Connelly, Michael – Schwarze Engel

Ein schwarzer Staranwalt wird in L.A. ermordet, und der Verdacht fällt sofort auf einen Polizisten. In der Stadt, in der weiße Cops einen Schwarzen wie Rodney King zusammenschlugen, setzt dieses Verbrechen die Zündschnur in Brand, die das Pulverfass Los Angeles in die Luft fliegen lassen könnte. Detective Harry Bosch muss schnell arbeiten und vor allem fehlerfrei. Dumm nur, dass ihm zahlreiche Aufpasser die Arbeit schwer machen.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

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Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Dieser Fall für Detective Hieronymus „Harry“ Bosch ist der politisch und gesellschaftlich brisanteste. Ein falsches Signal, und Los Angeles brennt wieder wie 1992 nach dem Skandal um Rodney King. Schon am frühen Morgen wird Bosch nach Downtown L.A. gerufen. Dort wurde in der historischen Standseilbahn „Angel’s Flight“ (So der O-Titel des Buches) Howard Elias erschossen, zusammen mit einer unbedeutenden Putzfrau. Elias war ein besonders bei Polizisten verhasster schwarzer Staranwalt, der zwar für die Rechte der Black Community eintritt, aber nur um dabei ordentlich abzusahnen. Er prozessierte ausschließlich vor Bundesgerichten gegen Polizisten des LAPD, denen sich Fehler anhängen ließ – nach Rodney King und O.J. Simpson besonders leicht zu bewerkstelligen.

Kein Wunder also, dass als Mörder sofort ein Polizist in Frage kommt – genau wie bei Rodney King. Bosch wird klar, dass dieser Fall mit Leichtigkeit das Ende seiner Zugehörigkeit zum LAPD bedeuten könnte. Also will er erst mal alles richtig machen. Eigentlich ist er ja für Hollywood zuständig und wurde nur wegen seiner Unparteilichkeit mit dem Fall von Deputy Chief Irvin Irving betraut. Das eigentlich zuständige Morddezernat RHD wurde abgezogen. Doch dann wird Irving heimtückisch: Er gibt Bosch die Dienstaufsicht IAD als Mitarbeiter. Und als i-Tüpfelchen, um ganz sicher zu gehen, auch noch den Inspector General: die farbige Anwältin Carla Entrenkin.

Da kann ja nix mehr schief gehen, sollte man meinen. Das Gegenteil ist der Fall: Entrenkin war die Geliebte des verheirateten Howard Elias. In Windeseile sind die Hinweise auf die Verbindung aus Elias‘ Wohnung verschwunden. Als Bosch sich die letzten Fälle von Elias ansieht, wird ihm klar, dass dieser einen Informanten beim LAPD hatte, der Verbindungen nach ganz oben hatte. Sein Verdacht fällt auf den IAD-Mann Chastain, seinen Intimfeind, und auf Deputy Chief Irvin Irving selbst. Denn kaum hat er diesem Bericht erstattet, verbreiten sich vertraulichen Infos über die Medienkanäle der Stadt, um die politische Stimmung der Black Community zu beeinflussen. Na toll.

Warum aber musste Howard Elias sterben? Er sollte am nächsten Tag einen Prozess eröffnen, bei dem er seinem schwarzen Klienten, einem Ex-Kriminellen namens Harris, einen riesigen Schadensersatz erstreiten wollte. Angehörige des LAPD hätten Harris gefoltert und verletzt, um ein Geständnis zu erzwingen. Wie Bosch herausfindet, war auch sein früherer Partner Frank Sheehan in dieser Gruppe, und was man ihnen vorwirft, ist wahr.

Harris sollte gestehen, dass er ein weißes Mädchen, Stacey Kincaid, missbraucht und umgebracht hatte. Seine Fingerabdrücke wurde auf einem ihrer Bücher gefunden und ihre Leiche zwei Blocks von seiner Wohnung entfernt. Doch als sich Bosch näher mit diesem Mord befasst, helfen ihm anonyme Hinweise, die sich in Elias‘ Unterlagen befanden. Stacey Kincaid, die engelhafte elfjährige Tochter des größten Autohändlers der Autostadt L.A., wurde im Internet von einem Kinderpornoring angeboten. Bosch braucht nicht lange zu suchen, um die entsetzliche Wahrheit herauszufinden: Staceys Mörder befand sich in ihrer nächsten Umgebung.

Nun wird auch klar, von wem und warum der Mordfall Howard Elias ständig manipuliert wird. Bevor jedoch Bosch dies beweisen kann, wird sein Freund Sheehan erschossen. Und er selbst entkommt den ausgebrochenen Straßenunruhen nur mit knapper Not.

_Mein Eindruck_

Wir befinden uns in der Stadt der Engel, in der es jedoch zum Zeitpunkt der Handlung reichlich dämonisch zugeht. Die Handlung funktioniert nicht nur auf drei, sondern auch auf einer vierten, einer metaphysischen bzw. moralischen Ebene.

Die erste Ebene ist die der „normalen“ polizeilichen Ermittlungsarbeit, die von Harry Bosch vorangetrieben wird und die ihm von mehreren Aufpassern bzw. Verrätern nicht gerade erleichtert wird. Die nächste Ebene ist der Bereich der soziopolitischen Folgen, die seine Untersuchungsergebnisse haben – ob sie korrekt dargestellt werden, steht auf einem anderen Blatt.

Die dritte Ebene liegt im privaten Bereich: Harry Bosch, der hartnäckig versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, als wolle er ein Engel im Nichtraucherhimmel werden, läuft die Frau, Eleanore, weg. Sein Ex-Partner Frankie Sheehan hat seine Familie schon Monate zuvor verloren, und ob die Familie Kincaid überhaupt eine Familie ist, lässt sich doch stark bezweifeln. Wir werden ständig daran erinnert, dass die Polizeiarbeit nicht nur die Cops zerstört, sondern auch für deren Angehörige eine schwere Bürde darstellt: Die Cops sind zu allen Tages- und Nachtstunden aushäusig, um ihre Pflicht zu erfüllen, und ob sie je ausreichend Urlaub bekommen, scheint doch recht zweifelhaft zu sein.

|Stadt der Engel, Stadt der Monster|

Die vierte Dimension wird lediglich durch Metaphern hergestellt, die andeuten, wie sich der Autor – vertreten durch seine Hauptfigur Harry Bosch – zu all dem Erzählten stellt. Ich behaupte, dass sich dadurch der Autor ein moralisches Urteil erlaubt – und das ist natürlich der Grund, warum er dieses Buch überhaupt auf diese Weise erzählt hat. Es hätte ja auch ein durchschnittlicher Copkrimi werden können. Ist es aber nicht. „Schwarze Engel“ ist um einiges besser als der Durchschnitt.

Nun ist es ja nicht so, als würde uns der Autor mit der Nase darauf stoßen, dass es um Engel und Teufel geht. Die Hinweise sind dezent, aber für den Kundigen unübersehbar. Die Standseilbahn, der Tatort, heißt „Angel’s Flight“, also „Flug der Engel“. Und das ist für eine Stadt, die nach der Königin der Engel (genauer: Nuestra Senora de los Angeles) benannt ist, ein sehr passender Name. Hier wird das Verbrechen, das aufzuklären und zu sühnen ist, begangen: der Sündenfall.

Die Hüter des Gesetzes sind jedoch keineswegs selbst Engel, sondern möglicherweise selbst Täter. Diese Sichtweise ist nach Rodney King und O. J. Simpson umso wahrscheinlicher und verständlicher – weitere Sündenfälle. Und der Mann, der gegen sie zu Felde zog, Howard Elias, der Ermordete, trägt nicht umsonst den Namen eines der biblischen Propheten.

Wohin wird der Weg führen, den die Stadt von hier aus nehmen muss? Ein weiterer Sündenfall wird aufgedeckt: der brutale Mord an der „engelhaften“ und mit (wie Flügel) ausgebreiteten Armen aufgefunden Stacey Kincaid, eine gemeuchelte Unschuld. Welches Monster konnte so tief sinken, diese Schönheit zu töten?

|Das Spinnennetz vor der Hölle|

Der Weg führt den Gesetzeshüter über das „Spinnennetz“, das der Kinderpornoring im Internet (das Web) eingerichtet hat, direkt in die Hölle, in der Stacey Kincaid in ihren letzten Tagen gelebt haben muss, nachdem sie missbraucht worden ist und ihre Fotos ins Web gestellt wurden. Keine Hand erhob sich, um sich dem Monster in den Weg zu stellen. Im Gegenteil: Sämtliche Kinderschänder weideten sich an ihrem Anblick.

Doch Hieronymus Bosch, der Ermittler mit dem unbestechlichen Blick (in Nachfolge seines Namensvetters aus dem Mittelalter), wandelt unbeirrbar auf dem Weg der Gerechtigkeit, nicht ungefährdet, versteht sich. Mehrmals fällt er selbst „aus allen Wolken“. Er verhaftet den gefallenen Engel, der Elias‘ Quelle im Polizeihauptquartier war: natürlich einen Cop. Und gerät mit ihm mitten in die Hölle auf Erden, die von den randalierenden jungen Schwarzen inzwischen in der „Stadt der Engel“ entfacht worden ist. Der letzte Blick, den Bosch auf seinen Ex-Gefangenen erhaschen kann, zeigt ihm, wie ihn diese „Teufel“ in die Höhe halten, als wollten sie den gefallenen Engel zurück in den Himmel hieven, bevor sie ihn unter ihren Stiefeln zertreten. |“Ein Heulen, fast zu laut und grauenhaft, um menschlich zu sein“, entringt sich der Kehle des Opfers. „Es war der Laut gefallener Engel auf ihrem Höllensturz.“| (letzter Absatz des Romans)

|Gerechtigkeit? Hier?|

Wenn das der Lauf der Gerechtigkeit in L.A. ist, so teilt uns der Autor indirekt mit, so steht zu bezweifeln, ob es an diesem Ort noch so etwas wie Gerechtigkeit geben kann. Ob nicht alles eine Farce, ein Panoptikum à la Hieronymus Bosch sei. Diese Show ist jedoch keineswegs Selbstzweck. Kalifornien und die Stadt der Engel sind lediglich der extremste Exponent der US-amerikanischen Gesellschaft. Das L.A., das uns der Autor zeigt, mag eine Höllenvision sein, aber diese ist zugleich eine ernst gemeinte Warnung an den Rest Amerikas. Ob’s hilft? Man darf nie aufhören zu hoffen und zu kämpfen, sonst ist man bereits verloren.

_Unterm Strich_

Von der ernst gemeinten moralischen Botschaft, die sich im Roman versteckt, ganz abgesehen, handelt es sich um einen der spannendsten Thriller, die man in den letzten zehn Jahren lesen konnte. Die ersten hundert Seiten lesen sich praktisch von alleine, und der Rest ergibt sich daraus.

Wer Gefallen an „Schwarze Engel“ findet, dem sei auch der Harry-Bosch-Roman „Dunkler als die Nacht“ empfohlen. Hier wird der Verweis auf den niederländischen Maler noch verdichtet.

|Originaltitel: Angel’s Flight, 1998
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sepp Leeb|