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Márai, Sándor – Glut, Die (Lesung)

_Die Glut der verborgenen Leidenschaft_

Im Jahre 1999 wurde dieses erzählerische Meisterwerk des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai wiederentdeckt. Im Mittelpunkt stehen eine tragische Dreiecksbeziehung und Fragen nach Freundschaft und Treue, nach Stolz und Noblesse.

_Der Autor_

Der ungarischer Erzähler Sándor Márai (ausgesprochen „schandor maroi“) lebte von 1900 bis 1989. Sein Roman „Die Glut“ erschien 1942. Jahrzehntelang war das umfangreiche schriftstellerische Werk des Ungarn in seiner Heimat verboten. Er hatte 1948 Ungarn verlassen und setzte – wie der ebenfalls ins Exil gegangene Stefan Zweig (gestorben 1942) – seinem Leben 1989 in San Diego ein Ende. Zu früh, so kurz vor der politischen Wende des Ostblocks. (Mehr Details am Schluss.)

_Die Sprecher_

Das Hörspiel von Sebastian Goy wurde von verschiedenen Rundfunkanstalten in Kooperation umgesetzt, darunter Radio Bremen und Saarländischer Rundfunk. Regie führte Walter Adler. Das Hörbuch entstand im Jahr 2000, ist also nicht das jüngste.

General: Thomas Holtzmann. Über ihn ist mir nichts bekannt.

Konrad: Rolf Boysen – er spielte den kaiserlich-böhmischen General Wallenstein in der gleichnamigen TV-Verfilmung von Golo Manns Roman, die immer noch eine der besten Leistungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens der BRD darstellt.

Weitere Rollen wurden mit Doris Schade, Michael König, Susanne Lothar und Hans-Peter Hallwachs besetzt. Letzterer trat inzwischen auch als Sprecher von Hörbüchern hervor.

Das schöne Titelbild zeigt ein Gemälde von Alexandre Cabanet, mit dem er „Die Comtesse de Keller“ porträtierte, eine schwarzhaarige Schönheit in grünem Kleid und mit Perlenohrringen.

_Handlung_

Das Geschehen spielt an nur einem Abend des Jahres 1940, doch geht es im eigentlichen Sinn um eine kurze Zeitspanne vor exakt 41 Jahren und 43 Tagen, also im Jahre 1899. Henrik, dem General, der mittlerweile 75 Jahre alt ist, sind solche Zahlen immer noch sehr wichtig. Seine Amme Nini, die immerhin schon 91 ist, weiß das nur zu gut. Und deshalb widerspricht sie seinen Anordnungen nicht. Genauso wenig, wie seinerzeit die Generalsgattin Krisztina ihm widersprach. Sie starb 1907, dreißigjährig, vor 32 Jahren. Und doch ist es, als wäre es erst gestern geschehen.

Heute ist ein besonderer Tag: Henriks Jugendfreund Konrad hat sich angekündigt. Der General beschließt, diesen Tag zu einem Tag der Rache und Abrechnung zu machen, für das, was Konrad getan hat.

Konrad, der seit jenem Schicksalstag in Singapur und London gelebt hat, war im Alter von zehn Jahren zum besten Freund des Generals geworden, als beide die Kadettenschule von Wien besuchten. Aufgenommen in Henriks Familie, blieb er das auch 24 Jahre hindurch, bis 1899. Doch Konrad liebte im Gegensatz zum General die Musik, empfand in ihr Lust und Befreiung. Diese Leidenschaft blieb dem pflichtbewussten General verschlossen, doch den Frauen gefiel sie. Warum dann ging Konrad weg, warum floh er an jenem Schicksalstag, trat aus dem Militär aus und wanderte in die feuchten Tropen aus?

Konrad ist keineswegs der Gesprächigste und rückt mit keinerlei Bekenntnissen heraus. Ist er zu feige oder zu rücksichtsvoll, um die Lebenden und die Toten (Krisztina) zu beschuldigen?

Daher erinnert der General ihn an jenen Morgen auf der Hirschjagd im Wald, als Konrad sein Gewehr auf den General, seinen besten Freund, anlegte und zielte. Warum schoss er nicht? Konrad ging weg und kehrte erst am Abend wieder, um mit Krisztina, die ein Buch über die Tropen (!) las, intensiv zu plaudern, so intensiv, dass sich ihr Mann ausgeschlossen fühlte.

Am nächsten Tag sucht er Krisztinas Tagebuch, in das er sonst immer Einblick erhalten hat: Es ist verschwunden. Bis heute. Heute hat der General das Tagebuch wieder und legt es Konrad ungeöffnet als Kronzeugen vor, quasi an Krisztinas Stelle. Wird Konrad sich verteidigen? Krisztina hatte ihn damals bereits angeklagt, als er verschwand: „Er ist geflohen. Der Feigling.“ Hatte sie etwa mit Konrad aus der Ehe ausbrechen und abreisen wollen? War das der Grund für Konrads „Flucht“? Danach sprach sie kein Wort mehr mit Henrik. Ein altes Rätsel, das gelöst werden muss.

Wird Konrad sich endlich verteidigen, oder wird der General das Tagebuch in die wartende Glut des Kaminfeuers werfen, auf dass die Wahrheit für immer begraben sei?

_Mein Eindruck_

Henrik, der General eines untergegangenen Reiches (das der Habsburger), hält einen beeindruckenden Monolog, in dem sich Rachegelüste, Enttäuschung und ein inniger Glaube an die Macht der Gefühle vermengen. Doch eine tiefe Kluft ist spürbar, ein kafkaesker Abgrund zwischen ihm und dem, was aktuelle politische Realität ist. Henrik ist ein Fossil.

Sein Jugendfreund Konrád hat dem nicht viel entgegenzusetzen, denn er schweigt meistens. Doch in dem Ringen um die Wahrheit verschiebt sich wiederholt die Perspektive. Am Ende steht zumindest bei Henrik die traurige Erkenntnis, dass dieses Ringen sinnlos ist. Die von beiden geliebte Frau ist seit Jahrzehnten tot; Henrik hat nach dem Vorfall nie wieder mit ihr gesprochen. War sie Konrads Komplizin und Geliebte? Henrik und Konrad haben – jeder auf seine Art – die Liebe verraten und damit ihrem Leben den Sinn geraubt.

Die Handlung verläuft quasi in drei Stufen: Zunächst das Warten des Hausherrn auf den Besuch des Jugendfreundes, dann folgt die Begegnung der beiden und schließlich der lange Monolog Henriks, nur wenige Male von Anmerkungen Konráds unterbrochen.

Die enorme Spannung, die der Text über die gesamte Länge aufrecht erhalten kann, speist sich aus der Neugier auf den Fortgang beziehungsweise die Auflösung der Geschichte. Sie lebt aber vor allem aus den aufgegriffenen Themen, aus der Tatsache, dass es die existenziellen, die letzten Fragen sind, die in diesem Buch gestellt werden. Treue zu Freund und Ehefrau, wechselseitiger Verrat der beiden, Suche nach Klarheit in der Aufklärung einer moralischen Katastrophe, die 41 Jahre zurückliegt, in einer anderen Welt, als das Reich noch in Ordnung war.

Nach und nach erweitern geschickt gesetzte Rückblenden im Zuhörer die Ahnung von dem Geschehen in dieser dramatischen Dreiecksgeschichte. Da jedoch alles aus der Perspektive der Hauptfigur des Generals geschildert wird, kann man nicht entscheiden, ob seine im Monolog entfaltete Version der Wirklichkeit entspricht. Es könnte auch ganz anders gewesen sein. Warum hatte Konrad nicht abgedrückt und seinen Freund erschossen? War dies die einzige Möglichkeit, sowohl Freund als auch Geliebte zu behalten? Im Ergebnis jedoch verlor er beide, lebten alle drei ein Scheinleben der Unerfülltheit.

Das Leben des Generals entscheidet sich an nur zwei Tagen des Jahres 1899. Aber angelegt ist dieses Schicksal schon viel früher. Der die militärische Laufbahn einschlagende General, seinem Vater wesensnäher als seiner Mutter, fühlt sich schon von Kindheit an von der Musik und mit ihr vom Zugang zu seiner eigenen Emotionalität getrennt. So kann er weder seinen Freund noch seine Frau begreifen, deren geheime und verbotene Leidenschaft zueinander ihm den Boden unter den Füßen entzieht.

Urplötzlich befindet sich Henrik auf einer emotionalen Insel, separiert von Frau und Freund, genau wie er sich zeitlich nach dem Untergang des Reiches auch gesellschaftlich-politisch auf einer Insel des Gestern befindet, dem persönlichen Untergang entgegentreibend. Und so wird aus der Abrechnung mit Konrad zugleich auch eine Abrechnung mit der vergangenen Kultur der kaiserlichen und königlichen Monarchie. Der Glanz ist vergangen, genau wie die Glut der Leidenschaft des Jahres 1899.

|Empfehlung|

Man sollte diese Geschichte gleich mehrmals erleben, denn sie besteht aus mehreren Schichten der Bedeutung. Jede Rückblende häuft eine weitere Dimension zum bereits Gesagten hinzu. Erkenntnis überlagert Erkenntnis. Ich habe mir wie immer Notizen gemacht – nicht nur, um die vertrackte Zeitstruktur auf die Reihe zu bekommen und mir die Namen zu merken, sondern auch um Henriks Argumente festzuhalten, die er gegen Konrad und seine Frau vorbringt. Doch am Ende steht der Eindruck, dass es um Dinge und Taten geht, die nicht in Worten ausgesprochen werden. Daher nochmals meine Empfehlung, das Hörspiel mehrmals anzuhören, um die Zwischentöne aufzuspüren.

|Die Sprecher|

Meist sprechen hier alte Männer, im Monolog dominiert Thomas Holtzmann als der alte General. Er spricht nuancenreich, wechselt oft das Tempo, je nachdem, ob er sich erinnert oder Konrad direkt anspricht. Die anderen bekannten Sprecher wie etwa Hans-Peter Hallwachs spielen eine sehr untergeordnete Rolle.

Dramaturgisch ist das Hörspiel aufgrund des dominierenden Monologs wenig attraktiv: Es passiert rein gar nichts, und nur die Psychologie des Augenblicks erschafft die Spannung aus der Frage, ob es am Ende Mord und Totschlag geben wird.

_Unterm Strich_

„Die Glut“ ist ein sehr ruhiges, absolut aktionsloses Hörspiel. Der Zuhörer ist gezwungen, genau hinzuhören, um zu erfassen, welches psychologische Drama sich entfaltet. Zudem finden viele Rückblenden Eingang in die psychologische Aufladung des Augenblicks, und die entscheidenden Zeitebenen liegen 41 Jahre auseinander. Dennoch mag das Hörspiel seinen hochliterarischen Reiz entfalten für denjenigen, der bereit ist, es sich mehrmals anzuhören. Es eignet sich definitv nicht für lange Autofahrten. Vielmehr sind in den Tiefen zwischen den Sätzen die Geheimnisse und Rätsel erst bei genauem Hinhören aufzuspüren. Dass sie existieren, können Millionen Leser in aller Welt bezeugen. „Die Glut“ war die literarischen Sensation der neunziger Jahre.

|Mehr Details über den Autor|

Sándor Márai, geboren am 11. April 1900 in Ungarn, studierte Philologie. Sein erster Gedichtband erschien 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Márai als Student und literarischer Feuilletonist in Deutschland und Paris. 1928 kehrte er zurück in die ungarische Heimat und erlebte dort in den dreißiger Jahren eine Zeit größter Schaffenskraft und literarischer Erfolge. 1948 floh er in den Westen und lebte in der Schweiz, in Italien und in Amerika. Nach dem Tod seiner Frau nahm Márai sich im Februar 1989 in San Diego, Kalifornien, das Leben.

Mehr dazu bei| [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A1ndor__M%C3%A1rai |

|Originaltitel: A gyertyák csonkig égnek
Originalausgabe 1942, Dt. Erstausgabe 1950, neu 1999 bei Piper
übersetzt von Christina Viragh|

Márai, Sándor – Die Nacht vor der Scheidung (Lesung)

Wahrheit, Schönheit, Lüge, Tod_

Richter Kömüves kommt übermüdet mit seiner Frau von einer Veranstaltung nach Hause. Überrascht erfährt er, dass sich ein Fremder in seiner Wohnung befinde, um ihn zu besuchen. Es ist Imre Greiner, ein Schulkamerad und Jugendgefährte, den er seit neun Jahren nicht mehr gesehen hat. Der Richter weiß, dass er Greiners Ehe mit der schönen Anna Fazekas am folgenden Morgen scheiden soll. Gibt es ein Problem damit? Und ob! „Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe“, antwortet Greiner. Und er will herausfinden, wer ihm seine Frau weggenommen hat – vor zehn Jahren. Wen hat Anna wirklich geliebt? Den Richter etwa?

Der Autor

Der ungarische Erzähler Sándor Márai (ausgesprochen „schandor maroi“) lebte von 1900 bis 1989. Sein Roman [„Die Glut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1367 erschien 1942. Jahrzehntelang war das umfangreiche schriftstellerische Werk des Ungarn in seiner Heimat verboten. Er hatte 1948 Ungarn verlassen und setzte – wie der ebenfalls ins Exil gegangene Stefan Zweig (gestorben 1942) – seinem Leben 1989 in San Diego ein Ende. Zu früh, so kurz vor der politischen Wende des Ostblocks. (Mehr Details am Schluss.)

Der Sprecher

Charles Brauer, geboren 1956, ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern.

Regie führte Gabriele Kreis. Die Lesung umfasst den ungekürzten Text.

Das Titelbild zeigt „Charlotte von Hagn“, gemalt von Joseph K. Stieler. So könnten wir uns Anna Fazekas vorstellen.

Handlung

Es passiert wahrlich nicht allzu viel in der Geschichte, und doch könnte das Ergebnis tragisch ausfallen.

Christoph Kömüves, an die 40 und seines Zeichens Scheidungsrichter in Budapest, stammt aus einer Dynastie von Richtern, der „Kömüves-Schule“. Sein Büro liegt in den bedrückenden Gebäuden einer Haftanstalt. Am folgenden Tag soll er wieder einmal lösen statt zu binden, doch diesmal sind es zwei gute Bekannte, und das verleiht dem Fall eine besondere Bedeutung.

Imre Greiner, 38, war Christophs Schulkamerad und Jugendgefährte, den er aber seit rund neun Jahren nicht mehr gesehen hat, seit jener Zeit, als Imre die schöne Anna Fazekas heiratete. Christoph hatte vor rund zehn Jahre die ein wenig verwöhnte junge Dame ein paar Mal getroffen, und sie hatte dabei einen tiefen Eindruck hinterlassen. Dass sie und Imre seit einem halben Jahr getrennt leben, betrübt ihn ein wenig, aber da er selbst eine wohlgeordnete Familie hat, macht er sich keine falschen Hoffnungen auf eine Begegnung mit Anna.

Als er am Abend vor der Verhandlung übermüdet mit seiner Frau nach Hause zurückkehrt, erfährt er überrascht, dass sich ein Fremder in seiner Wohnung befinde, um ihn zu besuchen. Es ist Imre Greiner.

Christoph fragt, ob es wohl ein Problem mit der anstehenden Scheidung gebe? Und ob! „Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe“, antwortet Greiner. Er sei gekommen, um seinem Jugendfreund alles zu erzählen. Diese Erzählung nimmt fast die ganze Nacht in Anspruch. Vor vier Jahren hat der geschulte Arzt entdeckt, dass seine Frau frigide ist. Die folgenden Jahre waren die Hölle. Er will herausfinden, wer ihm seine Frau weggenommen hat – vor zehn Jahren. Wen hat Anna wirklich geliebt?

„Sag mir, Christoph, hast du in den letzten zehn Jahren von Anna geträumt?“ Was für eine unverschämte Frage! Träume?! Unsinn! Kömüves weist solche unwägbaren Kategorien weit von sich, denn in der Kömüves-Schule haben sie keinerlei Relevanz. Doch das Gespräch findet mitten in der Nacht statt, und zu dieser Zeit erhalten Träume sehr wohl eine Bedeutung …

Mein Eindruck

Das nächtliche Gespräch ist der Kulminationspunkt einer langen psychologischen Entwicklung, die sowohl in der Ehe Imres stattgefunden hat als auch im Leben Christophs. Nachdem der Autor detailreich jedes Ereignis im Leben des Richters ausgebreitet und erörtert hat, um seine geistige Disposition zu beschreiben, taucht sein Jugendfreund Imre wie das personifizierte Chaos auf. Und tatsächlich erlebt Christoph die nächtliche Begegnung wie einen hinterlistig vorgetragenen Angriff auf seine Person, sein Amt und seine Lebensphilosophie (die „Kömüves-Schule“).

Weitaus interessanter, weil romantischer, ist Imres Liebe zu Anna. Nach Imres Worten kann er sich keine innigere und absolutere Einheit zwischen zwei Menschen vorstellen. Sie hatten keine Geheimnisse voreinander, denn die Ehe war ihm eine heilige Einrichtung, ein Sakrament, und die Bindung an seine Ehefrau nur durch den Tod zu lösen. Er war süchtig nach Annas Gegenwart, so dass er seine Arztpraxis in seiner eigenen Wohnung einrichtete, um ihr nah sein zu können. Demzufolge war auch seine Eifersucht eine absolute, bis hin zur Krankhaftigkeit. Er will ihren Körper besitzen, diesen „wundervollen Mechanismus“.

Doch vor vier Jahren meldete sich sein Unterbewusstsein damit, dass es etwas suchte, was es nicht kannte, aber dringend brauchte. Was war es? Imre weiß nur so viel, dass es ohne dieses Etwas nicht mehr weitergehen kann. Denn dann ist seine Ehe, ja, sein ganzes Leben nur eine leere Formel, deren Sinn abhanden gekommen ist. Wie sich herausstellt, liegen bei Anna alle Symptome der Frigidität vor, eine sexuell geäußerte Gefühlskälte. Anna ist selbst am meisten davon überrascht. Doch wie konnte es dazu kommen, fragt sich Imre, wer hat ihm Anna weggenommen? Wer erscheint ihr in ihren Träumen?

Da Anna ihm offenherzig alle ihre Lebenserlebnisse erzählt hat, weiß Imre natürlich von Annas Begegnungen mit dem vor zehn Jahren jungen Rechtsassessor Christoph Kömüves. Diese wenigen Begegnungen müssen sie aber so erschüttert haben, dass ihr die Ehe mit Imre nicht als ihre eigentliche Bestimmung erschien. Nun ist Anna tot, doch Christoph lebt. Ergeht es dem Richter ebenso? Erscheint ihm sein eigenes Leben nicht ebenfalls als eine Art Missverständnis? Als eine Formel ohne Sinngehalt?

Da gerät der Richter schwer ins Grübeln, und wir müssen uns seiner gesamten Biographie und der langen Gesellschaftsbeschreibung erinnern, die wir durch ihn erhalten haben. Erst dann können wir seine Reaktion verstehen. Wird er „ja“ sagen, oder wird er Imre, diesen personifizierten Angriff, wegschicken? Eines ist sicher: Nach dieser Nacht wird es keine Scheidungsverhandlung für Imre Greiner und Anna Fazekas geben. So oder so.

Die Gesellschaftsbeschreibung konzentriert sich immer wieder auf den sozialen Umbruch, den der Erste Weltkrieg zur Folge hat: den Untergang der KuK-Monarchie, das Auseinanderbrechen der Einheit Österreich-Ungarn, die Entlassung der Ungarn in eine Freiheit, die erst noch zu determinieren ist. Die alten Amtsträger treten ebenso ab, wie ihre Wertvorstellungen mit Füßen getreten werden. Die „Kömüves“-Schule ist ein Anachronismus, und ihr Begründer ist noch nicht einmal unter der Erde.

Innerhalb dieser katholischen und lateinisch-humanistisch orientierten Schule begreift Christoph Kömüves das Leben als Pflichterfüllung und freiwilligen Gehorsam gegenüber einer Gemeinschaft, die er als konkret seine Familie oder als erweiterte Quasi-Familie begreift. Die Pflicht ist in Demut zu erfüllen, denn dies ist die Vorbedingung für die göttliche Gnade. Doch die erweiterte Familie, die Volksgemeinschaft, hat aufgehört zu existieren, und alles um ihn herum scheint ebenso zu zerfallen wie die Ruinen der Burg in Buda, dem alten Teil der Doppelstadt Budapest.

Warum hat er also Anna Fazekas, die er doch so anziehend fand, seinerzeit nicht geheiratet? Er hielt nie um ihre Hand an, sondern wählte stattdessen Hertha. War es, weil eine Verbindung mit Anna eine Bindung des Herzens gewesen wäre statt eine der Pflichterfüllung? Wohl möglich. Dann ist sein Leben eines der Entsagung, das seine wichtigste Erfüllung in der Familiengemeinschaft und dem Dienst an seinen Klienten findet. Ist es darum ein „Missverständnis“, wie Imre behauptet? Der Leser muss diese Frage ebenso beantworten wie der Richter selbst. Wovon träumt er nachts?

Der Sprecher

Charles Brauer, inzwischen rund 70 Jahre alt, erledigt seinen Job mal wieder einwandfrei. Als erfahrener Schauspieler – etwa im „Tatort“ – hat er ein Gespür für das Besondere an einer Szene. Da weiß er einfach, wo die Pausen gesetzt werden müssen, so etwa in der extrem angespannten Begegnung zwischen Imre Greiner und Christoph Kömüves. Bewunderswert ist auch Brauers Aussprache der ungarischen Namen. Ich kann mir keinen besseren Sprecher für einen Sprachkünstler wie Sandor Márai vorstellen.

Unterm Strich

Auf ironische Weise wird aus dem Mann, der täglich sein Amt als Scheidungsrichter ausübt, ein Angeklagter, dem selbst einige recht zudringliche und höchst intime Fragen gestellt werden. Dies darf sich auch nur ein Jugendfreund erlauben. Dennoch beruft sich der Richter auf sein Recht, die Aussage zu verweigern – ein Schuldeingeständnis?

Zwei Lebensprinzipien stoßen ebenso aufeinander wie zwei Epochen: hier die alte, versunkene Welt der KuK-Monarchie, dort die neue Republik, hier Pflichterfüllung bis zur Selbstverleugnung in Demut, dort die totale Erfüllung in einem geliebten Partner. Imres Erfüllung stellt sich als Täuschung heraus, als Lebenslüge – wie steht es um die Lebenslüge des Richters?

Trotz der völligen Abwesenheit einer Handlung ist die Geschichte des Aufeinandertreffens dieser zwei Welten eine Angelegenheit, die zunehmend an Spannung gewinnt, je kritischer die Fragen des Arztes an den Richter werden. Etwas muss brechen, denn es ist die Nacht vor der Scheidung. Anna, die zwischen den beiden stand, ist bereits tot (ich verrate nicht, auf welche Weise sie starb) – wird es weitere Opfer zu beklagen geben?

Der Leser bzw. Hörer muss jede Menge Geduld und Aufmerksamkeit mitbringen, um über den Berg der Vergangenheit in die spannenden Gefilde der Gegenwart zu gelangen, die in einer einzigen Nacht ihren Kulminationspunkt findet. Große Literatur, die Anstrengung fordert, aber dafür umso mehr lohnt.

Mehr Details über den Autor

Sándor Márai, geboren am 11. April 1900 in Ungarn, studierte Philologie. Sein erster Gedichtband erschien 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Márai als Student und literarischer Feuilletonist in Deutschland und Paris. 1928 kehrte er zurück in die ungarische Heimat und erlebte dort in den dreißiger Jahren eine Zeit größter Schaffenskraft und literarischer Erfolge. 1948 floh er in den Westen und lebte in der Schweiz, in Italien und in Amerika. Nach dem Tod seiner Frau nahm Márai sich im Februar 1989 in San Diego, Kalifornien, das Leben.

Das Original erschien posthum in Toronto, deutsch zuerst 2004
aus dem Ungarischen von Margit Ban
377 Minuten auf 5 CDs