Slaughter, Karin – Dreh dich nicht um

Am Grant College und in dessen Nähe findet die Polizei einen jungen Mann und eine junge Frau, beide Studenten, die anscheinend Selbstmord begangen haben. Doch bestimmte Unstimmigkeiten lassen Sheriff Tolliver und Gerichtsmedizinerin Sara Linton am Anschein zweifeln. Dass Saras hochschwangere Schwester in der Nähe eines der Tatorte überfallen und schwer verletzt worden ist, verwirrt und beunruhigt die beiden Ermittler in höchstem Maße. Werden sie bei ihrem Vorgehen beobachtet und manipuliert?

|Die Autorin|

Karin Slaughter wuchs in einer kleinen Stadt in Georgia auf und lebt heute in Atlanta. Schon mit ihrem Debütroman sicherte sie sich einen Platz unter den wichtigsten Thrillerautorinnen der USA. Heute ist sie laut Verlag einer der Stars dieser Liga. Ihre Bücher sind in über 15 Ländern erschienen.

|Die Sprecherin|

Iris Böhm spielte nach ihrer Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ an verschiedenen Theatern. Sie war u. a. in „Tatort“, „Zwei Asse und ein König“ und „Eine Hand schmiert die andere“ zu sehen. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Rolle als Kommissarin in der RTL-Serie „Die Sitte“, für die sie den Deutschen Fernsehpreis 2004 erhielt. Iris Böhm lebt in Berlin. (Verlagsinfo) Sie liest eine gekürzte Textfassung.

_Handlung_

Sara Linton, Mitte dreißig, ist nebenberuflich Gerichtsmedizinerin in Grant County. Vor dreizehn Jahren ist sie von Atlanta hierher aufs Land gezogen, um an der Kinderklinik zu arbeiten. Als Gerichtsmedizinerin wird sie von Sheriff Jeffrey Tolliver, ihrem Ex-Mann, zu einem Tatort gerufen. Entgegen ihren Gepflogenheiten nimmt sie ihre hochschwangere Schwester Tessa, 34, im Auto mit, weil das auf dem Weg zu Tessas Haus liegt.

Ein junger Mann liegt tot unter einer Brücke, die zu einem beliebten Jogging-Parcours der Studenten des nahen Grant College gehört. Daher wurde er von einer Studentin gefunden, die hier joggte, Ellen Shaeffer. Während Tessa in den nahen Wald geht, um ihre Blase zu erleichtern, untersucht Sara die Leiche. Der Mann weist eine Menge Tattoos und Piercings auf. Auffällig ist für Sara vor allem ein Kratzer auf dem Rücken des Mannes. Wurde er etwa gestoßen? Am Brückenpfeiler stehen rassistische Parolen und ein Hakenkreuz. Wie sich zeigt, war Andy Rosen Jude …

Mit einem Mal wundert sich Sara, wo ihre Schwester abgeblieben ist. Sie geht ihr mit ein paar Polizisten nach und findet sie auf einem Waldpfad in schwerverletztem Zustand. Sie wurde mehrmals mit einem Messer gestochen, unter anderem in den Bauch … In der Hand hält Tessa ein Stück weißes Plastik von einer Tüte. Hat sie etwas eingesammelt?

Da kommt eine College-Sicherheitsbeamtin namens Lena Adams aus dem Wald zurück. Sie hat einen Mann gesehen, der aber sofort geflüchtet ist. Lena war bis vor sieben Monaten bei der Polizei, doch Sheriff Tolliver feuerte sie wegen Unzuverlässigkeit. Lena trägt schwer an einem Vergewaltigungstrauma, das sie zur Alkoholikerin gemacht hat.

Sobald Tessa vom Helikopter in das nahe Krankenhaus geflogen worden ist, machen sich Sara und der Sheriff Gedanken über diesen seltsamen Tag, der beinahe zwei Opfer gefordert hätte. Am nächsten Tag ist auch Ellen Shaeffer tot. Es sieht zwar wie ein weiterer Selbstmord aus, doch die geübte Sportschützin hat die falsche Munition verwendet – sehr verdächtig.

Etwas Bedrohliches geht an diesem College vor sich, denkt Sara, und dies könnten nicht die letzten Opfer gewesen sein. Sie soll leider Recht behalten.

_Mein Eindruck_

Sheriff Tolliver und Gerichtsmedizinerin Linton bildet ein klassisches Ermittlerpaar à la Sherlock Holmes und Dr. Watson, so dass sie sich gut ergänzen. So gelangen beide unabhängig und in regelmäßigem Informationsaustausch zu hilfreichen Erkenntnissen. Aber ob das schon reicht?

|Living on the edge|

Außerdem ist die akribische Kleinarbeit längst nicht so aufregend wie das, was Lena Adams unternimmt und erlebt. Lena ist eine faszinierende Figur, die ebenso vollständig realisiert worden ist wie Tolliver und Linton. Schon allein deshalb gebührt ihr unsere volle Aufmerksamkeit.

Lena war jahrelang bei der Polizei, bis sie eines schlimmen Tages von einem Unbekannten entführt, eingesperrt, unter Drogen gesetzt, an Händen und Füßen an den Holzboden einer Hütte genagelt (!) und 48 Stunden lang vergewaltigt wurde. Welches seelisches Trauma dies zur Folge hatte, mag (und kann) man sich kaum vorstellen. Ihre Wundmale sehen aus wie die eines gewissen Zimmermanns aus Nazareth. Sie erhält zwar psychotherapeutische Betreuung von Dr. Jill Rosen, der Mutter von Andy Rosen, doch das hilft nichts. Nur Medikamente scheinen zu helfen – und Alkohol. Sie hat bereits eine Entziehungskur hinter sich.

Doch die Versuchung ist permanent, rückfällig zu werden. Und als ein interessanter junger Mann namens Ethan Green sie einlädt, zu einer Party zu gehen, gibt sie der Versuchung nach. Sofort geht es ihr besser. Im Hinterzimmer erzählt ihr ein Drogenpanscher und Dealer von Andy Rosen, dem „Selbstmörder“. Wenig später gerät sie wegen des Todes dieses Dealers in massive Schwierigkeiten. Und es hilft ihr keineswegs, dass Ethan Green den Sheriff angreift, um ihr beizustehen. Klar, dass Ethan, der von Kopf bis Fuß mit Nazisymbolen bedeckt ist, nicht nur an Lenas süßem Händchen interessiert ist, sondern mehr will. Doch Lena ist Halbjüdin …

Aber sie ist zumindest auf die Spur eines Drogenringes gekommen, der am College tätig ist. Ob in diesen gefährlichen Kreisen der oder die Täter zu finden ist/sind? Lena erkundet den Abgrund, und ihre Ermittlungen sind wesentlich handfester und gefahrvoller als die von Tolliver und Linton zusammen. Aber gehen sie auch in die richtige Richtung?

|Jagdgründe|

Nicht nur Drogenhändler und Vergewaltiger scheinen das College als ihre Jagdgründe ausgesucht zu haben. Auch in der biologischen Forschungsabteilung, in der Jill Rosens Mann Brian Keller seit 20 Jahren arbeitet, geht es nicht gerade fein zu. Da wird mit harten Bandagen gekämpft, und wer weiß, wer Lenas getötete Zwillingsschwester Sybil, eine Biologin, auf dem Gewissen hat? Aber mehr darf dazu nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

Die Frauen an diesem College und in seiner Nähe hätten also allen Grund, in Deckung zu gehen. Doch vieles ist vertuscht und so manches nicht aufgeklärt worden. Die Autorin stellt aber ziemlich klar, dass sich die Frauen zwar fürchten, aber dennoch tapfer um ihr berufliches und menschliches Überleben kämpfen. Bei dem ihre jeweiligen männlichen Partner nicht immer hilfreich sind. Brian Keller, so erfährt Sara Linton, schlägt seine Frau seit Jahren. Und Ethan Green, Lenas neuer Freund, sieht mit den Nazi-Tattoos, die seinen Körper bedecken, auch nicht gerade vertrauenerweckend aus. Er wird mit Dr. Jekyll und Mister Hyde verglichen, Na, Prost Mahlzeit!

_Die Sprecherin_

Iris Böhm verfügt über starke Nerven und eine kräftige, geübte Stimme. Sie versagt auch nicht an den bizarrsten Stellen dieses an unheimlichen Details reichen Thrillers. Durch Modulation der Lautstärke – zwischen Flüstern und Schreien – und der Tonhöhe gelingt es ihr, die Seelenlage der jeweiligen Figur, egal ob Mann oder Frau, ziemlich genau auszudrücken. Die deutliche Hervorhebung einzelner Wörter verhilft zu einem genauen Verständnis des Gesagten.

Bei einem spannenden Stoff wie diesem darf die Präsentation keinesfalls den Inhalt überdecken oder beeinträchtigen, sondern muss dahinter verschwinden. Das gelingt Böhm hundertprozentig. Doch ist Böhms Vortrag nicht etwa theatralisch, um beispielsweise auf die Tränendrüse zu drücken. Denn auch das würde man ihr heutzutage nicht mehr verzeihen. Theatralik ist ein Stilmittel, um Betroffenheit zu vermitteln, wie es noch vor fünfzig oder sechzig Jahren nicht unüblich war. Böhm strahlt hingegen Professionalität aus, wo es nötig ist, und Emotionen, wo es angebracht ist.

_Unterm Strich_

Karin Slaughter zeichnet in ihrem Thriller ein wüstes Bild vom universitären Amerika. Drogensüchtige, Rassisten, korrupte Sicherheitsbeamte, Homosexuelle beiderlei Geschlechts (offenbar auch ein Feindbild), Vergewaltigungsopfer, Gewalt in der Ehe, Angriffe auf Schwangere – das volle Programm. Da bleibt man doch am besten Jungfrau, und deshalb haben sich die amerikanischen Jungfrauen auch organisiert und bilden bereits eine lautstarke Gruppe. Sara Linton ist leider nicht dafür qualifiziert: Sie kann keine Kinder mehr bekommen, erfahren wir nebenher.

Fast alle haben entweder etwas auf dem Kerbholz oder sind ein Opfer geworden. Selbst der Sheriff ist auch nur ein Mensch: Er hat Sara Linton betrogen, als die noch seine Frau war. Wie also soll in diesem Sumpf irgendetwas zu retten sein? Es gibt weit und breit keinen Retter. Vielleicht sollte man sich an Präsident Bush und seine Neo-Cons (Neo-Konservative) wenden? Allenfalls Sara Linton könnte die Retterin spielen, denn sie verfügt als Einzige über die nötige Integrität und Erfahrung, um den Fall zu lösen. Tolliver und Lena Adams helfen ihr dabei. Nur im Teamwork ist der Fall zu lösen. Es geht also auch ohne Neo-Cons.

„Dreh dich nicht um“ weist ein ausreichendes Quantum von Spannung auf, um als Thriller gut zu unterhalten – das Quantum an Leichen ist sowieso übererfüllt. Besonders Frauen dürften sich für das Buch interessieren, denn nicht nur die meisten Figuren sind weiblich, sondern auch die meisten Opfer. Allerdings haben mich das Hin und Her der Handlung sowie die hohe Zahl an Figuren mehrmals verwirrt. Dass die kurz zuvor eingeführten Figuren mitunter wenig später den Löffel abgeben, trägt nur unwesentlich zur Übersichtlichkeit bei: Die Liste bleibt dennoch lang.

Die Sprecherin Iris Böhm trägt die Geschichte mit eindrucksvoller Professionalität und Feinfühligkeit vor. Auch die heikelsten Details und abstoßendsten Szenen sind ihr emotional nicht anzumerken, und das ist sicher ein Kunststück. Es gibt mehr als genug davon. In ihr finden die weiblichen Fans von Karin Slaughter ein qualifiziertes Sprachrohr für die Geschichten der Autorin.

|374 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: A faint cold fear, 2003
Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz|