Stephen Baxter – Der Orden (Kinder des Schicksals 1)

Die Zukunft liegt im Schwarm

Der Engländer George Poole entdeckt nach dem Tod seines Vaters, dass er eine Zwillingsschwester hat. Er findet Rosa in Rom, wo sie einem mysteriösen Orden angehört, der sich vordergründig der Ahnenforschung verschrieben hat. Wie er etwas später aus der Biografie seiner Urahnin Regina aus dem Jahr 476 – deren Leben parallel erzählt wird – erfährt, handelt es sich bei dem Orden um etwas ganz anderes: ein genetisches Experiment, das eine separate Evolution des Menschen eingeleitet hat. Poole erkennt mit größter Faszination, dass die rund 10.000 Mitglieder des Ordens seine wahre Familie sind. Doch jemand hat entschieden etwas gegen Abweichler …

Der Autor

Der Engländer Stephen Baxter, geboren 1957, zählt zu den bedeutendsten Autoren naturwissenschaftlich-technisch orientierter Science-Fiction. Aufgewachsen in Liverpool, studierte er Mathematik und Astronomie und widmete sich danach ganz dem Schreiben. Baxter lebt und arbeitet in der englischen Grafschaft Buckinghamshire.

Seine Bücher werden häufig mit den Pionierwerken von Heinlein und Asimov verglichen. Das ist auch ganz in Ordnung, doch hat er keine Sympathien für Heinleins militaristische und libertäre Tendenzen und dessen Neigung zu dozieren. Ich sehe ihn daher vielmehr in der Nähe zu einem anderen Superstar des Genres: zu Arthur C. Clarke. Mit dem Autor von „2001 – Odyssee im Weltraum“ kooperierte Baxter schon mehrmals, so etwa in „Das Licht ferner Tage“. In dieser Tradition popularisiert Baxter Ideen der Science-Fiction und der Naturwissenschaft. Hierzu gehört wohl auch seine Roman-Trilogie über Mammuts und ein Roman mit dem selbsterklärenden Titel [„Evolution“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=282

Aber Baxter war zu Beginn seiner Autorenlaufbahn auch richtig anspruchsvoll. Sein mehrbändiger XEELEE-Zyklus stellt eine eigene Future History dar, in der eine Galaxien umspannende Alienkultur, die Xeelee, mit den Menschen in Kontakt tritt. Der Zyklus umfasst die Romane:

– Das Floß
– Das Geflecht der Unendlichkeit
– Ring
– Flux
– Vakuum-Diagramme (Erzählungen)

„Der Orden“, im Original „Coalescent“, ist der Auftaktband einer Trilogie. Sie wurde bereits fortgesetzt mit „Die Sternenkinder“ („Exultant“, erscheint bei Heyne im August 2005) und mit „Transcendent“, das im November 2005 auf den englischen Markt kommt. Deshalb ist es kein Wunder, wenn so manchem Leser die Geschichte des Ordens irgendwie unvollendet erscheint. Zwei Fortsetzungen folgen.

Handlung

George Poole, ein 45-jähriger Computerfachmann, reist nach Manchester, um den Haushalt seines verstorbenen Vaters aufzulösen. Sein Jugendfreund Peter MacLachlan, ebenfalls Technikfreak, hilft ihm dabei – er hat den Toten gefunden. Wie an den Sammlungen alter Science-Fiction-Hefte aus den sechziger Jahren abzulesen ist, teilen sie ihre gemeinsame Vorliebe für futuristische Wissenschaft und Technik – und haben beide keine Frau halten können.

In dem Gerümpel stößt George auf ein merkwürdiges Foto, das ihn im Alter von drei Jahren zeigt – neben einer gleichaltrigen Schwester, die er nie kennen gelernt hat. Seine einzige ihm bekannte Schwester, Gina, ist drei Jahre älter als er. Wo ist das Mädchen auf dem Foto abgeblieben?

Es stellt sich bei seinen Ermittlungen – er hat Urlaub genommen – heraus, dass Rosa als Kind in die Obhut des titelgebenden Marienordens gegeben wurde. Von Einsamkeit und Verwirrung getrieben, macht sich George auf die Suche nach ihr.

Unterdessen haben Astronomen ein großes Objekt am Nachthimmel entdeckt, das sich in der Asteroidenwolke des Kuiper-Gürtels befindet, der unser Sonnensystem umgibt. Peter MacLachlan hat im Fernsehen einiges dazu zu sagen, denn er sucht nach außerirdischen Intelligenzen und ist dem weltweiten SETI-Suchprogramm angeschlossen. Dieses „Kuiper-Objekt“ findet George jedoch uninteressant.

Der zweite Handlungsstrang

Im Britannien des anbrechen fünften Jahrhunderts (ca. 410) bricht für die siebenjährige Regina, die ganz in der römischen Tradition der Gutsbesitzer erzogen wurde, eine Welt zusammen. Nach einer rauschenden Feier auf ihrem Landgut nimmt sich ihr Vater Marcus das Leben – auf höchst ungewöhnliche Art und Weise. Ihre Mutter reist nach Rom ab, während Reginas Großvater Aetius, obwohl bereits 60, sie und zwei Sklaven mit sich in den Norden nimmt, wo er als Garnisonskommandant am Hadrianswall stationiert ist. Unterdessen wurden die römischen Legionen nach Gallien zurückgezogen, und am Wall patrouilliert nur noch ein unterbesetzter Haufen, der schon bald wegen ausbleibendem Sold revoltiert und verlottert.

Wo sich ihre Mutter befindet, erfährt Regina erst fünf Jahre später, als Aetius von einem revoltierenden Soldaten erstochen wird. Fünf Jahre wurde Regina abgehärtet, ausgebildet und vom Großvater über das Kaiserreich aufgeklärt. Sie ist nun bereits eine junge Frau, und die durch Soldmangel aufmüpfig gewordenen Soldaten sind scharf auf sie.

Regina entflieht dem Zusammenbruch der römischen Ordnung am Rande des barbarischen Nordens, wird von einem Römer vergewaltigt und landet nach einigen Jahren bei einem Feldherrn namens Artorius, der gegen die eindringenden Sachsen Feldzüge führt. Sie hilft ihm und dem keltischen Magier Myrddin beim Aufbau eines funktionierenden Gemeinwesens nach römischem Vorbild.

Doch als sie keine Perspektive mehr für sich und ihre erwachsene Tochter Brica sieht, reist sie mit ihr nach Rom, den Nabel der Welt, um ihre Mutter Julia und deren Schwester Helena zu suchen. Die Spur führt sie zum „Orden der Heiligen Maria, Königin der Jungfrauen“. Es ist eine Fortführung des Vestalinnenordens in christlichem Gewand. Doch wegen der Germaneneinfälle und Plünderungen müssen sich die Ordensmitglieder schon bald in den Katakomben verstecken. Regina entwickelt einen weitsichtigen Jahrtausend-Plan.

Die Gegenwart

George Poole entdeckt seine Schwester Rosa, doch die will ihn zunächst abwimmeln. Sie will nicht gerettet werden. George muss erkennen, dass er selbstsüchtig handelt und lässt sich von Rosa das Ordensprojekt, die Krypta, zeigen. Doch wenig später werden er und sein angereister Freund Peter, ein Internethacker, von einem jungen Mann um Hilfe gebeten. Der junge Amerikaner hat eine fünfzehnjährige Frau bei sich aufgenommen, die behauptet, vor dem Orden fliehen zu wollen, weil dieser ihr das erste Baby weggenommen habe. Nun ist sie bereits wieder hochschwanger – ohne Befruchtung und nach nur drei Monaten! George und Peter fragen sich, was der Orden mit seinen Mitgliedern eigentlich anstellt.

Die Zukunft

In 20.000 Jahren tobt ein mörderischer Krieg durch die Galaxis. Die feindlichen Xeelee-Aliens (siehe meine Rubrik „Autor“) haben die Menschenwelten der |Expansion| mit verheerender Wirkung angegriffen. Um die Verluste an Soldaten wettzumachen, schwärmen Presskommandos aus, um alle Welten der Expansion nach brauchbarem Soldatenmaterial zu durchsuchen. Dabei stoßen sie immer wieder auf Schwarmnester, deren Mitglieder sich wie Ameisen den Eindringlingen entgegenwerfen …

Mein Eindruck

Dass menschliche Gemeinschaften wie der „Orden“, den Regina umformt, unter der Erdoberfläche die Strukturen eines Insektenschwarms ausbilden, ist schon mehrere Male in der Science-Fiction durchgespielt worden. Der Autor selbst erwähnt das bekannteste Vorbild und stellt sich wieder einmal in die direkte Nachfolge des berühmtesten britischen Science-Fiction-Autoren: H. G. Wells (1866-1946).

Dessen Roman „First Men in the Moon“, erschienen 1901, beschreibt, wie die Erforscher Bedford und Cavor, die von der Erde zum Mond gelangt sind, unter der Oberfläche des Erdtrabanten eine Schwarmgesellschaft vorfinden: die Seleniten. Die Mitglieder haben sich wie Ameisen in Drohnen, Soldaten, Gebärende und ein superintelligentes Oberhaupt spezialisiert. Das Ergebnis ist eine biosoziale Harmonie und Homöostase, die es erlaubt, auf engstem Raum eine größtmögliche Anzahl von Lebewesen zu ernähren.

Ähnliche Ausblicke gewährte Frank Herbert in seinem Roman „Hellströms Brut“ (1973), in dem ein Wissenschaftler ein entsprechendes Experiment durchführt, um eine solche „eusoziale“ Gemeinschaft, einen Schwarm, zu erzeugen und zu erforschen.Übrigens kommen auch in Herberts bekanntesten Romanen um den Wüstenplaneten Arrakis ständig irgendwelche Ordensmütter vor, die über ähnliche Strukturen gebieten wie ein Schwarm (sie sind aber hierarchisch). Diese Figuren führt sein Sohn Brian in seiner Frank-Herbert-Biographie „Dreamer of Dune“ auf die erzkatholischen Tanten zurück, die der junge Frank immer wieder ertragen musste. Sie erschienen immer ein wenig unheimlich in ihrer sittenstrengen Frömmigkeit und ihrem schwarzen Outfit. Alle Reverend Mothers und Geehrten Matres gehen auf sie zurück.

Verehrte Matres

Matres (also Mütter) tauchen in Reginas Biografie regelmäßig auf: Sie sind die drei Laren: Familiengötter, die sie durch die Jahrzehnte des Chaos gerettet hat und vom Orden über 1500 Jahre hindurch hat bewahren lassen. Der Orden ist durchaus faszinierend, als George ihn in der Krypta, dem unterirdischen Reich, erkundet (‚krypta‘ bedeutet im Griechischen so viel wie „verborgen“, „versteckt“).

Regina hatte drei Maximen verkündet, doch es sind keine Vorschriften, wie man sie etwa von den Benediktinern kennt: „Schwestern sind besser als Töchter. Unwissenheit ist gut. Höre auf deine Schwestern.“ Daraus folgt, dass der Orden zu 99 Prozent aus weiblichen Mitgliedern besteht und diese fast alle miteinander verwandt sind: Der Orden ist eine Familie. Die weiteren biologischen und sozialen Konsequenzen auszumalen, würde jetzt zu weit führen und überdies die Spannung beim Lesen zerstören. Was das Leben dort aus weiblicher Sicht bedeutet, erfahren wir aus Lucias Biografie (siehe unten).

Mein Leseerlebnis

Rund 640 Seiten, die eng bedruckt sind, flößen erst einmal Respekt ein und erfordern eine gewisse Überwindung. Der Text jedoch ist leicht verständlich und das Lesen geht flott vonstatten. Doch nach dem ersten Teil tauchen die Probleme auf: Die Handlung spaltet sich zwischen George Pool und seiner Urahnin Regina auf – und nach deren Tod folgen weitere Einschübe, die Schlaglichter auf die Entwicklung des Ordens nehmen.

Doch der zweite Teil führt eine weitere Hauptfigur ein: Die fünfzehnjährige Ordensschwester Lucia hat gerade ihre erste Periode gehabt und fühlt sich mit einem Schlag von ihren Schwestern völlig verschieden: eine Fremde, die geschnitten wird. Rosa Poole gewährt ihr einen verhängnisvollen Ausflug an die Oberfläche, ins Herz des alten Roms. Dort lernt Lucia Daniel kennen, den jungen Amerikaner, der ihr seine Visitenkarte gibt und an den sie ständig denken muss. Schwester Pina, eine noch jungfräuliche Drohne, unterbindet jeden Kontakt zu Daniel. Die Krypta muss um jeden Preis gegen Fremde geschützt werden.

Lucias trauriges Schicksal, das sie schließlich zu George Poole führt, bildet den Kern des zweiten Teil, aber leider über eine viel zu lange Strecke, so dass man George leicht aus dem Blick verliert, mit dem doch die Geschichte begann. Das führte dazu, dass ich die Lektüre abbrach und mehrere Wochen ruhen ließ, um Interessanteres zu lesen. Kürzlich habe ich dann die restlichen 300 Seiten auf einen Sitz bezwungen. Es kommt also darauf an, diesen toten Punkt zu überwinden, um dann auf die Zielgerade einzubiegen.

Der tote Punkt offenbart ein paar zentrale Schwächen des Romans. Nach einem szenischen Anfang, der neugierig macht, beginnt der Autor zu erzählen statt zu zeigen. Die Dramaturgie bleibt also auf der Strecke. Er könnte genauso gut ein Geschichtswerk schreiben. Die Spannungsbögen sind recht spärlich ausgebildet: Da gibt es Georges Suche nach Rosa, okay, aber wohin führt denn Reginas Weg? Das ist völlig offen und auch nicht durch den kurzen Prolog angerissen. Im resignativ-rückblückenden Prolog sehen wir George Poole in exakt der gleichen Lage wie sein Wells’scher Vorgänger Bedford: irgendwo in Italien, seine Erlebnisse niederschreibend. Leider mit einem bedauerlichen Mangel an dem, was sein Vorbild auf so unterhaltsame Weise ausgezeichnet hat: Ironie.

Im letzten Drittel taucht noch einmal eine Hauptfigur vom Anfang auf: Peter MacLachlan, ein zwielichtiger Hacker, der einer anderen Art von Schwarm angehört: einer nur im Internet existierenden Gemeinschaft, den „Slan(t)ern“. Darin stecken zwei Begriffe, die die Science-Fiction-Autoren A. E. van Vogt („Slan“, 1946) und Greg Bear („Slant“, 1997) geprägt haben. Peter entpuppt sich als Bedrohung für den Orden, was den etwas naiven und langsamen George total überrascht, uns aber keineswegs.

Die Kristallkugel

Am Schluss rätselt der Leser, was aus dem Orden nach Peters Aktion wohl wird, doch die Antwort erhalten wir nur indirekt: Eine Episode, die 20.000 Jahre in der Zukunft spielt. Und was liegt dazwischen? Das können nur die beiden Folgebände zeigen. Allerdings spielt „Sternenkinder“ bereits 5000 Jahre nach dieser Episode, was wenig Hoffnung lässt, dass die Lücke gefüllt wird. Und der Titel des dritten Bandes der Trilogie, „Transcendent“, impliziert, dass der alte Adam abgelöst, „transzendiert“ wird durch eine weitere Existenzform. Hat der Schwarm der Koaleszenten dann endgültig gewonnen?

Wie schon im Xeelee-Zyklus und in „Evolution“ reicht Baxters Blick weit in die Zukunft – mindestens ebenso weit wie der seines Landmanns Olaf Stapledon (1886-1950). Dieser Science-Fiction-Autor entwickelt in seinen Romanen „Last and First Men“ (1930) und „Star Maker“ (1937) mögliche Entwicklungsstufen des Menschen und anderer Lebewesen. Dazu gehörten natürlich der Schwarm, der sich – wie Reginas Orden – mittels Duftstoffen verständigt, zusammenhält und abgrenzt. Man sieht also, dass Baxter für sein Buch nur wenig Originalität reklamieren kann.

Unterm Strich

Am Schluss stellt sich also die Frage, warum und wozu man diesen Roman überhaupt lesen sollte. Die meisten Ideen hat es schon gegeben, nur vielleicht nicht in dieser Zusammenstellung. Mit dem Erzählstrang von Reginas Biografie hängt sich Baxter an den modischen Trend zu historisierenden Romanen an (Gablé, Eco, Rutherford und wie sie nicht alle heißen).

Angesichts von Reginas Tausendjahresplan à la Asimovs „Foundation“ hätte es mich nicht gewundert, wenn Baxter plötzlich ein Generationenraumschiff aus dem Hut gezaubert hätte – denn dies stellt die Krypta des Ordens im Grunde dar. Nur dass sie sich eben nicht im Raum, dem römischen Untergrund, bewegt, sondern in der Zeit – weg von der Evolution des Homo sapiens zu einem Schwarmbewusstsein.

„Der Orden“ muss man also nicht unbedingt gelesen haben, aber vielleicht lohnen sich ja die beiden Folgebände in der Trilogie „Destiny’s Children“. Wir halten die Augen offen.

Die Übersetzung

… ist doch recht durchwachsen. Über weite Strecken in Ordnung, beschleichen den Leser doch hin und wieder Zweifel an der Akkuratheit bestimmter Ausdrücke und Schreibweisen. Bis einen auf Seite 542 fast der Schlag trifft. Steht da doch tatsächlich der Satz: „Um 300 vor Chr. hatte Kaiser Dokletian die ersten Sammlungen [von Dokumenten] verbrennen lassen.“ Natürlich gab es um diese Zeit noch keine Kaiser, und Julius Caesar war noch nicht einmal ein feuchter Traum. Es muss „300 NACH Christus“ heißen.

Taschenbuch: 637 Seiten
Originaltitel: Coalescent, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Peter Robert
www.heyne.de