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Damhaug, Torkil – Bärenkralle, Die (Lesung)

_Vom wilden Bären gebissen? Norwegischer Psychothriller_

Mitten in Oslo werden innerhalb kürzester Zeit drei Frauen auf bestialische Weise ermordet. Kommissar Viken steht vor einem Rätsel, denn die schweren Verletzungen deuten auf den Angriff eines Bären hin. Doch wann hat man das letzte Mal von Bären in der Stadt Oslo gehört? Dann entdeckt der Kommissar, dass der beliebte Arzt Axel Glenne alle Toten kannte … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Torkil Damhaug, geboren 1958 in Lillehammer, studierte Medizin und Psychologie. Er arbeitete in Akershus als Psychiater, bevor er sich 2006 ganz dem Schreiben von psychologischen Thrillern widmete. Mit „Die Bärenkralle“, nominiert als bester norwegischer Thriller des Jahres 2007, gelang ihm der internationale Durchbruch. (Verlagsinfo)

_Der Sprecher_

Detlef Bierstedt ist die deutsche Stimmbandvertretung von George Clooney und Jonathan Frakes (Star Trek TNG). Er hat auch schon die Dick-Francis-Romane, Romane von Rebecca Gablé oder Lincoln Child sowie Dan Browns „Diabolus“ gelesen. Regelmäßig ist er in den Hörspielserien „Offenbarung 23“ und „John Sinclair“ zu hören.

Die Lesefassung erstellte Katja Wanoth. Regie im Berliner Studio XBerg führte Johanna Steiner, das Mastering erledigte Jochen Simmendinger.

_Handlung_

Es beginnt ganz langsam am Montag, den 24. September in Oslo. Der Arzt Axel Glenne besucht wieder einmal seine in der psychiatrischen Klinik, in der er vor zwölf Jahren arbeitete, lebende Mutter Astrid. Doch sie erkennt ihren Sohn nicht. Sein Vater, einst der höchste Richter Norwegens, ist schon längst unter der Erde. Im Krieg floh er vor der Gestapo nach Schweden, wo er im Widerstand arbeitete. Doch wo ist Axels Zwillingsbruder Brede? Er weiß es nicht, denn nach jener Sache vor 25 Jahren, als der Hund erschossen wurde (von wem?), wurde Brede, der rebellische Tunichtgut, in ein Heim gegeben und Axel sah ihn nie wieder.

Dienstag, 25.9. Axel Glenne hat Bereitschaftsdienst bei Verkehrsunfällen gehabt. Das Gesicht der tödlich verunglückten jungen Frau Liss geht ihm im Schlaf nach. Er nimmt sich vor, ihre Mutter Ingrid Brodal, quasi eine Schulkameradin, zu besuchen. Da ist ihm, als sähe er seinen missratenen Bruder auf der Straße in Oslo. Ein Irrtum. In der Praxis beginnt heute eine junge Praktikantin, die aus Litauen stammt, ihren Dienst: Miriam. Erste Patientin ist Cecilie Davidsen, eine Stewardess, in deren Brust ein Knoten zu ertasten ist. Er rät zu einer Mammographie. Miriam fährt ihn abends zur Fähre, wobei er ihr von Liss erzählt. Am nächsten Abend bringt er sie nach Hause. Sie lädt ihn zu sich ein, doch er verzichtet lieber. Schließlich ist er verheiratet und hat drei Kinder.

Donnerstags macht er immer seine Radtour in den nahen Wald. Dann ist die Praxis geschlossen. Er gelangt zu dem Weiher, an dem er in seiner Jugend oft mit Brede war und wo er seine Frau Vibeke zum ersten Mal liebte. Nach dem Bad im Teich entdeckt er einen Pfad und Stiefelabdrücke, die zu einer kleinen Hütte führen, in der noch Proviant liegt. Dies könnte eine der Schutzhütten für die Widerstandskämpfer sein, um die sich im Krieg sein Vater kümmerte. Doch wer versteckt sich jetzt hier? Sein Fahrrad hat einen Platten, und er muss gehen. Dabei stößt er auf eine Physiotherapeutin, der er einmal eine Patientin überwiesen hat. Wie hieß sie noch gleich?

Am Freitag hat er wieder Dienst, doch am Abend ruht er aus, denkt an die süße Miriam. Morgens um zwei kommt seine Frau Bi nach Hause, sie hat auf einem Ball mit einem Polizisten getanzt. Sie haben Sex miteinander, wobei er sie mit Handschellen fesselt. Am nächsten Tag kommt sie zu ihm und sagt, dass ihre Physiotherapeutin Hilde Paulsen verschwunden sei, ermordet. Das war doch die Frau, die er auf dem Waldweg sah, fällt ihm ein. Axel fühlt sich verpflichtet, dies bei der Polizei auszusagen.

Am Montagabend gesteht ihm Miriam ihre tiefe Zuneigung, und er küsst sie. Mehr darf aber nicht geschehen, sagt er sich. Er will ja nicht wegen der 26-Jährigen seine Ehe gefährden. Doch es kommt anders. Als er am Dienstag Cecilie Davidsen die schlechten Ergebnisse von der Mammographie persönlich überbringen will, trifft er nur ihr Töchterchen an. Es war ein Fehler zu kommen. Irritiert geht er wieder.

|Die Erste|

Am Sonntag, den 7. Oktober, betrachtet Hauptkommissar Hans Magnus Viken den Fundort der weiblichen Leiche. Eine erste Identifizierung liegt vor: Es handelt sich um die vermisste Hilde Paulsen. Auffällig ist die blutige Krallenspur, die vom Hals bis zur Wange führt, und eine zweite, die den Rücken zerfurcht. Von welchem Tier stammen die denn, will Viken von einem Experten namens Arve Nordag wissen. Die wohlüberlegte Antwort lautet: „von einem Bären“. Die Reporterin Fredvold vom Fernsehen schnappt das auf, und schon bald ist von dem Bärenmord in allen Medien die Rede. Ein Bär in Oslo, wundern sich die Experten, und Axel Glenne findet das schlicht „absurd“.

Arve Nordag zweifelt an der Bärensache: Die Krallenspuren seien jünger als der Todeszeitpunkt. Dieser lag laut Obduktion etwa eine Woche nach Paulsens Verschwinden. Als sie die Verletzung erlitt, lebte sie noch, was Nordags Darstellung widerspricht. Sie starb erst vor ein bis zwei Tagen, und zwar nicht am Blutverlust, sondern an einer Droge, die ihr gespritzt wurde, wie mehrere Einstiche zeigen: Thiopenthal, ein Barbiturat aus der Tiermedizin, das für Vollnarkosen benutzt wird. Wie konnte der Täter an solch einen streng kontrollierten Stoff gelangen, wundert sich Viken.

Am nächsten Donnerstag, den 11. Oktober, radelt Axel Glenne mit Miriam zu seinem geliebten Weiher hinaus. Es versichert ihr, dass es hier weit und breit keinen Bären gebe. Nach einem Picknick gehen sie schwimmen und joggen, doch ein Regenguss zwingt sie, Schutz in der versteckten Hütte zu suchen. Hier könnten sie einander endlich lieben, doch ein Gesicht über den Holzbrettern lässt Axel die Lust vergehen. Er glaubt, er habe seinen Bruder gesehen. Der sagte vor 20 Jahren, als er ihn zuletzt sah, er werde Axels Leben so zerstören, wie er seines zerstört habe.

|Die Zweite|

Am Freitag ruft Henrik Davidsen bei Axel an, dass seine Frau Cecilie, die Stewardess, vermisst werde. Er habe die Polizei verständigt. In dieser Nacht fährt Hans Magnus Viken wieder zu einem Fundort, wo er die Leiche von Cecilie Davidsen zu sehen erwartet. Doch diesmal liegt die von Krallen zerfetzte Leiche mitten in einem öffentlichen Park. Alles ist genauso wie bei Hilde Paulsen, nur dass diese Frau zehn Jahre jünger war. Wieder findet sich Thiopenthal im Blut. Als Vikens Assistentin Nina Jepsen die Verbindungen zwischen den beiden Mordopfern prüft, blinkt Axel Glennes Name auf.

Viken und Nordag vernehmen den Arzt eine geschlagene Stunde lang. Doch Axel will weder über Brede sprechen noch Miriam erwähnen. Das hätte gerade noch gefehlt: „Ich war allein.“ Diese Lüge hätte sein Vater, der Richter, sofort geahndet. Nina Jepsen geht in der tiefsten Provinz einer alten Meinungsäußerung nach, wonach man mal einen Bären zu den hohen Herren nach Oslo schicken sollte. Auf ihrem Weg stößt sie erstmals auf die Esso-Tankstelle mit dem Skinhead. Der Tankstellenbesitzer hat zwei Anklagen wegen Vergewaltigung, aber ohne Verurteilung. Sie wird hier noch mehrere Male vorbeikommen, unter zunehmend merkwürdigeren Umständen …

|Die Dritte|

Eine Woche vergeht, bis am Freitag, den 19. Oktober, ein Mann bei Miriams Nachbarin Anita Elvestrand klingelt. Die ehemals Drogensüchtige sorgt sich um ihre Tochter Viktoria, die im Heim lebt. Der Mann sagt, es gehe um Viktoria, und natürlich folgt sie ihm. An diesem Abend wird Anita Elvestrand zum letzten Mal lebend gesehen …

|Die Vierte|

Miriam hat die Liebesaffäre mit Axel Glenne intensiviert und sieht ihn mehrmals in der Woche. Am Montag vermisst sie Anita und hat schreckliche Angst um sie. Was, wenn der Serienmörder ihr, Miriam, immer näher kommen will? Dann wäre sie die nächste, die Nummer vier auf seiner Liste! Aber was verbindet alle Frauen, fragt sie sich. Immer ist es Axel. Als er in der Nacht eine blutverschmierte Leiche vor Miriams Wohnung entdeckt, erleidet Miriam einen Schock: Anita fehlen die Beine.

Als wenig später Hans Magnus Viken bei Miriam anklopft, sagt sie, sie habe die Nacht allein verbracht. Er durchschaut sie sofort, denn er hat bereits eine feste Theorie über den Täter. Wer war in der Nacht bei ihr?

_Mein Eindruck_

Zunächst klingt die Story ziemlich simpel: Axel Glenne muss der Killer mit der Bärenkralle sein. Aber wie soll das zugegangen sein? Müsste er sich nicht an seine Taten erinnern und von ihnen irgendwie beeinflusst sein? Er würde doch seine Geliebte nicht in den Wald mitnehmen, um sie dort ebenfalls zu töten – oder vielleicht doch? Kommissar Viken hat eine verwegene Theorie, die auf seinen Erfahrungen mit Serienmördern in Manchester basiert. Axel Glenne staunt im Verhör: Er soll schizophren sein und nichts von seinem Alter Ego, das all diese bizarren Morde begeht, wissen! Der Kommissar hat einige Punkte, die für seine Theorie sprechen. Doch dann verschwindet auch Miriam …

|Mein Bruder, mein Killer?|

Axel Glenne erinnert sich, seine Frau und seine Freundin immer wieder an seinen Zwillingsbruder Brede. Dieser Tunichtgut hat gedroht, sein Leben zu zerstören. Und da er absolut identisch wie Axel aussieht, würde es ihm leichtfallen, sich für ihn auszugeben und sich an seine Patienten und seine engeren Kontakte heranzumachen. Etwa, um sie in eine tödliche Falle zu locken. Der Zweck der Serienmorde würde dann darin bestehen, Axel zu bestrafen, denn es kann nicht ausbleiben, dass jegliches Vertrauen in ihn zerstört wird (etwa durch die allgegenwärtigen Medien) oder Axel selbst beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln – aber das hat schon der Kommissar für ihn übernommen.

Der bis zuletzt unausgesprochene Grund, warum Axel ständig an Brede denken muss, ist ein tiefes Schuldgefühl. Dieses beruht auf einer Urszene, die mit der Erschießung von Axels Lieblingshund Baldur zu tun hat. Wer die Schuld hat und wer sie letzten Endes zugibt, sind zwei Paar Stiefel, wie sich herausstellt. Und der Grund, warum Brede seinen Zwilling so hasst, beruht auf Axels Verrat.

|Das blinde Auge des Gesetzes|

Das Grundthema des Thrillers dreht sich also um Vertrauen und Treue vs. Misstrauen und Verrat. Dies sind zwei zentrale Wertepole, die auch in der ganzen Gesellschaft wirksam sind. Die Kripo ist ein ausführendes Ermittlungsorgan dieser Gesellschaft, doch ihre Aufgabe besteht erst einmal darin, alle und jeden zu verdächtigen, so etwa auch den unbescholtenen Arzt Axel Glenne. So schräge Typen wie den geistig behinderten Oswald ignoriert die Polizei dann gerne, selbst wenn er lauthals brüllt: „Oswald Bären fangen!“

|VORSICHT, SPOILER!|

Die immense Ironie der Geschichte besteht nun darin, dass es genau die Kripo ist, die gegenüber sich selbst auf einem Auge blind ist. Der Serienmörder, den Viken so verbissen sucht, befindet sich in ihren eigenen Reihen. Und wann immer Nina Jepsen ihn auf Verdachtsmomente und Ungereimtheiten hinweist, will Viken nichts davon wissen. Oder Nina findet die Ungereimtheiten gar nicht erst, denn alle Dokumente und Informationen sind ja vom Täter manipuliert worden.

|ENDE SPOILER|

Diese Offenbarung kommt als totale Überraschung, und ich gebe sie hier nur sehr widerwillig preis, um mein Argument zu stützen: Das Versagen der eigenen Gesetzeshüter ist eine Folge fehlgeleiteten Vertrauens und Misstrauens. Jeder im Polizeiapparat, das zeigen die Cop-Szenen und Pressekonferenzen immer wieder, hat etwas zu verlieren und kocht sein eigenes Süppchen. Wie kann es Erfolg geben, wenn alle gegeneinander arbeiten, fragt der Autor unterschwellig. Und wenn es einen Einzelkämpfer wie Viken gibt, der auf einem Auge blind ist, ist der Justizirrtum fast vorprogrammiert.

Das nützt natürlich Miriam und Axel herzlich wenig, als sie sich in den Klauen des wahren Täters befinden, nur Zentimeter entfernt von einem echten Bären, der gerade aus seiner Betäubung erwacht …

|Der Sprecher|

Das Hörbuch wird von Detlef Bierstedt kompetent und deutlich artikuliert vorgetragen, so dass man dem Text mühelos folgen kann. Er muss sich nicht besonders anstrengen, denn die norwegischen Namen auszusprechen, ist diesmal kein großes Kunststück für einen Mann mit Allgemeinbildung. Durch seine tiefe Stimmlage trägt Bierstedt das grimmige und blutige Schauspiel recht glaubwürdig vor.

Da sich die Anzahl der Figuren in Grenzen hält – es gibt nur drei Hauptfiguren -, gerät man nie in Gefahr, die Übersicht zu verlieren. Bierstedt versucht sein Möglichstes, die Figuren zu charakterisieren, was ihm besonders gut bei den männlichen Figuren gelingt. Alle Frauenfiguren sind mit der gleichen hohen, sanften Stimmlage charakterisiert. Eine Ausnahme bei den Stimmen bildet der geistig behinderte Oswald, der – leider klischeehaft – mit einer hohlköpfig klingenden Stimme ausgestattet wird. Na ja, immer noch besser, als ihn auf nervende Weise quengeln zu lassen.

Bei so wenig Abwechslung in den Stimmlagen kommt es darauf an, die stimmliche Expressivität der jeweiligen Szene anzupassen und so den Ausdruck emotionaler und abwechslungsreicher zu gestalten. Dies gelingt dem Sprecher wesentlich erfolgreicher, und so kann sich der Hörer über Jammern, Verzweiflung, Hysterie, Schniefen, Stammeln, Verlegenheit, Angst, Spott, Arroganz, Sarkasmus, Nervosität, Erleichterung, Erschütterung, Aufregung, Besorgnis, Freude und viele andere Gefühlsausdrücke freuen. Ganz eindeutig ist dies Bierstedts eigentliche Stärke.

|Musik und Geräusche|

Musik und Geräusche gibt es keine, so dass ich darüber kein Wort zu verlieren brauche.

_Unterm Strich_

„Die Bärenkralle“ ist ein ungewöhnlicher Thriller, denn es gibt nicht viele, in denen ein (vermeintlicher oder realer) Bär als Täter auftaucht. Mir ist jedenfalls keiner bekannt. Außerdem wartet Kommissar Viken, der nicht an Mordbären glaubt, mit einer ungewöhnlichen psychologischen Erklärung auf: Der Mörder ist paranoid-schizophren und weiß gar nicht, dass er drei Frauen ermordet hat: Axel hat alle Taten seinem (eingebildeten?) Zwillingsbruder Brede zugeschrieben. Das klingt schon mehr nach Edgar Allan Poe als nach einem gewöhnlichen Krimi.

Aber es kommt noch besser. Viken ist so auf den etwas zwielichtig geschilderten Axel Glenne fixiert, dass er betriebsblind wird und nicht merkt, wo er den Mörder suchen muss. Dieser Mörder ist ein Produkt des wilden Umlands und der Vergangenheit Norwegens, was die Geschichte auch zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Spiegel macht: Die Gegensätze zwischen moderner Stadtkultur und alter Landkultur plus Wildnis wurden selten in einem skandinavischen Thriller so deutlich herausgestrichen. Der Mörder macht sich beides zunutze, denn nur der Mensch kann beides in sich vereinen: den alten Adam und den domestizierten homo digitalis. Der Autor macht, verpackt in eine spannende Handlung, ein paar interessante Aussagen.

Axel Glennes Geschichte sieht scheinbar völlig banal aus, mit seiner Dreiecksgeschichte aus Ehebruch und vermeintlicher Heimsuchung durch einen Zwillingsbruder. Aber die Geschichte ist so raffiniert erzählt, dass wir nur immer von ihm etwas über Brede erfahren. Ein Psychogramm ergibt sich allmählich, das auf ewiger Schuld durch Treuebruch basiert. Wenn Axel seinen Bruder – und durch eine Lüge auch seine Eltern – verriet, wie könnte er jemals seiner Frau treu sein, fragt man sich. Aber auch die scheinbar so süße Miriam ist nicht ganz aufrichtig, war sie doch bereits einmal verlobt …

Wo man also hinschaut, findet man Betrug, Verrat, Täuschung und Irrtum. Die Welt ist ein Irrgarten, wie das Labyrinth aus Fluchtverstecken, das Axels Vater seinen zwei (?) Söhnen gezeigt hat. Dies ist eine versteckte Unterwelt, die suggeriert, dass es zwar eine Welt an der Oberfläche gibt, wo es angeblich gemäß Recht und Gesetz zugeht, doch dort unten sieht das Leben ganz anders aus. Und das ist ein ziemlich beunruhigendes Bild, das der psychologisch geschulte Autor von der ach so modernen westlichen Gesellschaft zeichnet. Die Bärenkralle – sie ist uns stets nur einen Tatzenhieb weit entfernt.

|Das Hörbuch |

Das Hörbuch wird von Detlef Bierstedt in gewohnter Weise kompetent gestaltet, bietet aber ansonsten keine Zutaten wie etwa Musikuntermalung oder gar eine Geräuschkulisse. Vielleicht ist es wegen der fehlenden Ausstattung hinsichtlich Musik und Geräuschen ein wenig preisgünstiger als ähnliche Produkte mit sechs CDs ausgefallen. Es kostet knapp 20 Euronen.

|Originaltitel: Se meg, Medusa, 2007
Aus dem Norwegischen übersetzt von Knut Krüger
423 Minuten auf 6 CDs
ISBN-13: 978-3866108486|
http://www.argon-verlag.de

|Buchausgabe bei Droemer, August 2009
432 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3426198360|
http://www.droemer.de

Info: Se meg, Medusa, 2007; Argon Verlag 2009, Berlin; 6 CDs, 423 Minuten, aus dem Norwegischen übersetzt von Knut Krüger

Donna Leon – Sanft entschlafen (Lesung)

Finstere Machenschaften „heiliger“ Männer

Commissario Brunettis sechster Fall. Er hat gerade nicht viel zu tun, denn Venedig erwacht erst allmählich aus seinem Winterschlaf. Doch da beginnen die Machenschaften der Kirche sein Berufs- und Privatleben zu überschatten: Suor Immacolata, die schöne Sizilianerin und aufopfernde Altenpflegerin von Brunettis Mutter, ist nach dem unerwarteten Tod von fünf Patienten aus ihrem Orden ausgetreten. Sie hegt einen schrecklichen Verdacht, denn die Verblichenen haben zuvor ihr gesamtes Vermögen der Kirche vermacht. Wird Brunettis Mutter das nächste Opfer sein? Brunetti stößt auf einen zwielichtigen Geheimorden.

Die Autorin

Donna Leon, geboren 1942 in New Jersey, ging mit 23 Jahren nach Italien, um in Perugia und Siena zu studieren (wunderschöne Städte!). Sie arbeitete im Anschluss daran als Reisebegleiterin in Rom, als Werbetexterin in London und als Lehrerin an amerikanischen Schulen in Europa und Asien. Gegenwärtig lehrt sie laut Verlagsinfo englische und amerikanische Literatur an einer Uni in der Nähe von Venedig, wo sie seit 1981 lebt. Ihre Krimis mit Commissario Brunetti sind weltweit Bestseller. Sie werden in Deutschland exklusiv vom ZDF verfilmt, u. a. mit Joachim Król in der Titelrolle („Nobiltà“).

Der Sprecher

Christoph Lindert, 1938-2005, ist laut Verlag „einer der renommiertesten Hörbuchsprecher“. Nach seiner Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München arbeitete er an verschiedenen Bühnen: Münchner Kammerspiele, Ateliertheater Bern, Theater am Dom in Köln. Er ist freier Film- und TV-Schauspieler und regelmäßig als Sprecher im Rundfunk zu hören. Zudem liest er leidenschaftlich gerne vor Publikum. (abgewandelte Verlagsinfo)

Lindert liest die ungekürzte Textfassung. Die Aufnahmeleitung hatte Guido Heidrich, die Technik steuerte Volker Gerth.

Handlung

Vicequestore Patta ist in Urlaub und Guido Brunetti vertritt ihn. Zunächst gibt’s nicht viel zu tun, doch der Besuch einer Ex-Nonne ändert dies. „Schwester Immacolata“ kommt ihm bekannt vor, aber da sie in Zivilkleidung auftritt, kann er sie nicht zuordnen. Als sie ihm auf die Sprünge hilft, fällt es ihm ein: Sie ist bzw. war eine der Pflegerinnen in dem Venediger Altenheim, in dem sich seine Mutter aufhält, in der Casa di Cura. Aber wieso ist sie aus ihrem Schwesternorden ausgetreten?

Maria Testa, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, berichtet, dass sie im Pflegeheim San Leonardo im vergangenen Jahr auf eine seltsame Häufung von Todesfällen gestoßen sei. Dabei waren die Patienten alle kerngesund, bevor sie starben. Sie alle vermachten ihr Vermögen dem Orden vom heiligen Sakrament, der das Pflegeheim betreibt. Als sie ihren Verdacht, man könnte beim Sterben etwas nachgeholfen haben, gegenüber dem Ordensvorsteher und der Mutter Oberin äußert – sie weiß wenig von der Welt –, wird sie bestraft, dann geht sie heimlich und unerlaubt von selbst. Maria übergibt Brunetti eine Liste der fünf Gestorbenen – es handelt sich um Angehörige der besseren Kreise Venedigs und des Umlandes.

Plötzlich macht sich Brunetti einige Sorgen um seine Mutter. Doch wie soll er Maria Testas Verdacht nachgehen? Er sagt sich: cui bono – wem nützt das? Folge der Spur des Geldes! Seine Sekretärin, die diskrete Signorina Elettra, hat den Zugangscode für den Standesamtcomputer und kommt an Kopien der fraglichen Testamente ebenso leicht heran wie an die Adressdaten. Brunetti will lieber nicht wissen, ob sie in jeden Rechner der öffentlichen Dienste hineinkommt. Nach dem Mittagessen, das Paola Brunetti so üppig und schmackhaft wie stets zubereitet und serviert, liegen die ersten Daten bereit.

Zusammen mit seinem Kollegen Sgt. Vianello besucht Brunetti die Angehörigen der drei venezianischen Erblasser. Lodovico da Pre ist der zwergwüchsige und bucklige Bruder einer der Verstorbenen, ein geldgieriger Sammler von Schnupftabaksdosen. Er prozessiert mit den Nonnen von Casa di Cura um nicht weniger als 100 Millionen Lire. „Aber sie werden sie nicht kriegen!“, triumphiert er etwas voreilig. Nummer 2 auf der Liste ist die ebenso fette wie übel riechende und arrogante Contessa Claudia Crivoni, die stets sehr auf die öffentliche Moral bedacht ist und den Verkauf von Kondomen in Apotheken verbieten lassen will. Sie weiß nichts davon, dass ihr Gatte jemand anderem Geld vermacht habe. Brunetti heuchelt immense Erleichterung und entfernt sich schleunigst aus dem Dunstkreis dieses Weibes.

Nr. 3 ist die frömmelnde Signorina Benedetta Lerini, die ein ganzes Zimmer voller silbergerahmter Autogramme von Papst, Kardinalen, Bischöfen und Nonnen hat, dass es Brunetti an das Zimmer eines Teenagers gemahnt, der Poster seiner Stars an die Wände pinnt. Sie ist offenbar ein großer Fan der Kirche. Auch Lerini will den Nonnen des Ordens, die ihren Vater pflegten, angeblich nichts vermacht haben. Das stellt sich als Lüge heraus, als Brunetti seine Schwiegermutter besucht. Gräfin Donnatella Falia erzählt ihm den neuesten Klatsch über die Lerini und die Crivoni, wobei sie sich köstlich amüsiert. Möglicherweise gehöre die Crivoni einer fundamentalistischen Bewegung der katholischen Kirche an, da sie beispielsweise Messen in Latein propagiert, nicht in profanem Italienisch. Die Contessa trifft den Nagel mit dieser Vermutung beinahe auf den Kopf.

Schon will Brunetti die Ermittlungen ergebnislos einstellen, zumal ja auch Patta zurückgekehrt ist, da gibt er Maria Testa noch eine letzte Chance. Er besucht ihren Beichtvater und Prior, Pater Pio Cavaletti. Dieser freundliche und würdevolle Mann stellt sich als großer Fan von Flieder heraus. Sogar aus Minne-sotà, so der Gärtner, lasse er Fliedersorten beschaffen. Maria Testas Verdacht gegen ihn tut der fromme Mann mit großem Bedauern über die Einbildungskraft der Jugend als Selbsttäuschung ab.

„Tja, das war’s dann wohl, Suor Immacolata“, sagt sich Brunetti. Da ereilt ihn die Kunde, dass Maria auf dem Lido von einem Auto angefahren wurde. Während der Fahrer sich aus dem Staub machte, landete die radelnde Maria im Graben, mit Rippenbrüchen, einer ausgerenkten Schulter, aber vor allem mit einer Schädelverletzung. Sie liegt seitdem im Koma. Das war bestimmt kein Versehen, sagt er zu Vianello. Das war ein Mordversuch. Könnte die junge Ex-Nonne am Ende doch mit ihrem Verdacht Recht haben? Dann befindet sich auch Brunetti in Gefahr.

Mein Eindruck

Das Buch ist anno 2006 zwar schon fast neun Jahre alt, doch das Eisen, das die Autorin anfasst, ist immer noch heiß. Der geheime Orden von katholischen Fundamentalisten wird hier zwar Opera Pia (fromme Werke) genannt, doch für jeden informierten Leser ist klar, dass es sich um eine Organisation handelt, die viel Ähnlichkeit mit Opus Dei hat. Diese Organisation ist direkt dem Papst unterstellt und hat sich einen üblen Leumund eingehandelt, unter anderem durch die Nachrichten, die über ihre strenge Behandlung ihrer Mitglieder an die Öffentlichkeit gedrungen sind.

Im Roman zieht Opera Pia alle Löhne seiner Mitglieder ein, zahlt aber keine Steuern. Obendrein werden Unverheiratete und Frauen benachteiligt, und Sex wird generell missbilligt. Brunetti findet es erstaunlich, dass gegen eine so repressive Organisation keine Prozesse geführt werden. Aber die entsprechenden Artikeln in den Zeitungen, die er sich in der Stadtbibliothek bringen lässt, sind sowieso alle von Unbekannten herausgeschnitten worden. Kein Wunder, dass man über Opera Pia hauptsächlich nur Gerüchte weiß.

Ehrenmänner wie Dottore Messini, der allein in Venedig fünf Pflegeheime des Geheimordens alias des Ordens vom heiligen Sakrament betreibt, bieten den Machenschaften das Deckmäntelchen ehrenwerter und vor allem legaler Tätigkeit. Dabei läuft es auf die Ausbeutung wehrloser Arbeitskräfte hinaus, denn es gibt selbstverständlich keinerlei Gewerkschaft in den Pflegeheimen. Die Arbeiterinnen halten sich zudem illegal im Land auf, getarnt als Touristen und Studenten. Dass auch noch die Patienten geschröpft werden, will Dr. Messini aber nicht zugeben. Und Pater Pio erst recht nicht.

Aber was hat dies alles mit Maria Testa zu tun? Nun, sie ist natürlich der Verräter, der „whistleblower“, der die Machenschaften aufdeckt und schleunigst zum Schweigen gebracht werden muss. Alles ist ruhig, solange Maria im Koma liegt, weiß Brunetti. Um die Ratten aus ihren Löchern zu locken, braucht er daher nur die Meldung verbreiten, dass Maria aufgewacht sei und es ihr besser gehe. Er findet es sehr interessant, dass seine Meldung von der Zeitung wider Erwarten nicht abgedruckt wird, dafür funktionieren aber die Buschtrommeln, die er eingesetzt hat, umso besser. Er hat Pater Pio, die Mutter Oberin und Messini persönlich angerufen, einfach um sicherzugehen.

In die Falle, die er, mit der bewusstlosen Maria als Köder, aufgestellt hat, tappt denn auch prompt ein Attentäter, der sich als Krankenschwester verkleidet hat und statt einer Tablette ein langes Messer mitbringt. In dem nachfolgenden Kampf wird der Wache haltende Brunetti verletzt, doch der Attentäter erweist sich als fanatisiert und paranoid – das ideale Werkzeug für einen Geheimorden. Ich verrate nicht, ob der Attentäter männlich oder weiblich ist.

Diesen schönen Erfolg aber hat sich Brunetti gegen seinen eigenen Vorgesetzten erkämpfen müssen. Offenbar hört Vicequestore Patta lieber blindlings auf die Einflüsterungen und Klagen von Kirchenmenschen wie Pater Pio als seinem Kriminalisteninstinkt zu folgen – falls er denn einen solchen hat. Denn Patta ist mehr mit Politik beschäftigt als mit Ermittlungen und bereit, jeden Preis für sein Prestige zu zahlen. Er zieht die Bewachung von Maria Testa ab und gibt sie schutzlos jedem Angriff preis. Brunettis Einwand wischt er weg. Doch Brunetti weiß, dass Patta wenigstens nicht über die Freizeit von Polizisten verfügen kann und bittet seine Kollegen, ihre Freizeit zu opfern, um das Leben der komatösen Ex-Nonne zu schützen.

Man fragt sich natürlich, aus welchem Grund sich ein Kommissar für eine junge Frau von 27 Jahren einsetzen sollte, die gar nicht ansprechbar ist und obendrein von ihren Vorgesetzten schlecht beurteilt wird (unterliegt einer Selbsttäuschung, aufsässig, immer noch den Regeln des Ordens unterworfen usw.). Und da an ihren Vorwürfen zunächst nichts dran zu sein scheint, will Brunetti den Fall einstellen. So muss er sich nicht gegenüber Patta wegen Zeitverschwendung rechtfertigen.

Doch drei Ereignisse ändern seinen Sinn: der als Unfall getarnte Mordversuch an Maria Testa, der ebenso als Unfall getarnte Mord an einem der drei besuchten Erben und schließlich das, was seine eigene Tochter Chiara in der Schule erlebt. Der Teenager ist sehr aufgeweckt und hat von seinen Eltern, die beide Atheisten sind, logisches Denken beigebracht bekommen. Folglich hat Chiara bei ihrem Religionslehrer, dem Pfarrer Don Luciano, gleich Anstoß erregt und ein gepfeffertes „Ungenügend“ ins Zeugnis geschrieben bekommen – ein Zeugnis, das bis auf diesen Schandfleck hervorragend ausgefallen ist.

Doch Don Luciano ist nicht nur dogmatisch, sondern legt auch ein ungebührliches und ungesundes Interesse an den sexuellen Untaten seiner Schülerinnen – und nur an diesen – an den Tag. Er nimmt den Mädchen die Beichte ab, doch statt ihnen zu vergeben, lässt er sich jedes Detail haarklein schildern, als ob er sich daran aufgeile. Was Chiara erzählt, lässt einen finsteren Verdacht in ihren Eltern aufsteigen. Als eine Mutter bei Paola Brunetti, die ja ebenfalls Lehrerin ist, anruft und erzählt, Don Luciano habe sich an ihrer Tochter Nicoletta womöglich vergangen, reicht es. Paola schwört, sie werde diesem Schmutzfink das Handwerk legen und ihn, so wörtlich, „vernichten“. Dass sie es mit der Hilfe ihres Vaters kann, zeigt der Schluss des Buches (siehe unten).

Hier greift die Autorin eine Reihe von Meldungen auf, denen zufolge sich katholische Priester an ihren Schützlingen vergangen haben, beispielsweise in Österreich. Nicht nur repressive Sexualmoral, sondern auch latente Homosexualität werden dafür verantwortlich gemacht. Und als Brunetti die Akte von Don Luciano durch Signorina Elettras Kanäle beschaffen lässt, erweist sich dieser Verdacht als berechtigt: Dessen Lebensweg ist eine Reihe von Versetzungen und einmal sogar ein Aufenthalt in einer Besserungsanstalt. Dass Luciano Benedetto indirekt auch ein Menschenleben auf dem Gewissen hat, ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Unterbewusst identifiziert er Chiara mit der jungen Maria Testa, die als 15-Jährige in den Orden eintrat. Er hofft unbewusst, dass, wenn er Marias Leben rettet, auch seine Tochter vor Schaden bewahren kann. Eine Haltung, die man von einem guten Vater erwartet.

Die Autorin ruft zu einem kritischeren Umgang mit kirchlichen Organisationen auf, nicht nur mit der katholischen Kirche, sondern auch mit deren angegliederten Orden. Das ist aber anno 1997 auch höchste Zeit gewesen, denn die Problematik um die Einstellung von Schwangerschaftsberatung bzgl. Abtreibung befand sich damals und heute immer noch in der Diskussion. Schließlich wurde die Abtreibungsberatung von höchster Stelle, dem Papst, verboten. Dies alles ist in der Presse nachzulesen.

Der Sprecher

Lindert stellt in dieser schönen Lesung sein bemerkenswertes Einfühlungsvermögen unter Beweis. Er charakterisiert jede Figur genau und unterscheidbar, ganz besonders aber die unangenehmen Typen, mit denen es Brunetti und sein Kollege Vianello zu tun bekommen. In der heuchlerischen Art und Weise, wie diese Begegnungen sich entwickeln, damit der Kommissar Zugang zu Person und Informationen findet, hat die Autorin Meisterstücke ironischer Charakterisierung geschrieben. Und mit Gusto macht sich Lindert daran, die grotesken Aspekte dieser Begegnungen herauszuarbeiten. Das ist zuweilen großartige Unterhaltung.

Ebenso große Lust bereitet es ihm zu schildern, welche Freude es Brunettis Frau Paola und seiner Schwiegermutter Contessa Donatella Falia bereitet, mit ihm Klatschgeschichten auszutauschen, dabei aber geflissentlich und diskret zu verbergen, woher sie selbst diese Informationen beziehen. Das trifft auch auf Brunettis Sekretärin Elettra zu, die das Passwort zum Computer des Standesamtes besitzt, aber keinesfalls sagen will, wie sie daran gekommen ist. Offenbar haben venezianische Frauen ebenso ihr Informationsnetzwerk wie die Polizei.

Einen der Höhepunkte von Linderts Vortragskunst bildet der letzte Dialog des Buches. Ohne sich vorzustellen, über gibt Brunetti dem Religionslehrer seiner Tochter, dem Pater Don Luciano, sein Versetzungsschreiben, das direkt vom Patriarchen Venedigs kommt. Aber nicht eine weitere Pfarrei ist sein Bestimmungsort, sondern eine einsame Gefängnisinsel für Schwerverbrecher. Zunächst reagiert Luciano mit Unverständnis, dann mit Protest, bevor er zu Jammern und Wüten übergeht. Doch anders als Signora Lerini geht Luciano nicht auf Brunetti los, der die ganze Zeit – etwa eine Viertelstunde – mit aller Macht an sich hält. Schließlich hat er es mit einem Mann zu tun, der kleine Mädchen missbraucht hat, von denen sich eines umbrachte, weil ihm niemand glauben wollte, was sie über Luciano erzählte. Die Versetzung ist das Werk von Brunettis Schwiegervater. Der Graf hat einen erstaunlich langen Arm, findet Brunetti.

Unterm Strich

Der sechste Fall führt Commissario Brunetti in das religiöse Unterholz der italienischen Gesellschaft, die sich anno 1997 sich noch stärker als heute zur Herrschaft und den Lehren der katholischen Kirche bekannte. Und seitdem der Papst zum Popstar geworden ist, dürfte der Einfluss des Vatikans eher zu- als abgenommen haben. Dabei haben seine Botschaften sich nur selten permissiv mit den Problemen der Frauen – Schwangerschaft, Verhütung, Abtreibung und vor allem Aids – auseinander gesetzt, sondern sind stets reaktionär geblieben.

Was Brunetti in der Lagunenstadt an Machenschaften vorfindet, wird der deutsche Leser nicht ohne weiteres auf seine heimatlichen Verhätlnisse übertragen können. Dennoch bleibt Brunettis Fall sehr interessant. Und unterhaltsam und spannend ist er allemal. Zwar ist Brunetti beileibe kein Wallander oder van Veeteren, aber das macht ihn uns so sympathisch. Er ist ein guter Vater, Gatte und Polizeibeamter, auch wenn er seine Fehler hat. Die zählt er sogar selbst auf.

Am Schluss, wenn es hart auf hart kommt, wird er selbst zum Opfer – und wieder sieht es wie ein Unfall aus. Wir können amüsiert darüber schmunzeln, wenn er phantasiert, wie schön es doch wäre, wenn er die vier Stockwerke in sein Büro nicht hochsteigen müsste, sondern einfach emporfliegen könnte. Dass seine Phantastereien einen ernsten Grund haben, kapieren weder Patta noch Elttra, sondern lediglich der Kollege Vianello. Da bleibt dem Leser bzw. Hörer das Lachen im Halse stecken. Aber die Szene zeigt, wie virtuos die Autorin es versteht, mit den Gefühlen ihres Publikums zu spielen.

Eine ungekürzte Lesung wie diese ist ein hartes und langes Stück Arbeit. Normalerweise. Nicht so bei Linderts Vortrag. Da wird Arbeit zum Vergnügen. Zum Vergnügen, einer Stimme zu lauschen, die die Figuren und die Stimmung der jeweiligen Umgebung zum Leben erweckt. Und dieses Vergnügen des Hörens spiegelt sich in Linderts Vergnügen, ja, seiner Lust daran, dies mit seinem Sprechorgan zu Wege zu bringen. Es ist, als betrachte er es als sein Privileg, einen so schönen und spannenden Text vortragen zu dürfen. Diese Freude hört man ihm an. Daher ist es ein doppelter Verlust, dass er im Jahr 2005 für immer verstummt ist.

Originaltitel: Quietly in their sleep, 1997
Aus dem US-Englischen übersetzt von Monika Elwenspoek
497 Minuten auf 7 CDs

http://www.sprechendebuecher.de/

Márai, Sándor – Die Nacht vor der Scheidung (Lesung)

Wahrheit, Schönheit, Lüge, Tod_

Richter Kömüves kommt übermüdet mit seiner Frau von einer Veranstaltung nach Hause. Überrascht erfährt er, dass sich ein Fremder in seiner Wohnung befinde, um ihn zu besuchen. Es ist Imre Greiner, ein Schulkamerad und Jugendgefährte, den er seit neun Jahren nicht mehr gesehen hat. Der Richter weiß, dass er Greiners Ehe mit der schönen Anna Fazekas am folgenden Morgen scheiden soll. Gibt es ein Problem damit? Und ob! „Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe“, antwortet Greiner. Und er will herausfinden, wer ihm seine Frau weggenommen hat – vor zehn Jahren. Wen hat Anna wirklich geliebt? Den Richter etwa?

Der Autor

Der ungarische Erzähler Sándor Márai (ausgesprochen „schandor maroi“) lebte von 1900 bis 1989. Sein Roman [„Die Glut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1367 erschien 1942. Jahrzehntelang war das umfangreiche schriftstellerische Werk des Ungarn in seiner Heimat verboten. Er hatte 1948 Ungarn verlassen und setzte – wie der ebenfalls ins Exil gegangene Stefan Zweig (gestorben 1942) – seinem Leben 1989 in San Diego ein Ende. Zu früh, so kurz vor der politischen Wende des Ostblocks. (Mehr Details am Schluss.)

Der Sprecher

Charles Brauer, geboren 1956, ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern.

Regie führte Gabriele Kreis. Die Lesung umfasst den ungekürzten Text.

Das Titelbild zeigt „Charlotte von Hagn“, gemalt von Joseph K. Stieler. So könnten wir uns Anna Fazekas vorstellen.

Handlung

Es passiert wahrlich nicht allzu viel in der Geschichte, und doch könnte das Ergebnis tragisch ausfallen.

Christoph Kömüves, an die 40 und seines Zeichens Scheidungsrichter in Budapest, stammt aus einer Dynastie von Richtern, der „Kömüves-Schule“. Sein Büro liegt in den bedrückenden Gebäuden einer Haftanstalt. Am folgenden Tag soll er wieder einmal lösen statt zu binden, doch diesmal sind es zwei gute Bekannte, und das verleiht dem Fall eine besondere Bedeutung.

Imre Greiner, 38, war Christophs Schulkamerad und Jugendgefährte, den er aber seit rund neun Jahren nicht mehr gesehen hat, seit jener Zeit, als Imre die schöne Anna Fazekas heiratete. Christoph hatte vor rund zehn Jahre die ein wenig verwöhnte junge Dame ein paar Mal getroffen, und sie hatte dabei einen tiefen Eindruck hinterlassen. Dass sie und Imre seit einem halben Jahr getrennt leben, betrübt ihn ein wenig, aber da er selbst eine wohlgeordnete Familie hat, macht er sich keine falschen Hoffnungen auf eine Begegnung mit Anna.

Als er am Abend vor der Verhandlung übermüdet mit seiner Frau nach Hause zurückkehrt, erfährt er überrascht, dass sich ein Fremder in seiner Wohnung befinde, um ihn zu besuchen. Es ist Imre Greiner.

Christoph fragt, ob es wohl ein Problem mit der anstehenden Scheidung gebe? Und ob! „Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe“, antwortet Greiner. Er sei gekommen, um seinem Jugendfreund alles zu erzählen. Diese Erzählung nimmt fast die ganze Nacht in Anspruch. Vor vier Jahren hat der geschulte Arzt entdeckt, dass seine Frau frigide ist. Die folgenden Jahre waren die Hölle. Er will herausfinden, wer ihm seine Frau weggenommen hat – vor zehn Jahren. Wen hat Anna wirklich geliebt?

„Sag mir, Christoph, hast du in den letzten zehn Jahren von Anna geträumt?“ Was für eine unverschämte Frage! Träume?! Unsinn! Kömüves weist solche unwägbaren Kategorien weit von sich, denn in der Kömüves-Schule haben sie keinerlei Relevanz. Doch das Gespräch findet mitten in der Nacht statt, und zu dieser Zeit erhalten Träume sehr wohl eine Bedeutung …

Mein Eindruck

Das nächtliche Gespräch ist der Kulminationspunkt einer langen psychologischen Entwicklung, die sowohl in der Ehe Imres stattgefunden hat als auch im Leben Christophs. Nachdem der Autor detailreich jedes Ereignis im Leben des Richters ausgebreitet und erörtert hat, um seine geistige Disposition zu beschreiben, taucht sein Jugendfreund Imre wie das personifizierte Chaos auf. Und tatsächlich erlebt Christoph die nächtliche Begegnung wie einen hinterlistig vorgetragenen Angriff auf seine Person, sein Amt und seine Lebensphilosophie (die „Kömüves-Schule“).

Weitaus interessanter, weil romantischer, ist Imres Liebe zu Anna. Nach Imres Worten kann er sich keine innigere und absolutere Einheit zwischen zwei Menschen vorstellen. Sie hatten keine Geheimnisse voreinander, denn die Ehe war ihm eine heilige Einrichtung, ein Sakrament, und die Bindung an seine Ehefrau nur durch den Tod zu lösen. Er war süchtig nach Annas Gegenwart, so dass er seine Arztpraxis in seiner eigenen Wohnung einrichtete, um ihr nah sein zu können. Demzufolge war auch seine Eifersucht eine absolute, bis hin zur Krankhaftigkeit. Er will ihren Körper besitzen, diesen „wundervollen Mechanismus“.

Doch vor vier Jahren meldete sich sein Unterbewusstsein damit, dass es etwas suchte, was es nicht kannte, aber dringend brauchte. Was war es? Imre weiß nur so viel, dass es ohne dieses Etwas nicht mehr weitergehen kann. Denn dann ist seine Ehe, ja, sein ganzes Leben nur eine leere Formel, deren Sinn abhanden gekommen ist. Wie sich herausstellt, liegen bei Anna alle Symptome der Frigidität vor, eine sexuell geäußerte Gefühlskälte. Anna ist selbst am meisten davon überrascht. Doch wie konnte es dazu kommen, fragt sich Imre, wer hat ihm Anna weggenommen? Wer erscheint ihr in ihren Träumen?

Da Anna ihm offenherzig alle ihre Lebenserlebnisse erzählt hat, weiß Imre natürlich von Annas Begegnungen mit dem vor zehn Jahren jungen Rechtsassessor Christoph Kömüves. Diese wenigen Begegnungen müssen sie aber so erschüttert haben, dass ihr die Ehe mit Imre nicht als ihre eigentliche Bestimmung erschien. Nun ist Anna tot, doch Christoph lebt. Ergeht es dem Richter ebenso? Erscheint ihm sein eigenes Leben nicht ebenfalls als eine Art Missverständnis? Als eine Formel ohne Sinngehalt?

Da gerät der Richter schwer ins Grübeln, und wir müssen uns seiner gesamten Biographie und der langen Gesellschaftsbeschreibung erinnern, die wir durch ihn erhalten haben. Erst dann können wir seine Reaktion verstehen. Wird er „ja“ sagen, oder wird er Imre, diesen personifizierten Angriff, wegschicken? Eines ist sicher: Nach dieser Nacht wird es keine Scheidungsverhandlung für Imre Greiner und Anna Fazekas geben. So oder so.

Die Gesellschaftsbeschreibung konzentriert sich immer wieder auf den sozialen Umbruch, den der Erste Weltkrieg zur Folge hat: den Untergang der KuK-Monarchie, das Auseinanderbrechen der Einheit Österreich-Ungarn, die Entlassung der Ungarn in eine Freiheit, die erst noch zu determinieren ist. Die alten Amtsträger treten ebenso ab, wie ihre Wertvorstellungen mit Füßen getreten werden. Die „Kömüves“-Schule ist ein Anachronismus, und ihr Begründer ist noch nicht einmal unter der Erde.

Innerhalb dieser katholischen und lateinisch-humanistisch orientierten Schule begreift Christoph Kömüves das Leben als Pflichterfüllung und freiwilligen Gehorsam gegenüber einer Gemeinschaft, die er als konkret seine Familie oder als erweiterte Quasi-Familie begreift. Die Pflicht ist in Demut zu erfüllen, denn dies ist die Vorbedingung für die göttliche Gnade. Doch die erweiterte Familie, die Volksgemeinschaft, hat aufgehört zu existieren, und alles um ihn herum scheint ebenso zu zerfallen wie die Ruinen der Burg in Buda, dem alten Teil der Doppelstadt Budapest.

Warum hat er also Anna Fazekas, die er doch so anziehend fand, seinerzeit nicht geheiratet? Er hielt nie um ihre Hand an, sondern wählte stattdessen Hertha. War es, weil eine Verbindung mit Anna eine Bindung des Herzens gewesen wäre statt eine der Pflichterfüllung? Wohl möglich. Dann ist sein Leben eines der Entsagung, das seine wichtigste Erfüllung in der Familiengemeinschaft und dem Dienst an seinen Klienten findet. Ist es darum ein „Missverständnis“, wie Imre behauptet? Der Leser muss diese Frage ebenso beantworten wie der Richter selbst. Wovon träumt er nachts?

Der Sprecher

Charles Brauer, inzwischen rund 70 Jahre alt, erledigt seinen Job mal wieder einwandfrei. Als erfahrener Schauspieler – etwa im „Tatort“ – hat er ein Gespür für das Besondere an einer Szene. Da weiß er einfach, wo die Pausen gesetzt werden müssen, so etwa in der extrem angespannten Begegnung zwischen Imre Greiner und Christoph Kömüves. Bewunderswert ist auch Brauers Aussprache der ungarischen Namen. Ich kann mir keinen besseren Sprecher für einen Sprachkünstler wie Sandor Márai vorstellen.

Unterm Strich

Auf ironische Weise wird aus dem Mann, der täglich sein Amt als Scheidungsrichter ausübt, ein Angeklagter, dem selbst einige recht zudringliche und höchst intime Fragen gestellt werden. Dies darf sich auch nur ein Jugendfreund erlauben. Dennoch beruft sich der Richter auf sein Recht, die Aussage zu verweigern – ein Schuldeingeständnis?

Zwei Lebensprinzipien stoßen ebenso aufeinander wie zwei Epochen: hier die alte, versunkene Welt der KuK-Monarchie, dort die neue Republik, hier Pflichterfüllung bis zur Selbstverleugnung in Demut, dort die totale Erfüllung in einem geliebten Partner. Imres Erfüllung stellt sich als Täuschung heraus, als Lebenslüge – wie steht es um die Lebenslüge des Richters?

Trotz der völligen Abwesenheit einer Handlung ist die Geschichte des Aufeinandertreffens dieser zwei Welten eine Angelegenheit, die zunehmend an Spannung gewinnt, je kritischer die Fragen des Arztes an den Richter werden. Etwas muss brechen, denn es ist die Nacht vor der Scheidung. Anna, die zwischen den beiden stand, ist bereits tot (ich verrate nicht, auf welche Weise sie starb) – wird es weitere Opfer zu beklagen geben?

Der Leser bzw. Hörer muss jede Menge Geduld und Aufmerksamkeit mitbringen, um über den Berg der Vergangenheit in die spannenden Gefilde der Gegenwart zu gelangen, die in einer einzigen Nacht ihren Kulminationspunkt findet. Große Literatur, die Anstrengung fordert, aber dafür umso mehr lohnt.

Mehr Details über den Autor

Sándor Márai, geboren am 11. April 1900 in Ungarn, studierte Philologie. Sein erster Gedichtband erschien 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Márai als Student und literarischer Feuilletonist in Deutschland und Paris. 1928 kehrte er zurück in die ungarische Heimat und erlebte dort in den dreißiger Jahren eine Zeit größter Schaffenskraft und literarischer Erfolge. 1948 floh er in den Westen und lebte in der Schweiz, in Italien und in Amerika. Nach dem Tod seiner Frau nahm Márai sich im Februar 1989 in San Diego, Kalifornien, das Leben.

Das Original erschien posthum in Toronto, deutsch zuerst 2004
aus dem Ungarischen von Margit Ban
377 Minuten auf 5 CDs

Rebecca Gablé – Das Lächeln der Fortuna (Lesung)

Ein farbenprächtiger Gobelin des Mittelalters

Nach dem Tod seines Vaters, des wegen Hochverrats angeklagten Earl of Waringham, zählt der zwölfjährige Robin zu den Besitzlosen und ist der Willkür der Obrigkeit ausgesetzt. Besonders Mortimer, der Sohn des neuen Earl, schikaniert Robin, wo er kann. Zwischen den Jungen erwächst eine tödliche Feindschaft. Aber Robin geht seinen Weg, der ihn zurück in die Welt von Hof und Adel – an die Seite des charismatischen Duke of Lancaster – führt.

Doch das Rad der Fortuna dreht sich unaufhörlich, und während ein junger, unfähiger König England ins Verderben zu reißen droht, steht Robin plötzlich wieder seinem alten Todfeind gegenüber … (Verlagsinfo)

Die Autorin
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Ingrid Noll – Stich für Stich. Erzählungen (Lesung)

Der Noll-Faktor: spannend, kurios, amüsant, makaber

Das Hörbuch umfasst fünf „schlimme“ Geschichten, die entgegen der Erwartung, die man an Noll-Storys hat, nicht immer mit dem Ableben eines Beteiligten enden. Fünf Protagonisten – eine Domina, eine virtuose Stickerin, eine blonde Krankenschwester, die alle Klischees erfüllt, die Ehefrau eines passionierten Anglers, die verheiratete Ärztin mit der Hundedame. Fünf überraschende Wendungen – auch wenn man „seine“ Ingrid Noll schon kennt.

Die Autorin

Ingrid Noll wurde 1935 in Schanghai geboren, also kurz vor der japanischen Invasion, und studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Nachdem ihre drei erwachsenen Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie, Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt Bestseller wurden. „Die Häupter meiner Lieben“ wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet, und „Kalt ist der Abendhauch“ sowie „Die Apothekerin“ wurden verfilmt.

Weitere Noll-Hörbücher:
– Die Häupter meiner Lieben
– Die Apothekerin (verfilmt)
– Kalt ist der Abendhauch (verfilmt)
– Selige Witwen
– Die Sekretärin
– Der Hahn ist tot

Die Sprecherin

Ursula Illert, 1946 in der Nähe von Frankfurt/M. geboren und aufgewachsen, ist eine Schauspielerin mit Erfahrung bei Theater, Funk und Fernsehen. Als passionierte Sprecherin hat sie für |Steinbach Sprechende Bücher| bereits zahlreiche Hörbücher gelesen. Ihre Begeisterung gilt Lesungen mit musikalischer Begleitung vor Publikum.

Handlung der 5 Erzählungen

1) Ein milder Stern herniederlacht

Eine Domina setzt sich mit 37 zur Reihe und verkauft all ihre Accessoires und Möbel – für ihre „Sklaven“ eine echte Überraschung. Drei Wochen später ist sie mit Oliver verheiratet, der sich schon auf das gemeinsame Kind freut. Mit dem drögen, anstrengenden Leben als Hausmütterchen werde sie schon zurechtkommen. Denkt sie. Denn Oliver weiß natürlich nichts von ihrem anrüchigen Vorleben.

Just im schönsten Moment in ihrem neuen Leben, beim Abendessen zu Weihnachten, klingelt es an der Tür und eine Gestalt der Vergangenheit verlangt ihr Recht: Georg, der Bankier, ist einer ihrer früheren „Sklaven“ und hat wegen Urlaub noch nicht mitgekriegt, dass sie aus dem Gewerbe ausgestiegen ist. Er verlangt hartnäckig sein Recht auf eine fachgerechte Demütigung.

Da die Ex-Domina nicht mit der Wahrheit über Gregors Verhältnis zu ihr herausplatzen kann, dauert es eine ganze Weile, bis Oliver die Sache endlich kapiert. Dann jedoch handelt er konsequent: Georg wird angekettet und darf den Abwasch machen. Ein weiterer „Sklave“ muss mit Demütigung versorgt werden: Er darf das Auto blitzblank schrubben. Schon bald finden sich jede Menge Haushaltsarbeiten, die es zu erledigen gilt, und der Haushalt ist endlich auf Vordermann gebracht.

Es gibt nur ein winziges Problem: Wie erklärt man den Familien der Sklaven ihr allzu langes Fernbleiben vom trauten Weihnachtsabendfeiern? Geniale Idee: Man inszeniert einen Frontalzusammenstoß der Autos, so dass man auch noch die Versicherung abzocken kann. Bei diesem im Schnee inszenierten Manöver geht leider etwas mächtig schief …

2) Stich für Stich

Das Geschlecht der Person, die ihre Geschichte erzählt, bleibt bis zuletzt unklar, denn darin besteht ja der Clou. Die Person liebt es schon seit ihrem 17. Lebensjahr zu sticken. Damals lag sie lange Zeit mit Hepatitis im Bett und musste ruhen. Ihre Mutter brachte ihr das Sticken bei und fortan stickte sie, was der Faden hergab: Deckchen, Brieftaschen, eine komplette Gemäldegalerie klassischer Meister.

Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, da die Person bei einem Schwächeanfall im Supermarkt umkippt und ihr der Arzt eine Kneipp-Kur in Bad Wörishofen verordnet. Gesagt, getan. Man findet einen Kurschatten, eine echte Freundin: Gunda Mortensen. Nach dem Abschied setzt ein Briefwechsel die Freundschaft fort.

Der freudige Tag naht, da Gunda unsere Hauptfigur in ihren eigenen vier Wänden besuchen wird, wo auf sie eine handfeste Überraschung wartet. Nein, die Stickereien habe keineswegs die werte Frau Mutter gefertigt, sondern seien alle selbstgemacht. Langes Schweigen. Danach kommt Gunda nie wieder … Schade, ein solches Talent links liegen zu lassen.

3) Die blaurote Luftmatratze

In der Privatklinik für psychosomatische Krankheiten hat sich eine Krankenschwester – nennen wir sie Isolde – in einen besonderen Patienten verliebt, den sie gerne Tristan nennt. Wie sie steht er auf altmodische Luftmatratzen, denn darauf liegt er gerne im schönen Park der Klinik. Sie nennt ihn aber auch den „Schlangenmenschen“, denn er sagt, er habe eine Phobie vor Schlangen. Sie fragt ihn, wie es dazu gekommen sei. Ach, das sei nur ein Vorwand, um in Ruhe gelassen zu werden, meint er.

Mit 24 sei er Privatdetektiv geworden und wurde von der deutschen Textilindustrie damit beauftragt, die Herkunft von besonders schönen Pullovern etc. festzustellen, die zu Dumpingpreisen angeboten wurden. Folglich blieben die deutschen Fabrikanten auf ihren Erzeugnissen sitzen.

Er flog nach Hongkong und entdeckte eine Spur, die ins Innere Asiens führte. Er versteckte sich auf einem LKW und fuhr dort zwei Wochen lang mit, denn obwohl ihn die Fahrer entdeckten, blieben sie freundlich. Und so gelangte er in eine tropische Region, in der eine versteckte Anlage von Männern in weißen Kitteln geleitet wurde. Lügen erwies sich als zwecklos, daher rückte er mit der Wahrheit heraus.

Statt ihn wegzuschicken, weil er spionierte, zeigten ihm die Männer voller Stolz ihre Anlage. Aber wo kamen die fabulösen Strickwaren her? Nirgendwo waren Strickmaschinen zu sehen. Da wies einer der Forscher ins Zentrum der weitläufigen Anlage, wo mehrere große Bäume standen. Und in den Bäumen befanden sich große Schlangen. Und jede Schlange strickte, was das Zeug hielt: Pullover, Westen, Schals, in allen Farben. Ja, er durfte sich sogar einen eigenen Pulloverentwurf wünschen.

Der Oberarzt glaubt natürlich kein Wort von diesem Garn. Professor Higgins wird von den gespannt lauschenden Patienten indigniert weggeschickt. Doch in der folgenden Nacht will Schwester Isolde die Wahrheit über den „Schlangenmenschen“ herausfinden und schleicht sich zu seiner Tür …

4) Fisherman’s Friend

Als sie 17, dumm und noch unschuldig war, lernte sie bei einer Fischerparty Eugen kennen, heiratete ihn mit 18 und wurde mit 19 Mutter von Jonas. Als Ladenbesitzer konnte ihr Eugen, der mittlerweile auf die 40 zuging, zwar ein Leben in Wohlstand bieten, doch sie erfuhr mit dem passionierten Angler weder Freude noch Liebe.

Da ist Uli schon ein ganz anderer Typ. Der Textilingenieur ist jung, gut aussehend und lustig. Sie verliebt sich sofort in ihn und hat eine Affäre. Sie überlegt, dass sie mit Eugens Erbschaft ziemlich angenehm mit Uli leben könnte. Ihren zielstrebigen Plan setzt sie in mehreren Phasen um, an deren Ziel sie und Uli Eugens Unfalltod beschließen. So weit, so gut. Doch der Plan sieht nicht vor, dass Uli und Eugen gute Kumpels werden und gemeinsam Angeln gehen!

Wütend und frustriert greift sie zur Selbsthilfe. Das unverdächtige Mordinstrument: selbstgemachte Frikadellen aus Fischpaste, in die sie ein paar Gräten platziert. Das funktioniert auch ganz hervorragend, allerdings mit einem ganz anderen Opfer als vorgesehen. Nach dem nächsten Angelwochenende berichtet die Zeitung von einem tot am See aufgefundenen Förster …

Monate vergehen, niemand wird festgenommen, doch die Affäre mit Uli endet. Da ruft die Witwe des Försters an und bittet um ein Treffen. Au weia, der Fluch der bösen Tat, denkt unsere Heldin und ist auf das Schlimmste gefasst. Zu ihrer Verwunderung bedankt sich jedoch Adelheid herzlich für die Tat. Sie erklärt, wie sie die Wahrheit herausgefunden habe und dass sie nun herrlich von der Erbschaft leben könne. Ob sie sich nicht erkenntlich zeigen könne?

Der Plan ist ganz einfach. Und tatsächlich hat Eugen diesmal keine Chance, der Falle zu entgehen.

5) Der gelbe Macho

Sie ist eine gefühl- und fantasievolle Ärztin, ihr Mann Oswald ein eher prosaischer Typ. Sie holt aus dem Tierheim einen Hund, der sehr anhänglich wird und sich als sehr klug erweist: Klara. Über ihre Spaziergänge lernt die Ärztin einen anderen Hundehalter kennen: Der junge Jens hat einen gelben Hund namens Macho. „Macho ist spanisch und bedeutet männliches Tier“, erklärt er. Macho und Klara werden unzertrennliche Freunde. Zwischen der Ärztin und Jens klappt es nicht gleich, denn erstens ist sie verheiratet, und zweitens hat er eine Freundin.

Aber sie merkt bald, dass sie Jens liebt, und die schlaue Klara merkt das auch. Sie beißt ihr Herrchen Oswald und gehorcht ihm nur noch widerwillig. Bei einer Abi-Party tanzt die Ärztin wild mit Jens und küsst ihn. Welch ein feinfühliger Mann: Er will nach dem Abi Psychologie studieren. Nachts darf Klara ins Bettchen von Frauchen, und Oswald muss im Arbeitszimmer schlafen.

Danach nimmt die Natur unaufhaltsam ihren Lauf. Klara wird läufig, und Macho muss weggesperrt werden. Doch während eines Schäferstündchens mit Jens vergeht die Zeit wie im Flug, und wer denkt da schon an die Hunde? Das Ergebnis der doppelten Liebesnacht ist schon nach wenigen Monaten zu besichtigen: Mischlinge.

Mein Eindruck

Im Grunde folgt nur eine einzige dieser fünf Erzählungen dem klassischen Muster, dass dem Schicksal „nachgeholfen“ und ein Mann geopfert wird – aber dies natürlich in unnachahmlicher Noll-Manier. Die anderen Geschichten fallen ziemlich aus diesem Rahmen und lassen sich wohl eher unter der Bezeichnung „ironisch erzählte Kuriosa“ zusammenfassen.

Unter diesen vier Geschichten hat mir jene mit den spinnenden und strickenden Schlangen auf den Bäumen am besten gefallen. Sie ist so wunderbar schrullig und doch unglaublich detailreich ausgeschmückt. Natürlich ist kein Wort davon wahr, würde jetzt Prof. Higgins wie in „My Fair Lady“ knurren. Aber hat das jemals passionierte Geschichtenerzähler und -lauscher gestört? Natürlich nicht. (Übrigens scheint dies eine der Storys zu sein, die seinerzeit für die „Süddeutsche Zeitung“ über „Die blaurote Matratze“ geschrieben wurden.)

Es ist ein wenig auffällig, welch eine bedeutende Rolle Erotik in diesen Storys spielt. Dass eine Ex-Domina ihre Ex-Sklaven wieder einspannt, ist ein netter Einfall. Doch dass auch der Ex-Domina-Mann der Sache auf pragmatische Weise einige positive Seiten abgewinnen kann, ist der typische Noll-Schlenker, der die Sache erst richtig interessant macht. Womit es natürlich nicht sein Bewenden haben kann.

Eine ganz andere Seite der Erotik zeigt sich in „Der gelbe Macho“. Hier kommt die Liebe sozusagen auf den Hund, um es mal flapsig zu sagen. Doch der Hund – gemeint ist die schlaue Klara – trägt viel dazu bei, der Liebe Gelegenheit zu machen, indem sie Herrchen Oswald auf Abstand hält. Der Hund ist doch der beste Freund des Menschen.

Die Sprecherin

Ursula Illert kann sich sehr gut in die Lage der weiblichen Protagonisten hineinversetzen. Mit Verve trägt sie ihre Geschichten vor, mit deutlicher Aussprache und der Betonung auf die richtigen Stellen. Allerdings ist die letzte Geschichte wegen der immerhin fünf Akteure so vertrackt, dass man sie vielleicht noch einmal anhören sollte.

Unterm Strich

Bis auf eine eher konventionelle – und daher umso willkommenere – Geschichte („Fisherman’s Friend“) wissen die fünf Beiträge in dieser Sammlung mehr durch ihre Schrulligkeit zu amüsieren als durch Spannung zu fesseln. Das macht aber nichts, denn der typische Noll-Faktor ist durchweg gegeben: eine ungewöhnliche, zuweilen makabre und augenzwinkernde Note ist stets eingeflochten. Ich kann nur hoffen, nicht zu viel verraten zu haben – und um Vergebung für meine Sünden zu bitten, falls ich es doch getan habe.

Die Sprecherin bringt die Erzählungen voll zur Geltung und beeinträchtigt die Botschaft der Autorin in keiner Weise. Das Hörbuch kann einem Zuhörer durchaus einen schönen Nachmittag bereiten.

120 Minuten auf 2 CDs
steinbach sprechende bücher

William Gibson – Neuromancer (Lesung)

„Case ist 24 und seine Karriere am Ende. Das Nervensystem des abgehalfterten Daten-Cowboys ist zerstört, er hat keinen Zugang mehr zur Matrix des Cyberspace. Bis er Molly kennen lernt, eine durch Implantate getunte Kämpferin. Ein unerwarteter Auftrag führt sie in die gefährliche Auseinandersetzung zwischen den künstlichen Zwillings-Intelligenzen Neuromancer und Wintermute …“ (Klappentext)

Der Autor

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Jörg Maurer – Jörg Maurer trifft Mozart (Audio)

Leicht & verspielt: Mozart-Revue

Der Musikkabarettist und Autor Jörg Maurer zeigt uns eine Seite von Mozart, die wir ganz sicher noch nicht kannten! In seiner Hommage an das „Wunder von Salzburg“ streift er schwungvoll und gekonnt abschweifend, um originelle Interpretationen und parodistische Variationen nicht verlegen, durch Sonaten, Evergreens und Anekdoten. So erfährt man auch einiges über die lückenhafte Biografie des Herrn Mozart. (bearbeitete Verlagsinfo) Anlass für dieses Kabarettprogramm war der 250. Geburtstag des Komponisten im Jahr 2006. Die Aufnahme ist schon etwas älter, aber das merkt man der Tonqualität nicht an.
Jörg Maurer – Jörg Maurer trifft Mozart (Audio) weiterlesen

Janson, Christine / Geissler, Dana – Just4Women: Erotikbox 1

_Erotik zwischen Lachkrampf und Tiefenentspannung_

Im März 2003 begann die „erste erotische Hörspielserie für Frauen“ und mittlerweile sind es schon über ein halbes Dutzend Abenteuer in Amors Gefilden, in denen sich die vier Hauptfiguren Moni, Cora, Annica und Sylvia mit meist, aber nicht immer männlichen Partnern verlustieren dürfen. Die erste Erotikbox in pinkfarbenem Plastikherz kostete immerhin 24,90 Euro. Aber da waren auch Badekerzen mit Lavendeldurft drin.

Nun vertreibt Lübbe die CDs des Kölner Herstellers „Sounds of Seduction“ exklusiv. Das erste Abenteuer auf den drei CDs ist aber nicht wie ursprünglich „Frauenabend“, sondern „Sexperimente“. |Dabei geht es um Monis und Coras aufregende Erlebnisse in einem außergewöhnlichen Erotikclub. Moni und Michael geben sich – zugegebenermaßen nach einigen Startproblemen – einer heißen Nacht mit einem anderen Pärchen hin. Vor allem Moni kommt dabei voll und ganz auf ihre Kosten, und für sie steht nach diesem Ausflug fest: das war nicht der letzte Ausflug in ein Etablissement dieser Art… Aber Vorsicht, Moni, Suchtgefahr …| (Verlagsinfo)

|“Online-Liebe“ – das ist der Titel der zweiten CD unserer EROTIKBOX. Auf dieser kannst du erleben, wie Annica in einem außergewöhnlichen Chat mit einem Yogi-Meister Erfahrungen im indischen Liebes-Tantra sammelt. Sehr anregend! Sylvia hingegen stellt bei ihrem ersten Blind-Date fest, dass es online gar nicht einfach ist, zwischen Fröschen und Prinzen zu unterscheiden. Dieses erste Date ist nämlich eher zum Augen verschließen – obwohl, aufregend wird es dann doch. Und das nicht nur für Sylvia!| (Verlagsinfo)

Die dritte Silberscheibe ist „eine Ratgeber-CD, die in Zusammenarbeit mit Christine Janson, der Autorin und bekannten Expertin in Fragen weiblicher Sexualität, zusammengestellt“ wurde. |“Diese CD enthält praktische Tipps und Anregungen zu den Abenteuern unserer vier Freundinnen und ist ab jetzt Bestandteil jeder Box. Was sollte ich bei einem Besuch in einem Erotikclub beachten? Wo finde ich die Top-Adressen Deutschlands? Und wo tummeln sich die Traumprinzen im Internet?“| Danach will frau das sicher gleich selbst ausprobieren.

_Die Autorin_

Das Drehbuch zur ersten Folge „Frauenabend“ schrieb laut Pressemitteilung noch die Sprecherin und TV-Schauspielerin Dana Geissler. Doch danach hat Christine Janson diese Rolle übernommen. Sie tritt hier auch als Ratgeberin auf. Auf der Webseite http://www.just4women.de kann man mehr über sie, die Figuren und den eigenen Persönlichkeits-Typ erfahren. Bilder gibt’s dort ebenfalls für den Download.

_Die SprecherInnen und ihre Rollen_

Wie gesagt ist Dana Geissler die bekannteste Sprecherin. Sie trat in „Tatort“, „Die Sitte“, „Die Wache“ und „Hausmeister Krause“ auf. Sie spricht MONI (32): freiberufliche Werbekauffrau, seit zehn Jahren mit Michi (38) verheiratet und Mutter zweier Kinder, Max und Lisa. Moni hat bislang nicht experimentiert und ist ängstlich.

CORA wird gesprochen von Eva-Maria Hardt. Sie ist die Powerfrau, wie sie im Buch steht. Sie übernimmt gerne das Kommando, kann sich aber auch hingeben.

ANNICA wird gesprochen von Anne Fink. Sie ist die „Cosmopilitin“ (= |Cosmopolitan|-Frau?) der Gruppe.

SYLVIA wird gesprochen von Birgit-Karla Krause. Sie ist die Romantikerin, die schon mal gerne nach Indien abdüst und gerne Tantra-Sex hätte.

Desweiteren tritt eine Liebesgöttin im Chat auf. Natürlich gibt es auch männliche Sprecher. Lustig ist die Formulierung des Herstellers dazu: „Bei der Auswahl der männlichen Stimmen wurde besonders großer Wert darauf gelegt, weiblichen Fantasien zu entsprechen.“ Es treten auf: ein Schlossbesitzer (Pat Murpy), der „Tantrameister Nr. 21“ (Volker Wolf) und diverse andere Zeitgenossen.

Der Titelsong „Girlfriends“ wird von Soleil Niklasson gesungen. Für den guten Ton sorgten Peter Harrsch und Rick Schepker. Regie und Musik oblagen Ingo Gregus. Für die Idee zeichnet Ralf Pispers verantwortlich, und wenn man sich die Anzahl der Episoden von „Just4Women“ anschaut, scheint es eine ziemlich erfolgreiche Idee gewesen zu sein.

_Handlung von „Sexperimente“_

Werbekauffrau Moni (s.o.) ist seit elf Jahren mit Michi, 38. verheiratet und hat mit ihm zwei Kinder. Es könnte nicht besser laufen, gäbe es da nicht eine Sache: Er beschwert sich, ihr würde nie etwas einfallen, um ihren Sex ein wenig aufzupeppen. Als ihre Freundin sie fragt, wovon sie denn träume, dann nur von einer Amazone, die Männer kastriert. Offensichtlich muss etwas passieren.

Moni fragt Cora, die Powerfrau, um Rat. Es wird deutlich, dass Moni nicht weiß, was sie anmacht. Aber der alte 08/15-Sex ist es sicher nicht. Cora hingegen hat die Fantasie, auf eine Schlossparty zu gehen, mit nichts unter ihrem Umhang als einem Paar Stiefeln. Sie lädt Moni und Michi zu so etwas ein. Die Mega-Frage ist jedoch: Was soll Moni nur zu so einem solchen Event anziehen? Die Corsage, die sie im Erotikshop anprobiert, schnürt ihr bloß die Luft ab. Das ist wohl nicht ganz das Richtige.

Als sie jedoch endlich am Schloss angelangen, das versteckt mitten in der Botanik liegt, erweist sich alles dort als ein wenig entspannter, als Moni befürchtet hat. Sie und Michi lernen ein erfahreneres Paar kennen: Marc und Tanja. Sie geben ihnen das Gefühl, dass es klappen könnte. Und so lassen sie sich auf ein Beisammensein ein, das sich als viel schöner erweist, als Moni erwartet hat.

Doch Cora ist unterdessen auf einer ganz anderen Wellenlänge. Kuschelsex ist noch nie ihr Ding gewesen. Als ein Mann im Armani-Anzug ihrem Blick standhält und sie zu einem besonderen Sexspiel einlädt, sagt sie nicht nein. Neugierig folgt sie ihm in den Keller. Hinter einer Eisentür liegt ein stilecht eingerichtetes Verlies …

_Mein Eindruck_

Warum nicht aus der Routine und dem Alltagstrott ausbrechen, warum nicht etwas Besonderes im Sexleben erfahren? Aber man sollte die Abenteuer von Cora, Moni und Co. nicht auf die Goldwaage legen. Es handelt sich um eine Erotik-Soap, die unterhalten soll. Immerhin kommt auch nicht die Psychologie zu kurz, und Informationen werden durch das Hintertürchen eingeschleust – siehe auch die Ratgeber-CD, wo Tipps zu genau solchen Schloss-Partys zu finden sind.

Positiv fiel mir an dieser Episode auf, dass Moni eine Menge Hemmungen und Ängste zu überwinden hat, bevor sie sich endlich mit einem anderen Pärchen einlässt. Von Buschheuers sächsischem „Bärschn-Säggs“ (vgl. [„Ruf! Mich! An!“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1338 ist hier also nicht die Rede. Dafür ist Coras Abenteuer mit dem Armani-Mann umso komischer.

_Handlung von „Online-Spiele“_

Sylvia, die Romantikerin, hat seit ihrer Trennung von dem Architekten Rolf – er hat sie verlassen – Trost in Online-Chats und Partnersuche-Foren gefunden. Sie hat herausgefunden, dass Frauen dort unheimlich begehrt sind. Zurzeit hat sie zwei Favoriten: den charmanten Peter und den jugendlichen Tobias. Als ihre Freundin Annica, die Sängerin, kommt, um sich um ihren Sohn Moritz zu kümmern, hat Sylvia Zeit, sich mit Tobias zu treffen.

Tobias stellt sich als übergewichtiger Computerfreak Ende vierzig heraus. Das ist noch nicht das Schlimmste: Er empfiehlt ihr ebenfalls eine kleine Abnehmkur. Und was er über Informatik quasselt, hört sie nur mit halbem Ohr. Am Ende des Dates erweist er sich als Knauser und Pedant. Ganz geknickt geht sie erst einmal durch den Park, um auf andere Gedanken zu kommen.

Unterdessen hat sich Annica, während Moritz schläft, an Sylvias PC niedergelassen und chattet fröhlich im Netz. Besonders interessiert sie sich für „Tantrameister Nr. 21“, der mit ihr eine heiße Einswerdung-Session abzieht, sich aber beim Austausch von Kontaktdaten plötzlich recht zugeknöpft zeigt. Seine Frau und Kinder sollen ja nichts davon mitbekommen …

Als am nächsten Tag Peter bei Sylvia anruft, überrumpelt er sie mit einer Einladung in ein italienisches „Restaurant“. Es entpuppt sich als Sphaghetteria, aber weil es gleich bei ihm um die Ecke liegt, erweist es sich als strategisch günstig gelegen. Obwohl er sich mit der Zunge dauernd über die Lippe leckt wie ein Salamander, erliegt sie seinem Charme und lässt sich mit zu ihm in die Wohnung nehmen. Alles ist genau richtig, bis er schließlich mit einem ganz speziellen Wunsch herausrückt …

Ihre Freundin, der sie alles brühwarm erzählt, ist total wütend, dass Peter Sylvia so ausgenutzt hat. Schließlich hat Moni gerade selbst genug Frust zu verarbeiten. Da war dieser Paul, mit dem sie und ihr Mann Michi einen flotten Dreier anbahnen wollten. Aber dass er sich dauernd über mit der Zunge über die Lippen fuhr, hat sie so abgetörnt, dass sie es bleiben ließen.

Da fährt der Schreck Sylvia in die Glieder, und sie bricht in Tränen aus: Das ist ja „ihr“ Peter, der sich seit dem Date nicht mehr gemeldet hat! Die vier Freundinnen beschließen, dass es auf Peters Verhalten nur eine Antwort geben kann: Rache! Und Cora weiß auch schon, wie sie es Peter heimzahlen kann …

_Mein Eindruck_

Diese Episode weist so viele Klischees auf, dass es entweder oberpeinlich oder schon wieder trashig gut ist. Annica zappt auf ihrer Suche nach dem Traummann über die Chat-Sites von vielen Fröschen, die sich als Prinzen ausgeben. Doch kaum haut sie dem Prinz mal aufs Maul, quakt schon der Frosch hervor. So geschehen mit dem „Tantrameister Nr. 21“ – allein schon der Username ist der Witz.

Richtig komisch wird’s natürlich, wenn das Tantraritual in allen sinnlichen Einzelheiten durchgespielt wird. Derartige PC-Freuden hatte ich mit meiner Microsoft-Maus noch nie. Ein Glück, dass Annica die Sache zwischen Yoni und Lingam sofort kapiert hat. Aber was hat das mit einem Mantra zu tun, stutzt sie. Darauf er: „Blas ihn einfach!“ Manchmal hilft eben das beste Tantra-Indisch nichts. Auch abgedroschene Ausdrücke wie „Lustgrotte“ und „Zauberstab“ – gemeint ist „seine harte Göttlichkeit“, klar? – wirken sehr komisch. Aber was soll’s? Hauptsache, „ihr Nektar fließt“, oder?

Die Krönung der Episode ist natürlich das Desaster mit dem falschen Fuffziger namens Peter – oder Paul, wenn man Moni glauben darf. Dass die arme Sylvia ihren „Busch“ opfern muss, um Erfüllung zu finden – eine Sauerei! Dass er nichts mehr von sich hören lässt – so ein Hallodri! Und dass Rache Blutwurscht ist, dürfte wohl klar sein. Cora, Spezialistin für Powerspielchen, fällt dazu auch gleich der erfolgverheißendste Plan ein. Long live Eva.

_Die Ratgeber-CD_

Unsere Sexpertin vor Ort ist Sara, gesprochen von Nicole Engeln. Sara hat für uns eine Reihe von Leuten vors Mikro geholt, die in Sachen Erotik interessante Angebote machen. (Die Webadressen aller Interviewpartner sind in der Box hinter der CD #3 abgedruckt.) Da ist zunächst die Agentur „EroLuna“, die Workshops und Partys einrichtet, auf denen Kunden ihre individuellen Phantasien umsetzen können. Mit der Originalität dieser Phantasien ist es aber nicht weit her: Der Maskenbal ist exakt aus Stanley Kubricks Film [„Eyes Wide Shut“]http://www.powermetal.de/video/anzeigen.php?id__video=297 kopiert. Zitate aus dem Drehbuch sollen die „Authentizität“ belegen. Auch nicht besonders originell ist die Gigolo-Party im Spreewald auf Schloss Milkersdorf.

Ewige Megafrage ist natürlich: Was ziehe ich (als Frau) für meine erotische Phantasie an? Expertin hierfür ist Gala Block, eine Designerin und Besitzerin des Webshops „Samt & Seide“. Sehr begrüßenswert ist der Tipp, möglichst unverwechselbar zu werden und zu seiner eigenen Weiblichkeit zu stehen. Gar nicht so einfach umzusetzen. Block gibt sogar offen zu, dass erotische Bekleidung für Männer Mangelware sei. Ein guter Tipp: Niemals den Partner fragen, was einem steht.

Da eine der Hörspiel-Episoden „Online-Spiele“ heißt, bietet es sich an, auch die Partnersuche im Internet mal unter die Lupe zu nehmen. Kenntnisreicher Interviewpartner für dieses Thema ist Oliver Zschau vom JoyClub, der offenbar allen und jedem offen steht, auch Leuten, die „nur“ Freundschaft suchen. Der Klub überprüft nach Zschaus Angaben auch so genannte Foto-Fakes, die immer mal wieder auftauchen, um nichts ahnende Kunden zu täuschen. Für eigene Angebote werden ebenso Tipps gegeben wie für das Verhalten im Online-Chat. Ehrlichkeit, Höflichkeit und Freundlichkeit haben oberste Priorität: Na, da hätten sich unsere Opas aber gefreut. Suspekt ist wohl eher der Tipp, im Zweifel lieber der eigenen (weiblichen) Intuition zu vertrauen.

Letzter Punkt auf der Tagesordnung ist eine „erotische Tiefenentspannung“ in der Länge von rund 15 Minuten. Ich hab’s ausprobiert. Es handelt sich um eine stinknormale Entspannungsübung. Was daran „erotisch“ sein soll? Vielleicht die suggestive Stimme der Trainerin.

_Mein Eindruck: CD 3_

Die Ratgeber-CD bietet also vier Interviews und eine Menge Tipps, die gar nicht zu verachten sind. Insbesondere die Empfehlungen für die Teilnahme an Online-Chats auf Sites, wo sich Leute kennen lernen wollen, sind beachtenswert, besonders um Missbrauch und Täuschung zu entgehen. Selbst wenn sie hin und wieder banal erscheinen sollten – man kommt heute durch die Reizüberflutung so selten zum Denken, dass man auf diese Regeln nicht so schnell von alleine gekommen wäre.

Die Gigolo-Party und den Maskenball kann man sich im Real-life geben, wenn man zu viel Geld und Zeit hat. Von Originalität ist dabei wenig zu sehen: Solche Kopien aus einschlägigen „Eyes Wide Shut“-Szenen gibt es wahrscheinlich bereits weltweit. Die Übung zur Tiefenentspannung kann man sich höchstwahrscheinlich auch auf jeder entsprechenden CD im Kaufhaus für fünf Euro besorgen.

_Die Sprecher_

Während die Sprecherinnen – zumindest für mich als Mann – alle ganz natürlich und passend klingen, kommen fast alle Männer recht unnatürlich und gekünstelt herüber. Das hängt allerdings auch oft mit den behämmerten Dialogzeilen zusammen, die sie sprechen müssen. Ist die Episode „Sexperimente“ noch durchaus erträglich, so wird „Online-Spiele“ zu einer Parodie, die keinerlei Anstrengungen unternimmt, das Lächerliche und Satirische in ihrem Ansatz zu verdecken. Da fällt es frau allerdings, sollte mann meinen, schwer, diese Warnungen ernst zu nehmen. Ganz besonders dann, wenn sich alle Prinzen als Frösche erweisen.

Der Sound kann sich durchaus hören lassen. Harrsch und Schepker (s.o.) haben gute Arbeit geleistet. Die Toneffekte, die sie einsetzen, machen sich besonders in der Episode „Online-Spiele“ bemerkbar. Da klappert die Tastatur, da klickt die Maus, und das Chat-Programm gibt fiepende Töne von sich.

So weit, so schön. Dann beginnen die Chats. Jetzt wird’s peinlich, ganz besonders dann, wenn sich „Tantrameister Nr. 21“ so richtig ins Zeug legt. Zu indischen Klängen und dem Singsang eines Yogi (oder was auch immer) stöhnen Annica und Tantramann um die Wette. Ich hätte mich am liebsten auf dem Boden gekringelt, bin aber meiner Chronistenpflicht gefolgt und habe fleißig protokolliert.

Wie klingt es eigentlich, wenn die Muschi rasiert wird? Das fragte ich mich, als ein entsprechend realistisch klingen sollendes Geräusch aus den Lautsprecherboxen in meinen Gehörgang drang. Da ich meine Zweifel an solcherlei Realismus habe, sollte ich wohl doch alsbald eigene Sexperimente in dieser Richtung anstellen.

Immer wieder taucht der penetrante Themensong „Girlfriends“ auf, wahrscheinlich nur deshalb, weil darin die Zeile „Just for women“ vorkommt, die der Serie ihren Titel gegeben hat. Die Sängerin ist eine Könnerin ihres Fachs, aber so häufig wollte ich sie nun wirklich nicht hören. Immerhin: Der Song füllt die Pausen, stimmt auf die Episode ein und am Schluss der 3. CD wird er sogar in seiner vollen Länge von rund drei Minuten ausgespielt. Irgendwie musste die CD ja gefüllt werden.

_Unterm Strich_

Ja, ja, die Erotik. Diese Box führt einen durch einige emotionale Höhen und Tiefen, und eine davon ist ein Lachkrampf, die andere eine Totalentspannung. (Was davon nun eine Höhe und was eine Tiefe ist, müsst ihr selbst bestimmen.) Konnte mir die erste Episode noch recht gut gefallen, so erschien mit die zweite als Parodie ihrer selbst. Die Ratgeber-CD von „Sexpertin“ Engeln ist durchwachsen, bietet aber für den unbedarften Einsteiger in Erotik-Events und Online-Partnersuche einige nicht zu verachtende Empfehlungen.

Da dies nun „Erotikbox Nr. 1“ bei |Lübbe| ist, stellt sich die Frage, wieso man keine vernünftige Einführung bekommt, die den Hörer über a) die vier Hauptfiguren und b) das bisher Geschehene aufklärt. Denn dass Episode Nr. 1 nicht der Beginn der Serie ist, lässt sich leicht aus der zugehörigen Liste auf der Webseite http://www.just4women.de ersehen. Dort ist als 1. Episode „Hausfrauenabend“ angegeben. Ob sich dahinter eine Tupperparty versteckt, habe ich nicht nachgeprüft. Aber ein Besuch der Webseite lohnt, denn hier finden sich alle Infos, die man über die Hauptfiguren sucht – und obendrein jede Menge Downloads sowie Hörproben.

Grundsätzlich hat die Serie ihren Reiz, denn auf eine Erotikserie ähnlichen Kalibers dürften wir im Free-TV wohl noch fünf bis zehn Jahre warten müssen, auf Premiere vielleicht nur noch ein bis zwei. Wer sich keine Schmöker à la „Geschichte der S.“ mehr reinziehen möchte, in denen eh nur die Klischees wiedergekäut werden, der ist hier an der richtigen Adresse. Lachkrampf inklusive.

|220 Minuten auf 3 CDs|

Slaughter, Karin – Dreh dich nicht um (Lesung)

Ein Sarah-Linton-Thriller

Am Grant College und in dessen Nähe findet die Polizei einen jungen Mann und eine junge Frau, beide Studenten, die anscheinend Selbstmord begangen haben. Doch bestimmte Unstimmigkeiten lassen Sheriff Tolliver und Gerichtsmedizinerin Sara Linton am Anschein zweifeln. Dass Saras hochschwangere Schwester in der Nähe eines der Tatorte überfallen und schwer verletzt worden ist, verwirrt und beunruhigt die beiden Ermittler in höchstem Maße. Werden sie bei ihrem Vorgehen beobachtet und manipuliert?
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Charles Dickens – Das Spukhaus. Inszenierte Lesung

Unheimlich: Der Geist im Spiegel

So ein Spukhaus ist eine famose Sache: Es gibt immer was zu tun. Das denkt sich auch unser Ich-Erzähler, als er davon hört, und beschließt, es für sechs Monate zu mieten. Doch den Spuk gibt es wirklich, und nacheinander nehmen seine Bediensteten Reißaus, alle bis auf einen, der stocktaub ist. Es gibt also noch Chancen. John, der Erzähler, und seine Schwester Patty laden ihre ebenso famosen Freunde ein, sich die Sache mit dem Spuk mal genauer anzusehen: furchtlose Zeitgenossen allesamt. Doch in Master B.s Dachstube will trotz aller Mühen der Spuk nicht enden.

Der Autor

Charles Dickens, geboren 1812 bei Portsmouth, ist einer der wichtigsten Schriftsteller des viktorianischen Englands. 1824 wurde Charles‘ Vater wegen Schulden eingebuchtet, und seine Mutter und ihre acht Kinder mussten sehen, wie sie zu Brot kamen. Mit zwölf Jahren erfährt Charles in der Fabrik alles Elend, das Ausbeutung durch Arbeit bereithält (nachzulesen in „Hard Times“ und anderen Romanen).

Erst drei Jahre später kann Charles eine Schule in London besuchen. Er arbeitet tagsüber als Schreiber für eine Anwaltskanzlei und lernt nachts. Seine Studien zahlen sich aus. Er erhält eine Chance als Zeitungsreporter und wird Parlamentsberichterstatter. 1833 beginnt er, eigene Geschichten zu veröffentlichen und legt sich das Pseudonym „Boz“ zu.

Dickens‘ Durchbruch erfolgt 1837 mit den humoristischen „Pickwick Papers“, die ihn auf einen Schlag berühmt machen. Er heiratet die Tochter seines Verlegers Catherine Hogarth und arbeitet als Schriftsteller. In den folgenden Jahren schreibt er zahlreiche, mitunter recht umfangreiche Romane und etliche Erzählungen, ruft ein wöchentliches Literaturmagazin ins Leben, für das er als Verleger und Autor arbeitet, gründet ein Amateurtheater, in dem er selbst auftritt, und unternimmt ausgedehnte Reisen in Europa und nach Amerika.

1858 trennt er sich von seiner Frau, mit der er zehn Kinder hat, und beginnt eine Beziehung mit der Schauspielerin Ellen Ternan. Er stirbt am 9. Juni 1870 in Gadshill bei Rochseter an den Folgen eines Schlaganfalls.

Der Sprecher

Matthias Haase, geboren 1957, wurde an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Hannover ausgebildet, unter anderem am Klavier und am Cello sowie als Bariton. Neben Engagements am Schauspiel Köln sowie in Düsseldorf war er in zahlreichen Rollen in Film und Fernsehen zu sehen, unter anderem in „Atemnot“, „Heinrich Heine“, „Ein Bayer auf Rügen“, „Notaufnahme“, „SOKO Köln“ und „Verbotene Liebe“. Er hat bereits in rund 300 Hörspiel- und Hörbuchproduktionen mitgewirkt, so zum Beispiel in Hauptrollen in „Herr der Ringe“, „Das Foucaultsche Pendel“ und „Die Stadt der Blinden“.

Haases Vortrag ist mit Geräuschen und Musik untermalt.

Regie führte die Übersetzerin Daniela Wakonigg, die Tontechnik und Musikeinspielungen steuerte Peter Harrsch.

Handlung

Der fest auf dem Boden der Tatsachen stehende Ich-Erzähler der Geschichte bezieht als Urlaubsdomizil ein altes, verfallendes Haus, das den Einheimischen im nahen Dorf als Spukhaus gilt. Unser Erzähler ist ein vernünftiger Mann, der nichts vom Geisterglauben der Dörfler hält, schon gar nicht von den Anekdoten, die man sich vom Erscheinen einer verschleierten Frau und einer Eule erzählt. Allerdings trägt auch er insgeheim tief im Herzen eine gewisse Furcht vor jener „anderen Welt“ mit sich.

Nachdem er mit seinen Dienstboten für sechs Monate eingezogen ist, gibt es jede Menge zu tun: Nichts funktioniert – außer der Klingel zu „Master B.s Zimmer“. Nächtelang klingelt, klappert, knarrt und spukt es im Haus, bis es den Dienstboten schließlich zu viel wird – mit einer Ausnahme: Bottles, der Stallknecht, ist stocktaub und bekommt von dem allnächtlichen Aufruhr rein gar nichts mit. Das gibt unserem Erzähler und seiner klugen Schwester Patty zu denken: Was wäre, wenn man diese störenden Tonquellen einfach abstellen würde?

Das geht aber nicht alleine, sondern zu diesem Zweck laden die beiden ihre liebsten Freunde aus London ein. Darunter sind Anwälte und ein paar raubeinige Seeleute, die dem Tod schon mehrmals ins Auge gesehen haben. Diese kühlen Köpfe bereiten dem Spuk ein Ende, indem sie quietschende Wetterhähne, klappernde Fensterrahmen und gluckernde Wasserrohre reparieren. Außerdem überführt unser Held einen der Dörfler, seine Hand im Spiel zu haben.

Doch in Master B.s Dachstube endet der Spuk keineswegs, und hier hat sich der Erzähler zur Ruhe gebettet. Könnte es sein, dass all der Spuk nur mit ihm zu tun hat? Was hat er uns verschwiegen?

Mein Eindruck

In der ersten Hälfte des in einer Doppelfolge publizierten Textes herrscht eine melancholische Stimmung vor, die sich natürlich auf das verlassene Spukhaus konzentriert und gründet. Am Ende des zweiten Drittels des Gesamttextes verfliegt diese Stimmung endlich, als sämtliche Spukerscheinungen – bis auf eine – beseitigt und aufgeklärt sind. Dann schlägt die Stimmung wieder komplett um: ins Märchenhafte.

VORSICHT, SPOILER!

Dickens arbeitete ja bekanntlich viel mit Symbolen, Metaphern und Allegorien. Man denke nur an seine Weihnachtsgeschichte um Mr. Scrooge. Drei Geister erscheinen da, die Allegorien bzw. Verkörperungen der vergangenen, gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht. In „Das Spukhaus“ praktiziert der Autor den gleichen Trick, allerdings mit einem anderen Sujet und weitaus weniger plump als bei Mr. Scrooge, sondern geradezu modern.

Spaltung

Die Hauptrolle beim Übergang zu dem, was kommt, spielt, wie könnte es anders sein, ein Spiegel. Denn dieses Ding ist das Symbol für die Spaltung und Verdopplung des Bewusstseins. Der Andere im Spiegel ist einer von drei Männern: ein Junge, dann der junge John (Erzähler) im Alter von 24 oder 25 Jahren, sein Vater und sein Großvater, den er nie gesehen hat. Was haben sie mit Master B. zu tun, dem ehemaligen Bewohner dieser Dachstube? John, unser Erzähler, glaubt, ein Skelett neben sich im Bett liegen zu sehen. Es spricht zu ihm und fordert ihn zu einer Reise auf …

Geistreise

Nach und nach und auf verschiedenen Vehikeln – Besenstiel, Schaukelpferd, Droschke und sogar ein kopfloser Esel – begibt sich John in ein seltsames Land. Er nimmt auch einen anderen Körper an, der dem seines Begleiters verblüffend ähnlich sieht: großer Kopf, aber kurze Beine, sowie altertümliche Kleider. Sie sind Kinder, und als Kinder werden sie von einer Gouvernante erzogen, von Mrs. Griffin. In diesem Kinderland erschaffen sich John und B. eine Fantasie, wie sie während des ganzen 19. Jahrhunderts sehr verbreitet war: der Orient. Sie beschließen, sich einen Harem zuzulegen. Und das klappt auch ganz prächtig …

Der Ursprung

Doch alle guten Dinge müssen enden. Und schließlich muss sich John, der Erzähler-John fragen, wohin dieses Wunderland verschwunden ist und was es überhaupt bedeutet. Es ist seine Kindheit, und er hatte sie vollständig verdrängt. Aus einem ganz bestimmten Grund: Das Ende dieser Kindheit wurde von einem schrecklichen Ereignis bezeichnet: dem Tod seines Vaters (so wie der Autor mit zwölf Jahren wegen der Verhaftung seines Vaters in die Fabrik musste). John verlor sein Heim und musste in die Waisenschule, wo man ihn hänselte und triezte. „Master B.“, das ist der Geist seiner eigenen Kindheit. Nun geht er gerne mit einem Skelett zu Bett.

Analytisch

Die Geschichte nimmt geradezu die Methode der Psychoanalyse vorweg, kleidet die Kräfte, die am Werk sind, in Symbole und Figuren. Die Kinderphantasie mutet wie ein Märchen an, doch der Harem, dem sich die Freundinnen anschlossen, scheint innerhalb der damaligen Orient-Phantasien durchaus möglich gewesen zu sein. In einem bestimmten Alter (hier: acht bis neun Jahre) spielen Kinder Rollen durch, und eine der Rollen ist zur Abwechslung mal eine Haremsdame statt einer Prinzessin. Die Favoritin des Harun al-Raschid (= John) heißt demnach stilecht Zobeide, und der Großwesir, eine Art Isnogud, zettelt tatsächlich eine Palastrevolution an. Für Aufregung ist also auch in diesem Teil der Geschichte gesorgt. Und da das gesamte Spiel vor Mrs. Griffin geheimgehalten werden muss, ist es obendrein auch noch spannend.

Humor

John, unser Chronist, ist ein abgeklärter, älterer Herr und seine Schwester Patty, 38, ein ebenso kluges Frauenzimmer. „Wir können doch auch ohne Dienstboten hier leben“, meint sie. Was für ein kühner, beinahe schon anstößiger Gedanke, findet John. Ein Mann seines Standes, und keine Dienstboten! Doch die besagten Bediensteten sind wenig zuverlässig. Besonders das junge Hausmädchen, eine Waise aus einem religiösen Bildungsinstitut, ist höchst labil, und über ihre Art, wie sie regelmäßig in einen starren, kataleptischen Zustand verfällt, macht sich John unterschwellig lustig. Sie sieht überall Augen, und wenn sie in Starre verfällt, kann man sie nur mit Riechsalz wieder zu sich bringen. Das ganze Haus stinkt danach, und das Riechsalz ist schließlich aufgebraucht. Dann ist für das Gesinde Feierabend.

Der Sprecher

Matthias Haase kann seine Stimme flexibel einsetzen, so dass er in der Lage ist, jedem Sprecher eine individuelle Charakteristik zu verleihen. Dadurch ist es dem Hörer möglich, die Figur von anderen zu unterscheiden. Während John, der Erzähler, mit einer relativ normalen, männlich tiefen Stimme spricht, äußert sich der durchtriebene Ikey aus dem Wirtshaus drucksend und schnell, jedenfalls alles andere als ehrlich und aufrichtig. Sein genaues Gegenteil ist die Köchin, die geradezu entsetzt ist über die Zustände, die sie im Spukhaus vorfindet. Ihr Gegenteil wiederum sind der brave Captain Jack Governor, ein Seemann von altem Schrot und Korn, und sein Kumpel Nat Beaver. Namen, die für sich sprechen!

Musik und Geräusche

Die Seemänner werden von den Klängen eines Schifferklaviers eingeführt und begleitet. Das Spukhaus jedoch bedarf einer ganz anderen Stimmung. Zunächst wird es durch ein trauriges Cello-Solo charakterisiert, später, als die Spukstimmung aufkommt, durch einen Soundeffekt, den ich einfach mal als „äolischen Sphärenklang“ bezeichnen will. Er klingt geisterhaft, mystisch und ist keinem klassischen Instrument zuzuordnen, das mir bekannt wäre.

Auf dem Höhepunkt der Spukmanie unter den Bediensteten ist eine interessante Kombination aus Glockenspiel und Geigenpizzicato zu hören (pizzicato: die Geigensaiten werden gezupft statt gestrichen). Alle diese musikalischen Motive werden mehrmals verwendet, so dass ihr Wiedererkennungswert hoch ist. Alle dienen wie stets dazu, die Emotionen des Hörers zu steuern und Assoziationen zu wecken, z. B. Schifferklavier und Seefahrt, oder: quäkende Flöte und Märchen-Orient.

Die Geräusche klingen zwar realistisch, werden aber nur dann eingesetzt, wenn sie wirklich etwas bringen. Also dann, um eine düstere Stimmung zu erzeugen, so etwa grollender Donner und das Krächzen von Krähen. Nur einmal drängeln sich die Geräusche in den Vordergrund, weil sie nämlich ein Element der Handlung bilden: Die Klingeln im Spukhaus treiben die neuen Bewohner schier in den Wahnsinn.

Unterm Strich

„Das Spukhaus“ ist innerhalb des Kanons an Geschichten über Gespensterhäuser eine sehr ungewöhnliche Geschichte. Der Spuk ist nicht bedrohlich, denn so etwas wie Vampire taucht nicht auf. Sondern es geht dem Autor vielmehr um eine Art Zeitreise in die eigene Kindheit.

Die Wirkung ist in dem letzten Drittel der Erzählung märchenhaft und will nicht zu einer einheitlichen Wirkung beitragen. Offenbar war Dickens kein Anhänger von Poes kritischer Theorie, wonach eine Kurzgeschichte in allen ihren Teilen eine einheitliche Wirkung auf den Leser ausüben sollte („Unity of effect“). Wie auch immer. Es ist schön, auch mal eine solche Spukgeschichte kennen zu lernen. Wer sich aber ein Vampir-Ambiente oder gar ein Poe-Imitat à la Lovecraft erhofft, ist hier an der falschen Adresse.

Dafür waren aber sicher die Viktorianer darüber entzückt, vor allem die Frauen. Nicht von ungefähr erwähnt unser Chronist John, dass zu seinen Freundinnen auch eine gewisse Belinda Bates gehört, die sich stark für die Belange der Frauen engagiert, also eine frühe Feministin. Da hat der Autor wohl Punkte sammeln wollen.

Originaltitel: The haunted house, 1859
Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg
70 Minuten auf 1 CD

http://www.stimmbuch.de

Marlen Haushofer – Die Wand (Lesung)

Heidi-Land ist abgebrannt

Eine Frau will mit ihrer Kusine und deren Mann ein paar Tage in einem Jagdhaus in den Bergen verbringen. Abends unternimmt das Paar noch einen Gang ins Dorf. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass die beiden nicht zurückgekehrt sind. Zusammen mit dem Hund macht die Frau sich auf, um sie zu suchen. Plötzlich kehrt der Hund mit blutender Schnauze zurück. Dann stößt sie selbst an ein unsichtbares Hindernis. Es ist eine riesige gläserne Wand. Die Frau, der Hund, eine Katze und eine trächtige Kuh sind in einem genau umgrenzten Stück Natur gefangen.

Die Autorin

Marlen (eigentlich Marie Helene) Haushofer wurde am 11. April 1920 in Frauenstein, Oberösterreich, als Tochter eines Revierförsters geboren. Sie studierte 1940 Germanistik in Wien und Graz und lebte später mit ihrem Mann, einem Zahnarzt, und zwei Kindern in Steyr. Sie starb am 21. März 1970 in Wien. Sie schrieb neben ihrer Tätigkeit als Hausfrau und Sprechstundenhilfe hauptsächlich Romane, Novellen, Erzählungen sowie Kinder- und Jugendbücher. Sie wurde von österreichsichen Schriftstellern gefördert.

Obwohl sie unter anderem 1968 mit dem Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet worden war, hatten ihre Bücher erst nach ihrem Tod großen Erfolg, als die Frauenbewegung sie für sich entdeckte. Aufgrund der Thematik ihrer Bücher wird sie in der Tradition August Strindbergs gesehen und mit Simone de Beauvoir in Verbindung gebracht.

Die Sprecherin

Elisabeth Schwarz spielte u. a. in Stuttgart, Frankfurt/M. und München Theater. Von 1985 bis 2001 war sie Ensemble-Mitglied des Hamburger Thalia-Theaters. In Film- und TV-Rollen war sie u. a. in „Aus einem deutschen Leben“ und im „Tatort“ zu sehen. (Verlagsinfo)

Handlung

Es ist der letzte Tag des Aprils, als unsere Chronistin mit dem Ehepaar Hugo und Luise Rücklinger in den Urlaub fährt, wobei sie die Kinder zurücklässt. Von deren Vater ist nicht die Rede. Luise ist ihre Kusine. Sie fahren hinauf in die Berge, wo sie im Jagdhaus der Rücklingers wohnen wollen. Auf dem Weg hat Hugo seinen Hund Luchs abgeholt. Es ist ein kluger, abgerichteter Jagdhund, der nur Hugo als seinen Herrn anerkennt.

Es ist die Walpurgisnacht. Abends gehen die Rücklingers noch einmal ins Dorf, und nachdem sie beim Licht einer Petroleumlampe – es gibt keinerlei Elektrizität – gelesen hat, geht sie zu Bett, ohne dass ihre Gastgeber zurückgekommen wären. Das merkt sie aber erst am Morgen, und sie macht sich gleich auf den Weg durch die Schlucht zum Dorf. Als der Hund mit einer blutenden Schnauze zu ihr zurückkehrt und sie daran zu hindern versucht, weiterzugehen, macht sie sich ein wenig Sorgen. Dann stößt sie mit der Stirn an die WAND.

Die Wand ist vollständig unsichtbar, sie kann nicht aus Glas sein, sondern aus einem anderen Material. Es spiegelt nicht, klingt nicht, gibt nicht nach. Zuerst weigert sich ihr Verstand, sich mit dem Hindernis zu beschäftigen. Sie bemerkt, dass die Wand den Bach gestaut hat; das Hindernis reicht nicht tief in den Boden. Da bemerkt sie einen Mann auf einem Weiler jenseits der Wand. Etwas ist sonderbar an ihm: Obwohl er sich am Brunnen wäscht, bewegt er sich nicht, als sei er völlig erstarrt. (Später bemerkt sie noch eine Frau und mehrere erstarrte Vögel.)

Warum ist die Straße leer? Warum kommt niemand? Ist die Welt auf einmal ausgestorben? Hat ein Krieg mit einer neuartigen Waffe stattgefunden, die nur Lebewesen tötet, so wie die Neutronenbombe? Die „humanste Teufelei“. Sie fragt sich, warum nur sie verschont geblieben ist und ob es noch andere Überlebende gibt. Nachdem sie mit Stöcken die Wand markiert hat, erkennt sie deren Verlauf: Sie ist eingesperrt. Panik. Luchs, der Hund, heult nach seinem verlorenen Herrn. Sie schläft nur noch mit einem Gewehr, das geladen neben dem Bett hängt.

Anderntags findet Luchs eine brüllende Kuh, die zwei Tage nicht gemolken worden ist, und treibt sie mit der Frau zum Jagdhaus. Sie erleichtert die Kuh, die sie Bella nennt, von ihrer schmerzenden Last. Auch Bella hat eine blutende Schnauze. Weil sie eine Verpflichtung darstellt, betrachtet sich die Frau nun als Gefangene. Sie beginnt ihren Bericht, den sie an einem 5. November beenden wird, weil ihr das Papier ausgeht. Anhand der Zündhölzchen kann sie ausrechnen, wie lange sie in der Lage sein wird, einmal pro Tag Feuer anzuzünden: zweieinhalb Jahre. Ihre Überlebensfrist.

Denn schon am 27. Oktober fällt der erste Schnee. Nachdem sie Kartoffeln geerntet und Heu eingebracht hat – ungewohnte, harte Arbeit -, zieht sie sich mit einer Katze und mit Luchs ins Haus zurück. Eines der Jungen der Katze, die schneeweiße „Perle“, ist schon gestorben. Draußen in der Wildnis ist das Kätzchen angegriffen und so schwer verletzt worden, dass es in der Hütte gestorben ist, vor den Füßen der Frau. Der Tod ist heimgekommen.

Der Kampf ums Überleben geht weiter, Rehe sind im Winter erfroren, und eine weiße Krähe ist aufgetaucht, die die Frau füttert, bis sie zahm ist. Sie hilft Bella bei der Geburt eines Kalbes, und es geht wieder hinauf auf die Alm. Aber diese ist nicht mehr verlassen …

Mein Eindruck

Die Geschichte ist durchweg sehr einfach in der sprachlichen Gestaltung. Die meisten Beschreibungen drehen sich um den Alltag der namenlosen Hauptfigur und Ich-Erzählerin, die sich von einer Städterin überraschend schnell zu einem „planenden Ackerbauer“ entwickelt. Sie kann offenbar auf viele Kenntnisse zurückgreifen, die ein Stadtmensch nicht besitzt. Das verwundert nicht, wenn man weiß, dass die Autorin die Tochter eines Revierförsters war. Und in den 20er und 30er Jahren, als sie aufwuchs, kannte man noch viele Dinge über das Landleben und beherrschte entsprechende Fähigkeiten. Für uns heutige Stadtmenschen wird der Roman zu einem Ausflug in eine archaische Welt, die am ehesten noch an realistische Fantasyromane erinnert.

Das bedeutet nicht, dass die Hauptfigur keine Zeit zum Denken hätte. Kalte Winterabende und verregnete Nachmittage können sehr lang sein, wenn man ganz allein ist auf der Welt. Beim Denken grübelt sie natürlich über die Ursachen und Folgen der drastischen Veränderung der Welt nach. Wenn ein Krieg die Ursache war und alles außerhalb der Wand tot ist, dann müssten auch die Kinder der Frau tot sein. Sie wagt nicht, sich das vorzustellen. Sie fragt sich, wo die Sieger bleiben, die ja das leere Land besetzen müssten. Kein einziger Sieger taucht jemals auf. Es muss ein furchtbarer Krieg sein, der keinen Sieger kennt – etwa ein Atomkrieg.

Nachdenken über die Frau an sich

Und obwohl sie nun auch über Begriffe wie Ehre, Freiheit und Liebe nachdenkt, ist es doch etwas anderes, was ihre Tätigkeiten anschaulich vor Augen führt. Es ist die Selbstverwirklichung einer Frau unter den – unrealistischen, weil utopischen – Bedingungen einer Isolation von jeglicher männlicher Dominanz und Einengung. Die Frau entdeckt eine Gegenwelt ohne soziale und technologische Zerstörung, ja, aber nur in ihrem eng umgrenzten, von der Wand beschützten Bereich. Diese Wand ist schon bald kein Hindernis mehr, sondern Teil ihres Ichs, an den sie nicht mehr denkt, weil sie ihn als gegeben hinzunehmen gelernt hat.

Das bedeutet aber nicht, dass hier kein Mann auftauchen kann. Als es unvermittelt dazu kommt, entlädt sich das Aufeinanderprallen der beiden Existenzwelten in einer Explosion tödlicher Gewalt. Drei Lebewesen kommen um. Danach ist das Leben der Frau erheblich ärmer, aber sie sieht auch jetzt noch einen Silberstreif am Horizont. Sie will nicht zulassen, dass die weiße Krähe stirbt.

Unterdrückung vs. Entfaltung

Nach Meinung von Literaturlexika ist es das Anliegen der Autorin, „die Unterdrückungsmechanismen aufzudecken, denen die Frau (also vor der Frauenbewegung) in einer patriarchalischen Gesellschaft ausgesetzt ist. Das entspricht einem Diktum von Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1951: ‚Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.‘

Die Bereitschaft der Frau, die ihr zugewiesene Rolle hinzunehmen, und das Scheitern weiblicher Ausbruchsversuche werden psychologisch aus frühkindlichen Erfahrungen [der Autorin] abgeleitet.“ Die einfache Sprache ist dennoch auf subtile Weise ausdrucksstark; sie deutet tiefe Emotionen lediglich leise an. Tiere – im Roman etwa der Jagdhund Luchs – sind die Spiegel dieser Gefühle und dürfen sie deutlicher zeigen. Die Hauptfigur in „Die Wand“ legt ein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen für alle Tiere an den Tag, die ja ihre einzigen Freunde sind.

Angeblich wirken die Zwänge des Frauenalltags blockierend auf die weibliche Persönlichkeitsentfaltung, und eine Folge sei die geistige und psychische Isolation. Die Autorin hat in Romanen wie „Eine Handvoll Leben“ (1955), „Die Tapetentür“ (1957) und „Die Mansarde“ (1969) dieses Thema variiert. In ihrem bekanntesten Roman, der negativen Utopie „Die Wand“, der im Jahr 1963 erschien, hat die Isolation eine symbolhafte Gestalt angenommen: eine transparente, ringsum eingrenzende Wand.

Diesmal engt die Wand nicht nur ein, sondern beschützt auch einen Spielraum für die Entfaltung einer Frau. Das Auftauchen eines Mannes bedroht diese Existenzform, wird keineswegs als Gelegenheit zur Fortpflanzung erkannt und genutzt, sondern führt vielmehr zu Zerstörung von Leben. Wahrscheinlich, so legt die Chronistin nahe, aufgrund eines Missverständnisses. Ist das nicht typisch für das Verhältnis zwischen Frauen und Männern?

Heidi-Land ist abgebrannt

„Die Wand“ ist also weit davon entfernt, eine Bergidylle à la „Heidi“ aufzubauen und zu befürworten. Hier, wo der Wildbach rauscht, kommen auch keine feschen Förster und Wilderer nächtens zu den Dirndln, um an ihre Stubenfenster zu klopfen. Das Bild, das die Autorin zeichnet, ist vielmehr das eines fortwährenden Kampfes ums nackte Überleben, wie sie es selbst als Förstertochter kennen gelernt haben dürfte. Was sie befürwortet, ist die Hand der Frau, die das Gedeihen und Wachsen von Flora und Fauna fördert, wohingegen der Mann, als er dann auftaucht, lediglich zerstört. Doch auch diese Utopie ist nur begrenzt haltbar: zweieinhalb Jahre, dann sind alle Zündholzer verbraucht.

Exkurs: Frauen-Utopias

Interessant wäre es auch gewesen, zwei oder mehr Frauen zusammen leben zu lassen. Die Zahl der weiblichen, um nicht zu sagen: feministischen Utopias ist nicht gerade groß, aber es gibt sie doch in einer beachtlichen Anzahl. Selbst männliche Großliteraten wie Gerhart Hauptmann haben sich darin versucht („Die Insel der Großen Mutter“, 1924). Später zählten „Herland“ und andere Inselwelten in der Tradition von Samuel Butlers „Erewhon“ (= „nowhere“ rückwärts geschrieben) dazu.

In den siebziger und frühen achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden auch in Science-Fiction und Fantasy Frauenutopias, so etwa „Der Strand der Frauen“ von Pamela Sargent, „Planet der Frauen“ von Joanna Russ und „Die Frau am Abgrund der Zeit“ von Marge Piercy.

Wegweisend ist auch Ursula K. Le Guins preisgekrönter SF-Roman [„Die linke Hand der Dunkelheit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=785 (auch „Winterplanet“), in dem die Angehörigen der einheimische Bevölkerung des Planeten Gethen vor ihrem Fruchtbarkeitszyklus nicht wissen, ob sie männlich oder weiblich sein werden. Da gibt es für Außenweltler interessante Entdeckungen zu machen, z. B. in einer Monarchie …

Die Sprecherin

Elisabeth Schwarz verfügt über eine angenehme, reife Stimme, die sie eindrucksvoll zu modulieren versteht. Kein Wunder, denn sie ist ja bereits seit Jahrzehnten Schauspielerin. Aber das sind andere Sprecherinnen auch, und doch ist damit noch nicht gesagt, ob man ihnen auch gerne zuhört. Bei Schwarz ist das jedoch der Fall. Man hört ihr die Anteilnahme am Schicksal der Chronistin von „Die Wand“ an. Ihr Vortrag ist ebenso subtil im Ausdruck wie der Text selbst. Ich habe festgestellt, dass man ihn öfters hören sollte. Man kann immer wieder Neues dabei entdecken.

Unterm Strich

„Die Wand“ ist einer der grundlegenden Texte der so genannten „Frauenliteratur“ – Literatur von, für und über Frauen. Zur Zeit der Frauenbewegung, also in den 60er, 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, fand die negative Utopie der Autorin viel Beachtung. Aber auch heute noch ist es interessant und vor allem bewegend zu lesen, wie eine isoliert lebende Frau lernt, selbständig zu überleben, obwohl sie von den Annehmlichkeiten der städtischen Zivilisation und von jeglicher männlicher Unterstützung (Landarbeit ist verdammt harte Arbeit!) abgeschnitten ist.

Dabei sollte man nicht übersehen, dass als Ursache für die Ausgrenzung offenbar eine neue Art von Krieg dient: Die Geheimwaffe hat alles Leben jenseits der „Wand“ erstarren lassen und abgetötet. Doch die Sieger marschieren nicht ein. (Die Autorin erlebte die Nazis in Wien und Graz, wo sie 1940ff studierte.) Als endlich doch einmal ein Mann auftaucht, ist das Ergebnis wieder einmal ein Missverständnis und die Zerstörung von Leben, so als wäre der Krieg, die technologische, von Männern befohlene Zerstörung, in das Tal der Frau eingedrungen.

Das Szenario erinnert an andere Bücher über das Überleben von Frauen nach einem verheerenden Krieg, sei er nun atomarer, chemischer oder gar biologischer Natur. (Es gibt einen Comic namens „Y“, in dem nach einer Seuche nur ein einziger Mann überlebt hat, die Frauen aber die Zivilisation weiterführen. Als er in ihrer Mitte auftaucht, gibt es ein paar recht hässliche Szenen.)

Die Sprecherin vermittelt die bewegenden Bilder und Szenen, die die Autorin ihrer Chronistin in den Mund legt, ebenfalls ausdrucksstark, aber dabei nicht übertrieben, sondern subtil. Ich könnte ihr stundenlang zuhören.

Hinweis

Das Buch wurde bereits 2002 vom kleinen Verlag |Hörsturz| vertont, mit der Schauspielerin Julia Stemberger („Der König von St. Pauli“). Die aktuelle, ebenfalls gekürzte Fassung ist preisgünstiger.

140 Minuten auf 2 CDs
Hörbuch Hamburg
ISBN 3899031962
ISBN-13: 978-3899031966

David Baldacci – Das Geschenk (Lesung)

Mit der Eisenbahn will der Journalist Tom Langdon von Washington, D.C., bis nach Los Angeles fahren, um sein Versprechen bei seiner Freundin Lilya Gibson einzulösen – sie zu Weihnachten zu besuchen. Die Menschen, die er auf seiner Reise trifft, werden sein Leben beträchtlich verändern. Und als der Zug in den verschneiten Rocky Mountains in einem Schneesturm stecken bleibt, kommt es zu einer dramatischen Entscheidung.

|Der Autor|

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA. Weitere Baldacci-Hörfassungen bei Lübbe: „Das Labyrinth“, „Das Versprechen“, „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Tom Langdon ist bereits über 40, also praktisch schon scheintot. Der frühere Kriegsberichterstatter und Globetrotter hat seine jugendlichen Illusionen über seine Möglichkeiten, die Welt zu verbessern, verloren. Jetzt schreibt er für Handwerker- und Frauenmagazine über Selbstverbesserung und die Verschönerung des Heims. Er lebt relativ allein, seit seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter sich von ihm getrennt hat. Vor kurzem sind obendrein seine Eltern gestorben, und er selbst könnte ein paar Selbstverbesserungstipps gut gebrauchen.

Tom hat seiner Freundin Lilya Gibson versprochen, zu Weihnachten nach Los Angeles zu kommen, um mit ihr die Feiertage am schönen (wenn auch teuren) Lake Tahoe zu verbringen. Er hofft, die Zwei-Küsten-Fernbeziehung durch traute Zweisamkeit zu vertiefen. Doch erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Weil er bei einer der ätzenden Sicherheitskontrollen auf einem New Yorker Flughafen die Nerven verlor, wird er zu zwei Jahren inneramerikanischem Flugverbot verdonnert – und das ist noch ein mildes Urteil, findet die Richterin. Folglich kann Tom nicht wie geplant nach L.A. düsen, sondern muss den Zug nehmen. Es soll eine denkwürdige Reise für ihn werden.

|Die Reportage|

Um aus der Not das Beste zu machen, beschließt Tom, einem Wunsch seines Vaters zu folgen und wie einst sein Urahne Mark Twain auf der Transamerikafahrt eine Reisereportage zu schreiben. Dafür fährt er standesgemäß mit den noblen Zügen „Capital Limited“, der ihn bis Chicago bringt, und mit dem „Southwest Chief“ über Colorado nach Los Angeles. Er träumt von einem riesigen Schlafwagenabteil, wie es sich einst Cary Grant und Eva-Marie Saint in Hitchcocks Thriller „Der unsichtbare Dritte“ teilen durften.

An Bord stellt er fest, dass sein Abteil nur den Ansprüchen einer Sardine genügen dürfte. Die Wand des Bades lässt sich zudem beiseite schieben, um ins Nachbarabteil zu gelangen – sehr praktisch, aber auch sehr gewöhnungsbedürftig. Diverse interessante Fahrgäste gibt es kennen zu lernen. Einer dicken Frau namens Agnes Joe muss er ständig aus dem Weg gehen, sie ist seine Abteilnachbarin. Bald merkt er, dass ein Taschendieb ebenfalls den Zug zu seinem Arbeitsgebiet erkoren hat – sein Füller ist weg und ebenso diverse Objekte anderer Fahrgäste. Und dann sind da noch „die Filmleute“.

|Die Filmleute|

Bei seiner Recherche im Zug stößt Tom schließlich auf Max Powers, einen berühmten Hollywood-Regisseur, der bereits viele Preise gewonnen hat. Selbstredend reist Max nicht alleine. Er hat seinen Assistenten Cristobal und seine Drehbuchschreiberin dabei. Er plant nämlich, einen Film auf einem Zug drehen. Zu Toms maßlosem Erstaunen stellt sich die Drehbuchschreiberin als seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter heraus.

Die ist allerdings gar nicht entzückt über die Begegnung: Sie gibt immer noch Tom die Schuld an der Trennung. Tom hingegen ist sich keiner Schuld bewusst. Eleanor hofft, er werde endlich mal erwachsen. Wovon, zum Geier, redet sie?, fragt sich Tom. Der nichts davon ahnende Max spannt Tom sogleich zum Drehbuchschreiben an; er und Eleanor würden sich bestimmt prächtig ergänzen. Von einem verlobten Pärchen werden sie gebeten, als Trauzeugen zu fungieren. Na, großartig.

Mit Ach und Krach schafft es der Zug nach Chicago. Tom schafft seinerseits beinahe schon die Aussöhnung mit Eleanor, die ihn trotz allem immer noch zu lieben scheint – da taucht Lilya Gibson auf. Die Überraschung ist Toms Freundin wirklich gelungen. Zu allem Überfluss macht sie ihm einen Heiratsantrag, denn sie will eine Familie mit mindestens acht Kindern gründen. Auf diesen Schrecken braucht Tom erst einmal eine wohldosierte Überdosis Alkohol.

|Der Schneesturm|

Während sich Eleanor und Lilya noch kabbeln, sobald sie erkannt haben, mit wem Tom gerade zusammen ist, erreichen schlechte Nachrichten von der Wetterfront den Zug. Auf der Westseite der Rocky Mountains hat sich ein Jahrhundertsturm zusammengebraut, der nun seine Schneemassen Richtung Süden voranschiebt. Die kritische Stelle ist der hoch gelegene Pass, den der Zug überwinden muss, will er die Ebenen von New Mexico erreichen. Der Pass selbst wird zwar von einem 800 m langen Tunnel unterquert, doch wer weiß, was sich auf der anderen Seite dem Zug entgegenstellt? Schneewehen, Lawinen, Felsbrocken?

Wie es der Eisenbahnveteran Higgins vorhergesagt hat, tritt der schlimmste Fall ein, und der Zug bleibt gleich neben einem Abgrund stehen. Dass er mit der nächsten Lawine in denselben zu kippen droht, ist nicht das drängendste Problem. Die Rettungskräfte können den Zug im Schneesturm nicht finden, geschweige denn erreichen. Die 340 Passagiere müssen also längere Zeit warten. Das geht aber auch nicht unbegrenzt: Sobald der Treibstoff verbraucht ist, fällt der Strom ebenso aus wie die Heizung. Werden die Leute in wenigen Stunden erfrieren?

Tom trifft eine dramatische Entscheidung. Er wird versuchen, das nächste Berghotel zu Fuß zu erreichen, um Hilfe zu holen. Erstaunt stellt er fest, dass Eleanor nicht davon abzubringen ist, ihn in den Schneesturm zu begleiten.

_Mein Eindruck_

Vor wenigen Jahren lieferte John Grisham mit dem verfilmten Roman [„Das Fest“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=292 (Skipping Christmas) eine perfekte Weihnachtssatire ab, die mir sehr viel Spaß bereitete. Nun ist sein Kollege David Baldacci dran, der in der Disziplin der X-mas-Story mindestens ebenso erfolgreich ist.

Die Handlung dieses „Weihnachtsmärchens“ ist an keiner Stelle langweilig und sorgt schon nach wenigen Minuten für gespannte Nerven und ein ein wohltrainiertes Zwerchfell. Die originellen Figuren wie etwa Agnes Joe oder der Ex-Pfarrer Kelly sind klar gezeichnet und werden bis zum Schluss eine Rolle spielen. Der ganze Hintergrund in zeitlicher, räumlicher und technisch-kultureller Hinsicht ist sauber recherchiert: Der Zug „Capital Limited“ hat ebenso seine Geschichte – etwa durch Mark Tawin – wie Tom Langdon selbst. Die Spieler haben die Bühne betreten, nun kann der erste Akt beginnen.

Die Handlung zielt selbstverständlich wie in jeder anständigen Romanze auf die Vereinigung der Liebenden, sprich: von Tom und Eleanor. Da dies aber eine Weihnachtsgeschichte ist, fehlt uns irgendwie noch die Rolle des Santa Claus. Keine Angst: Auch der ist mit an Bord. Damit alles ein wenig spannender wird, tauchen noch Eleanors Widersacherin, die Stimmenimitatorin Lilya Gibson, und der Taschendieb auf, der für erhebliche Unruhe sorgt.

Die Krise tritt natürlich auf dem Bergpass ein, als der Zug stecken bleibt und alle Passagiere sich mit einem vorzeitigen Lebensende konfrontiert sehen, das nicht im Fahrplan stand, und mit einer postmortalen Reise, für die sie kein Ticket haben. Jedenfalls sorgt die Katastrophe dafür, dass sich alle beträchtlich näher kommen und Solidarität gegenüber den Schwächeren üben: brave Amerikaner. Und wenn Tom und Elli nicht im Schneesturm umkommen, dann leben sie noch heute.

|Der Sprecher|

Selten hat Ulrich Pleitgen sein Stimmtalent derart vielseitig ausspielen dürfen. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören, wenn er die Stimmung einer Szene voll zur Geltung bringt. Sein eigenes Vergnügen ist ebenfalls herauszuhören, so etwa dann, als sich die dicke Agnes Joe amouröse Avancen von dem etwas belämmerten Tom Langdon erhofft (die Badwand ist offen!) und einen eindeutig zweideutigen Tonfall anschlägt.

Aber auch zur Komik gibt es reichlich Anlass. Und das betrifft nicht so sehr den Humor zwischen bereits gut abgefüllten Männern (Frauen haben sich offenbar nicht zu besaufen) wie etwa Max und Tom. Das betrifft zum Beispiel die Szene, in der Lilya Tom ihren Heiratsantrag macht. Wie in einer ordentlichen Screwball-Comedy stellt die Lady die von der Gesellschaft abgesegneten Verhältnisse – nur Männer dürfen Heiratsanträge machen – kurzerhand auf den Kopf und packt in ihr Horrorpaket noch acht Kinder hinein. Kein Wunder, dass Tom dadurch ein klein wenig abgeschreckt ist. – Es gibt noch zahlreiche weitere solche Szenen.

Das hindert aber einen Profi wie Pleitgen nicht daran, auch leise und geradezu intime Töne anzuschlagen. Die recht emotionalen Dialoge zwischen Eleanor und Tom kommen durch leise Töne besser zur Geltung, es sei denn, es geht um Leben und Tod. Und das tut es dann ja auch.

Das Finale ist etwas anspruchsvoller in der Dialogführung. Man muss genau aufpassen, wer was wann zu wem sagt. Denn wie in einer Komödie ist es besser, etwas zu verraten, wenn die Betreffenden nicht zugegen sind. Und Max Powers hat einiges zu erklären …

_Unterm Strich_

„The Christmas Train“ bietet perfekte Unterhaltung zum Familienfest. Hier kommen Liebende zusammen, die füreinander bestimmt waren – auch wenn sie das selbst ganz anders sehen. Und damit die Handlung sowohl für Herz und Zwerchfell als auch Adrenalinspiegel etwas bietet, sorgt der Autor mit zahlreichen geeigneten Zutaten für die entsprechende Dosis. Wer Realismus sucht, findet ihn allerdings eher woanders. Aber wer tut das schon zu Weihnachten?

Dem Sprecher Ulrich Pleitgen zuzuhören, ist ein wahres Vergnügen. Er moduliert seine tiefe Stimme auf vielfältige Weise. Ich konnte beispielsweise immer genau sagen, wann Eleanor spricht und wann Tom Langdon. Selbst ein alter Mann wie der 70-jährige Father Kelly ist genau herauszuhören. Und zu lachen gibt es, wie gesagt, hörbar auch einiges.

Auch der um rund zehn bis fünfzehn Euro herabgesetzte Preis bringt etwas zum Lachen, nämlich meinen Geldbeutel (oder das entsprechende Äquivalent). Das ganze Paket bietet also keinerlei Minus-, sondern ausschließlich Pluspunkte. So gefällt mir das: „Das Geschenk“ macht seinem Namen alle Ehre.

|Umfang: 285 Minuten auf 4 CDs
Originaltitel: The Christmas Train, 2002
Aus dem US-Englischen von Uwe Anton, Lübbe-Verlag November 2003.|

Janson, Christine – Just4Women: Erotikbox 2

_Zwischen Bondage Fever und Touch Mahal_

Im März 2003 begann die „erste erotische Hörspielserie für Frauen“ und mittlerweile sind es schon über ein halbes Dutzend Abenteuer in Amors Gefilden, in denen sich die vier Hauptfiguren Moni, Cora, Annica und Sylvia mit meist, aber nicht immer männlichen Partnern verlustieren dürfen. Die erste Erotikbox in pinkfarbenem Plastikherz kostete immerhin 24,90 Euro. Aber da waren auch Badekerzen mit Lavendeldurft drin. Nun vertreibt |Lübbe| die CDs des Kölner Herstellers „Sounds of Seduction“ exklusiv: für knapp 27 Euro pro Dreifach-CD.

Auf der ersten CD ist die Episode „Fesselnde Leidenschaft“ zu finden. Hier geht es um Bondage, handfesten Sex, aber auch um Eifersucht zwischen Freundinenn. Die zweite CD enthält das Abenteuer „Slow Motion“, das der ersten Episode sonderbarerweise zeitlich vorausgeht. Das Quartett erkundet in Indien die Liebeskunst, aber Moni gerät auf einer Strandparty in höchste Gefahr.

Die dritte Silberscheibe ist „eine Ratgeber-CD, die in Zusammenarbeit mit Christine Janson, der Autorin und bekannten Expertin in Fragen weiblicher Sexualität, zusammengestellt“ wurde. „Diese CD enthält praktische Tipps und Anregungen zu den Abenteuern unserer vier Freundinnen und ist ab jetzt Bestandteil jeder Box. Was sollte man bei einer Tantra-Massage unbedingt beachten?“ Danach wollen Mann und Frau das sicher gleich selbst ausprobieren.

_Die Autorin_

Das Drehbuch zur ersten Folge „Frauenabend“ schrieb laut Pressemitteilung noch die Sprecherin und TV-Schauspielerin Dana Geissler. Doch danach hat Christine Janson diese Rolle übernommen. Sie tritt hier auch als Ratgeberin auf. Auf der Webseite http://www.just4women.de/ kann man mehr über sie, die Figuren und den eigenen Persönlichkeits-Typ erfahren. Bilder gibt’s dort ebenfalls für den Download.

_Der Sprecher/Die Inszenierung_

Wie gesagt ist Dana Geissler die bekannteste Sprecherin. Sie trat in „Tatort“, „Die Sitte“, „Die Wache“ und „Hausmeister Krause“ auf.

Sie spricht MONI (32), eine freiberufliche Werbekauffrau, seit zehn Jahren mit Michi (38) verheiratet und Mutter zweier Kinder, Max und Lisa. Moni hat bislang nicht experimentiert und ist ängstlich.

CORA wird gesprochen von Eva-Maria Hardt. Sie ist die Powerfrau, wie sie im Buch steht. Sie übernimmt gerne das Kommando, kann sich aber auch hingeben.

ANNICA wird gesprochen von Anne Fink. Sie ist die „Cosmopolitin“ (= COSMOPOLITAN-Frau?) der Gruppe. Annica verfolgt eine Karriere als Sängerin.

SYLVIA wird gesprochen von Birgit-Karla Krause. Sie ist die Romantikerin, die schon mal gerne nach Indien abdüst und gerne Tantra-Sex hätte.

Neben ihnen gibt es natürlich noch eine Reihe von anderen Rollen und Sprechern. Sie werden am Ende einer Episode erwähnt.

Der Titelsong „Girlfriends“ wird von Soleil Niklasson gesungen. Für den guten Ton sorgten Peter Harrsch und Rainer Zuber. Regie und Musik oblagen wie immer Ingo Gregus. Wie gesagt, schreibt Christine Janson stets das Drehbuch. Für die Idee zeichnet Ralf Pispers verantwortlich, und wenn man sich die Anzahl der Episoden von „Just4Women“ anschaut, scheint es eine ziemlich erfolgreiche Idee gewesen zu sein.

_Handlung von „Fesselnde Leidenschaft“_

Endlich ist es wieder Sommer. Annica lädt ihre Freundinnen ein, die Bühnenshow ihres Berliner Exfreundes Leroy zu erleben. Von dem farbigen Tänzer und Conferencier sind besonders Moni und Sylvia begeistert. Da fordert Leroy eine Frau im Publikum auf, auf die Bühne zu kommen. Als sich keine traut, fällt ihm das zitronengelbe Bikini-Top von Sylvia ins Auge, und also ruft er sie. Dem Drängen ihrer Freundinnen hat die schüchterne Sylvia nichts entgegenzusetzen. Mit Bangen und Zagen steigt sie auf die Bühne. Denn Leroy ist ein Bondage-Künstler.

Er beruhigt sie, als er ihr die Augen verbindet. Er streicht mit einem Seil über ihre Haut, und sie wird zwischen Furcht und Lust hin und her gerissen. Und dann fesselt er auch noch ihre Hände! Nun ist sie ihm wehrlos ausgeliefert. Sie soll sich dem Rhythmus der Musik überlassen. Sylvia genießt das Spiel und da sie Leroy vertraut, lässt sie sich emotional ganz fallen. Da streichelt auch auch noch eine Peitsche über ihre Haut, und sie juchzt auf. In der folgenden Nacht plagen Sylvia wilde Träume. Sie hat sich in Leroy verliebt.

Doch schon beim gemeinsamen Frühstück wird ihr klar, dass auch Annica und Cora ihre Zähne in Leroys muskulöses Fleisch schlagen wollen. Und ehe sie es sich versieht, haben sie schon mit ihm geschlafen. Der nachfolgende Streit stellt ihre Freundschaft zu Cora und Annica auf eine harte Bewährungsprobe.

Unterdessen hat auch Monis Göttergatte Michi nicht die Hände in den Schoß gelegt, sondern fleißig Knoten geübt. Um mal wieder ihrer dahindümpelnden Ehe etwas mehr Pfiff zu verleihen, nimmt er sie auf einen Ausflug ins Grüne mit. Ihre Augen sind bereits auf der Fahrt verbunden, dann ist es nicht mehr weiter zu einer Waldlichtung, die Michi für recht abgelegen hält (was sich als Irrtum erweist). Hier stellt er seine ganz persönlichen Fesselungskünste unter Beweis …

_Mein Eindruck_

Dies ist ohne Zweifel eine der unterhaltsamsten Episoden der Erotikbox-Episoden überhaupt. Während der Sex mit Leroy ganz schön handfest und geil ist, ist diesen Szenen das zunehmende Elend in Sylvias schmachtender Seele gegenübergestellt. Auf diese Weise erscheint der Sex nicht so banal, sondern wird indirekt kommentiert.

Wer nun meint, hier würden Männer zu Paschas stilisiert, der irrt. Jede Art von Sex findet in der Just4Women-Reihe stets einvernehmlich, mit Kondom und relativ nüchtern statt, also nie besoffen oder high. Diese drei Prinzipien werden im Ratgeberteil noch einmal haarklein erläutert. Die Prinzipien sind – besonders in der S&M-Szene – international anerkannt.

Auch Michis lustvoller Sex mit seinem Eheweib ist keineswegs banale Triebabfuhr, sondern wird erstens Sylvias Streit mit ihren Freundinnen gegenübergestellt und mündet zweitens in eine regelrechte Komödie, als die beiden von einem „älteren Herrn“ erspäht werden, der seinen Dackel Gassi führt. Die Polizei ist alsbald zur Stelle und verhört die beiden Landfriedensbrecher und Erreger öffentlicher Erregung. Natürlich ist dies Klamauk, aber auch eine versteckte Warnung, sich den mutigeren Varianten des Sexus möglichst in den eigenen vier Wänden hinzugeben. Oder in einem eigens dafür eingerichteten Workshop, wie er im Ratgeber vorgestellt wird.

_Handlung von „Slow Motion“_

Annica durchbricht eine biologische Schallmauer: Sie wird 30. Schlimmer sind eigentlich nur Geburt und Entjungferung, also muss das Ereignis gebührend gefeiert werden. Sie lädt ihre Freundinnen zum Essen beim Inder ein, aber in Bombay! Alle freuen sich aufs Land von Yoga und Meditation. Aber vor der Abreise stellt Moni fest, dass sie – wieder mal – nichts zum Anziehen hat, und nur Cora denkt daran, Kondome einzupacken.

Vor Ort stellt sich Sylvia als geborene Reiseführerin heraus, denn sie kann nicht nur mit den Taxifahrern feilschen wie ein Fischweib, sondern führt sie auch an die besten Sehenswürdigkeiten. Von solchen Touri-Strapazen seilt sich Cora sofort ab und lässt sich eine Ganzkörper-Massage angedeihen. Da sie nicht auf den Kopf gefallen ist, weiß sie auch, wie man einen Massageboy besticht, damit er auch die erogenen Zonen mit seinem sanften Touch beglückt, sozusagen der Touch Mahal.

In Goa, der Hippiehochburg an der Südwestküste, kommen sich die Mädels wie im Märchen vor. Wellen und Vogelgezwitscher schmeicheln ihren Ohren, Blumendüfte kitzeln ihre Nasen. Der Hotelbesitzer Mr Santosh hat die Hotelfachschule in Zürich besucht und kann sehr gut deutsch. Er kredenzt einen Hummer zur Feier des Tages, und sinnlichste Gaumenfreuden versüßen ihnen den Abend.

Die traditionelle Tantraschule kommt nur bei Sylvia gut an: Annica wird schwindlig und Cora schlecht. Die Alternative sieht wesentlich besser aus, und Annica testet diesen Mr „Shiva Lingam“, der eigentlich aus Köln stammt, aus. Das Ergebnis ist schon viel mehr nach ihrem Geschmack …

Moni hat sich bei der Massage in Mr Santosh verknallt. Als sie auf einer Rave Party von Cannabis-Keksen kostet, erlebt sie die Fantasie ihres Lebens. Doch während sie sich im Geist mit ihrem Indian Lover vereint, steigt die Flut gefährlich nahe an ihrem Leib empor. Der echte Mr Santosh und ihre Freundinnen vermissen sie bereits. Wo kann sie nur abgeblieben sein?

_Mein Eindruck_

Ich bin nicht in der Position, über ein Land zu urteilen, das ich noch nie besucht habe, und ob es die geschilderten Verhältnisse vor Ort gibt oder wenigstens geben könnte, wage ich nicht zu bewerten. Aber ich war anno 1993 auf Ko Samui, und dort waren Strandpartys nicht gerade ein tägliches Ereignis, und dass sich ein Hotelbesitzer zur Massage herabgelassen hätte, wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Es ist einfach nicht Sache der Männer, Massage auszuüben, sondern die der Frauen. Zumindest in Thailand.

Ob es einen Shiva Lingam (lingam = Phallus) aus Köln geben könnte, erscheint mir wahrscheinlicher, denn es gibt einen regen Kulturaustausch. Viele Deutsche waren beim Guru in Poona und Rishikesh (wie einst die Beatles). Sie könnten, wie viele Ausländer in Thailand, auch in Indien ihre Dienste anbieten. Leider sind viele anderen Details geradewegs aus dem Katalog der romantischen Klischees. Der alte Tantralehrer gehört sicherlich nicht dazu.

Eine enttäuschende Episode, die zum Großteil mehr als PR-Gag taugt denn als antörnende Sexpedition.

_Der Ratgeberteil_

Unsere Sexpertin vor Ort ist Sara, gesprochen von Nicole Engeln. Sara hat für uns eine Reihe von Leuten vors Mikro geholt, die in Sachen Bondage und Tantra interessante Angebote machen. (Die Webadressen aller Interviewpartner sind in der Box hinter der CD #3 abgedruckt.)

Zudem liefert Sara praktische und sehr beachtenswerte Tipps zu einer Reise nach Indien: Reisezeit und -ort sowie Verhaltensweise als Tourist. Bekannt ist die Warnung, wie man Montezumas Rache vermeidet: kein Salat, kein Leitungswasser, kein Speiseeis – dafür aber viel scharfe Gewürze essen, um die winzigen Plagegeister fernzuhalten.

Zu guter Letzt können Zuhörer und Zuhörerin mal selbst in Sachen Tantra versuchen. Dabei sollte man die genannten Ratschläge möglichst genau befolgen, sonst wird aus dem Traumsex ein Sexalbtraum. Nach dem Motto „Ladies first“ darf ER zuerst SIE verwöhnen, danach SIE IHN. Vielleicht schaffen es beide, hinter das Geheimnis des „Big Draw“ zu kommen, von dem geübte Tantriker schwärmen.

_Mein Eindruck_

Die Ratgeber-CD bietet also Interviews und eine Menge Tipps, die gar nicht zu verachten sind. Insbesondere die Empfehlungen für die Teilnahme an Tantra- und Bondage-Kursen sind beachtenswert. Selbst wenn sie hin und wieder banal erscheinen sollten – man kommt heute durch die Reizüberflutung so selten zum Denken, dass man auf diese Regeln nicht so schnell von alleine gekommen wäre.

_Die Inszenierung_

Der Sound kann sich durchaus hören lassen. Harrsch und Zuber (s. o.) haben gute Arbeit geleistet. Die Toneffekte, die sie einsetzen, machen sich besonders in der Episode „Fesselnde Leidenschaft“ positiv bemerkbar. Ob nun das unvermeidliche Handy klingelt oder ein entsprechendes Ambiente wie Michis Waldlichtung gegeben ist, stets sind die nötigen Sounds vorhanden, allerdings in wohldosierter Menge. Auf diese Weise ist der Dialog immer verständlich.

Die Pausenmusik beim Szenenwechsel ist in den beiden Episoden unterschiedlich realisiert. In „Fesselnde Leidenschaft“ spielt ein guter Pianist kurze Motive, in „Slow Motion“ erklingen alle Arten von indischen Instrumenten. Der indische Gesang klingt für unsere Ohren recht eigenartig und drängt sich manchmal in den Vordergrund.

An Anfang und Ende jeder Episode taucht der Themensong „Girlfriends“ auf, wahrscheinlich nur deshalb, weil darin die Zeile „Just for women“ vorkommt, die der Serie ihren Titel gegeben hat. Die Sängerin ist eine Könnerin ihres Fachs, aber so häufig wollte ich sie nun wirklich nicht hören. Immerhin: Der Song stimmt auf die Episode ein und am Schluss der zweiten CD wird er sogar in seiner vollen Länge von rund drei Minuten ausgespielt. Irgendwie musste die CD ja gefüllt werden.

_Unterm Strich_

Ich habe beim Vergleich mit der ersten Erotikbox eine begrüßenswerte Qualitätssteigerung festgestellt. Während die Episode „Slow Motion“ noch dem alten Klischeemusterkatalog entspricht, wartet Episode 1 „Fesselnde Leidenschaft“ mit einer intelligenten Kontrastierung von Sex mit Psychoproblem oder Sex und Komödie auf. Die Dramaturgie ist hier wesentlich ausgefeilter und davon profitieren sowohl der Zuhörer als auch der Inhalt.

Die Themenfelder Bondage und Tantra sind immer noch etwas ausgefallen, aber weibliche Zuhörer wollen sicher nichts Neues über Hausfrauensex erfahren, oder? Das sind sie schließlich selbst, ob allein oder mit einem Partner. Sie suchen das Abenteuer, und das lässt sich am ehesten in exotischer Umgebung finden, sei es in Indien oder bei einer Bondageshow. (Ich habe noch keine einzige Anzeige für so eine Show gesehen und frage mich, wie Annica an so etwas rankommt.)

Do it yourself-Tantra ist schon ziemlich anspruchsvoll, habe ich den Eindruck, und bevor Hörer oder Hörerin so etwas ausprobieren, sollten sie entweder genau die Tipps befolgen oder noch besser gleich einen Kurs besuchen. Alle anderen Infos, besonders die zu Indien, klingen vernünftig, aber das kann nur die Spitze des Eisbergs sein. Allein anhand dieser Tipps würde ich sicher keine Reise antreten wollen.

|200 Minuten auf 3 CDs|
http://www.luebbe-audio.de
http://www.just4women.de/

Lewis, Clive Staples – Ritt nach Narnia, Der (Die Chroniken von Narnia)

_Humorvolle Abenteuer voll Spannung und Action_

Die mehrbändigen „Chroniken von Narnia“ stehen in Großbritannien auf einer Stufe mit dem „Kleinen Hobbit“, „Alice in Wunderland“ und dem „Wind in den Weiden“. Zu Weihnachten 2005 kommt sogar eine 200 Mio. Dollar teure Verfilmung des Stoffes in unsere Kinos. Narnia ist also aktueller denn je!

Der dritte Teil der Saga berichtet von den Abenteuern eines Jungen, der ursprünglich aus Narnia kam, aber als Sklave im fernen Calormen aufwuchs. Erst als ein sprechendes Pferd namens Bree ihn mitnimmt und er ein ebenfalls entflohenes Mädchen kennen lernt, findet er seine wahre Identität heraus. Ist er ein Prinz, wie man zunächst glaubt?

_Der Autor und Narnia_

Clive Staples Lewis, der von 1898 bis 1963 lebte, war ein Freund und Kollege Professor J.R.R. Tolkiens (mehr dazu weiter unten). Dass dieser zufällige Umstand ihn auszeichnen soll, lässt darauf schließen, dass er im Bewusstsein der gegenwärtigen Leser hinter seinem bekannter gewordenen Kollegen zurückgetreten, wenn nicht sogar fast verschwunden ist. Tolkiens Stern leuchtet heller.

Dabei hat Lewis sowohl in der Fantasy als auch Science-Fiction Spuren hinterlassen. Auch in der Philosophie und Theologie schrieb er bekannte und gelobte Werke. Doch lediglich die „Chroniken von Narnia“, Fantasy für kleine und große Kinder, wurde auch verfilmt. Die Science-Fiction-Trilogie „Perelandra“, ein ambitionierter Weltentwurf, ist eben zu sperrig und dialoglastig für den heutigen Geschmack.

Viel ist in die Narnia-Romane hineingedeutet worden. Dies muss nicht alles wiederholt werden. Feststeht aber, dass die Narnia-Chroniken seit über 50 Jahren in Großbritannien zum Standard der Jugendliteratur gehören, und das sicher nicht ohne Grund – sie verbinden Abenteuer und Wunder mit einer christlichen Botschaft.

Hier kommen altbekannte Fantasythemen zum Tragen, so etwa der Gegensatz zwischen Gut und Böse. Außerdem ist Narnia eine Parallelwelt, die durch ein Tor erreicht wird; es gibt sogar Zeitreisen und andere Dimensionen. Die Bücher werden als christliche Allegorien interpretiert, aber das würde ihnen wenig gerecht: Sie sind hervorragende und bewegende Geschichten – wenn auch mit sprechenden Tieren.

Mehr Infos sind auf http://www.narnia.com und http://www.narnia-welt.de/ zu finden.

|C. S. Lewis und sein Werk bei Buchwurm.info:|

[Das Wunder von Narnia]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1858
[Der König von Narnia]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1758
[Hörbuchfassung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=356
[Der Ritt nach Narnia]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1933
[Perelandra-Trilogie]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1665
[Der Reiseführer durch Narnia]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1664
[C.S. Lewis – Der Mann, der Narnia schuf]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1980

_Der Sprecher_

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist laut Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater.

_Handlung_

Es begab sich also im Jahre 1014 Narnianischer Zeitrechnung, dass König Lune von Archenland seinen verschwundenen Sohn Prinz Cor wiederfand. Dies ist die Geschichte, wie es zu diesem glücklichen Ereignis kam, über das sich ganz Narnia freute.

In Kalormen, dem südlich Narnias und Archenlands gelegenen Staat, lebt der Fischer Arashin mit seinem Sohn Shasta. Aarashin ermuntert ihn zuweilen durch Prügel zu größeren Anstrengungen. Shasta schaut häufig sehnsüchtig nach Norden: Gibt es ein anderes Leben dort für ihn?

Ein mächtiger Ritter taucht im Dorf auf, ein |tarkaan|, der bei Arashin um Essen bittet. Es wird nicht klar, warum, aber der tarkaan will Shasta kaufen. Und wie der lauschende Junge zu seinem Erstaunen erfährt, ist er gar nicht der leibliche Sohn Arashins, sondern wurde eines Tages in einem Boot gefunden, das Arashin barg. Jetzt wird Shasta auch klar, warum er blond ist, während Arashins Haar sehr dunkel ist.

Während die Männer feilschen und Shasta von einer hohen Abkunft träumt, macht sich das Schlachtross des tarkaan bemerkbar. Es spricht Shasta an! Nanu, ein Pferd, das sprechen kann? Ja, denn es stammt aus Narnia, wo alle Tiere seit der Erschaffung des Landes durch Aslan sprechen können. Shasta darf das Pferd Bree nennen. Bree hat einen Plan: Er will aus der Sklaverei durch den tarkaan ausbrechen und nach Narnia zurückkehren. Ob Shasta nicht mitkommen wolle? Der Junge willigt mit Freuden ein. Aber kann er auch reiten? Nein, kann er nicht, aber Bree bringt es ihm in den folgenden Wochen geduldig bei.

Weil aber ein ausgebildetes Schlachtross für einen Ritter ein wertvoller Besitz ist, wird der tarkaan garantiert eine Verfolgung einleiten, wahrscheinlich sogar mit Unterstützung des Tisrok, des grausamen Königs der Kalormenen. Deshalb reiten Bree und Shasta sehr schnell. Das fällt Bree nicht schwer, denn das Gebrüll von zwei Löwen in der Nähe treibt ihn an. Das gilt auch für einen anderen Reiter, mit dem sie sich bald ein Wettrennen liefern. Jenseits einer Meeresbucht sind beide Reiter in Sicherheit und haben Zeit, einander kennen zu lernen.

Die Prinzessin Aravis ist aus dem Palast ihres Vaters, des Tisrok, geflohen, indem sie eine List anwandte. Sie misstraut Shasta zunächst, doch zuerst Bree und dann ihre Stute Wynn – die ebenfalls sprechen kann – verbürgen sich für den Jungen. Also reisen sie zusammen. Sie erzählt, sie wolle nicht an den alten Knacker von einem Großwesir verheiratet werden und in einem goldenen Käfig leben müssen. Sie will zu ihrer Freundin Lazaraleen in der nahen Stadt Tashba’an.

Als abgerissene Nomaden aus der Wüste verkleidet, betreten Aravis und Shasta die Inselstadt Tashba’an. Hoffentlich sieht man ihren Pferden nicht an, dass es ganz edle Rösser sind, die sich ein echter Nomade niemals leisten könnte. Auf dem Marktplatz schlägt das Unglück zu. Eine Gruppe von Besuchern aus Narnia schnappt sich Shasta, denn sie glauben, dass er ein gewisser „Prinz Corin aus Archenland“ sei. Shasta hat weder diesen Namen noch von diesem Land jemals gehört, muss sich aber mitschleppen lassen. Vielleicht kriegt er ja etwas Gutes zu essen. Er hat nämlich mächtigen Hunger.

Auch Aravis hat ihre Schwierigkeiten in der Stadt. Sie findet ihre Freundin Lazaraleen, die sich allerdings wundert, dass Aravis ausgerissen ist. Sie selbst hat überhaupt nichts gegen das Leben in einem Palast, selbst als Nebenfrau eines alten Knackers. Dennoch verkleidet sie Aravis als Sklavin und will sie zu einer versteckten Pforte am Fluss führen, wo Aravis entfliehen kann. Doch sie kommen nicht so weit: Der Tisrok hält Kriegsrat mit seinem Großwesir und dem Prinzen Rabadasch, während die beiden jungen Frauen in einem Versteck lauschen. Der Tisrok droht: Wenn irgendetwas von dieser geheimen Unterredung verraten wird, dann ist derjenige des Todes.

Der Grund ist einfach: Rabadasch will Archenland angreifen und danach Narnia erobern, um ewigen Ruhm zu ernten. Niemand darf erfahren, dass der Tisrok diesen Kriegszug billigt oder auch nur von dem Plan weiß, sonst wird sein Land Aslans Zorn zu spüren bekommen. Die beiden Mädchen fürchten sich: Diese Staatsgeheimnisse könnten sie das Leben kosten!

_Mein Eindruck_

„Der Ritt nach Narnia“ ist ein schlagendes Beispiel dafür, dass sich auf nur zweihundert bis zweihundertfünfzig Seiten ein unterhaltsames und spannendes Kinderbuch realisieren lässt, das bis zum Rand mit Abenteuer und Action vollgepackt ist, ohne dabei an Zauber und Hoffnung einzubüßen.

Was als ein einsames Abenteuer eines einzelnen Jungen mit seinem Pferd (oder umgekehrt, je nach Standpunkt – siehe den O-Titel) beginnt, entwickelt sich allmählich zu einer regelrechten Staatsaktion, als sich Shasta bemüht, den König von Archenland vor dem heimtückischen Angriff der Kalormenen unter Rabadasch zu warnen. Wird es ihm gelingen? Oder wird die Stadt Anvard unter dem Ansturm der Kalormenen fallen und zerstört werden? Jedenfalls gibt es als Höhepunkt – mit zahlreichen Humoreffekten – eine regelrechte Schlacht. Der Ausgang darf nicht verraten werden.

|Entdeckungen|

Einer der wichtigsten Aspekte und Pluspunkte dieses schönen Buches sind Enthüllungen und Entdeckungen. Dass Shasta herausfindet, wer er in Wirklichkeit ist, wurde ja bereits angedeutet. Aber das ist ja nur eine äußere Identität. Als viel wichtiger erweisen sich innere Qualitäten, um ein Wesen zu charakterisieren, sei es Mensch, Pferd oder Fabelwesen. Auf seinem Weg nach Narnia entwickelt sich Shasta rasch weiter und entdeckt immer neue Eigenschaften an sich – zu seiner und seiner Freunde Verwunderung, zu unserer Freude.

Sein Pferd Bree, das ihn quasi adoptierte, hingegen scheint eine gegenteilige Entwicklung zu durchlaufen. Zu Anfang erscheint es Shasta als ein imposantes Schlachtross, das sich als sein Mentor betätigt. Doch zunehmend zeigen sich an Bree gewisse Charakterschwächen, zu denen nicht nur sein Dünkel zählt, sondern – leider, leider – auch Feigheit. Bree ist über diese Fehler selbst am meisten betrübt und würde sich am liebsten umbringen oder von diesem allgegenwärtigen Löwen fressen lassen, der ständig in der Nähe lauert.

Aravis jedoch scheint sich nicht allzu sehr zu verändern. Sie ist ein selbstbewusstes Mädchen, das die Freiheit einer gesicherten Zukunft in einer Zwangsehe vorzieht. Leider verkennt auch sie, ein wenig voreingenommen und von sich selbst überzeugt, die Qualitäten Shastas und ist daher sehr über seine Unternehmungslust und seinen sozialen Aufstieg überrascht.

Die Lektion, die sich in diesen Wandlungen verbirgt, ist eine für das Leben eines Kindes oder Jugendlichen wichtige: Beurteile Menschen und andere Lebewesen nicht nach dem Anschein oder so, wie du sie dir vorstellen möchtest, sondern danach, was ihre inneren Qualitäten sind.

(Gestern habe ich wieder einmal [„The Lord of the Rings“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1330 gehört und da geht es im Kapitel „Der verbotene Teich“ intensiv um Faramirs Qualitäten: Wird er Frodo den Einen Ring rauben und ihn seinem Vater als Waffe im Kampf gegen Sauron übergeben? Oder wird Faramir Frodo den Ring lassen und ihn Gandalfs und Elronds Auftrag ausführen lassen, den Ring im Schicksalsberg zu zerstören? Es ist eine Schicksalsfrage mit weit reichenden Folgen. Sie wird in Buch und Jackson-Verfilmung unterschiedlich beantwortet.)

|Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit Gott?|

Eine ganz andere Frage ist die nach dem Wesen von Aslan, dem Löwen, der Narnia erschuf und es bis zur Gegenwart hütet. Wenn Aslan eine Inkarnation Gottes ist und er hinter all diesen Geschehnissen heimlich die Fäden gezogen hat, wo bleibt dann der freie Willen des Menschen? Das ist eine eminent wichtige theologische Frage, die Konsequenzen für Ethik und Moral hat. C.S. Lewis hätte sie wohl so beantwortet: Aslan manipuliert zwar die Ereignisse, doch rechnet er stets mit dem inneren Wesen des oder der Menschen, dass diese sich ihre eigenen Antriebe in die gewünschte Richtung bewegen bzw. lenken lassen. Ist Gott also eine Art Motivationshilfe? Es hat schon schlechtere Bilder von Gott gegeben.

|Der Sprecher|

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie kenntlich zu machen. Und das sind eine ganze Menge unterschiedlichster Stimmen: Löwen, junge Frauen, wiehernde Pferde, wütende Beduinen, gebrechliche Einsiedler, selbstverständlich auch Zwerge und Faune.

Außerdem kommt dem Sprecher die moderne Technik zu Hilfe. Mal erklingen die Stimmen unisono, mal stereo, (oder trio) dann wieder mit einem Halleffekt. So ist für Abwechslung gesorgt. Bei nur vier CDs kann man in dieser Hinsicht nicht viel falsch machen. Aber es ist trotzdem eine Menge Text: fast fünf Stunden.

|Das Booklet …|

… weist nicht nur ein schönes neues Cover auf, sondern enthält auch eine Tracklist mit den Titeln der 17 Kapitel sowie Informationen über den Autor und den Sprecher. Dass sich auch jede Menge Werbung für weitere Narnia-(Hör-)Bücher findet, dürfte wohl nicht verwundern. Übrigens wird das Cover-Motiv auf den CDs selbst wiederholt, was das Einlegen und Abspielen auch zu einem optisch schönen Erlebnis macht.

_Unterm Strich_

Für Kinder ist dieses Hörbuch ein ideales Geschenk, das es durchaus mit Tolkiens „Kleinem Hobbit“ aufnehmen kann. Die Interpretation durch den Sprecher macht das Zuhören zu einem Erlebnis, dem man mit Spannung folgt. „Der Ritt nach Narnia“ ist ein unterhaltsames und spannendes Kinderbuch, das bis zum Rand mit Abenteuer und Action voll gepackt ist, ohne dabei an Zauber und Hoffnung einzubüßen. Es wartet mit zahlreichen Überraschungen, einer veritablen Schlacht und einer freudigen Entdeckung auf. Außerdem weist es so viel lehrreichen Humor auf, dass das Lesen oder Hören richtig Spaß macht und der junge Leser bzw. Zuhörer dabei etwas fürs Leben lernt.

|Die Übersetzung …|

… stammt nicht mehr von Lisa Tetzner (angefertigt 1982), sondern von Ulla Neckenauer. Sie klingt nicht mehr so betulich und antiquiert, sondern straff und modern. Aber es gibt immer noch ein paar Stolpersteine für junge Leute, die mit den ulkigen deutschen Wortformen des Konjunktivs nicht vertraut sind. Sie werden sich wohl fragen, was denn, bitteschön, „einlüde“ bedeutet. Dabei handelt es sich um den Konjunktiv II von „einladen“. Sie würden heute also „würde einladen“ sagen, jedenfalls in der Umgangssprache. Aus dieser ist der altehrwürdige Konjunktiv II fast völlig verschwünden, weil er so gestelzt klingt.

|Originaltitel: The Horse and His Boy, 1954
Aus dem Englischen übersetzt von Ulla Neckenauer
291:45 Minuten auf 4 CDs|

Heitz, Markus – Sanctum (Lesung)

Werwolfhatz: Vernichten oder heilen?

RITUS: Im südfranzösischen Gévaudan treiben 1764 jahrelang Werwölfe ihr Unwesen und die Wildhüter suchen Wege, um sie nicht nur zu töten, sondern auch von ihrem Übel zu heilen. Im Jahr 2004 hat ein Nachfahre dieser Wildhüter mehrere blutige Begegnungen mit den Werwölfen. In St. Petersburg stößt er sogar auf einen „Orden des Lykaon“, dessen Mitglieder sich liebend gerne zum göttlichen Werwolf machen lassen. Doch den wichtigsten Werwolf überhaupt findet Eric von Kastell nicht in St. Petersburg, wo er sich verliebt hat, sondern in Kroatien, wo seine Liebe vom Werwolf gebissen wird …

Fortsetzung SANCTUM: Nach Rom führen im Jahr 2004 die Spuren einer Verschwörung, in deren Mittelpunkt Eric von Kastell steht, der Werwolfjäger. Immer wieder stößt er auf das Vermächtnis einer Frau, die im 18. Jahrhundert um ihr Leben kämpfte: Gregoria, die Äbtissin eines entweihten Klosters. Eric und Gregoria sind untrennbar verbunden durch die heiligste Substanz, die sich auf Erden findet: das Sanctum. Es kann Wunder wirken – oder den Tod bewirken …

Der Autor

Markus Heitz, geboren 1971 im saarländischen Homburg, studierte und unterrichtete Germanistik und Geschichte und arbeitete als Journalist bei der Saarbrücker Zeitung. Sein Aufsehen erregender Debütroman „Schatten über Ulldart“ wurde mit dem |Deutschen Phantastik-Preis| ausgezeichnet. Seit dem Bestseller „Die Zwerge“ gehört Heitz zu den erfolgreichsten deutschen Fantasy-Autoren. Er lebt in Zweibrücken in Rheinland-Pfalz. „Die Zwerge“ hat er ebenso fortgesetzt wie das inzwischen mehrbändige Ulldart-Epos.

|Markus Heitz auf Buchwurm.info:|

[Interview mit Markus Heitz]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=56
[„Schatten über Ulldart“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=381 (Die Dunkle Zeit 1)
[„Trügerischer Friede“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1732 (Ulldart – Zeit des Neuen 1)
[„05:58“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1056 (Shadowrun)
[„Die Zwerge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2823
[„Die Zwerge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2941 (Hörbuch)
[„Die Rache der Zwerge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1958
[„Der Krieg der Zwerge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3074
[„Die dritte Expedition“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2098
[„Ritus“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2351 (Buch)
[„Ritus“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3245 (Hörbuch)
[„Sanctum“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2875 (Buch)
[„Die Mächte des Feuers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2997

Der Sprecher

Johannes Steck, geboren 1966 in Würzburg, ist Absolvent der Schauspielschule Wien. Von 1990 bis 1996 hatte er Engagements an verschiedenen Theatern. Dem breiten Publikum ist er vor allem aus dem TV bekannt. Er spielte in zahlreichen TV-Serien. Steck arbeitet zudem als Radio-, Fernseh- und Synchronsprecher. Er hat schon diverse Hörbücher gelesen.

Die Aufnahme erfolgte im Tonstudio Steck in Hechendorf/Oberbayern. Schnitt und Mastering erledigte das MajorSoundStudio in München. Toningenieur war Tom Klenner unter der Tonregie von Hardy Meiser.

Es wird zwar nirgends angegeben, aber vermutlich handelt es sich um eine gekürzte Textfassung, die Steck vorträgt.

Vorgeschichte

„Ritus“ besteht aus zwei Handlungssträngen, die einander abwechseln.

Im Jahr 2004 erfährt der Werwolfjäger Eric von Kastell, dass sein Vater Johann von den langjährigen Feinden seiner Familie entführt worden sei. Der Obermotz sei diesmal ein Typ, der sich den Namen des ägyptischen Kriegsgottes Upuaut zugelegt habe. Eric eilt sofort zum Tatort und macht aus der Villa des Gegners Kleinholz, allerdings kann er das Leben seines Vaters nicht retten.

In einem verborgenen Raum der elterlichen Villa hat Erics Vater ein Labor eingerichtet, um das Heilmittel für den Wahnsinn des Werwolfs zu entwickeln. Eric benötigt das Medikament selbst, denn die Bestie schlummert auch in ihm und will rausgelassen werden. Die Rezeptur basiert auf einem Dokument der Familie, das sie aus dem 18. Jahrhundert geerbt hat. In Erics Abwesenheit zerstört ein anderer Werwolf das Archiv ebenso wie das Labor. Dieser Werwolf nennt sich Fauve (frz. für „der Wilde“). Wer verbirgt sich dahinter?

In St. Petersburg ereignet sich eine Werwolfmordserie, und Eric fliegt sofort hin. Am Tatort fällt ihm der Wolfsgeruch einer jungen Frau auf und er folgt ihr in ein Viertel der Einheimischen. Vor einem bestimmten Haus ruft sie nach einem Mann namens Nadolny: Der Gerufene kommt aus einem Fenster des zweiten Stocks heruntergesegelt und knallt auf aufs Pflaster. Wurde er gestoßen? Der Verdacht liegt nahe, denn ein Maskierter beschießt die Frau. Eric greift ein und bringt sie in Sicherheit. Sie stellt sich als Lena vor, eine Wolfsforscherin. Doch sein Wissen und seine bemerkenswerten Verteidigungskünste machen sie stutzig. Nach einem kurzen Intermezzo in dem Landhaus entwischt sie wieder.

Sein Hausmeister und Faktotum Anatol identifiziert die Silberkette, die Eric einem der überwältigten Gegner abgenommen hat. Das Medaillon stellt Symbole dar, die sich auf den antiken König Lykaon beziehen, der von Zeus zur Strafe für einen Frevel in einen Wolf verwandelt wurde. Die Träger dieses Medaillons nennen sich „Der Orden des Lykaon“ und verehren Werwölfe so sehr, dass sie selbst zu diesem göttlichen Wesen werden wollen. Na, toll, denkt Eric. Und wo ein Orden ist, gibt es bestimmt auch eine Konkurrenzveranstaltung. Da hat er ganz Recht, und er merkt es spätestens dann, als er zwischen die Fronten gerät. Aber zunächst muss er Lena, die Wolfsforscherin, wiederfinden.

Südfrankreich, Gévaudan, 1764 bis 1767

Es hat schon immer Wölfe in der waldreichen Gebirgslandschaft des südfranzösischen Gévaudan gegeben, doch unter den neuesten Opfern dieser Tiere sind auch Menschen. Der Wildhüter Jean Chastel ist für diese Sache zuständig, und er nimmt seine beiden Söhne Antoine, 20, und Pierre, 26, mit auf die Jagd. Die beiden Halbwaisen sind wie Sonne und Mond, völlig verschieden: Pierre ist besonnen, fromm und freundlich, doch Antoine ist ein Bruder Leichtfuß und Schürzenjäger, der auch Kinder nicht verschmäht.

Nun hängt da ein sehr merkwürdiger Wolf in ihrer Falle. Er hat abnorm große Reißzähne und statt einer normalen Pfote sind Katzenkrallen zu sehen. Als Antoine ihn vorwitzig abschneiden will, warnt ihn sein Vater. Doch dieser Wolf öffnet wieder die Augen. Und als eine zweite Bestie angreift, um sich auf die Wildhüter zu stürzen, wird auch Pierre verwundet. In dem folgenden wütenden Kampf verjagt Jean die Bestie, doch seine beiden Söhne sind bewusstlos und bluten aus vielen Wunden. Der erste Wolf hat sich in einen 60-jährigen Mann rückverwandelt, den Jean in den nahen Bach wirft. Die Wunden seiner Söhne desinfiziert Jean durch Ausbrennen, doch es ist bereits zu spät. Die Seuche der Wandelwesen verrichtet in ihnen bereits ihr teuflisches Werk.

Drei Jahre vergehen. Zu seinem Entsetzen muss Jean Chastel feststellen, dass sein Antoine definitiv zum Werwolf geworden ist. Und auch sein Sohn Pierre zeigt alle Merkmale eines solchen Wahnsinns. Leider können sie sich nicht erinnern, was sie in ihrer anderen Gestalt getan haben, und ihre Wolfskräfte reichen aus, die Ketten zu sprengen, in die Jean sie legt. Antoine hat zudem die Fähigkeit, mit seinen roten Werwolfaugen jeden Menschen hypnotisieren und willenlos machen zu können.

Verzweifelt sucht Jean nach einem Heilmittel, denn er bringt es – noch – nicht übers Herz, seine Söhne zu töten. Er wendet sich an einen Kurpfuscher, der ihm eine Rezeptur für gutes Geld verkauft, aber um die Tinktur herzustellen, braucht er eine Art Apotheker. Die Äbtissin des Klosters St. Gregoire, Gregoria, ist solch eine Kräuterkundige. Zwischen ihr und Jean erblüht im Laufe der Jahre eine heftige Liebe. Und Pierre Chastel verliebt sich in Gregorias Mündel Florence Taupin, die Tochter einer unehelichen Liebschaft einer Adligen. Dadurch bringt er sie in Gefahr, denn auch sein Bruder Antoine ist scharf auf die Braut.

Äbtissin Gregoria macht einen verhängnisvollen Fehler. Sie schreibt einen Brief an den Heiligen Vater in Rom und bittet um Hilfe gegen die Werwolfplage. Als Antwort erscheint ein päpstlicher Legatus: Giacomo Francesco jagt nicht nur Werwölfe, sondern auch Ketzer. Und da er üble Gerüchte über die Familie Chastel hört, geraten die drei Männer schon bald in sein Visier. Als Köder für die Bestie hat sich Francesco etwas ganz Besonderes ausgedacht. Nachdem er sein blutiges Werk verrichtet hat, entführt er die schwangere Florence nach Rom, um sie für seine eigenen Pläne einzusetzen.

Handlung von „Sanctum“

Jean Chastel vermutet, dass der Sohn Francois seines Dienstherrn, des Marquis de Morangier, ein Werwolf ist. Der Marquis dementiert, doch Chastel insistiert, und schließlich gibt der Marquis es zu. Francois sei ein Wandelwesen, doch inzwischen vor der Verfolgung durch Chastel geflohen – nach Rom vermutlich. Chastel soll Francois schnell töten, bevor noch mehr Menschen zu Schaden kommen. Ausgestattet mit Geld und nach einem gefühlvollen Abschied von seiner geliebten Gregoria macht sich Chastel auf den Weg in die Ewige Stadt. Doch Gregoria bricht ihr Versprechen, sich von Rom und den Werwölfen dort fernzuhalten. Sie will dort ihr Mündel Florence suchen, das der Legatus entführt hat.

Deshalb sehen sie sich ein Vierteljahr später in Rom wieder. Gregoria hat inzwischen vergeblich versucht, beim Papst vorzusprechen, aber durch den Kontakt ist eine klerikale Gruppe auf sie aufmerksam geworden, die gegen den aktuellen Papst, eine Marionette der Jesuiten, intrigiert. Diese Gruppe unter einem Kardinal, der sich „Impegnio“ nennen lässt und sich hinter einer Maske versteckt, versucht einen Orden von Frauen aufzubauen, die überall an den Fürstenhöfen Europas den Einfluss der Jesuiten zurückdrängen sollen. Impegnio hat sich Gregoria, eine im Organisieren erfahrene Äbtissin, auserkoren, den Orden zu leiten. Schon vierzig Novizinnen und fünf Seraphim, Kriegerinnen, stünden bereit. Nach einem halben Jahr Ausbildung wolle Impegnio sie aussenden.

Doch wer soll diese Frauen ausbilden, beispielsweise in Kampf- und Spionagetechniken? Da kommt Jean Chastel wie gerufen. Er trainiert die fünf Seraphim und trägt dabei so manche Blessur davon, denn sie haben wirklich etwas auf dem Kasten. Damit sie die Kenntnisse, die er ihnen vermittelt, in die Praxis umsetzen können, bevor er sie nach dem edlen Wild Francois de Morangier suchen lässt, pirscht er mit ihnen im Armeleuteviertel Trastevere.

Trastevere ist das Revier einer seltsamen Bestie. Das huschende Wandelwesen ist wegen der Geschwindigkeit, mit der es sich bewegt, kaum je zu sehen, doch für Chastel scheint es die Gestalt eines schwarzen Panthers zu besitzen. Das ist definitiv nicht der gesuchte Francois, doch um wen handelt es sich dann? Bei der Verfolgung des Panthers legt sich eine der Seraphim besonders ins Zeug, als sie einen Verdächtigen über die Dächer verfolgt, doch als der Panther auftaucht und den Verdächtigen, einen Kontaktmann von Francois, für sich beansprucht, hat die Seraphim keine Chance. Chastel kann sie gerade noch vor dem Absturz vom Dach bewahren.

Es gelingt ihm, den Panther auf der Straße zu stellen, doch auch hier zieht er den Kürzeren. Erst sehr viel später findet er heraus, dass der Panther selbst ein Feind von Francois ist. Das ist aber die einzige Gemeinsamkeit, die sie zu Verbündeten werden lässt. Unterdessen bricht Gregoria in das Büro des feindlich gesonnenen Kardinals Rotonda ein und entdeckt dort einen sorgsam verborgenen Schatz: Adressen, Namenslisten, Berichte – sogar sie selbst ist darin verzeichnet. Endlich hat sie eine echte Chance, Florence zu finden. Die Spur führt in die labyrinthartig verzweigten Katakomben von Rom. Wer weiß, wohin sie sie führen mögen.

Im Jahr 2004

Erik von Kastell hat nur zwei Ziele im Leben: Seine geliebte Lena wiederzubekommen und die letzten verbliebenen Werwölfe zu jagen, wo er sie findet. Beide Ziele miteinander zu vereinen, stellt sich als gar nicht so einfach heraus.

Gregorias im 18. Jahrhundert gegründeter Orden wird inzwischen von Schwester Faustitia geführt. Sie hält Lena in einer Zelle gefangen – gefesselt, denn auch Lena ist ein Wandelwesen geworden. Faustitia hat vor, wie es ihr Orden verschreibt, Lena zu heilen statt sie zu vernichten. Dazu verfügt der Orden seit den Tagen von Kardinal Impegnios Geschenk über ein Quantum an heiligster und rarer Flüssigkeit: das Sanctum. Das Blut Christi treibt nicht nur den Werwolfsdämon aus, sondern kann gewisse Personen sogar unverwundbar machen. Doch manchmal geht die Behandlung auch daneben, dann stirbt der Patient. Erik betet, dass Lena überlebt, und droht Faustitia mit schrecklichen Konsequenzen, falls nicht.

Im kroatischen Nationalpark Plitvice, dort, wo er schon zuvor auf Werwölfe in freier Natur gestoßen ist, findet er ein Medaillon, das, wie seine Recherche ergibt, das Familienwappen der römischen Rotondas trägt. Die Rotondas waren gespalten, einerseits in eine weltliche, kaufmännische Linie – hier herrscht heute Maria Magdalena über einen Konzern. Doch der anderen Linie gehörten seit der Seeschlacht von Lepanto im Jahr 1571 streitbare Gefolgsleute des Vatikans an, die den christlichen Glauben gegen Andersgläubige – bei Lepanto gegen die Türken – verteidigen. Gregoria könnte Erik einiges über den ihr persönlich bekannten Kardinal Rotonda erzählen.

Erik fordert den Nachfahren Rotondas, einen Padre, unerschrocken heraus. Dabei erschnuppert er an dessen Soutane den unverkennbaren Geruch eines Werwolfswelpen. Was haben die Rotondas mit den Wandelwesen zu schaffen? Kaum ist Erik wieder in seinem römischen Quartier, als nicht nur seine Schwester Justine, sondern auch seine One-Night-Stand-Geliebte Severina auftaucht. Herrje, weiß denn hier jeder über sein Versteck Bescheid?

Doch gleich darauf dringt eine schwer bewaffnete Truppe von Söldnern in die Villa ein und nimmt alles aufs Korn, was nach Erik von Kastell aussieht. Sie werfen sogar Handgranaten! Offenbar mangelt es Padre Rotonda weder an Reaktionsfähigkeit noch an Rücksichtslosigkeit, wenn er einen Schnüffler wie Erik ausschalten will. Doch Erik bietet ihm in jeder Hinsicht Paroli …

Mein Eindruck

Wie schon der Vorgängerband „Ritus“ ist auch „Sanctum“ vollgepackt mit atemloser Action, die nur hin und wieder mit romantischen Szenen abwechselt. Statt mich wie „Ritus“ anzuwidern, bietet „Sanctum“ aber genügend Szenen zwischen vernünftigen (halbwegs) menschlichen Wesen, dass man sich in die Lage dieser Akteure versetzen kann und mit ihnen fühlt.

Der Roman wird seinem Titel vollauf gerecht, denn das „Sanctum“ genannte Blut Christi, das er angeblich am Kreuz vergoss, spielt eine große Rolle in Gregorias und Faustitias Versuchen, Menschen, die von der Bestie besessen sind, zu heilen, so etwa Lena und Erik. Man muss schon eine Menge mystischen Glauben mitbringen, um an die Heilkraft dieser Substanz – die sich mitunter als Fake entpuppt – zu glauben. Allerdings trifft diese Anforderung an die Gutgläubigkeit des Lesers für die Mehrzahl aller Fantasyromane zu.

Weibliche Kreuzritter

Interessant finde ich die Idee eines weiblichen Kreuzritterordens – denn nichts anderes sind die Seraphim. Einen solchen Orden streitbarer Nonnen habe ich bereits in Eric Van Lustbaders Roman „Schwarzer Clan“ (O-Titel: „Second Skin“) gefunden, wo bestimmte Frauen nicht nur Unterschlupf vor ihren Feinden (z. B. der Mafia) finden, sondern sogar den Spieß umdrehen, um dem Werk ihrer Feinde entgegenzuwirken, meist auf diplomatischem Wege, mit den Waffen einer Frau.

Aber die Seraphim in „Sanctum“ sind lediglich keusche Ritterinnen, die meines Wissens kein Gegenstück in historischen Zeiten haben, außer in Jeanne d’Arc. Man würde sie ansonsten als „Amazonen“ bezeichnen, doch die eigentlichen Amazonen waren bekanntlich Sagengestalten aus den Schriften griechischer Schreiber. Wie auch immer: Die Seraphim spielen eine aktive und dynamische Rolle für den Plot um Jean Chastel und seinen Nachfahren Erik von Kastell.

Terrorismus

Sie engagieren sich in der Bekämpfung sowohl der Wandelwesen und ihrer Heilung als auch im Kampf gegen diejenigen kirchlichen Kräfte, welche die Wandelwesen zum Zweck der Stärkung des Glaubens missbrauchen wollen. Dieses Motiv mutet recht modern und aktuell an, denn die Wandelwesen dienen dem Terrorismus. Schüchtert man die Gläubigen nur genügend mit Terror ein, so werden sie sich schon wieder den entsprechenden Autoritäten zuwenden, die ihnen Heil und Erlösung versprechen. Im 18. Jahrhundert, so Kardinal Impegnio, seien dies die Jesuiten gewesen, doch im 21. Jahrhundert sind es skrupellose Kirchenleute, denen leider nicht weiter auf den Grund gegangen wird. Das Medaillon des Padre Rotonda legt den Verdacht nahe, dass er dem „Orden des Lykaon“ angehört.

Werwolf-Lover

Etwas kurios mag dem Hörer die Sekte dieser Lycaoniten anmuten. Sie beziehen sich auf den antiken König Lykaon, der von Zeus zur Strafe für einen Frevel in einen Wolf verwandelt wurde. Die Träger solcher Medaillons nennen sich „Der Orden des Lykaon“ und verehren Werwölfe so sehr, dass sie selbst zu diesem göttlichen Wesen werden wollen. Alles, was es dazu braucht, ist ein Biss vom Werwolf – oder eines anderen Wandelwesens.

Das Auftreten der Lycaoniten führt zu einer der zahlreichen bizarren Szenen in „Sanctum“. Die Seraphim haben Francois, den fiesen Entführer Florences, gestellt und mit Kugeln durchsiebt. Das hilft aber nichts, denn erst muss ihn das Silber vergiften, bevor er draufgeht. Bevor es so weit ist, tauchen jedoch die Lycaoniten auf und verdrängen die Seraphim. Chastel und Sarai verstecken sich und beobachten das Geschehen fassungslos. Die Sektenanhänger operieren Francois die Silberkugeln heraus, so dass er mit Hilfe seiner Werwolfkräfte genest. Dann soll er sie mit seinem Biss segnen. Er hat jedoch kaum Zeit, ihnen diesen Gefallen zu tun, da rückt auch schon die Stadtwache an und vertreibt die Ordensmitglieder – und mit ihnen geht Jean Chastel auch Francois durch die Lappen.

Vampirismus

Diese Szene erinnert so stark an Vampirismus, dass sich zahlreiche Parallelen ziehen lassen. Vampirismus muss wohl nicht näher beschrieben werden: Es ist ebenfalls eine Seuche, die durch Biss etc. übertragen wird. Die Legende will es, dass Vampire über diverse übermenschliche Kräfte und Eigenschaften verfügen, so etwa Unsterblichkeit, große physische (Selbstheilungs-)Kraft, Hypnose, Gestaltwandlung usw. Verknüpft man die Merkmale der Krankheit mit denen eines übermenschlichen Wesens, erhält man ein verehrungswürdiges Wesen, dessen Kräfte man erben kann. Dummerweise sind diese Wesen allesamt von Dämonen besessen und nicht von Engeln. Das macht auch die Verehrer wie die Lycaoniten zu Dämonen.

Engel und Dämonen

Was nun ein Dämon ist und was ein Engel, darüber entscheiden die Experten. Und diese sind allesamt Kirchenleute, versteht sich, beispielsweise die Äbtissin Gregoria und ihre Ordensfrauen. Das macht die Bekämpfung der Wandelwesen zu einer heiklen Angelegenheit, wie man sieht: Denn wo Gregoria bekämpfen und heilen will, da wollen andere Kirchendiener missbrauchen. Entscheidend ist der Zweck, der die Mittel heiligen soll.

Was will Gott?

Auffallend ist jedoch, dass sich die Angehörigen der christlichen Kirche nie die Frage stellen, ob die Lykanthropie – also das Phänomen der Wandelwesen – ein Geschenk Gottes sein könnte. Die Lycaoniten beantworten diese Frage bedenkenlos mit ja. Wenn sie aber ein Gottesgeschenk wäre, würfe dies jede Menge moralische Fragen nach der Berechtigung des Kampfes gegen die Werwölfe auf.

Es ist die alte Frage: Wenn die Christenheit mit der Pest (ersetze: Vampirismus, Lykanthropie usw.) gegeißelt wird, die sicherlich in den Plan Gottes gehört, dann muss es sich um eine Strafe für die Sünden ebendieser Christenheit handeln, denn sonst wäre Gott ein Verbrecher (oder ein skrupelloser Spieler, wie manche meinen). Indem der Autor diese Frage ausklammert, erspart er seinen Figuren eine moralische Selbstquälerei, und auf die verzichtet der Leser bzw. Hörer gerne dankend.

Agententhriller

Der Umstand, dass sich die Werwölfe usw. ständig verwandeln, macht es dem Helden nicht gerade einfach, sie zur Strecke zu bringen. Das haben die Werwölfe mit den Agenten à la Bond und Bourne und ganz besonders mit unserem Mann auf der „Mission impossible“ gemeinsam. Die Kammerjäger in Sachen Wandelwesen, also Chastel und Erik, sind auf ihren Instinkt angewiesen, um den Übeltäter zu fassen, sowie auf ihre Kombinationsgabe. Natürlich gelingt es dennoch einem Wandelwesen, Erik zu überlisten. Hinzu kommt, dass Erik in sich gespalten ist und die Bestie in sich im Zaum halten muss. (Es sei denn, er will buchstäblich „die Sau rauslassen“.) Und so kommt es wie in jedem ordentlichen Agenthriller zu einem unvorhergesehenen Showdown mit einer Nemesis aus der Vergangenheit. Namen dürfen nicht genannt werden.

Der Sprecher

Johannes Steck gelingt es, die Figuren sehr gut zum Leben zu erwecken. Er schafft es nämlich, durch die Modulation seiner Stimme jeder Figur ihre passende Charakteristik zu verleihen. So sind die „Beamten“ des Papstes stets hochnäsig und Kardinal Rotonda sogar hinterlistig. Auch Kardinal „Impegnio“ ist solch ein zwielichtiger Charakter – man hört förmlich sein falsches Lächeln. Ganz besonders arrogant ist der Comte Francois, seines Zeichens skrupelloser Werwolf, doch bei ihm kommt auch noch Hass auf Chastel hinzu.

Die beiden Hauptfiguren der Handlung im 18. Jahrhundert, Gregoria und Jean Chastel, setzen den Standard für Normalität, von dem sich andere Figuren abheben. Chastel hat eine tiefe Tonlage und spricht stets energisch, außer natürlich, wenn er verwundet ist. Gregoria spricht ihn stets sehr sanft an, außer wenn es um ihr Kind geht (huch, das wollte ich jetzt nicht verraten!). Da wird sie sehr entschlossen. Erik hat interessanter- und passenderweise die gleiche Stimmlage wie Chastel und drückt sich auch so aus: mal aggressiv und drohend, dann wieder (scheinbar) schwach und verwirrt.

Alle Stimmlagen und Ausdrucksweisen sind situationsabhängig, denn nur so kann ein einigermaßen realistischer wie auch dramatischer Eindruck von den Gefühlen der Figuren vermittelt werden. In den zahlreichen Kämpfen, in die Chastel und Erik verwickelt werden, herrschen also aggressive Töne vor, während in erotischen Situationen sanfte und verführerische Klänge den Ton angeben. Steck schreckt auch nicht vor lauten Rufen oder einem gelegentlichen Fluch wie „Fuck!“ nicht zurück.

Johannes Steck hat insgesamt ein sicheres Gespür dafür, welcher Ausdruck in welcher Lage angebracht ist. Schon bald kann sich der Hörer diesem akustischen Drama nicht mehr verschließen und lauscht gebannt, was als nächstes passiert.

Für den realistischen Eindruck sind auch der richtige Akzent und die korrekte Aussprache von Bedeutung. Hier erreicht Steck hundert Punkte und ich ziehe meinen Hut. Dass jemand Italienisch und Französisch derart einwandfrei beherrscht, habe ich bislang selten gehört. Und einen russischen oder kroatischen Akzent schafft er mit links, indem er einfach das R ein wenig tiefer rollen lässt. Warum er aber „Lycaoniten“ mit S ausspricht, also „lüsaoniten“, kann ich nicht nachvollziehen.

Geräusche und Musik gibt es keine, also brauche ich kein Wort darüber zu verlieren.

Der einzige Punkt an dieser Hörbuchproduktion, der mich etwas frustrierte, waren die elend langen Laufzeiten der CDs. 85 Minuten sind 6-10 Minuten mehr als die durchschnittliche Laufzeit von Hörbuch-CDs (von Hörspielen ganz zu schweigen, die im Schnitt zwischen 55 und 70 Minuten lang sind).

Unterm Strich

Man sollte es kaum für möglich halten, aber dieser Band ist sogar noch actionreicher als sein Vorgänger, und diese Action kann es ohne weiteres mit James Bond oder Jason Bourne aufnehmen. Denn hier kämpfen ja nicht menschliche Männer und Frauen, sondern Wandelwesen mit übermenschlichen Kräften, die sich unversehens in ihre Tiergestalt verwandeln und umgekehrt.

Drängte sich „Ritus“ noch der Sex aufdringlich in den Vordergrund, so muss dieses Element nun zugunsten der Romantik zurücktreten, nicht selten sogar zugunsten der Tragik oder Melodramatik, so etwa wenn der sichtlich angeschlagene Werwolfbekämpfer Erik über seiner schlummernden Lena Besserung gelobt (hach!). Oder wenn Chastel seiner Gregoria ein letztes Mal in die Augen blickt, bevor seine eigenen brechen (schnüff!).

Das Hörbuch wird von Johannes Steck sehr lebendig und engagiert gestaltet. Er erweckt besonders gut in den jeweiligen Situationen zum Leben, und auch in der Charakterisierung ist er meist erfolgreich, besonders bei den Bösewichten. Die Damen hingegen sind mir relativ blass und farblos in Erinnerung, denn es gibt nur wenige Frauenfiguren wie Faustitia oder Gregoria die den Mund aufmachen dürfen, um ihr männliches Gegenüber zurechtzuweisen. Die sanfte Tonart ist eher die Stimmlage der Frauen, und ganz besonders dann, wenn sie den Helden zu verführen versuchen …

Einziger Wermutstropfen ist die Überlänge der CD-Laufzeiten. Das wird aber dadurch kompensiert, dass der Verkaufspreis mit knapp 22 Euro für sechs CDs außergewöhnlich günstig ausgefallen ist.

506 Minuten auf 6 CDs
http://www.ame-hoeren.de/

Alexander, Lloyd – Taran – Das Buch der Drei

Dies ist der erste Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der US-amerikanische Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy-Geschichte für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Handlung_

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das titelgebende „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Der Findling Taran kennt seine Eltern nicht, was schon mal ein gutes Zeichen ist: So fangen Heldengeschichten an. Er denkt sich aber nichts dabei. Doch seine Aufgabe als Hirt der Schweine stellt sich plötzlich als ziemlich wichtig heraus, denn Hen Wen, das weiße Hauptschwein, ist ein Orakel, wie er zu seiner größten Verblüffung erfährt. Auf seiner Jagd hinter dem ausgebrochenen Schwein her gerät er tief in den Wald, stößt auf den bösen gehörnten König, wird aber von einem unscheinbaren Waldläufer vor dem Tod bewahrt.

Der Waldläufer entpuppt sich als Fürst Gwydion, der mindestens so berühmt ist wie der Hochkönig und der böse König der Anderswelt Anuvis, Arawn. Und der freundliche Gwydion klärt Taran auf, was es mit dem Orakelschwein Hen Wen auf sich hat und was er selbst, so fern von seiner heimatlichen Burg, im Wald zu suchen hat. Im schönen Prydain (= Britannien) sind die Zeiten rau geworden und es braut sich etwas zusammen.

Ein kleines Waldwesen namens Gurgi, halb Mensch, halb Tier, weist ihnen den weiteren Weg. Sie stoßen zwar nicht auf das Schwein, doch auch der Anblick des Heerlagers des Gehörnten Königs verschlägt ihnen den Atem: Hier sammelt sich eine Armee, um Prydain zu überfallen und alle zu unterjochen. Sogar untote Krieger sind zu sehen, und von denen werden die beiden Neugierigen gefangen genommen.

Wider Erwarten landen sie nicht bei dem beobachteten Heer, sondern im Schloss der Zauberin Achren, deren verführerische Schönheit Taran zunächst betört. Wenig später findet er sich eingesperrt in einer Kerkerzelle wieder. Er hat schon mit dem Leben abgeschlossen, als ihm eine goldene Kugel durchs Fenster vor die Füße fällt und eine Mädchenstimme ihn auffordert, ihr den leuchtenden Ball zurückzugeben. Es ist die geschwätzige und aufgeweckte Eilonwy, die ehrliche Nichte der bösen Zauberin. Sie kennt nicht nur den Weg aus Tarans Gefängnis, sondern auch den zu seinem Herzen.

Aber das ahnen beide noch nicht, doch es wird ihnen rechtzeitig auffallen, dass sie füreinander bestimmt sind. Doch was wird aus Prydain, das von der Bedrohung nichts ahnt?

_Mein Eindruck_

Der erfundene Schauplatz ähnelt jenem mythischen Wales, das dem Fantasykenner aus der Geschichtensammlung des „Mabinogion“ aus dem 14. Jahrhundert bekannt ist. Doch die Legenden beruhen auf mündlich überlieferten Erzählungen, die weit älter sind und noch aus der keltischen Kultur kommen.

Insbesondere der vierte Zweig des Mabinogi mit dem Titel „Math Son of Mathonwy“ bietet zahlreiche Referenzen, die der Autor verwendet. Dazu gehört der gesamte Komplex, der mit dem Recken Gwydion und seinem Onkel Math in Caer Dathyl zu tun hat. Math herrscht über einen Großteil von Wales. Sein Widersacher ist Arawn, der Fürst der Unterwelt Annuvis. Leider macht der Autor aus den vielschichtigen Vorlagen zu den Figuren Gwydion und Arawn nur ein schwarz-weißes Paar aus Gut und Böse. Alexander vereinfacht, vielleicht zu Gunsten der kindlichen Verständnismöglichkeiten.

|Die Freunde|

Die Handlung hat etwas von einer Achterbahnfahrt an sich. Der Held, der zunächst als „hässliches Entlein“ vorgestellt und von zwei mächtigen Gestalten, einem Schmied und einem Merlin-ähnlichen Zauberer, beschützt wird, erwirbt sich diverse Gefährten, die ihm helfen, wenn er sich mal wieder überschätzt hat. Insbesondere Eilonwy ist mit ihrer spitzen Zunge eine ständige Quelle von Freude und Witz, auch wenn sie einen Mann damit schnell in den Wahnsinn treiben könnte.

Auch Fflewdur Fflam, ein ehemaliger König, der jetzt als Barde durch die Lande zieht, ist interessant. Er hat vom Ober-Barden Wales‘, dem berühmten Taliessin, eine magische Harfe erhalten, doch ihre Saiten reißen, sobald ihr Besitzer auch nur die geringste Unwahrheit erzählt – wozu Barden und Dichter von Natur aus neigen. Fflam hat also immer gut zu tun, seine Harfe in Schuss zu halten.

Das Waldwesen Gurgi weiß ebenfalls zu faszinieren. Dieser keltische Charakter, der auch in C. J. Cherryhs Kelten-Fantasien wie etwa „Der Baum der Träume und Juwelen“ sowie „Faery in Shadow“ zu finden ist, erweist sich im Laufe der Zeit als treuer und anhänglicher Gefährte, auch wenn er bisweilen ein wenig aufdringlich und in hygienischer Hinsicht abstoßend erscheint.

|Die Feinde|

Die Feinde sind nicht weniger einfallsreich gezeichnet. So verfügt der gehörnte König über einen schwarzen Kessel (der der Fortsetzung den Titel gibt), aus dem Zombiekrieger erzeugt werden können. Da sich diese nicht töten lassen, bilden sie für jeden einen furchteinflößenden Feind. Zum Glück ist ihr Aktionsradius abhängig von der Entfernung vom Kessel, so dass es eine Chance gibt, ihnen zu entkommen.

Auch die Lüfte sind nicht sicher. Ähnlich wie die schrecklichen Reittiere, die Tolkiens Ringgeister durch die schwarzen Lüfte von Mordor tragen, suchen gefräßige Vögel, die Gwythaint, wehrlose Wanderer wie Taran heim. Doch die Gwythaint sind nicht von Geburt an so, sondern werden von ihrem Herrn Arawn dazu erzogen und ausgebildet, Fleisch zu begehren und für ihn zu spionieren. Als Taran einen jungen Gwythaint aus einer Dornenhecke befreit, revanchiert sich der Gerettete.

Selbst die Zwerge dürfen nicht fehlen. Durch einen Zauber lockt König Eiddileg ahnungslose Wanderer in sein unterirdisches Reich. Doch bei Taran & Co. gerät er an die Falschen. Er muss ihn ziehen lassen und gibt ihm einen Führer, Doli, mit. Denn Doli taugt in Zwergenaugen nicht: Er vermag sich nicht unsichtbar zu machen, zumindest nicht auf Kommando.

Die böse Zauberin, die Taran und den Recken Gwydion gefangen nimmt, heißt Achren und ähnelt eine weiteren Figur aus dem Mabinogion: Arianrhod, was „Silberrad“ (= Mond) bedeutet. Leider setzt sie sich kaum mit dem jungen Taran auseinander, und ihre Konfrontation Gwydions wird nur indirekt berichtet. Daher fehlt dieser Episode etwas der Pfiff. Der Auftritt Eilonwys entschädigt dafür mehr als reichlich.

_Unterm Strich_

Insgesamt bietet dieser erste Band von Tarans Abenteuern ein enorm hohes Maß an kuriosen Einfällen und sehr viel Kurzweil für junge Leser. Die Action ist nicht zu brutal und keiner der Gefährten Tarans muss sterben oder ein größeres Opfer bringen. Das ändert sich in den Folgebänden. Vielmehr scheint Taran hier auf einer Art Einkaufstour für nette Gefährten zu sein, mit denen er sämtliche Fährnisse überwinden und den gehörnten König besiegen kann. Die Übersetzung von „Märchenonkel“ Otfried Preußler („Krabat“) ist sehr gelungen.

Die Taschenbuch-Ausgabe bei |Bastei Lübbe| löst die ältere deutsche Ausgabe ab. Mittlerweile liegt der Zyklus komplett bei |Lübbe| vor. Die Illustrationen von Johann Peterka stimmen am Anfang jedes Kapitels stilecht auf die Geschichte ein. Eine Aussprachehilfe für die walisischen Namen wäre aber hilfreich gewesen. So etwa wird das „w“ als „u“ ausgesprochen und ein Doppel-L als „chl“. Das könnte etwas verwirren. (Auf Mail-Anforderung hin schicke ich euch eine Übersicht.)

Man darf auf die vier weiteren Romane des |Prydain|-Zyklus gespannt sein. Am Schluss folgt dann noch eine Erzählungensammlung, die zum ersten Mal in deutscher Sprache erscheint: „Der Findling und andere Geschichten aus Tarans Welt“. Dort wird dann auch erzählt, wie der Schmied Coll überhaupt zu seinem Orakelschwein Hen Wen kam. (Schweine spielten für die walisische Landwirtschaft eine wichtige Rolle, weil sie leicht zu halten waren – etwa im Wald – und nicht so viel Futter erforderten wie Rinder. Sie sind die Kühe des kleinen Mannes. Dementsprechend tauchen sie häufig in Waliser Legenden auf, wie etwa im „Mabinogion“.)

Fazit daher: eine hundertprozentige Empfehlung für „Das Buch der Drei“.

Bernuth, Christa von – Damals warst du still (Lesung)

Eine Mordserie beschäftigt die Kripo, und Kommissarin Mona Seiler muss sich schnell etwas einfallen lassen, um weitere Opfer zu verhindern. Denn die Wörter, die den ersten beiden Opfern in die Haut geritzt wurden, bilden erst den Anfang eines Satzes: „DAMALS WARST…“

_Die Autorin_

Christa von Bernuth, geboren 1961, ist freie Journalistin und lebt zusammen mit ihrem Freund und zwei Katzen in München. Bereits mit ihrem ersten Roman „Die Frau, die ihr Gewissen verlor“ lotete sie laut Verlag seelische Tiefen aus. In ihrem zweiten Roman „Die Stimmen“ führte sie die Figur der Mona Seiler ein. Der Roman wurde von RTL als Pilotfilm einer neuen Krimiserie verfilmt. Die Hauptrolle spielt Mariele Millowitsch.

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch, die Tochter des bekannten Kölner Originals Willy Millowitsch, stand schon als Kind im Kölner Millowitsch-Theater auf der Bühne. Neben dem Studium der Tiermedizin trat sie immer mal wieder auf der Bühne auf und nahm Schauspielunterricht. 1983 ging sie ein Jahr lang mit einem Düsseldorfer Satire-Kabarett auf Tournee. Ab 1989 war sie drei Jahre lang in einer TV-Quizshow zu sehen. 1995/96 gelang ihr beim ZDF der TV-Durchbruch, woraufhin sie etliche Preise einheimste, darunter den Adolf-Grimme-Preis und den Bayerischen sowie den Deutschen Fernsehpreis. Als Kommissarin Mona Seiler war sie bislang in „Die Stimmen“ und „Untreu“ zu sehen. „Damals warst du still“ soll laut Verlag Ende 2004 verfilmt werden.

_Handlung_

Samuel, der Sohn des Familientherapeuten Fabian Plessen, ist tot, gestorben an einer Überdosis Heroin. Drogenfahnder David Gerulaitis und sein Partner Janosch Kleiber finden Samuels Leiche. In den Bauch ist das Wort „WARST“ geritzt, die Zunge ist herausgeschnitten. Kaum hat Kriminalhauptkommissarin Mona Seiler in Sachen Plessen zu ermitteln begonnen, taucht eine zweite Leiche mit ähnlichen Merkmalen auf. Sonja Martinez ist nach einer Woche schon stark verwest, dennoch ist das Wort deutlich zu erkennen, das auf ihrem Bauch steht: „DAMALS“. Doch Sonja war bei Plessen in Behandlung.

Mona Seiler schleust Gerulaitis in eine der Therapiegruppen ein, und was er dort erlebt, erschüttert ihn zutiefst. In dem Seminar ordnen die Teilnehmer nacheinander die anderen zu jener Familienkonstellation an, die ihnen innerhalb des Rollenspiels angemessen erscheint. Als David merkt, dass seine „Schwester“ ganz nah bei ihm stehen sollte, bricht er das Seminar ab. Er ist an die inzestuöse Liebe zu seiner jüngeren Schwester Danae erinnert worden. Als er später ihr Bild in der Wohnung eines Junkies findet, haut es ihn um: Danae ist selbst in der Drogenszene. Hat er das zugelassen? Um diese Scharte auszuwetzen, durchsucht er Plessens stattliches Anwesen und wird fündig…

Derweil kämpft Mona Seiler sozusagen an der Heimatfront. Ihr Kollege Hans Fischer will sie demontieren, und ihr Interimschef Berkamer unterstützt eine ganz andere Theorie als die von einem Familiengeheimnis, das Plessen umgibt. In Zürich hat sich ein ehemaliger Patient Plessens umgebracht. Paolo Gianfrancos Witwe bezichtigt indirekt Plessens unorthodoxe Heilmethoden der Schuld an Paolos Freitod. Berkamer ist von Gianfrancos Schuld überzeugt.

Doch der Profiler Kern ist sich da nicht so sicher: Die eingeritzten Worte auf den Leiche ergeben garantiert einen Satz: „DAMALS WARST [DU xxx]“. Das lässt auf einen Serientäter schließen, doch das Profil passt nicht zu Gianfranco.

Es wird weitere Tote geben, wenn Mona Seiler sich nicht durchsetzen kann…

_Mein Eindruck_

„Damals warst du still“ ist der Versuch, einen Serienkrimi zu einem Psychothriller aufzupeppen. Was im Buch gelingen mag, scheitert leider im Hörbuch. Das liegt zum Großteil an der Sprecherin, auf die ich gleich zu sprechen komme. Aber auch die Umsetzung der Handlung trägt ihren Teil dazu bei.

Die Geschichte beginnt schon recht ordentlich. Der Werdegang eines achtjährigen Ich-Erzählers lässt nichts Gutes erwarten. Er beginnt mit dem Sezieren von Tieren. Die Identität dieses Menschen wird erst am Schluss des Hauptteils enthüllt, gerade noch rechtzeitig. Die Gründe für die Mordserie werden erst im Epilog, einem lange gesuchten Brief, verständlich. Ein gewisser Spannungsbogen ist also vorhanden.

Auch die Zutaten für den Psychothriller finden sich. Da sind zum einen die detailliert geschilderten Mordszenen selbst, die an Thrill nichts zu wünschen übrig lassen. Und da sind zum anderen die Therapiestunden des Fabian Plessen. Er ist selbst schon siebzig Jahre alt, kommt also wohl kaum als Täter in Betracht. Fahnder Gerulaitis macht selbst unangenehme Bekanntschaft mit den Folgen der Plessen-Methode: Schuldgefühle, Alpträume, unvernünftiges Verhalten sind die Folge. Warum sollen andere Kursteilnehmer nicht ebenso entgleisen?

Da hat Gerulaitis völlig Recht. Leider kommt ihm diese Erkenntnis ein ganz klein wenig zu spät, um ihn noch retten zu können. Er gerät in eine lebensgefährliche Situation. Wird es Mona Seiler gelingen, ihn rechtzeitig rauszuhauen?

Mit Kommissarin Seiler beginnt der Serienkrimi, der leider, leider im Hörbuch den Großteil der Handlung bestimmt. Die Polizeiarbeit steht im Vordergrund. Und das bedeutet auch, dass Seiler sich mit Konkurrenz im eigenen Haus auseinander setzen muss. Statt ihrer Intuition folgen zu dürfen, muss sie sich deshalb mit einem Verdächtigen beschäftigen, auf den ihr Chef setzt, um die öffentliche Meinung zufrieden zu stellen, will heißen: die Medien.

Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis sie sich freigekämpft hat, so dass sie endlich hinter Gerulaitis, ihrem in Lebensgefahr schwebenden Undercover-Ermittler, herjagen kann. Es ist schon etwas frustrierend, diese internen Kämpfe miterleben zu müssen. Gehört das zum Realismus des Krimis? Na, danke auch. Wenigstens kommt Seiler in die Gänge und auf die richtige Spur -sie hat eben Ahnung von Familienangelegenheiten, wo sie doch selbst eine hat. Ihre psychologischen Einsichten sind ungewöhnlich intelligent und feinfühlig. Aber wird sie auch rechtzeitig zur Stelle sein?

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch hat unüberhörbar eine Ausbildung erhalten. Sie ist eine Schauspielerin, aber keine Synchronsprecherin, soweit ich informiert bin. Aus mehreren Gründen fand ich ihren Vortrag schwer zu ertragen:

1) Der Sound wurde falsch aufgenommen. Die Höhen sind überbetont, so dass ich die Bass-Stufe an meiner HiFi-Anlage zuschalten musste, die eigentlich nur für laute Partys gedacht ist. Da klang ihre Stimme schon wesentlich erträglicher und nicht mehr wie Hundegebell.

2) Recht gewöhnungsbedürftig ist die Vortragsweise, in der die Sprecherin zahlreiche Pausen macht und Worte überdeutlich ausspricht. Dadurch wird das Gesagte zwar gut verständlich, aber der Redefluss klingt völlig künstlich.

3) Die Sprecherin intoniert die Sätze von Frauen und Männern völlig verschieden. Frauen klingen gefühlvoll, weich und leise. Männer klingen, als würden sie auf dem Kasernenhof brüllen: Hundegebell. Und das trifft sogar auf den siebzigjährigen Plessen zu!

4) Ebenso unangemessen wie diese diskriminierende Intonierung ist auch die Betonung mancher Sätze. Es ist ein Unterschied, ob der Satz „Gibt es noch etwas, was Sie sagen wollen?“ auf diese oder jene Weise vorgelesen wird. Die Betonung kann beispielsweise auf „gibt“ liegen oder auf „noch“. Der Unterschied in der Bedeutung sollte klar sein, doch nicht so bei Millowitsch. Ich könnte noch weitere Beispiele anführen.

_Unterm Strich_

Ich bezweifle, ob diese Hörspielumsetzung hundertprozentig im Sinne der Autorin ist. Diese hat zwar ohne Zweifel saubere Arbeit geleistet, was Krimi- und Psychothriller-Handlung angeht, doch das, was im Hörbuch noch übrig geblieben ist, will den an Thomas Harris und Peter Robinson geschulten Hörer nicht zufriedenstellen. Der rechte Grusel will sich nicht recht einstellen.

Das ist schade, denn die Ursache der Mordserie betrifft deutsche Schicksale, wie sie im 2. Weltkrieg zahlreiche Flüchtlinge aus dem Osten erleiden mussten. Insofern ist die Story eine beachtenswerte Verarbeitung deutscher Geschichte – auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs.

Die Hauptverantwortung für den Erfolg eines Hörbuchs trägt der Vortragende. Mariele Millowitschs Vortrag bereitete mir aus den oben genannten Gründen keinerlei Vergnügen, sondern vielmehr Frust. Einen Teil der Schuld trägt auch die falsche Aussteuerung des Originalsounds, der sich erst nach Zuschaltung der Bass-Stufe (sozusagen der Tieftöner) als erträglich erwies.

Meine Empfehlung daher: Lieber das Buch lesen oder warten, bis auch dieser Seiler-Krimi im Fernsehen gezeigt wird.

Umfang: 450 Minuten auf 6 CDs, (zu stark) gekürzte Lesung

Doyle, Arthur Conan – geheimnisvolle Kiste, Die

_Beklemmend: Terroristen an Bord?_

Auf einer Seereise beobachtet der Schriftsteller Hammond zwei finstere Kerle, die sich an einer kleinen geheimnisvollen Kiste zu schaffen machen, die sie mit an Bord brachten. Für Hammond steht fest: Es muss eine Bombe sein. Zusammen mit seinem Freund Dick Martin versucht er die drohende Katastrophe zu verhindern und belauscht die Männer, fordert sie sogar mit Worten heraus. Schließlich muss er seine Feigheit überwinden und den Kampf mit ihnen aufnehmen. Da macht er eine überraschende Entdeckung.

_Der Autor_

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um sein Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: [„The Lost World“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1780 erwies sich als enorm einflussreich und wurde schon dreizehn Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt.

_Der Sprecher_

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist laut Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater. Er hat u. a. die kompletten Narnia-Chroniken als Lesung aufgenommen (bei |Brendow|).

Regie führte die Übersetzerin Daniela Wakonigg, die Tontechnik und Musikeinspielungen steuerte Peter Harrsch.

_Handlung_

Es ist Mittwoch neun Uhr in der Frühe, als der Ozeandampfer „Sparta“ vom Bostoner Hafen aus in See stechen soll, um nach Großbritannien zu fahren. In letzter Sekunde springen noch zwei Männer an Bord, die dem Schriftsteller und Ich-Erzähler Hammond dadurch auffallen und in Erinnerung bleiben. Hammond ist eigentlich Brite von Geburt, wurde aber von amerikanischen Bürgern adoptiert und, nach Jahren an einem englischen Internat, in den USA zum Schriftsteller. Er bezeichnet sich selbst als neurotisch und ängstlich von Natur aus. Positiv zu vermerken ist jedoch seine Neugier auf charakteristische Gesichtszüge, quasi eines seiner Hobbys.

Da er gerne abseits steht, zieht er sich hinter einen Stapel Gepäck zurück. So ungesehen, wird er Zeuge des ersten Gesprächs, das die beiden Spätankömmlinge nahe seinem Ohr führen. Der Große nennt sich Flanigan und ist offenbar ein Ire, und von den Iren weiß alle Welt, dass sie mit allen Mitteln um ihre Unabhängigkeit von den Briten kämpfen. Der Kleine heißt Müller, ist offenbar ein Deutscher, und von denen weiß ja alle Welt, dass sie sozialistisch gesinnt sind (man denke nur an Marx, Engels und Lassalle).

Die beiden haben eine kleine, etwa 30 Zentimeter lange Holzkiste an Bord geschmuggelt, in die sie nun ein weißes Granulat schütten, woraufhin es darin klickt. Auf der Kiste sitzt ein speziell angefertigter Auslöser. O mein Gott, eine Höllenmaschine!, schießt es Hammond durch den Kopf, und seine Eingeweide scheinen sich zu verflüssigen. Während die beiden Terroristen unter Deck gehen, versucht sich Hammond, der Feigling, wieder in die Gewalt zu bekommen. Was soll er tun?

Da begegnet ihm zufällig sein alter Freund aus Internatstagen Dick Martin. Der ist zum Glück das genaue Gegenteil unseres Neurotikers: heiter, zuversichtlich, zupackend – und gelassen. Er tut Hammonds unbewiesene Befürchtungen ab, will ihnen aber trotzdem nachgehen, um seinen Freund zu beruhigen. Zusammen wollen sie die beiden vermeintlichen Terroristen beobachten und wenn möglich sogar verbal herausfordern, damit diese sich als Übeltäter verraten.

Im Raucherzimmer setzt sich das dynamische Duo in die Nähe der beiden zwielichtigen Gestalten, um ihnen zu lauschen. Flanigan und besonders Müller führen seltsame Reden, worin sie das Erscheinen einer „geheimnisvolle Macht“ erwähnen, und zwar noch heute Nacht! Hammond wird schon wieder ganz anders, aber Martin weist darauf hin, dass es sich immer noch um ein Missverständnis handeln können.

Sie sehen die beiden Männer erst wieder beim Abendessen, wo sie sie in das Gespräch verwickeln, das der Kapitän des Dampfers, seinem Rang gemäß, leitet. Keck bringt Hammond die Sprache auf Terroristen, und der Kapitän tut diese Gefahr als vernachlässigbar ab, doch Flanigan verteidigt die Ehre der so genannten irischen „Freiheitskämpfer“ und spricht ihnen einen gewissen Mut im Kampf für ihr Ideal nicht ab. Hammond glaubt, dass sich damit Flanigan endgültig verraten habe. Doch wie sieht es mit der Verantwortung aus, die aus diesem Wissen resultiert? Liegt diese nicht in den Händen der ach so fähigen Schiffsoffiziere?

Auch der strahlende Sonnenuntergang beruhigt Hammonds Nerven und er tröstet sich mit Philosophie. Dick Martin, der sich mit Flanigan unterhalten hat, fordert Hammond direkt auf, sich an den Kapitän zu wenden. Doch der Hasenfuß will abwarten, bis der Schiffsführer seinen Disput über eine nautische Frage beendet hat, und lauert in einem Rettungsboot auf ihn.

Es wird Abend, es wird Nacht, und bevor sich Hammond an den Kapitän wenden kann, treten Flanigan und Müller direkt ans Rettungsboot, in dem Hammond lauert, und bereiten die „Sache“ vor, wegen der sie an Bord gekommen sind. Der Countdown beginnt: noch fünf Minuten. Sie ziehen die ominöse kleine Kiste hervor und stellen sie auf. Noch drei Minuten – es ist alles bereit für das große Ereignis.

Hammond schwitzt inzwischen bereits Blut und Wasser, und als der Countdown bei eineinhalb Minuten steht, springt er aus seinem Versteck, um die „Terroristen“ zur Rede zu stellen und aufzuhalten. Doch er kann das „Ereignis“ nicht mehr verhindern. Da passiert etwas völlig Unerwartetes.

_Mein Eindruck_

Diese Geschichte des Schöpfers von Sherlock Holmes und Dr. Watson ist eine der frühesten veröffentlichten Erzählungen Doyles, geschrieben nur kurze Zeit nach seinen eigenen Seereisen als Schiffsarzt. Sie erschien 1881 erstmals in der Weihnachtsausgabe der „London Society“ und wurde 1890 als Teil des Erzählbandes „The Captain of the Pole Star and Other Tales“ in Buchform verlegt.

Die Geschichte ist in zweierlei Hinsicht interessant. Erstens zeichnet Doyle mit der Figur des Hammond bereits den deduktiven Geist seines späteren Meisterdetektivs vor. Anders als in den Holmes-Storys werden diese Fähigkeiten hier jedoch satirisch gebrochen. Hammond ist kein Genie und mutiger Kämpfer, sondern ein neurotischer Anti-Held, und obwohl seine Schlussfolgerungen logisch einwandfrei sind, ist am Ende doch alles ganz anders, als er denkt. Immerhin teilt er mit Holmes das Interesse an „charakteristischen Gesichtszügen“, denn diese scheinen ihm Aufschluss über den Charakter eines Menschen zu geben.

Dies ist also der Aspekt, WIE die Geschichte erzählt wird. Der zweite Aspekt betrifft den Inhalt der Geschichte. Da es um vermeintliche Terroristen geht, entpuppt sich die Story als in höchstem Maße aktuell. Wie würde ich, als Zeitgenosse von Al-Qaida und Co., mich verhalten, wenn ich von einer Bombe erführe? Würde ich zur Polizei rennen, obwohl ich eventuell ein Hasenfuß bin? Oder würde ich mich den vermeintlichen Schurken heroisch in den Weg stellen, um ihnen bei ihrem Tun in die Hand zu fallen?

|Anarchie!|

Der Grund, warum der Ich-Erzähler überhaupt auf die Idee kommt, es könne sich bei der geheimnisvollen Kiste um eine Höllenmaschine handeln, sind nicht nur die aufgeschnappten Gesprächsfetzen, die aus dem Zusammenhang gerissen sind, sondern auch das allgemeine Wissen um sogenannte Terroristen. In Russland werden von Anarchisten Attentate verübt (denen später ein Zar zum Opfer fällt), in Deutschland gewinnen die Sozialisten unter Lassalle an Einfluss, in Irland sind die aufrührerischen Rebellen am Werk (die schließlich ihre Unabhängigkeit erkämpfen).

Das gesamte spätviktorianische Zeitalter ist im Umbruch. Auch in England dürfte es erhebliche Unruhen gegeben haben, und ein kurzer Blick in die Chroniken würde darüber Klarheit verschaffen, dass beispielsweise die Fabian Society, der H. G. Wells und George Bernard Shaw angehörten, sich für soziale Reformen einsetzte.

|Aufklärung|

Hammonds Furcht stützt sich also nicht auf Beweise, sondern a) auf die allgemeine Lage und b) auf aufgeschnappte und beobachtete Hinweise. Beide verursachen bei dem Neurotiker akute Paranoia. Er glaubt, noch heute werde der Untergang des Schiffes herbeigeführt (das hier für eine Nation stehen kann). Als am Schluss das Geheimnis gelüftet wird, sieht er sich natürlich blamiert. Die beiden Gentlemen Flanigan und Müller haben zwar etwas Bahnbrechendes vollbracht, doch hat es ganz und gar nichts mit Höllenmaschinen zu tun. Ein Zeitungsartikel setzt den Leser bzw. Hörer davon in Kenntnis, welche Bedeutung das Treiben der beiden Gentlemen hat. (Und wer das genau wissen will, der höre sich die Story an oder lese sie nach.)

|Sherlock|

Schon in dieser Story macht Doyle wie in vielen seiner Holmes-Storys deutlich, dass es nicht genügt, Hinweise und Indizien zu sammeln und sie mittels deduktivem Denken mit einer Bedeutung zu versehen. Nein, der Beweis muss erbracht werden, dass es sich wie gedacht verhält. Wie dieser Beweis zu erbringen ist, dafür gibt es verschiedene Mittel und Wege. Zum Glück wählt Holmes stets die aktive Vorgehensweise statt passiv herumzusitzen und auf Beweise zu warten, wie Hammond es tut.

|Der Sprecher|

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie kenntlich zu machen. Und das sind eine Reihe unterschiedlichster Stimmen. Flanigan spricht ebenso tief wie der Kapitän, doch grob und barsch, während der Kapitän voll Zuversicht und Autorität formuliert. Auch Dick Martin gehört in diese Kategorie.

Ganz anders hingegen die beiden nervösen Typen Hammond und Müller. Ihre Stimmlage ist etwas höher: Hammond klingt etwas quengelig, wohingegen Müller wieder ungehobelt und nervös lamentiert oder droht. Eine Frau kommt im ganzen Text jedoch nicht vor.

Man muss allerdings schon genauer hinhören, um diese Unterschied im stimmlichen Ausdruck herauszuhören. Denn Schepmann tut alles, nur nicht übertreiben. Das überlässt er anderen Sprechern und tut es selbst höchstens in Kinderhörbüchern. In einer Erzählung über wohlerzogene Viktorianer ist Übertreibung jedoch in jedem Falle unangebracht.

|Geräusche|

Die vielfältigen Geräusche verleihen der Geschichte das Flair eines Kinofilms. Schon der erste Ton, den wir hören, ist das tiefe Nebelhorn eines Dampfers. Eine Schiffsglocke ertönt ebenso wie Möwengeschrei, später klappert Besteck auf Tellern, und im Raucherzimmer ist leise tickend eine Wanduhr zu vernehmen. An Deck selbst ist häufig eine steife Brise zu hören, wie es ja auch in der Realität der Fall wäre. Die Geräusche und Hintergrundstimmen – wie etwa amerikanisch quasselnde Passagiere – sind so dezent eingesetzt, dass sie niemals den Vortrag des Textes beeinträchtigen.

|Musik|

Die Musik ist ebenso dezent und steuert die Emotionen des Zuhörers auf fast unmerkliche Weise. Doch der Fachmann hört heraus, wann ein Moment heiter und dynamisch, ein anderer hingegen traurig, besinnlich oder gar verzweifelt klingen soll. Die Gemütlichkeit einer Schiffsreise wird ebenso ausgedrückt wie der dramatische Moment der vermeintliche Katastrophe oder vielmehr die Anbahnung desselben. Zum Einsatz kommen ausschließlich klassische Instrumente wie etwa Piano, Harfe und Oboe, aber auch ein Xylophon ist häufig zu vernehmen. Das Outro wird wieder von einem sanften Walzer bestritten.

|Das Booklet|

Das vierseitige Booklet erfreut mit umfassenden Informationen über den Autor Conan Doyle (s. o.) und einer Inhaltsangabe, die nicht zu viel verrät. Außerdem wird ein Interpretationsansatz geliefert, der dem einen oder anderen Literaturstudenten hilfreiche Hinweise liefern kann. Als i-Tüpfelchen verrät das Booklet auch, wann und wo der Text zuerst erschien und gedruckt wurde – so viel Service findet man bei Single-CD-Hörbüchern selten.

_Unterm Strich_

Die inszenierte Lesung lässt sich am ehesten als Vorstufe zu den Sherlock-Holmes-Geschichten verstehen, die den Autor später berühmt und wohlhabend machen sollten. Die Thematik ist durchaus aktuell, insofern als hier das Thema Terrorismus aufgegriffen wird – welches sich dann aber als völlig harmlos herausstellt. Der Ich-Erzähler wendet bereits Deduktion und Scharfsinn an, doch seine Befürchtungen werden von Leuten besänftigt, die Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, so wie später Dr. John Watson.

Der Unterhaltungswert ist nicht gerade hoch, denn so etwas wie dramatische Action gibt es lediglich am Schluss, und auch diese entpuppt sich als relativ unbegründet. So lässt sich die Geschichte am ehesten als eine Studie in Psychologie und Zeitstimmung – Freiheitsbewegungen, Anarchisten usw. – genießen und akzeptieren. Dass sie sprachlich gut formuliert und geschickt erzählt ist, versteht sich bei einem Autor wie Doyle fast von selbst. Die akustische Untermalung wechselt zwischen behaglicher Gemütlichkeit und dramatischer Bewegung, so dass für Abwechslung gesorgt ist.

Das Hörbuch wurde von Daniela Wakonigg und Peter Harrsch sauber produziert und mit einem informativen Booklet ausgestattet. Der Gesamteindruck ist tadellos.

|Originaltitel: That little square box, 1881
Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg
55 Minuten auf 1 CD|
http://www.stimmbuch.de

Lovecraft, Howard Phillips / Naumann, Gerd – Berge des Wahnsinns (Hörspiel)

_Poe lässt grüßen: Horror in der Antarktis_

In Form eines Tagebuchs und in Dialogen mit seinem Professor zeichnet der Geologe William Dyer den Verlauf seiner letzten, unglückseligen Expedition in die Antarktis anno 1930/31 nach. Zunächst suchten er und sein Team, darunter ein Anthropologe, nach ungewöhnlichen Gesteinsarten. Doch dann türmt sich vor ihren Augen ein Gebirge von gewaltigen Ausmaßen auf, das seltsamerweise quaderförmige Auswüchse und eckige Höhlen aufweist.

In einer solchen Höhle macht der Anthropologe eine beunruhigende Entdeckung: vierzehn tonnenförmige Gebilde. Als der Funkkontakt zu dessen Lager abbricht, muss sich Dyer mit einem Suchtrupp dorthin begeben. Was sie vorfinden, lässt Dyers Studenten Danforth wahnsinnig werden …

_Der Autor_

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen.

Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne sind nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit. Auf Einstein verweist HPL ausdrücklich in seinem Kurzroman [„Der Flüsterer im Dunkeln“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1961

Mehr zu Lovecraft kann man in unserer [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=345 seiner Biographie von Lyon Sprague de Camp nachlesen.

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

William Dyer, Expeditionsleiter: Lutz Harder („Perry Rhodan“, „Doppelter Einsatz“, „Tatort“)
Pabodie: Herbert Fux (Schauspieler, geb. 1927, „Woyzeck“, „Das Schlangenei“ u. v. a.)
Danforth, Student: David Nathan (dt. Stimme von Johnny Depp, L. DiCaprio, Christian Bale)
Professor, dem Dyer berichtet: Friedrich Schoenfelder (dt. Stimme von David Niven, Vincent Price, Edgar-Wallace-Filme u. a.)
Prof. Lake: Christian Rode (dt. Stimme von Christopher Plummer, Michael Caine, Telly „Kojak“ Savalas)
Kapitän Douglas: Jan Pröhl
Moulton, Lakes Assistant: Michael Jackenkroll
Und andere.

Gerd Naumann bearbeitete den Text und führte Regie. Die musikalischen Motive trug Akki Schulz bei (auf Didgeridoo, Cello, Kontrabass etc.) Die Tonaufnahme führte Ahmed Choraqui im On Air Studio, Berlin, aus und Martin Bochmann bearbeitete sie. Das Cover-Artwork stammt von Peter Grossöhme, die Illustrationen von Sonja Marterner.

Das Booklet enthält einen kurzen Essay von Michel Houellebecq („Elementarteilchen“).

_Handlung_

Was geschah auf der Expedition in jenes Bergtal in der Antarktis, dass der Student Danforth dem Wahnsinn verfiel? Als der Expeditionsleiter William Dyer Danforth in der Nervenheilanstalt besucht, berichtet Danforth wieder von den Alten Wesen, die in Wahrheit seit jeher über die Erde geherrscht hätten. Dyer widerspricht ihm nicht, denn er hat sie ja selbst gesehen.

Genau deshalb besucht er einen Professor in Boston, um ihn zu bitten, dass die neuerliche Expedition, die Starkweather und Moore 1932 organisiert haben, in die Antarktis aufbricht. Er warnt ihn eindringlich vor den Gefahren, nicht zuletzt vor dem schier unaussprechlichen Horror, auf den er und Danforth dort gestoßen sind. Dyer warnt ebenso vor dem Versuch, die Eismassen abzuschmelzen oder gar Bohrungen vorzunehmen, waren diese doch seiner eigenen Expedition zum Verhängnis geworden. Da der Professor mehr und vor allem deutlichere Begründungen fordert, muss Dyer genauer berichten, was sich vor zwei Jahren, anno 1930, zugetragen hat …

|Dyers Expeditionsbericht|

Prof. William Dyer ist Geologe an der Miskatonic University von Arkham, unweit Boston. Da Prof. Frank Pabodie neuartige Bohrer hergestellt hat, sieht sich Dyer in der Lage, auch in der Antarktis nach ungewöhnlichen Gesteinen zu suchen. Er lädt den von ihm bewunderten Anthropologen Prof. Lake ein mitzukommen, und dieser sagt freundlich zu. Außerdem werden die drei Profs von ihren jeweiligen Assistenten begleitet, darunter Danforth, Moulton und Gedney. Lake hält Danforth für einen „Backfisch“, aber immerhin haben beiden das verfluchte Buch „Necronomicon“ des verrückten Arabers Abdul Alkazred gelesen, ein zweifelhaftes Vergnügen, das nicht jedem Menschen vergönnt ist, denn das Buch ist in einem verschlossenen Raum der Bibliothek der Miskatonic-Uni weggesperrt.

Die zwei Schiffe „Miskatonic“ und „Arkham“ gelangen schließlich unter dem Kommando von Kapitän Douglas ins Zielgebiet, dem Rossmeer. Hier ragt der immer noch aktive Vulkan Erebus empor, und der Rossschelfeisgletscher bricht hier ins Meer ab. Die Gegend gemahnt Danforth an die kalten Ebenen von Leng, über die er bei Alhazred gelesen hat. Er vermeint ein sonderbares Pfeifen zu hören, das sich mit dem Wind vermischt, der von den Perry-Bergen herunterbläst. Eine Luftspiegelung gaukelt ihm emporragende Burgen auf diesen steilen Höhen vor.

Am Monte Nansen weiter landeinwärts schlägt die Expedition ihr Basiscamp auf, und mit den vier Flugzeugen erkunden sie das Terrain ebenso wie mit Hundeschlitten. Schon bei den ersten Grabungen stößt Prof. Lake auf höchst ungewöhnliche Fossilien, die es hier gar nicht geben dürfte. Zwar ist bekannt, dass vor 50 Mio. Jahren die Erde sehr viel wärmer war und Dinosaurier auch Antarktika bewohnten, doch all dies endete vor spätestens 500.000 Jahren mit der ersten Eiszeit, der weitere folgten. Lake, dessen Funde bis ins Präkambrium zurückdatieren, setzt seinen Willen durch, noch weitere Stellen zu suchen. Auf einer weiteren Schlittenexkursion findet er mehr solche Fossilien, die es nicht geben dürfte.

|Lakes Expedition|

Am 24. Januar, mitten im Hochsommer der Südhalbkugel, startet Lake, um ein Camp 300 Kilometer entfernt auf einem Plateau zu errichten. Dem Expeditionsleiter berichtet er mit Hilfe des Funkgeräts. Seine Stimme ist gut zu verstehen. Sie mussten notlanden, und das Camp ist von quaderförmigen Strukturen und Höhlen umgeben. Eine Bohrung führt dazu, dass ihr Bohrer in eine Höhlung unter dem Eis fällt. Beim Eindringen in diese Höhle stoßen Lake und Moulton auf Specksteine, die fünf Zacken ausweisen, also eindeutig bearbeitet wurden – mitten zwischen Saurierknochen und Abdrücken von Palmblättern. Außerdem stoßen sie auf große tonnenförmige Gebilde, von denen sie vierzehn Stück bergen und aufs Plateau schaffen, um den Inhalt zu untersuchen.

Die Hunde reagieren sehr aggressiv auf diese Gebilde, und als Lake sie seziert, erinnern sie ihn an die Cthulhu-Wesen, die Alhazred beschrieb: ein fünfeckiger Kopf mit einem Kranz seitlich angebrachter Wimpern usw. Und es hat fünf Hirnareale. Lake erinnert sich: „Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.“ In seiner letzten Nachricht berichtet Lake, die Köpfe seien von der Sonne aufgetaut worden. Dann meldet er sich nicht mehr.

|Die Rettungsexpedition|

Mit dem zurückgehaltenen fünften Flugzeug fliegt Dyer mit Danforth und Pabodie zu Lakes Camp. Sie finden entsetzliche Verwüstung vor. Alle Hunde wurden zerfleischt, von den Männern ist zunächst keiner zu sehen, obwohl überall Blut ist – und Gestank. Sie stoßen auf sechs Gräber, die sternförmig angelegt sind, aber wo sind die restlichen acht Wesen? Die Leichen von elf Männern sind zum Teil seziert, doch von einem Mann fehlt jede Spur: Gedney. Er hat auch einen Hund mitgenommen. Können sie ihn noch retten?

Dyer und Danforth machen sich auf den Weg, um die ausgedehnte fremde Stadt, die sich beim Anflug entdeckt haben, zu erkunden und vielleicht eine Spur von Gedney zu finden. Welches Wesen mag das Camp derartig verwüstet haben? Sie werden es herausfinden und wenn es sie den Verstand kostet …

|In Boston|

Dyer schafft es nicht, den Professor davon zu überzeugen, die Starkweather-Moore-Expedition zurückzuhalten. Er ahnt das Schlimmste. Als er wieder einmal den verrrückten Danforth besucht, rezitiert dieser nur aus dem verfluchten „Necronomicon“: „Die Farbe aus dem All … der Ursprung, Ewigkeit, Unsterblichkeit …“

_Mein Eindruck_

Lovecraft setzte mit diesem Kurzroman das Romanfragment [„Der Bericht des Arthur Gordon Pym“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=781 von Edgar Allan Poe fort. Wo Poes Romanfragment abbricht, greift er die Szenerie, wenn auch nicht die Figuren, wieder auf, insbesondere den unheimlichen Ruf „Tekeli-li! Tekeli-li!“ Diesen Ruf stoßen zwar bei Poe weiße Vögel aus, doch bei Lovecraft wird der Ruf einem weitaus gefährlichen Wesen zugewiesen. Um was es sich dabei handelt, wird nie hundertprozentig klar, denn es ist protoplasmisch und somit formlos.

Innerhalb des umfangreichen Cthulhu-Mythos über die Großen Alten nimmt „Berge des Wahnsinns“ eine nicht allzu herausragende Rolle ein, denn der Geschichtsentwurf, den Lovecraft hier präsentiert, unterscheidet sich nur in geringem Maße von dem in [„Schatten aus der Zeit“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2358 „Der Flüsterer im Dunkeln“ und anderen Erzählungen. Aber die Geschichte an sich bietet dem Leser mehr spannende Unterhaltung als andere Storys und vor allem einen weitgespannten Hintergrund, der im Vordergrund der Aktionen zum Tragen kommt.

Durch ihre Necronomicon-Lektüre wissen Lake und Danforth schon, womit sie es zu tun haben: mit den Großen Alten und ihren Vorgängern, den Alten Wesen. Die Stadt ist die der Alten Wesen, die vor Jahrmillionen zuerst landeten und ihre Kultur auf der Erde errichteten. Seltsamerweise ist Dyer nur mäßig darüber erstaunt, dass er nun über ausgedehnte Überreste einer versunkenen, prähistorischen Zivilisation stolpert. In der ersten großen Halle sind jedoch so etwas wie Wandmalereien und Hieroglyphen, die ihm die Geschichte der Vorzeit erzählen. Diese ist so komplex, dass ich empfehle, sie selbst nachzulesen.

Für Dyer und Danforth wird die Lage jedoch brenzlig, als sie auf die enthaupteten Überreste der entkommenen Alten Wesen stoßen, die Professor Lake aus der Höhle unter dem Eis geholt hatte. Was hat die Wesen getötet? Gibt es einen Wächter in der Tiefe, ähnlich einem Balrog in den Tiefen der Minen von Moria? Na, und ob! Die spannende Frage ist nun, wie dieses Wesen aussieht und ob sie es vielleicht besiegen können. Der Anblick des Wesens lässt Danforth wahnsinnig werden und von einem Sieg kann keine Rede mehr sein. Was wiederum den Schluss aufzwingt, dass die Starkweather-Moore-Expedition dem Tod geweiht ist, sollte sie im gleichen Gebiet forschen.

Dieses Gefühl des Verhängnisses überschattet den gesamten Text und suggeriert dem Leser bzw. Hörer, dass er allein schon durch die Kenntnis dieses geheimen Wissens, das ihm Dyer mitteilt, vielleicht in Gefahr sein könnte. Zweifellos wusste Lovecraft aus Zeitschriften nicht nur über Einsteins Forschungsarbeiten Bescheid, sondern auch über das Bestreben der Physiker, dem Atom seine Geheimnisse zu entlocken. Die Experimente von Rutherford und Nils Bohr waren ihm vielleicht bekannt, aber dürfte kaum gewusst haben, dass Enrico Fermi an einem Atomreaktor baute und die deutschen Physiker von Hitler für eine ganz besondere Aufgabe engagiert wurden: den Bau der ersten Atombombe. Verbotenes Wissen – möglicherweise hat Lovecraft ganz konkret solche Kenntnisse und Experimente darunter verstanden.

Das erzählerische Brimborum, dessen er sich im Original bedient, kommt uns heute überladen und bis zur Grenze des Lächerlichen überzogen vor. Der von Poe erfundene Ruf „Tekeli-li! Tekeli-li!“ wird x-mal wiederholt, und im Buch bildet er sogar den Schluss des letzten Satzes. Das verleiht ihm eine schaurige Bedeutungsschwere, die ich nicht nachzuvollziehen mag. Aber bei genauerem Nachdenken ist der Ruf eben jenem Wächter in der Tiefe zuzuordnen, und dann wird erklärlich, warum Danforth diesen Ruf nicht vergessen kann. Denn er weiß, dass wenn dieser Ruf erneut ertönt, es für die Menschheit zu spät sein wird. „Das ist nicht tot, was ewig liegt …“

|Die Inszenierung|

Es handelt sich um ein Hörspiel und nicht etwa um eine inszenierte Lesung. Während sich die Lesung penibel am vorliegenden Text orientiert und diesen mit Musik und Geräuschen garniert, so arbeitet das Hörspiel die Textvorlage vollständig um, um nach dramatischen Gesichtspunkten eine filmähnliche Handlung darbieten zu können.

Ein rascher Vergleich mit dem Buch fördert schon auf der ersten Seite gravierende Unterschiede zutage, was unter Berücksichtigung dieser Charakterisierungen nicht weiter überraschen dürfte. So sind die Gespräche mit dem namenlosen Professor, der die Starkweather-Moore-Expedition stoppen soll, nirgends im Buch zu finden. Das Buch ist in Tagebuchform geschrieben und somit ein Monolog. Das Hörspiel erwacht jedoch nur dann zum Leben, wenn es Dialoge gibt.

So verwundert es nicht, dass die schwächsten Szenen jene sind, in denen Dyer seinen Monolog fortsetzt oder wenn sich Dyer und Danforth in der Halle der Alten Wesen ihre Beobachtungen gegenseitig berichten. Ein richtiger Dialog kommt nicht zustande, und wenn die menschliche Interaktion nicht zustande kommt, so fehlt ein wesentliches dramatisches Moment. Zum Glück hat sich der Regisseur etliche Szenen einfallen lassen, um Monologe in Dialoge umzumünzen, so etwa Lakes Funksprüche aus seinem Lager.

|Die Sprecher|

Die Riege der Sprecher umfasst drei herausragende Namen: David Nathan, Christian Rode und Herbert Fux. (Friedrich Schoenfelder sollte ich nennen, doch sein Part ist so klein, dass er mir nicht weiter auffiel.) In der Tat erweisen sich ihre Darbietungen als die eindrücklichsten Beiträge zum Gelingen dieses außergewöhnlichen Hörspiels.

Christian Rode ist aus zahllosen Hörspiele bekannt, so etwa für Edgar-Wallace-Vertonungen von |Titania Medien| (vertrieben von |Lübbe Audio|). Er spielt stets den alten Gentleman, der durchaus mal zwielichtig sein darf, dabei aber stets auf der zupackenden Seite zu finden ist. Köstlich finde ich den Einfall, ihn eine Wasserpfeife rauchen zu lassen. Im Hörspiel wird seine Stimme während der Funksprüche künstlich durch einen Filter verzerrt, um der Szene Glaubwürdigkeit zu verleihen. Leider tritt er in der zweiten Hälfte nicht mehr auf, sondern wird abgelöst von dem namenlosen Bostoner Professor, den Friedrich Schoenfelder spricht.

Herbert Fux, Jahrgang 1927 (er wird also 80), spricht den Ingenieur Pabodie als einen knorrigen alten Typen, der lieber mit seinen Händen als mit seinem Kopf arbeitet. Aber auf Pabodie ist wenigstens Verlass, im Gegensatz zu Lake, Dyer und Danforth. Leider ist später im Buch noch im Hörspiel keine Rede mehr von Pabodie, obwohl er unter die Überlebenden zu zählen ist.

Für mich der beste Sprecher ist mit Abstand David Nathan. Das liegt nicht nur daran, dass er von Anfang bis Ende dabei ist, sondern vor allem deshalb, weil er seinen Danforth als menschliches Wesen mit einem erschütterten Innenleben porträtiert. Danforth, ein gieriger Leser des „Necronomicon“ und seit jeher der Metaphysik zugeneigt, ist durch die Funde in der Antarktis derart ver-rückt, dass er nicht mehr in die menschliche Gesellschaft einzugliedern ist. Tatsächlich hält er ebendiese für zum Untergang verurteilt. Natürlich behauptet er: „Ich bin nicht verrückt!“ Aber tun das nicht nur die Verrückten?

Nathan bemüht die ganze Palette von Keuchen, Schluchzen, Lachen, Weinen, Rufen, um die tiefe Erschütterung Danforths zu vermitteln. Im Kontrast erscheint sein Begleiter Dyer, der mit ihm die uralte Stadt unterm Eis erkundet, selbst wie ein Eisblock. Zwar ist es notwendig, dass der Chronist Dwyer stets die Nerven behält, damit wir ihn verstehen und ihm glauben können, doch wenigstens ein- oder zweimal könnte ja auch er genauso ausrasten wie Danforth. Stattdessen bewahrt er stets die Contenance, stößt zwar „Tekeli-li! Tekeli-li!“ aus, doch bei ihm klingt dies wie eine weitere Pflichtübung des Chronisten, der nur nichts unter den Tisch fallen lassen will. Dafür, dass Dyer so unerschütterlich agiert, klingt Lutz Hackers Stimme viel zu jung, nämlich gleich alt wie die Danforths/Nathans.

Von den Nebenfiguren ist mir noch die Stimme des Kapitäns Douglas in Erinnerung geblieben. Jan Pröhl porträtiert den alten Seebären mit rauer, heiserer Stimme recht glaubwürdig, aber dass ein Seebär stets zum Lachen neigt, finde ich ungewöhnlich – es verleiht der Figur des Douglas einen leicht durchgeknallten Zug. Vielleicht hat Pröhl genau dies beabsichtigt.

|Musik und Geräusche|

Die sparsam eingesetzten Geräusche verleihen den Dialogen einen Anstrich von Realismus. Schritte, Bellen, das ständige Heulen des Windes übers Eis – sie sind völlig passend. Doch es gibt auch dieses unirdische Pfeifen und Sirren, das Danforth in der unterirdischen Stadt hört. Es ist ebenso unwirklich, wie der Ruf „Tekeli-li! Tekeli-li!“ es ist.

Wesentlich verstärkt wird diese Note des Unwirklichen und Unheimlichen von den musikalischen Motiven, die Akki Schulz beitrug. Von Melodien oder gar Musikstücken kann keine Rede sein, vielmehr sollen die Motive verschiedene Stimmungen vermitteln. Das am häufigsten eingesetzte Instrument ist ein tiefer gestimmtes und elektronisch verstärktes Didgeridoo, wie es die Aborigines benutzen. Der Klang ist eindeutig gewöhnungsbedürftig, aber nicht gänzlich unpassend.

Weitere Instrumente, die ich gehört zu haben glaube, sind ein Cello und ein akustischer Kontrabass. Dieser Bass wird sowohl gezupft als auch gestrichen. Selbstredend wurden beide Instrumente elektronisch verstärkt, so etwa auch durch Hall. Im Vergleich zu anderen Horror-Hörspielen sind diese musikalischen Einlagen nur von sehr schwacher Wirkung, so dass sie im Gesamtwerk der schwächste Beitrag sind. Aber sie sind nicht als unpassend abzuweisen, sondern haben ihr Gegenstück in zwei anderen modernen Lovecraft-Produktionen: Vom „Orchester der Schatten“ kommen inszenierte [Lesungen,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3071 die durch ihre ähnliche Musik keinen schlechten Eindruck hinterlassen haben.

|Das Booklet|

Das Booklet enthält Informationen über den Autor (in dem Essay, s. u.), den Text und sämtliche Mitwirkenden, außerdem noch diverse Illustrationen. Als Druckbild wurde Schreibmaschinenschrift verwendet, eine alte Courierschrift, wie man sie früher für Manuskripte verwendete. Mit rotem „Bleistift“ wurden wichtige Namen etc. hervorgehoben. Hin und wieder finden sich Kleckse roter Tinte. Der optische Eindruck ist der eines handgemachten Produkts. Für manche Hörbuchkäufer könnte das einfach zu billig aussehen, aber ohne Zweifel hebt sich die CD von anderen Hörbüchern ab.

Der Essay von Michel Houellebecq erstreckt sich über immerhin fünf Seiten des Booklets – ein Viertel des Umfangs. Der Autor versucht, die Arbeitsweise Lovecrafts zu beschreiben, und bemüht dabei die Beispiele „Pickmans Modell“ und „Die Musik des Erich Zann“. Der Effekt, den HPL erzielen wollte, sei die „Furcht vor dem Unbekannten“. Um diese Wirkung zu erzielen, haben HPL eine Mythologie schaffen wollen, mit der er eine Art objektives Entsetzen erzeugen konnte, ein Entsetzen, das „von jeder psychologischen oder menschlichen Konnotation losgelöst war. Er wollte eine Mythologie schaffen, die auch noch einen Sinn für Intelligenzen hat, die aus dem Gas von Spiralnebeln bestehen.“ Houellebecq hält übrigens „Berge des Wahnsinns“ für einen herausragenden Text innerhalb des Cthulhu-Mythos, im Gegensatz zu mir.

Der Essay zeugt von tiefgehender Kenntnis literarischer Methoden wie etwa der objektiver Beglaubigung, aber auch von vielen Beispielen ihrer Anwendung, darunter natürlich auch bei Poe. Houellebecqs Artikel ist ein leicht verständlicher Beitrag zum Verständnis Lovecraft, im Gegensatz zu einigen schwierigen Texten, die ich hier nennen könnte.

_Unterm Strich_

„Berge des Wahnsinns“ ist einer der bedeutenden Kurzromane, die Lovecraft am Ende seines Lebens – er starb ein Jahr nach der Veröffentlichung – innerhalb seiner Privatmythologie schrieb. Die Antarktis-Expedition des Geologen Dyer stößt auf eine uralte Stadt, die von einer außerirdischen, vormenschlichen Zivilisation errichtet wurde. Und Andeutungen legen nahe, dass auf dem Meeresgrund noch viele weitere solche Städte auf ihre Entdeckung warten. Ob das für die heutige Menschheit so gut wäre, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. In der Stadt unter dem Eis vertreibt ein unheimlicher Wächter die neugieriger Forscher, und solche könnte es auch in weiteren Ruinen geben. Dyers Assistent Danforth hat den Wächter und dessen Brut gesehen und ist darüber verrückt geworden …

Ähnlich wie in „Schatten aus der Zeit“ und „Der Flüsterer im Dunkeln“ entwirft Lovecraft die Grundzüge seiner Mythologie, wonach erst die Alten Wesen von den Sternen kamen und die Stadt unterm Eis bauten, bevor die Cthulhu-Wesen anlangten und mit ihnen einen Krieg führten, an dessen Ende Wasser und Land zwischen den Rassen aufgeteilt wurden. Überreste beider Zivilisationen sind für Expeditionen wie die Dyers noch aufzuspüren, natürlich nur an sehr verborgenen Orten.

Das Motiv der „Lost Race“, das Lovecraft in nicht weniger als 18 Erzählungen verwendet, war schon 1936 nicht mehr neu und vielfach erprobt worden. Am kommerziell erfolgreichsten waren dabei wohl Edgar Rice Burroughs, der Schöpfer des Tarzan, und Henry Rider Haggard, der mit [„König Salomons Schatzkammer“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=484 „Allan Quatermain“ und „Sie“ einen sagenhaften Erfolg unter den Spätviktorianern verbuchte. Ob Poe mit „Arthur Gordon Pym“ diese Mode schuf, als er seinen Helden in der Antarktis eine unbekannte Zivilisation finden ließ, sei dahingestellt, aber sowohl Jules Verne mit „Eissphinx“ als auch Lovecraft mit „Berge des Wahnsinns“ folgten diesem Vorbild in den eisigen Süden. In letzter Zeit knüpfte auch Michael Marrak mit seinem Roman „Imagon“ erfolgreich an dieses Vorbild an.

Bei Lovecraft wird die Expedition zu einem Initiationsritus. Der moderne Mensch ist sowohl mit dem sehr Alten als auch mit dem Ungeheuerlichen konfrontiert, und beides scheint seinen Verstand zu übersteigen (siehe Danforths Wahnsinn). Unterschwellig vermittelt Lovecraft seinen Kulturpessimismus dadurch, dass er Dyer erkennen lässt, dass die Menschheit weder die erste Zivilisation auf diesem Planeten war, noch auch die letzte sein wird. Das wiederum könnte dem einen oder anderen Leser Schauer über den Rücken jagen. „Das ist nicht tot, was ewig liegt“ (oder „lügt“, denn das englische Verb ist doppeldeutig), wird immer wieder zitiert. Ein Menetekel, an das immer wieder mit dem Ruf „Tekeli-li! Tekeli-li!“ gemahnt wird.

|Das Hörbuch|

Den Machern von |Lauschrausch| ist ein dramatisch umgesetztes Hörspiel gelungen. Obwohl es hervorragende Sprecher und passende Geräusche vorzuweisen hat, so finde ich die musikalischen Motive zu schwach und den Sprecher des Dyer als unpassend, sowohl vom Ausdruck als auch vom Alter her. Das Booklet liefert mit Houellebecqs Essay sowohl Informationen zum Autor, dessen Werk als auch zu dessen Arbeitsmethode und ästhetischem Ziel: objektives Entsetzen. Ob es so etwas überhaupt geben kann, erörtert Houellebecq allerdings nicht.

|Originaltitel: At the Mountains of Madness, 1936 (gekürzt), 1939 ungekürzt
Aus dem US-Englischen übersetzt von Rudolf Hermstein
2 CDs, 94 Minuten|
http://www.lauschrausch.eu/