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Larsson, Åsa/Asa – Bis dein Zorn sich legt

_Tödliches Geheimnis unterm Eis_

Ein unbeschwertes Liebespaar: Im Sommer haben sie beim Tauchen ein Flugzeugwrack entdeckt. Jetzt ist der Vittangjärvi-See zugefroren. Niemand stört sie, als sie ein Loch in das dicke Eis sägen und sich in die Tiefe hinunterlassen. Niemand? Plötzlich ein geisterhafter Schatten: Die Markierungsleine wird gekappt, die Öffnung ins Freie durch eine Holztür versperrt. Die beiden haben keine Chance.

Die Polizistin Rebecka Martinsson übernimmt den Fall. Schnell wird klar, dass das Paar einem Geheimnis auf der Spur war. Das Flugzeug ist nämlich eine deutsche Junkers aus dem II. Weltkrieg. Was mag sie wohl bergen? Rebecka entdeckt ein gefährliches Netz aus Schuld, Angst und Verrat, in das die Bewohner ihres Heimatortes verstrickt sind. Und eine Geschichte, die nicht vergehen will.

_Die Autorin_

Åsa Larsson wurde 1966 in Kiruna geboren. Sie arbeitete als Steueranwältin, bis sie beschloss, Autorin zu werden. Mit ihrem ersten Krimi „Sommersturm“, der 2003 ausgezeichnet wurde, machte sie in Schweden Furore. Der zweite Roman „Weiße Nacht“ erhielt den Schwedischen Krimipreis 2004 und stand lange auf der Bestsellerliste.

Mehr von Åsa Larsson auf |Buchwurm.info|:

[„Weiße Nacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3918
[„Der schwarze Steg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4919

_Die Sprecher_

Nina Petri gab ihr Schauspieldebüt in der TV-Serie „Rote Erde“ und war seitdem in vielen Erfolgsfilmen zu sehen, unter anderem in „Lola rennt“ und „Emmas Glück“. Sie wurde mit dem Bayerischen Filmpreis und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

Ulrike Grote spielte nach der Schauspielausbildung im Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg und an der Wiener Burg. Seit 2001 ist sie in diversen Film- und Fernsehrollen zu sehen, wie etwa „Das Kanzleramt“ und „Tatort“. Seit 2003 arbeitet sie auch als Regisseurin. Für ihren Kurzfilm „Ausreißer“ gewann sie 2005 den Internationalen Studenten-Oscar in der Kategorie Bester ausländischer Film; ein Jahr später erhielt der Kurzfilm eine Oscar-Nominierung.

Stephan Schad, 1964 in Pforzheim geboren, lernte an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Danach spielte er auf verschiedenen deutschen Bühnen und gehört seit 1998 dem Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters an. Außerdem arbeitet Schad für Film und Fernsehen sowie als Sprecher. Für |Hörbuch Hamburg| hat er unter anderem von Alan Weisman „Die Welt ohne uns“, von Rolf Lappert „Nach Hause schwimmen“ (mit Peter Jordan) und von Anna Gavalda [„Alles Glück kommt nie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5414 (mit Nina Petri) gelesen.

Bei den Aufnahmen in den Eimsbütteler Tonstudios führte Gabriele Kreis Regie.

_Handlung_

Dies erfahren wir von dem schwebenden Geist, der uns die Geschichte erzählt …

Am 9. Oktober fahren sie, die 17-jährige Wilma, und ihr Freund Simon, 18, zu dem zugefrorenen See, um zu tauchen. Sie vermuten, dass im See das Wrack eines deutschen Flugzeugs der Wehrmacht liegt, das vom schwedischen Kiruna nach Norwegen wollte. Das Wrack liegt zwar in nur 17 Metern Tiefe, aber dort unten ist es stockdunkel, findet Wilma.

Nur die Sicherheitsleine verbindet sie und den ins Wrack tauchenden Simon mit Licht und Luft. Sie haben die Leine an einem Holzkreuz befestigt, das über dem Luftloch in der Eisdecke liegt. Plötzlich merkt sie, dass die Leine schlaff wird und zu ihr herunterfällt. Als sie auftaucht, liegt eine Tür über dem Luftloch und jemand steht darauf. Ihr geht der Sauerstoff aus, als der Atemregler vereist. Welcher Wahnsinnige hat ihr den einzigen Ausgang zum Leben versperrt?

Es ist Donnerstag, der 16. April, als Östen Marjavaara aus dem Eisloch im Fluss Wasser holen will und eine Leiche entdeckt. Sie steckt in einem Taucheranzug. Östen alarmiert die Polizei. Staatsanwältin Rebecka Martinsson ist in ihr Elternhaus in der Heimat zurückgekehrt und schläft wie ein Murmeltier. Bis sie um vier Uhr morgens von einem jungen Mädchen geweckt wird, dem Wasser aus Mund und Nase läuft. Es sagt: „Es war kein Unfall, ich bin nicht im Fluss gestorben, er hat mich hingetragen.“ Dann läuft die Gestalt weg. Rebecka erwacht. Nur ein Traum.

Am nächsten Tag steht Rebecka neben den zwei Polizisten Sven Erik Skolnake und Annamaria Mälla. Die Leiche der jungen Frau sei schon ziemlich angeknabbert, lag also schon lange im Wasser. Das Auto der Taucherin habe man gefunden, aber man vermisse noch ihren Begleiter. Seltsam ist nur, dass der Tank fast leer ist. Die Taucher hätten es nicht mal bis zur nächsten Tankstelle geschafft. Mälla benachrichtigt die achtzigjährige Anni, die Urgroßmutter Wilma Perssons. Rebecka erfährt bei der Obduktion, dass sich unter Wilmas Fingernägeln grüne Lackreste befinden. Als ob sie an lackiertem Holz gekratzt hätte. Der Gerichtsmediziner ist erstaunt, als sie ihn fragt, ob er feststellen könne, ob Wilma woanders als im Fluss gestorben sei. Eine Woche später kann er dies bestätigen: Wilma starb in einem See.

Von ihrem Nachbarn erfährt Rebecka , dass im Dorf, wo Wilma bei Anni lebte, die Fuhrunternehmerfamilie Kräkola eine despotische Herrschaft ausübe. Doch vor einer Woche habe Isaak, der Patriarch, einen Herzinfarkt erlitten. Von Anni erfährt Annamaria Mälla, dass Wilma eine Verwandte der Kräkolas war und sie des Öfteren besuchte. Doch die Kräkolas sind auf „Bullenbräute“ wie Annamaria überhaupt nicht gut zu sprechen. Sie zerstechen ihre Reifen und klauen ihr Handy. Rebecka verbietet ihr, Rache zu üben, sondern schaltet die Medien ein. Ein Mann meldet sich, der eine Tür auf dem Eis des Sees gesehen hat. Kein Wunder: Sie wurde ihm geklaut.

Silfors gibt ihnen den Hinweis auf Jörleifur Arnasson, einen Einsiedler, der am See lebt. Vielleicht habe der was gesehen oder gefunden? Arnasson stellt sich als freundlicher Ökobauer heraus, der einen süßen Hund hat. Doch ob er mit der Polizei reden will, weiß er noch nicht. Als sie am nächsten Tag wiederkommen, liegt Arnasson tot auf dem Boden seiner Hütte. Alles wurde so arrangiert, dass es wie ein Unfall aussieht. Doch Rebecka und Annamaria fallen mehrere Ungereimtheiten auf.

Jemand will nicht, dass sie die Wahrheit über und den wahren Grund für Wilmas und Simons Tod herausfinden. Und derjenige geht dabei über Leichen, um sein schreckliches Geheimnis zu hüten …

_Mein Eindruck_

In einer kunstvollen verschlungenen Abfolge von realer Gegenwart, Geisterpräsenz und zahlreichen Rückblenden bis ins Jahr 1943 entfaltet die Autorin vor dem geistigen Auge des Lesers (und Hörers) ein Panorama von Beziehungen sowie ein Drama der verhängnisvollen Verstrickungen. Die beiden ahnungslosen Taucher rühren an ein Geheimnis, das niemals das Licht des Tages erblicken darf.

Denn es bedeutet die bleibende Schande über eine ganz bestimmte Familie, eine ganz bestimmte Frau. Die Schande besteht vor allem in der Kollaboration mit der deutschen Wehrmacht und Angehörigen der SS während der letzten Jahre des II. Weltkriegs. Damals kollaborierten Schweden aus Kiruna mit den Deutschen aus Profitgier gegen die norwegische Widerstandsbewegung.

Nicht nur wiegt die Schuld am Tod der Widerständler und Flüchtlinge schwer auf dem Gewissen der Frau. Die Furcht vor den Folgen der Entdeckung ihres Geheimnisses wiegt noch viel schwerer und veranlasst sie zu Kurzschlussreaktionen. In der Folge müssen ihre beiden Söhne, die selbst in Schuld verstrickt sind, dafür büßen, indem sie immer wieder dafür sorgen, dass das Geheimnis unentdeckt bleibt.

Als Rebecka Martinsson und Annamaria Mälla in der Vergangenheit des Dorfes am See stochern, stechen sie in ein Wespennest. Schließlich geraten sie aus der Schusslinie mitten ins Visier der Mörder. Es kommt zu einem packenden und zugleich tragischen Finale an den Ufern des verhängnisvollen Sees. Mehr darf nicht verraten werden.

Zugleich ist dies wieder mal eine Geistergeschichte, wie schon „Der schwarze Steg“. Der Geist der toten Wilma Persson erzählt uns von ihrem traurigen Geschick. Doch zugleich greift der Geist der Ungerächten ins Geschehen ein, indem er sich den Schlüsselfiguren zeigt und an ihr Gewissen appelliert. Wilma verkörpert nicht nur das schlechte Gewissen, sondern auch den Schrei nach Gerechtigkeit, auf dass ihr schändlicher Tod (und der ihres Freundes Simon) endlich gesühnt werde.

Der Autorin gelingt durch die Schichtung der Zeitebenen und des Berichterstatter-Ensembles – sie braucht nicht weniger als drei – ein Gewebe aus Beziehungen, das sich aus vereinzelten Anfängen entwickelt und bis zu einer Krise verdichtet: Etwas muss nachgeben. Doch welche Figur das sein wird, ist noch völlig offen. Besonders gefiel mir die Darstellung des Hjalmar Kräkola, eines unterdrückten Mathematikgenies aus der Provinz. Auf schicksalhafte Weise an seinen kriminellen Bruder Tuure gekettet, strebt er nach Ausbruch, doch stets gibt er den Befehlen seiner Mutter und seines Bruders nach. Gibt es für ihn eine Hoffnung auf Freiheit?

|Die Sprecher|

Nina Petri, die für die Gegenwart und die realistische Schilderung zuständig ist, beschreitet einen Mittelweg aus kontrolliertem Sprechen und emotionaler Aufladung dieses Sprechens in bestimmten Situationen, so etwa besonders in heiteren Szenen. Die Charakterisierung durch besondere stimmliche Charakteristik ist Petris Stärke hingegen nicht. Nicht jeder kann ein Rufus Beck sein.

Ulrike Grotes Stärke ist die Umsetzung von Emotionen in Sprechweisen. Ihr fällt es leicht, eine Figur durch die Art, wie sie sich ausdrückt und in bestimmen Situationen verhält, zu charakterisieren. Sie ist zuständig für die Szenen, in denen die Person und der Geist von Wilma Persson auftritt.

Stephan Schad ist für die Rückblenden auf Hjalmar und Tuure Kräkola zuständig. Dabei erzählt er vor allem jene folgenreiche Episode im Jahr 1956, als Hjalmar seinen jüngeren Bruder Tuure „verlor“, wie man ihm danach vorwarf, obwohl doch in Wahrheit Tuure sich von ihm getrennt hatte. Alle weiteren Szenen zwischen den zwei Brüdern werden von Schad vorgetragen, durchaus angemessen und mit einem rechten Maß an Realismus, Innenschau und Emotion. Schad ist ein guter Erzähler mit einem Timbre in der Stimme, das mich gefesselt hat.

_Unterm Strich_

Die Wahrheit aufzudecken ist gefährlich. Das müssen die Staatsanwältin und ihre Polizisten immer wieder erfahren, als sie den mysteriösen Fall der toten Eistaucherin lösen wollen. Denn dies geht nur durch das tiefe Graben in der fernen Vergangenheit vor 60 Jahren, als hier in der Ödnis der Bergbaulandschaft um Kiruna deutsche Soldaten und SS-Offiziere Jagd auf norwegische Widerständler und dänische Flüchtlinge machten – unterstützt von schwedischen Kollaborateuren.

Ist dies ein Geheimnis, für das noch heute gemordet werden muss? Rebecka Martinsson will es herausfinden. Doch wer nun einen Thriller nach dem Vorbild von Dan Browns „Meteor“ oder Indridasons „Gletschergrab“ erwartet, ist auf dem Holzweg. Die Autorin Larsson verfügt über ganz andere Stärken und hat ein ganz anderes Interesse als die genannten Herren. Dennoch ist das Finale ebenso spannend und dramatisch.

|Das Hörbuch|

Die Sprecherin Ulrike Grote verleiht den Szenen ihre emotionale Tiefe und erweckt die Figuren zum Leben, indem sie möglichst emotional vorliest. Zum Glück nicht so, dass sie übertrieben wirkt, sondern so, dass sie hinter den Figuren zurücktritt. Nina Petri ist für die realistischen Szenen aus der Gegenwart zuständig, und Stefan Schad nimmt sich des Blickwinkels von Hjalmar Kräkola an.

Diese Aufteilung mag zwar ein wenig teurer als der standardmäßige Einfrau- oder Einmannerzähler gewesen sein, wertet das Hörbuch aber fast schon zu einem Hörspiel auf, denn es gilt ja, verschiedene Rollen zu interpretieren. Ich fand diesen Wechsel fesselnd, denn er hielt ständig meine Aufmerksamkeit wach und hielt mich dazu an, die anderen Blickwinkel zu beurteilen. Eine Geschichte, die sich über 60 Jahre erstreckt, erfährt viele Interpretationen, und das meiste wird verschwiegen. Das Erzählen bedeutet also auch Entdecken. Und das fand ich spannend.

|Originaltitel: Till dess din vrede upphör
Originalverlag: Albert Bonniers Forlag, Stockholm 2008
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gabriele Haefs
301 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-641-1|
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.asa-larsson.de

Mooney, Chris – Secret

_Moderne Kripo-Schutzhelfer: Batman, Maria und Hannibal Lecter_

Als Emma Hale, eine junge Hardvard-Studentin und Millionenerbin, aus Boston verschwindet, fehlt monatelang jede Spur von ihr. Bis ihre Leiche im Charles River entdeckt wird. Nun ist die Studentin Judith Chen nach zwei Monaten des Verschwindens ebenfalls im Wasser gefunden worden. Die Bostoner Polizeipräsidentin weist der Erkennungsdienstlerin Darby McCormick (aus „Victim“) den Fall zu.

Sie und ihr Kollege Tim Bryson geraten schnell auf die Spur eines in Ungnade gefallenen FBI-Profilers. Was weiß er über die psychiatrischen Akten der beiden Mordopfer? Und welche Rolle spielt der schwerreiche und trauernde Vater von Emma Hale? Darby beginnt, Geheimnisse zu lüften, die besser unentdeckt geblieben wären. Da verschwindet schon wieder eine Studentin. Ihre Zeit wird knapp.

_Der Autor_

Chris Mooney, aufgewachsen in Lynn, Massachusetts, ist laut Verlag einer der erfolgreichsten neuen amerikanischen Thrillerautoren. Sein Debütroman „Victim“ sorgte in den USA für großes Aufsehen. Er lebt mit seiner Familie in Boston und hat mit „The Dead Room“ bereits den nächsten Roman um die Ermittlerin Darby McCormick veröffentlicht.

Mehr von Chris Mooney auf |Buchwurm.info|:

[„Victim“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3799
[„Victim“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5226 (Hörbuch)
[„Missing“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5787
[„Missing“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5731 (Hörbuch)

_Die Sprecherin_

Mechthild Großmann wurde 1948 in Münster geboren. Ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Wuppertaler Tanztheater von Pina Bausch und ihre Rollen in R. W. Fassbinders „Berlin, Alexanderplatz“ und Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ machten sie international bekannt. Hierzulande kennt man sie zudem aus dem Westfalen-„Tatort“, wo sie die Staatsanwältin Wilhelmine Klemm spielt. (Verlagsinfo)

Im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg, führte Gabriele Kreis Regie.

_Handlung_

Darby McCormick hat die Narben und Wunden von ihrem letzten Fall (siehe „Victim“) inzwischen verkraftet, sieht sich jedoch Mitte Februar mit einem neuen Fall von Serienmorden konfrontiert. Die reiche Harvard-Studentin Emma Hale, Tochter des Immobilien-Tycoons Jonathan Hale, verschwand im vorigen Herbst, doch erst Monate später fand ihre Leiche angespült im eisigen Charles River. Was war in der Zwischenzeit mit ihr geschehen? Die Polizei hat in ihre edlen Designer-Kleider eingenäht eine kleine Marienstatue gefunden, die den Aufdruck „Unsere Dame der Schmerzen“ trägt. Emma selbst wurde durch einen Pistolenschuss in den Hinterkopf getötet, so als habe der Täter ihr nicht in die Augen sehen können, als er sie ins Jenseits schickte.

Darby wird von der Polizeipräsidentin Bostons beauftragt, ein zweites Ermittlerteam des Erkennungsdienstes zusammenzustellen und mit ihrem Kollegen Tim Bryson zu kooperieren, der bislang nichts zustande gebracht hat. Bryson, so hat Darby erfahren, hat durch Leukämie seine einzige Tochter verloren, und nun bekommt er es mit Jonathan Hale zu tun, der ebenfalls seine einzige Tochter verloren hat. Darby nimmt an, dass die beiden sich gut verstehen werden. Doch Hale ist bislang auf Konfrontationskurs gegangen und hat die Polizei – völlig zu Recht – der Unfähigkeit geziehen. Darby beschließt insgeheim, es besser als Bryson zu machen, auch wenn es diesem wehtut. Sie ahnt nicht, was sie damit in Gang setzt.

|Nr. 2|

Bryson meldet, dass im Hafenbecken die seit Dezember vermisste Studentin Judith Chen tot gefunden worden sei: Schuss in den Hinterkopf, Marienstatue im Hosenbund eingenäht, alles dasselbe Schema. Also ist der Serienmörder wieder auf der Jagd nach einem neuen Opfer.

Durch ihre Kombinationsgabe fällt Darby etwas Ungewöhnliches im Fall Emma Hale auf: Warum trug Emma ihr Platinmedaillon an einer Halskette, als man sie fand, aber nicht, als sie verschwand? Der einzige gültige Schluss: Ihr Entführer und Mörder muss in ihre Wohnung eingebrochen sein, um das Halskettchen zu stehlen. Nach Überwindung aller Barrieren schaut sich Darby Emmas Wohnung an, insbesondere den begehbaren Kleiderschrank, in dem sich die Schmuckschatullen der Millionenerbin befinden. Alles ist unverändert. Da geht das Licht aus.

|Mister X|

Im Dunkel tritt ein ungewöhnlich großer Mann auf Darby zu, die bereits mit ihrer Dienstpistole auf ihn zielt und den Notruf gewählt hat. Friedlich legt er seine Pistole ab und redet mit ihr. Er scheint sie ganz genau zu kennen, was sie verunsichert. Sie bemerkt nun, dass er ungewöhnlich bleich ist und seine Augen völlig schwarz sind, als hätte er keine Iris. Ein echt unheimlicher Typ, findet sie. Da hört sie die Sirenen der herbeigerufenen Streifenbeamten. In diesem Moment der Ablenkung verschwindet der Kerl durchs Fenster und über die Feuerleiter. In seiner zurückgelassenen Pistole findet sich panzerbrechende Munition, die auch kugelsichere Westen durchschlägt. Darby hat großes Glück gehabt.

Die Überwachungsvideos in dem Apartmenthaus Emma Hales geben nichts über den Kerl preis. Und die Ü-Videos von dem Einbrecher, der Emmas Medaillon klaute, hat Jonathan Hale. Bei einem erneuten Einbruch bei Hale verschwinden auch diese Aufnahmen, aber wenigstens kennt Bryson den großen Eindringling, der Darby begegnete. Es handelt sich um Malcolm Fletcher, einen ehemaligen Profiler des FBI, der in einem Serienmordfall in Saugus, Pennsylvania, mit Bryson zusammenarbeitete.

Als Darby und Bryson Hale besuchen, erfahren sie entsetzt, dass dieser private Ermittler und einen Publicity-süchtigen Pathologen, Ali Karim, eingeschaltet hat, weil er der Polizei misstraut. Und Ali Karim hat ihm einen Mann empfohlen, dessen Beschreibung genau auf Malcolm Fletcher passt. Na, prächtig, jetzt pfuschen ihnen auch noch die Privatschnüffler ins Handwerk, murrt Darby. Doch Fletcher erweist sich als hilfreich und schickt ihr ein paar Hinweise. So stößt sie auf ein geschlossenes Psychiatrie-Institut, das für den Abriss vorgesehen ist. In einer der Zellen, in denen Kriminelle untersucht wurden und eingesperrt waren, findet sie eine kleine Marienstatue – und das Foto einer jungen Frau, die hier vor 26 Jahren verschwand: Jennifer Sanders. Reicht die Mordserie etwa schon derart lange zurück?

|Nr. 3|

Hannah Givens hätte nie zu ihrem Entführer ins Auto steigen sollen, aber es herrschte Schneesturm in Boston und sie war froh über eine Mitfahrgelegenheit. Und schließlich ist er ja ein Kommilitone, oder? Allerdings befindet sie sich nun an einem unbekannten Ort in einer Art Gefängniszelle. Sie erinnert sich, wie er ihren Kopf auf das Armaturenbrett gestoßen und sie dann mit Chloroform betäubt hat. Sie mag ihn kaum ansehen, denn sein Gesicht ist von Brandwunden übersät und nur ein Auge sichtbar. Seine linke Hand ist zu einer Art Klaue verkrümmt. Kein Wunder, dass er sie selbst auch nicht ansehen mag.

Er beteuert, dass er sie liebe und sich um sie kümmern werde. Doch auf dem Fenstersims steht eine kleine Marienstatue. Die Mutter der Schmerzen hat die Arme ausgebreitet, als wolle sie Hannah Givens trösten …

_Mein Eindruck_

Religiös motivierte Serienmörder gibt es mittlerweile jede Menge, aber was in letzter Zeit zu uns herüberschwappt, sind Romane über katholisch inspirierte Serienmörder. Man sehe sich nur Joathan Hayes „Martyrium“ an oder auch Richard Montanaris Rosenkranz-Killer in [„Crucifix“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2818 Offenbar haben die Amerikaner, insbesondere die neuenglischen Protestanten, ein Problem mit den Katholiken. Es ist ja auch einfach, ein paar Mysterien („Sakramente“) des Katholizimus herzunehmen und sie so zu verunstalten, dass sie wie antirationale, heidnische Rituale aussehen – je verzerrter, desto besser.

|Gottesmutter|

Diesmal ist die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, an der Reihe, zu einer Phantasmagorie eines Geisteskranken umfunktioniert zu werden. Denn Walter Smith, Hannahs Entführer, ist eindeutig paranoid und schizophren. Er redet mit Maria, seiner Schutzheiligen, und sie hilft ihm sogar, perfide Pläne zu schmieden, um seinen Verfolgern zu entkommen. Wäre der arme Walter, der wegen seines verbrannten Gesichts nie eine Frau auf normale Weise bekommen könnte, ein zweiter Hannibal Lecter, dann einer, der einen direkten Draht zum Himmel hat. Wer sich mit ihm anlegt, muss schon eine Art Drachentöter sein.

|Der Henker|

Und der tritt denn auch auf. Allerdings ist es einer, der sich außerhalb des Gesetzes stellt und Walter der Selbstjustiz der rachsüchtigen Menschen ausliefert, hier also Emmas Hales Vater. Das ist gerade so, als wäre Hannibal Lecter in „Roter Drache“ von der Leine (man denke an die Verfilmung) gelassen worden, um den gesuchten Täter zu apportieren. Er spielt in diesem Szenario einen Henker, der wie weiland Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld wäscht. Soll doch Hale die Drecksarbeit machen.

|Selbstjustiz|

Malcolm Fletcher bewegt sich zwar im Halbdunkel, ist aber moralisch um einige Grade besser als Lecter, besonders dann, wenn er Darby, seiner speziellen „Freundin“, ähnlich wie Lecter der Agentin Clarice Starling die wertvollen Hinweise gibt, die sie zum Ziel führen. Fletcher scheint kein Problem mit Selbstjustiz zu haben, Darby aber schon. Allein schon von Berufs wegen. Sie redet Hale sogar ins Gewissen, die Finger von Selbstjustiz zu lassen, aber natürlich ohne eine Wirkung zu erzielen.

|Weiß und Schwarz|

Na, wer Helfer wie diesen Batman-Verschnitt namens Malcom Fletcher hat, der braucht auf Ärger nicht lange zu warten. Deshalb treiben Darby und Fletcher Tim Bryson in die Enge, der unerwartet viel Dreck am Stecken hat. Wie in einem klassischen Superhelden-Comic stellt nicht Bryson den Bösewicht, sondern dieser den Polizisten.

In einer Umkehrung der moralischen Wertigkeit wird aus dem gerechten Verfolger Bryson ein Bösewicht, der durch einen fiesen Winkelzug dazu beitrug, dass vor 26 Jahren eine Krankenschwester starb und Walter Smith seinen mörderischen Beutezug beginnen konnte. Doch nichts ist schwarz oder weiß, und so wird auch Brysons Missetat durch seine Zwangslage, seiner krebskranken Tochter helfen zu wollen, als entschuldbar hingestellt. Das ist sie aber keineswegs, schließlich geht es um Unterschlagung von Beweismitteln.

|Kirche 2.0|

Die Handlungsfäden scheinen im Mittelteil weniger im Polizeirevier und den Labors zusammenzulaufen, sondern vielmehr in jenem romantisch verfallenen Sanatorium, das abwechselnd als Kirkland und Sinclair-Institut tituliert wird. Es ist ein malerisches Labyrinth mit einem Verhau von Verstecken, ideal für lichtscheue Gestalten wie Walter Smith. Der Erzähler erwähnt ausdrücklich den Film [„Creepers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3093 als Story, die hier ihren Schauplatz haben soll. Vielleicht ist wirklich David Morrells spannender Thriller gemeint.

Wichtiger ist jedoch, dass in diesem neogotischen Bau aus einem Schauerroman des 19. Jahrhunderts sich ein Ort befindet, der für den früheren Psychiatrie-Insassen Walter Smith von ganz zentraler Bedeutung ist: die Marienkapelle. Hier kann der Geisteskranke ungestört zu seiner Behüterin sprechen, und sie antwortet ihm sanft und liebevoll. Liebe, die er all sein Leben vermissen musste.

Dieser Ort der katholischen Heiligenverehrung macht das psychiatrische Sanatorium zu einer Kirche der Neuzeit, allerdings zu einem Zerrbild: Kirche 2.0. Eigentlich fehlen in diesem Szenario nur noch pädophile Priester, wie sie in den USA und Kanada bereits angeklagt worden sind. Der Papst musste sich für deren Taten entschuldigen. Walter Smith lässt sich als missratener Priester Marias betrachten, der das Zölibat missachtet und so zu einem Peiniger junger Frauen wird. Allenthalben stößt man in diesem Roman auf Katholikenphobie. Das macht ihn für mich zu einem minderwertigen Buch.

|Die Sprecherin|

Mechthild Großmann hat eine – für eine Frau – sehr tiefe Stimme, die allerdings ein wenig sanfter als die eines Mannes klingt. Die tiefe Stimme verleiht ihr die nötige Autorität, um Iris Böhm würdig vertreten zu können, die bislang auf harte Thriller abonniert gewesen ist (Karin Slaughter, Jiliane Hoffman und auch Mooneys „Victim“). Die Autorität ist deshalb notwendig, weil die Darstellungen doch ziemlich hart sind und man sie einem Weichei einfach nicht abnehmen würde.

Die männlichen Figuren stellt sie stimmlich also ohne Probleme dar, und ein wenig „australischer“ Akzent in der Sprechweise von Malcolm Fletcher hilft dem Hörer, ihn sofort erkennen zu können. Was an einem amerikanisch gerollten R allerdings australisch sein soll, müsste ich erst einmal vor Ort nachprüfen. Wer schenkt mir ein Ticket nach Sydney?

Weibliche Figuren fallen der Sprecherin erwartungsgemäß schwerer. Die Stimmlage für die Sätze von Darby ist nur unwesentlich höher als etwa bei Bryson. Aber es gibt einen Vorteil: Weibliche Figuren dürfen sehr viel emotionaler sein, und so schluchzen und jammern und klagen die Damen eine nach der anderen. Einzige Ausnahme: Darby McCormick.

Zwischen diesen beiden Welten steht der geisteskranke Walter Smith, der auf seine Freundin Maria hört. Er greint, fleht, jammert und nuschelt zum Steinerweichen – wahrlich eine arme Sau. Denn er ist dabei, das Einzige zu verlieren, was ihm etwas bedeutet: die Verbindung zu Maria. Die Kripo, von Darby angeleitet, hat ihm in der Marienkapelle eine Falle gestellt, und nun ist ihm auch dieser Ort verleidet und unzugänglich. Obendrein hat Maria hat auch noch einen besonderen Wunsch, sozusagen für Hannahs würdevollen Abgang. Doch wenn es drauf ankommt, erweist sich Walter als höchst fähiger Killer – genau wie der „Rote Drache“ bei Thomas Harris.

_Unterm Strich_

Wie man sieht, sind die Grundideen dieses Thrillers alle bereits sattsam bekannt und werden nun noch einmal neu arrangiert. Auch die zentrale Gestalt des zwielichtigen, heimlichen Helfers ist so neu nicht, wenn man sich mal den aktuellen Batman-Film „The Dark Knight“ anschaut. Mit dem Unterschied allerdings, dass Batman, dieser Kämpfer der Gerechtigkeit, niemals einen Fall von Selbstjustiz zulassen, sondern den Übeltäter stets der Polizei übergeben würde.

Was ich zunehmend schwerer goutierbar finde, ist der beobachtbare Katholizismus in den modernen Thrillern. Ist dies nur ein schicke Zutat der Autoren, um jene Zielgruppe anzuziehen, die auf Dan Browns Machwerke abfuhr?

Oder steckt eine neue, lukrativ ausbeutbare Phobie vor dem ganzen mystischen Zinnober der katholischen Ritualen und Mysterien dahinter? Vielleicht sollen ja auch Katholiken selbst einen neuen Kick daraus ziehen, dass ihre Gottesmutter einem Serienmörder als himmlische Lenkerin dient. Nichts ist zu pervers und verdreht, um es nicht doch zwischen zwei Buchdeckel pressen (oder im Internet veröffentlichen) zu können.

|Das Hörbuch|

Mechthild Großmann gestaltet den Dialog der zahlreichen Figuren lebendig und mit Emotion, allerdings hält sie sich in ihrer Rolle als Erzählerin auch entsprechend zurück. Emotion gibt es nur in den Dialogen, und in so mancher dramatischen Szene gibt es mehr als genug Emotionen. Ich fand, sie machte ihre Sache gut. Über sprachliche Seltsamkeiten wie Fletchers Akzent konnte ich nach einer Weile durchaus hinwegsehen bzw. hinweghören, was es wohl besser trifft.

|Originaltitel: The secret friend, 2008
Aus dem US-Englischen übersetzt von Michael Windgassen
317 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-620-6|
http://www.hoerbuch-hamburg.de

Jules Verne – Die Jagd nach dem Meteor (Lesung)

Satirisch: der Fang des Goldmeteors

Ein Meteor, aus reinem Gold nähert sich der Erde. Ein Wettrennen aller Staaten und Mächte nach diesem Wertobjekt setzt ein. Der geniale Privatmann Xirdal aber hält den Trumpf in der Hand: Er konstruiert einen Apparat, mit dem er den Meteor lenken kann. Und er lenkt ihn auf ein zuvor gekauftes Stückchen Land. Truppen rücken an, gesteuert von der Macht und Goldgier ihrer Befehlshaber. Ob das wohl gut geht?

Der Autor

Jules-Gabriel Verne, in Deutschland anfänglich Julius Verne (* 8. Februar 1828 in Nantes; † 24. März 1905 in Amiens), war ein französischer Schriftsteller. Er wurde vor allem durch seine Romane „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1864), „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1869–1870) sowie „Reise um die Erde in 80 Tagen“ (1873) bekannt. Neben Hugo Gernsback, Kurd Laßwitz und H. G. Wells gilt Jules Verne als einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur. (Wikipedia.de)

Mit „Die Eissphinx“ schrieb er eine Fortsetzung von E. A. Poes Horrorerzählung „The Narrative of Arthur Gordon Pym„. Sein erster Zukunftsroman „Paris im 20. Jahrhundert“ lag lange Zeit verschollen in einem Tresor und wurde erst 1994 veröffentlicht. Die Lektüre lohnt sich, auch wegen der erhellenden Erläuterungen der Herausgeberin. „Die Jagd nach dem Meteor“ erschien ebenfalls erst nach Vernes Tod (siehe unten).

Der Sprecher

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Auffällig ist sein Engagement für Werke, in denen Jungs und Mädchen auf ungewöhnlichen Wegen ihre Identität suchen und finden. Dazu gehören „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell sowie [„Die Mitte der Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=804 von Andreas Steinhöfel, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Auch Eoin Colfers jugendlichen Helden Artemis Fowl sowie die beinahe ebenbürtige Meg Finn hat er uns bereits zu Gehör gebracht.

Rufus Beck liest die ungekürzte Fassung, die dennoch lediglich drei Stunden lang ist.

Handlung

Die meiste Zeit spielt die Handlung in der braven Stadt Weston im US-Bundesstaat Virginia. Das genaue Jahr ist unbestimmt, doch es gibt einen kleinen Hinweis: Die US-Flagge hat zu diesem Zeitpunkt nur 43 Sterne statt der heutigen 50. Und es ist Frühling. März, um genau zu sein.

Prolog

Obwohl es wenig zur Haupthandlung beiträgt, sei doch erwähnt, dass die Geschichte mit einer Blitztrauung beginnt. Miss Arcadia Walker, 24 und ebenso schön wie wohlhabend, heiratet Seth Stanford, einen Globetrotter, und zwar vor dem Haus des ehrenwerten Friedensrichters John Proth – zu Pferde. Will heißen, keiner der beiden Brautleute fühlt sich bemüßigt, vom Ross zu steigen. Im Pferdeland Virginia werden diese Dinge eben pragmatisch erledigt. Es kann aber auch ganz anders laufen. Im späteren Verlauf der Handlung begegnen wir den beiden wieder, so etwa bei ihrer – ebenso rasch erledigten – Scheidung. Richter John Proth fällt eine wichtige Rolle im nun folgenden Drama zu.

Die Entdeckung des Meteors

Das bis dato noch friedliche Weston beherbergt zwei Hobbyastronomen: Dean Forsyte, 45, und Dr. Sidney Huddleson. Forsytes Neffe Francis Gordon gedenkt am 18. Mai die hübsche Jenny, Huddlesons Tochter, zur Frau zu nehmen. Durch die Ereignisse an und nach diesem 16. März scheint sich dieses freudige Ereignis jedoch in ernster Gefahr zu befinden, niemals stattfinden zu können. Morgens um sieben beobachten die beiden Astronomen unabhängig voneinander einen Meteor, der die Erde umkreist.

Nach dieser epochalen Beobachtung gehen dem Direktor der Sternwarte von Pittsburgh am 24. März zwei Briefe beinahe identischen Inhalts zu: Sowohl Forsyte als auch Huddleson beanspruchen das Recht, den Meteor entdeckt zu haben, jeweils für sich. Diese Tatsache ist auch umgehend Gegenstand eines Artikels in der Lokalzeitung Westons. Noch bleibt alles friedlich, wenn sich auch die beiden Entdecker nicht mehr grün sind. Schon bald macht sich die Satirezeitschrift „Punch“ über ihren Ruhmeseifer lustig.

Goldrausch

Die Lage ändert sich, als die Sternwarte von Paris in alle Welt hinausposaunt, der gesichtete Meteor bestehe aus purem Gold. Natürlich nicht in geschmolzener Form, sondern durchsetzt mit Löchern und Rissen. Zunächst schätzen die Amateure einen falschen Durchmesser, doch dann entscheidet Pittsburgh: Wenn die Masse des Himmelskörpers 1,867 Mio. Tonnen beträgt, so liegt sein Goldwert bei nicht weniger als 5,8 Trillionen Dollar!

Milliardäre

Sofort erklären sich Forsythe und Huddleson zum Besitzer des Meteors und zu Multimilliardären. Wäre die Bevölkerung von Weston nicht schon längst in zwei Parteien zerfallen, spätestens jetzt gingen der Streit und die Schlägereien los. Wenigstens kommt keiner der beiden an das Gold heran, sonst wäre alles noch viel schlimmer. Aber jeder fragt sich jetzt: Wo wird der Meteor abstürzen? Der eine sagt: Japan, der andere sagt: Patagonien. Die Sternwarte Boston mischt sich ein und sagt: Alles Blödsinn! Für die Besitzansprüche der Astronomen auf noch nicht abgestürzte Flugkörper erklärt sich das Westoner Gericht unter dem wackeren Richter John Proth nicht zuständig.

Unerhörte Tricks

In Paris gibt es einen wohlhabenden jungen Erfinder namens Zehyrine Xirdal, der nicht nur ein Genie ist, sondern auch beste Beziehungen zur Bank seines „Onkels“ Monsieur Lecoeur unterhält, welchselbiger die Ehre hat, sein Geld verwalten zu dürfen. Nachdem er aus der Zeitung vom Meteor erfahren hat, fordert Xirdal vom Onkel 10.000 Francs und ein Grundstück. Und wo, bitteschön? Dort, wo der Meteor abstürzen wird. Woher er diesen Punkt bereits kenne? Xirdal antwortet: Ich werde es so einrichten.

Gesagt, getan. Xirdal baut ein mysteröses Maschinchen, das der Banker nicht versteht, aber das dennoch seinen Zweck erfüllt: Durch bis dato unbekannte Gravitationsstrahlen gelingt es Xirdal, die Bahn des Meteors nach seinen Wünschen abzulenken. Dadurch gerät der Leiter der Sternwarte Boston, der ansonsten so reputierliche Mr. J.B.R. Loewenthal, schwer in die Bredouille, denn alle seine Berechnungen und Voraussagen erweisen sich plötzlich als Makulatur.

Huddleson und Forsyte sehen sich veranlasst, ihre angebrochenen Reisen nach Japan und Patagonien abzubrechen und heimzukehren. An die Hochzeit von Francis und Jenny ist natürlich nicht mehr zu denken: König Chaos regiert. Aber noch lassen die Verlobten die Hoffnung nicht fahren, denn irgendwann MUSS der Meteor doch fallen, oder?

Der Tag des Absturzes

Unterdessen ist eine internationale Konferenz einberufen worden, die entscheiden soll, wie mit dem zu erwartenden Goldsegen zu verfahren sei. Xirdal schickt den Diplomaten zwar ein Telegramm, er sei der Besitzer des Meteor, doch vergesslich, wie er ist, unterlässt er es, seinen Namen darunterzusetzen. Es wird nicht weiter beachtet. Da verkündet Boston, der Meteor werden etwa am 19. August bei Uppernarvik in Westgrönland niedergehen. Dänemark, die Kolonialmacht Grönlands, jubelt und entsendet als Bevollmächtigten Erich von Schnack ins Polargebiet.

Innerhalb weniger Wochen findet sich trotz schneidender Kälte rund 3000 Ausländer in dem kleinen Städtchen ein. Sie erleben eine Überraschung: Uppernarvik liegt auf einer Insel und ist ringsum von Meer umgeben, das bis in eine Tiefe von 2000 bis 3000 Metern reicht. Was, wenn der himmlische Goldklumpen ins Wasser fiele? Huddleson, Forsyte und alle Abenteurer, die sich hier eingefunden haben, beginnen nervös und trotz der Kälte zu schwitzen.

Doch sie bleiben nicht lange allein. Nach dem Absturz des Meteors um exakt 6:57:35 Uhr am 19.8. finden sich unvermittelt mehrere Kriegsschiffe aller wichtigen Nationen des Erdballs ein. Da wird Herr von Schnack viel protestieren müssen. Doch man stelle sich seine Überraschung vor, als er mit einer Horde von 3000 Neugierigen (darunter den Erstentdeckern) durch Eis, Wind und Schnee zur Absturzstelle eilt – und von einem Drahtzaun gestoppt wird, auf dem ein Schild prangt: „Privatgrundstück! Zutritt verboten!“

Mein Eindruck

„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles!“ Mit diesem Goethevers ließe sich die Handlung, die Verne in einem seiner letzten Romane ausgearbeitet hat, im Groben umschreiben. Es ist nicht nur eine Kritik an der verbreiteten Gier nach materialistischer Werten. Verne starb 1905, als sich die Nationalstaaten nicht nur Westeuropas so ziemlich den ganzen Rest der Welt angeeignet hatten. Nur noch neun Jahre bis zum großen Knall, dem Ersten Weltkrieg. Der Roman lässt sich als Warnung auffassen.

Was Verne voraussah, waren der Zank um den Besitz fremder Menschen, Völker oder Länder, der sich im Zuge des Kolonialismus über die ganze Welt ausgebreitet hatte. Überall sah er Zwist statt Einigkeit, sogar auf den internationalen Konferenzen, von denen er eine in seinem Roman stattfinden lässt und die ergebnislos im Sande verläuft, da die Teilnehmer hoffnungslos zerstritten sind.

Die Parabel

Er braucht für seine warnende Parabel nur noch zwei Faktoren: ein Ding von ungeheurem Wert und jemanden, der es sich zu beschaffen weiß. Schon geht das schönste Wettrennen los, wie es die Welt anlässlich des Goldrausches in Alaska anno 1890 erlebt hatte. Und was, wenn sich jemand diesen Reichtum mit Hilfe einer genialen Erfindung unter den Nagel reißen könnte? Würde er mit seinem Fang glücklich werden?

Es lebe der Kapitalismus!

Na ja, wenn nicht Xirdal selbst, so doch zumindest sein findiger Onkel, der Bankier, der die Aktienmärkte zu manipulieren weiß wie kein zweiter. Schon damals also sah Verne die virtuellen Werte, die die Aktien darstellen, beziehungsweise die entsprechenden Insiderinformationen als eine Gefahr für die Weltwirtschaft an. 24 Jahre nach seinem Tod kam der große Börsenkrach an der Wall Street und ließ seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden.

Untergang des Mikrokosmos

Dies ist der Makrokosmos, doch der Mikrokosmos eines Gemeinwesens wie Weston kann ebenso in Mitleidenschaft gezogen werden. Der Astronomenstreit spaltet die Stadt ebenso wie die Familien und lässt Francis‘ und Jennys Vermählung zunehmend unwahrscheinlich erscheinen. Auf einmal ist die private Zukunft unmittelbar gefährdet: Es ist eine andere Art von Krieg, die hier stattfindet, die aber dennoch eine klare Folge hat: Zwar nicht den Tod von Menschen (noch ist niemand bei den Schlägereien zu Tode gekommen), aber zumindest das Ausbleiben von Nachwuchs. Und was wird dann aus den Alten?

Die Figuren

Sprachlich ist der Text recht einfach gehalten, er weicht auch in Sachen Charakterisierung nicht von Vernes Methode ab, seine Figuren kurz und knapp zu definieren (es fehlen nur noch die Playmate-Maße von Jenny Huddleson und Arcadia Walker). Aber durchweg ist Vernes geradezu sarkastischer Humor zu spüren, wenn er die Figuren einem Wechselbad von Gefühlen aussetzt. Jenny und ihre Schwester weinen „Wasserfälle“, und selbstredend raufen sich die Entdecker die ergrauenden Haare. Es geht sehr emotional zu, besonders als sich die Entdecker dem Objekt ihrer Begierden und Träume selbst gegenübersehen und ob der glühenden Hitze des Meteoriten schier verzweifeln.

Im völligen Kontrast dazu steht der verantwortungslose junge Erfinder Xirdal. Schon sein säuselnder Vorname Zephyrine erinnert an den antiken Südwind Zephyr und beschreibt den moralischen Ernst seiner Lebensauffassung genau. Als ihn ein Kumpel zu einem Strandurlaub einlädt, überlegt Xirdal nicht lange und sagt zu. Er macht sich einen faulen Lenz, während sich die restliche Welt im freien Fall Richtung Chaos befindet. Dass er obendrein vergesslich ist, überrascht uns nicht.

Kritisiert Verne in Xirdals Figur die Fin-de-siècle-Stimmung seiner Zeit: das Dandytum, die Sorglosigkeit, den Tanz auf dem Vulkan? Es erscheint nicht unwahrscheinlich. Leider gibt es keine moralische Instanz, die Xirdal in die Hand fällt. Denn Richter Proth weilt fern von Grönland und Paris.

Der Sprecher

Rufus Beck macht sich mal wieder einen Spaß daraus, die Figuren durch ihre Sprechweise zu charakterisieren – je kurioser sie sich ausdrücken, desto schöner. Denn dies ist immer noch ein Jugendbuch, wohlgemerkt, und so sollen auch Jugendliche ab zwölf Jahren ihre Freude daran haben. Der Vortrag darf nicht monoton und dröge sein, sondern muss ihre Aufmerksamkeit fesseln.

Denn wenn man’s recht bedenkt, so passiert in der Tat nicht allzu viel Action. Die Zusammenhänge und Reaktionen sind daher deutlich darzustellen, um ihre Signifikanz hervorzuheben: Wieso sollten Zeitungsberichte oder Bulletins von irgendwelchen Sternwarten wichtig sein? Game-Junkies wissen mit so etwas wohl nur wenig anzufangen, wohl aber hoffentlich Leute, die etwas für Bücher übrig haben, und nicht nur für Bücher: für das gedruckte Wort überhaupt.

Diesen jungen Bücherfreunden kommt Becks Vortrag entgegen. Und wenn es sich um Fans der Geschichten des Jules Verne handelt – umso besser. Man vermag sich anhand Becks Darstellung plastisch vorzustellen, wie flatterhaft das Wesen von Z. Xirdal ist, wie ernsthaft und jähzornig der Charakter von Dean Forsyte, wie hochnäsig die ehrenwerte Miss Arcadia Walker dahergeritten kommt und wie charmant ihr Noch-Ehemann, der unstete Tausendsassa Seth Stanford. Da loben wir uns doch den standhaften Richter John Proth, der für Recht und Ordnung sorgt, nicht nur in Weston, sondern auch in seinem Garten.

Unterm Strich

Auch eine warnende Parabel wie „Die Jagd nach dem Meteor“ kann Spaß machen, wenn sie richtig erzählt und dargeboten wird. Für Vernes Oevre ist dieser Roman ja nicht gerade der erste Versuch, einen Weltherrscher in spe zu porträtieren. Neu ist hingegen, dass dieser potentielle Weltherrscher, nämlich Z. Xirdal, ein verspielter, vergesslicher junger Mann ist, dem jegliches Verantwortungsbewusstsein abgeht.

Auch der Grund, warum er den Zankapfel, nach dem alle Welt giert, aus eben dieser Welt schafft, passt genau zu ihm: Es ist ihm zu viel Stress und davon hat er bald die Nase voll. Er lebt nach dem Lustprinzip und kennt keine Pflicht. Das Gold ist ihm schnuppe, denn er braucht es nicht, lebt er doch vom Erbe seiner Vorfahren. Er wollte nur zeigen, dass er ein Genie ist. Dumm nur, dass genau dieser Punkt niemanden zu interessieren scheint. Die Welt, sie ist nun mal undankbar.

Rufus Becks Vortrag charakterisiert nicht nur Xirdal genau, sondern auch viele andere Figuren, allen voran die beiden Streithähne Forsyte und Huddleson. Obwohl die Action sich stark in Grenzen hält, macht das Hörbuch dank seiner Vortragskunst Spaß. Der einzige Punkt, der mich erheblich stört, ist der hohe Preis für 180 Minuten Hörbuch. Bei anderen Verlagen bekommt man für 24 Euronen doppelt so viel Sprechzeit.

Werksverzeichnis: Romane

Joyeuses Misères de trois voyageurs en Scandinavie (Romanfragment). 1861
Die fröhlichen Leiden dreier Reisender in Skandinavien. 2020
Cinq Semaines en ballon. 1863
Fünf Wochen im Ballon. 1875
Voyage au centre de la Terre. 1864
Die Reise zum Mittelpunkt der Erde. 1873
De la Terre à la Lune, trajet direct en 97 heures 20 minutes. 1865
Von der Erde zum Mond. 1873
Voyages et Aventures du capitaine Hatteras. 1866
Abenteuer des Kapitän Hatteras. 1875
Les Enfants du capitaine Grant. 1867 und 1868
Die Kinder des Kapitän Grant. 1875
Vingt mille lieues sous les mers. 1869 und 1870
Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer. 1874
Autour de la Lune. 1870
Reise um den Mond. 1873
Une ville flottante. 1871
Eine schwimmende Stadt. 1875
Aventures de trois Russes et de trois Anglais dans l’Afrique australe. 1872
Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Südafrika. 1875
Le Pays des fourrures. 1873
Das Land der Pelze. 1875
Le Tour du monde en quatre-vingts jours. 1873
Reise um die Erde in 80 Tagen. 1873
L’Île mystérieuse. 1874 und 1875
Die geheimnisvolle Insel. 1875 und 1876
Le Chancellor. 1875
Der Chancellor. 1875
Michel Strogoff. 1876
Der Kurier des Zaren. 1876
Hector Servadac. 1877
Reise durch die Sonnenwelt. 1878
Les Indes noires. 1877
Die Stadt unter der Erde. 1878
Un capitaine de quinze ans. 1878
Ein Kapitän von 15 Jahren. 1879
Les Cinq Cents Millions de la Bégum. 1879
Die 500 Millionen der Begum. 1880
Les Tribulations d’un Chinois en Chine. 1879
Die Leiden eines Chinesen in China. 1880
La Maison à vapeur. 1880
Das Dampfhaus. 1881
La Jangada. Huit cents lieues sur l’Amazone. 1881
Die „Jangada“. 1882
L’École des Robinsons. 1882
Die Schule der Robinsons. 1885
Le Rayon-vert. 1882
Der grüne Strahl. 1885
Kéraban-le-têtu. 1883
Keraban der Starrkopf. 1885
L’Étoile du sud. 1884
Der Südstern oder Das Land der Diamanten. 1886
L’Archipel en feu. 1884
Der Archipel in Flammen. 1886
Mathias Sandorf. 1885
Mathias Sandorf. 1887
Un billet de loterie. 1886
Ein Lotterie-Los. 1887
Robur-le-conquérant. 1886
Robur der Sieger. 1887
Le Chemin de France. 1887
Der Weg nach Frankreich. 2012
Nord contre Sud. 1887
Nord gegen Süd. 1888
Deux ans de vacances. 1888
Zwei Jahre Ferien. 1889
Famille-sans-nom. 1889
Die Familie ohne Namen. 1891
Sans dessus-dessous. 1889
Kein Durcheinander – auch bekannt unter: Alles in Ordnung und Der Schuss am Kilimandscharo. 1891
César Cascabel. 1890
Cäsar Cascabel. 1891
Mistress Branican. 1891
Mistress Branican. 1891
Le Château des Carpathes. 1892
Das Karpatenschloss. 1893
Claudius Bombarnac. 1892
Claudius Bombarnac. 1893
P’tit-bonhomme. 1893
Der Findling. 1894
Mirifiques Aventures de Maître Antifer. 1894
Meister Antifers wunderbare Abenteuer. 1894
L’Île à hélice. 1895
Die Propellerinsel. 1895
Face au drapeau. 1896
Vor der Flagge des Vaterlandes. 1896
bekannter unter dem Titel Die Erfindung des Verderbens.
Clovis Dardentor. 1896
Clovis Dardentor. 1896
Le Sphinx des glaces. 1897
Die Eissphinx. 1897
Le Superbe Orénoque. 1898
Der stolze Orinoco. 1898
Le Testament d’un excentrique. 1899
Das Testament eines Exzentrischen. 1899
Seconde Patrie. 1900
Das zweite Vaterland. 1901
als Fortsetzung der Robinsonade Der Schweizerische Robinson von Johann David Wyss geschrieben.
Le Village aérien. 1901
Das Dorf in den Lüften. 1901
Les Histoires de Jean-Marie Cabidoulin. 1901
Die Historien von Jean-Marie Cabidoulin. 1901
Les Frères Kip. 1902
Die Gebrüder Kip 1903
Bourses de voyage. 1903
Reisestipendien. 1903
Un drame en Livonie. 1904
Ein Drama in Livland. 1904
Maître-du-monde. 1904
Der Herr der Welt. 1904
L’Invasion de la mer. 1905
Der Einbruch des Meeres. 1905

Die folgenden Werke aus dem Nachlass Jules Vernes wurden von seinem Sohn Michel Verne mehr oder weniger stark überarbeitet und veröffentlicht:

Le Phare du bout du monde. 1906
Der Leuchtturm am Ende der Welt. 1906
Le Volcan d’or. 1906
Der Goldvulkan. 1906
L’Agence Thompson and Co. 1907
Das Reisebüro Thompson & Co. 1907
La Chasse au météore. 1908
Die Jagd nach dem Meteor. 1908
Le Pilote du Danube. 1908
Der Pilot von der Donau. 1908
Les Naufragés du Jonathan. 1909
Die Schiffbrüchigen der „Jonathan“. 1909
Le Secret de Wilhelm Storitz. 1910
Wilhelm Storitz’ Geheimnis. 1910
Hier et demain. 1910
Gestern und morgen. 1910
Ein Sammelband, der mehrere der Kurzgeschichten enthält.
L’Etonnante Aventure de la mission Barsac. 1919, geschrieben von Michel Verne
Das erstaunliche Abenteuer der Expedition Barsac. 1978

Ebenfalls aus dem Nachlass Jules Vernes stammen folgende Werke:

Voyage à reculons en Angleterre et Écosse. 1859 bis 1860 geschrieben, 1989 veröffentlicht
Reise mit Hindernissen nach England und Schottland, 1997
L’Oncle Robinson. etwa um 1870 bis 1871 geschrieben, 1991 als Fragment veröffentlicht
Onkel Robinson
Paris au 20e siècle. 1863 geschrieben, 1994
Paris im 20. Jahrhundert. 1996

(Quelle: Wikipedia.de; zu fast allen diesen Titel bitet die Wikipedia eine Inhaltsangabe!)

|181 Minuten auf 3 CDs
übersetzt von Stefan Reisner|

Schenkel, Andrea Maria – Kalteis. Das Hörspiel

_Geheime Reichssache: der Frauenmörder Kalteis_

Anfang der 1930er Jahre werden junge Frauen vergewaltigt und umgebracht. Josef Kalteis ist verhaftet worden, aber gehen wirklich alle Verbrechen auf sein Konto? In diesem Hörspiel kommen Täter wie Opfer zu Wort. Es basiert auf einem authentischen Fall. Josef Kalteis alias Johann Eichhorn wurde von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt, alle Akten zur Geheimen Verschlusssache erklärt.

_Die Autorin_

Andrea Maria Schenkel, 1962 geboren, ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Regensburg. Für ihren Bestseller „Tannöd“ erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis 2007. Die Lesung von Monica Bleibtreu wurde mit dem Dt. Hörbuchpreis 2007 ausgezeichnet. Der Roman wird zur Zeit verfilmt. Inzwischen ist ihr dritter Roman „Bunker“ erschienen, auch als Hörbuch.

Andrea Maria Schenkel auf |Buchwurm.info|:

[„Tannöd“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4057 (Hörspiel)
[„Tannöd“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2348 (Buchausgabe)

_Die Inszenierung_

|Die Rollen und ihre Sprecher|

Kathie: Laura Maire
Hofmann, Passantin: Andrea-Marie Wildner
Kathie als Kind: Linda Marie Schenkel
Kalteis: Ulrich Noethen
Und weitere.

|Der Regisseur und Bearbeiter|

Norbert Schaeffer, geboren 1949 in Saarbrücken, ist ein renommierter Hörspielregisseur. Er studierte Germanistik, Soziologe und Politologie. 1979 bis 1981 machte er eine Ausbildung zum Rundfunkjournalisten beim Saarländischen Rundfunk und arbeitete schließlich als Regieassistent. Von 1984 bis 2006 war er als freier Regisseur und Bearbeiter tätig. Seit März 2006 ist er Leiter der Hörspielabteilung des NDR in Hamburg. Hier hat er u. a. „Schnee“ von Orhan Pamuk und „Tannöd“ inszeniert.

|Die Musik| trug wie bei „Tannöd“ wieder Martina Eisenreich bei.

_Handlung_

Es ist der 29. Oktober 1939. Der Volksdeutsche Josef Kalteis wird zum Volksschädling erklärt und nicht begnadigt, also zum Tode verurteilt. Weil der Angeklagte ein Mitglied der NSDAP ist, wird die Prozessakte zur Geheimen Reichssache erklärt. Damit findet ein langes Verfahren seinen Abschluss. Aber hat man den Richtigen verurteilt?

Josef Kalteis gibt im Februar 1939 vorm Staatsanwalt zu Protokoll, er sei seit 1937 mit Walburga Pfafflinger verheiratet und habe mit ihr zwei Söhne, die mit ihnen in Aubing wohnen. Er arbeite als Rangierer bei der Bahn. Er sei aber kein Kostverächter, sondern schaue schon mal auch andere Frauen an, so etwa in bestimmten Gasthäusern. Die Schwarzhaarigen mit einem breiten Hintern mochte er am liebsten. Und er hat auch eine Methode, sie zu behandeln …

Seine Frau hat er erst nach der zweiten Schwangerschaft geheiratet, um Unterhaltszahlungen zu vermeiden. Auf die Behauptung, er habe seine Frau geschlagen, leugnet der Angeklagte erst, dann gibt er es zu. 1938 war er in Obermenzing bei München beim Schlachten einer Sau. Er kann alle Handgriffe kann genau beschreiben und erklären sowie Tipps geben.

Anwohner bemerken, wie ein Pärchen im Schnee liegt, wenig später kommt die Frau zur Tür getorkelt und erklärt, sie sei vergewaltigt worden. Die Anwohnerin radelt dem Kerl nach, doch er versteckt sich hinter einem Gartnhaus. Frau Schreiber stellt ihn zur Rede, aber er läuft davon. Sie radelt ihm hartnäckig weiter nach, aber er hört nicht zu. Nur der Gastwirt Schmied eilt ihm nach und verfolgt ihn über die Felder. Kalteis erinnert sich an ein Mädchen auf dem Gehweg vor Aubing, seinem Wohnort. Er packte es, aber an den Rest will er sich nicht mehr erinnern können. Zwei Frau verfolgten ihn, so viel weiß er noch, und dass ihn auf den Wiesen die Gendarmen festgenommen haben.

|Ein Opfer?|

Am Samstag, den 3. Oktober 1931, bricht Kathi Hertl aus Wolnzach auf nach München, um es in der großen Stadt zu etwas zu bringen, wie die tollen Schauspielerinnen. Sie geht zuerst zur Firma Hofmann und deren Direktorin, aber die hat keinen Bedarf, und ein Dienstmädchen bei einem Rechtsanwalt will Kathie auch nicht gern sein.

Am nächsten Tag fragt sie ihre Tante, aber die hat auch keinen Platz, deshalb kriecht sie bei einer Freundin unter, für ein paar Tage. Sie denkt über die Gustl nach, die ein Model wurde und dann die Syphilis bekam. Am 5. Oktober wirft die Freundin die Kathi hinaus. Sie soll in die Marienherberge. Abends kehrt Kathie wieder im Gasthaus Soller ein. Dort lernt sie den Blonden kennen. Aber sie geht mit einem anderen und küsst ihn zum Abschied. Am 9. Oktober, einem Freitag, trifft sie ihn mittags und geht mit in sein Haus in Waldperlach. Aber sie gibt sich ihm nicht hin, sie sei ja noch Jungfrau und kein Flittchen. In seiner Brieftasche findet sie grausame Fotos, die sie aber verdrängt. Am nächsten Tag wartet sie vergeblich, und am Sonntag hat er schon eine andere.

Auf der Wiesn wurde ein etwa 16- bis 18-jähriges Mädchen zuletzt gesehen, wie es sich von einem Mann Mitte 20 ansprechen ließ und mit ihm ging, Richtung Krankenhausanlagen. Der Mann, so die Zeugin, sah aus wie ein Kraftfahrer, so kräftig. Josef Kalteis erinnert sich ebenfalls an die Kathi Hertl, denn sie gefiel ihm…

|Vermisst|

Mehrere Zeugen beschreiben einen Mann mit Sportmütze, zwischen Germering, westlich von München, und südlich von Starnberg mehrfach beobachtet wurde, wie er Radfahrerinnen auflauerte. Manche von ihnen entkamen seinen Nachstellungen, doch einige auch nicht. So etwa Marlies, verheiratet seit dem 7.5.1934, 26 Jahre alt, für die am 30. Mai 1934 im Radio eine Vermisstenmeldung ausgegeben wurde …

_Mein Eindruck_

Diese Inhaltsübersicht habe ich aus den verschiedenen Einzelszenen des Hörspiels zusammengestellt. Da es von der Autorin (oder nur vom Verlag?) eine „Stimmencollage“ genannt wird, konnte ich nicht erwarten, so etwas wie eine Thrillerhandlung zu erhalten. Aber das, was ich am Ende bekam, waren gerade mal Bruchstücke von Szenen, die ich zusammensetzen musste – so ähnlich erging es wohl auch den Polizisten, die die Mordfälle zu untersuchen hatten.

Es ist ein Puzzle aus Impressionen, aber es gibt wenigstens zwei rote Fäden. Der eine ist Josef Kalteis selbst, der vor dem Staatsanwalt aussagen muss. Der Vorgang, dass er erst nach Leugnen die Wahrheit eingesteht, ist einfach zu verstehen. Leider kommt er im letzten Drittel nur einmal vor. Der zweite Handlungsstrang dreht sich – minutiös protokolliert wie ein Tagebuch – um Kathi Hertl aus Wolnzach in Bayern, die in München und Umgebung gerade mal eine Woche überlebt, bevor sie umgebracht wird.

Ihr Schicksal wird nun verallgemeinert. Was diese zwei klaren Bilder im Bewusstsein des Hörers verwischt, sind die drei oder vier anderen Mordopfer wie etwa Melanie aus dem Jahr 1934. Zum Glück gibt es hier gemeinsame Nenner wie etwa den, dass alle Opfer Rad fuhren, allein waren und ziemlich lange Strecken über flaches Land zurücklegten, welches damals viel weniger dicht besiedelt war als heute. Sie waren folglich ihrem Jäger ziemlich stark ausgesetzt. Ob dieser Jäger nun Josef Kalteis war oder auch ein „Kraftfahrer“ (LKW-Fahrer), bleibt offen.

Leider erfahren wir auch über die Psyche des Mörders Kalteis herzlich wenig, zumindest im Hörspiel – im Buch könnte hierzu viel mehr stehen. Dass er ein Triebtäter ist, macht er selbst klar, als er den Staatsanwalt um Hilfe wegen seines Triebs anfleht, dem er immer wieder ausgesetzt sei. Und als er seine bevorzugten Opfer beschreibt – mollige Schwarzhaarige – wird ebenfalls klar, dass hinter seiner Gier nicht nur Sexgier steht, sondern noch etwas Schlimmeres: ein Wille zur Vernichtung des Opfers. Ohne weiter in Details gehen zu wollen, sei hier nur auf Kalteis‘ kundige Schilderung einer Sauschlachtung verwiesen. Es genügte ihm nicht, „nur“ zu töten; der Tod musste einer Schlachtung gleichkommen.

Man fragt sich unwillkürlich nach den tiefenpsychologischen Gründen für ein solches Verhalten. Davon ist im Hörspiel jedoch an keiner Stelle die Rede. Das ist sehr schade. Denn nun kann man keine Parallele ziehen von Kalteis‘ Verhalten zu dem der Nationalsozialisten, die ab 1938 über die umliegenden Völker herfielen und deren Juden sowie andere unerwünschte Gruppen vernichteten.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Das Hörspiel eröffnet mit der Verkündung des Urteils über Kalteis. Die Atmosphäre ist unpersönlich, funktional, der Richter oder Staatsanwalt anonym. Die erste richtige Figurenstellung betrifft Kathie Hertl, die ihre Gedanken sprechen lässt. Laura Maire und Linda Marie Schenkel sprechen diesen Part, mal Kathie als Kind, mal als jugendliche Kindfrau. Sie unterscheidet sich in keiner Weise von Millionen anderer junger Frauen jener Zeit und ist als Individuum uninteressant, sondern lediglich als Exemplar, als Typ. Das ist schade, denn so hält sich die Anteilnahme des Hörers in Grenzen. Lediglich Begegnungen mit Ima und Freundin etc. zeichnen ein diffuses Bild von ihr.

Auch das Bild, das Kalteis abgibt, ist diffus, wie schon oben angedeutet. Ulrich Noethen verleiht ihm mit seiner Stimme aber eine Glaubhaftigkeit, die Kathies Rolle fehlt: Diese Stimme ist nicht die eines abweisenden Despoten, sondern die eines Ehemanns, Familienvaters, Wirtshausgastes. Und dann ist da noch die andere Sache. Hier wird Noethen richtig emotional, bis es am Schluss aus ihm herausbricht, man möge ihn vor „dem Trieb“ retten.

Der Rest der Rollen verteilt sich auf Nebenfiguren, hauptsächlich Zeugen und Angehörige von Opfern. Hier wird zuweilen das Zeitkolorit eingefangen, so etwa als Mussolini, der Duce, München besucht und alles Volk herbeiströmt, um den Staatsbesucher zu begaffen.

|Geräusche und Soundeffekte|

In der Szene der Urteilsverkündung hören wir eine Schreibmaschine ihren bürokratischen Takt hämmern. Klar ist, dass hier ein Menschenleben zu Ende gebracht wird. Sogleich folgt als Kontrastprogramm das Läuten von Kirchenglocken, als Kathie nach München aufbricht. Sie ist behütet und religiös aufgewachsen, nun sehnt sie sich nach dem Glamour der Stadt, und romantische Geigen unterstreichen ihre Phantasien. Später kommt noch Caféhausmusik hinzu, nie jedoch die Wirtshaus-Blasmusik, die man von Bayern erwarten würde. Einmal läuft im Hintergrund aus dem Radio schmalzige Popmusik jener Zeit.

Das Kontrastprogramm zu diesen Phantasien liefert die Vergewaltigung vor Frau Schreibers Garten, die Verfolgung (wieder per Rad) und das abschließende Kreischen von Krähen. Diese Szene ist quasi die kalte Dusche für den Hörer und lässt für Kathies Phantasien nichts Gutes erwarten.

Immer wieder fiel mir ein unterschwelliges Rumpeln auf, das an unheilverkündenden Textstellen – Szene wäre zu viel gesagt – eingesetzt wird. Das Rumpeln taucht zuerst am Ende der Sauschlachtungsschilderung durch Kalteis auf, dann wieder bei Erwähnung der ermordeten Hertha und schließlich bei der Erwähnung der Zeitungsartikel, die Kalteis aufhob. Der tiefe Soundeffekt fällt nur dem aufmerksamen Hörer auf, verfehlt aber kaum seine Wirkung: das der Beunruhigung.

|Die Musik|

Die Musik von Martina Eisenreich hält sich gänzlich fern von Melodien und Kadenzen, sondern beschränkt sich auf die Erzeugung von Stimmungen und einer unheimlichen Atmosphäre. Es ist nicht einmal eine Kirchenorgel zu hören, allenfalls eine Kirchenglocke. Dafür wirkt die Musik aber unterschwellig umso stärker. Niemand kann sich ihren subliminal wirkenden Klängen entziehen.

Ergänzt wird die Originalmusik mit Konserven, die ein wenig verzerrt aus dem Radio in den Haushalten dringen. Es ist Friedenszeit, Vorkriegszeit, eigentlich eine ländliche Idylle. Wenn da nur nicht Kalteis wäre.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel ist die Aufarbeitung einer langen Mordserie, die mindestens drei Jahre währte und das Münchner Umland unsicher machte. Dass man von diesem obsessiven Serientäter noch nie gehört hat, liegt wohl an dem Umstand, dass es sich um eine Geheime Reichssache handelt.

Es wäre interessant gewesen, mehr über die Recherche und die Motivation der Autorin zu erfahren, aber das Hörspiel ist als dritte Verwertung dieses Materials wohl nicht der rechte Ort für solche Informationen. Wer sich für dieses Thema interessiert, sollte zunächst zum Buch greifen. Spannend genug ist die Ermittlung ja. Die Frage, ob Kalteis der einzige Täter war, bleibt leider unbeantwortet. Aus verschiedenen Andeutungen geht hervor, dass er es nicht war.

|Das Hörbuch|

Die Sprecher sind ausgezeichnet für ihre Rollen geeignet, wenn mir auch die Rolle der Kathie ein wenig zu zurückgenommen vorkam. Dafür ist Kalteis relativ dominant, und er hat sogar das letzte Wort. Was ich mir unter „Britschn“ vorstellen soll, die er (seinem Opfer) „rausgeschnitten“ habe, wage ich mir allerdings gar nicht vorzustellen.

Realistische Geräusche ergänzen die Soundeffekte und die Orginalmusik sowie die Musikkonserven aus den 1930er Jahren. So wird das Geschehen sowohl in eine reale Zeit und Region gebunden als auch mit einer psychologischen Dimension vertieft. Die Ermittlung mit all ihren Zeugenschilderungen ist nur ein Drittel der Wahrheitsfindung, und die anderen beiden Drittel bestehen aus Kalteis‘ Aussagen und Kathis persönlichem Erleben, das sie aus subjektiver Sicht erzählt. Diese Darstellungsweise ist ein bewährtes ästhetisches Konzept, und es gibt nichts daran auszusetzen. Was noch fehlt, ist eine tiefere psychologische Dimension in der Figur des Kalteis. Vielleicht bietet das Buch mehr in dieser Hinsicht.

Dass selbst ein Hörspiel von nur 81 Minuten (inkl. einer Minute Absage der Mitwirkenden) rund 20 Euro kostet, ist schon ziemlich happig. Ich finde das zu teuer. Man sollte sich vielleicht die CD gebraucht zulegen, oder noch besser die Lesung kaufen, die von Monica Bleibtreu ausgezeichnet vorgetragen wird.

|81 Minuten auf 2 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-639-8|
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.andreaschenkel.de

Márai, Sándor – Glut, Die (Lesung)

_Die Glut der verborgenen Leidenschaft_

Im Jahre 1999 wurde dieses erzählerische Meisterwerk des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai wiederentdeckt. Im Mittelpunkt stehen eine tragische Dreiecksbeziehung und Fragen nach Freundschaft und Treue, nach Stolz und Noblesse.

_Der Autor_

Der ungarischer Erzähler Sándor Márai (ausgesprochen „schandor maroi“) lebte von 1900 bis 1989. Sein Roman „Die Glut“ erschien 1942. Jahrzehntelang war das umfangreiche schriftstellerische Werk des Ungarn in seiner Heimat verboten. Er hatte 1948 Ungarn verlassen und setzte – wie der ebenfalls ins Exil gegangene Stefan Zweig (gestorben 1942) – seinem Leben 1989 in San Diego ein Ende. Zu früh, so kurz vor der politischen Wende des Ostblocks. (Mehr Details am Schluss.)

_Die Sprecher_

Das Hörspiel von Sebastian Goy wurde von verschiedenen Rundfunkanstalten in Kooperation umgesetzt, darunter Radio Bremen und Saarländischer Rundfunk. Regie führte Walter Adler. Das Hörbuch entstand im Jahr 2000, ist also nicht das jüngste.

General: Thomas Holtzmann. Über ihn ist mir nichts bekannt.

Konrad: Rolf Boysen – er spielte den kaiserlich-böhmischen General Wallenstein in der gleichnamigen TV-Verfilmung von Golo Manns Roman, die immer noch eine der besten Leistungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens der BRD darstellt.

Weitere Rollen wurden mit Doris Schade, Michael König, Susanne Lothar und Hans-Peter Hallwachs besetzt. Letzterer trat inzwischen auch als Sprecher von Hörbüchern hervor.

Das schöne Titelbild zeigt ein Gemälde von Alexandre Cabanet, mit dem er „Die Comtesse de Keller“ porträtierte, eine schwarzhaarige Schönheit in grünem Kleid und mit Perlenohrringen.

_Handlung_

Das Geschehen spielt an nur einem Abend des Jahres 1940, doch geht es im eigentlichen Sinn um eine kurze Zeitspanne vor exakt 41 Jahren und 43 Tagen, also im Jahre 1899. Henrik, dem General, der mittlerweile 75 Jahre alt ist, sind solche Zahlen immer noch sehr wichtig. Seine Amme Nini, die immerhin schon 91 ist, weiß das nur zu gut. Und deshalb widerspricht sie seinen Anordnungen nicht. Genauso wenig, wie seinerzeit die Generalsgattin Krisztina ihm widersprach. Sie starb 1907, dreißigjährig, vor 32 Jahren. Und doch ist es, als wäre es erst gestern geschehen.

Heute ist ein besonderer Tag: Henriks Jugendfreund Konrad hat sich angekündigt. Der General beschließt, diesen Tag zu einem Tag der Rache und Abrechnung zu machen, für das, was Konrad getan hat.

Konrad, der seit jenem Schicksalstag in Singapur und London gelebt hat, war im Alter von zehn Jahren zum besten Freund des Generals geworden, als beide die Kadettenschule von Wien besuchten. Aufgenommen in Henriks Familie, blieb er das auch 24 Jahre hindurch, bis 1899. Doch Konrad liebte im Gegensatz zum General die Musik, empfand in ihr Lust und Befreiung. Diese Leidenschaft blieb dem pflichtbewussten General verschlossen, doch den Frauen gefiel sie. Warum dann ging Konrad weg, warum floh er an jenem Schicksalstag, trat aus dem Militär aus und wanderte in die feuchten Tropen aus?

Konrad ist keineswegs der Gesprächigste und rückt mit keinerlei Bekenntnissen heraus. Ist er zu feige oder zu rücksichtsvoll, um die Lebenden und die Toten (Krisztina) zu beschuldigen?

Daher erinnert der General ihn an jenen Morgen auf der Hirschjagd im Wald, als Konrad sein Gewehr auf den General, seinen besten Freund, anlegte und zielte. Warum schoss er nicht? Konrad ging weg und kehrte erst am Abend wieder, um mit Krisztina, die ein Buch über die Tropen (!) las, intensiv zu plaudern, so intensiv, dass sich ihr Mann ausgeschlossen fühlte.

Am nächsten Tag sucht er Krisztinas Tagebuch, in das er sonst immer Einblick erhalten hat: Es ist verschwunden. Bis heute. Heute hat der General das Tagebuch wieder und legt es Konrad ungeöffnet als Kronzeugen vor, quasi an Krisztinas Stelle. Wird Konrad sich verteidigen? Krisztina hatte ihn damals bereits angeklagt, als er verschwand: „Er ist geflohen. Der Feigling.“ Hatte sie etwa mit Konrad aus der Ehe ausbrechen und abreisen wollen? War das der Grund für Konrads „Flucht“? Danach sprach sie kein Wort mehr mit Henrik. Ein altes Rätsel, das gelöst werden muss.

Wird Konrad sich endlich verteidigen, oder wird der General das Tagebuch in die wartende Glut des Kaminfeuers werfen, auf dass die Wahrheit für immer begraben sei?

_Mein Eindruck_

Henrik, der General eines untergegangenen Reiches (das der Habsburger), hält einen beeindruckenden Monolog, in dem sich Rachegelüste, Enttäuschung und ein inniger Glaube an die Macht der Gefühle vermengen. Doch eine tiefe Kluft ist spürbar, ein kafkaesker Abgrund zwischen ihm und dem, was aktuelle politische Realität ist. Henrik ist ein Fossil.

Sein Jugendfreund Konrád hat dem nicht viel entgegenzusetzen, denn er schweigt meistens. Doch in dem Ringen um die Wahrheit verschiebt sich wiederholt die Perspektive. Am Ende steht zumindest bei Henrik die traurige Erkenntnis, dass dieses Ringen sinnlos ist. Die von beiden geliebte Frau ist seit Jahrzehnten tot; Henrik hat nach dem Vorfall nie wieder mit ihr gesprochen. War sie Konrads Komplizin und Geliebte? Henrik und Konrad haben – jeder auf seine Art – die Liebe verraten und damit ihrem Leben den Sinn geraubt.

Die Handlung verläuft quasi in drei Stufen: Zunächst das Warten des Hausherrn auf den Besuch des Jugendfreundes, dann folgt die Begegnung der beiden und schließlich der lange Monolog Henriks, nur wenige Male von Anmerkungen Konráds unterbrochen.

Die enorme Spannung, die der Text über die gesamte Länge aufrecht erhalten kann, speist sich aus der Neugier auf den Fortgang beziehungsweise die Auflösung der Geschichte. Sie lebt aber vor allem aus den aufgegriffenen Themen, aus der Tatsache, dass es die existenziellen, die letzten Fragen sind, die in diesem Buch gestellt werden. Treue zu Freund und Ehefrau, wechselseitiger Verrat der beiden, Suche nach Klarheit in der Aufklärung einer moralischen Katastrophe, die 41 Jahre zurückliegt, in einer anderen Welt, als das Reich noch in Ordnung war.

Nach und nach erweitern geschickt gesetzte Rückblenden im Zuhörer die Ahnung von dem Geschehen in dieser dramatischen Dreiecksgeschichte. Da jedoch alles aus der Perspektive der Hauptfigur des Generals geschildert wird, kann man nicht entscheiden, ob seine im Monolog entfaltete Version der Wirklichkeit entspricht. Es könnte auch ganz anders gewesen sein. Warum hatte Konrad nicht abgedrückt und seinen Freund erschossen? War dies die einzige Möglichkeit, sowohl Freund als auch Geliebte zu behalten? Im Ergebnis jedoch verlor er beide, lebten alle drei ein Scheinleben der Unerfülltheit.

Das Leben des Generals entscheidet sich an nur zwei Tagen des Jahres 1899. Aber angelegt ist dieses Schicksal schon viel früher. Der die militärische Laufbahn einschlagende General, seinem Vater wesensnäher als seiner Mutter, fühlt sich schon von Kindheit an von der Musik und mit ihr vom Zugang zu seiner eigenen Emotionalität getrennt. So kann er weder seinen Freund noch seine Frau begreifen, deren geheime und verbotene Leidenschaft zueinander ihm den Boden unter den Füßen entzieht.

Urplötzlich befindet sich Henrik auf einer emotionalen Insel, separiert von Frau und Freund, genau wie er sich zeitlich nach dem Untergang des Reiches auch gesellschaftlich-politisch auf einer Insel des Gestern befindet, dem persönlichen Untergang entgegentreibend. Und so wird aus der Abrechnung mit Konrad zugleich auch eine Abrechnung mit der vergangenen Kultur der kaiserlichen und königlichen Monarchie. Der Glanz ist vergangen, genau wie die Glut der Leidenschaft des Jahres 1899.

|Empfehlung|

Man sollte diese Geschichte gleich mehrmals erleben, denn sie besteht aus mehreren Schichten der Bedeutung. Jede Rückblende häuft eine weitere Dimension zum bereits Gesagten hinzu. Erkenntnis überlagert Erkenntnis. Ich habe mir wie immer Notizen gemacht – nicht nur, um die vertrackte Zeitstruktur auf die Reihe zu bekommen und mir die Namen zu merken, sondern auch um Henriks Argumente festzuhalten, die er gegen Konrad und seine Frau vorbringt. Doch am Ende steht der Eindruck, dass es um Dinge und Taten geht, die nicht in Worten ausgesprochen werden. Daher nochmals meine Empfehlung, das Hörspiel mehrmals anzuhören, um die Zwischentöne aufzuspüren.

|Die Sprecher|

Meist sprechen hier alte Männer, im Monolog dominiert Thomas Holtzmann als der alte General. Er spricht nuancenreich, wechselt oft das Tempo, je nachdem, ob er sich erinnert oder Konrad direkt anspricht. Die anderen bekannten Sprecher wie etwa Hans-Peter Hallwachs spielen eine sehr untergeordnete Rolle.

Dramaturgisch ist das Hörspiel aufgrund des dominierenden Monologs wenig attraktiv: Es passiert rein gar nichts, und nur die Psychologie des Augenblicks erschafft die Spannung aus der Frage, ob es am Ende Mord und Totschlag geben wird.

_Unterm Strich_

„Die Glut“ ist ein sehr ruhiges, absolut aktionsloses Hörspiel. Der Zuhörer ist gezwungen, genau hinzuhören, um zu erfassen, welches psychologische Drama sich entfaltet. Zudem finden viele Rückblenden Eingang in die psychologische Aufladung des Augenblicks, und die entscheidenden Zeitebenen liegen 41 Jahre auseinander. Dennoch mag das Hörspiel seinen hochliterarischen Reiz entfalten für denjenigen, der bereit ist, es sich mehrmals anzuhören. Es eignet sich definitv nicht für lange Autofahrten. Vielmehr sind in den Tiefen zwischen den Sätzen die Geheimnisse und Rätsel erst bei genauem Hinhören aufzuspüren. Dass sie existieren, können Millionen Leser in aller Welt bezeugen. „Die Glut“ war die literarischen Sensation der neunziger Jahre.

|Mehr Details über den Autor|

Sándor Márai, geboren am 11. April 1900 in Ungarn, studierte Philologie. Sein erster Gedichtband erschien 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Márai als Student und literarischer Feuilletonist in Deutschland und Paris. 1928 kehrte er zurück in die ungarische Heimat und erlebte dort in den dreißiger Jahren eine Zeit größter Schaffenskraft und literarischer Erfolge. 1948 floh er in den Westen und lebte in der Schweiz, in Italien und in Amerika. Nach dem Tod seiner Frau nahm Márai sich im Februar 1989 in San Diego, Kalifornien, das Leben.

Mehr dazu bei| [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A1ndor__M%C3%A1rai |

|Originaltitel: A gyertyák csonkig égnek
Originalausgabe 1942, Dt. Erstausgabe 1950, neu 1999 bei Piper
übersetzt von Christina Viragh|

Brodkey, Harold – Unschuld (Lesung)

_Erotisches Er(d)beben_

„Unschuld“ beschreibt die Bemühungen des Ich-Erzählers, die Studentin Orra Perkins zum ersten Mal in ihrem Leben zu einem Orgasmus zu bringen. Der Autor hat die Möglichkeiten, zugleich plastisch als auch reflektiert über Sexualität zu sprechen, erweitert: Momentaufnahmen des Bewusstseins in unterschiedlichsten Zuständen.

|Der Autor|

Harold Brodkey, geboren 1930 in Illinois,, veröffentlichte 1958 unter dem Titel „Erste Liebe und andere Sorgen“ seinen ersten Erzählband. Erst dreißig Jahre später legte er den Band „Stories in an almost classical mode“ („Nahezu klassische Stories“) vor, dem „Unschuld“ entnommen ist. Brodkey erkrankte an AIDS und starb 1996.

|Der Sprecher|

Matthias Fuchs, geboren 1939, war Ensemblemitglied im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, spielte in diversen Film- und Fernsehrollen und hat zahlreiche Hörbücher gelesen. Er starb am 1. Januar 2002, drei Monate nach der Aufnahme dieses Hörbuches. Die Lesung bietet den ungekürzten Text der Erzählung.

_Handlung_

|Phase 1.|

Die 21-jährige Orra Perkins ist in Harvard (bei Boston) eine schöne und reiche „Prinzessin“, die gerne mit Männern schläft. Sie tut dies schon seitdem sie 15 ist, doch wie Willy, unser gleichaltriger Erzähler herausfindet, hat sie noch nie einen Orgasmus gehabt. Willy selbst nimmt sich im Vergleich zu ihr wie ein Bettler aus, jedoch: Er ist in sie verliebt.

|Nächste Phase.|

Willy empfängt Orra in seinem Zimmer im Studentenwohnheim, unter der Bettdecke ist er nackt. Sofort schlüpft sie entkleidet zu ihm, denn ihr scheint mehr am Glück der Männer zu liegen als an ihrem eigenen. Er findet sie dilettantisch im Bett, sie kann wie immer nicht kommen. Da sie seine Trophäe ist, schließt ihr Besitz seine Liebe im Grunde aus, also muss er sie anlügen. Er ist im Grunde seines Wesens ein Lehrer und Gestalter …

Sie verweist auf die Romane, die Frauen über Sex geschrieben haben, doch diese Bücher findet Willy naiv, manipulativ und romantisch. Sie hätten mit der Realität rein gar nichts zu tun: Intelligente Frauen wollen Kontrolle ihrer Lust, wohingegen die frechen und forschen sie befriedigen wollen und sich zu ihr bekennen. Zu ihnen gehört Orra nicht. Sie behauptet zwar, im Bett eine „Tigerin“ zu sein, doch entzieht sie sich ihrer Verantwortung, die die dabei entstehenden Gefühle mit sich bringen: Sie produziert Sex um der Glücksgefühle willen, die sie den Männern damit spenden kann.

|3. Phase.|

Willy hat eine Mission beschlossen: Er will Orra „erwecken“, koste es, was es wolle. Am gleichen Ort, zu einer anderen Zeit nimmt er sie mehrmals. Um sie weiter erregen zu können, behauptet er, sie zu seinem eigenen (!) Vergnügen lecken zu wollen. Entgegen ihrer Proteste setzt er den Cunnilingus fort: Ist er Masochist oder stolzer Egoist? Er betrachtet sich wie ein altgriechisches Kriegsschiff, das den Meeresschaum durchpflügt. Das Meer ist Orras Körper und ihre Lust.

Orras Lust geht von sexueller zu religiöser Erregung über. Vor Willys Augen (und seiner unermüdlichen Zunge) scheint sie sich in einen Engel mit drei Flügelpaaren zu verwandeln. In drei Phasen entfaltet sie je ein Flügelpaar, und ihr Körper bäumt und schwingt sich auf. „Willy, etwas passiert!“ ruft sie. „Es hört gar nicht mehr auf. Es tut weh.“ …

_Mein Eindruck_

Ob Willy das Ziel seiner Mission, sei sie nun selbstlos oder selbstsüchtig, erreicht, muss jeder selbst nachlesen. Dürre Kritikerworte reichen nicht aus, um die Glorie des „Höhepunkts“ (in jeder Hinsicht) zu beschreiben.

Eines steht fest: Dieser Bursche kann wirklich mit Sprache umgehen. Das Geschehen selbst könnte von einem Lohnschreiber erfundenen worden sein und in jedem an Magazine wie „Penthouse“ oder „Hustler“ geschickten „Bekenntnisbrief“ stehen. Die können auch ganz schön saftig und anschaulich sein. Sie bedienen sich ebenfalls einer offenherzigen Umgangssprache, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Doch Brodkeys „Unschuld“ geht weit darüber hinaus.

„Unschuld“ ist hohe, großartige Literatur. Die Begegnung zwischen Willy und Orra Perkins ist nicht nur sehr intensiv und in zahlreichen Bildern poetisch überhöht – siehe oben: Trireme, Engel, Tigerin usw. -, sondern es ist auch deutlich, dass sich hier zwei verschiedene Kulturkreise treffen. Und die beiden unterscheiden sich in ihrer Einstellung zu dem, was Sex ihnen bringen soll, grundsätzlich.

Hat Willy, der Jude, einen Christuskomplex? Warum will er unbedingt Orra „erwecken“? Muss sie erlöst werden? Von ihrer Ichbezogenheit, von ihrer zwanghaft erledigten Beglückung der Männer bei gleichzeitiger Hintanstellung eigenen Glücks?

Dies ist schwankender Boden, was die Beurteilung von Willys und Orras Ethik angeht. Ob er Egoist oder Altruist ist, ein Christusjünger oder einfach doch nur ein Sexbessessener, das hängt manchmal nur vom Standpunkt des Betrachters ab. Orra selbst urteilt nicht. Jegliche Urteilskraft hat sie fahren lassen, ihre Proteste gegen den Cunnilingus ignoriert Willy geflissentlich. Und danach wird sie nur noch vom Einsturz psychischer Mauern in Anspruch genommen.

Orra verwandelt sich daher, und Willy ist in seiner jüdischen Metaphorik gefangen, vergleicht sie mit einem Engel, der einen meerumschlungenen Glasberg emporklimmt. Ein Seraph, der in ein fremdartiges neues Element vordringt, nur noch halb menschlich, ansonsten ein übermenschliches Wesen, meint Willy.

Brodkey gelingt es scheinbar mühelos, die richtigen, passenden Wörter zu finden, um sowohl die mundanen körperlichen Aktivitäten als auch die seelische Ekstase zu beschreiben und in ihren Auswirkungen eindrucksvoll zu schildern.

Denn dies ist sein Glaubensbekenntnis: |“Ich misstraue allen Zusammenfassungen, jedem raffenden Durchgleiten der Zeit, jedem zu hoch gegriffenen Anspruch, unter Kontrolle zu haben, was man erzählt; ich glaube, wer zu verstehen behauptet, diese Emotion aber nur gemächlich aus der Erinnerung holt, der ist einfach ein Narr und ein Lügner. VERSTEHEN HEISST ZITTERN. SICH WIRKLICH ERINNERN HEISST WIEDEREINTAUCHEN UND ZERRISSEN WERDEN.“| Dieser Satz (meine Hervorhebung) steht bereits ziemlich am Anfang der Erzählung. Wie ein Motto.

Am Schluss ist der Zuhörer ebenso erschöpft und erleichtert wie die beiden zitternden Protagonisten der Erzählung. Niemanden kann die Story unberührt lassen, schon gar nicht in seinen Hormonen. „Unschuld“ erfährt man, um es mit den alten Griechen zu sagen, wie ein „heiliger Schauder“.

_Der Sprecher_

Matthias Fuchs‘ tiefe, raue Stimme verfügt über die unabstreitbare Autorität, die nötig ist, um selbst schlüpfrigste und tabuisierte Wörter wie selbstverständlich in den Mund zu nehmen. Dies sind nicht die griechisch-lateinischen Bezeichnungen der Wissenschaft, wie etwa „Vagina“, „Penis“ und dergleichen, sondern vor allem die Bezeichnungen, die die Umgangssprache für die Genitalien und den Geschlechtsverkehr kennt. Und das sind eine ganze Menge.

Dennoch verletzt er nie die Würde der Beteiligten, schon gar nicht die von Orra, wie es ja leicht passieren könnte. Schließlich ist die Studentin das Objekt von Willys Mission und Anstrengung. Matthias Fuchs ist in seiner Autorität und Unparteilichkeit mit Joachim Kerzel zu vergleichen. Kerzel bringt noch ein wenig mehr Energie in seinen Vortrag. Dass Fuchs Schauspieler ist, merkt man seinem Vortrag kaum jemals an.

_Unterm Strich_

„Unschuld“ ist die Geschichte eines Bemühens um den ersten Orgasmus. Die Geschichte einer Mission, aber auch einer Grenzüberschreitung in ein „fremdartiges neues Element“. Die Geschichte des Aufeinandertreffens zweier Kulturen, aber auch zweier Individuen. Beide sind nicht ehrlich, dürfen es nicht sein, lassen nur Lügen zu. Und doch erreichen sie eine gemeinsame Wahrheit, die unleugbar ist.

Unabdingbar ist hierbei die Ehrlichkeit der darstellenden Sprache. Und wenn der Autor Metaphern wie „Engel“, „Trireme“ (= Dreideckerschiff der Antike) oder „Tigerin“ gebraucht, so sind auch diese Vergleiche in einem gewissen Sinne wahr. Dort, wo heutige Sprache versagt, helfen nur noch Bilder, um das Unnennbare auszudrücken. Die Bibel etwa bemühte hierfür Gleichnisse. Dem Autor waren sie sicherlich nicht fremd. Nur wer „Unschuld“ mehrmals erlebt – denn darum handelt es sich: um ein Erlebnis -, dringt in die Tiefen der Bedeutungsschichten vor.

Die Lesung, die Matthias Fuchs aufgenommen hat, ist angemessen beeindruckend, makellos. Zusammen mit dem erotischen Titelmotiv ist ein wunderschönes Hörbuch für Erwachsene gelungen. Minderjährigen unter 16 Jahren würde ich das Erlebnis dieser Erzählung aber nicht zumuten.

|Originaltitel: Innocence, 1988
Deutsch 1990 von Hans Wollschläger und Dirk van Gunsteren
121 Minuten auf 2 CDs|

Roche, Charles (Zeller, Bernd) – Trockenzonen

_Vorsicht: Parodie mit Ekel- und Gähnfaktor!_

„Feuchtgebiete“ war für Mädchen. „Trockenzonen“ ist für Männer. Echte Männer. Schluss mit Schönheitswahn, Waschzwang und Duft-Terror! Männer müssen wieder Männer sein – und auch so riechen! (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Charles Roche ist ein Pseudonym. Dahinter verbirgt sich der vielfache Buchautor und frühere „Pardon“-Herausgeber Bernd Zeller.

_Der Sprecher_

Oliver Korittke, 1968 in Berlin geboren, trat schon als Sechsjähriger in der „Sesamstraße“ auf. Nach ersten Bühnen-Engagements folgte schließlich der endgültige Sprung zum Film. Bis heute hat er in über 50 Filmen mitgewirkt. Im Jahr 2000 erhielt er den Adolf-Grimme-Preis. (Verlagsinfo).

Regie führte Margrit Osterwold. Die Aufnahme erfolgte im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg.

_Inhalt_

|Vorwort|

Der Autor bezieht sich auf das Buch von Charlotte Roche und erklärt sein (satorisches) Gegenprogramm: „Nur ein Mann, der auch riecht, ist wirklich einer.“

|Das Hauptprogramm|

Helen aus „Feuchtgebiete“ macht die Bekanntschaft des neuen Patienten, der uns nie seinen Namen verrät und als Ich-Erzähler auftritt. Helen imponiert ihm mordsmäßig, weil sie Staub ohne Höschen, sondern mit dem Po wischt. Sie lehnt die Tyrannei der Hygiene bekanntlich ab, genau wie er. Er hat von Kindesbeinen an Parodontose gehabt, dass das Zahnfleisch blutete. Er schluckte das Blut natürlich. Das Zahnfleisch sieht jetzt aufgequollen wie eine Artischocke aus: seine Gesichtsmuschi. Doch jetzt steht eine Notoperation an: Auch seine Stoßzähne müssen raus. Und weil er schon mal dabei ist, entfernt ihm der Chirurg auch gleich den ungehinderten Bartwuchs.

Schon als Baby wäre er am liebsten gleich wieder ins Fruchtwasser zurückgeglitten und pinkelte stattdessen ins Badewasser. Zähneputzen und Unterhosetragen kam ebenso wenig infrage wie Abschütteln beim Pinkeln. Gelobt sei der Pissfleck. Daheim legt er sich in seine Trockenzone: eine Badewanne voll Moos und Dreck, den er sich extra von der Straße gesaugt hat. Sowohl das Geschirr in der Spüle wie auch das Moos im Flur bilden eine Feuchtbiotop, das gerne von Fröschen genutzt wird, die den Fliegen nachstellen.

Nachdem er einen Toleranzkurs an der VHS besucht hat, begibt er sich auf Mission, um die hygieneunterdrückten Männer seines Volkes zu befreien. Er muss sie vom Waschzwang befreien, damit sie richtige Männer sein können. In erstaunlich kurzer Zeit hat er es von Klubs und dem Rathausfoyer bis in die Talkshows und Trendmagazine geschafft. Botschaft: „Du bist dein eigenes Deo!“

|Bonusmaterial|

A) Fundstücke aus der Presse

– Riechen wie die Stars;
– Das aktuelle Interview mit Dr. Axel Fußpilz, einem Seifenforscher;
– Mode: Interview mit Yves St. Paint wider die Zweitunterhose;
– Abstimmung über die ultimative Geruchsquelle, moderiert von G. Jauche;
– Infos über die größten Hygieneirrtümer;
– Trendberichte über Dirk Bach und Amy Winehouse;
– In- und Out-Liste
– Tier und Mensch: In- und Out-Liste; Mega-in ist der Moschusochse;
– Lyrikecke mit einem Text von Charlotta Roche-Grünbein;
– Leser fragen, Experten antworten

B) Service: Was tun im Schwimmbad?

C) Verbrauchertipp: Shapoorückrufaktion durch alle Hersteller

D) Buchtipp: „Schmuddel-Ich“ von Constanze Ölich. Plot: Eine Frau bekennt sich, nach anfänglichen Vorbehalten, zu ihrem ungewaschenen Mann, die Kommunikation läuft ja jetzt nonverbal, und zu guter Letzt bauen sie ihr Bad zu einem Hobbyraum um.

_Mein Eindruck_

Man sollte sich immer vor Augen halten, dass dieser Text a) nicht ernst gemeint ist und b) eine Antwort auf Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“ sein soll. Wer also den Text für bare Münze nimmt UND zugleich „Feuchtgebiete“ NICHT kennt, steht auf verlorenem Posten und darf sich mit einem Sechser im Klassenbuch setzen. Oder als Esel in die Ecke stellen, um sich zu schämen.

Ich rief mir zwar ins Gedächtnis, dass der Schreiber dieser Texte – sie kommen ja aus unterschiedlichen Verwendungsbereichen – von einer Satire-Zeitschrift kommt, doch was er mir dann vorsetzte, schlug auch mir gehörig auf den Magen: blutendes Zahnfleisch, Sperma, Kotze und dergleichen mehr, was ich gar nicht aufzählen will. Das Leben des Ich-Erzählers mutet dann schon eher putzig an: Feuchtgebiete und Trockenzonen.

Etwas bissiger fand ich dann schon die ironischen Angriffe des Autors auf die Mediengrößen hierzulande. Der Geruchsmissionar wird zum Politpromi, wie es ja schon mehreren Leuten widerfahren ist. Reinhold Beckmann erklärt sich solidarisch, ebenso Klaus Wowereit und Oskar Lafontaine. Nur Katja Riemann wagt es bei Johannes B. Kerner, Vorbehalte gegen den ungewaschenen Mann zu äußern, wird aber zur willkommenen Front, an der sich der Rebell mit dem Fußpilz profilieren kann. Was wäre ein Revoluzzer ohne seine Feinde? Eben: nichts.

Diesem amüsanten Teil schließen sich die obligatorischen Fingerübungen eines Parodisten an. Wer so etwas schon kennt, wird nicht überrascht werden. Und auch sonst bietet das Bonusmaterial wenig Überraschungen, vom Ekelfaktor ganz zu schweigen.

|Der Sprecher|

Oliver Korittke ist ja schon als Schauspieler nicht gerade eine Offenbarung, als Sprecher bietet er in dieser Hinsicht keine Überraschung. Er schafft es gerade mal, den Text fehlerfrei vorzutragen, ohne sich ständig zu verhaspeln. Aber von ihm dann auch noch zu erwarten, unterhaltsam und sogar WITZISCH zu sein, das wäre wirklich daneben.

Immerhin gelingen ihn ein paar emotionale Darstellungen, so etwa der schmerzerfüllte Ausdruck eines Türstehers, dem der Ich-Erzähler seine ungewaschenen Füße präsentiert. Auch die demagogischen Sprüche des Missionars der Antihygiene kommen so gut zur Geltung wie das laut johlende Volk seiner Jüngerschaft. Am besten sind noch der französisch näselnde Modeschöpfer Yves St. Paint und der ernst und tief daherdozierende Experte Dr. Axel Fußpilz.

Es gibt weder Musik noch Geräusche, was für eine solche Miniproduktion wahrscheinlich auch ein Overkill wäre.

_Unterm Strich_

Der Haupttext verschießt sein Pulver bereits in der ersten Viertelstunde, danach kommt nichts mehr, das den Ekelfaktor und Einfallsreichtum dieses Anfangs noch toppen kann. Die Missionarstour kennt man von etlichen Weltbekehrungswerken her. Über eine individuelle Psychologie, die über das Antibild, welches der ungewaschene Mann abgibt, hinausginge, kann man wohl kaum sprechen. Wieso er sich überhaupt auf eine Mission begibt, ist völlig unmotiviert.

Was entschieden fehlt, ist die Integration der Helen in einer menschlich interessanten Beziehung. Hier hätte es einen Konflikt geben müssen, wie ihn beispielsweise „Schmuddel-Ich“ ganz am Schluss andeutet. Hätte der Autor diesen Plot geschrieben, wäre die Story zwar platter, aber wesentlich unterhaltsamer geworden. Und man muss ja nicht unbedingt das Bad zum Hobbyraum umbauen. Man kann ja auch eine Party der Ungewaschenen darin veranstalten. Motto: Zurück ins Neanderthal!

|44 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3869090108|
http://www.hoerbuch-hamburg.de

Forsyth, Frederick – Lotse, Der (Lesung)

Der bekannte Thrillerautor Forsyth war in jungen Jahren Jetpilot der Royal Air Force. Er erzählt hier eine Weihnachtsgeschichte, die sich in seiner Karriere hätte zutragen können. Mit dem Unterschied, dass der Lotse, der darin vorkommt, gar nicht existieren kann.

_Der Autor_

Frederick Forsyth, geboren am 25. August 1938 in der Grafschaft Kent, war mit 19 Jahren der jüngste Jetpilot der Royal Air Force. Nach seinem Ausscheiden 1958 wurde er Journalist und war als Auslandskorrespondent tätig. Ab 1965 arbeitete er als Fernsehreporter der BBC und berichtete aus Krisen- und Kriegsgebieten. Heute lebt er als freier Autor in London. Bereits mit seinem ersten Roman „Der Schakal“, der zweimal verfilmt wurde, erreichte er weltweit Bekanntheit. Wichtig sind auch seine Romane „Die Akte ODESSA“ und „Das vierte Protokoll“. Kürzlich erschien „Der Rächer“.

_Der Sprecher_

Joachim Höppner, bekannter Synchron- und Radiosprecher, lebt in München. Er leiht seine Stimme Stars wie Jean Reno, Paul Newman und Donald Sutherland.

Die vorliegende Fassung des Hessischen Rundfunks ist ungekürzt.

_Die Handlung_

Am Heiligabend 1957 fliegt der Ich-Erzähler von einem Flughafen der Britischen Besatzungszone in Celle nach Hause. Er ist ein junger Jetpilot in einem einsitzigen Düsenjäger vom Typ Vampire, der mit 830 Kilometern pro Stunde über die Nordsee gen Heimat donnert, um dort die Weihnachstage zu verbringen.

In neun Kilometern Höhe über dem Meer fällt die Elektronik aus, also Kompass und Funkgerät. Er kann keine Hilfe rufen, und der Sprit geht bald zur Neige. Bei Nacht kann er sich nicht an Landmarken orientieren, und da über Ostengland dichter Nebel herrscht, kann er nicht einmal nach Sicht landen. Eine Rückkehr ist ausgeschlossen, der Sprit reicht nicht.

Als unser Pilot bereits mit dem Leben abgeschlossen hat – im eisigen Wasser der Nordsee dürfte er nur wenige Minuten überleben -, taucht plötzlich eine uralte Propellermaschine aus dem Zweiten Weltkrieg auf, ein längst außer Dienst gestellter Jagdbomber vom Typ Mosquito. Doch der Pilot bietet ihm Lotsendienste an, die der in Bedrängnis geratene Jetpilot gerne annimmt.

Nach einer wackeligen Landung im Blindflug verschwindet der Lotse, doch als unser Pilot sich auf diesem stillgelegten RAF-Flugplatz nach seinem Lebensretter erkundigt, erlebt er eine handfeste Überraschung nach der anderen. Vielleicht gibt es doch einen dort oben, der uns schützt.

_Mein Eindruck_

Die Geschichte ist von A bis Z erzählt, als wäre sie direkt aus dem Leben gegriffen. Aufgrund der Lebenserfahrung des Autors stimmen alle Einzelheiten aufs Genaueste. Und so können wir genau nachvollziehen, in welcher Bedrängnis der junge Jetpilot steckt und welches Wunder seine Rettung darstellt. Dies ist sehr spannend erzählt.

Doch der unausweichliche Schluss, zu dem der Leser kommen muss, wenn er den Fakten glaubt, ist so schwer zu akzeptieren, dass man einen „leap of faith“ machen muss. Aber genau deswegen ist dies eine schöne, passende Weihnachtsgeschichte und kein Fliegerlatein.

_Unterm Strich_

Forsyth hat sein Handwerk bei der Luftwaffe und im Journalismus gelernt. Voll Authentizität erzählt er eine ebenso spannende wie unglaublich klingende Geschichte, die gut zu Weihnachten passt.

Obwohl die Übersetzung ausgezeichnet gelungen ist, verstehe ich nicht, warum der Verlag für 85 Minuten Lesung 19 Euro verlangt. Das muss wohl etwas mit dem großen Namen des Autors zu tun haben.

|85 Minuten auf 2 CDs|

Nothomb, Amélie – Professor, Der (Lesung)

Die alten Eheleute Juliette und Emile Hazel sehnen sich nach einem friedlichen Lebensabend auf dem Land. Als sie ihr kleines Traumhaus beziehen, dürfte ihrem Glück eigentlich nichts mehr im Weg stehen. Doch dann lernen sie ihren Nachbarn, den Arzt Bernardin, kennen. Pünktlich um 16:00 Uhr kommt er und will seinen Kaffee. Jeden Tag. Die Hazels denken, man könne sich mit dem Quälgeist arrangieren. Aber sie haben noch nicht Madame Bernardin kennen gelernt.

|Die Autorin|

Amélie Nothomb, 1967 in Kobe/Japan geboren, verbrachte ihre Kindheit als Tochter eines belgischen Diplomaten in Japan und China. Nach ihrem Philologiestudium begann sie zu schreiben. Besonders in Frankreich feiert sie Erfolge. Sie lebt in Paris. „Mit Staunen und Zittern“ trug ihr den „Prix de l’Académie Francaise“ ein. Bei |Hörbuch Hamburg| sind bereits ihre Romane „Mit Staunen und Zittern“, „Quecksilber“ und „Metaphysik der Röhren“ erschienen.

|Der Sprecher|

Walter Kreye ist dem Hörer nicht nur durch zahlreiche Film- und TV-Rollen bekannt. Seine Stimme war in den verschiedensten Hörspiel- und Hörbuchproduktionen zu hören. Für |Hörbuch Hamburg| hat er beispielsweise [„Der Trudeau-Vektor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1020 von Juris Jurjevics gesprochen.

_Handlung_

Der 66 Jahre alte Emile Hazel erzählt, wie alles vor etwa einem Jahr anfing. Der pensionierte Gymnasiallehrer für Latein und Griechisch und seine Frau Juliette waren aufs Land gezogen, wo sie ihr Traumhaus gefunden hatten. Es liegt am Rande einer Waldlichtung, die von einem Bach durchflossen wird. Auf der anderen Seite des Baches liegt das Haus der Nachbarn. Dort wohnte ein etwa 70-jähriger Arzt, Bernardin, mit seiner Frau. Jetzt wohnt er nicht mehr da, nur noch seine Frau.

Der Ärger begann, wie gesagt, vor etwa einem Jahr, im Winter, bei Schneefall. Emile versuchte vergeblich, im Herd ein Feuer anzufachen. Da kommt nachmittags der Nachbar zu Besuch. Er klopft an, tritt ein, setzt sich in einen Sessel im Wohnzimmer, schweigt. Das ist das Markanteste an Bernardin: Sein verdrossenes Schweigen. Aber er vermag durchaus zu sprechen. Allerdings braucht er immer exakt 15 Sekunden Zeit, bis er das Wort geformt hat: Ja, meistens ist es aber Nein. Erstaunlich, was er alles mit diesem Wortpaar auszudrücken vermag. Immerhin erweist es sich, dass er einen Vornamen hat: Pallamède. Ah, Pallamedes, der ja in der „Ilias“ das Würfelspiel erfand! Der Professor hat zu jedem und allem eine Erinnerung aus seinen Unterrichtsfächern, den alten Sprachen.

Fortan kommt Bernardin täglich exakt um 16:00 Uhr zu den Hazels, keine Minute früher oder später. Sie können ihre Uhr nach ihm stellen. Doch die „pallamedische Invasion“, wie Emile die schweigsamen Besuche zu nennen beginnt, haben beileibe nicht nur ihre gute Seite. Sie bringen die dunklen Seiten des Ehepaars, das seit 56 Jahren zusammen und seit 43 Jahren verheiratet ist, zum Vorschein. Spott und Parodie sind Emiles erprobte Kritikmethoden, um den ungebetenen Gast wieder zu vertreiben. Denn Bernardin treibt einen Keil zwischen die beiden. Und Juliette wird immer leicht krank, wenn Unstimmigkeiten in ihrer Umgebung auftreten.

Emile erkennt an sich befremdet, dass er ein wohlerzogener Hasenfuß ist. Er bringt es nicht fertig, dem Eindringling die Tür zu weisen. Als er einmal das Klopfen um 16 Uhr ignoriert, donnert Bernardin so lange gegen die Haustür, dass die Eheleute es nicht mehr aushalten. Die Zugbrücke wird heruntergelassen.

Der Gipfel des Masochismus ist wohl jener denkwürdige Tag, als Bernardin seine Frau Bernadette mitbringt. Sie ist nicht bloß ein Fettkloß, ein Fleischberg, nein, sondern viel mehr als das: Emile nennt sie eine Zyste. Und ihre Arme stehen ab wie „Tentakel“. Was sie artikuliert, sind unverständliche Laute. Nur ein Wort ist zu erkennen: „Sup-pe!“ Sie meint die Schokoladensoße. Nach drei Stunden ist auch dieses Abenteuer überstanden. Die Hazels sind fix und fertig.

Als Claire, Emiles Lieblingsschülerin, zu Besuch kommt und Bernardin begegnet, den sie für einen Freund des Paares halten muss, erkennt Emile, dass er viel verloren hat. Ja, dass das Böse bei ihnen Einzug gehalten hat. Denn Claire wird, auch wenn sie das Gegenteil beteuert, nicht wiederkommen. Sie haben quasi eine Enkeltochter verloren. Bernardin sieht triumphierend drein. Emile schäumt.

Etwas muss geschehen, Emile weiß es, und als er erkannt hat, was das sein muss, überschlagen sich die Ereignisse. Erst spät, fast schon zu spät erkennt Emile, welche geheime, unausgesprochene Absicht hinter dem Verhalten des Nachbars stehen muss.

_Mein Eindruck_

Juliette und Emile sind ein ungewöhnliches Ehepaar. Sie kennen sich, seit sie sechs Jahre alt waren, und daher betrachtet Emile seine Frau als seine Schwester, ja sogar als Tochter. Sie sind kinderlos, wen wundert’s, und bilden anscheinend eine Einheit, sozial wie auch mental. Und dann kommt da dieser Quälgeist über sie, Bernardin. Er erweist sich als Spaltpilz, bis es so weit kommt, dass Emile seine bessere Hälfte anlügt und noch Schlimmeres tut.

|Die Natur des Bösen|

Emile liebt es zu räsonnieren, Überlegungen über andere und sich selbst anzustellen. Als Gymnasiallehrer für alte Sprachen verfügt er über ein ausgedehntes Repertoire an Vergleichen und Gedankenfiguren. So bemerkt er, dass sich das Böse, wie Bernardin es verkörpert, wie ein Gas verhält. Es ist unsichtbar, durchdringt alles, lässt sich nicht vertreiben, wohl aber verdichten. Das Gute ist nur an bestimmten Stellen feststellbar, doch das Böse ist überall, sobald man es einmal eingelassen hat.

An sich selbst bemerkt Emile mit Befremden, dass er eine Art zweite Natur in sich verbirgt: seine Nachtseite. Er ist wie Penelope, die tagsüber gesittet die Gastgeberin für die Freier auf Ithaka spielt, nachts aber als Verkörperung der Negation das Gewebe, das sie tagsüber gesponnen hat, wieder aufdröselt, um auf diese Weise ihren ehelichen Treueschwur, den sie Odysseus gegeben hat, halten zu können. Aber auch die alte Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde kommt Emile als passender Vergleich in den Sinn. Am Schluss weiß Emile nicht mehr, wer er eigentlich ist.

|Ein moderner Catilina?|

Auch die Autorin selbst gibt uns einen Hinweis darauf, was die ganze Geschichte soll. Sie nannte ihren Roman „Les Catilinaires“. Das verweist auf jenen Catilina, den der berühmte Staatsmann und Konsul Cicero zu Zeiten der römischen Republik bekämpfte. Catilina hatte eine Verschwörung organisiert, um einen Umsturz herbeizuführen. Nach Ciceros Aufdeckung der Catilinischen Verschwörung musste sich sein Gegner selbst töten.

An einer dramatischen Stelle der Erzählung findet sich genau dieser historische Sachverhalt erwähnt: Emile spielt die Rolle des wütenden, wetternden Cicero, der Bernardin als seinen Catilina in die Schranken weist. Dass es so weit kommen konnte, erschüttert Emile, den sanften Schöngeist, am meisten. Doch welcher Natur ist die Verschwörung diesmal? Wie Emile fast zu spät erkennt, besteht sie nicht in der „Pallamedischen Invasion“, das wäre ja viel zu oberflächlich und simpel, sondern in etwas weitaus Profunderem, bei dem es um Leben und Tod geht.

|Lebenslüge|

Als alles vorüber ist und der Schnee ein Jahr später wieder fällt, scheint draußen alles beim Alten geblieben zu sein, doch innen sieht es ganz anders aus. In Emile hat sich alles verändert, denn er ist sich selbst ein Fremder geworden. Seine Nachtseite hat gehandelt, und die Tagseite muss damit zurecht kommen. Fortan wird er tagsüber für die liebe Juliette eine Lüge leben und nachts schlecht schlafen. Genau wie Penelope. Doch kein Odysseus weit und breit, der zur Erlösung eilt.

|Der Sprecher|

Walter Kreye verfügt über eine sehr angenehme, tiefe Stimme, die er facettenreich zu modulieren versteht. Er verändert das Tempo seines Vortrags, macht Kunstpausen, wo er Erstaunen oder Zögern ausdrücken möchte. Da seine Stimme immer etwa gleich tief ist, verändert er die Lautstärke, um anzudeuten, dass eine Frau (wie etwa Juliette) spricht. Juliette klingt immer ziemlich leise und zurückgenommen, manchmal zu leise – das klingt sehr einfühlsam, aber auch ein wenig ängstlich Ansonsten sind die Stimmen fast aller anderen Figuren die von Männern und entsprechend tief und von „normaler“ Lautstärke. Insgesamt eignet sich Kreyes Vortrag ausgezeichnet dazu, die Figuren zu charakterisieren und einer Szene die spezifische Stimmung zu verleihen.

_Unterm Strich_

Die Geschichte des belagerten Ehepaars ist streng symmetrisch aufgebaut und folgt den Vorgaben wie eine Versuchsanordnung. Zwischen Winter und Winter liegt exakt in der Mitte die Katstrophe (die ich hier nicht verraten darf), und sie findet exakt zur Sonnenwende am 21. Juni statt. Zeit ist die bestimmende Konstante des Geschehens und der Psychologie. Wie ein Uhrwerk läuft Bernardins Leben ab – er hat 25 Uhren in seinem Haus! – und übernimmt die Kontrolle über das seiner Nachbarn, der Hazels. Doch jede Uhr ist auch ein Gehäuse und das Gehäuse ein Gefängnis. Aus einem Gefängnis gibt es jedoch nur sehr wenige Ausgänge, und um einen davon zu erreichen, braucht man manchmal fremde Hilfe.

|Süße Glasur über bitterer Pille|

„Der Professor“ klingt an vielen Stellen heiter und ironisch, doch dahinter verbirgt sich eine todtraurige Wahrheit, die Professor Emile erst nach und nach anerkennt: Die Zeit macht uns erst schwach und ängstlich, bevor sie uns vollends umbringt. Alles, was uns übrig bleibt, wenn wir uns diesem Vorgang verweigern, ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. With a little help from our friends.

|Feinfühliger Vortrag|

Walter Kreye erweckt die Figuren mit seinem fein modulierten, der Situation bewussten Vortrag zum Leben. Hier das lebensfrohe, in seinen monadischen Traum vom Frieden versponnene Ehepaar Hazel, dort der in seiner privaten Hölle eingesperrte Bernardin. Und als die beiden Welten aufeinandertreffen, muss sich alles ändern, um gleich bleiben zu können. „Der zunächst harmlose Kleinkrieg steigert sich zum makabren Schauspiel“, schreibt der „Spiegel“. Und es ist zunächst eine Lust, diese spannende Entwicklung zu verfolgen. Doch zunehmend werden Schichten der Realität enthüllt, die eine makaberer als die nächste sind. Kreye macht dies zum Erlebnis.

|Nichts für Ungeduldige und Kulturbanausen|

Weil die Handlung aber so wenig Handlung aufweist und vieles nur innerlich abläuft, ist dies kein Hörbuch für Ungeduldige. Angesichts der zahlreichen Verweise auf die literarische Antike erweist es sich zudem als sehr nützlich, entweder selbst über eine entsprechende Bildung zu verfügen oder einen Führer in die Antike zur Hand zu haben. Zudem stört mich der hohe Preis: 25 Euronen für drei Silberscheiben ist schon heftig, und man sollte versuchen, dieses schöne Hörbuch günstiger zu bekommen.

|Originaltitel: Les Catilinaires, 1995
Aus dem Französischen von Wolfgang Krege
232 Minuten auf 3 CDs|

Mooney, Chris – Missing (Lesung)

_Spannender Entführungskrimi: Nicht ohne meine Tochter!_

Die kleine Sarah ist überglücklich. Obwohl es ihre Mutter verboten hat, darf sie endlich auch zum Schlittenfahren. Wie ihre Freundinnen, auf dem großen Hügel der Stadt. Der Vater hat es erlaubt. Denn so richtig ernst nimmt der die Angst seiner Frau nicht, die alles untersagt, was „riskant“ ist. Doch plötzlich ist Sarah spurlos verschwunden.

Fünf Jahre später liegt ihr vermeintlicher Entführer im Sterben. Obwohl dem ehemaligen Priester auch das Verschwinden anderer Mädchen angelastet wird, hat die Polizei seine Schuld nie beweisen können. Sarahs Vater, der nicht an ihren Tod glaubt, versucht verzweifelt, den „Täter“ zum Reden zu bringen, bevor es zu spät ist. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Chris Mooney, aufgewachsen in Lynn, Massachusetts, ist laut Verlag einer der erfolgreichsten neuen amerikanischen Thrillerautoren. [„Victim“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5226 sorgte in den USA für großes Aufsehen. Er lebt mit seiner Familie in Boston und veröffentlichte mit „Secret“ den nächsten Roman um Darby McCormick.

_Der Sprecher_

Boris Aljinovic, geboren 1967 in Berlin, war nach dem Schauspielstudium an der Hochschule „Ernst Busch“ am Berliner Renaissance-Theater und am Staatstheater Schwerin engagiert. Es folgten zahlreiche Rollen in Film und Fernsehen, so etwa 1999 in „Drei Chinesen mit dem Kontrabaß“ und 2004 in Otto Waalkes‘ Filmerfolg „Sieben Zwerge – Männer allein im Wald“. Seit 2001 spielt er den Kommissar Felix Stark an der Seite von Dominic Raacke im Berliner „Tatort“. Der Schauspieler lebt in Berlin. Er liest eine gekürzte Fassung.

Regie führte Gabriele Kreis im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg Januar 2009.

_Handlung_

Mike Sullivans Leben ist von Verlusten gekennzeichnet. Als er acht Jahre alt war, verließ seine Mutter seinen Vater Lou und verschwand grußlos nach Paris, von woher sie stammte. Sie schickte von dort lediglich eine Postkarte. Bevor sie ging, schenkte sie Mike eine Goldkette mit einem Anhänger des Hl. Antonius, der für verlorene Dinge zuständig ist.

1999 verliert Mike seine sechsjährige Tochter Sarah. Entgegen dem Verbot seiner Frau Jessica nimmt er Sarah mit zum Schlittenfahren. Aber es herrscht dichtes Schneetreiben auf dem Rodelhügel. Mike gibt Sarah in die Obhut von Paula, der Tochter seines besten Freundes Bill O’Malley, der zugleich Sarahs Taufpate ist. Doch Minuten später taucht Paula ohne Sarah auf. Die Suche nach dem Mädchen fördert nur ihre Brille zutage – sie hat sie verloren, neben ihrem Schlitten. Er bittet zwei Polizisten um Hilfe, doch sie berichten ihm, dass sein Vater Lou in der Stadt Bellham gesehen worden sei. Ob er sich wohl Sarah geschnappt hat? Als Jessica davon erfährt, reagiert sie erst ängstlich, dann wütend auf Mike. Das verheißt nichts Gutes für ihre Ehe.

Der zehnjährige Sammy Pinkerton, Sohn eines Polizisten, war ebenfalls auf dem Rodelhügel. Er gibt zu Protokoll, dass Sarah mit einem großen Mann fortgegangen sei, der ihr eine Decke um die Schultern legte. Sammy dachte, er sei Sarahs Vater. Im Schneetreiben konnte das nicht so genau sehen. Als Mike von dieser Aussage erfährt, besuchte er Detective Merrick von der Kripo. Es ist ja immerhin möglich, dass ein Gewaltverbrechen oder eine Entführung vorliegt.

|Fünf Jahre später|

Anno 2004 leben Jessica und Mike getrennt. Es ist der Jahrestag von Sarahs Verschwinden. Im Gegensatz zu Jess hat Mike die Hoffnung nicht aufgegeben, Sarah wiederzufinden, und legt einen Strauß Flieder auf dem Hügel, wo Sarah verschwand, nieder. Dann geht er zu seiner Therapeutin Dr. Rachel Tyler, die ihn nach Frank Jona fragt, dem mutmaßlichen Mörder Sarahs und zweier anderer kleiner Mädchen. Der ehemalige katholische Priester ist krebskrank und wird bald sterben.

Mike hat ihn einmal attackiert, als er angetrunken war. Er ist jetzt aber seit zwei Jahren trocken, arbeitet als Handwerker, doch er muss sich weiterhin auf gerichtliche Anordnung hin von Jona und seinem Haus fernhalten. Mikes Bewährungshelfer nimmt ihm regelmäßig eine Urinprobe ab. Der Richter hat Mike fünf Jahre Bewährung aufgebrummt, aber wenigstens hat Jona auf eine Anzeige verzichtet. Mike hat Kontakt zu Rose Giroux, der Mutter der verschwundenen Ashley. Rose hat ihm und Jess viel geholfen, und er hält sie über Jona auf dem Laufenden. Mike behauptet, Jona habe auch Caroline Lanville auf dem Gewissen.

Diese unerträgliche Lage, die über Jahre hinweg in der Schwebe gewesen ist, gerät eines Tages in Bewegung. Detective Francis Merrick von der Kripo führt Mike zu einer Fundstelle. Da hängt eindeutig Sarahs kleiner Anorak – über einem Holzkreuz. Eine Zeugin hat Frank Jona neben dem Kreuz zusammenbrechen sehen. Doch statt Jona zu verhaften, wartet Merrick die DNS-Tests ab. Am Abend taucht Lou, Mikes Vater, bei ihm auf. Er hat Jonas Haus verwanzt und weiß alles über ihn, z. B. dass er zwei Leibwächter hat und eine Pflegerin. Mike weigert sich, ihm ein Alibi zu geben, für was auch immer.

Am nächsten Tag ruft Merrick an: Auf Frank Jona ist ein Brandanschlag verübt worden, bei dem durch eine Verwechslung nicht Jona, sondern einer seiner Leibwächter schwer verletzt wurde. Ob Mike ein Alibi habe? Sein Haus wird durchsucht, doch Mike war bei Bill O’Malley. Als der Leibwächter seinen Verletzungen erliegt, gerät Mike dennoch unter Mordverdacht. Mike bittet die Rechtsanwältin Samantha Ellis, die vor 15 Jahren seine Sommerliebe war, um Hilfe: Kann sie ihm die Laborberichte des FBI beschaffen? Sie kann sogar mehr als das – sie engagiert für ihn eine Privatdetektivin, Nancy Childs. Im Laborbericht sind Blutflecken erwähnt.

Wenige Tage später wecken ihn die Stimme Sarahs und das Bellen seines Hundes Fang. Beide laufen in den nahen Wald. Wieder hört er Sarahs kindliche Stimme. Warum klingt sie immer noch wie vor fünf Jahren? Sie ist doch schon elf. Da entdeckt er den Kassettenrekorder neben einem Baum. An dem Baum baumelt Frank Jona …

Während Lou Sullivan wegen des Brandanschlags verhaftet wird, beginnt Mike mit Nancy Childs und Samantha Ellis seine eigene Ermittlung. Schon bald stößt er auf beunruhigende Zusammenhänge, die bislang noch niemand gesehen hat …

_Mein Eindruck_

Der Autor legte mit „Victim“ einen fulminanten Thriller als Debüt vor, dem mit „Secret“ ein weitaus weniger überzeugendes Sequel folgte. Dabei bemerkte ich zum ersten Mal die Abneigung des Autors gegen den Katholizismus in Neu-England. Angesichts der großen irischen Gemeinde in Boston gibt es dort auch viele Katholiken.

Offenbar hat der Autor negative Erfahrungen mit ihnen gemacht und eine Art Feindbild aufgebaut. Dieses kommt auch in „Missing“ negativ zur Geltung. Ich weiß ja nicht, welcher Konfession der Autor angehört, aber er muss ja nicht gleich eine bestimmte Konfession angreifen. Allerdings wirkt dadurch sein Vermissten-Thriller umso realistischer.

Es geht um eine Organisation aus der christlich-fundamentalistischen Ecke, die Kinder entführt, um sie bei Mitgliedern ihrer Organisation heranwachsen zu lassen. Der Grund besteht darin, dass die Mütter der Entführten zuvor haben abtreiben lassen und sich so als „gute Mütter“ disqualifizierten. Jedenfalls in den Augen dieser Superchristen. Mike Sullivan kann es kaum fassen, dass auch seine Jessica in diese Kategorie fallen soll. Nun ja, auch Jessica hatte wie er ein Leben vor der Ehe …

Mindestens ebenso spannend wie diese Ermittlung fand ich jedoch Mikes Nachforschungen in der eigenen Familie. Lebt seine Mutter noch – oder hat sein Vater sie bei seinem Besuch in Paris getötet? Sie ist wie Sarah eine in Mikes Leben schmerzliche vermisste Person – auch ihr gilt der Titel „Missing“. Lou ist in Mikes Augen bis zuletzt eine zwielichtige Gestalt, halb Verbrecher, halb Marinesoldat, und auf jeden Fall ein Rabenvater, der Mike im Stich ließ. Bis jetzt jedenfalls.

Als er den Spuren seiner Mutter folgt, die offenbar in Bostons bestem Viertel eine Affäre unterhielt, kreuzen sich die Spuren seiner Mutter mit der anderen Ermittlung. Alles scheint mit allem verknüpft zu sein. Und Nancy Childs, die er ebenfalls auf diesen Fall angesetzt hat, wundert sich, wieso ihr Klient ihr ständig in die Quere kommt. Aber als es darauf ankommt, können sie wenigstens parallel ermitteln.

Bevor alles gut wird, muss es erst einmal viel schlimmer werden. Unvermittelt entwickelt das letzte Drittel des Romans richtige Actiondramatik, in der Mike alles abverlangt wird, was er aufbieten kann. Und natürlich im unwahrscheinlichsten Moment.

|Der Sprecher|

Dass Boris Aljinovic einen „Tatort“-Kommissar spielt, gereicht ihm in vielerlei Hinsicht zum Vorteil. Die Aufgabe, die verschiedenen Figuren stimmlich und sprachlich auf erkennbare Weise zu charakterisieren, bewältigt der Sprecher mit Bravour – ohne sich jedoch zu Karikaturen hinreißen zu lassen. Ich bewundere, wie es ihm gelingt, die einzelnen Figuren auseinanderzuhalten und stets die gleiche Ausdrucksweise für die jeweilige Figur zu finden.

Die Männer sprechen völlig anders als die Frauen, nicht nur rauer und weniger emotional, sondern auch voller Andeutungen, insbesondere Lou Sullivan. Die Cops klingen irgendwie alle gleich, nämlich hart und autoritär, was in scharfem Kontrast zu dem einfühlsamen Mike Sullivan steht. Eine große Ausnahme bildet der todkranke Frank Jona. Da er Asthmatiker ist, spricht ihn Aljinovic mit einem ständigen Keuchen und Röcheln, was besonders in der Begegnung Jonas mit Mike dramatische Ausmaße annimmt. Denn Mike würde den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter ja am liebsten verrecken lassen.

Die Frauen haben stets die gleiche höhere Stimmlage, so dass man sie leicht von den männlichen Figuren unterscheiden kann. Die Rechtsanwältin Samantha Ellis ist nicht die taffe Karrierefrau, wie man erwarten würde, sondern so hilfreich und einfühlsam wie eine Krankenschwester – allerdings ohne professionelle Distanz. Sie würde am liebsten Mike gleich wieder in die Arme schließen.

Völlig anders hingegen ihre Privatdetektivin Nancy Childs. Die Schnüfflerin ist taff, wenn es drauf ankommt, und einfühlsam in den seltensten Momenten. In scharfem Kontrast dazu steht Terry Russell, die Krankenpflegerin Frank Jonas, die ein verhuschtes, nervöses Wesen an den Tag legt. Aber das ist möglicherweise nur Tarnung. Man sollte auf der Hut sein. Am besten gefiel mit der französische Akzent von Mikes Mutter, den Aljinovic wunderbar nachahmt.

Alle Figuren verändern ihre Redeweise außerdem je nach Situation. Mal flüstern, mal schreien sie, mal sind sie abgeklärt, mal aufgeregt. Einmal gibt es Rundfunknachrichten, dann erklingt wieder Sarahs kindlich hohe Stimme. Alles in allem dürften sich von diesem Vortrag eher Frauen angesprochen fühlen, aber ich fand mich auch ganz gut unterhalten.

_Unterm Strich_

Vordergründig geht es in diesem Thriller darum, vermisste Menschen zu finden. Aber das eigentliche Thema besteht darin, wie Mike Sullivan es schafft, sein zerbrochenes Leben wieder zu kitten. Er muss parallel zu Polizei und Privatdetektivin zwei Ermittlungen durchführen und das Äußerste geben, um zum Erfolg zu gelangen. Die Ausgangslage ist sowohl emotional als auch kenntnisreich geschildert, und auch über sein Seelenleben erfahren wir viel, so dass wir ihn uns gut als Individuum vorstellen können.

Die Begründung für die Kindesentführung erinnert mich an einen Krimi namens [„Schwesternmord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1859 von Tess Gerritsen. Auch dort geht es um eine geheime Organisation, die mit Kindern Profite machen will. Doch Mooneys Superchristen sind noch viel schlimmer, weil sie nicht nur die Kinder entführen, sondern sie auch noch in einer völlig anderen Kultur als Superchristen erziehen. Das erinnert an den Bestseller „Nicht ohne meine Tochter“, der in den achtziger Jahren für Furore sorgte. Das Thema ist in Zeiten der Globalisierung stets virulent.

|Das Hörbuch|

Mit den vorherigen Sprechern der Thriller von Chris Mooney war ich nicht hundertprozentig zufrieden, aber Boris Aljinovic, der schon drei Romane des Schweden Åke Edwardson vorgetragen hat, hat mich nicht nur gut unterhalten, sondern auch emotional bewegen können.

Als Erzählerstimme nimmt er sich völlig zurück, und nur in den Dialogen der Figuren zeigt er seine wahre Kunst. Er erweckt die Figuren wirklich zum Leben. Besonders die verhuschte Terry Russell konnte ich mir gut vorstellen, denn solche scheinbar passiven alten Frauen gibt es jede Menge. Und sie sind manchmal zu allem fähig.

|Originaltitel: Remembering Sarah, 2004
Aus dem US-Englischen übersetzt von Michael Windgassen
286 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3869090061|
http://www.chrismooneybooks.com
http://www.hoerbuch-hamburg.de

Pullman, Philip – Rubin im Rauch, Der (Sally Lockhart 1) (Lesung)

_Clever und schön: junger, weiblicher Sherlock Holmes_

London 1872. Ein typisches Mädchen ihrer Zeit ist Sally Lockhart wahrhaftig nicht. Im Notfall kann sie mit einer Pistole umgehen. Außerdem versteht die 16-Jährige etwas von Zahlen und Finanzgeschäften. Mut und ihren Verstand braucht Sally unbedingt, denn nachdem ihr Vater im Südchinesischen Meer ertrunken ist, erreicht Sally ein rätselhafter Brief, in dem von den „sieben Wohltaten“ die Rede ist. Mit Hilfe des Fotografen Frederick Garland und des Botenjungen Jim Taylor findet sie heraus, dass ihr Vater wegen eines ganz besonderen Rubins ermordet wurde. Doch die Zeit läuft dem Trio davon, denn die „Sieben Wohltaten“ und ihre Diener sind Sally bereits auf der Spur.

_Der Autor_

Philip Pullman wurde 1946 in Norwich geboren. Er wuchs in Australien, Zimbabwe, England und Wales auf. Nach der Schule studierte er Englisch am Exeter College in Oxford und unterrichtete danach zunächst am Westminster College. Mittlerweile hat er sich hauptberuflich der Schriftstellerei zugewandt und schreibt vor allem Kinderbücher und Kurzgeschichten.

Sein bekanntestes Werk ist die Trilogie „His Dark Materials“, bestehend aus den Romanen „Der Goldene Kompass“, „Das Magische Messer“ und „Das Bernstein-Teleskop“. Die Trilogie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit der Carnegie Medal. Für sein Gesamtwerk erhielt Pullman 2005 den Astrid Lindgren Gedächtnispreis. Die Verfilmung von „Der Goldene Kompass“ wurde von der Katholischen Kirche als antikatholisch auf den Index gesetzt.

Philip Pullman auf |Buchwurm.info|:

[„Der Goldene Kompass“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4780
[„Das Magische Messer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4285
[„Das Bernstein-Teleskop“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4309
[„Graf Karlstein“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3374
[„Ich war eine Ratte“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3880

_Die Sprecherin_

Doris Wolters, geboren in Fürth, arbeitet als Schauspielerin sowie als Sprecherin für Fernsehen, Rundfunk und Hörbuchproduktionen. 2007 wurde sie in der Kategorie Beste Interpretin für „Solange noch Liebesbriefe eintreffen“ für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert.

Regie führte Thomas Krüger im Studio |Acoustic Media|, Freiburg i. Br., 2008.

_Handlung_

Sally Lockhart steht im Oktober 1872 vor dem Büro der Firma ihres Vaters in London Cheapside. Ein alter Mann fragt sie nach ihrem Namen, den sie ihm nennt. Der Portier lobt ihren Vater, den Teilhaber der Schiffsmaklerfirma, wegen der er häufig im Fernen Osten unterwegs war. Mr. Selby, der andere Teilhaber, sei nicht da, erfährt sie, wohl aber Mr. Higgs, der Sekretär der Firma. Mr. Higgs kondoliert Sally zum Verlust ihres Vaters im Südchinesischen Meer, wo sein Schiff unterging. Doch Sally hat dringende Fragen, erst nach Mr. Marchbanks, einem Schiffsausrüster im Londoner Hafen, dann den Sieben Wohltaten. Was das wohl sein könnte? Doch sie erhält keine Antwort, denn Mr. Higgs beliebt es, erst nach Luft zu schnappen und dann tot umzukippen.

Sally reißt sich zusammen, indem sie an die Lektionen ihres Vaters denkt, der sie immerhin das Schießen gelehrt hat. Bloß keine Panik! Dann tritt ein kleiner dicker Mann ein, der von der Leiche nicht sonderlich beeindruckt ist: „Mausetot.“ Er stellt sich als Mr. Selby, bevor er Sally weg- und dann den Portier zur Polizei schickt. Der Botenjunge Jim Taylor hat alles mitangehört – Neugier ist sein zweiter Vorname. Nur ihm zeigt Sally den letzten Brief ihres Vaters, in dem Marchbanks und die Sieben Wohltaten erwähnt werden. Jim warnt sie noch vor Mr. Selby, bevor er einen Arzt für Mr. Higgs holen geht – für den Totenschein.

Nach dem Tod ihrer Mutter vor 15 Jahren, die bei einem Aufstand in Indien starb, zog ihr Vater Mathhew Sally auf, lehrte sie Schießen und Buchhaltung. Seit August wohnt sie bei ihrer Tante Caroline Reese, einer strengen Tyrannin, die Sally stets nur mit „Veronica“ anredet, als wäre sie eine Adlige. Über die Heiratsaussichten Sallys wage sie gar nicht zu spekulieren, so düster seien diese. Als Sally beim Rechtsanwalt ihres Vaters vorbeischaut, erfährt sie, dass zu wenig Geld für sie da sei, um auszuziehen. Am nächsten Morgen gibt ihr Mr. Temple, der Rechtsanwalt, einen Brief von Major George Marchbanks: Sie schwebe in Lebensgefahr! Als sie ihn umgehend in Kent besucht, bemerkt sie einen Fotografen, der sich als Frederick Garland vorstellt und den sie nach dem Weg fragt. Er erwähnt, dass eine ältere Frau schon vor ihr nach dem Haus von Mr. Marchbanks gefragt habe. Der Fotograf gibt ihr seine Karte, dann geht sie weiter. Mr. Marchbanks ist ein Heimlichtuer, der Sally gleich zur Rückseite seines Hauses führt. Er habe einen Feind, der sich im Hause befinde und nun auch Sallys Feind sei: eine Mrs. Holland, ihres Zeichens Pensionswirtin am Londoner Hafen. Er gibt ihr ein Päckchen und weist sie an, schnell zu gehen.

Auf dem Rückweg versteckt der nette Fotograf sie vor ihrer Verfolgerin und schickt Mrs. Holland sogar in die Irre. Dafür ist sie ihm einen Gefallen schuldig, findet sie, lehnt aber seine Begleitung ab. Das Päckchen öffnet sie im Zug. Es enthält ein Tagebuch, einen Bericht über die Vorgänge während des Aufstandes in Agrapur und Lucknow vor 15 Jahren, als ihre Mutter starb. Jetzt erfährt sie erstmals von dem verfluchten Rubin des Bösen, der ursprünglich dem Raja von Agrapur gehörte und so viel Unglück über ihren Vater brachte. Doch Sally schläft ein, nachdem ein Mann eingestiegen ist, und als sie im Bahnhof London Bridge erwacht, sind Mann und Tagebuch weg. Nur ein paar Blätter liegen auf dem Boden, auf denen ein lateinischer Satz steht. Bestimmt war der Mann ein Agent von Mrs. Holland, die ebenfalls hinter dem Rubin her ist.

Am nächsten bittet Jim Sally um ein Treffen im Park. Dort sagt er, er habe Besuch von Mrs. Hollands Tochter Adelaide erhalten. Ihr Mutter verlangt den Rubin im Austausch für das Tagebuch ihres Vaters. Die fehlenden Seiten beschreiben das Versteck des Rubins – hier, in London! Als Sally nicht auf den Handel eingeht, lässt Mrs. Holland sie kurzerhand in ihrem Zimmer bestehlen. Der Dieb kommt zwar nicht weit, weil er selbst bestohlen wird, doch Tante Reese glaubt Sally auch nicht, dass sie bestohlen wurde. Was tun? Der Rechtsanwalt kann ihr immerhin sofort 20 Pfund in Geld geben. Aber das Geld für die Teilhaberschaft ihres Vaters an der Firma ist weg – 10.000 Pfund. Wer kann es bloß haben?

Ausgestattet mit Gold und Freizeit, aber ohne Heim, begibt sich Sally zu dem freundlichen und galanten Fotografen Frederick Garland. Der lebt mit seiner Schwester in einem geerbten Haus, wirtschaftet aber schlecht und hat keine Ideen. Na, da kann ihm Sally aber helfen! Und er kann ihr beim Überleben helfen – gut, dass er sich schnurstracks in sie verliebt!

_Mein Eindruck_

Sally Lockhart hat bei uns noch nicht den Status erreicht, der ihr gebührt und den sie in Großbritannien bereits erreicht hat. „Der Rubin im Rauch“ ist nur der erste einer Reihe von Sally-Lockhart-Krimis, die sich an ein spannungsorientiertes, gebildetes Jugendpublikum wenden. Die viktorianische Epoche ist den englischen Schülern und Studenten so geläufig wie unsereins vielleicht die Zeit von Hermann Hesse und Thomas Mann.

|Exotik|

Doch wie in den aufregendsten Sherlock-Holmes-Abenteuern wie etwa „Die fünf Orangenkerne“ oder „Das Zeichen der Vier“ kommt ein spezifisch britisches Element hinzu: die koloniale Vergangenheit des Weltreiches. Insbesondere Indien spielt dabei eine zentrale Rolle. Exotik, Phantasie, Sex, Gewalt und Grauen treffen sich in der Vorstellung von diesem Subkontinent, und auch in „Der Rubin im Rauch“ spielt Indien, verkörpert im Dingsymbol des Titels, eine unheilvolle Rolle im Leben der Heldin. Der Rubin bringt, wie der Eine Ring bei Tolkien, das Böse im Menschen zum Vorschein, namentlich in Mrs. Holland, Sallys durchtriebener und skrupelloser Gegenspielerin.

|Die Sieben Wohltaten|

In einer unglaublich geschickt erzählten und mit verschiedenen Mitteln der Informationsübermittlung präsentierten Backstory entführt uns der Autor in eine koloniale Welt des Orients, die in Südostasien nicht mehr nur exotisch ist wie bei Karl May oder Jack London, sondern bis heute auch bedrohlich: Piraten machen wieder die Meere unsicher. In diesem Milieu entscheidet sich das Schicksal von Sally Lockharts Vater durch die Begegnung mit den „Sieben Wohltaten“. Wer sich mit chinesischen Triaden auskennt – sie werden vielfach in Hongkong-Thrillern präsentiert -, ahnt schon, dass dieser scheinbar positive Name dazu dient, die schlimmsten Gräuel zu verbergen.

Wie unheilverkündend muss also uns und Sallys Zirkel das Auftreten eines Mannes erscheinen, der eben diesen „Sieben Wohltaten“ vorsteht? Es ist, als müsste sich das Verhängnis, das bereits ihren Vater das Leben gekostet hat, nun an Sally wiederholen. Der Autor versteht es wirklich, dem Leser oder Hörer Beklemmung und Angst einzujagen. Wird Sally, die kluge, jugendliche Heldin, diese Begegnung überleben, fragen wir uns bang. Mehr darf nicht verraten werden.

|Handfeste Action|

Der Schauplatz des viktorianischen Londons und besonders seines Hafens ist vom Autor kenntnisreich mit zahllosen Details beschrieben, so dass es uns nicht schwerfällt, unseren Unglauben gegenüber jeder Art von Fiktion aufzugeben und die Geschichte, so schlimm sie sich auch entwickeln mag, zu verfolgen. Dabei erfordert eben dieses Folgen ein erhebliches Maß an Mitdenken. Der Autor und seine Figuren sind nicht so freundlich, uns jedes Fitzelchen von Information unter die Nase zu halten, damit wir es schlucken. Dies ist beileibe kein Disney-Film, sondern ein handfestes Krimi-Abenteuer, bei dem es durchaus zu Actionszenen kommt, die Opfer fordern.

|Die Sprecherin|

Doris Wolters verfügt über eine sehr flexible Ausdrucksweise in ihrer Sprechkunst, so dass es ihr gelingt, die unglaublich vielfältige Personal in dieser Geschichte angemessen zu präsentieren: von der boshaften Matrone Mrs. Holland, über den zwielichtigen Mr. Selby bis hin zu den rechtschaffeneren Exemplaren der Menschheit wie etwa Sally, Jim Taylor und natürlich Fred Garland.

Sie verleiht diesen Figuren eine jeweils individuelle Ausdrucksweise, so dass sie nicht nur als Individuen, sondern auch in den zahlreichen dramatischen Szenen zum Leben erwachen. Wenn Sally mit ihren Freunden durch die Docks von London eilt und sich versteckt, fiebern wir daher mit, ob sie entkommen kann oder doch noch in den Händen der Schergen von Mrs. Holland landet.

Aufgrund dieser souveränen Darstellungskunst der Sprecherin war ich deshalb besonders gespannt auf jenen Moment, in dem der unheimliche Chef der „Sieben Wohltaten“ auftritt. Würde es Doris Wolters gelingen, dieses Wesen von abgrundtiefer Bosheit angemessen darzustellen? Auch dies gelang ihr ausgezeichnet, denn man braucht nur die Falschheit dieses Mannes, seine versteckte tödliche Bedrohung und Sallys wachsende Furcht zu kombinieren, um perfekte Dramatik entstehen zu lassen.

Dass Geräusche und Musik fehlen, ist nicht so schlimm, denn vor lauter Action würden diese Elemente kaum ins Gewicht fallen und den Zuhörer womöglich von den zahlreichen Dialogen ablenken. Geräusche und Musik sind in Hörspielen besser angebracht. Dort ist der Umfang der Dialoge auch geringer, denn ein Teil der Stimmung wird auf die Musik verlagert.

_Unterm Strich_

In einer geschickt erzählten Handlung, die stets für ein hohes Maß an Spannung sorgt, verfolgen wir die junge Waise Sally Lockhart, wie sie einer drohenden Gefahr ins Gesicht sieht, einen Schatz sucht, Freunde findet und sich zwei erbitterten Feinden entgegenstellen muss. Immer wieder vergewissert sie sich der Liebe ihres Vaters, der sich auf ungeahnte Weise noch aus dem Grab um sein einziges Kind kümmert, und der Treue ihrer neuen Freunde, die sie in ihre Gemeinschaft aufnehmen.

Zugleich gelingt es dem Autor, in einer häppchenweise präsentierten Hintergrundstory viele rätselhafte Phänomene und Verhaltensweise schrittweise zu erklären, aber nie so viel, dass wir der Heldin einen Schritt voraus wären. Deshalb bleibt die Erzählung bis zum Schluss spannend, und wir bangen mit ihr. Ich bin schon gespannt auf das nächste Abenteuer, das dieser junge, weibliche Sherlock Holmes zu bestehen hat.

|Das Hörbuch|

Doris Wolters gelingt es, die Figuren zum Leben zu erwecken, insbesondere in dramatischen, hoch emotionalen Szenen. Sie hat etwas Schwierigkeiten, erwachsene männliche Figuren glaubhaft darzustellen, denn dafür ist ihre Stimme nicht tief genug, aber zum Glück kommen davon nicht allzu viele Exemplare vor – schließlich zählen zu Sallys Freunden vor allem Gleichaltrige, also junge Männer und Frauen. Und deren Stimmen sind längst nicht so tief wie die der Männer.

Wunderbar finde ich auch Wolters‘ Fähigkeit, ihre Stimme lispeln und nuscheln zu lassen oder auch wie im Telegrammstil zu zitieren (Botschaften aller Art spielen eine zentrale Rolle für den Fortgang der Handlung). Am Schluss wollte ich gar nicht mehr diese gefahrvolle Welt des viktorianischen London verlassen. Wer sich schon immer einen jungen, weiblichen Sherlock Holmes gewünscht hat, wird ihn in Sally Lockhart finden. Die Verfilmungen ihrer Abenteuer laufen mittlerweile auch im deutschen Fernsehen und sind ausgezeichnet gelungen.

Fazit: ein Volltreffer.

|Originaltitel: The Ruby in the Smoke, 1985
Aus dem Englischen übersetzt von Christa Laufs
281 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-86742-040-2|
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.philip-pullman.com

Colfer, Eoin – Artemis Fowl IV – Die Rache (Lesung)

Eine Erzfeindin von Artemis Fowl ist aus ihrem Gefängnis in der Privatklinik des Prof. Argon ausgebrochen: Opal Koboi hat nur einen Wunsch – sich an Artemis und Holly Short von der Elfen-Polizei für das verlorene Jahr zu rächen. Bei Artemis, der gerade dabei ist, ein seltenes Gemälde aus einer Münchner Bank zu stehlen, macht sie gleich einen erfolgreichen Anfang.

_Der Autor_

Eoin Colfer, geboren 1968, ist Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Wexford, Irland. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. 2011 erhielt er den Children’s Book Award, den wichtigsten Kinder- und Jugendbuchpreis Großbritanniens, und 2004 den Deutschen Bücherpreis in der Kategorie „Kinder- und Jugendbuch“. Seine bislang drei „Artemis Fowl“-Romane wurden allesamt Bestseller und sind von Rufus Beck kongenial ins Medium Hörbuch übertragen worden.

_Der Sprecher_

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

Beck liest den gekürzten Text. Regie führte Margit Osterwold.

_Handlung_

Der Ärger beginnt damit, dass es Opal Koboi, einer milliardenschweren Wichtelin, gelingt, aus der Privatklinik von Professor Argon auszubrechen. Unbemerkt. Und das, obwohl sie von der Zentralen Untergrund-Polizei (ZUP) rund um die Uhr bewacht wurde und der Professor ständig um den Erhalt seiner wichtigsten Geldquelle, Miss Caboys Fonds, besorgt war. Laufend hatte er ihr DNS-Proben entnommen, denn er ist sicher, dass DNS nie lügt. Falsch gedacht! Insgeheim hatte die Milliardärin einen Klon von sich züchten lassen, der natürlich die gleiche DNS wie sie besitzt – und nach einem raffiniert eingefädelten Austausch anstatt der echten Koboi in der Klinik liegt – und Prof. Argon arglistig täuscht.

Das Kunststück gelingt Koboi mit Hilfe zweier Wichtel, mit deren Assistenz sie ihre finsteren Pläne zu verwirklichen gedenkt. Denn schon ein ganz Jahr ihrer kostbaren Lebenszeit musste sie in dieser öden Klinik verbringen, weil der Menschenjunge Artemis Fowl und die Elfin Captain Holly Short von der ZUP sie hinter Gitter gebracht hatten. Opal gedenkt, sich bitter zu rächen. Und zwar nicht nur an Artemis und Short, sondern an der gesamten Erdbevölkerung, sowohl über als auch unter der Erde.

So, so, Artemis Fowl ist also in Deutschland, genauer gesagt: in München. Bestimmt heckt er dort wieder etwas aus. Ganz genau! In Begleitung seines Leibwächters Butler (von dem nur zwei Menschen den Vornamen kennen) betritt Artemis gerade eine Filiale der Internationalen Bank. Er hat vor, ein seit langem verschwundenes Gemälde zu stehlen, das vor hundert Jahren von einem gewissen Pascal Hervé gemalt wurde und den seltsamen Titel „Der Elfendieb“ trägt. Kontrolle um Kontrolle passieren die beiden, die unter falschem Namen reisen, bis sie endlich im Raum der Schließfächer anlangen. Hier wird’s knifflig, denn der Raum wird natürlich rund um die Uhr per Video überwacht. Sie haben genau 180 Sekunden Zeit. Jede Menge, denkt Artemis.

Unterdessen bereitet sich Captain Holly Short bei der ZUP auf ihre Beförderung zum ersten weiblichen Major in der Geschichte der Polizei der Unterirdischen vor. Ihr Mentor, Commander Julius Root, hat sie dafür vorgeschlagen. Doch etwas kommt dazwischen. Der inhaftierte General Scaleen ist aus der Haftanstalt Howler’s Peak entwichen. Wie er das geschafft hat, ist dem Überwachungsoffizier Foley, einem Zentauren, ein Rätsel. Holly kennt sich jedoch mit Kobolden wie Scaleen aus: Sie können sich häuten, und als Scaleens Neffe Boon ihn besuchte, ließ dieser einfach seine alte Haut dort, so dass Scaleen sie überziehen und unbemerkt hinausspazieren konnte. Jemand hätte aber merken müssen, dass zwei Boones das Gefängnis verließen.

Scaleen und Co. melden sich aus Paris. Sie verlangen, Holly Short zu sprechen, die sich nicht lange bitten lässt. Zusammen mit Captain Kelp und Commander Root macht sie sich durch die Tunnel per Überschall-Shuttle auf den Weg, bis an die Zähne mit Hightech-Ausrüstung bewaffnet.

Leider nützt ihr und ihren Kollegen alle Hightech nichts, denn sie tappen direkt in eine von Opal Koboi teuflisch aufgestellte Falle, die einen von ihnen das Leben kosten wird. Und das, so viel ist sicher, ist natürlich erst der Anfang.

_Mein Eindruck_

Wer etwas genauer hinschaut, wird in den Strukturen der Handlung das Vorbild erkennen: James Bond. Nur mit dem Unterschied, dass Bond diesmal weiblich ist und über magische Heilkräfte verfügt. Aber sonst ist alles da: Hightech mit jeder Menge Gadgets und natürlich ein Schurke bzw. eine Schurkin, die nichts Geringeres als die Weltherrschaft anstrebt, um sich an ihren Widersachern zu rächen. Wie Opal Koboi dies zu Wege bringen will, ist schon ziemlich abgefahren, darf hier aber nicht verraten werden. Folgerichtig findet der Showdown weit, sehr weit unter der Erdoberfläche statt, ist aber um keinen Deut weniger explosiv als der eines jeden ordentlich gemachten Bond-Streifens.

Was die Artemis-Fowl-Romane von Bond und Harry Schotter unterscheidet, ist ja gerade die Kombination beider Welten: auf der einen Seite die Science-Fiction-mäßige Ausstattung der Guten und Bösen, auf der anderen das Personal, das jeder Fantasy entsprungen sein könnte, aber in Irland besonders natürlich wirkt. Denn dort phantasierten schon die eingewanderten Kelten anno dunnemals vom Kleinen Volk im Land Tirnanog unter den Hügeln – und genau darunter haben die Elfen von der ZUP ihr größtes Shuttle-Terminal eingerichtet. Eine ziemlich ironische Wendung der irischen Folklore, die Eoin Colfer da für die heutige technikverliebte Jugend zustande gebracht hat.

In menschlicher Hinsicht ist das Buch diesmal jedoch nur in einem Punkt interessant: Artemis Fowl ändert seinen Charakter. Kenner und Liebhaber dieser Figur dürfte das ziemlich umhauen, aber alles halb so wild. „Aurum potestas est“ lautet das Motto derer von Fowl: „Gold ist Macht“. Und das war bislang Arties Leitspruch, an den er sich bei jeder unpassenden Gelegenheit hielt.

Nun jedoch findet er seine alten Erinnerungen wieder und erkennt in Holly Short und Mulch Diggums zwei sehr nette alte Bekannte, die er diesmal nicht mit einer Rechnung traktiert, sondern mit seiner Freundschaft beehrt. Denn – tatsächlich! – sogar ein eingefleischter Fowl wie Artie hat Gefühle statt eines Steinherzens – wer hätte das gedacht! Zu behaupten, er hätte ein Herz aus Gold, würde allerdings wegen seiner Vorliebe für das gelbe Metall weit in die Irre führen.

_Der Sprecher_

Rufus Beck erhält wieder einmal Gelegenheit, seine sprachakrobatische Kunst voll auszuspielen. Während Holly und Artemis doch recht „normal“ – was ist schon normal? – sprechen, ertönt Butler in tiefstem, grollendem Bass, und Opal Koboi malträtiert mitunter in kreischendem Diskant die Hörnerven des Zuhörers.

Auch Mulch Diggums, der Held der zweiten Epiosde, ist wieder mit von der Partie und erfreut uns mit seinem beinahe (aber nur beinahe) schon urbayerischen Tonfall. Was die oberen Ränge der Zentralen Untergrund-Polizei (ZUP) angeht, so werden alle Klischees von brummigen, Befehle brüllenden oder raunzenden Vorgesetzten erfüllt. Das trifft aber auf den Zentauren Foley nicht zu, der ja nur ein Untergebener ist. Er kann es sich allzu oft nicht verkneifen, dass seine Pferdenatur durch- und er in herzliches Wiehern ausbricht.

Klangfilter bekommen wir wegen der überall eingesetzten modernen Technik allenthalben zu hören. Sei es ein Telefon, ein „Soundchip“, ein Übertragungsmonitor oder nur ein ordinäres Walkie-Talkie – stets erklingt die Stimme des jeweiligen Sprechers entsprechend blechern verzerrt. Na ja, da sind die Telefon- und Handyhersteller doch schon ein wenig weiter, will ich mal unterstellen. Aber es muss halt nach Tonübertragung klingen, und deshalb ist dieser Filter nötig.

Vor allem Jugendliche und Kinder ab 12 Jahren (Handyalter!) dürften an dieser Art der Darbietung dieser Story Gefallen finden. Erwachsene könnte es ein wenig übertrieben vorkommen.

_Unterm Strich_

Der vierte Band von Artemis Fowls Abenteuer im Umgang mit den unterirdischen Völkerschaften erfreut durch eine überschaubare Handlung mit einem eindeutigen Spannungsbogen und einigen Happy-Ends. Auch wenn immer wieder unbekannte Eigenschaften erfundener Gerätschaften das Publikum verblüffen, so ist das Verständnis der Story dadurch nicht getrübt. Das war ja in Band 3 mit seinem „Matrix“-ähnlichen Plot doch relativ frustrierend. Diesmal kennt das Publikum die meisten Elemente schon und hat weniger Mühe, sich das Geschehen vorzustellen.

Nicht nur James Bond stand Pate am neuen Plot, sondern auch die modischen Kunst-und-Klerus-Thriller à la „Sakrileg“ von Dan Brown. Daher darf Artemis diesmal auch ein Bild klauen, und die Tresor-Szene könnte direkt aus „Sakrileg“ stammen, in der Sophie und Robert Langdon vor ein neues Rätsel auf ihrer Schnitzeljagd gestellt werden. Man sieht also, dass Eoin Colfer auch nur mit Wasser kocht, das andere schon vorgewärmt haben. Dennoch bietet das Buch gute Unterhaltung.

Die Zuhörer können sich zusätzlich noch an der Stimmakrobatik eines Rufus Beck erfreuen. Sehr schön charakterisiert er die einzelnen Figuren, von denen die meisten dem Artemis-Fan bereits bekannt sind. Wie Beck es schafft, selbst nach einem Jahr noch die gleiche Klangfarbe wie beim letzten Mal zuzuweisen, ist nicht schwer zu erraten. Er muss sich einfach nur die alte Aufnahme anhören, bevor er loslegt. Und die hat sich ja bekanntlich prächtig verkauft, kann also nicht schlecht gewesen sein.

|Originaltitel: Artemis Fowl – The Opal Deception, 2005
374 Minuten auf 5 CDs|

Roché, Henri-Pierre – Jules und Jim (Lesung)

Die Geschichte von „Jules und Jim“ und Kathe ist durch François Truffauts Film von 1961/62 bereits Legende geworden: eine „amour fou“ zu dritt. Zwei junge Literaten, der Deutsche Jules (gespielt von Oskar Werner) und der Franzose Jim, beide verliebt ins Leben und die Liebe, lernen sich 1907 (!) in Paris kennen und teilen fortan ihre Tage. Nichts kann sie trennen, bis eines Tages Kathe kommt, die aufregendste Frau, die ihnen je begegnet ist. Sie (gespielt von Jeanne Moreau) liebt beide, erst Jules, dann Jim, dann wieder Jules. Sie kann nicht ohne Jim leben, aber auch nicht ohne Jules. Bis zur letzten Konsequenz …

|Der Autor|

Henri-Pierre Roché, 1879-1959, war jahrelang Berater und Agent in der Pariser Kunstszene, später Kritiker, Übersetzer und Schriftsteller. In seinem 1953 erschienenen Roman „Jules et Jim“ verarbeitet er seine Freundschaft zu dem deutschen Schriftsteller Franz Hessel. Beide lieben ein Leben lang im Wechsel dieselbe Frau: die Malerin Helen Grund, spätere Hessel.

|Die Sprecherin|

Eva Mattes spielte an allen großen Bühnen Deutschlands und war in zahlreichen Film- und Fernsehrollen zu sehen, u. a. als „Tatort“-Kommissarin Klara Blum. Filmfreunden ist sie vor allem als eine der Lieblingsschauspielerinnen von Rainer Werner Fassbinder in Erinnerung, sie spielte aber auch neben Klaus Kinski in Büchners „Woyzeck“ (Wim Wenders). Für |Hörbuch Hamburg| hat sie u. a. das Nixenmärchen „Undine“ von Friedrich de la Motte Fouqué gelesen.

Das Titelbild zeigt das Trio Jules, Jim und Kathe in einer Szene des Films, die am Strand spielt.

|Hinweis|

Es ist anfangs ein wenig verwirrend, dass der Franzose Jim einen englischen Namen trägt und der Deutsche Jules einen französischen. Man kann nur annehmen, dass der Autor nicht wollte, dass der Leser die beiden Männer automatisch einem bestimmten Land zuordnet, nur weil sie einen entsprechenden Namen tragen. Sie könnten auch ganz andere Namen tragen. Kathe hingegen ist weder ein deutscher noch ein französischer oder englischer Name, hat aber Anklänge an die Namen Käthe und Katharina bzw. Catherine.

_Handlung_

Man schreibt das Jahr 1907, in dem die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Der Weltkrieg ist noch weit entfernt. Jim stammt aus Paris und nimmt seinen zu Besuch weilenden Freund Jules auf einen Ball mit, denn Jules braucht hier ein Mädchen. Er hat zwar schon drei in München, woher er stammt, doch warum soll er in der Fremde einsam sein? Die beiden Freunde schreiben Gedichte und übersetzen aus der Sprache des jeweils anderen.

Als Jim den Besuch erwidert, werden die Schönheitsideale der beiden ebenso klar wie ihre charakterlichen Eigenschaften. Jules ist geduldig, aber nicht so fordernd wie Jim, und macht gerne den Spielleiter, allerdings fehlt ihm eine gewisse Festigkeit in seinen Entschlüssen. In Jims Augen ist Luzie eine „gotische Schönheit“, der die Strenge einer Äbtissin eignet.

Gertrud hingegen reißt gern Bäume aus, ist eine ledige Mutter (skandalös für die damalige Zeit), ein verbannter Freigeist und eine „griechische Schönheit“. Lina, Jules‘ Freundin Nr. 3, findet keineswegs Jims Interesse und scheidet sozusagen aus dem Spiel aus. Da wir die Geschehnisse aus Jims Sicht (auch der Autor ist Franzose) betrachten, erkennen wir schnell seine Eigenschaften: Er ist kein Kostverächter, sondern weiß zuzupacken. Allerdings ist die Freundschaft zu Jules für ihn sehr wertvoll.

|Prototyp|

Luzie, Jules und Jim – dieses Dreieck ist bereits eine Vorform dessen, was später folgen soll. Es bestehen keinerlei Geheimnisse zwischen den dreien, und das ist das Wichtigste für diese Art von Liebesfreundschaft. Luzie lehnt Jules‘ Heiratsantrag ab, meint aber, zu dritt wären sie ideal für sie. Es folgen philosophische Ausführungen über Relativität und Absolutheit, die für eine „ménage à trois“ relevant sind.

|Prägung|

Eine weitere Vorstufe für das, was kommen soll, ist die Griechenlandreise. Gemeinsam besuchen Jules und Jim die antiken Stätten und ziehen durch die Bars von Athen, wo sie die Schönheiten mit Gertrud und Luzie vergleichen. Als penetrant dogmatischer Führer schließt sich ihnen der rassistische Albert an, der später noch vielfach auftauchen wird, denn er wird von Kathe als Waffe gegen Jules & Jim benutzt. In Delphi haben Jules & Jim ein Aha-Erlebnis: Sie bewundern eine antike griechische Statue. Das Lächeln der Frau zieht sie in ihren Bann: Es ist göttlich, bezaubernd, aber auch ein wenig kalt und gnadenlos.

|Kathe|

Daher sind sie quasi wie vom Blitz getroffen, als sie unter den vier Berlinerinnen, die sie in Paris besuchen kommen, eine Frau entdecken, die exakt das gleiche Lächeln aufweist wie jene Statue. Es ist Kathe. Am Nationalfeiertag verkleidet sich die junge Frau als Junge, den alle Thomas nennen müssen. „Sein“ Lächeln ist schön und grausam zugleich in seiner Unschuld. Die Pariser lassen sich von der Verkleidung nicht lange narren.

Jules verliebt sich in die blonde „germanische Schönheit“, die sowohl ihn als auch Jim um den kleinen Finger wickelt. Als Jim erfährt, dass sein Freund Kathe heiraten will, hat er Bedenken. Jim kennt sich mit Frauen aus, denn er hat – nach zahllosen Affären, versteht sich – selbst eine heimliche Geliebte in Paris. Nach der Hochzeit kommt es zu einer Krise, als Kathe ohne ersichtlichen Grund in die Seine springt und Probleme mit dem Schwimmen zu haben scheint.

Doch es ist nicht der sonst so autoritäre Jules, der ins Wasser springt und sie rettet, sondern sein Freund Jim. Während Jules geknickt ist, verschwindet Jim, bevor sich ihm Kathe an den Hals werfen kann. Sie triumphiert wie ein siegreicher General. Wieder einmal hat sie ihre Eigenständigkeit behauptet, einfach indem sie den einen gegen den anderen ausgespielt hat. Und wo dies nicht geht, holt sie sich andere Liebhaber ins Bett (nicht ins eheliche, versteht sich), so etwa den erwähnten Albert und andere.

|Nach dem Krieg|

Der Krieg vergeht ebenso wie weitere Jahre, und die drei Liebhaberfreunde sehen sich wieder. Doch das Gleichgewicht im Dreieck verschiebt sich permanent, und so sind die Freuden stets auch mit Leid vermischt. Jim trägt’s philosophisch und erntet die Früchte, die Kathe ihm gewährt, wohingegen Jules sich zu einem duldenden Benediktinermönch entwickelt, der in seiner literarischen Arbeit aufgeht.

|Lebenstaumel|

Doch mit dem fortschreitenden Alter entwickelt Kathe zunehmend Gedanken an Selbstmord. Denn der „Lebenstaumel“, der ihr Lebenselixier ist, lässt sich nun nicht mehr so einfach durch risikoreiche Spiele erringen. Bücher wie Kleists „Penthesilea“ und Goethes „Wahlverwandschaften“ gaben früher Jim Hinweise auf Kathes Interessen.

Aber auf den Reisen an den Atlantik, nach Paris und Venedig erweist sich Kathe als zunehmend abwesend, wenn auch nicht abweisend. Sie hat etwas vor. Jim ahnt, dass es etwas Drastisches sein wird, denn das war schon immer Kathes Art, sich ihr Lebendigsein zu bestätigen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

_Mein Eindruck_

Wenn man Truffauts Film gesehen und sich über die jungen Schauspieler gefreut hat, ist man etwas erstaunt darüber, dass die Dreiecksgeschichte zwischen Jules, Jim und Kathe sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Die Figuren wirken aber auch am Schluss keineswegs alt, sondern so dynamisch wie am Anfang. Das liegt natürlich an Kathe, die sich immerzu bestätigen muss, dass sie eine lebendige Frau ist und sich dazu allerlei Eskapaden leistet.

Es liegt aber auch daran, dass die Außenwelt lediglich in einer Art Chiffren vorkommt, quasi als Kulisse für das Beziehungsgeflecht des Trios. Nur am Rande erfährt man also, dass ein Weltkrieg stattgefunden hat und dass es in Deutschland eine Hyperinflation gibt. Der Eindruck entsteht, dass die ménage à trois der einzige Kosmos ist, der zählt. (Dieser Eindruck mag im Buch ein anderer sein, denn es ist anzunehmen, dass der Text so gekürzt wurde, dass sich die Geschichte auf das Trio konzentriert.) Doch das Trio muss sich an einer Stelle mit der Bürokratie herumschlagen, ob es will oder nicht. Bürgerliche Beziehungen werden eben anders geregelt, meistens schwarz auf weiß.

|Anschaulich|

Weil sich der Text auf die Handlungen konzentriert, ist der Stil anschaulich wie ein Kinofilm und wir folgen den Aktionen der Figuren mit Interesse, ohne dass langweilige Erklärungen die Szene stören würden. Nur selten erfahren wir daher – meist von Jim -, wie sich Jules und Kathe in ihren jeweiligen bürgerlichen Existenzen entwickeln. Aber auch philosophische Betrachtungen über das Wesen einer bzw. dieser ménage à trois sind sehr selten; zumindest kann ich mich an kaum eine erinnern. Wenn jemand reflektiert, dann ist dies in der Regel Jim, unser Mann vor Ort. (Es ist ein französischer Roman für französische Leser, und Jim ist eben Franzose.) Seine Gedanken sind kein Selbstzweck, sondern stellen a) die Chronik der Ereignisse dar und b) sind sie Teil der Interaktion im Trio.

|Unmoralisch? Nie im Leben!|

An keiner einzigen Stelle kommt Jim die Idee, dass die ménage à trois etwas Unmoralisches sein könnte. Warum auch? Das Buch selbst ist ja das Manifest des Autors, dass er solche Beziehugnen nicht als unmoralisch, sondern lediglich als schwierig aufrechtzuerhalten ansieht. Die Probleme liegen nicht auf der moralischen, sondern auf der psychologischen Ebene. Für die Zeitgenossen lag die Herausforderung wohl eher in der Vorstellung, dass nicht nur Männer mehrere Geliebte haben können, sondern auch Frauen. Solche Frauen werden von der Gesellschaft geächtet, wie es der armen Gertrud in München widerfährt.

Auch Kathe kann nicht der freien Liebe frönen, ohne sich alsbald durch eine Heirat den Mantel der Respektabilität umzuhängen, danach aber – sobald die Kinder da sind – mit ihrer Praxis der freien Liebe fortzufahren. Dass Jules sie dabei mehr oder weniger freiwillig deckt, kommt ihr zugute, wirft aber kein gutes Licht auf den Zustand ihrer Ehe. Sie schlafen in getrennten Betten, was bereits alles sagt. Dafür erhält Jim seine Chance, mit Kathe schöne Tage zu verleben.

Es ist nicht so, dass die beiden Männer eines Tages beschlossen hätten, dass sie sich Kathe teilen, als wäre sie eine Schlampe. Vielmehr verhält es sich wohl so – eine Frage der Interpretation -, dass es Kathe selbst ist, die sich das Recht auf Wahlfreiheit vorbehält. Darin bestätigt sich ihr Status als „Löwin“ und „Göttin“, als die sie von Jim tituliert wird. Sie ist ein höheres Wesen, und die beiden Männer sind schon durch ihr Delphi-Erlebnis vorgeprägt, sie dementsprechend zu behandeln. Weil aber keiner von beiden einen absoluten Anspruch auf sie erheben mag oder kann, funktioniert die ménage à trois überhaupt erst.

|Die Relativitätstheorie|

Wenn es keine Absolutheit gibt, herrscht Relativität. Darüber reflektiert Jim mehrere Minuten lang. Wenn aber alle Beziehungen und die darin vermittelten Gefühle der Wertschätzung und Herabsetzung relativ sind, dürfen sie auch nicht verabsolutiert werden. Jim weiß also, dass sich Kathe sowohl rächen als auch ihn wieder willkommen heißen wird. Diese Gewissheit der Ungewissheit begleitet ihn ständig, wenn er mit Kathe zusammen ist. Und weil alles schon am nächsten Tag vorbei sein kann, genießt er den Moment, der ihm geschenkt oder von ihrer Majestät Kathe gewährt wird, bis zur Neige. Dementsprechend intensiv ist seine Erfahrung des Lebens.

Es hilft auch nichts, dagegen aufzubegehren. Denn Kathe weiß sich auf subtile Weise zu rächen und ihre beiden Männer wieder auf ihren Platz zu verweisen: Sie nimmt sich einen anderen Lover, sei es der aufgeblasene Albert oder ein Engländer. Diese Eskapaden bereiten ihren Männern nicht nur Verdruss, sondern zunehmend auch Besorgnis. Auf welche Stufe der männlichen Gesellschaft wird sich Kathe noch herablassen? Und wird sie eines Tages völlig wegbleiben und ihre Kinder im Stich lassen?

|Authentisches Lebensmodell|

Der Autor schildert also die Dreiecksbeziehung nicht nur als ein Modell der freien Liebe, sondern als Lebensmodell. Dieses lässt sich über Jahrzehnte hinweg aufrechterhalten, wenn auch nur unter Mühen. Doch der Lohn ist ebenso groß wie die Mühe, die man in diese besondere Beziehung investiert. Diese Beziehung hat sich Roché nicht aus den Fingern gesogen, sondern Kathe und Jules haben reale deutsche Vorbilder aus jener Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und dreimal darf man raten, wer sich hinter Jim verbirgt (siehe den Abschnitt „Der Autor“ oben).

_Die Sprecherin_

Eva Mattes verfügt über eine relativ tiefe, aber einschmeichelnd sanfte Stimme, die sie wohldosiert einzusetzen weiß. Das Vortragstempo ist genau richtig, und sie schafft es, den Sätzen eines Abschnittes eine Art Spannungsbogen und Zusammenhang zu verleihen. Das ist auch sehr notwendig, denn der Text selbst bietet nur wenig Spannungselemente. Die beinahe einzige Ebene der Spannung befindet sich auf der der Psychologie. Nur selten ergeben sich Actionszenen wie jene, in der Jim und Kathe um einen Revolver streiten.

Weil es so wenig oberflächliche Spannung gibt, muss der Vortrag die unterschwellige Anspannung reflektieren. Aber wie soll die Sprecherin das bewerkstelligen, ohne durch Übertreibung lächerlich zu wirken oder sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen? Mattes hält sich daher – wie jeder gute Sprecher – zurück und überlässt es dem Hörer, aus den vorgetragenen Ereignissen eine Entwicklung herauszulesen und entsprechende Gefühle dafür zu entwickeln. Ihr Vortrag erfordert – ebenso wie das Buch – den mündigen Leser und Hörer.

_Unterm Strich_

„Jules und Jim“ schildert ein interessantes Modell für Liebe und Leben, das von François Truffaut kongenial und mit eigener Aussage verfilmt wurde. Doch der Roman verweigert sich absichtlich jeglichen Ansprüchen auf Unterhaltung, indem er keine Spannungsbögen größerer Art im Stile eines Kriminalromans oder einer Groschenromanze anbietet. Der Autor interessiert sich vor allem dafür, wie diese Dreierbeziehung in der Realität und auf der psychologisch-menschlichen Ebene funktionieren kann.

Dabei stellt er von vornherein keine Erwartungen oder gar Bedingungen auf, sondern schildert, was da kommt. Das Ergebnis ist ein angenehmer Bericht der laufenden Ereignisse, die sich durchaus dramatisch zuspitzen können. Doch der Schluss ist folgerichtig eben kein von langer Hand herbeigeführtes Finale inklusive Showdown, sondern kommt quasi aus dem Nichts: so wie manche Entscheidungen von Menschen nirgendwoher zu kommen scheinen. Der Schluss mag traurig stimmen, aber wer auch nur einen Funken Sympathie für die drei Hauptfiguren entwickelt hat, wird das Geschehen akzeptieren.

Eva Mattes hatte vielleicht ihre liebe Not mit der Darbietung des Textes, aber sie entledigt sich ihrer Aufgabe mit Anstand. Sie hält sich zurück, obwohl es nur wenig Spannungsbögen oder Dramatik gibt, vielmehr trägt sie die Ereignisse vor, als handle es sich um alltägliche Routine. Jede andere Vortragsweise würde nämlich werten, und damit würde sich die Sprecherin auf die fragwürdige Seite moralischer Zensur begeben.

Es mag nämlich genügend Zeitgenossen (immer noch oder schon wieder) geben, die wie in den fünfziger Jahren, als das Buch erschien, mit Verdammung über dieses herziehen würden, in der Meinung, nur die Ehe zwischen Mann und Frau – ohne einen Dritten, versteht sich – sei die EINZIGE legitime Form des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau. George W. Bush würde ihnen zweifellos beipflichten.

Gegen diese Engstirnigkeit wendet sich der Roman ebenso wie das Hörbuch. Insofern handelt es sich um ein literarisches Stück Aufklärung: Es zeigt ein erfolgreiches Alternativmodell auf, das den bevormundeten Zeitgenossen einen Ausweg aus ihrer potenziellen Ehe-Misere aufzeigt. Eine ménage à trois verwechselt der Autor nie mit Zügellosigkeit nach dem Bäumchen-wechsel-dich-Prinzip. Das würde Kathe zu einer Schlampe degradieren. Und daher ist seine ménage à trois auch kein Freibrief für „freie Liebe“ zwischen jedermann und -frau. In Zeiten von AIDS käme das auch wenig gut an.

|223 Minuten auf 3 CDs
Originaltitel: Jules et Jim, 1953
Aus dem Fanzösischen übersetzt von Peter Ruhff|

Meyer, Stephenie – Bis(s) zum Morgengrauen (Bella und Edward 1, Hörbuch)

_Keusche Vampire und verliebte Jungfrauen_

Damit hat Bella, das Mauerblümchen, nicht gerechnet, als sie aus dem sonnigen Arizona in das verregnete Nest an der Nordwestküste umzog: Der Star der ganzen Klasse wirbt um sie. Edward Cullen sieht einfach fabelhaft aus, ist witzig und – gefährlich. Er fasziniert sie, obwohl hinter seinen veränderlichen Augen ein düsteres Geheimnis verborgen liegt. Wer ist er? Was meint er mit seiner Warnung: „Ich bin kein guter Freund für dich“? Doch bevor sie ihm auf die Spur kommen kann, ist es bereits um sie geschehen. Rettungslos hat sie sich in ihn verliebt. Und er? Hat er sie nur zum Fressen gern – oder steckt mehr dahinter? (abgewandelte Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Stephenie Meyer, 1973 geboren, lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Arizona, USA. „Bis(s) zum Morgengrauen“ ist ihr erstes Buch und wurde 2008 unter dem Titel „Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen“ verfilmt. Das Buch ist der Auftakt zu ihrer Vampirtrilogie. Außerdem veröffentlichte sie den Zukunftsroman [„Seelen“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5363 den es ebenfalls als Hörbuch gibt.

Die Vampirquadrologie:

1) [Bis(s) zum Morgengrauen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4600
2) [Bis(s) zur Mittagsstunde]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4647
3) [Bis(s) zum Abendrot]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5456
4) [Bis(s) zum Ende der Nacht]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5508

_Die Sprecherin_

Ulrike Grote spielte nach der Schauspielausbildung im Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg und an der Wiener Burg. Seit 2001 ist sie in diversen Film- und Fernsehrollen zu sehen, wie etwa „Das Kanzleramt“ und „Tatort“. Seit 2003 arbeitet sie auch als Regisseurin. Für ihren Kurzfilm „Ausreißer“ gewann sie 2005 den Internationalen Studenten-Oscar in der Kategorie Bester ausländischer Film; ein Jahr später erhielt der Kurzfilm eine Oscar-Nominierung.

Regie führte Gabriele Kreis. Die Aufnahme erfolgte im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg, im Jahr 2007.

_Handlung_

Isabella Swan ist gerade mal siebzehn, als ihre Mutter Renee sie zu ihrem getrennt lebenden Vater Charlie schickt. Das bedeutet eine Reise aus dem sonnigen Phoenix, Arizona, ins regnerische Fawkes an der Nordwestküste. Charlie, der hier als Sheriff arbeitet, hat ihr einen gebrauchten Wagen gekauft, damit sie leicht zur Schule kommt. Bellas Haut ist elfenbeinweiß und ihr Körper von zarter Konstitution, außerdem, glaubt sie, hat sie zwei linke Hände und fällt über jedes Hindernis, das ihr nicht aus dem Weg geht.

|Die Schule|

Fawkes Highschool hat immerhin 358 Schüler, ist also recht groß. Die Verwaltung schickt sie in die nächste Klasse auf ihrem Stundenplan. Was man hier im Englischunterricht durchnimmt, kennt sie alles schon, und sie langweilt sich. Immerhin sind alle Klassenkameraden hilfsbereit und auskunftsfreudig. In der Schulkantine bemerkt sie eine abseits sitzende Gruppe von fünf Schülern. Sie essen nicht und reden nicht, diese drei Jungs und zwei Mädchen. Sehr merkwürdig. Alle sind kreidebleich, haben dunkle Augen mit Schatten darunter. Bella fragt nach ihnen und erfährt, dass die Fünf alle bei Dr. Cullen leben, einem brillanten Chirurgen in der Stadt. Er habe sie alle adoptiert.

|Ein seltsamer Mitschüler|

In der nächsten Stunde sitzt Edward Cullen neben ihr, hält aber Abstand zu ihr. Sein Blick scheint voller Abscheu zu sein, und kaum klingt die Glocke, verduftet er. Sie fragt ihren Mitschüler Mike Newton, ob sie etwas verbrochen habe. Natürlich nicht. Die Cullens sind alle etwas komisch. Mike ist sehr nett und hilfsbereit. Aber Edward ist interessanter. Als er am folgenden Montag wieder in die Schule kommt, hat er sich völlig verändert: Er ist nicht nur freundlich und zuvorkommend, sondern hat auch andere Augen. Waren sie zuvor schwarz, so sind sie nun ockerfarben, passend zu seinem rötlich blonden Haar. Leider sind seine Finger eiskalt, was Bella ziemlich nervös macht. So nervös, dass sie auf dem Schulparkplatz fast einen Unfall baut.

|Wundersame Rettung|

Am folgenden Tag liegt Glatteis auf den Straßen, doch ihr Wagen verfügt über Schneeketten. So vorsichtig wie möglich parkt sie auf dem Schulparkplatz ein und steigt aus. Auf einmal hört sie ein hohes Kreischen, und sie sieht, wie Edward sie anstarrt. Was ist los? Da erst sieht sie, wie ein Wagen unaufhaltsam auf sie zuschlittert und der Fahrer vergeblich versucht, den drohenden Crash zu vermeiden: Sie wird zerquetscht werden! Bella ist wie erstarrt.

Doch in Windeseile schnappt Edward sie aus dem Weg der Gefahr und schiebt sogar noch den anderen Wagen von ihr Weg. Ein Scheppern und Klirren signalisiert den Zusammenstoß. Edward beugt sich über Bella: Sie ist in Ordnung, aber auch völlig erstaunt über seine Rettungsaktion. In Nullkommanix liegt sie im Krankenhaus, wo sein Adoptivvater ihre Behandlung überwacht. Dr. Cullen sieht ebenso gut aus wie Edward. Aber ein paar Fragen drängen sich in Bellas Hirn und wollen ausgesprochen werden: Wie ist es Edward nur gelungen, so rasend schnell zu ihr zu gelangen und dann auch noch den heranrollenden Wagen zur Seite zu lenken? Edward vertröstet sie auf später. Erstmals träumt sie auch von ihm.

Bald ist Frühlingsball, und alle Schüler suchen einen Tanzpartner. Doch obwohl Bella von allen netten Jungs gebeten wird, gibt sie allen einen Korb. Doch der eine, dem sie zugesagt hätte, fragt sie erst gar nicht: Edward. Verdrossen behauptet sie, am Balltag in Seattle zu sein. Am nächsten Tag bietet er ihr an, sie dorthin mitzunehmen. Im Biologieunterricht kippt sie beim Anblick eines einzigen Blutstropfens um. Edward bringt sie zur Krankenstation. Mike ist eifersüchtig. Erst später erinnert sie sich, dass sie das Blut des anderen Patienten riechen konnte.

|Die Kalten Wesen|

Mike lädt sie und andere Freunde zu einer Strandparty an der Küste ein. Dort lernt sie ein paar junge Lapash-Indianer kennen. Der 15-jährige Jacob Black, der Häuptlingssohn, gefällt ihr besonders und es gelingt ihr, mit ihm allein spazierenzugehen. Er kennt die Cullens und erzählt ihr eine interessante Legende, die ihm sein Urgroßvater erzählte.

Als vor tausenden von Jahren die Sintflut die Landbrücke zwischen Asien und Alaska unterbrach, auf der die ersten Menschen nach Amerika gelangt waren, kamen neben den befreundeten Wölfen auch die „kalten Wesen“, die die Feinde der Wölfe waren. Sie waren immer selten, aber damit sie den Wölfen und Menschen nicht nachstellten, schloss sein Urgroßvater einen Pakt mit ihnen. Er würde sie vor den Weißen schützen, wenn sie dafür keine Menschen mehr jagten und aussaugten. Dieser Pakt gelte bis heute. Die Cullens seien eine größere Gruppe dieser kalten Wesen, und Carlyle Cullen ihr Anführer. Er sei sehr alt. Bella ist erschüttert. Auf was hat sie sich da bloß eingelassen?

Die Websuche nach dem Begriff „Vampire“ ergibt, dass es sowohl böse als auch gutartige Vampire geben soll. Die guten heißen stragorni benefici. Zu welcher Sorte gehört wohl Edward? Nun, er hat ihr immerhin das Leben gerettet. Wie böse kann er also sein? Und doch sagt er immer, es sei besser für sie, Bella, wenn sie nicht mit ihm befreundet sei. Doch sie verlieren will sie ihn auch nicht. Nicht mehr, denn sie ist bereits Hals über Kopf in ihn verliebt, ohne es gemerkt zu haben.

Sie ahnt nicht, welche Feinde ihr geliebter Edward hat und dass diese auch ihr gefährlich werden können.

_Mein Eindruck_

Na, das ist doch mal Vampirromantik, mit der auch zwölfjährige pubertierende Teeniegirls etwas anfangen können! Hier brauchten sie sich nicht den Kopf über das Ausgesaugtwerden zu zerbrechen und oder darüber, welche Folgen es haben könnte, mit einem solchen Vampir intim zu werden, von einem dicken Bauch ganz zu schweigen. Bei der Mormonin Stephenie Meyer sind die zahnlosen Vampire gesittet und rücksichtsvoll, die verliebte Heldin mit 17 Jahren immer noch Jungfrau und obendrein auf ihre Unschuld bedacht. Man kommt sich glatt ins viktorianische Zeitalter versetzt vor. Bei fundamentalistischen Christen in den USA und Keuschheitsfanatikern dürfte dieser Aspekt auf große Zustimmung treffen.

Edward ist in vielerlei Hinsicht ein Übermensch. Er kann ewig lange an sich halten und fällt nie über sein wehrloses Opfer Bella her. Er weiß ganz genau, dass sein Biss und Aussaugen das Einzige, was er liebt, zerstören würde. Na, das nenne ich einen rücksichtsvollen Gentleman. Eine seiner faszinierenden Eigenschaften als Angehöriger der Kalten Wesen, vulgo: Vampire, besteht darin, sein Opfer durch Schönheit und Pheromone anzuziehen und willenlos zu machen. Da hat er bei der schwachen Bella ja leichtes Spiel. Außerdem versteht er sich auch noch auf Telepathie und Fernortung. Kein Wunder, dass die junge Bella auf diesen Superman abfährt.

Für jugendliche Leserinnen besteht sicher ein großer Reiz darin, für den schönen und geheimnisvollen Edward zu schwärmen und mit Bella seine Geheimnisse zu ergründen. Aber man sollte auch beachten, dass Bella, die Heldin, aus einer zerbrochenen Familie stammt und nun in den Cullens eine Ersatzfamilie findet. Sie wird sozusagen adoptiert. Und das, obwohl Edward weiß, dass sie ein paar Eigenschaften hat, die sie ungeeignet machen: Sie ist zwar anämisch wie die Cullens, kann aber kein Blut sehen, ohne in Ohnmacht zu fallen. Die Cullens werden nicht nur eine Ersatzfamilie, sondern auch eine Sekte, denn sie ziehen Bella in einen eigenen Kreis von Lebensgesetzen und Beziehungen. Daraus resultiert der finale Konflikt.

Das Auftauchen „normaler“ Kalter Wesen rückt nämlich die wahren Verhältnisse zurecht: Die Cullens sind die Ausnahme, nicht die Regel. Sie sind die domestizierte, fast schon zivilisierte Variante der wilden Bestie. Der Grund dafür liegt offenbar in dem Pakt, den Jacob Blacks Urgroßvater mit ihnen abgeschlossen hat. Die Cullens jagen nur wilde Tiere wie etwa Bären statt Menschen.

Solche Skrupel haben ihre Feinde nicht. Diese entführen Bella kurzerhand, um alle möglichen schweinischen Sachen mit ihr zu machen, die sie nicht überleben dürfte. Klar, dass Edward & Co. nun zur Rettung eilen müssen. Ob sie noch rechtzeitig eintreffen können, soll hier nicht verraten werden, aber da die Serie ja noch weitergeht, ist wohl davon auszugehen. Auf dass irgendwann Hochzeit gefeiert werden kann.

|Die Sprecherin|

Ulrike Grotes Stärke ist die Umsetzung von Emotionen in Sprechweisen. Ihr fällt es leicht, eine Figur durch die Art, wie sie sich ausdrückt und in bestimmen Situationen verhält, zu charakterisieren. Edward ist meist sehr zurückhaltend, es sei, denn, er ist irgendwie besorgt oder verärgert. Bella hat sehr viel weniger Selbstbewusstsein gegen ihn aufzubieten, und so werden Ed und seine adoptierten Verwandten zu ihrer Ersatzfamilie.

Sehr lustig fand ich, wenn sie so nervös ist, dass ihre Stimme nur piepsig artikuliert werden kann. Das bedeutet nicht, dass sie nicht auch schnippisch oder gereizt klingen kann. Je weiter die Handlung jedoch fortschreitet und sich ihrem dramatischen Höhepunkt nähert, desto tiefer werden Bellas Emotionen, so dass sie auch mal verzweifelt klingt. Das steht im Gegensatz zu dem meist beherrschten Edward, der nur selten besorgt oder zärtlich um sie bemüht klingt.

Mit der englischen Aussprache hat Ulrike Grote allerdings noch Probleme, wie so viele deutsche Sprecher. Schon in der ersten Viertelstunde verwirrte sie mich mit ihrer Aussprache von Bellas Nachnamen. Swan spricht sie nicht [swån] aus, sondern mit einem Ä: [swän]. Darauf muss man erst mal kommen.

Auch die korrekte Aussprache des Wortes „wilderness“ sollte Ulrike Grote noch lernen. Es sollte nicht [waild(e)nes] ausgesprochen werden, sondern mit einem i, also [wild(e)nes].

_Unterm Strich_

Auf der dargestellten Art von Schulmädchen-Vampirismus baut Stephenie Meyer ein romantisches Märchen auf, das nur in seiner eigenen abgeschlossenen Welt funktioniert. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange man das Märchen als solches erkennt: die Geschichte vom Aschenputtel, das den Prinzen kriegt, und was für einen! Den Wolf gibt’s nämlich gratis dazu.

Die Spannung ergibt sich zunächst aus dem Geheimnis, das Edward umgibt, dann aus der Frage, ob er Bella zu seinem Opfer machen wird, und schließlich aus dem finalen Konflikt mit den undomestizierten Kalten Wesen, bei dem Bellas Leben auf dem Spiel steht. Stets ist Bella das Zentrum des Begehrens, und die Frage kann nicht ausbleiben, was sie denn so ungeheuer besonders und anziehend macht. Diese Frage wird im ersten Band nur ansatzweise beantwortet, weitere Erklärungen müssen in den Folgebänden folgen.

Mich hat an diesem Plot am meisten die Lebensgeschichte der Cullen-Vampire interessiert. Carlyle, der Chef, stammt beispielsweise aus dem 17. Jahrhundert, einer Zeit zahlreicher religiöser Konflikte. Edward stammt vom Anfang des 20. Jahrhunderts und hat keine so interessante Zeit, bevor er zum Vampir wurde. Durch diese Biografien bekommt die abgedroschene Story eine historische Tiefe, die dem amerikanischen Leser wenigstens ein wenig Sinn für Geschichte und Herkunft vermittelt.

|Das Hörbuch|

Die Sprecherin Ulrike Grote verleiht den Szenen ihre emotionale Tiefe und erweckt die Figuren zum Leben, indem sie möglichst emotional vorliest. Zum Glück nicht so, dass sie übertrieben wirkt, sondern so, dass sie hinter den Figuren zurücktritt. Leider unterlaufen ihr Aussprachefehler, die mich etwas irritiert haben.

|Originaltitel: Twilight, 2005
Aus dem Englischen übersetzt von Karsten Kredel
471 Minuten auf 6 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-826-2|
http://www.stepheniemeyer.com
http://www.bella-und-edward.de
http://www.twilight-derfilm.de
http://www.thetwilightsaga.com
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.carlsen.de

Jurjevics, Juris – Trudeau-Vektor, Der

_Eiskalter Thriller: Showdown unterm Nordlicht_

In der Eiswüste der Arktis kommen in der Nähe ihrer Forschungsstation „Trudeau“ vier Wissenschaftler unter rätselhaften Umständen ums Leben. Völlig unklar ist die Todesursache – es scheint, als habe etwas die Lungen und Augen in kürzester Zeit zerstört. Die Augen der Toten haben keine Pupille mehr.

Doch woher kam in derlebensfeindlichen Umwelt dieser todbringende Stoff? Jessie Hanley, eine weltweit anerkannte Wissenschaftlerin, wird zur Station in die Arktis eingeflogen, um vor Ort die Untersuchung zu leiten. Was sie am meisten interessiert: Was weiß die kurz vor den Todesfällen abgereiste russische Wissenschaftlerin über die Vorkommnisse in Trudeau? Dummerweise ist das Atom-U-Boot, in dem die Russin abreiste, seitdem verschollen.

|Der Autor|

Juris Jurjevics wurde während des 2. Weltkriegs in Lettland geboren. Fünf Jahre lebte seine Familie in verschiedenen Vertriebenenlagern in Deutschland, bevor sie in die USA auswandern konnte. Jurjevics wuchs in New York City auf, diente in Vietnam und begann 1968 seine Laufbahn im Verlagswesen. Seit Mitte der achtziger Jahre ist er Verleger des angesehenen und unabhängigen kleinen Verlags SOHO PRESS in New York.

|Der Sprecher|

Walter Kreye ist dem Hörer nicht nur durch zahlreiche Film- und TV-Rollen bekannt. Seine Stimme war in den verschiedensten Hörspiel- und Hörbuchproduktionen zu hören. Für |Hörbuch Hamburg| hat er beispielsweise „Der Professor“ von Amélie Nothomb gelesen.

Regie führte Gabriele Kreis.

_Handlung_

Es ist der Verwaltungsdirektor der Trudeau-Forschungsstation, der die Toten findet. In der Luft herrschen eisige 40 Grad unter Null, doch das Zelt der drei Forscher ist leer, niemand zu sehen. Die Funkstille ist ebenfalls verdächtig, und allmählich macht sich Verneaux Sorgen. Er vermisst die Engländerin Annie Bascombe, den Japaner Junzu Ogata und den Russen Minskoff. Sie werden doch nicht in die einzige eisfreie Stelle weit und breit gefallen sein, oder? Die Pulinya ist ihnen von ihren Forschungsarbeiten her viel zu vertraut. Aber wo sind sie dann?

Erst Tage später finden die Suchmannschaften einen vierten Toten. Alex Koschut liegt splitternackt auf dem Eis. Doch seinen Augen fehlen die Pupillen, seine Lungen sind nicht voller Fasern wie die der anderen. Koschut hatte sich lediglich das Rückgrat gebrochen, als er erfror.

In Los Angeles lebt Jessie Hanley, 42, nach ihrer Scheidung recht zufrieden mit ihrem achtjährigen Sohn Joey, als sie ins Institut gerufen wird. Das National Institute of Infectious Diseases wird von den kanadischen Behörden um Hilfe ersucht, um die vier Todesfälle auf der kanadischen Arktisstation Trudeau zu untersuchen. Was hat die Opfer getötet und ist es noch gefährlich?

|Ins Eis|

Mit ihren Kollegen Ishikawa, Weingart und dem Chef Lester Munson macht sich Jessie über die Obduktionsergebnisse her. Sie hat so etwas noch nie gesehen. Munson kommt zu dem Schluss, dass jemand vom Team hinfliegen und vor Ort ermitteln muss. Geschickt nutzt er Jessies Geltungsbedürfnis – auch als Frau – aus. Wenige Stunden später steigt sie im eisigen Anchorage in einen riesigen Militärflieger, der sie in die Region bringt, wo sich die Trudeau-Station auf einer Aleuten-Insel erhebt.

Ihre Ankunft ist spektakulär: Sie sitzt wie eine Kosmonautin in einer Kapsel, die abgeworfen wird und an Fallschirmen auf die Oberfläche schwebt. Vom Aufprall ist sie zu benommen, um die Fallschirme abzusprengen. Der Wind zerrt die Kapsel übers scharfkantige Eis. Bevor diese völlig zertrümmert und Jessie gefriergetrocknet wird, stoppt ein Empfangskomitee die Bewegung der Kapsel und bringt Jessie in Sicherheit.

|Die Station|

Der Aufenthalt in der modernen Station, das ist Jessie klar, dauert nicht kurz mal ein paar Tage, sondern nicht weniger als sechs Monate. Das bedeutet eine ziemlich grundlegende Umstellung der Lebensweise. Wenigstens wird sie von Direktor Felix Mackenzie und seinem Forscherteam ziemlich freundlich empfangen. Es gibt nur einen Nörgler, Simon King. Schon hier fällt ihr der Inuit Jack Nemet auf, der wie ein Mongole aussieht. Er hat ihre Kapsel gerettet.

Zunächst kommt ihre Ermittlung überhaupt nicht voran, denn die Obduktionsergebnisse sind weiterhin rätselhaft und die Aufzeichnungen geben wenig her. Wer war der Überträger des Agens, der Vektor? Sie will mit der russischen Forscherin Likia Tarakanova sprechen, doch diese reiste kurz vor den vier Todesfällen mit einem russischen U-Boot ab, das in der Pulinya aufgetaucht war. Seitdem ist es den Kanadiern nicht gelungen, von den Russen Auskunft über den Verbleib des U-Bootes zu erhalten.

|Die Russen|

Das hat einen guten Grund: Das U-Boot „Wladiwostok“ ist verschollen. Zuletzt bekamen die russische Marineführung und Admiral Tschernawin Meldung aus dem norwegischen Sognefjord. Das ist der längste und tiefsten Fjord überhaupt, eine Suche und Bergung also mit großem Risiko verbunden.

Tschernawin, der stellvertretende Verteidigungsminister, setzt den pensionsreifen Admiral Rudenko auf die Sache an. Rudenkos Freund Panov warnt ihn: Die Sache stinkt von vorn bis hinten. Mit dem alten U-Boot „Rus“ unter Kapitän Nemerov sucht und findet Rudenko die „Wladiwostok“. Natürlich darf niemand in der NATO oder in Norwegen auch nur ahnen, dass die Russen sich hier herumtreiben. Ein amerikanisches Beschatter-U-Boot konnte Rudenko mit einem Täuschkörper abwimmeln.

Die Taucher untersuchen das Atom-U-Boot und auch dessen kleines Arbeits-Tauchboot. Sie stoßen auf Lidia Tarakanova. Sie ist tot, ihr fehlen aber nicht nur die Kleider – sie hat auch keine Pupillen mehr. Ebenso wie alle anderen 98 Besatzungsmitglieder der „Wladiwostok“.

|Acht Tage später|

Jessie hat den Überträger, den Vektor, für das Gift, was immer es ist, immer noch nicht gefunden. Online-Konferenzen mit ihren Kollegen in L.A. helfen ihr aber, zahlreiche Möglichkeiten auszuschließen. Aber könnte es sich um einen biologischen Kampfstoff handeln? Die Arktis ist so abgelegen, dass Terroristen oder geheime Spezialtruppen versuchen könnten, hier „Demonstrations-Angriffe“ auszuführen, bevor sie ein Ziel mit Symbolwert angreifen. Sie lässt sich ein Hochsicherheitslabor einrichten, in dem sie ihre Analysen anstellt. Kopfzerbrechen bereitet ihr Tagebucheintrag: „ignis fatuus“ – Irrlicht, Nordlicht auf Latein. Aber ein Irrlicht gibt es nur im Sumpf – gibt es hier irgendwo Sumpfgas, Methan? Jessie ist verblüfft: Jack Nemet sagt ja, und auch Dr. Skudra, der Soziobiologe. Endlich eine Spur!

|Die Russen|

Während ihr Kollege Ishikawa vergeblich nach dem Verbleib der toten Lidia Tarakanova forscht und sogar bis zu Tschernawin vordringt, hat dieser Schlaufuchs bereits Rudenko auf eine zweite, noch zwielichtigere Mission geschickt. Was auch immer Lidia Tarakanova getötet hat, hat auch den Russen Minskoff erledigt. Und den soll er zurückbringen, damit man ihn untersuchen kann. Und damit dafür gesorgt ist, dass dies um jeden Preis gelingt, reist Rudenko mit dem ehemaligen KGB-Mitarbeiter Kohit mit. Der Virologe Kohit stellt sich als skrupelloser Typ heraus, der an geheimen Waffen geforscht hat.

Ein Treffen zwischen Jessie Hanley und Kohit, das ahnt Rudenko, ist unausweichlich. Er weiß noch nicht, dass es in Trudeau inzwischen ein weiteres Opfer gegeben hat …

_Mein Eindruck_

Der Autor verbindet zwei Thrillerthemen miteinander, um eine wirkungsvolle Geschichte mit warnender Botschaft zu erzählen.

|Tom Clancy|

Von Tom Clancy könnten die Szenen stammen, die bei den Russen spielen. Einst stolze Atom-U-Boote, die Opfer von Geldmangel, politischen Machenschaften und einem unbekannten Killerorganismus werden. Ihre Besatzungen und Kapitäne sind zwar immer noch so fähig (oder unfähig) wie zu Reagans Zeiten, doch gegen die unsichtbare Gefahr, die sie an Bord geholt haben – Lidia Tarakanova war natürlich eine Agentin – können auch sie nichts ausrichten. Diese Sache wird Rudenko und Nemerov, aufrechte Marineleute, garantiert mit dem Ex-KGBler Kohit aneinanderrasseln lassen.

|Michael Crichton|

Michael Crichton hat in seinem Thriller „Beute“ eine eingehende Beschäftigung mit Zukunftstechnologie und Killerorganismen belegt. Und natürlich seine Fähigkeit, eine spannende Story zu schreiben. Unsere Ermittlerin vor Ort ist Jessie Hanley, und das ist eine sehr sympathische Person. Als nicht ganz perfekte Mutter versucht sie dennoch ihr Möglichstes, auch im Job.

Zunehmend merkt sie, dass in Trudeau nicht nur kriminalistische und epidemiologische Fähigkeiten gefragt sind. Zunehmend spielt das eng verknüpfte zwischenmenschliche Miteinander der Stationsbewohner eine Rolle. Ihre Menschenkenntnis ist gefragt, ihr Mut und feinfühliger Umgang mit menschlicher Psychologie. Ihre Liebe zu Jack Nemmet, dem Inuit, hilft ihr sehr, in die Geheimnisse der Station, aber auch der Region einzudringen. Es ist sehr spannend zu verfolgen, wie sich ihr die Arktis durch Jack immer mehr erschließt.

|Juris Jurjevics|

Aber die richtige Aktualität und Relevanz ist dadurch immer noch nicht hergestellt. Das ist die Leistung des Autors selbst. Denn er bringt neueste Forschungsergebnisse ein. Die Aktis, so berichtet Direktor Mackenzie, ist einem rasanten Klimawandel unterworfen. Das Packeis schmilzt rapide ab, so dass es heute nur noch halb so dick ist wie vor 20 Jahren. Die Fauna hat sich ebenso daran anpassen müssen wie die Vegetation, die selbst an den unwahrscheinlichsten Orten existiert.

Für den unerfahrenen Leser ist es vielleicht nicht einfach, mit neuen Begriffen wie „Pulinya“ – eisfreie Stelle – oder „Pongo“ – vereister Algeneinschluss – zurecht zu kommen. Aber es handelt sich lediglich um ein paar wenige Vokabeln, die man sich schnell einprägt. Die eindrucksvollste Begegnung mit der Arktis dürfte für Jessie, unsere Hauptfigur, sicherlich die gewesen sein, als ein riesiger Eisbar, der gut getarnt einer Robbe aufgelauert hat, plötzlich neben ihr aus seiner Schneetarnung aufsteht und sich einen Happen Menschenfrau zum Frühstück schnappen will.

Die Arktis ist kein toter, unbewohnter Ort, nie gewesen. Die Lebewesen hier sind nur recht eigentümlich. Das erlebt Jessie eindrucksvoll, als Jack sie in die museale alte Station Little Trudeau führt. Es handelt sich um die gruselige Ausstellung einer Sippe von Aleutenbewohnern – alle mumifiziert. Jack erzählt ein paar sehr interessante Details über den geköpften Schamanen, und als Jack nicht hinschaut, schnappt sich Jessie dessen Medizinbeutel …

Doch über der Arktis hängt ein tödlicher Schatten, und Annie Bascombe, eines der ersten Opfer, hat ihn als erste entdeckt. In der Tiefe der Pulinya lauert ein Überbleibsel des Kalten Krieges, das die Russen als Antwort auf Reagans SDI-Programm hier platziert haben. Der informierte Leser erinnere sich daran, dass die Russen im Nordmeer ständig Atommüll und verrostende Atom-U-Boote entsorgen. Irgendwann wird sich diese Praxis rächen. Was Annie entdeckt hat, gehört in diesen Bereich, bedroht die Arktis aber viel direkter.

|Spannung|

Sowohl die Elemente des Biotech-Thrillers, die von Crichton stammen könnten, als auch die Geheimdienst- & Militärstory, die Clancys Schreibcomputer entsprungen sein könnte, verbinden sich an zahlreichen Stellen, um Spannungseffekte zu erzeugen. Wenn es zum Beispiel so aussieht, als wäre Ishikawa, Jessies Kollege in L.A., völlig überflüssig, so stimmt das nicht. Ishi spürt dem Verbleib von Lidia Tarakanova nach, lässt sich auch von den Russkis nicht hinters Licht führen und erlaubt so Jessie, die Russen in Trudeau mit der bitteren Wahrheit zu konfrontieren.

Dies wiederum führt zu einer wahren Explosion an Aktivität, in deren Mittelpunkt, wie zu erwarten, der zwielichtige Kohit steht. Es kommt zu einem dramatischen Showdown auf dem Eis, wie man ihn nicht besser inszenieren könnte. Jack Nemmet, der James Bond der Ureinwohner.

|Der Vektor|

Wer nun der „Vektor“ ist? Das ist, wie sich im letzten der drei Finales herausstellt, ein recht vieldeutiges Wort. In der Geometrie bedeutet es „gerichteter Pfeil“, in der Epidemiologie aber Überträger. Was wie von wem übertragen wird, nimmt in diesem Roman mehrere Bedeutungen an – eine sehr gute Leistung des Autors. Nicht nur der Killerorganismus wird übertragen, auch die Gefahr unter dem Eis – und auch die Angst innerhalb der Trudeau-Station. Des Rätsels Lösung darf hier natürlich nicht verraten werden.

|Der Sprecher|

Walter Kreye verfügt über eine sehr angenehme, tiefe Stimme, die er facettenreich zu modulieren versteht. Er verändert das Tempo seines Vortrags, macht Kunstpausen, wo er Erstaunen oder Zögern ausdrücken möchte. Da seine Stimme immer etwa gleich tief ist, verändert er die Lautstärke, um anzudeuten, dass eine Frau (wie etwa Jessie) spricht. Jessie klingt immer ziemlich leise und zurückgenommen, manchmal zu leise – das klingt sehr einfühlsam, aber auch ein wenig ängstlich (merke: Sie ist keine Superspionin!). Das trifft aber nicht zu, wenn sie begeistert mit ihrem Sohn Joey spricht. Dann klingt sie richtig ausgelassen. Ansonsten sind die Stimmen fast aller anderen Figuren die von Männern und entsprechend tief und von „normaler“ Lautstärke.

Insgesamt eignet sich Kreyes Vortrag ausgezeichnet dazu, die Figuren zu charakterisieren und einer Szene die spezifische Stimmung zu verleihen. Das ist auch dringend vonnöten, denn wie in so vielen modernen Thrillern wechselt der Schauplatz in schneller Folge. Gerade waren wir noch am Polarkreis, da versetzt uns der Autor schon wieder nach Moskau oder Norwegen, und in der nächsten Szene taucht Ishikawa irgendwo zwischen Ottawa und Moskau auf. (Ishi hat ein unglaublich zynisches Gespräch mit einem kanadischen Geheimdienstler zu ertragen.) Da tut es zuweilen gut, wenn der Sprecher Tempo rausnimmt.

|Die Übersetzung|

… stammt vom Übersetzer des „Otherland“-Zyklus von Tad Williams. Dieses Mammutwerk ist einfach eine epochale Leistung. Könnte man von dessen Übersetzer irgendwelche Unsicherheiten oder Stilblüten erwarten? Natürlich nicht. Und sachliche Fehler erst recht nicht. Wenn Wörter nicht hundertprozentig richtig ausgesprochen klingen, so geht dies aufs Konto des Sprechers. Und das kann wirklich jedem passieren.

_Unterm Strich_

Ich habe die Handlung des Thrillers mit wachsender Spannung verfolgt. Obwohl einige Elemente durchaus vertraut sind, so ist es doch die neue Kombination, die dem Buch einen gewissen Vorsprung hinsichtlich Spannung, Aktualität und Relevanz vor der nicht geräde spärlichen Konkurrenz verleiht. Wer sich für aktuelle Action- und Polit-Thriller interessiert, wird mit „Der Trudeau-Vektor“ nicht das Gefühl haben, seine Zeit zu verschwenden. Und die Arktis wird mit jedem Jahr, in dem das Eis weiter schmilzt, interessanter – wer weiß, was da noch ans Tageslicht kommen wird.

Walter Kreyes Vortrag ist vom Feinsten, und es fällt schwer, irgendeinen Kritikpunkt zu finden. Manchmal fiel mir der Übergang zur nächsten Szene etwas schwer, weil die Pause dazwischen so kurz war. Deswegen ist es ratsam, sowohl Notizen zu machen als auch einmal beim Anhören eine Unterbrechung einzulegen und das Gehörte wirken zu lassen.

Ein Wermutstropfen ist der hohe Preis von rund 30 Euro, den der Verlag für die fünf CDs verlangt. Da fällt es fast leichter, zum Buch zu greifen, auch wenn dies ein Mehrfaches an Zeitinvestition kostet: time is money. (Die Formel könnte von Einstein sein, ist aber älter.)

|388 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: The Trudeau Vector, 2005
Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring|
[Buchfassung]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/389903189X/powermetalde-21 von |Ullstein|, Februar 2005

Verne, Jules – Reise um den Mond (Lesung)

_Von der Mondrepublik und ihren flüchtigen Bewohnern_

Die Eroberung des Erdtrabanten war in der Literatur schon seit der Antike – etwa bei Lukian – ein gängiges Motiv. Die meisten Autoren ließen sich irgendwelche fantastischen Tricks einfallen, um von A nach B zu gelangen, was ihre Geschichte denn auch als Fabel auswies. Doch erst Verne strengte sich an, eine plausible technische Lösung für das Problem der Personenbeförderung zum Erdmond zu suchen. Und er fand sie in Gestalt einer 300 Meter langen Superkanone. Sie funktioniert allerdings auch nur in seiner Geschichte. Das Projektil trägt die drei Insassen bis zum Mond und noch darüber hinaus …

_Der Autor_

Jules Verne wurde 1828 in Nantes geboren und starb 1905 in Amiens. Bereits während seines Jurastudiums schrieb er nebenher, manchmal mit einem Freund, Theaterstücke und Erzählungen. Sein erster Erfolgsroman „Fünf Wochen im Ballon“ erschien 1863. Seine großen Romane waren in der Folge Bestseller. Heute wird er neben H. G. Wells als einer der Begründer der modernen Science-Fiction-Literatur angesehen.

Mit „Die Eissphinx“ schrieb er eine Fortsetzung von E. A. Poes Horrorerzählung „The Narrative of Arthur Gordon Pym“. Sein erster Zukunftsroman „Paris im 20. Jahrhundert“ lag lange Zeit verschollen in einem Tresor und wurde erst vor ca. 20 Jahren veröffentlicht. Die Lektüre lohnt sich, auch wegen der erhellenden Erläuterungen der Herausgeberin.

_Das Hörbuch_

|Der Sprecher: Rufus Beck|

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

|Der Komponist und Musiker: Parviz Mir-Ali|

Parviz Mir-Ali, geboren 1967, lebt in Frankfurt/M., wo er als Komponist arbeitet. Er hat unter anderem mit André Heller an „Yume“, mit Matthias Hartmann am Schauspielhaus Bochum und mit Gerhard Mortier an „Deutschland deine Lieder“ (Ruhrtriennale 2002) zusammengearbeitet.

_Handlung_

Den Abschuss aus der Riesenkanone in Florida haben die Mondreisenden mit heilen Knochen überstanden, nur Barbicane hat sich leicht verletzt. Aber wo befinden sie sich? Sind sie noch am Boden, oder am Boden des Ozeans, oder doch im All? Sie haben keinen Knall gehört – wie seltsam. Als sie die Luke öffnen, erkennen sie, sie fliegen im All. Klarer Fall: Wieder einmal muss Captain Nicholl blechen. Er hat eine weitere Wette verloren.

Doch es ist keine Zeit, sich in Sicherheit zu wiegen, denn das All ist alles andere als leer. Bug voraus fliegt ein weiterer Erdtrabant vorbei und eine Kollision droht. Dessen Existenz hat ein Franzose errechnet, und tatsächlich saust er in einer Distanz von 8140 km an der Kapsel vorbei. Endlich wird Barbicane der Grund klar, warum sie keinen Abschussknall gehört haben: Sie sind schneller als der Schall geflogen!

Zu ihrer Verblüffung reicht diese Geschwindigkeit nicht aus. Barbicanes Berechnungen führen Nicholl und Ardan die entsetzliche Wahrheit vor Augen: Sie werden den Mond nicht treffen. Schuld daran sind wieder einmal die trotteligen Astronomen der Sternwarte Cambridge, die – abgehobene Geister, die sie sind – einfach den Luftwiderstand in der Erdatmosphäre außer Acht gelassen haben. Daher ist die Kapsel jetzt 6000 Meter pro Sekunde zu langsam.

Doch wenn sie den Mond verfehlen, wo werden sie dann landen? Werden sie ewig weiterschweben, bis ein glücklicher Zufall sie auf die Jupitermonde verschlägt oder ein Komet ihr kleines Gefährt zerschmettert?

_Mein Eindruck_

|Eine Mondfahrt, die ist lustig|

Nun, so weit kommt es bekanntlich nicht. Der Autor hat das Motto ausgegeben „Eine Mondfahrt, die ist lustig“. Weil der schwärmerische Franzmann nicht darauf geachtet hat, dass nicht zu viel Sauerstoff in die Atemluft gerät (sie haben dafür einen Gasaustauschapparat), geraten unsere drei Lunatiker in einen lustigen Gasrausch, der sie von allerlei Luftschlössern auf dem Erdtrabanten fabulieren lässt, darunter natürlich auch von einer Mondrepublik. Wie könnte es auch bei Republikanern wie Franzosen und Amis anders sein, haben doch die meisten anderen Staaten immer noch diese drögen, völlig überholten Monarchien.

|Der Trabantentrabant|

Auch das regelmäßige Frühstücken lässt sich Ardan nicht vermiesen, und lediglich die Tatsache, dass einer seiner zwei Hunde das Zeitliche segnet, stimmt ihn etwas traurig. Zu seiner Verblüffung begleitet der aus hygienischen Gründen im Weltraum bestattete Hundekörper das Projektil wie ein eigener Trabant. Richtig lustig wird auch dies, als die Kapsel zum Trabanten des Erdtrabanten wird, und dabei selbst von einem Trabant umflogen wird. Selbstredend hieß der Hund von Anfang auch so: „Trabant“. (Der andere Hund heißt „Diana“, nach der römischen Mondgöttin.) Wer will, kann sich mit infantilen Sprachspielen austoben.

|Die Kardinalfrage|

Die Kardinalfrage ist jedoch: Ist der Mond bewohnt und wenn nicht, ist er wenigstens bewohnbar? Bei ihrer Umrundung finden die drei Forscher so manches Phänomen, das den irdischen Wissenschaftlern und Mondguckern Kopfzerbrechen bereitet, so etwa Rillen und womöglich Kanäle. Ardan vermeint auch einmal, Ruinen zu erblicken. Während ihm die Mondoberfläche wie eine Märchenlandschaft erscheint, hegen die beiden Amis eine weitaus prosaischere Betrachtungsweise. Sie frönen dem „verdammten Positivismus“, wie Ardan klagt. Der Einschlag eines Meteoriten, der zum Glück von einer direkten Kollision mit der Kapsel absieht, erhellt die Mondoberfläche wie ein Feuerwerk. Doch als der „Lichtspuk“ vorüber ist, meinen sie, einen Traum gesehen zu haben …

Die Euphorie wird vom prosaischen Barbicane im Handumdrehen wieder vertrieben. Er erklärt, dass der Mond zugleich älter als die Erdoberfläche sei, aber auch die Zukunft der Erde darstelle. Sie werde in, äh, ungefähr 400.000 Jahren den absoluten Kältetod sterben. Na, dann ist ja noch ein wenig Zeit für ein Frühstück, seufzt der Franzose erleichtert.

Natürlich wird allmählich die verdrängte Frage, wo bzw. ob sie landen werden, ein wenig relevant. Um so mehr, als sie den Himmelskörper komplett umrundet haben und nun vor der Wahl stehen, entweder zu landen, bis in die Unendlichkeit zu segeln oder zurück zur Erde zu fallen. Leider würde der Aufprall auf der Erde sie auf jeden Fall umbringen. Oder?

Der Autor gibt mit diesem Roman schon den Rahmen vor, wie künftig die Annäherungen an fremde Welten beschrieben werden: entweder ganz nüchtern nach Art amerikanischer Militärs und Ingenieure – oder so romantisch verklärend und vermenschlichend wie der Franzose es tut. Erst Frank Herbert wird 1965 mit seinem Roman „Der Wüstenplanet“ eine weitere Herangehensweise einführen: die wissenschaftlich fundierte Space-Opera, wobei die relevante Wissenschaft in diesem Fall die Ökologie ist.

Welche Tücken die physikalischen Gesetze für den damit unvertrauten Menschen bereit halten, müssen auch die Kameraden Barbicanes erfahren, die zur Bergung der Kapsel herbeigeeilt sind, sie aber tagelang vergeblich suchen. Sie haben einfach simpelste Fakten außer Acht gelassen. Dieser Umstand aber sorgt für gehörige Spannung, bangt das Publikum – egal ob Leser oder Hörer – um den Verbleib der Mondfahrer. Nur wer genauso schlau ist wie der Autor, wird von diesem Finale angeödet sein, da er ja schon alles weiß.

_Das Hörbuch_

Rufus Beck ist ja am bekanntesten dafür, über mindestens 125 Stimmen zu verfügen. (Wahrscheinlich eine Untertreibung.) Anders als in seinen Lesungen von Harry-Potter- und Artemis-Fowl-Büchern hält er sich bei Jules Verne etwas zurück. Das heißt aber nicht, dass all die Sprecher nicht mehr voneinander zu unterscheiden wären – im Gegenteil. Der pingelige Nicholl ist ebenso gut herauszuhören wie der beflissene Maston und der würdevolle Barbicane. Alle jedoch beherrscht die Stimme Michel Ardans. Er „schbrischd“ stets mit französischem Akzent, und zwar nicht nur in der Aussprache der Wörter, sondern auch im Tonfall. Da kann die Stimme schon mal ziemlich in die Höhe schnellen. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören. Wenn man kein Ingenieur ist.

_Die Musik_

Ich weiß ja nicht, auf welchem vielseitigen Instrument der Komponist Parviz Mir-Ali seine Musik produziert hat, aber sie passt genau in die damalige Zeit: Es klingt wie eine Dampforgel oder, wie man damals sagte, ein Orchestrion. Wir hören verschiedene Kombinationen aus Bläsern (viel Tuba), Marschtrommeln und Flöten. Laut Booklet handelt es sich dabei um Kompositionen des bekannten amerikanischen Musikers John Philip Sousa, der auch von einigen Autoren der Science-Fiction-Szene geschätzt wird.

Was hier aber so martialisch klingt, das tönt doch mitunter eher verspielt, so als befände sich der Hörer auf einem Jahrmarkt statt bei einem Truppendefilee. Aber in Amerika ist der Übergang fließend, wie man in vielen Hollywoodfilmen sehen kann. Diese Musik ist stets in den Pausen, aber auch als Auftakt und Ausklang zu hören.

Dies gilt jedoch nur für die Szenen, die am Anfang und im letzten Drittel auf der Erdoberfläche stattfinden. Alle anderen Szenen weisen eine ruhige Sphärenmusik auf, die es durchaus mit den ruhigsten Kompositionen von Pink Floyd aufnehmen kann – oder mit Gustav Holsts Planeten-Suite, wenn man Klassik lieber mag.

_Unterm Strich_

Nicht nur, weil das Hörbuch mit gut drei Stunden wesentlich kürzer ist als sein Vorgänger „Von der Erde zum Mond“, vergeht die Zeit beim Anhören wie im, ähem, Flug. Auch die zahlreichen Wechselfälle des Schicksals sorgen für Abwechslung und Spannung. Die Entdeckungen über die Irrtümer bei den Berechnungen, die Sprachspielereien, der Gasrausch und schließlich der Meteoriteneinschlag mit seinem Feuerwerk – für die Unterhaltung der Lunatiker und ihres Publikums ist jedenfalls bestens gesorgt.

Was nun die Voraussagen über die Bewohnbarkeit des Mondes angeht, so hält sich der Autor immer ein Hintertürchen offen. Haben oder haben sie nicht Wälder und Ozeane gesehen, als das „Feuerwerk“ explodierte? Vermutlich war’s nur ein Traum – oder nicht? Spätere Autorengenerationen werden sich alles Mögliche in dieser Hinsicht einfallen lassen. Bei H. G. Wells leben die „Seleniten“ natürlich nicht auf der gefährdeten Oberfläche, sondern in Höhlen und Tunneln unter der Oberfläche. Daher heißt sein Roman ja auch „First Men in the Moon“, und nicht „on the Moon“.

Und was das Vorhandensein von Wasser als Voraussetzung für Leben anbelangt, so fabuliert Wells‘ literarischer Nachfolger Stephen Baxter in seinem rasanten Roman „Anti-Eis“ von der Existenz von Wassereis – allerdings nur auf der Rückseite des Erdtrabanten, wo man’s bekanntlich nicht sieht. Ansonsten ließen sich Autoren wie Heinlein, Asimov, Clarke und Jack Vance etliche Möglichkeiten einfallen, um die kahle Oberfläche interessant zu machen. Bei Niven schließlich zerbricht der Erdtrabant daran, dass er seinem Muttergestirn zu nahe kommt: „Inconstant Moon“. Die Gravitationskräfte lassen eben nicht mit sich spaßen. Das müssen – zu ihrem Vorteil – auch Vernes Mondfahrer anerkennen.

Die inszenatorische Leistung ist bei Sprecher Rufus Beck und Komponist Parviz Mir-Ali ebenso gut gelungen wie im Vorgänger „Von der Erde zum Mond“, so dass der Hörer durchaus zufrieden sein kann. Lediglich der hohe Preis von 23,90 Euronen für drei CDs trübt die Freude etwas.

|Umfang: 221 Minuten auf 3 CDs|

Jungstedt, Mari – Den du nicht siehst (Hörbuch)

_Ferieninselhorror: der Rachezug des Axtmörders_

Die schwedische Ferieninsel Gotland bereitet sich auf den Mittsommer vor, die Hochsaison für den Tourismus. Helena und Per haben Freunde zum Fest eingeladen, doch die Party endet in bitterem Streit. Im Morgengrauen bricht Helena zu einem Spaziergang am Meer auf. Stunden später wird ihre Leiche gefunden. Sie wurde mit einer Axt erschlagen und mit ihrer Unterwäsche geknebelt, ihr Hund liegt enthauptet daneben.

Alles sieht nach einem Eifersuchtsdrama aus, und Hauptkommissar Robert Anders nimmt Per in Haft. Doch die Ruhe ist trügerisch. Als auf dem Friedhof des Hauptortes Visby eine auf gleiche Weise ermordete Frau gefunden wird, ahnt Anders, dass er es mit einem Serienmörder zu tun hat. Verzweifelt sucht er nach einer Verbindung. Nur wenn er den Plan des Mörders kennt, kann er weitere Morde verhindern. Doch Politik und Presse setzen ihn zunehmend unter Druck.

_Die Autorin_

Mari Jungstedt, geboren 1962 in Stockholm, arbeitet als Radio- und TV-Journalistin und steht zurzeit für das schwedische Fernsehen als Nachrichtensprecherin vor der Kamera. Nach „Den du nicht siehst“ folgte mit „Näher als du denkst“ ihr zweiter Krimi um Kommissar Robert Anders.

HINWEIS des Verlages: Im Original heißt der Kommissar nicht Robert Anders, sondern Anders Knutas. Aber im Hörbuch wurde der Name dem in der ZDF-Verfilmung (s. u.) angeglichen. „Alle weiteren Handlungen und Namen entsprechen der Buchausgabe.“

Mari Jungstedt auf |Buchwurm.info|:

[„Den du nicht siehst“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1344 (Buchausgabe)
[„Näher als du denkst“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1312 (Buchausgabe)
[„Näher als du denkst“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5245 (Hörbuch)

_Der Sprecher_

Walter Sittler, 1952 in Chicago geboren, arbeitet in Mannheim und Stuttgart am Theater. Dem TV-Publikum ist er durch seine zahlreichen Serienrollen, u. a. in „Girl Friends“ und „Nikola“ bekannt. Sittler spielt den Kommissar Robert Anders in der ZDF-Verfilmung der Mari-Jungstedt-Krimis, so auch in „Näher als du denkst“, dem anderen Hörbuch dieser Reihe, das er vorgelesen hat.

Regie führte Margit Osterwold, die Aufnahme fand im Mai 2007 im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg, statt.

_Handlung_

Das Pfingstwochenende nähert sich am 4. Juni seinem Ende, als es auf Helenas Party zu einem hässlichen Zwischenfall kommt. In ihrem Ferienhaus auf Gotland tanzt sie gerade mit ihrem alten Schulfreund Kristian, als sich ihr Lebensgefährte Per in rasender Eifersucht wütend auf Helena stürzt und sie auf der Terrasse zur Rede stellt. Sie kratzt ihm wutentbrannt fast die Augen aus, er pfeffert ihr eine, so dass sie heulend ins Klo eilt. Als Kristian mit Per reden will, fängt er sich einen Fausthieb auf die Nase ein, dass er blutet wie ein Schwein. Natürlich ist diese Party zu Ende.

Am nächsten Morgen erwacht Per und erwartet, dass Helena neben ihm liegt. Das ist überraschenderweise nicht der Fall. Sie ist bereits mit ihrem treuen Wachhund Spencer zum Strand gegangen. Dort liegt dichter Nebel über der Meeresküste. Endlich lassen ihre pochenden Kopfschmerzen nach. Sie will gerade umkehren, als sie ihren Hund vermisst. Sie hört ihn in der Ferne aufjaulen und knurren, dann folgt ominöse Stille. Auf ihre Rufe antwortet er nicht. Als sie hinter sich ein Geräusch hört, fährt sie herum …

Der 63-jährige Rentner Erik Andersson findet die Leiche des Hundes zuerst. Die Pfote ragt aus einem Gebüsch im Wald. Als Erik sieht, dass der Kopf fast abgetrennt ist, wird ihm übel. Doch dann entdeckt er auch noch eine nackte Frauenleiche. Das gibt ihm den Rest. In Panik eilt er zum Haus, wo er mit seiner Schwester Svea Johansson lebt, um die Polizei anzurufen. Auf dem schönen, friedlichen Gotland kriegt man Leichen von ermordeten Frauen nicht alle Tage zu sehen.

Kriminalkommissar Robert Anders, Karin Jakobsen und zwei Techniker von der Spurensicherung befinden sich schon bald am Tatort. Die Tatwaffe war offenbar eine Axt, die sie noch suchen. Sie wundern sich, mit welcher Wut der Täter auf Hund und Frau eingeschlagen haben muss. Und was wohl der Frauenslip in deren Mund zu bedeuten hat.

Kriminalreporter Johan Berg macht sich mit seinem Kameramann Peter auf den Weg zum Stockholmer Flughafen, um nach Visby zu fliegen. Ihr Ressortchef Max Grenfors hat sie losgeschickt, kaum dass er das erste Telegramm aus Gotland erhalten hatte. Als er auch noch hörte, was ihm Johans Informant auf der Insel am Telefon verklickert hatte, war der Beschluss unausweichlich, der Sache auf den Grund zu gehen. Wer weiß: Vielleicht ist dieser Mord erst der Auftakt zu einer Serie. Wenn die Aufklärung bis Mittsommer dauert, könnte das die Touristen, für die Gotland ein beliebtes Sommerfrischeziel ist, erheblich abschrecken. Und das gäbe erst Schlagzeilen!

Robert Anders befragt die Besucher der Party. Die Nachricht von Helena Hillerströms Tod scheint besonders die Lehrerin Emma Vinarve betroffen gemacht zu haben. Die verheiratete Mutter zweier Kinder ist in Tränen aufgelöst und scheint unter Schock zu stehen. Kein Wunder, war sie doch seit ihrer Kindheit Helenas beste Freundin. Mit ihrer Ehe steht es nicht zum besten, gesteht sich Emma ein, sie hat keinen Sex mehr mit ihrem Mann Ulle. Und nun das – sie fühlt sich distanziert und unwirklich. Zum Glück ist das Schuljahr bald zu Ende.

Johan Berg und sein Kameramann sind frustriert. Sie haben die Pressekonferenz der Polizei besucht, doch Kommissar Anders hat gemauert. Nach einem Ausflug zum Tatort versuchen sie ihr Glück bei den Nachbarn und stoßen auf eine Goldgrube: Svea Johannson, gerade mal 140 Zentimeter über den Erdboden ragend, ist eine Plaudertasche ohnegleichen und eine charmante Gastgeberin obendrein. Von ihr erfährt Johan, wie ihr Bruder die Leichen fand. Leichen? Plural?! Johan horcht auf. Da erfährt er erstmals von dem toten Hund, der mit einer Axt erschlagen wurde. Kurz darauf weiß ganz Schweden, welche ungeheuerlichen Dinge sich im Ferienparadies abspielen.

|Nummer zwei|

Der Oberstaatsanwalt lässt Per Beridahl, Helenas eifersüchtigen und gewalttätigen Lebensgefährten, festnehmen und ins Untersuchungsgefängnis stecken. Doch sowohl Anders als auch Emma Vinarve sind nicht von Pers Schuld überzeugt. Sie berichtet dies auch Johan Berg, dem Reporter aus Stockholm. Er sieht außergewöhnlich gut aus und starrt sie an, als wäre sie die schönste Frau der Welt. Na, so ‚was! Das hat Emma schon lange nicht mehr gefühlt, was jetzt ihr Blut in Wallung versetzt.

Am nächsten Tag ist der 6. Juni, Nationalfeiertag. Nach einem feuchtfröhlichen Abend radelt die Friseurin Frida Linda mitten in der Nacht zu ihrem Haus in einem höher gelegenen Vorort. Als sie auf halber Höhe am Friedhof vorbeikommt und ihr Rad schieben muss, hört sie hinter sich Schritte. Schwere Schritte, Männerschritte. Und das nur wenige Tage nach dem Mord an Helena. Sie hält an, lauscht, geht weiter. Da legen sich zwei Hände um ihren Hals und drücken zu …

Er hat auch die Kleider der zweiten Frau in der Küchenbank des alten verfallenden Bootshauses versteckt. Natürlich keine Unterhose. Die hat er in ihren Mund gesteckt, wie schon bei Nummer eins. Frida war Nummer zwei. Als er auf seine Liste schaut, sind noch zwei Namen übrig. Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen. Es gibt noch so viel zu tun …

_Mein Eindruck_

Eine simple Rachegeschichte, wie es scheint, und doch so geschickt erzählt, dass man von den Enthüllungen und Verbindungen überrascht und geschockt wird. Der Täter ist schier unsichtbar und erweist sich quasi als die Schlange im Ferienparadies. Ein Nichtschwede kann sich wohl kaum vorstellen, was die Ferieninsel Gotland für die Schweden bedeutet, aber es muss eine Kombination aus Rügen, Sylt und Riviera sein. Und wenn dann noch eine halbe Million Urlauber in eine mittelalterliche Stadt wie aus dem Märchen einfallen, kommt Disneyland-Stimmung auf.

Und nun dieses unsichtbare Monster im Paradies, als wäre es „Der Weiße Hai“ persönlich. Robert Anders spielt den Sheriff, und verständlicherweise spürt er schon bald mächtigen Druck seitens der Politiker und der Fremdenverkehrsbehörde. Er soll das Monster zur Strecke bringen, lautet die Dienstanweisung. Klingt ebenfalls nach „Weißem Hai“. Schon bald fühlt er sich, als würde er durchdrehen. Seine Suche nach der Verbindung zwischen den Opfern – bald sind es schon drei – geht einfach nicht weit genug zurück in die Vergangenheit. Erst Emma wird zum Schlüssel, um das Rätsel zu lösen.

Deshalb spielt der dritte Handlungsstrang um Emma Vinarve so eine wichtige Rolle. Zunächst fragt man sich, was es mit ihr auf sich hat, ist sie doch „bloß“ die beste Freundin von Helena, dem ersten Opfer. Aber gerade deshalb, weil uns die Autorin so eng mit Emmas Seelenleben vertraut macht, nehmen wir umso stärkeren Anteil an ihrem Schicksal: Sie hat der Täter zu seinem Opfer Nummer vier auserkoren.

Alle weiblichen Opfer haben sich exponiert. Helena ist allein am nebligen Strand, Frida mitten in der Nacht auf dem Rad unterwegs, Gunilla allein in ihrer Töpferwerkstatt und Emma allein in ihrem Elternhaus auf einer Insel. Sie sind angreifbar geworden, fern von jeder Hilfe. Niemand würde vermuten, dass sie es einmal selbst waren, die ein Opfer hatten und es zugrunde richteten: den Mann, der sich nun an ihnen rächt.

Doch Emma hat sich rechtzeitig um Beistand gekümmert: Johan Berg, der Kriminalreporter, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hat, eilt ihr zu Hilfe und informiert zugleich die Polizei auf Gotland. Aber werden sie rechtzeitig eintreffen, um das Schlimmste zu verhindern? Wird sich Emma vor dem Angriff des Serienmörders in Sicherheit bringen können? Das soll hier nicht verraten werden.

|Der Sprecher|

Walter Sittler ist zwar kein Stimmgenie wie Rufus Beck, und die Stimmen seiner männlichen und weiblichen Figuren ähneln sich daher stark. Allerdings verleiht er ihnen eine jeweils andere Tonlage, so dass man weibliche Figuren schnell identifizieren kann. Der Informant, der Johan von Gotland die brandheißen News verklickert, hat eine operierte Kehle, wahrscheinlich eine künstliche. Folglich spricht er heiser und etwas zischend.

Der Täter wird mit einem aufnahmetechnischen Kniff auf besondere Weise herausgestellt. Da er nicht in eigenen Worten sein Seelenleben preisgibt, sondern dies der Erzähler tun muss, sind dessen Worte mit einem zusätzlichen Bass versehen. Die Wirkung ist verblüffend: Der Täter wirklich sowohl als bedrohlicher Mörder wahrgenommen, wie auch als Opfer weiblicher Gewalt.

Sittler kann eindrucksvoll der jeweiligen Figur und Situation angemessene Emotionen darstellen. Er kann heftig laut rufen, gehemmt oder bewegt stockend sprechen, wütend brüllen oder leise tröstend klingen. Der Täter zischt am Schluss sogar hasserfüllt Emma an, dass es einem einen Schauder über den Rücken jagt.

Alle diese verschiedenen Tonlagen sind in den normalen Gesprächston von Polizisten und Journalisten eingebettet. Häufig referiert Anders, wie es sein Job verlangt. Das sind die langweiligsten, weil normalsten Szenen. Und Sittlers Anliegen ist zu loben, von solchen Inseln des Durchschnitts schnellstens wieder auf Emotion umzuschalten. Daher wurde mir das Hörbuch nur höchst selten langweilig, sondern es steigerte sich im Gegenteil in der Anspannung und Beklemmung. Dies ist sicherlich keine Unterhaltung für zwischendurch.

Schade jedoch, dass es weder Geräusche noch Musik gibt, die den Hintergrund noch emotionaler gestaltet hätten. Doch es gibt einmal einen Geräuschersatz. „Schlürf“ machen Matildas Gummistiefel im nassen Schlamm, kurz bevor sie im Gebüsch die Tatwaffe, eine Axt, findet. Wie lustig und echt dieses „Schlürf“ klingt, muss man gehört haben. Vergnügen und Grauen liegen in diesem Krimi nah beieinander.

_Unterm Strich_

„Den du nicht siehst“ ist zwar weit davon entfernt, wie Henning Mankell und Liza Marklund gesellschaftliche Missstände oder wie Arne Dahl internationale Verbrechen anzuprangern. Doch es ist ein geschickt erzählter Rache-Krimi mit der typisch schwedischen menschlichen Wärme, die die Schwedenkrimis hierzulande zeitweise erfolgreicher als die amerikanischen Thriller gemacht hat, insbesondere beim weiblichen Publikum. Das ist zwar nicht die höchste Thrillerkunst, aber für ein paar spannende Stunden reicht es allemal. Insbesondere der packende Showdown hat mir gefallen. Denn der fehlte mir in der Fortsetzung „Näher als du denkst“.

Dass auch dieser Krimi vom ZDF verfilmt wurde, lag nahe: Die Mainzelmännchen haben eine ganze Produktionsgesellschaft für Schwedenkrimi-Verfilmungen auf die Beine gestellt. Wir dürfen aus der Reihe „Der Kommissar und das Meer“ – ein jugendfreier Titel für die ganze Familie – noch weitere Folgen erwarten.

|Das Hörbuch|

Walter Sittler erweist sich als sehr kompetenter und schier schlafwandlerisch sicherer Schauspieler, der sein Stimm-Metier vollkommen beherrscht. Hier gelingt es ihm, das Kindliche, Heimelige und Vertraute direkt neben das Unheimliche, Grausame und sogar Makabere zu stellen. Mit ein paar Tricks und Verstellungen gelingt es ihm, auch kleine Auftritte wie die zweier kleiner Mädchen oder eines Informanten mit künstlichem Kehlkopf zu einem Ereignis werden zu lassen.

|Originaltitel: Den Du inte ser
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
395 Minuten auf 5 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-432-5|
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Anna Gavalda – Ich habe sie geliebt (Lesung)

Die Wonnen und Fallen der Fernliebe

Chloe wurde von ihrem Mann Adrien verlassen und steht nun als Mutter von zwei kleinen Töchtern allein da. Ob all der vergeblichen Opfer, die brachte, muss sie ständig weinen, bis Pierre, der Vater Adriens, sie und ihre Kinder in sein Landhaus mitnimmt. Ausgerechnet der „alte Kotzbrocken“. Er geht für sie einkaufen, kocht ihr ein Abendessen und holt den besten Wein aus dem Keller – erstaunlich. Schließlich erzählt er ihr von der großen Liebe seines Lebens, zu der er sich nie zu bekennen wagte, von heimlicher Untreue und nie wiedergutzumachender Schuld, von gestohlenem Glück und den ungelebten Träumen.

Die Autorin

Anna Gavalda, 1970 geboren, ist auf dem Lande aufgewachsen, hat in Paris Literatur studiert und wurde mit ihrem ersten Erzählband „Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet“ auf einen Schlag berühmt. Anna Gavalda lebt mit ihren zwei Kindern bei Paris und hat ihren Job als Französischlehrerin mittlerweile aufgegeben. Ihr Roman [„Zusammen ist man weniger allein“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=938 wurde inzwischen verfilmt.

Die Sprecherin

Nina Petri gab ihr Schauspieldebüt in der TV-Serie „Rote Erde“ und war seitdem in vielen Erfolgsfilmen zu sehen, u. a. in „Lola rennt“ und „Emmas Glück“. Sie wurde mit dem Bayerischen Filmpreis und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

Regie führte Gabriele Kreis, und Ansgar Döbertin sorgte für guten Sound. Petri liest die ungekürzte Fassung.

Handlung

Schwiegervater Pierre Dupelle lädt Chloe und ihre zwei kleinen Töchter ein, eine Zeit in seinem Landhaus zu verbringen. Er und seine Frau Suzanne würden sie schon verwöhnen und auf andere Gedanken bringen. Was für ein seltsames Haus, erinnert sich Chloe: Es ist so hellhörig und die Betten knarren so laut, dass sie und ihr Mann Adrien hier nie Sex haben konnten, sonst hätte sofort das ganze Haus Bescheid gewusst. Choloe hält Pierre für einen Marsmenschen, er ist unnahbar, antwortet nie auf Kritik und Anklagen.

Chloe ist todunglücklich, denn ihr Mann, Pierres Sohn Adrien, hat sie nach sieben Jahren Ehe für eine andere verlassen. Für Candy, diese Tussi. Und dabei hatte sie doch ihr Studium für ihn geopfert, so dass er selbst studieren und einen guten Job bekommen konnte. Schwiegervater kümmert sich erstaunlich besorgt um sie, kauft für Chloe und ihre Töchter ein, kocht für sie Abendessen und holt sogar den besten Wein aus seinem Keller. Will er sie etwa im Auftrag seines Sohnes bestechen? Chloe heult und jammert, wie es ihr Recht ist.

Pierre wandelt sich und erzählt von seinem Leben. Er hatte nur drei Freunde: Patrick Frendel, mit dem er nach Rom zum Papst pilgerte, dann Theron, und schließlich Paul, seinen Bruder. Doch Paul starb 1956, nachdem er sich freiwillig für den Krieg in Indochina gemeldet hatte und krank zurückkehrte. Paul ging nur aus Trotz über seine abweisende Geliebte zum Militär, dabei war er ein begnadeter Maler – es war absurd. Als er starb, war gerade mal 21 Jahre alt.

Das Haus ist alt, die Sicherung fliegt raus, der Strom ist weg. Chloe fühlt sich wie ein Steinzeitmensch, das Haus ist eine Höhle, die sie vor dem grimmigen Winterwind draußen schützt. Als die Kinder kein Fernsehen sehen können, bricht Verzweiflung aus, doch Pierre unterhält sie und bringt sie zum Lachen. Als er Chloe einlädt, länger zu bleiben, lehnt sie ab. Welche Hintergedanken hat er? Er schenkt ihr eine Zeichnung Pauls, die Pauls und Pierres Mutter Alice zeigt. Mehr Bestechungen? Chloe klagt ihn ziemlich laut an: „Ihr tut mir alle weh!“

Er weiß, sie halte ihn für einen „alten Kotzbrocken“, weil er sich nie einbringe usw. Dann erzählt er, dass er mit seinen 65 Jahren schon an den Tod denke. Dann schildert er, wie er Chloe wahrnahm: die Blaugefrorene, die schwangere Schwiegertochter. Und sie sieht sich: die den Kopf in den Sand Steckende, die nicht wahrhaben wollte, dass Adrien sie betrog. Doch dieser sei ebenfalls unglücklich, bekräftigt Pierre. Das ruft wieder wütenden Protest seitens Chloe hervor. Dann erzählt Pierre von seiner eigenen unglücklich verlaufenen Liebe seines Lebens, von Mathilde Courbet …

Mein Eindruck

Pierres Liebe zu Mathilde endete im Dilemma zwischen der Liebe zu einer fernen Frau und der Loyalität zu seiner eigentlichen, ihm ehelich anvertrauten Frau Suzanne, die ihm auf die Schliche gekommen war. Er entschied sich für die Treue. Ob er mit Mathilde einen Sohn hatte, weiß er nicht genau, aber er sah ihr Kind neben ihr eines Tages in Paris. Sie wollte nicht, dass Pierre in ihr Leben zurückkehrte. Sie hatte sich entschieden.

So interessant auch Pierres Lovestory sein mag, interessanter noch fand ich seine Auseinandersetzung mit der sitzengelassenen Chloe und seine freundlichen Angebote: ein Dach über dem Kopf, Gesellschaft der Schwiegereltern, das Leben auf dem Land usw. Chloe habe gesunden Menschenverstand, sagt er, und werde sie alle retten, ganz besonders ihre zwei kleinen Töchter.

Als sie ihn fragt, was ihr diese Geschichte sagen solle, meint er, man müsse um seine Liebe kämpfen. Sie findet, er klinge wie Paulo Coelho. Da habe sie vollkommen Recht, aber es sei nun mal wahr. Und einen Tipp gibt es zum Schluss: Als Elternteil habe man irgendwie die Verpflichtung, seinen Kindern ein glücklicher Mensch zu sein statt eines traurigen und unglücklichen. Denn haben sie nicht auch ein Recht auf Glück?

Diese Auseinandersetzung in ihrer Dialektik faszinierte mich viel mehr als die doch relativ konventionelle Fernliebe Pierres zu Mathilde, die er erlebte, als er schon 42 war und sich mit seinen bescheidenen Errungenschaft – Firmenleitung, Heirat der Jugendliebe, ein oder zwei Kinder – abgefunden hatte. Die Dialektik besteht darin, dass sie über ihr Unglück jammert, er hält dagegen, sie klagt ihn des Verrats an, er hält dagegen, verteidigt seinen Sohn, sie vermutet ein Komplott der Familie gegen sie, er beteuert, so sei es nicht. Das Ende vom Lied ist sein Geständnis der eigenen Untreue zwei Frauen gegenüber. Welcher von beiden sollte er den Vorzug geben? Vielleicht gehe es Adrien genauso?

Nun ja, wie stets bei solchen sentimentalen „Herzensergießungen“ à la 18. Jahrhundert endet es damit, dass sie spürt, dass sie nicht allein mit ihrem Elend und Schicksal und ihr dies ein gewaltiger Trost ist. Es handelt sich quasi um eine Proxy-Katharsis, eine Läuterung durch einen Stellvertreter, der für sie durchs Feuer gegangen ist, um ihr seine Seelenverwandtschaft darzulegen. Dass dies für Pierre tatsächlich eine Läuterung darstellt, ist für Chloe erst einmal von sekundärer Bedeutung. Denn durch diesen Trost fühlt sie sich nun gestärkt, um einen Neuanfang zu wagen. Und vielleicht kann sie sogar Adrien vergeben und verstehen.

Den Erfolg von Anna Gavalda machen gerade diese emotionalen Lektionen aus, die besonders in weiblichen Lesern ein großes Echo finden. Sicherlich kann sich so manche Leserin mit Chloe identifizieren, obwohl ich ein paar Frauen kenne, die sich selbst von ihrem Ehemann getrennt hatten, mit dem sie Kinder hatten. Es kommt eben bei einem Neuanfang darauf an, wie man auseinandergegangen ist, ob in gegenseitigem Einverständnis oder im Groll.

In literarischer Hinsicht ist die Geschichte vor allem durch ihre zahlreichen Rückblenden bemerkenswerten. Denn so etwas wie eine äußere Handlung gibt es ja nicht, die Geschichte besteht in erster Linie aus Erinnerungen. Die Lektion für die Gegenwart ist aus diesen Rückblenden zu ziehen. Allerdings sind die Rückblenden vor allem auf Pierres Seite zu finden, leider nicht so sehr auf Chloes Seite. Dieses Ungleichgewicht fand ich wenig zufriedenstellend. Andererseits ist Pierres Geschichte über Paul und Mathilde sehr viel interessanter.

Ich würde nicht sagen, dass es sich um sentimentalen Kitsch handelt. Das wäre vielleicht der Fall, wenn Pierre seine Lovestory glorifizieren würde, aber das vermeidet er strikt. Und die ständige Auseinandersetzung mit Chloe trägt auch nicht gerade dazu bei, ein idyllisches Bild vom Leben auf dem Lande zu zeichnen. Wenn der Strom ausfällt, ist die Zeit für die Höhlenmenschen wieder gekommen. Und die Autorin zeigt ganz klar, was das bedeutet.

Die Sprecherin

Man merkt der bekannten Schauspielerin Petri an, dass ihr der Vortrag einige Mühe bereitet hat, und zwar in emotionaler Hinsicht. Aber sie ist Profi genug, um Gefühle wie Bitterkeit, Angst und Zorn in entsprechende Tonlage und stimmliche Ausdrücke kleiden zu können. Niemals kippt ihre Stimme in eine unglaubwürdige Tonlage, auch nicht, wenn sie Chloe sarkastisch und anklagend wettern lässt.

Doch auch Pierre, der „alte Kotzbrocken“, hält kräftig dagegen, natürlich in einer tieferen Stimmlage. Er echauffiert sich über Chloes Bockigkeit und Selbstgerechtigkeit, bevor er ihr ein weiteres Detail über die Ungerechtigkeit des Lebens um die Ohren haut: die Krebskrankheit seiner langjährigen Sekretärin Francoise. Diese spielt eine Nebenrolle in Pierres Leben als Firmenchef.

Schließlich lässt Petri noch eine dritte Hauptfigur zum Leben erwachen, denn um SIE geht es ja im Titel: um Mathilde Courbet. Diese Frau ist häufig beherrscht, dann wieder lasziv verführerisch, schließlich aber, nach Jahren der Fernliebe, drängt sie Pierre eindringlich, sie freizugeben, denn sie sei schwanger, wolle das Kind aber für sich behalten. Er, Pierre, könne ja bei seiner Frau Suzanne bleiben. Alle seien zufrieden und sicher. Aber sind sie das wirklich?

Unterm Strich

Anna Gavaldas Erzählung ist vielleicht nicht höchste moderne Erzählkunst, aber das ist auch nicht ihre Absicht. Sie stellt die Wonnen und Querelen einer modernen Fernliebe dar und wie sich diese Erfahrung 23 Jahre später von einem alten Mann dazu nutzen lässt, um seine sitzengelassene Schwiegertochter zu trösten und wieder zur Vernunft zu bringen. Vielleicht bietet ihr dies sogar eine Perspektive, indem die Geschichte ihr vor Augen führt, dass sie um die Liebe kämpfen muss – was gänzlich im Widerspruch zu den romantisch-blauäugigen Lehren ihrer Mutter steht.

Sicherlich spricht die Story, die kaum äußerliche Handlung aufweist, vor allem weibliche Leser an. Aber auch männliche Leser können aus Pierres Lovestory ihre Lehren ziehen, denn schließlich braucht es zum Lieben ja zwei – seien es nun Männlein und Weiblein oder gleichgeschlechtliche Partner.

Das Hörbuch

Nina Petri beschreitet einen überzeugenden Mittelweg aus kontrolliertem Sprechen und emotionaler Aufladung dieses Sprechens in bestimmten Situationen. Besonderes Chloe, Pierre und Mathilde erwachen so zum Leben. Die Identifikation durch besondere stimmliche Charakteristik ist Petris Stärke hingegen nicht. Nicht jeder kann ein Rufus Beck sein.

Fazit: Empfehlenswert, besonders auch wegen des günstigen Preises.

Originaltitel: Je l’aimais, 2002
Aus dem Französischen übersetzt von Ina Kronenberger
230 Minuten auf 3 CDs

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Peinkofer, Michael – Schwur der Orks, Der (Hörbuch)

_Shnorsh! Eine orkische Action-Komödie_

Die Fortsetzung von „Die Rückkehr der Orks“. Die Ork-Brüder Balbok und Rammar werden in ihrer Heimat Modermark seit einem Jahr als Helden verehrt, und sie sind Kriegshäuptlinge. Doch dann wird ein Mensch gefangen, der sich als Botschafter zu erkennen gibt: Zum ersten Mal seit Anbeginn der Zeit bitten die Menschen die Orks um Hilfe, und nicht irgendwelche Menschen, sondern der König und die Königin, denen die Orks ein Jahr zuvor auf den Thron von Tirgaslan geholfen haben. Eine schreckliche Gefahr drohe aus dem Osten – ein finsteres Geschöpf, das über unermessliche Macht verfügt und in seinem Hass alles Lebendige in der Welt vernichten will. Die beiden Orkbrüder brechen zu ihrer gefährlichsten Mission auf.

_Der Autor_

Michael Peinkofer, 1969 geboren, schreibt seit einigen Jahren sehr erfolgreich historische Romane. Als Jugendlicher war er selbst eine Leseratte und hat Abenteuer- und Fantasygeschichten verschlungen. In seinen Romanen will er ein wenig von dem Zauber weitergeben, den er dabei erfahren durfte. Mit Frau und Tochter lebt Peinkofer in Kempten im Allgäu, wo er auch arbeitet.

Bei |Hörbuch Hamburg| von Peinkofer im Hörbuch:

„Die Rückkehr der Orks“
„Der Schwur der Orks“
„Das Gesetz der Orks“

Außerdem auf |Buchwurm.info|:

[„Die Erben der schwarzen Flagge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4201 (inszenierte Lesung)
[„Die Bruderschaft der Runen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1024
[„Team X-treme 1: Alles oder nichts“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5064 (Hörspiel)
[„Team X-treme 2: Die Bestie aus der Tiefe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5317 (Hörspiel)
[„Team X-treme 3: Projekt Tantalus“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5319 (Hörspiel)

_Der Sprecher_

Johannes Steck, geboren 1966 in Würzburg, ist Absolvent der Schauspielschule Wien. Von 1990 bis 1996 hatte er Engagements an verschiedenen Theatern. Dem breiten Publikum ist er vor allem aus dem TV bekannt. Er spielte in zahlreichen TV-Serien. Steck arbeitet zudem als Radio-, Fernseh- und Synchronsprecher. Er hat schon diverse Hörbücher gelesen.

Regie führte Lutz Schäfer, die Aufnahme erfolgte durch Johannes Steck in seinem eigenen Tonstudio. Schnitt und Mastering erledigte Tom Klenner im |MajorSoundStudio|. Das Titelbild entspricht dem der Buchausgabe beim |Piper|-Verlag.

_Vorgeschichte_

Band eins schilderte die Abenteuer der Brüder Balbok und Rammar, zwei Orks aus echtem Tod und Horn. Obwohl sie eigentlich nur nach guter Ork-Manier dem Chaos dienen wollen, geraten die ungleichen Bruder in die Welt der Sterblichen und ziehen von den düsteren Wäldern ihrer Heimat Modermark bis in das ewige Eis der Weißen Wüste. Sie kämpfen gegen Ghule und Riesenspinnen und decken ein tödliches Geheimnis auf. Schließlich kommt es vor den Toren der versunkenen Elben-Stadt Tirgaslan zwischen dem Elfenheer und der geballten Macht der Orks zu einem grandiosen Showdown.

_Handlung_

|PROLOG.| Der verbannte Elfenfürst von Tirgasdun, Loreto, ist vom Rat der Elfen geächtet und verbannt worden. Kein Wunder also, dass er eine Stinkwut auf die neuen Machthaber in Tirgaslan hat: auf den ehemaligen Kopfgeldjäger Corwin, einen Menschen, und auf die Priesterin Alana, eine Elfin, die ihrer Unsterblichkeit zugunsten eines Lebens mit dem sterblichen Corwin entsagt hat. Das stelle man sich mal vor! Aber Loreto ist sicher, dass er sie für die erlittene Schmach eines Tages büßen lassen wird. In einem unvorsichtigen Augenblick wird Loreto jedoch gefressen. Von einem Wesen, für das der Begriff Boshaftigkeit neu definiert werden müsste.

|Haupthandlung.|

Die orkischen Kriegshäuptlinge Rammar und Balbok lassen es sich in ihrem Orkbau gut gehen. Inzwischen hat Rammars Leibesfülle beängstigend zugenommen. Sie ruhen sich auf den Lorbeeren aus, die sie bei ihrem letzten Abenteuer in den Ländern der Menschen und Elfen geerntet haben. Nur ihnen sei es zu verdanken, dass Tirgaslan jetzt wieder einen Herrscher hat.

Doch sie langweilen sich, und deshalb kommt die Meldung, dass die Wachen einen Menschen gefangen haben, gerade recht. Doch sie staunen, als der Bleichling orkisch mit ihnen redet. Er habe eine Botschaft von König Corwin. Er habe ihnen verziehen, dass sie Schätze auf einem goldenen Streitwagen geraubt haben. Was er nun erbitte, sei ihre Hilfe im Kampf gegen eine dunkle Macht, die sich im Osten erhoben und die Untertanen des Königs angegriffen habe. Als Lohn für die Teilnahme an einer Mission garantiert der König Frieden mit der Modermark. Offensichtlich ist der schlechte Ruf der Orks ruiniert. Rammar beschließt, dass dieser bedauernswerte Zustand ein anderer werden muss. Und weil Balbok Lust auf Abenteuer hat, kommen sie mit dem Menschen mit. Durch einen Verrat ihrer Leibwache verlieren sie ihr Kommando.

In Tirgaslan wundert sich Rammar über die renovierte Stadt, die früher eine Ruine war. Zahlreiche Zelte von Vasallen und Kaufleuten umstehen die Stadtmauern. In der Zitadelle ist eine Menge bunt gekleidetes Volk versammelt, das über den strengen Geruch der Orkbrüder die Nase rümpft. Ha, sollen sie doch! Das Abendessen ist ganz nach Orkgeschmack, denn es gibt sogar Bru-Mill, eine orkische Spezialität. Spät abends können die Orkbrüder dann mit dem Königspaar Tacheles reden und den Lohn aushandeln. Rammar ist wirklich hart im Feilschen: Corwin verspricht ihm den Elfenschatz, falls er auf der Mission den feindlichen Herrscher „erledigt“, was auch immer das heißen mag.

Doch der nächste Schlag ist hart: Sie müssen einen Zwerg als Stellvertreter akzeptieren, den früheren Schmuggler Ortmar von Bruchstein. Dieser werde sie nach Kal Anar im Osten führen, beharrt Corwin. Und um das Maß voll zu machen, gibt er ihnen zum Tode verurteilte Gefangene als Gefährten mit: einen Eisbarbaren, noch einen zwergischen Hutzelbart, einen menschlichen Attentäter und – muss das wirklich sein? – einen grünhäutigen Gnom. Na, was soll’s – Rammar hat eh nicht vor, Corwin den Schatz zu lassen. Vielmehr schwebt ihm vor, die Stadt Tirgaslan zu erobern. Womit, ist noch nicht ganz klar, aber er wird schon etwas improvisieren. Das Maß der ertragbaren Schande wird voll, als sich auch die Orks als Zwerge verkleiden müssen.

Kaum sind die sieben „Zwerge“ gen Norden losgezogen, um durch die Stollen der Zwerge den Weg nach Osten zu nehmen, als die Zitadelle von Tirgaslan angegriffen wird. Zu Corwins Entsetzen sind es Untote: Skelettkrieger aus vergangenen Schlachten. Alana rät ihm, den Untoten einfach den Kopf abzuschlagen. Es funktioniert. Doch ein Schrei ruft Corwin zurück ins Schlafgemach: Alana ist entführt worden. Der Angriff war ein Ablenkungsmanöver. Doch welches Wesen kann ins oberste Geschoss vorgedrungen sein?

Auch den Orkbrüdern ergeht es nicht lange gut. Im Schwarzgebirge hat Rammar allen Grund, dem sie führenden Ortmar zu misstrauen. Eine Steinlawine fordert erste Opfer, aber Ortmar ganz bestimmt nicht. Haben Bergbewohner die Lawine ausgelöst? Als die Gruppe aus dem letzten Tunnel tritt, warten schon Ortmars Verbündete auf die Orks: Menschenhändler aus Sundaril. Für ein hübsches Sümmchen verkauft der Zwerg seine lästigen Widersacher an die Arena. Er hingegen ist jetzt der Chef der Mission und gedenkt, den Schatz des Feindes für sich zu gewinnen.

Doch die Orkbrüder erhalten Hilfe von unerwarteter Seite. Sie freuen sich schon auf ein actionreiches Wiedersehen mit Ortmar …

_Mein Eindruck_

Dies ist eine Actionkomödie. Und wie in jeder Komödie entsteht der Witz vor allem durch die Unterschiedlich- und Gegensätzlichkeit der Figuren. Ihre Interessen, Erwartungen und Vorstellungen prallen aufeinander, und durch dieses Aufeinanderprallen kann sich das Publikum als lachender Dritter mehr oder weniger gut unterhalten fühlen. Das Publikum sind in diesem Fall zwölfjährige Leser oder wohl eher Computergame-Spieler. Der Witz muss bzw. darf deshalb nicht sonderlich ausgefeilt sein, um überhaupt noch verstanden zu werden. Wer hier Subtilitäten sucht, ist selber schuld.

|Die Völkerschaften|

Die Gegensätze zwischen den Spezies sorgen schon einmal für jede Menge Zündstoff. Orks können Gnomen nicht ausstehen, und Zwerge sind ihre Erzfeinde. Dazwischen stehen die Menschen und die zahlenmäßig kaum noch vorhandenen Elfen. Wie im [„Herr der Ringe“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5487 dem sich dieses Personal verpflichtet fühlt, bricht nun das Zeitalter der Menschen an. Aber bevor nun Friede, Freude, Eierkuchen ausbrechen, gilt es noch ein paar Altlasten zu beseitigen: Der „Schatten im Osten“ ist zum Teil auch ein ausgestoßener Elfenfürst, der nun auf Rache aus ist.

|Dynamisches Duo|

Die nächste Ebene der Kontraste sind die rassenmäßigen und individuellen Unterschiede. Hier kommen Balbok und Rammar optimal ins Spiel, verfolgen wir doch ihren Weg durch die Erdwelt fast in jedem Kapitel (dessen Überschrift übrigens stets in Orkisch geschrieben ist). Unsere lieben Ork-Helden entsprechen eigentlich jedem Klischee, das Professor Tolkien je in die Welt gesetzt hat. Und die beiden Buddies mühen sich redlich und nach Kräften, ihrem orkischen Erbe entsprechend zu handeln.

|Ein Sauhaufen|

Doch die Ironie des Schicksals will es, dass sie sich ständig ganz entgegen ihrem Naturell und ihren Rasseprinzipien verhalten müssen. Wollen sie beispielsweise überleben und den Kampf gegen den östlichen Gegner gewinnen, müssen sie im Team zusammenarbeiten. Ganz besonders dem stets missgelaunten Rammar fällt es dabei äußerst schwer, sich seinem Team anzupassen. Man sehe sich nur diesen Sauhaufen an: ein schwuler Ork namens Ankloas, der ihn womöglich bei zu naher Bekanntschaft in Schwulitäten bringt, der sie und Sundarin aber aus der Arena befreite. Des Weiteren eine Amazone als Letzte ihres Volkes, ein menschlicher Attentäter, der die Amazone liebt, und ein loyaler Eisbarbar; von jeder Menge hilfsbedürftiger Menschen in Kal Anar ganz zu schweigen. Es ist kaum auszuhalten!

|Balbok|

Bei der Einhaltung seiner Prinzipien der Hinterlist und der Raffgier ist Rammar seinem Bruder Balbok alles andere als eine Hilfe. „Balbok“ bedeutet eigentlich „dumm“ auf Orkisch, und das ist Balbok ja auch die meiste Zeit. Aber seit er sein Herz für Amazonen und Elfen entdeckt hat, ist Balbok kein zuverlässiger Raufbold und Kampfgenosse mehr. Ja, er findet sogar die Ratschläge des Schwulis sinnvoll (jedenfalls manchmal). Zu Rammars Verblüffung entwickelt Balbok ein gesundes Misstrauen gegenüber Ankloas, der sich wie ein Fremdenführer aufführt und sich weigert, Blut zu trinken und ein Pferd zu verspeisen. Höchst verdächtig!

Doch Rammar kann deshalb eigentlich froh über Balbok als Gefährten sein, denn sein eigenes Urteilsvermögen wird nicht selten durch seinen tiefen Hass auf Zwerge und anderes Gesocks sowie durch Raffgier nach Schätzen getrübt. Auch dass sich Rammar grundsätzlich nicht an Schwüre, Versprechen, Abmachungen und dergleichen Blödsinn gebunden fühlt, schlägt nicht immer zu seinem Vorteil aus. Entweder gerät er dadurch in eine Falle oder steht – wie in der Entscheidungsschlacht – zwischen zwei Fronten. Und dann heißt es: Guter Rat ist teuer.

|Erotik|

Die Amazonen, die der Autor hier auftreten lässt, sollen für das ansonsten auffällig abwesende Quantum Sex und Erotik sorgen. Die entsprechende Szene ist zum Glück keineswegs voyeuristisch geschildert, sondern ziemlich ästhetisch. Die Amazone Kia interessiert sich sogar für einen der Gefangenen, leider haben die restlichen nicht viel zu lachen. Und so kommt es, dass Rammars letztes Stündlein geschlagen hat. Er wird vor die Inkarnation des größten Helden der Amazonen geführt – und erlebt schon wieder eine handfeste Überraschung, die ihm das Leben rettet.

|Der Feind|

Der Feind Xargul residiert in einem Schauplatz, der Elemente aus dem „Herrn der Ringe“ und [„Conan der Barbar“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4428 vereint. Auf einem aktiven, aber etwas gezähmten Vulkan – bei Tolkien „Schicksalsberg“ genannt – steht ein mehrstöckiger „Schlangenturm“ über einem Labyrinth aus Kammern und Höhlen, unter denen Lavaflüsse für eine angenehme Fußbodenheizung sorgen. Dieses Bühnenbild gemahnt schwer an die Residenz des Schlangengottes Thulsa Doom. Die Riesenschlange ist hier allerdings durch einen Basilisken ersetzt worden.

Basilisken scheinen so etwas wie eine Kombination aus Schlange, Raubvogel und Fledermaus zu sein. Wie jeder Basilisk, der diese Bezeichnung verdient, lähmt auch dieser mit seinen Blick jeden unvorsichtigen und ungewappneten Gegner. Allerdings nur so lange, wie dieser Gegner über keine magischen Hilfsmittel verfügt. In dem zweiten Finale sieht sich der Feind daher einem Gegner gegenüber, mit dem er nicht gerechnet hat: eine Magierin, die ihn überlistet.

|Der Sprecher|

Johannes Steck gelingt es, die Figuren, die durch die von Tolkien vorgegebenen Klischees geprägt sind, sehr gut zum Leben zu erwecken. Er schafft es nämlich, durch die Modulation seiner Stimme jeder Figur ihre passende Charakteristik zu verleihen. Das beginnt schon bei den Zwergen, wo es zwar fast nur tief sprechende Männer gibt, aber eben auch Frauen, und die reden ganz anders.

Jede männliche Figur ist deutlich unterscheidbar. Rammar hat eine sehr tiefe Stimme, die aber stets als „der Geist, der stets verneint“ charakterisiert ist und misslaunig und hinterlistig daherkommt. Sein Bruder Balbok ist das genaue Gegenteil: Seine Stimme klingt hohlköpfig, doch er ist es keineswegs. Außerdem hat er einen Sinn für Humor, auch wenn dieser ziemlich orkisch wirkt.

Weitere tiefe Männerstimmen sind für den Eisbarbaren Gurn und den zwielichtigen Zwerg Ortmar von Bruchstein reserviert. Natürlich legt auch Corwin so viel Autorität wie möglich in seine Stimme, doch man vernimmt ihn nur relativ selten. Die einzigen höheren Männerstimmen gehören dem hinterlistigen Attentäter Nestor von Taik und dem schwulen Ork Ankloas (der natürlich gar keiner ist).

Die hohen Frauenstimmen entfallen auf die Amazone Kia sammt Stammensgenossinen und die Zauberin Alana. Wo Kia ein wenig naiv und „naturbelassen“ unsere Sympathie gewinnt, müssen wir uns vor der gebildeten Hohepriesterin Alana und ihren Zaubertricks schwer in Acht nehmen. Der Sprecher klingt nie wie Charleys Tante, wenn er diese Stimmen darstellt, sondern klingt einfach ein etwas weniger basslastig.

Ganz hervorragend fand ich Stecks Energie, mit der er die orkischen Kapitelüberschriften intoniert. So viele gutturale Reibelaute verwende ich nicht mal in einem Jahr! Insgesamt legt Steck eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit in seinem stimmlichen Ausdruck an den Tag, und da er am Schluss des Hörbuchs die Fortsetzung „Das Gesetz der Orks“ in Aussicht stellt, dürfen wir uns bald wieder an seiner Sprachkunst erfreuen.

Das Hörbuch verfügt weder über Geräusche noch über Musik, aber dafür hat es ein informatives Booklet – siehe unten. Weil viele der CD-Schlüsse einen Cliffhanger aufweisen, will man sofort wissen wie es weitergeht. Daher war es für mich überhaupt kein Problem, die 10,5 Stunden Hörzeit hinter mich zu bringen. Das kann ich nicht von jeder Hörbuchproduktion behaupten.

|Das Booklet|

Das Beiheft enthält eine detaillierte, wenn auch viel zu kleine Karte von Erdwelt, die so aussieht, als hätten Orks ein Wargleder aufgespannt. Manche Namen sind nur mit einer Lupe zu lesen. Besser als nichts. Eine doppelseitige Liste wichtiger Ork-Wörter und -Begriffe schließt sich an. Eine Seite wird dem „Blutbier-Rezept“ gewidmet, dessen Umsetzung man tunlichst nicht zu Hause versuchen sollte (schon wegen dem vielen, dafür nötigen Blut).

Auf Seite 7 sind Informationen über den Autor und seinen Sprecher zu finden. Die letzte und achte Seite listet alle Kapiteltitel auf, die ausnahmslos auf Orkisch vorliegen. Der Sprecher spricht sie sogar alle korrekt und mit angemessener Vehemenz aus!

_Unterm Strich_

Wie schon „Die Rückkehr der Orks“ ist der Nachfolgeband eine kurzweilige Actionkomödie für Jugendliche und Junggebliebene. Man muss den Vorgänger nicht unbedingt kennen, um auch diesen Band unterhaltsam finden zu können. Aber an manchen Stellen findet es der Text – zumal in gekürzter Hörbuchform – angebracht, eine Zusammenfassung der Vorgeschichte zu liefern, meist in Häppchen, wo diese gerade notwendig sind. Auf diese Weise kann man die Geschichte genießen, ohne völlig ahnungslos zu sein.

Der Plot ist simpel: „search & destroy“ lautet die Parole. Doch allzu oft sehen sich die Helden in Notlagen wieder, in denen sie laut „search & rescue ME!“ rufen möchten. Doch was wäre eine Notlage, wenn es keine Freunde gäbe, die einem wieder heraushelfen würden – wenn auch mit höchst fragwürdigen Mitteln, wie Rammar am Schluss herausfinden muss. Selbstredend mündet die Handlung in eine zünftige Entscheidungsschlacht, in deren Verlauf die gute Seite an den Rand des Untergangs gerät, gäbe es da nicht Plan B, mit dessen Hilfe doch noch das Gute die Oberhand behalten kann – „haarscharf“, wie Peregrin Tuk sagen würde.

Der Epilog bildet dann schon wieder die Überleitung zum nächsten Abenteuer für unsere beiden orkischen Glücksritter. Das Schicksal – oder etwas ähnlich Übelwollendes – verschlägt sie auf eine Insel, die aber nur scheinbar einsam ist …

|Das Hörbuch|

Alle drei Teile finden in Johannes Steck einen kompetenten Sprecher, der es versteht, die einzelnen Figuren wiedererkennbar zu charakterisieren und die Szenen mit der angemessenen Dramatik oder mit Humor darzustellen. Ich hätte so manchen Satz anders betont, aber dieses Element liegt völlig im Ermessen des Sprechers. Insgesamt ist das Hörbuch eine ausgezeichnete Leistung des Sprechers und der Aufnahmeleitung, und das Booklet erweist sich als unentbehrlich, um den Überblick nicht zu verlieren.

|629 Minuten auf 8 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-475-2|
http://www.hoerbuch-hamburg.de
http://www.piper-fantasy.de
http://www.michael-peinkofer.de

Andreas Steinhöfel – Die Mitte der Welt (Lesung)

Phil wächst in einem süddeutschen Dorf auf, aber nicht in dessen Mitte, sondern am Rande. Seine Mutter ist Amerikanerin, sein unbekannter Vater Amerikaner. Seine Entwicklung am Rande der Gesellschaft ist gekennzeichnet von Auseinandersetzungen, seine Liebe zu einem anderen Jungen bedeutet deshalb für ihn Anerkennung und Befreiung. Aus dieser Spannung zwischen Ausgrenzung einerseits und Liebe andererseits bezieht der Roman seine Spannung. Und da viele Geheimnisse erst am Schluss gelüftet werden, bleibt der Hörer bzw. Leser von Geschichte bis zum Schluss gefesselt.

Der Autor

Andreas Steinhöfel, geboren 1962 in Battenberg, studierte Amerikanistik, Anglistik und Medienwissenschaften. Er schreibt Drehbücher, Rezensionen und seit 1991 zahlreiche Kinder- und Jugendbücher.

Der Sprecher

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

Handlung

Als die Hauptfigur Phil mit 17 Jahren auf einem Frachtdampfer anheuert und nach Amerika fährt, um seinen Vater zu suchen, schließt sich ein Kreis, der im Jahr seiner Geburt begann.

In Boston geht die hochschwangere Glass, Phils Mutter, an Bord eines Dampfers nach Europa. Sie will zu ihrer Schwester Stella, die irgendwo im südlichen Deutschland lebt. Den Vater ihres Kindes, Nummer drei, lässt sie zurück. Doch niemand wartet auf sie am Zielbahnhof, es fahren keine Taxis, und so muss sie selbst den weiten Weg durch den Wald gehen. Durch die Anstrengung setzen die Wehen ein und in Sichtweite des schwesterlichen Hauses bringt sie Zwillinge zur Welt. Eine junge Frau kommt aus dem Haus, weil sie die Schreie gehört hat. Es ist Teresa, und sie sie berichtet, dass Stella tot sei. Glass bringt zweieiige Zwillinge zur Welt: Phil und Diane.

Das Haus ist eine große, teilweise leer stehende Villa auf einem Hügel. Sie beherbergt eine große alte Bibliothek, die für die Kinder zur „Mitte der Welt“ wird. Kern der Bücherei sind große Folianten mit gepressten Pflanzen darin. Sie spielen später eine unheilvolle Rolle. Hier geht Phils Phantasie auf Reisen. Das einzige Buch, das er mit 17 mitnimmt, stammt von hier: „Moby Dick“.

Die Leute aus dem Dorf misstrauen den neuen Bewohnern, und die selbstbewusste Glass nennt die Dörfler die „Jenseitigen“ und „die kleinen Leute“, wegen ihres kleinen Geistes. Denn Glass und ihre Brut tun alles, um die Normen zu verletzen. Das beginnt damit, dass Glass sich einen Liebhaber nach dem anderen ins Bett holt. Das ist gut für die Instandsetzung des Hauses. Aber sie prostituiert sich nicht, denn ihre Haupttätigkeit besteht in der psychologischen Beratung der ahnungs- und hilflosen Dorffrauen. Die holen sich bei ihr nicht nur Rat und Selbstvertrauen, sondern ab und zu auch mal eine Arznei.

Teresa ist Glass‘ Geliebte und Freundin, aber auch ihre Arbeitgeberin, denn Teresa hat von ihrem verstorbenen Vater eine Anwaltskanzlei geerbt, und als Teresa diese nach dem Studium übernimmt, kann Glass bei ihr als Sekretärin arbeiten. Auch Phil und Diane sind zunächst unzertrennlich, und der Höhepunkt dieser Freundschaft ist die glorreiche „Schlacht am großen Auge“. Um Phil gegen die Rüpel des Dorfs zu verteidigen, schießt Diane mit ihrem Bogen einen Pfeil auf deren Anführer und trift ihn in den Arm. Dafür wird sie von dessen Komplizen mit dem Messer angegriffen. Die Wunde am Schlüsselbein ist tief. Als sie das Messer herauszieht, vergrößert sie sie noch, ohne mit der Wimper zu zucken. Vor so viel Masochismus nehmen die feindlichen Jungs Reißaus. Phil ist schwer beeindruckt.

Obwohl Phil in der unkonventionellen und wagemutigen Kat bereits seitdem er fünf ist eine Freundin hat, verguckt er sich zunächst in einen schönen Jungen, den er vor der Kirche sieht. Wie er Jahre später herausfindet, handelt es sich um Nicholas, den an der Schule alle nur den „Läufer“ nennen. Aber Nicholas ist auch ein Sammler von Dingen, die er zufällig auf der Straße oder sonstwo findet. Phil fragt sich, was Nicholas damit macht. Und er selbst vermisst seit dem Tag vor der Kirche seine geliebte Schneekugel … Glass hingegen verliert ihr ungeborenes Baby und leidet monatelang unter Depressionen.

Als Phil etwa 17 Jahre alt ist, wird aus der Zuneigung zu Nicholas Ernst. Sie gehen miteinander ins Bett. Dies spricht sich langsam herum, denn so etwas ist natürlich ein gefundenes Fressen für alle Klatschtanten, ob nun weiblich oder männlich. Diane und Glass tragen’s ebenso gleichmütig wie Teresa, die selbst eine lesbische Geliebte hat. Diane scheint eine Freundin zu haben: Cora oder „Zephyr“, das hat Phil noch nicht herausgefunden. Er selbst wird heftig angefeindet, und zwar ausgerechnet von Kats Freund Thomas, wo doch seine Beziehung zu Kat völlig platonisch ist. Um seine Veranlagung zu demonstrieren, macht Phil den Fehler, Thomas zu küssen. Der, zunächst verblüfft, schwört bittere Rache. Und so kommt es zu einem schweren Unglück.

Diane hat sich lange Zeit von ihrer Mutter wegentwickelt. Phil vermutet, dass sie von Glass‘ zahlreichen Männerbekanntschaften abgestoßen ist. Das ändert sich, als Glass ihr Baby verliert. Da kümmert sich Diane plötzlich wieder wie ein Engel um sie. Phil ahnt nicht, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt und ein düsteres Geheimnis die Familie überschattet …

Mein Eindruck

Nicht nur auf einer symbolischen Ebene dürfte von vornherein klar sein, dass in „Visible“, der Villa im Wald, nur unkonventionelle Außenseiter leben. Wenn eine Mutter, wie Glass bei ihrer Ankunft, weder männlichen Beistand noch Dach überm Kopf hat, wenn sie ihre Kinder zur Welt bringt, dann ist bereits klar, welche ungewöhnlichen Umstände hier vorliegen. Spätestens wenn sich Glass und ihre Freundin Teresa als Leichenräuber betätigen, merkt der Leser, dass das Leben als Outcast auch ganz spaßig sein kann.

Aufgrund ihres unkonventionellen Verhaltens und ihrer liberalen Ansichten ist Glass schon bald der Gegenpol zur dörflichen Gemeinschaft, die von Konventionen zusammengehalten wird, nicht ohne dabei Opfer zu fordern. (Es spricht für die dörfliche Doppelmoral, dass sich die Frauen von Glass beraten lassen.) Dass auch Glass‘ Kinder ihr Außenseitertum ausbaden müssen, dürfte klar sein. Diane ist dies schon bald nach der Einschulung klar, und sie hasst es. Ihr fällt es zwar leicht, tapfer ihren Zwillingsbruder zu verteidigen, möchte aber spätestens in der Schule integriert werden.

Die Gefahren des Nacktbadens

Ein schlagendes und sehr komisches Kapitel für Dianes Nöte in der Gesellschaft ist ihr Auftritt vor dem Polizeihauptwachmeister Assmann. Ein Junge wurde verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Die Anklage lautet, Diane habe einen Hund auf ihn gehetzt, während sie und ihre Freundin unbekleidet um Mitternacht (!) am Fluss badeten. Dass es sich beim Vollmondbaden keineswegs um ein todeswürdiges Verbrechen handelt, versucht Diane dem eifrigen Polizisten erfolgreich klarzumachen. Auch dass der Hund nicht ihr gehört, sondern dem Jungen, gelingt ihr noch zu erklären. Weniger leicht zu begreifen ist hingegen ihre Behauptung, der Hund habe sich beißend auf sein Herrchen gestürzt, während sich dieser beim Anblick der nackten Mädchen einen runterholte …

Ersatzväter

Die Abwesenheit eines Vaters öffnet alle möglichen Optionen des sozialen und sexuellen Miteinanders, die der Konvention entgegenstehen. Am ehesten ist dies am Werdegang der Hauptfigur Phil abzulesen. Er hat eine Art abwesenden Ersatzvater namens Gable, einem Seemann, bei dem er sich geborgen fühlt und der ihm von seinen Fahrten in alle Erdwinkel wundersame Dinge mitbringt, wenn er an Weihnachten „Visible“ besucht. Gable nimmt Phil auf einen Törn übers Mittelmeer mit und arrangiert für ihn eine zärtliche Liebesnacht mit einem griechischen Jungen. Später nimmt der heterosexuelle Anwalt Michael die Stelle des Vaters ein, aber zu ihm hat Phil einen ganz anderen Bezug. Er sucht viel lieber seinen leiblichen Vater.

Zärtliche Lover

Sehr feinfühlig, anschaulich und unverklemmt schildert der Autor Phils Beziehung zu dem ein bis zwei Jahre älteren Nicholas. Phil muss wie wir alle sämtliche Höhen und Tiefen einer Liebesbeziehung durchlaufen, um zu erfahren, was es bedeutet, jemanden wirklich zu lieben. Eine körperliche Beziehung ist ihm zu wenig, er würde zunächst am liebsten seelisch mit seinem Lover verschmelzen. Diese Liebesszenen sind keineswegs schwülstig oder verklemmt erzählt, sondern recht poetisch und einfühlsam.

Nicholas verrät Phil ein paar seiner Geheimnisse, so etwa sein „Museum der verlorenen Dinge“ und seine getippten Erzählungen darüber. Nicholas ist selbst quasi elternlos und offen für alternative Beziehungsformen. Wie weit dies gehen kann, hätte sich Phil aber nicht träumen lassen. Unabsichtlich beobachtet er Nicholas mit seiner Freundin Kat beim Sex. Dass für ihn beinahe die Welt untergeht, leuchtet ein, andererseits haben die drei schon einige Spritztouren in Nicholas‘ Sportwagen unternommen, also sollte Phil nicht so verwundert sein. Dennoch nagt die Eifersucht an ihm. Er ahnt aber nicht, wie sehr er durch sein Verhalten Nicholas in die Schusslinie von rachsüchtigen Leuten gebracht hat.

Durch psychologisch geschickte Detektivarbeit bei Glass und Diane gelingt es Phil, mehrere Top-Geheimnisse seiner Familie zu lüften und so einige Anlässe für Streit aus dem Weg zu räumen. Als er schließlich seiner Mutter sogar den Namen seines richtigen Vaters entlockt, gibt es für ihn kein Halten mehr. Diese letzten Kapitel sind total spannend zu verfolgen, denn hier geht es nicht um Leichenräuberei oder Nacktbaden bei Vollmond, sondern ganz einfach um Leben und Tod.

Der Sprecher

Rufus Beck hat diesmal nicht die Aufgabe, ein Dutzend verschiedener Figuren stimmlich zu charakterisieren. Es treten auch keine Zauberlehrlinge oder Wundertiere auf. Diesmal darf er im Gegenteil nur mit einer Stimme sprechen, und dies möglichst einfühlsam. (Einzige Ausnahme: Phils Lehrer.) Doch „Mitte der Welt“ ist nicht das erste von ihm vorgelesene Buch, in dem sehr ungewöhnliche Jungs die Hauptrolle spielen. Auch das rasend komische Buch „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell (|Heyne|-Verlag) wurde von Beck vorgelesen.

Die heikelsten Stellen sind beim Vorlesen immer die leisen. Hier kann der Sprecher alles vermasseln. Beck hingegen spricht auch hier so souverän wie sonst auch, aber natürlich nicht im Plauderton, sondern sehr zärtlich, um die poetische Sprache, derer sich der Autor bedient, zur Geltung kommen zu lassen. So können selbst Leute, die mit Schwulen nichts anzufangen wissen, diesen erotischen und psychologisch intimen Szenen etwas abgewinnen. Sie machen deutlich, warum Phil so viel an seinem geliebten Nicholas liegt. Somit sind sie ein zentraler Bestandteil seiner Charakterisierung. Wer sie also missachtet, leugnet einen wichtigen Teil der Hauptfigur.

Unterm Strich

„Die Mitte der Welt“ ist eine wunderbar unterhaltsame, spannende und außergewöhnliche Kindheits- und Jugendgeschichte. Hier handelt es sich nicht um Genreliteratur, sondern vielmehr um einen künstlerischen wertvollen Roman über die Entwicklung eines homosexuellen Mannes. Das Kunststück, das dem Autor gelingt, besteht darin, die „Normalen“, die „kleinen Leute“, als die Kranken darzustellen und die Außenseiter, zu denen Phil zählt, als die Gesunden, die weitaus mehr vom Leben haben. Homosexualität entwickelt sich so selbstverständlich als alternative Verwirklichung von menschlicher Zuneigung, dass ihre Schilderung an keiner Stelle peinlich oder voyeuristisch wirkt. Rufus Becks Lesung trägt dazu entscheidend bei.

Die Abenteuer der kleinen Gemeinschaft in der Villa „Visible“ sind durchaus spannend und komisch, aber mitunter auch makaber. Sie verblassen vor dem ernsten Drama, das sich aus Phils Liebe zu Nicholas entwickelt und durch ein düsteres Geheimnis in Phils Familie überschattet wird. Phil, der zuweilen als Sprachrohr des Autors fungiert, weiß einige Weisheiten zu formulieren, die er durch seine Erfahrungen in Grenzsituationen gesammelt hat. Mit Spannung darf man seine Abenteuer erwarten, wenn er in New York City ankommt.

Umfang: 575 Minuten auf 8 CDs
Die Buchausgabe erschien 1998 bei Carlsen.
www.hoerbuch-hamburg.de