Schlagwort-Archive: Hörbuch Hamburg

Åke Edwardson – Zimmer Nr. 10 (Lesung)

Ausgezeichnet gelesen: das Geheimnis der weißen Hände

In einem verrufenen Hotel mitten in Göteborg wird eine junge Frau tot aufgefunden. Sie wurde erhängt. Ihre mit weißer Farbe bemalte Hand gibt Erik Winter Rätsel auf. Welches Geheimnis verbirgt sich hinter dem mysteriösen Zeichen? Weitere Morde geschehen, und plötzlich gerät Winter selbst in Gefahr.

Der Autor
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Henning Mankell – Die Pyramide (Lesung)

Gefährliche Pyramidenbesteigung: spannend gelesen

Die Aufklärung eines mysteriösen Flugzeugabsturzes in Schonen, Südschweden, führt Wallander in die schwedische Drogenszene. Dass der Mord an zwei biederen Schwestern in ihrem Kurzwarenladen damit zusammenhängt, erkennt er erst spät. Denn er muss seinen eigenen Vater aus dem Gefängnis holen, weil er versucht hat, in Ägypten auf eine Pyramide zu klettern. Es bleibt Wallander nichts anderes übrig, als selbst nach Kairo zu fliegen, nicht ahnend, dass ihn die Rettung seines Vaters auf eine entscheidende Beobachtung für die aktuelle Ermittlung führt … (Verlagsinfo)

Der Autor
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Markus Heitz – Gerechter Zorn (Die Legenden der Albae 1) (Lesung)

Dark Fantasy: Hochmut kommt vor dem Fall

Die Albae (Dunkelelben) sind gefährlich, grausam und scheuen keinen Krieg. Ihre Feinde fürchten sie, und ihre Sklaven folgen ihnen bedingungslos. Doch die dunklen Geschöpfe bergen ungeahnte Geheimnisse, und ihre Macht ist nicht unbegrenzt. Das Reich der Albae ist bedroht, und die ungleichen Krieger Sinthoras und Caphalor erhalten vom Herrscherpaar den Auftrag, einen mächtigen Dämon als Verbündeten im Krieg zu gewinnen. Es stellt sich aber schnell heraus, dass jeder der zwei Albae eigene Pläne verfolgt. Der Kampf um Ehre, Macht und Leidenschaft bringt sie in höchste Gefahr. Das Schicksal ihres Volkes steht auf dem Spiel. (abgewandelte Verlagsinfo)
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Markus Heitz – Die Zwerge (Lesung)

Zwergenkrieg: episch, mit ironischen Untertönen

Seit ihrer Erschaffung durch den Gott Vraccas bewachen die fünf Stämme der Zwerge das Geborgene Land, wo Menschen, Elben und Zauberer friedlich miteinander leben. Doch als die Festung des Zwergenstammes der Fünften von Orkhorden, Ogern und Alben überrannt wird, ergießt sich ein Strom von hasserfüllten Bestien ins Geborgene Land. Als der Rat der Zauberer von einem Verräter fast vollständig vernichtet wird, hängt das Schicksal der Bewohner des Landes von einem einzigen Zwerg ab, der noch nicht mal weiß, woher er kommt: Tungdil wurde als Kind einem Zauberer in die Obhut gegeben.

Der Autor

Markus Heitz, geboren 1971, studierte Germanistik und Geschichte und arbeitete als Journalist bei der Saarbrücker Zeitung. Sein Aufsehen erregender Debütroman „Schatten über Ulldart“ wurde mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Seit dem Bestseller „Die Zwerge“ gehört Heitz zu den erfolgreichsten deutschen Fantasy-Autoren. Er lebt in Zweibrücken im Saarland. „Die Zwerge“ hat er ebenso fortgesetzt wie das inzwischen mehrbändige Ulldart-Epos.

|Markus Heitz bei Buchwurm.info:|

[Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=56
[„Schatten über Ulldart“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=381 (Die Dunkle Zeit 1)
[„Trügerischer Friede“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1732 (Ulldart – Zeit des Neuen 1)
[„05:58“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1056 (Shadowrun)
[„Die Zwerge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2941 (Lesung)
[„Die Zwerge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2823
[„Die Rache der Zwerge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1958
[„Die dritte Expedition“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2098
[„Ritus“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2351
[„Sanctum“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2875

Der Sprecher

Johannes Steck, geboren 1966 in Würzburg, ist Absolvent der Schauspielschule Wien. Von 1990 bis 1996 hatte er Engagements an verschiedenen Theatern. Dem breiten Publikum ist er vor allem aus dem TV bekannt. Er spielte in zahlreichen TV-Serien. Steck arbeitet zudem als Radio-, Fernseh- und Synchronsprecher. Er hat schon diverse Hörbücher gelesen.

Regie führte Margit Osterwold, die Aufnahme fand im Elmsbütteler Tonstudio, Hamburg statt. Das Titelbild entspricht dem der Buchausgabe beim |Piper|-Verlag.

Handlung

Tungdil ist friedlicher, unbescholtener Schmied im Zauberreich Ionandar, als sich sein Leben auf dramatische Weise ändern soll. Er wird zwar von den Lehrlingen und Gesellen des Zaubermeisters Lot-Ionan getriezt, weil er „nur“ ein kleiner Zwerg ist, aber das macht ihm wenig aus, denn er wird von der Magd Frala und ihren zwei Töchtern ebenso geliebt wie von seinem Ziehvater, und das ist der Zauberer Lot-Ionan höchstpersönlich. Sie alle sind vom Menschenvolk, doch da Tungdil wenig von der Welt jenseits der unterirdischen Stollen Ionandars gesehen hat, sind sie seine einzigen Freunde. Von den Zwergen weiß er jedoch durch seine Lektüre in den vielen Büchern des Zauberers. Er hat gehört, von den fünf Stämmen, die das Geborgene Land beschützen sollen, gebe es kaum noch welche.

Lot-Ionan gibt ihm einen wichtigen Auftrag, der ihn weit, weit fort von Zuhause führen wird. Nachdem er ihn daran erinnert hat, dass ein paar Kobolde vor 62 Sonnenzyklen Tungdil von den Vierten gebracht hätten, als er erst ein Jahr alt war, gibt er ihm einen Rucksack voller Artefakte und einen Brief für den Empfänger mit. Gorén, ein ehemaliger Schüler Lot-Ionans, lebe jetzt auf dem Tafelberg Schwarzjoch, etwa 300 Meilen im Nordwesten. Der Zauberer gibt ihm eine Landkarte und gute Wünsche mit, und Frala gibt ihm ihr Halstuch. Mit dem Proviant, den sie ihm als Küchenmagd abzuzweigen wagt, macht er sich auf den Weg an die Oberwelt.

Das Geborgene Land

Man schreibt den 6234. Sonnenzyklus, als sich Tungdil im Frühjahr auf den Weg macht. Tungdil ahnt nichts von den Veränderungen, die sich im Geborgenen Land, das ringsum von Gebirgen und Zwergenstämmen beschützt wird, anbahnen. Der Großkönig der Zwerge, Gundrabur Weißhaupt von den Zweiten, hat die Stämme zusammengerufen, auf dass sein Nachfolger gewählt werde. Denn er selbst ist alt und nicht mehr bei bester Gesundheit (man denke an König Théoden vor seiner Verwandlung). Immerhin sind Vertreter der Vierten gekommen, doch die Fünften sind seit 1100 Zyklen verstummt (sie wurden von den Feinden überrannt), von den Ersten kommt eh nie Botschaft und von den Dritten Lorimburs ist nichts Gutes zu erwarten: Man nennt die Dritten „Zwergentöter“.

König Gandogar Silberbart ist der aussichtsreichste Kandidat für die Thronfolge, und er weiß es wohl. Sein intriganter Berater Bislipur hämmert es ihm ja jeden Tag ins Hirn, dass nur Gandogar geeignet sei, Gundrabur zu beerben. Allerdings hat der Großkönig einen klugen und scharfsinneigen Berater namens Balendilín Einarm, der Gandogar und besonders Bislipur misstrauisch beobachtet. Bislipur besitzt einen kriecherischen Sklaven, den er an einem Halsband herumführt: Swerd, den Gnom. (Man denke an Gollum.) Und dieses Wesen erledigt Aufträge, von denen Balendilín nichts ahnt.

Soll die Herrschaft über die Stämme der Zwerge einem solchen Mann in die Hände fallen? Nie und nimmer! Balendilín und Gundrabur wurden von Lot-Ionan darüber informiert, dass bei ihm ein Zwerg namens Tungdil von den Vierten lebe. Auf diesen Mann konzentrieren sich nun die Pläne der beiden. Sie präsentieren Tungdil kurzerhand als Gegenkandidaten, und sie hätten auch schon Kundschafter ausgeschickt, um ihn holen zu lassen, auf dass Tungdil seinen Anspruch gegen König Gandogar verteidige.

Dass Tungdil noch nichts von seinem „Glück“ weiß, macht ja nichts, Hauptsache, der Großkönig gewinnt Zeit. Er kann nicht zulassen, dass Gandogars Pläne, gegen die Elben in den Krieg zu ziehen, Wirklichkeit werden. Denn gegen die Feinde, die ungehindert durchs Geborgene Land ziehen, hilft seiner Ansicht nach nur ein Bündnis aller verbliebenen Guten, also von Zwergen, Menschen und Elben.

Das Tote Land

Denn überall, wo der Feind seine Herrschaft errichtet, breitet sich das Tote Land aus. Hier herrschen unnatürliche Verhältnisse. Nicht nur, dass hier niemand der ursprünglichen Bewohner mehr lebt und Alben, Orks und Oger ungehindert umherstreifen. Nein, auch der Tod ist nicht mehr das, was er mal war. Der Zauber des Feindes bewirkt, dass die Toten wiederauferstehen, aber als Untote, als Zombies, die dem Kommando des Feindes unterstehen. Der Feind ist Nod-onn, und seine Stellvertreter sind die Albae: Dunkelheit verbreitende Ex-Elben, deren Augen schwarze Löcher sind. Sie wurden den Fünften zum Verhängnis, und deren Torfestung Drachenbrodem fiel in ihre Hände. Nun haben sie eigene Königreiche errichtet, von denen aus sie die der Menschen angreifen. Da die Menschen durch Erbfolgestreitigkeiten uneins sind, regt sich kein effektiver Widerstand.

Tungdils Irrfahrt

Als unser Held Tungdil also zum Berg Schwarzjoch marschiert, warten also jede Menge Gefahren auf ihn. Er ist ein Gelehrter, der die Welt aus der Theorie kennt. Nun greift sie mit allen Zähnen nach ihm, die sie hat. Schon im ersten Dorf, in dem er übernachtet, erscheinen nachts zwei Albae am Fenster. Ein Pfeil saust durchs Bettenlager, der für die beiden Boten des Rates der Magier bestimmt ist. Der Magierbote klärt ihn auf, was los ist, dann ziehen alle wieder ihres Weges. Tungdil wünschen den Langen viel Glück.

Doch als er in seinem Nachtquartier im Geäst einer Eiche von einem merkwürdigen Gestank erwacht, merkt er, dass der Baum von einer Orkhorde umlagert ist. Sie haben ihn noch nicht bemerkt. Die Orks braten das Fleisch der Soldaten des Königs Tilogorn am Lagerfeuer und schwatzen davon, was sie mit dem nahen Dorf vorhaben. (Der gelehrte Tungdil versteht auch Orkisch.) Da kommen die zwei Albae aus eben diesem Dorf, Sinthoras und Caphalor. Tungdil wird ihnen noch öfters über den Weg laufen. Die Albae bringen Botschaft von Nod-onn, wonach derjenige Orkhauptmann, der die meisten Menschen tötet, das größte Land bekommen soll. Sinthoras gibt den Orkhauptleuten drei Zaubersteine zum Schutz vor feindlichem Zauber. Sobald die Albae fort sind, beschließen die Orks, sie zu hintergehen. So sind Orks eben.

Klammheimlich steigt Tungdil von seiner Eiche und macht sich auf den Weg durch den Wald, um die Menschen im friedlichen Dorf zu warnen. Doch unversehens gerät er in eine Wolfsfalle. Nachdem er sich befreit hat, humpelt er anderntags weiter. Ob er noch rechtzeitig eintrifft? Der Rauch, der über dem Ziel emporsteigt, verheißt nichts Gutes…

Mein Eindruck

Dem kritischen Fantasykenner bietet dieser Auftakt zur Zwergentrilogie nur wenig Neues. Wer seinen Tolkien vorwärts und rückwärts kennt, der kennt die wichtigsten Figuren bereits: Kopien von Saruman (Nudin als Nod-onn), Gandalf (Lot-Ionan), Bilbo Beutlin / Gimli (Tungdil), Gollum (Swerd), Gríma Schlangenzunge (Bislipur) und König Théoden (Großkönig Gundrabur), die Nazgûl (Albae) sowie ein vielgestaltiges Bestiarium vermitteln hingegen dem reinen Liebhaber, der nur das Gleiche vom Alten haben will, ein Gefühl des Wiedersehens mit alten Bekannten.

Die Magier

Aber der Autor ist kein reiner Kopist. Er holt den Leser dort ab, wo Tolkien ihn hat stehen lassen und führt ihn dann zu einigen neuen Konzepten und Elementen. Was im „Herr der Ringe“ nur angedeutet wurde, ist beispielsweise der Rat der Zauberer. Bei Tolkien sind sie Verbreiter des Wissens der Valar, der engelsgleichen „Mächte“. Bei Heitz haben die Magier hingegen Charakteristika der Valar selbst angenommen, ohne jedoch deren große Macht zu erben. Da ist die Hüterin, die Stürmische, der Geduldige, der Schöne – und natürlich der Wissbegierige: Nudin. Er entspricht Saruman, dem Verräter. Und weil Sauron nicht vorkommt, bedient sich der Autor eines Kniffs: Nudin wurde von einem bösen Dämon in Besitz genommen. Dass Nudin mit dessen Macht das Geborgene Land gegen einen Angriff aus Westen wappnen will, nimmt ihm keiner ab. Pech gehabt, aber vielleicht steckt doch mehr dahinter, als die Zauberergilde wahrhaben will.

Die Zwerge

Tolkien hat uns zwar jede Menge Namen von Zwergen hinterlassen und auch ihre Entstehung und Eigenart geschildert (im „Silmarillion“), doch ihren eigentlich positiven Daseinszweck außer Acht gelassen. Bei Heitz haben die fünf Stämme den göttlichen Auftrag erhalten, das Geborgene Land zu schützen, obwohl offen bleibt, was sie eigentlich davon haben (außer Rohstoffen für ihr gutes Bier). Das Bild, das von diesem Volk gezeichnet wird, deckt sich fast hundertprozentig mit dem, das Tolkiens Erzählungen liefern. Einzige Ausnahme sind die Zwergenfrauen. In Jacksons Verfilmung wird die Frage nach den Zwergenfrauen humoristisch-ironisch im zweiten Teil aufgegriffen. Bei Heitz wird der Leser bzw. Hörer endlich auch richtige Zwergenfrauen kennen lernen, und – oh ja! – sie sind äußerst charmant. Sogar so charmant, dass Held Tungdil eine davon zur Frau nehmen wird.

Die Frauenquote

Apropos Frauen – ein recht düsteres Kapitel bei Tolkien. Die einzige Dame, die halbwegs auf dem Erdboden lebt, ist Sam Gamdschies Frau Rosie, die Tochter des Wirts in Hobbingen. Es gibt noch drei weitere Frauen, doch Galadriel und Arwen schweben über den Dingen. Galadriel, schlappe zehntausend Jährchen alt, wird in den Westen gehen, und Arwen kommt im „Herr der Ringe“, anders als im Film, überhaupt nicht vor (nur in den Anhängen). Bleibt also Eowen, das „Pferdemädchen“ – so lautet ihr Name in der Sprache der Rohirrim. Und es verwundert nicht, dass sie sich als Mann verkleiden muss, um in dem Krieg, der über ihr Schicksal entscheidet, ein Wörtchen mitreden zu dürfen.

Die Frauenquote sieht bei Heitz sehr viel besser aus. Die Zwergenfrauen habe ich bereits erwähnt, es gibt sogar eine Königin, man höre und staune. Die Zauberinnen werden jeweils Maga genannt, und Andokai, die Stürmische, nennt einen Göttersohn ihren Leibwächter. Sie stellt sich als ebenso wichtige Wissende wie auch Kämpfende heraus wie ihr dunkleres Gegenstück, die Halbalbin Narmora. Beide sind bereit, sich für das höhere Ziel, das Geborgene Land zu retten, zu opfern. Sie stehen darin den männlichen Protagonisten in nichts nach. Das finde ich sehr positiv.

Der Held

Eine Figur, die besonderes Interesse verdient, ist stets die des Helden. Welche Eigenschaften will der Autor anhand dieser Figur propagieren, sollte man sich stets fragen. In den Serienproduktionen der Vielschreiber wimmelt es von Wüterichen à la Conan, doch interessant wird es erst, wenn der Held einen Makel an sich entdeckt. Conan ist schwermütiger Bursche, der nur kämpft, wenn er muss (und dass muss er oft, denn so will es sein Schöpfer). Elric von Melniboné würde am liebsten den Geist aufgeben, doch seine Seele gehört seinem schwarzen Schwert Sturmbringer, und das hat andere Pläne.

VORSICHT SPOILER!

Tungdil muss zu seinem Leidwesen auch ein paar finstere Fakten über seine ungeklärte Herkunft erfahren. Das Märchen, das ihm sein Ziehvater Lot-Ionan auftischte, stimmt offenbar hinten und vorne nicht. Einmal heißt es sogar, er sei ein unehelicher Königssohn der Vierten, was ihn zu einem Untertanen König Gandogars machen würde. Aber auch das ist Käse bzw. eine Notlüge, um ihn zum Mitgehen zu bewegen, und Tungdil ist davon gar nicht erbaut. Die unangenehme Wahrheit scheint vielmehr die zu sein, die ihm sein intriganter Widersacher Bislipur auftischt: Tungdil sei wie er selbst ein Angehöriger der Dritten, die man auch als „Zwergentöter“ bezeichnet. Und kein rechtschaffener Zwerg will etwas mit einem der Dritten zu tun haben. Tungdil verschenkt seinen Königsanspruch stante pede an den Rivalen Gandogar und macht sich daran, den wahren Widersacher zu töten: Nod-onn.

Es ist ein äußerst fieser Einfall, den Helden auf diese Weise zum Werkzeug des Schicksals zu machen. Aber man erinnere sich an Frodo und Gollum im Schicksalsberg: Hier zeigt sich, dass es Gollums bedarf, um Frodo aus dem Wahn des Ringbesitzes zu befreien. (Will heißen, Gut und Böse gehören zusammen und bedingen einander.) Hinsichtlich Tungdils Schicksal ist die Ironie nicht geringer. Die rettende Feuerklinge, die die Zwerge in der Festung Drachenbrodem geschmiedet haben, entfaltet ihre spezielle Magie erst dann, so die Prophezeiung, wenn „ein Feind der Zwerge sie führt“. Bei Zauberin und Albin versagt die Klinge, und es ist ausgerechnet Tungdils Eigenschaft, ein „Zwergentöter“ zu sein, die ihn in die Lage versetzt, den größten Feind der Zwerge zu töten – nicht zuletzt zu seinem eigenen Erstaunen. Was natürlich seinen Zweifel widerlegt, ein Angehöriger der Dritten zu sein. Bislipur hatte Recht. Wird ihn jetzt noch irgendjemand lieben? Daumen drücken, Leute!

ENDE SPOILER

Heldentum und Theater

Das Finale, das in Schwarzjoch stattfindet, kann es zwar nicht mit der epischen Schlacht auf den Pelennorfeldern aufnehmen, ist aber auch nicht zu verachten. Es erinnert eher an die finale Schlacht der fünf Völker, die am Schluss von „The Hobbit“ stattfindet. Wie auch immer, der Held entpuppt sich als der, für den wir ihn schon immer gehalten haben: ein Schlaukopf und Kämpfer, der sich erst noch in die ihm – von Schicksal oder Schöpfer – zugewiesene Rolle hineinfinden muss.

Damit ihm so viel Heldenruhm nicht zu Kopf steigt, gibt es etliche Verweise auf Heldengeschichten, auf die sich Tungdil selbst stützt. Er verschweigt geflissentlich, dass die spezielle Geschichte, die ihn auf einen genialen Plan gebracht hat, nicht besonders gut für den Helden ausgeht. Der gibt darin nämlich den Löffel ab.

Ein weiteres heldenkritisches Element bilden die begeisterten Kommentare von Rodario, dem Theaterregisseur. Bezeichnenderweise nennt er sein Theater nicht nach den ollen Griechen, sondern bezeichnet es als „Kuriosum“, also lateinisch. Folgerichtig nennt er die Zuschauer „Spectatores“. Und wenn er Zeuge von Heldentaten wird, wie sie Tungdil & Co. vollbringen, so bricht er in Begeisterungsstürme aus. Äh, aber an manchen Stellen müsste man noch ein paar Dinge ändern, denn sie widersprechen der Zuschauererwartung. Und einige Statisten, wie etwa eine tobende Orkhorde, könnten sich als zu kostspielig in der Produktion erweisen.

Auf diese Weise lässt der Autor durchblicken, dass auch die Geschichte, die er erzählt, a) nur ein Schauspiel ist und b) möglicherweise dazu inszeniert wurde, den Spectator zu unterhalten. Folglich könnte es sein, dass der Erzähler ein paar, ähem, „Verschönerungen“ der etwas banaleren Wirklichkeit vorgenommen haben könnte. Cum grano salis.

Das Booklet

Es ist zwar nicht umfangreich, aber sehr informativ. Die erste Doppelseite listet alle wichtigen Figur auf, die im Verlauf der Handlung auftauchen oder erwähnt werden: Die fünf Zwergenstämme, die Menschen inklusive Magier und schließlich Die Anderen: Albae, Orks, ein Elbenfürst und ein Gnom.

Um all diese Völkerschaften und Institutionen wie etwa die Zauberreiche geographisch zuordnen zu können, zeigt die nächste Doppelseite zwei Landkarten dar. Diese tauchen in der Erzählung hin und wieder auf. Was auf den ersten Blick ein wenig verwirren könnte, ist die zweimal auftauchende Bezeichnung „Das Geborgene Land“. Der Unterschied zwischen den zwei Karten: Zunächst gibt Karte A den großen Überblick über die Lage der Königreiche im Geborgenen Land sowie über die Lage der fünf Zwergenstämme. Unübersehbar ist ein grauer Krake in der Mitte des Landes. Dies sind die Zauberreiche. Ihnen ist die Karte B gewidmet. Da sie einen größeren Maßstab hat, erkennt man auch die Elbenreiche, das Reich der Albae und die Region, wo sich die Orks festgesetzt haben.

Die dritte Doppelseite zeigt Werbung für weitere Hörbucher des Verlags und die letzte Seite Informationen über Autor, Sprecher und Macher. Insgesamt bietet das Booklet unentbehrliche Informationen, um den Überblick über die Vielfalt der Namen nicht zu verlieren. Insbesondere bei den Namen der Zwerge, die fast alle ein B oder G aufweisen, kann man sich leicht vertun. Ein Blick in die Liste verschafft dann wieder Klarheit.

Der Sprecher

Johannes Steck gelingt es, die Figuren, die durch die von Tolkien vorgegebenen Klischees geprägt sind, sehr gut zum Leben zu erwecken. Er schafft es nämlich, durch die Modulation seiner Stimme jeder Figur ihre passende Charakteristik zu verleihen. Das beginnt schon bei den Zwergen, wo es zwar fast nur tief sprechende Männer gibt, aber eben auch zwei Frauen, und die reden ganz anders.

Jeder männliche Zwerg ist unterscheidbar: Der Großkönig Gundrabur Weißhaupt von den Zweiten hat die tiefste, raueste und etwas altersheisere Stimme. Sein intriganter Widersacher Bislipur klingt ebenso heiser und tief, aber eben auch verschlagen statt majestätisch. Bavragor, der Steinmetz, macht seinem Schimpfnamen als „singender Säufer“ alle Ehre, und der furchtsame Goimgar klingt wie ein richtiges Weichei – es sei denn, er eilt seinem König zu Hilfe.

Am normalsten klingen noch König Gandogar Silberbart von den Vierten und Balendilín Einarm von den Zweiten. Der Zwerg, durch dessen Augen wir fast alle Szenen verfolgen, ist natürlich der Held, Tungdil. Und er klingt fast genauso wie der Erzähler, also völlig „normal“. Am besten gefiel mir der Zwergenkrieger Boindil Ingrimmsch, der sich über jede Gelegenheit, einen Ork niederzumachen, tierisch freut. Er hat für Tungdil den einen oder anderen bissigen Kommentar auf der Zunge.

Natürlich gibt es noch jede Menge anderer Wesen. Was kann man von einem hirnlosen, gierigen Ork schon anderes erwarten als eine hirnlose, gierige Sprechweise? Von Orks, Golems und Boglings ist schon gar kein vernünftiges Wort zu erwarten. Das machen die Furcht erregenden Alben mehr als wett, wenn sie sich mit drohenden Worten an ihren Opfern vergreifen. Tungdil gerät in die Klauen eines solchen Wesens.

Sind die Alben die dunkle, seelenlose Abart der Elben, so sollte man erwarten, dass die Elben wahre Lichtgestalten sind. Blond, blauäugig und hübsch – so werden sie geschildert, aber für die „Spitzohren“ haben die Zwerge (man denke an Legolas und Gimli im Rat Elronds) von jeher nur Spott und Verachtung übrig, wenn nicht sogar regelrechten Hass.

Irgendwo dazwischen stehen die Menschen. Die bemerkenswertesten unter den „Langen“, wie die Zwerge sie nennen, sind die Zauberer und die Schauspieler. Die Zauberer werden alsbald von dem Verräter Nudin bzw. Nod-onn dezimiert, den der Sprecher als Ausbund an Verkommenheit darstellt. Der gute Zauberer Lot-Ionan, ein Kollege von Gandalf dem Grauen (nicht dem Weißen), ist ein Ausbund an Sanftmut und Geduld, wenn wir ihn mal kennen lernen, was nur selten geschieht. Er kann es mit Nudin, der Saruman-Kopie, nicht aufnehmen.

Die Schauspieler sind Rodario, der Chef der Truppe, sodann Furgas, sein „Techniker“, und dessen Geliebte Narmora, eine Halbalbin, die als Mimin auftritt. Es ist Rodario, der wie Boindil einige herrliche Kommentare beisteuert, die dem ganzen heroischen Geschehen den einen oder anderen ironischen Aspekt abgewinnen. Wie es sich gehört, hat Rodario eine wunderbar theatralische Redeweise – er ist eben der Größte. Im Finale gibt es wenig für den Leser zu lachen, aber Rodario ist die einsame Ausnahme.

Insgesamt legt Steck eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit in seinem stimmlichen Ausdruck an den Tag, und da er am Schluss des Hörbuchs die Fortsetzung „Der Krieg der Zwerge“ in Aussicht stellt, dürfen wir uns bald wieder an seiner Sprachkunst erfreuen.

Das Hörbuch verfügt weder über Geräusche noch über Musik, aber dafür hat es ein informatives Booklet – siehe oben. Weil viele der CD-Schlüsse einen Cliffhanger aufweisen, will man sofort wissen, wie es weitergeht. Daher war es für mich überhaupt kein Problem, die 14 Stunden Hörzeit hinter mich zu bringen. Das kann ich nicht von jeder Hörbuchproduktion behaupten.

Unterm Strich

Dass die Zwerge zu einem Heldenepos taugen, habe ich schon immer geahnt, seit ich den „Hobbit“ gelesen hatte. Und Peter Jacksons formidable Verfilmung des „Herrn der Ringe“ ließ Gimli, den Zwerg, richtig gut zur Geltung kommen. Gimli mag zwar etwas ungehobelt daherkommen und etwas gegen die allzu hübschen Elben haben, aber dafür ist er offensichtlich bodenständig und mit einem Humor ausgestattet, mit dem man sich anfreunden kann. (Aber seine Erklärung zu den Zwergenfrauen hat ihm natürlich keiner abgenommen.)

Was uns Tolkien verschwieg, erfahren wir nun zum Teil von Markus Heitz. Der Auftaktband zu seiner Zwergentrilogie führt uns eine halbwegs eigenständige Welt vor Augen, in der sich ein Drama von weltbewegenden Dimensionen durchaus abspielen kann. Allerdings fielen mir jede Menge Imitationen von Tolkiens Ideen in „Der Herr der Ringe“ auf. Ich habe sie oben erwähnt. Es ist, als hätte der Autor versucht, krampfhaft von dieser übermächtigen Vorlage wegzukommen, aber dabei nur begrenzt Erfolg gehabt. Das kann aber auch Absicht sein: Der Leser erwartet einfach mehr à la Tolkien, und voilà!, das bekommt er auch.

Das Finale von „Die Zwerge“ ist angemessen dramatisch und actionreich. Es erinnert an die Schlacht von Helms Klamm und zugleich an das Finale von „The Hobbit“. Der Held entwickelt sich von einem relativ ahnungslosen, aber rechtschaffenen Gelehrten zu einem Menschenführer und Kämpfer, der die Entscheidung herbeiführt. Dass er dabei eine unangenehme Wahrheit über sich erfahren muss, macht ihn mehr als eindimensional und lässt auf eine weitere Entwicklung hoffen. Einen Ausgleich schafft sicherlich die Liebe. (Ich habe einen Großteil der Handlung verschwiegen, um die Spannung nicht zu zerstören, so etwa die Methode, mit der es Tungdil & Co. gelingt, den Widersacher Nod-onn zu besiegen.)

Der Prolog verhieß bereits jede Menge Unheil, das sich dann auch bewahrheitete. Dementsprechend ominös muss auch der Schluss des vorliegenden Bandes ausfallen. Rote Sterne fallen vom Himmel, als wären diese Welt die Drachenwelt Pern. Vielleicht ist wirklich was dran an Nudins Behauptung, es drohe eine Gefahr aus Westen. (Bei Tolkien droht sie immer aus dem Osten.) Fortsetzung folgt also: „Der Krieg der Zwerge“. Der dritte Band trägt den Titel „Die Rache der Zwerge“.

Das Hörbuch

Alle drei Teile finden in Johannes Steck einen kompetenten Sprecher, der es versteht, die einzelnen Figuren wiedererkennbar zu charakterisieren und die Szenen mit der angemessenen Dramatik oder mit Humor darzustellen. Ich hätte so manchen Satz anders betont, aber dieses Element liegt völlig im Ermessen des Sprechers. Nur wer genau hinhört, wird auf Details wie falsch ausgesprochene Name stoßen, beispielsweise „Drachenbodem“ statt „Drachenbrodem“ sowie „Balyndis“ statt „Balindys“ usw. Insgesamt ist das Hörbuch eine ausgezeichnete Leistung des Sprechers und der Aufnahmeleitung, und das Booklet erweist sich als unentbehrlich, um den Überblick nicht zu verlieren.

14 Stunden auf 11 CDs
ISBN-13: 9783899032697

http://www.HoerbucHHamburg.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Frederick Forsyth – Der Lotse (Lesung)

Weihnachtsgeschichte für Flugfreunde

Der bekannte Thrillerautor Forsyth war in jungen Jahren Jetpilot der Royal Air Force. Er erzählt hier eine Weihnachtsgeschichte, die sich in seiner Karriere hätte zutragen können. Mit dem Unterschied, dass der Lotse, der darin vorkommt, gar nicht existieren kann.

Der Autor

Frederick Forsyth, geboren am 25. August 1938 in der Grafschaft Kent, war mit 19 Jahren der jüngste Jetpilot der Royal Air Force. Nach seinem Ausscheiden 1958 wurde er Journalist und war als Auslandskorrespondent tätig. Ab 1965 arbeitete er als Fernsehreporter der BBC und berichtete aus Krisen- und Kriegsgebieten. Heute lebt er als freier Autor in London. Bereits mit seinem ersten Roman „Der Schakal“, der zweimal verfilmt wurde, erreichte er weltweit Bekanntheit. Wichtig sind auch seine Romane „Die Akte ODESSA“ und „Das vierte Protokoll“. Kürzlich erschien „Der Rächer“.
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Melvin Burgess – Doing it (Lesung)

Mal im Ernst: „Harte Jungs“ schwer in der Bredouille

Der Roman erzählt von drei Jungs, die zu einer Schülerclique an einer englischen Schule gehören. Die Primaner haben mehr Probleme mit dem anderen Geschlecht als mit ihren schulischen Leistungen. Allerdings hat das eine mit dem anderen zu tun.

Ben hätte es sich nie träumen lassen, eine Affäre mit seiner Lehrerin zu haben. Jonathan wird von der „dicken Kuh“ Deborah angemacht. Der beliebte Dino geht zwar mit Jackie, doch die will ihn nicht ranlassen. Dafür rächt er sich mit Siobhan, die in Wahrheit Zoe heißt. Als man Zoe steckt, dass Dino sie mit Jackie betrügt, dreht sie den Spieß um. Schon sehr bald breitet sich um Dino das Chaos wie ein Virus aus.
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Hans Kruppa – Der gefundene Schatz & Die ewige Blüte

Märchen für Seelensucher und New-Age-Jünger

Die CD bietet zwei „spirituelle Märchen“, in denen sich Weisheit findet und die zur Lebensfreude ermuntern. Der Autor liest die Texte selbst und lieferte auch die drei Musikstücke, die am Anfang, am Schluss und zwischen den beiden Texte erklingen. Die Texte versetzen den Hörer in ein „Land, in dem die Worte der Weisen noch Macht haben und das Wünschen auch den Machtlosen hilft.“ Empfehlenswert ab 12 Jahren.

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Chris Mooney – Victim (Hörbuch)

Frauen als Wild und Beute

Darby McCormicks Jugend endet abrupt, als sie und ihre Freundinnen Mel und Stacey Zeugen eines Mordes werden. Doch der Mörder sieht auch die Mädchen. Drei Tage später ist Stacey tot und Mel spurlos verschwunden. 20 Jahre später muss die Polizistin Darby McCormick ein verschwundenes Mädchen suchen. Sie stößt auf die völlig verstörte Rachel Swanson, die seit fünf Jahren vermisst wird. Darby stößt bei der Ermittlung der Hintergründe auf ein Netz aus Lügen. Und dass ihr der Mörder von damals immer noch auf den Fersen ist. (abgewandelte Verlagsinfo)
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Henri-Pierre Roché – Jules und Jim (Lesung)

Die Geschichte von „Jules und Jim“ und Kathe ist durch François Truffauts Film von 1961/62 bereits Legende geworden: eine „amour fou“ zu dritt. Zwei junge Literaten, der Deutsche Jules (gespielt von Oskar Werner) und der Franzose Jim, beide verliebt ins Leben und die Liebe, lernen sich 1907 (!) in Paris kennen und teilen fortan ihre Tage. Nichts kann sie trennen, bis eines Tages Kathe kommt, die aufregendste Frau, die ihnen je begegnet ist. Sie (gespielt von Jeanne Moreau) liebt beide, erst Jules, dann Jim, dann wieder Jules. Sie kann nicht ohne Jim leben, aber auch nicht ohne Jules. Bis zur letzten Konsequenz …
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Philip Pullman – Der Rubin im Rauch (Sally Lockhart 1) (Lesung)

Clever und schön: junger, weiblicher Sherlock Holmes

London 1872. Ein typisches Mädchen ihrer Zeit ist Sally Lockhart wahrhaftig nicht. Im Notfall kann sie mit einer Pistole umgehen. Außerdem versteht die 16-Jährige etwas von Zahlen und Finanzgeschäften. Mut und ihren Verstand braucht Sally unbedingt, denn nachdem ihr Vater im Südchinesischen Meer ertrunken ist, erreicht Sally ein rätselhafter Brief, in dem von den „sieben Wohltaten“ die Rede ist. Mit Hilfe des Fotografen Frederick Garland und des Botenjungen Jim Taylor findet sie heraus, dass ihr Vater wegen eines ganz besonderen Rubins ermordet wurde. Doch die Zeit läuft dem Trio davon, denn die „Sieben Wohltaten“ und ihre Diener sind Sally bereits auf der Spur.
Philip Pullman – Der Rubin im Rauch (Sally Lockhart 1) (Lesung) weiterlesen

Friedrich Ani – Wie Licht schmeckt (Lesung)

Nahtod und der Preis der Coolness

Eigentlich braucht er niemanden, findet der 14-jährige Lukas. Alleine, aber glücklich streift er durch die Stadt. Doch dann trifft er Sonja, ein blindes Mädchen, das ihn völlig aus der Fassung bringt. Selbstbewusst lädt sie ihn zum Schwimmen und in ein Restaurant ein und zeigt ihm eine Welt, wie er sie noch nie gesehen hat.

Plötzlich spürt Lukas alles viel intensiver: das Licht in den Straßen, die Stimmen der Menschen, den Wein auf seiner Zunge, das heiße Wasser einer Dusche, eine zarte Berührung. Lukas weiß, dass er Sonja nicht mehr verlieren will, nur wie er das schaffen kann, weiß er noch nicht.

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Pascal Mercier (Peter Bieri) – Nachtzug nach Lissabon (Lesung)

Ans Ende der Welt: eine Ermittlung in Sachen Leben

Eines Morgens steigt Raimund Gregorius, alternder Lateinlehrer in Bern, aus seinem stets geregelten Leben aus. Er hat eine Portugiesin kennengelernt, von der er dachte, sie wolle sich in die Fluten der Aare stürzen. Ganz neue Perspektiven eröffnen sich ihm. Als er das Buch „Worte des Goldschmieds“ des portugiesischen Autors Amadeo Prado in einem Antiquariat geschenkt bekommt, kennt Gregorius kein Halten mehr. Er muss nach Lissabon und mit dem Autor sprechen. Doch was er in Lissabon findet, ist viel, viel mehr …

Der Autor

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Henning Mankell – Hunde von Riga (Lesung)

Wallander goes East: Liebe und Verschwörung

An einem kalten Februartag des Jahres 1991 wird ein Rettungsboot bei Mossby Strand an die schwedische Küste getrieben. Darin liegen zwei Männer, beide tot, und wie Kurt Wallander feststellt, schon vor Tagen ermordet. Die Spuren führen ihn nach Riga, wo er Baiba Liepa kennen lernt, die Frau eines ermordeten Polizisten, der zu viel wusste über die Verbrechen in seinem Land. Wallander verliebt sich in Baiba, und sie hilft ihm bei seinen waghalsigen Ermittlungen, die ihn tief hineinführen in ein perfides Komplott

Der Autor

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Frank Cottrell Boyce – Millionen (Lesung)

Money – what is it good for?

Zugegeben: Es passiert eher selten, dass Geld vom Himmel fällt. Doch eines Abends landen Millionen vor Damians Füßen. Um genau zu sein: 22 Millionen und 937.000 englische Pence, das sind 229.937 Pfund Sterling. Damian glaubt, dass das Geld nur von Gott sein kann, denn schließlich hat er dem gerade gesagt, dass seine Mutter tot ist. Und von seinem großen Bruder Anthony weiß er, dass die Leute einem immer etwas geben, wenn du ihnen erzählst: „Meine Mum ist tot!“ Außerdem: Wer sonst hätte so einen Haufen Geld? Aber es ist nicht immer nur erquicklich, so reich zu sein. Die beiden Brüder, die das Geheimnis des göttlichen Geldgeschenks für sich behalten, haben nur 17 Tage Zeit, es auszugeben. Denn dann wird in England der Euro eingeführt … (abgewandelte Verlagsinformation)

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Andreas Steinhöfel – Die Mitte der Welt (Lesung)

Phil wächst in einem süddeutschen Dorf auf, aber nicht in dessen Mitte, sondern am Rande. Seine Mutter ist Amerikanerin, sein unbekannter Vater Amerikaner. Seine Entwicklung am Rande der Gesellschaft ist gekennzeichnet von Auseinandersetzungen, seine Liebe zu einem anderen Jungen bedeutet deshalb für ihn Anerkennung und Befreiung. Aus dieser Spannung zwischen Ausgrenzung einerseits und Liebe andererseits bezieht der Roman seine Spannung. Und da viele Geheimnisse erst am Schluss gelüftet werden, bleibt der Hörer bzw. Leser von Geschichte bis zum Schluss gefesselt.

Der Autor

Andreas Steinhöfel, geboren 1962 in Battenberg, studierte Amerikanistik, Anglistik und Medienwissenschaften. Er schreibt Drehbücher, Rezensionen und seit 1991 zahlreiche Kinder- und Jugendbücher.

Der Sprecher

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Wolfsmehl – Königshaut (Hörspiel)

Das musikreiche Hörspiel „Königshaut“ ist ein Gegenstück zum „Jedermann“, in dem die Zeit, und nicht der Tod, die Hauptrolle spielt. Es ist aber auch eine phantastische Zeitreise in die umgekehrte Richtung – ein Märchen für Erwachsene.

Der Autor

Wolfsmehl, geboren 1960, wuchs auf Schloss Fronberg im Oberpfälzischen auf und schrieb Lyrik, Romane, Satire und Theaterstücke. 2004 wurde ihm der Nordgaupreis des Oberpfälzer Kulturbundes für Dichtung zuerkannt. Zusammen mit Sabine Goller führte er auch Regie bei diesem Hörspiel.

Die Sprecher und ihre Rollen

Walter Schmidinger: König, Königshaut
Klaus Maria Brandauer: Die ZEIT
Isabella Grothe: die Königin
Konrad Halver: Erzähler
Rolf Jülich: Bauer, Vater von Allegra
Uli Krohm: Hauptmann
Miriam Maertens: Allegra
Helmut Markwort: Räuber
Dietmar Mues: Narr
Ursula Pages: Wahrsagerin
Jan Hendrik Richter: Prinz, Allegras & Königshauts Sohn

Hier sind also einige namhafte Schauspieler versammelt. Etwas erstaunlich ist der Auftritt von Helmut Markwort, einem Journalisten.

Musik und Lieder

Die Musik sowie die zahlreichen Songs komponierte Hans Kraus-Hübner. Sechs Musiker setzten sie um. Den Gesang zu dem Lied „Ein Stern“ steuerte Bhawani Moennsad bei.

Handlung

Die ZEIT tritt auf: „Im Osten bin ich losgegangen. Nach Westen treibt mich mein Verlagen. Norden und Süden durchquerte ich, verpasse der Welt ein zeitliches Gerüst. Und niemals bleib‘ ich dabei stehn, doch ist es hier und heut‘ geschehn.“

Die ZEIT besucht den jungen König, der sich zu einem Despoten entwickelt hat. Der ZEIT hält er Macht und Stärke entgegen, doch die ZEIT zeigt ihm, dass Alter und Gram Furcht erregende Gegner sein können. Ein Blick über die Mauer zeigt dem König lediglich Gräber. Um ihre Macht zu demonstrieren, belegt die ZEIT den König mit einem Bann. Worin dieser besteht, wird erst allmählich klar.

Seine Gattin, die noch ziemlich knackig sein muss, zeigt sich besorgt über den körperlichen Zustand ihres Mannes, der plötzlich zum Greis geworden ist, und will ihm die Ärzte schicken. Doch ihm steht der Sinn nach handfesteren Dingen: Er weiß, dass sie ihn mit dem Narren betrogen hat. Die Königin fürchtet um ihr Leben und das ihres Geliebten und verleumdet ihn bei seinen Männern. Diese verkennen den alt gewordenen König und verhaften den „Thronräuber“. Obwohl er beteuert, dass die Königin lüge, lassen sie ihn ans Kreuz schlagen. Dort hängt er neben seinem Nebenbuhler, dem Narren.

Die neue Herrscherin ruft zum Krieg auf. Sie hat ihre Rache dafür vollendet, dass er ihren Geliebten ans Kreuz hat schlagen lassen. Als Gnadenbezeigung lässt sie den Alten in die Gosse werfen, während sie ihren Geliebten zu heiraten gedenkt.

Die ZEIT mahnt den Alten, nicht aufzugeben. Auch eine Wahrsagerin prophezeit ihm eine Zukunft. „Nur Mut! Krieche weiter!“ Ein Räuber singt über das sprichwörtliche letzte Hemd und verflucht den Alten als erbärmlichen Bettler, der doch glatt die Frechheit besitzt zu behaupten, der König zu sein. Offenbar ist er auf einmal jünger geworden! Jahre vergehen, bis er in der Mitte des Lebens angelangt ist.

Hälfte des Lebens: Sonnenschein

Das Bauernmädchen Allegra singt von Liebessehnsucht, als ein Mann auftaucht und auf dem Hof ihres Vaters Arbeit als Knecht sucht. Er stellt sich mit einem ellenlangen Namen vor, den sich kein normaler Mensch merken kann, daher nennt ihn Allegra kurzerhand „Königshaut“. Er und Allegra werden zunächst Freunde, dann ein Liebespaar und sie schenkt ihm einen Knaben, den sie einfach „Prinz“ nennen. Man hört, wie ein Kleinkind eine Uhr aufzieht. Jahre vergehen, und die Familie ist glücklich, nachdem Königshaut den Hof geerbt hat.

Doch eines Tages wird ein Spion der grausamen Königin auf die Familie aufmerksam. In einem Streit sterben sowohl der Spion als auch Allegra, und der Bauernhof geht verloren. Er muss mit Prinz auf die Straße und sich dort als Tagelöhner durchschlagen. Während Prinz abenteuerlustiger wird, empört sich Königshaut immer mehr über die Zustände in seinem früheren Königreich, das sie nun betreten haben. Prinz will das Reich der „Großen Spinne“ brennen sehen, sobald er die Wahrheit darüber erfahren hat, wie seine Mutter ermordet wurde. Diese Worte jedoch vernimmt ein weiterer Spion, der die beiden Männer verhaften und in den Kerker werfen lässt.

Ironischerweise trifft Königshaut hier seinen früheren und wirklich alt gewordenen Nebenbuhler wieder, den Narren. Er liegt in Ketten, genau wie seine neuen Gefährten, und beklagt, dass er zwar König geworden war, aber quasi nur für einen Tag. Denn er zeugte der Königin keinen Thronfolger, und so wandte sie sich nach ein paar Jahren einem Jüngeren zu. Sie ließ den Narren blenden und einsperren. Dass Königshaut der frühere König gewesen sei, kann er angesichts der jünglingshaften Stimme nicht glauben.

Da erscheint eines Tages die Königin zu Besuch im Kerker. Da das Volk aufrührerisch geworden sei, seit der sehr beliebte Narr fehle, wolle sie ihn zurückhaben. Dumme Sache: Der besagte Herr hat bereits den Löffel abgegeben. Na schön, kriegt er eben ein Staatsbegräbnis, was soll’s. Sie bietet Königshaut und Prinz die Freiheit, wenn er, Königshaut, bereit sei, die Rolle des Narren zu spielen, um das Volk zu beruhigen. Also macht sie ein „Angebot, das er nicht ablehnen kann“: Sie droht, Prinz zu kreuzigen. Okay, überredet.

Später bittet sie Königshaut, ihr Gemahl zu werden und bereitet die Krönung vor. Prinz, der Thronfolger werden soll, wünscht jedoch etwas ganz anderes: die Freiheit nämlich. Sein Vater zeigt ihm einen Geheimgang, durch den er entkommt. Danach zählt Königshaut die Stunden, bis die Königin ihn holen kommt, um ihn zu krönen. Wird er den Fluch von Hass und Verrat durchbrechen?

Da tritt die ZEIT wieder auf. Diesmal nennt sie sich anders: TOD.

Mein Eindruck

Bei diesem besonders musikorientierten Hörspiel möchte ich mich vor allem auf die Sprecher und die Musik konzentrieren. Deshalb wird dieser Abschnitt hier vergleichsweise kurz ausfallen.

Instant Karma

Der Aufbau der Handlung gleicht einem Kreis, ist aber in Wahrheit eine Spirale. Denn wenn der König wieder in seinen Palast, aus dem er verstoßen worden war, zurückkehrt, dann nicht in den Thronsaal, sondern in den Kerker. Und es handelt sich keineswegs um den gleichen König, was seine Weisheit anbelangt. Anfangs war er ein unwissender Despot, nun ist er ein weiser alter Mann in einem jungen Körper. Würde die ZEIT ihm einen weiteren Zyklus, ein weiteres Karma sozusagen, gönnen, so würde dabei wieder nur eine Spirale daraus. Doch all dies gehört zum „Rad der Zeit“, das des Öfteren beschworen wird.

Leben im Rückwärtsgang

Der Fluch der ZEIT, mit dem sie des Königs Schicksal aus sämtlichen Bahnen wirft, erweist sich nicht als so deprimierend, wie der Zuhörer anfangs befürchtet. Es sieht zwar lange so aus, als ob dieser zweite King Lear alsbald den Löffel abgeben würde, doch so wie der rückwärts in der Zeit lebende Zauberer Merlin (bei T. H. White) auch eine Geliebte (je nach Legende heißt sie Viviane oder Nimue) findet, so wird auch dem jung gewordenen Königshaut die Gnade der Liebe zuteil, in Gestalt der Allegra.

Gnade der Liebe

Sie ist keineswegs eine „Buhle“ wie im „Jedermann“, sondern eine reine Seele, die sich gerne mit Königshaut zusammentut. Allerdings wird nicht thematisiert, wenn ich mich recht entsinne, dass sie sich über seine fortschreitende Verjüngung wundert. Immerhin sind sie ein paar Jährchen zusammen, bis der junge „Prinz“ groß genug ist, um mit seinem Vater auf Wanderschaft zu gehen. Auch der Tod Allegras wird viel zu kurz zur Sprache gebracht, finde ich, gerade so, als ob eine lästige Wendung der Handlung schnell bewältigt werden müsse. Dabei hatte Allegra doch mit ihrem hoffnungsvollen Stern-Lied sämtliche Sympathien des Hörers auf sich ziehen können. Ein ziemlich schnödes Abservieren seitens des Autors.

Die Rache des Narren

Sehr ironisch ist dann jedoch wieder die Begegnung mit seinem Nebenbuhler, dem Narren. Dieser abgelegte Lover der Queen fristet nun im Kerker seine letzten Tage, und da er von ihr buchstäblich und metaphorisch geblendet wurde, kann er auch nicht erkennen, wen ihm nun das Schicksal wieder in seine Zelle geworfen hat: seinen einstigen Rivalen nämlich. Sie haben einander einiges zu sagen über die Gunst von Königinnen und die Vergänglichkeit der Liebe.

Geradezu zynisch wird die Angelegenheit, als der einstige Lover im Interesse der Macht noch einmal wiederauferstehen soll, um das Volk zu beruhigen, das unter den Kriegen der Königin Hunger leidet. Das erinnert an das Finale von „El Cid“, als die Spanier dessen Leiche aufs Pferd binden, damit er die Truppen gegen die Mauren anführe. Allerdings macht der Narr eben keine heroische Figur dabei, sondern eben eine närrische – wie könnte es anders sein. Aber dazu kommt es ja nicht, denn der Narr hat seine Schuldigkeit getan und gibt den Löffel vorzeitig ab, sicher zum Verdruss der Königin – seine letzte posthume Rache sozusagen für die Behandlung, die sie ihm zuteil werden ließ. Es gibt also poetische Gerechtigkeit.

|Märchen oder Fantasy?|

Warum wird eigentlich nicht die Königin eines Besseren belehrt? Nun ja, das wäre doch etwas abgedroschen gewesen. Schließlich haben das ja schon die alten Griechen zur Genüge besorgt. Arachne wurde in eine Spinne verwandelt, Niobe wurde mitsamt ihren Kindern gestraft und viele weitere Frauen bekamen von diversen Göttinen (meistens von Jupiters Göttergattin Hera/Juno) eins aufs Haupt. Diese Variante wäre also gezwungen, eine der alten Sagen zu wiederholen, was doch etwas witzlos wäre.

Stattdessen bekommen wir mit „Königshaut“ die Story von Shakespeares King Lear und T. H. Whites Merlin im Doppelpack, angereichert mit einem ganz eigenen Schluss. Dies ist übrigens keine Fantasy, denn in der Fantasy – jedenfalls nach Tolkien – treten keine Allegorien auf: Verkörperungen abstrakter Begriffe wie Zeit. Eine Ausnahme bildet jedoch TOD. Er hat eine wichtige und nicht mehr wegzudenkende Hauptrolle in vielen der parodistischen Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett – und spricht stets in GROSSBUCHSTABEN. Außer Pratchett traut sich niemand, Allegorien auftreten zu lassen. Das macht „Königshaut“ zu einem modernen Kunstmärchen.

Die Sprecher & die Inszenierung

Ich muss zugeben, dass ich große Probleme hatte, Walter Schmidingers tiefe, alte, raue Stimme zunächst mit einem jungen König zu verbinden. Das hat mich völlig aus dem Konzept gebracht und ich musste diese Passage noch einmal hören, um schlau daraus zu werden. Aber auch die Königin ist keine junge Hüpferin, sondern klingt schon etwas reifer, sagen wir mal, um die vierzig. Das haut aber ebenfalls nicht hin, denn vom Konzept her ist ihre Figur zwischen 20 und 25 Jahren alt. Das passt auch besser zum Rest der Entwicklung ihrer Figur.

Die ZEIT wird von Klaus Maria Brandauer gewohnt ironisch gesprochen und fand bei mir sehr viel Anklang, selbst dann, wenn Brandauer mal singt. Dann wieder tiefste Verwirrung, als Helmut Markwort, der ehemalige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins FOCUS, anfängt, ein Lied zu schmettern und ich ihn deshalb für einen Bänkelsänger halte. Ist er aber mitnichten, sondern er stellt einen Räuber dar.

Alle anderen Darsteller passen gut zu den jeweiligen Figuren, sei es nun die junge Allegra, der junge Prinz oder der alte Bauer Sepp, Allegras Vater. Gewöhnungsbedürftig dann wieder die Figur des Narren: Wenn er (am Anfang) jung ist und neben dem König am Kreuz hängt, hat er dieselbe Stimme wie im Kerker, an seinem Lebensende nach etlichen Jahren. Natürlich wäre es etwas schwierig gewesen, seinen Sprecher Dietmar Mues mal ruckzuck auszutauschen, denn das hätte den Hörer vielleicht noch mehr verwirrt.

Musik und Songs

Sehr gut fand ich hingegen, dass zumindest eine Figur eine Erkennungsmelodie vorweisen kann: Das ist die Königin. Stets verblüffte mich das Tempo ihrer Erkennungsmelodie, die mindestens aus Achtel- und Sechzehntelnoten besteht und ganz schön flott daherkommt.

Der Großteil der Songs beschäftigt sich auf nachdenkliche oder auch ironische Weise mit aktuellen Themen, wie etwa den verschiedenen Aspekten der Zeit. Bei den Songs handelt es sich nicht um Moritaten, denn diese würden jeweils eine moralisch lehrreiche Erzählung beinhalten. Doch hier sind es einfach sehr schön komponierte Lieder, deren Herkunft man eher aus der Ecke Brecht/Weill („Dreigroschenoper“) vermuten würde.

Einzige Ausnahme davon ist die sehnsüchtige Liebesballade der Allegra. Sie singt von „einem Stern“, dem all ihre Träume und Wünsche gelten. Diese Ballade würde in jedes Musical passen.

Apropos Musical: Für ein modernes Musical fehlt „Königshaut“ erstens die richtige Thematik und zweitens der Glamour. Zeit / Lebenszeit – das ist eine wohl zu abstrakte Materie, um sie in ein Musical zu packen. Und der Glamour stellt sich schon deswegen nicht ein, weil Story und Musik dem entgegenstehen. Brecht/Weill haben ja auch kein Liebeslied für Mäckie Messer geschrieben, sondern stattdessen von einem „Haifisch“ erzählt. Dennoch fehlt am Schluss auch der obligatorische Rausschmeißer nicht, ein fetziger Song für das gesamte Ensemble, bei dem jeder Zuhörer mitsingen darf.

Will also „Königshaut“ unterhalten oder belehren? Es will beides: unterhaltende Belehrung – oder zumindest Erkenntnis. Schließlich handelt es sich um ein Märchen, und der Zweck von Märchen ist, so unterhaltsam sie auch daherkommen mögen, stets auch etwas belehrend. Mal warnen sie, mal loben sie Tugenden. Und Königshaut zeigt, was passieren könnte, wenn …

Unterm Strich

Die Vorlage für das Hörspiel ist eine durchdachte Kombination verschiedener Vorbilder, die eine große Wirkung auf den Leser/Hörer auszuüben vermag. Die Umsetzung im Hörspiel jedoch weist mehrere Ecken und Kanten auf, die das Stück nicht einfach aufzunehmen machen. In erster Linie sind dafür die Stimmen der Sprecher verantwortlich. Ich finde, hier hätte man subtiler und verständnisorientiert besetzen müssen.

Die Songs haben mir gut gefallen, obwohl sie zur Handlung nichts beitragen, sondern lediglich eine Metaebene des Verständnisses bilden: Was eben die Figuren über das Thema Zeit usw. denken und empfinden. Es gibt mehrere Motive wie die Erkennungsmelodie der Königin, und Songs wie den von Allegra, die mir sehr gut gefallen haben. Die meisten Lieder stehen in der Tradition von Brecht/Weill und vielleicht Georg Kreisler („Gehma Tauben vergiften im Park“). Auf einer Bühne dürften sie ihre volle Wirkung entfalten.

„Königshaut“ ist ein Märchen für Erwachsene. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kinder und Jugendliche mit den harten Realitäten, die hier verhandelt werden (Ehebruch, Krieg, Kreuzigung, Raub und Mord) etwas anfangen können. Spaß bereitet das Zuhören wohl erst nach mehrmaligem Anhören.

|84 Minuten auf 2 CDs
Hörbuch Hamburg|

Larsson, Åsa/Asa – Bis dein Zorn sich legt

_Tödliches Geheimnis unterm Eis_

Ein unbeschwertes Liebespaar: Im Sommer haben sie beim Tauchen ein Flugzeugwrack entdeckt. Jetzt ist der Vittangjärvi-See zugefroren. Niemand stört sie, als sie ein Loch in das dicke Eis sägen und sich in die Tiefe hinunterlassen. Niemand? Plötzlich ein geisterhafter Schatten: Die Markierungsleine wird gekappt, die Öffnung ins Freie durch eine Holztür versperrt. Die beiden haben keine Chance.

Die Polizistin Rebecka Martinsson übernimmt den Fall. Schnell wird klar, dass das Paar einem Geheimnis auf der Spur war. Das Flugzeug ist nämlich eine deutsche Junkers aus dem II. Weltkrieg. Was mag sie wohl bergen? Rebecka entdeckt ein gefährliches Netz aus Schuld, Angst und Verrat, in das die Bewohner ihres Heimatortes verstrickt sind. Und eine Geschichte, die nicht vergehen will.

_Die Autorin_

Åsa Larsson wurde 1966 in Kiruna geboren. Sie arbeitete als Steueranwältin, bis sie beschloss, Autorin zu werden. Mit ihrem ersten Krimi „Sommersturm“, der 2003 ausgezeichnet wurde, machte sie in Schweden Furore. Der zweite Roman „Weiße Nacht“ erhielt den Schwedischen Krimipreis 2004 und stand lange auf der Bestsellerliste.

Mehr von Åsa Larsson auf |Buchwurm.info|:

[„Weiße Nacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3918
[„Der schwarze Steg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4919

_Die Sprecher_

Nina Petri gab ihr Schauspieldebüt in der TV-Serie „Rote Erde“ und war seitdem in vielen Erfolgsfilmen zu sehen, unter anderem in „Lola rennt“ und „Emmas Glück“. Sie wurde mit dem Bayerischen Filmpreis und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

Ulrike Grote spielte nach der Schauspielausbildung im Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg und an der Wiener Burg. Seit 2001 ist sie in diversen Film- und Fernsehrollen zu sehen, wie etwa „Das Kanzleramt“ und „Tatort“. Seit 2003 arbeitet sie auch als Regisseurin. Für ihren Kurzfilm „Ausreißer“ gewann sie 2005 den Internationalen Studenten-Oscar in der Kategorie Bester ausländischer Film; ein Jahr später erhielt der Kurzfilm eine Oscar-Nominierung.

Stephan Schad, 1964 in Pforzheim geboren, lernte an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Danach spielte er auf verschiedenen deutschen Bühnen und gehört seit 1998 dem Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters an. Außerdem arbeitet Schad für Film und Fernsehen sowie als Sprecher. Für |Hörbuch Hamburg| hat er unter anderem von Alan Weisman „Die Welt ohne uns“, von Rolf Lappert „Nach Hause schwimmen“ (mit Peter Jordan) und von Anna Gavalda [„Alles Glück kommt nie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5414 (mit Nina Petri) gelesen.

Bei den Aufnahmen in den Eimsbütteler Tonstudios führte Gabriele Kreis Regie.

_Handlung_

Dies erfahren wir von dem schwebenden Geist, der uns die Geschichte erzählt …

Am 9. Oktober fahren sie, die 17-jährige Wilma, und ihr Freund Simon, 18, zu dem zugefrorenen See, um zu tauchen. Sie vermuten, dass im See das Wrack eines deutschen Flugzeugs der Wehrmacht liegt, das vom schwedischen Kiruna nach Norwegen wollte. Das Wrack liegt zwar in nur 17 Metern Tiefe, aber dort unten ist es stockdunkel, findet Wilma.

Nur die Sicherheitsleine verbindet sie und den ins Wrack tauchenden Simon mit Licht und Luft. Sie haben die Leine an einem Holzkreuz befestigt, das über dem Luftloch in der Eisdecke liegt. Plötzlich merkt sie, dass die Leine schlaff wird und zu ihr herunterfällt. Als sie auftaucht, liegt eine Tür über dem Luftloch und jemand steht darauf. Ihr geht der Sauerstoff aus, als der Atemregler vereist. Welcher Wahnsinnige hat ihr den einzigen Ausgang zum Leben versperrt?

Es ist Donnerstag, der 16. April, als Östen Marjavaara aus dem Eisloch im Fluss Wasser holen will und eine Leiche entdeckt. Sie steckt in einem Taucheranzug. Östen alarmiert die Polizei. Staatsanwältin Rebecka Martinsson ist in ihr Elternhaus in der Heimat zurückgekehrt und schläft wie ein Murmeltier. Bis sie um vier Uhr morgens von einem jungen Mädchen geweckt wird, dem Wasser aus Mund und Nase läuft. Es sagt: „Es war kein Unfall, ich bin nicht im Fluss gestorben, er hat mich hingetragen.“ Dann läuft die Gestalt weg. Rebecka erwacht. Nur ein Traum.

Am nächsten Tag steht Rebecka neben den zwei Polizisten Sven Erik Skolnake und Annamaria Mälla. Die Leiche der jungen Frau sei schon ziemlich angeknabbert, lag also schon lange im Wasser. Das Auto der Taucherin habe man gefunden, aber man vermisse noch ihren Begleiter. Seltsam ist nur, dass der Tank fast leer ist. Die Taucher hätten es nicht mal bis zur nächsten Tankstelle geschafft. Mälla benachrichtigt die achtzigjährige Anni, die Urgroßmutter Wilma Perssons. Rebecka erfährt bei der Obduktion, dass sich unter Wilmas Fingernägeln grüne Lackreste befinden. Als ob sie an lackiertem Holz gekratzt hätte. Der Gerichtsmediziner ist erstaunt, als sie ihn fragt, ob er feststellen könne, ob Wilma woanders als im Fluss gestorben sei. Eine Woche später kann er dies bestätigen: Wilma starb in einem See.

Von ihrem Nachbarn erfährt Rebecka , dass im Dorf, wo Wilma bei Anni lebte, die Fuhrunternehmerfamilie Kräkola eine despotische Herrschaft ausübe. Doch vor einer Woche habe Isaak, der Patriarch, einen Herzinfarkt erlitten. Von Anni erfährt Annamaria Mälla, dass Wilma eine Verwandte der Kräkolas war und sie des Öfteren besuchte. Doch die Kräkolas sind auf „Bullenbräute“ wie Annamaria überhaupt nicht gut zu sprechen. Sie zerstechen ihre Reifen und klauen ihr Handy. Rebecka verbietet ihr, Rache zu üben, sondern schaltet die Medien ein. Ein Mann meldet sich, der eine Tür auf dem Eis des Sees gesehen hat. Kein Wunder: Sie wurde ihm geklaut.

Silfors gibt ihnen den Hinweis auf Jörleifur Arnasson, einen Einsiedler, der am See lebt. Vielleicht habe der was gesehen oder gefunden? Arnasson stellt sich als freundlicher Ökobauer heraus, der einen süßen Hund hat. Doch ob er mit der Polizei reden will, weiß er noch nicht. Als sie am nächsten Tag wiederkommen, liegt Arnasson tot auf dem Boden seiner Hütte. Alles wurde so arrangiert, dass es wie ein Unfall aussieht. Doch Rebecka und Annamaria fallen mehrere Ungereimtheiten auf.

Jemand will nicht, dass sie die Wahrheit über und den wahren Grund für Wilmas und Simons Tod herausfinden. Und derjenige geht dabei über Leichen, um sein schreckliches Geheimnis zu hüten …

_Mein Eindruck_

In einer kunstvollen verschlungenen Abfolge von realer Gegenwart, Geisterpräsenz und zahlreichen Rückblenden bis ins Jahr 1943 entfaltet die Autorin vor dem geistigen Auge des Lesers (und Hörers) ein Panorama von Beziehungen sowie ein Drama der verhängnisvollen Verstrickungen. Die beiden ahnungslosen Taucher rühren an ein Geheimnis, das niemals das Licht des Tages erblicken darf.

Denn es bedeutet die bleibende Schande über eine ganz bestimmte Familie, eine ganz bestimmte Frau. Die Schande besteht vor allem in der Kollaboration mit der deutschen Wehrmacht und Angehörigen der SS während der letzten Jahre des II. Weltkriegs. Damals kollaborierten Schweden aus Kiruna mit den Deutschen aus Profitgier gegen die norwegische Widerstandsbewegung.

Nicht nur wiegt die Schuld am Tod der Widerständler und Flüchtlinge schwer auf dem Gewissen der Frau. Die Furcht vor den Folgen der Entdeckung ihres Geheimnisses wiegt noch viel schwerer und veranlasst sie zu Kurzschlussreaktionen. In der Folge müssen ihre beiden Söhne, die selbst in Schuld verstrickt sind, dafür büßen, indem sie immer wieder dafür sorgen, dass das Geheimnis unentdeckt bleibt.

Als Rebecka Martinsson und Annamaria Mälla in der Vergangenheit des Dorfes am See stochern, stechen sie in ein Wespennest. Schließlich geraten sie aus der Schusslinie mitten ins Visier der Mörder. Es kommt zu einem packenden und zugleich tragischen Finale an den Ufern des verhängnisvollen Sees. Mehr darf nicht verraten werden.

Zugleich ist dies wieder mal eine Geistergeschichte, wie schon „Der schwarze Steg“. Der Geist der toten Wilma Persson erzählt uns von ihrem traurigen Geschick. Doch zugleich greift der Geist der Ungerächten ins Geschehen ein, indem er sich den Schlüsselfiguren zeigt und an ihr Gewissen appelliert. Wilma verkörpert nicht nur das schlechte Gewissen, sondern auch den Schrei nach Gerechtigkeit, auf dass ihr schändlicher Tod (und der ihres Freundes Simon) endlich gesühnt werde.

Der Autorin gelingt durch die Schichtung der Zeitebenen und des Berichterstatter-Ensembles – sie braucht nicht weniger als drei – ein Gewebe aus Beziehungen, das sich aus vereinzelten Anfängen entwickelt und bis zu einer Krise verdichtet: Etwas muss nachgeben. Doch welche Figur das sein wird, ist noch völlig offen. Besonders gefiel mir die Darstellung des Hjalmar Kräkola, eines unterdrückten Mathematikgenies aus der Provinz. Auf schicksalhafte Weise an seinen kriminellen Bruder Tuure gekettet, strebt er nach Ausbruch, doch stets gibt er den Befehlen seiner Mutter und seines Bruders nach. Gibt es für ihn eine Hoffnung auf Freiheit?

|Die Sprecher|

Nina Petri, die für die Gegenwart und die realistische Schilderung zuständig ist, beschreitet einen Mittelweg aus kontrolliertem Sprechen und emotionaler Aufladung dieses Sprechens in bestimmten Situationen, so etwa besonders in heiteren Szenen. Die Charakterisierung durch besondere stimmliche Charakteristik ist Petris Stärke hingegen nicht. Nicht jeder kann ein Rufus Beck sein.

Ulrike Grotes Stärke ist die Umsetzung von Emotionen in Sprechweisen. Ihr fällt es leicht, eine Figur durch die Art, wie sie sich ausdrückt und in bestimmen Situationen verhält, zu charakterisieren. Sie ist zuständig für die Szenen, in denen die Person und der Geist von Wilma Persson auftritt.

Stephan Schad ist für die Rückblenden auf Hjalmar und Tuure Kräkola zuständig. Dabei erzählt er vor allem jene folgenreiche Episode im Jahr 1956, als Hjalmar seinen jüngeren Bruder Tuure „verlor“, wie man ihm danach vorwarf, obwohl doch in Wahrheit Tuure sich von ihm getrennt hatte. Alle weiteren Szenen zwischen den zwei Brüdern werden von Schad vorgetragen, durchaus angemessen und mit einem rechten Maß an Realismus, Innenschau und Emotion. Schad ist ein guter Erzähler mit einem Timbre in der Stimme, das mich gefesselt hat.

_Unterm Strich_

Die Wahrheit aufzudecken ist gefährlich. Das müssen die Staatsanwältin und ihre Polizisten immer wieder erfahren, als sie den mysteriösen Fall der toten Eistaucherin lösen wollen. Denn dies geht nur durch das tiefe Graben in der fernen Vergangenheit vor 60 Jahren, als hier in der Ödnis der Bergbaulandschaft um Kiruna deutsche Soldaten und SS-Offiziere Jagd auf norwegische Widerständler und dänische Flüchtlinge machten – unterstützt von schwedischen Kollaborateuren.

Ist dies ein Geheimnis, für das noch heute gemordet werden muss? Rebecka Martinsson will es herausfinden. Doch wer nun einen Thriller nach dem Vorbild von Dan Browns „Meteor“ oder Indridasons „Gletschergrab“ erwartet, ist auf dem Holzweg. Die Autorin Larsson verfügt über ganz andere Stärken und hat ein ganz anderes Interesse als die genannten Herren. Dennoch ist das Finale ebenso spannend und dramatisch.

|Das Hörbuch|

Die Sprecherin Ulrike Grote verleiht den Szenen ihre emotionale Tiefe und erweckt die Figuren zum Leben, indem sie möglichst emotional vorliest. Zum Glück nicht so, dass sie übertrieben wirkt, sondern so, dass sie hinter den Figuren zurücktritt. Nina Petri ist für die realistischen Szenen aus der Gegenwart zuständig, und Stefan Schad nimmt sich des Blickwinkels von Hjalmar Kräkola an.

Diese Aufteilung mag zwar ein wenig teurer als der standardmäßige Einfrau- oder Einmannerzähler gewesen sein, wertet das Hörbuch aber fast schon zu einem Hörspiel auf, denn es gilt ja, verschiedene Rollen zu interpretieren. Ich fand diesen Wechsel fesselnd, denn er hielt ständig meine Aufmerksamkeit wach und hielt mich dazu an, die anderen Blickwinkel zu beurteilen. Eine Geschichte, die sich über 60 Jahre erstreckt, erfährt viele Interpretationen, und das meiste wird verschwiegen. Das Erzählen bedeutet also auch Entdecken. Und das fand ich spannend.

|Originaltitel: Till dess din vrede upphör
Originalverlag: Albert Bonniers Forlag, Stockholm 2008
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gabriele Haefs
301 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-641-1|
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.asa-larsson.de

Mooney, Chris – Secret

_Moderne Kripo-Schutzhelfer: Batman, Maria und Hannibal Lecter_

Als Emma Hale, eine junge Hardvard-Studentin und Millionenerbin, aus Boston verschwindet, fehlt monatelang jede Spur von ihr. Bis ihre Leiche im Charles River entdeckt wird. Nun ist die Studentin Judith Chen nach zwei Monaten des Verschwindens ebenfalls im Wasser gefunden worden. Die Bostoner Polizeipräsidentin weist der Erkennungsdienstlerin Darby McCormick (aus „Victim“) den Fall zu.

Sie und ihr Kollege Tim Bryson geraten schnell auf die Spur eines in Ungnade gefallenen FBI-Profilers. Was weiß er über die psychiatrischen Akten der beiden Mordopfer? Und welche Rolle spielt der schwerreiche und trauernde Vater von Emma Hale? Darby beginnt, Geheimnisse zu lüften, die besser unentdeckt geblieben wären. Da verschwindet schon wieder eine Studentin. Ihre Zeit wird knapp.

_Der Autor_

Chris Mooney, aufgewachsen in Lynn, Massachusetts, ist laut Verlag einer der erfolgreichsten neuen amerikanischen Thrillerautoren. Sein Debütroman „Victim“ sorgte in den USA für großes Aufsehen. Er lebt mit seiner Familie in Boston und hat mit „The Dead Room“ bereits den nächsten Roman um die Ermittlerin Darby McCormick veröffentlicht.

Mehr von Chris Mooney auf |Buchwurm.info|:

[„Victim“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3799
[„Victim“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5226 (Hörbuch)
[„Missing“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5787
[„Missing“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5731 (Hörbuch)

_Die Sprecherin_

Mechthild Großmann wurde 1948 in Münster geboren. Ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Wuppertaler Tanztheater von Pina Bausch und ihre Rollen in R. W. Fassbinders „Berlin, Alexanderplatz“ und Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ machten sie international bekannt. Hierzulande kennt man sie zudem aus dem Westfalen-„Tatort“, wo sie die Staatsanwältin Wilhelmine Klemm spielt. (Verlagsinfo)

Im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg, führte Gabriele Kreis Regie.

_Handlung_

Darby McCormick hat die Narben und Wunden von ihrem letzten Fall (siehe „Victim“) inzwischen verkraftet, sieht sich jedoch Mitte Februar mit einem neuen Fall von Serienmorden konfrontiert. Die reiche Harvard-Studentin Emma Hale, Tochter des Immobilien-Tycoons Jonathan Hale, verschwand im vorigen Herbst, doch erst Monate später fand ihre Leiche angespült im eisigen Charles River. Was war in der Zwischenzeit mit ihr geschehen? Die Polizei hat in ihre edlen Designer-Kleider eingenäht eine kleine Marienstatue gefunden, die den Aufdruck „Unsere Dame der Schmerzen“ trägt. Emma selbst wurde durch einen Pistolenschuss in den Hinterkopf getötet, so als habe der Täter ihr nicht in die Augen sehen können, als er sie ins Jenseits schickte.

Darby wird von der Polizeipräsidentin Bostons beauftragt, ein zweites Ermittlerteam des Erkennungsdienstes zusammenzustellen und mit ihrem Kollegen Tim Bryson zu kooperieren, der bislang nichts zustande gebracht hat. Bryson, so hat Darby erfahren, hat durch Leukämie seine einzige Tochter verloren, und nun bekommt er es mit Jonathan Hale zu tun, der ebenfalls seine einzige Tochter verloren hat. Darby nimmt an, dass die beiden sich gut verstehen werden. Doch Hale ist bislang auf Konfrontationskurs gegangen und hat die Polizei – völlig zu Recht – der Unfähigkeit geziehen. Darby beschließt insgeheim, es besser als Bryson zu machen, auch wenn es diesem wehtut. Sie ahnt nicht, was sie damit in Gang setzt.

|Nr. 2|

Bryson meldet, dass im Hafenbecken die seit Dezember vermisste Studentin Judith Chen tot gefunden worden sei: Schuss in den Hinterkopf, Marienstatue im Hosenbund eingenäht, alles dasselbe Schema. Also ist der Serienmörder wieder auf der Jagd nach einem neuen Opfer.

Durch ihre Kombinationsgabe fällt Darby etwas Ungewöhnliches im Fall Emma Hale auf: Warum trug Emma ihr Platinmedaillon an einer Halskette, als man sie fand, aber nicht, als sie verschwand? Der einzige gültige Schluss: Ihr Entführer und Mörder muss in ihre Wohnung eingebrochen sein, um das Halskettchen zu stehlen. Nach Überwindung aller Barrieren schaut sich Darby Emmas Wohnung an, insbesondere den begehbaren Kleiderschrank, in dem sich die Schmuckschatullen der Millionenerbin befinden. Alles ist unverändert. Da geht das Licht aus.

|Mister X|

Im Dunkel tritt ein ungewöhnlich großer Mann auf Darby zu, die bereits mit ihrer Dienstpistole auf ihn zielt und den Notruf gewählt hat. Friedlich legt er seine Pistole ab und redet mit ihr. Er scheint sie ganz genau zu kennen, was sie verunsichert. Sie bemerkt nun, dass er ungewöhnlich bleich ist und seine Augen völlig schwarz sind, als hätte er keine Iris. Ein echt unheimlicher Typ, findet sie. Da hört sie die Sirenen der herbeigerufenen Streifenbeamten. In diesem Moment der Ablenkung verschwindet der Kerl durchs Fenster und über die Feuerleiter. In seiner zurückgelassenen Pistole findet sich panzerbrechende Munition, die auch kugelsichere Westen durchschlägt. Darby hat großes Glück gehabt.

Die Überwachungsvideos in dem Apartmenthaus Emma Hales geben nichts über den Kerl preis. Und die Ü-Videos von dem Einbrecher, der Emmas Medaillon klaute, hat Jonathan Hale. Bei einem erneuten Einbruch bei Hale verschwinden auch diese Aufnahmen, aber wenigstens kennt Bryson den großen Eindringling, der Darby begegnete. Es handelt sich um Malcolm Fletcher, einen ehemaligen Profiler des FBI, der in einem Serienmordfall in Saugus, Pennsylvania, mit Bryson zusammenarbeitete.

Als Darby und Bryson Hale besuchen, erfahren sie entsetzt, dass dieser private Ermittler und einen Publicity-süchtigen Pathologen, Ali Karim, eingeschaltet hat, weil er der Polizei misstraut. Und Ali Karim hat ihm einen Mann empfohlen, dessen Beschreibung genau auf Malcolm Fletcher passt. Na, prächtig, jetzt pfuschen ihnen auch noch die Privatschnüffler ins Handwerk, murrt Darby. Doch Fletcher erweist sich als hilfreich und schickt ihr ein paar Hinweise. So stößt sie auf ein geschlossenes Psychiatrie-Institut, das für den Abriss vorgesehen ist. In einer der Zellen, in denen Kriminelle untersucht wurden und eingesperrt waren, findet sie eine kleine Marienstatue – und das Foto einer jungen Frau, die hier vor 26 Jahren verschwand: Jennifer Sanders. Reicht die Mordserie etwa schon derart lange zurück?

|Nr. 3|

Hannah Givens hätte nie zu ihrem Entführer ins Auto steigen sollen, aber es herrschte Schneesturm in Boston und sie war froh über eine Mitfahrgelegenheit. Und schließlich ist er ja ein Kommilitone, oder? Allerdings befindet sie sich nun an einem unbekannten Ort in einer Art Gefängniszelle. Sie erinnert sich, wie er ihren Kopf auf das Armaturenbrett gestoßen und sie dann mit Chloroform betäubt hat. Sie mag ihn kaum ansehen, denn sein Gesicht ist von Brandwunden übersät und nur ein Auge sichtbar. Seine linke Hand ist zu einer Art Klaue verkrümmt. Kein Wunder, dass er sie selbst auch nicht ansehen mag.

Er beteuert, dass er sie liebe und sich um sie kümmern werde. Doch auf dem Fenstersims steht eine kleine Marienstatue. Die Mutter der Schmerzen hat die Arme ausgebreitet, als wolle sie Hannah Givens trösten …

_Mein Eindruck_

Religiös motivierte Serienmörder gibt es mittlerweile jede Menge, aber was in letzter Zeit zu uns herüberschwappt, sind Romane über katholisch inspirierte Serienmörder. Man sehe sich nur Joathan Hayes „Martyrium“ an oder auch Richard Montanaris Rosenkranz-Killer in [„Crucifix“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2818 Offenbar haben die Amerikaner, insbesondere die neuenglischen Protestanten, ein Problem mit den Katholiken. Es ist ja auch einfach, ein paar Mysterien („Sakramente“) des Katholizimus herzunehmen und sie so zu verunstalten, dass sie wie antirationale, heidnische Rituale aussehen – je verzerrter, desto besser.

|Gottesmutter|

Diesmal ist die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, an der Reihe, zu einer Phantasmagorie eines Geisteskranken umfunktioniert zu werden. Denn Walter Smith, Hannahs Entführer, ist eindeutig paranoid und schizophren. Er redet mit Maria, seiner Schutzheiligen, und sie hilft ihm sogar, perfide Pläne zu schmieden, um seinen Verfolgern zu entkommen. Wäre der arme Walter, der wegen seines verbrannten Gesichts nie eine Frau auf normale Weise bekommen könnte, ein zweiter Hannibal Lecter, dann einer, der einen direkten Draht zum Himmel hat. Wer sich mit ihm anlegt, muss schon eine Art Drachentöter sein.

|Der Henker|

Und der tritt denn auch auf. Allerdings ist es einer, der sich außerhalb des Gesetzes stellt und Walter der Selbstjustiz der rachsüchtigen Menschen ausliefert, hier also Emmas Hales Vater. Das ist gerade so, als wäre Hannibal Lecter in „Roter Drache“ von der Leine (man denke an die Verfilmung) gelassen worden, um den gesuchten Täter zu apportieren. Er spielt in diesem Szenario einen Henker, der wie weiland Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld wäscht. Soll doch Hale die Drecksarbeit machen.

|Selbstjustiz|

Malcolm Fletcher bewegt sich zwar im Halbdunkel, ist aber moralisch um einige Grade besser als Lecter, besonders dann, wenn er Darby, seiner speziellen „Freundin“, ähnlich wie Lecter der Agentin Clarice Starling die wertvollen Hinweise gibt, die sie zum Ziel führen. Fletcher scheint kein Problem mit Selbstjustiz zu haben, Darby aber schon. Allein schon von Berufs wegen. Sie redet Hale sogar ins Gewissen, die Finger von Selbstjustiz zu lassen, aber natürlich ohne eine Wirkung zu erzielen.

|Weiß und Schwarz|

Na, wer Helfer wie diesen Batman-Verschnitt namens Malcom Fletcher hat, der braucht auf Ärger nicht lange zu warten. Deshalb treiben Darby und Fletcher Tim Bryson in die Enge, der unerwartet viel Dreck am Stecken hat. Wie in einem klassischen Superhelden-Comic stellt nicht Bryson den Bösewicht, sondern dieser den Polizisten.

In einer Umkehrung der moralischen Wertigkeit wird aus dem gerechten Verfolger Bryson ein Bösewicht, der durch einen fiesen Winkelzug dazu beitrug, dass vor 26 Jahren eine Krankenschwester starb und Walter Smith seinen mörderischen Beutezug beginnen konnte. Doch nichts ist schwarz oder weiß, und so wird auch Brysons Missetat durch seine Zwangslage, seiner krebskranken Tochter helfen zu wollen, als entschuldbar hingestellt. Das ist sie aber keineswegs, schließlich geht es um Unterschlagung von Beweismitteln.

|Kirche 2.0|

Die Handlungsfäden scheinen im Mittelteil weniger im Polizeirevier und den Labors zusammenzulaufen, sondern vielmehr in jenem romantisch verfallenen Sanatorium, das abwechselnd als Kirkland und Sinclair-Institut tituliert wird. Es ist ein malerisches Labyrinth mit einem Verhau von Verstecken, ideal für lichtscheue Gestalten wie Walter Smith. Der Erzähler erwähnt ausdrücklich den Film [„Creepers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3093 als Story, die hier ihren Schauplatz haben soll. Vielleicht ist wirklich David Morrells spannender Thriller gemeint.

Wichtiger ist jedoch, dass in diesem neogotischen Bau aus einem Schauerroman des 19. Jahrhunderts sich ein Ort befindet, der für den früheren Psychiatrie-Insassen Walter Smith von ganz zentraler Bedeutung ist: die Marienkapelle. Hier kann der Geisteskranke ungestört zu seiner Behüterin sprechen, und sie antwortet ihm sanft und liebevoll. Liebe, die er all sein Leben vermissen musste.

Dieser Ort der katholischen Heiligenverehrung macht das psychiatrische Sanatorium zu einer Kirche der Neuzeit, allerdings zu einem Zerrbild: Kirche 2.0. Eigentlich fehlen in diesem Szenario nur noch pädophile Priester, wie sie in den USA und Kanada bereits angeklagt worden sind. Der Papst musste sich für deren Taten entschuldigen. Walter Smith lässt sich als missratener Priester Marias betrachten, der das Zölibat missachtet und so zu einem Peiniger junger Frauen wird. Allenthalben stößt man in diesem Roman auf Katholikenphobie. Das macht ihn für mich zu einem minderwertigen Buch.

|Die Sprecherin|

Mechthild Großmann hat eine – für eine Frau – sehr tiefe Stimme, die allerdings ein wenig sanfter als die eines Mannes klingt. Die tiefe Stimme verleiht ihr die nötige Autorität, um Iris Böhm würdig vertreten zu können, die bislang auf harte Thriller abonniert gewesen ist (Karin Slaughter, Jiliane Hoffman und auch Mooneys „Victim“). Die Autorität ist deshalb notwendig, weil die Darstellungen doch ziemlich hart sind und man sie einem Weichei einfach nicht abnehmen würde.

Die männlichen Figuren stellt sie stimmlich also ohne Probleme dar, und ein wenig „australischer“ Akzent in der Sprechweise von Malcolm Fletcher hilft dem Hörer, ihn sofort erkennen zu können. Was an einem amerikanisch gerollten R allerdings australisch sein soll, müsste ich erst einmal vor Ort nachprüfen. Wer schenkt mir ein Ticket nach Sydney?

Weibliche Figuren fallen der Sprecherin erwartungsgemäß schwerer. Die Stimmlage für die Sätze von Darby ist nur unwesentlich höher als etwa bei Bryson. Aber es gibt einen Vorteil: Weibliche Figuren dürfen sehr viel emotionaler sein, und so schluchzen und jammern und klagen die Damen eine nach der anderen. Einzige Ausnahme: Darby McCormick.

Zwischen diesen beiden Welten steht der geisteskranke Walter Smith, der auf seine Freundin Maria hört. Er greint, fleht, jammert und nuschelt zum Steinerweichen – wahrlich eine arme Sau. Denn er ist dabei, das Einzige zu verlieren, was ihm etwas bedeutet: die Verbindung zu Maria. Die Kripo, von Darby angeleitet, hat ihm in der Marienkapelle eine Falle gestellt, und nun ist ihm auch dieser Ort verleidet und unzugänglich. Obendrein hat Maria hat auch noch einen besonderen Wunsch, sozusagen für Hannahs würdevollen Abgang. Doch wenn es drauf ankommt, erweist sich Walter als höchst fähiger Killer – genau wie der „Rote Drache“ bei Thomas Harris.

_Unterm Strich_

Wie man sieht, sind die Grundideen dieses Thrillers alle bereits sattsam bekannt und werden nun noch einmal neu arrangiert. Auch die zentrale Gestalt des zwielichtigen, heimlichen Helfers ist so neu nicht, wenn man sich mal den aktuellen Batman-Film „The Dark Knight“ anschaut. Mit dem Unterschied allerdings, dass Batman, dieser Kämpfer der Gerechtigkeit, niemals einen Fall von Selbstjustiz zulassen, sondern den Übeltäter stets der Polizei übergeben würde.

Was ich zunehmend schwerer goutierbar finde, ist der beobachtbare Katholizismus in den modernen Thrillern. Ist dies nur ein schicke Zutat der Autoren, um jene Zielgruppe anzuziehen, die auf Dan Browns Machwerke abfuhr?

Oder steckt eine neue, lukrativ ausbeutbare Phobie vor dem ganzen mystischen Zinnober der katholischen Ritualen und Mysterien dahinter? Vielleicht sollen ja auch Katholiken selbst einen neuen Kick daraus ziehen, dass ihre Gottesmutter einem Serienmörder als himmlische Lenkerin dient. Nichts ist zu pervers und verdreht, um es nicht doch zwischen zwei Buchdeckel pressen (oder im Internet veröffentlichen) zu können.

|Das Hörbuch|

Mechthild Großmann gestaltet den Dialog der zahlreichen Figuren lebendig und mit Emotion, allerdings hält sie sich in ihrer Rolle als Erzählerin auch entsprechend zurück. Emotion gibt es nur in den Dialogen, und in so mancher dramatischen Szene gibt es mehr als genug Emotionen. Ich fand, sie machte ihre Sache gut. Über sprachliche Seltsamkeiten wie Fletchers Akzent konnte ich nach einer Weile durchaus hinwegsehen bzw. hinweghören, was es wohl besser trifft.

|Originaltitel: The secret friend, 2008
Aus dem US-Englischen übersetzt von Michael Windgassen
317 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-620-6|
http://www.hoerbuch-hamburg.de

Jules Verne – Die Jagd nach dem Meteor (Lesung)

Satirisch: der Fang des Goldmeteors

Ein Meteor, aus reinem Gold nähert sich der Erde. Ein Wettrennen aller Staaten und Mächte nach diesem Wertobjekt setzt ein. Der geniale Privatmann Xirdal aber hält den Trumpf in der Hand: Er konstruiert einen Apparat, mit dem er den Meteor lenken kann. Und er lenkt ihn auf ein zuvor gekauftes Stückchen Land. Truppen rücken an, gesteuert von der Macht und Goldgier ihrer Befehlshaber. Ob das wohl gut geht?

Der Autor

Jules-Gabriel Verne, in Deutschland anfänglich Julius Verne (* 8. Februar 1828 in Nantes; † 24. März 1905 in Amiens), war ein französischer Schriftsteller. Er wurde vor allem durch seine Romane „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1864), „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1869–1870) sowie „Reise um die Erde in 80 Tagen“ (1873) bekannt. Neben Hugo Gernsback, Kurd Laßwitz und H. G. Wells gilt Jules Verne als einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur. (Wikipedia.de)

Mit „Die Eissphinx“ schrieb er eine Fortsetzung von E. A. Poes Horrorerzählung „The Narrative of Arthur Gordon Pym„. Sein erster Zukunftsroman „Paris im 20. Jahrhundert“ lag lange Zeit verschollen in einem Tresor und wurde erst 1994 veröffentlicht. Die Lektüre lohnt sich, auch wegen der erhellenden Erläuterungen der Herausgeberin. „Die Jagd nach dem Meteor“ erschien ebenfalls erst nach Vernes Tod (siehe unten).

Der Sprecher

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Auffällig ist sein Engagement für Werke, in denen Jungs und Mädchen auf ungewöhnlichen Wegen ihre Identität suchen und finden. Dazu gehören „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell sowie [„Die Mitte der Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=804 von Andreas Steinhöfel, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Auch Eoin Colfers jugendlichen Helden Artemis Fowl sowie die beinahe ebenbürtige Meg Finn hat er uns bereits zu Gehör gebracht.

Rufus Beck liest die ungekürzte Fassung, die dennoch lediglich drei Stunden lang ist.

Handlung

Die meiste Zeit spielt die Handlung in der braven Stadt Weston im US-Bundesstaat Virginia. Das genaue Jahr ist unbestimmt, doch es gibt einen kleinen Hinweis: Die US-Flagge hat zu diesem Zeitpunkt nur 43 Sterne statt der heutigen 50. Und es ist Frühling. März, um genau zu sein.

Prolog

Obwohl es wenig zur Haupthandlung beiträgt, sei doch erwähnt, dass die Geschichte mit einer Blitztrauung beginnt. Miss Arcadia Walker, 24 und ebenso schön wie wohlhabend, heiratet Seth Stanford, einen Globetrotter, und zwar vor dem Haus des ehrenwerten Friedensrichters John Proth – zu Pferde. Will heißen, keiner der beiden Brautleute fühlt sich bemüßigt, vom Ross zu steigen. Im Pferdeland Virginia werden diese Dinge eben pragmatisch erledigt. Es kann aber auch ganz anders laufen. Im späteren Verlauf der Handlung begegnen wir den beiden wieder, so etwa bei ihrer – ebenso rasch erledigten – Scheidung. Richter John Proth fällt eine wichtige Rolle im nun folgenden Drama zu.

Die Entdeckung des Meteors

Das bis dato noch friedliche Weston beherbergt zwei Hobbyastronomen: Dean Forsyte, 45, und Dr. Sidney Huddleson. Forsytes Neffe Francis Gordon gedenkt am 18. Mai die hübsche Jenny, Huddlesons Tochter, zur Frau zu nehmen. Durch die Ereignisse an und nach diesem 16. März scheint sich dieses freudige Ereignis jedoch in ernster Gefahr zu befinden, niemals stattfinden zu können. Morgens um sieben beobachten die beiden Astronomen unabhängig voneinander einen Meteor, der die Erde umkreist.

Nach dieser epochalen Beobachtung gehen dem Direktor der Sternwarte von Pittsburgh am 24. März zwei Briefe beinahe identischen Inhalts zu: Sowohl Forsyte als auch Huddleson beanspruchen das Recht, den Meteor entdeckt zu haben, jeweils für sich. Diese Tatsache ist auch umgehend Gegenstand eines Artikels in der Lokalzeitung Westons. Noch bleibt alles friedlich, wenn sich auch die beiden Entdecker nicht mehr grün sind. Schon bald macht sich die Satirezeitschrift „Punch“ über ihren Ruhmeseifer lustig.

Goldrausch

Die Lage ändert sich, als die Sternwarte von Paris in alle Welt hinausposaunt, der gesichtete Meteor bestehe aus purem Gold. Natürlich nicht in geschmolzener Form, sondern durchsetzt mit Löchern und Rissen. Zunächst schätzen die Amateure einen falschen Durchmesser, doch dann entscheidet Pittsburgh: Wenn die Masse des Himmelskörpers 1,867 Mio. Tonnen beträgt, so liegt sein Goldwert bei nicht weniger als 5,8 Trillionen Dollar!

Milliardäre

Sofort erklären sich Forsythe und Huddleson zum Besitzer des Meteors und zu Multimilliardären. Wäre die Bevölkerung von Weston nicht schon längst in zwei Parteien zerfallen, spätestens jetzt gingen der Streit und die Schlägereien los. Wenigstens kommt keiner der beiden an das Gold heran, sonst wäre alles noch viel schlimmer. Aber jeder fragt sich jetzt: Wo wird der Meteor abstürzen? Der eine sagt: Japan, der andere sagt: Patagonien. Die Sternwarte Boston mischt sich ein und sagt: Alles Blödsinn! Für die Besitzansprüche der Astronomen auf noch nicht abgestürzte Flugkörper erklärt sich das Westoner Gericht unter dem wackeren Richter John Proth nicht zuständig.

Unerhörte Tricks

In Paris gibt es einen wohlhabenden jungen Erfinder namens Zehyrine Xirdal, der nicht nur ein Genie ist, sondern auch beste Beziehungen zur Bank seines „Onkels“ Monsieur Lecoeur unterhält, welchselbiger die Ehre hat, sein Geld verwalten zu dürfen. Nachdem er aus der Zeitung vom Meteor erfahren hat, fordert Xirdal vom Onkel 10.000 Francs und ein Grundstück. Und wo, bitteschön? Dort, wo der Meteor abstürzen wird. Woher er diesen Punkt bereits kenne? Xirdal antwortet: Ich werde es so einrichten.

Gesagt, getan. Xirdal baut ein mysteröses Maschinchen, das der Banker nicht versteht, aber das dennoch seinen Zweck erfüllt: Durch bis dato unbekannte Gravitationsstrahlen gelingt es Xirdal, die Bahn des Meteors nach seinen Wünschen abzulenken. Dadurch gerät der Leiter der Sternwarte Boston, der ansonsten so reputierliche Mr. J.B.R. Loewenthal, schwer in die Bredouille, denn alle seine Berechnungen und Voraussagen erweisen sich plötzlich als Makulatur.

Huddleson und Forsyte sehen sich veranlasst, ihre angebrochenen Reisen nach Japan und Patagonien abzubrechen und heimzukehren. An die Hochzeit von Francis und Jenny ist natürlich nicht mehr zu denken: König Chaos regiert. Aber noch lassen die Verlobten die Hoffnung nicht fahren, denn irgendwann MUSS der Meteor doch fallen, oder?

Der Tag des Absturzes

Unterdessen ist eine internationale Konferenz einberufen worden, die entscheiden soll, wie mit dem zu erwartenden Goldsegen zu verfahren sei. Xirdal schickt den Diplomaten zwar ein Telegramm, er sei der Besitzer des Meteor, doch vergesslich, wie er ist, unterlässt er es, seinen Namen darunterzusetzen. Es wird nicht weiter beachtet. Da verkündet Boston, der Meteor werden etwa am 19. August bei Uppernarvik in Westgrönland niedergehen. Dänemark, die Kolonialmacht Grönlands, jubelt und entsendet als Bevollmächtigten Erich von Schnack ins Polargebiet.

Innerhalb weniger Wochen findet sich trotz schneidender Kälte rund 3000 Ausländer in dem kleinen Städtchen ein. Sie erleben eine Überraschung: Uppernarvik liegt auf einer Insel und ist ringsum von Meer umgeben, das bis in eine Tiefe von 2000 bis 3000 Metern reicht. Was, wenn der himmlische Goldklumpen ins Wasser fiele? Huddleson, Forsyte und alle Abenteurer, die sich hier eingefunden haben, beginnen nervös und trotz der Kälte zu schwitzen.

Doch sie bleiben nicht lange allein. Nach dem Absturz des Meteors um exakt 6:57:35 Uhr am 19.8. finden sich unvermittelt mehrere Kriegsschiffe aller wichtigen Nationen des Erdballs ein. Da wird Herr von Schnack viel protestieren müssen. Doch man stelle sich seine Überraschung vor, als er mit einer Horde von 3000 Neugierigen (darunter den Erstentdeckern) durch Eis, Wind und Schnee zur Absturzstelle eilt – und von einem Drahtzaun gestoppt wird, auf dem ein Schild prangt: „Privatgrundstück! Zutritt verboten!“

Mein Eindruck

„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles!“ Mit diesem Goethevers ließe sich die Handlung, die Verne in einem seiner letzten Romane ausgearbeitet hat, im Groben umschreiben. Es ist nicht nur eine Kritik an der verbreiteten Gier nach materialistischer Werten. Verne starb 1905, als sich die Nationalstaaten nicht nur Westeuropas so ziemlich den ganzen Rest der Welt angeeignet hatten. Nur noch neun Jahre bis zum großen Knall, dem Ersten Weltkrieg. Der Roman lässt sich als Warnung auffassen.

Was Verne voraussah, waren der Zank um den Besitz fremder Menschen, Völker oder Länder, der sich im Zuge des Kolonialismus über die ganze Welt ausgebreitet hatte. Überall sah er Zwist statt Einigkeit, sogar auf den internationalen Konferenzen, von denen er eine in seinem Roman stattfinden lässt und die ergebnislos im Sande verläuft, da die Teilnehmer hoffnungslos zerstritten sind.

Die Parabel

Er braucht für seine warnende Parabel nur noch zwei Faktoren: ein Ding von ungeheurem Wert und jemanden, der es sich zu beschaffen weiß. Schon geht das schönste Wettrennen los, wie es die Welt anlässlich des Goldrausches in Alaska anno 1890 erlebt hatte. Und was, wenn sich jemand diesen Reichtum mit Hilfe einer genialen Erfindung unter den Nagel reißen könnte? Würde er mit seinem Fang glücklich werden?

Es lebe der Kapitalismus!

Na ja, wenn nicht Xirdal selbst, so doch zumindest sein findiger Onkel, der Bankier, der die Aktienmärkte zu manipulieren weiß wie kein zweiter. Schon damals also sah Verne die virtuellen Werte, die die Aktien darstellen, beziehungsweise die entsprechenden Insiderinformationen als eine Gefahr für die Weltwirtschaft an. 24 Jahre nach seinem Tod kam der große Börsenkrach an der Wall Street und ließ seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden.

Untergang des Mikrokosmos

Dies ist der Makrokosmos, doch der Mikrokosmos eines Gemeinwesens wie Weston kann ebenso in Mitleidenschaft gezogen werden. Der Astronomenstreit spaltet die Stadt ebenso wie die Familien und lässt Francis‘ und Jennys Vermählung zunehmend unwahrscheinlich erscheinen. Auf einmal ist die private Zukunft unmittelbar gefährdet: Es ist eine andere Art von Krieg, die hier stattfindet, die aber dennoch eine klare Folge hat: Zwar nicht den Tod von Menschen (noch ist niemand bei den Schlägereien zu Tode gekommen), aber zumindest das Ausbleiben von Nachwuchs. Und was wird dann aus den Alten?

Die Figuren

Sprachlich ist der Text recht einfach gehalten, er weicht auch in Sachen Charakterisierung nicht von Vernes Methode ab, seine Figuren kurz und knapp zu definieren (es fehlen nur noch die Playmate-Maße von Jenny Huddleson und Arcadia Walker). Aber durchweg ist Vernes geradezu sarkastischer Humor zu spüren, wenn er die Figuren einem Wechselbad von Gefühlen aussetzt. Jenny und ihre Schwester weinen „Wasserfälle“, und selbstredend raufen sich die Entdecker die ergrauenden Haare. Es geht sehr emotional zu, besonders als sich die Entdecker dem Objekt ihrer Begierden und Träume selbst gegenübersehen und ob der glühenden Hitze des Meteoriten schier verzweifeln.

Im völligen Kontrast dazu steht der verantwortungslose junge Erfinder Xirdal. Schon sein säuselnder Vorname Zephyrine erinnert an den antiken Südwind Zephyr und beschreibt den moralischen Ernst seiner Lebensauffassung genau. Als ihn ein Kumpel zu einem Strandurlaub einlädt, überlegt Xirdal nicht lange und sagt zu. Er macht sich einen faulen Lenz, während sich die restliche Welt im freien Fall Richtung Chaos befindet. Dass er obendrein vergesslich ist, überrascht uns nicht.

Kritisiert Verne in Xirdals Figur die Fin-de-siècle-Stimmung seiner Zeit: das Dandytum, die Sorglosigkeit, den Tanz auf dem Vulkan? Es erscheint nicht unwahrscheinlich. Leider gibt es keine moralische Instanz, die Xirdal in die Hand fällt. Denn Richter Proth weilt fern von Grönland und Paris.

Der Sprecher

Rufus Beck macht sich mal wieder einen Spaß daraus, die Figuren durch ihre Sprechweise zu charakterisieren – je kurioser sie sich ausdrücken, desto schöner. Denn dies ist immer noch ein Jugendbuch, wohlgemerkt, und so sollen auch Jugendliche ab zwölf Jahren ihre Freude daran haben. Der Vortrag darf nicht monoton und dröge sein, sondern muss ihre Aufmerksamkeit fesseln.

Denn wenn man’s recht bedenkt, so passiert in der Tat nicht allzu viel Action. Die Zusammenhänge und Reaktionen sind daher deutlich darzustellen, um ihre Signifikanz hervorzuheben: Wieso sollten Zeitungsberichte oder Bulletins von irgendwelchen Sternwarten wichtig sein? Game-Junkies wissen mit so etwas wohl nur wenig anzufangen, wohl aber hoffentlich Leute, die etwas für Bücher übrig haben, und nicht nur für Bücher: für das gedruckte Wort überhaupt.

Diesen jungen Bücherfreunden kommt Becks Vortrag entgegen. Und wenn es sich um Fans der Geschichten des Jules Verne handelt – umso besser. Man vermag sich anhand Becks Darstellung plastisch vorzustellen, wie flatterhaft das Wesen von Z. Xirdal ist, wie ernsthaft und jähzornig der Charakter von Dean Forsyte, wie hochnäsig die ehrenwerte Miss Arcadia Walker dahergeritten kommt und wie charmant ihr Noch-Ehemann, der unstete Tausendsassa Seth Stanford. Da loben wir uns doch den standhaften Richter John Proth, der für Recht und Ordnung sorgt, nicht nur in Weston, sondern auch in seinem Garten.

Unterm Strich

Auch eine warnende Parabel wie „Die Jagd nach dem Meteor“ kann Spaß machen, wenn sie richtig erzählt und dargeboten wird. Für Vernes Oevre ist dieser Roman ja nicht gerade der erste Versuch, einen Weltherrscher in spe zu porträtieren. Neu ist hingegen, dass dieser potentielle Weltherrscher, nämlich Z. Xirdal, ein verspielter, vergesslicher junger Mann ist, dem jegliches Verantwortungsbewusstsein abgeht.

Auch der Grund, warum er den Zankapfel, nach dem alle Welt giert, aus eben dieser Welt schafft, passt genau zu ihm: Es ist ihm zu viel Stress und davon hat er bald die Nase voll. Er lebt nach dem Lustprinzip und kennt keine Pflicht. Das Gold ist ihm schnuppe, denn er braucht es nicht, lebt er doch vom Erbe seiner Vorfahren. Er wollte nur zeigen, dass er ein Genie ist. Dumm nur, dass genau dieser Punkt niemanden zu interessieren scheint. Die Welt, sie ist nun mal undankbar.

Rufus Becks Vortrag charakterisiert nicht nur Xirdal genau, sondern auch viele andere Figuren, allen voran die beiden Streithähne Forsyte und Huddleson. Obwohl die Action sich stark in Grenzen hält, macht das Hörbuch dank seiner Vortragskunst Spaß. Der einzige Punkt, der mich erheblich stört, ist der hohe Preis für 180 Minuten Hörbuch. Bei anderen Verlagen bekommt man für 24 Euronen doppelt so viel Sprechzeit.

Werksverzeichnis: Romane

Joyeuses Misères de trois voyageurs en Scandinavie (Romanfragment). 1861
Die fröhlichen Leiden dreier Reisender in Skandinavien. 2020
Cinq Semaines en ballon. 1863
Fünf Wochen im Ballon. 1875
Voyage au centre de la Terre. 1864
Die Reise zum Mittelpunkt der Erde. 1873
De la Terre à la Lune, trajet direct en 97 heures 20 minutes. 1865
Von der Erde zum Mond. 1873
Voyages et Aventures du capitaine Hatteras. 1866
Abenteuer des Kapitän Hatteras. 1875
Les Enfants du capitaine Grant. 1867 und 1868
Die Kinder des Kapitän Grant. 1875
Vingt mille lieues sous les mers. 1869 und 1870
Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer. 1874
Autour de la Lune. 1870
Reise um den Mond. 1873
Une ville flottante. 1871
Eine schwimmende Stadt. 1875
Aventures de trois Russes et de trois Anglais dans l’Afrique australe. 1872
Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Südafrika. 1875
Le Pays des fourrures. 1873
Das Land der Pelze. 1875
Le Tour du monde en quatre-vingts jours. 1873
Reise um die Erde in 80 Tagen. 1873
L’Île mystérieuse. 1874 und 1875
Die geheimnisvolle Insel. 1875 und 1876
Le Chancellor. 1875
Der Chancellor. 1875
Michel Strogoff. 1876
Der Kurier des Zaren. 1876
Hector Servadac. 1877
Reise durch die Sonnenwelt. 1878
Les Indes noires. 1877
Die Stadt unter der Erde. 1878
Un capitaine de quinze ans. 1878
Ein Kapitän von 15 Jahren. 1879
Les Cinq Cents Millions de la Bégum. 1879
Die 500 Millionen der Begum. 1880
Les Tribulations d’un Chinois en Chine. 1879
Die Leiden eines Chinesen in China. 1880
La Maison à vapeur. 1880
Das Dampfhaus. 1881
La Jangada. Huit cents lieues sur l’Amazone. 1881
Die „Jangada“. 1882
L’École des Robinsons. 1882
Die Schule der Robinsons. 1885
Le Rayon-vert. 1882
Der grüne Strahl. 1885
Kéraban-le-têtu. 1883
Keraban der Starrkopf. 1885
L’Étoile du sud. 1884
Der Südstern oder Das Land der Diamanten. 1886
L’Archipel en feu. 1884
Der Archipel in Flammen. 1886
Mathias Sandorf. 1885
Mathias Sandorf. 1887
Un billet de loterie. 1886
Ein Lotterie-Los. 1887
Robur-le-conquérant. 1886
Robur der Sieger. 1887
Le Chemin de France. 1887
Der Weg nach Frankreich. 2012
Nord contre Sud. 1887
Nord gegen Süd. 1888
Deux ans de vacances. 1888
Zwei Jahre Ferien. 1889
Famille-sans-nom. 1889
Die Familie ohne Namen. 1891
Sans dessus-dessous. 1889
Kein Durcheinander – auch bekannt unter: Alles in Ordnung und Der Schuss am Kilimandscharo. 1891
César Cascabel. 1890
Cäsar Cascabel. 1891
Mistress Branican. 1891
Mistress Branican. 1891
Le Château des Carpathes. 1892
Das Karpatenschloss. 1893
Claudius Bombarnac. 1892
Claudius Bombarnac. 1893
P’tit-bonhomme. 1893
Der Findling. 1894
Mirifiques Aventures de Maître Antifer. 1894
Meister Antifers wunderbare Abenteuer. 1894
L’Île à hélice. 1895
Die Propellerinsel. 1895
Face au drapeau. 1896
Vor der Flagge des Vaterlandes. 1896
bekannter unter dem Titel Die Erfindung des Verderbens.
Clovis Dardentor. 1896
Clovis Dardentor. 1896
Le Sphinx des glaces. 1897
Die Eissphinx. 1897
Le Superbe Orénoque. 1898
Der stolze Orinoco. 1898
Le Testament d’un excentrique. 1899
Das Testament eines Exzentrischen. 1899
Seconde Patrie. 1900
Das zweite Vaterland. 1901
als Fortsetzung der Robinsonade Der Schweizerische Robinson von Johann David Wyss geschrieben.
Le Village aérien. 1901
Das Dorf in den Lüften. 1901
Les Histoires de Jean-Marie Cabidoulin. 1901
Die Historien von Jean-Marie Cabidoulin. 1901
Les Frères Kip. 1902
Die Gebrüder Kip 1903
Bourses de voyage. 1903
Reisestipendien. 1903
Un drame en Livonie. 1904
Ein Drama in Livland. 1904
Maître-du-monde. 1904
Der Herr der Welt. 1904
L’Invasion de la mer. 1905
Der Einbruch des Meeres. 1905

Die folgenden Werke aus dem Nachlass Jules Vernes wurden von seinem Sohn Michel Verne mehr oder weniger stark überarbeitet und veröffentlicht:

Le Phare du bout du monde. 1906
Der Leuchtturm am Ende der Welt. 1906
Le Volcan d’or. 1906
Der Goldvulkan. 1906
L’Agence Thompson and Co. 1907
Das Reisebüro Thompson & Co. 1907
La Chasse au météore. 1908
Die Jagd nach dem Meteor. 1908
Le Pilote du Danube. 1908
Der Pilot von der Donau. 1908
Les Naufragés du Jonathan. 1909
Die Schiffbrüchigen der „Jonathan“. 1909
Le Secret de Wilhelm Storitz. 1910
Wilhelm Storitz’ Geheimnis. 1910
Hier et demain. 1910
Gestern und morgen. 1910
Ein Sammelband, der mehrere der Kurzgeschichten enthält.
L’Etonnante Aventure de la mission Barsac. 1919, geschrieben von Michel Verne
Das erstaunliche Abenteuer der Expedition Barsac. 1978

Ebenfalls aus dem Nachlass Jules Vernes stammen folgende Werke:

Voyage à reculons en Angleterre et Écosse. 1859 bis 1860 geschrieben, 1989 veröffentlicht
Reise mit Hindernissen nach England und Schottland, 1997
L’Oncle Robinson. etwa um 1870 bis 1871 geschrieben, 1991 als Fragment veröffentlicht
Onkel Robinson
Paris au 20e siècle. 1863 geschrieben, 1994
Paris im 20. Jahrhundert. 1996

(Quelle: Wikipedia.de; zu fast allen diesen Titel bitet die Wikipedia eine Inhaltsangabe!)

|181 Minuten auf 3 CDs
übersetzt von Stefan Reisner|

Schenkel, Andrea Maria – Kalteis. Das Hörspiel

_Geheime Reichssache: der Frauenmörder Kalteis_

Anfang der 1930er Jahre werden junge Frauen vergewaltigt und umgebracht. Josef Kalteis ist verhaftet worden, aber gehen wirklich alle Verbrechen auf sein Konto? In diesem Hörspiel kommen Täter wie Opfer zu Wort. Es basiert auf einem authentischen Fall. Josef Kalteis alias Johann Eichhorn wurde von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt, alle Akten zur Geheimen Verschlusssache erklärt.

_Die Autorin_

Andrea Maria Schenkel, 1962 geboren, ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Regensburg. Für ihren Bestseller „Tannöd“ erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis 2007. Die Lesung von Monica Bleibtreu wurde mit dem Dt. Hörbuchpreis 2007 ausgezeichnet. Der Roman wird zur Zeit verfilmt. Inzwischen ist ihr dritter Roman „Bunker“ erschienen, auch als Hörbuch.

Andrea Maria Schenkel auf |Buchwurm.info|:

[„Tannöd“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4057 (Hörspiel)
[„Tannöd“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2348 (Buchausgabe)

_Die Inszenierung_

|Die Rollen und ihre Sprecher|

Kathie: Laura Maire
Hofmann, Passantin: Andrea-Marie Wildner
Kathie als Kind: Linda Marie Schenkel
Kalteis: Ulrich Noethen
Und weitere.

|Der Regisseur und Bearbeiter|

Norbert Schaeffer, geboren 1949 in Saarbrücken, ist ein renommierter Hörspielregisseur. Er studierte Germanistik, Soziologe und Politologie. 1979 bis 1981 machte er eine Ausbildung zum Rundfunkjournalisten beim Saarländischen Rundfunk und arbeitete schließlich als Regieassistent. Von 1984 bis 2006 war er als freier Regisseur und Bearbeiter tätig. Seit März 2006 ist er Leiter der Hörspielabteilung des NDR in Hamburg. Hier hat er u. a. „Schnee“ von Orhan Pamuk und „Tannöd“ inszeniert.

|Die Musik| trug wie bei „Tannöd“ wieder Martina Eisenreich bei.

_Handlung_

Es ist der 29. Oktober 1939. Der Volksdeutsche Josef Kalteis wird zum Volksschädling erklärt und nicht begnadigt, also zum Tode verurteilt. Weil der Angeklagte ein Mitglied der NSDAP ist, wird die Prozessakte zur Geheimen Reichssache erklärt. Damit findet ein langes Verfahren seinen Abschluss. Aber hat man den Richtigen verurteilt?

Josef Kalteis gibt im Februar 1939 vorm Staatsanwalt zu Protokoll, er sei seit 1937 mit Walburga Pfafflinger verheiratet und habe mit ihr zwei Söhne, die mit ihnen in Aubing wohnen. Er arbeite als Rangierer bei der Bahn. Er sei aber kein Kostverächter, sondern schaue schon mal auch andere Frauen an, so etwa in bestimmten Gasthäusern. Die Schwarzhaarigen mit einem breiten Hintern mochte er am liebsten. Und er hat auch eine Methode, sie zu behandeln …

Seine Frau hat er erst nach der zweiten Schwangerschaft geheiratet, um Unterhaltszahlungen zu vermeiden. Auf die Behauptung, er habe seine Frau geschlagen, leugnet der Angeklagte erst, dann gibt er es zu. 1938 war er in Obermenzing bei München beim Schlachten einer Sau. Er kann alle Handgriffe kann genau beschreiben und erklären sowie Tipps geben.

Anwohner bemerken, wie ein Pärchen im Schnee liegt, wenig später kommt die Frau zur Tür getorkelt und erklärt, sie sei vergewaltigt worden. Die Anwohnerin radelt dem Kerl nach, doch er versteckt sich hinter einem Gartnhaus. Frau Schreiber stellt ihn zur Rede, aber er läuft davon. Sie radelt ihm hartnäckig weiter nach, aber er hört nicht zu. Nur der Gastwirt Schmied eilt ihm nach und verfolgt ihn über die Felder. Kalteis erinnert sich an ein Mädchen auf dem Gehweg vor Aubing, seinem Wohnort. Er packte es, aber an den Rest will er sich nicht mehr erinnern können. Zwei Frau verfolgten ihn, so viel weiß er noch, und dass ihn auf den Wiesen die Gendarmen festgenommen haben.

|Ein Opfer?|

Am Samstag, den 3. Oktober 1931, bricht Kathi Hertl aus Wolnzach auf nach München, um es in der großen Stadt zu etwas zu bringen, wie die tollen Schauspielerinnen. Sie geht zuerst zur Firma Hofmann und deren Direktorin, aber die hat keinen Bedarf, und ein Dienstmädchen bei einem Rechtsanwalt will Kathie auch nicht gern sein.

Am nächsten Tag fragt sie ihre Tante, aber die hat auch keinen Platz, deshalb kriecht sie bei einer Freundin unter, für ein paar Tage. Sie denkt über die Gustl nach, die ein Model wurde und dann die Syphilis bekam. Am 5. Oktober wirft die Freundin die Kathi hinaus. Sie soll in die Marienherberge. Abends kehrt Kathie wieder im Gasthaus Soller ein. Dort lernt sie den Blonden kennen. Aber sie geht mit einem anderen und küsst ihn zum Abschied. Am 9. Oktober, einem Freitag, trifft sie ihn mittags und geht mit in sein Haus in Waldperlach. Aber sie gibt sich ihm nicht hin, sie sei ja noch Jungfrau und kein Flittchen. In seiner Brieftasche findet sie grausame Fotos, die sie aber verdrängt. Am nächsten Tag wartet sie vergeblich, und am Sonntag hat er schon eine andere.

Auf der Wiesn wurde ein etwa 16- bis 18-jähriges Mädchen zuletzt gesehen, wie es sich von einem Mann Mitte 20 ansprechen ließ und mit ihm ging, Richtung Krankenhausanlagen. Der Mann, so die Zeugin, sah aus wie ein Kraftfahrer, so kräftig. Josef Kalteis erinnert sich ebenfalls an die Kathi Hertl, denn sie gefiel ihm…

|Vermisst|

Mehrere Zeugen beschreiben einen Mann mit Sportmütze, zwischen Germering, westlich von München, und südlich von Starnberg mehrfach beobachtet wurde, wie er Radfahrerinnen auflauerte. Manche von ihnen entkamen seinen Nachstellungen, doch einige auch nicht. So etwa Marlies, verheiratet seit dem 7.5.1934, 26 Jahre alt, für die am 30. Mai 1934 im Radio eine Vermisstenmeldung ausgegeben wurde …

_Mein Eindruck_

Diese Inhaltsübersicht habe ich aus den verschiedenen Einzelszenen des Hörspiels zusammengestellt. Da es von der Autorin (oder nur vom Verlag?) eine „Stimmencollage“ genannt wird, konnte ich nicht erwarten, so etwas wie eine Thrillerhandlung zu erhalten. Aber das, was ich am Ende bekam, waren gerade mal Bruchstücke von Szenen, die ich zusammensetzen musste – so ähnlich erging es wohl auch den Polizisten, die die Mordfälle zu untersuchen hatten.

Es ist ein Puzzle aus Impressionen, aber es gibt wenigstens zwei rote Fäden. Der eine ist Josef Kalteis selbst, der vor dem Staatsanwalt aussagen muss. Der Vorgang, dass er erst nach Leugnen die Wahrheit eingesteht, ist einfach zu verstehen. Leider kommt er im letzten Drittel nur einmal vor. Der zweite Handlungsstrang dreht sich – minutiös protokolliert wie ein Tagebuch – um Kathi Hertl aus Wolnzach in Bayern, die in München und Umgebung gerade mal eine Woche überlebt, bevor sie umgebracht wird.

Ihr Schicksal wird nun verallgemeinert. Was diese zwei klaren Bilder im Bewusstsein des Hörers verwischt, sind die drei oder vier anderen Mordopfer wie etwa Melanie aus dem Jahr 1934. Zum Glück gibt es hier gemeinsame Nenner wie etwa den, dass alle Opfer Rad fuhren, allein waren und ziemlich lange Strecken über flaches Land zurücklegten, welches damals viel weniger dicht besiedelt war als heute. Sie waren folglich ihrem Jäger ziemlich stark ausgesetzt. Ob dieser Jäger nun Josef Kalteis war oder auch ein „Kraftfahrer“ (LKW-Fahrer), bleibt offen.

Leider erfahren wir auch über die Psyche des Mörders Kalteis herzlich wenig, zumindest im Hörspiel – im Buch könnte hierzu viel mehr stehen. Dass er ein Triebtäter ist, macht er selbst klar, als er den Staatsanwalt um Hilfe wegen seines Triebs anfleht, dem er immer wieder ausgesetzt sei. Und als er seine bevorzugten Opfer beschreibt – mollige Schwarzhaarige – wird ebenfalls klar, dass hinter seiner Gier nicht nur Sexgier steht, sondern noch etwas Schlimmeres: ein Wille zur Vernichtung des Opfers. Ohne weiter in Details gehen zu wollen, sei hier nur auf Kalteis‘ kundige Schilderung einer Sauschlachtung verwiesen. Es genügte ihm nicht, „nur“ zu töten; der Tod musste einer Schlachtung gleichkommen.

Man fragt sich unwillkürlich nach den tiefenpsychologischen Gründen für ein solches Verhalten. Davon ist im Hörspiel jedoch an keiner Stelle die Rede. Das ist sehr schade. Denn nun kann man keine Parallele ziehen von Kalteis‘ Verhalten zu dem der Nationalsozialisten, die ab 1938 über die umliegenden Völker herfielen und deren Juden sowie andere unerwünschte Gruppen vernichteten.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Das Hörspiel eröffnet mit der Verkündung des Urteils über Kalteis. Die Atmosphäre ist unpersönlich, funktional, der Richter oder Staatsanwalt anonym. Die erste richtige Figurenstellung betrifft Kathie Hertl, die ihre Gedanken sprechen lässt. Laura Maire und Linda Marie Schenkel sprechen diesen Part, mal Kathie als Kind, mal als jugendliche Kindfrau. Sie unterscheidet sich in keiner Weise von Millionen anderer junger Frauen jener Zeit und ist als Individuum uninteressant, sondern lediglich als Exemplar, als Typ. Das ist schade, denn so hält sich die Anteilnahme des Hörers in Grenzen. Lediglich Begegnungen mit Ima und Freundin etc. zeichnen ein diffuses Bild von ihr.

Auch das Bild, das Kalteis abgibt, ist diffus, wie schon oben angedeutet. Ulrich Noethen verleiht ihm mit seiner Stimme aber eine Glaubhaftigkeit, die Kathies Rolle fehlt: Diese Stimme ist nicht die eines abweisenden Despoten, sondern die eines Ehemanns, Familienvaters, Wirtshausgastes. Und dann ist da noch die andere Sache. Hier wird Noethen richtig emotional, bis es am Schluss aus ihm herausbricht, man möge ihn vor „dem Trieb“ retten.

Der Rest der Rollen verteilt sich auf Nebenfiguren, hauptsächlich Zeugen und Angehörige von Opfern. Hier wird zuweilen das Zeitkolorit eingefangen, so etwa als Mussolini, der Duce, München besucht und alles Volk herbeiströmt, um den Staatsbesucher zu begaffen.

|Geräusche und Soundeffekte|

In der Szene der Urteilsverkündung hören wir eine Schreibmaschine ihren bürokratischen Takt hämmern. Klar ist, dass hier ein Menschenleben zu Ende gebracht wird. Sogleich folgt als Kontrastprogramm das Läuten von Kirchenglocken, als Kathie nach München aufbricht. Sie ist behütet und religiös aufgewachsen, nun sehnt sie sich nach dem Glamour der Stadt, und romantische Geigen unterstreichen ihre Phantasien. Später kommt noch Caféhausmusik hinzu, nie jedoch die Wirtshaus-Blasmusik, die man von Bayern erwarten würde. Einmal läuft im Hintergrund aus dem Radio schmalzige Popmusik jener Zeit.

Das Kontrastprogramm zu diesen Phantasien liefert die Vergewaltigung vor Frau Schreibers Garten, die Verfolgung (wieder per Rad) und das abschließende Kreischen von Krähen. Diese Szene ist quasi die kalte Dusche für den Hörer und lässt für Kathies Phantasien nichts Gutes erwarten.

Immer wieder fiel mir ein unterschwelliges Rumpeln auf, das an unheilverkündenden Textstellen – Szene wäre zu viel gesagt – eingesetzt wird. Das Rumpeln taucht zuerst am Ende der Sauschlachtungsschilderung durch Kalteis auf, dann wieder bei Erwähnung der ermordeten Hertha und schließlich bei der Erwähnung der Zeitungsartikel, die Kalteis aufhob. Der tiefe Soundeffekt fällt nur dem aufmerksamen Hörer auf, verfehlt aber kaum seine Wirkung: das der Beunruhigung.

|Die Musik|

Die Musik von Martina Eisenreich hält sich gänzlich fern von Melodien und Kadenzen, sondern beschränkt sich auf die Erzeugung von Stimmungen und einer unheimlichen Atmosphäre. Es ist nicht einmal eine Kirchenorgel zu hören, allenfalls eine Kirchenglocke. Dafür wirkt die Musik aber unterschwellig umso stärker. Niemand kann sich ihren subliminal wirkenden Klängen entziehen.

Ergänzt wird die Originalmusik mit Konserven, die ein wenig verzerrt aus dem Radio in den Haushalten dringen. Es ist Friedenszeit, Vorkriegszeit, eigentlich eine ländliche Idylle. Wenn da nur nicht Kalteis wäre.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel ist die Aufarbeitung einer langen Mordserie, die mindestens drei Jahre währte und das Münchner Umland unsicher machte. Dass man von diesem obsessiven Serientäter noch nie gehört hat, liegt wohl an dem Umstand, dass es sich um eine Geheime Reichssache handelt.

Es wäre interessant gewesen, mehr über die Recherche und die Motivation der Autorin zu erfahren, aber das Hörspiel ist als dritte Verwertung dieses Materials wohl nicht der rechte Ort für solche Informationen. Wer sich für dieses Thema interessiert, sollte zunächst zum Buch greifen. Spannend genug ist die Ermittlung ja. Die Frage, ob Kalteis der einzige Täter war, bleibt leider unbeantwortet. Aus verschiedenen Andeutungen geht hervor, dass er es nicht war.

|Das Hörbuch|

Die Sprecher sind ausgezeichnet für ihre Rollen geeignet, wenn mir auch die Rolle der Kathie ein wenig zu zurückgenommen vorkam. Dafür ist Kalteis relativ dominant, und er hat sogar das letzte Wort. Was ich mir unter „Britschn“ vorstellen soll, die er (seinem Opfer) „rausgeschnitten“ habe, wage ich mir allerdings gar nicht vorzustellen.

Realistische Geräusche ergänzen die Soundeffekte und die Orginalmusik sowie die Musikkonserven aus den 1930er Jahren. So wird das Geschehen sowohl in eine reale Zeit und Region gebunden als auch mit einer psychologischen Dimension vertieft. Die Ermittlung mit all ihren Zeugenschilderungen ist nur ein Drittel der Wahrheitsfindung, und die anderen beiden Drittel bestehen aus Kalteis‘ Aussagen und Kathis persönlichem Erleben, das sie aus subjektiver Sicht erzählt. Diese Darstellungsweise ist ein bewährtes ästhetisches Konzept, und es gibt nichts daran auszusetzen. Was noch fehlt, ist eine tiefere psychologische Dimension in der Figur des Kalteis. Vielleicht bietet das Buch mehr in dieser Hinsicht.

Dass selbst ein Hörspiel von nur 81 Minuten (inkl. einer Minute Absage der Mitwirkenden) rund 20 Euro kostet, ist schon ziemlich happig. Ich finde das zu teuer. Man sollte sich vielleicht die CD gebraucht zulegen, oder noch besser die Lesung kaufen, die von Monica Bleibtreu ausgezeichnet vorgetragen wird.

|81 Minuten auf 2 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-639-8|
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.andreaschenkel.de