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Márai, Sándor – Die Nacht vor der Scheidung (Lesung)

Wahrheit, Schönheit, Lüge, Tod_

Richter Kömüves kommt übermüdet mit seiner Frau von einer Veranstaltung nach Hause. Überrascht erfährt er, dass sich ein Fremder in seiner Wohnung befinde, um ihn zu besuchen. Es ist Imre Greiner, ein Schulkamerad und Jugendgefährte, den er seit neun Jahren nicht mehr gesehen hat. Der Richter weiß, dass er Greiners Ehe mit der schönen Anna Fazekas am folgenden Morgen scheiden soll. Gibt es ein Problem damit? Und ob! „Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe“, antwortet Greiner. Und er will herausfinden, wer ihm seine Frau weggenommen hat – vor zehn Jahren. Wen hat Anna wirklich geliebt? Den Richter etwa?

Der Autor

Der ungarische Erzähler Sándor Márai (ausgesprochen „schandor maroi“) lebte von 1900 bis 1989. Sein Roman [„Die Glut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1367 erschien 1942. Jahrzehntelang war das umfangreiche schriftstellerische Werk des Ungarn in seiner Heimat verboten. Er hatte 1948 Ungarn verlassen und setzte – wie der ebenfalls ins Exil gegangene Stefan Zweig (gestorben 1942) – seinem Leben 1989 in San Diego ein Ende. Zu früh, so kurz vor der politischen Wende des Ostblocks. (Mehr Details am Schluss.)

Der Sprecher

Charles Brauer, geboren 1956, ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern.

Regie führte Gabriele Kreis. Die Lesung umfasst den ungekürzten Text.

Das Titelbild zeigt „Charlotte von Hagn“, gemalt von Joseph K. Stieler. So könnten wir uns Anna Fazekas vorstellen.

Handlung

Es passiert wahrlich nicht allzu viel in der Geschichte, und doch könnte das Ergebnis tragisch ausfallen.

Christoph Kömüves, an die 40 und seines Zeichens Scheidungsrichter in Budapest, stammt aus einer Dynastie von Richtern, der „Kömüves-Schule“. Sein Büro liegt in den bedrückenden Gebäuden einer Haftanstalt. Am folgenden Tag soll er wieder einmal lösen statt zu binden, doch diesmal sind es zwei gute Bekannte, und das verleiht dem Fall eine besondere Bedeutung.

Imre Greiner, 38, war Christophs Schulkamerad und Jugendgefährte, den er aber seit rund neun Jahren nicht mehr gesehen hat, seit jener Zeit, als Imre die schöne Anna Fazekas heiratete. Christoph hatte vor rund zehn Jahre die ein wenig verwöhnte junge Dame ein paar Mal getroffen, und sie hatte dabei einen tiefen Eindruck hinterlassen. Dass sie und Imre seit einem halben Jahr getrennt leben, betrübt ihn ein wenig, aber da er selbst eine wohlgeordnete Familie hat, macht er sich keine falschen Hoffnungen auf eine Begegnung mit Anna.

Als er am Abend vor der Verhandlung übermüdet mit seiner Frau nach Hause zurückkehrt, erfährt er überrascht, dass sich ein Fremder in seiner Wohnung befinde, um ihn zu besuchen. Es ist Imre Greiner.

Christoph fragt, ob es wohl ein Problem mit der anstehenden Scheidung gebe? Und ob! „Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe“, antwortet Greiner. Er sei gekommen, um seinem Jugendfreund alles zu erzählen. Diese Erzählung nimmt fast die ganze Nacht in Anspruch. Vor vier Jahren hat der geschulte Arzt entdeckt, dass seine Frau frigide ist. Die folgenden Jahre waren die Hölle. Er will herausfinden, wer ihm seine Frau weggenommen hat – vor zehn Jahren. Wen hat Anna wirklich geliebt?

„Sag mir, Christoph, hast du in den letzten zehn Jahren von Anna geträumt?“ Was für eine unverschämte Frage! Träume?! Unsinn! Kömüves weist solche unwägbaren Kategorien weit von sich, denn in der Kömüves-Schule haben sie keinerlei Relevanz. Doch das Gespräch findet mitten in der Nacht statt, und zu dieser Zeit erhalten Träume sehr wohl eine Bedeutung …

Mein Eindruck

Das nächtliche Gespräch ist der Kulminationspunkt einer langen psychologischen Entwicklung, die sowohl in der Ehe Imres stattgefunden hat als auch im Leben Christophs. Nachdem der Autor detailreich jedes Ereignis im Leben des Richters ausgebreitet und erörtert hat, um seine geistige Disposition zu beschreiben, taucht sein Jugendfreund Imre wie das personifizierte Chaos auf. Und tatsächlich erlebt Christoph die nächtliche Begegnung wie einen hinterlistig vorgetragenen Angriff auf seine Person, sein Amt und seine Lebensphilosophie (die „Kömüves-Schule“).

Weitaus interessanter, weil romantischer, ist Imres Liebe zu Anna. Nach Imres Worten kann er sich keine innigere und absolutere Einheit zwischen zwei Menschen vorstellen. Sie hatten keine Geheimnisse voreinander, denn die Ehe war ihm eine heilige Einrichtung, ein Sakrament, und die Bindung an seine Ehefrau nur durch den Tod zu lösen. Er war süchtig nach Annas Gegenwart, so dass er seine Arztpraxis in seiner eigenen Wohnung einrichtete, um ihr nah sein zu können. Demzufolge war auch seine Eifersucht eine absolute, bis hin zur Krankhaftigkeit. Er will ihren Körper besitzen, diesen „wundervollen Mechanismus“.

Doch vor vier Jahren meldete sich sein Unterbewusstsein damit, dass es etwas suchte, was es nicht kannte, aber dringend brauchte. Was war es? Imre weiß nur so viel, dass es ohne dieses Etwas nicht mehr weitergehen kann. Denn dann ist seine Ehe, ja, sein ganzes Leben nur eine leere Formel, deren Sinn abhanden gekommen ist. Wie sich herausstellt, liegen bei Anna alle Symptome der Frigidität vor, eine sexuell geäußerte Gefühlskälte. Anna ist selbst am meisten davon überrascht. Doch wie konnte es dazu kommen, fragt sich Imre, wer hat ihm Anna weggenommen? Wer erscheint ihr in ihren Träumen?

Da Anna ihm offenherzig alle ihre Lebenserlebnisse erzählt hat, weiß Imre natürlich von Annas Begegnungen mit dem vor zehn Jahren jungen Rechtsassessor Christoph Kömüves. Diese wenigen Begegnungen müssen sie aber so erschüttert haben, dass ihr die Ehe mit Imre nicht als ihre eigentliche Bestimmung erschien. Nun ist Anna tot, doch Christoph lebt. Ergeht es dem Richter ebenso? Erscheint ihm sein eigenes Leben nicht ebenfalls als eine Art Missverständnis? Als eine Formel ohne Sinngehalt?

Da gerät der Richter schwer ins Grübeln, und wir müssen uns seiner gesamten Biographie und der langen Gesellschaftsbeschreibung erinnern, die wir durch ihn erhalten haben. Erst dann können wir seine Reaktion verstehen. Wird er „ja“ sagen, oder wird er Imre, diesen personifizierten Angriff, wegschicken? Eines ist sicher: Nach dieser Nacht wird es keine Scheidungsverhandlung für Imre Greiner und Anna Fazekas geben. So oder so.

Die Gesellschaftsbeschreibung konzentriert sich immer wieder auf den sozialen Umbruch, den der Erste Weltkrieg zur Folge hat: den Untergang der KuK-Monarchie, das Auseinanderbrechen der Einheit Österreich-Ungarn, die Entlassung der Ungarn in eine Freiheit, die erst noch zu determinieren ist. Die alten Amtsträger treten ebenso ab, wie ihre Wertvorstellungen mit Füßen getreten werden. Die „Kömüves“-Schule ist ein Anachronismus, und ihr Begründer ist noch nicht einmal unter der Erde.

Innerhalb dieser katholischen und lateinisch-humanistisch orientierten Schule begreift Christoph Kömüves das Leben als Pflichterfüllung und freiwilligen Gehorsam gegenüber einer Gemeinschaft, die er als konkret seine Familie oder als erweiterte Quasi-Familie begreift. Die Pflicht ist in Demut zu erfüllen, denn dies ist die Vorbedingung für die göttliche Gnade. Doch die erweiterte Familie, die Volksgemeinschaft, hat aufgehört zu existieren, und alles um ihn herum scheint ebenso zu zerfallen wie die Ruinen der Burg in Buda, dem alten Teil der Doppelstadt Budapest.

Warum hat er also Anna Fazekas, die er doch so anziehend fand, seinerzeit nicht geheiratet? Er hielt nie um ihre Hand an, sondern wählte stattdessen Hertha. War es, weil eine Verbindung mit Anna eine Bindung des Herzens gewesen wäre statt eine der Pflichterfüllung? Wohl möglich. Dann ist sein Leben eines der Entsagung, das seine wichtigste Erfüllung in der Familiengemeinschaft und dem Dienst an seinen Klienten findet. Ist es darum ein „Missverständnis“, wie Imre behauptet? Der Leser muss diese Frage ebenso beantworten wie der Richter selbst. Wovon träumt er nachts?

Der Sprecher

Charles Brauer, inzwischen rund 70 Jahre alt, erledigt seinen Job mal wieder einwandfrei. Als erfahrener Schauspieler – etwa im „Tatort“ – hat er ein Gespür für das Besondere an einer Szene. Da weiß er einfach, wo die Pausen gesetzt werden müssen, so etwa in der extrem angespannten Begegnung zwischen Imre Greiner und Christoph Kömüves. Bewunderswert ist auch Brauers Aussprache der ungarischen Namen. Ich kann mir keinen besseren Sprecher für einen Sprachkünstler wie Sandor Márai vorstellen.

Unterm Strich

Auf ironische Weise wird aus dem Mann, der täglich sein Amt als Scheidungsrichter ausübt, ein Angeklagter, dem selbst einige recht zudringliche und höchst intime Fragen gestellt werden. Dies darf sich auch nur ein Jugendfreund erlauben. Dennoch beruft sich der Richter auf sein Recht, die Aussage zu verweigern – ein Schuldeingeständnis?

Zwei Lebensprinzipien stoßen ebenso aufeinander wie zwei Epochen: hier die alte, versunkene Welt der KuK-Monarchie, dort die neue Republik, hier Pflichterfüllung bis zur Selbstverleugnung in Demut, dort die totale Erfüllung in einem geliebten Partner. Imres Erfüllung stellt sich als Täuschung heraus, als Lebenslüge – wie steht es um die Lebenslüge des Richters?

Trotz der völligen Abwesenheit einer Handlung ist die Geschichte des Aufeinandertreffens dieser zwei Welten eine Angelegenheit, die zunehmend an Spannung gewinnt, je kritischer die Fragen des Arztes an den Richter werden. Etwas muss brechen, denn es ist die Nacht vor der Scheidung. Anna, die zwischen den beiden stand, ist bereits tot (ich verrate nicht, auf welche Weise sie starb) – wird es weitere Opfer zu beklagen geben?

Der Leser bzw. Hörer muss jede Menge Geduld und Aufmerksamkeit mitbringen, um über den Berg der Vergangenheit in die spannenden Gefilde der Gegenwart zu gelangen, die in einer einzigen Nacht ihren Kulminationspunkt findet. Große Literatur, die Anstrengung fordert, aber dafür umso mehr lohnt.

Mehr Details über den Autor

Sándor Márai, geboren am 11. April 1900 in Ungarn, studierte Philologie. Sein erster Gedichtband erschien 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Márai als Student und literarischer Feuilletonist in Deutschland und Paris. 1928 kehrte er zurück in die ungarische Heimat und erlebte dort in den dreißiger Jahren eine Zeit größter Schaffenskraft und literarischer Erfolge. 1948 floh er in den Westen und lebte in der Schweiz, in Italien und in Amerika. Nach dem Tod seiner Frau nahm Márai sich im Februar 1989 in San Diego, Kalifornien, das Leben.

Das Original erschien posthum in Toronto, deutsch zuerst 2004
aus dem Ungarischen von Margit Ban
377 Minuten auf 5 CDs

Amélie Nothomb – Mit Staunen und Zittern (Lesung)

Aus Übermut und Neugier hat Amélie eine Stelle bei einem japanischen Unternehmen angenommen. Als Dolmetscherin, so glaubte sie, doch sie wird wegen ungebeten guter Leistungen alsbald strafversetzt – in die Buchhaltung. Dort wird ihr ein Crashkurs in Sachen Hierarchie erteilt. Da wird ihr klar: Eine Frau, zumal eine Langnase aus Europa, kann nur ganz unten einsteigen. Und noch tiefer fallen. Amélies letzte Wirkungsstätte sind daher folgerichtig die Toiletten. Und an diesem Örtchen verbringt sie die lustigste Zeit ihres Lebens.

Die Autorin

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Karin Slaughter – Vergiss mein nicht (Lesung)

Trifft ins Herz: finaler Rettungsschuss

Es ist eine heiße Sommernacht im Städtchen Heartsdale, Georgia. Auf dem Parkplatz der Rollschuhbahn droht die 13-jährige Jenny den drei Jahre älteren Herzensbrecher Mark zu erschießen. Behutsam versuchen die Ärztin Sara Linton und ihr Ex-Gatte, Polizeichef Jeffrey Tolliver, die Situation zu entschärfen. Zunächst sieht es nach einem Liebesdrama unter Teenagern aus, doch dann kommt es zum Showdown: Tolliver muss Jennys Leben opfern, um Marks Hinrichtung zu verhindern. Schließlich findet man in den Toiletten der Anlage ein totes Neugeborenes, und Linton und Tolliver sehen sich einem Fall gegenüber, von dem sie sich wünschen, sie hätten ihn nie übernommen. (abgewandelte Verlagsinfo)

Die Autorin

Karin Slaughter wuchs in einer kleinen Stadt in Georgia auf und lebt heute in Atlanta. Schon mit ihrem Debütroman sicherte sie sich einen Platz unter den wichtigsten Thrillerautorinnen der USA. Heute ist sie laut Verlag einer der Stars dieser Liga. Ihre Bücher sind in über 15 Ländern erschienen, und wenn man sich die Geschichten ihrer neuesten Romane anschaut, so stellt man schnell fest, dass es sich die Autorin keineswegs leicht macht, sondern im Gegenteil schwerwiegende und komplex angelegte Themen aufgreift. Sie scheut nicht vor der Behandlung von Tabus wie Homosexualität, Inzest, Sex mit Behinderten, Rassismus, religiöser Wahn, Drogenmissbrauch, Pädophilie und Selbstjustiz zurück. Ein kleiner Teil davon ist in „Vergiss mein nicht“ zu finden.

Die Sprecherin

Iris Böhm spielte nach ihrer Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ an verschiedenen Theatern. Sie war u. a. in „Tatort“, „Zwei Asse und ein König“ und „Eine Hand schmiert die andere“ zu sehen. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Rolle als Kommissarin in der RTL-Serie „Die Sitte“, für die sie den Deutschen Fernsehpreis 2004 erhielt. Iris Böhm lebt in Berlin. (Verlagsinfo) Sie liest eine gekürzte Textfassung.

Regie führte Margrit Osterwold, für den guten Sound sorgte Tonmeister Fabian Küttner.

Handlung

Es ist ein schöner Samstagabend auf der Rollerskatebahn von Heartsdale, Georgia. Neben Kinderärztin Sara Linton sind auch ihr Patient Justin, 7, und ihre Schwester Tessa da. Nur ihr Ex-Mann, Sheriff Jeffrey Tolliver, hat sich verspätet, sonst wäre der Abend perfekt. Auf dem Damenklo macht sie eine merkwürdige Beobachtung: Jenny Weaver taucht aus einer der Toiletten völlig verstört auf. Sara bemerkt an Jennys Rucksack und am Türgriff einer Kabine Blut.

Kurz darauf hört sie, wie ein Mädchen einen Jungen anschreit. Sara eilt hin, und da zielt Jenny mit einer achtschüssigen Beretta auf einen Jungen, der offenbar ziemlich zugekifft ist und die Bedrohung nicht ganz ernst nimmt. Sheriff Tolliver ist inzwischen eingetroffen und ermahnt Jenny, die Waffe fallen zu lassen. Doch statt zu gehorchen, entsichert Jenny bloß ihre Beretta. Tolliver merkt, dass sie es todernst meint. Sie weint und fordert ihn auf, sie zu erschießen, bevor sie den Jungen abknallt.

Nun entsichert auch Tolliver seine Dienstwaffe, in der Hoffnung, dass seine alarmierten Kollegen bald da sein werden, um Jenny zu umzingeln. Da kommen Brad Stevens und Lena Adams auch schon, doch es hilft nichts. Auch Sara kann nichts gegen Jennys verzweifelte Sturheit ausrichten. Jenny nennt den Jungen lediglich einen Lügner. Tolliver zählt bis fünf. „Fünf“, schreit Jenny, dann schießt er. In ihrem Rucksack findet Sara ein 28 Wochen altes Baby. Jenny wollte es im Klo entsorgen. Der Junge, Mark Patterson, war sein Vater.

WARNUNG: SPOILER

Die Untersuchung der Leiche, die Sara als Gerichtsmedizinerin vornimmt, fördert einige grausige Körpermerkmale zutage. Ihre Haut ist mit vielen kleinen Schnitten übersät (daher der O-Titel: „Kisscut“) und ihr Becken weist die Spuren einer brutalen Vergewaltigung auf. Und noch etwas: Das Baby kann nicht von Jenny sein – ihre Vagina wurde zugenäht. Vor mindestens einem halben Jahr.

SPOILER ENDE

Jennys Mutter Dottie erzählt, dass Jenny mit Marks Schwester Lacy in einer kirchlichen Jugendgruppe war, die von Pastor David Fine geführt und von Brad Stevens betreut wird. Das ging jedenfalls so bis vor etwa acht Monaten, als die Gruppe in die Weihnachtsfreizeit fuhr. Dann muss etwas passiert sein, denn von da ab wollte Jenny nicht mehr zu den Gruppenabenden. Von Jennys Verletzungen weiß Dottie nichts. Mark Patterson aber ist wegen Diebstahls und Tätlichkeit gegen Lacy verurteilt worden. Hat er etwas mit Jennys Zustand zu tun?

Als Polizistin Lena Adams die Pattersons in deren Trailer aufsucht, merkt sie gleich, dass hier etwas nicht in Ordnung ist. Der Vater von Mark, ein Trucker, sieht okay aus, aber seine Mutter Grace hat Lungenkrebs im Endstadium. Mark selbst versucht Lena mit seinem männlichen Charme zu verführen, denn er ist wieder einmal zugedröhnt. Sie bemerkt eine besondere Tätowierung auf seiner Hand. Aber wo ist seine Schwester?

Lacy taucht am übernächsten Tag in der Kinderklinik bei Sara Linton auf. Das 13-jährige Mädchen ist schwanger und versteckt sich vor seinem Bruder Mark. Auch ihrer Mutter soll Sara nichts sagen. Offenbar hat sie Angst vor. Als Mark plötzlich auftaucht, mit einem Messer in der Hand und total stoned, ruft Sara die Polizei und schickt Lacy heimlich weg. Doch während Lena Adams Mark erwischen und festnehmen kann, wird Lacy in einem schwarzen Auto entführt.

Etwas definitiv Unheimliches geht vor in Heartsdale, Georgia. Und es gefällt Sara kein bisschen.

Mein Eindruck

Wieder einmal sind junge Mädchen die Opfer von Verbrechen. Diesmal greift die Autorin das Thema Pädophilie und Kinderpornografie auf. Im Zuge von Sheriff Tollivers Ermittlungen entsteht das Bild einer Industrie, die keine Skrupel bei der Ausbeutung von Mädchen und Jungs kennt. Aber der Sheriff stößt auf zwei Aspekte, die ihn besonders betroffen machen. Erstens hat sich ein Pastor dazu erpressen lassen, die Pornohefte an die Kunden zu verteilen, und zweitens gehören zu den Rädelsführern des Pornorings zwei ältere Frauen, die selbst Mütter sind und es eigentlich besser wissen sollten.

Die Folgen ihres kriminellen Treibens zeigt die Autorin an den Mädchen Jenny und Lacy auf, die einmal Freundinnen waren, bevor – etwas – geschah. Man kann sich schon denken, was das war. Eine zentrale Rolle fiel dabei dem Adonis Mark Patterson, zu der sich von einem Opfer pädophiler Handlungen zu einem Täter entwickelt hat und nun selbst immer neue Opfer erzeugt, indem er Mädchen verführt und gefügig macht. Das Erkennungszeichen seines Pädo-Rings trägt er auf der Haut: Lena Adams hat das Tattoo bemerkt.

Otto Normalverbraucher kann es natürlich kaum glauben, dass es solche Pädo- und Pornoringe mitten in der amerikanischen Provinz geben soll. Andererseits würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, die Drahtzieher in Kreisen von Müttern und der Kirche zu suchen. Offenbar gibt es auch Verbindungen zu Kreisen in der Hauptstadt Atlanta, und dort besteht ein riesiger, unersättlicher Markt.

Explosive Ermittlung

Die Suche nach den Drahtziehern führt Tolliver und Lena Adams zu einem Haus, wo die Aufnahmen gemacht worden sein sollen, die in den Pornomagazinen zu finden sind. Das inzwischen leer geräumte Haus erweist sich jedoch als Todesfalle. Diese Szene ist sorgfältig ausgeführt worden, so dass höchste Spannung aufkommt – die sich als völlig gerechtfertigt erweist. Tolliver geht um ein Haar drauf, und nur weil er Lena in sichere Entfernung geschickt hat, entgeht sie dem Tod. Tolliver merkt also am eigenen Leib, dass mit den Pädo-Leuten nicht zu spaßen ist.

Showdown

Das Finale ist jedoch ziemlich ironisch gestaltet. Obwohl Tolliver weiß, wo er die überlebende Drahtzieherin findet, gelingt es ihm trotz einer wilden Verfolgungsjagd nicht, sie zu schnappen. Bleibt also nur die Video-Überwachung des Schließfaches, wo das verbotene Material weitergegeben wird. Doch auch diesmal sind die Überwacher geistig nicht schnell genug, um das zu begreifen, was sie sehen. Die Kriminellen sind ihnen stets einen Schritt voraus, zeigen ihnen sogar den Mittelfinger. Und da sie wie Normalbürger aussehen, sind sie auch auf der Straße nicht auszumachen. Der Horror ihrer Taten findet also – anders als in gewissen TV-Serien – kein Ende.

Nice work?

Dieser Thriller mag vielleicht nicht so aufregend bizarr sein wie „Belladonna“ oder das nachfolgende „Faithless“, aber er verfügt dennoch über eine gut konstruierte Zentralstory, die den Leser bzw. Hörer ständig bei der Stange hält, um herauszufinden, wer wohl dahinter steckt. Aber es gibt auch einen Nebenstrang, der ebenso verstörend wirken kann. Wer sich mit der Figur der Polizistin Lena Adams, der Gekreuzigten, angefreundet hat, wird einige beklemmende Szenen erleben. Dazu gehört auch, dass sie sich eines Nachts, gequält von Erinnerungen an ihr Martyrium und den Verlust ihrer Schwester Sibyl, den Lauf ihrer Dienstwaffe in den Mund steckt und kurz davor ist abzudrücken.

Die Sprecherin

Iris Böhm verfügt über starke Nerven und eine kräftige, geübte Stimme. Sie versagt auch nicht an den bizarrsten Stellen dieses an unheimlichen Details reichen Thrillers. Die deutliche Hervorhebung einzelner Wörter verhilft zu einem genauen Verständnis des Gesagten. Durch Modulation der Lautstärke – zwischen Flüstern und Schreien – und der Tonhöhe gelingt es ihr, die Seelenlage der jeweiligen Figur, egal ob Mann oder Frau, ziemlich genau auszudrücken.

Dottie Weaver beispielsweise klingt nörgelig und müde, als könnte sie keiner Fliege was zuleide tun. Hank Norton, der Ziehvater von Lena Adams, ist mal wieder besoffen – er verschleift seine Konsonanten in einer nuschelnden Redeweise. Mark Patterson, den jugendlichen Adonis, kann man sich leicht anhand seines selbstbewussten und verführerischen Tonfalls vorstellen. Später besucht Lena ihn wieder: Er wurde geschlagen und spricht schwach, was ihn zerbrechlich wirken lässt – genau wie seine Mutter Grace. Lena besucht auch sie, doch sie muss erfahren, dass Schwäche keineswegs einen besseren Menschen aus Grace gemacht hat. Später tritt ein Dealer namens Joe Stewart auf, den die Sprecherin berlinerisch reden lässt. Das ist wohl als Ersatz für einen Stadtakzent zu verstehen.

Bei einem spannenden Stoff wie diesem darf die Präsentation keinesfalls den Inhalt überdecken oder beeinträchtigen, sondern muss dahinter verschwinden. Das gelingt Böhm hundertprozentig. Doch ist Böhms Vortrag nicht etwa theatralisch, um auf die Tränendrüse zu drücken. Denn auch das würde man ihr heutzutage nicht mehr verzeihen. Theatralik ist ein Stilmittel, um Betroffenheit zu vermitteln, wie es noch vor fünfzig oder sechzig Jahren nicht unüblich war. Böhm strahlt hingegen Professionalität aus, wo es nötig ist, und Emotionen, wo es angebracht ist.

Unterm Strich

Wie schon unter der Rubrik „Die Autorin“ gesagt, lässt Karin Slaughter in ihren Romanen kaum ein Verbrechen oder Tabu aus. Vielleicht ist sie deshalb so schnell so erfolgreich geworden? Klappern gehört bekanntlich zum Handwerk, und in dem heiß umkämpften Markt der Thrillerautorinnen kann sich nur diejenige hocharbeiten und behaupten, die die Leserin am heftigsten zu erschüttern weiß. Leider muss die Schockdosis ständig erhöht werden, um noch Wirkung zu zeitigen. Irgendwann schlägt das, was an schwerem Geschütz aufgefahren wird, ins Groteske, ja, ins Absurde um. Wann dieser Punkt gekommen ist, hängt von der Empfindsamkeit, der Intelligenz und Empfänglichkeit des individuellen Lesers bzw. Hörers ab.

Doch im vorliegenden „Kisscut“ wird niemand gekreuzigt oder lebendig begraben. Obwohl die Handlung reichlich makaber mit der Erschießung eines Kindes beginnt, so steigert sich dieses Niveau des Schreckens nicht noch weiter in unplausible Höhen. Alles, was im Folgenden passiert, entbehrt nicht desjenigen Realismus‘, den man täglich in den Nachrichten vorgesetzt bekommt: vom Pädophilen- und Pornoring bis zu misshandelten Mädchen und blutig entsorgten Föten.

Slaughters Thriller waren noch nie zimperlich, wenn es um das Traktieren der Nerven des Lesers bzw. des Hörers geht. Vielleicht hat die Autorin deshalb so schnell Erfolg gehabt. Auch dieser Thriller, dessen deutscher Titel sich mir nicht erschließt, geizt nicht mit Spannung und schockierenden Ermittlungsergebnissen. Und er zeigt die Hüter des Gesetzes ebenfalls als Opfer einer Gesellschaft, die keine Grenzen mehr kennt, wenn es um die Ausbeutung der Schwächsten geht.

Die Sprecherin Iris Böhm trägt die Geschichte mit eindrucksvoller Professionalität und Feinfühligkeit vor. Auch die heikelsten Details und abstoßendsten Szenen sind ihr nicht anzumerken, und das ist sicher ein Kunststück. Es gibt mehr als genug davon. In ihr finden die weiblichen Fans von Karin Slaughter ein qualifiziertes Sprachrohr für die Geschichten der Autorin. Mit Sorge habe ich jedoch festgestellt, dass ihre Stimme inzwischen an manchen Stellen brüchig klingt – eine Spur des Alters oder eine Folge von Überarbeitung?

Originaltitel: Kisscut, 2002
Aus dem US-Englischen übersetzt von Teja Schwaner
410 Minuten auf 6 CDs

Das Buch erschien 2004 bei Wunderlich, einer Tochter des Rowohlt-Verlags.

Anne Holt – Der norwegische Gast (Lesung)

Klassische Vorbilder: der Ermittler im Rollstuhl

Im norwegischen Bergdorf Finse sind wegen eines Schneesturms die Passagiere eines Zuges eingesperrt, unter ihnen die Ex-Kommissarin Hanne Wilhelmsen. Der Zug ist entgleist, an ein Fortkommen ist nicht zu denken. Da geschieht ein brutaler Mord – ein aus dem Fernsehen bekannter Pastor liegt erschossen in seinem Blut. Doch als Hanne einen Zeugen gefunden zu haben glaubt, wird auch dieser ermordet. Und das ist noch nicht alles …

Die Autorin

Anne Holt, 1958 geboren in Larvik, wuchs in Norwegen und den USA auf. Als freie Autorin lebt sie heute in Oslo und Südfrankreich. Mit ihren 13 Krimis gehört sie zu den wenigen skandinavischen Autoren, deren Bücher weltweit gelesen werden und sich über vier Millionen Mal verkauften. Zuletzt erschienen von ihr auf Deutsch „Die Präsidentin“ und „Der norwegische Gast“. (abgewandelte Verlagsinfo 2008)

Mehr von Anne Holt auf |Buchwurm.info|:

[„Die Wahrheit dahinter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1523
[„Was niemals geschah“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1971
[„Der norwegische Gast“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5168

Die Sprecherin

Ulrike Grote spielte nach ihrer Schauspielausbildung an renommierten Theaterbühnen und war in diversen Film- und Fernsehrollen zu sehen, u. a. im „Tatort“. Seit 2004 arbeitet sie auch als Regisseurin, ihr Kurzfilm „Ausreißer“ war für den OSCAR nominiert.

Regie führte im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg, Gabriele Kreis. Grote liest eine gekürzte Fassung.

Handlung

Der Zug nach Bergen entgleist vor einem Tunnel wegen einer Schneewehe. Die ehemalige Kommissarin Hanne Wilhelmsen findet sich nach einem Moment der Bewusstlosigkeit mit einem Baby im Arm neben den Gleisen wieder. Die Mutter grabscht sich das rosafarbene Bündel. Es herrschen 20 Grad unter Null, Schnee treibt in dicken Flocken. Die Retter fluchen und versuchen Hilfe aus einem nahen Berghotel in dem Dorf Finse zu holen. Einer der Retter weist auf Hannes Wade: Ein Skistock hat sich hindurchgebohrt, ohne dass sie etwas davon spürte. Sie ist seit einer verirrten Kugel, die sie sich vor fünf Jahren im Dienst einfing, querschnittsgelähmt. Hanne ist auf der Fahrt zu einem Rückgratspezialisten gewesen.

Im Berghotel Finse finden die acht Ärzte, die unterwegs zu einem Kongress waren, jede Menge Arbeit. Hanne wird von einem Zwerg behandelt, der sich als Magnus Streng vorstellt. Er unterstützt Hannes Bitte, dass einer der Retter ihren Rollstuhl vom Zug holt. Hanne robbt zum Tresen, der Hotelrezeption, wo sie der Ansprache eines Fettsacks lauscht, den sie aus dem Fernsehen kennt: Pastor Kato Hammer. Er bittet die fast 200 Anwesenden, für den Zugführer Einar Hultas zu beten, der beim Unglück gestorben sei. Neben Hanne flucht ein junger Mann, auf dessen EC-Karte „Adrian“ steht. Ihr fällt das mit Pistolen bewaffnete Ehepaar auf, das sie für Kurden hält. Die Pistolen halten sie versteckt. Eine Buchautorin namens Kare Tue, auch häufig im Fernsehen, schnauzt den Pfarrer an, die Klappe zu halten.

Schon bald machen Gerüchte über den letzten, außerplanmäßig angehängten Zugwaggon die Runde. Es heißt, die Kronprinzessin Mette-Marit sei an Bord gewesen. Alle seien in die Appartements des Hotels gebracht worden, wo nun Wachen stünden. Zu diesem Trakt gelangt man nur über einen alten Waggon, der die Verbindung zum Haupttrakt des Hotels bildet, in dem sich der Großteil der Fahrgäste versammelt hat. Geir Rukholmen, ein Anwalt, hat sich den Rettern angeschlossen und berichtet Hanne: Ein Schneesturm ist im Anzug, und die Temperatur ist auf 25 °C unter null gefallen. Es werde schlimm werden. Keine Chance auf Entkommen. Hanne ist klar, dass dies den mit Laptops bewaffneten Börsenkriegern nicht gefallen wird. Tatsächlich wird sogar einer von ihnen versuchen, durch den Schnee zu entkommen, und dabei umkommen.

Einer der Hunde wird eingesperrt. Erschöpft sinkt Hanne in den Schlaf. Geir Rukholmen weckt sie mitten in der Nacht. Draußen liege eine Leiche im Schnee, erschossen. Wer? Kato Hammer, der Pfarrer. Hanne ist nicht überrascht. Die Hoteldirektorin Berit Tverer hat die Leiche entdeckt und zeigt die Fotos auf ihrer Digitalkamera. Der Schuss erfolgte aus nächster Nähe ins Gesicht, das Ergebnis sieht schaurig aus. Die Leiche sei in der Küche, sagt Berit. Wohin damit? Hanne macht sich mehr Sorgen wegen des Mörders. Ach, sollen sich doch die Wachen der Royals darum kümmern, was geht sie das alles an.

Adrian, der Junge, tut ihr einen Gefallen und fertigt eine Liste mit Personen an, die er beschreiben kann. Es sind immerhin rund 50 Leute, sechs sogar namentlich. Marcus Streng, der Arzt, bittet Hanne in die Küche: Der Pastor war sein Patient. Berit erwähnt, sie habe gemessen, wie lange die Leiche gelegen habe: nur sehr kurz. Sie lässt die Leiche in den Kühlraum schaffen. Geir kehrt mit der Nachricht zurück, dass es in den Appartements keine Royals gebe, wohl aber eine bewaffnete Wache vor einem der Zimmer.

Am nächsten Morgen wundern sich die erwachenden Leute über die Abwesenheit des Pastors. Hanne fällt ein Mann in blauem Anorak auf: Ror Hansson, noch ein Pastor, aber auf Urlaub, wie er sagt. Hammer war sein Kommilitone, und Hansson weiß erstaunlicherweise, dass Hammer umgebracht wurde. Da bricht Panik aus, weil eine Falschmeldung, dass die Royal-Wachen schießen würden, wie eine Bombe einschlägt, Ein Mann namens Elias stirbt an einem Herzinfarkt, das dritte Opfer der Katastrophe. In dieser Lage kann Berit nicht anders, als den Tod von Kato Hammer bekanntzugeben und zu erklären: „Er starb an einer Hirnblutung.“ Eine glatte Lüge.

Hanne fragt Berit, wer im Zimmer mit der Wache sei. Berit berichtet von einem Anruf des norwegischen Geheimdienstes, der angeordnet habe, der letzte Wagen müsse in ein bestimmtes Zimmer evakuiert werden – aus Gründen der Staatssicherheit. Berit habe eine Telefonnummer genannt bekommen. Als Hanne diese Nummer anruft, nennt der allseits bekannte Außenminister seinen Namen, Hanne aber schweigt. Wenig später ist die Nummer „nicht mehr vergeben“. Was geht hier eigentlich vor? Ist unter den Fahrgästen etwa kein Royal, sondern ein Terrorist, der gefangengesetzt wurde?

In einer Stimmung depressiven Wartens kommt Ror Hansson wieder zu Hanne. Offenbar will er sein Herz erleichtern. Er glaubt, Kato Hammer sei wegen seiner Sünden umgebracht worden: Gier und Verrat. Er wisse, wer es gewesen sei. Gerade als er den Namen verraten will, vertreibt der junge Adrian ihn. Der schleimige Typ habe sich an Veronika, Adrians neue Freundin, heranmachen wollen, ist es zu fassen?!

Als ein Mädchen die Leiche im Kühlraum entdeckt, entsteht schon wieder Panik. Als der Sturm ein paar Fenster platzen lässt, die wie Explosionen klingen, verschärft sich die Panik. Kare Tue nutzt die verschärfte Angst ebenso aus wie ein Halbstarker, der eine Bande um sich schart, und die „Kurden“ zielen auf einen imaginären Feind. Jetzt übernimmt Hanne Wilhelmsen das Kommando, bevor alles in die Binsen geht.

Doch dann gibt es weitere Tote …

Mein Eindruck

Man sollte schon genau mitverfolgen, was Hanne beobachtet und mitgeteilt bekommt. Es sind lauter winzige Puzzleteilchen, die sie zusammensetzen muss, damit sie ein halbwegs sinnvolles Muster zu ergeben. Wie sich am Schluss herausstellt, geht es um weit mehr als nur um einen Terroristen, der vielleicht oder vielleicht nicht als Gefangener mitreist.

Die zahlreichen Beobachtungen in einer begrenzten Umgebung erinnern an etliche klassische Krimis, nicht zuletzt an Agatha Christies „Zehn kleine Negerlein“ (And then there were none), aber auch an Krimis mit Seriendetektiven wie Perry Mason und Nero Wolfe. Im Verlauf des Zwangsaufenthalts kommt Hanne einem Korruptionsskandal in der Staatskirche auf die Spur, an dem Kato Hammer und Ror Hansson beteiligt waren. Dabei gab es ein unschuldiges Opfer, das als Sündenbock verurteilt wurde. Die Gelegenheit zur Vergeltung für dieses himmelschreiende Unrecht bietet sich dem oder den Tätern in dem Berghotel von Finse.

Klassisch

Ebenso klassisch ist die Aufklärung dieses Falls. Zwei Morde werden dadurch erklärt. Niemand mag Hannes zwingend erklärte Täterermittlung glauben, zu bestürzend ist das Ergebnis, und Adrian rastet sogar aus. Die körperlich hilflose Hanne muss um ihr Leben bangen, denn da sind ja auch noch die mysteriösen Kurden mit den Bleispritzen.

Sie befindet sich in einem kuriosen Zwischenbereich der Berufstätigkeit: Sie ist nicht mehr Polizistin, aber auch noch nicht richtig Zivilistin, sondern wird zu einer Aufgabe genötigt, die eine Ermittlerin erforderlich macht. Darf sie deshalb jedoch die Wahrheit verdrehen oder verschweigen? Das ist eine knifflige moralische Frage. Doch der Status als Zivilistin bietet auch gewisse Freiheiten. Wie sich zeigt, ist sie die richtige Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Man verleihe ihr einen Orden.

Windstärken

Explosionen, Schüsse – alles eingebildet, aber nicht weniger wirksam. Ansprachen, Streitigkeiten, Panik – auch dies dreht die Schraube der Anspannung weiter. Ein recht ungewöhnliches Stilmittel, um die Spannung zu steigern, bilden die Zitate aus dem Handbuch zur Beschreibung von Wetterphänomenen in den Bergen. Die Zitate stehen jedem Kapitel voran. Die Phänomene reichen vom lauen Lüftchen bis zum schweren Orkan. Während die Brise noch harmlos erscheint und als erfrischend begrüßt wird, fegt so ein schwerer Orkan schon mal das eine oder andere Haus ins Nichts.

Man kommt nicht umhin, die wachsende Windstärke, die fallenden Temperaturen, den dichteren Schneefall und die in der Kälte platzenden Fenster miteinander in Verbindung zu setzen. Es ist, als würde in einem Dampfkochtopf der Druck steigen, während sich gleichzeitig das Hotel in eine Eishölle verwandelt. Kein Wunder, dass es zu Kurzschlussreaktionen im Finse-Berghotel kommt. Die Frage lautet, ob Hanne, der einzige Ermittler vor Ort, diese Eskalation überleben wird.

Die Sprecherin

Ulrike Grote, eine erfahrene Schauspielerin, erzählt mit beherrschter, selbstbewusster Stimme. Man sich ihr anvertrauen, und schon bald verschwindet sie hinter den Figuren. So etwa dann, als Ror Hansson angstvoll und stockend sein Gewissen erleichtern will. Oder wenn Marcus Streng, der Zwerg, mit einem ungewöhnlichen, rollenden R seine Hilfsbereitschaft demonstriert, als Hanne ihre Puzzlesteinchen zusammenfügt. Einen kleinen Verdacht ob solcher Hilfsbereitschaft konnte ich allerdings nicht unterdrücken. Könnte nicht auch der Zwerg …?

Kontrastprogramm

Der Emotionalität dieser Figurendarstellung steht die Sachlichkeit entgegen, mit der die Sprecherin aus dem Handbuch über Windstärken im Gebirge zitiert. Das bildet einen sowohl reizvollen als auch notwendigen Kontrast. Denn anhand des Maßstabs der Sachlichkeit lässt sich ablesen, wie hoch die emotionalen Wogen in den erzählten Passagen bereits schlagen. Da es keinen allwissenden Erzähler gibt, der uns „objektiv“ bei der Beurteilung anleiten würde, was hier eigentlich los, müssen wir uns auf Hannes subjektive Sicht der Vorgänge verlassen. Wie sich zeigt, ist das eine gute Strategie. Wohl dem, der gut beobachten – und kombinieren – kann.

Alles klar?

Dennoch bleibt uns diese subjektive Schilderung die Erklärung schuldig, was denn bitteschön eine „Blåstür“ sein könnte. Vermutlich handelt es sich um die kleine Lobby am Haupteingang. Hoffentlich wird diese Bezeichnung wenigstens im Buch erklärt.

Unterm Strich

Beobachtungsgabe und gutes Kombinieren sind gefragt, wenn die eingepferchten Gestrandeten des Zugunglücks Mann um Mann dezimiert werden. Wer steckt hinter dieser Eliminierung, lautet die spannende Frage, die zunehmend auch eine Frage des Überlebens wird. Ex-Kommissarin Hanne Wilhelmsen findet sich in der kuriosen Lage wieder, einerseits Zivilistin zu sein, andererseits aber auch die einzige kompetente Ermittlerin vor Ort.

Selbstredend klärt sie in einer großartigen Vollversammlungsrede sämtliche Fälle auf. Das heißt, zumindest die offensichtlichen Morde. Was jedoch mit den Royals oder dem Terroristen ist, kann sie lediglich vermuten. Den Außenminister kann sie jedenfalls nicht mehr anrufen. Ihre subjektive Sicht der Dinge ist keine Garantie dafür, dass sie immer richtig liegt. Aber das immer noch besser, als sich auf das Antiterrorkommando verlassen zu müssen, das sich unerkannt zwischen den Fahrgästen bewegt. Man darf annehmen, dass es ziemlich parteiisch und schweigsam ist.

Das Hörbuch

Ich hätte mir mehr Action gewünscht, doch wer darf von einer Querschnittsgelähmten Luftsprünge erwarten? Nach einer Weile kapiert auch der letzte Zuhörer, dass diese spezielle Ermittlung ganz anders abläuft. Erinnerungen an klassische Agatha-Christie- und Nero-Wolfe-Krimis werden wach. Man sollte sich an diese Vorbilder halten, denn sie bedeuten einen Aufruf, selbst zu beobachten und zu kombinieren.

Die Sprecherin trägt mit nie schwankender Stimme vor und verschwindet bald hinter den Figuren, die sie zum Leben erweckt. Das ist gar nicht so einfach, wenn wir alle Ereignisse durch Hannes Augen betrachten. Sie sagt ja herzlich wenig, sondern sammelt Aussagen und Eindrücke. Im Kontrast dazu stehen die sachlichen Zitate, die einen doch ziemlich erschreckenden Vorgang beschreiben: das Anschwellen des Schneesturms bis zum schweren Orkan.

Originaltitel: 1222
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
386 Minuten auf 5 CDs
ISBN-13: 9783899036350

http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.piper-verlag.de

Jilliane Hoffman – Cupido (Lesung)

Eine Staatsanwältin in Miami erkennt in einem Verhafteten denjenigen Mann wieder, der sie zwölf Jahre zuvor brutal vergewaltigt und verstümmelt hatte. Sie benutzt ihre gegenwärtige Position, um sich an dem Serienkiller zu rächen. Dabei übersieht sie leider ein paar Kleinigkeiten.

Die Autorin

Jilliane Hoffman war bis 1996 stellvertretende Staatsanwältin in Miami, bevor sie begann, für das Florida Department of Law Enforcement (FDLE) zu arbeiten. Sie schulte Special Agents in Zivil- und Strafrecht und war an vorderster Front an den Ermittlungen gegen den Mörder des Mödeschöpfers Gianni Versace beteiligt.

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Hohlbein, Wolfgang – Nemesis 2 – Geisterstunde

_Nemesis: Die Rache des Lebensborns_

Der exzentrische Multimillionär von Thum hat drei Männer und drei Frauen auf die Burg Crailsfelden eingeladen. Zwei von ihnen sollen sein Millionenerbe antreten. Nichts verbindet die Eingeladenen, außer dass ihre Eltern irgendwann gemeinsam mit von Thum ein Internat in Crailsfelden besucht haben.

In der Nacht ihrer Ankunft sind bereits drei von ihnen auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Kein Wunder, dass die Überlebenden einander misstrauen. Ihr Gastgeber ist verschwunden, und in den dunkelsten Nachtstunden sind sie allein mit ihren Ängsten und der Gewissheit, dass in den Mauern der Burg der Tod umgeht.

Der Gastgeber ist in einem Brunnenschacht verschwunden – ein tödlicher Unfall? Ein Entkommen wird vereitelt – Zufall? Angst und Argwohn machen sich breit, und selbst die eher Friedfertigen entdecken an sich plötzlich eine Tendenz zur Gewaltbereitschaft.

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein, geboren 1953 in Weimar, hat sich seit Anfang der achtziger Jahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden (Auflage: acht Millionen Bücher). Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

_Der Sprecher_

Johannes Steck, geboren 1966 in Würzburg, ist Absolvent der Schauspielschule Wien. Von 1990 bis 1996 hatte er Engagements an verschiedenen Theatern. Dem breiten Publikum ist er vor allem aus dem TV bekannt. Er spielte in zahlreichen TV-Serien. Steck arbeitet zudem als Radio-, Fernseh- und Synchronsprecher. Er hat schon diverse Hörbücher gelesen.

Regie führte Lutz Schäfer, der Tonmeister war Heiko Schlachter. Die Aufnahme fand im Juli 2006 bei Kino-im-Kopf-Produktion, Augsburg, statt (toller Name!).

Das Titelbild entspricht dem der Buchausgabe beim |Ullstein|-Verlag.

_Vorgeschichte_

Sechs potenzielle Erben werden auf Burg Crailsfelden eingeladen, doch die Umgebung ist der Gesundheit nicht sonderlich zuträglich. Erst haben alle sechs den gleichen üblen Albtraum, dann verschwindet der Gastgeber auf rätselhafte Weise in einem Brunnenschacht. Ein erster Fluchtversuch mit einem Auto scheitert auf spektakuläre Weise.

_Handlung_

Ellen, die Ärztin, flickt Frank, den Ich-Erzähler mit den Halluzinationen, in einer Notoperation zusammen. Dass auch Ed, der Fahrer, überlebt hat, grenzt an „göttliche Fügung“, wie Ellen sagt. Frank wundert sich, denn er hatte genau gesehen, wie Ed getötet wurde. Noch eine Halluzination? Wo ist er hier nur hineingeraten?

Da nun klar ist, dass die Burg eine Todesfalle ist, müssen sie dringend einen anderen Ausgang suchen. Wer wüsste besser über dieses Gemäuer Bescheid als Karl, der Wirt, der hier oben auch als Hausmeister arbeitet? Doch der alte Hippie lügt das Blaue vom Himmel, als er ihnen etwas darüber erzählen soll. Sie nehmen ihn mit in den Keller. Zu ihrem Erstaunen funktioniert die Elektrizität hier unten ausgezeichnet. Tatsächlich scheinen die Gänge kürzlich renoviert worden zu sein.

In den mittelalterlichen Säulengängen sind nicht nur Kerkerzellen zu besichtigen. Hinter einem Kanisterstapel entdeckt der scharfsinnige Stefan auch einen geheimen Raum. Hier finden sich nicht nur ein Dolch der Napola (einer nationalsozialistischen politischen Anstalt), sondern auch Zeitungsartikel über Nazigold. War unser braver Hausmeister hinter diesem Zeug her? Er erzählt, im Dritten Reich seien in der Burg nicht nur Nazis untergebracht gewesen, sondern auch ein Kinderheim und eine Klinik, wo Frauen uneheliche Kinder zur Welt bringen konnten.

Frank hat nicht nur seinen Albtraum mit der mysteriösen „Miriam“ wieder, sondern auch eine halbbewusste Erinnerung, der er nun folgt. Er fühlt sich, als sei er vor langer Zeit schon einmal in dieser Burg gewesen, vielleicht im Internat? Seine einsame Suche führt ihn ins Rektorzimmer, zum Schreibtisch und zu einem Geheimfach. Ein stechender Kopfschmerz streckt ihn nieder, und die Fotos, die er gefunden hat, sind bei seinem Erwachen verändert. Sie tragen nun Kringel, die bestimmte Köpfe bezeichnen.

Als Judith ihn findet, kehrt er zu den anderen zurück und fragt Maria Gärtner wegen der Fotos, denn sie stammt aus dem Dorf Crailsfelden. Nun, sagt sie, eines steht fest: Die sonderbaren Runen auf den Fahnen dieser Pfadfinder sind keine Hakenkreuze. Es sind die Runen, die für den Lebensborn reserviert waren. Der „Lebensborn“ war eine reichsweite Organisation, in der SS-Angehörige und andere „rassische Eliteangehörige“ mit ausgewählten Frauen Kinder zeugen konnten, um die arische Rasse zu verbessern und ihren Fortbestand zu sichern. Eine Zuchtanstalt. Mit allen möglichen Gerüchten, die sich darum ranken.

Aber eigentlich kann das nicht sein, denn das Auto, vor dem die Pfadfinder stehen, wurde erst ab 1953 gebaut …

_Mein Eindruck_

Allmählich wird den in der Burg eingeschlossenen Besuchern klar, dass nicht nur dieser Ort, sondern auch sie selbst ein Geheimnis bergen, dessen Schleier früher oder später gelüftet werden muss. Leider weigern sie sich, darüber zu reflektieren, was auf sie zukommt (oder diese Passagen wurden gekürzt), weshalb sie weiterhin blindlings in die nächste Kalamität taumeln.

Offenbar hindert eine dunkle Macht, die über Feldermäuse und / oder Vampire gebietet und im alten Turm haust, die Eindringlinge an der Flucht. Und zwar mit allen Mitteln. Es gibt kein Entrinnen. Also müssen sie in die Gewölbe vordringen, um einen verborgenen Ausgang zu finden. Das bedeutet mehr Entdeckungen: über die Geschichte des Ortes und seine antisemitische Schuldlast. Wie schon in der Rezension zu Episode 1 festgestellt, könnte es sich dabei nicht nur um mittelalterliche Pogrome handeln, sondern auch um neuzeitliche, unter den Nazis, die die Burg nutzten und ausbauten. Wen kümmert schon eventuell hier verstecktes Nazigold, wenn das Wissen um die Vorgänge in dieser Burg noch wesentlich wertvoller – und explosiver – sein kann?

Der Hinweis auf Menschenzüchtung in einer Ordensburg der SS, die in Crailsfelden einen Lebenborn-Hort einrichtete, deutet bereits in die richtige Richtung. Doch die unfreiwilligen Gäste haben – noch – nicht den Mut, diesem Hinweis bis zur letzten Konsequenz zu folgen. Sie weigern sich, in den Spiegel zu blicken. Stattdessen plagen sie sich mit einem weiteren fruchtlosen Fluchtversuch ab. Sie sollten sich ebenso darüber wundern, warum sie Gelüste verspüren, ihre Aggressionen an einem wehrlosen Opfer wie dem gefesselten Karl auszuleben.

Wie schon in Episode 1 sind die Hinweise, mit denen der Autor Spannung erzeugt, fein dosiert und führen nicht nur in eine, sondern in mehrere Richtungen. Die Figurenentwicklung kann man jedoch vergessen: Wann immer der Ich-Erzähler Frank einer wichtigen Entdeckung auf die Spur kommt, ereilt ihn entweder ein Blackout oder ein Albtraum. Kein Wunder, dass er sich gewissermaßen selbst Scheuklappen anlegt, um nicht über die Bedeutung seiner Entdeckung nachdenken zu müssen. Das ist seitens des Autors ein fieser Trick, um die Spannung und das Mysterium aufrechtzuerhalten. Man könnte es auch Seitenschinderei nennen.

_Der Sprecher_

Dem Sprecher gelingt es, die durch die Klischees vorgegebenen Figuren einigermaßen zum Leben zu erwecken. Stefan ist der verlässliche Hüne mit einem ebenso tiefen Organ wie der Wirt Karl. Ed nervt mit seiner meckernden Proletenstimme à la Martin Semmelrogge. Gero von Thun, der alte Bürohengst, hat eine gepresst klingende Stimme, die gut zu ihm passt. Frank selbst, der Ich-Erzähler, erklingt mit einer ganz normalen männlichen Stimme – allerdings allzu selten.

Interessanter sind die Frauen. Judith ist die schutzbedürftige junge Frau, kann aber durchaus auch zu einer Waffe greifen. Ellen, die kaltschnäuzige Ärztin, ist ihr genaues Gegenteil: eine kühle Managerin. Maria liegt irgendwo dazwischen und wirkt deshalb am glaubwürdigsten. Allerdings ist diese Tonhöhe durch die männlichen Stimmbänder des Sprechers etwas begrenzt. Rufus Beck könnte in dieser Hinsicht sehr viel mehr Eindruck hinterlassen.

Nicht zu vergessen die Kinder. Kinder?, wird sich der Leser nun fragen. Kinder treten doch gar nicht auf. Doch, tun sie, und zwar in den Albträumen, die Frank und die anderen immer wieder erleiden (geschickt bekommen?). Das Traum-Ich Franks rennt mit Miriam durch die brennende Stadt, verfolgt von Kindern. Deren Rufen und Drohen drückt der Sprecher sehr gut aus. Es klingt aber nicht so richtig bedrohlich.

Das Hörbuch verfügt weder über Geräusche noch über Musik, aber dafür ist es recht preisgünstig.

_Unterm Strich_

Neben vielfältigen Spekulationsgrundlagen wie etwa dem Nazigold – eine falsche Fährte, wenn es je eine gab – sollten sich die Figuren (und wir natürlich mit ihnen) darüber Gedanken machen, wer sie sind, woher sie kommen und warum sie deshalb ausgerechnet auf Burg Crailsfelden einbestellt wurden. Wer war dieser Klaus Sänger, Leiter und Mäzen eines Internats – Internats für welche Art von Kindern? Haben der Lebensborn und das arische Aussehen der Besucher (mit Ausnahme von Judith) etwas miteinander zu tun? Offenbar sind noch Rechnungen offen, aber mit wem?

Diese Fragen müssen in den verbleibenden Episoden beantwortet werden. Folglich bleibt die Serie spannend. Der Sprecher tut sein Bestes, die klischeehaften Figuren mit Leben zu erfüllen. Er unterstützt die Spannung und die Mystik ebenso wie den ironischen Humor, der hie und da durchblitzt. Fortsetzung folgt – hoffentlich zu einem ebenso günstigen Preis.

|Buchausgabe: Nemesis 2, 2004
155 Minuten auf 2 CDs|
http://www.HoerbucHHamburg.de

Hohlbein, Wolfgang – Nemesis 1 – Die Zeit vor Mitternacht

_Serienkost mit Mystery-Touch_

Der exzentrische Multimillionär von Thum hat drei Männer und drei Frauen auf die Burg Crailsfelden eingeladen. Zwei von ihnen sollen sein Millionenerbe antreten. Nichts verbindet die Eingeladenen, außer dass ihre Eltern irgendwann gemeinsam mit von Thum ein Internat in Crailsfelden besucht haben.

In der Nacht ihrer Ankunft sind bereits drei von ihnen auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Kein Wunder, dass die Überlebenden einander misstrauen. Ihr Gastgeber ist verschwunden, und in den dunkelsten Nachtstunden sind sie allein mit ihren Ängsten und der Gewissheit, dass in den Mauern der Burg der Tod umgeht.

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein, geboren 1953 in Weimar, hat sich seit Anfang der achtziger Jahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden (Auflage: 8 Millionen Bücher). Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

_Der Sprecher_

Johannes Steck, geboren 1966 in Würzburg, ist Absolvent der Schauspielschule Wien. Von 1990 bis 1996 hatte er Engagements an verschiedenen Theatern. Dem breiten Publikum ist er v.a. aus dem TV bekannt. Er spielte in zahlreichen TV-Serien. Steck arbeitet zudem als Radio-, Fernseh- und Synchronsprecher. Er hat schon diverse Hörbücher gelesen.

Regie führte Lutz Schäfer, der Tonmeister war Heiko Schlachter. Die Aufnahme fand im Juli 2006 bei Kino-im-Kopf-Produktion, Augsburg, statt (toller Name!).

Das Titelbild entspricht dem der Buchausgabe beim |Ullstein|-Verlag.

_Handlung_

Der Ich-Erzähler Frank Gorresberg hetzt mit ICE und Taxi in ein Provinzstädtchen namens Crailsfelden, als gelte es, einen Schatz zu heben. Tut es möglicherweise auch, denn ein Nachlassverwalter hat ihn angerufen, damit er und fünf weitere Personen sich im Ghasthof Taube einfinden. Er denkt, er ist bestimmt der Letzte, der eintrifft, aber das ist ein Irrtum: Nach ihm kommt noch eine Frau: Maria Gärtner. Die anderen Frauen heißen Ellen (schlank, rothaarig, kühl) und Judith (pummelig, lieb, schwarzhaarig), die Männer Ed (Cowboyhut, frech, Typ Martin Semmelrogge) und Stefan (Typ blonder Hüne). Alle außer Judith haben blaue Augen …

Der Wirt, ein Althippie namens Karl, zeigt ihnen den Weg in den Saal, wo der Anwalt Fleming junior sie bereits erwartet. Frank sieht, wie der Typ hinter seinem Laptop steht und sie beobachtet – auch durch seine Webcam. Da sieht Frank, wie Flemings Schädel plötzlich explodiert und sein Gesicht zerläuft. Doch nein, es ist nur Einbildung: Fleming liegt zwar am Boden, aber Ellen, die Ärztin, diagnostiziert nur ein Aneurysma, eine geplatzte Hirnader. Etwas scheint mit Franks Wahrnehmung nicht zu stimmen. Hängt dies mit den gestörten elektromagnetischen Schwingungen zusammen, die jeden Radio- und Mobilfunkempfang verhindern?

Bloß keine Bullen anrufen, warnt Ellen, die halten uns alle für verdächtig. Schließlich sollen wir alle was erben. Auch wieder wahr, muss Frank eingestehen. Karl, der Wirt, fährt alle in seinem klapprigen Landrover auf die Burg. Frank ist es keineswegs unangenehm, dass er bei der holprigen Fahrt mehrmals gegen die weiche Judith geworfen wird, die – wie schön für ihn! – keinen BH trägt.

Die Burg stammt aus dem 13. Jahrhundert und beherbergte offenbar nicht nur Ritter und Mönche, sondern auch ein Internat. Das Gemäuer wirkt düster und verfallen, unheilvoll auf Frank. Hier heißt sie ihr Gastgeber Gero von Thun willkommen, der sich als Bürovorsteher der Kanzlei Fleming vorstellt: noch ein Aktenreiter. Ganz informell eröffnet von Thun, dass der vor 15 Jahren verstorbene Erblasser Klaus Sänger jedem der zwei Erben, die in Frage kommen, eine siebenstellige Summe vermachen würde. Die Bedingungen: Sie müssen miteinander verheiratet sein und ein gesundes Kind bekommen. Nach drei Jahren wird dann das Vermögen überschrieben, mit Ausnahme der beträchtlichen Immobilienwerte. Außerdem müssen sich die beiden Erben in „Sänger“ umbenennen und ihre Ehe darf keine Scheinehe sein. Eds Sarkasmus kennt keine Grenzen mehr.

Jeder Erbe in spe bekommt ein schäbiges Einzelzimmer im Obergeschoss. Judith verführt Frank mit Cola und Wodka, woraufhin Frank gerne als ihr Beschützer fungiert. Und es wird eine Menge Dinge geben, bei denen er sich bewähren kann …

Beide haben wie die anderen den gleichen Albtraum: Frank findet sich in einer alten Stadt – Crailsfelden? – auf der Flucht. Die Stadt brennt, und er hat ein Mädchen namens Miriam an der Hand. Sie schaut ihn vorwurfsvoll an, als wäre er an allem schuld. Kinder verfolgen die beiden, schreiend vor Hass. Miriams Haar brennt. Wurfgeschosse treffen sie. Da geraten sie in eine Sackgasse: Feuer und Verfolger kommen näher. Da öffnen sich die Tore zum Internat, die aussehen wie Fledermausflügel. Miriam wimmert, und eine weiße Gestalt taucht auf. Da erwacht Frank.

Er geht hinunter, um Judith zu suchen. In der Küche wird Kriegsrat gehalten, denn alle sind durch den Albtraum aufgewühlt, haben Kopfschmerzen und ein sonderbares Déjà-vu-Gefühl. In seiner Einbildung sieht Frank, wie sich eine Vampirfledermaus in Judiths Haar krallt und zu saugen beginnt … Er nennt sie „Miriam“. Wieso das denn?

Dann fällt ihre wichtigste Informationsquelle auf dem Hof des Internats in einen Schacht und verschwindet. Seltsam, der Schacht – ein Brunnen? ein Geheimgang? – war doch vorhin noch abgedeckt. Da nirgendwo ein Telefon zu entdecken ist und Handys keinen Netzempfang bekommen, muss jemand ins Dorf fahren, um Hilfe zu holen. Doch als ob sich die Burg selbst gegen sie verschworen hätte, wird auf grausige Weise auch aus diesem Vorhaben nichts.

_Mein Eindruck_

Die Ausgangslage für den Plot erinnert schwer an Agatha Christies Krimi „Zehn kleine Negerlein“. Einer nach dem anderen wird das Häuflein von sechs potenziellen Erben dezimiert, und dann kommen noch zwei Nebenfiguren (von Thun und Karl, der Hausmeister) hinzu. Da nur zwei Leutchen erben dürfen, ist die Dezimierung sozusagen ein zwangsläufiger Vorgang. Allerdings tauchen manche der Verschwundenen wieder aus der Versenkung auf, und da der Ich-Erzähler ein unverlässlicher Chronist ist, der unter Halluzinationen leidet, können wir uns des Spielstandes nie sicher sein. Raffiniert.

Doch was ist es, das das Häuflein der Erben pro Episode verringert? Die dunkle Bedrohung scheint etwas mit den Fledermäusen im alten, verschlossenen Turm zu tun zu haben. Dies ist meist eine psychologische Beeinflussung, aber in Episode 2 werden die Fledermäuse selbst ganz schön zudringlich. Es gibt kein Entkommen.

Das alles reicht noch nicht für den Fortgang einer interessanten Handlung, denn noch fehlt das Rätsel der Vergangenheit. Und wenn man schon in einer alten Burg einquartiert ist, dann braucht man sich über das Auftauchen von jeder Menge Vergangenheit nicht zu wundern. Die Albträume über die brennende Stadt, die wohl Crailsfelden ist, liefern einen ersten Hinweis darauf, dass hier früher mal Gewalt herrschte. Frank erinnert sich, dass das Mädchen an seiner Seite Miriam heißt – und er nennt Judith ebenfalls Miriam. Miriam ist ein hebräischer Name, eine andere Form von „Maria“ („die von Gott Geliebte“). Wenn Miriam eine Jüdin war, handelt es sich vielleicht bei der Verfolgung um ein Pogrom im Mittelalter. Das muss sich noch erweisen. Dass es um Antisemitismus geht, wird die zweite Episode bestätigen.

Möglicherweise ist da noch eine Rechnung offen. Und die bekommen die Protagonisten, die alle aus ihrem Alltag gerissen wurden, nun vorgelegt. Sie stehen stellvertretend für uns, die wir durch unseren Alltag hetzen. Allerdings sind die Erben auch etwas Besonderes, das sie auszeichnet: Sie alle haben blondes Haar (Ellens rote Haare sind gefärbt) und himmelblaue Augen. Das heißt, alle außer Judith …

_Der Sprecher_

Dem Sprecher gelingt es, die durch die Klischees vorgegebenen Figuren einigermaßen zum Leben zu erwecken. Stefan ist der verlässliche Hüne mit einem ebenso tiefen Organ wie der Wirt Karl. Ed nervt mit seiner meckernden Proletenstimme à la Martin Semmelrogge. Gero von Thun, der alte Bürohengst, hat eine gepresst klingende Stimme, die gut zu ihm passt. Frank selbst, der Ich-Erzähler, erklingt mit einer ganz normalen männlichen Stimme – allerdings allzu selten.

Interessanter sind die Frauen. Judith ist die schutzbedürftige junge Frau, kann aber durchaus auch zu einer Waffe greifen. Ellen, die kaltschnäuzige Ärztin, ist ihr genaues Gegenteil: eine kühle Managerin. Maria liegt irgendwo dazwischen und wirkt deshalb am glaubwürdigsten. Allerdings ist diese Tonhöhe durch die männlichen Stimmbänder des Sprechers etwas begrenzt. Rufus Beck könnte in dieser Hinsicht sehr viel mehr Eindruck hinterlassen.

Nicht zu vergessen die Kinder. Kinder?, wird sich der Leser nun fragen. Kinder treten doch gar nicht auf. Doch, tun sie, und zwar in den Albträumen, die Frank und die Anderen immer wieder erleiden (geschickt bekommen?). Das Traum-Ich Franks rennt mir Miriam durch die brennende Stadt, verfolgt von Kindern. Deren Rufen und Drohen drückt der Sprecher sehr gut aus. Es klingt aber nicht so richtig bedrohlich.

Das Hörbuch verfügt weder über Geräusche noch über Musik, aber dafür ist es recht preisgünstig.

_Unterm Strich_

Wieder einmal legt Hohlbein eine durchdachte und routiniert inszenierte Mysteryserie vor, wie sie inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden sind. Es gibt jede Menge Rätsel und eine unsichere Wahrnehmung der Realität, um das Interesse wach zu halten. Wichtiger scheint mir aber das sich herausschälende Motiv des Antisemitismus zu sein, das sich in Episode 2 noch deutlicher zeigen wird.

Die Figuren sind zwar klischeehaft gezeichnet, aber alle sind – und das ist in einer Serie die Hauptsache – deutlich unterscheidbar. Die kühle Ellen, der kecke Ed, die ängstliche Judith, der hünenhafte Stefan, die zwielichtigen Nebenfiguren, die einiges zu verbergen haben – all dies verrät saubere Routinearbeit eines erfahrenen Erzählers. Das heißt nicht, dass sein Plot so überragend einfallsreich wäre. Die erste Episode dient nur als Exposition für das eigentliche Geschehen, daher ja auch der Titel „Die Zeit VOR Mitternacht“. Wer weiß, was die „Geisterstunde“ alles bringen mag. Dass die erste Episode mit einem Unglück endet, lässt den Hörer angespannt zurück. Denn schließlich will man unbedingt die Lösung des Rätsels erfahren. Das ist das Gesetz der Serie: Cliffhanger-Schlüsse wie dieser sind ein Muss.

|Buchausgabe: Nemesis 1, 2004
147 Minuten auf 2 CDs|
http://www.HoerbucHHamburg.de

Mankell, Henning – Mörder ohne Gesicht (Lesung)

_Asylanten killen: die Mörder mit der Schrotflinte_

Auf einem abgelegenen Hof in der Nähe von Ystad wird ein altes Ehepaar überfallen und auf unerklärlich grausame Weise getötet. „Ausländer!“ hört man noch von der sterbenden Frau. Als die Öffentlichkeit davon erfährt, wird Schonen von einer Welle ausländerfeindlicher Gewalt überrollt. Wallander ermittelt, geplagt von privaten Problemen, die einen Höhepunkt erreichen, als seine Tochter sich mit einem Kenianer einlässt. (z. T. Verlagsinfo)

_Der Autor_

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren. Heute verbringt der Schriftsteller, Drehbuchautor und Intendant die eine Jahreshälfte in Mocambique, wo er seit 1996 das Teatro Avenida in der Hauptstadt Maputo leitet. Die andere Jahreshälfte verbringt er in Schweden. Für sein vielseitiges Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa mit dem Deutschen Krimi-Preis und mit dem Deutschen Bücherpreis.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. 1994 wurde er mit dem „Bambi“ ausgezeichnet. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. Am bekanntesten ist er wohl für seine Mitwirkung an der POE-Hörspiel-Reihe des |Lübbe-Audio|-Verlags.

Regie führte Margrit Osterwold, den Ton steuerte Fabian Küttner. Pleitgen liest eine gekürzte Fassung, die aber immer noch dreimal so lang ist wie jene, die der |Hörverlag| anbietet. Das Titelbild zeigt einen Ausschnitt eines Freskos von Giambattista Tiepolo.

_Handlung_

Es ist der 8. Januar 1990, als morgens um 4:45 Uhr der 70 Jahre alte Bauer Nyström aus dem südschwedischen Dorf Lenhap von der Stille erwacht. Normalerweise ist sein Pferd um diese Zeit schon unruhig, heute aber nicht. Als er zum Stall geht, sieht er, dass das Küchenfenster seines Nachbarn Lövgren offen steht. Dabei ist Johannes Lövgren immer so auf Sicherheit bedacht. Sonderbar. Dann hört er einen Schrei. Auch Nyströms Frau Hanna hört ihn – und das Küchenfenster wurde eingeschlagen! Nyström holt seine Taschenlampe und leuchtet ins Schlafzimmer der Lövgrens: Von Johannes sieht man nur den Fuß auf dem Boden, aber Maria sitzt an der Wand: blutüberströmt, gefesselt. Nyström ruft die Polizei.

Krimonalkommissar Kurt Wallander findet im Schlafzimmer der Lövgrens ein Schlachthaus vor. Blutspritzer bis an die Decke. Lövgren ist seinen schweren Verletzungen erlegen, aber die Frau lebt noch. Er lässt sie schleunigst ins Krankenhaus bringen, doch Stunden später erliegt sie ihren Verletzungen. Sie sagt nur ein letztes Wort: „… Ausländer …“.

Das hat Wallander gerade noch gefehlt. Statt eines „normalen“ Raubüberfalls, für das er diese Wahnsinnstag vorerst hält, soll nun eine Attacke von „Ausländern“ stattgefunden haben? In der Teambesprechung vergattert er alle Kollegen zum Schweigen, und auch in der Pressekonferenz sagt er kein Sterbenswörtchen von „Ausländern“. Dennoch muss es irgendwo ein Informationsleck gegeben haben, denn das schwedische Fernsehen behauptet, der Kommissar ermittle im Zusammenhang mit Ausländern und Asylbewerbern. Von seinen Kollegen beteuert jeder, er habe den Mund gehalten. Es hätte ja jemand aus dem Krankenhaus gewesen sein können. Auch wieder wahr.

Der 9.1.1990. In aller Frühe fährt Wallander zu Nyströms Hof und wird sofort beschossen! Er wirft sich auf den Boden in Deckung und ruft: „Polizei! Nicht schießen!“ Nyströms hat seine Schrotflinte nur in die Luft abgefeuert, ein Warnschuss. Dennoch kann man wohl den Alten als Doppelmörder ausschließen. Wallander überbringt die Nachricht, dass Maria Lövgren verstorben sei.

Lars Herdin, ein Landwirt aus Lenhap, sagt aus, der alte Lövgren sei „ein Schwein“ gewesen. Herdin ist Lövgrens Schwager: Maria war seine „kleine Schwester“. Lövgren habe sie nach Strich und Faden betrogen. Nicht nur hatte er seit den fünfziger Jahren ein Liebchen in Kristianstad, von dem er ein Kind hatte und für das er eine Menge Unterhalt zahlte – mehr als an Maria selbst. Außerdem war Lövgren stinkreich, seit er und sein Vater im Krieg Schlachtvieh an die Deutschen verhökert hatten. Tatsächlich, so findet Wallander heraus, stimmen Herdins Angaben, was das Geld betrifft: Lövgren hatte über eine Million schwedische Kronen in Aktien, Obligationen und Bargeld. Drei Tage vor seinem Tod, also am 4. Januar, hob er 27.000 Kronen ab und im Jahr zuvor jedes Quartal nochmals um die 25.000 Kronen. Wofür brauchte er so viel Geld? Für die Unterhaltszahlungen? Er steckte das Geld auf der Raiffeisenbank in eine braune Aktentasche, doch diese ist spurlos verschwunden. Also war es doch ein Raubüberfall, oder?

Doch die Gegend um Ystad und Malmö ist mittlerweile in Aufruhr. Die Rechtsextremen rufen Wallander an und setzen ihm eine Frist von drei Tagen, um den Täter zu schnappen. Ansonsten würden sie selbst für „Gerechtigkeit“ sorgen. Was dies bedeuten könnte, wird Wallander klar vor Augen geführt, als er am 10. Januar ein Auffanglager für Asylbewerber inspiziert. Ein Molotow-Cocktail setzt eine der Barracken in Brand. Schnell füllt sich die Hütte mit giftigem Rauch. Wallander schlägt beherzt die Scheibe ein und dringt in den Rauch vor. Zum Glück findet er niemanden darin, und was er für einen Schläfer gehalten hat, stellt sich als Matratze heraus. Aber nun greift das Feuer auf die anderen Hütten über. Er schlägt Alarm und befiehlt dem Lagerleiter, die Feuerwehr zu rufen. Auch Ambulanz und Polizei rücken ein.

Nachdem Wallander seine Wunden hat verarzten lassen, ist er der Held des Tages. Doch schon gibt es einen ersten Dämpfer, als die Einwanderungsbehörde anruft und sich über den mangelhaften Schutz der Asylantenheime beschwert. Er sagt der Beamtin gehörig die Meinung, die aufgebracht auflegt. Die Ministerin werde sich bei ihm melden, droht sie. Wallander kann es gar nicht erwarten.

Von seinem Vater, der schon fast 80 und ein erfolgreicher Landschaftsmaler ist, hat Wallander erfahren, dass seine Tochter Linda, die in der Gegend von Malmö lebt, offenbar einen netten Freund hat. Es ist ein Schwarzer, aus Afrika. Wallander weiß nicht, was er davon halten soll, aber er hat kein gutes Gefühl dabei. Als er nach Malmo fährt, um Mona, seine seit drei Monaten geschiedene Frau, zu treffen, entdeckt er Linda und ihren schwarzen Freund am Bahnhof. Er spioniert ihnen nach – und kommt sich dabei wie ein Idiot vor. Das Gespräch mit Mona bringt nichts außer Ärger. Die Info, der Schwarze sei ein angehender Mediziner, beruhigt ihn auch nicht gerade. Als sie geht, beschattet er auch sie. Ein Mann, der die ganze Zeit gewartet hat, holt sie im Auto ab. Wallander fühlt sich elend.

Wenig später wird in der Nähe des Asylantenauffanglagers Hageholm einem Somalier der Kopf mit einer Schrotflinte weggeschossen. Der Rechtsradikale, der Wallander schon zweimal angerufen hat, droht mit einem weiteren Mord: Der wäre die Vergeltung für Maria Lövgren. Der Aufruhr ist erheblich, und Wallander wird vom schwedischen Reichspolizeichef angerufen. Seine Ermittlung in Sachen Ausländermord habe oberste Priorität! Nun, immerhin stehen Wallander nun unbegrenzte Mittel zur Verfügung.

Die Jagd geht nun erst richtig los. Aber der Mordfall Lövgren wird dadurch in keiner Weise gelöst. Wallander bringt sich so gesehen völlig umsonst in höchste Lebensgefahr.

_Mein Eindruck_

Mankell kontrastiert wieder einmal das von seltenen Höhen und vielen Tiefpunkten gekennzeichnete Privatleben seines Helden mit dessen beruflichen Erfolgen, die doch ganz beträchtlich sind. Es ist merkwürdig, dass Wallanders Kollegen – zumindest bis zu einer gewissen Hierarchiegrenze, wo die Politik anfängt – durchweg alle auf seiner Seite stehen, und sogar die Staatsanwältin ihn bewundert und unterstützt. Sicher würde er sich insgeheim wünschen, dass auch sein Privatleben so funktionieren würde, aber das gesteht er sich erstens nicht ein und zweitens hat Kriminalkommissar Wallander auf privater Ebene eh nichts zu befehlen. Daraus resultiert eine ganze Menge Leid für ihn. Ich bewundere, dass es ihm gelingt, die beiden konträren Verhaltensweisen stets auseinander zu halten. Misslingt ihm dies auf privater Ebene, gibt es meist Stunk. Seine Entschuldigung: Er war angetrunken. Und er schickt Blumen.

Das Thema dieses Wallander-Romans ist unübersehbar die Ausländerproblematik. Sie war Anfang der neunziger Jahre nicht das alleinige Problem Schwedens, sondern aller europäischen Länder. Das Ende des Kalten Krieges, der Zusammenbruch der Sowjetunion, der neu entbrannte Balkankrieg, der zweite Golfkrieg – sie alle erzeugten damals eine Flut von Flüchtlingen, die in aller Herren Länder vertrieben wurden. Doch unter die berechtigten Asylsuchenden mischten sich auch skrupellose Verbrecher aus dem ehemaligen Ostblock. Und auf die Unterscheidung dieser beiden Gruppen achtete bis dahin niemand. Das Asylantengesetz Schwedens war ebenso großzügig ausgelegt wie das deutsche, und Leute, die aus den Asylantenlagern verschwanden, wurden nicht verfolgt. Die Erlebnisse Wallanders spiegeln genau die damalige Wirklichkeit wider.

Wallander ist, als er auf diese Zustände stößt, verständlicherweise aufgebracht, aber er wirkt hilflos: nur ein kleiner überarbeiteter Beamter, der von den Politikern und Bürokraten auch nur in den Hintern getreten wird, weil er angeblich nichts unternehme. Die sollten sich seiner Ansicht nach mal an die eigene Nase fassen und dafür sorgen, dass den Rechtsradikalen der geistig-moralische Nährboden entzogen wird statt über Symptome ihrer eigenen Politik zu jammern. (In „Der Tod des Tanzlehrers“ greift Mankell das Thema erneut auf und zeigt eine faschistische Untergrundorganisation mit Verbindungen zur hohen Politik.)

Über all diesem Tohuwabohu gerät der Doppelmord an den Lövgrens fast in Vergessenheit. Die ungewöhnliche Schlinge, das Wort „Ausländer!“, Lövgrens rätselhaftes Verhalten, vor allem aber die sinnlose Brutalität des Überfalls beschäftigen und erschüttern Wallander. Und der Fall wäre um ein Haar bei den Akten gelandet, wenn Wallander nicht Kommissar Zufall zu Hilfe gekommen wäre. Dadurch wird dem Leser bzw. Hörer noch ein actionreiches Finale geliefert, das sich sehen lassen kann. Allerdings habe ich den beeindruckenden psychologischen Horror, den Mankell in „Die fünfte Frau“ evozieren konnte, sehr vermisst. Dafür ist die Handlung in „Mörder ohne Gesicht“ zu unausgeglichen, zu disparat.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen ist am besten, wenn er die Sprechweise von Männern gesetzteren Alters nutzen darf, um sie angemessen zu charakterisieren. Ein Wucherer, der sich als Eisenwarenhändler getarnt hat, wird beispielsweise von Wallander ausgefragt, bleibt aber die ganze Zeit äußerst ruhig und beherrscht. Die Stimmlage dieser Figur ist tief, die Sprechweise langsam, die Ausdrucksweise umgangssprachlich – ein selbstsicherer Typ aus der Arbeiterklasse.

Am beeindruckendsten ist hingegen die Figur von Rudberg, dem alten Mentor Wallander, der im Buch an Krebs stirbt. Er klingt heiser, langsam, insgesamt sehr alt, aber seine Meinung ist fest und willensstark: „Bring die Verbrecher zur Strecke, Kurt!“ Noch heftiger drückt sich Wallanders Vater aus, denn er legt seine volle väterliche Autorität in seine Ausdrucksweise. Als Wallander zaghaft protestiert, fühlt sich sein Vater angegriffen und brüllt ihn nieder. Kein netter Typ, der Opa, aber man muss sich dennoch um ihn kümmern.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist Pleitgens Darstellung von jüngeren Männern und von Frauen. Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber Figuren wie Martinsson, ein junger Kriminaler, der beherzt zupacken kann, klingen doch nur etwas schwach im Vergleich zu den älteren Herrschaften. Am sympathischsten unter den Frauenrollen ragen Annett Brolin, die äußerst attraktive Staatsanwältin, und Britta Lena Bodén, die Bankangestellte mit dem phänomenalen Gedächtnis, heraus.

Was ich noch unbedingt erwähnen muss: Pleitgen spricht die schwedischen Namen einwandfrei aus, so dass sie genauso klingen wie aus dem Munde eines Einheimischen, aber natürlich ganz anders, als man sie auf gedrucktem Papier vorfinden würde. Lund wird „Lünd“ ausgesprochen, „Peters“ wie „petersch“ und „Kristianstad“ klingt wie „krischanstad“. Das ist schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber ich verlasse mich darauf, dass das seine Richtigkeit hat, denn in den Liza-Marklund-Hörbüchern spricht Judy Winter ebenfalls auf diese Weise.

_Unterm Strich_

Nach einem horrormäßigen Anfang gleitet die Handlung unmerklich in einen ganz anderen Handlungsstrang hinüber, nur um nach dessen actionreicher Abwicklung in einer Sackgasse zu landen. Mankell kann es wirklich spannend machen, und erst kurz vorm Finale lässt er seinen Helden die rettende Erleuchtung zuteil werden. Ich kann mir gut vorstellen, aus welchen Gründen Wallander Millionen Lesern in aller Welt ans Herz gewachsen ist und sie ihm mittlerweile nachtrauern, weil Mankell ihn durch Wallanders Tochter Linda hat ablösen lassen.

Dieser Fall sorgt für etliche Überraschungen, Leidens- und Liebesszenen, aber auch für drei Verfolgungsjagden, bei denen ich mich wunderte, dass Wallander mit seinen 45 Jahren noch so sportlich agiert, wenn auch nicht immer glücklich. Einmal bricht er sich um ein Haar das Genick und wird zweimal fast erschossen. Offenbar hat der Kommissar einen wirkungsvollen „Schutzengel“. Dennoch fehlte mir die psychologische Spannung aus „Die fünfte Frau“.

Der Sprecher Ulrich Pleitgen macht seine Sache gewohnt gut und erweckt die Figuren zum Leben. Das zeigt sich besonders an den älteren Herrschaften, denen seine raue und tiefe Stimme am meisten zugute kommt. Auch zwei Frauengestalten gestaltet er auf sympathische Weise, wie es der Autor vorgesehen hat. Daher konnte ich mich kaum von Pleitgens Vortrag losreißen. Ständig wechselndes Personal und etliche Überraschungen sorgten dafür, dass ich wie gebannt zuhörte, was denn Wallander als nächstes widerfährt. Ein Wermutstropfen in dieser Freunde war lediglich der hohe Preis von knapp 30 Euroenen, aber bei Amazon.de gibt es das Hörbuch eventuell günstiger.

|Originaltitel: Mördare utan Ansikte, 1991
448 Minuten auf 6 CDs|
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Antal Szerb – Reise im Mondlicht (Lesung)


Selbstfindung: Odyssee des traurigen Narren

Was als Hochzeitsreise durch Italien beginnt, endet als Entdeckungsfahrt zum eigenen Ich. Erzählt wird die von heimtückischer Komik durchsetzte „éducation sentimentale“ eines Mannes, der während der Flitterwochen seine Frau verliert, weil er den Zug verpasst.

Der Autor

Antal Szerb, geboren 1901 in Budapest, studierte Hungarologie, Germanistik und Anglistik. 1937 wurde er Professor für Literatur an der Uni Szeged. Bis heute ist er in Ungarn einer der meistgelesenen Schriftsteller. Szerb starb 1945 im KZ Balf in West-Ungarn. In seinen wenigen Lebensjahren hat er viele Romane, Essays und Übersetzungen veröffentlicht, u. a. eine „Ungarische Literaturgeschichte“.

Der Sprecher

Heikko Deutschmann war nach seinem Schauspielstudium Ensemblemitglied an der Berliner Schaubühne, am Hamburger Thalia-Theater, im Schauspiel Köln und Schauspielhaus Zürich. Mittlerweile ist er in zahlreichen Film- und Fernsehrollen zu sehen gewesen, so etwa „Der Laden“, „Operation Rubikon“, „Der Aufstand“ oder „Die Affäre Kaminski“.

Bei dieser gekürzten Lesung führte Margrit Osterwald Regie und für den guten Ton sorgte Ansgar Döbertin.

Handlung

Der Ungar Mihaly, 36, und seine neue Frau Erzy machen auf ihrer Hochzeitsreise Anfang der 1930er Jahre auch in Venedig Station. Er hat schon in Großbritannien und Italien gelebt, aber in Venedig ist er das erste Mal. Für Erzy, die von der Kunstgeschichte der Stadt begeistert ist, ist Mihaly der zweite Mann, nach einem gewissen Zoltan Pataki. Warum hat sie Zoltan bloß ziehen lassen, fragt sie sich. Mihaly ist ein Hypochonder, ein Angsthase, schwach, wirkt wie gehetzt. Sein Geheimnis: Er hat eine besondere Form der Agoraphobie, der Furcht vor weiten Plätzen. Wie in einem Anfall erblickt er einen Wirbel im Boden, der ihn einsaugen und in die Tiefe zerren will …

In Ravenna stolpert Mihaly über einen ungarischen Bekannten, doch von Janos, diesem „Hochstapler“, will er nichts wissen, obwohl der ein ehemaliger Klassenkamerad ist. Er glaubt, dass Janos ihm eine Uhr gestohlen hat. Janos erzählt, er habe den Klassenkameraden Erwin in einem Kloster nahe Rom gefunden. Man stelle sich vor: Erwin als Mönch!

Budapest, 1914 bis ca. 1933

Um seiner Frau seine Reaktion zu erklären, muss Mihaly ihr des Langen und Breiten von seiner Jugend in Budapest erzählen. Ich muss das nicht tun, aber es gibt ein paar enge Freunde, die zu erwähnen sind, weil Mihaly sie im Verlauf der Geschichte wiedersehen wird.

In der alten Burg von Buda lebte damals, während des 1. Weltkriegs, das Geschwisterpaar Tomás und Eva Ulpius. Sie standen einander so nah, dass sie sogar im gleichen Zimmer schliefen! Aber sie sind auch eifersüchtig aufeinander und kabbeln sich ständig. Mihaly betrachtet Tomás als seinen Freund und spirituellen Lebensretter, weil er ihn vor einem dieser imaginären Wirbel gerettet hat.

Gerne schließt er sich der kleinen Theatergruppe der Geschwister an, mit denen er die Commedia dell’arte pflegt. Alle diese improvisierten Stücke enden mit einem gewaltsamen Tod. Tomás gab den tragischen Prinzen, Eva natürlich die edle oder auch weniger edle Dame und Mihaly liebte es, das Opfer aus erotischen Gründen zu spielen. Wobei seine Liebe natürlich Eva gehörte, denn sie war sehr schön. Doch Tomás war sein Ideal. Dies war Mihalys „glücklichste Zeit in seinem Leben“.

Aber der achten Klasse kamen auch Erwin, 16, ein zum Katholizismus konvertierter Jude, und der schon erwähnte Janos hinzu. Doch der poetische Erwin ist auch ein Rebell und Casanova. Als er Eva anbaggert, macht er sich Mihaly zum Feind. Erst nach dem Abitur versöhnen sich alle wieder und spielen Theater. Ein Jahr vergeht, dann fällt alles auseinander. Getrennt von Eva, begeht Tomás seinen zweiten Selbstmordversuch, doch auch dieser misslingt. Er wollte halt wissen, wie es ist. Mittlerweile sind sie 20 Jahre alt, müssen arbeiten oder studieren. Das ist so frustrierend, dass Tomás mit Mihaly einen erneuten Suizid versucht, diesmal mit Morphium, das Eva besorgt. Aber sie ruft auch die Ambulanz rechtzeitig, und deshalb überleben beide.

Als Evas Vater Erwins Antrag um die Hand Evas ablehnt, geht Erwin ins erwähnte Kloster bei Rom. Die sitzen gelassene Eva wird von Janos mit kriminellen Mitteln ausgehalten. Zu diesen Mitteln gehörte offenbar auch, Mihalys goldene Uhr, ein Erbstück, zu klauen. Sie fuhr dann mit Tomás zur Kur nach Hallstatt, wo sich Tomás umbrachte, diesmal aber erfolgreich. Eva kehrte nie zurück, denn angeblich holte ein ausländischer Offizier sie ab. Ihr Vater starb bald danach.

Jetzt kann der Leser bzw. Hörer endlich verstehen, warum um Mihaly stets der Atem des Todes weht. Er sehnt sich nach der verschwundenen Eva, und die in Venedig präsente Erzy ist sein Versuch, bürgerliche Respektabilität zu erlangen, besonders in den Augen seiner Familie. Aber ob das auf Dauer gut geht?

Florenz ff.

Nicht lange danach kommt es dann zur Katastrophe. In Florenz erhält Mihaly einen Brief von Erzys Ex, der ihm nicht nur nur gute Ratschläge bezüglich der sorgsamen Behandlung des kostbaren Frauenzimmers – Pataki liebt sie immer noch – erteilt, sondern auch die Stirn besitzt, ihm, Mihaly, ein Darlehen anzubieten! Um sich als Mann und Gatte zu bestätigen, liebt Mihaly seine Frau in dieser Nacht besonders heftig. Dennoch will sie weiterreisen, nach Capri, zur Erholung. Klammheimlich klaut er ihr einen Scheck. Sie ist weitaus betuchter als er.

In Terontola trinkt er kurz mal einen Kaffee und steigt dann wieder in den Zug, der gerade abfährt. Zu blöd – es ist der falsche Zug! Dieser hier fährt nach Perugia statt nach Rom. Nun beginnt für Mihaly, der immerhin sowohl Geld als auch Pass besitzt, eine kleine Odyssee durch Mittelitalien: Assisi, Spoleto – lauter schön Städtchen. Aber keine Erzy. Er ahnt nicht, dass er nach ein paar Tagen von den faschistischen Polizeibehörden des Duce steckbrieflich gesucht wird. Erzy lässt ihn in ganz Italien suchen.

Doch Mihaly hat sich selbst verloren und sucht sich auf seiner Odyssee, die ihn schließlich bis nach Rom und zu Eva führt. Erst dann kann er sich wieder nach Ungarn begeben. Aber ob er dann von seiner Todessehnsucht geheilt ist, sei hier nicht verraten.

Mein Eindruck

Antal Szerbs Roman müsste eigentlich „Eros und Thanatos“, die Liebe und der Tod, heißen. Diese beiden Pole des Lebens sind es, zwischen denen Mihaly gefangen ist. In den Theaterstücken, die er mit Tomás und Eva improvisierte, spielten Eros und Thanatos stets eine wichtige Rolle, und er ergab sich gerne dem Tod, solange er damit der Liebe dienen konnte. Doch nach dem Auseinanderfallen dieser Dreieinigkeit findet Mihaly nichts mehr, in dem sich seine Sehnsucht erfüllen könnte.

Deshalb sucht er nach Tomás’ Tod hartnäckig nach den alten Gefährten, allen voran natürlich Eva. Während Erwin als Pater Severinus der Welt entsagt hat, tritt Janos immer noch als gauklerischer Mephisto-Verschnitt auf. Er verkuppelt Mihaly mit dem italienischen Mädchen Vanina, die im Armenviertel Romas lebt. In dieser tief verwurzelten Kultur bekommt Mihaly, der ja Religionsgeschichte studiert hat, eine Ahnung davon, wie früher die einfachen Leute dem Rad des Lebens gegenüber standen: Tod und Geburt waren nur Stationen in einem natürlichen Zyklus.

Und wie ihm Mihalys Studienfreund Lorenzo Waldheim bei einem Museumsbesuch erklärt, waren Eros und Thanatos schon immer sehr eng miteinander verbunden. Thanatos, der Tod, war in der Frühzeit und der Antike nicht tabuisiert wie heute. „Sterben ist ein erotischer Akt“, weiß Waldheim. Das kapiert Mihaly jedoch nicht, weshalb sein Freund weiter ausholen muss.

Für den archaischen Menschen – wie auch für Vanina – war der Tod ständig präsent. Für den Mann war er eine Hetäre (Prostituierte) mit einer großen Vagina, in welche der Mann wie in einer Umkehrung des Geburtsvorgangs zurückkehrte (der Unbirth-Mythos). Frauen sehnten sich nach dem Tod wie nach einem Mann und träumten von Todesdämonen. Diese nannte man später Satyrn, dargestellt mit Bocksbeinen und großem Phallus. Um den Todestrieb – hier wird Waldheim freudianisch – zu betäuben, habe der moderne Mensch den Tod tabuisiert – außer in Zeiten der Dekadenz, beispielsweise in Ungarn. Mihaly fühlt sich angesprochen und wird bleich.

In Rom hat Mihaly mehrere Erlebnisse des Realitätsverlustes, so etwa, als ihm eine adrette englische Familie wie eine Schar Puppen vorkommt. Als Janos auftaucht, ihn zu Vanina bringt und diese ihn zu dem Patenonkel eines Kindes macht, wird Mihaly ganz blümerant. Nur so ist zu erklären, dass er sich von Janos’ Intrige aufs Kreuz legen lässt. Janos will ihn Patakis Auftrag Mihaly dazu bewegen, Erzy zu entsagen. Dafür solle er eine finanzielle Entschädigung erhalten. Das ist Mihaly recht, denn er hat sowieso vor, sich demnächst umzubringen. Eva soll ihm dabei helfen. Doch dann läuft alles schief: Mihaly ist zum Leben verdammt. Ganz besonders dann, als auch noch sein Vater auftaucht, um ihn abzuholen.

Mihalys Problem der Nostalgie und der Todessehnsucht ist damit natürlich nicht gelöst. Er kann sich einfach nicht mit dem Verlust von Idealen und Mysterien abfinden, die er in der Verbindung zu Eva und Tomás ja zum Leben erweckt hatte. Doch leider ist das Leben kein Theaterstück, auch wenn es manchmal als eine Tragödie oder Komödie bezeichnet wird. Letzten Endes, findet Mihaly, obsiegt immer die Banalität des Absurden.

Erzys Odyssee

Es soll aber nicht der Eindruck vermittelt werden, in dieser Geschichte ginge es ausschließlich um die Leiden eines Hypochonders aus Ungarn. Nein, die Geschichte verfolgt den weiteren Lebensweg von Erzy in gleicher Weise. Sie reist nach Paris zu einer Bekannten, bei der sie unterkommt. Hier trifft sie auf Janos, der als Handelsreisender des Dritten Reiches unterwegs sei, wie er behauptet. Aber was macht er dann im Filmgeschäft?

Wie auch immer: Erst versucht er, sie an einen persischen Opiumschmuggler und Filmproduzenten zu verkuppeln. Das kapiert sie gerade noch in letzter Sekunde und findet es gar nicht witzig. Dann übermittelt Janos auch gewisse Briefe von Zoltan Pataki, in denen dieser ihr wieder seine Liebe anträgt und sie bittet, zu ihm zurückzukommen. Wie sich herausstellt, kann sie dieses Angebot nach einem gescheiterten Wiedersehen mit Mihaly in Rom nicht zurückweisen. Besonders dann, als Janos und Zoltan ihr Mihalys Brief vorlegen, in dem er sich mit seiner Scheidung einverstanden erklärt …

Eine Frage der Haltung

Diese Geschichte kommt einem vielleicht besonders traurig vor, aber der Schein trügt. Das Buch funkelt und wirbelt vor Abwechslung, und ständig bieten sich den zwei Hauptfiguren neue Chancen und Herausforderungen. Der Autor hasst seine Figuren in keiner Weise, sondern stellt sie uns als liebenswerte Menschen mit allen Schwächen vor. Dass uns Mihaly als der Schwächere vorkommt, liegt natürlich an seinem lädierten Innenleben. Aber er erlebt erotische Abenteuer und trifft Eva wieder, so dass er über Erwin, Tomás und sogar Eva hinwegkommt. Als er „schicksalsergeben“ nach Hause fährt, gesteht er dem Leben zu, dass „man, solange man lebt, nicht weiß, was noch geschehen kann“.

Der Sprecher

Heikko Deutschmann ist ein kongenialer Sprecher dieses szenenreichen Textes. Was die Flexibilität seines stimmlichen Ausdrucks angeht, kann er es ohne weiteres mit Rufus Beck aufnehmen. So fällt es ihm leicht, die einzelnen Figuren zu charakterisieren und unverwechselbar zu machen. Der Franziskanermönch Pater Severinus alias Erwin hat beispielsweise eine heisere Stimme, denn er ist lungenkrank durch die einfachen Verhältnisse, unter denen er im Kloster lebt.

Was mir dabei auffiel, ist der Eindruck, dass Deutschmann Mihalys Abenteuer und Missgeschicke mit einem Schmunzeln wiedergibt, so als wären sie ein Anlass, sich ein wenig über diesen „Jammerlappen“ zu mokieren. Dazu mag manchmal Anlass bestehen, aber Mihaly beweist angesichts des nahen Todes seines Freundes Erwin doch eine erstaunliche Seelenstärke – und da hat er nichts von einem Jammerlappen an sich. Wichtig ist aber, dass Szerb seinen Antihelden mit Sympathie schildert.

Wunderschön erzählt Deutschmann die absonderliche und beinahe schon makabre Geschichte von der Dame (Eva) und der Totentür, die sich in Erwins Kirchensprengel Gubbio abspielt. (Diese Story hier wiederzugeben, würde zu weit führen.)

Über Musik und Geräusche verfügt diese Lesung nicht, so dass ich sie nicht weiter zu erwähnen brauche. An Geräusche erinnert allenfalls Deutschmanns Methode, auch in die Sprechweise der dargestellten Figuren gewisse Befindlichkeiten einfließen zu lassen. So lallt beispielsweise ein Besoffener allerliebst, und jemand, der gerannt ist, keucht und hechelt. Aber der Sprecher gibt auch eindeutige Gefühle wieder, so etwa, als Mihaly Eva anfleht, ihm beim Sterben zu helfen.

Ansonsten sind ungarische, französische, italienische, deutsche (sowieso) und englische Namen und Titel alle korrekt ausgesprochen, so dass ich Deutschmann ohne weiteres Mehrsprachigkeit attestieren kann.

Unterm Strich

„Reise im Mondlicht“ schildert ein Europa unter dem institutionalisierten Faschismus in Deutschland und Italien. Ungarn hingegen ist eine junge Republik, die auch von Sandor Marai als noch unsicher und wirr porträtiert wird. Von Szerbs Figur Waldheim wird Ungarn sogar als „dekadent“ bezeichnet, als handle es sich noch um die k.u.k. Monarchie der Habsburger. Die drei Gesellschafts- und Kulturformen entsprechen drei Zeitschichten, die allesamt in diesem Roman miteinander verwoben sind. Das kann die Lektüre bzw. das Anhören der Geschichte ein wenig verwirrend machen.

Aber da der Autor von vornherein kein Unterhaltungsautor ist, der Schund verkauft, kann er durchaus einen gewissen Anspruch erheben. „Reise im Mondlicht“ ist keine Geschichte, um sich abzulenken, sondern um genau hinzuhören, denn es sind die ungesagten Zwischentöne, in denen die Bedeutung der Geschichte erfassbar wird. Diese Bedeutung habe ich in den Abschnitten über „Eros und Thanatos“ deutlich zu machen versucht. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen: Sowohl Liebe (vulgo „Sex“ genannt) als auch Tod kommen reichlich vor. Mir hat die Geschichte in ihrer ungewohnten Eigenart gut gefallen. Was ich jedoch vermisse, sind Action und Spannung. Es gibt zwar eine dramatische Zuspitzung, als Mihaly sich mit Evas Hilfe ins Jenseits befördern will, doch auch das stellt sich als halb so wild heraus.

Der Sprecher

Heikko Deutschmann macht den Text zu einem lebhaften akustischen Erlebnis. Wem „Die Reise im Mondlicht“ gefallen hat, sollte auch „Die Pendragon-Legende“ lesen oder hören.

Originaltitel: Utas és holdvilág, 1937
398 Minuten auf 5 CDs
Aus dem Ungarischen übersetzt von Christina Viragh

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Ergänzend dazu: Dr. Maike Keuntjes [Rezension der Buchfassung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1292

Hohlbein, Wolfgang – Nemesis 4: In dunkelster Nacht

_Nemesis: Entscheidung auf dem Turm_

Der exzentrische Multimillionär von Thum hat drei Männer und drei Frauen auf die Burg Crailsfelden eingeladen. Zwei von ihnen sollen sein Millionenerbe antreten. Nichts verbindet die Eingeladenen, außer dass ihre Eltern irgendwann gemeinsam mit von Thum ein Internat in Cralsfelden besucht haben.

In der Nacht ihrer Ankunft kommen bereits drei von ihnen auf mysteriöse Weise ums Leben. Kein Wunder, dass die Überlebenden einander misstrauen. Ihr Gastgeber ist verschwunden, und in den dunkelsten Nachtstunden sind sie allein mit ihren Ängsten und der Gewissheit, dass in den Mauern der Burg der Tod umgeht.

Wer hat in der Küche den wehrlosen Ed Krause als Opfer Nr. 2 getötet? Und was hat es mit der seltsamen Kinderstimme auf sich, die Carl, der Hausmeister, gehört haben will? Kinder scheinen in der düsteren Vergangenheit von Burg Crailsfelden in der Eifel mehrfach eine Rolle gespielt zu haben. Und zwar nicht nur in den letzten Jahrzehnten, als das Gemäuer ein Internat unter der Leitung des verstorbenen Rektors Klaus Sänger beherbergte, sondern schon früher. Sind Marias Behauptung über Menschenversuche in der Nazizeit nicht doch etwas weit hergeholt? Außerdem ist sie seit dem Mord an Ed verschwunden. Und so richtig hatten ihr die anderen Überlebenden auch nicht getraut …

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein, geboren 1953 in Weimar, hat sich seit Anfang der achtziger Jahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden (Auflage: 35 Millionen Bücher laut |Focus| 40/2006). Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

_Der Sprecher_

Johannes Steck, geboren 1966 in Würzburg, ist Absolvent der Schauspielschule Wien. Von 1990 bis 1996 hatte er Engagements an verschiedenen Theatern. Dem breiten Publikum ist er vor allem aus dem TV bekannt. Er spielte in zahlreichen TV-Serien. Steck arbeitet zudem als Radio-, Fernseh- und Synchronsprecher. Er hat schon diverse Hörbücher gelesen.

Regie führte Lutz Schäfer, der Tonmeister war Heiko Schlachter. Die Aufnahme fand im Juli 2006 bei Kino-im-Kopf-Produktion, Augsburg, statt (toller Name!).

Das Titelbild entspricht dem der Buchausgabe beim |Ullstein|-Verlag.

_Vorgeschichte_

Die Erben: Frank Gorresberg (der Erzähler), Stefan, Eduard Krause
Die Erbinnen: Maria Gärtner, Judith, Ellen
Der Hausmeister: Claus Zerberus
Der Rektor: Klaus Sänger (tot)
Der Burgbesitzer: von Thum (verschwunden)

Sechs potenzielle Erben werden auf Burg Crailsfelden eingeladen, doch die Umgebung ist der Gesundheit nicht sonderlich zuträglich. Erst haben alle sechs den gleichen üblen Albtraum, dann verschwindet der Gastgeber auf rätselhafte Weise in einem Brunnenschacht. Ein erster Fluchtversuch mit einem Auto scheitert auf spektakuläre Weise: Der Wagen wird von einem herunterrauschenden Fallgatter fast zweigeteilt.

In den mittelalterlichen Säulengängen unter der Burg sind nicht nur Kerkerzellen zu besichtigen. Hinter einem Kanisterstapel entdeckt der scharfsinnige Stefan auch einen geheimen Raum. Hier finden sich nicht nur ein Dolch der Napola (einer nationalsozialistischen politischen Anstalt), sondern auch Zeitungsartikel über Nazigold. War unser braver Hausmeister hinter diesem Zeug her? Er erzählt, im Dritten Reich seien in der Burg nicht nur Nazis untergebracht gewesen, sondern auch ein Kinderheim und eine Klinik, wo Frauen uneheliche Kinder zur Welt bringen konnten.

Frank, der Erzähler, fragt Maria Gärtner wegen der von ihm im Rektorzimmer gefundenen Fotos, denn sie stammt aus dem Dorf Crailsfelden. Nun, sagt sie, eines steht fest: Die sonderbaren Runen auf den Fahnen dieser Pfadfinder sind keine Hakenkreuze. Es sind die Runen, die für den Lebensborn reserviert waren. Der „Lebensborn“ war eine reichsweite Organisation, in der SS-Angehörige und andere „rassische Eliteangehörige“ mit ausgewählten Frauen Kinder zeugen konnten, um die arische Rasse zu verbessern und ihren Fortbestand zu sichern. Eine Zuchtanstalt. Aber eigentlich kann das nicht sein, denn das Auto, vor dem die Pfadfinder auf dem Foto stehen, wurde erst ab 1953 gebaut …

Als Stefan, der Hüne, sich über die Burgmauer abseilen will, wird er von gierigen Fledermäusen attackiert. Doch nicht an den Bissen stirbt Stefan, sondern an dem Nazi-Dolch, der in ihm steckt. Nach einem weiteren Ausflug in die Katakomben der Nazi-Forschungslabore kehren die Überlebenden in die Küche zurück, nur um dort Ed Krause mit durchschnittener Kehle vorzufinden …

_Handlung_

Nach einigem ergebnislosen Rätselraten, wer für den blutigen Mord an Eduard Krause verantwortlich sein könnte, raffen sich die drei überlebenden Erben wieder auf, um zusammen mit Carl, dem Hausmeister, die Wunden zu behandeln. Und wo ist überhaupt Maria Gärtner abgeblieben? In drei Stunden sollte die Sonne aufgehen.

Die Chirurgin Ellen vernäht Judiths Oberarmwunde fachgerecht, dann geht sie in die Dusche, die zuvor von Frank und Judith benutzt worden ist. Während Ellen weg ist, denunziert Carl sowohl sie als auch Judith. Das löst in Frank, der sowieso einen Hass auf Carl schiebt, einen Angriff aus, den nur Judith in letzter Sekunde abwenden kann. Frank würde Carl am liebsten umbringen. Als Ellen wieder zurückkehrt, ist sie so aufreizend gekleidet, dass sich Judith und Frank provoziert fühlen. Ellen verachtet die hausbackene Judith.

Nachdem man allgemein erkannt hat, dass es keinen Ausweg aus dieser Burg gibt und eine Handyverbindung wegen Funkloch nicht zustande kommt, fragen sich alle, wo Maria ist. In ihrem verwüsteten Zimmer ist nur ihr Koffer. Als Carl ihn umdreht und auch die Geheimfächer durchsucht, gibt es ein paar Überraschungen: Maria ist Journalistin, die das Naziprojekt „Lebensborn e. V.“ erforscht: Menschenzucht, Bordelle für SS-Offiziere, aus ganz Europa verschleppte Frauen, arischer Nachwuchs usw. In Brandenburg, so besagen Marias Unterlagen, wurden 1940 Kinder vergast und seziert. Und was war dieses ominöse „Projekt Prometheus“?

Carl weist dies alles weit von sich. So ein Ort sei Burg Crailsfelden in der schönen Eifel nie gewesen! Und es war strategisch so unwichtig, dass die Amis Anfang 1945 hier einfach durchgerollt seien. Die Burg sei ein einfaches Mütterheim gewesen, nichts weiter. Aber warum schloss dann Rektor Sänger 1986 sein Internat, als er bereits siebzig war? Eine seiner Internatsschülerinnen brachte sich um. (An dieser Stelle bekommen Frank und Judith wieder Kopfschmerzen.) Im Koffer finden sich auch Patronen für eine Pistole vom Kaliber .38: Maria Gärtner, die sie alle für eine graue Maus und harmlose Bibliothekarin hielten, ist bewaffnet!

Dieser Fund löst einen Stress aus, der wiederum in dem labilen Frank einen Schub schizophrener Dissoziation auslöst. Nicht nur begibt sich sein Geist wieder auf Zeitreise in die Vergangenheit. Nein, diesmal zieht sich sein Ego in einen kleinen Winkel seines Bewusstseins zurück und schaut zu, wie eine andere Ebene seines Wesens, die ihm bislang unbekannt war, das Kommando übernimmt.

Im Traum sieht er sich nun als Kind im Körper eines Erwachsenen. Wieder steht er auf den Zinnen des Zentralturms Miriam gegenüber. Aber da sind nun auch Maria, mit einer Pistole, sowie Ellen und die anderen Erben. In der folgenden Auseinandersetzung erklingen das Lied „Lili Marleen“ und ein Schrei, der in der Tiefe verhallt …

_Mein Eindruck_

In dieser Episode scheint Sex eine große Rolle zu spielen. Doch während sich Frank und Judith durch ihr Liebesspiel nur enger aneinander binden, versucht Ellen durch ihr sexy Outfit unter den übrig gebliebenen drei Gefährten Zwietracht zu säen, indem sie sexuelle Übergriffe provoziert. (Man sollte berücksichtigen, dass keiner aus der Zwangslage in der Burg entkommen und ihr aus dem Weg gehen kann.)

Im zweiten Teil der Episode führt der Autor den parallel geführten Handlungsstrang um die geheimnisvolle Miriam zu Ende. In dieser Traumhandlung erkennt Franks verändertes Ich, dass alle wie an Marionettenfäden hängen und dementsprechend agieren. Sigmund Freud hätte an solchen Szenen sicher seine helle Freude.

Ohne mehr verraten zu wollen: Wieder einmal gilt das Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip, das vorschreibt, dass ein weiterer Erbberechtigter das Zeitliche segnet. Die Art und Weise, wie dies herbeigeführt wird, ist völlig zusammenhanglos und hätte sich ebenso gut auf andere Weise zutragen können. Zunehmend wirken die Szenenwechsel völlig unmotiviert und lassen sich nur mit Franks Dissoziation erklären, die keinen Zusammenhang in Wahrnehmung und Erleben zulässt.

Dass dies alles nur mäßig spannend ist, braucht wohl kaum extra betont zu werden. Das Kaleidoskop an Eindrücken, die dem Zufallsprinzip gehorchen, mutet eher wie ein Panoptikum an, das mit immer neuen Sensationen aufzuwarten hat. Sexszenen wechseln auf diese Weise mit Kampf ab, dieser wiederum mit einem geistigen Zusammenbruch, worauf wieder eine Traumsequenz folgt und so weiter ad infinitum.

|Zeitreise: stets etwas knifflig|

Immerhin gelingt dem Autor etwas, woran sich schon viele Autoren die Zähne ausgebissen haben: eine psychologische Begründung für die Zeitreise. Da das menschliche Gehirn bekanntlich die beste Zeitmaschine ist, die uns zur Verfügung steht (versetzen uns Träume nicht jede Nacht in die Vergangenheit?), liegt es nahe, das Bewusstsein so zu beeinflussen, dass es sich in eine andere Zeit versetzt fühlt. Diese Anderzeit wird subjektiv dann als Realität erfahren. So geschieht es – ganz geplant – in Jack Finneys fabelhaftem Roma „Das andere Ufer der Zeit“, und in „Nemesis 4“ erfolgt dies im Zuge eines geistigen Zusammenbruchs eher passiv und erleidend.

|Der Sprecher|

Dem Sprecher gelingt es, die durch die Klischees vorgegebenen Figuren einigermaßen zum Leben zu erwecken. Allerdings gehen ihm langsam, aber sicher die Rollen aus, die es noch zu interpretieren gibt: Stefan und Ed sind bereit abserviert, und in Episode 3 und 4 taucht Maria gar nicht mehr auf. Frank selbst, der Ich-Erzähler, erklingt mit einer ganz normalen männlichen Stimme – allerdings viel zu selten. Judith ist die schutzbedürftige junge Frau, kann aber durchaus auch zu einer Waffe greifen. Ellen, die kaltschnäuzige Ärztin, ist ihr genaues Gegenteil: eine kühle Managerin, aber zunehmend hart am Abgrund der Hysterie.

Einige gute Szenen liefert die Interpretation von Carls Wandlung. Der Hausmeister und Wirt und Althippie, der sonst immer etwas schleppend spricht, windet sich unter der Folter, die Frank ihm androht, fleht und bettelt zum Steinerweichen. Doch als Frank wegen seines Zusammenbruchs ausfällt, ist kein ernst zu nehmender Gegner mehr übrig und Carl kann endlich das Kommando übernehmen. Am Ende hat er Marias Pistole Kaliber .38 in der Hand und sagt, wo’s langgeht.

Das Hörbuch verfügt weder über Geräusche noch über Musik, aber dafür ist es recht preisgünstig.

_Unterm Strich_

Sechs kleine Negerlein – drei gingen drauf dabei, nun sind es nur noch drei. Erben will sowohl gelernt als auch verdient sein. Doch was die sechs Erben auf der Burg durchmachen müssen, ist weit mehr als das übliche Spießrutenlaufen beim Nachlassverwalter. Hier wird mehr als Geld und Vermögen vererbt. Hier werden auch Altlasten weitergegeben: Erinnerungen, Konditionierungen, wohl auch Erbgut. Eine Versuchsanordnung, die einem bislang noch im Dunkeln liegenden Zweck dient.

Der Sprecher tut sein Bestes, die klischeehaften Figuren mit Leben zu erfüllen. Er unterstützt die Spannung und die Mystik ebenso wie den ironischen Humor, der hie und da durchblitzt. Die Wandlung, die mit Carl vor sich geht, ist noch die beste Leistung, die der Sprecher hinsichtlich seiner stimmlichen Flexibilität abliefern muss. Fortsetzung folgt – hoffentlich zu einem ebenso günstigen Preis.

|141 Minuten auf 2 CDs
Buchausgabe: Nemesis 4, 2004|
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Hohlbein, Wolfgang – Nemesis 3 – Alptraumzeit

_Nemesis: Geheimnisse im Funkraum_

Der exzentrische Multimillionär von Thum hat drei Männer und drei Frauen auf die Burg Crailsfelden eingeladen. Zwei von ihnen sollen sein Millionenerbe antreten. Nichts verbindet die Eingeladenen, außer dass ihre Eltern irgendwann gemeinsam mit von Thum ein Internat in Cralsfelden besucht haben.

In der Nacht ihrer Ankunft kommen bereits drei von ihnen auf mysteriöse Weise ums Leben. Kein Wunder, dass die Überlebenden einander misstrauen. Ihr Gastgeber ist verschwunden, und in den dunkelsten Nachtstunden sind sie allein mit ihren Ängsten und der Gewissheit, dass in den Mauern der Burg der Tod umgeht.

Dieses Internat war in den 1940er Jahren mehr: Es war eine Zuchtanstalt für arische Kinder, vom „Lebensborn“ betrieben. Aber auch Spuren zur Napola, der Nazi-Kaderschule, sind zu finden: Ein Napola-Dolch steckt im Leib des Hünen Stefan, der zu entkommen versuchte. Die Überlebenden entdecken in sich dunkle Abgründe, die sich im Tunnelgewirr unter der Burg auf unheilvolle Weise widerspiegeln …

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein, geboren 1953 in Weimar, hat sich seit Anfang der achtziger Jahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden (Auflage: 35 Millionen Bücher laut |Focus| 40/2006). Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

_Der Sprecher_

Johannes Steck, geboren 1966 in Würzburg, ist Absolvent der Schauspielschule Wien. Von 1990 bis 1996 hatte er Engagements an verschiedenen Theatern. Dem breiten Publikum ist er vor allem aus dem TV bekannt. Er spielte in zahlreichen TV-Serien. Steck arbeitet zudem als Radio-, Fernseh- und Synchronsprecher. Er hat schon diverse Hörbücher gelesen.

Regie führte Lutz Schäfer, der Tonmeister war Heiko Schlachter. Die Aufnahme fand im Juli 2006 bei Kino-im-Kopf-Produktion, Augsburg, statt (toller Name!).

Das Titelbild entspricht dem der Buchausgabe beim |Ullstein|-Verlag.

_Vorgeschichte_

Die Erben: Frank Gorresberg (der Erzähler), Stefan, Eduard Krause
Die Erbinnen: Maria Gärtner, Judith, Ellen
Der Hausmeister: Claus Zerberus
Der Rektor: Klaus Sänger (tot)
Der Burgbesitzer: von Thum (verschwunden)

Sechs potenzielle Erben werden auf Burg Crailsfelden eingeladen, doch die Umgebung ist der Gesundheit nicht sonderlich zuträglich. Erst haben alle sechs den gleichen üblen Albtraum, dann verschwindet der Gastgeber auf rätselhafte Weise in einem Brunnenschacht. Ein erster Fluchtversuch mit einem Auto scheitert auf spektakuläre Weise: Der Wagen wird von einem herunterrauschenden Fallgatter fast zweigeteilt.

In den mittelalterlichen Säulengängen unter der Burg sind nicht nur Kerkerzellen zu besichtigen. Hinter einem Kanisterstapel entdeckt der scharfsinnige Stefan auch einen geheimen Raum. Hier finden sich nicht nur ein Dolch der Napola (einer nationalsozialistischen politischen Anstalt), sondern auch Zeitungsartikel über Nazigold. War unser braver Hausmeister hinter diesem Zeug her? Er erzählt, im Dritten Reich seien in der Burg nicht nur Nazis untergebracht gewesen, sondern auch ein Kinderheim und eine Klinik, wo Frauen uneheliche Kinder zur Welt bringen konnten.

Frank, der Erzähler, fragt Maria Gärtner wegen der von ihm im Rektorzimmer gefundenen Fotos, denn sie stammt aus dem Dorf Crailsfelden. Nun, sagt sie, eines steht fest: Die sonderbaren Runen auf den Fahnen dieser Pfadfinder sind keine Hakenkreuze. Es sind die Runen, die für den Lebensborn reserviert waren. Der „Lebensborn“ war eine reichsweite Organisation, in der SS-Angehörige und andere „rassische Eliteangehörige“ mit ausgewählten Frauen Kinder zeugen konnten, um die arische Rasse zu verbessern und ihren Fortbestand zu sichern. Eine Zuchtanstalt. Aber eigentlich kann das nicht sein, denn das Auto, vor dem die Pfadfinder auf dem Foto stehen, wurde erst ab 1953 gebaut …

Als sich Stefan, der Hüne, über die Burgmauer abseilen will, wird er von gierigen Fledermäusen attackiert. Doch nicht an den Bissen stirbt Stefan, sondern an dem Nazi-Dolch, der in ihm steckt …

_Handlung_

Allmählich wird den in der Burg eingeschlossenen Besuchern klar, dass nicht nur dieser Ort, sondern auch sie selbst ein Geheimnis bergen, dessen Schleier früher oder später gelüftet werden muss. Als Einzige reflektiert die Ärztin Ellen halbwegs rational, um was es hier gehen könnte: eine Versuchsanordnung, so viel ist ihr klar. Mit den sechs Erben als Laborratten. Und zwar auch in sexueller Hinsicht: Frank hat mit Judith geschlafen und Ed mit Maria. Es ist bestimmt kein Zufall, dass die Damen gerade ihre fruchtbaren Tage haben …

Unter den Fotos, die Frank Gorresberg im Zimmer von Rektor Sänger entdeckt hat, ist auch eines, das Sänger mit SS-Sturmbannführer Richard Krause zeigt. Er ist, wie Ed gesteht, sein Großvater. Maria zitiert aus einem Buch, in dem Krause als eine Art Killer im Osten beschrieben wird, doch Ed protestiert: Sein Opa sei der einzige Mensch auf der Welt gewesen, der sich je um ihn, Ed, gekümmert habe. Seltsam: Auch die anderen vier Überlebenden haben eine Vergangenheit als Waisenkinder vorzuweisen.

Sie müssen hier raus! Auf den alten Bauplänen, die sie im Rektorzimmer finden, ist ein Gang eingezeichnet, der unter der Burgmauer durchführt – hoffentlich ins Freie. Doch unten in den Tunneln stellt Claus Zerberus, Hausmeister und Nazigoldjäger, konsterniert fest, dass alles umgebaut worden ist. Frank haut sich, trotz seiner rasenden Kopfschmerzen, mit dem Pickel einen Durchgang zu einem parallel verlaufenden Tunnel. Weiter geht’s bis zu einer Wand, die den Schriftzug „Funkraum“ in gotischer Schrift trägt. Dahinter liegt ein weiterer Tunnel, in dem Frank durch ein simples Drehen des altertümlichen Schalters eine wahre Lichtflut auslöst. Dieser Komplex muss also über eine eigene Stromversorgung verfügen.

In den zugemauerten Räumen finden sie Dokumente, die Ellen als Laborprotokolle identifiziert: Blutwerte, immer wieder Schädelmessungen. Doch der nächste Raum wurde gesprengt und ist völlig verwüstet. Was befand sich hier? Frank, der unter ständigen Kopfschmerzen leidet, reißt bei einem besonders heftigen Migräneanfall einen Stützbalken um und bringt die Decke zum Einsturz. Als er nach dem Sturz halb betäubt da liegt, suchen ihn Albträume und Kinderstimmen heim. Wieder erscheint ihm Miriam alias Maria, die von blonden Kindern verfolgt wird, bis sie auf der obersten Kante des Zentralturms der Burg steht …

Als er mit Judith wieder in die Küche zurückkehrt, findet er ein Blutbad vor. Nun sind sie nur noch zu viert …

_Mein Eindruck_

Der Erkenntniswert dieser dritten Episode hält sich in Grenzen: Dass sich in den Tunneln des alten Internats und vormaligen Müttergenesungsheims eine ganze Menge Nazikram befindet, hatten wir schon ab Episode 2 erwartet, als die Fotos aus Rektor Sängers Schreibtisch auftauchten. Nun wird jedoch die dafür nötige Infrastruktur sichtbar: ein medizinisches Forschungslabor, ein Funkraum, die Unterbringungsräume des SS-Personals. Aber was hat dies alles mit ihnen zu tun, und wozu hat der Millionär sie, ausgerechnet dieses Sextett, hierher bestellt?

Diese Frage gibt den Anstoß zu einer Menge Spekulationen, wie schon zuvor. Doch nun gibt es zwei weitere Aspekte zu berücksichtigen: die Ermordung von Stefan mit einem Napola-Dolch und den Tod von Ed, ebenfalls mit einem Messer. Oder mit einem Skalpell? Der Verdacht fällt auf die Chirurgin Ellen, die sicherlich einen solchen Schnitt fachgerecht ausführen könnte. Doch was sollte ihr Motiv sein?

Ein weiterer, zunehmend wichtiger werdender Erzählstrang betrifft Franks geistige Abwesenheiten und Visionen, seine Kopfschmerzen und die Empfindung von tiefen Vibrationen im Untergrund der Burg. In einer chronologisch zusammenhängenden Parallelhandlung läuft der Junge Frank vor bösen Kindern weg, an der Hand seine Freundin Miriam. Doch Miriam hat im Gegensatz zu allen Kindern schwarzes Haar statt blondes. Diesmal führt Frank und Miriams Flucht sie auf die Spitze des zentralen Turms, und es sieht ganz so aus, als befände sich Miriam in Lebensgefahr. Aber warum nur? Diese Parallelhandlung konnte Aufschluss über die wahre, verdrängte Identität der sechs Erben geben.

Wie schon in Episode 1 und 2 sind also die Hinweise, mit denen der Autor Spannung erzeugt, fein dosiert und führen nicht nur in eine, sondern in mehrere Richtungen. Die Figurenentwicklung kann man jedoch vergessen: Wann immer der Ich-Erzähler Frank einer wichtigen Entdeckung auf die Spur kommt, ereilt ihn entweder ein Blackout oder ein Albtraum, der unweigerlich mit Kopfschmerzen verbunden ist.

Kein Wunder, dass er sich gewissermaßen selbst Scheuklappen anlegt, um nicht über die Bedeutung seiner Entdeckung nachdenken zu müssen. Das ist seitens des Autors ein fieser Trick, um die Spannung um die Rätsels des Ortes aufrechtzuerhalten. Oder ist es ein Kniff, um eine posthypnotische Konditionierung anzudeuten, die nun allmählich zusammenbricht, so dass die wahre Identität der sechs Erben zutage tritt?

|Der Sprecher|

Dem Sprecher gelingt es, die durch die Klischees vorgegebenen Figuren einigermaßen zum Leben zu erwecken. Stefan ist (bzw. war bis Episode 2) der verlässliche Hüne mit einem ebenso tiefen Organ wie der Wirt Carl, der etwas schleppend spricht. Ed nervt mit seiner meckernden Proletenstimme à la Martin Semmelrogge. Frank selbst, der Ich-Erzähler, erklingt mit einer ganz normalen männlichen Stimme – allerdings viel zu selten.

Interessanter sind die Frauen. Judith ist die schutzbedürftige junge Frau, kann aber durchaus auch zu einer Waffe greifen. Ellen, die kaltschnäuzige Ärztin, ist ihr genaues Gegenteil: eine kühle Managerin, aber zunehmend hart am Abgrund der Hysterie. Maria liegt irgendwo dazwischen und wirkt deshalb am glaubwürdigsten. (Das soll sich in Episode 4 radikal ändern.) Allerdings ist diese Tonhöhe durch die männlichen Stimmbänder des Sprechers etwas begrenzt. Rufus Beck könnte in dieser Hinsicht sehr viel mehr Eindruck hinterlassen.

Nicht zu vergessen die Kinder. Kinder, wird sich der Leser nun fragen. Kinder treten doch gar nicht auf. Doch, tun sie, und zwar in den Albträumen, die Frank und die anderen immer wieder erleiden. Das Traum-Ich Franks rennt mir Miriam durch die brennende Stadt, verfolgt von Kindern. Deren Rufen und Drohen drückt der Sprecher sehr gut aus. Es klingt aber nicht so richtig bedrohlich.

Das Hörbuch verfügt weder über Geräusche noch über Musik, aber dafür ist es recht preisgünstig.

_Unterm Strich_

Sechs kleine Negerlein – zwei gingen drauf dabei, nun sind es nur noch vier. Erben will sowohl gelernt als auch verdient sein. Doch was die sechs Erben auf der Burg durchmachen müssen, ist weit mehr als das übliche Spießrutenlaufen beim Nachlassverwalter. Hier wird mehr als Geld und Vermögen vererbt. Hier werden auch Altlasten weitergegeben: Erinnerungen, Konditionierungen, wohl auch Erbgut. Eine Versuchsanordnung, die einem bislang noch im Dunkeln liegenden Zweck dient.

Neben vielfältigen Spekulationsgrundlagen wie etwa dem Nazigold – eine falsche Fährte, wenn es je eine gab – sollten sich die Figuren (und wir natürlich mit ihnen) darüber Gedanken machen, wer sie sind, woher sie kommen und warum sie deshalb ausgerechnet auf Burg Crailsfelden einbestellt wurden. Wer war dieser Klaus Sänger, Leiter und Mäzen eines Internats – Internats für welche Art von Kindern? Haben der Lebensborn und das arische Aussehen der meisten der Erben etwas miteinander zu tun? Offenbar sind noch Rechnungen offen, aber mit wem?

Diese Fragen müssen in den verbleibenden Episoden beantwortet werden. Folglich bleibt die Serie spannend. Der Sprecher tut wie der Autor sein Bestes, die klischeehaften Figuren mit Leben zu erfüllen. Er unterstützt die Spannung und die Mystik ebenso wie den ironischen Humor, der hie und da durchblitzt. Fortsetzung folgt – hoffentlich zu einem ebenso günstigen Preis.

|141 Minuten auf 2 CDs
Buchveröffentlichung: Nemesis 3, 2004|
http://www.hoerbucHHamburg.de

Verne, Jules – Von der Erde zum Mond (Hörbuch, 2005)

_Mondschuss zwischen Drama und Technofetischismus_

Die Eroberung des Erdtrabanten war in der Literatur schon seit der Antike – etwa bei Lukian – ein gängiges Motiv. Die meisten Autoren ließen sich irgendwelche fantastischen Tricks einfallen, um von A nach B zu gelangen, was ihre Geschichte denn auch als Fabel auswies. Doch erst Verne strengte sich an, eine technische Lösung für das Problem der Personenbeförderung zum Erdmond zu suchen. Und er fand sie in Gestalt einer 300 Meter langen Superkanone. Sie funktioniert allerdings auch nur in seiner Geschichte …

_Der Autor_

Jules Verne wurde 1828 in Nantes geboren und starb 1905 in Amiens. Bereits während seines Jurastudiums schrieb er nebenher, manchmal mit einem Freund, Theaterstücke und Erzählungen. Sein erster Erfolgsroman „Fünf Wochen im Ballon“ erschien 1863. Seine großen Romane waren in der Folge Bestseller. Heute wird er neben H. G. Wells als einer der Begründer der modernen Science-Fiction-Literatur angesehen.

Mit „Die Eissphinx“ schrieb er eine Fortsetzung von E. A. Poes Horrorerzählung [„The Narrative of Arthur Gordon Pym“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=781 Sein erster Zukunftsroman „Paris im 20. Jahrhundert“ lag lange Zeit verschollen in einem Tresor und wurde erst vor ca. 20 Jahren veröffentlicht. Die Lektüre lohnt sich, auch wegen der erhellenden Erläuterungen der Herausgeberin.

_Das Hörbuch_

|Der Sprecher: Rufus Beck|

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

|Der Komponist und Musiker: Parviz Mir-Ali|

Parviz Mir-Ali, geboren 1967, lebt in Frankfurt/M., wo er als Komponist arbeitet. Er hat unter anderem mit André Heller an „Yume“, mit Matthias Hartmann am Schauspielhaus Bochum und mit Gerhard Mortier an „Deutschland deine Lieder“ (Ruhrtriennale 2002) zusammengearbeitet.

_Handlung_

„Die Eroberung des Mondes“, das ist für den Baltimorer „Gun Club“ keineswegs eine leere Phrase, sondern eine ganz konkrete Zielsetzung. Luna soll amerikanisches Territorium werden und niemandem sonst gehören. Und falls es Mondbewohner, die so genannten „Seleniten“, geben sollte, so werden sie dann eben „zivilisiert“ und eingemeindet. Nur damit klar ist, worum es bei diesem Abenteuer geht.

|Krieg vs. Frieden|

Natürlich interessieren sich die amerikanischen Massenmedien des Jahres 1865 stark für das, was die „verrückten“ Kriegsveteranen des Clubs vorhaben. Das Vorhaben wird zunächst freudig begrüßt. Wir jedoch wissen ein wenig mehr über die Mitglieder des Klubs. James T. Maston, des Schriftführer des Klubs, ist wirklich kriegsbegeistert und sieht in jedem Affront einen „casus belli“. Dies steht in ironischem Gegensatz zu dem Haken, den er statt einer Hand hat, und zu der Tatsache, dass seine Schädeldecke zum Großteil aus Guttapercha (eine Art Kautschuk, also Gummi) besteht.

Die Mitglieder des Klubs sind allesamt von der Teilnahme am blutigen Sezessionskrieg mehr oder weniger leicht lädiert. Einzige Ausnahme scheint M. P. Barbicane zu sein, seines Zeichens der Präsident des Klubs, der Herr über mehr als 5000 Mitglieder. Der Mann hat einen Plan.

Ach, wie den Veteranen der Krieg fehlt! Will man sich als Waffennarr nicht in diverse europäische Kriege stürzen (1866: Preußen vs. Österreich-Ungarn), so bleibt dem Gun Club nur eines, verkündet M. P. Barbicane: Man brauche stattdessen eine große Forschungstat. Er schlägt die erwähnte Eroberung des Mondes vor, der quasi zum 37. Staat der Union gemacht werden soll. (Alaska wurde erst 1867 gekauft.) Tausende von Mitgliedern schreien „Hurra!“

Barbicane lässt sogleich Astronomen der Sternwarte Cambridge sowie amerikanische Ingenieure die technischen und geografischen Details klären. Mittendrin erklärt uns der Autor bzw. mehrere seiner Sprachrohre, wie die diversen Monde des Sonnensystems heißen und was die Astronomie aus historischer Sicht zu Luna zu sagen hatte. Von Poesie und Mystik keine Spur: Der Mond ist eine „nackerte Kugel“, wie der Bayer sagt. Ja, es gibt sogar die Theorie, dass der Mond ein Ei sei, auf dessen Spitze wir blicken, wohingegen sich seine Hauptmasse unserem Blick entziehe.

Sobald feststeht, dass eine 270 m lange Kanone eine 10 Tonnen schwere Aluminiumkugel zum Mond mit einer Geschwindigkeit von 11.000 m/s ins All schießen müsste, um Erfolg zu haben, werden auch die wirtschaftlichen Dimensionen deutlich. Die ganze Welt wird von Barbicane & Co. um Spenden gebeten, um das gigantische Unternehmen zu finanzieren. Seltsamerweise zahlen die Briten keinen roten Heller: Sie wollen sich nicht einmischen.

|Nicholl vs. Barbicane|

Das lässt sich ganz gut an, bis Barbicane schließlich von unerwarteter Seite einen Schuss vor den Bug erhält. Ein gewisser Captain Nicholl aus den USA wettet, dass die einzelnen Phasen des irren Vorhabens nicht gelingen werden. Nicholl ist Plattenschmied, wohingegen Barbicane ein Geschützgießer ist. Aus dem ewigen Wettlauf zwischen Geschoss und Panzerung hat sich eine persönliche Feindschaft entwickelt – bis sich nach dem Kriegsende Barbicane weigerte, eine von Nicholl geschmiedete Platte zu testen. Nicholl nannte ihn daraufhin einen Feigling. Nun fordert er ihn erneut heraus. Am 18.10. nimmt Barbicane diese Wette an: Es werde weder gelingen, das nötige Geld zusammenzukratzen noch den Schuss zu realisieren, geschweige denn ein Projektil weiter als 15 km zu schießen. Nicholl setzt nicht unbeträchtliche Summen. Er wird alles verlieren …

|Texas vs. Florida|

Doch wo soll der Abschuss erfolgen, wo ist die Riesenkanonen, die „Kolumbiade“, zu errichten? Fest steht, dass nur die südlichsten Bundesstaaten in Frage kommen. Bei der Auswahl bleiben Texas und Florida übrig. Diese Frage spaltet rasch die Nation, und die Gazetten in New York führen einen Kleinkrieg für und wider Texas vs. Florida. In Baltimore, der Heimat des Gun Clubs, müssen Texaner und Floridianer in Schutzhaft genommen werden.

Als sich Präsident Barbicane in seiner Weisheit für Florida entscheidet, müssen die wilden Texaner sogar in einen Zug verfachtet und nach Hause expediert werden. Sie hätten sonst wohl Baltimore in Brand gesteckt. Unweit der Stadt Tampa Town, auf dem Stones Hill, errichtet der Gun Club eine Arbeiterstadt namens Moon City, die von der Armee gegen allfällige Angriffe der Seminolen-Indianer geschützt werden muss. Die riesige Kanone namens „Kolumbiade“ wird nach langen Vorbereitungen in einem unteridischen Schacht gegossen, der 270 m tief und 18 m breit ist. Chefingenieur Murcheson rechnet mit acht Monaten bis zur Fertigstellung. Am 10.6. des folgenden Jahres meldet er Vollzug. Nicholl muss blechen.

|Barbicane vs. Ardan|

Nach dem langwierigen Abkühlen der Gussform der Riesenkanone trifft Barbicane ein erneuter Schicksalsschlag. Ein schlichtes, öffentliches Telegramm setzt ihn von der im Oktober zu erwartenden Ankunft eines Franzosen in Kenntnis, der in dem Projektil zum Mond fliegen will. Versucht der Franzmann, ihm den Ruhm streitig zu machen?

Michel Ardan besteht auf einer granatenförmigen Form des Geschosses (möglichst mit Verzierungen), obwohl ein Tierexperiment mit einer Kugelform, das James T. Maston mit einem seiner geliebten Mörser veranstaltete, erfolgreich verlaufen ist. Maston verwirrte lediglich, dass das Eichhörnchen verschwunden war, während der Kater überlebte …

Ardan bereitet es auch kein Kopfzerbrechen, dass Luna keine Atmosphäre besitzt und sein Luftgehalt gegen null tendiert. Ihm geht es um die Ehre. Seine Antworten gegenüber dem kritischen Nicholl sind von ausgesuchter Höflichkeit und zeichnen sich durch Sachkenntnis aus.

|Nicholl vs. Barbicane, die zweite|

Darum geht es auch Captain Nicholl und Club-Präsident Barbicane: Die ehrenwerten Gentlemen duellieren sich in einem dichten Gehölz vor den Toren Tampas. Bevor sie jedoch durch Unheil den Erfolg des Unternehmens gefährden können, versöhnt Michel Ardan, den Maston geholt hat, die beiden Kontrahenten. Damit auch sichergestellt ist, dass keiner schummelt, sollen beide mit zum Mond fliegen. Nicholl hat beim Verlust seiner Wetten schon mehrere tausend Dollar verloren und will wenigstens nicht das Ticket zahlen müssen.

Am Abend des Abschusses, dem 1. Dezember, hat sich eine riesige Menschenmenge um die „Kolumbiade“ versammelt, praktisch alle Einwohner der 5-Millionenstadt Moon City. Reden werden geschwungen, als ginge es darum, ein Schiff wie die „Titanic“ zu Wasser zu lassen.

Der Abschuss selbst gleicht dem gewaltigen Ausbruch eines Vulkans, das Erdbeben ist noch bis nach Westafrika zu spüren. Tausende von Menschen wurden am Abschussgelände getötet oder verletzt, viele sind erblindet oder ertaubt oder beides. Tagelang ist die Atmosphäre über Tampa bedeckt von Wolken, die sich nach der Explosion von Milliarden Liter Gas unter dem Projektil entwickelt haben. Bang warten die Observateure selbst im fernen Colorado, ob sie die Kapsel in den Lufträumen erspähen können – oder ob sie in tausend Stücke zersprengt wurde. Wird Captain Nicholl eine weitere Wette verlieren?

_Mein Eindruck_

Es waren Erzählungen wie diese, die Jules Verne, diesem Pionier der Zukunftsliteratur, den undankbaren Ruf eintrugen, allzu sehr auf die technische Machbarkeit von Visionen zu vertrauen, ohne zu hinterfragen, ob das Vorhaben denn auch so sinnvoll sei. Dieser Ruf hängt ihm heute noch an, man hat ihn so zum Gegenspieler des skeptischen H. G. Wells stilisieren können. Dass diese pauschale Verurteilung ungerechtfertigt ist, haben jüngere Untersuchungen nachgewiesen.

Dennoch stilisiert nicht nur das Hörspiel von 1967, sondern auch Rufus Becks Hörbuch von 2005 Vernes Vision des Mondschusses zu einer technischen Meisterleistung empor. (Die zahlreichen Fehler, die dabei unterliefen, werden erst in der Fortsetzung „Reise um den Mond“ deutlich.) Das damit verbundene Wirtschaftsunternehmen bei Tampa ist ja auch nicht von schlechten Eltern und verdeutlicht die globale Bedeutung des Unternehmens.

Allerdings habe ich mich gefragt, wie zurechnungsfähig diese Leutchen vom Baltimorer Gun Club denn sein können. Sie duellieren sich, wetten gegeneinander und würden nicht davor zurückschrecken, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, genau wie im Bürgerkrieg. Vermutlich gehörte dies zum ganz normalen Machismo und Nationalismus des 19. Jahrhunderts.

2005, zum 100. Todesjahr des Autors, kann man diese Erzählungen nicht ohne Weiteres unbedarften Jungs vorsetzen, die das noch vor 40 Jahren sicher total aufregend fanden. Auch ein Großliterat wie Arno Schmidt war damals begeistert: „Mehr als hundert Jahre vor dem ersten [bemannten] Mondflug [von 1969] hat Jules Verne seine Helden zum Mond geschossen, ganz aktuell raketisch.“ Ob „raketisch“ ein reguläres Wort ist, sei mal dahingestellt. Und es ist natürlich zutreffend, dass nur zwei Jahre später die Amis drei Leutchen auf die Mondoberfläche schafften (oder war’s ein Betrug, wie manche behaupten?).

|Boys just wann have fun!|

Dass die großen Jungs, die sich „Ingenieur“ nennen, auch mal Spaß haben wollen, versteht sich von selbst. Das bekommen zwei Tierchen bei einem wichtigen Experiment zu spüren. Leider haben die Jungs (Frauen kommen überhaupt nicht vor) nicht bedacht, dass sich eine Katze und ein Eichhörnchen, die man auf engstem Raum in einer Kanonenkugel einsperrt, nicht unbedingt bestens vertragen. Als Taucher das Geschoss wieder bergen, finden sie vom Eichhörnchen keine Spur mehr vor. Die Katze hingegen erfreut sich bester Gesundheit – kein Wunder! Dem Eichhörnchen errichtet man ein Denkmal als einem „Märtyrer der Wissenschaft“.

Dass auch die wilden, wilden Seminolen auftreten, als Barbicane den Abschussort in Florida auswählt, dürfte besonders Karl-May-Fans ansprechen. Man wünscht sich direkt den Frieden stiftenden Auftritt von Winnetous Blutsbruder Old Shatterhand.

_Das Hörbuch_

Eines der auffälligsten Merkmale der vorliegenden Hörbuchfassung, die ja ebenfalls gekürzt ist, besteht in den schier endlosen Debatten über die Bedingungen der technischen Realisierung des Mondschusses. Dabei lässt der Franzose Jules Verne, Angehöriger der Grande Nation, keine Gelegenheit aus, seinen französischen Lesern klarzumachen, wie energisch diese amerikanischen Ingenieure selbst die verrücktesten Ideen in Angriff nehmen, wenn man sie nur lässt. Eine Szene wie die im Sitzungssaal des Baltimorer Gun Club ist zugleich bizarr und ironisch: Der ganze Saal ist mit Waffen und Kanonenutensilien ausgeschmückt, ja, besteht eigentlich daraus. Außen ist innen, innen ist außen.

Geradezu wie ein Paradiesvogel kommt diesen nüchternen Ingenieuren und Waffennarren der Franzose Michel Ardant vor. Dieser Freigeist lässt seine Gedanken in Dimensionen schweifen, von denen sich die Kleingeister der USA noch keine Vorstellung gemacht haben. Er blickt nicht nur bis an die Grenzen der „Sonnenwelt“ (= Sonnensystem), sondern bis in die weitesten Galaxien.

Und Ardan ist unglaublich schlau. Er markiert zwar den Unwissenden, sticht aber den kritischen Frager Nicholl erstens durch Sachkenntnis und zweitens durch eine Gewandtheit des Geistes aus, als er die Frage, ob der Mond bewohnt sei, umgeht und daraus die Frage macht, ob der Mond bewohnBAR sei. Sorge bereitet lediglich seine Einstellung des Sehen-wir-mal und Sich-durchwurstelns, die den planenden Ingenieuren überhaupt nicht behagt. Dennoch wird er Barbicanes Freund.

|Der Sprecher|

Rufus Beck ist ja am bekanntesten dafür, über mindestens 125 Stimmen zu verfügen. (Wahrscheinlich eine Untertreibung.) Anders als in seinen Lesungen von Harry-Potter- und Artemis-Fowl-Büchern hält er sich bei Jules Verne etwas zurück. Das heißt aber natürlich nicht, dass alle Sprecher nicht mehr voneinander zu unterscheiden wären – im Gegenteil. Der pingelige Nicholl ist ebenso gut herauszuhören wie der beflissene Maston und der würdevolle Barbicane. Alle jedoch beherrscht die Stimme Michel Ardans. Er „schbrischd“ stets mit französischem Akzent, und zwar nicht nur in der Aussprache der Wörter, sondern auch im Tonfall. Da kann die Stimme schon mal ziemlich in die Höhe schnellen. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören. Wenn man kein Ingenieur ist.

|Die Musik|

Ich weiß ja nicht, auf welchem vielseitigen Instrument der Komponist Parviz Mir-Ali seine Musik produziert hat, aber sie passt genau in die damalige Zeit. Wir hören verschiedene Kombinationen aus Bläsern (viel Tuba), Marschtrommeln und Flöten. Laut Booklet handelt es sich dabei um Kompositionen des bekannten amerikanischen Musikers John Philip Sousa, der auch von einigen Autoren der Science-Fiction-Szene geschätzt wird.

Was hier aber so martialisch klingt, das tönt doch mitunter eher verspielt, so als befände sich der Hörer auf einem Jahrmarkt statt bei einem Truppendefilee. Aber in Amerika ist der Übergang fließend, wie man in vielen Hollywoodfilmen sehen kann. Diese Musik ist stets in den Pausen, aber auch als Auftakt und Ausklang zu hören. Überraschend war jedoch das Intermezzo mit einem Glockenspiel, das am Ende der ersten CD erklingt: recht besinnlich. Nach dem Abschuss am 1.12. übernimmt die Musik erstmals die Funktion der akustischen Untermalung, denn so etwas wie Sounds gibt es auf dem Hörbuch nicht.

_Unterm Strich_

Die bekannte Geschichte ist im Hörbuch von Rufus Beck recht ausführlich, wenn auch nicht ungekürzt erzählt. Das ist aber gut so, weil nämlich die ausführlichen Debatten über die technische Umsetzung des Mondschusses manchem Hörer etwas zu lang erscheinen können – besonders dann, wenn man selbst über nur geringe Kenntnisse über die erforderlichen technischen Voraussetzungen mitbringt. Dann klingt das ziemlich belanglos. Das war es aber für das technikbegeisterte 19. Jahrhundert keineswegs.

Fortschritt |war| Technik, auch wenn dabei die sozialen Errungenschaften keineswegs mithielten. Allenthalben tauchen deshalb bei Verne Geräte wie Telegraf, Eisenbahn, Teleskop und Fernrohr auf. Er breitet die Geschichte wichtiger Disziplinen wie Astronomie, Mondkartografie, Tiefenbohrungen, Kanonenballistik und vieles mehr detailliert aus. Das alles muss der Hörer ertragen. Becks Vortrag macht es erträglich.

Neben all der Begeisterung für die technische Meisterleistung und den ironisch dargestellten menschlichen Aspekten kommt auch die Komik nicht zu kurz: „Märtyrer der Wissenschaft“ – Eichhörnchen, du wirst verewigt! Diese und weitere Aspekte machen das Hörbuch zu einem netten Audio-Erlebnis, das man sich immer wieder gerne anhört, um neue Details zu entdecken. Spätestens 2067, zum 200. Geburtstag dieses Buches.

|Umfang: 282 Minuten auf 4 CDs|

Hearn, Lian – Pfad im Schnee, Der (Der Clan der Otori 2)

Japan, Ende des 15. Jahrhunderts: Eines Morgens wird Takeos Dorf überfallen, und er überlebt als Einziger. Lord Shigeru vom Clan der Otori rettet ihn und nimmt ihn in seine Familie auf. Von ihm, einem Helden wie aus versunkenen Zeiten, lernt Takeo die Bräuche des Clans. Er lehrt ihn Schwertkampf und Etikette. Die Liebe zu Kaede entdeckt Takeo allein.

Als er herausfindet, dass er dunkle Kräfte besitzt – die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein und sich unsichtbar zu machen, und dass er so gut „hören kann wie ein Hund“ -, gerät er immer tiefer in die Wirrungen der Lügen und Geheimnisse, aus denen die Welt der Clan-Auseinandersetzungen besteht. Trotz seines Widerwillens ist es ihm bestimmt zu rächen. Takeo verbindet sein Schicksal mit dem der Otori. (Verlagsinfo, modifiziert)

_Die Autorin_

Lian Hearn, die eigentlich Gillian Rubinstein heißt und vor etwa 60 Jahren geboren wurde, lebte als Journalistin in London, bevor sie sich 1973 mit ihrer Familie in Australien niederließ. Ihr Leben lang interessierte sie sich für Japan, lernte dessen Sprache und bereiste das Land.

[„Das Schwert in der Stille“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=950 ist der erste Band der Trilogie „Der Clan der Otori“. Der zweite Band „Der Pfad im Schnee“ ist im Herbst 2004 im |Carlsen|-Verlag erschienen und wurde im Februar 2005 bei |Hörbuch Hamburg| veröffentlicht. Der dritte Band „Der Glanz des Mondes“ soll im Mai 2005 erscheinen.

„Das Schwert in der Stille“, der mittlerweile in 26 Sprachen übersetzt wurde, wurde mit dem |Deutschen Jugendbuchpreis| 2004 ausgezeichnet. Die HR2-Jury hat das Hörbuch dazu im Dezember 2004 auf die Bestenliste gewählt. Mehr Infos unter http://www.otori.de.

_Die Sprecher_

Marlen Diekhoff, vielseitige Bühnen- und Filmschauspielerin, gehört nach Verlagsangaben seit rund 20 Jahren zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Für |Hörbuch Hamburg| hat sie bereits Texte von A. Baricco, Amélie Nothomb, Colette, Sándor Márai und „Tausendundeine Nacht“ gelesen.

August Diehl ist einer der angesehensten deutschen Schauspieler der jüngeren Generation. Er wurde für den Film „23“ mit dem Deutschen Filmpreis und dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Seitdem war er in „Kalt ist der Abendhauch“, „Tattoo“, „Was nützt die Liebe in Gedanken“ (neben Daniel Brühl) und in Schlöndorffs „Die neunte Stunde“ zu sehen.

Regie führte bei diesem Hörbuch Gabriele Kreis. Auch diese Lesung ist gekürzt. Das Titelbild zeigt die Schwert- und Wald-Abbildung der Buchausgabe.

_Handlung_

Die |Vorgeschichte| habe ich bereits in der Einleitung ganz am Anfang wiedergegeben. Es wäre überflüssig, sie zu wiederholen. Meine Inhaltszusammenfassung erwähnt natürlich einige Ergebnisse der Ereignisse von Band 1, „Das Schwert in der Stille“. Wer das Buch noch nicht gelesen bzw. das Hörbuch noch nicht gehört hat, sollte daher diesen Abschnitt überspringen.

Am Schluss von Band 1 ließ Lord Shigeru sein Leben, nachdem auch Lord Iida getötet worden war. Als Folge dieser beiden einschneidenden Ereignisse kam es in der Hauptstadt Inuyama zu einem Aufstand, den sich die Armee unter Lord Arai zunutze machte, um die Macht zu übernehmen und die Tohan zu stürzen.

Man glaubt, Takeo sei Iidas Mörder, doch in Wirklichkeit war es Lady Kaede. Takeo ist verschwunden, was Arai, der auf ein Bündnis mit dem Krieger hoffte, erzürnt. Er beschließt, gegen den „Stamm“, der ihm Takeo entrissen hat, vorzugehen. Es ist abzusehen, dass Takeo und Kaede im Machtspiel zwischen den Otoris, Lord Arai und dem „Stamm“ eine Schlüsselrolle zufällt. Wenn sie nicht aufpassen, könnte dies ihren Untergang bedeuten.

|Takeo|

Im Strudel dieser Gewalt werden Takeo und seine Geliebte Kaede getrennt. Während Kaede zu ihrem Elternhaus in Shirakawa zurückkehrt, will sich Takeo eigentlich für die Otori entscheiden, um sein Erbe anzutreten und Lord Shigeru, seinen Adoptivvater, zu rächen. Doch der „Stamm“, mit dessen Hilfe er Iida besiegt und Shigeru erlöst hat, besteht darauf, dass Takeo als einer der Ihren gehorcht und sich in eine Ausbildung begibt.

Takeos Vater war ein Angehöriger des Stammes, der abtrünnig wurde. Da er als Attentäter um zu viele Geheimnisse wusste, musste er sterben. Wenige Jahre, nachdem Takeo und seine Schwestern gezeugt wurden, töteten ihn Stammesangehörige. Doch selbst als Takeo herausfindet, wer dafür verantwortlich war, kann er nichts deswegen unternehmen. Nun haben sich seine Ausbilder als ebensolche Heuchler herausgestellt wie Shigerus Onkel, die immer so wohlwollend taten.

Als sie ihn losschicken, um Shirgerus geheime Aufzeichnungen über den „Stamm“ zu stehlen, weiß er, dass ihn sein begleitender Ausbilder Akio Kikuta nach der Ausführung töten soll. Daher flieht er mit Unterstützung von Shigerus Haushofmeister Ichiro so schnell er kann zum Kloster Terayama. Erstens ist dort Lord Shigeru begraben, und zweitens befinden sich dort, gut versteckt, die Dokumente mit den Geheimnissen des Stammes.

Doch der Weg über die Berge ist weit und beschwerlich. Zweimal wird Takeo von Stammensleuten angegriffen. Zweimal erhält er unerwartete Hilfe. Ein totgeglaubter Gerber, der zu den ausgestoßenen Verborgenen gehört, begleitet ihn zu einem Orakel, das Takeo prophezeit, er werde das Land einen, aber zu einem hohen Preis. Der zweite Helfer ist der Mönch Makoto, und er berichtet schreckliche Dinge, die Takeos Geliebter Kaede zugestoßen seien. Und er Unglückseliger sei schuld daran.

|Kaede|

Lady Shirakawa Kaede sieht den Gutshof ihres Elternhauses verwüstet und heruntergekommen. Ihr Vater, der zu Iida gehalten hatte, ist von Arai geächtet worden und sollte sich eigentlich selbst töten, um seine Ehre zu bewahren. Da er dies nicht getan hat, haben die Schuldgefühle zunehmend seinen Verstand verwirrt. Um ihn nicht zu schocken, sagt ihm seine Tochter Kaede, dass sie die Witwe von Lord Otori Shigeru sei und dessen ungeborenes Kind trage.

Dass dies deftig geflunkert ist, fliegt erst auf, als sie bei einem ihrer Besuche des Nachbars, des Edelmanns Fujiwara, den Mönch Makoto aus Terayama antrifft. Diesem rutscht leider die Wahrheit heraus, die für Kaedes Vater noch mehr Schande bedeutet: Sie ist weder Shigerus Witwe noch ist Shigeru Vater ihres ungeborenen Kindes (das ist vielmehr Takeo). Ihr Vater will sie töten, bevor sie noch mehr Männern als ohnehin schon den Tod bringt. Allerdings hat er die Rechnung ohne die Stammesangehörigen gemacht, die Kaede schützen.

Nach dem Tod ihres Vaters und dem Verlust ihres Ungeborenen ist Kaede dem Tode nahe, doch Fujiwaras erfahrener Arzt kümmert sich um die Todkranke.

|Takeo|

Diesen Stand der Dinge erzählt Makoto seinem Freund Takeo. Zusammen machen sie sich eiligst auf ins Kloster, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Doch der Winter ist mit Schneesturm und Eis übers Land hereingebrochen, und an Fußreisen ist nicht zu denken. Das bietet Takeo viel Gelegenheit, die Geheimnisse des Stammes zu erforschen und seine Schwertkampfkunst zu vervollkommnen. Denn wenn der Frühling kommt, naht die Zeit des Krieges und des Wiedersehens mit Kaede.

_Mein Eindruck_

„Der Pfad im Schnee“ ist der typische Mittelband einer Trilogie. Der wirkliche Action findet in Band 1 und 3 statt, weil dort Auftakt und Finale erfolgen. Doch in Band 2 werden die Folgen der ersten Auseinandersetzungen und der ersten Begegnung der Liebenden geschildert. Natürlich finden auch hier einige dramatische Szenen statt und wichtige Entscheidungen werden gefällt, so dass man durchaus von einer Wende im Verlauf der Gesamthandlung reden kann. Doch Zweikämpfe findet man hier nur am Rande und eine Schlacht schon gleich gar nicht.

|Entscheidungen|

Vielleicht liegt es auch an der Jahreszeit. Der Herbst geht seinem Ende zu, und alle Bewohner des Landes wissen, dass die Ernte nicht einmal halb so gut ausgefallen ist, wie sie es sein müsste, um alle durch den langen Winter zu bringen, der gut und gerne ein Vierteljahr dauert. Diese bedrückende Aussicht zwingt zu harten Entscheidungen, so etwa die, dass Kaede im Gegenzug für Lebensmittel dem Edelmann Fujiwara ihre wahre Geschichte erzählt. Natürlich unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, aber wer weiß, ob sich der verschlagene Edelmann und Sammler, der sich bei Hofe auskennt, an dieses Versprechen halten wird?

|Takeo|

Takeo wiederum wählt das Erbe der Otori statt einer Zukunft als Ninja im „Stamm“. Als Folge sieht er sich ständiger Verfolgung und Angriffen ausgesetzt. Er kann froh sein, lebendig in Terayama anzukommen. Und ohne die Hilfe der einfachen Leuten und der Christen, den „Verborgenen“, hätte er es nie geschafft.

Takeo ist deshalb etwas Besonderes, weil er als dritten Anteil an seinem Charakter auch ein Christ ist und das sinnlose Töten, das die Lords praktizieren, ablehnt. Er, der als Einziger Frieden statt Gewaltherrschaft anstrebt, ist daher die große Hoffnung der Bauern, Ausgestoßenen und aller Kastenlosen. Da sein Adoptivvater Shigeru bereits als Gott verehrt wird und Takeo sich den Beinamen „Engel von Yamagata“ erworben hat, ist er für sie bereits zu Lebzeiten eine Legende, ein höheres Wesen. Obwohl er an ihren Kampffähigkeiten zweifelt, weiß Takeo auch, dass er mit den herrenlosen Söldnern und abtrünnigen Otori-Leuten, die sich ihm in Terayama anschließen, noch nicht gegen Lord Arai und das Haus Otori antreten kann. Vielleicht ist es eine Frage der Ausbildung.

|Psychologie und Lyrik|

Als Mittelband legt „Der Pfad im Schnee“ großes Gewicht auf psychologische Charakterisierung. Denn wie schon angedeutet, sind es vor allem Motive und Entscheidungen, die zu weiteren Aktionen führen – und diese Entscheidungen werden in diesem Band gefällt. Die Befindlichkeit der Figuren spiegelt sich oft in der sie umgebenden Natur wieder. Dieser literarische Kunstgriff, der an Poesie gemahnt, ist der Autorin sehr gut gelungen.

|Übermensch|

Wieder einmal konnte ich nicht umhin, Takeo wegen seiner übermenschlichen Fähigkeiten zu bewundern. Er hört und sieht schärfer als selbst seine Stammesgenossen, kann sich unsichtbar und ein zweites Ich erschaffen, während er sich selbst weiterbewegt. Auf diese Weise gewinnt er einige der Zweikämpfe, so etwa gegen seinen Ausbilder Akio.

Durch sein scharfes Gehör erfährt er auch, dass er einen Sohn gezeugt hat. Und er hatte geglaubt, die Stammesangehörige hätte ihn um seiner selbst willen geliebt. Ein weiterer Beweis für die Skrupellosigkeit, mit der der Meister des Stamms seine Untergebenen missbraucht.

|Die Übersetzung|

Irmela Brender ist eine der profiliertesten Übersetzerinnen von Kinder- und Jugendbüchern hierzulande. Auch diesmal gelingt ihr ein makelloses Kunst-Werk bei der Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche. Die Sprachebene, die sie verwendet, ist natürlich nicht die des modernen Alltags, sondern die der klassischen Erzählung, also ein überhöhender Tonfall. Er passt ausgezeichnet zu dem Sujet der Liebe, der Ehre und des Kampfes.

Leider fehlt ein Glossar ebenso wie ein Personenverzeichnis, aber immerhin gewährt eine Landkarte Aufschluss und Orientierung. Ich habe darauf zwar nicht gefunden, wo die dargestellte Gegend liegt – im Westen der japanischen Hauptinsel, 100 km westlich von Hiroshima -, aber wenigstens kenne ich nun die Schreibweise der Namen. Und wenn im Text vom „Festland“ die Rede ist, kann es sich ja wohl nur um die Mandschurei oder das Reich der Mitte handeln.

|Die Sprecher|

August Diehl spricht den Ich-Erzähler Otori Takeo. Takeo erscheint als kräftiger, selbstsicherer junger Mann, der schon früh größtes Leid erfahren und bewältigen muss. Doch Grübelei und Melancholie sind seine Sache nicht. Ironie und Zynismus sind Takeo ebenso fremd, doch aufrichtigen Humor bekommen wir von ihm fast nie zu hören. In „Der Pfad im Schnee“ erscheint Takeo ebenso als energischer Kämpfer wie auch als einfühlsamer Künstler und Menschenbeobachter. Diehl gelingt es, beide Aspekte eindrucksvoll darzustellen.

Marlen Diekhoff spricht Lady Kaede in der dritten Person. Dieser Wechsel der Erzählperspektive ist leicht zu bewältigen und sorgt für Abwechslung. Diekhoff verfügt über eine sanfte, honigweiche Stimme, die ich ein wenig zu leise finde. In „Das Schwert in der Stille“ monierte ich Diekhoffs brüchige Stimme. Auf „Pfad im Schnee“ klingt diese Stimme jedoch hörbar erholt. Sie moduliert die Tonhöhe und die Satzintonation besser und abwechslungsreicher. Es fällt ihr keineswegs schwer, auch mal einen Ausruf und ein Flüstern einzuflechten.

|Aussprache und Schreibweise|

Beide Sprecher bewältigen die sprachlichen Schwierigkeiten, die das Japanische bietet, mit großer Bravour. Sie haben sich offenbar kundig gemacht. Ganz besonders August Diehl muss mit vielen Namen zurechtkommen, die stets ein wenig von der Schreibweise abweichen. Ein paar Beispiele:

Otori: Die Betonung liegt im Japanischen eine Silbe VOR derjenigen, die im Indogermanischen betont wird. Hier würde man „Otori“ auf der zweiten Silbe betonen: otóri. Doch im Japanischen liegt die Betonung auf der ersten: Es klingt wie [ottori]. Analog dazu wird „Shirakawa“ auf der zweiten statt der dritten Silbe betont: [shirà kawa]. Analog dazu die Städtenamen Inúyama, Yamágata und Teráyama. Der Name der Lady Kaede wird in nur zwei Silben ausgesprochen, denn [ae] ist ein Doppellaut und klingt wie [ei], nicht wie [ä].

Obwohl das Personal recht umfangreich ist, enthalten weder Buch noch Hörbuch eine Liste der auftretenden Figuren. Lediglich im Buch kann sich der Interessierte anhand einer Landkarte orientieren, wie die Ortsnamen und die Namen der Clan-Domänen geschrieben werden. Meine Schreibweise ist der im Buch angeglichen.

_Unterm Strich_

Ich hatte das Buch in weniger als zwölf Stunden gelesen, was doch für den flüssigen Stil und eine spannende, bewegende Geschichte spricht. Allerdings kannte ich bereits den Vorgängerband „Das Schwert in der Stille“, ohne den man nur wenig von der Handlung verstehen dürfte. Auch das Hörbuch zieht den Hörer, nach einer gewissen Anlaufphase auf der ersten CD, in seinen Bann. Das Schicksal Takeos und Kaedes ist bewegend und auch für westliche Leser bzw. Hörer interessant.

Die gesamte Trilogie „Der Clan der Otori“ richtet sich an Jugendliche um 15 bis 16 Jahre. Sowohl Lady Kaede als auch Otori Takeo sind in diesem Alter, als das zweite Buch „Pfad im Schnee“ schließt. Beide wachsen in einer Erwachsenenwelt auf, die ebenso von Geheimnissen wie von Gefahren erfüllt ist. Und die Gefahr gilt immer dem Leben.

Wer ein wenig über die altjapanische Kultur und ihre Werte – so etwa den Begriff der Ehre – weiß, wird mehr Gewinn aus vielen Szenen ziehen können. Sonst könnte es vielleicht doch ein wenig verwundern, warum zum Geier sich die Leute ständig selber umbringen wollen. Andererseits versteht man als heutiger Wessi Lady Kaede sehr gut, wenn sie selbst herrschen will und dies auch durchsetzt. Dadurch wirkt sie für traditonsbewusste – männliche – Japaner unnatürlich und sogar dämonisch. Diese Powerlady erscheint als Killerfrau, denn in ihrer Umgebung sterben die Männer wie die Fliegen (siehe Band 1). Das wiederum lässt uns – vor allem die Frauen – lächeln. Das (Hör-)Buch bietet also beiden Geschlechtern etwas.

Das Hörbuch finde ich diesmal rundum gelungen. Sowohl Diehl als auch Diekhoff hauchen ihren Figuren Takeo und Kaede auf glaubwürdige und einnehmende Weise Leben ein, so dass man sich lebhaft für ihr weiteres Wohlergehen interessiert. Immer noch halte ich Diehl für den besseren Sprecher, aber Diekhoff hat aufgeholt.

Im Übrigen ist „Der Pfad im Schnee“ mit 552 Minuten um fast eine dreiviertel Stunde länger als „Das Schwert in der Stille“. Dennoch ist die Anzahl der CDs gleich geblieben. Erstaunlich.

|Hinweis|

Im nächsten Band, der den Titel „Der Glanz des Mondes“ (eine Gedichtzeile) trägt, geht’s dann richtig zur Sache, und das Schicksal von Takeo und Kaede entscheidet sich ebenso wie das West-Japans. Das Buch soll, wie erwähnt, im Mai erscheinen, das Hörbuch im Sommer.

|7 CDs, 552 Minuten
Originaltitel: Tales of the Otori: Book two: Grass for his Pillow, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Irmela Brender
Empfohlen ab 14 Jahren|

Hearn, Lian – Schwert in der Stille, Das (Der Clan der Otori 1)

Ende des 15. Jahrhunderts: Eines Morgens wird Takeos Dorf überfallen, und er überlebt als einziger. Lord Shigeru vom Clan der Otori rettet ihn und nimmt ihn in seine Familie auf. Von ihm, einem Helden wie aus versunkenen Zeiten, lernt Takeo die Bräuche des Clans. Er lehrt ihn Schwertkampf und Etikette. Die Liebe zu Kaede entdeckt Takeo allein.

Als er herausfindet, dass er dunkle Kräfte besitzt – die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein und sich unsichtbar zu machen, und dass er so gut „hören kann wie ein Hund“ – gerät er immer tiefer in die Verwirrungen der Lügen und Geheimnisse, aus denen die Welt der Clan-Auseinandersetzungen besteht. Trotz seines Widerwillens ist es ihm bestimmt zu rächen. Takeo verbindet sein Schicksal mit dem der Otori.

_Die Autorin_

Lian Hearn, die eigentlich Gillian Rubinstein heißt und vor etwa 60 Jahren geboren wurde, lebte als Journalistin in London, bevor sie sich 1973 mit ihrer Familie in Australien niederließ. Ihr Leben lang interessierte sie sich für Japan, lernte dessen Sprache und bereiste das Land.

„Das Schwert in der Stille“ ist der erste Band der Trilogie „Der Clan der Otori“. Der zweite Band „Der Pfad im Schnee“ ist im Herbst 2004 im |Carlsen|-Verlag erschienen und wird im Februar 2005 bei |Hörbuch Hamburg| veröffentlicht werden. Der dritte Band „Der Glanz des Mondes“ ist bereits in England und den USA erschienen und wird bei |Carlsen| im Mai 2005 veröffentlicht.

„Das Schwert in der Stille“, der mittlerweile in 26 Sprachen übersetzt wurde, ist für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert. Gillian Rubinstein wurde in Göteborg mit dem „Peter Pan Award“ geehrt, denn die Trilogie „Der Clan der Otori“ ist beileibe nicht ihr erstes Werk, sondern sie hat bereits zahlreiche Kinder- und Jugendbücher verfasst. Mehr Infos unter http://www.otori.de.

_Die Sprecher_

Marlen Diekhoff, vielseitige Bühnen- und Filmschauspielerin, gehört nach Verlagsangaben seit rund 20 Jahren zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Für |Hörbuch Hamburg| hat sie bereits Texte von A. Baricco, Amélie Nothomb, Colette, Sándor Márai und „Tausendundeine Nacht“ gelesen.

August Diehl ist einer der angesehensten deutschen Schauspieler der jüngeren Generation. Er wurde für den Film „23“ mit dem Deutschen Filmpreis und dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Seitdem war er in „Kalt ist der Abendhauch“, „Tattoo“, „Was nützt die Liebe in Gedanken“ (neben Daniel Brühl) und in Schlöndorffs „Die neunte Stunde“ zu sehen.

Regie führte bei diesem Hörbuch Gabriele Kreis. Das Titelbild zeigt die Schwert-Abbildung der Buchausgabe.

_Handlung_

|Takeo und Shigeru|

Im abgelegenenen Bergdorf Mino wächst der Junge auf, der später den Namen Takeo erhält. Vorerst ist er Tomasu, 15 Jahre alt und soll bald heiraten. Sein Dorf ist deshalb so abgelegen, weil sich seine Bewohner verstecken. Sie sind die „Verborgenen“, die nicht an die Herrschaft der Clan-Lords glauben, sondern an den obersten und einzigen Gott, der über alle herrscht, so dass vor ihm alle gleich sind. Deshalb haben sie unter einigen Clans Feinde, vor denen sie sich verbergen, besonders vor den Tohan.

Als er eines Tages dem „Ruf des Berges“ folgt und im Wald Pilze sammelt, findet er bei seiner Rückkehr von seinem Zuhause und seinem Dorf nur noch rauchende Trümmer vor. Sein Stiefvater liegt tot auf der Straße, seine Eltern und Schwestern sind verschwunden. Es beginnt zu regnen. Aus dem Tempelschrein dringen Schreie.

Es ist Tomasu, als betrete er die Traumwelt. Er sieht die Überreste des Oberhaupts der Verborgenen Isao in Stücke zerrissen. Die Täter sind Gefolgsleute des Tohan-Clans aus Inuyama, der befestigten Hauptstadt des Gebietes. Hufgetrappel nähert sich. Da hat Tomasu eine weitere besondere Erfahrung: Er sieht voraus, wer da kommt. Es ist Iida Sadamu, der Oberlord der Tohan.

Erst jetzt wird Tomasus Anwesenheit entdeckt. Tomasu beleidigt Iida tödlich, als er dessen Pferd angreift und ihn so zu Fall bringt. Er flüchtet, verfolgt von drei Soldaten, in den nahen Wald. Auf halber Höhe springt ein Mann hinter einem Baum hervor, packt Tomasu und stellt ihn hinter sich in Sicherheit. Er übergibt den Jungen den Verfolgern keineswegs, sondern schlägt einem von ihnen den Kopf ab, einem anderen den Arm. Dieser Akt wird üble Folgen haben. Der dritte Verfolger gibt Fersengeld.

Der Kämpfer stellt sich als Otori Shigeru vor (Familien- immer vor Vornamen!). Sein Clan sind die Otori, die in Hagi am Meer, auf der anderen Seite des Gebirges, residieren. Lord Shigeru selbst hat vor kurzem von Lord Iida eine schwere Niederlage einstecken müssen. In der Schlacht von Yaegahara fiel – neben zehntausend anderen – auch Shigerus geliebter Bruder Takeshi. Seitdem haben die Otori schwere Gebietsverluste erlitten. Man braucht kein Wahrsager zu sein, um sich auszurechnen, dass Iida auch den Rest des Otori-Landes unterwerfen will.

Shigeru und der Junge, der sich von nun an Takeo nennen soll, um nicht als Verborgener erkennbar zu sein, eilen durchs Gebirge. Iidas Männer sind ihnen bestimmt auf den Fersen. Takeo hat sowohl Ehrfurcht als auch Respekt vor Lord Shigeru, besonders aber vor dessen Schwert Jato.

Immer wieder bemerkt Takeo, dass er viel schärfer hören kann als Shigeru. Und so belauscht er eines Nachts in einer Herberge Shigerus Stelldichein mit einer edlen Dame. Es ist Lady Maruyama, die etwas wirklich Besonderes ist. Nicht nur, dass ihr psychologischer Scharfblick, was Menschen angeht, geradezu an Zauberei grenzt. Auch ihr Haus ist das einzige, dessen Erbfolge in weiblicher Linie erfolgt. Sie spielt in Shigerus Racheplänen gegen Fürst Iida eine zentrale Rolle, und so verlobt er sich mit ihr: nicht nur im Wort, sondern im Fleisch.

|Hagi|

Hagi ist die erste größere Stadt, die Takeo in seinem Leben zu Gesicht bekommt. Der Fischerhafen wird beherrscht vom Schloss der Otori. Doch nicht Shigeru, wiewohl der rechtmäßige Erbe, wohnt dort, sondern seine zwei Onkel, die ihre eigenen Pläne mit ihm haben. Shigeru wohnt in einem wunderschönen Holzhaus inmitten eines großen Gartens am Fluss. Sofort nimmt man im Haushalt Takeos Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Takeshi wahr. Doch Shigerus Plan, Takeo zu adoptieren, wird von Ichiro, seinem Berater und Haushofmeister, abgelehnt. Zuerst müsse der Bengel vom Lande, der weder schreiben noch lesen kann, ausgebildet werden. Shigeru willigt gerne ein.

In einer Nacht nimmt Takeos außergewöhnlich scharfes Gehör eine Bewegung wahr, wo keine sein sollte. Es handelt sich um einen Attentäter, der es entweder auf Shigeru oder Takeo abgesehen hat. Der Angriff wird abgewehrt, doch bevor es Shigeru gelingt, den Mann zu fragen, wer ihn geschickt habe, nimmt dieser sich mit einer Giftkapsel das Leben. Takeo lebt gefährlich, doch er findet einen Freund in der Stadt.

|Kikuta|

Sein außergewöhnliches Verhalten erweckt das Interesse eines Freundes von Shigeru: Muto Kenji. Dieser eröffnet Takeo, dass er „vom Stamm“ sei – genau wie der Attentäter. Der Stamm sei einmal ein Volk gewesen, das es bereits vor den Clans gab und das Magie beherrschte. Die Stammesangehörigen verbargen sich vor den Clansleuten und wurden Gaukler oder, wie Kenji, Kaufleute. Auch Takeo ist offenbar ein Angehöriger des Stammes und zwar aus der Familie Kikuta. Wie Kenji kann er sich unsichtbar machen und an zwei Orten zugleich erscheinen, zugleich außergewöhnlich scharf hören und sehen.

Takeo gerät in einen Konflikt, der sein ganzes späteres Leben bestimmen wird: Er besitzt die von Kenji ausgebildeten Fähigkeiten eines Attentäters und Spions, doch sein christlicher Glaube gebietet ihm Mitleid, wo er es gefahrlos geben kann. Während Kenji ihn ob seiner Weichheit verachtet, steigt Takeo deshalb in Shigerus Achtung. Nun will er Takeo erst recht adoptieren. Doch die Onkel stellen dafür eine fiese Bedingung …

|Lady Kaede|

Das komplizierte Clan-System sieht vor, Geiseln auszutauschen, um Loyalität sicherzustellen. Die 15-jährige Kaede ist eine solche Geisel. Obwohl sie dem Clan Shiràkawa angehört, muss sie bei Lord Noguchi leben, einem Gefolgsmann Fürst Iidas. Zu ihrer Schmach muss sie zunächst beim einfachen Gesinde leben und wird ständig von den Wachleuten angemacht, jedes Jahr heftiger, je fraulicher ihre Erscheinung wirkt.

Eines Tages geht ein Wachmann zu weit, doch sie hat – zufällig? – ein Messer dabei, das eigentlich Hauptmann Arai gehört. Arai ist der einzige Mann weit und breit, der sie mit Respekt behandelt. Vielleicht hat er eigene Pläne mit ihr. Sie stößt dem zudringlichen Wachmann das Messer in den Hals, Arai kommt hinzu und tötet ihn, bevor er Kaede etwas antun kann.

Der Vorfall wird als Unfall vertuscht und die beiden Beteiligten decken einander. Doch nun hat Kaede ein schlechtes Image. Das ist überhaupt nicht gut, findet Lord Noguchi, der sie endlich in einem anständigen Zimmer unterbringen lässt. Nicht gut, weil Kaede bald heiraten soll. Doch wer würde eine Frau nehmen, die sich ihrer Haut zu wehren weiß? Und als der einzige Anwärter, der bereit wäre, sie zu heiraten, nach einem Zechgelage tot umfällt, gilt Kaede als von den Göttern verflucht. Wehe dem Mann, der ihr zu nahe kommt!

Dies passt allerdings ganz hervorragend in die Pläne von Fürst Iida und den beiden Otori-Onkeln Shigerus. Wenn sie ihre Zustimmung zu Takeos Adoption – mit entsprechendem Erbrecht – geben sollen, muss Shigeru Kaede heiraten. Doch wie sich zeigt, hat auch Lady Maruyama, Shigerus verbündete Verlobte, weit reichende Pläne.

Während also Kaede mit der Lady sowie Shigeru mit Takeo auf getrennten Wegen zu Lord Iidas wehrhaftem Hauptquartier Inuyama reisen, soll sich dort ihrer aller Schicksal erfüllen.

_Mein Eindruck_

„Das Schwert in der Stille“ bietet Gelegenheit, sich in der geheimnisvollen Welt der japanischen Clans zu verlieren. Doch die Zeit ist nicht die des Captain Blackthorn aus James Clavells Roman „Shogun“. Das 15. Jahrhundert liegt vor der Epoche des Shogunats, in der der Engländer Blackthorn gegen die Portugiesen auftritt (16./17. Jahrhundert). Entsprechend unsicher sind die Machtverhältnisse, die Clans bekämpfen einander. Und es sieht so aus, als würde Fürst Iida die Oberhand gewinnen.

Wenn es Takeo und Kaede nicht gäbe. Erzogen und ausgebildet von ihren Mentoren, dem Liebespaar Shigeru und Maruyama, spielen sie die Rolle des Züngleins an der Waage, ohne es zu ahnen. Doch eben weil das Gleichgewicht der Macht unter Iida so labil ist, kann jede kleine Aktion weit reichende Konsequenzen nach sich ziehen.

So erlöst Takeo beispielsweise eines Nachts vier „Verborgene“ von ihren Todesqualen. Als er im Vorüberhuschen von einem Bürger Yamagatas erspäht wird, hält ihn dieser für den Todesengel. Das nachfolgende Gerücht von Geistern und Engeln bringt die Stadt binnen kürzester Zeit an die Grenze des Aufruhrs, der von Iidas Truppen brutal niedergeschlagen werden muss. Dies ruft wiederum den „Stamm“ auf den Plan, der sich Takeo, den Unruhestifter, greift. Denn der „Stamm“ ist auf Stabilität angewiesen.

|Finale|

Der spannende Höhepunkt der Geschichte ist die schon lange von Takeo und Shigeru geplante Eroberung von Fürst Iidas Festung. Dass diese Festung ihre Tücken hat (vgl. den O-Titel), erhöht den Kitzel der Gefahr nur noch. Da erweist es sich als hilfreich, dass Takeo auf die Unterstützung von Angehörigen des „Stammes“ zählen kann. Und zu seinem Erstaunen spielt auch Lady Kaede, in die er sich auf den ersten Blick verliebt hat, eine entscheidende Rolle. Ihr Aufeinandertreffen in dieser Nacht der Entscheidung bleibt nicht ohne Folgen und bestimmt Kaedes Existenz in den Folgebänden.

|Außen und innen|

Der besondere Reiz der Erzählung liegt aber in der Beschreibung der Menschen und ihres Verhaltens. Hier erweist sich die Autorin als besonders einfühlsam und ausdrucksstark. Das Verhalten der meisten Hauptfiguren, insbesondere von Takeo und Kaede, ist stets verständlich, denn es wird sohl in seinen Motiven als auch in den Bedingungen seines Umfeldes geschildert. Wir können die Hauptfiguren praktisch von außen wie auch von innen sehen. Das verleiht der Geschichte – ebenso wie die zahlreichen Naturbeschreibungen – eine anrührende Dimension, die mich besonders bezaubert hat. Vor allem natürlich auch, weil mich Japan und seine alte Kultur seit jeher fasziniert haben.

|Die Sprecher|

August Diehl spricht den Ich-Erzähler Otori Takeo. Takeo erscheint als kräftiger, selbstsicherer junger Mann, der schon früh größtes Leid erfahren und bewältigen muss. Doch Grübelei und Melancholie sind seine Sache nicht. Ironie und Zynismus sind ebenso Takeo fremd, doch aufrichtigen Humor bekommen wir von ihm fast nie zu hören. Dafür ist unüberhörbar, wie sehr er seinen Mentor Shigeru achtet und liebt, so dass er sein eigenes Leben in die Waagschale wirft, um Shigerus zu retten.

Marlen Diekhoff spricht Lady Kaede in der dritten Person. Dieser Wechsel der Erzählperspektive ist leicht zu bewältigen und sorgt für Abwechslung. Diekhoff verfügt über eine sanfte, honigweiche Stimme, die ich ein wenig zu leise finde. Die größte Schwäche ist jedoch eine hörbare Brüchigkeit im Ausdruck, die wohl auf ihr Alter zurückzuführen ist. Als Folge erscheint uns Kaede als ein zerbrechliches Ding ohne eigenen Willen.

Nichts könnte falscher sein. Sie ist zwar die meiste Zeit eine Schachfigur im großen Spiel der Fürsten, doch unter der Obhut ihrer Stammes-Zofe Shizuka lernt sie schnell, sich zu verstellen und Gefahr abzuwenden. Und Gefahren gibt es in einem japanischen Frauenleben offenbar reichlich. Unter Shizukas Anleitung erlernt sie das Führen von Messer, Schwert und anderer Ding, die sich als Waffe einsetzen lassen. Was sich im richtigen Augenblick als sehr notwendig erweist. Diekhoffs Vortrag führt den Hörer in die Irre.

|Aussprache und Schreibweise|

Beide Sprecher bewältigen die sprachlichen Schwierigkeiten, die das Japanische bietet, mit großer Bravour. Sie haben sich offenbar kundig gemacht. Ganz besonders August Diehl muss mit vielen Namen zurechtkommen, die stets ein wenig von der Schreibweise abweichen. Ein paar Beispiele:

Otori: Die Betonung liegt im Japanischen eine Silbe VOR derjenigen, die im Indogermanischen betont wird. Hier würde man Otori auf der zweiten Silbe betonen. Doch im Japanischen liegt die Betonung auf der ersten: Es klingt wie [ottori]. Analog dazu wird Shirakawa auf der zweiten statt der dritten Silbe betont: [shirà kawa]. Analog dazu die Städtenamen Inúyama, Yamágata und Teráyama. Der name der Lady Kaede wird in zwei Silben ausgesprochen, denn [ae] ist ein Doppellaut und klingt wie [ei], nicht wie [ä].

Obwohl das Personal recht umfangreich ist, enthalten weder Buch noch Hörbuch eine Liste der dramatis personae. Lediglich im Buch (und auf der Webseite) kann sich der Interessierte anhand einer Landkarte orientieren, wie die Ortsnamen und die Namen der Clan-Domänen geschrieben werden. Meine Schreibweise ist der im Buch angeglichen.

_Unterm Strich_

Die gesamte Trilogie „Der Clan der Otori“ richtet sich an Jugendliche um 15 Jahre. Sowohl Lady Kaede als auch Otori Takeo sind in diesem Alter, als das erste Buch „Das Schwert in der Stille“ schließt. Beide wachsen in einer Erwachsenenwelt auf, die ebenso von Geheimnissen wie von Gefahren erfüllt ist. Und die Gefahr gilt immer dem Leben.

Gleichzeitig ist diese Initiation in die Welt eine Erkundung der eigenen Fähigkeiten, Gefühle und Gedanken. Da Takeo über nahezu magische Fähigkeiten verfügt, ist dieser lange Prozess umso faszinierender. Doch auch die grazile Kaede weiß eine Klinge tödlich zu führen, wenn’s drauf ankommt. Das Finale stellt alle Erwartungen an Action und Drama mehr als zufrieden. Der Epilog deutet jedoch an, dass sowohl Takeo als auch der gesamte „Stamm“ und obendrein Kaede in Gefahr sind.

Das Hörbuch halte ich nicht für hundertprozentig gelungen. Während August Diehls Passagen mich beeindrucken konnten, ertappte ich mich bei Marlen Diekhoffs Passagen dabei, leicht genervt zu sein. Mein Verdacht, dass ihre Darstellung Kaedes nicht mit der im Buch übereinstimmt, bestätigte sich bei der Lektüre der Fortsetzung „Der Pfad im Schnee“. Kaede ist eine ungewöhnlich intelligente junge Frau, die sich durchaus ihrer Haut zu wehren weiß.

_VORSICHT SPOILER_
Und seit ihrer Liebesbegegnung mit Takeo hat sie einen besonders guten Grund dafür: Sie ist schwanger. Ihr Kind wäre der Erbe der Domänen Otori, Maruyama und Shirakawa – eine eindrucksvolle Kombination geballter Macht. Falls die Mutter überlebt.
_ENDE SPOILER_

Mit gespannter Erwartung freue ich mich auf die Fortsetzung des Hörbuchs. Sie kommt am 21. Februar 2005 auf den Markt.

|Originaltitel: The Otori Clan vol. 1: Across the Nightingale Floor, 2002
Aus dem Englischen von Irmela Brender
510 Minuten auf 7 CDs|

Allison Pearson – Working Mum (gekürzte Lesung)

Karrieremütter managen das Chaos

Kate Reddy dreht in aller Herrgottsfrühe auf und geht erst um Mitternach, möglichst nach einem Vollbad, ins Heiabettchen. Dort wartet schon der Göttergatte mit seinen sexuellen Ansprüchen. Denen weicht sie gekonnt durch ausgedehntes Zähneputzen aus, so dass sie am Morgen danach mehr Zeit für die Zeit unter der Dusche und am PC (Mails!) hat. Ansonsten hat die fleißige Biene Kate fast alles im Griff – bis ein weiterer Mann ihren Weg kreuzt.

Die Romanvorlage, die sich in USA und UK 4 Mio. Mal verkaufte, wurde 2011 relativ erfolgreich mit Sarah Jessica Parker und Pierce Brosnan verfilmt.
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Eoin Colfer – Artemis Fowl VII: Der Atlantis-Komplex (Lesung)

Dies ist das siebente Abenteuer des bis dato als „kindliches Verbrechergenie“ bekannten Artemis Fowl, der sich im Zuge seiner Unternehmungen mit dem unterirdischen Erdvolk erst anlegte und später einließ, bis sich Freundschaften entwickelten und sich Artemis‘ Charakter wandelte. Doch jetzt steht er vor einem neuen Problem: Er entwickelt eine psychische Krankheit, die sich in Zwangsstörungen, Paranoia und multiplen Persönlichkeiten äußert. Beim Erdvolk ist diese Krankheit bekannt als „Atlantis-Komplex“.

Während Artemis‘ Genie sich neuerdings mit der Rettung der Welt befasst und zu diesem Zweck ein großartiges Projekt ersinnt, kämpft der Junge gegen die immer stärker auftretenden Symptome seiner Krankheit an, die er auch vor seinen engsten Freunden zu verbergen sucht. Diesen wiederum bleibt sein merkwürdiges Verhalten wie – nur als Beispiel – seine zwanghafte Fixierung auf die Zahl Fünf natürlich nicht lange verborgen, und allen voran Holly Short, Captain der Zentralen Untergrundpolizei, stößt in diesem Zusammenhang schnell auf den Atlantis-Komplex. Ehe sie ihren oberirdischen Freund jedoch zu einer Therapie überreden kann, kommt es zu einem beinahe tödlichen, anfangs als Unfall zu betrachtenden Ereignis: Eine von Foaleys Marssonden stürzt sich genau auf den Aufenthaltsort der Versammlung, der Artemis just zu diesem Zeitpunkt sein Weltrettungsprojekt vorstellt und an dem die Koryphäen von Erd- und Menschenvolk teilnehmen.

Holly, Foaley und Artemis entgehen knapp der Attacke und verfolgen die riesige Sonde auf ihrem Weg ins Erdinnere, wo sie die Unterwasserstadt Atlantis auf geradem Weg ansteuert. Während Foaley sich seine Machtlosigkeit über das Gerät nicht erklären kann, sitzt in atlantischer Haft ein gerissener, größenwahnsinniger Elf, der sich durch diesen vermeintlichen Angriff unbemerkt aus dem Gefängnis befreien will und – so ganz nebenbei – sich der Elite der ZUP inklusive Holly, Artemis und Foaley zu entledigen versucht …

Für die „Artemis Fowl“-Romane ist Rufus Beck eine optimale Wahl als Vorleser. Mit seinem modulationsfähigen Tenor trifft er den „Ton“ der Geschichte mitten ins Herz und verleiht den Protagonisten, die sich vor allem aus dem jugendlichen Artemis und der Elfe Holly zusammensetzen, ihren aussagekräftigen Charakter. Doch auch die Mafiosi-Stimme von Butler oder das Wiehern des Zentaurs Foaley sind einzigartig und lassen kaum erkennen, dass sie vom selben Interpreten vertont werden. Einzig nervig sind die austrialisierten Akzente der Zwerge, vor allem des alles andere als redefaulen Mulch Diggums. Allerdings sind seine Monologe und Kommentare von mehr als ausgleichender Qualität und sorgen für den typischen Humor der Reihe.

Die Idee, Artemis mit einer Psychose auszustatten und so eine geistige Auseinandersetzung zwischen sich selbst, seinen neuen Identitäten und zuletzt den Symptomen der Krankheit zum beherrschenden Problem zu machen, ist überraschend vor dem Hintergrund, dass Artemis bisher als unübertreffliches Genie mit einem Einfall und einer Lösung für jedes Problem galt, andererseits natürlich eben vor diesem Hintergrund eine logische Weiterentwicklung des im sechsten Band „Das Zeitparadox“ ausgefochtenen Konflikts mit einem personifizierten jüngeren Ich. So lässt Colfer seine Figur an immer ausgefeilteren Problemen wachsen und gedeihen, was sich nicht zuletzt an der sich entwickelnden Menschlichkeit und Gefühlswelt des Jungen zeigt.

Eingebettet ist dieser Konflikt in eine spannende Geschichte der Kriminalistik colferscher Manier, die dem stark abgelenkten Fowl einiges abverlangt. Nebenbei erfährt man wieder ein bisschen mehr über die Erdvolkzivilisation und die wirklichen Umstände unserer Erde, obwohl sich Colfer gegenüber dem Vorgänger einen Widerspruch gestattet: Die im sechsten Band widerlegte Bezeichnung von Tiefseekalmaren als „Kraken“ findet hier wieder ihre klassische Verwendung …

Artemis Fowl betritt also nun den Weg vom Verbrechergenie zum Weltverbesserer, doch nicht nur innere Widerstände hindern ihn am unbeschwerten Fortschreiten. Ob ihm diese Wandlung endgültig gelingt, oder ob er dadurch seine Charme verliert, möge uns sein Biograf in weiteren Abenteuern dieser unterhaltsamen Qualität nahe bringen.

6 Audio CDs
ISBN-13: 978-3899033229
Originaltitel:
Artemis Fowl and the Atlantis Complex
Deutsch von Claudia Feldmann

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Eoin Colfer – Artemis Fowl VI – Das Zeitparadox (Lesung)

Artemis Fowl blickt mittlerweile auf eine lange und verzwickte Geschichte zurück, eine Reihe von Romanen, die in chronologischer Reihenfolge die Erlebnisse des jungen irischen Genies berichten und Bezug aufeinander nehmen, wobei gerade die ersten Bände direkt zusammenhängen. Mit dem vorliegenden Roman begibt sich Colfer auf gefährliches Terrain, fügt er der Historie des Jungen doch komplexe Aspekte hinzu und läuft Gefahr, sich in den Zeitparadoxa zu verzetteln und in Widersprüche zu verwickeln. Andererseits ist die Zeitreise eine logische Folge im Konzept der Reihe, die Artemis mit immer schwierigeren Problemen konfrontiert und sein Genie herausfordert. Hier ist es ein Höhepunkt: Der Konflikt zwischen Artemis und seinem jüngeren Ich.

Angelina Fowl, die Mutter des Artemis, ist an einer Seuche der Unterirdischen erkrankt: Die Funkenpest, die sich durch Magie überträgt. Artemis kontaktiert seine unterirdischen Freunde Foaley und Holly Short, die ein Gegenmittel kennen: die Hirnflüssigkeit eines madagaskischen Lemuren. Unglücklicherweise war es Artemis selbst, der in seiner Kindheit das letzte Tier an eine Extinktionistengruppe (die das Ziel verfolgte, möglichst viele Tierarten auszurotten) verkaufte, um seinen Vater zu retten. Die einzige Chance besteht in einer Zeitreise, um dem eigenen Ich zuvor zu kommen und den Lemur in die eigene Zeit und vor der Auslöschung zu retten. Doch in der Vergangenheit wartet nicht nur der jüngere Artemis als skrupelloser und genialer Gegenspieler, sondern auch eine alte Feindin des Jungen, die machtgierige, verrückte und größenwahnsinnige Wichtelin Opal Coboi …

Ein Hörbuch lebt zum großen Teil von seinem Sprecher, und da ist Rufus Beck eine sichere Wahl: Er liest mit ruhiger, modulationsfähiger Stimme und der Erfahrung regelmäßiger Engagements. Im Hörbuchbereich ist er inzwischen eine feste Größe, und so greift man gerne zu, wenn sein Name auf dem Booklet prangt. Im vorliegenden Projekt trifft er wie gewohnt gut die Charakteristika der einzelnen Protagonisten – mit Ausnahme zweier wichtiger Figuren: Butler, dessen Name für die Öffentlichkeit Programm ist, verpasst er die tiefste und kratzigste Stimme, derer er fähig zu sein scheint, und so klingt der Freund, Beschützer und Gefährte Artemis‘ eher wie ein dumpfer Schlägertyp als wie der bestausgebildetste, hochintelligente Weltmann, der er ist. Und der Zwerg Mulch Diggums malträtiert unsere Ohren mit einem bayrischen Dialekt, dessen Herkunft eine Erklärung schuldig bleibt.

Die Intonation ist auch konsequent situationsgerecht und gerade Foaleys Zentaurwiehern ist göttlich. Man fragt sich nur, warum es zur Formulierung von Zaubersprüchen einer eintönig leiernden Stimme bedarf.

Was den Vorgängern zu Eigen war, nämlich die unbedingte Jugendlichkeit der Erzählung, wird in diesem Band verwässert zu Gunsten eines beginnenden Geschlechterkonflikts zwischen Holly und Artemis. Dadurch gewinnt der Roman natürlich vor allem für weibliche Hörer eine interessante Nuance, und natürlich bleibt genügend Fowl-Manier übrig, um komplizierte Winkelzüge und überraschende Menschlichkeit zu transferieren. Dabei nutzt Colfer das direkte Aufeinandertreffen zweier Artemisse, um seine frühere Unnahbarkeit, seine überhebliche Art und sein Genie in Abhängigkeit der Erfahrung und des Alters gegenüberzustellen. Man bekommt also fast eine (im übertragenen Sinne) tabellarische Auflistung der positiven Veränderungen, die Artemis durch Holly erfahren hat. Und Artemis selbst bekommt natürlich einen ungewollten Spiegel vorgehalten, was ihn zum Nachdenken anregt. Neben der unauffälligen Wesensentwicklung über die vorherigen Bände thematisiert Colfer also hier ganz direkt die Weiterentwicklung vom sympathischen Gauner zum typischen strahlenden Helden.

Neu ist, dass neben Artemis und seinem Freund Butler jetzt auch die Mutter Kenntnis von den Unterirdischen hat.

Ein kleiner Punkt, der negativ auffällt, ist die Mächtigkeit der Magie, die je nach Bedarf von Colfer manipuliert wird. Vor allem scheint Opal Coboi in einem Moment übermächtig und unbesiegbar, um im nächsten mit fast weltlich zu nennenden Problemen an die Grenze ihrer magischen Fähigkeiten zu stoßen. Ansonsten gestaltet sich die Erzählung sehr konsistent. Colfer umschifft geschickt die Gefahren der Zeitreisegeschichte oder nimmt sie bewusst und ironisch aufs Korn, konfrontiert seine Protagonisten mit diesen Problemen, ohne sich in pseudowissenschaftlichen Erklärungen zu ergehen. So bleibt die Frage nach der Henne und dem Ei gänzlich ungeklärt, sprich: Wäre Artemis auch in die Vergangenheit gereist, wenn seine Mutter nicht erkrankt wäre? Und Opal Coboi folgte ihm nur in die Zukunft, weil er ihr den Lemur vor der Nase wegschnappte, also hatte sie dazu keinen Grund, bevor er auf die durch sie verursachte Bedrohung seiner Mutter die Reise antrat … Demnach trägt die Geschichte zumindest ihren Titel zu Recht!

„Das Zeitparadox“ ist eine schnelle, typisch Fowl’sche mit Ironie geladene und super unterhaltende Geschichte, die durch Rufus Becks professionelle und charismatische Interpretation als Hörbuch ein Genuss ist. Dass sie dabei erwachsener wird, tut ihrer Faszination keinen Abbruch.

6 Audio CDs mit 476 Minuten Spieldauer
Gekürzte Lesung
Gelesen von Rufus Beck
Deutsch von Claudia Feldmann
Originaltitel:
Artemis Fowl and The Time Paradox
ISBN-13: 978-3899036534

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

P. J. Tracy – Spiel unter Freunden

Rasant & beklemmend: Mörderhatz in Minneapolis

„Monkeewrench“ nennt sich die auf charmante Weise verrückte Fünfergruppe, die in einem Loft in einem abgelegenen Lagerhaus Computerspiele entwickelt. Gerade haben sie ihr neuestes Werk „Fang den Serienkiller“ für den Testbetrieb ins Internet gestellt. Doch ein Spieler dort draußen lässt die Morde detailgetreu und äußerst grausam Wirklichkeit werden.

Die Cops in Minneapolis und im verschlafenen Wisconsin erfahren: Das Spiel hat 20 Levels, und die Zeit drängt. In einem furiosen Showdown zeigt das Böse schließlich sein Gesicht. Und es war die ganze Zeit über beängstigend nah … (Verlagsinfo)

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Walter Moers – Der Schrecksenmeister

Gottfried Keller auf Zamonisch

Echo ist eine Katze. Nein – um genau zu sein, ist er eine Kratze. Eine Kratze unterscheidet sich von einer Katze nur insofern, als sie zwei Lebern besitzt, sehr viel Wissen in sich aufnehmen und sich mit jeder Daseinsform in Zamonien unterhalten kann.

Echo lebte lange Zeit glücklich mit seinem Frauchen in einem Haus in Sledwaya, einer Stadt, in der alle Bewohner dauerkrank sind. Bis sein Frauchen eines Tages starb und Echo von den neuen Bewohnern auf die Straße geworfen wurde.

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Åsa Larsson – Der schwarze Steg

Mit ihren bisherigen beiden Krimis hat die Schwedin Åsa Larsson ein wirklich gutes Händchen bewiesen. Für ihr Debüt „Sonnensturm“ gab es 2003 den Preis als bestes schwedisches Krimidebüt. Für den Nachfolger „Weiße Nacht“  bekam sie den Schwedischen Krimipreis 2004. Dass man von ihrem dritten Roman „Der schwarze Steg“ folgerichtig einiges erwarten darf, liegt somit auf der Hand.

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