Ken Follett – Die Tore der Welt

Der Hauptgrund war die Art, wie Leute über „Die Säulen der Erde“ mit mir sprechen. Manche Leser sagen: „Es ist das beste Buch, das ich je gelesen habe.“ Andere erzählen mir, sie haben es zwei- oder dreimal gelesen. Ich kam zu dem Punkt, an dem ich mich entscheiden musste, ob ich das noch einmal tun könnte.

So antwortet Ken Follett in einem Interview mit Amazon.de auf die Frage, warum er nach 18 Jahren keinen weiteren modernen Thriller geschrieben hat, sondern in das Mittelalter zurückgekehrt ist, um die Fortsetzung seines wohl bekanntesten Bestsellers zu schreiben: [„Die Säulen der Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1227 ist ein Phänomen: Bereits beim Erscheinen ein Bestseller, wurde das Buch in den Folgejahren immer populärer und der Ruf nach einer Fortsetzung wurde laut. In „Die Tore der Welt“ (engl. „World Without End“, 2007) kehrt Follett im Jahr 1327 in die Priorei von Kingsbridge zurück.

Die Tore der Welt

Rund 200 Jahre (die Handlung von „Die Säulen der Erde“ beginnt im Jahr 1123) sind vergangen, die Rolle der Kirche hat sich zum Schlechteren verändert. War die Priorei damals unter dem frommen Prior Philip noch die Quelle von Fortschritt und Innovation in Kingsbridge, ist sie nun eine konservative und fortschrittsfeindliche Institution.

Vier Kinder – Merthin, sein Bruder Ralph (beide Nachfahren des verarmten Sir Gerald, der von Jack Builder abstammt) sowie Gwenda (Tochter eines armen Tagelöhners und Diebs) und Caris (ihre Freundin, Tochter des reichen Wollhändlers Edmund Wooler und Nachfahrin von Tom Builder) – werden Zeugen eines Kampfes zwischen Sir Thomas Langley und zwei Männern des Königs. Der kriegerische Ralph erschießt einen der beiden mit Merthins Bogen, mit dem er zuvor schon grundlos Gwendas Hund aus Spaß getötet hat. Der verwundete Sir Thomas wird in die Priorei gebracht, wo er sich entscheidet, Mönch zu werden, um Tod und Verfolgung zu entgehen. Zuvor hat er sich Merthin anvertraut und mit ihm einen brisanten Brief im Wald vergraben. Erst nach seinem Tod soll er ihn einem Priester geben. Da Ralph getötet hat, und wegen der eindringlichen Warnung von Sir Thomas, schwören sie beim Blut Christi, niemandem von ihrem Ausflug in den Wald zu erzählen.

Das Personal

Diese Geschichte bildet die Rahmenhandlung, in der noch weitere Nachfahren bekannter Charaktere in mehr oder weniger wichtigen Nebenrollen auftreten. Alle Charaktere sind bereits von ihrem ersten Auftreten an eindeutig charakterisiert in einem sehr klar definierten Schwarz-Weiß-Schema. Ralph tötet ohne Gewissensbisse, er sucht den Kampf und liebt ihn, besitzt kein Unrechtsbewusstsein deswegen. Er wird später zum Ritter und ein brutaler Herr, Respekt und Furcht seiner Untergebenen sind dem Aufsteiger mit gerade deshalb ausgeprägtem Standesbewusstsein das Wichtigste im Leben. Auch vor Vergewaltigungen schreckt er nicht zurück, was sonst erwartet man von so einem Rohling?

Merthin hingegen hat die Begabung als Baumeister geerbt, er ist klug und sensibel. Er leidet unter seinem schlampigen und rückständigen Lehrmeister Elfric, der ihn um sein angelesenes und praktisches Können beneidet. Zusammen mit Caris bildet er das wichtigste Hauptpersonenpaar im Roman. Caris ist eine sehr emanzipierte Frau, die sich keinem Mann unterordnen will, deshalb verweigert sie sich auch mehrfach einer Heirat mit Merthin, was oft sehr konstruiert wirkt. Dass die beiden sich lieben und trotzdem lange nie wirklich zusammenkommen und heiraten können (oder wollen), macht einen großen Teil ihrer Beziehung aus.

Caris ist eine Heilerin und lernt von Mattie Wise, der ortsansässigen Kräuterhexe. Mit den rückständigen Praktiken der studierten Mönche wie dem Aderlass oder anderen schädlichen Heilmethoden will sie nichts zu tun haben; die wahren Heiler in Kingsbridge sind die Nonnen der Priorin Cecilia, die das Nonnenkloster wesentlich besser verwaltet als der intrigante Prior Godwyn seine Mönche – er muss sich ständig Geld von ihr leihen. Godwyn hat in Oxford studiert und wird getrieben von Karriereträumen, die ihm seine ehrgeizige Mutter Petronilla eingehämmert hat. Er umgibt sich nicht mit fähigen Leuten, sondern mit schwachen Charakteren, die er erpressen kann oder die ihm Dank schulden. Mit Hilfe von Gwendas diebischem Bruder Philemon, den er als nützliches und an ihn gebundenes Werkzeug ansieht, seit er ihm eines Diebstahls überführen konnte, hat er sich bereits seine Stellung als Prior erschlichen, indem er den frommen Saul Whitehead mit geschickter Argumentation dazu gebracht hat, auf sie zu verzichten. Sogar den Grafen hat er erpresst, um gegen dessen Willen Prior zu werden, denn er hat seinen Bruder, Bischof Richard, beim Geschlechtsverkehr mit der „Jungfrau“ Margery erwischt, die er im Rahmen einer Allianz verheiraten will.

Weitere Charakterisierungen spare ich mir, denn die Figuren entwickeln sich nicht, sie sind statisch und werden recht schnell in eine Kategorie eingeordnet und entsprechend charakterisiert. Konsequent baut Follett seine Handlung darauf auf; so ist sie nachvollziehbar und widerspruchsfrei, allerdings auch mitunter sehr vorhersehbar. Dass gegen Caris früher oder später eine Anklage wegen Hexerei erhoben wird, ist wirklich keine Überraschung. Leider wiederholen sich so auch Handlungsschemata; der Konflikt zwischen Caris‘ modernen Heilmethoden und veralteten Lehrmeinungen zieht sich durch den gesamten Roman. Dasselbe gilt auch für den Konflikt zwischen dem genialen Merthin und dem Pfuscher Elfric. Sie müssen sich auch mit dem intriganten Bruder Godwyn auseinandersetzen, wobei all diese Auseinandersetzungen nie zu Mord und Totschlag führen, sondern mit List und Tücke geführt werden.

Das Töten ist die Domäne von Ralph, der seinen ihm unbekannten Bastardsohn Sam später daran erkennt, dass auch er ein Problem dadurch gelöst hat, dass er im Streit einfach sein Gegenüber erschlug, obwohl er in einer bäuerlichen und gutmütigen Familie aufgewachsen ist. Charaktereigenschaften sind in diesem Roman vererblich; Merthin ist salopp gesagt schlicht und ergreifend der wiedergeborene Jack Builder aus „Die Säulen der Erde“. Faszinierend ist allerdings, welche Vielfalt und schiere Masse von interessanten Handlungssträngen in diesem Roman vorhanden ist. Es gibt keine Hänger in der Handlung, das Leben der Bürger von Kingsbridge ist vielfältig, unterhaltsam und abwechslungsreich, und das trotz der stets wiederkehrenden Muster.

Historische Kontexte

Im Gegensatz zu „Die Säulen der Erde“ ist der politische und geschichtliche Kontext diesmal von geringer Bedeutung, er wirkt teilweise sogar etwas aufgesetzt. So wird Caris unter recht fadenscheinigen Gründen nach Frankreich geschickt, wo sie die Gräuel des Hundertjährigen Kriegs und die Schlacht von Crécy miterlebt. Ralph verdient sich hier seine Sporen, denn er ist, wie sollte es anders sein, hier ganz in seinem Element. Diese Kriegsepisode beginnt auf Seite 642, ziemlich genau in der Mitte des Buchs. Sie ist eindringlich und brutal beschrieben, allerdings kehrt Follett sehr schnell wieder zu der Dramatik des familiären Beziehungsgeflechtes in Kingsbridge zurück. Ein Bernard Cornwell hätte dieser kriegerischen Episode wesentlich mehr Raum zugestanden und sich mehr Taktik und Bewaffnung gewidmet, wobei jedoch auch Follett seine Hausaufgaben gemacht hat. Danach breitet sich die Pest – nach einem extrem kurzen Abstecher eines Charakters nach Florenz – in ganz Europa und auch in Kingsbridge aus. Sie ist ein Motor von Veränderungen, bringt das Machtgefüge durch massenhafte Todesfälle gehörig durcheinander und gibt der Handlung so erneuten Schwung.

Leseeindrücke

Das Buch hat 1294 Seiten, die in sieben Teile mit 91 Kapiteln untergliedert sind. Jeder Teil wird mit der Angabe des Zeitrahmens der Handlung und jeweils einer sehr schönen und sogar handlungsbezogenen Illustration von Jan Balaz eingeleitet:

1. Teil: November 1327 (1-75, 75 Seiten), Illustration: Der verletzte Sir Thomas Langley im Kloster

2. Teil: 8. bis 14. Juni 1337 (76-219, 144 Seiten), Illustration: Gwenda bei den Geächteten

3. Teil: Juni bis November 1337 (220-467, 248 Seiten), Illustration: Gwenda vor Wulfrics Pflug

4. Teil: Juni 1338 bis Mai 1339 (468-641, 174 Seiten), Illustration: Ralph, Alan und die nackte Annet

5. Teil: März 1346 bis Dezember 1348 (642-893, 252 Seiten), Illustration: Der Hundertjährige Krieg

6. Teil: Januar 139 bis Januar 1351 (894-1151, 258 Seiten), Illustration: Caris überrascht Merthin und Philippa (Diese Szene wird so nicht beschrieben!)

7. Teil: März bis November 1361 (1152-1294, 143 Seiten), Illustration: Ralph im Kerker bei Sam

Das macht im Schnitt etwas mehr als 14 Seiten pro Kapitel – diese kurzen Kapitel scheinen heute der Schlüssel zum Erfolg zu sein; auch Erfolgsautor Dan Brown bedient sich ähnlich kurzer Einteilungen. Follett wechselt dank eines größeren Pools an Hauptpersonen zusätzlich oft die Perspektive, zum Beispiel von Merthin zu Caris oder Godwyn, dann wieder zu der Handlung um Gwenda und ihre unglückliche Liebe zu Wulfric. Etwas unschön sind gelegentliche überflüssige Wiederholungen; so schildert Follett mitunter einen Sachverhalt, der am Ende des vorherigen Kapitels erläutert wurde, noch einmal am Beginn des nächsten. Hier hätte das Lektorat eingreifen müssen.

Die Übersetzungsarbeit des Duos Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt konnte dank der vielen kleinen Kapitel gut aufgeteilt werden, und das macht sich auch in der erfreulich hohen Qualität der Gemeinschaftsübersetzung der beiden bewährten Übersetzer bemerkbar. Eine Verwechslung oder einen Zeilenrutscher bemerkte ich auf Seite 540, der allerdings auch auf Folletts Konto gehen könnte; die wunderschöne Lady Philippa wird hier verwirrenderweise mit den Attributen der hässlichen Gwenda beschrieben. Auf Seite 604 wird Merthins Brücke doppelter Breite auf einmal sinnentstellend als „zwei Brücken“ beschrieben. Ansonsten haben beide gewohnt gute Arbeit geleistet und sich offensichtlich auch gut miteinander verständigt, denn stilistisch konnte ich keine Unterschiede erkennen.

Das in Leinen gebundene Buch besitzt ein rotes Lesebändchen, die Innenseite zeigt ein Panorama von Kingsbridge im Jahr 1337, mit einer Karte der Priorei. Der Umschlag zeigt ein von Merthin geschnitztes Hähnchen, allerdings etwas anders als im Buch beschrieben. Es hat den Schwanz im Mund, streckt ihn also nicht wie im Buch beschrieben nach Druck auf dem Schwanz heraus. Der Originaltitel „World without End“ wurde mit „Die Tore der Welt“ übersetzt, der letzte Satz des Romans lautet ähnlich, aber anders „… doch Caris und Merthin hielten sich weiter in den Armen und standen noch lange auf dem Gipfel der Welt.“

Fazit

„Die Tore der Welt“ hat mich von Seite eins an in seinen Bann gezogen. Trotz aller Kritik überwiegt der positive Eindruck. Follett hat ein gewaltiges, umfangreiches Werk mit viel Liebe zum Detail und einer stets schwungvollen und unterhaltsamen Handlung geschaffen, selbst die kritisierten Wiederholungen vermögen ihm nicht seinen Charme und den immensen Pageturner-Faktor zu nehmen. Ein wenig bedauerlich ist, dass auch dieses Buch dem üblichen Schema des (pseudo-)historischen Romans folgt und die Hauptcharaktere im Denken und Handeln moderne Menschen der Gegenwart sind. Nur die klar erkennbaren Bösewichte müssen stets rückschrittlich denken, womit sie allerdings keineswegs die Denkweise, Gottverständnis und Moral dieses Abschnitts des Mittelalters zu repräsentieren vermögen. Dieser faule Kompromiss wird meistens bewusst eingegangen, damit der Leser einfacher mit den Hauptcharakteren sympathisieren kann, und Follett bildet hier keine Ausnahme. Schade! Allerdings war das in „Die Säulen der Erde“ nicht anders, und so möchte ich es ihm auch nicht vorwerfen.

„Die Tore der Welt“ übertrifft in Umfang, Qualität und Unterhaltungsfaktor mühelos zahllose historische Romane, denn Follett hat wirklich sein Bestes gegeben. Doch Kultstatus kann man nicht planen, und mehr als ein würdiger Nachfolger ist „Die Tore der Welt“ leider nicht, wobei „Die Säulen der Erde“ heute auch oft etwas zu verklärt zum Maßstab erklärt wird. Dazu fehlt es der Handlung einfach an Größe, zu viel Historie ist einfach nur Kulisse für Dorf-Drama in Kingsbridge. Dieses ist zwar perfekt inszeniert, es fehlt aber einfach der gewisse Pep, der einen Bestseller ausmachen sollte – Kingsbridge ist schlicht zu klein. Ich hätte gerne mehr von den faszinierenden Ereignissen in der Welt der Jahre 1327 bis 1361 gelesen.

1294 Seiten, gebunden
www.ken-follett.com
www.luebbe.de