Geschehen um sich herum, ihre Gedanken schweifen ab… Sind ihre erotischen Begegnungen Traum oder Realität? Hat der attraktive dunkelhäutige Mann in ihrem Abteil wirklich seine Hand in ihre Bluse gleiten lassen? Und was passierte an jenem verregneten Vormittag am Gare Saint-Lazare?
… (Verlagsinfo)
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Straub, Peter – Hellfire Club – Reise in die Nacht

Mit „Hellfire Club – Reise in die Nacht“ hat Peter Straub einen packenden Psychothriller geschrieben, in dem es um ein altes Unrecht geht, das bis in die Gegenwart hineinwirkt. Dabei stehen eine reiche Verlegerfamilie, die Chancels, und ihre dunkle Vergangenheit, ein skrupelloser Frauenmörder, eine brutale Entführung und ein mysteriöses Kultbuch in komplexem Zusammenhang. „Reise in die Nacht“ ist mit Abstand Straubs gelungenstes Buch, ästhetisch und künstlerisch wie auch für den Leser befriedigend, weist aber auch ein paar Fragen auf, die offen bleiben.

Der Autor

Peter Straub zählt neben Stephen King, John Saul und Dean Koontz zu den herausragenden amerikanischen Horror-Autoren. Er wurde in Milwaukee, Wisconsin (wo viele deutsche Auswanderer wohnten), geboren und lebte ein Jahrzehnt lang in England und Irland. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden und hatten 1994 eine Weltauflage von 10 Millionen bereits weit überschritten. Heute lebt er mit seiner Frau auf einer Farm in Connecticut.

Zusammen mit Stephen King schrieb er „Der Talisman“ und dessen Fortsetzung „Das schwarze Haus“. Seine eigenen Romane sind ebenfalls – meistens – bei Heyne erschienen:

Schattenland
Geisterstunde
Das geheimnisvolle Mädchen /Julia / Die fremde Frau
Der Hauch des Drachen
Wenn du wüsstest
Koko und die Fortsetzung „Der Schlund“ (Romane mit Tim Underhill)
Mystery
Reise in die Nacht /Der Hellfire-Club (später umbenannt)
Mister X / Schattenbrüder (später umbenannt)

Die Story-Sammlungen „Haus ohne Türen“ und „Magic Terror“ (beide bei Heyne ) sind ebenfalls sehr zu empfehlen.

Handlung

Im Mittelpunkt des Interesses steht die sympathische Nora Chancel; der Leser verfolgt ab dem zweiten Drittel des Buches, wie sich ihr bis dato behagliches Leben in atemberaubenden Tempo „von innen nach außen kehrt“ – eine häufige Metapher in diesem Roman. Denn bis zum Schluss enthüllen sich Geheimnisse, lösen sich Rätsel und verändert sich das Bild, das der Leser von den Figuren anfangs erhalten hat. Es ist ein Buch mit zahlreichen Falltüren und unerwarteten Wendungen – umso besser!

Auf „Reise in die Nacht“, so der Titel eines fiktiven, 1939 erschienen Bestseller-Romans von Hugo Driver, gründen sich Vermögen und Erfolg der neuengländischen Familie Chancel und ihres Verlags Chancel House (ein Anklang an Random House). Davey Chancel, Sohn des Inhabers Alden, gehört ebenfalls zur großen und besessenen Fangemeinde dieses Kultbuches. Er ist ein Träumer, abhängig von seinem Vater.

Seine Frau Nora, die als Krankenschwester in Vietnam mit einer brutalen Realität konfrontiert war, teilt Daveys Enthusiasmus nicht. Aber nicht allein aus diesem Grund gilt sie in der Familie Chancel als Außenseiterin. Das Grauen aus Vietnam verfolgt sie noch immer in ihren Träumen, und hin und wieder sieht sie hämisch grinsende Dämonen im Augenwinkel.

In der Kleinstadt Westerholm, Connecticut, wo auch die Chancels residieren, versetzt seit Wochen ein kaltblütiger Frauenmörder die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Als Natalie Weil, die heimliche Geliebte Davey Chancels (wie auch seines Vaters) unter mysteriösen Umständen aus einem verwüsteten, blutgetränkten Zimmer verschwindet und erst einige Zeit später wieder auftaucht, fällt der Verdacht auf Nora.

Auch der wankelmütige Davey hält nicht zu ihr, als das FBI aufkreuzt. Doch kurz bevor der wahre Sachverhalt – ein schlechter „Scherz“ von Daveys Vater – aufgeklärt werden kann, wird Nora von dem Rechtsanwalt Dick Dart, der bereits als der Killer überführt ist, im Polizeibüro als Geisel genommen und entführt.

Während ihrer Flucht durch Neuengland kann Nora nur überleben, indem sie vorgibt, auf der Seite dieses Psychopathen zu stehen, während Dart jeden erbarmungslos umbringt, der sich ihm in den Weg stellt. Nora begegnet wieder ihren Dämonen.

Allmählich enthüllt Dart seiner Gefangenen, was er als seine „Mission“ begreift: Er hat in seiner Kanzlei, die Chancel House seit Jahren betreut, erfahren, dass die Angehörigen der 1938 verstorbenen Schriftstellerin Katherine Mannheim Rechte auf das Manuskript „Reise in die Nacht“ beanspruchen – die Dichterin sei die wahre Urheberin des Buches. Sie war 1938 mit Hugo Driver und anderen Dichterkollegen Gast auf einem Landgut namens Shorelands und verschwand unter mysteriösen Umständen.

Dart versucht nun, alle Zeugen, die die Urheberschaft Drivers an dem von Dart kultisch verehrten Buch in Frage stellen könnten, zu beseitigen. Dabei geht er keineswegs zimperlich vor.

Als Nora sich schließlich von ihrem Entführer befreien kann, stellt sie auf eigene Faust Nachforschungen an und kommt dabei dem ebenso düsteren wie blutigen Geheimnis um das berühmte Manuskript Zug um Zug näher, stets verfolgt von FBI und Dart.

Als sie ihm wieder in die Hände fällt und sie zusammen nach Shorelands fahren, zurück zum Ursprung des Unheils, findet sie den „goldenen Schlüssel“ zum Untergang des Hauses Chancel wie auch ihre eigene innere Freiheit.

_Mein Eindruck_

„Hellfire Club – Reise in die Nacht“ enthält eine zielstrebig vorwärts preschende Handlung, die von glaubwürdigen Charakteren gestützt und gelenkt wird, bis die Bösen den verdienten Untergang erleben und die Guten verändert aus dem Showdown hervorgehen. Das Buch setzt sich mit Lebenslügen, verkorksten Beziehungen und dem falschen Kult um Bücher und andere Medien auseinander.

Nora Chancel ist eine Heldin wider Willen auf einer Höllenfahrt, genau wie der leidgeprüfte jugendliche Held in Hugo Drivers verhängnisvollem Roman – einer der zahlreichen Fälle von subtiler Ironie in diesem Buch. Dass der Autor ihr und allen anderen Charakteren die menschliche Würde lässt und sie nicht zu einem Abziehbild degradiert, ist ein hohes Verdienst und trägt sicherlich dazu bei, die Lektüre zu einem eindrucksvollen und befriedigenden Erlebnis zu machen. Ungelöst bleiben lediglich Fragen, die Dick Darts Verhalten am Schluss betreffen – hier hat der Autor einiges unterdrückt, das dem angestrebten Effekt widersprochen hätte. Unklar bleibt auch die Rolle, die Dick Darts Vater spielt – er bleibt zu passiv im Hintergrund.

Die knapp 640 Seiten (660 bei der |Heyne|-Ausgabe) lesen sich leicht in zwei, drei Tagen und man bekommt Lust, sie gleich nochmal zu lesen. Straubs zuletzt bei uns veröffentlichte Romane waren die Vietnam-Psychothriller „Koko“ und „Der Schlund“ sowie [„Haus der blinden Fenster“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1003 und deren Grauen ist auch hier zu spüren. Doch im Gegensatz zu ihnen ist „Reise in die Nacht“ viel stärker mit der Rolle der Literatur und ihrem Bannkreis beschäftigt: ihren manchmal gar nicht feinen Produzenten, ihren blinden, süchtigen Fans und ihren skruppellosen Vermarktern: „Geschäft ist Geschäft“ ist die Moral Amerikas. Straub führt subtil vor Augen, wohin diese kapitalistische Moral führt, wenn man sie konsequent zu Ende verfolgt. Hut ab, Mister Straub! Dies ist ein Meisterwerk.

|Taschenbuch: 637 Seiten
Originaltitel: Night Journey, 1996
Aus dem US-Englischen von Joachim Körber
ISBN-13: 978-3548255866
ISBN-10: 3548255868
Ullstein-Verlag|

[NEWS] J. P. Monninger – Liebe findet uns

Es ist der eine letzte Sommer nach der Uni, bevor das echte Leben beginnt. Heather reist mit ihren zwei besten Freundinnen durch Europa. Sie liest Hemingway, lässt sich durch die Gassen der Altstädte treiben. Dass sie Jack begegnet, hätte sie nicht erwartet. Und schon gar nicht, dass sie sich unsterblich in ihn verliebt. Er folgt Stationen aus dem alten Reisetagebuch seines Großvaters. Es ist sein Ein und Alles, und Jack beginnt die Schätze daraus mit Heather zu teilen. Die beiden besuchen die unglaublichsten Orte und verbringen die schönste Zeit ihres Lebens. Bis Jack völlig unerwartet verschwindet. Heather ist verzweifelt, wütend. Was ist sein Geheimnis? Sie weiß: Sie muss ihn wiederfinden. (Verlagsinfo)


Taschenbuch: 416 Seiten
Ullstein

Régine Deforges – Das Unwetter

Nach einem langen Auslandsaufenthalt in Französisch-Indochina kehrt ein Mann Anfang der sechziger Jahre wieder in seine Heimat zurück. Dort tritt er das Erbe seiner mit 26 Jahren während eines Gewitters vom Blitz erschlagenen Tante Marie an. Nur einen Monat zuvor war deren Gatte Edouard gestorben. In einem Schreibtisch entdeckt er in einem Geheimfach das erotische Tagebuch seiner Tante. Soll er die Aufzeichnungen, die eine verliebte Frau vor eineinhalb Jahren niedergeschrieben hat, vernichten, aufbewahren oder nach 20 Jahren veröffentlichen?

Er schreibt:

„Obwohl der Text obszön und manche Szenen nur schwer erträglich sind, fand ich, dass er in seiner schonungslosen Offenheit eine der schönsten Liebesgeschichten darstellt, die zu lesen mir vergönnt war.“

Der Leser ist gewarnt.

|Die Autorin|

Die Französin Régine Deforges ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Frankreichs. 1968 gründete sie als erste Frau in Frankreich einen Verlag. Auch hierzulande wurde sie mit erotischen Werken in den siebziger und achtziger Jahren bekannt, so etwa mit den Erzählungen in dem Band „Der schwarze Milan“ (Rowohlt). Das besondere Kennzeichen dieser Storys ist einerseits die Tabus überschreitende Erkundung der Erotik und die feinfühlige psychlogische Begründung dieser Forschungsreise und ihrer Entdeckungen.

Bekannter wurde sie in den letzten Jahren mit ihrem historischen Roman „Das blaue Fahrrad“ und dessen Fortsetzung „Die weiße Lilie“, die beide im 2. Weltkrieg spielen, als Frankreich von der Wehrmacht besetzt war.

_Handlung_

Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass die Schreiberin dieses Tagebuches einen gewaltigen Dachschaden hat. Als Beweis diene zunächst einmal, dass sie mehrmals das Grab ihres an Krebs verstorbenen Gatten besucht, sich darauf setzt und sich darauf munter einen runterholt. Tut dies eine anständige Frau? Vermutlich nicht.

Außerdem behauptet sie im Text, der geliebte Gatte sei immer noch „bei ihr“. Nun, er erfüllt sie jedenfalls in Gedanken und Gemüt derart, dass sie nicht wagt, von ihm als einem Verstorbenen zu sprechen. Dementsprechend konsterniert reagiert ihre Umgebung auf ihre Einstellung, insbesondere die Schwiegermutter.

Die Wahrheit ist, dass ihr Gatte sie zu solch gewagten sexuellen Handlungen verführt hatte, dass die gewöhnlichen Interaktionen zwischen Männlein und Weiblein nur wenig Reiz bereithalten. Selbst als sein Bruder Jean sie besucht und mit ihr ans Meer fährt, kommt es nicht zum Beischlaf. Stattdessen befiehlt sie ihm, sie in die Brustwarzen zu beißen.

Eine verhängnisvolle Entwicklung bahnt sich bei ihren wiederholten Besuchen auf dem nahen Friedhof an. Denn der Dorftrottel Lulu beobachtet die erotische Mänade aus dem Gebüsch. Lulu hat zwar nix im Kopf, aber dafür umso mehr in der Hose. Obwohl sie ihn bemerkt hat, denkt Marie gar nicht daran, in ihrem aufreizenden Tun innezuhalten. Als ein Gewitter losbricht, reißt sie sich vielmehr die Klamotten vom Leib, um den belebenden Regen zu genießen. Es kommt zu einem ersten Verkehr mit Lulu.

Nach einer Zeit der Krankheit und Genesung , während der sie die Annäherungsversuche des verliebten Trottels registriert, kommt es eines Nachts zu einem Höhepunkt ihrer sexuellen Begegnungen mit Lulu, als dieser sie seiner Familie vorstellt …

_Mein Eindruck_

Das Büchlein lässt sich ebenso einfach wie flott lesen, denn die Sätze sind ebenso kurz wie der Gesamttext. Nur ca. 83 Seiten umfassen die verschiedenen Texte, von denen das Tagebuch natürlich den Löwenanteil einnimmt. Es ist an den verblichenen Gatten Edouard gerichtet. Seine Funktion besteht nicht nur in einem Erlebnisbericht für die Nachwelt, sondern vielmehr als Beichte und Rechenschaftsbericht vor dem verlorenen Geliebten, den sie schon bald wiederzusehen hofft. Diese letzten Zeilen kommen für den Leser ziemlich unvermittelt. Mit einem gewissen Schock registriert er, dass sich die Schreiberin wieder einmal ein Unwetter ausgewählt hat, um den Übergang ins Jenseits zu vollziehen. Wurde sie wirklich vom Blitz erschlagen, wie die Zeitung schreibt?

|Freie Liebe|

Dieser Edouard muss ein ziemlicher Freigeist gewesen sein. Er propagierte die freie Liebe, also auch freien, außerehelichen Sex. Und zwar nicht nur mit Menschen. Was Marie in seinem Namen vollzieht, ist eng mit Gewittern verbunden. Diese sind nicht nur Erschütterungen aus den Elementen der Natur, die den Menschen in Aufruhr versetzen und ihn zu Veränderungen treiben. Sie sind auch Symbole für die Kraft der Natur und vor allem für die Präsenz des Animalischen im Menschen. Diese Triebkräfte freizusetzen, hat sich Marie – ohne es zu formulieren – vorgenommen. So gedenkt sie den Willen ihres geliebten Edouard zu erfüllen.

|Wichtige Zusatztexte|

Vier Zusatztexte stellen den Inhalt des Tagebuchs in einen anderen Kontext. Textimmanent gesehen, führen zwei Zeitungsmeldungen die Handlung fort. Darüber schweige ich. Doch dem Tagebuch sind zwei weitere externe Texte beigefügt. Der wichtigere der beiden ist ein Fragment von Georges Bataille aus seinem Roman „Madame Edwarda“, den er 1941, 1945 und 1956 veröffentlichte. In dem Fragment kommen eine Marie und ein Edouard vor. Dieser stirbt, doch Marie ist nicht schnell genug mit Ausziehen, um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen. |“Sie stand neben dem Toten, abwesend, über ihrem Selbst, in schwerfälliger Ekstase befangen, überwältigt.“| (S. 87) Die Schlüsselbegriffe sind „über ihrem Selbst“ und „Ekstase“. Marie ist in spirituellem Sinne außer sich.

Verstärkt wird diese Charakterisierung Maries durch einen Auszug aus einem frommen Gedicht der Theresia von Lisieux: |“Mein Vielgeliebter, laß mich bald / Die Milde Deines ersten Lächelns ahnen / Und laß mich in meinem glühenden Taumel, / Ach, laß mich in Deinem Herzen mich bergen! / Seliger Augeblick! Welch unaussprechliches Glück, / Wenn ich den süßen Klang Deiner Stimme hören werde, / Wenn ich den göttlichen Glanz Deines anbetungswürdigen Antlitzes / Schauen werde zum ersten Mal!“| – Dies klingt, als wolle eine unschuldige Nonne, erfüllt von spiritueller Leidenschaft, endlich als „Braut Jesu“ die Vereinigung vollziehen – im Jenseits.

|Die literarische Tradition|

Und von dieser Ausgangslage ausgehend entspinnt Régine Deforges ihre Novelle „Das Unwetter“. Damit stellt sie ihren Text in eine relativ ehrwürdige Tradition: die der erotischen Literatur Frankreichs. Dazu zählen neben Bataille sicher auch Pauline Réage („Geschichte der O“), Jean de Berg („Das Bild“) und der Marquis de Sade („Justine oder das Mißgeschick der Tugend“).

Georges Bataille gilt als Verfechter des libertären Erotismus, der die Erotisierung des gesamten Erlebens forderte und in seinen Schriften auch schilderte, so etwa in „Die Geschichte des Auges“ (1928). Bataille, auf den sich Deforges hier beruft, ist jedoch ein ganz anderer Autor als der bekanntere de Sade. Bataille hat 1943 und 1949 eine soziale Theorie aufgestellt, „deren Ziel die Erfassung der menschlichen Totalität ist, zu der die hohen und niederen Aspekte des Seins gleichermaßen zählen“, wie das „Harenberg Lexikon der Weltliteratur“ ausführt (S. 306). |“Im fiktionalen Werk wie in seiner Literaturkritik manifestiert sich Batailles Suche nach dem Absoluten, das nur in herausragenden Momenten der Existenz, im Augenblick der ’souveränen Kommunikation‘ erreicht werden kann.“|

|Selbsttranszendenz|

Deforges greift gar nicht so hoch. Sie lässt ihre Heldin Marie D. gar nicht nach den Sternen greifen. Doch dem Leser ist schnell klar, dass Marie auf der gleichen Straße wandelt wie O, ihre berühmtere Schwester. Wo sich O in freiwilige Sklaverei begibt, um den Wunsch ihres geliebten René zu erfüllen, dort begibt sich Marie, in totaler Hingabe an die Wünsche des geliebten verstorbenen Edouard, auf den Weg der totalen Hingabe an die Wünsche von Lulu und seiner Familie. Um die vollkommene Ekstase zu erfahren, opfert sie sich, so umschreibt sie es zwischen den Zeilen, auf dem Altar ihrer Liebe zu Edouard. Dies ist ist aber keine pathetische Selbstzerstörung, sondern führt zur Selbstranszendenz.

Nach dieser Aufgabe der Persönlichkeit zugunsten der Erfüllung ihres sexuellen Wesens bleibt ihr nichts anderes mehr zu tun als die Aufhebung der eigenen körperlichen Existenz. Wie es Bataille klar war und wie Susan Sontag in ihrem klarsichtigen Essay „The pornographic imagination“ deutlich formuliert hat, ist der konsequente Endpunkt sexueller Erfüllung nicht die endlose Variation und Rekombination von sexuellem Vergnügen, wie uns de Sade glauben machen will, sondern der Tod. Anti-Erotiker würden dies als „Sakrileg“ bezeichnen. Doch für Deforges und ihre Heldin ist es ein „Sakrament“, das hier bis zu letzten Konsequenz vollzogen. Und Theresia von Lisieux hätte ihr darin beigepflichtet.

_Unterm Strich_

Régine Deforges ist eine der letzten Vertreterinnen der älteren erotischen Literaturtradition Frankreichs. Zu ihrer Generation zähle ich auch Emmanuelle Arsan, Anais Nin, die Freundin Henry Millers, sowie die Frau, die unter dem Pseudonym „Pauline Réage“ publizierte. Ihre Generation wurde von der so genannten „Hurenliteratur“ (die eigentliche Bedeutung von „pornos graphein“) abgelöst. Was Marie Darrieusecq („Schweinerei“) und Catherine Breillat („Romance XXX“) anfingen, wird heute bereits in einem breiteren Strom in die Buchhandlungen gespült. Zumindest in Frankreich. Hierzulande schämt man sich noch, dergleichen im Buchladen auszustellen.

Die Generation der Deforges ist mir weitaus lieber. Ihre Heldin Marie mag vielleicht in einem ländlichen Nimmerland leben und sich dort erotisch austoben, aber ihre Sexualität ist nicht deformiert und zur ausgebeuteten Ware gemacht worden. Ihre Sexualität ist sozusagen spirituell – eine Ansicht, über die heutige Autorinnen nur noch lachen können. Aber sie hat ein menschliches Antlitz, und das ist mehr, als man von so mancher moderner Heldin sagen kann. Maries Wahn ist nicht krank, sondern heilig, ihr Sex nicht Sakrileg, sondern Sakrament. Und so etwas hat offenbar keinen Platz mehr in unserer Zeit. Kein Wunder: Sakramente lassen sich weder kaufen noch verkaufen.

Für die heutige Leserin hält „Das Unwetter“ vielleicht nur wenig Neues bereit. Selbst ein Gangbang ist heute schon selbstverständlich.

Kerley, Jack – Einer von hundert

_Explosiver Showdown in Mobile, Alabama_

Man muss ein Dieb sein, um einen Dieb zu überführen. Und wie fasst man einen Serienmörder? Detective Carson Ryder hat auch hierfür gute Voraussetzungen: Sein Bruder sitzt als Frauenkiller hinter Gittern und versorgt ihn immer wieder mit wertvollem Insiderwissen. Doch diesmal scheint der Mörder schneller zu sein … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Jack A. Kerley lebt in Newport, Kentucky, seine Hauptfigur Carson Ryder arbeitet jedoch bei der Polizei von Mobile, Alabama. Der frühere Werbetexter ist verheiratet und hat mehrere Kinder.

Romane aus der |Carson Ryder|-Reihe:

1) „Einer von hundert“ (The Hundredth Man, 2004)
2) „Der letzte Moment“ (The Death Collectors, 2005)
3) [„Den Wölfen zum Fraß“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7064 (A Garden of Vipers, 2006)
4) [„Bestialisch“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7063 (Blood Brother, 2008)
5) [„Buried Alive“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6817 (2010)
6) „Little Girls Lost“
7) „In the Blood“
8) „The Broken Souls“

_Handlung_

Als der obduzierende Gerichtsmediziner Alexander Caulfield im Dickdarm einer männlichen Leiche eine Bombe, ist er zu überrascht, um schnell genug zu reagieren. Die Explosion reißt ihm die Finger ab. Seine Laufbahn, kaum begonnen, ist schon wieder zu Ende. Aber seine Chefin Clair Peltier, die ihn kurz zuvor eingestellt hat, sieht eine günstige Gelegenheit, das Institut für Rechtsmedizin von Mobile, Alabama, einmal gründlich renovieren zu lassen. Doch es warten bereits weitere unangenehme Entdeckungen auf sie …

Als Carson Ryder und sein Partner bei der PSET-Arbeitsgruppe, Harry Nautilus, zu der Leiche im Park von Mobile gerufen werden, bemerken sie erst einmal den Menschenauflauf. Und das mitten in der Nacht. Was die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist der Umstand, dass die Leiche des Mannes geköpft wurde. Aber wo ist das edle Haupt? Der frühere Polizeisprecher jetzige Ermittlungsleiter Captain Squill und sein schleimender Schatten Brewley haben schnell eine Theorie bei der Hand: ein Racheakt. Ryder kauft ihm dieses lächerliche Ermittlungsvorgehen nicht ab und sucht ein wenig: Schnell wird man im Gebüsch fündig. Squill schäumt ob dieser Bloßstellung und schwört seinerseits Rache. Es soll nicht bei diesem Zusammenstoß bleiben. Squill will die PSET demontieren, das psychopathologische und soziopathologische Ermittlungsteam.

Allerdings bleibt es nicht bei dieser ersten geköpften Leiche. Nachdem es sich bei der Ersten um einen jungen Tunichtgut handelte, ist diesmal ein Grafikdesigner an der Reihe. Nichts scheint die beiden Männer zu verbinden. Doch beide verfügen über einen auffallend guten Körperbau und makellose Haut. Eine ganze Weile tappen Carson und Harry im Dunkeln und klopfen den Hintergrund der beiden Opfer ab. Wie sich herausstellt, haben beide Bekanntschaftsanzeigen in einem bestimmten Magazin der alternativen Szene von Mobile geschaltet oder beantwortet. Ist es wirklich reiner Zufall, dass das Gebäude genau dieser Redaktion wenig später bis auf die Grundmauern niederbrennt?

Ryder verbirgt ein schlimmes Geheimnis vor den Behörden und seinem Arbeitgeber. Sein Bruder Jeremy Ridgefield sitzt als psychopathischer Frauenmörder in einer psychiatrischen Anstalt mit Hochsicherheitstrakt ein. Aber Jeremy Hat seinem Bruderherz schon einmal im Fall eines Pyromanen und Serienmörders geholfen, was Carson den Aufstieg in die PSET-Spezialeinheit einbrachte. Nun besucht er ihn wieder. Doch Jeremy macht ihm schnell klar, dass es keine Leistung ohne Gegenleistung gibt …

Der unglückselige Alexander Caulfield hat in der Gerichtsmedizin eine Nachfolgerin: Ava Davanelle. Carson interessiert sich für die am Operationstisch so strenge Frau. Doch als er zufällig ihr Gespräch mit Dr. Peltier, ihrer Chefin, belauscht, macht Davanelle einen ganz anderen Eindruck: niedergeschlagen, wütend, kurzum: völlig außer Fassung. Carson hat dieses Syndrom schon einmal beobachtet: bei einem Alkoholiker. Als es ihm gelingt, Ava zu einem Abendessen einzuladen, bestätigt sich sein Verdacht. Ihr Alkoholkonsum kennt keine Grenzen. Wenige Tage sieht er sich vor der Aufgabe, der haltlos gewordenen Geliebten unter die Arme greifen zu müssen, bevor sie in die Hände von Vergewaltigern und Mädchenhändlern fällt. Doch plötzlich verschwindet sie spurlos.

Zusammen mit Harry und der Mordkommission durchkämmt Carson ein immer größeres Gebiet. Darin stößt er auf den einsam lebenden Alexander Caulfield. Steckt er etwa hinter Avas Entführung?

_Mein Eindruck_

Wie schon in dem phänomenal konstruierten „Buried Alive“ (siehe meinen Bericht) gelingt Kerley in seinem Romandebüt ein spannendes Garn, das mich mit zahlreichen herausragenden Eigenheiten nicht nur überzeugt, sondern mit seinem actionreichen Finale auch völlig begeistert hat.

Zunächst fängt die Ermittlung ebenso verwirrend an, wie es für die Emittler sein muss. Carson Ryder ist jedoch ein ehemaliger Psychologiestudent, der von Nautilus zur Polizeiarbeit gebracht wurde. Er verfügt nicht nur über Einfühlungsvermögen, sondern auch über Einfallsreichtum und Kombinationsgabe. Allerdings ist er kein zweiter Sherlock Holmes, denn er lässt sich von seinem verbrecherischen Bruder helfen, wenn es um das Finden ausgefallener psychologischer Zusammenhänge geht. Mit dem Bruderherz Jeremy verbindet ihn eine leidvolle Familiengeschichte. Sie spielt auch in späteren Bänden immer wieder eine Rolle, denn psychisch sind die beiden Brüder aneinandergekettet.

Während sich Carson und Nautilus auf den üblichen Krümelpfad von Hinweisen begeben, gibt es zwei folgenreiche Entwicklungen. Captain Squill hat Ryder weiterhin auf dem Kieker, denn er will zum stellvertretenden Polizeipräsidenten gewählt werden. Und Squill unternimmt zusammen mit Brewley alles, um dieses Ziel zu erreichen. Zum Glück ahnen wir bereits, dass er dabei gegen Ryder den Kürzeren ziehen wird.

Die andere Entwicklung ist Carsons wachsende Zuneigung zu der alkoholkranken Ava Davanelle. Diese tiefer werdende Beziehung dient nicht etwa bloß der Vermenschlichung des Junggesellen Ryder, sondern führt später auch direkt zum Serientäter; denn dieser hat es auf Ava abgesehen. Abgesehen davon zeigt sich im Umgang mit der Frau nicht nur Carsons humanes Engagement, sondern auch sein Humor.

Der Serientäter entfernt den Opfern nicht nur den Kopf, er hinterlässt auch Botschaften. Die Botschaften, die er in die Haut eintätowiert, muten Ryder zunächst völlig rätselhaft an. Doch sobald er einen Schlüssel hat, ergeben auch diese Inschriften einen – nicht wenig perversen – Sinn. Leider ist ihm der Mörder immer einen Schritt voraus, und Ryder fragt sich nach dem Grund. Dann endlich schaut er sich die Installationen der Gerichtsmedizin mal genauer an …

Wie gesagt, hat mich am meisten jedoch das Finale überzeugt. In einem Regensturm suchen Carson und Harry den Fluss ab, der nach Mobile fließt, um nach dem Versteck von Avas Entführer zu suchen. Einfacher gesagt als getan. Erst kentert das Boot, dann müssen sie auch noch den reißenden Fluss überqueren. Carson entkleidet sich bis auf die Haut – und wo steckt er jetzt sein Messer, seine einzige Waffe, hin? Da kommt guter Rat teuer, aber wir kennen Ryder nicht: Er steckt das Messer unter die eigene Haut (autsch!), um beide Hände freizuhaben. Wie sich bald zeigt, wird er das Ding noch dringend nötig haben …

Der Showdown ist nicht nur packend und voller Überraschungen, sondern auch, wie es sich für Amis gehört, höchst explosiv. Da kann man nur hoffen, dass Ryder und Nautilus diesmal den Richtigen erwischt haben.

_Die Übersetzung _

Andree Hesse übertrug nicht nur in den meisten Fällen genau in der Bedeutung, sondern auch im Jargon und Tonfall. So etwas findet man selten. Deshalb merkt man beim Lesen auch schnell, dass sich die Ermittler immer etwas sarkastisch und schnoddrig ausdrücken. Kann man ihnen ja angesichts ihrer meist blutigen Arbeit nicht verdenken. Leider wurde Hesse schon im nächsten Kerley-Roman abgelöst.

Seite 96: „Gesicht …, das an der Decke prankte“. Richtig heißt es „prangte“.

Seite 276 und 288: Zunächst kann sich der Leser nichts unter einer „lividen Verfärbung“ der Haut einer Leiche vorstellen. „Livid“ kommt in unserem täglichen Wortschatz einfach nicht vor, wenn man kein Mediziner ist. Nur aus dem Kontext können wir allmählich erschließen, dass es „bläulich“ bedeutet. Der Übersetzer wollte den Fachjargon offenbar beibehalten.

Seite 297: Was hat sich der Leser denn unter „Diätsodawasser“ vorzustellen? Ganz einfach: eine kalorienarme Limo. Das hätte man aber auch so ausdrücken können, oder? Möglicherweise ist diese umständliche Ausdrucksweise auf das Redigieren des Textes zurückzuführen, so dass eine zusätzliche Zeile vor einem Absatz gewonnen wurde. Sprache geht manchmal seltsame Wege.

_Unterm Strich_

Die Ermittlung selbst ist nicht gerade eine Offenbarung für den Krimikenner, und selbstverständlich führt sie erst einmal in die Irre. Dass die Vorgesetzten die Ermittlung sabotieren, um sich selbst zu profilieren, kennt man ja schon von anderen Krimiautoren, so etwa Michael Connelly. Auch die obligatorische Romanze des Detektivs gehört zum Standardrepertoire.

Ungewöhnlich ist hingegen die Beziehung Ryders zu seinem Bruder, dem Frauenmörder: Kann er ihm wirklich trauen? (Natürlich nicht.) Etwas verblüffender ist da schon die Psychologie des Serientäters, über die hier leider nichts verraten werden darf. Einigermaßen umwerfend fand ich hingegen die Auflösung des Falls und das explosive Finale. Lediglich die Klischees und die Druckfehler hindern mich daran, diesem Thrillerdebüt die volle Punktzahl zuzusprechen.

Der Buchtitel bezieht sich auf das Bewerbungsverfahren, bei dem „einer von hundert“ zum Zuge kommt. Denn wenn nicht Caulfield von Peltier ausgewählt worden wäre, dann wäre Ava Davanelle die Kandidatin mit den hundert Punkten gewesen – und mit der Bombe …

|Taschenbuch: 458 Seiten
Originaltitel: The Hundredth Man (2004)
Aus dem US-Englischen von Andree Hesse
ISBN-13: 978-3548259499|
[www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc]http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc

_Jack Kerley bei |Buchwurm.info|:_
[„Der letzte Moment“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2124
[„Buried Alive“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6817
[„Bestialisch“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7063
[„Den Wölfen zum Fraß“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7064

Jo Nesbo – Messer

Worum gehts?

Harry Hole geht es schlechter denn je. Nicht nur, dass er seinen Job bei der Kriminapolizeit los ist, nein, auch seine Ehe mit Rakel ist endgültig gescheitert. Kein Wunder, dass er der Versuchung des Alkohols dieses Mal nicht länger widerstehen konnte.

Als er eines Morgens ohne jede Erinnerung der letzten Nacht aufwacht und seine Kleidung voller Blut ist, beginnt jedoch erst der wahre Albtraum.

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Sarah Stankewitz – Perfectly Broken

Inhalt

Als Brooklyn Manchester verlässt, will sie nur eines: mit ihrer schmerzhaften Vergangenheit abschließen und den Tod ihrer großen Liebe verarbeiten. Die neue Wohnung in Bedford ist ihre letzte Rettung. Sie sieht sogar darüber hinweg, dass ihr Apartment durch eine Tür mit dem Schlafzimmer ihres Nachbarn Chase verbunden ist. Immer wieder dringen Geräusche und Gesprächsfetzen durch die verschlossene Tür, und Brooklyn erfährt viel über Chase. Sie fühlt sich von dem Fremden, dem sie noch kein einziges Mal begegnet ist, auf unerklärliche Weise angezogen. Als Chase dann beginnt, ihr Nachrichten zu schreiben und ihr auf dem Klavier ihr Lieblingsstück vorzuspielen, gerät Brooklyn in einen Strudel aus widersprüchlichen Gefühlen: In ihr kämpft die Anziehung zu einem Fremden mit ihrem eigenen Widerstand. Denn sie hatte ihr Herz für immer einem anderen versprochen … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

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Sarah J. Naughton – The Other Couple – Böses Erwachen

Inhalt

Asha schwebt im siebten Himmel: Ausgerechnet sie, das unscheinbare Mädchen von nebenan, hat eine gute Partie gemacht. Oliver ist attraktiv, charismatisch und erfolgreich, und ihre Vorfreude auf die Flitterwochen in Vietnam entsprechend groß. Doch kaum sind sie dort, ist Oliver seltsam distanziert und sucht ständig Streit.
Als Asha im Krankenhaus langsam zu Bewusstsein kommt, kann sie sich an nichts erinnern. Nur eines weiß sie: Die Idylle ist zum Albtraum geworden. Denn Oliver ist tot. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Bis auf winzige Ausnahmen – die ich nicht nenne, weil das die Überraschung verderben würde – gibt drei Zeitstränge, die sich abwechseln: Die Hochzeitsfeier in England, die ersten Tage der Hochzeitsreise in Vietnam und die Geschehnisse nach Olivers Tod. Die Zeitabschnitte enden oft mit einem Cliffhanger, was enorme Spannung erzeugt, da man erst zwei Kapitel später erfährt wie es weitergeht. Dabei sind die jeweiligen Handlungseinheiten sehr gut strukturiert, so dass keine Verwirrung aufkommen kann.

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