Karin Slaughter – Belladonna

Willkommen in der Freak Show!

Sara Linton, Kinderärztin und Gerichtspathologin, findet Sybil Adams verblutend auf der Toilette eines Restaurants. Zwei tiefe Schnitte in Sybils Bauch bilden ein tödliches Kreuz. Dass sie blind und damit so gut wie wehrlos war, macht den brutalen Mord noch entsetzlicher … (Verlagsinfo) Die Handlung dieses Romans geht jener in „Dreh dich nicht um“ zeitlich voraus.

Die Autorin

Karin Slaughter wuchs in einer kleinen Stadt in Georgia auf und lebt heute in Atlanta. Schon mit ihrem Debütroman sicherte sie sich einen Platz unter den wichtigsten Thrillerautorinnen der USA. Heute ist sie laut Verlag einer der Stars dieser Liga. Ihre Bücher sind in über 15 Ländern erschienen, und wenn man sich die Geschichten ihrer neuesten Romane anschaut, so stellt man schnell fest, dass es sich die Autorin keineswegs leicht macht, sondern im Gegenteil schwerwiegende und komplex angelegte Themen aufgreift. Sie scheut nicht vor der Behandlung von Tabus wie Homosexualität, Inzest, Sex mit Behinderten, Rassismus, religiöser Wahn, Drogenmissbrauch und Selbstjustiz zurück. Ein kleiner Teil davon ist in „Belladonna“ zu finden.

Die Sprecherin

Iris Böhm spielte nach ihrer Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ an verschiedenen Theatern. Sie war u. a. in „Tatort“, „Zwei Asse und ein König“ und „Eine Hand schmiert die andere“ zu sehen. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Rolle als Kommissarin in der RTL-Serie „Die Sitte“, für die sie den Deutschen Fernsehpreis 2004 erhielt. Iris Böhm lebt in Berlin. (Verlagsinfo) Sie liest eine gekürzte Textfassung.

Handlung

Es ist der Ostermontag, als das Unfassbare geschieht. Sara Linton, 33, Kinderärztin und Gerichtsmedizinerin im US-Bundesstaat Georgia, hat eine Menge Termine, u. a. mit ihrer Schwester Tessa, aber auch mit ihrem Ex-Mann Sheriff Jeffrey Tolliver, den sie tags zuvor in der Kirche gesehen hat. Dass sie auch Feinde haben könnte – nun, sie ist nicht dumm und könnte es sich durchaus vorstellen. Es laufen eine Menge Irre draußen herum, und nicht alle sind als solche zu erkennen.

In ihrem Stammrestaurant „Grand Filling Station“ an der Hauptstraße des kleinen Städtchens geht Sara auf die Toilette. Dort schlägt ihr ein übler Geruch entgegen. Woher kommt er? In der Behindertenkabine wird sie fündig. Ist das eine Leiche, die da auf der Schüssel sitzt? Es ist die College-Dozentin Sybil Adams, die sich da den Bauch hält, aus dem Blut quillt – daher der Geruch. Da realisiert Sara, dass Sybil noch gar nicht tot ist. Die Blinde krampft sich zusammen, als wolle sie etwas sagen, kippt nach vorne und voll auf Sara drauf, die ihre Bauchverletzungen untersucht hat. Sybil haucht ihr Leben in Saras Armen aus.

Als der von ihr per Handy herbeigerufene Tolliver eintrifft, ringt er erst einmal nach Luft, und nicht nur wegen des penetranten Geruchs nach Blut. Er meint fast, dass es sich um seine Kollegin, Detective Lena Adams, handelt, die da in einer Blutlache liegt. Dann kümmert er sich um die kalten Fakten, während Sara betreut und die Leiche untersucht wird. Der Täter hat Sybil mit einer etwa 15 Zentimeter langen Klinge zwei kreuzförmige Schnitte den Bauch und einen Stich in die Brust – nicht ins Herz – beigebracht. Doch daran starb sie nicht, sondern erst am Blutverlust. Währenddessen verging er sich an ihr, aber nicht auf die übliche Weise, sondern viel schlimmer.

Lena Adams erfährt vom Tod ihrer Zwillingsschwester erst, als deren Leiche bereits im Leichenschauhaus liegt. Lena ist nicht nur in diesem Augenblick schwer aus dem emotionalen Gleichgewicht geraten. Sie macht Sara schwere Vorwürfe, ihrer Schwester nicht geholfen zu haben, und haut Tolliver eine runter, bevor sie einen Nervenzusammenbruch erleidet. Sara macht, dass sie wegkommt.

Kann man eine solche Polizistin guten Gewissens bei der Suche nach dem Mörder ihrer Schwester einsetzen? Eigentlich nicht, denn von Objektivität kann bei ihr ja wohl keine Rede sein. Aber Tolliver muss es tun, denn er hat zu wenig Personal. Vor den Ermittlungen helfen Saras ungewöhnliche Autopsieergebnisse, den Täterkreis einzuengen. Erstens: Sybil war lesbisch. Daher war sie (zweitens) noch Jungfrau, als man sie vergewaltigte. Und drittens – und das ist der Hammer – war sie bis zur Nasenspitze mit dem Gift Belladonna abgefüllt.

Belladonna lähmt den Parasympathikusnerv, der die inneren Organe steuert. Infolge der Überdosis konnte sie sich nicht bewegen, bekam aber alles mit, was der Täter ihr antat. Eine weitere Wirkung, für die das Gift seit jeher berühmt ist: Belladonna erweitert die Pupillen derart, dass es sexy aussieht. Obwohl Sybil also blind war, sahen ihre Augen so aus, als genösse sie den Sex mit ihrem Vergewaltiger. Das alles ist natürlich top secret! Nun muss man natürlich jemanden finden, der sich mit einem solchen Teufelszeug auskennt.

Wurde ihr das Gift in einem heißen Tee verabreicht, den sie in der „Grand Filling Station“ jeden Montag einzunehmen pflegte? Und was könnte uns wohl der nette, hilfsbereite Apotheker Jeb McGuire, der ein Auge auf Lena und Sara geworfen hat, über seltene Gifte erzählen?

Mein Eindruck

Wie schon in „Dreh dich nicht um“ erscheint uns ein Teil des Personal des Thrillers wie direkt aus einem Monstrositätenkabinett entsprungen. Der Eingang zu dieser Freak Show ist stets von einer grausamen Tat, einem blutigen Tatort markiert, so als müssten die Eintretenden wie bei Dante („Die göttliche Komödie“) erst einmal „alle Hoffnung fahren“ lassen, bevor sie weitergehen könnten. Das ist bei Lena Adams ja auch der Fall, denn sie hat niemanden, in dessen Armen sie Trost finden könnte, um den Verlust ihrer Schwester zu verarbeiten. Lena erleidet folglich als erste einen Nervenzusammenbruch. Sara hat wenigstens Jeffrey, aber auch nur ab und zu. Und die private Kommunikation zwischen den beiden funktioniert häufig nicht.

Willkommen in der Freak Show!

Jeffrey erfährt auf die harte Tour von Sara, dass sie bereits durch die Hölle gegangen ist. Er hatte keine Ahnung, dass sie vor zwölf Jahren vergewaltigt wurde und infolgedessen ihre Gebärmutter verlor. Als Sara ihm das Gerichtsprotokoll wie unabsichtlich hinterlässt, ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl. Er nimmt Ermittlungen in Sachen Saras Vergewaltiger Jack Wright auf und stößt auch wirklich auf einige aufschlussreiche Informationen.

Jack Wright stammt ebenfalls direkt aus der Freak Show. Wegen mehrfacher Vergewaltigung befindet er in einer medizinischen Behandlung, die das männliche HormonTestosteron unterdrückt und ihn folglich aussehen lässt wie eine Frau. Sogar Jacks Stimme ist höher. In der Konfrontation mit Tolliver führt sich Jack auf wie ein Transvestit und macht ihn entsprechend an, um ihn zu einem Fehler zu provozieren. Interessanterweise verfolgt Jack alle Vorgänge in Grant County, für das Tolliver zuständig ist, über die Online-Ausgaben der dortigen Zeitungen ganz genau. Er ist begeistert von den Taten seines Bruders im Geiste.

Blöder als die Polizei erlaubt

Der bizarre Mord an Sybil Adams ist nur eine der vielen Taten dieses Bruders. Die Entführung und Folterung Lena Adams’ ist nur die nächste. Doch schon vorher hatte dieser Bruder einige Frauen entführt und seiner speziellen Behandlung unterzogen. Leider hat Sara Linton infolge des Stresses mit Tolliver und in der Arbeit eine ziemlich lange Leitung: Sie kennt den „Bruder“ sogar persönlich. Als sie vor zwölf Jahren im Krankenhaus war, wurde eine Dreizehnjährige eingeliefert, die wegen einer unprofessionellen Abtreibung kurz davor stand, am Blutverlust zu sterben. Wie war noch gleich ihr Name? Und der ihres Bruders lautete …?

Nicht nur hat Sara ein Problem, mit ihrem Gedächtnis zu kommunizieren, auch sonst klappt es mit der Verständigung nur suboptimal. Nicht nur, dass Sara immer im entscheidenden Moment ihr Handy nicht dabei hat, sondern beim Gewitter kann schon mal der Strom in ihrem Haus – oder in dem ihrer Mutter – ausfallen, so dass keine Anrufe eingehen können. Natürlich ist niemals sie selbst daran schuld, wenn Tolliver nicht anruft. Und wenn er dann mal anruft, um ihr eine megawichtige Info zu geben, geht sie aus Wut auf ihn nicht ans Telefon. Als sie dann seine Message abhört, ist es bereits zu spät, um sie vor dem Killer zu retten. Wie blöd kann frau eigentlich sein, fragt man sich da doch.

Georgia on my mind

Die für die Südstaaten charakteristischen Tendenzen zum Rassismus fallen angesichts dieses Tohuwabohus kaum noch ins Gewicht. Dem ersten Verdächtigen, einem sechzig Jahre alten Schwarzen, der im Restaurant aushilft, fliegen Ziegelsteine ins Fenster – und auch eine Schrotladung verirrt sich in seine Richtung. Dass einer der Polizisten offenbar einer „Loge“ angehört, die doch stark nach Ku-Klux-Klan riecht, wirkt deshalb schon recht auffällig. Wann ist die nächste Lynchparty?

Belladonna on the High Street*

Die bizarrste Zutat in diesem an Monstrositäten und Kuriositäten reichen Thriller-Cocktail ist sicherlich das verwendete Gift Atropin, das hier als „Belladonna“ verabreicht wird und dem Mord an Sybil Adams und dem Beinahemord an ihrer Schwester Lena eine so makabre Note verleiht. Die völlig unterschiedlichen Wirkungen des Giftes auf das weibliche Opfer geben zu allerlei Spekulationen Anlass und lassen die Phantasie des Lesers / Hörers heftig rotieren. Hat Sybil Adams wirklich noch etwas von ihrem Mörder gesehen? Sollte sie überleben und wegen des Giftes einen Gedächtnisverlust erleiden? Hatte sie eine religiöse Erfahrung, während sie vergewaltigt und geschnitten wurde?

Den verrücktesten Spekulationen ist keine Grenze gesetzt. Und das ist ein Schwachpunkt des Buches. Er öffnet haltlosesten Spekulationen Tür und Tor, ohne auf Fakten Rücksicht zu nehmen. Als Lena Adams der gleichen „Prozedur“ unterzogen wird, feiern die voyeuristischen Gelüste des Lesers – oder besser: der Leserin – ein Fest. Man könnte fast meinen, dass es der Autorin Spaß gemacht haben könnte, sich all diese Foltermethoden auszudenken.

*: ein alter Song von den Dire Straits

Die Sprecherin

Iris Böhm verfügt über starke Nerven und eine kräftige, geübte Stimme. Sie versagt auch nicht an den bizarrsten Stellen dieses an unheimlichen Details reichen Thrillers. Durch Modulation der Lautstärke – zwischen Flüstern und Schreien – und der Tonhöhe gelingt es ihr, die Seelenlage der jeweiligen Figur, egal ob Mann oder Frau, ziemlich genau auszudrücken. Die deutliche Hervorhebung einzelner Wörter verhilft zu einem genauen Verständnis des Gesagten.

Bei einem spannenden Stoff wie diesem darf die Präsentation keinesfalls den Inhalt überdecken oder beeinträchtigen, sondern muss dahinter verschwinden. Das gelingt Böhm hundertprozentig. Doch ist Böhms Vortrag nicht etwa theatralisch, um beispielsweise auf die Tränendrüse zu drücken. Denn auch das würde man ihre heutzutage nicht mehr verzeihen. Theatralik ist ein Stilmittel, um Betroffenheit zu vermitteln, wie es noch vor fünfzig oder sechzig Jahren nicht unüblich war. Böhm strahlt hingegen Professionalität aus, wo es nötig ist, und Emotionen, wo es angebracht ist.

Angesichts der Monstrositätenshow, die uns die Autorin vorführt, habe ich mich allerdings gefragt, ob sich nicht Iris Böhm ab und zu ein hysterisches Gelächter hat verkneifen müssen. Falls ja, dann ist ihre Nervenstärke umso mehr zu bewundern.

Unterm Strich

Wie schon unter der Rubrik „Die Autorin“ gesagt, lässt Karin Slaughter in ihren Romanen kaum ein Verbrechen oder Tabu aus. Vielleicht ist sie deshalb so schnell so erfolgreich geworden? Klappern gehört zum Handwerk, und in dem heiß umkämpften Markt der Thrillerautorinnen kann sich nur diejenige hocharbeiten und behaupten, die die Leserin am heftigsten zu erschüttern weiß. Leider muss die Schockdosis ständig erhöht werden, um noch Wirkung zu zeitigen. Irgendwann schlägt das, was an schwerem Geschütz aufgefahren wird, ins Groteske, ja, ins Absurde um. Wann dieser Punkt gekommen, hängt von der Empfindsamkeit, der Intelligenz und Empfänglichkeit der individuellen Leserin ab.

Mir jedenfalls war die verabreichte Dosis schon bald zu absurd, so faszinierend der Anblick des gezeigten Horrorkabinetts auch gewesen sein mag. Sara blickt in immer neue Abgründe, und wir gucken mit ihr. Wie aufregend. Als sie sich dann – fast geblendet von so viel Horror – endlich selbst im Visier des Killers wahrnimmt, ist es für sie fast zu spät. Daumen drücken, Mädels!

Die Sprecherin Iris Böhm trägt die Geschichte mit eindrucksvoller Professionalität und Feinfühligkeit vor. Auch die heikelsten Details und abstoßendsten Szenen sind ihr nicht anzumerken, und das ist sicher ein Kunststück. Es gibt mehr als genug davon. In ihr finden die weiblichen Fans von Karin Slaughter ein qualifiziertes Sprachrohr für die Geschichten der Autorin.

369 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: Blindsighted, 2001
übersetzt von Teja Schwaner 2003
Das Buch erschien 2003 bei Wunderlich, einer Tochter des Rowohlt Verlags
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