Clarke, Arthur C. / Baxter, Stephen – Licht ferner Tage, Das

_Das Ende von Jesus, wie wir ihn kennen_

Was wäre, wenn wir das Leben des Jesus Christus von Anfang bis Ende beobachten und nachprüfen könnten? Wäre dies das Ende der Katholischen Kirche, der Christenheit?

Zwei namhafte Science-Fiction-Schriftsteller haben sich – nach Bob Shaw 1966 – wieder einmal des Themas „Beobachtung der Vergangenheit ohne Zeitreise“ angenommen. Ihr Roman ist gespickt mit netten Ideen, erreicht aber in der Qualität der Handlung nur Mittelmaß.

_Die Autoren_

Sir Arthur C. Clarke, geboren 1917 in England, lebt seit den fünfziger Jahren in Sri Lanka. Seine besten und bekanntesten Werke sind „Die letzte Generation “ (Childhood’s End) und „2001 – Odyssee im Weltraum“. Ebenfalls empfehlenswert ist der Startband des RAMA-Zyklus: „Rendezvous mit 31/149“ (Rendezvous with Rama), von dem Morgan Freemans Filmproduktionsfirma seit Jahren eine Verfilmung vorbereitet. Übrigens erfand der Ingenieur Clarke schon 1947 das Konzept eines künstlichen Satelliten.

Sein Landsmann Stephen Baxter, geboren 1957, wuchs in Liverpool auf, studierte Mathematik und Astronomie und widmete sich dann ganz dem Schreiben. Mittlerweile zählt er zu den bedeutendsten Autoren naturwissenschaftlich-technisch orientierter Science´-Fiction. Baxter lebt und arbeitet in der englischen Grafschaft Buckinghamshire.

Seine Bücher werden häufig mit den Pionierwerken von Heinlein und Asimov verglichen. Das ist auch ganz in Ordnung, doch hat er keine Sympathien für Heinleins militaristische und libertäre Tendenzen und dessen Neigung zu dozieren. Ich sehe ihn daher vielmehr in der Nähe zu einem anderen Superstar des Genres: zu eben jenem Arthur C. Clarke. Mit ihm kooperierte Baxter schon mehrmals, so etwa in „Das Licht ferner Tage“ oder „Die Zeit-Odyssee“. In dieser Tradition popularisiert Baxter Ideen der Science-Fiction und der Naturwissenschaft. Hierzu gehört wohl auch seine Roman-Trilogie über Mammuts und ein Roman mit dem selbsterklärenden Titel „Evolution“.

Aber Baxter war zu Beginn seiner Autorenlaufbahn auch richtig anspruchsvoll. Sein mehrbändiger XEELEE-Zyklus stellt eine eigene Future-History dar, in der eine Galaxien umspannende Alienkultur, die Xeelee, mit den Menschen in Kontakt tritt. Sie treten in „Exultant“ wieder auf, dem zweiten Band seiner neuen Trilogie „Destiny’s Children“.

_Handlung_

Die Erde sieht sich in den dreißiger Jahren des 21. Jahrhunderts wieder mal einer schrecklichen Bedrohung gegenüber. Am 27. Mai 2534 wird ein riesiger Komet, genannt der „Wurmwald“, alles Leben auf der Erde auslöschen. Untergangspropheten frohlocken, und viele Zeitgenossen glauben, nun könnten sie entweder gleich den Löffel abgeben oder total über die Stränge schlagen. Dennoch läuft das antiquiert erscheinende Programm der bemannten Raumfahrt weiter.

Aus einer ganz anderen Ecke eröffnen sich jedoch neue Perspektiven. Sie werden, wie uns der Prolog klarmacht, dereinst die Welt retten. Da gibt es eine Art Ted Turner der Neuzeit, ebenfalls ein Nachrichtensendermagnat. Hiram Patterson gehört „OurWorld“ und sucht nach Möglichkeiten der Nachrichten- und Datenübertragung in Echtzeit, also ohne Satelliten und Kabel. Sein Sohn David soll ihm bei der Forschung und Entwicklung helfen. Doch David lebt in England, ist streng katholisch erzogen und von seiner Mutter darauf geeicht worden, seinen Vater, der seine Mutter im Stich ließ, zu hassen. Dennoch akzeptiert er ein „Angebot, das er nicht ablehnen kann“.

David ist Quantenphysiker und erforscht Wurmlöcher, also winzigste Verbindungen durch die Raumzeit. Voilà: eine stabilisierte Verbindung zur Nachrichtenübertragung! Wie sich zeigt, kann dieses steuerbare Auge auch in die Vergangenheit „sehen“. Zunächst nur wenige Tage, dann Monate, dann Jahre, schließlich Jahrtausende – und das ist nicht das Ende der Fahnenstange. Die so genannte „WurmCam“ (von Wurmloch) ist ein Riesenerfolg: zunächst nur für OurWorld, dann für Historiker, dann für alle, die sich eine Armbanduhr leisten können, in die sie eingebaut werden kann. Ihre Anwendungsmöglichkeiten, auch zum Missbrauch, sind unabsehbar.

Doch Hiram hat noch einen zweiten Sohn, Bobby. Dieser ist loyal, doch nur deswegen, weil er schon bald nach der Geburt ein Kontrollimplantat eingesetzt bekommen hat, das seine Gefühle unterdrückt, u. a. die gegen den Vater gerichteten. Bobby lernt eine Journalistin, Kate, kennen unbd lieben, die ihn in die virtuelle Welt der VR-Sektengottesdienste einführt. Leider führt dies zwar zu einer tollen Sensationsgeschichte für Kate, aber sonst zu nichts. Erst als Kate nach dem Erfolg der WurmCam der Spionage verdächtigt und verhaftet wird, gerät Bobby in einen Interessenkonflikt mit seinem Vater. Dieser Konflikt eskaliert, als man ihm sagt, dass er ein Implantat trägt. Leider wird seine Gefühlswelt nicht so deutlich dargestellt, wie ich mir das gewünscht hätte.

Der Mittelteil ist den Forschungsergebnissen aus der „Zeitarchäologie“ mit Hilfe der WurmCam plus VR-Technik gewidmet: die Forscher sind quasi vor Ort – ganz nett, besonders für die Fans von Jesus Christus und Abraham Lincoln. Es trägt aber rein gar nichts zum Fortgang der Handlung bei. Lediglich wird klar, dass nun eine Ära der totalen Überwachung sämtlicher menschlichen Tätigkeiten anhebt. Dass Jesus irgendeiner der damals landläufigen Prediger in Galiläa war, war schon bekannt. Allerdings bieten das Buch auch eine verblüffend einfache Erklärung für Jesu Wunderheilungen. Leider hat Jesus bzw. Jehoschua nie eine der WurmCams, die ihn zu tausenden besichtigen, selbst zu Gesicht bekommen (Wurmlöcher sind viel zu winzig dafür) – seine Reaktion wäre interessant gewesen …

Nur David scheint sich weiterzuentwickeln. Er und Bobby lernen die Tochter seiner, Davids, Mutter kennen: Mary. Die ist auch nicht auf den Kopf gefallen! Mit ihrer Hackertechnik sowie der DNA-Verfolgungstechnik des FBI kann David die WurmCam wie ein sehendes Auge steuern – und stößt so auf Fakten, die Kate entlasten: Hiram hatte gegen Kate intrigiert. Bobby und die inzwischen befreite Kate gehen in den Untergrund. Nun, man kann sich ausrechnen, wie’s weitergeht.

Da sich die Autoren die ganze Zeit über redlich bemühen, dem Leser einen „sense of wonder“ zu vermitteln, fahren sie gegen Schluss großes Geschütz auf: eine WurmCam-Reise in die Erdvergangenheit, und zwar nicht nur ein paar Milliönchen von Jahren, sondern gleich vier Milliarden Jahre! Dies geht mit Hilfe der weiterentwickelten WurmCam, die Erbgut (DNA) bis in die fernste Vergangenheit verfolgen kann, als die DNA erst entstand. Interessante Entdeckung dabei: Unser Planet wurde in regelmäßigen Abständen von den Gletschern einer Eiszeit bedeckt und von Kometen malträtiert.

Die Entdeckungen aus dieser Reise führen u. a. offenbar nicht nur zur Rettung der maroden Umwelt der Erde, sondern auch zu einem Mittel, um dem Verhängnis des nahenden Kometen zu entgehen.

_Mein Eindruck_

Eine Reihe phantastischer wissenschaftlicher Entdeckungen wird den Verstrickungen des menschlichen Lebens gegenübergestellt. So lautet das Rezept des Romans, und das ist nur ein Aspekt, der ihn nicht gerade aus der Masse der Science-Fiction-Produktion heraushebt, in der dieses Verfahren zum Standard gehört. Den Ödipus-Konflikt, in den Bobby, und den Elektra-Konflikt, in den Mary verstrickt ist, kennt man schon aus anderen Romanen – und besser ausgeführt. Das soll aber nicht heißen, dass die Autoren daraus keine Spannung erzeugen können. Im Gegenteil: Beim Showdown in Sachen Hiram Patterson – eine Citizen-Kane-Figur – erhalten diese beiden Konflikte entscheidende Bedeutung.

Die zahlreichen Entdeckungen, die die Forscher in der Historie machen, sind für Amerikaner und gläubige Christen gleichermaßen interessant. Leider bin ich keins von beiden. Für mich waren daher die technischen Entdeckungen am interessantesten: die WurmCam, dann die verschiedenen Kontrolleinrichtungen, der DNA-Tracker, schließlich auch eine Art Unsichtbarkeits-Cape, das natürlich die Untergrundkämpfer Bobby, Mary und Kate gerne tragen. Zwar sind diese genial, aber leider viel zu selten. Und so konnte mich der Roman nicht wirklich überzeugen.

|Originaltitel: The Light of other Days, 2001
Aus dem Englischen übertragen von Martin Gilbert|