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Eoin Colfer – Artemis Fowl VII: Der Atlantis-Komplex (Lesung)

Dies ist das siebente Abenteuer des bis dato als „kindliches Verbrechergenie“ bekannten Artemis Fowl, der sich im Zuge seiner Unternehmungen mit dem unterirdischen Erdvolk erst anlegte und später einließ, bis sich Freundschaften entwickelten und sich Artemis‘ Charakter wandelte. Doch jetzt steht er vor einem neuen Problem: Er entwickelt eine psychische Krankheit, die sich in Zwangsstörungen, Paranoia und multiplen Persönlichkeiten äußert. Beim Erdvolk ist diese Krankheit bekannt als „Atlantis-Komplex“.

Während Artemis‘ Genie sich neuerdings mit der Rettung der Welt befasst und zu diesem Zweck ein großartiges Projekt ersinnt, kämpft der Junge gegen die immer stärker auftretenden Symptome seiner Krankheit an, die er auch vor seinen engsten Freunden zu verbergen sucht. Diesen wiederum bleibt sein merkwürdiges Verhalten wie – nur als Beispiel – seine zwanghafte Fixierung auf die Zahl Fünf natürlich nicht lange verborgen, und allen voran Holly Short, Captain der Zentralen Untergrundpolizei, stößt in diesem Zusammenhang schnell auf den Atlantis-Komplex. Ehe sie ihren oberirdischen Freund jedoch zu einer Therapie überreden kann, kommt es zu einem beinahe tödlichen, anfangs als Unfall zu betrachtenden Ereignis: Eine von Foaleys Marssonden stürzt sich genau auf den Aufenthaltsort der Versammlung, der Artemis just zu diesem Zeitpunkt sein Weltrettungsprojekt vorstellt und an dem die Koryphäen von Erd- und Menschenvolk teilnehmen.

Holly, Foaley und Artemis entgehen knapp der Attacke und verfolgen die riesige Sonde auf ihrem Weg ins Erdinnere, wo sie die Unterwasserstadt Atlantis auf geradem Weg ansteuert. Während Foaley sich seine Machtlosigkeit über das Gerät nicht erklären kann, sitzt in atlantischer Haft ein gerissener, größenwahnsinniger Elf, der sich durch diesen vermeintlichen Angriff unbemerkt aus dem Gefängnis befreien will und – so ganz nebenbei – sich der Elite der ZUP inklusive Holly, Artemis und Foaley zu entledigen versucht …

Für die „Artemis Fowl“-Romane ist Rufus Beck eine optimale Wahl als Vorleser. Mit seinem modulationsfähigen Tenor trifft er den „Ton“ der Geschichte mitten ins Herz und verleiht den Protagonisten, die sich vor allem aus dem jugendlichen Artemis und der Elfe Holly zusammensetzen, ihren aussagekräftigen Charakter. Doch auch die Mafiosi-Stimme von Butler oder das Wiehern des Zentaurs Foaley sind einzigartig und lassen kaum erkennen, dass sie vom selben Interpreten vertont werden. Einzig nervig sind die austrialisierten Akzente der Zwerge, vor allem des alles andere als redefaulen Mulch Diggums. Allerdings sind seine Monologe und Kommentare von mehr als ausgleichender Qualität und sorgen für den typischen Humor der Reihe.

Die Idee, Artemis mit einer Psychose auszustatten und so eine geistige Auseinandersetzung zwischen sich selbst, seinen neuen Identitäten und zuletzt den Symptomen der Krankheit zum beherrschenden Problem zu machen, ist überraschend vor dem Hintergrund, dass Artemis bisher als unübertreffliches Genie mit einem Einfall und einer Lösung für jedes Problem galt, andererseits natürlich eben vor diesem Hintergrund eine logische Weiterentwicklung des im sechsten Band „Das Zeitparadox“ ausgefochtenen Konflikts mit einem personifizierten jüngeren Ich. So lässt Colfer seine Figur an immer ausgefeilteren Problemen wachsen und gedeihen, was sich nicht zuletzt an der sich entwickelnden Menschlichkeit und Gefühlswelt des Jungen zeigt.

Eingebettet ist dieser Konflikt in eine spannende Geschichte der Kriminalistik colferscher Manier, die dem stark abgelenkten Fowl einiges abverlangt. Nebenbei erfährt man wieder ein bisschen mehr über die Erdvolkzivilisation und die wirklichen Umstände unserer Erde, obwohl sich Colfer gegenüber dem Vorgänger einen Widerspruch gestattet: Die im sechsten Band widerlegte Bezeichnung von Tiefseekalmaren als „Kraken“ findet hier wieder ihre klassische Verwendung …

Artemis Fowl betritt also nun den Weg vom Verbrechergenie zum Weltverbesserer, doch nicht nur innere Widerstände hindern ihn am unbeschwerten Fortschreiten. Ob ihm diese Wandlung endgültig gelingt, oder ob er dadurch seine Charme verliert, möge uns sein Biograf in weiteren Abenteuern dieser unterhaltsamen Qualität nahe bringen.

6 Audio CDs
ISBN-13: 978-3899033229
Originaltitel:
Artemis Fowl and the Atlantis Complex
Deutsch von Claudia Feldmann

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Eoin Colfer – Artemis Fowl VI – Das Zeitparadox (Lesung)

Artemis Fowl blickt mittlerweile auf eine lange und verzwickte Geschichte zurück, eine Reihe von Romanen, die in chronologischer Reihenfolge die Erlebnisse des jungen irischen Genies berichten und Bezug aufeinander nehmen, wobei gerade die ersten Bände direkt zusammenhängen. Mit dem vorliegenden Roman begibt sich Colfer auf gefährliches Terrain, fügt er der Historie des Jungen doch komplexe Aspekte hinzu und läuft Gefahr, sich in den Zeitparadoxa zu verzetteln und in Widersprüche zu verwickeln. Andererseits ist die Zeitreise eine logische Folge im Konzept der Reihe, die Artemis mit immer schwierigeren Problemen konfrontiert und sein Genie herausfordert. Hier ist es ein Höhepunkt: Der Konflikt zwischen Artemis und seinem jüngeren Ich.

Angelina Fowl, die Mutter des Artemis, ist an einer Seuche der Unterirdischen erkrankt: Die Funkenpest, die sich durch Magie überträgt. Artemis kontaktiert seine unterirdischen Freunde Foaley und Holly Short, die ein Gegenmittel kennen: die Hirnflüssigkeit eines madagaskischen Lemuren. Unglücklicherweise war es Artemis selbst, der in seiner Kindheit das letzte Tier an eine Extinktionistengruppe (die das Ziel verfolgte, möglichst viele Tierarten auszurotten) verkaufte, um seinen Vater zu retten. Die einzige Chance besteht in einer Zeitreise, um dem eigenen Ich zuvor zu kommen und den Lemur in die eigene Zeit und vor der Auslöschung zu retten. Doch in der Vergangenheit wartet nicht nur der jüngere Artemis als skrupelloser und genialer Gegenspieler, sondern auch eine alte Feindin des Jungen, die machtgierige, verrückte und größenwahnsinnige Wichtelin Opal Coboi …

Ein Hörbuch lebt zum großen Teil von seinem Sprecher, und da ist Rufus Beck eine sichere Wahl: Er liest mit ruhiger, modulationsfähiger Stimme und der Erfahrung regelmäßiger Engagements. Im Hörbuchbereich ist er inzwischen eine feste Größe, und so greift man gerne zu, wenn sein Name auf dem Booklet prangt. Im vorliegenden Projekt trifft er wie gewohnt gut die Charakteristika der einzelnen Protagonisten – mit Ausnahme zweier wichtiger Figuren: Butler, dessen Name für die Öffentlichkeit Programm ist, verpasst er die tiefste und kratzigste Stimme, derer er fähig zu sein scheint, und so klingt der Freund, Beschützer und Gefährte Artemis‘ eher wie ein dumpfer Schlägertyp als wie der bestausgebildetste, hochintelligente Weltmann, der er ist. Und der Zwerg Mulch Diggums malträtiert unsere Ohren mit einem bayrischen Dialekt, dessen Herkunft eine Erklärung schuldig bleibt.

Die Intonation ist auch konsequent situationsgerecht und gerade Foaleys Zentaurwiehern ist göttlich. Man fragt sich nur, warum es zur Formulierung von Zaubersprüchen einer eintönig leiernden Stimme bedarf.

Was den Vorgängern zu Eigen war, nämlich die unbedingte Jugendlichkeit der Erzählung, wird in diesem Band verwässert zu Gunsten eines beginnenden Geschlechterkonflikts zwischen Holly und Artemis. Dadurch gewinnt der Roman natürlich vor allem für weibliche Hörer eine interessante Nuance, und natürlich bleibt genügend Fowl-Manier übrig, um komplizierte Winkelzüge und überraschende Menschlichkeit zu transferieren. Dabei nutzt Colfer das direkte Aufeinandertreffen zweier Artemisse, um seine frühere Unnahbarkeit, seine überhebliche Art und sein Genie in Abhängigkeit der Erfahrung und des Alters gegenüberzustellen. Man bekommt also fast eine (im übertragenen Sinne) tabellarische Auflistung der positiven Veränderungen, die Artemis durch Holly erfahren hat. Und Artemis selbst bekommt natürlich einen ungewollten Spiegel vorgehalten, was ihn zum Nachdenken anregt. Neben der unauffälligen Wesensentwicklung über die vorherigen Bände thematisiert Colfer also hier ganz direkt die Weiterentwicklung vom sympathischen Gauner zum typischen strahlenden Helden.

Neu ist, dass neben Artemis und seinem Freund Butler jetzt auch die Mutter Kenntnis von den Unterirdischen hat.

Ein kleiner Punkt, der negativ auffällt, ist die Mächtigkeit der Magie, die je nach Bedarf von Colfer manipuliert wird. Vor allem scheint Opal Coboi in einem Moment übermächtig und unbesiegbar, um im nächsten mit fast weltlich zu nennenden Problemen an die Grenze ihrer magischen Fähigkeiten zu stoßen. Ansonsten gestaltet sich die Erzählung sehr konsistent. Colfer umschifft geschickt die Gefahren der Zeitreisegeschichte oder nimmt sie bewusst und ironisch aufs Korn, konfrontiert seine Protagonisten mit diesen Problemen, ohne sich in pseudowissenschaftlichen Erklärungen zu ergehen. So bleibt die Frage nach der Henne und dem Ei gänzlich ungeklärt, sprich: Wäre Artemis auch in die Vergangenheit gereist, wenn seine Mutter nicht erkrankt wäre? Und Opal Coboi folgte ihm nur in die Zukunft, weil er ihr den Lemur vor der Nase wegschnappte, also hatte sie dazu keinen Grund, bevor er auf die durch sie verursachte Bedrohung seiner Mutter die Reise antrat … Demnach trägt die Geschichte zumindest ihren Titel zu Recht!

„Das Zeitparadox“ ist eine schnelle, typisch Fowl’sche mit Ironie geladene und super unterhaltende Geschichte, die durch Rufus Becks professionelle und charismatische Interpretation als Hörbuch ein Genuss ist. Dass sie dabei erwachsener wird, tut ihrer Faszination keinen Abbruch.

6 Audio CDs mit 476 Minuten Spieldauer
Gekürzte Lesung
Gelesen von Rufus Beck
Deutsch von Claudia Feldmann
Originaltitel:
Artemis Fowl and The Time Paradox
ISBN-13: 978-3899036534

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

P. J. Tracy – Spiel unter Freunden

Rasant & beklemmend: Mörderhatz in Minneapolis

„Monkeewrench“ nennt sich die auf charmante Weise verrückte Fünfergruppe, die in einem Loft in einem abgelegenen Lagerhaus Computerspiele entwickelt. Gerade haben sie ihr neuestes Werk „Fang den Serienkiller“ für den Testbetrieb ins Internet gestellt. Doch ein Spieler dort draußen lässt die Morde detailgetreu und äußerst grausam Wirklichkeit werden.

Die Cops in Minneapolis und im verschlafenen Wisconsin erfahren: Das Spiel hat 20 Levels, und die Zeit drängt. In einem furiosen Showdown zeigt das Böse schließlich sein Gesicht. Und es war die ganze Zeit über beängstigend nah … (Verlagsinfo)

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Andrea Maria Schenkel / Norbert Schaeffer – Tannöd

Intensive Atmosphäre des Verhängnisses

Auf dem abgelegenen Tannödhof in der Oberpfalz hüteten die Bewohner ein Geheimnis, von dem einige wussten. Nun liegen sie erschlagen in Stall und Haus: der alte Danner selbst, seine verhärmte alte Frau, die Tochter mit den beiden Kindern, die neue Magd. Ermordet mit einer Spitzhacke. Eine Familientragödie archaischen Zuschnitts und das Porträt einer von Katholizismus und Bigotterie beherrschten bäuerlichen Dorfgemeinschaft, dargestellt in Monologen, Protokollen, Gebeten.

Die Autorin

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Georges Bataille – Das obszöne Werk

Simone setzt sich in den Teller Milch

Erotismus ist nicht das gleiche wie Sexualität, sondern ihre Transzendierung. Die erotische Erfahrung ist für den französischen Schriftsteller Georges Bataille (1897-1962) eine zweifache: die des Tabus und die seiner Überschreitung. Erst die Überschreitung des Tabus ermöglicht den Figuren auch die Transzendierung des Ich. Die Ekstase, das Außer-sich-sein, das die mittelalterliche Mystik in religiöser Versenkung fand, suchen sie im körperlichen Tabubruch und in körperlicher Selbstentäußerung. Dadurch wird Gott überflüssig, und dies wiederum hat zahlreiche philosophische Konsequenzen: Wenn Gott tot ist, dann ist das Universum leer, und die Sterne sind nur kalte Schlackehaufen, die der Entropie unterworfen sind. Letzten Endes ist der Erotismus also eine recht ungemütliche Angelegenheit.

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Friedrich Ani – Wie Licht schmeckt

Nahtod und der Preis der Coolness

Eigentlich braucht er niemanden, findet der 14-jährige Lukas. Alleine, aber glücklich streift er durch die Stadt. Doch dann trifft er Sonja, ein blindes Mädchen, das ihn völlig aus der Fassung bringt. Selbstbewusst lädt sie ihn zum Schwimmen und in ein Restaurant ein und zeigt ihm eine Welt, wie er sie noch nie gesehen hat.

Plötzlich spürt Lukas alles viel intensiver: das Licht in den Straßen, die Stimmen der Menschen, den Wein auf seiner Zunge, das heiße Wasser einer Dusche, eine zarte Berührung. Lukas weiß, dass er Sonja nicht mehr verlieren will, nur wie er das schaffen kann, weiß er noch nicht.

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Marlen Haushofer – Wir töten Stella

Familienhölle: eine tödliche Maschine

Die Novelle „Wir töten Stella“ ist die eiskalte Bestandsaufnahme einer gescheiterten Beziehung. Aus ängstlicher Bequemlichkeit und dem vergeblichen Wunsch, dem 15-jährigen Sohn eine perfekte Familie vorzugaukeln, nimmt eine Ehefrau und Mutter die Affären ihres Mannes duldend hin. Sie schreitet auch nicht ein, als Richard die 19-jährige Titelfigur verführt. Diese nimmt sich schließlich aus Verzweiflung das Leben, obwohl es dabei wie ein Verkehrsunfall aussieht. Wer hat hier wen getötet? Die Ehefrau klagt sich als Komplizin ihres Mannes an …

Die Autorin

Marlen (eigentlich Marie Helene) Haushofer wurde am 11. April 1920 in Frauenstein, Oberösterreich, als Tochter eines Revierförsters geboren. Sie studierte 1940 Germanistik in Wien und Graz und lebte später mit ihrem Mann, einem Zahnarzt, und zwei Kindern in Steyr. Sie starb am 21. März 1970 in Wien. Sie schrieb neben ihrer Tätigkeit als Hausfrau und Sprechstundenhilfe hauptsächlich Romane, Novellen, Erzählungen sowie Kinder- und Jugendbücher. Sie wurde von österreichischen Schriftstellern gefördert.

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Brodkey, Harold – Unschuld

_Erotisches Er(d)beben_

„Unschuld“ beschreibt die Bemühungen des Ich-Erzählers, die Studentin Orra Perkins zum ersten Mal in ihrem Leben zu einem Orgasmus zu bringen. Der Autor hat die Möglichkeiten, zugleich plastisch als auch reflektiert über Sexualität zu sprechen, erweitert: Momentaufnahmen des Bewusstseins in unterschiedlichsten Zuständen.

|Der Autor|

Harold Brodkey, geboren 1930 in Illinois,, veröffentlichte 1958 unter dem Titel „Erste Liebe und andere Sorgen“ seinen ersten Erzählband. Erst dreißig Jahre später legte er den Band „Stories in an almost classical mode“ („Nahezu klassische Stories“) vor, dem „Unschuld“ entnommen ist. Brodkey erkrankte an AIDS und starb 1996.

|Der Sprecher|

Matthias Fuchs, geboren 1939, war Ensemblemitglied im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, spielte in diversen Film- und Fernsehrollen und hat zahlreiche Hörbücher gelesen. Er starb am 1. Januar 2002, drei Monate nach der Aufnahme dieses Hörbuches. Die Lesung bietet den ungekürzten Text der Erzählung.

_Handlung_

|Phase 1.|

Die 21-jährige Orra Perkins ist in Harvard (bei Boston) eine schöne und reiche „Prinzessin“, die gerne mit Männern schläft. Sie tut dies schon seitdem sie 15 ist, doch wie Willy, unser gleichaltriger Erzähler herausfindet, hat sie noch nie einen Orgasmus gehabt. Willy selbst nimmt sich im Vergleich zu ihr wie ein Bettler aus, jedoch: Er ist in sie verliebt.

|Nächste Phase.|

Willy empfängt Orra in seinem Zimmer im Studentenwohnheim, unter der Bettdecke ist er nackt. Sofort schlüpft sie entkleidet zu ihm, denn ihr scheint mehr am Glück der Männer zu liegen als an ihrem eigenen. Er findet sie dilettantisch im Bett, sie kann wie immer nicht kommen. Da sie seine Trophäe ist, schließt ihr Besitz seine Liebe im Grunde aus, also muss er sie anlügen. Er ist im Grunde seines Wesens ein Lehrer und Gestalter …

Sie verweist auf die Romane, die Frauen über Sex geschrieben haben, doch diese Bücher findet Willy naiv, manipulativ und romantisch. Sie hätten mit der Realität rein gar nichts zu tun: Intelligente Frauen wollen Kontrolle ihrer Lust, wohingegen die frechen und forschen sie befriedigen wollen und sich zu ihr bekennen. Zu ihnen gehört Orra nicht. Sie behauptet zwar, im Bett eine „Tigerin“ zu sein, doch entzieht sie sich ihrer Verantwortung, die die dabei entstehenden Gefühle mit sich bringen: Sie produziert Sex um der Glücksgefühle willen, die sie den Männern damit spenden kann.

|3. Phase.|

Willy hat eine Mission beschlossen: Er will Orra „erwecken“, koste es, was es wolle. Am gleichen Ort, zu einer anderen Zeit nimmt er sie mehrmals. Um sie weiter erregen zu können, behauptet er, sie zu seinem eigenen (!) Vergnügen lecken zu wollen. Entgegen ihrer Proteste setzt er den Cunnilingus fort: Ist er Masochist oder stolzer Egoist? Er betrachtet sich wie ein altgriechisches Kriegsschiff, das den Meeresschaum durchpflügt. Das Meer ist Orras Körper und ihre Lust.

Orras Lust geht von sexueller zu religiöser Erregung über. Vor Willys Augen (und seiner unermüdlichen Zunge) scheint sie sich in einen Engel mit drei Flügelpaaren zu verwandeln. In drei Phasen entfaltet sie je ein Flügelpaar, und ihr Körper bäumt und schwingt sich auf. „Willy, etwas passiert!“ ruft sie. „Es hört gar nicht mehr auf. Es tut weh.“ …

_Mein Eindruck_

Ob Willy das Ziel seiner Mission, sei sie nun selbstlos oder selbstsüchtig, erreicht, muss jeder selbst nachlesen. Dürre Kritikerworte reichen nicht aus, um die Glorie des „Höhepunkts“ (in jeder Hinsicht) zu beschreiben.

Eines steht fest: Dieser Bursche kann wirklich mit Sprache umgehen. Das Geschehen selbst könnte von einem Lohnschreiber erfundenen worden sein und in jedem an Magazine wie „Penthouse“ oder „Hustler“ geschickten „Bekenntnisbrief“ stehen. Die können auch ganz schön saftig und anschaulich sein. Sie bedienen sich ebenfalls einer offenherzigen Umgangssprache, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Doch Brodkeys „Unschuld“ geht weit darüber hinaus.

„Unschuld“ ist hohe, großartige Literatur. Die Begegnung zwischen Willy und Orra Perkins ist nicht nur sehr intensiv und in zahlreichen Bildern poetisch überhöht – siehe oben: Trireme, Engel, Tigerin usw. -, sondern es ist auch deutlich, dass sich hier zwei verschiedene Kulturkreise treffen. Und die beiden unterscheiden sich in ihrer Einstellung zu dem, was Sex ihnen bringen soll, grundsätzlich.

Hat Willy, der Jude, einen Christuskomplex? Warum will er unbedingt Orra „erwecken“? Muss sie erlöst werden? Von ihrer Ichbezogenheit, von ihrer zwanghaft erledigten Beglückung der Männer bei gleichzeitiger Hintanstellung eigenen Glücks?

Dies ist schwankender Boden, was die Beurteilung von Willys und Orras Ethik angeht. Ob er Egoist oder Altruist ist, ein Christusjünger oder einfach doch nur ein Sexbessessener, das hängt manchmal nur vom Standpunkt des Betrachters ab. Orra selbst urteilt nicht. Jegliche Urteilskraft hat sie fahren lassen, ihre Proteste gegen den Cunnilingus ignoriert Willy geflissentlich. Und danach wird sie nur noch vom Einsturz psychischer Mauern in Anspruch genommen.

Orra verwandelt sich daher, und Willy ist in seiner jüdischen Metaphorik gefangen, vergleicht sie mit einem Engel, der einen meerumschlungenen Glasberg emporklimmt. Ein Seraph, der in ein fremdartiges neues Element vordringt, nur noch halb menschlich, ansonsten ein übermenschliches Wesen, meint Willy.

Brodkey gelingt es scheinbar mühelos, die richtigen, passenden Wörter zu finden, um sowohl die mundanen körperlichen Aktivitäten als auch die seelische Ekstase zu beschreiben und in ihren Auswirkungen eindrucksvoll zu schildern.

Denn dies ist sein Glaubensbekenntnis: |“Ich misstraue allen Zusammenfassungen, jedem raffenden Durchgleiten der Zeit, jedem zu hoch gegriffenen Anspruch, unter Kontrolle zu haben, was man erzählt; ich glaube, wer zu verstehen behauptet, diese Emotion aber nur gemächlich aus der Erinnerung holt, der ist einfach ein Narr und ein Lügner. VERSTEHEN HEISST ZITTERN. SICH WIRKLICH ERINNERN HEISST WIEDEREINTAUCHEN UND ZERRISSEN WERDEN.“| Dieser Satz (meine Hervorhebung) steht bereits ziemlich am Anfang der Erzählung. Wie ein Motto.

Am Schluss ist der Zuhörer ebenso erschöpft und erleichtert wie die beiden zitternden Protagonisten der Erzählung. Niemanden kann die Story unberührt lassen, schon gar nicht in seinen Hormonen. „Unschuld“ erfährt man, um es mit den alten Griechen zu sagen, wie ein „heiliger Schauder“.

_Der Sprecher_

Matthias Fuchs‘ tiefe, raue Stimme verfügt über die unabstreitbare Autorität, die nötig ist, um selbst schlüpfrigste und tabuisierte Wörter wie selbstverständlich in den Mund zu nehmen. Dies sind nicht die griechisch-lateinischen Bezeichnungen der Wissenschaft, wie etwa „Vagina“, „Penis“ und dergleichen, sondern vor allem die Bezeichnungen, die die Umgangssprache für die Genitalien und den Geschlechtsverkehr kennt. Und das sind eine ganze Menge.

Dennoch verletzt er nie die Würde der Beteiligten, schon gar nicht die von Orra, wie es ja leicht passieren könnte. Schließlich ist die Studentin das Objekt von Willys Mission und Anstrengung. Matthias Fuchs ist in seiner Autorität und Unparteilichkeit mit Joachim Kerzel zu vergleichen. Kerzel bringt noch ein wenig mehr Energie in seinen Vortrag. Dass Fuchs Schauspieler ist, merkt man seinem Vortrag kaum jemals an.

_Unterm Strich_

„Unschuld“ ist die Geschichte eines Bemühens um den ersten Orgasmus. Die Geschichte einer Mission, aber auch einer Grenzüberschreitung in ein „fremdartiges neues Element“. Die Geschichte des Aufeinandertreffens zweier Kulturen, aber auch zweier Individuen. Beide sind nicht ehrlich, dürfen es nicht sein, lassen nur Lügen zu. Und doch erreichen sie eine gemeinsame Wahrheit, die unleugbar ist.

Unabdingbar ist hierbei die Ehrlichkeit der darstellenden Sprache. Und wenn der Autor Metaphern wie „Engel“, „Trireme“ (= Dreideckerschiff der Antike) oder „Tigerin“ gebraucht, so sind auch diese Vergleiche in einem gewissen Sinne wahr. Dort, wo heutige Sprache versagt, helfen nur noch Bilder, um das Unnennbare auszudrücken. Die Bibel etwa bemühte hierfür Gleichnisse. Dem Autor waren sie sicherlich nicht fremd. Nur wer „Unschuld“ mehrmals erlebt – denn darum handelt es sich: um ein Erlebnis -, dringt in die Tiefen der Bedeutungsschichten vor.

Die Lesung, die Matthias Fuchs aufgenommen hat, ist angemessen beeindruckend, makellos. Zusammen mit dem erotischen Titelmotiv ist ein wunderschönes Hörbuch für Erwachsene gelungen. Minderjährigen unter 16 Jahren würde ich das Erlebnis dieser Erzählung aber nicht zumuten.

|Originaltitel: Innocence, 1988
Deutsch 1990 von Hans Wollschläger und Dirk van Gunsteren
121 Minuten auf 2 CDs|

Amélie Nothomb – Mit Staunen und Zittern

Aus Übermut und Neugier hat Amélie eine Stelle bei einem japanischen Unternehmen angenommen. Als Dolmetscherin, so glaubte sie, doch sie wird wegen ungebeten guter Leistungen alsbald strafversetzt – in die Buchhaltung. Dort wird ihr ein Crashkurs in Sachen Hierarchie erteilt. Da wird ihr klar: Eine Frau, zumal eine Langnase aus Europa, kann nur ganz unten einsteigen. Und noch tiefer fallen. Amélies letzte Wirkungsstätte sind daher folgerichtig die Toiletten. Und an diesem Örtchen verbringt sie die lustigste Zeit ihres Lebens.

Die Autorin

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Jonathan Swift – Gullivers Reisen

Wundersame Reisen: Idylle des Abenteuers

Der englische Schiffsarzt Lemuel Gulliver sticht 1699 in See. Er strandet zunächst bei den Liliputanern, auf einer zweiten Reisen bei den Riesen von Brobdingnag und schließlich auf der fliegenden Insel Laputa. Enttäuscht von den seltsamen Wesen, denen er begegnet ist, schließt er sich mit Begeisterung den vierbeinigen Bewohnern des Landes der Hoyhnhms an. Wieder zurück in der Heimat, fällt es ihm jahrelang nicht leicht, wieder mit den Yahoos zusammenzuleben …

Der Autor

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Andreas Steinhöfel – Die Mitte der Welt

Phil wächst in einem süddeutschen Dorf auf, aber nicht in dessen Mitte, sondern am Rande. Seine Mutter ist Amerikanerin, sein unbekannter Vater Amerikaner. Seine Entwicklung am Rande der Gesellschaft ist gekennzeichnet von Auseinandersetzungen, seine Liebe zu einem anderen Jungen bedeutet deshalb für ihn Anerkennung und Befreiung. Aus dieser Spannung zwischen Ausgrenzung einerseits und Liebe andererseits bezieht der Roman seine Spannung. Und da viele Geheimnisse erst am Schluss gelüftet werden, bleibt der Hörer bzw. Leser von Geschichte bis zum Schluss gefesselt.

Der Autor

Andreas Steinhöfel, geboren 1962 in Battenberg, studierte Amerikanistik, Anglistik und Medienwissenschaften. Er schreibt Drehbücher, Rezensionen und seit 1991 zahlreiche Kinder- und Jugendbücher.

Der Sprecher

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

Handlung

Als die Hauptfigur Phil mit 17 Jahren auf einem Frachtdampfer anheuert und nach Amerika fährt, um seinen Vater zu suchen, schließt sich ein Kreis, der im Jahr seiner Geburt begann.

In Boston geht die hochschwangere Glass, Phils Mutter, an Bord eines Dampfers nach Europa. Sie will zu ihrer Schwester Stella, die irgendwo im südlichen Deutschland lebt. Den Vater ihres Kindes, Nummer drei, lässt sie zurück. Doch niemand wartet auf sie am Zielbahnhof, es fahren keine Taxis, und so muss sie selbst den weiten Weg durch den Wald gehen. Durch die Anstrengung setzen die Wehen ein und in Sichtweite des schwesterlichen Hauses bringt sie Zwillinge zur Welt. Eine junge Frau kommt aus dem Haus, weil sie die Schreie gehört hat. Es ist Teresa, und sie sie berichtet, dass Stella tot sei. Glass bringt zweieiige Zwillinge zur Welt: Phil und Diane.

Das Haus ist eine große, teilweise leer stehende Villa auf einem Hügel. Sie beherbergt eine große alte Bibliothek, die für die Kinder zur „Mitte der Welt“ wird. Kern der Bücherei sind große Folianten mit gepressten Pflanzen darin. Sie spielen später eine unheilvolle Rolle. Hier geht Phils Phantasie auf Reisen. Das einzige Buch, das er mit 17 mitnimmt, stammt von hier: „Moby Dick“.

Die Leute aus dem Dorf misstrauen den neuen Bewohnern, und die selbstbewusste Glass nennt die Dörfler die „Jenseitigen“ und „die kleinen Leute“, wegen ihres kleinen Geistes. Denn Glass und ihre Brut tun alles, um die Normen zu verletzen. Das beginnt damit, dass Glass sich einen Liebhaber nach dem anderen ins Bett holt. Das ist gut für die Instandsetzung des Hauses. Aber sie prostituiert sich nicht, denn ihre Haupttätigkeit besteht in der psychologischen Beratung der ahnungs- und hilflosen Dorffrauen. Die holen sich bei ihr nicht nur Rat und Selbstvertrauen, sondern ab und zu auch mal eine Arznei.

Teresa ist Glass‘ Geliebte und Freundin, aber auch ihre Arbeitgeberin, denn Teresa hat von ihrem verstorbenen Vater eine Anwaltskanzlei geerbt, und als Teresa diese nach dem Studium übernimmt, kann Glass bei ihr als Sekretärin arbeiten. Auch Phil und Diane sind zunächst unzertrennlich, und der Höhepunkt dieser Freundschaft ist die glorreiche „Schlacht am großen Auge“. Um Phil gegen die Rüpel des Dorfs zu verteidigen, schießt Diane mit ihrem Bogen einen Pfeil auf deren Anführer und trift ihn in den Arm. Dafür wird sie von dessen Komplizen mit dem Messer angegriffen. Die Wunde am Schlüsselbein ist tief. Als sie das Messer herauszieht, vergrößert sie sie noch, ohne mit der Wimper zu zucken. Vor so viel Masochismus nehmen die feindlichen Jungs Reißaus. Phil ist schwer beeindruckt.

Obwohl Phil in der unkonventionellen und wagemutigen Kat bereits seitdem er fünf ist eine Freundin hat, verguckt er sich zunächst in einen schönen Jungen, den er vor der Kirche sieht. Wie er Jahre später herausfindet, handelt es sich um Nicholas, den an der Schule alle nur den „Läufer“ nennen. Aber Nicholas ist auch ein Sammler von Dingen, die er zufällig auf der Straße oder sonstwo findet. Phil fragt sich, was Nicholas damit macht. Und er selbst vermisst seit dem Tag vor der Kirche seine geliebte Schneekugel … Glass hingegen verliert ihr ungeborenes Baby und leidet monatelang unter Depressionen.

Als Phil etwa 17 Jahre alt ist, wird aus der Zuneigung zu Nicholas Ernst. Sie gehen miteinander ins Bett. Dies spricht sich langsam herum, denn so etwas ist natürlich ein gefundenes Fressen für alle Klatschtanten, ob nun weiblich oder männlich. Diane und Glass tragen’s ebenso gleichmütig wie Teresa, die selbst eine lesbische Geliebte hat. Diane scheint eine Freundin zu haben: Cora oder „Zephyr“, das hat Phil noch nicht herausgefunden. Er selbst wird heftig angefeindet, und zwar ausgerechnet von Kats Freund Thomas, wo doch seine Beziehung zu Kat völlig platonisch ist. Um seine Veranlagung zu demonstrieren, macht Phil den Fehler, Thomas zu küssen. Der, zunächst verblüfft, schwört bittere Rache. Und so kommt es zu einem schweren Unglück.

Diane hat sich lange Zeit von ihrer Mutter wegentwickelt. Phil vermutet, dass sie von Glass‘ zahlreichen Männerbekanntschaften abgestoßen ist. Das ändert sich, als Glass ihr Baby verliert. Da kümmert sich Diane plötzlich wieder wie ein Engel um sie. Phil ahnt nicht, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt und ein düsteres Geheimnis die Familie überschattet …

Mein Eindruck

Nicht nur auf einer symbolischen Ebene dürfte von vornherein klar sein, dass in „Visible“, der Villa im Wald, nur unkonventionelle Außenseiter leben. Wenn eine Mutter, wie Glass bei ihrer Ankunft, weder männlichen Beistand noch Dach überm Kopf hat, wenn sie ihre Kinder zur Welt bringt, dann ist bereits klar, welche ungewöhnlichen Umstände hier vorliegen. Spätestens wenn sich Glass und ihre Freundin Teresa als Leichenräuber betätigen, merkt der Leser, dass das Leben als Outcast auch ganz spaßig sein kann.

Aufgrund ihres unkonventionellen Verhaltens und ihrer liberalen Ansichten ist Glass schon bald der Gegenpol zur dörflichen Gemeinschaft, die von Konventionen zusammengehalten wird, nicht ohne dabei Opfer zu fordern. (Es spricht für die dörfliche Doppelmoral, dass sich die Frauen von Glass beraten lassen.) Dass auch Glass‘ Kinder ihr Außenseitertum ausbaden müssen, dürfte klar sein. Diane ist dies schon bald nach der Einschulung klar, und sie hasst es. Ihr fällt es zwar leicht, tapfer ihren Zwillingsbruder zu verteidigen, möchte aber spätestens in der Schule integriert werden.

Die Gefahren des Nacktbadens

Ein schlagendes und sehr komisches Kapitel für Dianes Nöte in der Gesellschaft ist ihr Auftritt vor dem Polizeihauptwachmeister Assmann. Ein Junge wurde verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Die Anklage lautet, Diane habe einen Hund auf ihn gehetzt, während sie und ihre Freundin unbekleidet um Mitternacht (!) am Fluss badeten. Dass es sich beim Vollmondbaden keineswegs um ein todeswürdiges Verbrechen handelt, versucht Diane dem eifrigen Polizisten erfolgreich klarzumachen. Auch dass der Hund nicht ihr gehört, sondern dem Jungen, gelingt ihr noch zu erklären. Weniger leicht zu begreifen ist hingegen ihre Behauptung, der Hund habe sich beißend auf sein Herrchen gestürzt, während sich dieser beim Anblick der nackten Mädchen einen runterholte …

Ersatzväter

Die Abwesenheit eines Vaters öffnet alle möglichen Optionen des sozialen und sexuellen Miteinanders, die der Konvention entgegenstehen. Am ehesten ist dies am Werdegang der Hauptfigur Phil abzulesen. Er hat eine Art abwesenden Ersatzvater namens Gable, einem Seemann, bei dem er sich geborgen fühlt und der ihm von seinen Fahrten in alle Erdwinkel wundersame Dinge mitbringt, wenn er an Weihnachten „Visible“ besucht. Gable nimmt Phil auf einen Törn übers Mittelmeer mit und arrangiert für ihn eine zärtliche Liebesnacht mit einem griechischen Jungen. Später nimmt der heterosexuelle Anwalt Michael die Stelle des Vaters ein, aber zu ihm hat Phil einen ganz anderen Bezug. Er sucht viel lieber seinen leiblichen Vater.

Zärtliche Lover

Sehr feinfühlig, anschaulich und unverklemmt schildert der Autor Phils Beziehung zu dem ein bis zwei Jahre älteren Nicholas. Phil muss wie wir alle sämtliche Höhen und Tiefen einer Liebesbeziehung durchlaufen, um zu erfahren, was es bedeutet, jemanden wirklich zu lieben. Eine körperliche Beziehung ist ihm zu wenig, er würde zunächst am liebsten seelisch mit seinem Lover verschmelzen. Diese Liebesszenen sind keineswegs schwülstig oder verklemmt erzählt, sondern recht poetisch und einfühlsam.

Nicholas verrät Phil ein paar seiner Geheimnisse, so etwa sein „Museum der verlorenen Dinge“ und seine getippten Erzählungen darüber. Nicholas ist selbst quasi elternlos und offen für alternative Beziehungsformen. Wie weit dies gehen kann, hätte sich Phil aber nicht träumen lassen. Unabsichtlich beobachtet er Nicholas mit seiner Freundin Kat beim Sex. Dass für ihn beinahe die Welt untergeht, leuchtet ein, andererseits haben die drei schon einige Spritztouren in Nicholas‘ Sportwagen unternommen, also sollte Phil nicht so verwundert sein. Dennoch nagt die Eifersucht an ihm. Er ahnt aber nicht, wie sehr er durch sein Verhalten Nicholas in die Schusslinie von rachsüchtigen Leuten gebracht hat.

Durch psychologisch geschickte Detektivarbeit bei Glass und Diane gelingt es Phil, mehrere Top-Geheimnisse seiner Familie zu lüften und so einige Anlässe für Streit aus dem Weg zu räumen. Als er schließlich seiner Mutter sogar den Namen seines richtigen Vaters entlockt, gibt es für ihn kein Halten mehr. Diese letzten Kapitel sind total spannend zu verfolgen, denn hier geht es nicht um Leichenräuberei oder Nacktbaden bei Vollmond, sondern ganz einfach um Leben und Tod.

Der Sprecher

Rufus Beck hat diesmal nicht die Aufgabe, ein Dutzend verschiedener Figuren stimmlich zu charakterisieren. Es treten auch keine Zauberlehrlinge oder Wundertiere auf. Diesmal darf er im Gegenteil nur mit einer Stimme sprechen, und dies möglichst einfühlsam. (Einzige Ausnahme: Phils Lehrer.) Doch „Mitte der Welt“ ist nicht das erste von ihm vorgelesene Buch, in dem sehr ungewöhnliche Jungs die Hauptrolle spielen. Auch das rasend komische Buch „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell (|Heyne|-Verlag) wurde von Beck vorgelesen.

Die heikelsten Stellen sind beim Vorlesen immer die leisen. Hier kann der Sprecher alles vermasseln. Beck hingegen spricht auch hier so souverän wie sonst auch, aber natürlich nicht im Plauderton, sondern sehr zärtlich, um die poetische Sprache, derer sich der Autor bedient, zur Geltung kommen zu lassen. So können selbst Leute, die mit Schwulen nichts anzufangen wissen, diesen erotischen und psychologisch intimen Szenen etwas abgewinnen. Sie machen deutlich, warum Phil so viel an seinem geliebten Nicholas liegt. Somit sind sie ein zentraler Bestandteil seiner Charakterisierung. Wer sie also missachtet, leugnet einen wichtigen Teil der Hauptfigur.

Unterm Strich

„Die Mitte der Welt“ ist eine wunderbar unterhaltsame, spannende und außergewöhnliche Kindheits- und Jugendgeschichte. Hier handelt es sich nicht um Genreliteratur, sondern vielmehr um einen künstlerischen wertvollen Roman über die Entwicklung eines homosexuellen Mannes. Das Kunststück, das dem Autor gelingt, besteht darin, die „Normalen“, die „kleinen Leute“, als die Kranken darzustellen und die Außenseiter, zu denen Phil zählt, als die Gesunden, die weitaus mehr vom Leben haben. Homosexualität entwickelt sich so selbstverständlich als alternative Verwirklichung von menschlicher Zuneigung, dass ihre Schilderung an keiner Stelle peinlich oder voyeuristisch wirkt. Rufus Becks Lesung trägt dazu entscheidend bei.

Die Abenteuer der kleinen Gemeinschaft in der Villa „Visible“ sind durchaus spannend und komisch, aber mitunter auch makaber. Sie verblassen vor dem ernsten Drama, das sich aus Phils Liebe zu Nicholas entwickelt und durch ein düsteres Geheimnis in Phils Familie überschattet wird. Phil, der zuweilen als Sprachrohr des Autors fungiert, weiß einige Weisheiten zu formulieren, die er durch seine Erfahrungen in Grenzsituationen gesammelt hat. Mit Spannung darf man seine Abenteuer erwarten, wenn er in New York City ankommt.

Umfang: 575 Minuten auf 8 CDs
Die Buchausgabe erschien 1998 bei Carlsen.
www.hoerbuch-hamburg.de

Martin Suter – Lila, Lila

Lob der wahren Autorenschaft

Um von seiner Angebeteten beachtet zu werden, gibt ein junger Autor ein in einem Second-Hand-Möbel gefundenes Romanmanuskript als sein eigenes Produkt aus. Womit er nicht gerechnet hat: Sie findet die Geschichte toll und schickt sie an einen Verlag, der das Buch auch prompt veröffentlicht und zu einem Bestseller macht. Schön, dass sich Marie in ihn verliebt, aber mit dem Erfolg beginnen die Probleme …

Der Autor

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