Stephen Baxter – Anti-Eis

Wasser vom Mond

Der Brite Stephen Baxter bewegt sich mit seinen Romanen in der Gesellschaft der Größen des Genres: H. G. Wells, Arthur C. Clarke und Heinlein (der frühe). Diese Autoren extrapolierten die gesellschaftlichen Folgen einer wissenschaftlichen Entdeckung und schilderten sie auf unterhaltsame Weise.

Hatte Baxter mit „Zeitschiffe“ bereits eine fulminante Fortsetzung zu dem Klassiker [„Die Zeitmaschine“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1414 vorgelegt, so unterhält er den Leser in „Anti-Eis“ mit einer kurzweiligen, aber auch zum Nachdenken anregenden Abwandlung von H. G. Wells‘ Klassiker „First Men in the Moon“ (man beachte das „in“, im Gegensatz zu Vernes „auf dem Mond“). Wie sich während der Lektüre herausstellt, ist Baxter auch ein Geistesverwandter von Michael Moorcock.

Handlung

Die Welt im Jahr 1856: Das Britische Empire erstreckt sich über fast die ganze Welt. Es befindet sich im Krim-Krieg mit den Russen und trägt seit Monaten erfolglos Angriffe auf die Festung Sewastopol vor. Erst als man dem genialen Erfinder Josiah Traveller erlaubt, seine Geheimwaffe einzusetzen, fällt die Festung: Seine Anti-Eis-Granate vernichtet alles Leben innerhalb einer Sekunde mit der Gewalt einer Atombombe.

Zahlreiche englische Soldaten, die sich nicht geschützt hatten, erblinden im Explosionsblitz und erleiden Hautverbrennungen. So erging es auch dem Onkel des jungen Diplomaten Ned Vicars. Ned macht im Jahr 1870 erstmals Bekanntschaft mit diesem Teufelszeug.

Das Anti-Eis stammt von einem in der Antarktis gefundenen Meteoriten. Es setzt bei normalen Erdtemperaturen enorme Energiemengen explosiv frei, gekühlt gibt es die Energie jedoch kontrollierbar ab, so etwa in Dampfkesseln. Seine zweite Eigenschaft ist Supraleitfähigkeit: Der elektrische Widerstand verschwindet – ideal für die Energieübertragung! Und da die Briten das Monopol auf Anti-Eis haben, beherrscht ihre Industrie schon nach wenigen Jahren die westliche Welt mitsamt den Kolonien.

Nicht, dass die Franzosen oder die Preußen das gemocht hätten! Als der erste mit Anti-Eis betriebene britische Landkreuzer bei Paris vom Stapel gelassen werden soll, sabotieren ihn französische Partisanen. Ned Vicars wird vom Erfinder des Landkreuzers, Josiah Traveller (eben jener!) in dessen Flugboot Phaeton entführt – nur stellt sich heraus, dass der Zugang zur Brücke der Phaeton versperrt ist: Ein weiterer Partisan hat das Boot gekapert und fliegt damit schnurstracks zum Mond.

Kurz und gut: Ned, der Held wider Willen, unternimmt den ersten bemannten Raumspaziergang, überwältigt den Partisanen, landet mit den Freunden auf der Rückseite des Mondes, begegnet Außerirdischen, raubt Wasser (!) von der Mondoberfläche und fliegt die Phaeton zurück nach England.

Wenig später reist er mit Traveller gerade rechtzeitig nach Paris, um das Aufeinanderprallen der französischen und preußischen Armeen bei Orleans zu beobachten und die Schlacht live auf dem Landkreuzer mitzuverfolgen. Hier trifft er auch die Partisanin wieder, in die er sich vor seinem Mondflug verliebt hatte.

Doch kurz nur währt das Glück, denn die erste von der britischen Regierung abgefeuerte Langstreckenrakete schlägt in Orleans ein und macht in einer Anti-Eis-Explosion die Stadt dem Erdboden gleich. Die Schlacht wird beendet – man will nicht noch einen Angriff der Briten riskieren.

Der Roman schildert in einem Epilog den weiteren (alternativen?) Verlauf der Geschichte bis zum Jahr 1910. Niemand hat etwas gelernt, und der Erste Weltkrieg steht vor der Tür – eine Vorwegnahme unseres Zweiten Weltkriegs, denn mit Sicherheit wird wieder Anti-Eis eingesetzt werden …

Mein Eindruck

Auf nur 318 Seiten ist dem Autor ein Meisterstück an kluger Unterhaltung gelungen, das mit Humor und Ironie keineswegs geizt. Hier werden etliche lieb gewordene Klischees, Vorurteile und Wertvorstellungen durch den Kakao gezogen und neues Licht auf die Entwicklung der bekannten Historie geworfen. Was wäre gewesen, wenn …?

A propos Moorcock: Der Landkreuzer stammt aus den „Abenteuern des Captain Oswald Bastable“ (neu als „Zeitnomaden“) und deren zweitem Band „Der Landleviathan“. Damals fuhr er noch ohne Anti-Eis.

Broschiert: 317 Seiten
Originaltitel: Anti-ice, 1993
Aus dem Englischen von Martin Gilbert
www.heyne.de