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Márai, Sándor – Die Nacht vor der Scheidung (Lesung)

Wahrheit, Schönheit, Lüge, Tod_

Richter Kömüves kommt übermüdet mit seiner Frau von einer Veranstaltung nach Hause. Überrascht erfährt er, dass sich ein Fremder in seiner Wohnung befinde, um ihn zu besuchen. Es ist Imre Greiner, ein Schulkamerad und Jugendgefährte, den er seit neun Jahren nicht mehr gesehen hat. Der Richter weiß, dass er Greiners Ehe mit der schönen Anna Fazekas am folgenden Morgen scheiden soll. Gibt es ein Problem damit? Und ob! „Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe“, antwortet Greiner. Und er will herausfinden, wer ihm seine Frau weggenommen hat – vor zehn Jahren. Wen hat Anna wirklich geliebt? Den Richter etwa?

Der Autor

Der ungarische Erzähler Sándor Márai (ausgesprochen „schandor maroi“) lebte von 1900 bis 1989. Sein Roman [„Die Glut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1367 erschien 1942. Jahrzehntelang war das umfangreiche schriftstellerische Werk des Ungarn in seiner Heimat verboten. Er hatte 1948 Ungarn verlassen und setzte – wie der ebenfalls ins Exil gegangene Stefan Zweig (gestorben 1942) – seinem Leben 1989 in San Diego ein Ende. Zu früh, so kurz vor der politischen Wende des Ostblocks. (Mehr Details am Schluss.)

Der Sprecher

Charles Brauer, geboren 1956, ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern.

Regie führte Gabriele Kreis. Die Lesung umfasst den ungekürzten Text.

Das Titelbild zeigt „Charlotte von Hagn“, gemalt von Joseph K. Stieler. So könnten wir uns Anna Fazekas vorstellen.

Handlung

Es passiert wahrlich nicht allzu viel in der Geschichte, und doch könnte das Ergebnis tragisch ausfallen.

Christoph Kömüves, an die 40 und seines Zeichens Scheidungsrichter in Budapest, stammt aus einer Dynastie von Richtern, der „Kömüves-Schule“. Sein Büro liegt in den bedrückenden Gebäuden einer Haftanstalt. Am folgenden Tag soll er wieder einmal lösen statt zu binden, doch diesmal sind es zwei gute Bekannte, und das verleiht dem Fall eine besondere Bedeutung.

Imre Greiner, 38, war Christophs Schulkamerad und Jugendgefährte, den er aber seit rund neun Jahren nicht mehr gesehen hat, seit jener Zeit, als Imre die schöne Anna Fazekas heiratete. Christoph hatte vor rund zehn Jahre die ein wenig verwöhnte junge Dame ein paar Mal getroffen, und sie hatte dabei einen tiefen Eindruck hinterlassen. Dass sie und Imre seit einem halben Jahr getrennt leben, betrübt ihn ein wenig, aber da er selbst eine wohlgeordnete Familie hat, macht er sich keine falschen Hoffnungen auf eine Begegnung mit Anna.

Als er am Abend vor der Verhandlung übermüdet mit seiner Frau nach Hause zurückkehrt, erfährt er überrascht, dass sich ein Fremder in seiner Wohnung befinde, um ihn zu besuchen. Es ist Imre Greiner.

Christoph fragt, ob es wohl ein Problem mit der anstehenden Scheidung gebe? Und ob! „Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe“, antwortet Greiner. Er sei gekommen, um seinem Jugendfreund alles zu erzählen. Diese Erzählung nimmt fast die ganze Nacht in Anspruch. Vor vier Jahren hat der geschulte Arzt entdeckt, dass seine Frau frigide ist. Die folgenden Jahre waren die Hölle. Er will herausfinden, wer ihm seine Frau weggenommen hat – vor zehn Jahren. Wen hat Anna wirklich geliebt?

„Sag mir, Christoph, hast du in den letzten zehn Jahren von Anna geträumt?“ Was für eine unverschämte Frage! Träume?! Unsinn! Kömüves weist solche unwägbaren Kategorien weit von sich, denn in der Kömüves-Schule haben sie keinerlei Relevanz. Doch das Gespräch findet mitten in der Nacht statt, und zu dieser Zeit erhalten Träume sehr wohl eine Bedeutung …

Mein Eindruck

Das nächtliche Gespräch ist der Kulminationspunkt einer langen psychologischen Entwicklung, die sowohl in der Ehe Imres stattgefunden hat als auch im Leben Christophs. Nachdem der Autor detailreich jedes Ereignis im Leben des Richters ausgebreitet und erörtert hat, um seine geistige Disposition zu beschreiben, taucht sein Jugendfreund Imre wie das personifizierte Chaos auf. Und tatsächlich erlebt Christoph die nächtliche Begegnung wie einen hinterlistig vorgetragenen Angriff auf seine Person, sein Amt und seine Lebensphilosophie (die „Kömüves-Schule“).

Weitaus interessanter, weil romantischer, ist Imres Liebe zu Anna. Nach Imres Worten kann er sich keine innigere und absolutere Einheit zwischen zwei Menschen vorstellen. Sie hatten keine Geheimnisse voreinander, denn die Ehe war ihm eine heilige Einrichtung, ein Sakrament, und die Bindung an seine Ehefrau nur durch den Tod zu lösen. Er war süchtig nach Annas Gegenwart, so dass er seine Arztpraxis in seiner eigenen Wohnung einrichtete, um ihr nah sein zu können. Demzufolge war auch seine Eifersucht eine absolute, bis hin zur Krankhaftigkeit. Er will ihren Körper besitzen, diesen „wundervollen Mechanismus“.

Doch vor vier Jahren meldete sich sein Unterbewusstsein damit, dass es etwas suchte, was es nicht kannte, aber dringend brauchte. Was war es? Imre weiß nur so viel, dass es ohne dieses Etwas nicht mehr weitergehen kann. Denn dann ist seine Ehe, ja, sein ganzes Leben nur eine leere Formel, deren Sinn abhanden gekommen ist. Wie sich herausstellt, liegen bei Anna alle Symptome der Frigidität vor, eine sexuell geäußerte Gefühlskälte. Anna ist selbst am meisten davon überrascht. Doch wie konnte es dazu kommen, fragt sich Imre, wer hat ihm Anna weggenommen? Wer erscheint ihr in ihren Träumen?

Da Anna ihm offenherzig alle ihre Lebenserlebnisse erzählt hat, weiß Imre natürlich von Annas Begegnungen mit dem vor zehn Jahren jungen Rechtsassessor Christoph Kömüves. Diese wenigen Begegnungen müssen sie aber so erschüttert haben, dass ihr die Ehe mit Imre nicht als ihre eigentliche Bestimmung erschien. Nun ist Anna tot, doch Christoph lebt. Ergeht es dem Richter ebenso? Erscheint ihm sein eigenes Leben nicht ebenfalls als eine Art Missverständnis? Als eine Formel ohne Sinngehalt?

Da gerät der Richter schwer ins Grübeln, und wir müssen uns seiner gesamten Biographie und der langen Gesellschaftsbeschreibung erinnern, die wir durch ihn erhalten haben. Erst dann können wir seine Reaktion verstehen. Wird er „ja“ sagen, oder wird er Imre, diesen personifizierten Angriff, wegschicken? Eines ist sicher: Nach dieser Nacht wird es keine Scheidungsverhandlung für Imre Greiner und Anna Fazekas geben. So oder so.

Die Gesellschaftsbeschreibung konzentriert sich immer wieder auf den sozialen Umbruch, den der Erste Weltkrieg zur Folge hat: den Untergang der KuK-Monarchie, das Auseinanderbrechen der Einheit Österreich-Ungarn, die Entlassung der Ungarn in eine Freiheit, die erst noch zu determinieren ist. Die alten Amtsträger treten ebenso ab, wie ihre Wertvorstellungen mit Füßen getreten werden. Die „Kömüves“-Schule ist ein Anachronismus, und ihr Begründer ist noch nicht einmal unter der Erde.

Innerhalb dieser katholischen und lateinisch-humanistisch orientierten Schule begreift Christoph Kömüves das Leben als Pflichterfüllung und freiwilligen Gehorsam gegenüber einer Gemeinschaft, die er als konkret seine Familie oder als erweiterte Quasi-Familie begreift. Die Pflicht ist in Demut zu erfüllen, denn dies ist die Vorbedingung für die göttliche Gnade. Doch die erweiterte Familie, die Volksgemeinschaft, hat aufgehört zu existieren, und alles um ihn herum scheint ebenso zu zerfallen wie die Ruinen der Burg in Buda, dem alten Teil der Doppelstadt Budapest.

Warum hat er also Anna Fazekas, die er doch so anziehend fand, seinerzeit nicht geheiratet? Er hielt nie um ihre Hand an, sondern wählte stattdessen Hertha. War es, weil eine Verbindung mit Anna eine Bindung des Herzens gewesen wäre statt eine der Pflichterfüllung? Wohl möglich. Dann ist sein Leben eines der Entsagung, das seine wichtigste Erfüllung in der Familiengemeinschaft und dem Dienst an seinen Klienten findet. Ist es darum ein „Missverständnis“, wie Imre behauptet? Der Leser muss diese Frage ebenso beantworten wie der Richter selbst. Wovon träumt er nachts?

Der Sprecher

Charles Brauer, inzwischen rund 70 Jahre alt, erledigt seinen Job mal wieder einwandfrei. Als erfahrener Schauspieler – etwa im „Tatort“ – hat er ein Gespür für das Besondere an einer Szene. Da weiß er einfach, wo die Pausen gesetzt werden müssen, so etwa in der extrem angespannten Begegnung zwischen Imre Greiner und Christoph Kömüves. Bewunderswert ist auch Brauers Aussprache der ungarischen Namen. Ich kann mir keinen besseren Sprecher für einen Sprachkünstler wie Sandor Márai vorstellen.

Unterm Strich

Auf ironische Weise wird aus dem Mann, der täglich sein Amt als Scheidungsrichter ausübt, ein Angeklagter, dem selbst einige recht zudringliche und höchst intime Fragen gestellt werden. Dies darf sich auch nur ein Jugendfreund erlauben. Dennoch beruft sich der Richter auf sein Recht, die Aussage zu verweigern – ein Schuldeingeständnis?

Zwei Lebensprinzipien stoßen ebenso aufeinander wie zwei Epochen: hier die alte, versunkene Welt der KuK-Monarchie, dort die neue Republik, hier Pflichterfüllung bis zur Selbstverleugnung in Demut, dort die totale Erfüllung in einem geliebten Partner. Imres Erfüllung stellt sich als Täuschung heraus, als Lebenslüge – wie steht es um die Lebenslüge des Richters?

Trotz der völligen Abwesenheit einer Handlung ist die Geschichte des Aufeinandertreffens dieser zwei Welten eine Angelegenheit, die zunehmend an Spannung gewinnt, je kritischer die Fragen des Arztes an den Richter werden. Etwas muss brechen, denn es ist die Nacht vor der Scheidung. Anna, die zwischen den beiden stand, ist bereits tot (ich verrate nicht, auf welche Weise sie starb) – wird es weitere Opfer zu beklagen geben?

Der Leser bzw. Hörer muss jede Menge Geduld und Aufmerksamkeit mitbringen, um über den Berg der Vergangenheit in die spannenden Gefilde der Gegenwart zu gelangen, die in einer einzigen Nacht ihren Kulminationspunkt findet. Große Literatur, die Anstrengung fordert, aber dafür umso mehr lohnt.

Mehr Details über den Autor

Sándor Márai, geboren am 11. April 1900 in Ungarn, studierte Philologie. Sein erster Gedichtband erschien 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Márai als Student und literarischer Feuilletonist in Deutschland und Paris. 1928 kehrte er zurück in die ungarische Heimat und erlebte dort in den dreißiger Jahren eine Zeit größter Schaffenskraft und literarischer Erfolge. 1948 floh er in den Westen und lebte in der Schweiz, in Italien und in Amerika. Nach dem Tod seiner Frau nahm Márai sich im Februar 1989 in San Diego, Kalifornien, das Leben.

Das Original erschien posthum in Toronto, deutsch zuerst 2004
aus dem Ungarischen von Margit Ban
377 Minuten auf 5 CDs

William Gibson – Neuromancer (Lesung)

„Case ist 24 und seine Karriere am Ende. Das Nervensystem des abgehalfterten Daten-Cowboys ist zerstört, er hat keinen Zugang mehr zur Matrix des Cyberspace. Bis er Molly kennen lernt, eine durch Implantate getunte Kämpferin. Ein unerwarteter Auftrag führt sie in die gefährliche Auseinandersetzung zwischen den künstlichen Zwillings-Intelligenzen Neuromancer und Wintermute …“ (Klappentext)

Der Autor

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Jörg Maurer – Jörg Maurer trifft Mozart (Audio)

Leicht & verspielt: Mozart-Revue

Der Musikkabarettist und Autor Jörg Maurer zeigt uns eine Seite von Mozart, die wir ganz sicher noch nicht kannten! In seiner Hommage an das „Wunder von Salzburg“ streift er schwungvoll und gekonnt abschweifend, um originelle Interpretationen und parodistische Variationen nicht verlegen, durch Sonaten, Evergreens und Anekdoten. So erfährt man auch einiges über die lückenhafte Biografie des Herrn Mozart. (bearbeitete Verlagsinfo) Anlass für dieses Kabarettprogramm war der 250. Geburtstag des Komponisten im Jahr 2006. Die Aufnahme ist schon etwas älter, aber das merkt man der Tonqualität nicht an.
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Janson, Christine / Geissler, Dana – Just4Women: Erotikbox 1

_Erotik zwischen Lachkrampf und Tiefenentspannung_

Im März 2003 begann die „erste erotische Hörspielserie für Frauen“ und mittlerweile sind es schon über ein halbes Dutzend Abenteuer in Amors Gefilden, in denen sich die vier Hauptfiguren Moni, Cora, Annica und Sylvia mit meist, aber nicht immer männlichen Partnern verlustieren dürfen. Die erste Erotikbox in pinkfarbenem Plastikherz kostete immerhin 24,90 Euro. Aber da waren auch Badekerzen mit Lavendeldurft drin.

Nun vertreibt Lübbe die CDs des Kölner Herstellers „Sounds of Seduction“ exklusiv. Das erste Abenteuer auf den drei CDs ist aber nicht wie ursprünglich „Frauenabend“, sondern „Sexperimente“. |Dabei geht es um Monis und Coras aufregende Erlebnisse in einem außergewöhnlichen Erotikclub. Moni und Michael geben sich – zugegebenermaßen nach einigen Startproblemen – einer heißen Nacht mit einem anderen Pärchen hin. Vor allem Moni kommt dabei voll und ganz auf ihre Kosten, und für sie steht nach diesem Ausflug fest: das war nicht der letzte Ausflug in ein Etablissement dieser Art… Aber Vorsicht, Moni, Suchtgefahr …| (Verlagsinfo)

|“Online-Liebe“ – das ist der Titel der zweiten CD unserer EROTIKBOX. Auf dieser kannst du erleben, wie Annica in einem außergewöhnlichen Chat mit einem Yogi-Meister Erfahrungen im indischen Liebes-Tantra sammelt. Sehr anregend! Sylvia hingegen stellt bei ihrem ersten Blind-Date fest, dass es online gar nicht einfach ist, zwischen Fröschen und Prinzen zu unterscheiden. Dieses erste Date ist nämlich eher zum Augen verschließen – obwohl, aufregend wird es dann doch. Und das nicht nur für Sylvia!| (Verlagsinfo)

Die dritte Silberscheibe ist „eine Ratgeber-CD, die in Zusammenarbeit mit Christine Janson, der Autorin und bekannten Expertin in Fragen weiblicher Sexualität, zusammengestellt“ wurde. |“Diese CD enthält praktische Tipps und Anregungen zu den Abenteuern unserer vier Freundinnen und ist ab jetzt Bestandteil jeder Box. Was sollte ich bei einem Besuch in einem Erotikclub beachten? Wo finde ich die Top-Adressen Deutschlands? Und wo tummeln sich die Traumprinzen im Internet?“| Danach will frau das sicher gleich selbst ausprobieren.

_Die Autorin_

Das Drehbuch zur ersten Folge „Frauenabend“ schrieb laut Pressemitteilung noch die Sprecherin und TV-Schauspielerin Dana Geissler. Doch danach hat Christine Janson diese Rolle übernommen. Sie tritt hier auch als Ratgeberin auf. Auf der Webseite http://www.just4women.de kann man mehr über sie, die Figuren und den eigenen Persönlichkeits-Typ erfahren. Bilder gibt’s dort ebenfalls für den Download.

_Die SprecherInnen und ihre Rollen_

Wie gesagt ist Dana Geissler die bekannteste Sprecherin. Sie trat in „Tatort“, „Die Sitte“, „Die Wache“ und „Hausmeister Krause“ auf. Sie spricht MONI (32): freiberufliche Werbekauffrau, seit zehn Jahren mit Michi (38) verheiratet und Mutter zweier Kinder, Max und Lisa. Moni hat bislang nicht experimentiert und ist ängstlich.

CORA wird gesprochen von Eva-Maria Hardt. Sie ist die Powerfrau, wie sie im Buch steht. Sie übernimmt gerne das Kommando, kann sich aber auch hingeben.

ANNICA wird gesprochen von Anne Fink. Sie ist die „Cosmopilitin“ (= |Cosmopolitan|-Frau?) der Gruppe.

SYLVIA wird gesprochen von Birgit-Karla Krause. Sie ist die Romantikerin, die schon mal gerne nach Indien abdüst und gerne Tantra-Sex hätte.

Desweiteren tritt eine Liebesgöttin im Chat auf. Natürlich gibt es auch männliche Sprecher. Lustig ist die Formulierung des Herstellers dazu: „Bei der Auswahl der männlichen Stimmen wurde besonders großer Wert darauf gelegt, weiblichen Fantasien zu entsprechen.“ Es treten auf: ein Schlossbesitzer (Pat Murpy), der „Tantrameister Nr. 21“ (Volker Wolf) und diverse andere Zeitgenossen.

Der Titelsong „Girlfriends“ wird von Soleil Niklasson gesungen. Für den guten Ton sorgten Peter Harrsch und Rick Schepker. Regie und Musik oblagen Ingo Gregus. Für die Idee zeichnet Ralf Pispers verantwortlich, und wenn man sich die Anzahl der Episoden von „Just4Women“ anschaut, scheint es eine ziemlich erfolgreiche Idee gewesen zu sein.

_Handlung von „Sexperimente“_

Werbekauffrau Moni (s.o.) ist seit elf Jahren mit Michi, 38. verheiratet und hat mit ihm zwei Kinder. Es könnte nicht besser laufen, gäbe es da nicht eine Sache: Er beschwert sich, ihr würde nie etwas einfallen, um ihren Sex ein wenig aufzupeppen. Als ihre Freundin sie fragt, wovon sie denn träume, dann nur von einer Amazone, die Männer kastriert. Offensichtlich muss etwas passieren.

Moni fragt Cora, die Powerfrau, um Rat. Es wird deutlich, dass Moni nicht weiß, was sie anmacht. Aber der alte 08/15-Sex ist es sicher nicht. Cora hingegen hat die Fantasie, auf eine Schlossparty zu gehen, mit nichts unter ihrem Umhang als einem Paar Stiefeln. Sie lädt Moni und Michi zu so etwas ein. Die Mega-Frage ist jedoch: Was soll Moni nur zu so einem solchen Event anziehen? Die Corsage, die sie im Erotikshop anprobiert, schnürt ihr bloß die Luft ab. Das ist wohl nicht ganz das Richtige.

Als sie jedoch endlich am Schloss angelangen, das versteckt mitten in der Botanik liegt, erweist sich alles dort als ein wenig entspannter, als Moni befürchtet hat. Sie und Michi lernen ein erfahreneres Paar kennen: Marc und Tanja. Sie geben ihnen das Gefühl, dass es klappen könnte. Und so lassen sie sich auf ein Beisammensein ein, das sich als viel schöner erweist, als Moni erwartet hat.

Doch Cora ist unterdessen auf einer ganz anderen Wellenlänge. Kuschelsex ist noch nie ihr Ding gewesen. Als ein Mann im Armani-Anzug ihrem Blick standhält und sie zu einem besonderen Sexspiel einlädt, sagt sie nicht nein. Neugierig folgt sie ihm in den Keller. Hinter einer Eisentür liegt ein stilecht eingerichtetes Verlies …

_Mein Eindruck_

Warum nicht aus der Routine und dem Alltagstrott ausbrechen, warum nicht etwas Besonderes im Sexleben erfahren? Aber man sollte die Abenteuer von Cora, Moni und Co. nicht auf die Goldwaage legen. Es handelt sich um eine Erotik-Soap, die unterhalten soll. Immerhin kommt auch nicht die Psychologie zu kurz, und Informationen werden durch das Hintertürchen eingeschleust – siehe auch die Ratgeber-CD, wo Tipps zu genau solchen Schloss-Partys zu finden sind.

Positiv fiel mir an dieser Episode auf, dass Moni eine Menge Hemmungen und Ängste zu überwinden hat, bevor sie sich endlich mit einem anderen Pärchen einlässt. Von Buschheuers sächsischem „Bärschn-Säggs“ (vgl. [„Ruf! Mich! An!“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1338 ist hier also nicht die Rede. Dafür ist Coras Abenteuer mit dem Armani-Mann umso komischer.

_Handlung von „Online-Spiele“_

Sylvia, die Romantikerin, hat seit ihrer Trennung von dem Architekten Rolf – er hat sie verlassen – Trost in Online-Chats und Partnersuche-Foren gefunden. Sie hat herausgefunden, dass Frauen dort unheimlich begehrt sind. Zurzeit hat sie zwei Favoriten: den charmanten Peter und den jugendlichen Tobias. Als ihre Freundin Annica, die Sängerin, kommt, um sich um ihren Sohn Moritz zu kümmern, hat Sylvia Zeit, sich mit Tobias zu treffen.

Tobias stellt sich als übergewichtiger Computerfreak Ende vierzig heraus. Das ist noch nicht das Schlimmste: Er empfiehlt ihr ebenfalls eine kleine Abnehmkur. Und was er über Informatik quasselt, hört sie nur mit halbem Ohr. Am Ende des Dates erweist er sich als Knauser und Pedant. Ganz geknickt geht sie erst einmal durch den Park, um auf andere Gedanken zu kommen.

Unterdessen hat sich Annica, während Moritz schläft, an Sylvias PC niedergelassen und chattet fröhlich im Netz. Besonders interessiert sie sich für „Tantrameister Nr. 21“, der mit ihr eine heiße Einswerdung-Session abzieht, sich aber beim Austausch von Kontaktdaten plötzlich recht zugeknöpft zeigt. Seine Frau und Kinder sollen ja nichts davon mitbekommen …

Als am nächsten Tag Peter bei Sylvia anruft, überrumpelt er sie mit einer Einladung in ein italienisches „Restaurant“. Es entpuppt sich als Sphaghetteria, aber weil es gleich bei ihm um die Ecke liegt, erweist es sich als strategisch günstig gelegen. Obwohl er sich mit der Zunge dauernd über die Lippe leckt wie ein Salamander, erliegt sie seinem Charme und lässt sich mit zu ihm in die Wohnung nehmen. Alles ist genau richtig, bis er schließlich mit einem ganz speziellen Wunsch herausrückt …

Ihre Freundin, der sie alles brühwarm erzählt, ist total wütend, dass Peter Sylvia so ausgenutzt hat. Schließlich hat Moni gerade selbst genug Frust zu verarbeiten. Da war dieser Paul, mit dem sie und ihr Mann Michi einen flotten Dreier anbahnen wollten. Aber dass er sich dauernd über mit der Zunge über die Lippen fuhr, hat sie so abgetörnt, dass sie es bleiben ließen.

Da fährt der Schreck Sylvia in die Glieder, und sie bricht in Tränen aus: Das ist ja „ihr“ Peter, der sich seit dem Date nicht mehr gemeldet hat! Die vier Freundinnen beschließen, dass es auf Peters Verhalten nur eine Antwort geben kann: Rache! Und Cora weiß auch schon, wie sie es Peter heimzahlen kann …

_Mein Eindruck_

Diese Episode weist so viele Klischees auf, dass es entweder oberpeinlich oder schon wieder trashig gut ist. Annica zappt auf ihrer Suche nach dem Traummann über die Chat-Sites von vielen Fröschen, die sich als Prinzen ausgeben. Doch kaum haut sie dem Prinz mal aufs Maul, quakt schon der Frosch hervor. So geschehen mit dem „Tantrameister Nr. 21“ – allein schon der Username ist der Witz.

Richtig komisch wird’s natürlich, wenn das Tantraritual in allen sinnlichen Einzelheiten durchgespielt wird. Derartige PC-Freuden hatte ich mit meiner Microsoft-Maus noch nie. Ein Glück, dass Annica die Sache zwischen Yoni und Lingam sofort kapiert hat. Aber was hat das mit einem Mantra zu tun, stutzt sie. Darauf er: „Blas ihn einfach!“ Manchmal hilft eben das beste Tantra-Indisch nichts. Auch abgedroschene Ausdrücke wie „Lustgrotte“ und „Zauberstab“ – gemeint ist „seine harte Göttlichkeit“, klar? – wirken sehr komisch. Aber was soll’s? Hauptsache, „ihr Nektar fließt“, oder?

Die Krönung der Episode ist natürlich das Desaster mit dem falschen Fuffziger namens Peter – oder Paul, wenn man Moni glauben darf. Dass die arme Sylvia ihren „Busch“ opfern muss, um Erfüllung zu finden – eine Sauerei! Dass er nichts mehr von sich hören lässt – so ein Hallodri! Und dass Rache Blutwurscht ist, dürfte wohl klar sein. Cora, Spezialistin für Powerspielchen, fällt dazu auch gleich der erfolgverheißendste Plan ein. Long live Eva.

_Die Ratgeber-CD_

Unsere Sexpertin vor Ort ist Sara, gesprochen von Nicole Engeln. Sara hat für uns eine Reihe von Leuten vors Mikro geholt, die in Sachen Erotik interessante Angebote machen. (Die Webadressen aller Interviewpartner sind in der Box hinter der CD #3 abgedruckt.) Da ist zunächst die Agentur „EroLuna“, die Workshops und Partys einrichtet, auf denen Kunden ihre individuellen Phantasien umsetzen können. Mit der Originalität dieser Phantasien ist es aber nicht weit her: Der Maskenbal ist exakt aus Stanley Kubricks Film [„Eyes Wide Shut“]http://www.powermetal.de/video/anzeigen.php?id__video=297 kopiert. Zitate aus dem Drehbuch sollen die „Authentizität“ belegen. Auch nicht besonders originell ist die Gigolo-Party im Spreewald auf Schloss Milkersdorf.

Ewige Megafrage ist natürlich: Was ziehe ich (als Frau) für meine erotische Phantasie an? Expertin hierfür ist Gala Block, eine Designerin und Besitzerin des Webshops „Samt & Seide“. Sehr begrüßenswert ist der Tipp, möglichst unverwechselbar zu werden und zu seiner eigenen Weiblichkeit zu stehen. Gar nicht so einfach umzusetzen. Block gibt sogar offen zu, dass erotische Bekleidung für Männer Mangelware sei. Ein guter Tipp: Niemals den Partner fragen, was einem steht.

Da eine der Hörspiel-Episoden „Online-Spiele“ heißt, bietet es sich an, auch die Partnersuche im Internet mal unter die Lupe zu nehmen. Kenntnisreicher Interviewpartner für dieses Thema ist Oliver Zschau vom JoyClub, der offenbar allen und jedem offen steht, auch Leuten, die „nur“ Freundschaft suchen. Der Klub überprüft nach Zschaus Angaben auch so genannte Foto-Fakes, die immer mal wieder auftauchen, um nichts ahnende Kunden zu täuschen. Für eigene Angebote werden ebenso Tipps gegeben wie für das Verhalten im Online-Chat. Ehrlichkeit, Höflichkeit und Freundlichkeit haben oberste Priorität: Na, da hätten sich unsere Opas aber gefreut. Suspekt ist wohl eher der Tipp, im Zweifel lieber der eigenen (weiblichen) Intuition zu vertrauen.

Letzter Punkt auf der Tagesordnung ist eine „erotische Tiefenentspannung“ in der Länge von rund 15 Minuten. Ich hab’s ausprobiert. Es handelt sich um eine stinknormale Entspannungsübung. Was daran „erotisch“ sein soll? Vielleicht die suggestive Stimme der Trainerin.

_Mein Eindruck: CD 3_

Die Ratgeber-CD bietet also vier Interviews und eine Menge Tipps, die gar nicht zu verachten sind. Insbesondere die Empfehlungen für die Teilnahme an Online-Chats auf Sites, wo sich Leute kennen lernen wollen, sind beachtenswert, besonders um Missbrauch und Täuschung zu entgehen. Selbst wenn sie hin und wieder banal erscheinen sollten – man kommt heute durch die Reizüberflutung so selten zum Denken, dass man auf diese Regeln nicht so schnell von alleine gekommen wäre.

Die Gigolo-Party und den Maskenball kann man sich im Real-life geben, wenn man zu viel Geld und Zeit hat. Von Originalität ist dabei wenig zu sehen: Solche Kopien aus einschlägigen „Eyes Wide Shut“-Szenen gibt es wahrscheinlich bereits weltweit. Die Übung zur Tiefenentspannung kann man sich höchstwahrscheinlich auch auf jeder entsprechenden CD im Kaufhaus für fünf Euro besorgen.

_Die Sprecher_

Während die Sprecherinnen – zumindest für mich als Mann – alle ganz natürlich und passend klingen, kommen fast alle Männer recht unnatürlich und gekünstelt herüber. Das hängt allerdings auch oft mit den behämmerten Dialogzeilen zusammen, die sie sprechen müssen. Ist die Episode „Sexperimente“ noch durchaus erträglich, so wird „Online-Spiele“ zu einer Parodie, die keinerlei Anstrengungen unternimmt, das Lächerliche und Satirische in ihrem Ansatz zu verdecken. Da fällt es frau allerdings, sollte mann meinen, schwer, diese Warnungen ernst zu nehmen. Ganz besonders dann, wenn sich alle Prinzen als Frösche erweisen.

Der Sound kann sich durchaus hören lassen. Harrsch und Schepker (s.o.) haben gute Arbeit geleistet. Die Toneffekte, die sie einsetzen, machen sich besonders in der Episode „Online-Spiele“ bemerkbar. Da klappert die Tastatur, da klickt die Maus, und das Chat-Programm gibt fiepende Töne von sich.

So weit, so schön. Dann beginnen die Chats. Jetzt wird’s peinlich, ganz besonders dann, wenn sich „Tantrameister Nr. 21“ so richtig ins Zeug legt. Zu indischen Klängen und dem Singsang eines Yogi (oder was auch immer) stöhnen Annica und Tantramann um die Wette. Ich hätte mich am liebsten auf dem Boden gekringelt, bin aber meiner Chronistenpflicht gefolgt und habe fleißig protokolliert.

Wie klingt es eigentlich, wenn die Muschi rasiert wird? Das fragte ich mich, als ein entsprechend realistisch klingen sollendes Geräusch aus den Lautsprecherboxen in meinen Gehörgang drang. Da ich meine Zweifel an solcherlei Realismus habe, sollte ich wohl doch alsbald eigene Sexperimente in dieser Richtung anstellen.

Immer wieder taucht der penetrante Themensong „Girlfriends“ auf, wahrscheinlich nur deshalb, weil darin die Zeile „Just for women“ vorkommt, die der Serie ihren Titel gegeben hat. Die Sängerin ist eine Könnerin ihres Fachs, aber so häufig wollte ich sie nun wirklich nicht hören. Immerhin: Der Song füllt die Pausen, stimmt auf die Episode ein und am Schluss der 3. CD wird er sogar in seiner vollen Länge von rund drei Minuten ausgespielt. Irgendwie musste die CD ja gefüllt werden.

_Unterm Strich_

Ja, ja, die Erotik. Diese Box führt einen durch einige emotionale Höhen und Tiefen, und eine davon ist ein Lachkrampf, die andere eine Totalentspannung. (Was davon nun eine Höhe und was eine Tiefe ist, müsst ihr selbst bestimmen.) Konnte mir die erste Episode noch recht gut gefallen, so erschien mit die zweite als Parodie ihrer selbst. Die Ratgeber-CD von „Sexpertin“ Engeln ist durchwachsen, bietet aber für den unbedarften Einsteiger in Erotik-Events und Online-Partnersuche einige nicht zu verachtende Empfehlungen.

Da dies nun „Erotikbox Nr. 1“ bei |Lübbe| ist, stellt sich die Frage, wieso man keine vernünftige Einführung bekommt, die den Hörer über a) die vier Hauptfiguren und b) das bisher Geschehene aufklärt. Denn dass Episode Nr. 1 nicht der Beginn der Serie ist, lässt sich leicht aus der zugehörigen Liste auf der Webseite http://www.just4women.de ersehen. Dort ist als 1. Episode „Hausfrauenabend“ angegeben. Ob sich dahinter eine Tupperparty versteckt, habe ich nicht nachgeprüft. Aber ein Besuch der Webseite lohnt, denn hier finden sich alle Infos, die man über die Hauptfiguren sucht – und obendrein jede Menge Downloads sowie Hörproben.

Grundsätzlich hat die Serie ihren Reiz, denn auf eine Erotikserie ähnlichen Kalibers dürften wir im Free-TV wohl noch fünf bis zehn Jahre warten müssen, auf Premiere vielleicht nur noch ein bis zwei. Wer sich keine Schmöker à la „Geschichte der S.“ mehr reinziehen möchte, in denen eh nur die Klischees wiedergekäut werden, der ist hier an der richtigen Adresse. Lachkrampf inklusive.

|220 Minuten auf 3 CDs|

Slaughter, Karin – Dreh dich nicht um (Lesung)

Ein Sarah-Linton-Thriller

Am Grant College und in dessen Nähe findet die Polizei einen jungen Mann und eine junge Frau, beide Studenten, die anscheinend Selbstmord begangen haben. Doch bestimmte Unstimmigkeiten lassen Sheriff Tolliver und Gerichtsmedizinerin Sara Linton am Anschein zweifeln. Dass Saras hochschwangere Schwester in der Nähe eines der Tatorte überfallen und schwer verletzt worden ist, verwirrt und beunruhigt die beiden Ermittler in höchstem Maße. Werden sie bei ihrem Vorgehen beobachtet und manipuliert?
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Charles Dickens – Das Spukhaus. Inszenierte Lesung

Unheimlich: Der Geist im Spiegel

So ein Spukhaus ist eine famose Sache: Es gibt immer was zu tun. Das denkt sich auch unser Ich-Erzähler, als er davon hört, und beschließt, es für sechs Monate zu mieten. Doch den Spuk gibt es wirklich, und nacheinander nehmen seine Bediensteten Reißaus, alle bis auf einen, der stocktaub ist. Es gibt also noch Chancen. John, der Erzähler, und seine Schwester Patty laden ihre ebenso famosen Freunde ein, sich die Sache mit dem Spuk mal genauer anzusehen: furchtlose Zeitgenossen allesamt. Doch in Master B.s Dachstube will trotz aller Mühen der Spuk nicht enden.

Der Autor

Charles Dickens, geboren 1812 bei Portsmouth, ist einer der wichtigsten Schriftsteller des viktorianischen Englands. 1824 wurde Charles‘ Vater wegen Schulden eingebuchtet, und seine Mutter und ihre acht Kinder mussten sehen, wie sie zu Brot kamen. Mit zwölf Jahren erfährt Charles in der Fabrik alles Elend, das Ausbeutung durch Arbeit bereithält (nachzulesen in „Hard Times“ und anderen Romanen).

Erst drei Jahre später kann Charles eine Schule in London besuchen. Er arbeitet tagsüber als Schreiber für eine Anwaltskanzlei und lernt nachts. Seine Studien zahlen sich aus. Er erhält eine Chance als Zeitungsreporter und wird Parlamentsberichterstatter. 1833 beginnt er, eigene Geschichten zu veröffentlichen und legt sich das Pseudonym „Boz“ zu.

Dickens‘ Durchbruch erfolgt 1837 mit den humoristischen „Pickwick Papers“, die ihn auf einen Schlag berühmt machen. Er heiratet die Tochter seines Verlegers Catherine Hogarth und arbeitet als Schriftsteller. In den folgenden Jahren schreibt er zahlreiche, mitunter recht umfangreiche Romane und etliche Erzählungen, ruft ein wöchentliches Literaturmagazin ins Leben, für das er als Verleger und Autor arbeitet, gründet ein Amateurtheater, in dem er selbst auftritt, und unternimmt ausgedehnte Reisen in Europa und nach Amerika.

1858 trennt er sich von seiner Frau, mit der er zehn Kinder hat, und beginnt eine Beziehung mit der Schauspielerin Ellen Ternan. Er stirbt am 9. Juni 1870 in Gadshill bei Rochseter an den Folgen eines Schlaganfalls.

Der Sprecher

Matthias Haase, geboren 1957, wurde an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Hannover ausgebildet, unter anderem am Klavier und am Cello sowie als Bariton. Neben Engagements am Schauspiel Köln sowie in Düsseldorf war er in zahlreichen Rollen in Film und Fernsehen zu sehen, unter anderem in „Atemnot“, „Heinrich Heine“, „Ein Bayer auf Rügen“, „Notaufnahme“, „SOKO Köln“ und „Verbotene Liebe“. Er hat bereits in rund 300 Hörspiel- und Hörbuchproduktionen mitgewirkt, so zum Beispiel in Hauptrollen in „Herr der Ringe“, „Das Foucaultsche Pendel“ und „Die Stadt der Blinden“.

Haases Vortrag ist mit Geräuschen und Musik untermalt.

Regie führte die Übersetzerin Daniela Wakonigg, die Tontechnik und Musikeinspielungen steuerte Peter Harrsch.

Handlung

Der fest auf dem Boden der Tatsachen stehende Ich-Erzähler der Geschichte bezieht als Urlaubsdomizil ein altes, verfallendes Haus, das den Einheimischen im nahen Dorf als Spukhaus gilt. Unser Erzähler ist ein vernünftiger Mann, der nichts vom Geisterglauben der Dörfler hält, schon gar nicht von den Anekdoten, die man sich vom Erscheinen einer verschleierten Frau und einer Eule erzählt. Allerdings trägt auch er insgeheim tief im Herzen eine gewisse Furcht vor jener „anderen Welt“ mit sich.

Nachdem er mit seinen Dienstboten für sechs Monate eingezogen ist, gibt es jede Menge zu tun: Nichts funktioniert – außer der Klingel zu „Master B.s Zimmer“. Nächtelang klingelt, klappert, knarrt und spukt es im Haus, bis es den Dienstboten schließlich zu viel wird – mit einer Ausnahme: Bottles, der Stallknecht, ist stocktaub und bekommt von dem allnächtlichen Aufruhr rein gar nichts mit. Das gibt unserem Erzähler und seiner klugen Schwester Patty zu denken: Was wäre, wenn man diese störenden Tonquellen einfach abstellen würde?

Das geht aber nicht alleine, sondern zu diesem Zweck laden die beiden ihre liebsten Freunde aus London ein. Darunter sind Anwälte und ein paar raubeinige Seeleute, die dem Tod schon mehrmals ins Auge gesehen haben. Diese kühlen Köpfe bereiten dem Spuk ein Ende, indem sie quietschende Wetterhähne, klappernde Fensterrahmen und gluckernde Wasserrohre reparieren. Außerdem überführt unser Held einen der Dörfler, seine Hand im Spiel zu haben.

Doch in Master B.s Dachstube endet der Spuk keineswegs, und hier hat sich der Erzähler zur Ruhe gebettet. Könnte es sein, dass all der Spuk nur mit ihm zu tun hat? Was hat er uns verschwiegen?

Mein Eindruck

In der ersten Hälfte des in einer Doppelfolge publizierten Textes herrscht eine melancholische Stimmung vor, die sich natürlich auf das verlassene Spukhaus konzentriert und gründet. Am Ende des zweiten Drittels des Gesamttextes verfliegt diese Stimmung endlich, als sämtliche Spukerscheinungen – bis auf eine – beseitigt und aufgeklärt sind. Dann schlägt die Stimmung wieder komplett um: ins Märchenhafte.

VORSICHT, SPOILER!

Dickens arbeitete ja bekanntlich viel mit Symbolen, Metaphern und Allegorien. Man denke nur an seine Weihnachtsgeschichte um Mr. Scrooge. Drei Geister erscheinen da, die Allegorien bzw. Verkörperungen der vergangenen, gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht. In „Das Spukhaus“ praktiziert der Autor den gleichen Trick, allerdings mit einem anderen Sujet und weitaus weniger plump als bei Mr. Scrooge, sondern geradezu modern.

Spaltung

Die Hauptrolle beim Übergang zu dem, was kommt, spielt, wie könnte es anders sein, ein Spiegel. Denn dieses Ding ist das Symbol für die Spaltung und Verdopplung des Bewusstseins. Der Andere im Spiegel ist einer von drei Männern: ein Junge, dann der junge John (Erzähler) im Alter von 24 oder 25 Jahren, sein Vater und sein Großvater, den er nie gesehen hat. Was haben sie mit Master B. zu tun, dem ehemaligen Bewohner dieser Dachstube? John, unser Erzähler, glaubt, ein Skelett neben sich im Bett liegen zu sehen. Es spricht zu ihm und fordert ihn zu einer Reise auf …

Geistreise

Nach und nach und auf verschiedenen Vehikeln – Besenstiel, Schaukelpferd, Droschke und sogar ein kopfloser Esel – begibt sich John in ein seltsames Land. Er nimmt auch einen anderen Körper an, der dem seines Begleiters verblüffend ähnlich sieht: großer Kopf, aber kurze Beine, sowie altertümliche Kleider. Sie sind Kinder, und als Kinder werden sie von einer Gouvernante erzogen, von Mrs. Griffin. In diesem Kinderland erschaffen sich John und B. eine Fantasie, wie sie während des ganzen 19. Jahrhunderts sehr verbreitet war: der Orient. Sie beschließen, sich einen Harem zuzulegen. Und das klappt auch ganz prächtig …

Der Ursprung

Doch alle guten Dinge müssen enden. Und schließlich muss sich John, der Erzähler-John fragen, wohin dieses Wunderland verschwunden ist und was es überhaupt bedeutet. Es ist seine Kindheit, und er hatte sie vollständig verdrängt. Aus einem ganz bestimmten Grund: Das Ende dieser Kindheit wurde von einem schrecklichen Ereignis bezeichnet: dem Tod seines Vaters (so wie der Autor mit zwölf Jahren wegen der Verhaftung seines Vaters in die Fabrik musste). John verlor sein Heim und musste in die Waisenschule, wo man ihn hänselte und triezte. „Master B.“, das ist der Geist seiner eigenen Kindheit. Nun geht er gerne mit einem Skelett zu Bett.

Analytisch

Die Geschichte nimmt geradezu die Methode der Psychoanalyse vorweg, kleidet die Kräfte, die am Werk sind, in Symbole und Figuren. Die Kinderphantasie mutet wie ein Märchen an, doch der Harem, dem sich die Freundinnen anschlossen, scheint innerhalb der damaligen Orient-Phantasien durchaus möglich gewesen zu sein. In einem bestimmten Alter (hier: acht bis neun Jahre) spielen Kinder Rollen durch, und eine der Rollen ist zur Abwechslung mal eine Haremsdame statt einer Prinzessin. Die Favoritin des Harun al-Raschid (= John) heißt demnach stilecht Zobeide, und der Großwesir, eine Art Isnogud, zettelt tatsächlich eine Palastrevolution an. Für Aufregung ist also auch in diesem Teil der Geschichte gesorgt. Und da das gesamte Spiel vor Mrs. Griffin geheimgehalten werden muss, ist es obendrein auch noch spannend.

Humor

John, unser Chronist, ist ein abgeklärter, älterer Herr und seine Schwester Patty, 38, ein ebenso kluges Frauenzimmer. „Wir können doch auch ohne Dienstboten hier leben“, meint sie. Was für ein kühner, beinahe schon anstößiger Gedanke, findet John. Ein Mann seines Standes, und keine Dienstboten! Doch die besagten Bediensteten sind wenig zuverlässig. Besonders das junge Hausmädchen, eine Waise aus einem religiösen Bildungsinstitut, ist höchst labil, und über ihre Art, wie sie regelmäßig in einen starren, kataleptischen Zustand verfällt, macht sich John unterschwellig lustig. Sie sieht überall Augen, und wenn sie in Starre verfällt, kann man sie nur mit Riechsalz wieder zu sich bringen. Das ganze Haus stinkt danach, und das Riechsalz ist schließlich aufgebraucht. Dann ist für das Gesinde Feierabend.

Der Sprecher

Matthias Haase kann seine Stimme flexibel einsetzen, so dass er in der Lage ist, jedem Sprecher eine individuelle Charakteristik zu verleihen. Dadurch ist es dem Hörer möglich, die Figur von anderen zu unterscheiden. Während John, der Erzähler, mit einer relativ normalen, männlich tiefen Stimme spricht, äußert sich der durchtriebene Ikey aus dem Wirtshaus drucksend und schnell, jedenfalls alles andere als ehrlich und aufrichtig. Sein genaues Gegenteil ist die Köchin, die geradezu entsetzt ist über die Zustände, die sie im Spukhaus vorfindet. Ihr Gegenteil wiederum sind der brave Captain Jack Governor, ein Seemann von altem Schrot und Korn, und sein Kumpel Nat Beaver. Namen, die für sich sprechen!

Musik und Geräusche

Die Seemänner werden von den Klängen eines Schifferklaviers eingeführt und begleitet. Das Spukhaus jedoch bedarf einer ganz anderen Stimmung. Zunächst wird es durch ein trauriges Cello-Solo charakterisiert, später, als die Spukstimmung aufkommt, durch einen Soundeffekt, den ich einfach mal als „äolischen Sphärenklang“ bezeichnen will. Er klingt geisterhaft, mystisch und ist keinem klassischen Instrument zuzuordnen, das mir bekannt wäre.

Auf dem Höhepunkt der Spukmanie unter den Bediensteten ist eine interessante Kombination aus Glockenspiel und Geigenpizzicato zu hören (pizzicato: die Geigensaiten werden gezupft statt gestrichen). Alle diese musikalischen Motive werden mehrmals verwendet, so dass ihr Wiedererkennungswert hoch ist. Alle dienen wie stets dazu, die Emotionen des Hörers zu steuern und Assoziationen zu wecken, z. B. Schifferklavier und Seefahrt, oder: quäkende Flöte und Märchen-Orient.

Die Geräusche klingen zwar realistisch, werden aber nur dann eingesetzt, wenn sie wirklich etwas bringen. Also dann, um eine düstere Stimmung zu erzeugen, so etwa grollender Donner und das Krächzen von Krähen. Nur einmal drängeln sich die Geräusche in den Vordergrund, weil sie nämlich ein Element der Handlung bilden: Die Klingeln im Spukhaus treiben die neuen Bewohner schier in den Wahnsinn.

Unterm Strich

„Das Spukhaus“ ist innerhalb des Kanons an Geschichten über Gespensterhäuser eine sehr ungewöhnliche Geschichte. Der Spuk ist nicht bedrohlich, denn so etwas wie Vampire taucht nicht auf. Sondern es geht dem Autor vielmehr um eine Art Zeitreise in die eigene Kindheit.

Die Wirkung ist in dem letzten Drittel der Erzählung märchenhaft und will nicht zu einer einheitlichen Wirkung beitragen. Offenbar war Dickens kein Anhänger von Poes kritischer Theorie, wonach eine Kurzgeschichte in allen ihren Teilen eine einheitliche Wirkung auf den Leser ausüben sollte („Unity of effect“). Wie auch immer. Es ist schön, auch mal eine solche Spukgeschichte kennen zu lernen. Wer sich aber ein Vampir-Ambiente oder gar ein Poe-Imitat à la Lovecraft erhofft, ist hier an der falschen Adresse.

Dafür waren aber sicher die Viktorianer darüber entzückt, vor allem die Frauen. Nicht von ungefähr erwähnt unser Chronist John, dass zu seinen Freundinnen auch eine gewisse Belinda Bates gehört, die sich stark für die Belange der Frauen engagiert, also eine frühe Feministin. Da hat der Autor wohl Punkte sammeln wollen.

Originaltitel: The haunted house, 1859
Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg
70 Minuten auf 1 CD

http://www.stimmbuch.de

David Baldacci – Das Geschenk (Lesung)

Mit der Eisenbahn will der Journalist Tom Langdon von Washington, D.C., bis nach Los Angeles fahren, um sein Versprechen bei seiner Freundin Lilya Gibson einzulösen – sie zu Weihnachten zu besuchen. Die Menschen, die er auf seiner Reise trifft, werden sein Leben beträchtlich verändern. Und als der Zug in den verschneiten Rocky Mountains in einem Schneesturm stecken bleibt, kommt es zu einer dramatischen Entscheidung.

|Der Autor|

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA. Weitere Baldacci-Hörfassungen bei Lübbe: „Das Labyrinth“, „Das Versprechen“, „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Tom Langdon ist bereits über 40, also praktisch schon scheintot. Der frühere Kriegsberichterstatter und Globetrotter hat seine jugendlichen Illusionen über seine Möglichkeiten, die Welt zu verbessern, verloren. Jetzt schreibt er für Handwerker- und Frauenmagazine über Selbstverbesserung und die Verschönerung des Heims. Er lebt relativ allein, seit seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter sich von ihm getrennt hat. Vor kurzem sind obendrein seine Eltern gestorben, und er selbst könnte ein paar Selbstverbesserungstipps gut gebrauchen.

Tom hat seiner Freundin Lilya Gibson versprochen, zu Weihnachten nach Los Angeles zu kommen, um mit ihr die Feiertage am schönen (wenn auch teuren) Lake Tahoe zu verbringen. Er hofft, die Zwei-Küsten-Fernbeziehung durch traute Zweisamkeit zu vertiefen. Doch erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Weil er bei einer der ätzenden Sicherheitskontrollen auf einem New Yorker Flughafen die Nerven verlor, wird er zu zwei Jahren inneramerikanischem Flugverbot verdonnert – und das ist noch ein mildes Urteil, findet die Richterin. Folglich kann Tom nicht wie geplant nach L.A. düsen, sondern muss den Zug nehmen. Es soll eine denkwürdige Reise für ihn werden.

|Die Reportage|

Um aus der Not das Beste zu machen, beschließt Tom, einem Wunsch seines Vaters zu folgen und wie einst sein Urahne Mark Twain auf der Transamerikafahrt eine Reisereportage zu schreiben. Dafür fährt er standesgemäß mit den noblen Zügen „Capital Limited“, der ihn bis Chicago bringt, und mit dem „Southwest Chief“ über Colorado nach Los Angeles. Er träumt von einem riesigen Schlafwagenabteil, wie es sich einst Cary Grant und Eva-Marie Saint in Hitchcocks Thriller „Der unsichtbare Dritte“ teilen durften.

An Bord stellt er fest, dass sein Abteil nur den Ansprüchen einer Sardine genügen dürfte. Die Wand des Bades lässt sich zudem beiseite schieben, um ins Nachbarabteil zu gelangen – sehr praktisch, aber auch sehr gewöhnungsbedürftig. Diverse interessante Fahrgäste gibt es kennen zu lernen. Einer dicken Frau namens Agnes Joe muss er ständig aus dem Weg gehen, sie ist seine Abteilnachbarin. Bald merkt er, dass ein Taschendieb ebenfalls den Zug zu seinem Arbeitsgebiet erkoren hat – sein Füller ist weg und ebenso diverse Objekte anderer Fahrgäste. Und dann sind da noch „die Filmleute“.

|Die Filmleute|

Bei seiner Recherche im Zug stößt Tom schließlich auf Max Powers, einen berühmten Hollywood-Regisseur, der bereits viele Preise gewonnen hat. Selbstredend reist Max nicht alleine. Er hat seinen Assistenten Cristobal und seine Drehbuchschreiberin dabei. Er plant nämlich, einen Film auf einem Zug drehen. Zu Toms maßlosem Erstaunen stellt sich die Drehbuchschreiberin als seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter heraus.

Die ist allerdings gar nicht entzückt über die Begegnung: Sie gibt immer noch Tom die Schuld an der Trennung. Tom hingegen ist sich keiner Schuld bewusst. Eleanor hofft, er werde endlich mal erwachsen. Wovon, zum Geier, redet sie?, fragt sich Tom. Der nichts davon ahnende Max spannt Tom sogleich zum Drehbuchschreiben an; er und Eleanor würden sich bestimmt prächtig ergänzen. Von einem verlobten Pärchen werden sie gebeten, als Trauzeugen zu fungieren. Na, großartig.

Mit Ach und Krach schafft es der Zug nach Chicago. Tom schafft seinerseits beinahe schon die Aussöhnung mit Eleanor, die ihn trotz allem immer noch zu lieben scheint – da taucht Lilya Gibson auf. Die Überraschung ist Toms Freundin wirklich gelungen. Zu allem Überfluss macht sie ihm einen Heiratsantrag, denn sie will eine Familie mit mindestens acht Kindern gründen. Auf diesen Schrecken braucht Tom erst einmal eine wohldosierte Überdosis Alkohol.

|Der Schneesturm|

Während sich Eleanor und Lilya noch kabbeln, sobald sie erkannt haben, mit wem Tom gerade zusammen ist, erreichen schlechte Nachrichten von der Wetterfront den Zug. Auf der Westseite der Rocky Mountains hat sich ein Jahrhundertsturm zusammengebraut, der nun seine Schneemassen Richtung Süden voranschiebt. Die kritische Stelle ist der hoch gelegene Pass, den der Zug überwinden muss, will er die Ebenen von New Mexico erreichen. Der Pass selbst wird zwar von einem 800 m langen Tunnel unterquert, doch wer weiß, was sich auf der anderen Seite dem Zug entgegenstellt? Schneewehen, Lawinen, Felsbrocken?

Wie es der Eisenbahnveteran Higgins vorhergesagt hat, tritt der schlimmste Fall ein, und der Zug bleibt gleich neben einem Abgrund stehen. Dass er mit der nächsten Lawine in denselben zu kippen droht, ist nicht das drängendste Problem. Die Rettungskräfte können den Zug im Schneesturm nicht finden, geschweige denn erreichen. Die 340 Passagiere müssen also längere Zeit warten. Das geht aber auch nicht unbegrenzt: Sobald der Treibstoff verbraucht ist, fällt der Strom ebenso aus wie die Heizung. Werden die Leute in wenigen Stunden erfrieren?

Tom trifft eine dramatische Entscheidung. Er wird versuchen, das nächste Berghotel zu Fuß zu erreichen, um Hilfe zu holen. Erstaunt stellt er fest, dass Eleanor nicht davon abzubringen ist, ihn in den Schneesturm zu begleiten.

_Mein Eindruck_

Vor wenigen Jahren lieferte John Grisham mit dem verfilmten Roman [„Das Fest“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=292 (Skipping Christmas) eine perfekte Weihnachtssatire ab, die mir sehr viel Spaß bereitete. Nun ist sein Kollege David Baldacci dran, der in der Disziplin der X-mas-Story mindestens ebenso erfolgreich ist.

Die Handlung dieses „Weihnachtsmärchens“ ist an keiner Stelle langweilig und sorgt schon nach wenigen Minuten für gespannte Nerven und ein ein wohltrainiertes Zwerchfell. Die originellen Figuren wie etwa Agnes Joe oder der Ex-Pfarrer Kelly sind klar gezeichnet und werden bis zum Schluss eine Rolle spielen. Der ganze Hintergrund in zeitlicher, räumlicher und technisch-kultureller Hinsicht ist sauber recherchiert: Der Zug „Capital Limited“ hat ebenso seine Geschichte – etwa durch Mark Tawin – wie Tom Langdon selbst. Die Spieler haben die Bühne betreten, nun kann der erste Akt beginnen.

Die Handlung zielt selbstverständlich wie in jeder anständigen Romanze auf die Vereinigung der Liebenden, sprich: von Tom und Eleanor. Da dies aber eine Weihnachtsgeschichte ist, fehlt uns irgendwie noch die Rolle des Santa Claus. Keine Angst: Auch der ist mit an Bord. Damit alles ein wenig spannender wird, tauchen noch Eleanors Widersacherin, die Stimmenimitatorin Lilya Gibson, und der Taschendieb auf, der für erhebliche Unruhe sorgt.

Die Krise tritt natürlich auf dem Bergpass ein, als der Zug stecken bleibt und alle Passagiere sich mit einem vorzeitigen Lebensende konfrontiert sehen, das nicht im Fahrplan stand, und mit einer postmortalen Reise, für die sie kein Ticket haben. Jedenfalls sorgt die Katastrophe dafür, dass sich alle beträchtlich näher kommen und Solidarität gegenüber den Schwächeren üben: brave Amerikaner. Und wenn Tom und Elli nicht im Schneesturm umkommen, dann leben sie noch heute.

|Der Sprecher|

Selten hat Ulrich Pleitgen sein Stimmtalent derart vielseitig ausspielen dürfen. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören, wenn er die Stimmung einer Szene voll zur Geltung bringt. Sein eigenes Vergnügen ist ebenfalls herauszuhören, so etwa dann, als sich die dicke Agnes Joe amouröse Avancen von dem etwas belämmerten Tom Langdon erhofft (die Badwand ist offen!) und einen eindeutig zweideutigen Tonfall anschlägt.

Aber auch zur Komik gibt es reichlich Anlass. Und das betrifft nicht so sehr den Humor zwischen bereits gut abgefüllten Männern (Frauen haben sich offenbar nicht zu besaufen) wie etwa Max und Tom. Das betrifft zum Beispiel die Szene, in der Lilya Tom ihren Heiratsantrag macht. Wie in einer ordentlichen Screwball-Comedy stellt die Lady die von der Gesellschaft abgesegneten Verhältnisse – nur Männer dürfen Heiratsanträge machen – kurzerhand auf den Kopf und packt in ihr Horrorpaket noch acht Kinder hinein. Kein Wunder, dass Tom dadurch ein klein wenig abgeschreckt ist. – Es gibt noch zahlreiche weitere solche Szenen.

Das hindert aber einen Profi wie Pleitgen nicht daran, auch leise und geradezu intime Töne anzuschlagen. Die recht emotionalen Dialoge zwischen Eleanor und Tom kommen durch leise Töne besser zur Geltung, es sei denn, es geht um Leben und Tod. Und das tut es dann ja auch.

Das Finale ist etwas anspruchsvoller in der Dialogführung. Man muss genau aufpassen, wer was wann zu wem sagt. Denn wie in einer Komödie ist es besser, etwas zu verraten, wenn die Betreffenden nicht zugegen sind. Und Max Powers hat einiges zu erklären …

_Unterm Strich_

„The Christmas Train“ bietet perfekte Unterhaltung zum Familienfest. Hier kommen Liebende zusammen, die füreinander bestimmt waren – auch wenn sie das selbst ganz anders sehen. Und damit die Handlung sowohl für Herz und Zwerchfell als auch Adrenalinspiegel etwas bietet, sorgt der Autor mit zahlreichen geeigneten Zutaten für die entsprechende Dosis. Wer Realismus sucht, findet ihn allerdings eher woanders. Aber wer tut das schon zu Weihnachten?

Dem Sprecher Ulrich Pleitgen zuzuhören, ist ein wahres Vergnügen. Er moduliert seine tiefe Stimme auf vielfältige Weise. Ich konnte beispielsweise immer genau sagen, wann Eleanor spricht und wann Tom Langdon. Selbst ein alter Mann wie der 70-jährige Father Kelly ist genau herauszuhören. Und zu lachen gibt es, wie gesagt, hörbar auch einiges.

Auch der um rund zehn bis fünfzehn Euro herabgesetzte Preis bringt etwas zum Lachen, nämlich meinen Geldbeutel (oder das entsprechende Äquivalent). Das ganze Paket bietet also keinerlei Minus-, sondern ausschließlich Pluspunkte. So gefällt mir das: „Das Geschenk“ macht seinem Namen alle Ehre.

|Umfang: 285 Minuten auf 4 CDs
Originaltitel: The Christmas Train, 2002
Aus dem US-Englischen von Uwe Anton, Lübbe-Verlag November 2003.|

Janson, Christine – Just4Women: Erotikbox 2

_Zwischen Bondage Fever und Touch Mahal_

Im März 2003 begann die „erste erotische Hörspielserie für Frauen“ und mittlerweile sind es schon über ein halbes Dutzend Abenteuer in Amors Gefilden, in denen sich die vier Hauptfiguren Moni, Cora, Annica und Sylvia mit meist, aber nicht immer männlichen Partnern verlustieren dürfen. Die erste Erotikbox in pinkfarbenem Plastikherz kostete immerhin 24,90 Euro. Aber da waren auch Badekerzen mit Lavendeldurft drin. Nun vertreibt |Lübbe| die CDs des Kölner Herstellers „Sounds of Seduction“ exklusiv: für knapp 27 Euro pro Dreifach-CD.

Auf der ersten CD ist die Episode „Fesselnde Leidenschaft“ zu finden. Hier geht es um Bondage, handfesten Sex, aber auch um Eifersucht zwischen Freundinenn. Die zweite CD enthält das Abenteuer „Slow Motion“, das der ersten Episode sonderbarerweise zeitlich vorausgeht. Das Quartett erkundet in Indien die Liebeskunst, aber Moni gerät auf einer Strandparty in höchste Gefahr.

Die dritte Silberscheibe ist „eine Ratgeber-CD, die in Zusammenarbeit mit Christine Janson, der Autorin und bekannten Expertin in Fragen weiblicher Sexualität, zusammengestellt“ wurde. „Diese CD enthält praktische Tipps und Anregungen zu den Abenteuern unserer vier Freundinnen und ist ab jetzt Bestandteil jeder Box. Was sollte man bei einer Tantra-Massage unbedingt beachten?“ Danach wollen Mann und Frau das sicher gleich selbst ausprobieren.

_Die Autorin_

Das Drehbuch zur ersten Folge „Frauenabend“ schrieb laut Pressemitteilung noch die Sprecherin und TV-Schauspielerin Dana Geissler. Doch danach hat Christine Janson diese Rolle übernommen. Sie tritt hier auch als Ratgeberin auf. Auf der Webseite http://www.just4women.de/ kann man mehr über sie, die Figuren und den eigenen Persönlichkeits-Typ erfahren. Bilder gibt’s dort ebenfalls für den Download.

_Der Sprecher/Die Inszenierung_

Wie gesagt ist Dana Geissler die bekannteste Sprecherin. Sie trat in „Tatort“, „Die Sitte“, „Die Wache“ und „Hausmeister Krause“ auf.

Sie spricht MONI (32), eine freiberufliche Werbekauffrau, seit zehn Jahren mit Michi (38) verheiratet und Mutter zweier Kinder, Max und Lisa. Moni hat bislang nicht experimentiert und ist ängstlich.

CORA wird gesprochen von Eva-Maria Hardt. Sie ist die Powerfrau, wie sie im Buch steht. Sie übernimmt gerne das Kommando, kann sich aber auch hingeben.

ANNICA wird gesprochen von Anne Fink. Sie ist die „Cosmopolitin“ (= COSMOPOLITAN-Frau?) der Gruppe. Annica verfolgt eine Karriere als Sängerin.

SYLVIA wird gesprochen von Birgit-Karla Krause. Sie ist die Romantikerin, die schon mal gerne nach Indien abdüst und gerne Tantra-Sex hätte.

Neben ihnen gibt es natürlich noch eine Reihe von anderen Rollen und Sprechern. Sie werden am Ende einer Episode erwähnt.

Der Titelsong „Girlfriends“ wird von Soleil Niklasson gesungen. Für den guten Ton sorgten Peter Harrsch und Rainer Zuber. Regie und Musik oblagen wie immer Ingo Gregus. Wie gesagt, schreibt Christine Janson stets das Drehbuch. Für die Idee zeichnet Ralf Pispers verantwortlich, und wenn man sich die Anzahl der Episoden von „Just4Women“ anschaut, scheint es eine ziemlich erfolgreiche Idee gewesen zu sein.

_Handlung von „Fesselnde Leidenschaft“_

Endlich ist es wieder Sommer. Annica lädt ihre Freundinnen ein, die Bühnenshow ihres Berliner Exfreundes Leroy zu erleben. Von dem farbigen Tänzer und Conferencier sind besonders Moni und Sylvia begeistert. Da fordert Leroy eine Frau im Publikum auf, auf die Bühne zu kommen. Als sich keine traut, fällt ihm das zitronengelbe Bikini-Top von Sylvia ins Auge, und also ruft er sie. Dem Drängen ihrer Freundinnen hat die schüchterne Sylvia nichts entgegenzusetzen. Mit Bangen und Zagen steigt sie auf die Bühne. Denn Leroy ist ein Bondage-Künstler.

Er beruhigt sie, als er ihr die Augen verbindet. Er streicht mit einem Seil über ihre Haut, und sie wird zwischen Furcht und Lust hin und her gerissen. Und dann fesselt er auch noch ihre Hände! Nun ist sie ihm wehrlos ausgeliefert. Sie soll sich dem Rhythmus der Musik überlassen. Sylvia genießt das Spiel und da sie Leroy vertraut, lässt sie sich emotional ganz fallen. Da streichelt auch auch noch eine Peitsche über ihre Haut, und sie juchzt auf. In der folgenden Nacht plagen Sylvia wilde Träume. Sie hat sich in Leroy verliebt.

Doch schon beim gemeinsamen Frühstück wird ihr klar, dass auch Annica und Cora ihre Zähne in Leroys muskulöses Fleisch schlagen wollen. Und ehe sie es sich versieht, haben sie schon mit ihm geschlafen. Der nachfolgende Streit stellt ihre Freundschaft zu Cora und Annica auf eine harte Bewährungsprobe.

Unterdessen hat auch Monis Göttergatte Michi nicht die Hände in den Schoß gelegt, sondern fleißig Knoten geübt. Um mal wieder ihrer dahindümpelnden Ehe etwas mehr Pfiff zu verleihen, nimmt er sie auf einen Ausflug ins Grüne mit. Ihre Augen sind bereits auf der Fahrt verbunden, dann ist es nicht mehr weiter zu einer Waldlichtung, die Michi für recht abgelegen hält (was sich als Irrtum erweist). Hier stellt er seine ganz persönlichen Fesselungskünste unter Beweis …

_Mein Eindruck_

Dies ist ohne Zweifel eine der unterhaltsamsten Episoden der Erotikbox-Episoden überhaupt. Während der Sex mit Leroy ganz schön handfest und geil ist, ist diesen Szenen das zunehmende Elend in Sylvias schmachtender Seele gegenübergestellt. Auf diese Weise erscheint der Sex nicht so banal, sondern wird indirekt kommentiert.

Wer nun meint, hier würden Männer zu Paschas stilisiert, der irrt. Jede Art von Sex findet in der Just4Women-Reihe stets einvernehmlich, mit Kondom und relativ nüchtern statt, also nie besoffen oder high. Diese drei Prinzipien werden im Ratgeberteil noch einmal haarklein erläutert. Die Prinzipien sind – besonders in der S&M-Szene – international anerkannt.

Auch Michis lustvoller Sex mit seinem Eheweib ist keineswegs banale Triebabfuhr, sondern wird erstens Sylvias Streit mit ihren Freundinnen gegenübergestellt und mündet zweitens in eine regelrechte Komödie, als die beiden von einem „älteren Herrn“ erspäht werden, der seinen Dackel Gassi führt. Die Polizei ist alsbald zur Stelle und verhört die beiden Landfriedensbrecher und Erreger öffentlicher Erregung. Natürlich ist dies Klamauk, aber auch eine versteckte Warnung, sich den mutigeren Varianten des Sexus möglichst in den eigenen vier Wänden hinzugeben. Oder in einem eigens dafür eingerichteten Workshop, wie er im Ratgeber vorgestellt wird.

_Handlung von „Slow Motion“_

Annica durchbricht eine biologische Schallmauer: Sie wird 30. Schlimmer sind eigentlich nur Geburt und Entjungferung, also muss das Ereignis gebührend gefeiert werden. Sie lädt ihre Freundinnen zum Essen beim Inder ein, aber in Bombay! Alle freuen sich aufs Land von Yoga und Meditation. Aber vor der Abreise stellt Moni fest, dass sie – wieder mal – nichts zum Anziehen hat, und nur Cora denkt daran, Kondome einzupacken.

Vor Ort stellt sich Sylvia als geborene Reiseführerin heraus, denn sie kann nicht nur mit den Taxifahrern feilschen wie ein Fischweib, sondern führt sie auch an die besten Sehenswürdigkeiten. Von solchen Touri-Strapazen seilt sich Cora sofort ab und lässt sich eine Ganzkörper-Massage angedeihen. Da sie nicht auf den Kopf gefallen ist, weiß sie auch, wie man einen Massageboy besticht, damit er auch die erogenen Zonen mit seinem sanften Touch beglückt, sozusagen der Touch Mahal.

In Goa, der Hippiehochburg an der Südwestküste, kommen sich die Mädels wie im Märchen vor. Wellen und Vogelgezwitscher schmeicheln ihren Ohren, Blumendüfte kitzeln ihre Nasen. Der Hotelbesitzer Mr Santosh hat die Hotelfachschule in Zürich besucht und kann sehr gut deutsch. Er kredenzt einen Hummer zur Feier des Tages, und sinnlichste Gaumenfreuden versüßen ihnen den Abend.

Die traditionelle Tantraschule kommt nur bei Sylvia gut an: Annica wird schwindlig und Cora schlecht. Die Alternative sieht wesentlich besser aus, und Annica testet diesen Mr „Shiva Lingam“, der eigentlich aus Köln stammt, aus. Das Ergebnis ist schon viel mehr nach ihrem Geschmack …

Moni hat sich bei der Massage in Mr Santosh verknallt. Als sie auf einer Rave Party von Cannabis-Keksen kostet, erlebt sie die Fantasie ihres Lebens. Doch während sie sich im Geist mit ihrem Indian Lover vereint, steigt die Flut gefährlich nahe an ihrem Leib empor. Der echte Mr Santosh und ihre Freundinnen vermissen sie bereits. Wo kann sie nur abgeblieben sein?

_Mein Eindruck_

Ich bin nicht in der Position, über ein Land zu urteilen, das ich noch nie besucht habe, und ob es die geschilderten Verhältnisse vor Ort gibt oder wenigstens geben könnte, wage ich nicht zu bewerten. Aber ich war anno 1993 auf Ko Samui, und dort waren Strandpartys nicht gerade ein tägliches Ereignis, und dass sich ein Hotelbesitzer zur Massage herabgelassen hätte, wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Es ist einfach nicht Sache der Männer, Massage auszuüben, sondern die der Frauen. Zumindest in Thailand.

Ob es einen Shiva Lingam (lingam = Phallus) aus Köln geben könnte, erscheint mir wahrscheinlicher, denn es gibt einen regen Kulturaustausch. Viele Deutsche waren beim Guru in Poona und Rishikesh (wie einst die Beatles). Sie könnten, wie viele Ausländer in Thailand, auch in Indien ihre Dienste anbieten. Leider sind viele anderen Details geradewegs aus dem Katalog der romantischen Klischees. Der alte Tantralehrer gehört sicherlich nicht dazu.

Eine enttäuschende Episode, die zum Großteil mehr als PR-Gag taugt denn als antörnende Sexpedition.

_Der Ratgeberteil_

Unsere Sexpertin vor Ort ist Sara, gesprochen von Nicole Engeln. Sara hat für uns eine Reihe von Leuten vors Mikro geholt, die in Sachen Bondage und Tantra interessante Angebote machen. (Die Webadressen aller Interviewpartner sind in der Box hinter der CD #3 abgedruckt.)

Zudem liefert Sara praktische und sehr beachtenswerte Tipps zu einer Reise nach Indien: Reisezeit und -ort sowie Verhaltensweise als Tourist. Bekannt ist die Warnung, wie man Montezumas Rache vermeidet: kein Salat, kein Leitungswasser, kein Speiseeis – dafür aber viel scharfe Gewürze essen, um die winzigen Plagegeister fernzuhalten.

Zu guter Letzt können Zuhörer und Zuhörerin mal selbst in Sachen Tantra versuchen. Dabei sollte man die genannten Ratschläge möglichst genau befolgen, sonst wird aus dem Traumsex ein Sexalbtraum. Nach dem Motto „Ladies first“ darf ER zuerst SIE verwöhnen, danach SIE IHN. Vielleicht schaffen es beide, hinter das Geheimnis des „Big Draw“ zu kommen, von dem geübte Tantriker schwärmen.

_Mein Eindruck_

Die Ratgeber-CD bietet also Interviews und eine Menge Tipps, die gar nicht zu verachten sind. Insbesondere die Empfehlungen für die Teilnahme an Tantra- und Bondage-Kursen sind beachtenswert. Selbst wenn sie hin und wieder banal erscheinen sollten – man kommt heute durch die Reizüberflutung so selten zum Denken, dass man auf diese Regeln nicht so schnell von alleine gekommen wäre.

_Die Inszenierung_

Der Sound kann sich durchaus hören lassen. Harrsch und Zuber (s. o.) haben gute Arbeit geleistet. Die Toneffekte, die sie einsetzen, machen sich besonders in der Episode „Fesselnde Leidenschaft“ positiv bemerkbar. Ob nun das unvermeidliche Handy klingelt oder ein entsprechendes Ambiente wie Michis Waldlichtung gegeben ist, stets sind die nötigen Sounds vorhanden, allerdings in wohldosierter Menge. Auf diese Weise ist der Dialog immer verständlich.

Die Pausenmusik beim Szenenwechsel ist in den beiden Episoden unterschiedlich realisiert. In „Fesselnde Leidenschaft“ spielt ein guter Pianist kurze Motive, in „Slow Motion“ erklingen alle Arten von indischen Instrumenten. Der indische Gesang klingt für unsere Ohren recht eigenartig und drängt sich manchmal in den Vordergrund.

An Anfang und Ende jeder Episode taucht der Themensong „Girlfriends“ auf, wahrscheinlich nur deshalb, weil darin die Zeile „Just for women“ vorkommt, die der Serie ihren Titel gegeben hat. Die Sängerin ist eine Könnerin ihres Fachs, aber so häufig wollte ich sie nun wirklich nicht hören. Immerhin: Der Song stimmt auf die Episode ein und am Schluss der zweiten CD wird er sogar in seiner vollen Länge von rund drei Minuten ausgespielt. Irgendwie musste die CD ja gefüllt werden.

_Unterm Strich_

Ich habe beim Vergleich mit der ersten Erotikbox eine begrüßenswerte Qualitätssteigerung festgestellt. Während die Episode „Slow Motion“ noch dem alten Klischeemusterkatalog entspricht, wartet Episode 1 „Fesselnde Leidenschaft“ mit einer intelligenten Kontrastierung von Sex mit Psychoproblem oder Sex und Komödie auf. Die Dramaturgie ist hier wesentlich ausgefeilter und davon profitieren sowohl der Zuhörer als auch der Inhalt.

Die Themenfelder Bondage und Tantra sind immer noch etwas ausgefallen, aber weibliche Zuhörer wollen sicher nichts Neues über Hausfrauensex erfahren, oder? Das sind sie schließlich selbst, ob allein oder mit einem Partner. Sie suchen das Abenteuer, und das lässt sich am ehesten in exotischer Umgebung finden, sei es in Indien oder bei einer Bondageshow. (Ich habe noch keine einzige Anzeige für so eine Show gesehen und frage mich, wie Annica an so etwas rankommt.)

Do it yourself-Tantra ist schon ziemlich anspruchsvoll, habe ich den Eindruck, und bevor Hörer oder Hörerin so etwas ausprobieren, sollten sie entweder genau die Tipps befolgen oder noch besser gleich einen Kurs besuchen. Alle anderen Infos, besonders die zu Indien, klingen vernünftig, aber das kann nur die Spitze des Eisbergs sein. Allein anhand dieser Tipps würde ich sicher keine Reise antreten wollen.

|200 Minuten auf 3 CDs|
http://www.luebbe-audio.de
http://www.just4women.de/

Lewis, Clive Staples – Ritt nach Narnia, Der (Die Chroniken von Narnia)

_Humorvolle Abenteuer voll Spannung und Action_

Die mehrbändigen „Chroniken von Narnia“ stehen in Großbritannien auf einer Stufe mit dem „Kleinen Hobbit“, „Alice in Wunderland“ und dem „Wind in den Weiden“. Zu Weihnachten 2005 kommt sogar eine 200 Mio. Dollar teure Verfilmung des Stoffes in unsere Kinos. Narnia ist also aktueller denn je!

Der dritte Teil der Saga berichtet von den Abenteuern eines Jungen, der ursprünglich aus Narnia kam, aber als Sklave im fernen Calormen aufwuchs. Erst als ein sprechendes Pferd namens Bree ihn mitnimmt und er ein ebenfalls entflohenes Mädchen kennen lernt, findet er seine wahre Identität heraus. Ist er ein Prinz, wie man zunächst glaubt?

_Der Autor und Narnia_

Clive Staples Lewis, der von 1898 bis 1963 lebte, war ein Freund und Kollege Professor J.R.R. Tolkiens (mehr dazu weiter unten). Dass dieser zufällige Umstand ihn auszeichnen soll, lässt darauf schließen, dass er im Bewusstsein der gegenwärtigen Leser hinter seinem bekannter gewordenen Kollegen zurückgetreten, wenn nicht sogar fast verschwunden ist. Tolkiens Stern leuchtet heller.

Dabei hat Lewis sowohl in der Fantasy als auch Science-Fiction Spuren hinterlassen. Auch in der Philosophie und Theologie schrieb er bekannte und gelobte Werke. Doch lediglich die „Chroniken von Narnia“, Fantasy für kleine und große Kinder, wurde auch verfilmt. Die Science-Fiction-Trilogie „Perelandra“, ein ambitionierter Weltentwurf, ist eben zu sperrig und dialoglastig für den heutigen Geschmack.

Viel ist in die Narnia-Romane hineingedeutet worden. Dies muss nicht alles wiederholt werden. Feststeht aber, dass die Narnia-Chroniken seit über 50 Jahren in Großbritannien zum Standard der Jugendliteratur gehören, und das sicher nicht ohne Grund – sie verbinden Abenteuer und Wunder mit einer christlichen Botschaft.

Hier kommen altbekannte Fantasythemen zum Tragen, so etwa der Gegensatz zwischen Gut und Böse. Außerdem ist Narnia eine Parallelwelt, die durch ein Tor erreicht wird; es gibt sogar Zeitreisen und andere Dimensionen. Die Bücher werden als christliche Allegorien interpretiert, aber das würde ihnen wenig gerecht: Sie sind hervorragende und bewegende Geschichten – wenn auch mit sprechenden Tieren.

Mehr Infos sind auf http://www.narnia.com und http://www.narnia-welt.de/ zu finden.

|C. S. Lewis und sein Werk bei Buchwurm.info:|

[Das Wunder von Narnia]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1858
[Der König von Narnia]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1758
[Hörbuchfassung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=356
[Der Ritt nach Narnia]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1933
[Perelandra-Trilogie]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1665
[Der Reiseführer durch Narnia]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1664
[C.S. Lewis – Der Mann, der Narnia schuf]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1980

_Der Sprecher_

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist laut Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater.

_Handlung_

Es begab sich also im Jahre 1014 Narnianischer Zeitrechnung, dass König Lune von Archenland seinen verschwundenen Sohn Prinz Cor wiederfand. Dies ist die Geschichte, wie es zu diesem glücklichen Ereignis kam, über das sich ganz Narnia freute.

In Kalormen, dem südlich Narnias und Archenlands gelegenen Staat, lebt der Fischer Arashin mit seinem Sohn Shasta. Aarashin ermuntert ihn zuweilen durch Prügel zu größeren Anstrengungen. Shasta schaut häufig sehnsüchtig nach Norden: Gibt es ein anderes Leben dort für ihn?

Ein mächtiger Ritter taucht im Dorf auf, ein |tarkaan|, der bei Arashin um Essen bittet. Es wird nicht klar, warum, aber der tarkaan will Shasta kaufen. Und wie der lauschende Junge zu seinem Erstaunen erfährt, ist er gar nicht der leibliche Sohn Arashins, sondern wurde eines Tages in einem Boot gefunden, das Arashin barg. Jetzt wird Shasta auch klar, warum er blond ist, während Arashins Haar sehr dunkel ist.

Während die Männer feilschen und Shasta von einer hohen Abkunft träumt, macht sich das Schlachtross des tarkaan bemerkbar. Es spricht Shasta an! Nanu, ein Pferd, das sprechen kann? Ja, denn es stammt aus Narnia, wo alle Tiere seit der Erschaffung des Landes durch Aslan sprechen können. Shasta darf das Pferd Bree nennen. Bree hat einen Plan: Er will aus der Sklaverei durch den tarkaan ausbrechen und nach Narnia zurückkehren. Ob Shasta nicht mitkommen wolle? Der Junge willigt mit Freuden ein. Aber kann er auch reiten? Nein, kann er nicht, aber Bree bringt es ihm in den folgenden Wochen geduldig bei.

Weil aber ein ausgebildetes Schlachtross für einen Ritter ein wertvoller Besitz ist, wird der tarkaan garantiert eine Verfolgung einleiten, wahrscheinlich sogar mit Unterstützung des Tisrok, des grausamen Königs der Kalormenen. Deshalb reiten Bree und Shasta sehr schnell. Das fällt Bree nicht schwer, denn das Gebrüll von zwei Löwen in der Nähe treibt ihn an. Das gilt auch für einen anderen Reiter, mit dem sie sich bald ein Wettrennen liefern. Jenseits einer Meeresbucht sind beide Reiter in Sicherheit und haben Zeit, einander kennen zu lernen.

Die Prinzessin Aravis ist aus dem Palast ihres Vaters, des Tisrok, geflohen, indem sie eine List anwandte. Sie misstraut Shasta zunächst, doch zuerst Bree und dann ihre Stute Wynn – die ebenfalls sprechen kann – verbürgen sich für den Jungen. Also reisen sie zusammen. Sie erzählt, sie wolle nicht an den alten Knacker von einem Großwesir verheiratet werden und in einem goldenen Käfig leben müssen. Sie will zu ihrer Freundin Lazaraleen in der nahen Stadt Tashba’an.

Als abgerissene Nomaden aus der Wüste verkleidet, betreten Aravis und Shasta die Inselstadt Tashba’an. Hoffentlich sieht man ihren Pferden nicht an, dass es ganz edle Rösser sind, die sich ein echter Nomade niemals leisten könnte. Auf dem Marktplatz schlägt das Unglück zu. Eine Gruppe von Besuchern aus Narnia schnappt sich Shasta, denn sie glauben, dass er ein gewisser „Prinz Corin aus Archenland“ sei. Shasta hat weder diesen Namen noch von diesem Land jemals gehört, muss sich aber mitschleppen lassen. Vielleicht kriegt er ja etwas Gutes zu essen. Er hat nämlich mächtigen Hunger.

Auch Aravis hat ihre Schwierigkeiten in der Stadt. Sie findet ihre Freundin Lazaraleen, die sich allerdings wundert, dass Aravis ausgerissen ist. Sie selbst hat überhaupt nichts gegen das Leben in einem Palast, selbst als Nebenfrau eines alten Knackers. Dennoch verkleidet sie Aravis als Sklavin und will sie zu einer versteckten Pforte am Fluss führen, wo Aravis entfliehen kann. Doch sie kommen nicht so weit: Der Tisrok hält Kriegsrat mit seinem Großwesir und dem Prinzen Rabadasch, während die beiden jungen Frauen in einem Versteck lauschen. Der Tisrok droht: Wenn irgendetwas von dieser geheimen Unterredung verraten wird, dann ist derjenige des Todes.

Der Grund ist einfach: Rabadasch will Archenland angreifen und danach Narnia erobern, um ewigen Ruhm zu ernten. Niemand darf erfahren, dass der Tisrok diesen Kriegszug billigt oder auch nur von dem Plan weiß, sonst wird sein Land Aslans Zorn zu spüren bekommen. Die beiden Mädchen fürchten sich: Diese Staatsgeheimnisse könnten sie das Leben kosten!

_Mein Eindruck_

„Der Ritt nach Narnia“ ist ein schlagendes Beispiel dafür, dass sich auf nur zweihundert bis zweihundertfünfzig Seiten ein unterhaltsames und spannendes Kinderbuch realisieren lässt, das bis zum Rand mit Abenteuer und Action vollgepackt ist, ohne dabei an Zauber und Hoffnung einzubüßen.

Was als ein einsames Abenteuer eines einzelnen Jungen mit seinem Pferd (oder umgekehrt, je nach Standpunkt – siehe den O-Titel) beginnt, entwickelt sich allmählich zu einer regelrechten Staatsaktion, als sich Shasta bemüht, den König von Archenland vor dem heimtückischen Angriff der Kalormenen unter Rabadasch zu warnen. Wird es ihm gelingen? Oder wird die Stadt Anvard unter dem Ansturm der Kalormenen fallen und zerstört werden? Jedenfalls gibt es als Höhepunkt – mit zahlreichen Humoreffekten – eine regelrechte Schlacht. Der Ausgang darf nicht verraten werden.

|Entdeckungen|

Einer der wichtigsten Aspekte und Pluspunkte dieses schönen Buches sind Enthüllungen und Entdeckungen. Dass Shasta herausfindet, wer er in Wirklichkeit ist, wurde ja bereits angedeutet. Aber das ist ja nur eine äußere Identität. Als viel wichtiger erweisen sich innere Qualitäten, um ein Wesen zu charakterisieren, sei es Mensch, Pferd oder Fabelwesen. Auf seinem Weg nach Narnia entwickelt sich Shasta rasch weiter und entdeckt immer neue Eigenschaften an sich – zu seiner und seiner Freunde Verwunderung, zu unserer Freude.

Sein Pferd Bree, das ihn quasi adoptierte, hingegen scheint eine gegenteilige Entwicklung zu durchlaufen. Zu Anfang erscheint es Shasta als ein imposantes Schlachtross, das sich als sein Mentor betätigt. Doch zunehmend zeigen sich an Bree gewisse Charakterschwächen, zu denen nicht nur sein Dünkel zählt, sondern – leider, leider – auch Feigheit. Bree ist über diese Fehler selbst am meisten betrübt und würde sich am liebsten umbringen oder von diesem allgegenwärtigen Löwen fressen lassen, der ständig in der Nähe lauert.

Aravis jedoch scheint sich nicht allzu sehr zu verändern. Sie ist ein selbstbewusstes Mädchen, das die Freiheit einer gesicherten Zukunft in einer Zwangsehe vorzieht. Leider verkennt auch sie, ein wenig voreingenommen und von sich selbst überzeugt, die Qualitäten Shastas und ist daher sehr über seine Unternehmungslust und seinen sozialen Aufstieg überrascht.

Die Lektion, die sich in diesen Wandlungen verbirgt, ist eine für das Leben eines Kindes oder Jugendlichen wichtige: Beurteile Menschen und andere Lebewesen nicht nach dem Anschein oder so, wie du sie dir vorstellen möchtest, sondern danach, was ihre inneren Qualitäten sind.

(Gestern habe ich wieder einmal [„The Lord of the Rings“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1330 gehört und da geht es im Kapitel „Der verbotene Teich“ intensiv um Faramirs Qualitäten: Wird er Frodo den Einen Ring rauben und ihn seinem Vater als Waffe im Kampf gegen Sauron übergeben? Oder wird Faramir Frodo den Ring lassen und ihn Gandalfs und Elronds Auftrag ausführen lassen, den Ring im Schicksalsberg zu zerstören? Es ist eine Schicksalsfrage mit weit reichenden Folgen. Sie wird in Buch und Jackson-Verfilmung unterschiedlich beantwortet.)

|Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit Gott?|

Eine ganz andere Frage ist die nach dem Wesen von Aslan, dem Löwen, der Narnia erschuf und es bis zur Gegenwart hütet. Wenn Aslan eine Inkarnation Gottes ist und er hinter all diesen Geschehnissen heimlich die Fäden gezogen hat, wo bleibt dann der freie Willen des Menschen? Das ist eine eminent wichtige theologische Frage, die Konsequenzen für Ethik und Moral hat. C.S. Lewis hätte sie wohl so beantwortet: Aslan manipuliert zwar die Ereignisse, doch rechnet er stets mit dem inneren Wesen des oder der Menschen, dass diese sich ihre eigenen Antriebe in die gewünschte Richtung bewegen bzw. lenken lassen. Ist Gott also eine Art Motivationshilfe? Es hat schon schlechtere Bilder von Gott gegeben.

|Der Sprecher|

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie kenntlich zu machen. Und das sind eine ganze Menge unterschiedlichster Stimmen: Löwen, junge Frauen, wiehernde Pferde, wütende Beduinen, gebrechliche Einsiedler, selbstverständlich auch Zwerge und Faune.

Außerdem kommt dem Sprecher die moderne Technik zu Hilfe. Mal erklingen die Stimmen unisono, mal stereo, (oder trio) dann wieder mit einem Halleffekt. So ist für Abwechslung gesorgt. Bei nur vier CDs kann man in dieser Hinsicht nicht viel falsch machen. Aber es ist trotzdem eine Menge Text: fast fünf Stunden.

|Das Booklet …|

… weist nicht nur ein schönes neues Cover auf, sondern enthält auch eine Tracklist mit den Titeln der 17 Kapitel sowie Informationen über den Autor und den Sprecher. Dass sich auch jede Menge Werbung für weitere Narnia-(Hör-)Bücher findet, dürfte wohl nicht verwundern. Übrigens wird das Cover-Motiv auf den CDs selbst wiederholt, was das Einlegen und Abspielen auch zu einem optisch schönen Erlebnis macht.

_Unterm Strich_

Für Kinder ist dieses Hörbuch ein ideales Geschenk, das es durchaus mit Tolkiens „Kleinem Hobbit“ aufnehmen kann. Die Interpretation durch den Sprecher macht das Zuhören zu einem Erlebnis, dem man mit Spannung folgt. „Der Ritt nach Narnia“ ist ein unterhaltsames und spannendes Kinderbuch, das bis zum Rand mit Abenteuer und Action voll gepackt ist, ohne dabei an Zauber und Hoffnung einzubüßen. Es wartet mit zahlreichen Überraschungen, einer veritablen Schlacht und einer freudigen Entdeckung auf. Außerdem weist es so viel lehrreichen Humor auf, dass das Lesen oder Hören richtig Spaß macht und der junge Leser bzw. Zuhörer dabei etwas fürs Leben lernt.

|Die Übersetzung …|

… stammt nicht mehr von Lisa Tetzner (angefertigt 1982), sondern von Ulla Neckenauer. Sie klingt nicht mehr so betulich und antiquiert, sondern straff und modern. Aber es gibt immer noch ein paar Stolpersteine für junge Leute, die mit den ulkigen deutschen Wortformen des Konjunktivs nicht vertraut sind. Sie werden sich wohl fragen, was denn, bitteschön, „einlüde“ bedeutet. Dabei handelt es sich um den Konjunktiv II von „einladen“. Sie würden heute also „würde einladen“ sagen, jedenfalls in der Umgangssprache. Aus dieser ist der altehrwürdige Konjunktiv II fast völlig verschwünden, weil er so gestelzt klingt.

|Originaltitel: The Horse and His Boy, 1954
Aus dem Englischen übersetzt von Ulla Neckenauer
291:45 Minuten auf 4 CDs|

Alexander, Lloyd – Taran – Das Buch der Drei

Dies ist der erste Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der US-amerikanische Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy-Geschichte für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Handlung_

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das titelgebende „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Der Findling Taran kennt seine Eltern nicht, was schon mal ein gutes Zeichen ist: So fangen Heldengeschichten an. Er denkt sich aber nichts dabei. Doch seine Aufgabe als Hirt der Schweine stellt sich plötzlich als ziemlich wichtig heraus, denn Hen Wen, das weiße Hauptschwein, ist ein Orakel, wie er zu seiner größten Verblüffung erfährt. Auf seiner Jagd hinter dem ausgebrochenen Schwein her gerät er tief in den Wald, stößt auf den bösen gehörnten König, wird aber von einem unscheinbaren Waldläufer vor dem Tod bewahrt.

Der Waldläufer entpuppt sich als Fürst Gwydion, der mindestens so berühmt ist wie der Hochkönig und der böse König der Anderswelt Anuvis, Arawn. Und der freundliche Gwydion klärt Taran auf, was es mit dem Orakelschwein Hen Wen auf sich hat und was er selbst, so fern von seiner heimatlichen Burg, im Wald zu suchen hat. Im schönen Prydain (= Britannien) sind die Zeiten rau geworden und es braut sich etwas zusammen.

Ein kleines Waldwesen namens Gurgi, halb Mensch, halb Tier, weist ihnen den weiteren Weg. Sie stoßen zwar nicht auf das Schwein, doch auch der Anblick des Heerlagers des Gehörnten Königs verschlägt ihnen den Atem: Hier sammelt sich eine Armee, um Prydain zu überfallen und alle zu unterjochen. Sogar untote Krieger sind zu sehen, und von denen werden die beiden Neugierigen gefangen genommen.

Wider Erwarten landen sie nicht bei dem beobachteten Heer, sondern im Schloss der Zauberin Achren, deren verführerische Schönheit Taran zunächst betört. Wenig später findet er sich eingesperrt in einer Kerkerzelle wieder. Er hat schon mit dem Leben abgeschlossen, als ihm eine goldene Kugel durchs Fenster vor die Füße fällt und eine Mädchenstimme ihn auffordert, ihr den leuchtenden Ball zurückzugeben. Es ist die geschwätzige und aufgeweckte Eilonwy, die ehrliche Nichte der bösen Zauberin. Sie kennt nicht nur den Weg aus Tarans Gefängnis, sondern auch den zu seinem Herzen.

Aber das ahnen beide noch nicht, doch es wird ihnen rechtzeitig auffallen, dass sie füreinander bestimmt sind. Doch was wird aus Prydain, das von der Bedrohung nichts ahnt?

_Mein Eindruck_

Der erfundene Schauplatz ähnelt jenem mythischen Wales, das dem Fantasykenner aus der Geschichtensammlung des „Mabinogion“ aus dem 14. Jahrhundert bekannt ist. Doch die Legenden beruhen auf mündlich überlieferten Erzählungen, die weit älter sind und noch aus der keltischen Kultur kommen.

Insbesondere der vierte Zweig des Mabinogi mit dem Titel „Math Son of Mathonwy“ bietet zahlreiche Referenzen, die der Autor verwendet. Dazu gehört der gesamte Komplex, der mit dem Recken Gwydion und seinem Onkel Math in Caer Dathyl zu tun hat. Math herrscht über einen Großteil von Wales. Sein Widersacher ist Arawn, der Fürst der Unterwelt Annuvis. Leider macht der Autor aus den vielschichtigen Vorlagen zu den Figuren Gwydion und Arawn nur ein schwarz-weißes Paar aus Gut und Böse. Alexander vereinfacht, vielleicht zu Gunsten der kindlichen Verständnismöglichkeiten.

|Die Freunde|

Die Handlung hat etwas von einer Achterbahnfahrt an sich. Der Held, der zunächst als „hässliches Entlein“ vorgestellt und von zwei mächtigen Gestalten, einem Schmied und einem Merlin-ähnlichen Zauberer, beschützt wird, erwirbt sich diverse Gefährten, die ihm helfen, wenn er sich mal wieder überschätzt hat. Insbesondere Eilonwy ist mit ihrer spitzen Zunge eine ständige Quelle von Freude und Witz, auch wenn sie einen Mann damit schnell in den Wahnsinn treiben könnte.

Auch Fflewdur Fflam, ein ehemaliger König, der jetzt als Barde durch die Lande zieht, ist interessant. Er hat vom Ober-Barden Wales‘, dem berühmten Taliessin, eine magische Harfe erhalten, doch ihre Saiten reißen, sobald ihr Besitzer auch nur die geringste Unwahrheit erzählt – wozu Barden und Dichter von Natur aus neigen. Fflam hat also immer gut zu tun, seine Harfe in Schuss zu halten.

Das Waldwesen Gurgi weiß ebenfalls zu faszinieren. Dieser keltische Charakter, der auch in C. J. Cherryhs Kelten-Fantasien wie etwa „Der Baum der Träume und Juwelen“ sowie „Faery in Shadow“ zu finden ist, erweist sich im Laufe der Zeit als treuer und anhänglicher Gefährte, auch wenn er bisweilen ein wenig aufdringlich und in hygienischer Hinsicht abstoßend erscheint.

|Die Feinde|

Die Feinde sind nicht weniger einfallsreich gezeichnet. So verfügt der gehörnte König über einen schwarzen Kessel (der der Fortsetzung den Titel gibt), aus dem Zombiekrieger erzeugt werden können. Da sich diese nicht töten lassen, bilden sie für jeden einen furchteinflößenden Feind. Zum Glück ist ihr Aktionsradius abhängig von der Entfernung vom Kessel, so dass es eine Chance gibt, ihnen zu entkommen.

Auch die Lüfte sind nicht sicher. Ähnlich wie die schrecklichen Reittiere, die Tolkiens Ringgeister durch die schwarzen Lüfte von Mordor tragen, suchen gefräßige Vögel, die Gwythaint, wehrlose Wanderer wie Taran heim. Doch die Gwythaint sind nicht von Geburt an so, sondern werden von ihrem Herrn Arawn dazu erzogen und ausgebildet, Fleisch zu begehren und für ihn zu spionieren. Als Taran einen jungen Gwythaint aus einer Dornenhecke befreit, revanchiert sich der Gerettete.

Selbst die Zwerge dürfen nicht fehlen. Durch einen Zauber lockt König Eiddileg ahnungslose Wanderer in sein unterirdisches Reich. Doch bei Taran & Co. gerät er an die Falschen. Er muss ihn ziehen lassen und gibt ihm einen Führer, Doli, mit. Denn Doli taugt in Zwergenaugen nicht: Er vermag sich nicht unsichtbar zu machen, zumindest nicht auf Kommando.

Die böse Zauberin, die Taran und den Recken Gwydion gefangen nimmt, heißt Achren und ähnelt eine weiteren Figur aus dem Mabinogion: Arianrhod, was „Silberrad“ (= Mond) bedeutet. Leider setzt sie sich kaum mit dem jungen Taran auseinander, und ihre Konfrontation Gwydions wird nur indirekt berichtet. Daher fehlt dieser Episode etwas der Pfiff. Der Auftritt Eilonwys entschädigt dafür mehr als reichlich.

_Unterm Strich_

Insgesamt bietet dieser erste Band von Tarans Abenteuern ein enorm hohes Maß an kuriosen Einfällen und sehr viel Kurzweil für junge Leser. Die Action ist nicht zu brutal und keiner der Gefährten Tarans muss sterben oder ein größeres Opfer bringen. Das ändert sich in den Folgebänden. Vielmehr scheint Taran hier auf einer Art Einkaufstour für nette Gefährten zu sein, mit denen er sämtliche Fährnisse überwinden und den gehörnten König besiegen kann. Die Übersetzung von „Märchenonkel“ Otfried Preußler („Krabat“) ist sehr gelungen.

Die Taschenbuch-Ausgabe bei |Bastei Lübbe| löst die ältere deutsche Ausgabe ab. Mittlerweile liegt der Zyklus komplett bei |Lübbe| vor. Die Illustrationen von Johann Peterka stimmen am Anfang jedes Kapitels stilecht auf die Geschichte ein. Eine Aussprachehilfe für die walisischen Namen wäre aber hilfreich gewesen. So etwa wird das „w“ als „u“ ausgesprochen und ein Doppel-L als „chl“. Das könnte etwas verwirren. (Auf Mail-Anforderung hin schicke ich euch eine Übersicht.)

Man darf auf die vier weiteren Romane des |Prydain|-Zyklus gespannt sein. Am Schluss folgt dann noch eine Erzählungensammlung, die zum ersten Mal in deutscher Sprache erscheint: „Der Findling und andere Geschichten aus Tarans Welt“. Dort wird dann auch erzählt, wie der Schmied Coll überhaupt zu seinem Orakelschwein Hen Wen kam. (Schweine spielten für die walisische Landwirtschaft eine wichtige Rolle, weil sie leicht zu halten waren – etwa im Wald – und nicht so viel Futter erforderten wie Rinder. Sie sind die Kühe des kleinen Mannes. Dementsprechend tauchen sie häufig in Waliser Legenden auf, wie etwa im „Mabinogion“.)

Fazit daher: eine hundertprozentige Empfehlung für „Das Buch der Drei“.

Bernuth, Christa von – Damals warst du still (Lesung)

Eine Mordserie beschäftigt die Kripo, und Kommissarin Mona Seiler muss sich schnell etwas einfallen lassen, um weitere Opfer zu verhindern. Denn die Wörter, die den ersten beiden Opfern in die Haut geritzt wurden, bilden erst den Anfang eines Satzes: „DAMALS WARST…“

_Die Autorin_

Christa von Bernuth, geboren 1961, ist freie Journalistin und lebt zusammen mit ihrem Freund und zwei Katzen in München. Bereits mit ihrem ersten Roman „Die Frau, die ihr Gewissen verlor“ lotete sie laut Verlag seelische Tiefen aus. In ihrem zweiten Roman „Die Stimmen“ führte sie die Figur der Mona Seiler ein. Der Roman wurde von RTL als Pilotfilm einer neuen Krimiserie verfilmt. Die Hauptrolle spielt Mariele Millowitsch.

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch, die Tochter des bekannten Kölner Originals Willy Millowitsch, stand schon als Kind im Kölner Millowitsch-Theater auf der Bühne. Neben dem Studium der Tiermedizin trat sie immer mal wieder auf der Bühne auf und nahm Schauspielunterricht. 1983 ging sie ein Jahr lang mit einem Düsseldorfer Satire-Kabarett auf Tournee. Ab 1989 war sie drei Jahre lang in einer TV-Quizshow zu sehen. 1995/96 gelang ihr beim ZDF der TV-Durchbruch, woraufhin sie etliche Preise einheimste, darunter den Adolf-Grimme-Preis und den Bayerischen sowie den Deutschen Fernsehpreis. Als Kommissarin Mona Seiler war sie bislang in „Die Stimmen“ und „Untreu“ zu sehen. „Damals warst du still“ soll laut Verlag Ende 2004 verfilmt werden.

_Handlung_

Samuel, der Sohn des Familientherapeuten Fabian Plessen, ist tot, gestorben an einer Überdosis Heroin. Drogenfahnder David Gerulaitis und sein Partner Janosch Kleiber finden Samuels Leiche. In den Bauch ist das Wort „WARST“ geritzt, die Zunge ist herausgeschnitten. Kaum hat Kriminalhauptkommissarin Mona Seiler in Sachen Plessen zu ermitteln begonnen, taucht eine zweite Leiche mit ähnlichen Merkmalen auf. Sonja Martinez ist nach einer Woche schon stark verwest, dennoch ist das Wort deutlich zu erkennen, das auf ihrem Bauch steht: „DAMALS“. Doch Sonja war bei Plessen in Behandlung.

Mona Seiler schleust Gerulaitis in eine der Therapiegruppen ein, und was er dort erlebt, erschüttert ihn zutiefst. In dem Seminar ordnen die Teilnehmer nacheinander die anderen zu jener Familienkonstellation an, die ihnen innerhalb des Rollenspiels angemessen erscheint. Als David merkt, dass seine „Schwester“ ganz nah bei ihm stehen sollte, bricht er das Seminar ab. Er ist an die inzestuöse Liebe zu seiner jüngeren Schwester Danae erinnert worden. Als er später ihr Bild in der Wohnung eines Junkies findet, haut es ihn um: Danae ist selbst in der Drogenszene. Hat er das zugelassen? Um diese Scharte auszuwetzen, durchsucht er Plessens stattliches Anwesen und wird fündig…

Derweil kämpft Mona Seiler sozusagen an der Heimatfront. Ihr Kollege Hans Fischer will sie demontieren, und ihr Interimschef Berkamer unterstützt eine ganz andere Theorie als die von einem Familiengeheimnis, das Plessen umgibt. In Zürich hat sich ein ehemaliger Patient Plessens umgebracht. Paolo Gianfrancos Witwe bezichtigt indirekt Plessens unorthodoxe Heilmethoden der Schuld an Paolos Freitod. Berkamer ist von Gianfrancos Schuld überzeugt.

Doch der Profiler Kern ist sich da nicht so sicher: Die eingeritzten Worte auf den Leiche ergeben garantiert einen Satz: „DAMALS WARST [DU xxx]“. Das lässt auf einen Serientäter schließen, doch das Profil passt nicht zu Gianfranco.

Es wird weitere Tote geben, wenn Mona Seiler sich nicht durchsetzen kann…

_Mein Eindruck_

„Damals warst du still“ ist der Versuch, einen Serienkrimi zu einem Psychothriller aufzupeppen. Was im Buch gelingen mag, scheitert leider im Hörbuch. Das liegt zum Großteil an der Sprecherin, auf die ich gleich zu sprechen komme. Aber auch die Umsetzung der Handlung trägt ihren Teil dazu bei.

Die Geschichte beginnt schon recht ordentlich. Der Werdegang eines achtjährigen Ich-Erzählers lässt nichts Gutes erwarten. Er beginnt mit dem Sezieren von Tieren. Die Identität dieses Menschen wird erst am Schluss des Hauptteils enthüllt, gerade noch rechtzeitig. Die Gründe für die Mordserie werden erst im Epilog, einem lange gesuchten Brief, verständlich. Ein gewisser Spannungsbogen ist also vorhanden.

Auch die Zutaten für den Psychothriller finden sich. Da sind zum einen die detailliert geschilderten Mordszenen selbst, die an Thrill nichts zu wünschen übrig lassen. Und da sind zum anderen die Therapiestunden des Fabian Plessen. Er ist selbst schon siebzig Jahre alt, kommt also wohl kaum als Täter in Betracht. Fahnder Gerulaitis macht selbst unangenehme Bekanntschaft mit den Folgen der Plessen-Methode: Schuldgefühle, Alpträume, unvernünftiges Verhalten sind die Folge. Warum sollen andere Kursteilnehmer nicht ebenso entgleisen?

Da hat Gerulaitis völlig Recht. Leider kommt ihm diese Erkenntnis ein ganz klein wenig zu spät, um ihn noch retten zu können. Er gerät in eine lebensgefährliche Situation. Wird es Mona Seiler gelingen, ihn rechtzeitig rauszuhauen?

Mit Kommissarin Seiler beginnt der Serienkrimi, der leider, leider im Hörbuch den Großteil der Handlung bestimmt. Die Polizeiarbeit steht im Vordergrund. Und das bedeutet auch, dass Seiler sich mit Konkurrenz im eigenen Haus auseinander setzen muss. Statt ihrer Intuition folgen zu dürfen, muss sie sich deshalb mit einem Verdächtigen beschäftigen, auf den ihr Chef setzt, um die öffentliche Meinung zufrieden zu stellen, will heißen: die Medien.

Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis sie sich freigekämpft hat, so dass sie endlich hinter Gerulaitis, ihrem in Lebensgefahr schwebenden Undercover-Ermittler, herjagen kann. Es ist schon etwas frustrierend, diese internen Kämpfe miterleben zu müssen. Gehört das zum Realismus des Krimis? Na, danke auch. Wenigstens kommt Seiler in die Gänge und auf die richtige Spur -sie hat eben Ahnung von Familienangelegenheiten, wo sie doch selbst eine hat. Ihre psychologischen Einsichten sind ungewöhnlich intelligent und feinfühlig. Aber wird sie auch rechtzeitig zur Stelle sein?

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch hat unüberhörbar eine Ausbildung erhalten. Sie ist eine Schauspielerin, aber keine Synchronsprecherin, soweit ich informiert bin. Aus mehreren Gründen fand ich ihren Vortrag schwer zu ertragen:

1) Der Sound wurde falsch aufgenommen. Die Höhen sind überbetont, so dass ich die Bass-Stufe an meiner HiFi-Anlage zuschalten musste, die eigentlich nur für laute Partys gedacht ist. Da klang ihre Stimme schon wesentlich erträglicher und nicht mehr wie Hundegebell.

2) Recht gewöhnungsbedürftig ist die Vortragsweise, in der die Sprecherin zahlreiche Pausen macht und Worte überdeutlich ausspricht. Dadurch wird das Gesagte zwar gut verständlich, aber der Redefluss klingt völlig künstlich.

3) Die Sprecherin intoniert die Sätze von Frauen und Männern völlig verschieden. Frauen klingen gefühlvoll, weich und leise. Männer klingen, als würden sie auf dem Kasernenhof brüllen: Hundegebell. Und das trifft sogar auf den siebzigjährigen Plessen zu!

4) Ebenso unangemessen wie diese diskriminierende Intonierung ist auch die Betonung mancher Sätze. Es ist ein Unterschied, ob der Satz „Gibt es noch etwas, was Sie sagen wollen?“ auf diese oder jene Weise vorgelesen wird. Die Betonung kann beispielsweise auf „gibt“ liegen oder auf „noch“. Der Unterschied in der Bedeutung sollte klar sein, doch nicht so bei Millowitsch. Ich könnte noch weitere Beispiele anführen.

_Unterm Strich_

Ich bezweifle, ob diese Hörspielumsetzung hundertprozentig im Sinne der Autorin ist. Diese hat zwar ohne Zweifel saubere Arbeit geleistet, was Krimi- und Psychothriller-Handlung angeht, doch das, was im Hörbuch noch übrig geblieben ist, will den an Thomas Harris und Peter Robinson geschulten Hörer nicht zufriedenstellen. Der rechte Grusel will sich nicht recht einstellen.

Das ist schade, denn die Ursache der Mordserie betrifft deutsche Schicksale, wie sie im 2. Weltkrieg zahlreiche Flüchtlinge aus dem Osten erleiden mussten. Insofern ist die Story eine beachtenswerte Verarbeitung deutscher Geschichte – auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs.

Die Hauptverantwortung für den Erfolg eines Hörbuchs trägt der Vortragende. Mariele Millowitschs Vortrag bereitete mir aus den oben genannten Gründen keinerlei Vergnügen, sondern vielmehr Frust. Einen Teil der Schuld trägt auch die falsche Aussteuerung des Originalsounds, der sich erst nach Zuschaltung der Bass-Stufe (sozusagen der Tieftöner) als erträglich erwies.

Meine Empfehlung daher: Lieber das Buch lesen oder warten, bis auch dieser Seiler-Krimi im Fernsehen gezeigt wird.

Umfang: 450 Minuten auf 6 CDs, (zu stark) gekürzte Lesung

Doyle, Arthur Conan – geheimnisvolle Kiste, Die

_Beklemmend: Terroristen an Bord?_

Auf einer Seereise beobachtet der Schriftsteller Hammond zwei finstere Kerle, die sich an einer kleinen geheimnisvollen Kiste zu schaffen machen, die sie mit an Bord brachten. Für Hammond steht fest: Es muss eine Bombe sein. Zusammen mit seinem Freund Dick Martin versucht er die drohende Katastrophe zu verhindern und belauscht die Männer, fordert sie sogar mit Worten heraus. Schließlich muss er seine Feigheit überwinden und den Kampf mit ihnen aufnehmen. Da macht er eine überraschende Entdeckung.

_Der Autor_

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um sein Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: [„The Lost World“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1780 erwies sich als enorm einflussreich und wurde schon dreizehn Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt.

_Der Sprecher_

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist laut Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater. Er hat u. a. die kompletten Narnia-Chroniken als Lesung aufgenommen (bei |Brendow|).

Regie führte die Übersetzerin Daniela Wakonigg, die Tontechnik und Musikeinspielungen steuerte Peter Harrsch.

_Handlung_

Es ist Mittwoch neun Uhr in der Frühe, als der Ozeandampfer „Sparta“ vom Bostoner Hafen aus in See stechen soll, um nach Großbritannien zu fahren. In letzter Sekunde springen noch zwei Männer an Bord, die dem Schriftsteller und Ich-Erzähler Hammond dadurch auffallen und in Erinnerung bleiben. Hammond ist eigentlich Brite von Geburt, wurde aber von amerikanischen Bürgern adoptiert und, nach Jahren an einem englischen Internat, in den USA zum Schriftsteller. Er bezeichnet sich selbst als neurotisch und ängstlich von Natur aus. Positiv zu vermerken ist jedoch seine Neugier auf charakteristische Gesichtszüge, quasi eines seiner Hobbys.

Da er gerne abseits steht, zieht er sich hinter einen Stapel Gepäck zurück. So ungesehen, wird er Zeuge des ersten Gesprächs, das die beiden Spätankömmlinge nahe seinem Ohr führen. Der Große nennt sich Flanigan und ist offenbar ein Ire, und von den Iren weiß alle Welt, dass sie mit allen Mitteln um ihre Unabhängigkeit von den Briten kämpfen. Der Kleine heißt Müller, ist offenbar ein Deutscher, und von denen weiß ja alle Welt, dass sie sozialistisch gesinnt sind (man denke nur an Marx, Engels und Lassalle).

Die beiden haben eine kleine, etwa 30 Zentimeter lange Holzkiste an Bord geschmuggelt, in die sie nun ein weißes Granulat schütten, woraufhin es darin klickt. Auf der Kiste sitzt ein speziell angefertigter Auslöser. O mein Gott, eine Höllenmaschine!, schießt es Hammond durch den Kopf, und seine Eingeweide scheinen sich zu verflüssigen. Während die beiden Terroristen unter Deck gehen, versucht sich Hammond, der Feigling, wieder in die Gewalt zu bekommen. Was soll er tun?

Da begegnet ihm zufällig sein alter Freund aus Internatstagen Dick Martin. Der ist zum Glück das genaue Gegenteil unseres Neurotikers: heiter, zuversichtlich, zupackend – und gelassen. Er tut Hammonds unbewiesene Befürchtungen ab, will ihnen aber trotzdem nachgehen, um seinen Freund zu beruhigen. Zusammen wollen sie die beiden vermeintlichen Terroristen beobachten und wenn möglich sogar verbal herausfordern, damit diese sich als Übeltäter verraten.

Im Raucherzimmer setzt sich das dynamische Duo in die Nähe der beiden zwielichtigen Gestalten, um ihnen zu lauschen. Flanigan und besonders Müller führen seltsame Reden, worin sie das Erscheinen einer „geheimnisvolle Macht“ erwähnen, und zwar noch heute Nacht! Hammond wird schon wieder ganz anders, aber Martin weist darauf hin, dass es sich immer noch um ein Missverständnis handeln können.

Sie sehen die beiden Männer erst wieder beim Abendessen, wo sie sie in das Gespräch verwickeln, das der Kapitän des Dampfers, seinem Rang gemäß, leitet. Keck bringt Hammond die Sprache auf Terroristen, und der Kapitän tut diese Gefahr als vernachlässigbar ab, doch Flanigan verteidigt die Ehre der so genannten irischen „Freiheitskämpfer“ und spricht ihnen einen gewissen Mut im Kampf für ihr Ideal nicht ab. Hammond glaubt, dass sich damit Flanigan endgültig verraten habe. Doch wie sieht es mit der Verantwortung aus, die aus diesem Wissen resultiert? Liegt diese nicht in den Händen der ach so fähigen Schiffsoffiziere?

Auch der strahlende Sonnenuntergang beruhigt Hammonds Nerven und er tröstet sich mit Philosophie. Dick Martin, der sich mit Flanigan unterhalten hat, fordert Hammond direkt auf, sich an den Kapitän zu wenden. Doch der Hasenfuß will abwarten, bis der Schiffsführer seinen Disput über eine nautische Frage beendet hat, und lauert in einem Rettungsboot auf ihn.

Es wird Abend, es wird Nacht, und bevor sich Hammond an den Kapitän wenden kann, treten Flanigan und Müller direkt ans Rettungsboot, in dem Hammond lauert, und bereiten die „Sache“ vor, wegen der sie an Bord gekommen sind. Der Countdown beginnt: noch fünf Minuten. Sie ziehen die ominöse kleine Kiste hervor und stellen sie auf. Noch drei Minuten – es ist alles bereit für das große Ereignis.

Hammond schwitzt inzwischen bereits Blut und Wasser, und als der Countdown bei eineinhalb Minuten steht, springt er aus seinem Versteck, um die „Terroristen“ zur Rede zu stellen und aufzuhalten. Doch er kann das „Ereignis“ nicht mehr verhindern. Da passiert etwas völlig Unerwartetes.

_Mein Eindruck_

Diese Geschichte des Schöpfers von Sherlock Holmes und Dr. Watson ist eine der frühesten veröffentlichten Erzählungen Doyles, geschrieben nur kurze Zeit nach seinen eigenen Seereisen als Schiffsarzt. Sie erschien 1881 erstmals in der Weihnachtsausgabe der „London Society“ und wurde 1890 als Teil des Erzählbandes „The Captain of the Pole Star and Other Tales“ in Buchform verlegt.

Die Geschichte ist in zweierlei Hinsicht interessant. Erstens zeichnet Doyle mit der Figur des Hammond bereits den deduktiven Geist seines späteren Meisterdetektivs vor. Anders als in den Holmes-Storys werden diese Fähigkeiten hier jedoch satirisch gebrochen. Hammond ist kein Genie und mutiger Kämpfer, sondern ein neurotischer Anti-Held, und obwohl seine Schlussfolgerungen logisch einwandfrei sind, ist am Ende doch alles ganz anders, als er denkt. Immerhin teilt er mit Holmes das Interesse an „charakteristischen Gesichtszügen“, denn diese scheinen ihm Aufschluss über den Charakter eines Menschen zu geben.

Dies ist also der Aspekt, WIE die Geschichte erzählt wird. Der zweite Aspekt betrifft den Inhalt der Geschichte. Da es um vermeintliche Terroristen geht, entpuppt sich die Story als in höchstem Maße aktuell. Wie würde ich, als Zeitgenosse von Al-Qaida und Co., mich verhalten, wenn ich von einer Bombe erführe? Würde ich zur Polizei rennen, obwohl ich eventuell ein Hasenfuß bin? Oder würde ich mich den vermeintlichen Schurken heroisch in den Weg stellen, um ihnen bei ihrem Tun in die Hand zu fallen?

|Anarchie!|

Der Grund, warum der Ich-Erzähler überhaupt auf die Idee kommt, es könne sich bei der geheimnisvollen Kiste um eine Höllenmaschine handeln, sind nicht nur die aufgeschnappten Gesprächsfetzen, die aus dem Zusammenhang gerissen sind, sondern auch das allgemeine Wissen um sogenannte Terroristen. In Russland werden von Anarchisten Attentate verübt (denen später ein Zar zum Opfer fällt), in Deutschland gewinnen die Sozialisten unter Lassalle an Einfluss, in Irland sind die aufrührerischen Rebellen am Werk (die schließlich ihre Unabhängigkeit erkämpfen).

Das gesamte spätviktorianische Zeitalter ist im Umbruch. Auch in England dürfte es erhebliche Unruhen gegeben haben, und ein kurzer Blick in die Chroniken würde darüber Klarheit verschaffen, dass beispielsweise die Fabian Society, der H. G. Wells und George Bernard Shaw angehörten, sich für soziale Reformen einsetzte.

|Aufklärung|

Hammonds Furcht stützt sich also nicht auf Beweise, sondern a) auf die allgemeine Lage und b) auf aufgeschnappte und beobachtete Hinweise. Beide verursachen bei dem Neurotiker akute Paranoia. Er glaubt, noch heute werde der Untergang des Schiffes herbeigeführt (das hier für eine Nation stehen kann). Als am Schluss das Geheimnis gelüftet wird, sieht er sich natürlich blamiert. Die beiden Gentlemen Flanigan und Müller haben zwar etwas Bahnbrechendes vollbracht, doch hat es ganz und gar nichts mit Höllenmaschinen zu tun. Ein Zeitungsartikel setzt den Leser bzw. Hörer davon in Kenntnis, welche Bedeutung das Treiben der beiden Gentlemen hat. (Und wer das genau wissen will, der höre sich die Story an oder lese sie nach.)

|Sherlock|

Schon in dieser Story macht Doyle wie in vielen seiner Holmes-Storys deutlich, dass es nicht genügt, Hinweise und Indizien zu sammeln und sie mittels deduktivem Denken mit einer Bedeutung zu versehen. Nein, der Beweis muss erbracht werden, dass es sich wie gedacht verhält. Wie dieser Beweis zu erbringen ist, dafür gibt es verschiedene Mittel und Wege. Zum Glück wählt Holmes stets die aktive Vorgehensweise statt passiv herumzusitzen und auf Beweise zu warten, wie Hammond es tut.

|Der Sprecher|

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie kenntlich zu machen. Und das sind eine Reihe unterschiedlichster Stimmen. Flanigan spricht ebenso tief wie der Kapitän, doch grob und barsch, während der Kapitän voll Zuversicht und Autorität formuliert. Auch Dick Martin gehört in diese Kategorie.

Ganz anders hingegen die beiden nervösen Typen Hammond und Müller. Ihre Stimmlage ist etwas höher: Hammond klingt etwas quengelig, wohingegen Müller wieder ungehobelt und nervös lamentiert oder droht. Eine Frau kommt im ganzen Text jedoch nicht vor.

Man muss allerdings schon genauer hinhören, um diese Unterschied im stimmlichen Ausdruck herauszuhören. Denn Schepmann tut alles, nur nicht übertreiben. Das überlässt er anderen Sprechern und tut es selbst höchstens in Kinderhörbüchern. In einer Erzählung über wohlerzogene Viktorianer ist Übertreibung jedoch in jedem Falle unangebracht.

|Geräusche|

Die vielfältigen Geräusche verleihen der Geschichte das Flair eines Kinofilms. Schon der erste Ton, den wir hören, ist das tiefe Nebelhorn eines Dampfers. Eine Schiffsglocke ertönt ebenso wie Möwengeschrei, später klappert Besteck auf Tellern, und im Raucherzimmer ist leise tickend eine Wanduhr zu vernehmen. An Deck selbst ist häufig eine steife Brise zu hören, wie es ja auch in der Realität der Fall wäre. Die Geräusche und Hintergrundstimmen – wie etwa amerikanisch quasselnde Passagiere – sind so dezent eingesetzt, dass sie niemals den Vortrag des Textes beeinträchtigen.

|Musik|

Die Musik ist ebenso dezent und steuert die Emotionen des Zuhörers auf fast unmerkliche Weise. Doch der Fachmann hört heraus, wann ein Moment heiter und dynamisch, ein anderer hingegen traurig, besinnlich oder gar verzweifelt klingen soll. Die Gemütlichkeit einer Schiffsreise wird ebenso ausgedrückt wie der dramatische Moment der vermeintliche Katastrophe oder vielmehr die Anbahnung desselben. Zum Einsatz kommen ausschließlich klassische Instrumente wie etwa Piano, Harfe und Oboe, aber auch ein Xylophon ist häufig zu vernehmen. Das Outro wird wieder von einem sanften Walzer bestritten.

|Das Booklet|

Das vierseitige Booklet erfreut mit umfassenden Informationen über den Autor Conan Doyle (s. o.) und einer Inhaltsangabe, die nicht zu viel verrät. Außerdem wird ein Interpretationsansatz geliefert, der dem einen oder anderen Literaturstudenten hilfreiche Hinweise liefern kann. Als i-Tüpfelchen verrät das Booklet auch, wann und wo der Text zuerst erschien und gedruckt wurde – so viel Service findet man bei Single-CD-Hörbüchern selten.

_Unterm Strich_

Die inszenierte Lesung lässt sich am ehesten als Vorstufe zu den Sherlock-Holmes-Geschichten verstehen, die den Autor später berühmt und wohlhabend machen sollten. Die Thematik ist durchaus aktuell, insofern als hier das Thema Terrorismus aufgegriffen wird – welches sich dann aber als völlig harmlos herausstellt. Der Ich-Erzähler wendet bereits Deduktion und Scharfsinn an, doch seine Befürchtungen werden von Leuten besänftigt, die Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, so wie später Dr. John Watson.

Der Unterhaltungswert ist nicht gerade hoch, denn so etwas wie dramatische Action gibt es lediglich am Schluss, und auch diese entpuppt sich als relativ unbegründet. So lässt sich die Geschichte am ehesten als eine Studie in Psychologie und Zeitstimmung – Freiheitsbewegungen, Anarchisten usw. – genießen und akzeptieren. Dass sie sprachlich gut formuliert und geschickt erzählt ist, versteht sich bei einem Autor wie Doyle fast von selbst. Die akustische Untermalung wechselt zwischen behaglicher Gemütlichkeit und dramatischer Bewegung, so dass für Abwechslung gesorgt ist.

Das Hörbuch wurde von Daniela Wakonigg und Peter Harrsch sauber produziert und mit einem informativen Booklet ausgestattet. Der Gesamteindruck ist tadellos.

|Originaltitel: That little square box, 1881
Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg
55 Minuten auf 1 CD|
http://www.stimmbuch.de

Lovecraft, Howard Phillips / Naumann, Gerd – Berge des Wahnsinns (Hörspiel)

_Poe lässt grüßen: Horror in der Antarktis_

In Form eines Tagebuchs und in Dialogen mit seinem Professor zeichnet der Geologe William Dyer den Verlauf seiner letzten, unglückseligen Expedition in die Antarktis anno 1930/31 nach. Zunächst suchten er und sein Team, darunter ein Anthropologe, nach ungewöhnlichen Gesteinsarten. Doch dann türmt sich vor ihren Augen ein Gebirge von gewaltigen Ausmaßen auf, das seltsamerweise quaderförmige Auswüchse und eckige Höhlen aufweist.

In einer solchen Höhle macht der Anthropologe eine beunruhigende Entdeckung: vierzehn tonnenförmige Gebilde. Als der Funkkontakt zu dessen Lager abbricht, muss sich Dyer mit einem Suchtrupp dorthin begeben. Was sie vorfinden, lässt Dyers Studenten Danforth wahnsinnig werden …

_Der Autor_

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen.

Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne sind nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit. Auf Einstein verweist HPL ausdrücklich in seinem Kurzroman [„Der Flüsterer im Dunkeln“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1961

Mehr zu Lovecraft kann man in unserer [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=345 seiner Biographie von Lyon Sprague de Camp nachlesen.

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

William Dyer, Expeditionsleiter: Lutz Harder („Perry Rhodan“, „Doppelter Einsatz“, „Tatort“)
Pabodie: Herbert Fux (Schauspieler, geb. 1927, „Woyzeck“, „Das Schlangenei“ u. v. a.)
Danforth, Student: David Nathan (dt. Stimme von Johnny Depp, L. DiCaprio, Christian Bale)
Professor, dem Dyer berichtet: Friedrich Schoenfelder (dt. Stimme von David Niven, Vincent Price, Edgar-Wallace-Filme u. a.)
Prof. Lake: Christian Rode (dt. Stimme von Christopher Plummer, Michael Caine, Telly „Kojak“ Savalas)
Kapitän Douglas: Jan Pröhl
Moulton, Lakes Assistant: Michael Jackenkroll
Und andere.

Gerd Naumann bearbeitete den Text und führte Regie. Die musikalischen Motive trug Akki Schulz bei (auf Didgeridoo, Cello, Kontrabass etc.) Die Tonaufnahme führte Ahmed Choraqui im On Air Studio, Berlin, aus und Martin Bochmann bearbeitete sie. Das Cover-Artwork stammt von Peter Grossöhme, die Illustrationen von Sonja Marterner.

Das Booklet enthält einen kurzen Essay von Michel Houellebecq („Elementarteilchen“).

_Handlung_

Was geschah auf der Expedition in jenes Bergtal in der Antarktis, dass der Student Danforth dem Wahnsinn verfiel? Als der Expeditionsleiter William Dyer Danforth in der Nervenheilanstalt besucht, berichtet Danforth wieder von den Alten Wesen, die in Wahrheit seit jeher über die Erde geherrscht hätten. Dyer widerspricht ihm nicht, denn er hat sie ja selbst gesehen.

Genau deshalb besucht er einen Professor in Boston, um ihn zu bitten, dass die neuerliche Expedition, die Starkweather und Moore 1932 organisiert haben, in die Antarktis aufbricht. Er warnt ihn eindringlich vor den Gefahren, nicht zuletzt vor dem schier unaussprechlichen Horror, auf den er und Danforth dort gestoßen sind. Dyer warnt ebenso vor dem Versuch, die Eismassen abzuschmelzen oder gar Bohrungen vorzunehmen, waren diese doch seiner eigenen Expedition zum Verhängnis geworden. Da der Professor mehr und vor allem deutlichere Begründungen fordert, muss Dyer genauer berichten, was sich vor zwei Jahren, anno 1930, zugetragen hat …

|Dyers Expeditionsbericht|

Prof. William Dyer ist Geologe an der Miskatonic University von Arkham, unweit Boston. Da Prof. Frank Pabodie neuartige Bohrer hergestellt hat, sieht sich Dyer in der Lage, auch in der Antarktis nach ungewöhnlichen Gesteinen zu suchen. Er lädt den von ihm bewunderten Anthropologen Prof. Lake ein mitzukommen, und dieser sagt freundlich zu. Außerdem werden die drei Profs von ihren jeweiligen Assistenten begleitet, darunter Danforth, Moulton und Gedney. Lake hält Danforth für einen „Backfisch“, aber immerhin haben beiden das verfluchte Buch „Necronomicon“ des verrückten Arabers Abdul Alkazred gelesen, ein zweifelhaftes Vergnügen, das nicht jedem Menschen vergönnt ist, denn das Buch ist in einem verschlossenen Raum der Bibliothek der Miskatonic-Uni weggesperrt.

Die zwei Schiffe „Miskatonic“ und „Arkham“ gelangen schließlich unter dem Kommando von Kapitän Douglas ins Zielgebiet, dem Rossmeer. Hier ragt der immer noch aktive Vulkan Erebus empor, und der Rossschelfeisgletscher bricht hier ins Meer ab. Die Gegend gemahnt Danforth an die kalten Ebenen von Leng, über die er bei Alhazred gelesen hat. Er vermeint ein sonderbares Pfeifen zu hören, das sich mit dem Wind vermischt, der von den Perry-Bergen herunterbläst. Eine Luftspiegelung gaukelt ihm emporragende Burgen auf diesen steilen Höhen vor.

Am Monte Nansen weiter landeinwärts schlägt die Expedition ihr Basiscamp auf, und mit den vier Flugzeugen erkunden sie das Terrain ebenso wie mit Hundeschlitten. Schon bei den ersten Grabungen stößt Prof. Lake auf höchst ungewöhnliche Fossilien, die es hier gar nicht geben dürfte. Zwar ist bekannt, dass vor 50 Mio. Jahren die Erde sehr viel wärmer war und Dinosaurier auch Antarktika bewohnten, doch all dies endete vor spätestens 500.000 Jahren mit der ersten Eiszeit, der weitere folgten. Lake, dessen Funde bis ins Präkambrium zurückdatieren, setzt seinen Willen durch, noch weitere Stellen zu suchen. Auf einer weiteren Schlittenexkursion findet er mehr solche Fossilien, die es nicht geben dürfte.

|Lakes Expedition|

Am 24. Januar, mitten im Hochsommer der Südhalbkugel, startet Lake, um ein Camp 300 Kilometer entfernt auf einem Plateau zu errichten. Dem Expeditionsleiter berichtet er mit Hilfe des Funkgeräts. Seine Stimme ist gut zu verstehen. Sie mussten notlanden, und das Camp ist von quaderförmigen Strukturen und Höhlen umgeben. Eine Bohrung führt dazu, dass ihr Bohrer in eine Höhlung unter dem Eis fällt. Beim Eindringen in diese Höhle stoßen Lake und Moulton auf Specksteine, die fünf Zacken ausweisen, also eindeutig bearbeitet wurden – mitten zwischen Saurierknochen und Abdrücken von Palmblättern. Außerdem stoßen sie auf große tonnenförmige Gebilde, von denen sie vierzehn Stück bergen und aufs Plateau schaffen, um den Inhalt zu untersuchen.

Die Hunde reagieren sehr aggressiv auf diese Gebilde, und als Lake sie seziert, erinnern sie ihn an die Cthulhu-Wesen, die Alhazred beschrieb: ein fünfeckiger Kopf mit einem Kranz seitlich angebrachter Wimpern usw. Und es hat fünf Hirnareale. Lake erinnert sich: „Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.“ In seiner letzten Nachricht berichtet Lake, die Köpfe seien von der Sonne aufgetaut worden. Dann meldet er sich nicht mehr.

|Die Rettungsexpedition|

Mit dem zurückgehaltenen fünften Flugzeug fliegt Dyer mit Danforth und Pabodie zu Lakes Camp. Sie finden entsetzliche Verwüstung vor. Alle Hunde wurden zerfleischt, von den Männern ist zunächst keiner zu sehen, obwohl überall Blut ist – und Gestank. Sie stoßen auf sechs Gräber, die sternförmig angelegt sind, aber wo sind die restlichen acht Wesen? Die Leichen von elf Männern sind zum Teil seziert, doch von einem Mann fehlt jede Spur: Gedney. Er hat auch einen Hund mitgenommen. Können sie ihn noch retten?

Dyer und Danforth machen sich auf den Weg, um die ausgedehnte fremde Stadt, die sich beim Anflug entdeckt haben, zu erkunden und vielleicht eine Spur von Gedney zu finden. Welches Wesen mag das Camp derartig verwüstet haben? Sie werden es herausfinden und wenn es sie den Verstand kostet …

|In Boston|

Dyer schafft es nicht, den Professor davon zu überzeugen, die Starkweather-Moore-Expedition zurückzuhalten. Er ahnt das Schlimmste. Als er wieder einmal den verrrückten Danforth besucht, rezitiert dieser nur aus dem verfluchten „Necronomicon“: „Die Farbe aus dem All … der Ursprung, Ewigkeit, Unsterblichkeit …“

_Mein Eindruck_

Lovecraft setzte mit diesem Kurzroman das Romanfragment [„Der Bericht des Arthur Gordon Pym“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=781 von Edgar Allan Poe fort. Wo Poes Romanfragment abbricht, greift er die Szenerie, wenn auch nicht die Figuren, wieder auf, insbesondere den unheimlichen Ruf „Tekeli-li! Tekeli-li!“ Diesen Ruf stoßen zwar bei Poe weiße Vögel aus, doch bei Lovecraft wird der Ruf einem weitaus gefährlichen Wesen zugewiesen. Um was es sich dabei handelt, wird nie hundertprozentig klar, denn es ist protoplasmisch und somit formlos.

Innerhalb des umfangreichen Cthulhu-Mythos über die Großen Alten nimmt „Berge des Wahnsinns“ eine nicht allzu herausragende Rolle ein, denn der Geschichtsentwurf, den Lovecraft hier präsentiert, unterscheidet sich nur in geringem Maße von dem in [„Schatten aus der Zeit“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2358 „Der Flüsterer im Dunkeln“ und anderen Erzählungen. Aber die Geschichte an sich bietet dem Leser mehr spannende Unterhaltung als andere Storys und vor allem einen weitgespannten Hintergrund, der im Vordergrund der Aktionen zum Tragen kommt.

Durch ihre Necronomicon-Lektüre wissen Lake und Danforth schon, womit sie es zu tun haben: mit den Großen Alten und ihren Vorgängern, den Alten Wesen. Die Stadt ist die der Alten Wesen, die vor Jahrmillionen zuerst landeten und ihre Kultur auf der Erde errichteten. Seltsamerweise ist Dyer nur mäßig darüber erstaunt, dass er nun über ausgedehnte Überreste einer versunkenen, prähistorischen Zivilisation stolpert. In der ersten großen Halle sind jedoch so etwas wie Wandmalereien und Hieroglyphen, die ihm die Geschichte der Vorzeit erzählen. Diese ist so komplex, dass ich empfehle, sie selbst nachzulesen.

Für Dyer und Danforth wird die Lage jedoch brenzlig, als sie auf die enthaupteten Überreste der entkommenen Alten Wesen stoßen, die Professor Lake aus der Höhle unter dem Eis geholt hatte. Was hat die Wesen getötet? Gibt es einen Wächter in der Tiefe, ähnlich einem Balrog in den Tiefen der Minen von Moria? Na, und ob! Die spannende Frage ist nun, wie dieses Wesen aussieht und ob sie es vielleicht besiegen können. Der Anblick des Wesens lässt Danforth wahnsinnig werden und von einem Sieg kann keine Rede mehr sein. Was wiederum den Schluss aufzwingt, dass die Starkweather-Moore-Expedition dem Tod geweiht ist, sollte sie im gleichen Gebiet forschen.

Dieses Gefühl des Verhängnisses überschattet den gesamten Text und suggeriert dem Leser bzw. Hörer, dass er allein schon durch die Kenntnis dieses geheimen Wissens, das ihm Dyer mitteilt, vielleicht in Gefahr sein könnte. Zweifellos wusste Lovecraft aus Zeitschriften nicht nur über Einsteins Forschungsarbeiten Bescheid, sondern auch über das Bestreben der Physiker, dem Atom seine Geheimnisse zu entlocken. Die Experimente von Rutherford und Nils Bohr waren ihm vielleicht bekannt, aber dürfte kaum gewusst haben, dass Enrico Fermi an einem Atomreaktor baute und die deutschen Physiker von Hitler für eine ganz besondere Aufgabe engagiert wurden: den Bau der ersten Atombombe. Verbotenes Wissen – möglicherweise hat Lovecraft ganz konkret solche Kenntnisse und Experimente darunter verstanden.

Das erzählerische Brimborum, dessen er sich im Original bedient, kommt uns heute überladen und bis zur Grenze des Lächerlichen überzogen vor. Der von Poe erfundene Ruf „Tekeli-li! Tekeli-li!“ wird x-mal wiederholt, und im Buch bildet er sogar den Schluss des letzten Satzes. Das verleiht ihm eine schaurige Bedeutungsschwere, die ich nicht nachzuvollziehen mag. Aber bei genauerem Nachdenken ist der Ruf eben jenem Wächter in der Tiefe zuzuordnen, und dann wird erklärlich, warum Danforth diesen Ruf nicht vergessen kann. Denn er weiß, dass wenn dieser Ruf erneut ertönt, es für die Menschheit zu spät sein wird. „Das ist nicht tot, was ewig liegt …“

|Die Inszenierung|

Es handelt sich um ein Hörspiel und nicht etwa um eine inszenierte Lesung. Während sich die Lesung penibel am vorliegenden Text orientiert und diesen mit Musik und Geräuschen garniert, so arbeitet das Hörspiel die Textvorlage vollständig um, um nach dramatischen Gesichtspunkten eine filmähnliche Handlung darbieten zu können.

Ein rascher Vergleich mit dem Buch fördert schon auf der ersten Seite gravierende Unterschiede zutage, was unter Berücksichtigung dieser Charakterisierungen nicht weiter überraschen dürfte. So sind die Gespräche mit dem namenlosen Professor, der die Starkweather-Moore-Expedition stoppen soll, nirgends im Buch zu finden. Das Buch ist in Tagebuchform geschrieben und somit ein Monolog. Das Hörspiel erwacht jedoch nur dann zum Leben, wenn es Dialoge gibt.

So verwundert es nicht, dass die schwächsten Szenen jene sind, in denen Dyer seinen Monolog fortsetzt oder wenn sich Dyer und Danforth in der Halle der Alten Wesen ihre Beobachtungen gegenseitig berichten. Ein richtiger Dialog kommt nicht zustande, und wenn die menschliche Interaktion nicht zustande kommt, so fehlt ein wesentliches dramatisches Moment. Zum Glück hat sich der Regisseur etliche Szenen einfallen lassen, um Monologe in Dialoge umzumünzen, so etwa Lakes Funksprüche aus seinem Lager.

|Die Sprecher|

Die Riege der Sprecher umfasst drei herausragende Namen: David Nathan, Christian Rode und Herbert Fux. (Friedrich Schoenfelder sollte ich nennen, doch sein Part ist so klein, dass er mir nicht weiter auffiel.) In der Tat erweisen sich ihre Darbietungen als die eindrücklichsten Beiträge zum Gelingen dieses außergewöhnlichen Hörspiels.

Christian Rode ist aus zahllosen Hörspiele bekannt, so etwa für Edgar-Wallace-Vertonungen von |Titania Medien| (vertrieben von |Lübbe Audio|). Er spielt stets den alten Gentleman, der durchaus mal zwielichtig sein darf, dabei aber stets auf der zupackenden Seite zu finden ist. Köstlich finde ich den Einfall, ihn eine Wasserpfeife rauchen zu lassen. Im Hörspiel wird seine Stimme während der Funksprüche künstlich durch einen Filter verzerrt, um der Szene Glaubwürdigkeit zu verleihen. Leider tritt er in der zweiten Hälfte nicht mehr auf, sondern wird abgelöst von dem namenlosen Bostoner Professor, den Friedrich Schoenfelder spricht.

Herbert Fux, Jahrgang 1927 (er wird also 80), spricht den Ingenieur Pabodie als einen knorrigen alten Typen, der lieber mit seinen Händen als mit seinem Kopf arbeitet. Aber auf Pabodie ist wenigstens Verlass, im Gegensatz zu Lake, Dyer und Danforth. Leider ist später im Buch noch im Hörspiel keine Rede mehr von Pabodie, obwohl er unter die Überlebenden zu zählen ist.

Für mich der beste Sprecher ist mit Abstand David Nathan. Das liegt nicht nur daran, dass er von Anfang bis Ende dabei ist, sondern vor allem deshalb, weil er seinen Danforth als menschliches Wesen mit einem erschütterten Innenleben porträtiert. Danforth, ein gieriger Leser des „Necronomicon“ und seit jeher der Metaphysik zugeneigt, ist durch die Funde in der Antarktis derart ver-rückt, dass er nicht mehr in die menschliche Gesellschaft einzugliedern ist. Tatsächlich hält er ebendiese für zum Untergang verurteilt. Natürlich behauptet er: „Ich bin nicht verrückt!“ Aber tun das nicht nur die Verrückten?

Nathan bemüht die ganze Palette von Keuchen, Schluchzen, Lachen, Weinen, Rufen, um die tiefe Erschütterung Danforths zu vermitteln. Im Kontrast erscheint sein Begleiter Dyer, der mit ihm die uralte Stadt unterm Eis erkundet, selbst wie ein Eisblock. Zwar ist es notwendig, dass der Chronist Dwyer stets die Nerven behält, damit wir ihn verstehen und ihm glauben können, doch wenigstens ein- oder zweimal könnte ja auch er genauso ausrasten wie Danforth. Stattdessen bewahrt er stets die Contenance, stößt zwar „Tekeli-li! Tekeli-li!“ aus, doch bei ihm klingt dies wie eine weitere Pflichtübung des Chronisten, der nur nichts unter den Tisch fallen lassen will. Dafür, dass Dyer so unerschütterlich agiert, klingt Lutz Hackers Stimme viel zu jung, nämlich gleich alt wie die Danforths/Nathans.

Von den Nebenfiguren ist mir noch die Stimme des Kapitäns Douglas in Erinnerung geblieben. Jan Pröhl porträtiert den alten Seebären mit rauer, heiserer Stimme recht glaubwürdig, aber dass ein Seebär stets zum Lachen neigt, finde ich ungewöhnlich – es verleiht der Figur des Douglas einen leicht durchgeknallten Zug. Vielleicht hat Pröhl genau dies beabsichtigt.

|Musik und Geräusche|

Die sparsam eingesetzten Geräusche verleihen den Dialogen einen Anstrich von Realismus. Schritte, Bellen, das ständige Heulen des Windes übers Eis – sie sind völlig passend. Doch es gibt auch dieses unirdische Pfeifen und Sirren, das Danforth in der unterirdischen Stadt hört. Es ist ebenso unwirklich, wie der Ruf „Tekeli-li! Tekeli-li!“ es ist.

Wesentlich verstärkt wird diese Note des Unwirklichen und Unheimlichen von den musikalischen Motiven, die Akki Schulz beitrug. Von Melodien oder gar Musikstücken kann keine Rede sein, vielmehr sollen die Motive verschiedene Stimmungen vermitteln. Das am häufigsten eingesetzte Instrument ist ein tiefer gestimmtes und elektronisch verstärktes Didgeridoo, wie es die Aborigines benutzen. Der Klang ist eindeutig gewöhnungsbedürftig, aber nicht gänzlich unpassend.

Weitere Instrumente, die ich gehört zu haben glaube, sind ein Cello und ein akustischer Kontrabass. Dieser Bass wird sowohl gezupft als auch gestrichen. Selbstredend wurden beide Instrumente elektronisch verstärkt, so etwa auch durch Hall. Im Vergleich zu anderen Horror-Hörspielen sind diese musikalischen Einlagen nur von sehr schwacher Wirkung, so dass sie im Gesamtwerk der schwächste Beitrag sind. Aber sie sind nicht als unpassend abzuweisen, sondern haben ihr Gegenstück in zwei anderen modernen Lovecraft-Produktionen: Vom „Orchester der Schatten“ kommen inszenierte [Lesungen,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3071 die durch ihre ähnliche Musik keinen schlechten Eindruck hinterlassen haben.

|Das Booklet|

Das Booklet enthält Informationen über den Autor (in dem Essay, s. u.), den Text und sämtliche Mitwirkenden, außerdem noch diverse Illustrationen. Als Druckbild wurde Schreibmaschinenschrift verwendet, eine alte Courierschrift, wie man sie früher für Manuskripte verwendete. Mit rotem „Bleistift“ wurden wichtige Namen etc. hervorgehoben. Hin und wieder finden sich Kleckse roter Tinte. Der optische Eindruck ist der eines handgemachten Produkts. Für manche Hörbuchkäufer könnte das einfach zu billig aussehen, aber ohne Zweifel hebt sich die CD von anderen Hörbüchern ab.

Der Essay von Michel Houellebecq erstreckt sich über immerhin fünf Seiten des Booklets – ein Viertel des Umfangs. Der Autor versucht, die Arbeitsweise Lovecrafts zu beschreiben, und bemüht dabei die Beispiele „Pickmans Modell“ und „Die Musik des Erich Zann“. Der Effekt, den HPL erzielen wollte, sei die „Furcht vor dem Unbekannten“. Um diese Wirkung zu erzielen, haben HPL eine Mythologie schaffen wollen, mit der er eine Art objektives Entsetzen erzeugen konnte, ein Entsetzen, das „von jeder psychologischen oder menschlichen Konnotation losgelöst war. Er wollte eine Mythologie schaffen, die auch noch einen Sinn für Intelligenzen hat, die aus dem Gas von Spiralnebeln bestehen.“ Houellebecq hält übrigens „Berge des Wahnsinns“ für einen herausragenden Text innerhalb des Cthulhu-Mythos, im Gegensatz zu mir.

Der Essay zeugt von tiefgehender Kenntnis literarischer Methoden wie etwa der objektiver Beglaubigung, aber auch von vielen Beispielen ihrer Anwendung, darunter natürlich auch bei Poe. Houellebecqs Artikel ist ein leicht verständlicher Beitrag zum Verständnis Lovecraft, im Gegensatz zu einigen schwierigen Texten, die ich hier nennen könnte.

_Unterm Strich_

„Berge des Wahnsinns“ ist einer der bedeutenden Kurzromane, die Lovecraft am Ende seines Lebens – er starb ein Jahr nach der Veröffentlichung – innerhalb seiner Privatmythologie schrieb. Die Antarktis-Expedition des Geologen Dyer stößt auf eine uralte Stadt, die von einer außerirdischen, vormenschlichen Zivilisation errichtet wurde. Und Andeutungen legen nahe, dass auf dem Meeresgrund noch viele weitere solche Städte auf ihre Entdeckung warten. Ob das für die heutige Menschheit so gut wäre, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. In der Stadt unter dem Eis vertreibt ein unheimlicher Wächter die neugieriger Forscher, und solche könnte es auch in weiteren Ruinen geben. Dyers Assistent Danforth hat den Wächter und dessen Brut gesehen und ist darüber verrückt geworden …

Ähnlich wie in „Schatten aus der Zeit“ und „Der Flüsterer im Dunkeln“ entwirft Lovecraft die Grundzüge seiner Mythologie, wonach erst die Alten Wesen von den Sternen kamen und die Stadt unterm Eis bauten, bevor die Cthulhu-Wesen anlangten und mit ihnen einen Krieg führten, an dessen Ende Wasser und Land zwischen den Rassen aufgeteilt wurden. Überreste beider Zivilisationen sind für Expeditionen wie die Dyers noch aufzuspüren, natürlich nur an sehr verborgenen Orten.

Das Motiv der „Lost Race“, das Lovecraft in nicht weniger als 18 Erzählungen verwendet, war schon 1936 nicht mehr neu und vielfach erprobt worden. Am kommerziell erfolgreichsten waren dabei wohl Edgar Rice Burroughs, der Schöpfer des Tarzan, und Henry Rider Haggard, der mit [„König Salomons Schatzkammer“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=484 „Allan Quatermain“ und „Sie“ einen sagenhaften Erfolg unter den Spätviktorianern verbuchte. Ob Poe mit „Arthur Gordon Pym“ diese Mode schuf, als er seinen Helden in der Antarktis eine unbekannte Zivilisation finden ließ, sei dahingestellt, aber sowohl Jules Verne mit „Eissphinx“ als auch Lovecraft mit „Berge des Wahnsinns“ folgten diesem Vorbild in den eisigen Süden. In letzter Zeit knüpfte auch Michael Marrak mit seinem Roman „Imagon“ erfolgreich an dieses Vorbild an.

Bei Lovecraft wird die Expedition zu einem Initiationsritus. Der moderne Mensch ist sowohl mit dem sehr Alten als auch mit dem Ungeheuerlichen konfrontiert, und beides scheint seinen Verstand zu übersteigen (siehe Danforths Wahnsinn). Unterschwellig vermittelt Lovecraft seinen Kulturpessimismus dadurch, dass er Dyer erkennen lässt, dass die Menschheit weder die erste Zivilisation auf diesem Planeten war, noch auch die letzte sein wird. Das wiederum könnte dem einen oder anderen Leser Schauer über den Rücken jagen. „Das ist nicht tot, was ewig liegt“ (oder „lügt“, denn das englische Verb ist doppeldeutig), wird immer wieder zitiert. Ein Menetekel, an das immer wieder mit dem Ruf „Tekeli-li! Tekeli-li!“ gemahnt wird.

|Das Hörbuch|

Den Machern von |Lauschrausch| ist ein dramatisch umgesetztes Hörspiel gelungen. Obwohl es hervorragende Sprecher und passende Geräusche vorzuweisen hat, so finde ich die musikalischen Motive zu schwach und den Sprecher des Dyer als unpassend, sowohl vom Ausdruck als auch vom Alter her. Das Booklet liefert mit Houellebecqs Essay sowohl Informationen zum Autor, dessen Werk als auch zu dessen Arbeitsmethode und ästhetischem Ziel: objektives Entsetzen. Ob es so etwas überhaupt geben kann, erörtert Houellebecq allerdings nicht.

|Originaltitel: At the Mountains of Madness, 1936 (gekürzt), 1939 ungekürzt
Aus dem US-Englischen übersetzt von Rudolf Hermstein
2 CDs, 94 Minuten|
http://www.lauschrausch.eu/

Philip K. Dick – Irrgarten des Todes (Lesung)

Der Mörder-Club von Delmak-O

Vierzehn Menschen haben sich freiwillig nach Delmak-O gemeldet, einen unbesiedelten Planeten. Sie sind zivilisationsmüde, sehen sich danach, eine jungfräuliche Welt zu erschließen. Dort angekommen, bricht die Verbindung mit der Außenwelt ab. Sabotage?

Die Verunsicherung wächst, als mechanische Insekten entdeckt werden, die mit winzigen Kameras ausgerüstet sind. Befinden sich die Gestrandeten in einem gnadenlosen psychologischen Experiment, in einem Irrgarten des Todes? Als es den Überlebenden gelingt, die Phantomwelt zu zerschlagen, kommt eine Wirklichkeit zum Vorschein, die noch weit schrecklicher ist. (Verlagsinfo von Heyne)
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Pratchett, Terry – Kleine freie Männer

_Disney-mäßig: Rettungs-Expedition ins Feenland_

Nachdem ein Wasserdämon um ein Haar fast seinen kleinen Bruder Willwoll entführt hat, wendet sich das Milchmädchen Tiffany Weh an eine professionelle Hexe. Miss Tick gibt ihr nach vielen neugierigen Fragen einen wertvollen Ratgeber: eine sprechende Kröte. Als ihr Bruder aber wirklich von der Feenkönigin entführt wird, braucht Tiffany mächtigere Verbündete.

Da trifft es sich gut, dass die Wir-sind-die-Größten, kleine blauhäutige, saufende, stehlende und kämpfende Gnomen, eine Hexe suchen. Durch ihre Heldentat gegenüber dem Wasserunhold hat sich Tiffany eindeutig als solche qualifiziert und kriegt den Job. Zusammen nehmen sie es mit der grausamen Feenkönigin auf, deren Welt dabei ist, in unsere einzudringen, um Träume zu stehlen.

Doch die Rettungsaktion erweist sich als schwieriger als gedacht: Das Reich der Märchen ist längst nicht so schön, wie es uns die Geschichten immer weisgemacht haben, sondern kalt und voller Gefahren. Tiffany und ihre Truppe „kleiner freier Männer“ geraten von einer heiklen Situation in die nächste.

_Der Autor_

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa drei Dutzend Bücher erschienen, auf Deutsch zuletzt „Weiberregiment“.

Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch [„Maurice, der Kater“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219 („The Amazing Maurice and His Educated Rodents“), worauf „Kleine freie Männer“ folgte.
Die Fortsetzung von „Kleine freie Männer“ trägt den Titel [„A Hatful of Sky“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1842 („Ein Hut voller Sterne“; Buch & Audio auf Deutsch im Februar & März 2006 erschienen).

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden. Mehr Infos unter www.lspace.org (ohne Gewähr).

_Der Sprecher_

Der in Berlin Charlottenburg geborene Schauspieler Boris Aljinovic wollte ursprünglich Comic-Zeichner werden. Er absolvierte aber von 1991 bis 1994 die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Danach folgten Engagements am Theater der Stadt Cottbus, am Staatstheater Schwerin und am Berliner Renaissance-Theater. Seit 2001 ist er der neue Berliner „Tatort“-Ermittler Felix Stark an der Seite von Dominic Raacke. Daneben hat er sich mit zahlreichen anderen Fernseh- und Filmproduktionen sowie als Hörbuchsprecher einen Namen gemacht.

Regie führte Produzent Oliver Versch. Das „Sound-Design“ stammt von David Braun, und die Aufnahmeleitung oblag Michael Hübbeker.

Boris Aljinovic liest die gekürzte Fassung, die Karin Weingart anfertigte.

_Handlung_

Die neunjährige Tiffany Weh ist eigentlich ein einfaches Milchmädchen, das auf der Farm seiner Eltern für die Herstellung von allerlei Milchprodukten wie etwa Käse oder Butter zuständig ist. Aber Tiffany hat zwei Vorteile im Überlebenskampf: ein ausgeprägtes Denkvermögen und eine Großmutter, die wohl so etwas wie eine Hexe war.

Tiffany erinnert sich so häufig an die Granny Weh, dass diese zu einer weiteren Hauptfigur wird. Und obwohl Granny nur eine einfache Schäferin war, die in der Region mit dem Namen Die Kreide, wo Tiffany lebt, Schafe hütete, war sie wohl auch so etwas wie eine göttliche Instanz: Sie war die Verkörperung des Landes. „Das Land ist in meinen Knochen“, pflegte die Omi Weh zu sagen. Und davor hatte selbst der Baron Respekt. Besonders dann, wenn Granny drohte: „Es wird eine Abrrrechnung geben.“ Und ihre zwei Schäferhunde Donner und Blitz knurrten dazu.

Nun liegt Tiffany am Forellenbach und kitzelt Forellen. Eigentlich sollte sie auf ihren kleinen Bruder Willwoll aufpassen, der in der Nähe spielt, aber die Forellen lachen so schön. Bis ein grüner Wasserdämon auftaucht, der ein allzu lebhaftes Interesse an kleinen Babybrüdern zeigt. Tiffany zieht Jenny Grünzahn mit der Bratpfanne eins über, bis der Dämon das Weite sucht.

Diese Heldentat bleibt keineswegs unbeachtet.

|Die Hexe|

Aber was haben Ungeheuer hier zu suchen? Wenige Tage später wandert Tiffany in das nächste Dorf, um zur Schule zu gehen und die Antwort auf diese Frage herauszufinden. Sie hat Glück. Mehrere Wanderlehrer haben am Rande des Marktplatzes ihr Zelt aufgeschlagen, in dem sie Unterricht geben. Bezahlt wird in Naturalien. Doch Tiffany ist weder an „Geokrafie“ noch an Rechtschreibung („Spaß mit Klammern!“) interessiert, sondern sucht eine Hexe. Das winzige Schild an dem Zelt, auf dem steht „Ich kann dich eine Lektion lehren, die du so schnell nicht vergisst“ erscheint ihr vielversprechend.

Sie fragt die Hexe, die sich „Miss Tick“ nennt (wie in „Mystik“), wie sie ebenfalls eine Hexe werden könne. Sie wolle nämlich solche Wasserdämonen, die es nur in Märchenbüchern gibt, loswerden. Wie interessant, denkt Miss Perspicazia Tick. Sie war eine der Personen, die bei Tiffanys Heldentat zugegen waren. Bei ihrer Erforschung des Universums war sie auf eine drohende Gefahr gestoßen: Eine andere Welt kollidierte mit ihrer eigenen und drang in sie ein. Das könnte unangenehm werden. Bemerkenswert, dass ausgerechnet jetzt Tiffany auftauchte.

Ohne allzu viel erfahren zu haben, geht Tiffany nach Hause. Doch sie hat von Miss Tick einen Schatz mitbekommen, der sich noch als sehr wertvoll erweisen soll: eine sprechende Kröte. Eine verwunschene Kröte. Eine Kröte, die alle möglichen Dinge weiß und sogar fremde Sprachen übersetzt. Sozusagen ein organischer PDA mit Spracheingabe. Von der Kröte erfährt Tiffany von der bevorstehenden Kollision der Welten.

|Die „Wir-sind-die-Größten“|

Um die Dinge ins Rollen zu bringen, ist aber noch etwas nötig: die titelgebenden Kleinen freien Männer. Sie haben blaue, weil tätowierte Haut (wie die historischen Pikten), knallrote Bärte, tragen Schottenrock und Schwert, reden seltsames Schottisch (nicht in der Übersetzung, logo) – und sind ungefähr fünfzehn Zentimeter groß. Und da sie gerade eine Hexe suchen, haben sie sich in Tiffanys Molkerei eingefunden. Warum gerade Tiffany Weh? Sie haben ihre Heldentat am Bach beobachtet und sich gedacht: Wir haben unsere Hexe gefunden!

Ihr Anführer stellt sich ihr als Rob Irgendwer Größter (= Rob Anybody Feegle) vor und sein Volk als die Wir-sind-die-Größten. Sie haben keinen König, keine Königin, keinen Herrn – daher sind sie die Kleinen Freien Männer. Sie haben, wie sich später herausstellt, nur vor zwei Dingen Angst: vor ihrer früheren Chefin, der grausamen Königin von Feenland, und vor — Anwälten.

|Das Feenland|

Als Tiffanys Bruder Willwoll wenig später spurlos verschwindet, weiß sie, an wen sie sich um Hilfe wenden kann: die Größten. Rob Irgendwer berichtet ihr, dass es höchstwahrscheinlich die Königin des Feenlandes war, die Willwoll entführt hat. Und es gibt nur einen Weg, in das Feenland zu gelangen: Nur eine echte Hexe kennt die Türen in die andere Dimension, wo die Zeit ein wenig verschoben ist.

Auf der Landschaft namens Die Kreide stehen Megalithen in rauen Mengen herum. Ob sie nun einen König oder einen Schatz beherbergen oder nur zur Beobachtung der Sterne dienten, das ist Tiffany wurscht. Solch ein Megalithentor fällt ihr schon bald auf: Erstens haut es mit dem Verlauf der Zeit nicht richtig hin, als sie es beobachtet. Und zweitens liegt hinter dem Tordurchgang auffällig viel Schnee, während auf dem Kreideland selbst noch Gras grünt. Ist im Feenland immer Winter?

Bewaffnet mit ihrer treuen Bratpfanne und begleitet von den ebenso treuen Größten, macht die Juniorhexe Tiffany Weh den ersten todesmutigen Schritt ins Land der Feenkönigin, um ihren entführten Bruder zurückzuholen.

_Mein Eindruck_

Die Wir-sind-die-Größten sind eine der genialsten Erfindungen des schreibenden Ehepaars Pratchett. Zwar treten auch schon früher in „Die Teppichvölker“ und in der Wühler-Trilogie, der „Bromeliade“, kleine, gnomenähnliche Wesen auf, doch die Wir-sind-die-Größten (im Original die „Nac Mac Feegle“) verleihen diesen Wesen einen unverwechselbaren Charakter. „They’re small. They’re blue. And NOBODY messes with them“, tönt das Titelbild der Originalausgabe anschaulich und prägnant.

Dass sie klein sind, ist schon klar. Dass sie blau sind, ergibt sich aus ihren blauen Tätowierungen, die mit Waid eingefärbt sind. Schon die ollen Römer wussten, um wen es sich handelt: Um die wilden Völker des schottischen Hochlandes, die ständig ihre Wälle und Festungen angriffen. Die „Bemalten“ nannten sie daher Picti, und unter dem Namen Pikten waren sie noch bis ins frühe Mittelalter bekannt, als ihr aktueller König dem König der Schotten, statt ihm eins auf die Rübe zu geben, die Hand schüttelte, um Frieden zu schließen.

Ob die Pikten reines Hochlandschottisch sprachen wie die Nac Mac Feegle, ist leider nicht überliefert. Das ist in der deutschen Übersetzung aber auch bedeutunglos. Die Größten sprechen Umgangs- und Gaunersprache. Zum Glück hat Tiffany ihren eigenen Dolmetscher dabei: die Kröte, die ihr (und uns!) aus der Verlegenheit hilft. Dass auch Whisky vorkommen muss, dürfte ebenfalls klar sein, doch wird er hier als Granny Wehs „Spezielles Schaf-Einreibemittel“ bezeichnet. Zur inneren Anwendung …

Selbstredend spielen die Größten auch den Dudelsack. Dies ist die Aufgabe des Schlachtenpoeten William, der immer so herrrrlich das R rrrollt. Und so alt er auch sein mag, so hat er doch ein paar Tricks auf Lager, um die „Jagdhunde“ der Feenkönigin in die Flucht zu schlagen.

|Die Königin der „Wir sind die Größten“|

Die Freundschaft der kleinen Riesen erkauft man nicht so einfach, findet Tiffany bald heraus. Geschenke erhalten zwar die Freundschaft, doch wenn es um die Verknüpfung von Schicksalen geht, müssen engere Bande geknüpft werden. Die Kobolde haben in ihrem unteridischen Bau eine Art Schwarmkönigin plus Schamanin: die „kelda“. Diese uralte Gnomen-Oma macht Tiffany zu aller Erstaunen zu ihrer Nachfolgerin, bevor sie in „das letzte Land“ geht. Sie erklärt Tiffany auch ihren keltischen Namen: „Land unter Wasser“ (das wird beim Finale noch wichtig).

Was Tiffany als neue „kelda“ nicht weiß: Sie muss als erste Tat einen Mann heiraten. Natürlich keinen von den „großen Leuten“, sondern einen der kleinen Riesen. Doch Bräuche sind dazu da, sie zu befolgen, ganz besonders gilt das für Anführer. Und so wählt Tiffany den wichtigsten Kobold: Rob Irgendwer. Und weil Tiffany eine Meisterin des Denkens ist, fällt ihr auch ein, wie sie die peinlichen Implikationen der Vermählung umgehen kann (wovon der Polterabend vermutlich die harmloseste ist) …

|Hexensabbat|

Keine Heldentat einer Hexe bleibt unbeachtet, und das gilt umso mehr für die einer Juniorhexe. Am Schluss taucht daher Miss Tick, die Wanderhexe, erneut bei Tiffany auf. Ihre Beifahrer auf dem Hexenbesen sind zwei alte Bekannte: Granny …, pardon: Mistress Weatherwax, und Nanny Ogg. Sie begucken sich die neue Heldin in ihren Reihen und halten mehr oder weniger Gericht über sie.

Sie sind reichlich erstaunt, dass Tiffanys Art der Magie auf dem Kreideland funktioniert, denn die gängige Theorie besagt, dass Hexenkraft harten Stein erfordert, und das Kreideland ist ja aus Kreide gemacht, dem weichsten Stein. Tiffany weist dezent darauf hin, dass in der Kreide etliche Stücke Flint, also Feuerstein, stecken, und das sei ja bekanntlich der härteste Stein. Die Hexen starren sie an, als wäre Tiffany die Verkörperung des Feuersteins, zufällig gefunden in einer weichen Gegend. Und in dieser Eigenschaft kommt Tiffany ihrer Granny gleich, die ja bekanntlich das Land in ihren Knochen hatte.

|Die Wanderschule|

Die Pratchetts haben wieder einige Lehren in ihrer Geschichte untergebracht. Die Kinder, die sie lesen, sollen schließlich aus dem Buch etwas lernen. Herkömmliche Wanderlehrer taugen offensichtlich wenig, die beste Schule scheint das Leben zu sein. Um dessen Schwierigkeiten zu bewältigen, sind aber nicht Träume, Wünsche und Illusionen hilfreich, sondern ein Sinn für die Realität und vor allem Denken.

Tiffany ist eine Meisterin des Denkens, doch selbst sie ist nicht gegen die Macht der Feenkönigin gefeit. Ich möchte nur so viel verraten: Deren Macht liegt in der Anwendung von Träumen und Illusionen als Waffen, um die Kinder, die sie entführt hat, zu versklaven. Darin gleicht sie der Schneekönigin in Andersens Märchen und in C. S. Lewis‘ erstem Narnia-Roman „The lion, the witch and the wardrobe“. Der fiesen Behauptung der Feenkönigin, die Menschen könnten es in ihrem Leben ohne Träume und Wünsche gar nicht aushalten, hat auch Tiffany nichts entgegenzusetzen. Der Krieg der Träume scheint für sie verloren, als sie sich an etwas erinnert, das ganz tief unten in ihrem Sein verborgen ist: Sie ist, wie ihre Granny, auch das Land, und das Land träumt Träume, die mit Menschen nichts zu tun haben …

_Der Sprecher_

Boris Aljinovics Stimme klingt zunächst ganz normal, eben männlich tiefer gelegt. Doch schon in den ersten Szenen mit Miss Perspicacia Tick, der Wanderhexe, erleben wir eine Überraschung. Fräulein Tick selbst verfügt eine höhere, sanfte Stimme, aber ihre Kröte – die leider durchweg namenlos bleibt, obwohl sie in einem früheren Leben ein Anwalt war – erstaunt immer wieder mit einer knarzigen, gequetscht klingenden und leicht näselnden Stimme, die einem solchen Amphibienviech gut ansteht. Und zu einem nervenden Besserwisser.

Am meisten gespannt war ich natürlich auf die Stimmen der Kobolde, der Königin und natürlich der Hauptfigur: Tiffany Weh. Wie bei jedem Stamm mit vielen Mitgliedern gibt es auch unter den „Größten“ ziemlich viele unterschiedliche Charaktere. Das macht ja gerade den Reiz der Geschichte und hörbar auch den des Hörbuchs aus. Ihr Anführer ist Rob Irgendwer, der mit seinem Kampfgeschrei jeden Angriff einleitet. Man kann sich seine Stimme, wenn sie erhoben wird, als gedämpften Schrei eines kauzigen Käptns vorstellen; wenn sie leise wird, als die eines sanften Helden. Mit Rob Roy hat er dennoch nix am Hut. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck. Und denken kann er auch (!).

Sein komplettes Gegenteil sind „der doowe Wullie“ mit seiner langsamen, tiefen Stimme und der Schlachtendudler William, der ein derart martialisch rrrollendes R aus der Kehle aufsteigen lässt, dass wir ihm seinen Mut durchaus abnehmen. Die Größten haben auch einen Flieger: Hamish. Er fliegt mit den Bussarden und landet per Fallschirm, wenn auch meist mit dem Kopf im Boden. Er ist an seinem eigenen Akzent einigermaßen gut von den anderen Durchschnittskobolden zu unterscheiden.

Daneben gibt es noch zwei Kategorien von Wesen: Kinder und Erwachsene. Während die neunjährige Tiffany ähnlich sanft wie Fräulein Tick spricht, aber immerhin mit ihren „dritten Gedanken“ sehr scharfsinnig wirkt, ist ihr kleiner Bruder Willwoll eher das Gegenteil: Er will bloß Süßigkeiten, und kriegt er keine, plärrt er. Als er aber die Kobolde sieht, fängt er an zu kichern und fröhlich „kleine Männer“ zu lallen. Der Baronssohn Roland ist nicht viel besser erzogen, aber mit seinen zwölf Jahren doch schon halbwegs vernünftig.

Bevor die Heldin auf ihre Widersacherin, die Königin der Elfen, trifft, muss sie erst eine Menge Bekanntschaften mit den Erwachsenen hinter sich bringen, sozusagen als Vorbereitung auf den äußerst langgezogenen Showdown mit ihrer Widersacherin, die ihren Bruder entführt hat. Hochnäsig und besserwisserisch klingen die Lehrer, die drei auftauchenden Anwälte, ihre Mutter, der Baron sowieso, aber keinesfalls ihre Oma Weh. Die sagt zwar ohnehin nur das Allernötigste, aber was sie sagt, ist nie hochnäsig. Auch nicht gegenüber dem Baron, mit dem sie einen Streit wegen seines wildernden Hundes hatte, der ihre Schafe riss.

Die Königin zu bezwingen, stellt sich auch akustisch als recht schwierig dar. Zunächst ist die Elfin nur arrogant und verschlagen, aber langmütig, so wie man es gegenüber einem dummen Kind ist, das nicht weiß, was es tut. Als aber Tiffany immer mehr Fähigkeiten an den Tag legt, verliert die Königin allmählich ihre Geduld. Alle ihre Trome, die Traumerzeuger, hat Tiffany ausgetrickst. Sogar das ihr eingetrichterte Schuldgefühl wegen des im Stich gelassenen Bruders überwindet die kleine Heldin. Als auch der Versuch fehlschlägt, sie mit den Anwälten von ihren Gefährten, den Kobolden, zu trennen, wird die Königin ernsthaft wütend. Sie lässt sowohl die Anwälte als auch die Größten mit einer Handbewegung verschwinden. Was jetzt? Doch Tiffany findet die Kraft, der Königin ein blaues Auge zu verpassen.

Alle diese Verwandlungen bewältigt der Sprecher bravourös und erinnert an die Leistungen von Rufus Beck und Philipp Schepmann. Allerdings kann ich mich nicht mit seiner Aussprache des Namens Oma Weh anfreunden. Was im Original „Granny Aching“ heißt, sollte das auch in der Übersetzung ausdrücken: nämlich Weh. Das tut Aljinovic aber nicht. Er sagt vielmehr „Oma Wieh“, und entsprechend auch „Tiffany Wieh“. Was das nun soll? Vielleicht soll es weniger |Weh|-leidig klingen als die Übersetzung, die Andreas Brandhorst geliefert hat.

_Musik und Geräusche_

Um die Qualität der Geräusche und der Musik zu beschreiben, könnte eigentlich ein Wort genügen: filmreif. Die Geräusche stelle man sich einfach so passend wie möglich vor: Wenn es regnet, rauscht es. Im Sommer zwitschern die Vögel, am Meer schreien die Möwen und BOING! macht Tiffanys Bratpfanne am Schädel des Wasserkobolds.

Man muss schon lange suchen, bis man auf ein ungewöhnliches Geräusch stößt. Gilt ein erstaunt „Mäh!“ machendes Schaf, das gerade von den Kobolden rückwärts weggetragen wird, als Geräusch? Gilt das Knurren von Todeshunden als außergewöhnlich? Immerhin insofern, als dieses Knurren keinem lebenden und natürlichen Hund gleicht – es ist elektronisch verzerrt worden. Ein Lob an den Sound-Designer.

Die Musik ist sehr vielfältig, und ich konnte feststellen, dass sich die Produktionsgesellschaft „the spotting image“ ziemlich ins Zeug gelegt hat, um einen ansprechenden Score zu erstellen. Von heiteren Weisen reicht die Palette über eine Art fröhlicher Zirkusmusik bis zu „Schlachtengemälden“, Dramatik und Melancholie. Ein richtiges Requiem ist allein Oma Wehs Begräbnis gewidmet. Wer sich auf die Musik einlässt, hat viel mehr vom Hörbuch, denn es wird dadurch fast zu einem Film für die Ohren. Kinder werden sich wie in einem Disneyfilm vorkommen.

_Unterm Strich_

Auch wenn das Buch „Kleine Freie Männer“ offensichtlich für Kinder ab neun oder zwölf Jahren geschrieben wurde (die Heldin ist neun), so kommen dabei doch Themen zur Sprache, die alle Menschen ansprechen. Da wäre zum einen die Macht der Träume, Wünsche und besonders der Geschichten. Beispielsweise solche aus Büchern.

|Die Macht von Träumen und Geschichten|

Tiffany kennt exakt drei Bücher, nämlich ein Wörterbuch, ein Märchenbuch und das Erbstück ihrer Oma, in dem die Behandlung von Schafkrankheiten beschrieben ist. Alle drei Bücher werden verwendet, erprobt und für gut oder schlecht befunden. Der Prüfstein dafür ist a) die Realität, b) das Abenteuer im Feenland und c) Tiffanys Denken. Ob ihr Denken allerdings logisch ist, sei einmal dahingestellt. Dies ist zumindest, äh, interessant. Ihr beim Denken zu folgen, ist teils faszinierend, teils amüsant. Die meisten Bücher, besonders die mit den Lügen darin, kommen schlecht weg.

|Identität|

Ein weiteres wichtiges Thema ist Identität. Tiffany denkt zunächst, sie wüsste, wer sie ist: Tochter Nummer 3 der Weh-Familie, ein gewöhnliches Milchmädchen. Je mehr sie sich aber in die Abenteuer mit den Kobolden und der Feenkönigin verstrickt, desto weniger sicher wird sie sich ihrer selbst. Ist die Begegnung mit saufenden, kämpfenden und vor allem stehlenden Gnomen noch relativ lustig, so hört der Spaß spätestens beim Showdown mit der Feenkönigin auf. Erst spät, fast zu spät fällt Tiffany die richtige Antwort ein. Das verändert nicht nur sie, sondern alles um sie herum.

|Das Hörbuch|

Wie schon gesagt, sind Geräusche und Musik-Score praktisch filmreif – wenn damit ein Disney-Film gemeint ist. Der Sprecher Boris Aljinovic erweist sich als sehr wandlungsfähig. Ich frage mich immer noch, wie er wohl die Stimme der Kröte hingekriegt hat.

Alles in allem macht das Hörbuch richtig Spaß, besonders dann, wenn man sich die Mühe macht, etwas genauer hinzuhören – es sind lauter kleine Weisheiten darin versteckt, die man in ähnlichen Kinderbüchern lange suchen kann. Ob wohl Tiffany Weh eines Tages Harry Schotter Konkurrenz machen wird? Sie tut es ja bereits, und statt eines Besenstiels braucht sie nur eine Bratpfanne.

|Originaltitel: The wee free men, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Brandhorst
280 Minuten auf 4 CDs|

Mary W. Shelley – Die Verwandlung

_Schwarze Romantik: der teuflische Zwerg_

Ein ausgestoßener junger Mann wird Zeuge eines Schiffsunglücks. Aus dem Wrack rettet sich nur ein missgestalteter Zwerg mit einer Seekiste. Der junge Mann klagt ihm sein Leid und der Zwerg bietet ihm einen seltsamen Tausch an: Wenn er für drei Tage die schöne Gestalt des jungen Mannes annehmen darf, so bekommt dieser zur Belohnung den Schatz, der sich in der Seekiste befindet. Nach langem Hin und Her willigt der junge Mann ein, doch nach drei Tagen ist der Zwerg noch nicht zurückgekehrt. Als Zwerg folgt er ihm auf seiner Spur und stößt auf alle Vorzeichen einer nahen Katastrophe …

_Die Autorin_

Mary Wollstonecraft Shelley (1797-1851 in London) war 19 Jahre alt, als sie das Manuskript zu ihrem berühmtesten Roman „Frankenstein“ schrieb. Sie war die Tochter eines Philosophen und einer Feministin, welche bei ihrer Geburt starb. Mit 17 brannte sie mit dem Dichter Percy B. Shelley (1792-1822) durch, dessen Frau Selbstmord beging, und heiratete ihn.

1816 verbrachte das Paar den Sommer mit Lord Byron und dessen Leibarzt Dr. John Polidori am Genfer See in der Villa Diodati. Nach dem Vorlesen deutscher Geistergeschichten schlug jemand vor, selbst Geistergeschichten zu schreiben. Daraus entstand „Frankenstein“, doch Byrons Geschichte „Der Vampyr“ wurde erst 1819 von Polidori vollendet (siehe dazu meine [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=525 zum Hörspiel von |Ripper Records|). Mary verwässerte ihren 1818 veröffentlichten Roman durch das Polieren in der Fassung von 1831.

Mary W. Shelley schrieb neben mehreren Erzählungen auch den Roman „The Last Man“ (1826), in dem eine Epidemie die Menschheit dezimiert. Als die Amerikaner England übernehmen, bleibt nach den Auseinandersetzungen ein letzter Mann übrig (der viel Ähnlichkeit mit Percy Shelley hat), der jedoch mit seinem Boot aufs offene Meer hinaussegelt. Dieses Motiv eines letzten weltlichen Überlebenden hat ebenfalls viele Autoren inspiriert.

Unsere Rezensionen zur Hörspielfassung von „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ im |Gruselkabinett| von |Titania Medien|:
[Teil 1]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2960
[Teil 2]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2965

_Die Produktion_

Der Sprecher Rainer Schmitt hatte nach dem absolvierten Studium an der Hochschule für Darstellende Kunst und Musik in Hamburg Theaterengagements unter anderem in Bochum und Hamburg und war in vielen TV-Serien zu sehen, beispielsweise in „Tatort“ und „Großstadtrevier“. Seine Sprecherkarriere begann er schon mit 17 Jahren beim NDR. Seitdem ist er erfolgreich für Funk, TV und Audio tätig. Schwerpunkte sind Synchron, Features, Schulfunk, Hörspiele und Hörbücher.

Regie führten Hardy Meiser und Lutz Rahn, Toningenieur Sven Heine steuerte die Aufnahme in der Tonfactory, Hamburg.

_Handlung_

Guido Carrega, der Ich-Erzähler, ist in Genua als Sohn eines reichen Mannes aufgewachsen. Dessen Freund Torella muss ins Exil gehen, doch lässt er seine Tochter Juliet in Carregas Obhut zurück. Sie ist ein Engel in Person: schön und unschuldig. Die beiden Kinder wachsen zusammen auf, und als Guido elf und Juliet acht ist, muss er sie gegen einen zudringlichen Cousin verteidigen. Er beansprucht Juliet für sich, was einer Verlobung gleichkommt.

Torella darf zurück, und als Guido 17 ist, stirbt sein Vater, so dass Torella sein Vormund wird. Doch Guido ist ein arroganter Rebell, der seinen Kopf durchsetzen muss. Kaum ist er in Paris, dauert es nicht lange, bis er durch seine Genusssucht all seinen Besitz durchgebracht hat. Nur noch der Palazzo Carrwga gehört ihm, als er zurückkehrt. Doch auch dort feiert er Orgien, bis er bettelarm ist. Weil er Torella nicht über seinen finanziellen Status aufgeklärt hat, ist dieser immer noch bereit, ihm Juliet zur Braut zu geben. Diese ist auch gar nicht abgeneigt.

Doch es gibt einen alten Vertrag, der sich nun als schier unüberwindliches Hindernis erweist. Torella würde Guido ja gern das nötige Geld für die Heirat leihen, doch er stellt derart rigide Bedingungen, dass sich Guido darüber empört und Torella seinem Ziehvater und sogar Juliet gegenüber als Feind schmäht. Das ist ein schwerer Fehler, und sie wendet sich von ihm ab. Je mehr der Widerstand wächst, den ihm die Torellas entgegenbringen, desto größer wird sein Groll. Es kommt zu einem Kampf und Guido hat zwei Schwerverletzte auf dem Gewissen. Torella holt ihn wieder aus der Patsche, allerdings fliegt auch Guidos Plan auf, Juliet nach Frankreich zu entführen. Bettelarm, einsam, von allen so genannten Freunden verlassen, sieht sich Guido in die Wildnis verstoßen.

|Der Zwerg|

Er wandert die Küste der Riviera entlang, bis er an ein Kap gelangt. Ein Sturm kommt auf, und ein Segelschiff kann sich nicht mehr davor bewahren, auf die Küstenfelsen aufzulaufen und auseinanderzubrechen. Guido schaut lediglich fasziniert zu. Der einzige Überlebende ist ein missgestalteter Zwerg auf einer Seekiste, bei dessen Anblick sich Guido ekelt. Der Zwerg stößt Verwünschungen aus, ruft Satan und Beelzebub an, bevor er Guido erblickt und schweigt. Dann befiehlt er den Winden und Wolken zu verschwinden, was diese auch gehorsam tun. Offenbar ist der Zwerg ein mächtiger Magier. Der Sturm, der das Schiff versenkte, war sein Werk. Er ist nicht wenig stolz darauf.

|Der Pakt|

Der Zwerg bietet Guido seine Freundschaft an und erkundigt sich, warum dieser so niedergeschlagen dreinschaut. Guido erzählt ihm, wie schlecht es ihm doch in der ungerechten Welt ergangen sei, und der Zwerg bekundet sarkastisch sein Mitleid, um Guidos Selbstmitleid zu tadeln. Was rät ihm der Magier? Der empfiehlt ihm, sich zu rächen und Juliet zu entführen. Als Guido darauf hinweist, dass er bettelarm sei, zeigt ihm der Zwerg den Schatz, der sich in der Seekiste befindet – genug für einen Staatsstreich.

Als Gegenleistung bittet der Zwerg um eine Kleinigkeit: Dass ihm Guido für drei Tage seine wohlgeratene Gestalt und sein schönes Gesicht leihen möge. Nach einigem Hin und Her über die Modalitäten und einer Rückversicherung erklärt sich Guido einverstanden, denn es gelüstet ihn wirklich nach dem Schatz, der Rache und dem Mädchen. Die Verwandlung wird schließlich vollzogen, und Guido fällt in Schlaf.

|Der Verrat|

Als Guido erwacht, ist alles wie geplant: Er ist hässlich, hat den Schatz und etwas Proviant, der Zwerg aber ist fort. Und er ist immer noch nicht zurück, als sich der Abend des dritten Tages herabsenkt. Guido hat einen unheilverkündenden Traum und die ersten Gewissensbisse. Doch unerkannt kann er Genua betreten und sich zur Villa Torella durchschlagen. Es ist wieder Abend, als er dort eine Feier vor sich gehen hört. Morgen soll Juliet mit dem jungen Herrn Guido vermählt werden, der sich nach seiner reuevollen Rückkehr der Verzeihung seines künftigen Schwiegervaters erfreuen kann.

Hätte er nur selbst so bußfertig gehandelt, tadelt sich der echte Guido. In seiner Zwergengestalt glaubt ihm niemand, dass er der wahre Guido Carrega sei. Es gibt nur eines, was er tun kann. Er muss den Verräter töten. Doch das ist leichter gesagt als getan, wenn man vom Teufel spricht …

_Mein Eindruck_

Die Geschichte hört sich an wie viele andere Rittergeschichten, die zur Zeit der Schwarzen Romantik Anfang des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland ziemlich beliebt waren. Schon 1764 begannt die Mode der Schauergeschichten mit Hugh Walpoles „Die Burg von Otranto“, und viele weitere folgten, bis sich schließlich die Schauerlichkeiten übereinander türmten und E. T. A. Hoffmann in seinen „Elixieren des Teufels“ allerlei Tabubrüche wie etwa Inzest einbauen musste, um das Publikum noch schockieren zu können.

Die vorliegende Erzählung muss nach 1818 entstanden sein, als Shelleys erster Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ veröffentlicht wurde und sie schlagartig bekannt machte. Das war ihre erste veröffentlichte Geschichte überhaupt, soweit man weiß. Viktor Frankenstein zeigt sich in diesem Briefroman nicht nur zerknirscht und reuig wegen dem, was er verbrochen hat, sondern wird auch noch von seiner eigenen Schöpfung, dem so genannten Monster, bis ins ewige Eis verfolgt – und dort verschwinden beide auf Nimmerwiedersehen.

Auch Guido Carrega ist ein gefallener Mann, als er dem Zwerg begegnet, der zu seinem Verhängnis wird. Es vergeht erst einmal eine Weile, bis er seine Geschichte überhaupt beginnt, denn er muss sich erst selbst dafür rechtfertigen und seine Bußfertigkeit an den Tag legen. Tatsächlich hat er sogar die Beichte abgelegt und sich geläutert. Erst jetzt wagt er sich mit seinen Sünden an die Öffentlichkeit. Seine Geschichte ist die eines Sündenfalls, denn er begibt sich wider besseres Wissen in die Hand Satans. Der Zwerg ist ja nicht bloß irgendein Feld-, Wald- und Wiesen-Magier, sondern ein Diener des Höllenfürsten selbst. Der Zwerg ruft Beelzebub und Satan an.

Die Lage Guidos ist verzweifelt. Die Sünde des Tausches seiner gottgegebenen Gestalt gegen Tand wie den trügerischen Schatz zieht aber schon bald die Einsicht des Verrats nach sich, so als nage bereits ein Selbstzweifel an ihm – eigentlich kein Wunder, nachdem sich die lange geliebte Juliet von ihm abgewandt hat. Immerhin bricht der Verratene nun nicht zusammen, sondern sinnt auf Rache. Dass ihm nicht einmal das Schicksal Juliets in den Sinn kommt, ist symptomatisch für seinen Egozentrismus.

Der Andere, der aussieht wie er – das ist Guidos schwarzes Ebenbild, sein wahres inneres Ich, das im Gegensatz zu seinem schönen Äußeren steht. Die Reflexion des Ich ist normalerweise eine Funktion der Gesellschaft und der Ehe, aber in Märchentexten muss dieser Funktion unbedingt Gestalt verliehen werden, sonst kann sie nicht auftreten. Auch Drachen, diese teuflisch dargestellten Kreaturen der Hölle (siehe auch [„Das Silmarillion“),]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4483 rangieren auf einer Ebene mit Zwergen, Doppelgängern, Vampiren und Werwölfen – allesamt Verkörperungen als böse abqualifizierter Charaktereigenschaften. Dass diese auch ganz anders interpretiert werden können, zeigen nette Drachen, abstinenzlerische Vampire und liebenswürdige Hexen wie Oma Wetterwachs.

Selbsterkenntnis ist die eine Hälfte von Guidos Errettung – es geht ja um seine Seele, und dadurch um das Wohlergehen von Juliet und Torella. Doch woher kommt die andere Hälfte? Bevor Guido die Erlösung erringen kann, muss er den bösen Doppelgänger besiegen. Ob ihm dies gelingt, soll hier nicht verraten werden. Auf jeden Fall macht dieser Verlauf der Geschichte Guidos Schicksal zu einer moralischen Parabel. Das war eigentlich schon durch seine Vorrede deutlich geworden.

Ebenso wichtig wie Guidos Rettung sind die Voraussetzungen seines Sündenfalls. Eigentlich ist es der gleiche Katalog von Sünden, den man in jeder Bibel nachschlagen kann – die sieben Todsünden – und die im 19. Jahrhundert jeder protestantische Pfarrer oder katholische Priester von der Kanzel wetterte. Interessant wäre es nun zu wissen, wann diese Sünden auch als Todsünden verfolgt wurden.

Die Zeit, zu der Guido in Paris weilt, ist die Regentschaft von Karl (Charles) VI. Karl V. starb 1380, und Karl VII. regierte ab 1420. In die 40 Jahre dazwischen fallen die Siege der Engländer bei Azincourt 1415 sowie die Geburt von Jeanne d’Arc im Jahr 1412. Dies ist das hohe Mittelalter. Die Inquisition ist noch nicht abgeschafft, ergo wäre das Auftauchen eines satanischen Zwerges nicht geduldet worden. Daher muss sich der Zwerg, der in dieser Gestalt auf Guido nicht bedrohlich wirkt, um eine Verkleidung kümmern, will er wieder eine Seele in die Hölle holen. Diese Seele ist jedoch nicht Guido, der eh schon verdammt erscheint, sondern Juliet.

Leider wird dieser Sachverhalt von der Autorin nicht gut herausgearbeitet – oder das Hörbuch wurde entsprechend gekürzt. Für Guido geht es immer nur um das Wohlergehen der unschuldigen Schönheit, des Engels Juliet. Sie ist ihm das Paradies, die Erlösung usw. Nun ja, in seiner Brust kämpfen Himmel und Hölle mal wieder um die Oberhand, und es sieht ganz so aus, als ob die Hölle obsiegen würde …

|Der Sprecher|

Rainer Schmidt ist hörbar ein vollendeter Sprechkünstler. Er moduliert jeden Satz, als hätte er ihn schon tausendmal ausgesprochen – es klingt stets genau richtig. In allen Situationen findet er den richtigen Ton. Aber er kann auch seine Stimme flexibel für die Charakterisierung der Figuren einsetzen. Da die Verwandlung das wichtigste Ereignis des Story ist, ist der Zwerg, der sie herbeiführt, automatisch die zweitwichtigste Figur – nach dem Ich-Erzähler Guido Carrega selbst.

Zunächst führt sich der Zwerg wie ein Rumpelstilzchen auf, indem er krächzt und flucht und die Elemente beschwört. Seine Stimme ist relativ tief und männlich, denn die Zwergengestalt ist nur Verkleidung. Er klingt nicht wenig stolz auf sein Werk. Als er Guido erblickt, verstellt er sich und kehrt seine freundliche Seite heraus. Mit seiner nun deutlich höheren Stimme kann er den Bettler zu seinem Kuhhandel verführen. Als die beiden Paktpartner wieder aufeinandertreffen, haben sie sich herzlich wenig zu sagen, dafür spricht der Stahl eine deutlichere Sprache.

Trotz der erheblichen Unzulänglichkeiten der Story, für welche die Autorin verantwortlich ist, gelingt es dem Sprecher, das Interesse des Hörers wachzuhalten. Die Szenen der Begegnung mit dem Zwerg sind so anschaulich, dass sie geradezu fesselnd wirken.

Das Hörbuch verfügt weder über Musik noch Geräusche, daher ist die Qualität des Sprechers von ausschlaggebender Bedeutung. Er liest auch die Credits am Schluss.

Lediglich nach dieser Absage reißt ein kurzer Fetzen von „white noise“ den Hörer aus seiner Zufriedenheit, ein ekelhaftes Rauschen und Prasseln. Das ist offensichtlich ein Press- oder Aufnahmeschnittfehler und spricht nicht gerade für die Professionalität des Herstellers |AME hören|. Der Hörer sei hiermit gewarnt. (Der Fehler ist nicht zwangsläufig auf jeder gepressten CD dieser Produktion.)

_Unterm Strich_

Die Erzählung braucht lange, um in die Gänge zu kommen, aber sobald der Zwerg auftritt, wird es relativ spannend. Zwar ist Guido eine Art Frankenstein-Charakter nach seinem Sündenfall, aber wenigstens läuft nicht ein Monster in der Gegend herum, sondern nur sein Doppelgänger. Dass dieser Bursche jede Menge Unheil anrichten könnte, versteht sich von selbst. Doch wie kann sich Guido selbst erlösen?

Dieser märchenhafte Ton und das Setting im hohen Mittelalter entrücken die Geschichte in die Ferne, aber das ist okay, solange der moralische Konflikt, der Kampf um Guidos Seelenheil, deutlich erkennbar bleibt. Natürlich kommt es zu einem richtig actionreichen Showdown, und wer überlebt, bekommt das Mädel. Aber ist es der Richtige, der da überlebt? Das bleibt die spannende Frage.

Die Umsetzung als Hörbuch ist vor allem durch den routinierten Sprecher Rainer Schmidt sehr gelungen. Ihm ist es zu verdanken, dass uns Guido interessiert und besonders der Zwerg gut unterhält. Die Unzulänglichkeiten der Geschichten sind nur auf die Autorin zurückzuführen.

|55 Minuten auf 1 CD|
http://www.ame-hoeren.de

Maeve Binchy – Wiedersehen bei Brenda (Lesung)

Dubliner Geschichten

Das Quentins ist in Dublin eine Institution. Hier isst man nicht nur gut, hier trifft man sich, wenn man ungestört sein will, und fühlt sich unter den liebevollen Blicken der Besitzer Patrick und Brenda Brennan gut aufgehoben.
Jedes Mitglied des Personals hat seine eigene Geschichte zu erzählen und kann von Zeiten berichten, in denen es dem Quentins gar nicht so glänzend ging – und von anderen, in denen der Ruhm des Restaurants die Stadtgrenzen
weit überschritt.

Die junge Ella Brady bekommt den Auftrag, einen Dokumentarfilm über diese Dubliner Institution zu machen, und lernt dabei Menschen kennen, die ihr unvergesslich bleiben werden: Monica, die stets fröhliche australische Kellnerin, und Blouse, Patricks Bruder, hinter dessen scheinbarer Schlichtheit sich ein wacher Geist und ein Herz aus Gold verbergen. Und Ella begegnet Menschen, die dem Leser aus früheren Binchy Romanen wohlvertraut sind:
die vorwitzigen Zwillinge aus Cathys Traum oder die Signora aus der Irischen Signora. Am Ende stellt sich Ella die Frage, ob es wirklich so eine gute Idee ist, die Geschichten aus dem Quentins zu verfilmen. Denn manche Geschichten
bleiben eben besser unerzählt … (Verlagsinfo)
Maeve Binchy – Wiedersehen bei Brenda (Lesung) weiterlesen

Marklund, Liza – Studio 6 (Lesung)

»“Studio 6 spielt fast acht Jahre vor den Ereignissen in meinem vorigen Buch ‚Olympisches Feuer‘ und ist zeitlich gesehen der erste Roman in der Serie um die Kriminaljournalistin Annika Bengtzon. Wir begegnen ihr, als sie gerade als junge Aushilfe bei der Zeitung ‚Abendblatt‘ begonnen hat. Ich wünsche Ihnen spannende Unterhaltung.« Liza Marklund, Hälleforsnäs im Juli 1999.

|Die Autorin|

Liza Marklund, geboren 1962, wuchs in Nordschweden auf, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden offenbar erfolgreiche Krimis, ebenso wie „Der Rote Wolf“. Marklund lebt in Stockholm, ist verheiratet und hat drei Kinder. (Verlagsinfo)

Homepage der Autorin: http://www.lizamarklund.net

|Die Sprecherin|

Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u. a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits Marklunds Romane „Prime Time“, „Paradies“ und [„Der Rote Wolf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=573 gelesen.

Winter liest die von Dagmar Ponto gekürzte Fassung. Ponto führte auch Regie.

_Handlung_

Annika Bengtzon, 24, übernimmt eine Sommervertretung in der Stockholmer Lokalredaktion des „Abendblatts“, einem Gegenstück zur deutschen „BILD“. Es erreicht sie ein anonymer Anruf: Jemand hat eine junge Frau ermordet auf dem jüdischen Friedhof mitten in Stockholm gefunden, nicht weit weg von Annikas neu gefundener Altbauwohnung. Sofort rast Annika mit ihrem Fotografen zum Fundort, um noch Bilder zu schießen, bevor die Bullen die Stelle absperren und die Leiche abtransportieren lassen. Was Annika an der nackten jungen Frau auffällt, sind die steil nach oben ragenden Brüste: Sie müssen künstlich sein. War die Unbekannte eine Professionelle?

Die 19-jährige Hannah Josefine Liljeberg arbeitete als Animierdame und Stripperin in einem Sexklub namens „Studio 6“. Die seltsame Parallele: So heißt auch ein stadtbekannter Radiosender. Geführt wird der Sexklub von einem Typen namens Joachim. Josefines Zimmergenossin, die aus Lateinamerika stammende Patrizia, arbeitet ebenfalls dort. Sie erteilt Annika ein paar Auskünfte, die aber allesamt ein positives Licht auf den Klub werfen – Joachim hat sie eingeschüchtert. Der Friedhof liegt auf dem Nachhauseweg vom Klub. Hat Joachim Josefine getötet, weil sie mit ihm Schluss machen wollte?

Während Annikas Redaktion mit Anders Schüman einen neuen Chef erhält – er kommt vom Gesellschafts-TV – , fällt der Tatverdacht jedoch nicht auf den Sexklubchef, sondern auf den Außenhandelsminister Krister Lundgren. Radio „Studio 6“ hechelt begeistert alle Details durch: Im Außenministerium habe man eine Rechnung des Sexklubs gefunden, die mit der Kreditkarte des Ministers bezahlt wurde. Da Wahlkampf herrscht, fallen die Aktien der herrschenden Sozialdemokraten. Es ist leicht abzusehen, wie die Reaktion aussieht: Man wird ein Bauernopfer verlangen, den Rücktritt Lundgrens.

Doch Annika Bengtzon weiß es als einzige besser: Dies ist ein politisches Täuschungsmanover, um die Öffentlichkeit von einer viel größeren Sauerei abzulenken. Warum ist gerade jetzt das Archiv der Sozialdemokraten aufgetaucht, die in den sechziger Jahren die Kommunisten abgehört hatten? Wer hat diese Aktion lanciert? Die Spur führt nach Estland und von dort weiter nach „Kaukasien“, wo ein blutiger Bürgerkrieg geführt wird – mit schwedischen Waffen.

_Mein Eindruck_

Dieser kurze Inhaltsabriss bietet nur einen winzigen Ausschnitt des ersten Drittels. Denn auch Patrizia und der Minister Lundgren haben ihre eigenen Szenen. Hinzukommt, dass Annika sowohl um ihren Job kämpfen muss und verliert, als auch um ihre Freiheit von ihrem Verlobten Sven Matsson, der nunmehr exklusive Rechte auf sie geltend machen will. Sven weist eine hohe Ähnlichkeit mit Josefines Liebhaber Joachim auf. Wird Annikas Beziehung zu Sven ebenso verhängnisvoll enden?

|Martyrium der Liebe|

Was diese private Seite der Journalistin Annika so wichtig macht, ist ein Tagebuch, das eine junge Frau führt und den schrecklichen Verlauf einer Liebesbeziehung schildert. Diese Tagebucheinträge erstrecken sich über fast zwei Jahre: Anfangs ist diese Liebe der Himmel auf Erden, am Ende die reine Hölle, denn der Ausschließlichkeitsanspruch des geliebten Mannes erweist sich als ein erstickendes Gefängnis, das der Frau alle Lebensenergie entzieht.

[SPOILER!]

Am Schluss ist das Erstaunen groß: Die ganze Zeit ist man im Glauben, es handele sich um das Tagebuch der armen, getöteten Josefine, doch nach dem Showdown zwischen Annika und Sven (so viel darf ich wohl verraten) ist ebenfalls von einem Tagebuch die Rede. Annika habe es geführt und vor Gericht habe es einen entlastenden Beitrag geleistet. Nun, es ist durch den Altersunterschied schon klar, dass die zitierten Passagen aus Josefines Tagebuch stammen und nicht aus Annikas, aber sie könnten – und das ist der eigentliche Schock! – genauso gut von Annika stammen. Die ganze Zeit hat uns die Autorin hinters Licht geführt und uns mit Annika eine positive Aufsteigerin vorgegaukelt, doch am Schluss steht sie als Opfer da, das sich aus der Umklammerung befreien konnte. Auf welche Weise, darf hier nicht verraten werden.[SPOILER ENDE]

|Politisches Schattenspiel|

Äußerst spannend ist es zu verfolgen, wie die kleine Redakteursvertretung vom Lande einem politischen Skandal erster Größenordnung auf die Spur kommt, einfach, indem sie hartnäckig nachforscht – und ihr ein klein wenig der Zufall zu Hilfe kommt: Der Minister Lundgren hat einen netten Schwager, der ihn auf einem bestimmten Flughafen zu einer bestimmten Zeit nicht nur gesehen, sondern sogar aufs Urlaubsvideo gebannt hat. Das nennt man entweder Narrenglück oder einen kühnen Eingriff des Autors. Jedenfalls hätte nun der Minister theoretisch ein Alibi für den Mord an Josefine Liljeberg. Doch der Abgrund, der sich dadurch nun auftut, ist furchterregend: Lundgren tätigte illegale und somit streng geheime Waffengeschäfte für die Regierung.

|Die Rolle der Medien – Huren oder Helden?|

Der Minister wird erstmals vom Radio „Studio 6“ in Zusammenhang mit dem Liljeberg-Mord gebracht. Offenbar hat man den Redakteuren die verhängnisvolle Rechnungsquittung zugespielt. Im größeren Zusammenhang des aktuellen Wahlkampfes lässt sich offenbar „Studio 6“ vor den Karren einer bestimmten Partei spannen und vorverurteilt den Minister. Das Radiomedium als Hure der Parteipolitik. Es ist blanker Hohn, wenn im Epilog erwähnt wird, dass der Sender einen Preis „für besondere journalistische Leistungen“ erhält. Bestimmt freuen sich auch die Bankkonten der Redakteure. Zwischen Sender und Sexklub bestehen nicht nur namentlich Übereinstimmungen.

Gleichzeitig verunglimpft sie namentlich (!) die Berichterstattung einer gewissen Aushilfsjournalistin Annika Bengtzon, die nur das Augenmerk vom Minister ablenken will und einem privaten Motiv für das Verbrechen den Vorzug gibt. Man kann sich leicht den Horror ausmalen, den die solchermaßen Angeprangerte nun zu erleiden hat. Zu allem Überfluss nicht nur durch „Studio 6“, sondern auch von den eigenen Kollegen! Der Einzige, der zu ihr hält, ist Schüman, doch auch er kann nicht verhindern, dass sie keinen festen Job erhält.

Wird Anders Schüman den Fels in der Brandung spielen? Wird er der Held sein, der der Bezeichnung „Journalist“ Ehre macht? Die Antwort ist leider niederschmetternd: Sein Chef, Torstenson aus [„Prime Time“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=385 ist die reinste Wetterfahne und so standfest wie ein Schneemann in der Sahara. Das Urteil der Autorin ist somit klar: Huren und Waschlappen, das sind die Medien. Nur hie und da ist ein einsames Häuflein Standhafter zu finden – meist mit schlechten Karten.

_Die Sprecherin_

Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, möglicherweise geschult durch ihre Schauspielausbildung und Musical-Karriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind. Wenn Annika wütend wird, klingt das ebenso glaubwürdig wie die langsam und getragen gesprochenen Zitate aus dem Tagebuch Josefines. Diese Passagen sind sehr bewegend und können durchaus Gänsehaut verursachen.

Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlage größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit über einem Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.

Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher höhere Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, wenn die Aussprache schwankt.

Der Vortrag durch Judy Winter habe ich als sehr eindrucksvoll und sehr gelungen empfunden. Fehler waren keine festzustellen.

_Unterm Strich_

Für Liza Marklunds Heldin Annika Bengtzon geht es in „Studio 6“ zweifach ums Überleben: beruflich in der Redaktion des „Abendblatts“ und in privater Hinsicht in ihrer Abnabelung von ihrem herrischen Verlobten Sven. Das Finale lässt denn auch nichts an Dramatik zu wünschen übrig und wird jeden Leser oder Zuhörer an den Nägeln kauen lassen und zu Tränen rühren. Die Überraschung mit dem Tagebuch ist der Autorin ebenfalls gelungen (siehe SPOILER). Das Tagebuch selbst bildet eine Geschichte in der Geschichte und sollte mit größter Aufmerksamkeit verfolgt werden. Wie Annika selbst andeutet, handelt es sich um eine klassische Fallgeschichte mit exemplarischem Charakter für „Gewalt gegen Frauen“.

Dem Engagement der Autorin entspricht die Aufdeckung der illegalen Akitivtäten der Sozialdemokraten. Sie thematisiert nicht nur die Ausspionierung der kommunistischen Anhänger in Schweden während der sechziger Jahre, sondern auch illegale Waffenexporte unter einer aktuelleren Regierung (der Roman erschien 1999). Das sollte genügend Stoff für eine politische Diskussion liefern.

Die direkte Fortsetzung im Anschluss an „Studio 6“ bildet „Paradies“. Auch hier setzt sich die Autorin keinerlei Scheuklappen auf und greift die jugoslawische Mafia an sowie die Asylantenproblematik auf. Unbedingt empfehlenswert.

Meyer, Kai – Buch von Eden, Das

Im Jahre 1257. In einem französischen Kloster wird die „Lumina“ gehütet – die letzte Pflanze des Gartens Eden. Als Schergen des Erzbischofs von Köln, der die Pflanze haben will, das Kloster überfallen, überlebt nur die Novizin Favola. Als Hüterin der Lumina obliegt ihr deren Schutz. Mit Gefährten macht sie sich auf eine gefährliche Reise gen Arabien. Sie wollen die Lumina an den Ort zurückbringen, an dem der Bibel nach einst der Garten Eden gelegen haben soll. (Verlagsinformation)

|Der Autor|

Kai Meyer, Jahrgang 1969, studierte Film, Philosophie und Germanistik und arbeitete als Redakteur. Er schrieb schon in jungen Jahren und lieferte unter anderem ein paar Jerry-Cotton-Abenteuer. Sein erster großer Erfolg war „Die Geisterseher“, eine historische „Akte X“. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und Drehbuchautor. Bisher sind rund 40 Romane von ihm erschienen. Selbst Kritiker waren von seinem historischen Mystery-Thriller [„Die Alchimistin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=73 begeistert, später folgten „Die fließende Königin“ und „Göttin der Wüste“. Bei |Loewe| erschien mit den „Wasserläufern“ ein Jugend-Fantasyzyklus.

|Der Sprecher|

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist nach Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater.

_Handlung_

Der Novize Elwin lebt in einem Kloster von Zisterziensermöchen in der verschneiten Eifel, als er im Jahr 1257 in das Abenteuer seines Lebens gerät. Er ist reichlich aufmüpfig, denn er verzichtet partout nicht auf die Benutzung des eigenen Gehirns, und deshalb ist das Kloster in der Eifel schon sein zweites. Wieder einmal hat er sich davongeschlichen, um den öden Unterrichtsstunden zu entgehen. Mit seinem robust gebauten, aber dennoch vorsichtigen Freund Odo hat er sich auf eine Waldlichtung geschlichen, auf der sich ein Wunder ereignet.

Die beiden Jungs werden Zeuge, wie das sechzehnjährige Mädchen Libuse die große Eiche auf der Lichtung verehrt, den Schnee schmilzt und ihre Umgebung zum Leuchten bringt. Dies lockt einen riesigen Keiler herbei, mit dem sich das Mädchen offenbar gut versteht. Sie nennt den Eber „Nachtschatten“. Bei so viel Magie ist es kein Wunder, dass sich Elwin in Libuse verliebt hat. Dass sie dunkelrotes Haar und grüne Augen wie eine Hexe hat, stört ihn nicht weiter. Nur seine Tollpatschigkeit vertreibt sie leider.

Libuse lebt zusammen mit ihrem Vater Corax von Wildenburg in einem hölzernen Wohnturm, der sich aus dem Wald erhebt. Corax ist schon 50 Jahre alt, ein ehemaliger Kreuzritter, der Libuses Mutter im Orient kennen lernte, doch sie starb bei der Geburt ihrer Tochter. Er spricht gut Arabisch, doch wird das in den christlichen Landen ringsum ungern gehört. Hier herrscht der Erzbischof von Köln, Friedrich von Hochstaden, mit eiserner Hand, denn er will deutscher König werden. Corax hat die Spuren von zwei Wanderern und drei Reitern gefunden. Etwas ist im Gange.

Die zwei Wanderer treffen wenig später in Elwins Kloster ein. Durch einen Geheimgang gelangen Elwin und Odo in eine Nische, wo sie den Abt und seinen Besucher belauschen können. Elwin ist völlig von den Socken, als er erkennt, dass es sich um den Dominikanermönch Albertus Magnus, den Abt seines ersten Klosters, handelt, ein hochgelehrter Mann, dem man sogar magische Fähigkeiten nachsagt. Und er ist ein erbitterter Gegner des Erzbischofs.

Tatsächlich bittet Albertus den Abt um Schutz und Hilfe gegen seine Verfolger, die im Dienst des Erzbischofs stehen. Es sind Söldner, die von einem grausamen „Wolfsritter“ namens Gabriel von Goldau angeführt werden. Sie sind hinter etwas her, das Albertus‘ Schützling bei sich hat. Die Novizin Favola ist die einzige Überlebende eines französischen Klosters, das Gabriel zerstört hat. Favola ist krank und schwach, aber etwas ganz Besonderes.

Elwin schließt Freundschaft mit Favola, denn er fühlt sich zu ihr ebenso hingezogen wie zu Libuse, nur auf andere Weise. Und außerdem ist er neugierig. Sie verrät ihm ihr Geheimnis: Sie trägt in einem kleinen Schrein die Lumina bei sich, die Leuchtende, die letzte Pflanze aus dem Garten Eden. Und da sie zur Lumina eine empathische Verbindung hat, merkt sie, dass die Pflanze schwächer wird. Sie muss unbedingt zurück in ihren Heimatboden.

Doch wo ist der Garten Eden? Der Legende nach lag er im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, doch wie Elwin auf einer langen Wanderung herausfindet, liegt der Garten Eden erstens in der unwirtlichsten Wüste Arabiens und zweitens nicht eigentlich in dieser Welt.

Zunächst aber müssen sich die Verfolgten Albertus Magnus und Favola vor den Rittern des Erzbischofs in Sicherheit bringen. Elwin und Odo helfen ihnen dabei. Als Albert und seine Gefährten seinen alten Freund Corax besuchen, finden sie ein Bild des Grauens vor – die Ritter waren schon hier …

_Mein Eindruck_

|Die Schurken|

Ja ja, das Böse ist immer und überall. Und in Gabriel von Goldau hat es eine trügerische Gestalt angenommen, die unsere wackeren Gefährten auf ihrer Reise ins Gelobte Land auf Schritt und Tritt verfolgt. Bloß gut, dass Gabriel als Bösewicht leicht zu erkennen ist: Er trägt ein Feuermal im Gesicht. Dass auch sein direkter Boss ein Schurke ist, erschließt sich dem Hörer leicht: Ein Nigromant, also Schwarzkünstler, kann nichts anderes als böse sein. Und beide stehen im Dienst eines bereits vorgestellten Schurken: des Erzbischofs von Köln.

In einem hohem Maße sorgen die Schurken – wohl noch viel mehr als im Buch – für jede Menge Action und Drama. Die Darstellung der Untaten des finsteren Trios ist selbst noch im gekürzten Text des Hörbuchs so drastisch, dass ich sie nur Jugendlichen ab 14 Jahren empfehlen würde. Nicht jedes Kind kann wohl mit einer Vergewaltigungsszene klarkommen.

|Der zweite Erzählstrang|

Nun soll man aber nicht meinen, dass die gesamte Handlung nur aus einem Handlungsstrang besteht, selbst wenn sich die Gefährten mal unterwegs verlieren. Vielmehr verhält es sich so, dass in einem zweiten Handlungsstrang ein zweiter Garten Eden, hier „Der Garten Allahs“ genannt, auftaucht. Die Protagonisten dieses Strangs sind ein Mongolenfürst, der eine Million Untertanen gegen das reiche Bagdad führt; ein Verräter, der eben diesen Garten Allahs zerstört; und eine schöne junge Witwe namens Zinaida, die die Schönheit dieses halb überirdischen Gartens geschaut hat und nun den Verräter Shadan vernichten und Bagdad vor der Mongolengefahr warnen will.

Obwohl der zweite Erzählstrang das Personal und somit die Liste der Namen, die man sich merken muss, erheblich erweitert, trägt er doch stark zur Abwechslung bei, so dass keinerlei Langeweile aufkommt. Vielmehr ist der Zuhörer ständig darum bemüht, den Wendungen der vielsträngigen Handlung zu folgen. Eine Verschnaufpause tut mitunter recht gut.

Wenigstens münden die Wege aller Mitwirkenden in Bagdad zusammen, zum Guten und zum Schlechten. Für so manchen entscheidet sich dort sein Schicksal. Doch die Stadt und ihr historisch überlieferter Untergang im Jahre 1258 ist keineswegs das Ende der Geschichte. Denn dann kommt’s hammerhart mit einem beinahe tödlich endenden Ausflug in die arabische Wüste.

|Finale in der Wüste|

Die Wüste bringt – wie in „Lawrence von Arabien“ – den mystischen Aspekt im Menschen hervor. Und das gilt für alle Beteiligten, insbesondere aber für Favola und Libuse, die ja beide über außergewöhnliche mystische Fähigkeiten verfügen: Favola über Empathie und Libuse über das so genannte „Erdlicht“. In diesem Finale erfahren wir endlich, worauf wir die ganze Zeit gewartet haben: Was es eigentlich mit den Kräften, die in der Lumina schlummern, auf sich hat.

|Faustischer Schurke|

Was mich besonders positiv beeindruckt hat, ist die Mitwirkung des Schurken Shadan in der Herbeiführung dieses Finales. So kommt dem Bösen doch noch – wie in Goethes „Faust“ – eine positiv wirkende Rolle zu. Selbstredend überlebt der Schurke den Showdown nicht, so viel darf ich wohl verraten.

|Teamwork|

Was an der Handlung auffällt, ist das ständige Teamwork der Gefährten. Allerdings gehören sie alle der gleichen Religion oder Glaubensrichtung an. Selbst die Kaukasierin Zinaida ist eine Christin, wenn sie auch umgeben ist von Mongolen, Muslimen usw. Ihr getöteter Gatte ist der letzte Herr der berühmten Assassinen, der so genannte „Alte vom Berge“. Der Autor interpretiert das ansonsten so hässliche Erscheinungsbild dieses Meisters aller Attentäter zu einem positiven Bild um. Und das ist auch nötig, um den „Garten Allahs“, den Kur-Shah sein Eigen nennt, als einen verlorenen Schatz darzustellen, der es mit dem Garten Eden aufnehmen kann. Und dadurch ist unsere Sympathie für Zinaida, Kur-Shahs Witwe und geistige Erbin, absolut gerechtfertigt.

Zinaida steht auf einer Stufe mit den beiden anderen Frauenfiguren Favola und Libuse. So viele Heldinnen auf einem Haufen findet man selten in deutscher Unterhaltungsliteratur, die ein Mann verfasst hat. Noch ein Pluspunkt. Und was wird aus unserem Chronisten Elwin? Er hat die Qual der Wahl bei so viel Weiblichkeit und muss sich zwischen Favola und Libuse entscheiden. Eine haarige Sache, wenn man’s recht bedenkt, aber auch diese Klippe umschifft der Autor mehr oder weniger elegant.

|Was uns der Dichter sagen will|

Und die Moral von der Geschicht‘? Die muss man selbst herausfinden, denn sie leitet sich direkt aus dem ungewöhnliche Finale der Geschichte ab. Und dies darf auf keinen Fall verraten werden. Es ist jedenfalls eine ziemliche moderne Botschaft, die bei vielen Menschen gut ankommen dürfte.

_Der Sprecher_

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Libuse und Favola erhalten daher eine hohe Stimmlage und eine weiche Aussprache (Favola etwas schwächer, logo), während beispielsweise Corax eine sehr tiefe, männliche Stimme erhält. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie für den Hörer leichter erkennbar zu machen. Das ist sehr gut gelungen.

Ein zweites Hilfsmittel sind natürlich Spezialeffekte. Hall wird eingesetzt, um die Chronik, die Elwin auf der Reise durch den wilden Balkan zu schreiben beginnt, als solche hervorzuheben. Wir lauschen also praktisch seinen Gedanken statt einer Szene.

Insgesamt erweckt der Sprecher die Szenen sehr gut zum Leben, so dass wir fast glauben können, einem Film zuzuhören. Für die Bilder sorgte dann einfach meine Vorstellungskraft, die, wie ich merkte, auf viele andere Bilder aus Ritter- und Mittelalterfilmen, die jetzt so in Mode sind, zurückgreifen konnte. Etwas schwieriger ist es, Bilder zu den Mongolen abzurufen. Dazu rief ich mir den neuen Film über Attila in Erinnerung.

Und Bagdad? Ich stellte mir Bilder aus den romantischen Orient-Epen der fünfziger Jahren vor. Über die arabische Wüste Rub al-khali („das leere Viertel“) gibt es seit kurzem ebenfalls phantastische Bilder. Man findet sie in dem Reiter-Epos „Hidalgo – 3000 Meilen durch die Wüste“ mit Viggo „Aragorn“ Mortensen in der Hauptrolle.

|Musik|

Vor dem Prolog erklingt ein kurzes Musikstück, das den Hörer auf das Kommende einstimmen soll. Es handelt sich um eine flotte Melodie, die auf mittelalterlichen Instrumenten gespielt wird.

_Unterm Strich_

„Das Buch von Eden“ dürfte alle ansprechen, die Abenteuer, Mystik und Drama vor dem Hintergrund des Mitttelalters lieben. Während mich Action und Drama ebenso gut unterhalten haben wie Elwins Humor und Gewitztheit, so haben mich die Mystik und die übersinnlichen Fähigkeiten der Frauen fasziniert. All dies würde ein wenig zu naiv wirken, gäbe es nicht eine ganze Menge Schurken im Stück, die den Guten ständig auf den Fersen sind und ihnen mehrmals schwer zusetzen. Leider sind die Schurken derart eindeutig böse, dass sie bereits nicht mehr interessant sind, sondern nur noch eine Bedrohung, vor der die Guten ständig fliehen müssen – auch eine Methode, die Reise zu beschleunigen. Dennoch dürfte die romantische Seite des Plots vor allem Frauen ansprechen.

Wirklich gut fand ich die Idee, den historisch verbürgten Fall der Festung Bagdad durch die Mongolen einzubauen. So erhält die Story eine gewisse weltgeschichtliche Dimension. Dass auch die Kreuzzüge irgendwie vorkommen müssen, erscheint plausibel, doch sie liefern zum Glück nur die Vergangenheitsdimension der aktuellen Story. Mehr Bedeutung sollte den Kreuzzügen nicht zukommen, denn das Thema ist praktisch bereits ausgelutscht.

Der Sprecher trägt entscheidend zum Vergnügen an diesem Hörbuch bei. Er charakterisiert die zahlreichen Figuren und macht sie leicht unterscheidbar. Schwierigkeiten hatte ich nur bei den Szenen im Kaukasus, wo Mongolen und Assassinen aufeinandertreffen, jedoch in den Badgadszenen nie. Das spricht auch für die klare Dramaturgie, für die der Hörspielbearbeiter verantwortlich zeichnet.

Fazit: Ohne die klischeehaften Darstellungen der Figuren, besonders der Schurken, wäre das Vergnügen an dieser Geschichte noch größer.

|Spieldauer: 474 Minuten auf 6 CDs|