Alle Beiträge von Michael Birke

Thiemeyer, Thomas – Korona

_Amanda „Amy“ Walker_ ist eine Gorillaforscherin im ugandischen Ruwenzori-Mountains-Nationalpark. Dieses wolkenverhangene und nebelige Gebirge an der Grenze Ugandas zur Demokrantischen Republik Kongo, gerne auch als „Mondberge“ und Nilquelle bezeichnet, wurde erst im Jahr 1888 erforscht. Tourismus zu den Berggorillas ist zwar möglich, erfordert jedoch körperliche Fitness. Diese scheint ihr neuer Mitarbeiter Ray Cox durchaus zu besitzen, doch das ist nicht das Problem. Cox ist ein ehemaliger Häftling, der Ex-Knacki saß im berüchtigten irischen Gefängnis Mountjoy ein. Doch er besitzt auch eine vorzügliche wissenschaftliche Ausbildung. Trotzdem ist Amy nicht ganz wohl zumute, sie vermutet zu Recht, dass mehr hinter der „persönlichen Bitte“ steckt, Cox ins Team aufzunehmen. Ray Cox interessiert sich auffallend für den im Ruwenzori verschollenen William Burke, einem dekorierten Forscher aus Amys Team.

Amy bricht zusammen mit ihm und drei weiteren Teammitgliedern auf, um ein Auge auf die in letzter Zeit verhaltensauffälligen Gorillas zu werfen, die zu allem Überfluss erneut von Wilderern heimgesucht wurden. Dabei stoßen sie auf den Stamm der Bugonde, die ihnen Hinweise über den Verbleib des verschollenen William Burke geben. Die Gruppe entdeckt eine verlassene Stadt, eine Hinterlassenschaft des ehemals mächtigen Königreichs Kitara.

Richard Mogabe aus dem Basiscamp macht sich derweil Sorgen: Heftige Sonnenaktivitäten – ungewöhnlich starke Flares – legen die Kommunikation in weiten Teilen der Erde lahm. Eine besonders heftige Eruption droht das Gebiet der Ruwenzori zu treffen, doch Kommunikationsausfall und extreme Wetterschwankungen sind nicht die einzige Bedrohung. Ein Portal zu der „anderen Seite“ hat sich geöffnet und ein alptraumhaftes Wesen aus uralten Mythen ist in unsere Welt gelangt. Aufgrund widriger Umstände bleibt Amys Gruppe keine andere Wahl, als Burke in die fremde Welt zu folgen …

_Durch nebelverhangene Berge im Herzen Afrikas in eine andere Welt_

Thomas Thiemeyer (* 1963) studierte Kunst und Geologie in Köln und machte sich sowohl als Schriftsteller als auch Illustrator einen Namen, seine Umschlagillustrationen wurden mehrfach mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Die wunderschönen Cover aller seiner bisher erschienen Romane, „Medusa“, „Reptilia“, „Magma“, „Nebra“ und dem neuen „Korona“ hat Thiemeyer selbst gestaltet.

Wieder einmal handelt ein Thiemeyer-Roman in Afrika, inspiriert von den Erlebnissen auf seiner Afrikareise zu den Gorillas strickte der Autor daraus eine Story, die an einen Mix aus „The Time Machine“ von H.G. Wells und „Predator“ erinnert. Liebe und Rache kommen auch nicht zu kurz. Wieder einmal präsentiert der Autor seine bewährte Mischung aus Mystik, Science Fiction und Wissenschaft. Auffallend ist, wie schnell Thiemeyer in Vergleich zu seinen vorherigen Romanen in die Vollen geht. Konflikte schwelen nicht, sie brechen sehr schnell aus, die Handlung schreitet viel flotter voran als gewohnt, sie ist auch actionreicher als üblich. Das hat sie auch nötig, denn es steckt viel Erzählstoff in diesem Roman – vielleicht zu viel. So kommen viele faszinierende Handlungselemente einfach zu kurz, und so paradox es klingt, während die Charaktere selbst viel ausgereifter und besser beschrieben sind als in allen vorherigen Thiemeyer-Romanen (mir haben insbesondere Cox und Mogabe gefallen), so kann man dies über ihre Gruppendynamik und insbesondere Amy Walker nicht sagen. Auch wenn Amy ein risikobereites Naturell hat, als Frau alleine einen langjährigen Häftling abholen und später gezielt für eine nicht ungefährliche Expedition eine Gruppe aus Personen zusammenstellen, die in Konflikt miteinander stehen, ist nicht nur ungewöhnlich, es wirkt leider arg konstruiert. Dasselbe gilt auch für den „persönlichen Gefallen“, der Ray Cox in das Team brachte.

Es blieb wohl nicht genug Platz für all das, was Thiemeyer erzählen wollte. So enstand ein Eintopf, der zwar ganz klar auf einem bewährten Thiemeyer-Rezept beruht, aber einfach zu viel von allem und zu wenig von jedem enthält. Das soll nicht heißen, dass „Korona“ mir nicht gefallen hätte. Ein guter Roman, der mich jedoch nicht so begeisterte wie seine Vorgänger, insbesondere „Magma“ und „Nebra“. Die Mischung aus Mystik und Krimi in „Nebra“ sagte mir persönlich einfach mehr zu als der wilde Science-Fiction- und Mystik-Mix von „Korona“, der mir nicht ganz so gut gemundet hat.

_Fazit:_

Ein packender Roman, der von den profunden Afrikakenntnissen Thomas Thiemeyers profitiert. Die temporeiche Mischung aus Science Fiction, Afrika und Mystik ist – so seltsam es klingt – mit Ideen überfrachtet, weniger wäre hier mehr gewesen. Schade, die zahlreichen schmackhaften Leckerbissen gehen leider ineinander unter, hier stimmt die Mischung der Geschichte nicht. Zwar ist der Roman immer noch gut, doch wer Thiemeyer noch nicht gelesen hat, dem empfehle ich eher die wesentlich runderen Romane „Magma“ und „Nebra.“

http://www.thiemeyer.de/

_Mehr von Thomas Thiemeyer auf |Buchwurm.info|:_

[Interview mit Thomas Thiemeyer 03/07 – »Magma ist großes Kino«]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=74
[Interview mit Thomas Thiemeyer 09/04 – »Am liebsten male ich groß, fett und in Öl.«]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=25
[„Medusa“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=482
[„Reptilia“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1615
[„Magma“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3415
[„Magma“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4796 (Hörbuch)
[„Nebra“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=5602
[„Korona“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6606

Sapkowski, Andrzej – Schwalbenturm, Der (Geralt-Saga 4. Roman)

_Die Geralt-Saga:_

Vorgeschichte: _1_ [Der letzte Wunsch]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3939
Vorgeschichte: _2_ [Das Schwert der Vorsehung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5327

_Roman 1_: [Das Erbe der Elfen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5334
_Roman 2_: [Die Zeit der Verachtung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5751
_Roman 3_: [Feuertaufe]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5966
_Roman 4: Der Schwalbenturm_

Der vierte Band der Geralt-Saga setzt die in „Das Erbe der Elfen“ begonnene Geschichte um Ciri, die verschwundene Prinzessin des Elfenreichs Cintra, fort. Mit diesem vorletzten Band der Saga, die mit „Die Dame vom See“ im März 2011 abgeschlossen werden wird, bereitet Andrzej Sapkowski die Bühne für das große Finale vor. Leider kommt „Der Schwalbenturm“ selbst dabei etwas zu kurz, einige Kniffe Sapkowskis wie eine wild zwischen verschiedenen Personen und Zeitebenen springende Erzählweise können hier leider auch nicht helfen, sondern verschlimmern eher noch den Eindruck einer ausgeuferten und nur sehr langsam vorankommenden Handlung ohne klar erkennbaren Fokus.

Geralt selbst kommt dieses Mal besonders kurz, sehr viel Raum nimmt Ciris Geschichte ein, die zu Beginn des Romans das blutige Ende ihrer kurzen Liaison als Falka mit den „Ratten“ (der Name ihrer Bande) in einer Rückblende beschreibt. Dieses wird exquisit blutig und selbst für Sapkowski recht brutal dargestellt, was für „Schwalbenturm“ geradezu programmatisch ist.

Sapkowski flechtet kleine, tragische Geschichten von nicht einmal als Nebencharakteren, eher als Randfiguren zu bezeichnenden Personen wie Hotsporn ein, die auch sehr schnell wieder verschwinden, tendenziell werden sie getötet. Diese kleinen Episoden wirken arg verloren in den vielen Handlungssträngen, die so gar nicht vorankommen wollen. Geralt weiß immer noch nicht, wo Ciri ist, der Leser weiß es schon lange.

Es sind diese Nebenfiguren, die diesen Roman bestreiten, ohne je wirklich Farbe oder Charakter zu gewinnen. Yennefer wird erst gegen Ende erwähnt, baut eine Überleitung zum Abschlussband, Geralt selbst kommt nicht zum Zug und nicht voran. Einige Episoden, zum Beispiel beim König von Redanien und seiner Gemahlin Suleyka, besitzen Charme und sind sehr unterhaltsam, allerdings zeigt sich so auch, wo Sapkowski glänzen kann und wo er Defizite aufweist.

Wie bereits in seinen Romanen um Reinmar von Bielau, verzettelt er sich auf Kosten der Rahmenhandlung im Detail. Viele Leser liebten seine kurzen Geschichten um Geralt, der Wunsch nach einem ganzen Roman um den Hexer wurde laut und „Das Erbe der Elfen“ lieferte genau das. Der Ausbau zu einem großen Buchzyklus hingegen ist Sapkowski nicht so gut gelungen, er selbst scheint gelangweilt von den Notwendigkeiten eines solchen, er will lieber – im positiven Sinne – spielen. Und genau das ist der Widerstreit in diesem Roman und seine Schwäche: Er muss die Bühne für das Finale vorbereiten, dabei möchte Sapkowski doch viel lieber kreativ sein und spielen. Diese Verspieltheit äußert sich leider in der äußerst verwirrenden Erzählweise. Ich habe nichts gegen komplexe Handlungsstränge und Zeitsprünge von einer Person zur anderen, bei George R. R. Martins „Lied von Eis und Feuer“ machen sie sogar den Reiz aus. Hier jedoch sorgen sie nur für Verwirrung und das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Keinerlei Spannung wird so erzeugt.

Das ist bedauerlich, denn sprachlich und intellektuell bewegt sich Sapkowski wie üblich auf sehr hohem Niveau, die hervorragende Übersetzung durch Erik Simon ist wie gewohnt von höchster Qualität. Insgesamt ist „Der Schwalbenturm“ aber leider unter dem Durchschnitt der Geralt-Saga. Für mich war der Roman ein eher unwürdiger Mittelband, der dennoch große Hoffnungen auf das Finale erweckt. Wenn Geralt, Yennefer, Ciri und ihr ganzer Anhang aufeinandertreffen, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit viel furioser zugehen als in diesem Band, der die Handlung nur unwesentlich voranbringt und mit einem Cliffhanger endet.

|Taschenbuch: 543 Seiten
ISBN-13: 978-3423247863|
Originaltitel: |Wieza Jaskolki|
Aus dem Polnischen von Erik Simon
http://www.der-hexer.de

_Weitere Titel des Autors bei |Buchwurm.info|:_

[„Narrenturm“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1884
[„Gottesstreiter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3367
[„Lux perpetua“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4568

Hobb, Robin – Stunde des Abtrünnigen, Die (Nevare 3)

|Die Nevare-Trilogie (Soldier Son Trilogy):|

Band 1: [Die Schamanenbrücke]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4981 (Shaman’s Crossing)
Band 2: [Im Bann der Magie]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5246 (Forest Mage)
Band 3: _Die Stunde des Abtrünnigen_ (Renegade’s Magic)

Der abschließende Band von Robin Hobbs Nevare-Trilogie schließt nahtlos an das dramatische Ende von „Im Bann der Magie“ an und baut auf dem radikalen Schnitt dort auf. Nevare Burvelle ist offiziell tot. Degradiert zum Friedhofswächter und schließlich wegen Mordes und Leichenschändung zum Tod am Galgen verurteilt, zwingt die Magie ihn zum Äußersten: Er webt einen Trugbann über Gettys; alle die ihn kannten einschließlich der geliebten Amzil, seines Freundes Spinks und seiner Base Epiny haben die Erinnerung, dass Nevare grausam zu Tode geprügelt wurde.

Die Magie, in deren grausamen Bann Nevare jetzt mehr denn je steht, hat ihr Ziel erreicht. Er hat sich vollständig von seinem Volk entfremdet. Erzwungenermaßen wendet er sich nun den Fleck zu, entschließt sich zu einem Leben als „Großer“ mit Olikea. Doch diese will nicht Nevare, sie will den „Soldatenjungen“ – unter diesem Namen übernimmt sein Fleck-Ich immer mehr die Kontrolle über Nevares Körper und Magie, dieser wehrt sich erst spät gegen diesen Rollentausch. Der Soldatenjunge hat große Pläne, er will an die Spitze der Fleck-Hierarchie. Da seine Pläne die Vernichtung von Gettys und der Gernier einschließen, wehrt sich Nevare verbissen dagegen, mit dem Soldatenjungen zu einem Geist zu verschmelzen, was auch dem Soldatenjungen nicht gefällt. Dieser versucht es zuerst im Guten und aus gemeinsamer Liebe zur Baumfrau Lisana; als dies nicht gelingt, lässt er nichts unversucht, Nevares Geist auszulöschen.

_Von der Kavalla-Akademie nach Gettys, von Gettys zu den Fleck_

Eine klare Dreiteilung zwischen den Büchern zeigt sich nun. Der erste Band schilderte das facettenreiche Leben in Gernien, danach ging es an den Rand der gernischen Zivilisation in das Grenzkaff Gettys, erste Kontakte mit der Magie und der Fleck-Kultur veränderten Nevare dramatisch. Die Entfremdung Nevares durch die Magie wurde von Hobb leider zur exzessiven Ekel-Orgie der fleck-typischen Liebe für Fettleibigkeit (große Wampe = große Magie) hochzelebriert, während Nevare zu einem passiven und weinerlichen Charakter verkam. Dieser Trend setzt sich leider auch im Abschlussband fort, Nevare will oder kann nichts gegen die Wünsche der Magie tun. Oder er ist einfach dem im Gegensatz zu Nevare sehr zielstrebigen und aktiven, aber recht gnadenlosen „Soldatenjungen“, seinem Fleck-Ich, unterlegen. Um es auf den Punkt zu bringen, Nevares passive Zuschauerrolle ist fast identisch mit der des Lesers, er ist ein berichtender Erzähler.

Dieses Buch handelt von der Fleck-Kultur, die Hobb gerne als hoch entwickelt aber sehr schwer verständlich aufgrund ihrer Fremdartigkeit beschreiben möchte. Ich sage deshalb „möchte“, da dies nur unzureichend gelingt. Die Fleck besitzen zwar durchaus komplexe soziale Beziehungsgeflechte, über allem thront jedoch die Magie – unerklärlich, fremdartig, letztendlich aber leider nur ein Deus Ex Machina, der die Handlungslogik nach Belieben zurecht biegt, was mir bereits im Vorgängerband ein wenig den Lesespass verdorben hat. Ich möchte nur an Buel Hitch erinnern, der von der Magie zu einem Mord gezwungen wurde, der Nevare in die Schuhe geschoben wurde. Nevares „Ich bin tot!“-Suggestivzauber gehört in dieselbe Kategorie. Das mag man in einem Fantasyroman normalerweise gerne akzeptieren, allerdings nicht so oft und in dieser Tragweite!

Die Fleck hätten ohne die Magie vermutlich ein differenzierteres und interessanteres Sozialgefüge, leider bleiben sie so Wilde mit ausgeprägten magischen Fähigkeiten, deren Gesellschaft trotz aller Bemühungen nicht annährend so ausdifferenziert und interessant wie die Gerniens oder der eher untergeordneten Kidona ist. So bleibt ein passiv erduldender Nevare in der Rolle eines Erzählers, der über eine wenig sympathische neue Hauptfigur im verfetteten Körper Nevares, den „Soldatenjungen“, berichtet. Das ist leider nicht das einzige Problem. Es fällt leicht, sich über Fehler auszulassen, man sollte allerdings nicht die positiven Seiten unterschlagen. Und hier liegt das nächste Problem: Es ist geradezu tragisch, wenn die interessantesten und bemerkenswertesten Ereignisse dem recht abrupten und kurz gehaltenen Finale zugesprochen werden müssen. Dieses kehrt wieder nach Gernien zurück, Nevare nimmt endlich den Kampf um sein Glück und Leben auf, übrigens auch gegen die Fleck-Pfunde, die sich der „Soldatenjunge“ angefressen hat.

Robin Hobb ist nach wie vor hervorragend, wenn es um die Charakterisierung von Figuren geht, ich lese ihre Romane sehr gerne, auch in der Übersetzung ist ihre Sprache und Gedankenführung, meistens aus der Ich-Perspektive, einfach ein Genuss. Mit der Handlung hapert es leider des Öfteren, und die letzten beiden Bände der Nevare-Trilogie sind leider unrühmliche Musterexemplare dieses bedauerlichen Versagens.

Dabei hat die Nevare-Trilogie durchaus Potenzial zu viel mehr gehabt. Der Spagat zwischen den Gerniern und den Fleck ist Hobb gründlich misslungen, denn solange sie die Fleck von außen, aus Sicht der Gernier, betrachtet hat, waren diese faszinierend. Sie entzaubert die Fleck-Kultur selbst, wenn sie den Vorhang lüftet und den Leser einen Einblick offenbart, der faszinieren sollte, leider aber nur offenbart, dass die Fleck-Kultur auf Fressen und Magie beruht, salopp formuliert. Das mag leicht fremdartig sein, befremdlich sogar, aber Tiefe und Faszination werden so nicht erzielt. Der Kampf Nevares um seine persönliche Identität ging leider in dieser Lustlosigkeit unter; dass er am Ende schließlich zur Topform aufläuft und aktiv wird, wirkt wie Hohn, zeigt es doch, wie viel mehr möglich gewesen wäre. Schade!

_Fazit:_

Die Nevare-Trilogie ist für Freunde von Robin Hobb Freude und Missvergnügen zugleich. Nach wie vor ist der ihr eigene faszinierende Erzählstil mit dem Fokus auf der Ich-Perspektive ein echtes Highlight im Fantasygenre, doch dieses Mal überwiegt bei mir das Bedauern aufgrund der verpassten Möglichkeiten. Gernien ist ein faszinierender Mix aus Mittelalter und Wildem Westen. Das alleine hätte mir schon gereicht. Wozu noch die Fleck? Diese hätten die Krönung sein sollen, sein müssen. Doch die Schilderung dieser vermeintlich interessanten Rasse endet in handlungsarmer Langweile.

Nur für eingefleischte Hobb-Leser ist diese Trilogie zu empfehlen, alle anderen sollten die Faszination der hobbschen Erzählkunst besser mit der weit besseren „Weitseher“-Trilogie oder den „Zauberschiffen“ erfahren.

|Gebundene Ausgabe: 767 Seiten
ISBN-13: 978-3608938142
Originaltitel: |Renegade’s Magic|
Übersetzt von Joachim Pente|
http://www.robinhobb.com
http://www.hobbitpresse.de
http://www.klett-cotta.de

_Noch mehr Robin Hobb auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Ring der Händler“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=281 (Die Zauberschiffe 1)
[„Der Adept des Assassinen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=229 (Die Legende vom Weitseher 1)
[„Der lohfarbene Mann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=230 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher I)
[„Der goldene Narr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=232 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher II)
[„Der weiße Prophet“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1969 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher III)
[„Der Wahre Drache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2020 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher IV)

Brett, Peter V. – Lied der Dunkelheit, Das

|Die Dämonen-Trilogie:|

_Das Lied der Dunkelheit_ (Painted Man)
Das Flüstern der Nacht (Desert Spear) – 04/2010
Band 3, noch kein Titel bekannt

Peter V. Brett (* 08.02.1973, New York) studierte English Literature und Art History an der Universität von Buffalo. Nach seinem Abschluss im Jahre 1995 schrieb er über zehn Jahre lang medizinische Fachliteratur. Doch wen würde das interessieren, wir würden ihn nicht kennen, wenn ihm sein bisher einziger Roman nicht so hervorragend gut gelungen wäre, dass viele begeisterte Leser schon wieder den überstrapazierten Vergleich mit Altmeister Tolkien bemühen. Egal ob man diesem Vergleich zustimmt oder nicht, „Das Lied der Dunkelheit“, im englischen Original als 2008 bei |Gollancz| als „Painted Man“ in den USA unter dem Titel „The Warded Man“ erschienen, ist ein Bestseller. Dem kann ich nur zustimmen, kaufen Sie sich dieses Buch! Warum es aber so gut ist, wieso ich eine solch uneingeschränkte Kaufempfehlung ausspreche und welche Zielgruppen dieses Buch anspricht, das sage ich Ihnen jetzt.

_Das Lied der Dunkelheit_

Die Welt ist nicht mehr das, was sie einmal war. Die Wissenschaft und technologischer Fortschritt siegten über Aberglauben und Krankheiten, alte Legenden gerieten in Vergessenheit, die Furcht vor dem Bösen, der Dunkelheit und mythologischen Schreckensgestalten wurde nur noch belächelt. Bis zu dem Tag an dem die Dämonen zurückkamen und die Welt ins Chaos der Barbarei zurückstürzten, die Menschheit fast vollständig ausrotteten. Kein Heil und keine Rettung versprachen moderne Waffen und die Wissenschaft, aber uralte, längst vergessene Schutzrunen und -zeichen retteten den Rest der Menschheit vor der vollständigen Vernichtung. Mit den Dämonen der Hölle war auch die Magie wieder zurückgekehrt auf die Welt.

Seit diesem Tag lebt die Menschheit wieder im finstersten Mittelalter, voller Furcht vor der Dunkelheit und dem Nebel, denn mit ihnen kommen die Dämonen (Horclinge) aus dem Erdkern (Horc – vermutlich das Äquivalent zur Hölle) und holen sich Unvorsichtige, die bei Einbruch der Nacht noch nicht in Schutzräumen Zuflucht gefunden haben. In kleinen Siedlungen und kleinen Städten, weit voneinander entfernt, vegetiert die Menschheit in Furcht dahin. Handel ist mühsam und beschwerlich, denn weiter als eine Tagesreise ohne Herberge zu reisen heißt, nachts im Freien übernachten zu müssen – nur die Mutigsten trauen sich das zu, und ein kleiner Fehler, eine Lücke im Bannkreis, auch Siegel genannt, und die Dämonen dringen ein und töten erbarmungslos. Aber selbst wenn die Bannkreise halten, bei dem infernalischen Geheule und Drohungen der Horclinge zu schlafen, ist nicht jedem gegeben!

In diese Welt führt uns Brett aus der Sicht seiner drei Helden Arlen, Leesha und Rojer ein, wobei Arlen die Hauptfigur ist und der namensgebende „Painted Man“ werden wird. „Das Lied der Dunkelheit“ erschien dem Verlag wohl ein besserer deutscher Titel als „Der bemalte/runenverzierte/tätowierte Mann“, dem ich durchaus zustimmen möchte. Die Übersetzung von Ingrid Herrmann-Nytko ist übrigens von vorzüglicher Qualität. Bei der Lektüre des englischen Originals frage ich mich, wie man wohl „Coreling“ (dt. Horcling) und „Core“ (dt. Horc) übersetzen würde, denn Kernling und Kern hätten bei weitem nicht so bedrohlich wie das englische Coreling geklungen. „Core“ und „Gore“ liegen bei diesen dämonischen Kreaturen nicht weit voneinander … meine einzige Kritik wäre gewesen, dass viele Städte- und Ortsnamen gut eingedeutscht wurden, aber Baron Rhinebeck nicht zu Baron Rheinbeck wurde. Andererseits ist Rhinebeck Village ein Dorf im US-Bundesstaat New York, und die Geschichte spielt in den Trümmern unserer untergegangenen Welt. Frau Herrmann-Nytko recherchierte hier wirklich professionell, was sich auch in der wirklich außergewöhnlich gut gelungen Übersetzung zeigt.

Arlen ist genretypisch ein armer junger Mann, der sich zum Helden entwickeln wird. In einer Zeit der lähmenden Furcht nimmt er den Kampf auf und überwindet seine Angst. Zwei entscheidende Momente in seinem Leben verwandeln ihn im Laufe der Geschichte in den Tätowierten Mann, der altes Wissen sucht, um den Kampf gegen die Dämonen aufzunehmen. Doch wie Sartre einst sagte, „Hell is other people“ – was die Dämonen Arlen nehmen, ist nichts verglichen mit dem, was ihm vermeintliche Verbündete und Freunde antun.

Leesha ist eine starke junge Frau, die sich mit der schrulligen Kräuterhexe des Dorfes gut versteht und von ihr zur Heilerin ausgebildet wird. Was ihrer bildschönen, aber opportunistischen Mutter Elona nicht in den Kram passt. Elona ist das, was man gemeinhin unter einer Hure versteht, in seiner negativsten Ausprägung. Leesha hingegen wacht über ihre Jungfräulichkeit wie eine überzeugte Bewohnerin des amerikanischen Bible Belts. Sie ist eine sehr riskante Figur – ich mochte sie, obwohl so eine heilige Jungfrau in der Regel langweilt mit ihrer moralischen Überlegenheit. Hier besteht auch die Gefahr einer Schwarz-Weiß-Zeichnung; es spricht für Brett, dass er dennoch einen sympathischen und glaubhaften Charakter auf dieser Basis schaffen konnte. Dass sich Leesha in Arlen verliebt und sich ihre Beziehung aus einigen guten Gründen sehr problematisch gestaltet, kann man auch zu den 08/15-Standardkomponenten eines Fantasyromans rechnen. Doch wie sich diese Beziehung weiter entwickelt, das wird sich erst im zweiten Band der geplanten Trilogie, „Das Flüstern der Nacht“, zeigen.

Rojer ist die jüngste der drei Hauptfiguren, er ist noch ein Kind, hat aber bereits seine Familie in der Flammenhölle eines Dämonenangriffs verloren. Der trunksüchtige Jongleur Arrick, der in gewisser Weise eine Teilschuld an dem tragischen Tod seiner Familie trägt, nimmt ihn bei sich auf und unterweist ihn in seiner Kunst. Jongleure sind der Ersatz für Internet, Zeitung und Fernsehen in dieser Welt, sie sind Entertainer und bringen Nachrichten aus fernen Landen. Die tapfersten begleiten die hochgeschätzten Kuriere, die Post und Waren zwischen den Siedlungen transportieren und im Freien in winzigen provisorischen Bannkreisen übernachten. Ein gefährlicher Beruf, den nicht jeder ausüben kann, der aber hohes gesellschaftliches Ansehen und Reichtum verspricht.

Die drei Hauptcharaktere werden nacheinander eingeführt; so lernt man die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln kennen. Ihre Wege überschneiden sich erst relativ spät, und dabei ist es besonders interessant zu lesen, wie sich die drei Charaktere anfangs gegenseitig wahrnehmen. Wichtiger als die Hauptcharaktere erscheinen mir jedoch die zentralen Gedanken des Buchs darüber, wie lähmend Furcht sein kann, und wie selbstsüchtig und kleingeistig Menschen auf ihren persönlichen Vorteil bedacht sein können, selbst wenn die Welt daran zugrunde geht. So hüten Kräuterweiber und Siegelmaler ihre persönlichen Zeichen, was Arlen zum ersten Mal auffällt, als er in Fort Miln in die Lehre bei einem Siegelmalers geht. Aus seinem Dorf kennt er einige nützliche Siegel, die selbst dem Meister in Fort Miln noch nicht bekannt waren. Doch dieser hegt kein Interesse daran, seine persönliche Stellung zu verschlechtern, indem er diese Siegel mit den anderen Siegelmalern teilt. Ähnliches gilt auch für Leeshas Ziehmeisterin Bruna, die auch nicht jedem ihre Geheimnisse anvertrauen will, obwohl sie durchaus anerkennt, wie wichtig Informationsaustausch für das Überleben der gesamten Menschheit ist.

Peter V. Brett hat eine gelungene Mischung aus klassischer Fantasy und Survival-Horror geschaffen, die nicht nur die dunkle Seite der Dämonen, sondern auch der Menschen beleuchtet. Ein packender und sehr überzeugender Erzählstil machen „Das Lied der Dunkelheit“ zu einer intensiven und kurzweiligen Leseerfahrung. Brett zeigt in dynamischen Entwicklungen, was andere Autoren erzählen. Er zeigt dem Leser, was Arlen, Leesha und Rojer erleben, man ist sehr direkt von der Handlung betroffen, und er erzeugt so eine beispielhafte Immersion in seine dunkle Welt. Dabei spielt er mit klassischen Szenarien des Bösen und der Furcht, Nebel und Dunkelheit, in der Dämonen aus der Erde aufsteigen, während Menschen sich in Kellern hinter unzuverlässigen Schutzzeichen verbergen und vor Furcht schlottern, die hilflos zuhören müssen, wie Dämonen unglückliche Familien, deren Siegel durchbrochen wurde, sei es durch einen schlampigen Strich oder einen heruntergefallenen Ast, verbrennen oder bei lebendigem Leib auffressen. Trotz dieser trostlosen Situation ist immer noch Platz für Egoismus und Ränkespiele unter den Überlebenden.

Ich bin gespannt, wohin die Reise noch gehen wird. Der Tätowierte Mann, der gegen die Dämonen kämpft, könnte den Funken der Revolution entfachen, der die Menschheit aus der lähmenden Furcht vor den Dämonen erweckt. Seinen ersten kleinen Sieg erringt er am Ende dieses ersten Bandes, und ich kann es kaum erwarten, die Fortsetzung der Geschichte zu lesen.

|Originaltitel: The Painted Man
Deutsche Übersetzung von Ingrid Herrmann-Nytko
797 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-453-52476-7|
http://www.heyne.de
http://www.petervbrett.com

Butcher, Jim – Codex Alera 1 – Die Elementare von Calderon

Alera ist ein wunderschönes Land, weise regiert vom Ersten Fürsten Gaius Sextus. An den Grenzen wachen die Legionen des Reichs, man hat die Eismenschen, die räuberischen Canim und die wilden Marat-Horden zurückgetrieben. Es herrscht Frieden an den Grenzen, doch nicht im Inneren. Gaius Sextus ist alt und krank, es scheint wenig Liebe zwischen ihm und seiner jüngeren Gemahlin zu herrschen, die erhoffte Geburt eines Sohns und Nachfolgers erscheint nach langen Jahren unwahrscheinlich. Viele Fürsten bereiten sich schon im Stillen auf seine Nachfolge vor, doch einige sägen bereits ungeduldig am Thron des Princeps.

Als Agenten des Ersten Fürsten obliegt es den so genannten Kursoren, solche Verschwörungen aufzudecken. Bereits der erste Auftrag der jungen Kursorin Amara bringt sie in höchste Gefahr. Nicht nur eine abtrünnige Legion mit vielen starken Elementarwirkern bereitet sich auf den Aufstand vor, auch in den Reihen der Kursoren herrscht Verrat. Amara wird gefangen genommen und von ihrem eigenen Ausbilder und Freund, Kursor Fidelias, betrogen. Dieser fühlt sich dem Wohl des Reichs verpflichtet und nicht Gaius Sextus, den er als schwachen Fürsten ablehnt. Für dieses höhere Wohl ist Fidelias zu nahezu jeder Schandtat bereit, wie Amara zu ihrem Entsetzen feststellen muss.

Sie kann aus der Gefangenschaft entkommen und in das Calderon-Tal fliehen, gerät damit jedoch vom Regen in die Traufe. Nicht nur verfolgen sie Fidelias, der legendäre Schwertkämpfer Aldrick ex Gladius und seine Geliebte, die schöne und leicht verrückte Wasserhexe Odiana, sondern bald auch noch die Vorhut einer Kriegshorde der Marat, die von Fidelias aufgestachelt wurden. Er will so den Aleranern die Schwäche von Gaius Sextus zeigen und ihnen einen neuen, starken Fürsten schmackhaft machen.

Tavi, Ziehsohn des Wehrhöfers Bernard, schwebt wie das ganze Calderon-Tal in Lebensgefahr. Eigentlich wollte er nur seine Schafe in den Hof zurückbringen, doch er stößt auf einen Marat-Späher mit seinem Herdentöter, einem riesigen Raubvogel. Onkel Bernards starkem Erdelementar Brutus ist die Bestie zwar nicht gewachsen, doch Bernard wird schwer verwundet. Tavi lenkt die Wut des Marat auf sich und schickt Brutus mit dem verwundeten Bernard zurück zum Bernardhof. Mehr kann er nicht tun, denn er gehört zu den wenigen Aleranern, die über keinen einzigen Elementar gebieten, was besonders im Calderon-Tal, in dem es besonders starke Wirker gibt, einen Makel darstellt. Er stößt auf die erschöpfte Amara und kann ihr von seiner Begegnung mit den Marat berichten. Trotz seiner Findigkeit wird Tavi von den Marat gefangen genommen, aber dank seiner Hilfe gelingt es der verzweifelten Amara, zum Bernardhof zu entkommen. Doch Fidelias ist ihr dicht auf den Fersen, um zu verhindern, dass sie die Legion in der Grenzstadt Kaserna vor dem drohenden Angriff warnt und seinen Plan vereitelt.

_Der Autor und der Codex Alera_

Der |New York Times|-Bestseller-Autor Jim Butcher (* 26. Oktober 1971 in Independence, Missouri) dürfte vielen deutschen Lesern eher durch seine „Dresden Files“ um den schnoddrigen Magier-Detektiv Harry Dresden bekannt sein. Neben dem Schreiben ist Butcher begeisterter Kampfsportler und liebt Live-Rollenspiele.

Kenntnisse der Serie um Harry Dresden sind jedoch nicht nötig, denn der „Codex Alera“ ist ganz anders konzipiert – als klassische High Fantasy – und spielt in einer an das römische Reich angelehnten Welt, deren Markenzeichen die Elementarmagie ist. Fast jeder Aleraner hat beschränkte Macht über einen oder mehrere Elementare der sechs Elemente Feuer, Wasser, Luft, Erde, Holz und Metall. Besonders mächtige Elementarwirker haben meist eine hohe gesellschaftliche Stellung inne.

Die in den USA bereits seit Oktober 2004 laufende Serie war ursprünglich als Trilogie geplant, anhaltender Erfolg und eine sehr positive Resonanz haben sie mittlerweile auf fünf Bände ausgedehnt, der sechste Band |First Lord’s Fury| ist für November 2009 geplant.

Die Titel der amerikanischen Originale lauten:

|Furies of Calderon| (2004)
|Academ’s Fury| (2005)
|Cursor’s Fury| (2006)
|Captain’s Fury| (2007)
|Princeps‘ Fury| (2008)

„Codex Alera 1: Die Elementare von Calderon“ ist die Übersetzung des ersten Bandes, der zweite wurde unter dem Titel „Im Schatten des Fürsten“ für März 2010 angekündigt.

Der Zyklus entstand aus einer veritablen Schnapsidee. Ein Freund stellte Butcher die verrückte Aufgabe, aus zwei ziemlich ausgelutschten Tropen, dem der „verschollenen römischen Legion“ und „Pokémon“, eine funktionierende Geschichte zu machen. So abschreckend und absurd das klingen mag, ich persönlich hätte diesen Zyklus nie gelesen wenn man mir das vorher gesagt hätte, so fantastisch ist was Butcher aus dieser Schnapsidee gemacht hat: Der Codex Alera ist fürwahr ein edles Gesöff, bereits nach dem ersten Band bin ich trunken und mich gelüstet es nach mehr.

_Klassisches Setting und alte Ideen neu kombiniert_

Im Prinzip ist der Schafhirte, in dem so viel mehr Potenzial steckt, ein alter Hut. Tavi wird es weit bringen, so viel sei gesagt, was wohl niemanden verwundern wird. Neu ist dagegen, dass Tavi eben nicht der einfache Mann ist, der besondere Fähigkeiten besitzt. Ganz im Gegenteil, er ist einer der ganz wenigen Aleraner, die über keinen einzigen Elementar gebieten und keinerlei magische Begabung besitzen. Deshalb muss er sich ganz auf seine Finesse verlassen. Er ist ein denkender, intelligenter Held, nicht jemand, der dank seiner besonderen Gaben etwas Besonderes ist.

Die Elementare und die Elementarmagie Aleras sind das innovative Element in dieser Brühe, im Original nennt man sie in Anlehnung an die römischen Rachegöttinnen „Furies“. Und wild sind die Elementare dieser Welt in der Tat, insbesondere jene des Calderon-Tals. Bösartige Windböen können töten, ein Elementarsturm ist etwas, dem man besser nicht ohne eine Handvoll Salz begegnen sollte. Einen angreifenden Wirbelwind ein wenig mit Salz zu bestreuen, löst ihn in Wohlgefallen auf. Ähnlich verhält es sich auch mit den Fähigkeiten der Aleraner. Es gibt sechs Elemente, die klassischen vier Feuer, Wasser, Erde, Luft und die chinesisch inspirierten Elemente Holz und Metall. Jeder Elementar verfügt über spezifische, seinem Element zugehörige Fähigkeiten. Diese werden durch das gegensätzliche Element jedoch ausgehebelt.

Eine Windwirkerin wie Amara hindert man daran, ihren Elementar zu rufen, indem man sie mit Erdschlamm bedeckt, am besten in der Erde eingräbt. Einen Erd- und Holzwirker hingegen bindet man am besten auf ein Eisengestell, so dass seine Füße keinen Erdkontakt mehr haben. Eine Wasserwirkerin legt man am besten trocken, eine Räucherkammer und starke Hitze (Feuer) lähmen sie.

Interessant ist, dass die Fähigkeiten zumindest in diesem Band recht geschlechtsspezifisch vergeben werden. Wasserwirker wie Isana und Odiana sind meistens weiblich, ihre Fähigkeiten liegen im Heilen. Eine mit Wasser gefüllte Wanne ist das perfekte Medium für einen Wasserwirker, der einen Verletzten heilen möchte. Ein angenehmer Nebeneffekt ist, dass Wasserwirker sich dank ihres Elementars über ihre Jahre hinaus jung und hübsch erhalten können. Männer hingegen sind tendenziell Erdwirker und gebieten über stärkende, ausdauernde Elementare. Sie können auch beruhigend wirken und die Zuversicht anwesender Personen steigern – genau das Gegenteil von Feuerwirkern, die Angst und Panik hervorrufen und verstärken können, neben ihrer Fähigkeit, Feuer in brutaler Weise für militärische Zwecke zu nutzen. Holzwirker sind besonders in Wäldern und der Natur gefährlich, Metallwirker sind in der Regel Schmiede oder Schwertkämpfer wie Aldrick ex Gladius. Luftwirker sind militärisch von besonderer Bedeutung für die Legionen des Reichs. Die fliegenden „Ritter Aeris“ sind für Kommunikation, Transport und im Kampf ein unschätzbarer Vorteil gegenüber den zahlreichen Feinden Aleras.

Die wilden Marat besitzen keine vergleichbaren Fähigkeiten, aber sie gehen einen Bund mit den Totemtieren ihres Stammes ein und übernehmen deren Fähigkeiten und Stärken. Ältere Marat-Krieger des Herdentöter-Stammes können beispielsweise sehr hoch springen.

Ein weiteres klassisches, aber verdrehtes Element ist das des Verräters, der ironischerweise auch noch Fidelias (~treu) heißt. Er ist ein Überzeugungstäter, und man kann seine Motive durchaus nachvollziehen. Er hat zwar keine Skrupel, mit bedingungsloser Härte zum Erreichen seiner Ziele vorzugehen, ist aber nicht mitleidlos und grausam – ein sympathischer Antagonist, dessen Fehlgeleitetheit den Leser mehr bekümmert als die Geschichte per se rachsüchtiger und gewaltätiger Bösewichte. Dasselbe trifft auch auf seine Kumpane Aldrick ex Gladius und Odiana zu. Insbesondere die wirre Odiana (~von Odium, Hass), die oft ihre Gegner „sanft zu töten“ verspricht, verstört den Leser. Butcher erzählt uns ihren Hintergrund, und man versteht, warum sie so geworden ist, hat Mitleid mit ihr. Aldrick ist ein Schwertkämpfer ohne Gleichen und bildet mit ihr ein Liebespaar. Auch er hat seine Nemesis, denn es gibt einen Schwertkämpfer, den er noch nicht besiegen konnte.

Auffallend sind die vielen sprechenden Namen, die Andreas Helweg sehr gut übersetzt hat. So heißt die Legionsstadt Kaserna im Original „Garrison“. Der Sklave Faede ist eine phonetische Umschreibung des englischen Namens „Fade“; zwar geht hier der Sinn etwas verloren (Fade ist mehr als nur ein dummer Sklave, er ist untergetaucht, will aus dem Gedächtnis der Leute wortwörtlich verschwinden), ich halte diese Übersetzung trotzdem für eine sehr gelungene Lösung, zudem Butcher häufig mit dem Zaunpfahl winkt, was diesen Charakter angeht. Ohne näher ins Detail gehen zu wollen: Helweg hat für viele Orte und Gegenstände sehr gute deutsche Bezeichnungen gefunden und insgesamt eine wirklich vorzügliche Übersetzung geliefert. Das Buchcover ist zwar nicht das des Originals, trotzdem ist es sehr gut gelungen und könnte sogar eine Szene aus dem Buch darstellen.

_Fazit:_

Jim Butcher erzählt eine klassische High-Fantasy-Geschichte mit einigen innovativen Ideen und dreht gelegentlich Stereotypen um oder erweitert sie und entkommt so der Schwarzweißmalerei, die so oft dieses Subgenre auszeichnet. Mit glaubwürdig motivierten Antagonisten schafft er sich mehr Spielraum, als es üblich ist, wenn Gut und Böse schwarzweißmalerisch unversöhnbar aufeinanderprallen. Die Geschichte liest sich nicht nur wegen der interessanten Charaktere sehr gut; die römisch inspirierte Welt steht an der Grenze zum Mittelalter und besitzt sehr viel Tiefe und Vielfalt. Auch die Clan-Gesellschaft der Marat hat Butcher liebevoll und detailliert beschrieben.

Kritik an der Serie kommt meistens von Butchers eigenen Fans, seinen Harry-Dresden-Lesern. Ganz so innovativ wie in den „Dresden Files“ ist er mit dieser Serie sicherlich nicht, allerdings innovativ genug, um das Genre der High Fantasy neu zu beleben und es auch für Fantasy-Gourmets und -Gourmands erneut schmackhaft zu machen. Ein Vergleich beider Serien führt zwangsläufig zur Enttäuschung, allerdings sollte man es Butcher gönnen und hoch anrechnen, wie vielseitig er zu schreiben versteht.

Ich kann den „Codex Alera“ nur ausdrücklich empfehlen. Mir hat der erste Band ausgezeichnet gefallen, und laut US-Kritiken wird Butcher noch ordentlich nachlegen – der erste Band wird als einer der schwächeren im Gesamtzyklus angesehen. Ungeduldige Naturen können die bereits erschienenen US-Originale lesen; wer auf die deutsche Übersetzung warten will, der kann sich auf die sehr gute Übersetzung durch Andreas Helweg freuen.

|Originaltitel: Codex Alera 01. Furies of Calderon
Originalverlag: Ace, New York 2004
Aus dem Amerikanischen von Andreas Helweg
Paperback, Klappenbroschur, 608 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-26583-1|

Homepage des Autors:
http://www.jim-butcher.com

Übersicht zum Zyklus „Codex Alera“ (englisch):
http://en.wikipedia.org/wiki/Codex__Alera

Homepage des deutschen Verlags:
http://www.blanvalet-verlag.de

_Außerdem von Jim Butcher auf |Buchwurm.info|:_
[„Sturmnacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3168 (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 1)
[„Grabesruhe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4315 (Die dunklen Fälle des Harry Dresden 3)

Alison Croggon – Das Baumlied (Die Pellinor-Saga 4)

Die Pellinor-Saga:

Band 1: „Die Gabe“
Band 2: „Das Rätsel“
Band 3: „Die Krähe“
Band 4: Das Baumlied“

Von dem abschließenden Band der Pellinor-Saga habe ich mir eine Verbindung der Handlungsstränge um den Winterkönig Arkan aus „Das Rätsel“ und um die schwarze Armee – beziehungsweise die Probleme des Namenlosen mit den Generälen derselben – aus „Die Krähe“ erwartet. Doch Alison Croggon schafft es in geradezu verblüffender Weise, beide Bände vollständig zu ignorieren. „Das Baumlied“ schließt inhaltlich direkt an „Die Gabe“ an; was dazwischen vorgefallen ist, verkommt zur reinen Makulatur. Selten hat ein Autor sein eigenes Werk dermaßen ignoriert, sich der Möglichkeit gesteigerter Komplexität beraubt. Schade! Doch damit nicht genug; das vermeintlich grandiose Finale, welches auf dem Buchrücken angekündigt wird, entpuppt sich als Strohfeuer. Von wegen |Die schwarze Armee marschiert nach Norden. Die sieben Königreiche stehen vor dem Untergang.|

Alison Croggon – Das Baumlied (Die Pellinor-Saga 4) weiterlesen

Baxter, Stephen – Diktator (Die Zeit-Verschwörung 4)

|Die Zeit-Verschwörung:|

Band 1: [„Imperator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3516
Band 2: [„Eroberer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4333
Band 3: [„Navigator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5428
Band 4: _“Diktator“_

Stephen Baxters „Zeitverschwörung“ entführt in dem abschließenden Band „Diktator“ den Leser in eine Parallelwelt, in der das Dritte Reich das britische Expeditionskorps in Dünkirchen vernichtend geschlagen hat. Luftkämpfe über dem Kanal oder eine Luftschlacht um England gab es nie, stattdessen setzte die Wehrmacht unter schweren Verlusten über den Kanal und eroberte zumindest den Süden Englands und London; die offizielle Bezeichnung für das besetzte England ist „Protektorat Albion“. Eine Karte desselben findet sich auf der ersten Seite.

Nicht nur das für die Serie untypische Parallelwelt-Szenario – bislang hat man immer recht erfolgreich gravierende Änderungen der Geschichte durch den „Weber“ vereitelt – ist ein Paukenschlag, gleich auf den ersten Seiten lüftet Baxter zudem das Geheimnis um die Person des Webers und seine Hintermänner: Der Weber der Zeit ist Ben Kamen, ein österreichischer Jude und ehemaliger Schüler des Mathematikers Kurt Gödel, der mit den gödelschen Unvollständigkeitssätzen und seiner Kontinuumshypothese die fiktionale Grundlage für die Zeitreisefähigkeiten des Webers liefert. Allerdings besitzt aber nur Kamen die Fähigkeit, mit einer nach Ideen Gödels entwickelten Maschine im Traum Nachrichten in die Vergangenheit zu schicken. In „Navigator“ wurden jedoch auch eine Person sowie ein Gerät in die Vergangenheit geschickt – dieser Widerspruch wird nicht aufgeklärt.

Zeitmanipulationen scheinen kein Privileg des armen Ben Kamen zu sein, der in die Hände von SS-Offizier Josef Trojan und der eiskalten, drallen und blonden Agentin und Überläuferin Julia Fiveash gefallen ist. Julia sieht nur den persönlichen Vorteil und Karrierechancen, falls Kamen Erfolg hat und den Endsieg ins Jahr 1066 vorverlegt. Der fanatisch überzeugte Nazi Josef Trojan lässt ihn Naziparolen in die Ohren irritierter Sachsen blöken; wie der Leser aus „Eroberer“ weiß, hat William der Eroberer trotzdem den „nordischen“ Harold Godwinson geschlagen, und mit dem zehntausendjährigen arischen Reich wurde es auch nichts. Ironischerweise kehrt Baxter fast 900 Jahre später wieder an den Schauplatz der Schlacht von Hastings zurück, und erneut unterliegen die Briten den nun deutschen Invasoren.

Baxter baut noch einige weitere Figuren auf, aus deren Sicht er einen Blick auf das Leben im besetzten Albion wirft. So zum Beispiel Ernst Trojan, das Gegenteil seines Bruders Josef, ein braver, anständiger deutscher Landser. Dass seine Geliebte Claudine eine aus Not zur Prostitution gezwungene dunkelhaarige französische Schönheit ist, macht ihn noch mehr zum positiven Abziehbild seines Bruders und der blonden Julia Fiveash. Hauptsächlich aus seiner Sicht erleben wir das Leben im besetzten England; er wird bei einer britischen Familie einquartiert. Der Amerikaner Gary Wooler, ein Freund Kamens, wird zeitweise in ein Kriegsgefangenenlager gesteckt, seine britische Freundin Hilda wird ein frühes Opfer der Besatzer. Der englische Bobby George muss sich ebenfalls mit den Nazis arrangieren, leider gerade mit der in seinen Augen verräterischen Hure Julia Fiveash, deren Reizen er trotzdem nicht widerstehen kann.

Stephen Baxter bemüht hier sichtlich das Klischee, allerdings scheint dies Absicht zu sein, denn das Szenario und die Charaktere erinnern frappierend an die stereotypen Kriegsfilme während und kurz nach der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Doch geschickt konterkariert Baxter; immer wieder bricht er bewusst aus dem Schema aus: So vergewaltigen britische Soldaten auf dem Rückzug eine Britin, während viele Briten die deutsche Disziplin und Ordnung sowie eine straffe Verwaltung zu schätzen lernen, was genau dem Gegenteil vieler |Invasion Narratives| entspricht, in denen deutsche Arroganz und Bürokratismus die britische Kultur vernichten und das Leben unerträglich machen.

Die kontrafaktische Geschichte ist sehr deutlich von Harvard-Professor Niall Ferguson inspiriert, den Baxter auch in seinem Nachwort als Ideenquelle nennt. Ferguson ist berüchtigt für sein Buch „The Pity of War: Explaining World War One“, in dem er ein demokratisches, wohlhabendes Europa unter deutscher Führung ohne Kommunismus oder Faschismus als mögliches Ergebnis eines britischen Verzichts auf eine Intervention im Ersten Weltkrieg projiziert. Ganz so extrem und bewusst zum Widerspruch herausfordernd ist Baxter jedoch nicht, er zeigt eigentlich sogar das Gegenteil: Denn trotz der halben Eroberung Britanniens nimmt der Rest der Geschichte den uns bekannten historischen Verlauf. Die Wehrmacht verblutet in den Weiten Russlands, mit Stalingrad als Wendepunkt. Danach ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch das Protektorat Albion verlorengeht und man Kamen befreien kann. Die Gödel-Maschine wird zwar zerstört, aber ob man sie nicht nachzubauen versucht, lässt Baxter bewusst offen.

Ökonomische Faktoren dominieren den Verlauf der Weltgeschichte zur Zeit des Zweiten Weltkriegs laut Baxter, nicht „große Personen“, wie sie schon bei Ovid in Form von Kaisern und Feldherren angeblich die Weltgeschichte maßgeblich formten. Auch Joachim Fests Hitler-Biografie und der Vorstellung Hitlers als treibender Kraft hinter dem Nationalsozialismus erteilt er damit eine Absage, folgt eher Ian Kershaws Hitler-Biografie mit modernen soziologischen Ansätzen, die davon ausgehen, dass die soziale und ökonomische Situation früher oder später zwangsweise einen oder mehrere Diktatoren hervorgebracht hätten. Zum Vergleich sei Kolumbus in „Navigator“ genannt; der Entscheidung des spanischen Herrscherpaares beziehungsweise von Kolumbus, nach Western oder Osten zu segeln, misst Baxter hingegen tatsächlich gravierende Bedeutung zu.

_Fazit:_

„Diktator“ ist der am besten lesbare Roman der Quadrologie. Baxter achtet auf Details und liefert ein interessantes, sehr differenziertes und vielschichtiges Bild eines von Deutschland besetzten Englands. Die große Schwäche des Romans ist gleichzeitig auch das Problem der ganzen Serie: Die Rahmenhandlung um den Weber der Zeit ist furchtbar an den Haaren herbeigezogen und prinzipiell so nötig wie ein Kropf. War sie wirklich nötig, um vier Romane geradezu krampfhaft verzweifelt zu einer Serie zusammenzubinden? Ich hätte darauf lieber verzichtet, stattdessen hätte Baxter von der realen Geschichte abweichen und spekulieren können, so, wie er es in „Diktator“ mit dem parallelen Zweiter-Weltkrieg-Szenario eines besetzten Englands getan hat. Insbesondere der zweite Band „Eroberer“ wirkt auf Leser, die das Ende der Serie nicht kennen, verwirrend und frustrierend, und die recht banale Geschichte um den Weber, die im gleichnamigen Abschlussband vorgesetzt wird, verstärkt diese Empörung eher noch. Schade, denn mit „Diktator“ beweist Baxter, dass er durchaus gelungene |Alternate History|-Romane schreiben kann, wenn er nur wollte. Mit dem arg konstruierten Weber der Zeit als Rahmenhandlung der „Zeitverschwörung“ hat er sich und seine Leser um sein schriftstellerisches Potenzial betrogen.

|Originaltitel: Weaver
Übersetzt von Peter Robert
Taschenbuch, Broschur, 608 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-52426-2|
http://www.heyne.de
http://www.stephen-baxter.com

_Mehr von Stephen Baxter auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Orden“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1040 (Kinder des Schicksals 1)
[„Sternenkinder“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1591 (Kinder des Schicksals 2)
[„Transzendenz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3193 (Kinder des Schicksals 3)
[„Evolution“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=282
[„Zeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=389 (Das Multiversum 1)
[„Die Zeit-Odyssey“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1496
[„Das Licht ferner Tage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1503
[„Anti-Eis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1504
[„Zeitschiffe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3084
[„Vakuum-Diagramme“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=389

Abercrombie, Joe – Königsklingen (The First Law 3)

Die „The First Law“-Trilogie:

Band 1: Kriegsklingen (The Blade Itself)
Band 2: Feuerklingen (Before They Are Hanged)
Band 3: Königsklingen (Last Argument of Kings)

Der Brite Joe Abercrombie ist mittlerweile kein Unbekannter mehr. Mit komplexen und faszinierenden Charakteren sowie einer Abkehr vom gängigen Gut-Böse-Schema hat er hat sich in die Herzen der Fans geschrieben und folgt damit einem Trend im Fantasy-Genre, mit dessen populärsten und prominentesten Vertreter George R. R. Martin er keinen Vergleich zu scheuen braucht. Mag man einwenden, dass Martin eine noch größere und komplexere Welt geschaffen hat, während Abercrombie doch etwas weniger Charaktere in die Schlacht wirft und eine Karte der Welt von vielen Fans bislang schmerzlich vermisst wird. Abercrombie bietet dafür eine Extraprise Zynismus und kernigere Charaktere; seine Meinung zu Karten in Fantasyromanen kann man in seinem Blog nachlesen: „Call me foolish as well, but I do think having a map there can damage the sense of scale, awe, and wonder that a reader might have for your world.“

In einer Hinsicht könnte Abercrombie Martin etwas vormachen, beziehungsweise er hat es getan: Er hat seine Trilogie (vermeintlich) vollendet. Deshalb möchte ich das Buch getrennt als Abschluss der Serie sowie als eigenständiges Werk besprechen.

Kein Ende, sondern der Auftakt zur nächsten Trilogie

Witzigerweise lässt Abercrombie die Serie so enden, wie sie begann: Mit einem mehr oder minder unfreiwilligen Sturz Logens aus dem Fenster beziehungsweise in die Schlucht. Wie und warum es dazu kam, möchte ich nicht vorwegnehmen. Die Konsequenzen sind allerdings klar: Logen kommt wieder. Ebenso seine Gefährten, auf neuen Positionen, um den Kampf gegen Khalul und eventuell einen in „Königsklingen“ überraschend mächtigen und sehr listig und erfolgreich manipulierenden Bayaz aufzunehmen.

Doch zuvor kommt noch das für den 1. September 2009 angekündigte „Racheklingen“ (Best Served Cold), das allerdings keine Fortsetzung der Geschichte darstellt, sondern den Rachefeldzug der verratenen Söldnerin Monzcarro Murcatto begleitet. Ob Abercrombie mit „Styria“ die Steiermark meint, ist unklar, allerdings lehnt er sich nur an das europäische Mittelalter an, ähnlich wie Martin mit Westeros in seinem Lied von Eis und Feuer. Abercrombie plant, das komplette erste Kapitel demnächst online zu veröffentlichen. Etwas Neues darf man dabei wohl nicht erwarten, eher eine Variation der First Law-Trilogie. Wem kommt folgende Beschreibung nicht bekannt vor: Her allies include Styria’s least reliable drunkard, Styria’s most treacherous poisoner, a mass-murderer obsessed with numbers and a Northman who just wants to do the right thing. (aus der Kurzbeschreibung)

Ich frage mich, ob man Abercrombie mit solchen stereotypen Beschreibungen gerecht wird, denn sein Markenzeichen ist es, mit solchen vermeintlich klar determinierten Charakteren zu spielen und unerwartete Wendungen einzubauen. Ein Großteil des Vergnügens beim Lesen seiner Romane basiert gerade darauf.

Als abgeschlossen kann man die First Law-Trilogie nicht bezeichnen. Das Ende ist offen, der Zyklus beginnt von neuem. Im Gegenteil, der Auftakt zu einem noch größeren Konflikt ist gegeben, die Abrechnung mit Khalul steht noch aus. Der Norden ist nach wie vor eine Bedrohung, auch wenn Bethod mit seiner Hexe untergeht. Gleich zwei neue Könige wird es geben, nicht unbedingt unerwartet. Beide müssen jedoch feststellen, dass man leichter König wird, als es zu bleiben.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

In höchste Höhen befördert, Lieblinge und Helden des Volkes, und am Ende doch kein Happy End. Zynisch und überzeugend präsentiert uns Abercrombie, wie unsere Helden gnadenlos scheitern. Ironischerweise ist gerade der in „Feuerklingen“ so übel scheiternde Bayaz der große Gewinner. Auch Glokta erfährt unerwartetes Glück, wohingegen Luthar und Logen nur aufsteigen, um noch tiefer zu fallen… Logen sogar im wörtlichen Sinne aus dem Fenster. Ich habe mit Luthar gefiebert und erlebt, wie aus der Made ein Mann geworden ist. Was Abercrombie seiner Figur antut, ist eine Tragödie par excellence. Seine Liebe zu Ardee West endet tragisch, sein ehemaliger Freund Collem West wird ein Kriegsheld, aber gesundheitlich dürfte es sogar Glokta besser gehen. Luthars Freiheit wird ihm ebenfalls genommen, er wird zur Marionette der Spinne Bayaz.

Bei aller Finesse und gekonnten, oft angenehm überraschenden Wendungen, wird Abercrombie leider trotzdem durchschaubar: Er treibt den Zynismus der Serie so weit, dass er geradezu krampfhaft jedes kleine bisschen Glück brutal mit dem Vorschlaghammer oder auf eine noch perfidere Weise zerschlagen muss. Man wartet nur noch darauf, wie er es tut. Richard K. Morgan („Das Unsterblichkeitsprogramm“) könnte es nicht besser; auch dessen Romane leiden manchmal unter diesem zwanghaften Zynismus. Hier wäre weniger sicherlich mehr.

Während Gloktas und Logens innere Dialoge wieder einmal echte Highlights des Romans sind, bleibt Ferro Maljinn erneut ein relativ funktionsloser Charakter, dessen einzige Aufgabe scheinbar darin besteht, von Lesern und Rezensenten als Unsympath gehasst zu werden. Hoffentlich ist Abercrombies Söldnerin Murcatto keine zweite Ferro!

Fazit:

Als perfekt inszenierte Tragödie präsentiert sich „Königsklingen“, nur an Details kann ich mäkeln. Das Verhalten von zwei Nebencharakteren war für mich nicht wirklich nachvollziehbar motiviert; auf diese Weise die Geschichte einen Haken schlagen zu lassen, ist leider zu willkürlich und aufgesetzt. Wo in den ersten beiden Bänden Faszination über Abercrombies bemerkenswerte Charaktere den Leser in den Bann zog, ist es diesmal der Automatismus der jeweils persönlichen Katastrophe, der sie scheinbar nicht entgehen können, der den Leser mitleiden lässt und mich tief beeindruckt hat.

Mitleiden und genießen! Eine leichte Verstimmung wegen eines Übermaßes an schwarzem Humor und Zynismus muss der eine oder andere Leser aber unter Umständen befürchten. Ein wenig vermisse ich die Innovation – will Abercrombie das bewährte Schema wirklich in einer weiteren Trilogie und den „Racheklingen“ erneut breittreten? Viele Kritiker vermissten eine Handlung, einen roten Faden, dem sich Abercrombie aber konsequent verweigern muss. Seine Welt ist dynamisch und überraschend, nicht determiniert mit einem klassischen Endkampf, wie es traditionell oft der Fall ist. Ist unter solchen Voraussetzungen überhaupt ein klassisches Ende möglich? Tendenziell müsste „Racheklingen“ vielleicht gerade das bieten, aber wird uns Abercrombie wirklich eine erfolgreich vollzogene Rache präsentieren? Ich wage das zu bezweifeln.

So sehr ich mich auch auf eine Fortsetzung der Abenteuer Logens, Gloktas und Co. freue, Abercrombie hat sie bereits durch den seelischen und körperlichen Fleischwolf gedreht, und bei aller Tragik hat er die Charaktere nicht nur weiterentwickelt, sondern faktisch ebenso zurückentwickelt, insbesondere Logen, der wieder einmal ins Bodenlose fällt – ein zyklisches Schema mit Wiederholungsgefahr. Angesichts der Begeisterung, mit der ich alle Romane Abercrombies bisher verschlungen habe, möchte ich mich darüber jedoch nur auf sehr hohem Niveau beklagen.

Originaltitel: Last Argument of Kings
Übersetzt von Kirsten Borchardt
Mit Illustrationen von Dominic Harman
944 Seiten Paperback

http://www.heyne-magische-bestseller.de
http://www.heyne.de

Homepage und Blog des Autors:
http://www.joeabercrombie.com/

Thiemeyer, Thomas – Nebra

Kaum jemand würde die kleine sächsische Stadt Nebra kennen, wäre dort nicht 1999 die nach dem Ort benannte „Himmelsscheibe von Nebra“ von Raubgräbern gefunden worden. Das rund 3600 Jahre alte Artefakt ist von unschätzbarem Wert, bereits seine Fundgeschichte ist ein Krimi. Über Mittelsmänner wurde die Scheibe illegal weiterverkauft, bis die Schweizer Polizei sie im Jahr 2002 bei einem fingierten Kauf sicherstellen und an das Land Sachsen-Anhalt zurückgeben konnte. Heute wird die Scheibe als Prunkstück im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ausgestellt, von einem ungefähren Versicherungswert von 100 Millionen Euro wird gemunkelt.

Mittlerweile ist es eher ruhig geworden um die Himmelsscheibe, die gründlich untersucht wurde und zu zahlreichen Spekulationen verleitet hat. Denn die weltweit älteste Darstellung des Nachthimmels mit ihren Mond-, Sternen- und Sonnensymbolen, rund 200 Jahre älter als die ältesten bekannten ägyptischen, ist in ihrer Deutung nach wie vor umstritten und gibt den Archäologen Rätsel auf. Eine der faszinierendsten Theorien stammt von der an der Erforschung beteiligten Archäologin und Spezialistin für Religionen der Bronzezeit, Miranda Aldhouse-Green: Die Häufung religiöser Themenkreise wie Sonne, Sonnenwenden, Sonnenbarke und Mond sowie der Plejaden stelle eine Sammlung verschiedener europäischer (Anmerkung: Die Sonnenbarke steht eher in ägyptischer Tradition) religiöser Symbole dar und könnte einem europaweiten, komplexen Glaubenssystem angehören und eine heilige Botschaft repräsentieren.

Da man die Himmelsscheibe von ihrem Fundort am Mittelberg aus an dem ca. 85 Kilometer entfernten Berg Brocken im Harz justieren und so zur Beobachtung von Sommer- und Wintersonnenwenden nutzen kann, bot sich für den Autor Thomas Thiemeyer eine blendende Gelegenheit, ein archäologisches Rätsel mit einer geballten Ladung Mythologie und Abenteuer zu verbinden. Der Brocken ist bekannt für die Walpurgisnacht und Hexensabbat. Der christliche Versuch, das heidnische Beltanefest durch das Überstülpen eines christlichen Feiertags, eben den der heiligen Walburga, zu assimilieren und in Vergessenheit zu bringen, war bis heute nicht völlig erfolgreich.

Hier setzt Thiemeyer an: Auch im Jahr 2008 gibt es den heidnischen Kult noch. Der ganze Harz ist auf den Beinen und bereitet sich auf eine groß angelegte Walpurgisnacht vor, ein großes Fest für den Tourismus und ein Gräuel und Frevel für die Sekte. Doch die Sterne stehen günstig, zudem wurde die fehlende Himmelsscheibe mittlerweile entdeckt. Mit ihrer Hilfe will man die Tore zur Hölle öffnen und strafende Dämonen entfesseln. Blitze, Hagel und Wetterleuchten rund um den Brocken sind nur der Anfang … Unfreiwillig im Mittelpunkt steht die aus Thiemeyers erstem Roman [„Medusa“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=482 bekannte Archäologin Hannah Peters, die zu diesem Zeitpunkt versucht, die Geheimnisse der Himmelsscheibe von Nebra zu lüften.

_Ein Riesenbrocken Spaß, Spannung, Mythologie, Archäologie und Abenteuer_

Thomas Thiemeyer (* 1963) studierte Kunst und Geologie in Köln und machte sich sowohl als Schriftsteller als auch Illustrator einen Namen. Das kommt auch der Gestaltung von „Nebra“ zugute, denn das Cover hat der Meister, wie bereits bei „Medusa“, „Reptilia“ und „Magma“, selbst gestaltet.

Schriftstellerisch hat Thiemeyer sich seit „Medusa“ kontinuierlich weiterentwickelt. Nebra liest sich noch flüssiger als „Magma“ und ist noch packender und faszinierender als seine Vorgänger. Wie er die reiche Kultur und Geschichte Deutschlands als Grundlage seines Romans nutzt, ist wirklich großartig. Wer hätte gedacht, dass man babylonische, ägyptische, britisch-bronzezeitliche und andere mythologische Elemente stimmig in den Harz verlegen kann? Der Prolog um vier Jugendliche, die sich während einer Klassenfahrt in eine Höhle im Brocken verirren, von einer Art Wolfsmenschen gefangen und in ein heidnisches Ritual als Opfer eingebunden werden, ist nur der Beginn eines Ideenfeuerwerks, das seinesgleichen sucht. Ich fühlte mich spontan an Michael Crichtons „Eaters of the Dead“ erinnert, beziehungsweise an die bekannte Verfilmung „Der 13te Krieger“ mit Antonio Banderas.

Interessant dürfte auch ein Vergleich mit Dan Brown und Ken Follett sein, die einen ähnlichen Stil pflegen, zumindest, was die Länge der Kapitel und Wechsel der Perspektive angeht. „Nebra“ unterteilt seine 507 Seiten in 57 Kapitel. Liegt das Geheimnis moderner Romane etwa auch in Kürze und Abwechslung? Wegen der gelungenen Kombination von Fiktion und Deutung archäologischer Hinweise kann „Nebra“ hier punkten, die Geschichte entwickelt sich im Schneeballsystem zu einer wahren Lawine. Ständig erfährt man etwas Neues, Faszinierendes. Gelegentlich kann ein aufmerksamer Leser sogar den Charakteren voraus sein und Fakten und Verdachtsmomente erfolgreich kombinieren, was mir sehr gut gefallen hat.

Eine meiner Lieblingsfiguren war der pensionierte Kommissar Pechstein, der ein guter Freund des Polizeipräsidenten ist und seine ehemalige „Schülerin“ und Nachfolgerin Ida Benrath bei aller Freundschaft mit seiner väterlich-bevormundenden Art doch gehörig nervt und die Ermittlungen teilweise auch eher behindert. Glaubhafte und interessante Nebencharaktere geben „Nebra“ noch eine Extraportion Würze. Leider trifft das nicht auf die Hauptfigur Hannah Peters zu. Eine schöne, intelligente und leider auch komplizierte Frau, die gelegentlich doch sehr naiv ist, mag an und für sich eine interessante Figur sein, doch scheint das Genre Abenteuerroman zwischen zwei Extremen zu pendeln. Entweder hat man charismatische Über-Figuren wie einen Indiana Jones oder relativ austauschbare Stichwortgeber und Rätselknacker à la Robert Langdon. Letzterer musste in „Sakrileg“ seine geliebte Vittoria aus „Illuminati“ für ihre Forschung an einem ominösen Schwarm wandernder Rochen vor der indonesischen Küste aufgeben, während Hannah Peters ihr Ex- oder Möchtegern-Freund John nach wie vor hinterherhechelt. Ob es nun Hannah Peters, David Astbury oder Ella Jordan sind, die in Thiemeyers Romanen agieren, der Hauptcharakter ist grundsätzlich ersetzbar, denn es ist stets die fabelhafte Geschichte selbst, die fasziniert.

_Fazit:_

„Nebra“ könnte bereits im Frühjahr der Roman des Jahres 2009 sein. So viel geballte und intelligente Unterhaltung scheint nur Thiemeyer in Serie produzieren zu können, und wieder einmal übertrifft er sich selbst. Dabei ist er abwechslungsreicher als Dan Brown, der stets dasselbe grundlegende Schema neu aufkocht. Das Mythologie/Archäologiespektakel am Brocken ist zudem aktueller und innovativer als ein zugegeben gelungener Neuaufguss längst bekannter Gralslegenden. Kurz gesagt, wer Dan Browns Romane mag, der muss Thiemeyers Romane lieben; ich persönlich halte sie, wie erwähnt, in vielerlei Hinsicht für noch besser.

Tipp: „Nebra“ kaufen, „Google Earth“ installieren und sich die Gegend um den Brocken und andere Handlungsschauplätze des Romans ansehen und zusätzlich zur Lektüre kredenzen. Hannah Peters ist, wie vermutlich der Autor des Romans auch, von dem Programm begeistert.

http://www.thiemeyer.de/

_Mehr von Thomas Thiemeyer auf |Buchwurm.info|:_

[Interview mit Thomas Thiemeyer 03/07 – »Magma ist großes Kino«]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=74
[Interview mit Thomas Thiemeyer 09/04 – »Am liebsten male ich groß, fett und in Öl.«]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=25
[„Medusa“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=482
[„Reptilia“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1615
[„Magma“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3415
[„Magma“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4796 (Hörbuch)

Baxter, Stephen – Navigator (Die Zeit-Verschwörung 3)

|Die Zeit-Verschwörung|
Band 1: [„Imperator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3516
Band 2: [„Eroberer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4333
Band 3: _“Navigator“_
Band 4: „Diktator“

Können Sie sich vorstellen, was passiert wäre, wenn Kolumbus Amerika nicht entdeckt hätte? Wenn Mongolen oder Chinesen die durch einen noch brutaleren Glaubenskrieg stark geschwächten Europäer und Araber völlig überrannt hätten und stattdessen eine mesoamerikanische Hochkultur Europa entdeckt hätte?

Mehrere unbekannte „Weber der Zeit“ versuchen seit Jahrhunderten, mit Hilfe von Prophezeiungen und Anweisungen den Lauf der Geschichte grundlegend zu verändern. Jahrzehntelange Vorbereitungen zur Beeinflussung von Christoph Kolumbus entscheiden das Schicksal der Welt, der sich der Tragweite seiner Entscheidung jedoch nicht im Geringsten bewusst ist.

_Die Zeit-Verschwörung_

Der Engländer Stephen Baxter (* 1957) ist bekannt für seine naturwissenschaftlich fundierten Science-Fiction-Romane. Seit 1995 arbeitet Baxter hauptberuflich als Autor und wurde seitdem mit zahlreichen renommierten SciFi-Preisen wie dem |Philip K. Dick Award| und unter anderem auch dem deutschen |Kurd-Laßwitz-Preis| ausgezeichnet.

Doch Baxter ist kein Technomane, er ist vielmehr ein Visionär. Er scheut sich nicht, Handlungsbögen aus tiefster Vergangenheit über die Gegenwart bis hin in die ferne Zukunft zu schlagen, wie er es bereits in seiner |Kinder des Schicksals|-Trilogie getan hat.

Dies tut er auch in der |Zeit-Verschwörung|, die ich treffender dem Genre Alternate History denn der Science-Fiction zuordnen möchte. Das Zeitalter der Römer in Britannien und dessen Niedergang behandelte er im ersten Band „Imperator“, in „Eroberer“ zeigt er den Aufstieg und Fall der germanischen und nordischen Stämme in England. Dabei macht er die Schlacht bei Hastings 1066 als den Dreh- und Angelpunkt der Prophezeiung fest; Harold Godwinson hat es in der Hand, die Prophezeiung des Webers zu erfüllen und die Tür für die prophezeite zehntausendjährige glorreiche nordische Zukunft Britanniens aufzustoßen. Doch der Normanne Wilhelm siegt, der Plan des ominösen „Webers der Zeit“, von dem die Prophezeiung stammt, erfüllt sich nicht.

Hier setzt der dritte Band „Navigator“ an: Zwei widerstrebende Prophezeiungen sollen Christoph Kolumbus beeinflussen, den Weg nach Indien im Westen oder im Osten zu suchen. Es scheint mehrere Weber zu geben, die den Zeitteppich in ihrem Sinne verändern möchten. Einer scheint die Entdeckung und Besiedelung Amerikas im Keim ersticken und eine Konfrontation mit dem Islam provozieren zu wollen, während der andere eindringlich davor warnt. Kolumbus selbst ist nur Spielball und Nebenfigur in diesem Roman, der das Schicksal zweier Familien im Laufe der Jahrhunderte zeigt, die jeweils ihre Version der Prophezeiung zu verwirklichen versuchen. Dabei waren der spätere Kreuzfahrer Robert und die schöne Muslima Moraima einst in hoffnungsloser Liebe miteinander verbunden …

_Christentum und Islam_

… stehen im Mittelpunkt des Romans – nicht Kolumbus oder eine Seefahrt, wie man meinen könnte. Im maurischen Spanien kurz nach der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer treffen wir einen alten Bekannten wieder: Der Priester Sithric arbeitet im Diensten der Araber an „Wunderwaffen“ für die Prophezeiung. Zwar ist er ein erklärter Diener Gottes und Gegner des Islam, doch nur der Wesir von Cordoba verfügt über das nötige Wissen und die Ressourcen, die er benötigt. Beide benötigen den anderen, und obwohl sich beide schließlich persönlich schätzen lernen, endet ihre Geschichte tragisch. Ebenso die Liebesgeschichte zwischen Robert und Moraima, die mit einer Teilung der Prophezeiung endet. Die Christen (Roberts Nachfahren) arbeiten fortan an ihrem Teil der Prophezeiung, während die Moslems (Moraimas Kinder) dasselbe tun. In beiden Lagern gibt es jedoch unterschiedliche Auffassungen, ob man der Prophezeiung Folge leisten sollte. Als später eine weitere Prophezeiung der geteilten ersten widerspricht, liegt die Entscheidung in den Händen weniger; man könnte fast sagen, in denen des Zufalls.

Baxter streut kleine Episoden ein, in denen von einem vollständig moslemischen Europa berichtet wird, das ein aktiv Zeitreisender in persona, nicht in Form einer auf gut Glück in die Vergangenheit geschickten Prophezeiung, gerade noch verhindern konnte, indem er Karl Martell unterstützte. Die Schlussfolgerung, dass es mehrere „Weber“ mit unterschiedlichen Interessen gibt, liegt nahe, aber weiter geht Baxter auf das in den ersten Bänden sehr diffuse Geheimnis um den oder die „Weber der Zeit“ wieder nicht ein.

Stattdessen überzeugt er mit starken Charakteren und sehr schön erzählten abwechslungsreichen Episoden, die von Andalusien über die Kreuzzüge bis hin in das Mongolenreich reichen, aber hier möchte ich nicht mehr verraten. Wer hätte das dem sonst definitiv nicht eben für seine Charakterisierung von Personen bekannten Baxter zugetraut? Die Liebesaffäre von Robert und Moraima ist ihm vortrefflich gelungen, sie akzentuiert zudem die spätere Tragik: Ihre Nachfahren werden sich noch bis zur Reise des Kolumbus gegenseitig zerfleischen. Kolumbus selbst ist nur eine Randfigur, wichtig ist nur seine Entscheidung. Überhaupt wird der Mann aus Genua eher als kleines Licht dargestellt, der sich auf jede nur erdenkliche Weise einschmeichelt, um seine Expedition zu finanzieren. Das kleinste Rad ist er im großen Getriebe, und dennoch macht seine Entscheidung Geschichte.

_Fazit:_

Baxter hat es endlich geschafft, seiner Zeit-Verschwörung Substanz zu geben. Sehr viel spekulativer erzählt er seine eigene Geschichte, akzentuiert Bekanntes neu, anstatt sich wie in den Vorgängern sklavisch eng an der Historie zu orientieren. Auch wenn man immer noch nicht viel über den Weber erfährt und die Zeitmanipulationsaspekte oft eher unnötig aufgesetzt wirken, um historische Episoden zu erzählen, hat Baxter die übergeordnete Handlung viel stimmiger mit seiner Geschichte verwoben, seine Charaktere sind ausgefeilter und man kann mit ihnen mitfühlen. Die völlige Belanglosigkeit der verwirrend schnell wechselnden unterentwickelten Charaktere der Vorgänger hat ein Ende gefunden, auch erzählerisch spinnt Baxter ein wesentlich bekömmlicheres Garn. Warum nicht gleich so?

Das Geheimnis des Webers wird im grandiosen Abschlussband „Diktator“ gelüftet. Der Titel lässt bereits erahnen, wer hinter den Zeitmanipulationen um ein „zehntausendjähriges arisches Reich“ im Norden und hinter der forciert beschleunigten Erforschung von Schlüsseltechnologien für künftige „Wunderwaffen“ steckt. Schade, dass Baxter mit den beiden eher schwachen ersten Bänden vermutlich viele Leser enttäuscht und vergrault hat. „Navigator“ stellt eine deutliche Steigerung zu den Vorgängern da, „Diktator“ wird diesen positiven Trend erfreulicherweise fortsetzen.

|Originaltitel: Navigator (Time Tapestry 3)
Übersetzt von Peter Robert
Taschenbuch, Broschur, 592 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-52371-5|
http://www.heyne.de

_Mehr von Stephen Baxter auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Orden“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1040 (Kinder des Schicksals 1)
[„Sternenkinder“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1591 (Kinder des Schicksals 2)
[„Transzendenz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3193 (Kinder des Schicksals 3)
[„Evolution“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=282
[„Zeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=389 (Das Multiversum 1)
[„Die Zeit-Odyssey“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1496
[„Das Licht ferner Tage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1503
[„Anti-Eis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1504
[„Zeitschiffe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3084
[„Vakuum-Diagramme“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=389

Lawhead, Stephen – Scarlet – Herr der Wälder (Rabenkönig 2)

|Die Rabenkönig-Trilogie:|

[Hood – König der Raben]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3803
|Scarlet – Herr der Wälder|
Tuck (Januar 2009, US-Ausgabe)

Stephen Lawhead (* 1950) setzt seine historisch fundiert recherchierte Fassung der Legenden um Robin Hood auf interessante Weise mit einem erzählerischen Kniff fort:

Der titelgebende Will Scarlet, Vertrauter des Rabenkönigs Rhi Bran y Hud, sitzt im Gefängnis und wartet auf seine Hinrichtung. Nur der Verrat am Rabenkönig und seinen Gefährten könnte ihn vor Abt Hugos Zorn retten. Scarlet diktiert Bruder Odo seine Geschichte, und beide werden allmählich Freunde, denn Scarlet denkt gar nicht daran, Hugo oder den Sheriff mit Informationen zu versorgen. Er schildert Odo, wie sein Thane Aelred entmachtet und er zum Geächteten wurde, wie er sich dem Rabenkönig anschloss und schließlich gefangen gesetzt wurde.

Erst nach dieser Rückschau setzt die weiterführende Handlung des zweiten Bandes ein: Rhi Brans Männer haben einen an den Papst adressierten Brief erbeutet, dessen Inhalt sie vorerst nicht richtig deuten können. Dieser ist jedoch brisant und grenzt an Hochverrat: Einige der Barone von König Wilhelm Rufus kochen lieber ihr eigenes Süppchen als treu zu ihrem Lehnsherrn zu stehen. Auch die Familie de Braose ist in das Komplott verwickelt, und Bran sieht die lang erwartete Gelegenheit gekommen, sein Erbland Elfael zurückzugewinnen und die Gnade und Gerechtigkeit des Königs zu erlangen.

_Eindrücke:_

Da dies der zweite Band einer Trilogie ist, kann man erahnen, dass Rhi Bran/Robin und der König differierende Auffassungen von ‚Gerechtigkeit‘ haben. Historisch wurde Wilhelm Rufus von dem verirrten Pfeil eines Untergebenen niedergestreckt; nach dem Ende des zweiten Bandes bin ich mir sehr sicher, dass es sich in dieser Trilogie nicht um ein Versehen handeln wird. Aber in „Scarlet“ wird der König überleben; die Eskalation des Kampfes zwischen dem König, dem Sheriff und Robin Hood wird erst im abschließenden Band „Tuck“ stattfinden.

Der erste Teil des Buches behandelt das Leben William Scatlockes, der sich selbst Scarlet nennt – aufgrund seines Namens, nicht wegen einer besonderen Vorliebe für die Farbe. Er wird nie in scharlachroter Montur auftreten, wie dies in diversen Filmfassungen der Fall ist. Diese Romanpassage langweilte mich ein wenig, denn so nett und interessant Scarlets Geschichte auch sein mag, die Erzählung vom brutal durch die Normannen enteigneten Waliser, der daraufhin zum Geächteten wird und in die Wälder flüchtet, wurde im ersten Band bereits erzählt. Robin und Scarlet sind beide erstklassige Bogenschützen, auch sonst sind sie sich sehr ähnlich, sowohl in ihrer Geschichte als auch in ihrem Charakter.

Erst als die Sprache auf den Brief kommt, läuft „Scarlet“ zur Höchstform auf. Mit Sir Guy de Gysburne und Richard de Granville, dem Sheriff, treten notorisch berühmt-berüchtigte Figuren der Legenden um Robin Hood auf. Auffallend ist, dass Granville zwar Sheriff, aber nicht der Sheriff von Nottingham ist. Hier möchte ich daran erinnern, dass Lawhead die Handlung in das walisische Grenzgebiet verlegt hat. Im Gegensatz zu anderen Fassungen sind der Sheriff und Sir Guy auch nicht ein Herz und eine Seele oder Herr und Untergebener. Sir Guy und seine Ritter dienen dem ehrgeizigen Abt Hugo, nachdem sie von Robin überfallen und ausgeraubt wurden, ihren Baron enttäuschten und Guys Karriere in dessen Diensten beendet war. Er ist dem Sheriff nicht direkt unterstellt, obwohl dieser sehr oft nach Gysburne ruft.

Ziemlich zurückgenommen hat Lawhead den Groll, den Gysburne gegen Robin hegt. Er dient jetzt dazu, zwei verschiedene Arten von Grausamkeit und Unrecht zu zeigen, unter denen die Waliser zu leiden haben: So töten die jungen Ritter Guys nach einer frustrierend erfolglosen Jagd ein paar Tiere aus der Herde eines walisischen Hirten. Er lässt sie gewähren und schlägt den ihn um Gerechtigkeit anflehenden Hirten nieder. Er hat keine besondere Beziehung zu den Bewohnern oder dem Land, in dem er jetzt dient und lebt. Sie sind ihm völlig egal. Die Grausamkeit des Sheriffs ist anderer Natur: Er kennt die Regeln der Macht und setzt das Gesetz mit erbarmungsloser Härte durch. Bewusste Abschreckung durch Terror und ein Hang zum Sadismus zeichnen ihn aus, der dem gedankenlos brutalen Guy fehlt. Sir Guy kennt Ritterehre; er nimmt es den Sheriff übel, wenn er Wort bricht und Gefangene trotzdem hängen will, obwohl er ihnen zuvor Versprechungen gemacht hat.

Der weitere Verlauf ist geradezu klassisch: Der Sheriff jagt Robin, doch er erwischt ihn nicht. Robin versucht einmal sogar, den betrunkenen Sheriff zu entführen, und schleppt ihn wie einen nassen Sack über der Schulter mit sich. Verkleidet unter den Männern des Sheriffs, schlägt er ihnen so manches Schnippchen, und es kommt sogar zu einem Bogenschießen mit Sir Guy, obwohl es kein direkter Wettbewerb zwischen den beiden sein wird. Besonders interessant wird die Geschichte, als Robin sich in die Dienste des Königs stellt: Sein Erbland Elfael gegen die Aufdeckung einer Verschwörung gegen Wilhelm Rufus. Dieser ist leider, wie bereits erwähnt, kein edler Richard Löwenherz. So entledigt sich Robin zwar der Familie de Braose, sein Land erhält er dennoch nicht zurück:

|“Nach einer angemessenen Zeit des Nachdenkens ist der König zu dem Schluss gekommen, dass es nicht im besten Interesse der Krone ist, Elfael zu diesem Zeitpunkt wieder unter walisische Herrschaft zu stellen.“ „Und was wird aus uns?“, schrie Bran, der nun sichtlich wütend wurde. „Das ist unser Land – unsere Heimat! Man hat uns Gerechtigkeit versprochen!“

„Gerechtigkeit“, erwiderte der in Seide gewandete Bischof kühl, „habt ihr auch bekommen. Euer König hat ein Urteil gefällt. Sein Wort ist Gesetz.“
(…)

Gysburne war der Einzige, der diese Katastrophe amüsant fand – er und ein paar der nicht ganz so klugen Soldaten bei ihm.| (S. 444/446)

Ich hoffe etwas klüger zu sein als die Soldaten Gysburnes, aber als Leser finde auch ich die Situation köstlich. Erst jetzt wird Robin Hood vom lästigen Räuber zum ernsthaften Problem, eine Eskalation und das Aufeinanderprallen von Sheriff, Gysburne und Robin unvermeidlich. Und auch mit dem König und Abt Hugo wird noch abgerechnet. Viel Stoff also für den abschließenden Band, der wieder von einer anderen Person – dem aufgrund der Ernährung im Wald nicht mehr ganz so dicken Mönch Tuck – erzählt werden wird.

_Fazit:_

Erwähnenswert ist auch das neue Erscheinungsbild der Trilogie: „Scarlet“ verwendet dasselbe moderne und hübsch anzusehende Titelbild wie die amerikanische Fassung. Auch wenn mir dieser Stil persönlich besser gefällt als der des ersten deutschen Bandes „Der König der Raben“, ist es dennoch ärgerlich, dass das Erscheinungsbild der Trilogie verändert wurde. „Der König der Raben“ ist jetzt im neuen Einband unter dem leicht veränderten Titel „Hood – König der Raben“ erhältlich.

Bei der wie üblich lobenswerten Übersetzung von Rainer Schumacher fielen mir einige Schludrigkeiten bei der Namensgebung auf: Baron Neumarché heißt jetzt Baron Neufmarché (im ersten Band Neumarché), das englische William und das deutsche Wilhelm werden wahllos miteinander gemischt und vermischt für ein- und dieselbe Person, und aus Guy von Gysburne wird manchmal auch Guy de Gysburne. Die verschiedenen Stadien der Verballhornung von Rhi Bran y Hud über Rhi Bran Hud zu Riban Hud und schließlich Robin Hood sensibilisieren für die Namensgebung, und es mag gut möglich sein, dass im Original Gysburne von normannischen Adeligen als „de Gysburne“ und von den Walisern als „von Gysburne“ bezeichnet wird, allerdings konnte ich diese mögliche Unterscheidung im Text der deutschen Übersetzung nicht nachvollziehen und die Verwendung erschien mir wie bei William/Wilhelm sehr willkürlich.

Auch wenn mir der Charakter Will Scarlet wie ein schwächeres Abziehbild Robin Hoods erscheint, kompensieren die späteren Auftritte des Sheriffs und die Handlung um den politisch brisanten Brief für diese gewisse Redundanz zum ersten Band. Es wird nicht mehr so viel Hintergrund über die Lage im Land dargelegt, nur wenige, spärlich kurze Passagen werden noch aus der Sicht der normannischen Adeligen erzählt. Das habe ich ein wenig vermisst, dafür gibt es jetzt mehr äußere Handlung – es wird erfrischend viel gekämpft, intrigiert und getrickst.

Zu meiner großen Freude scheint der Abschlussband aufgrund des Cliffhangers, in dem Abt Hugo Sir Guy de Gysburne gezielt auf die Jagd nach Robin schickt, noch mehr davon zu bieten. Stephen Lawhead, obwohl – wie seit Anfang 2007 bekannt ist – an Krebs erkrankt, geht es nach eigenen Angaben wieder besser, und die Ankündigung im Nachwort der deutschen Übersetzung (der abschließende Band könne aufgrund gesundheitlicher Probleme eine Weile auf sich warten lassen) ist somit überholt. „Tuck“ erscheint im US-Original am 10. Februar 2009; über den Erscheinungstermin der Übersetzung ist noch nichts bekannt.

|Originaltitel: Scarlet
Ins Deutsche übertragen von Rainer Schumacher
461 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-2341-8|
http://www.stephenlawhead.com
http://www.luebbe.de

_Mehr von Stephen Lawhead auf |Buchwurm.info|:_

[Hood – König der Raben]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3803
[„Der Sohn des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=51
[„Der Gast des Kalifen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=114
[„Die Tochter des Pilgers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=178
[„Taliesin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=929
[„Empyrion – Die Suche“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8
[„Empyrion – Die Belagerung „]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=12
[„Der Sohn der grünen Insel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1046

Hobb, Robin – Im Bann der Magie (Nevare 2)

|Die Nevare-Trilogie (Soldier Son Trilogy):|

Band 1: [Die Schamanenbrücke]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4981
(Shaman’s Crossing)
Band 2: _Im Bann der Magie_ (Forest Mage)
Band 3: Renegade’s Magic

Die Fleckseuche hat in der Hauptstadt Gerniens und der Kavalla-Akademie gewütet. Viele Freunde und Feinde Nevares sind tot oder dienstuntauglich, Nevare aber hat die Seuche nicht nur überlebt, sondern legt zur Verwunderung von Dr. Amicas ordentlich an Gewicht zu. Während sich das Leben in der Akademie unter Oberst Rebins bewährter Führung zum Besseren wendet, ruft ein freudiger Anlass Nevare nach Hause: Sein älterer Bruder heiratet – für ihn die Gelegenheit, seine Familie und seine Angebetete Carsina wiederzusehen.

Auf der Reise macht Nevare sein Fleck-Ich zu schaffen. Er spürt die Magie, besonders als er die „Spindel“ – eine spindelförmige Felsnadel, Zentrum der Flachländermagie – zum ersten Mal erblickt. Durch einen vermeintlichen Unfall – sein Fleck-Ich übernimmt die Kontrolle – bringt er die Spindel zum Stillstand und zerstört damit die Flachländermagie vollständig. Nevare bemerkt auch, dass er immer dicker wird, obwohl er auf der Reise kaum etwas isst.

Auf dem Gut seiner Familie angekommen, entsetzt sein Anblick seine Verwandten. Besonders sein stolzer Vater kann den Anblick seines total verfetteten Sohnes, der ordentlich zupackt beim Essen, nicht ertragen. Auf der Hochzeit seines Bruders handelt er seiner Familie Hohn und Spott ein, seine Verlobte Carsina wendet sich entsetzt von ihm ab. Nevares Beteuerungen, seine extreme Fettleibigkeit sei eine Folge der Fleckseuche, die normalerweise genau das Gegenteil bewirkt, stoßen bei seinem Vater auf Unglauben, der nun den Berichten des alten Akademieleiters über die Undiszipliniertheit seines Sohnes Glauben schenkt. Als Nevare trotz Zwangsdiät und harter Arbeit nicht abnimmt, hält er ihn für einen Betrüger. Das kurze Zeit später eintreffende Entlassungsschreiben aus der Kavalla aus medizinischen Gründen leitet den endgültigen Bruch mit seinem Vater ein. Als die Fleckseuche die Gegend heimsucht und fast seine ganze Familie stirbt, verstößt ihn sein vor Gram halb wahnsinnig gewordener Vater.

Nevare fühlt sich in die Waldlande gezogen, teils um die Ursache seiner Fettleibigkeit zu ergründen, teils um dort ein neues Leben zu beginnen. Er strandet in einem verlassenen und aufgegebenen Kaff nahe dem Ende der Straße des Königs, wo er der Hure Amzil und ihren Kindern hilft. Erst der verwundete und hilfsbedürftige Kavalla-Scout Buel Hitch bringt Nevare zur Weiterreise zur Garnison in Gettys, wo er trotz seiner Fettleibigkeit aufgrund seiner Empfehlung eine Chance als Kavalla-Soldat bekommt; allerdings bekommt er nur den Posten als Friedhofswärter zugeteilt.

Die Fleck stehlen die Leichen und lehnen oder hängen sie an Bäume in dem unheimlichen Wald neben dem Friedhof, der schon mehrere Wärter in den Wahnsinn getrieben hat. Die Stadt Gettys leidet unter einer Atmosphäre der Verzweiflung und Bedrücktheit, die selbst das ehemalige Elite-Regiment in Disziplinlosigkeit verfallen lässt. Die Ursache sind drei gefällte heilige Kaembra-Bäume der Fleck, an deren Stümpfen die Arbeitstrupps nicht vorbeikommen. Angst und ein Gefühl der Bedrohung behindern die Arbeiten an der Straße des Königs in ihrer Nähe, und Nevare selbst erlebt den berüchtigten „Gettys-Schiss“ in ihrer Nähe.

Er trifft in Gettys auch seinen Freund Spink sowie Epiny wieder, die ihm als Einzige seine durch Magie verursachte Fettleibigkeit glauben. Als die Fleck wieder Leichen stehlen, dringt Nevare in den Wald ein, wo sein Fleck-Ich stärker wird. Er trifft die Fleckfrau Olikea, die ihm offenbart, dass er ein „Großer“ ist, ein von der Magie Auserwählter. Sie mästet ihn mit speziell für Große geeigneten Früchten, um die Magie in ihm zu stärken, gemäß dem Schema: je dicker der Magier, desto mehr Magie kann er wirken.

Nevare ist zwischen Fleck und Gerniern hin- und hergerissen, versucht zu vermitteln, denn die Fleck planen zum Zeitpunkt der Inspektion der Garnison durch hochrangige Militärs einen weiteren Anschlag mit der Fleckseuche. Doch Nevare ist im Bann der Magie – nicht er benutzt die Magie, sondern sie ihn. Sein Fleck-Ich kennt keine Gnade gegenüber den Gerniern, und will nicht nur seine Warnung verhindern, sondern Nevare von seinen Freunden und Gettys fernhalten, ihn entfremden, und dazu ist der Magie jedes Mittel recht.

_Ein Leben zerstört von der Magie_

Selten wurde der Titel eines Romans (aus „Forest Mage“ wurde „Im Bann der Magie“) passender eingedeutscht. Denn die Magie ist es, die Nevares Leben grundlegend ändert, danach trachtet, ihn von Gernien und allem, was ihm lieb und teuer ist, zu entfremden. Die Verfettung Nevares bringt ihm Spott und Häme ein, zerstört seine Kavalla-Laufbahn und seine Liebe zu Carsina. Interessanterweise wird er erst aus der Kavalla entlassen, als er zuhause ist, wobei man dort wohl kaum sein Gewicht messen konnte. Der Entlassungsbrief kommt genau zur rechten Zeit, um die Situation eskalieren zu lassen, der Grund dazu ist allerdings aus oben genannten Gründen nicht gerade nachvollziehbar.

Die Fleck-Seuche folgt Nevare auf Schritt und Tritt, treibt ihn geradezu in die Waldlande der Fleck. Leider widmet sich ein großer Teil des Romans dem Fressverhalten Nevares, und der sozialen Ächtung, die damit einher geht. Potenzielle Highlights wie die erneute Begegnung mit Devara oder die geradezu beiläufige Vernichtung der Flachländer-Magie gehen wahrlich unter in den Fressorgien Nevares.

Erst nach einem kurzen Intermezzo mit der Hure Amzil, die eine Art Liebesbeziehung zu ihm aufbaut, obwohl sie ihn abstoßend findet, entwickelt sich die Handlung weiter. In Gettys, wo er dem ebenfalls der Magie verfallenen Buel Hitch begegnet, kommt es zu erneuten Kontakten mit den Fleck. Nevare entdeckt seine magischen Fähigkeiten nur sehr zögerlich, und der verwunschene Wald samt Friedhof sind bei weitem nicht so gruselig oder erschreckend wie etwa die „Entfremdeten“ in der |Weitseher|-Trilogie. Hobb ist eine grandiose Erzählerin, Charakterisierung von Figuren ihre Begabung. Doch Nevare trottet auf der Stelle, er kann sich nicht entscheiden. Er entwickelt sich nicht weiter, weder in die eine noch die andere Richtung. Sein von der Magie unterstütztes Fleck-Ich hingegen handelt für ihn in entscheidenden Situationen. Er ist geradezu ein Sklave der Magie.

Doch diese innere Spaltung zwischen Nevare und Fleck-Nevare wird kaum thematisiert! Hobb hebt sich dies leider ausschließlich für den letzten Band auf, dem es trotzdem etwas an Masse und Substanz fehlt. Man hätte beide Bände vereinen sollen; hier hat sich Hobb wohl leider dem Zwang, drei Bände liefern zu müssen, untergeordnet. Selbst der erotischen Begegnung mit der schönen Fleck Olikea sowie den Bräuchen der Fleck und ihrer Gesellschaft wird weniger Raum eingeräumt als Nevares Kampf mit seinem Gewicht. Es ist auch arg enttäuschend, dass sich die Handlung von der komplexen und ansprechenden Kavalla-Akademie zurück an den Geburtsort Nevares verlagert und auf einen reinen Vater-Gesellschaft-Sohn-Konflikt reduziert wird. Hobb hat viel über diese Welt erzählt, um am Ende am Waldrand derselben in dem trostlosen Kaff Gettys zu landen. Dort geht die Verachtung für Nevares Fettleibigkeit weiter, die faszinierenden Begegnungen mit der Fleck-Kultur sind zwar von entscheidender Bedeutung für die Handlung, aber leider rar gesät und knapp beschrieben.

_Fazit:_

Nevares Leben scheint sich stets zum Besseren zu wenden, doch werden diese Hoffnungen stets umso grausamer zerstört. Darin liegen die Dramatik des Romans und die Faszination des Charakters Nevare. Jedoch wird der sozialen Ächtung durch seine Fettleibigkeit – obwohl er sonst noch derselbe Nevare ist – zu viel Raum eingeräumt. Unter seiner enormen Wampe werden die zahlreichen anderen Aspekte des Romans geradezu erschlagen – schade!

Trotzdem konnte ich das Buch in wenigen Tagen verschlingen, denn Robin Hobb ist zu einer Meisterin der Ich-Perspektive geworden. Leider hat der so beschränkte Fokus auch Nachteile, es dreht sich einfach zu viel um Nevare – beziehungsweise seinen Leibesumfang. Die große und faszinierende Welt, die im ersten Band beschrieben wurde, wird leider an den Rand gedrängt, verkommt zur nutzlosen Staffage. Die Abscheu Nevares vor sich selbst und die seiner Mitmenschen erregte in mir leider weder Mitgefühl noch Reflektion der Ungerechtigkeit, die ihm widerfährt. Stattdessen wendet sich Hobbs Erzähltalent hier gegen den Leser – ich teilte den Ekel von Nevares Mitmenschen.

Schade, der erste Band der Reihe versprach viel Potenzial, leider verschenkt Hobb dieses völlig. Selbst ihre gereifte und perfektionierte Erzählkunst kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie hier ihre Prioritäten falsch gesetzt hat und mit dem sich ständig wiederholenden Diskurs über die sozialen Probleme extrem fetter Menschen die angenehmeren und vielversprechenderen Aspekte der Trilogie aus den Augen verloren hat.

|Originaltitel: Forest Mage
Aus dem Amerikanischen von Joachim Pente
832 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Vorsatzkarte und Lesebändchen
ISBN-13: 978-3-608-93813-5|
http://www.hobbitpresse.de
http://www.klett-cotta.de
http://www.robinhobb.com

_Robin Hobb auf |Buchwurm.info|:_

[„Die Schamanenbrücke“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4981 (Nevare 1)
[„Der Ring der Händler“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=281 (Die Zauberschiffe 1)
[„Der Adept des Assassinen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=229 (Die Legende vom Weitseher 1)
[„Der lohfarbene Mann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=230 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher I)
[„Der goldene Narr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=232 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher II)
[„Der weiße Prophet“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1969 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher III)
[„Der Wahre Drache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2020 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher IV)

Kashina, Anna – erste Schwert, Das

Das shandorianische Reich befindet sich in einer Krise: Der König liegt im Sterben, und das Konzil der Edlen ist zusammengetreten, um einen Nachfolger zu bestimmen. Denn der gewöhnliche Ritus der Thronfolge kann nicht mehr eingehalten werden. Der Favorit auf die Nachfolge des Königs, Herzog Evan Dorn, hat weder einen Erben, noch könnte er ihn der traditionellen Schwertprobe unterziehen. Er war der Letzte, der durch das magische Schwert geprüft wurde und den Stich durch das Herz, die Königsprobe, überlebt hat. Seitdem ist das Schwert verschwunden.

Die Kirche des Shal Addim erwartet von ihm, seinen Anspruch aufzugeben. Dazu ist Evan Dorn auch bereit, bis ihm die Bruderschaft der Bewahrer mitteilt, dass sein seit siebzehn Jahren tot geglaubter Sohn noch lebt. Doch leider ist er nicht wie gewünscht vor Ort. Die Kirche hat von den Plänen der Bewahrer erfahren, und der Bote der Bewahrer kam nie bei dem Königskind an.

In völliger Unkenntnis der Lage beobachten Skip und Erle, Söhne eines armen Hufschmieds, gemeinsam mit ihrer Freundin Ellah am Rande der Waldlande Seltsames: Priester auf Reitechsen erschießen einen flüchtigen Fremden, bevor sie sich selbst vor den die Ebenen des Graslandes beherrschenden Cha’ori-Kriegern retten müssen. Der Sterbende entpuppt sich als Adeliger, der sie bittet, Bruder Nikolaos in Eichenhain ein Päckchen auszuhändigen, bevor er seine letzten Worte stammelt: „Das Kind muss das Dorf verlassen … unverzüglich … Bring das Schwert … zu den Bewahrern. Auch … ein Diamant unterwegs …“

_Die Autorin: Anna Kashina_

Die in Russland geborene Molekularbiologin Anna Kashina emigrierte 1994 in die USA, wo sie seit 2004 eine Professur für Biochemie an der Universität von Pennsylvania innehat. Bei |dtv| erschien bereits im März 2008 ihre Kurzgeschichte „Die Sonnwendherrin“. Interessanterweise wurde ihr bereits im Jahr 2000 erschienener Roman „The Princess of Dhagabad: The Spirits of the Ancient Sands: BOOK ONE“ – Beginn einer bereits zumindest den Exzerpten auf ihrer Homepage nach dreiteiligen, von arabischen Märchen inspirierten Fantasy-Serie – noch nicht übersetzt. Dafür „The First Sword“, deutsch „Das erste Schwert“, ebenfalls der erste Band einer kommenden Trilogie. Ob es einen zweiten Band geben wird, scheint auch vom Erfolg in Deutschland abzuhängen: In den USA ist das erste Schwert noch gar nicht veröffentlicht worden, und die geplanten Fortsetzungen der vor acht Jahren erschienenen „Princess of Dhagabad“ lassen ebenfalls auf sich warten.

_Eine spannend erzählte Geschichte mit schillernden Nebencharakteren_

So würde ich auf die Frage antworten, wie ich „Das erste Schwert“ in einem Satz beschreiben würde. |Dtv| schreibt „Ein großes Abenteuer, erste Liebe und spannende Zweikämpfe“, was durchaus der Wahrheit entspricht. Unser etwas unbedarfter Held Skip, der als Hufschmied aufwächst und natürlich der vermisste Königssohn ist (was niemanden wirklich überraschen dürfte, die Karrierechancen von Bäckerlehrlingen, Stallknechten und Schmieden sind in der Fantasyliteratur gewöhnlich grenzenlos), verliebt sich in die geheimnisvolle Söldnerin Kara, eine exotische Schönheit, die auch mit ihren Waffenkünsten zu beeindrucken weiß.

Doch Anna Kashina bietet durchaus die heute vielzitierte „All Age“-Fantasy, denn bei dieser Liebelei lässt sie es nicht bewenden; die Handlung ist weitaus komplexer als das und verdient ein großes Lob. Sehr geschickt verschweigt Kashina Details, die sie nach und nach enthüllt, der Leser ist Skip und seinen Freunden oft einen Schritt voraus im Kenntnisstand. Der erwähnte „Diamant“ steht für einen Diamant-Majat, einen Meister-Assassinen, der Skip und seine Freunde retten soll. Aber auch die Kirche hat sich der Dienste eines Assassinen im Meisterrangs gesichert … ja, spannende Zweikämpfe sind wahrlich zu erwarten, und sie werden nicht nur versprochen, sondern auch geliefert.

Besonders erwähnen möchte ich schwergepanzerte Ritter auf Reitechsen, die sich ähnlich der kleinen Wegeidechsen wieselflink bewegen können, bis zu dreimal schneller als ein Pferd. Das ist nur eine der faszinierenden Ideen Anna Kashinas, deren Welt stark von russischer Mythologie und Märchenwelt geprägt ist. So gibt es zum Beispiel Baba Jagas, die russische Variante der mitteleuropäischen Hexe. Leider keine Vamps mit roten Haaren, eine Variante, der ich sehr viel abgewinnen könnte, sondern eher gruselige, alte Mütterchen. Was die Zwielichtstecher im dunklen Pfuhl angeht, einem ausgedehnten, verfluchten Sumpf: Sie sind wirklich erschreckend, und es gibt dort noch viel schrecklichere Kreaturen, gegen die sie sich wie harmlose, nur die Seele stehlende Mücken ausnehmen. Die Cha’ori sind ein stark an nordamerikanische Indianer angelegtes Reitervolk, gemischt mit ein wenig Kosakentradition, mit denen die Gruppe um Skip kurz in Kontakt kommt.

Über den Rest des Reiches erfahren wir leider nichts, außer über den Konflikt zwischen Kirche, Krone und Bewahrern, wobei wieder einmal die Kirche als verruchte Institution des Bösen herhalten muss. Der Kartenausschnitt der namenlosen Welt der Handlung ist auch nicht gerade groß; hier hält sich Kashina alle Optionen offen. Das hat den Vorteil, dass die 637 Seiten geballte Handlung bieten statt ausufernder Einführung in eine fremde Welt. Leider bleibt dadurch wenig Stoff für Spekulation, denn am Ende wird Evan Dorn König und sein Sohn Skip zum Kronprinzen Erskip – Ende gut, alles gut?

Die Geschichte ist in sich abgeschlossen; viele Ansatzpunkte für einen Folgeband bieten sich nicht gerade, dazu hat Kashina einfach nicht genug über ihre Welt erzählt. Dieser Stil ist allerdings auch erfrischend anders, denn George R.R. Martin und andere populäre Autoren neigen ja leider dazu, viel über ihre unzähligen Charaktere zu schreiben, was auch gut beim Leser ankommt, darüber aber auch oft die Handlung versumpfen und auf der Stelle treten lassen. Bei Anna Kashina ist es genau anders: Sie bietet viel Geschichte ohne viel Beiwerk.

Leider ist ihr Held Skip eine einzige Leerstelle, oder vielleicht auch eine Identifikationsfigur für junge Leser. Aber der junge und unerfahrene Skip ist ziemlich unbedarft und kann wirklich nichts; im Gegensatz zum gängigen Schema der Entwicklung eines Helden lernt er leider auch kaum etwas hinzu! Der Name ist fast ein Omen, denn man kann diesen Helden wirklich „skippen“, und die Geschichte verliert nichts von Bedeutung. Die Nebencharaktere, obwohl durchaus faszinierend – insbesondere Kara -, sind ebenfalls sehr statisch angelegt, sie entwickeln sich nicht weiter. Das gilt auch für die sehr zarte Liebesbeziehung zwischen Skip und Kara.

_Fazit:_

Die große Stärke Anna Kashinas ist ihr Erzähltalent. Sie erzählt eine Geschichte, unterhaltsam, spannend und kurzweilig. Sie verliert sich nicht in Einzelheiten, schwimmt allerdings auch ein wenig gegen den Strom der Zeit und gängige Lesegewohnheiten und –erwartungen.

Die Übersetzung von Martin Baresch sowie das Lektorat glänzen mit Perfektion; bei der Auswahl des Titelbildes und des Klappentextes hat man sich jedoch alle Mühe gegeben, potenzielle Käufer zu verunsichern. Als reines Fantasy-Jugendbuch möchte ich „Das erste Schwert“ definitiv nicht bezeichnen, doch dieser Eindruck wird leider erweckt. Die eher nordisch angehauchte Kriegerin auf dem Titelbild erweckt den Eindruck, die Hauptfigur des Romans zu sein, taucht aber nirgends in dieser Form auf. Mit der atemberaubend verführerischen, kaffeebraunen Kampfschnecke Kara hat sie leider auch nicht die geringste Ähnlichkeit. Von diesen Äußerlichkeiten, die hoffentlich nicht den Erfolg des Romans negativ beeinflussen werden, sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen: Anna Kashina bringt mit ihrem Stil frischen Wind in den deutschen Fantasymarkt, und ich würde gerne noch mehr von ihr lesen.

|Originaltitel: The First Sword
Deutsch von Martin Baresch
637 Seiten, kartoniert, mit zwei Karten
ISBN-13: 978-3-423-21085-0|
http://www.dtv.de

Homepages der Autorin:

http://www.med.upenn.edu/camb/faculty/cbp/kashina.html (University of Pennsylvania)
http://www.geocities.com/akashina/ (wissenschaftlich/beruflich)
http://www.geocities.com/akashina/personal.html (als Schriftstellerin)

Lynch, Scott – Sturm über roten Wassern (Locke Lamora 2)

|Locke Lamora / Der Gentleman-Bastard:|

Band 1: [„Die Lügen des Locke Lamora“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3624
Band 2: _Sturm über roten Wassern_
Band 3: The Republic of Thieves (2009)
(Laut Autor wurde die Serie vertraglich auf sieben Bände festgelegt)

In „Sturm über roten Wassern“ schickt Scott Lynch seinen Gentleman-Ganoven Locke Lamora nicht nur in die nächste Runde seiner Abenteuer, sondern auch in neue Gefilde: Aus dem geplanten Coup in Tal Verrars exklusivstem Spielcasino, dem „Sündenturm“, wird nichts. Die Soldmagier von Karthain verübeln Locke die Verstümmelung des „Falkners“ und versprechen ihm eine bittere Abrechnung. Sie spielen ein perverses Spiel der Rache mit Locke und liefern ihn der Gnade von Stragos, dem Archonten von Tal Verrar, aus.

Dieser sieht in ihm ein nützliches Werkzeug und macht sich Locke und Jean mit einem Gift gefügig; ohne regelmäßige Dosen des Gegengifts müssen sie sterben. Er schickt beide auf das Messingmeer – als vermeintliche Piraten sollen sie die Seeräuber der Geisterwind-Inseln dazu ermutigen, wieder in den Gewässern von Tal Verrar zu räubern. Denn in dem Poker um die Macht streichen die Priori-Handelsherren dem Archonten die Gelder, die er zum Unterhalt seiner gewaltigen Flotte benötigt, und Maxilan Stragos hat weit ehrgeizigere Ziele als nur Archont von Tal Verrar zu sein.

In dieser misslichen Situation voller Intrigen, Tricks und Täuschungen blühen die Gentlemen-Ganoven allerdings erst so richtig auf und beginnen, alle Parteien gegeneinander auszuspielen. Doch auch ihre Gegenspieler schrecken vor nichts zurück, und vor Überraschungen ist man nie gefeit – ebenso kann man sich im Netz der eigenen Intrigen tödlich verfangen …

Mit „Die Lügen des Locke Lamora“ konnte Scott Lynch bereits viele Leser bezaubern, doch der Nachfolger sticht ihn mühelos aus. Lynch hat Routine gewonnen – eine viel detailreichere und sehr raffiniert angelegte Handlung ist das große Plus des Nachfolgers. Ob der gute Kontakt zu dem ebenfalls hervorragenden [Joe Abercrombie]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4190 hier erste Früchte zeigt, überlasse ich der Spekulation und zähle lieber auf, was die großen Pluspunkte des Nachfolger sind.

Im Gegensatz zum Vorgänger wird nicht nur von vermeintlich großartigen Coups Lockes geschwärmt, sondern Locke führt jetzt auch tatsächlich einige wirklich ausgeklügelte Tricks und Bluffs vor – und das abwechslungsreich und am laufenden Band; alle Achtung, Mr. Lynch! Die im Vorgänger stets etwas verwirrenden und den Lesefluss eher bremsenden Rückblenden in die Vergangenheit wurden stark reduziert, die Vorgeschichte (Lockes erzwungene Flucht aus Camorr am Ende von Band 1) wird in einigen wenigen Rückblenden erzählt, und gleich zu Beginn schlägt Lynch in einem raffinierten Kniff einen Bogen fast bis zum Ende: Jean verrät anscheinend Locke – während dieser die ganze Zeit gegenüber seinen Auftraggebern einen Verrat an Jean vorspielt. Der Leser wird im Ungewissen gelassen, das Verwirrspiel noch einmal potenziert. Die Handlung spielt diesmal auf höheren Niveau, Locke und Jean haben den Schmutz von Camorr hinter sich gelassen und spielen nun auf höherer Ebene in Adelskreisen und vornehmen Casinos, obwohl es dort genauso hart und oft noch grausamer zur Sache geht. Der Ausflug auf die See ist zwar unglaublich bemüht konstruiert – einer der wenigen wirklichen Kritikpunkte, die ich anbringen kann -, schafft aber eine zusätzliche Handlungsebene und Abwechslung.

Als im Schnellverfahren zu Möchtegern-Seeleuten geschulte Scheinpiraten machen Locke und Jean wie eigentlich – wie nicht anders zu erwarten – keine gute Figur, die Mannschaft meutert schon bald und es dauert nicht lange, bis eine richtige Piratin sich ihres Schiffs „annimmt“. Die Piratenepisode ist nicht so zentral, wie es der Titel andeutet, sondern nur das letzte Drittel des Buches; bei satten 941 Seiten reicht das aber für ein vollwertiges Piratenabenteuer innerhalb der Handlung, bei dem Lynch einige Klischees und Aberglauben des Seemannsgarns Realität werden lässt und einige Dinge unterhaltsam verdreht. Zum Beispiel bringen Frauen und Katzen an Bord Glück, man braucht beides, sonst erzürnt man den Gott des Meeres.

Der Humor kommt auch nicht zu kurz; im Gegensatz zum Vorgänger setzt Lynch auf gehobenere Situationskomik anstelle launischer Sprüche. So finden sich unsere beiden Edel-Ganoven unter anderem in einer Situation wieder, in der sie bei einer Kletterübung ein anderer Dieb bestiehlt und dieser, nachdem sie ihn wüst beschimpfen und bedrohen, zur Sicherheit dann doch lieber die beiden Seile durchtrennen will, an denen sie hängen. Ebenso geht nicht jede Intrige auf, oft bringt die beiden ihr eigenes Lügengespinst nur noch tiefer in die Zwickmühle.

_Fazit:_

Was das Buch jedoch weit über den Vorgänger hinaushebt und – egal ob man ihn gelesen hat oder nicht – zu einer absoluten Empfehlung macht, ist die Mischung aus ausgeklügelter Handlungsführung, spannender Story und sehr exotischen fantastischen Elementen. Den kapitelweisen Leerlauf und die beachtlichen Qualitätsschwankungen des ersten Bandes gibt es nicht mehr, Lynch schreibt durchgehend auf hohem, sogar deutlich höherem Niveau. Meine einzigen Kritikpunkte sind die etwas zu sehr konstruierten Gründe, gerade die Landratte Locke auf See zu schicken, sowie ein gewisser Overkill an schönen, kompetenten und gefährlichen Frauen. Und das stets alles in einem. Die Namen der Damen sind ziemlich austauschbar, sie sind ausnahmslos emanzipierte und taffe Femmes fatales. Interessanterweise rückt Lockes im ersten Band arg penetrantes Schmachten nach seiner verlorenen Liebe, Sabetha, in diesem Band angenehm in den Hintergrund, obwohl der nächste Band der Reihe, „Republic of Thieves“, sich vornehmlich mit dem auch explizit auf dem Titelbild dargestellten Rotschopf befassen wird.

Wer Gefallen an Locke Lamora gefunden hat, wird sicher erfreut darüber sein, dass der Nachschub garantiert ist: Lynch hat die Reihe vertraglich auf sieben Bände fixiert und zudem „zügige“ Belieferung versprochen. Was immer man als erfahrener Fantasy-Leser davon halten mag – wer Interesse an Spoilern und näheren Informationen hat, sollte Scott Lynchs Webseite aufsuchen. Alleine die in der deutschen Fassung fehlenden und unter „Bonus Materials“ zu findenden exzellenten Karten des Messingmeers, Tal Verrars und Camorrs sind bereits den Besuch wert.

Homepage des Autors:
http://www.scottlynch.us

Homepage des Verlages:
http://www.heyne.de

|Originaltitel: Red Seas under Red Skies
Übersetzt von Ingrid Herrmann-Nytko
Paperback, 944 Seiten|

Croggon, Alison – Krähe, Die (Die Pellinor-Saga 3)

|Der Pellinor-Zyklus:|

Band 1: [„Die Gabe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4790
Band 2: [„Das Rätsel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5100
Band 3: _“Die Krähe“_
Band 4: [„Das Baumlied“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5736

Während Maerad sich im Norden mit dem Winterkönig Arkan auseinandersetzen muss, geht es ihrem Bruder Hem im Süden im nur vermeintlich sicheren Turbansk nicht gut. Sein jähzorniges Temperament, Sprachschwierigkeiten und seine andere Hautfarbe machen ihn zum Außenseiter. Seine Ausbildung zum Barden bereitet Saliman ebenfalls Sorgen, allerdings erweist sich Hem bald als begabter Heiler. Lange Zeit ist sein einziger Freund neben Saliman eine weiße Krähe, die er vor ihren schwarzen Artgenossen retten kann. Seinem Irc genannten gefiederten Begleiter verdankt er seinen Ehrennamen „Lios Hlaf“ (Weiße Krähe), denn mit seiner Hilfe kann er die einheimischen Vögel dazu bewegen, gegen die mutierten Todeskrähen des Namenlosen zu kämpfen, die Seuchen in Turbansk verbreiten.

Doch Imank, der verschlagene Hexer-Hauptmann des Namenlosen, überrennt die letzten Verteidiger Turbansks mit schierer Masse, schwarzer Magie und einem grausamen Trick: Er schickt Kindersoldaten gegen Turbansk, die er zuvor in den eroberten Gebieten gefangen genommen und konditioniert hat. Die Kindersoldaten erweisen sich als besonders kampfstark und grausam, zusätzlich treiben sie ihre Verwandten in die Verzweiflung.

Hem flieht mit Saliman und der störrischen Zelika, einem auf Rache sinnendem jungen Mädchen, in die unterirdische Stadt Nak-Al-Burat. Dort entschließt er sich zu Salimans Kummer zu einer Ausbildung zum Spion; durch unterirdische Gänge dringen die Spitzel der Barden tief bis nach Dén Raven vor. Bei einer dieser Missionen wird Zelika gefangen genommen; um sie zu retten, schleicht sich Hem in ein Ausbildungslager der Kindersoldaten ein und tarnt sich als einer der Ihren. Während er sich dort deren Ausbildung unterzieht, tobt in Dén Raven ein offener Bürgerkrieg zwischen Imank treu ergebenen Truppenteilen – insbesondere seinen Kindersoldaten – und dem Namenlosen.

_Mehr Handlung, mehr Esprit – der kleine Bruder zeigt es der großen Schwester!_

Im ersten Band war Hem nur der kleine, blasse Bruder Maerads, den sie ganz zufällig vor marodierenden Untoten gerettet hat. Im zweiten Band lag der Fokus erneut ausschließlich auf Maerad, doch nun wendet sich Alison Croggon Hem zu. Im fernen Turbansk zeigt sich Hem als schwieriger Charakter mit Ecken und Kanten, insbesondere diebischen Neigungen. Der ehemalige Waisenjunge ist im Gegensatz zu seiner Schwester nicht Everybody’s Darling; ebenfalls im Gegensatz zu ihr wirkt er glaubhaft, seine geradlinige Art ist ein angenehmer Kontrast zu der übermäßig emotionalen und grüblerischen Maerad.

Mit der positiv überraschenden Hauptfigur entfaltet sich auch eine Handlungsvielfalt, die ich in „Das Rätsel“ schmerzhaft vermisst habe. Die Schilderung des exotischen, arabisch inspirierten Turbansks und seiner Bewohner – kombiniert mit der Schilderung der Kämpfe gegen die Schwarze Armee und ihren überraschenderweise sehr kompetenten Feldherren Imank – hebt diesen Band deutlich über den Vorgänger hinaus, in dem Bösewichte stets nur hirnlose Monster sein durften. Ein verschlagener und hinterhältiger Bösewicht ist eben doch eine größere und faszinierendere Bedrohung als wiederholte Angriffe monströser Nacht- und Seekreaturen, die jeglicher Finesse entbehren. Lobenswert sind auch Nebencharaktere wie Zelika, die sich (wie auch Hem) weiterentwickeln und psychologisch nachvollziehbar motiviert werden.

Die Kindersoldaten Imanks werden durch über die Nahrung verabreichte Drogen und ein wenig Magie in besonders grausame und fanatische Kämpfer gedrillt, was Hem aus nächster Nähe am eigenen Leib erfahren muss: Inkognito muss er um sein tägliches Überleben kämpfen und sich an ihren Gräueltaten beteiligen oder zumindest so tun, um seine überlebenswichtige Tarnung nicht zu gefährden. Als offensichtliche Inspiration dienten Croggon afrikanische Kindersoldaten, deren Schicksal sie schwer erschüttert hat. Im Gegensatz zu den per se und von vorneherein bösen Untoten oder mutierten Tieren Dén Ravens beschreibt sie bei ihnen den Transformationsprozess, der aus normalen Kindern wahre Bestien macht.

_Fazit:_

Eine aufregendere Handlung, überraschenderweise eine neue, viel sympathischere und vielschichtigere Hauptfigur und eine zumindest etwas differenziertere Sichtweise anstelle der platten Schwarz-Weiß-Malerei der ersten Bände zeichnen „Die Krähe“ aus. Auch Hem macht die Entdeckung, dass die „Bösen“ untereinander zerstritten sind; leider erhält auch er nur geradezu nebenbei seinen Teil des verschollenen Baumlieds und die Gesamthandlung tritt leider ebenfalls ziemlich auf der Stelle. Gegenüber dem zweiten Band stellt „Die Krähe“ jedoch eine deutliche Steigerung dar und hat mir bisher von allen drei Bänden am besten gefallen. Es bleibt zu hoffen, dass Croggon diesen positiven Trend auch im abschließenden Band „Das Baumlied“ fortsetzt.

Homepage der Autorin:
http://www.alisoncroggon.com

Verlagshomepage:
http://www.bastei-luebbe.de

Alison Croggon – Das Rätsel (Die Pellinor-Saga 2)

Die Pellinor-Saga:

Band 1: „Die Gabe“
Band 2: „Das Rätsel“
Band 3: „Die Krähe“
Band 4: „Das Baumlied“

Die Bedrohung durch den Namenlosen zwingt die Gruppe um Maerad zur Teilung. Während Cadvan und Maerad weiter nach dem Ursprung des Baumlieds suchen, soll Saliman ihren Bruder Hem nach Turbansk in Sicherheit bringen und dort zum Barden ausbilden. Doch auch dort gibt es keine Sicherheit, denn Imank, der Feldherr des Namenlosen, rückt unaufhaltsam vor.

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Scalzi, John – letzte Kolonie, Die

John Perry, Jane Sagan und ihrer Adoptivtochter Zoe ist kein ruhiger Lebensabend auf der Kolonie Huckleberry vergönnt. Als lokale Autoritäten genießen sie Ansehen und Respekt, aber beide finden das Leben in der Kolonie eintönig, verglichen mit ihren bisherigen Erlebnissen. General Rybicki macht den beiden ein verlockendes Angebot: Sie sollen die neue Kolonie Roanoke leiten und aufbauen. Roanoke ist ein Novum, denn die Siedler stammen nicht von der Erde, sondern von bereits existierenden Kolonialwelten, die gegenüber der Kolonialen Union ihre Ansprüche auf freie Kolonisation durchsetzen wollen.

Perry ahnt nicht, welches Schicksal der Kolonie zugedacht ist. Roanoke dient der Kolonialen Union als Bauernopfer. Die Verteidigung ist bewusst unzureichend gestaltet. Eine der Menschheit feindselig gesinnte Allianz von Alien-Völkern, das Konklave, hat unmissverständlich klargemacht, dass in diesem Bereich der Galaxis keine weitere Kolonisation durch die Menschheit oder andere Rassen geduldet wird. Die KU spekuliert auf eine Auslöschung Roanokes, die ihren Status als einzige Sicherheit und Erfolg garantierende Instanz zementieren soll. Gleichzeitig will man so eine Rekrutierung nicht nur auf der Erde, sondern direkt von den Kolonien durchsetzen. Denn die rücksichtslose Expansionspolitik der KU hat ihr nicht nur das mächtige Konklave zum Feind gemacht, andere Rassen erkennen die verzweifelte Lage der Menschheit und zögern nicht, diese auszunutzen.

Während Perry gegen die Koloniale Union und das Konklave für das Überleben Roanokes kämpft, steht weit mehr auf dem Spiel: Das Schicksal der gesamten Menschheit liegt in den Händen des Konklave. Dessen militärischer Oberbefehlshaber, General Gau, ist durchaus an einer einvernehmlichen Lösung interessiert. Doch auch in seinen Reihen gibt es Kriegstreiber. Perry erhält Hilfe von General Szilard und seiner Spezialeinheit, auch die Obin eilen Perry zu Hilfe, denn seine Adoptivtochter Zoe ist als Kind des „Verräters“ Charles Boutin für sie eine Art Heilige und der einzige Grund, warum die Obin einen wackeligen Frieden mit der Kolonialen Union aufrechterhalten.

_Der Autor_

John Scalzi (* 10.05.1969, Kalifornien) begann seine Karriere in der Blogger-Szene. „Krieg der Klone“ (im Original: „Old Man’s War“) erschien bereits 2002 in Fortsetzungen im Blog seiner Website, bis Patrick Nielsen Hayden, Senior Editor von |Tor Books|, auf ihn aufmerksam wurde. Womit dieser ein ausgezeichnetes Gespür bewiesen hat: Scalzis Debüt war gleichzeitig auch sein Durchbruch, das Buch verkaufte sich in den USA ausgezeichnet und kam bei den Lesern gut an. Als Sahnehäubchen wurde es 2006 mit dem |John W. Campbell Award| ausgezeichnet und für den |Hugo Award| nominiert. Scalzis „Krieg der Klone“ musste gegen Werke etablierter Autoren wie George R. R. Martin, Charles Stross und Ken MacLeod antreten und sich nur dem überragenden [„Spin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2703 von Robert Charles Wilson geschlagen geben.

Die Abenteuer von „Krieg der Klone“ waren nur der Anfang, die Fortsetzung [„Geisterbrigaden“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4467 gab Einblick in die Denkweise der gezüchteten Spezialeinheiten und der Kolonialen Union, deren ambivalente Rolle als selbsternannter Beschützer der Menschheit und gleichzeitige Ursache vieler Animositäten mit außerirdischen Rassen in dem abschließenden Band „Die letzte Kolonie“ kulminiert. So verspricht es der Autor, allerdings greift er in dem noch nicht übersetzten „Zoe’s Tale“ die Geschichte der letzten Kolonie aus der Sicht Zoes auf. Mit Perry und Sagan hat er nach eigener Aussage aber abgeschlossen, mit seinem von postmodernen Ideen geprägten Koloniale-Union-Universum scheinbar noch nicht. Als Bonusmaterial bietet „Die letzte Kolonie“ die Kurzgeschichte „Sagans Tagebuch“, die Jane Sagans Leben im Anschluss an „Geisterbrigaden“ bis zu ihren Abschied von der Spezialeinheit und dem Neuanfang mit John Perry auf Huckleberry beschreibt.

[„Krieg der Klone“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3677
[„Geisterbrigaden“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4467

_Der Feind in den eigenen Reihen_

Scalzi führt mit „Die letzte Kolonie“ logisch seine in den Vorgängern entwickelten Gedankengänge zu Ende. Der Bösewicht ist die Koloniale Union, welche die Menschheit bevormundet und sich mit ihrer aggressiven Kolonisationspolitik zahlreiche Feinde geschaffen hat. Dass Roanoke, benannt nach der gleichnamigen ersten englischen Kolonie in der Neuen Welt, die unter bis heute ungeklärten Umständen völlig ausgelöscht wurde, für politische Interessen geopfert werden soll, ist Scalzis Wink mit dem Zaunpfahl, was die Menschheit von der Kolonialen Union zu erwarten hat.

Damit einher geht jedoch auch ein Bühnenwechsel. Nicht mehr nur die Wahrnehmung von Perry, Sagan oder Dirac wie in den vorherigen Bänden treibt die Handlung voran, Scalzi spannt sie jetzt stärker denn je in einen weit größeren politischen Rahmen ein. Dies hat leider einige negative Konsequenzen; so wirken die Problematiken der Besiedlung einer neuen Welt, Streitigkeiten unter den Kolonisten und eine gehörige Medienschelte Scalzis, demonstriert an einem stereotypen Klatsch-Reporter, sehr nebensächlich und aufgesetzt. Der Roman ist eine Aufforderung, sich nur vermeintlich wohlmeinenden Autoritäten zu widersetzen, Freiheit und Demokratie müssen erkämpft werden. Dabei bleibt leider Scalzis Humor ziemlich auf der Strecke, denn er ist eher ein Charakterdarsteller; dieser große Rahmen ist ihm unvertraut, hier kann er nicht so begeistern wie in seinen vorherigen Werken. Etwas störend wirkt mittlerweile sein stark an realen Charakteren orientierter Schreibstil. Die Figuren General Rybicki, Jane Sagan und Zoe sind von einem Bekannten beziehungsweise seiner Frau und Tochter inspiriert. Ich bin nicht wirklich erbaut von dem Gedanken, noch mehr Zoe-Lobhudelei in „Zoe’s Tale“ zu erleben – mir war bereits die bisherige Dosis unangenehm.

Mit dem Verlust der Leichtigkeit und einer eher unbeholfenen Zuwendung zu ernsteren Themen tut sich Scalzi keinen Gefallen. Zwar ist „Die letzte Kolonie“ immer noch eine sehr unterhaltsam und kurzweilig erzählte Geschichte, die persönlichere, charakterbezogene Note der ersten beiden Scalzi-Romane fehlt mir jedoch sehr. Die Handlung ist in Gegensatz zu diesen recht vorhersehbar und politisch (in-)korrekt, es fehlt ein wenig an Überraschungen. Leider ist dieser Roman nur ein relativ unspektakulärer Abschluss der von Scalzi in den Vorgängern entwickelten Andeutungen über die Koloniale Union.

_Bonus: Sagans Tagebuch_

Zeitlich zwischen „Geisterbrigaden“ und „Die letzte Kolonie“ angesiedelt, schreibt Scalzi ein Tagebuch Jane Sagans, in Form von Auszügen gespeicherter Daten ihres BrainPals, das uns unmittelbar an ihren persönlichen Gedanken teilhaben lässt. Die Kurzgeschichte (ca. 60 Seiten) erhielt ein verhaltenes Echo, sie wurde sowohl kostenfrei im Internet als auch als Vollpreis-Hardcover auf dem amerikanischen Markt angeboten. Dass |Heyne| sie als Bonusmaterial liefert, ist zu begrüßen, als eigenständiges Produkt oder als Teil einer Kurzgeschichtensammlung hätte sie wohl keinen Platz auf dem deutschen Markt gefunden.

Leider ist die Geschichte selbst nicht überzeugend. Thematisch hat Scalzi die Problematik der fehlenden Jugend der gezüchteten Spezialeinheit-Soldaten bereits mit Jared Dirac in „Geisterbrigaden“ wesentlich differenzierter dargestellt, zumal der Charakter Jane Sagan hier ganz anders als in „Geisterbrigaden“ erscheint. Ich sehe ihre plötzliche extreme Emotionalität eher als Widerspruch denn als Bereicherung des Charakters Jane Sagan, den Scalzi in meinen Augen so eher demontiert und verwässert.

_Fazit:_

Bei aller Kritik, Scalzi ist immer noch ein hervorragender Schriftsteller, der zu unterhalten versteht. Leider hat er seine bisherige Façon bekömmlicher und zeitgemäß angepasster Heinleinesker Science-Fiction diesmal zugunsten einer politisierenderen, globaleren Sicht der Dinge aufgegeben. Schade, denn so kommen seine Stärken, die in Charakterisierung und Humor liegen, leider nicht zum Tragen. Thematisch hat wohl auch Scalzi erkannt, dass sein simples Credo der Beschränktheit des Wissens auf die eigene Perspektive, während verborgene Mächte im Hintergrund agieren und Autoritäten meistens nur das eigene Wohl im Blick haben, mittlerweile ausgelutscht ist. So ist „Die letzte Kolonie“ ein runder Abschluss für Scalzis Abenteuer mit Perry und Sagan, der sich gegen Heinleinschen Imperialismus und Kolonialismus wendet. Allerdings ist das nicht überraschend, denn Scalzi hat das bereits getan, nur auf humorvollere Weise. Ein konsequentes Finale, gelungen, dennoch leider ein wenig fade.

|Originaltitel: The Last Colony
Übersetzt von Bernhard Kempen
Taschenbuch, 476 Seiten|
http://www.scalzi.com/
http://www.heyne.de

Hobb, Robin – Schamanenbrücke, Die (Nevare 1)

Die Nevare-Trilogie (Soldier Son Trilogy):

Band 1: Die Schamanenbrücke (Shaman’s Crossing)
Band 2: Forest Mage
Band 3: Renegade’s Magic

Der Lebensweg des jungen Nevare Burvelle wurde bereits durch die Reihenfolge der Geburt bestimmt: Als Zweitgeborener ist er der „Soldatensohn“, dazu bestimmt, in die Kavalla des Königs einzutreten, um die Expansion des Reiches voranzutreiben und seine Grenzen zu schützen. Im Osten hat man die nomadischen Flachländer besiegt und sesshaft gemacht, das Land wurde vom König unter seinen siegreichen Soldaten aufgeteilt und diese wurden in den Adelsstand erhoben, so auch Nevares Vater, ein ehemaliger Soldatensohn.

Nun stellen die Gebirgsketten des Ostens eine neue Herausforderung für die Armee des Königs dar. Die wegen ihrer scheckigen Hautfarbe „Fleck“ genannten Eingeborenen besitzen noch mächtigere Magie als die besiegten Flachländerstämme, und sie kämpfen nicht ehrenhaft, sondern verstecken sich und verbreiten die gefürchtete Fleck-Seuche unter den Soldaten, die ganze Regimenter und Siedlerstädte dahinrafft.

Obwohl der Einsatz der Reiterei in diesem Terrain wenig sinnvoll ist, soll natürlich auch Nevare die Kavalla-Militärakademie des Königs besuchen, denn das ist Tradition, und diese wird bei den aus dem Ritterstand hervorgegangenen Soldatensöhnen großgeschrieben. Leider auch beim alten Adel, dem die königstreuen, aus dem Soldatenstand erhobenen neuen Adeligen im Kronrat ein Dorn im Auge sind, da sie die Machtverhältnisse zu Gunsten des Königs verschieben. Dieser Machtkampf wird bereits auf der Akademie ausgetragen, deren neuer Leiter Oberst Stiet kaum einen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Abkömmlinge des neuen Adels macht und sie entsprechend benachteiligt.

Doch bevor Nevare die Akademie besucht, schickt ihn sein Vater für ein Jahr zu dem ehemaligen Kidona-Häuptling Dewara, der, obgleich ein unversöhnlicher Feind, in seiner Schuld steht. Er soll Nevare die Überlebenskünste und Fähigkeiten seines Volks beibringen, doch er hat seine eigenen Pläne. Dewara bringt Nevare mit der Magie seines Volks in Kontakt und will ihn als Waffe gegen die verhassten Fleck, einen gemeinsamen Feind, verwenden. Doch auf der geisterhaften Schamanenbrücke gelingt es der Baumfrau der Fleck, Nevare für ihre Zwecke zu manipulieren und gegen den Kidona einzusetzen. Dewaras Plan scheitert, er schickt Nevare im Eklat traumatisiert nach Hause.

Nevare verdrängt das übernatürliche Erlebnis; er kann es nicht verstehen und einordnen und setzt seine Militärkarriere um einige verwirrende Erfahrungen reicher fort. Erst als eine kleine Gruppe Fleck die Fleck-Seuche in der Hauptstadt Gerniens und der Akademie verbreitet, wird ihm bewusst, dass er noch immer im Bann der Fleck steht. Mit Hilfe seiner exzentrischen Cousine Epiny kann Nevare nicht nur sich selbst, sondern auch viele seiner Freunde retten.

_“Nevare“ – die neue Trilogie von Robin Hobb_

Die amerikanische Autorin (* 1952) ist dem deutschen Leser bereits durch ihre „Weitseher“-Trilogie um Fitz und ihre Fortsetzung – „Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher“ – bekannt, ebenso für ihre gerade neu aufgelegten „Zauberschiffe“. Die im Original „Soldier Son“ benannte Trilogie behandelt das Leben des jungen „Soldatensohns“ Nevare Burvelle in der Art eines Bildungsromans.

Die Bedrohung durch die Fleck lauert zwar im Hintergrund, zuvor gibt uns Hobb jedoch detailliert Einblick in die Welt Nevares. Dabei orientiert sie sich stilistisch an ihrer „Weitseher“-Trilogie, in der sie ausschließlich aus der Ich-Perspektive ihres Helden berichtet hat. Da somit ein allwissender Erzähler fehlt, muss der Leser sich auf die Informationen verlassen, die Nevare zu hören bekommt. Diese fix an den Helden gebundene Perspektive besitzt natürlich gewisse erzählerische Einschränkungen, allerdings kommt durch sie Hobbs fantastische Gabe der Charakterisierung umso besser zum Ausdruck.

Obwohl das Buch „Die Schamanenbrücke“ heißt, ist diese vorerst von sekundärer Bedeutung. Die Vorstellung der Welt Nevares nimmt viel Raum ein; eine Welt, die an eine Mischung aus wildem Westen und gerade vergangenem Rittertum erinnert. Das Königreich Gernien expandiert, zwar nicht nach Westen, aber nach Osten. Auf See hat man gegen das militärtechnisch überlegene Landsang aufgrund besserer Kanonen, die man bereits fast als Artillerie bezeichnen kann, den Kürzeren gezogen und sich deshalb der Eroberung des Ostens verschrieben. Der Soldatenstand lernte den Umgang mit den ersten Feuerwaffen und legte seine Rüstung ab, man passte sich der Kampfweise der Flachländer („Indianer“) an. Mit deren Schamanismus und Naturverbundenheit kann man jedoch wenig anfangen, von den exotisch mit schwarzen oder braunen Flecken am ganzen Körper gescheckten „Flecks“ weiß man fast gar nichts. Diese Menschenrasse „Flecks“ zu nennen, dürfte ein ironischer Seitenhieb Hobbs an Leser ihrer alten Trilogien um Fitz sein, in welcher die mit einem Tiergefährten verbundenen „Gescheckten“ nicht anders aussahen als andere Menschen auch. Ansonsten scheint sie jedoch nichts miteinander zu verbinden; die Ziele und Interessen der Flecks bleiben in diesem Buch noch sehr vage.

Die Hauptperson und Ich-Erzähler Nevare ist ein kluger junger Mann, der dennoch durch seine konservative Herkunft als Soldatensohn eines ehemaligen Soldatensohnes geprägt ist. In der Art eines Kastensystems wird beim Adel den Söhnen ihre Rolle im Leben fest vorgeschrieben: Der Erstgeborene ist der Erbe des Landguts, der Soldatensohn dient dem König als Krieger, seine Kinder werden vom Erstgeborenen versorgt. Der dritte Sohn wird Priester. Sollte der Erstgeborene sterben, kann der Soldatensohn nachrücken, dasselbe gilt im Fall seines Tods, wobei man wegen der mangelnden kriegerischen Ausbildung der Drittgeborenen meistens auf ein Aufrücken verzichtet. Mädchen werden zum Zwecke von Bündnissen oder aus finanziellen Interessen verheiratet und genießen in der Regel keine weitere Bildung. Die Problematik einer sehr kinderreichen Familie mit sieben oder mehr Söhnen in diesem instabilen System thematisiert Hobb in diesem Buch noch nicht; der Fokus liegt auf der sozialen Umwälzung durch die Erhebung zahlloser Soldatensöhne durch den König in den Adelsstand.

Nevares Reifeprozess während dieses ersten Bandes ist sehr interessant zu verfolgen. Anfangs ist Nevares Wahrnehmung der Welt noch stark durch den übertriebenen Ehrenkodex seines Vaters verzerrt. Die Begegnung mit Dewara ist für ihn ein kultureller Schock erster Güte; er wird von diesem dazu gezwungen, sich „unehrenhaft“ durchzuschlagen und um sein nacktes Überleben zu kämpfen. Zwar ist diese Lektion ganz im Sinne von Vater Burvelle, den Kontakt seines Sohns mit der Magie der Kidona hat er sich jedoch nicht gewünscht. Nevare gerät in den Bann der Fleck, als er deren Baumfrau im Auftrag Dewaras töten soll, in dessen Händen seine Persönlichkeit Wachs war und der ihn in kurzer Zeit zu einem „echten Kidona“ in seinem Sinne formte. Diese Erfahrung zwischen Traum und Realität auf der Schamanenbrücke ins Totenreich wird Nevare lange verdrängen, denn obwohl Magie in seiner Welt nicht unbekannt ist, beschränkt sie sich meistens auf einfache Zauber – wie etwa das Lösen eines Sattelgurts zu verhindern -, was im Laufe der Zeit bei der Kavalla zu wirkungslosem, reinem Aberglauben verkommen ist.

Kein zivilisierter Gernier beherrscht wirklich Magie oder zieht auch nur in Betracht, sich mit solch esoterischen Dingen auseinanderzusetzen. Zu den wenigen, die es dennoch tun, gehören hauptsächlich Damen des höheren Adels, die sich mit Séancen die Zeit vertreiben, was allerdings hauptsächlich auf einen okkulten Spleen der Königin zurückzuführen ist. Auch Nevares Base Epiny gehört zu diesem Kreis. Ihre ehrgeizige Mutter hofft, sie so in die Nähe des Königshofs zu verheiraten. Auch sie ist dem neuen Adel gegenüber feindselig eingestellt, was ihre Ehe zu Nevares Onkel belastet. Dieser ist es auch, der ihm während seiner Zeit an der Kavalla-Akademie die Augen über die große Politik öffnet – etwas, das Nevares Vater als Soldatensohn mit rein militärischer Bildung nie wirklich verstanden hat.

Die Machtspiele an der Kavalla-Akademie strapazieren Nevare zusätzlich zu der harten Ausbildung enorm. Unter seinen Kameraden findet er Freunde wie Spinrek „Spink“ Kester, dessen Vater ein tapferer Kriegsheld war, dessen Familie aber mit dem neu erworbenen Adelsprivilegien nicht zurechtkam und in Armut verfallen ist. Ein anderer ist der dicke Gord, der mathematisch und allgemein intellektuell seinen Kameraden überlegen ist. Er kann so gut rechnen wie die von Erstgeborenen abstammenden Soldatensöhne des alten Adels, die in diesen Disziplinen den Nachkommen des neuen Adels meistens überlegen sind.

Nevare selbst entpuppt sich als schlechter Anführer, auch wenn er dies nicht wirklich wahrhaben will. Seine Begabung scheint eher im praktisch/technischen Pionierwesen und in unkonventionellen Denkweisen zu liegen, was leider seiner Karriere als Soldat fast genauso hinderlich wie seine Abstammung sein dürfte. Allerdings ist er immer noch verbohrt genug, um seine quirlige und willensstarke Base Epiny anfangs als „schwieriges, undamenhaftes, kindisches Wesen“ anzusehen. Es bedarf einiger Streitigkeiten und der Bedrohung durch das Fleck-Fieber, bis Nevare seinen Irrtum erkennt. Epiny ist es auch, die ihm gegen die erneute Heimsuchung durch die Baumfrau während des Fleckfiebers beisteht. Sie ist medial begabt und erkennt den Bann, in dem Nevare steht, und den dieser so lange verdrängt hat. Der ungläubige Nevare muss sein altes Weltbild verabschieden, obwohl er sich nach wie vor weigert, als „weniger ehrenhafter“ Kundschafter anstatt als regulärer Offizier der Armee zu dienen, obwohl das genau seinen Neigungen und Anlagen entsprechen würde.

_Fazit:_

Mit „Nevare“ orientiert sich Robin Hobb stark an ihrer „Weitseher“-Trilogie. Nevare Burvelle ist allerdings ein viel ausgereifterer Charakter als der oft zum „Heulfitz“ mutierte Fitz. Er ist ein junger Mann, der noch vieles lernen muss. Oft erkennt er Widersprüche in seinem Ehrenkodex und seinem Verhalten oder demjenigen seines Vaters; bis er daraus Konsequenzen zieht, dauert es jedoch einige Zeit. Nevare ist ein sehr glaubhafter Charakter, auch bei der Beschreibung der Beziehungen zwischen den Nebencharakteren untereinander und mit Nevare kann Hobb begeistern und ihre ersten Werke übertreffen.

Der Charakter der Geschichte ohne vorerst klar erkennbares „Ziel“ und die Ich-Perspektive könnten für viele Leser ungewohnt und irritierend sein; ich kann aber nur dazu raten, sich darauf einzulassen. Die Erfahrung der von Robin Hobb geschaffenen Fantasywelten ist intensiver und setzt neue Maßstäbe für das Genre an Komplexität und Tiefe. Enttäuschend kann für viele Leser leider das absolute offene Ende sein; Nevares Identitätssuche und der Konflikt zwischen den beiden Rassen werden erst im zweiten beziehungsweise dritten Band abgeschlossen werden.

Das gebundene Buch selbst ist prächtig gestaltet, mit einer Karte Gerniens auf der Innenseite, einem Lesebändchen und dem schönen Originalcover, das Nevares Schwert am Ende der Schamanenbrücke zeigt. Der Künstler hat sich die Freiheit genommen, aus dem Schwert eines Kavalleristen keine Hiebwaffe wie einen Säbel, sondern einen dünnen Degen mit feinem Griff zu machen. Allerdings soll das nicht meine Begeisterung über die Verwendung des originalen Titelbildes der amerikanischen Ausgabe mindern. Ein Lob verdient auch die Übersetzung durch Joachim Pente, die mir sogar etwas besser gefallen hat als die des bisherigen Hobb-Übersetzers Rainer Schumacher.

|Originaltitel: Shaman’s Crossing, Book One of the Soldier Son Trilogy
Aus dem Amerikanischen von Joachim Pente
676 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen und Karte|
http://www.robinhobb.com
http://www.hobbitpresse.de
http://www.klett-cotta.de

_Robin Hobb auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Ring der Händler“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=281 (Die Zauberschiffe 1)
[„Der Adept des Assassinen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=229 (Die Legende vom Weitseher 1)
[„Der lohfarbene Mann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=230 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher I)
[„Der goldene Narr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=232 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher II)
[„Der weiße Prophet“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1969 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher III)
[„Der Wahre Drache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2020 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher IV)

Wilson, Robert Charles – Axis

„Axis“ ist die Fortsetzung von Robert Charles Wilsons (* 1953, Kalifornien) mit dem |Hugo Award 2006| ausgezeichnetem Roman [„Spin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2703 und handelt einige Jahre nach dem Zusammenbruch des Energieschirms um die Erde. Ein riesiger Torbogen im indischen Ozean verbindet ihn mit den Meeren einer fremden Welt, die allmählich kolonisiert und von den meisten Bewohnern trotz einer riesigen Anzahl großartig klingender mythologischer Namensvorschläge nach ihrem größten Kontinent schlicht |Äquatoria| genannt wird.

Doch nach wie vor weiß man nicht, wer für den Spin verantwortlich war oder warum es ihn überhaupt gegeben hat. Der Glaube an die „Hypothetischen“ nimmt teilweise groteske Formen des Aberglaubens an, während verschiedene Gruppen gezielt versuchen, Kontakt mit den unbekannten Intelligenzen aufzunehmen, für einige Radikale gleichbedeutend mit einem Kontakt mit Gott. Jason Lawton hat dies bekannterweise bereits in „Spin“ versucht, überlebte die Kontaktaufnahme aber nicht.

Im Alter von zwölf Jahren scheint die Zeit des speziell zu diesem Zweck genetisch veränderten Isaac gekommen zu sein: Ein Meteoritenschauer erzeugt nicht nur hübsch anzusehende Sternschnuppen, sondern seltsame, absurde Lebensformen, die jedoch rasch sterben und die Städte mit lästig dicken Staubschichten bedecken. Auf der Suche nach ihrem Vater, der vor zwölf Jahren unter mysteriösen Umständen verschwunden ist, treffen Lise Adams und ihr Freund Turk Findley auf die aus „Vierten“ bestehende Gruppe um Isaac. Unterstützt werden sie von Diane Lawton, die enge Kontakte zu mehreren illegalen „Vierten“-Gemeinschaften unterhält, die von einer eigens dafür geschaffenen Regierungsbehörde – dem Ministerium für genomische Sicherheit – unnachgiebig verfolgt werden.

_Das Leben in einer Post-Spin-Koloniewelt_

Wilson schaltet trotz vieler offener Fragen einen Gang zurück. Er legt den Fokus jetzt auf das Leben der Menschen in einer neuen Welt, die kurz nach dem Ende des Spins kolonisiert wurde. Die Nachwirkungen des Spins beschäftigen noch immer die Gemüter, und so wird die Suche von Lise Adams nach ihrem gegen Ende der Spinzeit verschwundenen Vater auch zu einer Art Sinnsuche. Für Neueinsteiger ist das Buch nicht geeignet, denn Wilson setzt stillschweigend Kenntnis von „Spin“ voraus. Ohne diese Kenntnisse kann man mit Begriffen wie „Vierten“ für speziell lebensverlängerte Personen und der zumindest bei den Marskolonisten für sie existierenden Sozialhierarchie und den Problemen der Erdmenschen und Äquatorias mit den langlebigen „Vierten“ nichts anfangen; auch im Hinblick auf die „Hypothetischen“ werden Vorkenntnisse benötigt. „Axis“ ist der Mittelband einer geplanten Trilogie um den Spin, was mich überrascht. Denn auch wenn „Spin“ ein sehr offenes Ende hat, kann ich mir nicht vorstellen, was Wilson hier noch einbringen könnte. Gerade dass er auf nur 555 Seiten eine ungeheure Vielzahl von Ideen untergebracht hat, anstatt daraus einen mehrbändigen Zyklus zu produzieren, ehrte ihn in meinen Augen. Um eines vorwegzunehmen: Das Ende von „Axis“ ist faszinierend, aber auch unbefriedigend, da es eher zum Staunen anregt als neue Erkenntnisse zu liefern.

Isaac und seine Mutter Mrs. Rebka – benannt nach einem Charakter des verstorbenen Charles Sheffield aus seinem |Heritage|-Zyklus; er selbst wohl nach Isaac Asimov – stehen nicht im Zentrum der Handlung, obwohl die Geschichte mit Isaac und der mit Referenzen auf andere SF-Autoren ein wenig überfrachteten Vierten-Gruppe beginnt. Wilson hat keine dominante Hauptfigur, sofern man nicht unbedingt Lise Adams, Turk oder Isaac zu solchen erklären möchte; er erzählt vom Leben auf dieser neuen Welt aus verschiedenen Blickwinkeln und gibt dem Leser so einen Einblick in die Post-Spin-Gesellschaft und ihre zahlreichen Manien. Die Kolonisierung der neuen Welt hingegen wird recht stiefmütterlich behandelt: Neben Äquatoria gibt es noch eine Wüste, in der ein weiterer Torbogen steht, der auf einen Ödplaneten mit Giftatmosphäre führt, weshalb er noch nicht näher untersucht wurde. Nun, vielleicht geschieht dies ja im dritten Band; bei allem Fokus auf soziale Geflechte und Motivationen – was Wilson wirklich sehr gut gelungen ist; kein Vergleich zu seinem damit überfrachteten und mit dem Label Science-Fiction beinahe fehldeklarierten [„Quarantäne“ -,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4264 hat er beide Welten nur recht stiefmütterlich beschrieben. Diese Kolonie wirkt auf mich nicht fremdartiger als das heutige Hörensagen vom Leben in Australien; bis auf eine riesige Schiffabwracker-Industrie an den Stränden Äquatorias scheint der einzige nennenswerte Unterschied in der Haltung der Menschen zum mittlerweile vergangenen Phänomen des Spin und den Hypothetischen zu bestehen. Und diese Fragen bleiben leider auch am Ende offen – ebenso ergebnislos verläuft auch die etwas aufgesetzt wirkende Hetzjagd der genomischen Sicherheit, die Wilson nur etwas beiläufig nebenher eingebaut hat.

_Fazit:_

Leider fehlt es der Fortsetzung an der Ideendichte und dem atemberaubenden kosmischen Rahmen des Vorgängers „Spin“. Dafür sind alle Charaktere deutlich ausgefeilter und harmonisch in die Handlung eingebunden. Ebenso ist die Geschichte spannend erzählt und ein angenehmer Lesefluss die Regel. Wilson erweist sich als abwechslungsreicher Erzähler, doch bei aller Finesse und obwohl ich die Geschichte sehr gerne gelesen habe, frage ich mich, ob man dieses Bisschen zusätzlicher Information in einem eigenen Roman breitschlagen musste. Wer „Spin“ mochte, darf mit erwähnten Vorbehalten zuschlagen; wem das Ende von „Spin“ bereits zu unbefriedigend war, der sollte diesen Roman besser meiden. Erzählerisch hat Wilson „Spin“ übertroffen, insgesamt fehlt es diesem Roman jedoch an dem höheren Grad der Faszination und der geballten Ladung an Ideen, die „Spin“ einen |Hugo| einbrachten. Wilson selbst befürchtete solche Vergleiche, wie er auf seinen Blog erwähnt, denn „Axis“ sollte bewusst eine ganz andere Art von Buch sein. Vielleicht leidet „Axis“ einfach nur unter dem Mittelband-Syndrom; eventuell gelingt es Wilson, die Vorzüge von „Spin“ und „Axis“ in dem geplanten Abschlussband „Vortex“ zu vereinen.

http://www.heyne.de
http://www.robertcharleswilson.com

_Robert Charles Wilson auf |Buchwurm.info|:_

[„Spin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2703
[„Quarantäne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4264
[„Die Chronolithen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1816
[„Darwinia“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=92
[„Bios“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=89

Stackpole, Michael A. – neue Welt, Die (Die Saga der neuen Welt 3)

|Die Saga der neuen Welt (Age of Discovery):|

Band 1: [„Das verlorene Land“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1036 (A Secret Atlas)
Band 2: [„Der Kampf um die alte Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2238 (Cartomancy)
Band 3: _Die neue Welt_ (The New World)

Mit „Die neue Welt“ schließt Michael A. Stackpole nach zwei Jahren endlich die „Saga der neuen Welt“ – im Original etwas knackiger als „Age of Discovery“ betitelt – ab. Einen Seitenhieb auf den wirklich unpassenden Titel kann ich mir nicht verkneifen: denn nur der geringste Teil des Buchs spielt in der neuen Welt, die Monster des Kraft seines Geistes von Qiro Anturasi aus dem Nichts geschaffenen Kontinents Anturasixan sind bereits im letzten Band in kriegerischer Absicht in die alte Welt übergesetzt. Und hier setzt ironischerweise auch der abschließende Band ein, was mich ein wenig an Paul Kearneys „Königreiche Gottes“ erinnerte. Auch in dessen Zyklus war die Entdeckung eines neuen Kontinents geplant, die jedoch aufgrund des starken Handlungsschwerpunkts in der alten Welt und Terminnöten des Autors ebenfalls stark gekürzt wurde, die Monster der neuen Welt kamen stattdessen per Schiff zur Invasion der alten Welt herübergesegelt. Bei Stackpole ist es kaum anders; die neue Welt ist ein einziges Heerlager für die Truppen eines Bösewichtes aus vergangenen Zeiten:

Der aus seiner versiegelten Wüstengruft auferstandene Prinz Nelesquin zieht erneut in die Schlacht gegen die ebenfalls wieder unter den Lebenden weilende Kaiserin Cyrsa. Diese entpuppt sich als niemand anderer als die als „Unsere Dame von Jett und Jade“ bekannt gewordene Edel-Kurtisane. Dieser gelingt es im dritten Kapitel auf nur zehn Seiten, die unversöhnlichen Feinde Cyron und Pyrust zu versöhnen. Sie ernennt Pyrust zu ihrem Feldherren, während Cyron sich um Logistik und Verwaltung sowie die Verteidigung der Hauptstadt Moriande kümmert.

Entschieden wird der uralte Konflikt jedoch zwischen den beiden Meisterkartografen der Familie Anturasi. Der alte Qiro Anturasi formt die Welt, wo immer es geht, nach seinen Wünschen um. Er leitet Flüsse um, verkürzt Distanzen willkürlich, reißt klaffenden Wunden gleichende Gräben, in denen nichts existiert, durch das Land, um den Vorstoß von Nelesquins Armeen zu beschleunigen und die Verteidigung seiner Feinde zu erschweren. Nur die von ihm persönlich vor seinem Aufstieg zum Mystiker gezeichnete große Weltkarte in Moriande fehlt ihm, um seine Kontrolle über Welt und Schöpfung zu vervollständigen. Sie ist sein Fokus – er kann nicht alles völlig ungeschehen machen oder verändern, was er auf ihr zuvor gezeichnet hat. Sein Enkel Keles Anturasi ist entsetzt über den alten Tyrannen und stemmt sich gegen ihn, doch er ist sich des Ausmaßes seiner Kräfte nicht bewusst; er mag ebenso begabt sein wie sein Großvater Qiro, ist aber unerfahren und es fehlen ihm dessen Verschlagenheit und Gewissenlosigkeit.

Doch Keles ist nicht allein; der Schwertkämpfer Moraven Tolo erinnert sich an sein altes Leben als Virisken Soshir, Mitglied der Leibwache der Kaiserin, begierig nicht nur auf ihre Liebe, sondern auch auf den Platz als Kaiser an ihrer Seite. Trotz aller Bemühungen schlägt Prinz Nelesquin Cyrsas Feldherren Pyrust vernichtend; während Moriande vom Feind berannt wird, schlagen sich Moraven Tolo und Ciras Dejote hinter die feindlichen Linien, mit dem Ziel, Prinz Nelesquin den Todesstoß zu versetzen, den sie vor Jahrhunderten versäumt haben.

_Götterauflauf mit unausgegorenem Ideen-Eintopf_

Michael Stackpoles Fantasie ging mit ihm durch. Was sonst seine Stärke ist, uferte in dieser Trilogie endlos aus, zum Schaden von Handlung und Charakterisierung der Figuren. Zu viele Handlungsstränge hat er eröffnet, zu viele Beziehungsgeflechte. Am Ende wurden sie alle zu Stereotypen, wurden sang- und klanglos entsorgt oder enttäuschten. Eine fragwürdige Entscheidung war auch die Willkürlichkeit, mit der einfache Sterbliche zu langlebigen Mystikern ihrer Kunst aufsteigen, in ihren Fähigkeiten denen sterblicher Meister weit überlegen. Das an und für sich interessante Konzept, dass Meisterschaft in welcher Disziplin auch immer – vom Schwertkampf über Magie und Liebeskünste bis hin zur Kartografie – zu einer Art halbgöttlichen Zustandes führen kann, ist ein zweischneidiges Schwert. Qiro Anturasi zaubert an einem Tag völlig willkürlich ganze Kontinente oder Monster für Nelesquins Armeen mühelos herbei, am nächsten kann er dafür kaum eine Brücke über einen Fluss erschaffen, später lässt er dann den ganzen Fluss einfach verschwinden.

Keles Bruder Jorim ist derweil gar zum Gott aufgestiegen. Er kämpft sich durch die Neun Höllen wieder ins Leben zurück, um den bösen Vater der Götter, Nessagafel, der die ganze Schöpfung ungeschehen machen will, zu zerstören. Dabei wird er unterstützt von seiner toten Schwester Nirati und einem im Laufe der Handlung verstorbenen Charakter, den ich nicht verraten möchte. Diese Episode wirkte unnötig aufgesetzt und läuft nahezu parallel und zusammenhanglos zum Kampf gegen Prinz Nelesquin. Eine Art von Dantes Inferno, wie man es definitiv nicht verhunzen sollte!

Die Idee der Reinkarnation von Helden vergangener Zeitalter, die sich erneut bewähren, alte Fehler korrigieren können, scheint mir stark dem [„Rad der Zeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2470 Robert Jordans entlehnt. Allerdings ist auch dies nicht wirklich gelungen. Kaiserin Cyrsa taucht überraschend in Gestalt einer legendären Kurtisane auf – was hätte man daraus für eine Geschichte machen können! Aber da einfach zu viele Handlungsstränge zur Eile gemahnen, übernimmt sie auf mir nach wie vor unbegreifliche Weise innerhalb von zehn Seiten unangefochten das Kommando über die verschlagenen Prinzdynasten, die sich ihr trotz ihrer in den Vorgängern massiv aufgebauten machiavellistischen Natur sofort und bedingungslos unterwerfen und dabei sehr glücklich sind.

Eine als Hauptfigur aufgebaute und später wie so viele vernachlässigte Figur ist die des Schwertmeisters Moraven Tolo, der sich als Virisken Soshir, früherer Leibgardist und Liebhaber der Kaiserin entpuppt:

|Auf Dunos‘ Stirn formte sich ein Keil von Falten.
„Was Kaerinus heilte, war nicht die Narbe, sondern die Erinnerung, die ich verloren hatte, als ich so schwer verwundet wurde. Ich bin nicht Moraven Tolo. Wirklich nicht. Ich bin Virisken Soshir.“
Der Knabe blinzelte verständnislos.| (S. 69)

So kommt es zu dem Paradoxon, dass Virisken Soshir von seinem ehemaligen Schüler zum Meister Moraven Tolo ausgebildet wurde. Auch das ist an und für sich eine reizvolle Idee, leider wird sie inflationär gebraucht und überstrapaziert; ähnliche Sachverhalte treffen auch auf Ciras Dejote und viele andere zu.

_Fazit:_

Stackpole kämpft literarisch an zu vielen Fronten, baut zu viele Ideen und Charaktere auf. So kommt es, dass keine davon ausreichend gewürdigt, keiner Figur wirklich Raum gegeben wird. Dass Stackpole auch umfangreiche Zyklen konzipieren und erfolgreich beenden kann, hat er bereits in seinem siebenbändigen Zyklus [Düsterer Ruhm]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=748 bewiesen. Dieses Mal hat er zu viel gewollt, die Fantasie ist mit ihm durchgegangen. Die Idee der „Kartomantie“ der Anturasis ist faszinierend, allerdings drückt sie sich im Roman zu oft durch blanke Willkürlichkeit aus, die den für Fantasy notwendigen Rahmen des grundsätzlich Vorstellbaren und noch glaubhaften Fantastischen sprengt. Ich komme nicht über den Eindruck hinweg, dass Michael Stackpoles vorzügliche Qualitäten in charaktergetriebener epischer Fantasy und Science-Fiction besser in dem einengenden, aber auch stützenden Korsett fremder Universen wie |BattleTech| oder |Star Wars| aufgehoben sind. Mit der Warrior-Trilogie und der Blut-der-Kerensky-Trilogie im |BattleTech|-Universum hat er bereits um 1988 Klassiker geschaffen, gegenüber denen sich sein neuestes Werk sehr kläglich ausnimmt. Schade, denn die „Saga der neuen Welt“ war sehr vielversprechend angelegt und erweckte große Hoffnungen. Leider konnte sie bis zum Ende diese Versprechen nicht einlösen.

Für die sehr gute Übersetzung sorgte wie bei fast allen Stackpole-Romanen seine deutsche Stimme Reinhold H. Mai.

http://www.stormwolf.com
http://www.heyne.de