Schlagwort-Archive: Bastei-Lübbe-Verlag

John Brunner – Das Geheimnis der Draconier

_Warnung an die Erde: Genetischer Kapitalismus_

Im Jahr 2020 stößt eine internationale Expedition 19 Lichtjahre von der Erde entfernt auf die Spuren einer menschenähnlichen Kultur: die der Draconier im System Sigma Draconis. Als spektakulärstes Artefakt hinterließen sie ein Teleskop, das sie aus einem natürlichen Mondkrater herausarbeiteten. Nachfolgende Expeditionen liefern den Beweis, dass die Draconier schon 3000 Jahre nach ihrer Entstehung untergingen. Eine fieberhafte Suche nach dem Grund für das Verschwinden der Fremden beginnt, damit eine ähnliche Entwicklung auf der übervölkerten Erde verhindert werden kann. Im Jahr 2028 landet die vierte Expedition auf der fremden Welt – und sie soll über die Schließung der Kolonie entscheiden.

_Der Autor_

John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh „brennend“ für Sciencefiction, wie er in seiner Selbstdarstellung „The Development of a Science Fiction Writer“ schreibt. Schon am College, mit 17, verfasste er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, „die heute glücklicherweise vergessen ist“, wie er sagte.

Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich „über Wasser zu halten“, wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu werden, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte 1958 dort seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, dass sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.

Diese nach dem Verlag „Ace Doubles“ genannten Billigromane, in erster Linie „Space Operas“ im Stil der vierziger Jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben, verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen Fertigkeit auf vielen Gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte.

Brunner veröffentlichte „The Whole Man“ 1958/59 im SF-Magazin „Science Fantasy“. Es war der erste Roman, das Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space Operas und Agentenromanen ablöste – der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.

Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama „Morgenwelt“ gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte. Er bediente sich der Technik von John Dos Passos in dessen Amerika-Trilogie. Das hat ihm von SF-Herausgeber und -Autor James Gunn den Vorwurf den Beinahe-Plagiats eingetragen.

Es dauerte zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: „The Jagged Orbit“ (deutsch 1982 unter dem Titel „Das Gottschalk-Komplott“ bei |Moewig| und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei |Heyne| erschienen). Bildeten in „Stand On Zanzibar“ die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende Problem, so ist die thematische Basis von „The Jagged Orbit“ die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhass und vor allem in Paranoia äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor anzuempfehlen.

Diesen Erfolg bei der Kritik konnte er 1972 mit dem schockierenden Buch „Schafe blicken auf“ wiederholen. Allerdings fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ, und boykottierten ihn quasi – was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück.

Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte den satirischen Roman Muddle Earth (der von |Heyne| als „Chaos Erde“ veröffentlicht wurde), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romanprojekts ist es nicht mehr gekommen. Er starb 1995 auf einem Science-Fiction-Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.

Verwandtes Werk: „Die Pioniere von Sigma Draconis“ (Bedlam Planet; deutsch bei Heyne 1971).

Mehr von John Brunner auf |Buchwurm.info|:

[„Morgenwelt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1274
[„Chaos Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2555
[„Der ganze Mensch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3444

_Handlung_

Ian Macaulay ist Archäologe aus der erdigen Praxis. Er wundert sich, dass er für die vierte Expedition nach Sigma Draconis ausgewählt wird, an der doch offensichtlich nur Akademiker teilnehmen. Mit einer Ausnahme: Senor Ordonez-Vico ist der Chef des bolivianischen Militärgeheimdienstes. Er weigert sich, die übliche Raumfahrerkluft anzuziehen, und tritt in vollem militärischen Ornat auf. Nur den Säbel hat man ihm strikt verweigert. Alle hassen ihn. Er soll nämlich im Auftrag der UNO, welche die Expeiditionen nach Sigma Draconis finanziert und leitet, über die Schließung der Siedlung auf dem erdähnlichen Planeten dieser Sonne urteilen – und ob dort Waffen produziert werden, die gegen die Erde gerichtet sind.

Macaulay hat ja schon einige Paranoiker gesehen, aber Ordonez-Vico schlägt sie alle um Längen. Kommandant Rudolf Weil darf nicht mal eine Grußbotschaft an die Kolonie absetzen, um zu erklären, warum die |Stellaris| 12,5 Tage zu spät kommt. Doch während sich der Rest der Passagiere während des brutalen Bremsmanövers in den Gravitationssesseln quält, schickt Weil dennoch eine supergeheime Warnung an die Siedlung. Die Botschaft vernichtet sich sofort selbst. Die solchermaßen Benachrichtigten gucken sich alarmiert an: Na, das kann ja heiter werden!

Die |Stellaris| bringt die vierte Forschungsgruppe nach Draconis. 2020 entdeckte die erste den erdähnlichen Planeten, nachdem sich zuvor näher gelegene Sternensysteme als Nieten erwiesen hatten. Draconis ist 19 Lichtjahre von der Erde entfernt und nur durch den Flug durch den Quasiraum schneller als das Licht zu erreichen. Die Raumflüge sind ebenso teuer wie der Bau des Raumschiffs, und die Nationen der Erde rebellieren unter der finanziellen Last des Sternenflug-Fonds, den die UNO verwaltet. Ordonez-Vico soll entscheiden, ob die Basis aus Kostengründen zu schließen ist.

Der General unterzieht alle Wissenschaftler einem gemeinschaftlichen Verhör, und seine Spionaugen zeichnen alles auf. Sein Lügendetektor prüft die Wahrhaftigkeit der Aussagen. Seine Frage lautet einfach: Wieso verschwanden die Draconier vor hunderttausend Jahren, nachdem sie 3000 Jahre lang erfolgreich den Planeten erobert und besiedelt hatten? Könnte dies auch der Erde passieren? Die Wissenschaftler schließen nacheinander eine Invasion durch eine zweite Rasse, eine kosmische Katastrophe, planetare Katastrophen, eine Seuche und sonstige Krankheiten aus. Dann bleibt nicht mehr allzu viel als Erklärung übrig.

Ian Macauley, der Schriftexperte, soll die Aufzeichnungen der Draconier untersuchen, die sie in kristallinen Bögen niedergelegt haben, die man in Bibliotheken fand. Leider kann keiner die Schrift entziffern, denn die Draconier nahmen alles auf elektromagnetische Weise wahr. Unter den zehn Archäologen nimmt er also jetzt eine Schlüsselposition ein. Er kommt auf die ungewöhnliche Idee, sich einfach mal in einen der Draconier hineinzuversetzen. In einem Sammelsurium von Stangen erblickt er, anders als alle anderen zuvor, eine Art elektromagnetisches Barometer: ein Sturmwarngerät.

Darob ist auch Ordonez-Vico verblüfft und fragt misstrauisch, wieso niemand zuvor dies entdeckt hat. Soll hier etwas vertuscht oder verborgen werden, hm? Wütend geigt ihm Ian die Meinung über die unglaublich große Leistung der Forscher auf dieser Welt, und zwar auf eine bildhafte, anschauliche Weise, die der Bolivianer auf Anhieb begreift. Als der General den Fortbestand der Basis genehmigt, sind alle begeistert. Cathy Polyzotis, eine Biologin, gründet eine intensive Beziehung zu dem genialen Ian.

Als sie mit ihm die Kristallplatten der Draconier untersucht, entdeckt sie den piezoelektrischen Effekt, wie ihn jede Plattenspielernadel auf der Erde aufwies. Er findet Cathy auch ziemlich genial. Wirklich verblüffend findet der Direktor jedoch Ians Einfall, es wie in Simbabwe zu machen und sich in die Lebensweise und die Wahrnehmung eines Draconiers hineinzuversetzen. Zuerst als als aktives Männchen, dann als sesshaftes Weibchen, umgeben von zwei Schalen wie eine Krabbe und mit sechs Beinen, empfindlich für Schwarzweiß und das elektromagnetische Spektrum. Administrator Rorschach starrt ihn erst entgeistert an, dann genehmigt er den Versuch enthusiastisch.

Während die Forscher sich daran machen, die genaue Form der Draconier herauszufinden und nachzubauen, entdecken die Archäologen an einer der Ausgrabungsstätten eine Sensation: vier Gebäude mit je einer riesigen Statue davor und Unmengen von Kristallbögen darin. Die Statuen sind wunderschön, doch etwas findet Ian ziemlich beunruhigend: Unter diesen offensichtlichen Idealbildern liegen tote Großmütter und Mütter mit schwer deformierten Kindern und Föten. Könnte es sein, dass diese Mutationen die Draconier als Rasse ausgelöscht haben?

Ein halbes Jahr nach seiner Landung kann Ian endlich in die Attrappe des Draconiers schlüpfen. Wie jeder inzwischen weiß, war die männliche Phase recht aktiv, wurde von einer neutralen Phase gefolgt, die ein Jahr dauerte, bevor sie endlich die finale weibliche Phase überging, die recht sesshaft verlief. Um also möglichst viel erkunden können zu können, wählen die Bastler die männliche Form für Ians Selbstversuch. Ergänzt wird dieser Versuch auf der geistigen Ebene durch Hypnose und schließlich Selbsthypnose: Ian sieht nicht nur aus wie ein Draconier, er denkt auch, er wäre einer!

Innerhalb der vier Wochen des Selbstversuchs versetzt sich Ian immer tiefer in die Lage eines männlichen Eingeborenen. Wonach würde ihm der Sinn stehen, wenn er wüsste, dass er den Rest seines Lebens als Weibchen existieren würde? Gerade, als Ian blitzartig die Erkenntnis kommt, wird er von den Kollegen aus seiner Hypnose gerissen: Er hat 42 °C Fieber und ist völlig ausgehungert! So sehr hat er sich selbst vernachlässigt. Doch Ian trauert nur der verlorenen Erkenntnis nach.

Es soll anderthalb weitere Jahre dauern, bis er sie wiederfindet. Doch da bildet diese Nachricht nicht mehr einen freudigen Auftakt zu frohen Taten, sondern den Schlussakkord in einem Drama: Die |Stellaris| ist bereits 30 Tage überfällig – die Erde hat sie ihrem Schicksal überlassen. Wird die Kolonie das gleiche Schicksal ereilen wie einst die Draconier?

_Mein Eindruck_

Auf dem Titelbild steht zwar groß „ACTION“, doch davon kommt in dem Roman nichts vor. Und so mancher Leser könnte sich jetzt auch fragen, was denn bitteschön mit dem großen Teleskopspiegel auf dem Mond los ist, der im Trailer so großartig angekündigt wurde. Im Verlaufe der Dialoge erfahren wir lediglich, dass schon eine der ersten Forschungsgruppen den Mond besucht hat, aber dort nichts gefunden habe außer ein paar organischen Hüllen (Haut?) und wieder diese rätselhaften Kristallbögen.

Doch was steht auf diesen Bögen geschrieben? Das ist eben der Grund, aus dem der Chefarchäologe Igor schließlich Ian Macauley von der Erde angefordert hat. Ian hatte sich in Zimbabwe in die Lage eines Ureinwohners versetzt und war so zur Lösung des Rätsels der uralten Schriftzeichen gelangt. Mit Hilfe seines Selbstversuchs in der Hülle eines Draconiers will er diese Methode wiederholen – doch kurz vorm Ziel holt man ihn zurück, bevor er dabei draufgeht. Was könnten diese seltsamen Schriftzeichen darstellen, die auf sämtlichen Kristallbögen beinahe identisch sind? Was sich nicht variiert, kann doch auch keine Bedeutung haben, oder? Warum wurden diese Dokumente dann aber in solchen Unmengen hergestellt?

Wie man sieht, handelt der Roman nicht von Auseinandersetzungen, sondern von einer Suche nach Erkenntnis. Diese Erkenntnis ist von höchster Relevanz für die Menschen, denn sie betrifft nicht nur das Schicksal der Erde, sondern, nach Ausbleiben der |Stellaris|, auch das der Kolonie. Was hat die Draconier umgebracht? Sie stiegen in nur 3000 Jahren zur beherrschenden Spezies des Planeten auf, breiteten sich von Siedlungszentren planmäßig aus, besuchten den Mond, züchteten Pflanzen und Tiere genetisch um – und verschwanden dann einfach wieder.

Wie in vielen anderen Romanen Brunners ist die Suche nach Erkenntnis auf eine ganz spezifische Weise umgesetzt. In Krimis mögen ja Verhöre und Spurensuche zur Erkenntnis führen, doch kaum einer der Kommissare versetzt sich vier Wochen lang in die Lage des Täters, oder? (Von rechtlichen Bedenken mal ganz abgesehen.) Doch bei Brunner ist es gerade die Methode des Sichhineinversetzens, der Immersion, in die Lage des Untersuchten, die immer wieder zum Erfolg führt. Es ist die Begegnung mit dem Du, das im Ich die Erkenntnis auslöst, sei dieses Du nun ein auffällig friedliebender afrikanischer Stamm (in „Morgenwelt“) oder eine untergegangene Rasse.

Die Folgen der Erkenntnis sind häufig dramatisch. In „Die Pioniere von Sigma Draconis“, das als Alternativmodell auf dem gleichen Planeten (Asgard) spielt, führt der Selbstversuch des Helden zu einer völligen Neubewertung aller Siedler. Die Folgen sind schockierend drastisch. In „Der Schockwellenreiter“ erweist sich das demokratisch legitimierte System als faschistisch und wird von seinem kompetenten Opfer Nick, einem Computerhacker, per Computerwurm in die Knie gezwungen.

Immer geht es um Selbstbehauptung. Nicht immer gelingt sie. So etwa auch auf Sigma Draconis, wo sich die unversehens zu Siedlern umfunktionierten Forscher einem schweren Problem gegenübersehen, das ein Echo der ursprünglichen Draconier ist: Wie retten wir unser einzigartiges Erbgut? Da Chefarchäologe Igor Frau und Kind verloren und keine sonstigen Nachkommen hat, hat er ein Anrecht, seine Gene weiterzuvererben. Doch welche Frau würde sich dazu bereitfinden, das Kind eines Mannes auszutragen, den sie nicht liebt? Egal, ob man eine zweigeschlechtliche Spezies ist wie die Menschen oder eine Spezies mit veränderlichem Geschlecht wie die Draconier, stets geht es um die Rettung der wertvollsten Gene.

|VORSICHT, SPOILER!|

Die Weiterverfolgung dieses Gedanken aus seiner eigenen Betroffenheit heraus bringt Ian endlich auf die Lösung des „Geheimnisses der Draconier“: Die Draconier hatten ein kapitalistisches System entwickelt, in dem sie ihre Gene wie Geld und Aktien handelten. Wer in seiner männlichen Phase hohes genetisches Kapital erwerben konnte, dem war auch als späteres Weibchen ein gutes Leben beschieden. Der Wert des Genkapitals stieg umso mehr, je höher bestimmte hochgezüchtete Eigenschaften gehandelt wurden, etwa Schönheit oder bevorzugte Haarfarbe usw.

Es gab jedoch zwei dumme Nebeneffekte, die den Draconiern den Garaus machten. Erstens machten die hochgezüchteten Gene sie anfällig für Mutationen und Deformationen, wie sie bei den Weibchen unter den Statuen gefunden wurden. Und zweitens verhinderte die maximal verlängerte, erwerbsorientierte Männchenphase und die maximal verkürzte, konsumierende Weibchenphase, dass sich gesündere Gene erhielten und Weibchen mehrere Nachkommen zur Welt brachten. Die Draconier gingen, wie Ian es ausdrückt, an ihrem eigenen „genetischen Kapitalismus“ zugrunde. Sie wurden bankrott.

In den westlichen Gesellschaften der Gegenwart wird dieses Problem der erwerbsorientierten FRAUEN, die nicht oder nur relativ spät für Nachwuchs sorgen, immer wieder diskutiert. Dabei erscheint diese Diskussion sich mittlerweile von allein zu erledigen, denn immer mehr Frauen mit akademischem Hintergrund entscheiden sich dafür, Kinder zu haben. Sie lassen ihre berufliche Karriere eine Weile ruhen, um sich den Kindern zu widmen, bevor sie wieder in den Beruf zurückkehren. Dieses Verhalten funktioniert in den meisten westlichen Gesellschaften gut, solange es genügend finanzielle Unterstützung vom Staat gibt. Diese Unterstützung ist allerdings unterschiedlich. In dieser Hinsicht steht Deutschland nicht sonderlich gut da.

|Die Übersetzung|

Die Übersetzung ist zwar durchaus verständlich und stilistisch anspruchslos, aber leider mit Flüchtigkeitsfehlern gespickt, so dass ich den Eindruck hatte, der Übersetzer hätte sich nur sehr wenig Zeit dafür gelassen. Die Liste der Fehler wäre schier endlos, daher lasse ich sie einfach weg.

_Unterm Strich_

Dieser wissenschaftliche und auf Erkenntnis bedachte Zukunftsroman erweist sich als überraschend relevant für die Gegenwart des Lesers. Das sollte eigentlich keine Überraschung sein, weil ja jeder Zukunftsroman für aktuelle Leser geschrieben wird. Umso erfreulicher ist jedoch die Warnung des Autors, wonach wir Menschen den Fehler der Draconier, den ich oben geschildert habe, nicht wiederholen sollten. Brunners Romane, selbst solche Schnellschüsse, sind häufig als Warnung gedacht.

Ein amerikanischer Autor hätte den Schluss sicherlich gut ausgehen lassen und Ian mit seiner Cathy ein Happy End bereitet. Nicht so der Brite John Brunner, der in einer ganz anderen Erzähltradition steckt. Wer an den Schluss von [„Die Zeitmaschine“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3578 von H. G. Wells aus dem Jahr 1895 zurückdenkt, der kennt die trübsinnige Zukunftsvision für das Schicksal der Erde. Realistischerweise schätzt auch Brunner die Lage des Menschen so ein, dass dieser selbst auf einem erdähnlichen Planeten wie Asgard nicht überleben kann. Die letzten Seiten bestehen aus den Aufzeichnungen eines alten, gebrechlichen Ian Macauley, eines Ishmael ohne Zukunft.

Das Buch hätte wegen dieser Charakteristika sehr gut in |Heyne|s SF-Reihe gepasst, wo ja schon der Roman „Die Pioniere von Sigma Draconis“ erschien. „Das Geheimnis der Draconier“ schildert einen alternativen Besiedlungsverlauf.

|Originaltitel: Total Eclipse, 1974
Aus dem Englischen übertragen von Barbara Heidkamp
202 Seiten|
http://www.bastei-luebbe.de

Saul, John – Die Blackstone-Chroniken (Sammelband)

_Geschenke, die den Horror bringen_

John Saul ist ein gut verdienender Kollege von Stephen King. Und wie dieser wollte er eine schöne Tradition des 19. Jahrhunderts wiederaufleben lassen, den Fortsetzungsroman: Jeden Monat hat eine neue Episode des Romans zu erscheinen. King hatte bei diesem schwierigen und stressigen Unternehmen – der Autor kennt am Anfang den Ausgang nicht, steht aber unter Termindruck – mit „The Green Mile“ einen triumphalen Erfolg erzielt, der mit Tom Hanks verfilmt worden ist. Ob John Saul mit diesem Unternehmen Erfolg hat, werdet ihr gleich erfahren.

_Teil 1: Die Puppe_

|Auge um Auge, Zahn um Zahn|

Bedrohlich ragt das leer stehende Irrenhaus über der neuenglischen Kleinstadt Blackstone auf. An seiner Stelle soll ein modernes Einkaufszentrum entstehen, um der Stadt neuen Wohlstand zu bringen – und wohl auch Vergessen. Doch als die erste Mauer fällt, erwacht in dem alten Gemäuer etwas Unheimliches wieder zum Leben. Eine dunkle Gestalt hat Böses im Sinn, schleicht durch die Straßen Blackstones und verteilt geheimnisvolle Geschenke mit einer grauenvollen Vergangenheit, einer Vergangenheit, die die braven Bürger nur zu gern vergessen würden. Denn in der Irrenanstalt haben sich einst zahlreiche Verbrechen ereignet.

Unerwartet wird der Bankkredit für Bauunternehmer Bill McGuire gesperrt. Der Banker, Jules Hartwick, kann nichts dafür, die Zentralbank steckt angeblich dahinter. Doch für Bill hat das schlimme Folgen, schließlich hat er eine kleine Tochter, Megan, zu ernähren und eine Frau, Elizabeth, die bald ihr zweites Kind erwartet.

Die wunderschöne Puppe, die eines Tages ohne Absender bei ihm abgegeben wird, interessiert ihn nicht, denn er muss sich um einen neuen Auftrag in der Nachbarstadt kümmern. Dafür ist Megan jedoch umso begeisterter von dem Geschenk. Und auch Elizabeth erliegt allmählich dem unheimlichen Einfluss des blondgelockten Wesens. Die Rivalität zwischen Elizabeth und ihrer Tochter nimmt zu, und als Megan vom Regal stürzt, auf das ihre Mutter die Puppe gelegt hat, verliert Elizabeth durch die Anstrengung bei der Beseitigung des Regals ihr Baby.

Kaum heimgekehrt, nimmt Elizabeth die Puppe an Kindes Statt an, ganz so, als sei sie ein lebendiges Kind. Bill hält seine Frau für wahnsinnig, der Arzt jedoch nicht. Ihre boshafte Tochter sinnt unterdessen auf Rache.

Der Cefredakteur der Lokalzeitung, der junge Oliver Metcalf, erinnert sich in unwillkürlichen Flashbacks an Szenen aus dem Irrenhaus. Er lebte dort in einem kleinen Häuschen unweit von dessen Eingang. Er bekommt mächtige und offenbar permanente Kopfschmerzen.

_2. Teil: Das Medaillon_

|Unrecht‘ Gut gedeiht nicht gut|

Diesmal trifft es den Bankier, Jules Hartwick, den wir schon im ersten Band kennen gelernt haben. Er bekommt ein silbernes Medaillon geschenkt, auf dem seine Mutter Louisa zu sehen ist – aber nicht alleine! Der Mann neben ihr ist Malcolm Metcalf, einst Direktor der Irrenanstalt und Vater Olivers, des lokalen Zeitungsverlegers. In geistiger Umnachtung versucht Jules, seine Frau Madeline umzubringen – offenbar verdächtigt er sie ebenfalls der Untreue. Wenig später muss Oliver Metcalf mit ansehen, wie sich Hartwick vor dem Portal der Irrenanstalt ein Messer in den Bauch stößt und stirbt. Seine letzten Worte zu Oliver lauteten: „Sie müssen es aufhalten … bevor es uns alle umbringt.“

Oliver Metcalf hat weitere Flashbacks mit Szenen aus der Irrenanstalt. Sie zeigen ihn selbst als kleinen Jungen, der einer Behandlung unterzogen wird.

_Teil 3: Der Atem des Drachen_

|Asche zu Asche|

Die Racheakte gegen die Bürger von Blackstone treffen diesmal die Familie von Martha Ward, einer alten Frömmlerin. Einst brachte ihr Vater ihre Schwester ins Irrenhaus, nachdem diese von einem jungen Mann, der sie sitzen ließ, geschwängert worden war. Ihre Schwester bekam das Kind, es wurde ihr jedoch vom Anstaltspersonal auf Verlangen ihres Vaters weggenommen und verbrannt. Wenig später hatte sich Marthas Schwester aus Verzweiflung selbst verbrannt – mit Hilfe eines Feuerzeugs in Gestalt eines chinesischen Drachen, das ihr Martha einmal geschenkt hatte.

Nun, einige Jahrzehnte später, ist das Feuerzeug zurückgekehrt. In Marthas Haus lebt nur ihre 21 Jahre alte Nichte Rebecca, die Oliver Metcalf zum Freund gewinnt. Rebecca kauft das Feuerzeug auf dem Flohmarkt, um es ihrer Kusine Andrea anlässlich ihrer Rückkehr zu schenken. Andrea ist in den Augen ihrer Mutter, also Marthas, ein verlorenes Lamm, das sie verließ, um in Sünde zu leben.

Kaum einen Tag zurück, lässt Andrea ihr Baby abtreiben – eine weitere Todsünde in Marthas Augen. Eine tiefe Kluft zwischen Mutter und Tochter tut sich auf. Ob aus Verzweiflung und Absicht oder aus Versehen – eines Nachts versucht sich Andrea zu verbrennen, genau wie damals Marthas Schwester.

Oliver Metcalf hat nun außer Flashbacks auch noch stärker werdende Kopfschmerzen. Aber sein Arzt versichert ihm, es sei kein Tumor.

_Teil 4: Das Taschentuch_

|Eine Schlangengrube|

Vor einem halben Jahrhundert war Clara Wagner ein Mitglied des Dienstpersonals in der Irrenanstalt von Blackstone (vgl. Band 1-3). Sie hatte damals der schizophrenen Insassin Lavinia Willoughby, einer Dame der feinen Gesellschaft, ein handbesticktes Taschentuch mit dem Monogramm >R< weggenommen. Wenig später hatte sich Mrs. Willoghby umgebracht.

Nun taucht das Taschentuch auf dem Speicher von Oliver Metcalf in einem alten Aktenordner der Anstalt auf. Zufall oder Absicht? Wie auch immer, Oliver ist glücklich, seiner Angebeteten Rebecca (die mit dem R) das Taschentuch schenken zu können. Doch Rebecca wird es gleich wieder los – an Germaine Wagner, die Tochter von Clara Wagner. Beide haben Rebecca aufgenommen, nachdem Rebeccas Mutter, Martha Ward (Band 3), sich selbst verbrannt hatte. Leider missbrauchen sie die dankbare junge Frau als Putz- und Haushaltshilfe ohne Lohn.

Germaine wiederum schenkt das Taschentuch ihrer Mutter. Die erkennt es wieder, verbindet damit schlechte Erinnerungen und gibt es ihrer Tochter zurück. Germaine sieht daraufhin Hirngespinste wie etwa Insekten und Ratten, die sie angreifen, und die Eingangshalle hat sich in eine Schlangengrube verwandelt. Auf der Flucht versteckt sich Germaine im Schacht des Hausaufzugs – bis ihre Mutter auf die Schreie im Haus reagiert und mit dem Aufzug hinunterfährt …

Rebecca entflieht den Schreien und dem Schrecken im Haus der Wagners in Richtung von Olivers Haus, doch eine Hand mit Gummihandschuhen hält sie auf.

Oliver Metcalf, so erinnert er sich nun, war einst Opfer der Behandlung mit Elektroschocks. Weil dabei die Elektroden an seinem Kopf angebracht waren, hat er heute noch Kopfschmerzen. Man erfährt mehr über die Sippe der Metcalfs. Der 19. März scheint ein verhängnisvoller Tag zu sein. Und dieser Jahrestag ist nahe …

"Das Taschentuch" ist weitaus besser und sorgfältiger konstruiert als die Vorgängerbände. Die Psychologie ist ausgefeilter, und der Leser erhält tiefe Einblicke in die Vorgeschichte der Direktoren der Irrenanstalt bzw. ihrer Verwandten.

_Teil 5: Das Stereoskop_

|Der Tag der Abrechnung|

In der fünften Folge erfährt der Leser, dass die junge Unschuld Rebecca Morrison in die Hände des dunklen Unbekannten gefallen ist, der in der alten leer stehenden Irrenanstalt sein Unwesen treibt. Natürlich ist ihr Freund, Oliver Metcalf, außer sich vor Sorge um sie. Tagelang suchen er und die Polizei nach ihr, doch vergebens. Schließlich muss Oliver der nackten Wahrheit, die ihm so lange schon Kopfschmerzen bereitet hat, ins Auge sehen. Er besucht seinen Großonkel Harvey Conally und erfährt, dass er selbst am Tode seiner kleinen Schwester Mallory schuld war! Das Messer, das damals, 1956 – sie waren gerade vier Jahre alt -, eine Rolle spielte, dürfte im letzten Band von Bedeutung sein …

Der Anwalt für Zivilverfahren, Ed Becker, war bis vor zehn Jahren Strafverteidiger und verhalf so manchem schuldigen Kindermörder wieder zur Freiheit. Doch dem Prinzip des Fluchs der bösen Tat folgend, naht der Tag der Abrechnung – so der Originaltitel dieses Buchteils.

Als Ed in der schönen alten Kommode aus der Irrenanstalt ein Stereoskop entdeckt, ist seine fünfjährige Tochter Amy ganz begeistert. Mit dem altmodischen Spielzeug kann sie die beiliegenden Fotografien dreidimensional betrachten. Doch etwas ist merkwürdig: Alle Aufnahmen zeigen Eds eigenes Haus, wie es zu Zeiten seines Großvaters ausgesehen haben muss. Es scheint ein kurioser Zufall zu sein, doch schon bald wecken die Bilder allzu realistische Albträume.

Ed träumt, vor Gericht zu stehen, weil er Amys geliebten Hund überfahren habe. Schon am nächsten Morgen bewahrheitet sich seine Befürchtung. In der darauf folgenden Nacht träumt er, von seinem verrückten Großonkel Paul, der in der Irrenanstalt umkam, erschossen zu werden. Gerade noch rechtzeitig rettet er seine Familie aus dem Haus, bevor sich im Keller eine Gasexplosion ereignet. Kein Feuer bricht aus, doch die Kellerwände sind mit roter Farbe bespritzt, die wie Blut aussieht. In der dritten Nacht träumt Ed von seinem eigenen Tod …

_Teil 6: Das Irrenhaus_

|Überraschendes Finale| (VORSICHT: SPOILER!)

In der letzten Folge finden fast alle Rätsel ihre Auflösung. Der Leser fragte sich ja die ganze Zeit, wer die dunkle Gestalt ist, die die Geschenke verteilt und die Straßen der Kleinstadt unsicher macht. Nun, nachdem auch Harvey Connally, der Großonkel Olivers, ein Geschenk erhalten hat – ein Rasiermesser -, muss er Oliver die "Wahrheit" beichten: Oliver habe seine kleine Schwester Mallory im Alter von vier Jahren umgebracht. (Das erfuhr Oliver schon in Teil 5.) Melodramatisch stirbt Harvey nach diesem Geständnis.

Oliver denkt sich sein Teil und erinnert sich an die Behandlung, die ihm sein Vater widerfahren ließ, nachdem Oliver angeblich Mallory mit dem bewussten Rasiermesser die Kehle durchgeschnitten hatte. Oliver wird klar, dass dies sein Vater selbst getan hatte. Er bläute jedoch Oliver ein, er sei der Mörder gewesen. Diese Verdrängung der Wahrheit verursachte Olivers Kopfschmerzen und Blackouts.

In einem Versuch, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, betritt Oliver mit dem bewussten Messer die Irrenanstalt. Albtraumhafte Visionen suchen ihn heim, die ihn dazu bringen, die am früheren Tatort liegende Rebecca beinahe zu töten. Doch als er "nur" ihre Fesseln durchschneidet, sieht es für sie so aus, als habe er sie befreit. Dies erweist sich als pure Ironie.

Dem Sheriff gegenüber gesteht Oliver, dass er selbst es war, der unter dem posthypnotisch eingegebenen Zwang seines Vaters all die verhängnisvollen Geschenke verteilt hatte. Doch niemand in der Stadt hält Oliver, den Retter Rebeccas, dieses Verhaltens für fähig. Lieber geben sie dem toten Harvey Connally die Schuld. Dies ist die zweite Ironie.

_Mein Eindruck_

Die Handlung folgt dem altgedienten Muster des Horror-Romans: Ein Fluch liegt über den Einwohnern einer abgelegenen Kleinstadt – und so wie in Kings "The Fog" (verfilmt von John Carpenter) oder "In einer kleinen Stadt" müssen die Bürger für Sünden der Vergangenheit zahlen, meistens mit ihrem Leben. Es findet das alttestamentarische Prinzip der Rache Anwendung: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die späte Vergeltung wird vom dunklen Rächer in Gang gesetzt, als die Verbrechen nach fünfzig Jahren in Vergessenheit zu geraten drohen. Der Fluch der bösen Tat, um Schiller zu zitieren, verlangt nach Sühne. In Band 1 ist es der Tod von Olivers Tante Laurette in der Irrenanstalt. Ihr Mann hatte ihr ihren Sohn weggenommen, weil sie ihn immer in Mädchenkleider gesteckt hatte.

Diesem einfach gestrickten Prinzip folgt der Autor mit einem relativ simplen Handlungsverlauf – das Ende ist meist vorauszusehen – wie auch mit ebensolchem Stil und sprachlichem Ausdruck. Geschickt versteht er es jedoch, Spannung aufzubauen, indem er nur kleine Häppchen Information preisgibt.

Ab Teil 5 wird John Saul immer besser. Es sind nicht einmal die gruseligen Spezialeffekte, die nun den Horror, der über der Stadt und ihren Bürgern liegt, ausmachen. Es ist vielmehr die sich steigernde Beklemmung, die aus den psychologischen Phänomenen erwächst: Albträume, Flashbacks, üble Gerüchte usw. Schon ahnen die Bürger, dass ein Fluch auf ihnen liegt – den selbst der Sheriff nicht mehr lustig findet. Die Fortsetzungen streben ihrem Höhepunkt zu. Dann dürften neue grausige Wahrheiten ans Licht kommen, so etwa über die meist tödlichen Experimente, die Oliver Metcalfs Vater als Anstaltsdirektor mit den Patienten anstellte …

Sehr schön sind die Namen: Der Sheriff heißt Driver, der Feuerwehrhauptmann Schulze, der Bauunternehmer McGuire und der Anwalt Becker. So vermittelt der Autor ein Bild von der nationalen Herkunft und Vielfalt der Bürger, charakterisiert sie aber gleichzeitig: McGuire ist ein schottischer Name, der für Zupacken und Sparen steht; Becker steht jedoch eher für deutsche Tugenden: akademische Bildung, handwerkliches Können, das Beste im Beruf geben, leider aber nicht für Sparsamkeit (Ed hat für die Kommode zu viel bezahlt). Alle Namen von "guten" Frauen enden auf A: Rebecca, Clara, Martha, Melissa usw. (Olivers Mutter hieß Olivia.) Die weniger mit weiblichen Tugenden ausgestatteten Damen tragen hingegen Namen wie Germaine, Janice oder Lois. Zufall oder Absicht? Bei einem professionellen Autor wie Saul darf man getrost Absicht unterstellen.

Sehr gelungen finde ich die Verwendung von Ironie im letzten Band. So etwas findet man in Horrorromanen leider allzu selten. Insgesamt liest sich der Gesamtroman recht flott und leicht, doch es ist ein deutlicher Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Hälfte festzustellen. Die zweite legt mehr Wert auf Psychologie und inneres Erleben, wohingegen die erste noch verhältnismäßig stark an oberflächlichen Aktionen und plumpen Genretricks (Puppen, Talismane usw.) interessiert war. Basiert die erste Hälfte auf dem Alten Testament, so orientiert sich die zweite an Edgar Allan Poe (Blackouts, schwache Konstitution, die Rolle Rebeccas) und der Psychologie nach Freud (Schwestermord, posthypnotische Befehle).

In seinem ausführlichen Nach- und Dankeswort gesteht John Saul, sich durchaus einiger Fehler und Widersprüche bewusst zu sein, die sich im Laufe der Arbeit an den sechs Buchteilen eingeschlichen haben. Dies muss man ihm nachsehen – es war ein schwieriges Unterfangen, und offensichtlich nicht das letzte dieser Art. Danach versuchte sich auch Bestsellerautor Wolfgang Hohlbein an der Form des Fortsetzungsromans. In ["Intruder"]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=144 schickte er ein paar deutsche Männer in die raue Wüste Arizonas, wo es nicht ganz geheuer ist.

|Originalausgabe 1997
Aus dem US-Englischen übertragen von Joachim Honnef|

Brunner, John – Sonnenbrücke

_Philosophisch: Die Teufel von Azrael_

Die Erfindung des interstellaren Brücken-Systems hat die Chance eröffnet, die besiedelten Welten wieder zusammenzuführen und galaxisweiten Planetenverbund zu schaffen. Doch dagegen sperrt sich die Welt Azrael. Zwei Agenten, ein Mann und eine Frau, suchen die Dissidentenwelt auf, um die Gründe dafür zu erfahren – und sehen sich plötzlich mit der Frage nach dem Sinn der Zivilisation konfrontiert. (aus der nicht ganz zutreffenden Verlagsinfo)

_Der Autor_

John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh „brennend“ für Science-Fiction, wie er in seiner Selbstdarstellung „The Development of a Science Fiction Writer“ schreibt. Schon am College, mit 17, verfasste er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, „die heute glücklicherweise vergessen ist“, wie er sagte.

Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich „über Wasser zu halten“, wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu werden, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte 1958 dort seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, dass sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.

Diese nach dem Verlag „Ace Doubles“ genannten Billigromane, in erster Linie „Space Operas“ im Stil der vierziger Jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben, verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen Fertigkeit auf vielen Gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte.

Brunner veröffentlichte „The Whole Man“ 1958/59 im SF-Magazin „Science Fantasy“. Es war der erste Roman, das Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space Operas und Agentenromanen ablöste – der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.

Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama „Morgenwelt“ gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte. Er bediente sich der Technik von John Dos Passos in dessen Amerika-Trilogie. Das hat ihm von SF-Herausgeber und -Autor James Gunn den Vorwurf den Beinahe-Plagiats eingetragen.

Es dauerte zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: „The Jagged Orbit“ (deutsch 1982 unter dem Titel „Das Gottschalk-Komplott“ bei Moewig und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei Heyne erschienen). Bildeten in „Stand On Zanzibar“ die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende Problem, so ist die thematische Basis von „The Jagged Orbit“ die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhass und vor allem in Paranoia äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor zu empfehlen.

Diesen Erfolg bei der Kritik konnte er 1972 mit dem schockierenden Buch „Schafe blicken auf“ wiederholen. Allerdings fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ und boykottierten ihn quasi – was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück.

Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte den satirischen Roman „Muddle Earth“ (der von Heyne als „Chaos Erde“ veröffentlicht wurde), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romanprojekts ist es nicht mehr gekommen Er starb 1995 auf einem Science-Fiction-Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.

_Handlung_

In ferner Zukunft hat die Menschheit den Weltraum erobert und sich auf Dutzenden von fremden Planeten angesiedelt. Jede dieser Kolonien hat sich eigenständig entwickelt und im Laufe der Jahrhunderte von den Nachbarwelten abgekapselt, so dass die Kommunikation schwierig geworden ist. Die Entwicklung eines interstellaren Brückensystems eröffnet die Chance, die auseinanderdriftenden Welten wieder zusammenzuführen und einen galaxisweiten Planetenbund zu schaffen.

Der Brückeningenieur Jorgen Thorkild, der als Direktor das Brückensystem leitet, ist schwer genervt. Der Erdrepräsentant von Rigers Welt, Angos, singt in seiner Wohnung ein obszönes Lied mit seiner menschlichen Assistentin Maida Wenge. Als Thorkild gegen den von Rigers Welt eingeschleppten Schlangen-Kult eines Predigers namens Rungley protestiert, weist Angoss ungerührt daraufhin, dass Rigers Welt nicht darum gebeten hatte, ans Brückensystem angeschlossen zu werden. Aber man habe es akzeptiert. Nun müsse die Erde mit den Folgen zurechtkommen.

Auf dem Planeten Azrael, der sich weiterhin gegen die Aufnahme ins Brückensystem sperrt, erkundet Agent Jacob Chen die nächtlichen Straßen, um herauszufinden, was die kulturelle Basis für die abweisende Haltung ist. Auf Azrael, dessen Name „Todesengel“ bedeutet, herrscht ein Todeskult, denn nicht das Leben, sondern der Tod sei das einzig Reale, das gewiss sei. Als er in eine Art Kirche geht und dort beobachtet, wird er von einem Bürger, der ihm eben diese Art der Gewissheit vermitteln will, erstochen. Chens Kollegin Lt. Inkoos kann angesichts des Trauerzugs, der seine Leiche zu ihrem, Erkundungsschiff bringt, nur verständnislos den Kopf schütteln. Der Gesetzeshüter Azraels sagt, es gebe keine Verhandlung, denn der Tod ereignete sich während eines Rituals. Chen habe gewusst, was er tat, als dorthin ging. Inkoos seufzt: Jacob war der beste Universalgelehrte, den sie hatten.

In der Brückenkommandozentrale auf der Erde muss Direktor Jorgen Thorkild, Herr über 40 Planetenzugänge, mal wieder Fremdenführer spielen und seufzt. Heute führt ihm der Verantwortliche van Heemskirk die Regierungschefs von Azrael und Ipewell zu, deren Welten kurz vorm Anschluss ans Netzwerk der Materietransmitter, der „Brücken“, stehen. Mutter Uskia von der matriarchalisch beherrschten Welt Ipewell ist schwanger und nimmt jedes von Thorkilds Worten für ihre ungeborene Tochter auf. Doch auch Lancaster Long, der Vertreter Azraels, ist kritisch gegenüber Thorkild und stellt die Frage, ob der Direktor mit seiner Arbeit zufrieden sei. Thorkild denkt an seinen Vorgänger Saxena, der sich das Leben nahm, und an Alida Marquis, die ihm die kalte Schulter zeigt, und verfällt zum Entsetzen Heemskirk in einen hysterischen Lachanfall. Diese Führung war kein Erfolg für die Erde.

Alida Marquis sitzt gerade in einer Sitzung ihres Planungskomitees für die Brücke und denkt an Thorkild, als Heemskirk die Hiobsbotschaft überbringt: Thorkild erlitt einen Nervenzusammenbruch und Chen ist tot. Jetzt steckt das Brückenprojekt in einer Krise. Alida und Heemskirk einigen sich darauf, den jungen Universalgelehrten Hans Demetrios nach Azrael zu schicken. Und dieser stellt die Azraeliten tatsächlich vor ein kniffliges Dilemma.

_Mein Eindruck_

John Brunner veröffentlichte die erste Version dieses Romans 1964 unter dem Titel „Endless Shadow“, überarbeitete sie aber 1982 offenbar gründlich. Leider nicht gründlich genug für meinen Geschmack. Die Figurenzeichnung ist fast nicht vorhanden, und bis auf Hans Demetrios ist jede Figur austauschbar, sogar so zentrale wie Lancaster Long, Alida Marquis und Jorgen Thorkild.

Der Autor versucht, sich mit langen inneren Monologen aus der Affäre zu ziehen, die der Handlung eine erstaunliche psychologische Tiefe und philosophische Dimension verleihen. Sie machen die Geschichte aber auch unanschaulich, um nicht zu sagen: abstrakt. Ich musste mich zwingen, den Roman zu Ende zu lesen. Das Thema ist interessant, aber die Ausführung weniger als mäßig.

Es ist aber auch kein fröhliches Thema, um das sich das Geschehen dreht. Auf einer Erde, auf der keiner mehr arbeiten muss, weil dies die Computer und Maschinen erledigen, ist der Sinn der Existenz eines Menschen abhanden gekommen. Ja, Leute wie Alida oder Jorgen funktionieren nur noch, weil die Computer jemanden brauchen, der Entscheidungen trifft und deren Folgen auf seine Kappe nimmt. Weder Alida noch Jorgen denken, dass sie Kinder wollen, was kein Wunder ist. Würde man Kinder in eine solche Welt setzen und sich ihnen 20 Jahre lang widmen?

Vor diesem Hintergrund ist das Projekt der Brücke zu den Welten von eminenter Bedeutung für die kollektive Psyche der Menschheit. Unbewusst betrachten die Menschen die Kolonien als ihre Kinder und können sich als tolle Menschenfreunde fühlen, weil sie ja diese Welten mit den Gaben ihres Fortschritts beglücken. Als sich aber Azrael gar keinen goldenen Köder ins Haus holen will, sondern die Gabe kategorisch ablehnt, gerät das Brückenprojekt in eine Sinnkrise – und mit ihr die Menschheit. Schon bald gibt es Azraeliten, die sich dem Selbstmord verschrieben haben. Als sich Lancaster Long von einer der Giftschlangen Rungleys beißen lässt, löst dies einen Schlangenkult aus, der natürlich weitere Opfer fordert.

Der Schlüssel zu allem besteht also darin, zu begreifen, wie man das Problem Azrael knacken kann. Die Bürokratin Alida hat beispielsweise Schwierigkeiten zu verstehen, worin das Problem überhaupt besteht. Also schickt man einen Universalgelehrten zu dieser Welt, den jungen Hans Demetrios, der sich seines Vorgängers Jacob Chen würdig erweisen will. Er will der seltsamen Kultur Azraels auf den Grund gehen.

Die Azrael-Bewohner wie etwa Lancaster Long haben einen Kult des Todes entwickelt, der besagt, dass die lebendige Existenz zu erleiden ist, solange es geht. Man kann ihr aber in einem demokratisch-kultischen Ritual willkürlich ein Ende setzen. Interessanterweise nehmen die Adligen, zu denen Long gehört, nicht an diesem Ritual teil, um auf diese Weise dem wahllosen Tod zu entgehen. Niemand nennt sie Verräter oder Heuchler, aber genau das sind sie in Demetrios‘ Augen.

Als er ihr Geheimnis lüftet, halten sie ihm zwar noch stand, doch sie wanken. Als er einen Warnschuss in den Ozean abfeuern lässt, geben sie nach. Ihre lebensverneinende Philosophie funktioniert für sie selbst, aber nicht gegenüber Gewaltanwendung von außen. Ihr geschlossenes System ist verwundbar, deshalb lehnen sie die Öffnung durch die Brücke ab. Es wäre ihre Achillesferse.

|Die Übersetzung|

Die Übersetzung ist flüssig zu lesen, doch mitunter stolpert der Leser über seltsame Fremdwörter. So wird etwa nirgends erklärt, was ein „Distorter“ (S.51) bewirkt. Nur wenn man weiß, dass engl. „to distort“ „verzerren“ bedeutet, wird ein Schuh draus.

Auf Seite 24 ist mehrmals die Rede von einem mysteriösen „Kortege“, so als gäbe es dieses Wort im Deutschen (der DUDEN kennt es nicht). Nur im Englischen gibt es ein Wort „cortège“, welches „Leichenzug“ bedeutet. Diese Beschreibung passt.

Wenn die Übersetzerin diese Wörter nicht eindeutschen konnte, hätte sie den Rest ja auch gleich im Original belassen können, oder? Ein typischer Fall von Faulheit, wie er mir in Taschenbüchern schon vielfach untergekommen ist, aber auch eine Folge der miesen Bezahlung solcher Übersetzungen.

_Unterm Strich_

Dies ist ein am ehesten als philosophische Überlegung über eine künftige, möglicherweise imperialistische Erde zu genießender Roman, vielleicht auch über das Britische Empire und dessen Kolonialismus. Doch als spannende Lektüre ist das Buch denkbar ungeeignet. Dass Bastei-Lübbe den Roman als „Action“ bezeichnet, ist der blanke Hohn. Es gibt zwar ein paar spannende Szenen und solche, die durchaus anrührend sind, aber das kann die grundlegende Schwäche nicht ausgleichen.

Die Handlung ist unansehnlich, die Figuren völlig austauschbar, und der Leser muss nicht nur seine grauen Zellen für das Verständnis des Themas anstrengen, sondern auch seine Geduld strapazieren, um bis zum Schluss durchzuhalten. Das Ende ist wenigstens ein gutes, was mich mit den Widrigkeiten der Lektüre wieder versöhnt hat.

|Taschenbuch: 184 Seiten
Originaltitel: Endless Shadow (1964), überarbeitet zu: Manshape (1982)
Aus dem Englischen übertragen von Barbara Heidkamp.
ISBN-13: 978-3404211814|
[www.bastei.de]http://www.bastei.de

_John Brunner bei |Buchwurm.info|:_
[„Morgenwelt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1274
[„Chaos Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2555
[„Der ganze Mensch / Beherrscher der Träume“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3444
[„Das Geheimnis der Draconier“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5920
[„Doppelgänger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5940
[„Der galaktische Verbraucherservice: Zeitmaschinen für jedermann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6171
[„Der Kolonisator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5921
[„Die Opfer der Nova“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5980
[„Geheimagentin der Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5981

Brunner, John – Kolonisator, Der

_Übermensch und Maria Magdalena: ein super Gespann_

Als der Stern Zarathustra zur Nova wurde und in einer lebensfeindlichen Lichtflut explodierte, flohen die wenigen Überlebenden in alle Richtungen und suchten auf Planeten der Nachbarsonnen eine neue Heimat. Doch diese Welten waren grundverschieden, und jede war auf ihre Art menschenfeindlich. Und schon die geringste Abweichung von der gewohnten Norm konnte auf überraschende Weise tödlich sein.

_Der Autor:_

John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh „brennend“ für Science-Fiction, wie er in seiner Selbstdarstellung „The Development of a Science Fiction Writer“ schreibt. Schon am College, mit 17, verfaßte er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, „die heute glücklicherweise vergessen ist“, wie er sagte.

Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich „über Wasser zu halten“, wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu werden, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte 1958 dort seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, dass sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.

Diese nach dem Verlag „Ace Doubles“ genannten Billigromane, in erster Linie „Space Operas“ im Stil der vierziger Jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben, verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen Fertigkeit auf vielen Gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte.

Brunner veröffentlichte „The Whole Man“ 1958/59 im SF-Magazin „Science Fantasy“. Es war der erste Roman, der Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space Operas und Agentenromanen ablöste – der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.

Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama „Morgenwelt“ („Stand On Zanzibar“) gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte. Er bediente sich der Technik von John Dos Passos in dessen Amerika-Trilogie. Das hat ihm von SF-Herausgeber und -Autor James Gunn den Vorwurf den Beinahe-Plagiats eingetragen.

Es dauerte zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: „The Jagged Orbit“ (deutsch 1982 unter dem Titel „Das Gottschalk-Komplott“ bei Moewig und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei Heyne erschienen). Bildeten in „Stand On Zanzibar“ die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende Problem, so ist die thematische Basis von „The Jagged Orbit“ die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhass und vor allem in Paranoia äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor zu empfehlen.

Diesen Erfolg bei den Kritikern konnte er 1972 mit dem schockierenden Buch „Schafe blicken auf“ wiederholen. Allerdings fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ und boykottierten ihn quasi – was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück.

Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte den satirischen Roman „Muddle Earth“ (der von Heyne als „Chaos Erde“ veröffentlicht wurde), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romanprojekts ist es nicht mehr gekommen Er starb 1995 auf einem Science-Fiction-Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.

_Handlung:_

Die Sonne Zarathustra ist zur Nova geworden und explodiert. Rechtzeitig vor dem Eintreten dieser Katastrophe haben sich die Bevölkerungen der Planeten in Sicherheit bringen können. Sie landeten auf verschiedenen anderen Welten. Die erste davon schildert der Roman „Der Kolonisator“. Hier gingen zwei Raumschiffe nieder. Das von Captain Arbogast ist im Meer vor einer Flussmündung versunken, doch die Besatzung konnte sich retten und hat den harten Winter halbwegs gut überstanden. Schiffbrüchige wie der unternehmungslustige und einfallsreiche Lex bergen wie einst Robinson Crusoe noch wertvolle Güter aus dem halb versunkenen Wrack, doch an einen Start ist nicht zu denken.

Doch was ist aus dem zweiten Raumschiff geworden, das auf einer kargen Hochebene landete, wo der Winter die Besatzung bestimmt dezimiert hat? Ornelle ist eine der 800 Überlebenden an der Flussmündung und versucht im Frühjahr verzweifelt, per Funk das zweite Raumschiff zu erreichen. Die Vierzigjährige glaubt immer noch, sie könnte diesen Dreckball verlassen, wenn man das zweite Raumschiff starten könnte. Lex sagt zu Doktor Jerode, sie gehöre zu den Nutzlosen, die rückwärts blicken, statt sich auf die Gründung einer Kolonie zu konzentrieren.

Nach einer kleinen Konferenz, bei der der depressive Captain den Vorsitz an Dr. Jerode abgegeben hat, verrät Lex dem Arzt, was er wirklich ist: ein angehender Polymath, ein Weltenmanager mit übermenschlichen Fähigkeiten. Dr. Jerode würde einem derartigen Menschen liebend gerne die Führung der Kolonie übergeben, doch Lex winkt ab: Jerode darf seine geheime Fähigkeit auf keinen Fall verraten, denn sonst würde man Lex sofort sämtliche Fehlschläge anlasten und ihn mit Verwaltungskram bis über beide Ohren zumüllen! Jerode willigt ein, und nach Arbogasts Selbstmord leitet er die Siedlung.

Während des Sommers läuft alles bestens, findet Lex, und alles ist im Aufbau. Da kommt es zu zwei folgenschweren Ereignissen. Das erste besteht darin, dass sich die sechzehnjährige Naline selbst mit einer Energiepistole blendet. Angeblich aus Verzweiflung über die Zurückweisung durch die sexuell aktive Delvia. Doch Lex vermutet, dass mehr dahintersteckt. Delvia kann froh sein, wenn sie nicht das Opfer eines Lynchmobs wird.

Das zweite Ereignis löst Besorgnis aus: Der Fluss versiegt innerhalb einer Stunde. Das Tempo ist ungewöhnlich, und so kommt eigentlich nur eine drastische Ursache in Frage: ein Erdrutsch oder ein Damm, etwa durch Biber. Lex erhält den Auftrag, eine Expedition flussaufwärts zu führen und das Wasser wieder zum Fließen zu bringen. Delvias Antrag auf Teilnahme weist er brüsk zurück: Sie ist viel zu impulsiv und brächte alle in Gefahr.

Was Lex‘ Expedition vorfindet, ist tatsächlich ein Damm. Die Leute vom zweiten Raumschiff haben ihn errichtet. Aber ein Blick genügt, um zu erkennen, dass er in spätestens drei Tagen brechen wird. Diese Einsicht hilft Lex aber nicht: Bewaffnete Kerle entwaffnen ihn mit vorgehaltenen Energiewaffen. Im Lager herrscht ein Oberst Gomes, und es ist deutlich zu sehen, dass der Raumfahrer wahnsinnig ist. Er lässt die Bildung einer Kolonie nicht zu, vielmehr müssen alle anderen unter Strafen wie die Sklaven schuften, damit das beschädigte Raumschiff flottgemacht wird. Lex weiß, dies ist Wahnsinn, aber wie soll man dies einem Irren begreiflich machen?

_Mein Eindruck:_

Dies ist schon der dritte Siedlerroman, den ich von John Brunner gelesen habe. Die anderen waren „Die Pioniere von Sigma Draconis“ und „Das Geheimnis der Draconier“. Anscheinend lag dem produktiven Autor das Thema. Andererseits konnte er anhand der alternativen Erden die Fehler auf der aktuellen Erde so aufzeigen, dass sie dem Leser als Warnung dienen konnten. Das ist bei „Der Kolonisator“ ein wenig anders.

|Supermensch|

Der wichtigste Unterschied ist natürlich der Auftritt eines Supermenschen, eines „Polymathen“. Lex ist zwar nicht ganz ausgebildet und hat schon gleich gar keine Praxiserfahrung, aber er verfügt über besondere Fähigkeiten, die nicht nur physischer, sondern auch psychischer Natur sind. Er kann im Dunkeln sehen und schärfer hören als die anderen, aber wichtiger ist sein logisches Denken und die Konsequenz im Handeln, die ihn auszeichnet. Allerdings hat auch er seinen schwachen Moment, so wie Jesus, als nämlich Delvia, seine Maria Magdalena, ihm verdeutlicht, welche immense Verantwortung nun allein auf Lex‘ Schultern liegt.

|Hoffnung|

Der Knackpunkt, der das Siedlungsprojekt fast zum Scheitern bringt, ist nämlich die Frage, welche Hoffnung man den Siedlern geben soll. Eine Fraktion um Ornelle und einen ehemaligen Kontinentalmanager denkt rückwärtsgewandt und will unbedingt das Raumschiff flott kriegen – oder wenigstens eine Subraumfunkboje starten. Dass dies mit ihren Mitteln unmöglich zu bewerkstelligen ist, versucht Lex immer wieder zu demonstrieren, doch man glaubt ihm nicht, bis er aus Gomes‘ Lager Flüchtlinge mitbringt, die bezeugen können, wozu der Glaube an eine Rückkehr in den Raum führen kann. Lex und seine Fraktion ist vorausschauend und plant für eine feste Kolonie.

|Zwei Modelle zur Wahl|

Zwei konträre Gesellschaftsmodelle prallen direkt aufeinander, nicht nur innerhalb der Lex-Kolonie, sondern auch zwischen dieser und dem Gomes-Lager. Gomes hält Arbeitssklaven und trifft keine Vorsorge für den Winter, weil er hofft, sein Raumschiff zum Fliegen zu bringen und Hilfe zu finden. Der Höhepunkt des Romans sieht tatsächlich den Flug des Gomes-Raumschiffs, doch diese Hoffnung scheitert, wie Lex es voraussah. Doch zu frohlocken, verzweifelt auch er ob des Absturzes. Er ist ja letzten Endes kein Tyrann, sondern nur ein Mensch, der von Glaube, Liebe und Hoffnung lebt.

|Maria Magdalena|

Apropos Liebe: Die kommt ebenso wenig zu kurz wie die Erotik. Schließlich müssen sich die Siedler ja vermehren. Im Mittelpunkt steht Delvia, die attraktive und oben ohne herumlaufende Maria Magdalena von Lex, dem Retter. Sie bezeichnet sich selbst als „Naturtier“, was ich bemerkenswert finde. Durch die unglückliche Affäre mit der jungen Naline und der wahnsinnig werdenden Ornelle steht Delvia kurz davor, für ein nicht vorhandenes Verbrechen gelyncht zu werden. Das führt zu ihrer moralischen Läuterung. Nun versteht sie auch Lex und dessen Mission viel besser. Tatsächlich wird sie zu seiner glühenden Anhängerin, die sein rätselhaftes Verhalten gegen Zweifel und Anfeindungen verteidigt.

Ich staunte immer wieder, welche Fülle von Informationen der Autor für diesen einfachen Siedlerroman aufgebracht hat. Er hat zahlreiche Sachgebiete aufbereitet: Medizin, Elektrotechnik, Kommunikation, Solartechnik, Chemie, Papier- und Kleiderherstellung und vieles mehr. Leider kommen die entsprechenden Fachausdrücke in der Übersetzung nicht immer verständlich herüber.

_Die Übersetzung: _

Der Text ist gespickt mit Fachausdrücken. Auf Seite 40 ist von einem „Präzipitat“ die Rede. Das ist nichts anderes als der körnige Niederschlag einer Salzlösung. Auf Seite 94 wird eine „Urgastrula“ erwähnt. Eine Gastrula ist mir noch aus dem Biologie-Unterricht bekannt. Es handelt sich um die Urform in einem Fötus, aus der sich die Wirbelsäule und die inneren Organen bilden.

Neben den üblichen Flüchtigkeitsfehlern finden sich auch echte Rechtschreibfehler, so etwa auf Seite 41 „verpöhnt“ statt „verpönt“ und auf S. 79 „expliziert“ statt „explizit“. Ansonsten ist der Text relativ frei von Fehlern, die den Lesefluss stören könnten.

_Unterm Strich:_

Ich habe den 200-Seiten-Roman in nur einem Tag gelesen, denn er ist zunächst detailliert und dann zunehmend szenenreicher erzählt. Man darf also nicht gleich die Geduld verlieren, denn das letzte Drittel bringt durch die Konfrontation zwischen Gomes und Lex das eigentliche Abenteuer. Innerhalb der Lex-Kolonie tritt aber auch Wahnsinn auf, und der kann bekanntlich ebenfalls gefährlich werden.

Das ist wahrscheinlich einer der wenigen Supermensch-Romane John Brunners. Ich zwar nur wenige seiner Ace- und DAW-Books-Klassiker, aber seine dystopischen Klassiker „Schafe blicken auf“, „Morgenwelt“ und „Ein irrer Orbit“ sowie „Der Schockwellenreiter“ sind mir natürlich vertraut. Dort findet sich jedes Mal ein außerordentlicher Mann, der als Rebell und innovativer Denker gegen das System angeht. Das klappt mal gut („Schockwellenreiter“), mal weniger gut („Morgenwelt“). Die Idee eines Polymathen erscheint mir nicht so abwegig, ergibt aber nur in einem Sternenreich einen Sinn, das auf Expansion ausgelegt ist. Davon können wir heute nur noch träumen.

|Taschenbuch: 206 Seiten
Originaltitel: Polymath (1974)
Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Heidkamp
ASIN: B002074CRI|

_John Brunner bei |Buchwurm.info|:_
[„Morgenwelt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1274
[„Chaos Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2555
[„Der ganze Mensch / Beherrscher der Träume“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3444
[„Das Geheimnis der Draconier“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5920
[„Doppelgänger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5940
[„Der galaktische Verbraucherservice: Zeitmaschinen für jedermann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6171

Ann Granger – Messer, Gabel, Schere, Mord [Mitchell & Markby 4]

Der Umbau eines Landhauses zum Nobel-Restaurant sorgt für Aufruhr unter den wenig begeisterten Nachbarn. Am Tage der Neueröffnung wird eine Frau im Weinkeller erstochen. Inspektor Markby steht vor vielen Mordverdächtigen, die mehrheitlich zwar keine Mörder aber keineswegs unschuldig sind … – Zwar bietet Band 4 der „Markby-&-Mitchell“-Serie bietet kaum Krimi-Spannung, will dies mit englischer Landhaus-Romantik nach Genre-Vorschrift wettmachen und trifft routiniert ins Herz eines entsprechend gepolten Publikums: Lesen oder Schlafen – der Unterschied ist marginal.
Ann Granger – Messer, Gabel, Schere, Mord [Mitchell & Markby 4] weiterlesen

Patrick Dunne – Die Keltennadel [Jane Wayde 1]

Pfarrer Lavelle aus Irland findet in seiner Kirche eine ‚geopferte‘ Frau. Als Spezialist für moderne Kulte (und Tatverdächtiger) beginnt er in eigener Sache zu ermitteln, wobei ihm ein freundlicher Polizist und eine Kunstexpertin helfen. Man kommt einer pseudoreligiösen Verschwörung auf die Spur, die einen neuen Kreuzzug plant, um diese sündige Welt zu ‚reinigen‘ … – Debütautor Dunne schert sich wenig um Handlungslogik oder Figurentiefe, sondern serviert, was das Genre seit Dan Brown dominiert: Kirchen-Geheimnisse und saftige Morde: Munkel-Thriller von der Stange. Patrick Dunne – Die Keltennadel [Jane Wayde 1] weiterlesen