Schlagwort-Archive: Bastei-Lübbe-Verlag

Robert A. Heinlein – Fremder in einer fremden Welt (ungekürzte Fassung)

In diesem Roman wird die Geschichte von Valentine Michael Smith erzählt, einem Menschen, der von Marsianern auf dem Mars aufgezogen wurde und nun als junger Mann zur Erde zurückkehrt. Es wird erzählt, wie er die zunächst fremde irdische Kultur erlebt – und wie er sie verändert.

Robert Anson Heinlein ist einer der bekanntesten Science Fiction-Autoren, und „Stranger in a Strange Land“ ist sein bekanntestes Buch, das auf dem Uni-Campus der sechziger Jahre Kultstatus erlangte. Als es 1961 erschien, brachte der Verlag allerdings nur eine gekürzte – man könnte auch sagen: zensierte – Version auf den Markt. Auf Wunsch der Verleger wurde der Roman zunächst in einer um ein Viertel gekürzten Version (dt. Titel Ein Mann in einer fremden Welt) veröffentlicht, in der unter anderem auch „anstößige“, also Sexszenen, gestrichen worden waren. Die restaurierte Fassung, die Bastei-Lübbe 1996 vorlegte, wurde erst 1991 veröffentlicht, zwei Jahre nach Heinleins Tod und betreut von seiner Witwe Virginia. „Der Titel des Romans ist dem Buch Exodus des Alten Testaments entnommen.“ (Wikipedia)

Der Autor
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Hamilton, Peter F. – Drachenfeuer (Der Drachentempel 2)

_Drachentöter sind auch nicht mehr das …_

Der Held des zweigeteilten Bandes findet endlich den Schatz, den er gesucht hat. Und der Fund zwingt ihn dazu, die Welt zu verändern und die Menschen zu befreien.

_Der Autor_

Der britische Science-Fiction-Autor Peter F. Hamilton wurde hierzulande mit seinem sechsbändigen Armageddon-Zyklus bekannt, in dem sich eine galaktische Zivilisation der Menschen einer tödlichen Bedrohung gegenübersieht. Nach dem Erzählband „Zweite Chance auf Eden“ folgte die Duologie „Der Drachentempel“ („Fallen Dragon“, 2001). Inzwischen erschienen noch auf Deutsch „Unendliche Grenzen“ (2003) sowie [„Der Dieb der Zeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=593 (2004).

_Handlung des zweiten Bandes (Kapitel 11 bis Schluss)_

Der Roman „Fallen Dragon“ wurde vom deutschen Verlag in zwei Bände aufgeteilt. Ich gebe hier den Inhalt bis zum Ende des zweiten Bandes wieder.

|Autarke Schottinnen|

Der Anfang des zweiten Bandes scheint zunächst überhaupt nichts mit der Haupthandlung zu tun zu haben, erweist sich aber am Schluss als ausschlaggebend. Denn die Hauptfigur, Lawrence Newton, lernt wieder einmal eine Frau kennen und lässt sich mit ihr auf eine Affäre ein. Er hat aber nicht damit gerechnet, dass sie es todernst meint.

Joona Beaumont kommt aus Schottland und ist eine Aktivistin. Sie demonstriert vor dem holländischen Hauptquartier des Großkonzerns Zantiu-Braun gegen dessen Politik. In diesem Gebäude will sich Lawrence für die Offizierslaufbahn qualifizieren. Er bemerkt die schöne Demonstrantin und grüßt sie, zunächst ironisch. Dann gibt er ihr Drinks aus. Sie landen zwar zusammen im Bett, aber Joona ist ganz anders als die hübschen Mädels, die Lawrence gewohnt ist, für eine Nacht aufs Zimmer zu nehmen.

Doch Zantiu-Braun lehnt ihn trotz guter Prüfungsergebnisse (im Simulator usw.) wegen mangelnder Anteile am Konzern ab, was ihm sehr ungerecht erscheint. Aus Frust fährt er mit Joona nach Schottland, zu ihrer geliebten Großmutter Jackie. Joona lehnt ihre Mutter ab (und damit unbewusst Lawrences Grundeinstellung). Ihr Vater ist weiß Gott wo.

Jackie verkauft Pullover aus selbst produzierter Wolle von selbst gehüteten Schafen in den schottischen Hochtälern. Ihre Philosophie, die Joona völlig übernommen hat, lautet: Mach dich von der gleichmachenden Kultur der Großkonzerne („Unikultur“ genannt) unabhängig und sorge für dich selbst, so weit es geht. Folglich zieht sie ihr eigenes Gemüse usw. Es ist der Urgedanke der Grünen und Alternativen aus den Siebzigerjahren, in die Tat umgesetzt.

Doch als der an Synthetiknahrung gewöhnte Sternenkrieger Lawrence herausfindet, dass das, was er auf seinem Sandwich isst, echtes Fleisch von echten Angusrindern ist, kotzt er sich die Seele aus dem Leib und flüchtet, so schnell ihn die Beine tragen können.

|Niederlagen|

Auf der von Zantiu-Braun eroberten Welt Thallspring entwickeln sich die Dinge zusehends zu Ungunsten der Eroberer. Prime, die subversive Software der Widerstandsbewegung, erlaubt deren Mitgliedern einige spektaktuläre Sabotageakte. Der vorläufig größte Coup zielt auf die moralische Integrität und Glaubwürdigkeit der Eroberer. Der junge Skin-Söldner Hal aus Newtons Platoon kommt vor Liebessehnsucht fast um und besorgt sich einen illegalen Besuch in einem obskuren Bordell. Am nächsten Morgen wird er verhaftet. Der Grund: Er habe die Tochter des Bürgermeisters vergewaltigt. Es gebe weder ein Taxi, das er benutzt habe, noch ein Bordell, wo er sich vergnügt habe.

Hal, der notgeile Bauerntrampel, mag toben und betteln, wie er will, niemand glaubt ihm (außer Newton). Auf Drängen des Bürgermeisters und des Gouverneuers wird er zum Tode durch Erschießen verurteilt. Denn das Prime hat alle gegenteiligen, Hals Version stützenden Daten aus dem Zentralcomputer gelöscht. Doch Newton lässt den hingerichteten Söldner nicht im Stich.

In einem Rückblick auf Newtons Kampagnen kommt nun erstmals (etwa auf Seite 160) die Sprache auf ein Dorf im Hinterland Thallsprings, wo nach seiner Meinung nicht alles mit rechten Dingen zugehen kann. Arnoon Village ist ein Bilderbuchdorf mit Häusern, die besser ausgestattet sind als eine Gouverneursvilla. Und das mitten im Dschungel? Newton selbst vereitelt eine Vergewaltigung und lernt Denise, die Schwester des Beinaheopfers, kennen. Denise ist der spätere Kopf der Widerstandsgruppe auf Thallspring.

Ein dritter Rückblick zeigt Newtons Platoon bei der verheerenden Kampagne auf dem Planeten Santa Chico. Die bis an die Zähne bewaffneten Söldner sind froh, dass sie mit heiler Haut aus dieser Hölle entkommen können. Der Grund: Die beschleunigte Evolution des Planeten hat die ursprünglichen menschlichen Siedler binnen weniger Generationen derartig umgestaltet, dass sie mit ihrer Umwelt optimal umgehen und sie ihre eigene Weiterentwicklung steuern können. Riesige, von Menschen gesteuerte „Elefanten“ namens Makrorexe rennen die Platoons nieder, Flugsaurier attackieren die Raumfähren und Hubschrauber.

|Der Drachenfund|

Nach der Hal-Episode, die die Unfähigkeit seines Arbeitgebers bloßgestellt hat, macht sich Newton mit einer kleinen Gruppe Getreuer auf in die Berge von Arnoon Province. Doch Denise und der Widerstand haben etwas dagegen. Ein schweres Gefecht dezimiert die Schatzsucher erheblich.

Als Einzigem gelingt es Newton, den Drachentempel zu erreichen, allerdings mehr tot als lebendig. Dort macht er Bekanntschaft mit dem vom Himmel gefallenen Alien, das als „Der Drache“ bezeichnet wird und dessen fremde Nanotechnologie die Angehörigen des Widerstands zu allen möglichen übermenschlichen Taten befähigt.

|Newtons Entscheidung|

Nun muss Newtons auf der Grundlage seiner bisherigen Erfahrungen mit dem Universum, das die Konzerne und ihre Skins geschaffen haben, überlegen, wie die überragende Technologie, die der Drache bereitgestellt hat, sinnvoll genutzt werden kann. Bei dieser Entscheidung hilft ihm der Hintergrund, den der Drache und Denise über das Universum der Drachen, das Ring-Universum, liefern.

Newtons Entscheidung bedeutet das Ende der Konzerne und Freiheit für Menschen wie Joona Beaumont und die Evolution auf Santa Chico. Doch bevor es so weit ist, muss er sich mit einem hartnäckigen Verfolger namens Simon Roderick auseinandersetzen, dem Vorstandsvorsitzenden des Superkonzerns Zantiu-Braun.

Der Showdown findet im Orbit um den Roter-Riese-Stern Aldebaran statt. Denn dies ist die Heimat der Drachen …

_Mein Eindruck_

|Der Drachentöter und der Hort|

Die Geschichte erinnert nicht von ungefähr an die Sage von Siegfried dem Drachentöter, die ihrerseits wieder auf isländischen Vorbildern beruht. Allerdings wandelt der Autor die Sage beträchtlich ab. Der Drache ist nicht der eifersüchtige Hüter des Schatzes, sondern ein bereitwilliger Geber von neuem Wissen – er ist der Schatz selbst. Selbstredend sollte man ihn nicht zerstören, sondern vielmehr vor Leuten, die ihn für ihre eigenen Machtzwecke missbrauchen wollen, bewahren.

|Bösewichte und Kritik|

In der Folge ist Newton mit den Kräften eines Siegfried ausgestattet, und er setzt die Drachenmacht zu Zwecken ein, die in seinen Augen „gut“ sind. Simon Roderick hingegen erscheint nun als habgierige und neidische Gestalt à la Alberich und Hagen, die es auf Newton und seinen Drachen abgesehen haben. Roderick ist der Repräsentant der Globalisierung bzw. eines global operierenden Konzerns. Man braucht nur „Zantiu-Braun“ durch „Microsoft“ zu ersetzen und sieht den Bezug zur aktuellen Wirklichkeit des Lesers.

Rodericks und ZB’s Rolle sind deutliche Hinweise darauf, was der Autor kritisiert: Die „Unikultur“, die nimmersatte Konzerne über die ganze von ihnen beherrschte Welt verbreiten. Die Globalisierungsgegner im Buch, wie etwa Joona Beaumont und die Anführerin auf Santa Chico, haben durchaus einige Argumente, die für sie sprechen: Sie gehen Wege, die den Companys nicht passen, die aber für die Menschheit als solche wichtig und sogar notwendig sein können, zumal auf anderen Welten als der alten, ausgelaugten Erde.

Zum Glück bleiben alle Liebeshändel und Frauenzweikämpfe, die man sattsam aus der Nibelungen-Saga kennt, bei Hamilton außen vor. Allerdings findet auch Newton kein Liebesglück bei der schönen Guerillakämpferin Denise – das wäre ja ein unerträgliches Klischee. Stattdessen scheint er zu Roselyn zurückzuwollen, jener Frau, die ihm „einst das Herze brach“. Na ja.

|Offene Frage|

Was am Schluss umgeklärt bleibt: Es wurde zwar gesagt, woher Newton sein eigenes Prime, also die Alien-Software, hatte. Doch bleibt verschwiegen, woher Newtons Freund Vince das Prime hatte. Eine Verbindung zu Arnoon Village wird nämlich nicht gezogen. Wir müssen annehmen, dass der gute Vince das Prime aus dem globalen Datapool gefischt hatte, was doch recht unwahrscheinlich erscheint: Der Datapool wird laufend von den KIs der Konzerne überwacht.

Mag der Showdown auch toll gewesen sein, so schafft es der Autor doch nicht ganz, alle losen Fäden zu verknüpfen und einen befriedigenden Schluss zurechtzuzimmern. Wahrscheinlich hatte er nicht wie Prof. Tolkien zwölf Jahre Zeit für sein Werk.

|Die Übersetzung|

Zur Übersetzung kann ich nur das bereits in der ersten Besprechung Gesagte wiederholen. Ich habe auch im zweiten Band Fehler gefunden (Seiten 328, 447, 493 und 621). So hat der Übersetzer das englische Wort „holiday resort“ nicht als Ferien- oder Freizeitanlage übersetzt, sondern als „Ferien-Ressort“. Dumm nur, dass im Deutschen ein „Ressort“ etwas ganz anderes meint.

_Unterm Strich_

Als moderne Abwandlung der Sage vom Helden Siegfried und dem Drachenhort reüssiert diese Duologie als eine abenteuerliche Söldner- und Piratenstory, die in der Gründung einer neuen Weltordnung mündet. So ist’s recht. So haben die griechischen Prometheus-&-Co.-Mythen angefangen. Und aus diesem Holz sind eigentlich die besten Heldensagen geschnitzt, wenn man sich einmal die Geschichte der „heroischen“ Unterhaltungsliteratur ansieht.

Hamiltons Romanen liegt es fern, diese Mythen und Motive infrage zu stellen oder gar subversiv zu hinterfragen. Vielmehr kombiniert er ihre Elemente zu etwas Neuem, das für den heutigen jugendlichen Leser sowohl fesselnd als auch interessant ist. Wer nicht zu hohe Ansprüche an solche Unterhaltungs-Science-Fiction stellt, dürfte mit der Duologie „Der Drachentempel“ zufrieden sein.

Robert A. Heinlein – Starship Troopers. Der Roman zum Film von Paul Verhoeven

Interstellare Käferjagd

Starship Troopers“ ist einer der umstrittensten Romane in der Science Fiction überhaupt. Durch seine militaristische, antidemokratische Haltung rief dessen Autor, Robert Heinlein, auf Jahre hinaus heftige Kritik hervor, die zu dem preisgekrönten Antikriegsroman „Der ewige Krieg“ (1974) von Joe Haldeman, aber auch zu Parodien wie Harry Harrisons „Der Chinger-Krieg“ (1965 als „Bill the Galactic Hero“) führte. Dennoch bekam der Autor dafür 1960 einen HUGO Award.
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Hamilton, Peter F. – Sternenträume (Der Drachentempel 1)

_Auch die Zukunft braucht Söldner und Piraten!_

Abenteuer auf fremden Welten – wer würde die nicht gerne lesen und sogar selbst erleben? Der Held des Zweiteilers „Der Drachentempel“ erlebt beides, doch ganz anders, als er sich dies vorgestellt hat.

_Der Autor_

Der britische Science-Fiction-Autor Peter F. Hamilton wurde hierzulande mit seinem sechsbändigen Armageddon-Zyklus bekannt, in dem sich eine galaktische Zivilisation der Menschen einer tödlichen Bedrohung gegenübersieht. Nach dem Erzählband „Zweite Chance auf Eden“ folgte die Duologie „Der Drachentempel“ („Fallen Dragon“, 2001). Inzwischen erschienen noch auf Deutsch „Unendliche Grenzen“ (2003) sowie [„Der Dieb der Zeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=593 (2004).

_Handlung des ersten Bandes (bis Kapitel 10)_

Der Roman „Fallen Dragon“ wurde vom deutschen Verlag in zwei Bände aufgeteilt. Ich gebe hier den Inhalt bis zum Ende des ersten Bandes wieder, also bis zum 10. Kapitel. Es geht leider nicht ohne ein paar Vorausverweise auf den zweiten Band.

Lawrence Newton wächst in der Familie eines wohlhabenden Kolonialpolitikers auf dem Planeten Amethi auf. Allerdings interessiert er sich als typischer Pubertierender weder für Politik noch für gute Schulnoten, sondern vor allem für interaktive Games. Auch die Science-Fiction-Serie „Flight: Horizon“ hat es ihm angetan. In dieser erforschen kühne Menschen die Tiefen des Weltraums; man kennt das ja aus „Star Trek“ und seinen Ablegern.

Eines Tages nimmt ihn sein Vater verblüffenderweise zu einem Ausflug in ein Kongresshotel mit. Dort lernt Lawrence die umwerfend schöne Roselyn kennen, die gerade als irische Einwanderin von der Erde eingetroffen ist. Die beiden haben eine tiefe, leidenschaftliche Liebesaffäre und gehen sogar zusammen auf die Hochschule. Seine Leistungen verbessern sich zusehends – die Beamtenlaufbahn steht ihm offen.

Bis zu jenem Tag, an dem Roselyn aus Versehen eine kleine Information entschlüpft, die Lawrence klar macht, dass ihn sein Vater hinsichtlich der Forschungsexpeditionen der Erde belogen hat. Keine große Sache. Doch dann belauscht er auch, dass Roselyn von seinem Vater engagiert worden ist, um seine schulischen Leistungen zu verbessern und ihn ganz allgemein auf „den richtigen Weg“ zu bringen. Für Lawrence bricht eine Welt zusammen, und er verlässt seine Heimatwelt.

Als einfacher Söldner für den Megakonzern Zantiu-Brown nimmt er an planetenumspannenden Feldzügen teil. ZB nämlich kauft tief verschuldete Kolonialplaneten auf, um so einen Gewinn zu „realisieren“. Diese „Gewinnrealisierung“ ist nichts anderes als moderne Piraterie im 23. Jahrhundert. Die Söldner erwerben bei diesen Kampagnen Anteile an ihrem Arbeitgeber und haben Aufstiegschancen (diese sind beschränkt, wie der zweite Band zeigt).

Der Autor beschreibt haarklein, wie die überlegene Ausrüstung der ZB-Söldner, der Skins, aufgebaut und zusammengesetzt ist. Unterm Strich handelt es sich um eine kybernetische Aufrüstung von Körper und Geist des Söldners in körperlicher, waffentechnischer und kommunikativer Hinsicht. Skins sind praktisch unangreifbare Halbgötter. Auf den eroberten Welten sind sie dementsprechend verhasst.

Die neueste Kampagne führt die Skins auf die grüne Welt Thallspring, wo man sie ebenfalls mit einem Steinhagel empfängt, doch der Gouverneur gibt klein bei. Denn erstens drohen die ZB-Schiffe damit, einen tödlichen Gammastrahler einzusetzen und zweitens legt man ausgewählten Geiseln Halsbänder um, die sich auf Funkbefehl in tödliche Sprengkapseln verwandeln.

Doch etwas ist diesmal anders. Es gibt nämlich eine organisierte Widerstandsbewegung im Untergrund der Städte von Thallspring. Zunächst sehen die Attacken, denen Skins zum Opfer fallen, wie einfache Unfälle aus, doch dann wird einer entführt. Wer steckt dahinter? Wie konnte es geschehen, dass die Datenbanken und -verbindungen der Söldner, ja, sogar die Künstlichen Intelligenzen manipuliert werden konnten? Simon Roderick, der Statthalter Zantiu-Browns auf Thallspring, und Lawrence Newton, inzwischen Sergeant der Skins, sind sehr beunruhigt. Doch es kommt noch schlimmer.

_Mein Eindruck_

Nach den Angaben des Klappentextes hört Newton „Gerüchte von einem geheimnisvollen Drachentempel, einem mythischen Platz, wo vor vielen Jahrtausenden ein fremdes Wesen vom Himmel abgestürzt sein soll und wo nun Priester einen ungeheuren Schatz horten“.

Mal vom holprigen Deutsch dieses Satzes abgesehen, so stimmt davon nur die Hälfte und nichts davon findet sich in diesem ersten Band des Romans. Insofern kann man das Buch mit Recht als eine Mogelpackung bezeichnen. Lawrence schöpft Verdacht auf Seite 160 des zweiten Band und findet die Wahrheit erst auf Seite 330 heraus. Das ist also noch eine Weile hin.

Statt um eine Schatzsuche und ein mysteröses Alien geht es zunächst einmal um die verratene Jugendliebe des jungen Lawrence, um die fragwürdige Piratenpolitik Zantiu-Browns und um die Hintergründe der Widerstandsbewegung auf Thallspring. Deren Anführerin Denise erzählt nämlich den Kindern von Thallspring eine merkwürdige Sage aus einem gewissen „Ring-Universum“ – wo sie diese Geschichte wohl her hat?

Ansonsten hat dieser erste Band große Ähnlichkeit mit einem Söldnerroman, der lediglich um zwei Dimensionen angereichert worden ist. Und im zweiten Band bricht eine kleine Gruppe dieser Söldner eigenmächtig zu einer kleinen Schatzsuche auf. Immerhin führt dies dann aber zu einer kompletten Veränderung des von Menschen besiedelten Universums (mehr dazu in der entsprechenden Rezension).

|Die Übersetzung|

Wie schon beim Armageddon-Zyklus, klebt der Übersetzer Axel Merz manchmal zu sehr am Original und überträgt eins zu eins ins Deutsche, besonders dann, wenn der Originalausdruck keine Entsprechung in einem einzelnen Wort zu haben scheint. Für den deutschen Leser, der den Originalausdruck nicht kennt oder nicht erschließen kann, macht dies aber das Verständnis einer Übersetzung schwierig oder diese sogar doppeldeutig.

Beispiele. Gleich auf Seite 7 geht’s schon los: „Es war der Weg der Dinge in Kuranda.“ Eine wörtliche Übertragung aus dem Englischen. Nun, man kann sich vorstellen, was gesagt werden soll. Aber im Deutschen würde man sagen „so liefen die Dinge nun mal in Kuranda“.

Aber es gibt auch sachliche Fehler wie etwa „Bilbo Bentlin“ (statt „Beutlin“) und sogar komplette falsche Wörter, so etwa „ich“ statt „ist“ auf der letzten Seite des zweiten Bandes. Auch das Wort „extradieren“ (S. 531, Band 1) sucht man im DUDEN vergebens, denn es muss „extrudieren“ heißen wie im restlichen Buch auch – oder „extrahieren“, aber nicht an dieser Stelle.

_Unterm Strich_

Hamilton gelingt es wie schon im Armageddon-Zyklus auch diesmal wieder, eine spannende Söldner-Actionhandlung mit einer anrührenden Lebensgeschichte (nämlich der von L. Newton) zu verbinden und diesem Komplex durch die Mythen aus dem Ring-Universum eine gewisse Überhöhung zu verleihen, so dass der Leser Anteil sowohl am kleinsten Element, einem Individuum, als auch am größten Komplex, dem Universum, nimmt und sich am Schluss das eine in das andere einordnet und es verändert. Das ist clever gemacht und an kaum einer Stelle langweilig.

Besonders junge Leser, die sich mit L. Newton identifizieren können, werden den Roman spannend und interessant finden. Das sind nach Hamiltons Vorstellung offenbar Leser, die sowohl Tolkiens Romane kennen, als auch Science-Fiction-Serien im TV und Computer-Games mögen. Und da der Kampf der Söldner und ihre Schatzsuche im Vordergrund stehen, dürften die von ihm gewünschten Leser vor allem männlich sein.

Trotz aller Fehler usw. habe ich den Roman und seine Fortsetzung in wenigen Tagen verschlungen, denn die Bücher sind geschickt erzählt (Gegenwart wechselt mit Vergangenheit ab) und mit netten Einfällen gespickt. Besonders gefiel mir die Figur des Lawrence Newton. So stellt man sich den männlichen Helden par excellence vor, doch er ist zum Glück nicht frei von menschlichen Fehlern (ich sage nur: Roselyn!).

Die Fortsetzung trägt den Titel „Drachenfeuer“ (Nr. 23255).

Niven, Larry / Pournelle, Jerry / Barnes, Steven – Heorots Vermächtnis

_Actionabenteuer auf der Siedlerwelt_

Auf der ersten von Menschen besiedelten Welt bekommen es die Kolonisten mit gefährlichen Raubtieren zu tun. Der Einzige, der darauf vorbereitet ist, gegen die Monster zu kämpfen, wird gedemütigt und vertrieben. Zu spät merken die Siedler, was sie an dem ausgebildeten Soldaten haben.

Dieser Roman erzählt die Vorgeschichte zu „Beowulfs Kinder“, das von Niven/Pournelle mit Michael Flynn zusammen geschrieben wurde. Das Buch erschien ebenfalls im |Bastei-Lübbe|-Verlag.

_Die Autoren_

Der Mathematiker Larry Niven (*1938) ist einer der bedeutendsten Vertreter der naturwissenschaftlich orientierten Science-Fiction. Zu seinen wichtigsten Werken gehört der „Ringwelt“-Zyklus (ab 1971). Seine bekannteste Kooperationsarbeit mit Pournelle ist der Katastrophenroman „Luzifers Hammer“, aber auch „Der Splitter in Gottes Auge“ ist sehr beliebt. Niven ist ein Spezialist im Austüfteln und Schildern fremder Welten. Seine These: Technischer Erfindergeist erweist sich letztlich als vorteilhaft.

Steven Barnes (*1952) ist ein enger Freund Nivens und versteht sich auf das Erfinden von Monstern und Spielewelten. Außerdem kennt er sich mit Kampfsport und Kriegskunst aus.

Jerry Pournelle (*1933) besitzt Titel in Politikwissenschaft, Psychologie und Ingenieurwissenschaft. Er arbeitete fünfzehn Jahre lang im amerikanischen Raumfahrtprogramm und ist ein rechtskonservativer Unterstützer militärischer Hierarchien – nicht nur in der Science-Fiction. Sein |CoDominium|-Zyklus hat als Hauptfigur einen schlauen Militärführer namens Falkenberg, der sich in einer Zeit des kulturellen Niedergangs um das Überleben der menschlichen Kolonien bemüht – ähnlich wie Weyland in „Heorots Vermächtnis“. Seit Jahren schreibt Pournelle Kolumnen für amerikanische Computermagazine.

_Handlung_

Das Raumschiff „Geography“ ist mit den ersten Kolonisten von der Erde auf dem Planeten Avalon im „nahen“ Sonnensystem Tau Ceti gelandet. Auf einer großen Insel, der man den Namen Camelot gab, gedeiht die Kolonie zunächst prächtig. Die Energieversorgung ist einigermaßen gesichert, und auch für den Anbau von Nahrungsmitteln findet sich ein fruchtbarer Boden. Rund 200 Kolonisten setzen ihre Talente ein, sei es nun als Verwaltungsheini oder als Schmied oder Zimmermann. Nur einer fragt sich nach wie vor, was er in diesem Paradies soll: Cadmann Weyland.

Cadmann Weyland, liebevoll kurz „Cadzie“ genannt, ist nämlich Soldat. Er war Oberst bei den Friedenstruppen der Vereinten Nationen. Er weiß ziemlich genau, wie man eine Siedlung verteidigt. Doch wenn es keine Feinde gibt, sieht ein Soldat bereits nach wenigen Monaten ziemlich überflüssig aus. Bis eines Abends die Rinder und Hunde komplett verrückt spielen: Etwas aus dem Fluss macht ihnen nachts Angst. Und die Biologin hatte sich schon gewundert, warum es keine Raubtiere auf Avalon gibt.

Doch wie es nun mal mit einer fremden Ökologie laufen kann: Man muss erst einmal kapieren, wie alles zusammenhängt. Das ist auf Avalon nicht anders als auf Dune, wo Paul Atreides, der Guerillaführer der Fremen, den Metamorphosezyklus des Sandwurms erforschen muss, um daraus seinen endgültigen Machtanspruch ableiten und durchsetzen zu können (kein Sandwurm – kein Spice!). Mit einem ähnlichen Metamorphoseprozess hat es Cadmann Weyland zu tun. Und das Ergebnis dieser Verwandlungen ist ein Wesen, das so gefährlich ist und so aussieht wie ein Velociraptor: ein Grendel. („Grendel“ hieß das erste Ungeheuer im Beowulf-Epos.)

Und so dauert es eine ganze Weile, bis die Gefahr erkannt ist. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass sie auch gebannt ist. Ein Grendel kommt selten allein, wie sich zeigt. Und Cadmann hat bald alle Hände voll zu tun, die ungläubigen Siedler dazu zu bringen, sich angemessen zu verteidigen. Es wird spannend.

_Mein Eindruck_

„Heorots Vermächtnis“ erzählt ziemlich getreu die Vorlage aus dem alten englischen Heldenepos „Beowulf“ nach, das u. a. von Prof. Tolkien übersetzt wurde. John Gardner hat die Geschichte aus Sicht des Ungeheuers erzählt („Grendel“). „Heorot“ ist im Gedicht die große Halle, in der König Hrothgar seine Krieger bewirtet. Als ein Ungeheuer, Grendel, seine Männer dezimiert, taucht ein besonderer Held auf: Beowulf. Er und seine Helfer erschlagen Grendel und nageln seinen Arm an die Wand von Heorot. Doch dann taucht Grendels Mutter auf, und die ist mächtig sauer …

Auch der Science-Fiction-Roman folgt den Grundzügen der Story, doch wird die Grundsituation auf eine Erdkolonie übertragen und zudem nach den plausibel erscheinenden Maßgaben der Fremdbiologie (Xenologie) erweitert. Dabei bleibt jedoch das Ungeheuer keineswegs ein verabscheuungswürdiger Dämon, der aus Lust tötet.

Das Grendel wird vielmehr selbst als einer der Akteure geschildert: Wir erfahren von seinen Reaktionen, Gefühlen und Absichten, vor allem von den anatomischen Besonderheiten seiner Spezies. Zunächst fasst es die Jagd im Umkreis der Menschen als spannendes Spiel auf, dann aber als Wettstreit gegen die Menschen – im Lernen und Lehren. Das Grendel ist so intelligent wie ein Gorilla, wenn nicht sogar wie ein Frühmensch.

Das fügt sich schlecht, denn die meisten der Kolonisten sind ihm nicht unbedingt an Intelligenz überlegen. Sie mögen als Genies von der Erde losgeflogen sein, doch das Auftauen aus dem hundert Jahre langen Kälteschlaf hat bei manchen Gehirnschäden verursacht: verlorene Erinnerungen, beeinträchtigtes Konzentrationsvermögen, ja sogar charakterliche Veränderungen. Im Fall von Weylands Helfer Ernst ist aus einem einstigen Genie sogar ein kindlicher Idiot geworden. Die Menschen sind also dem Grendel keineswegs überlegen, sondern die beiden Spezies begegnen sich auf der gleichen Ebene von Fähigkeiten.

Dies ist einer der Gründe, warum der Roman so spannend ist. Der andere liegt natürlich in der anschaulichen Darstellung von Action und Kampf. Lediglich derjenige Leser, der den „Beowulf“ bereits kennt, weiß, wie der Kampf verlaufen wird. Aber auch er kennt nicht den Schluss.

Was die Spannung auflockert, ist die menschliche Seite des Geschehens. Dazu gehören zunächst die erotischen Geplänkel zwischen Männlein und Weiblein, schließlich das Zusammenkommen und Kinderkriegen – schließlich haben die 200 Siedler vor, sich den Planeten „untertan zu machen und sich zu vermehren“, wie es in der Bibel heißt.

Die politischen Ansichten der Autoren bleiben zum Glück meistens im Hintergrund. Am ehesten entspricht einer solchen Äußerung das Zitat, das jeweils einem Kapitel vorangestellt ist. Häufig wird Kipling zitiert, aber auch William Blake. Im Text selbst findet sich der unvermeidliche Nietzsche-Spruch: „Was uns nicht umbringt, wird uns stärker machen.“ Nur hin wieder taucht ein Absatz erklärender Prosa auf, der ein direktes Statement darstellt. Dafür dürfte wohl meist Pournelle verantwortlich sein. Er kann das Belehren nicht lassen.

|Die Übersetzung|

… weist nur einen Fehler auf. Wieder einmal wird das englische Wort „radio“ eins zu eins übernommen. Im Deutschen sollte jedoch Funkgerät stehen, denn ein „Radio“ ist lediglich ein Empfänger, ein englisches „radio“ jedoch ein Empfänger und Sender. (S. 118) Und Druckfehler gibt es auch in genügender Menge.

Wie alt das Buch ist, merkt man am deutlichsten an der Stelle, als beschrieben wird, wie ein Computer startet: „Laufwerke klackten und ratterten.“ (S. 264) Zumindest diese Geräusche sollten heutzutage nicht mehr die Regel sein.

_Unterm Strich_

„Heorots Vermächtnis“ ist also die action- und abenteuerreiche Übertragung des „Beowulf“-Epos aus dem 11. oder 12. Jahrhundert in die nahe Zukunft in etwa 200 Jahren. Die drei Autoren entwerfen eine halbwegs glaubwürdige, wenn auch sehr optimistische Planetenumgebung, in der diese Geschichte stattfinden kann. Die meist amerikanischen Pioniere auf Avalon wiederholen die Besiedlung ihres eigenen Kontinents.

Die größte Gefahr droht dabei von zwei der legendären Ungeheuer, wie sie man sie aus dem Heldengedicht kennt. Doch Avalons Monster sind normale Reptilien, wenn auch recht intelligente. Sie erinnern an die Velociraptoren aus den drei „Jurassic Park“-Filmen. Immerhin ist der fragliche „Park“ in „Heorots Vermächtnis“ zum Überleben geschaffen worden und nicht zum Vergnügen von Besuchern.

Aber der Ausgang des Buches ist stets der gleiche wie in den Filmen. Dann heißt es: „Töte oder du wirst getötet.“ Selbst das Einfangen eines Grendels hilft nichts: Es stirbt aufgrund seiner besonderen Körperchemie. Eine friedliche Verständigung ist unmöglich, folglich werden die Grendels als reine Fressmaschinen betrachtet. Diese Auffassung erweist sich als schwerer Fehler, denn sie lässt die Ökologie Avalons außer Acht. Immerhin haben die Autoren auch diese berücksichtigt – und entwickeln so die Vorlage weiter.

Ich habe dieses Buch in drei Tagen weggelesen. Wer aber nach Tiefgang sucht, der sollte sich woanders umsehen, z. B. bei Ursula Le Guin.

|Originaltitel: The legacy of Heorot, 1987
Neuauflage des Titels „Der Held von Avalon“
Aus dem US-Englischen übersetzt von Heiko Langhans|

Dean R. Koontz – Sole Survivor / Survivor – Die Überlebende

Verbotene Geheimnisse

Eine unerklärliche Flugzeugkatastrophe. Dreihundertdreißig Tote. Unter den Opfern: die Frau und die beiden kleinen Töchter des Zeitungsreporters Joe Carpenter. Ein Jahr später ist Joe immer noch im Würgegriff der Trauer gefangen. Da begegnet er einer Frau namens Rose. Sie behauptet, den Absturz überlebt zu haben und ein Geheimnis zu kennen, das ihm seinen Seelenfrieden wiedergeben könnte.

Getrieben von einer verzweifelten Hoffnung, macht sich Joe daran, diese Frau wiederzufinden. Bei seiner Suche gerät er einer mächtigen, schattenhaften Organisation in die Quere, die alles daran setzt, Joe aufzuhalten, bevor er erfahren kann, was wirklich hinter dem Absturz steckt – eine Wahrheit, welche die Welt erschüttern und das Schicksal der Menschheit verändern könnte. (Verlagsinfo)

Hinweis: Diese Besprechung beruht auf der englischsprachigen Originalausgabe.

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Card, Orson Scott – Xenozid (Ender 3)

_Spannende Weiterführung des Ender-Zyklus_

Im dritten Band des Ender-Zyklus spitzt sich die Lage für Ender und alles Leben auf Lusitania erheblich zu. Ein erneuter ‚Xenozid‘ droht, die Vernichtung allen fremdartigen Lebens.

_Handlung_

Die Erzählung schließt nahtlos an „Sprecher für die Toten“ an. Alle liebgewonnenen Helden tauchen auf: Ender Wiggin natürlich, seine Schwester Valentine, seine Adoptivfamilie auf Lusitania, die Schwarmkönigin, die Vaterbäume von Lusitania und nicht zuletzt die KI Jane, deren rätselhafte Herkunft in diesem Band von der Schwarmkönigin erklärt wird. Doch neben der Weiterentwicklung und Beantwortung früherer Fragen führt Card einen neuen Handlungsstrang und neue bedeutsame Charaktere ein.

Auf dem Planeten Weg, einer Welt von Taoisten, die von einer sehr strengen religösen Oligarchie, den ‚Gottberührten‘, beherrscht wird, lebt die junge Chinesin Qing-Jao, auch ‚Strahlend-Hell‘ genannt. Sie stellt ihre außergewöhnliche Intelligenz in den Dienst der Götter und wird so zur Vollstreckerin des Sternenkongresses der Hundert Welten. Der Kongress hat eine Raumflotte nach Lusitania entsandt, um diese Welt zu vernichten, da sie ja von dem tödlichen Virus der ‚Descolada‘ beherrscht wird. Der Virus schickt sich an, alles molekulare Leben im Universum zu töten.

Ender und seine Familie, die Xenologen auf Lusitania, versuchen verzweifelt, diesem Virus gentechnisch beizukommen, denn die Raumflotte würde ja nur ein weiteres Xenozid anrichten: Die Schwarmkönigin und ihre Krabbler wären ebenso wie die Schweinchen gefährdet. Die KI Jane isoliert die Flotte vom Kongress, setzt aber ihre eigene Existenz durch die Übermittlung der Botschaften von Demosthenes (auf Lusitania) aufs Spiel, denn hierbei kommt ihr Qing-Jao auf die Schliche und veranlasst Janes Vernichtung.

Jane offenbart sich deshalb Jian Qing, Strahlend-Hells Vater, und Si Wang Mu, der geheimen Magd der ‚Gottberührten‘, wobei sie die Welt Weg als einen Planeten entlarven, der vom Kongress gentechnisch durch das UZV (Unbewusst-Zwanghafte Verhalten) kontrolliert wird. Doch Strahlend-Hell bleibt der Wahrheit gegenüber blind, und so droht nicht nur der Untergang Janes, sondern der Kampf gegen den Xenozid wird für Ender und seine Familie(n) zum Wettlauf gegen die Zeit.

_Fazit_

Das Buch ist wie seine beiden Vorgänger ein sehr lesbares, trotz der langen familiären und philosophischen Ausführungen spannendes Buch, das zugleich viele Fragen aufwirft und neue Einsichten vermittelt. Ich habe das Buch im Asienurlaub am Strand gelesen, und es hat mir die Stunden ausgezeichnet vertrieben, auch wenn es keine einfache Kost ist.

Es gibt nicht viele Autoren in der Science-Fiction, die in der Lage sind, solche moralisierenden Bücher zu schreiben wie der Mormone Card. Er beherrscht meisterhafte Dialoge ebenso wie die Herbeiführung spannender Konflikte und stellt seine rhetorischen Tricks listig in den Dienst seiner Überzeugungsarbeit. Wie auch sein zauberhafter Dornröschen-Roman „Enchantment“ zeigt, verfügt er über Charisma und Charme. Er weiß das und so versucht er, seine Sicht der Wahrheit hinter den Dingen zu vermitteln. Viele Leser lieben ihn dafür, aber manche sind lieber vorsichtig.

Auf „Xenozid“ folgten in diesem Zyklus die Romane „Enders Kinder“ (Bastei-Lübbe), [„Enders Schatten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=951 sowie „Shadow of the Hegemon“ und „Shadow Puppets“

|Originaltitel: Xenocide, 1991
Aus dem US-Englischen übertragen von Uwe Anton|

Ian McDonald – Rebellin des Glücks

Gescheiterte Utopie

Am Ende des 21 Jahrhunderts: Dank der allmächtigen Computer ist die Welt perfekt; keine Kriege, keine Krankheiten bedrohen die Menschheit. Jedermann hat glücklich zu sein — oder er macht sich eines Verbrechens gegen die Gesellschaft schuldig. In der Megalopolis Yu lebt die Zeichnerin Courtney Hau ihr verordnetes glückliches Leben, bis einer ihrer Cartoons der allgegenwärtigen Glückspolizei missfällt. Courtney muss fliehen und lernt plötzlich die andere Seite ihrer Schönen Neuen Welt kennen. In einem düsteren Labyrinth unter der Stadt kämpfen die Ver­rückten und Verbannten von Yu ums Überleben — und träumen von einer Rebellion der Freiheit, die plötzlich Wirklichkeit werden kann. (verlagsinfo)

Der Autor
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Ian McDonald – König der Dämmerung, Königin des Lichts

Drei Frauen im Kampf mit der irischen Vergangenheit

Eines der überraschendsten und schönsten Leseerlebnisse der neunziger Jahre hat mir der phantastische Roman des Nord-Iren Ian McDonald beschert. Es ist eine rätselhafte, poetische Geschichte von drei wunderbaren Frauen. Sie beginnt 1913, als die junge Emily mythische Figuren zum Leben erweckt, die fortan sie und ihre Nachkommen Jessica und Enye begleiten. Die drei Frauen dringen in das dunkle, lebendig gewordene Reich ihres Unterbewusstseins ein, das ihre reale, hektische Welt des 20. und 21. Jahrhunderts überlagert und verändert.

Auf unterschiedliche Weise versuchen Emily und ihre Nachfahren sich der Mächte der eigenen Traumzeit zu erwehren. Während die eine den mythischen Wesen nachgibt, versucht die andere, ihnen zu entkommen. Die dritte, Enye, hingegen bekämpft sie mit Drogen, Wut und einem Samurai-Schwert.

Der Autor
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Card, Orson Scott – Der Ruf der Erde (Homecoming 2)

_Angriff auf die heilige Stadt_

Dies ist der zweite Band von O. S. Cards fünfbändiger „Homecoming“-Saga, die mit dem Band [„Die verlorene Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1688 begann. Nun müssen die auserwählten Männer von Basilika noch Gefährtinnen für die lange Reise zur Erde suchen. Und das Schicksal ihrer Stadt Basilika erfüllt sich.

_Handlung_

Nafais Brüder und sein Vater, die nun im Exil in der Wüste campen, sind im Besitz des Index und erfahren, dass sie weiterziehen sollen. Doch zuvor haben sie noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen: Sie müssen sich Frauen besorgen, am besten ihre Schwestern und Nichten und vielleicht noch ein oder zwei Seherinnen. Schließlich kann man ein Generationenraumschiff schlecht nur mit einem Geschlecht bemannen, oder?

Doch die Dinge stehen nicht günstig in ihrer Stadt Basilika, denn es wurden zwar die zwei Anführer der verfeindeten Parteien der Stadt getötet (einer davon von Nafai), doch weiterhin versetzen Söldner die Frauen und Kinder in Angst und Schrecken. Zu allem Überfluss hat Nafais Mutter einen Fehler begangen: Sie schickte den Wachsoldaten, der Nafai durchs Tor aus der Stadt ließ, zum falschen Nachbarvolk, zu den Gorajni.

Nun sind die Gorajni zufällig gerade dabei, eifrig ein Imperium aufzubauen. Der Imperator betrachtet sich als keinen Geringeren als den von Gott Gesandten. Und sein General, zu dem der Wachsoldat flieht, ist sein bester Feldherr. Muuzh, so heißt dieser verschlagene Bursche, kann zwar insgeheim den großkotzigen Imperator nicht ausstehen, weil dieser Muuzhs Volk unterworfen hat. Doch hindert dieser Umstand Muuzh nicht daran, sofort die günstige Gelegenheit zu ergreifen, das verängstigte und gespaltene Basilika mit tausend Soldaten anzugreifen.

So hofft er sich in eine strategisch günstige Position zu bringen, um das wichtigste Nachbarvolk in Schach zu halten und schließlich erobern zu können. Nach dieser Eroberung könnte er weitere Truppen um sich sammeln und so schließlich den Imperator in Bedrängnis bringen. Gegen die Stadt Basilika hat Muuzh also im Grunde gar nichts. Im Gegenteil: Nachdem er die einflussreiche Herrin Rasa, Nafais Mutter, in der Stadt durch Diffamierung isoliert hat, macht er sich daran, die Bürgerehre Basilikas zu erwerben. Dies geht am besten, indem er eine der angesehensten Frauen nach Rasa ehelicht: die „Wasserseherin“ Luet oder die „Entwirrerin“ Huschidh.

Als Nafai den General besucht, eröffnet er ihm, dass Nafai selbst bereits Luet geheiratet habe. Und dass zweitens die Überseele den General nach Basilika geführt habe. Muuzh staunt nicht schlecht und streitet alles ab: Er habe stets gegen Gott gehandelt, so sehr dieser ihn auch mit Vergessen und Dummheit schlagen wollte. Genau das, so entgegnet Nafai, war die Strategie der Überseele: Sie musste Muuzh nur etwas verbieten und sofort tat er es, einfach um ihr zu trotzen!

Nun bleibt Muuzh als letzte Chance noch Huschidh, um sich mit Basilika zu vereinigen. Die 16-jährige Seherin willigt ein, doch als es zur Eheschließung kommen soll, tritt eine unvorhergesehene Person auf. Muuzh könne ja schlecht seine eigene Tochter heiraten …

_Beobachtungen_

Dieser zweite Band befasst sich hauptsächlich mit den Beziehungen zwischen den Mitgliedern des bedeutendsten Clans der Stadt, den Auserwählten aus Rasas Sippe. Sie müssen sich zusammenraufen, Gefährtinnen finden und mit diesen den Exodus wagen. Allerdings spielt hier Nafai, der in Band 1 im Mittelpunkt stand, nur eine untergeordnete Rolle. Das ist etwas unbefriedigend. Zudem wird enthüllt, dass diese Auserwählten Produkte eines jahrtausendelangen Zuchtprogramms der Überseele sind.

Die zweite Haupthandlung entspinnt sich natürlich um den General Muuzh, denn er befreit die Stadt zunächst, um ihr dann ein anderes Schicksal aufzuzwingen. Allerdings hat er dabei ein klein wenig seine eigene Vergangenheit außer Acht gelassen. Auch er ist ein Teil jenes Zuchtprogramms.

Ein drittes, völlig neues Element sind Botschaften vom Hüter der Erde. Muuzh ist überrascht, dass nicht nur er diesen Traum hat, sondern auch Luet und Huschidh. In diesen Träumen – sie entsprechen dem „Ruf der Erde“ aus dem Titel – erscheinen Menschen, die von behaarten Engeln mit Lederflügeln angegriffen werden. Die zu Fall gebrachten Menschen werden von übergroßen Rattenwesen attackiert. Muuzh interpretiert den Menschen als den Imperator, doch die Seherinnen wissen’s besser: Der Hüter der Erde erzählt vom Notstand auf der Erde, wo alle drei Rassen miteinander im Widerstreit liegen.

_Fazit_

Auch in Band 2 der Homecoming-Saga verknüpft Card geschickt die Schicksale der Auserwählten inklusive Muuzh miteinander, so dass ihnen nichts anders übrig bleibt, als den Willen der Überseele zu erfüllen. Und um es weiter spannend bleiben zu lassen, tritt ein neues rätselhaftes Element auf: der „Ruf der Erde“. Um wen oder was handelt es sich bei diesem mysteriösen „Hüter der Erde“? Wo sind die Raumschiffe auf Harmonie, wie bedient man sie, wie findet man die Erde und wie überstehen die Auserwählten die lange Reise über tausend Lichtjahre hinweg? Diese Fragen sind gute Gründe, die nächsten Bände zu lesen.

|Glaubensfragen|

Den Leser beschleicht immer ein ungutes Gefühl, wenn eine höhere Macht so mir nichts, dir nichts über das Schicksal von Personen verfügt (siehe das Alte Testament). Den Figuren in diesem Buch ergeht es nicht anders. Ganz besonders den Leuten, die Nafai, der absolut von der Überseele erfüllt ist, davon zu überzeugen sucht, dass sie deren Willen ebenfalls erfüllen müssten. Da ist Luet, seine Braut, die um ihrer Selbst willen geliebt werden will und nicht aus Gründen einer höheren Art von „Staatsräson“; und da ist General Muuzh, der noch viel schwerer von der „Wahrheit“ zu überzeugen ist, denn er hat zeit seines Lebens den Willen Gottes geleugnet.

In diesem Gespräch wird Nafais Glaube auf eine harte Probe gestellt. Und es sagt viel über Cards eigene Glaubensauffassung aus, wie Nafai seinen Glauben verteidigt: Der Glaube erkläre alle von der Überseele erzeugten Phänomene so überzeugend, dass es besser ist, nach diesem Glauben ein erfülltes und bedeutungsvolles Leben zu führen statt ein Leben, dessen Bedeutung nur von einem General und dessen Plänen gestiftet wird. Dagegen ist nichts zu einwenden, doch andererseits kann Nafai nicht von der Hand weisen, dass auch die Argumente des Generals gegen die Existenz einer Überseele Glauben verdienen. Doch er, Nafai, wähle den Glauben an die Überseele. Es ist eine freie Willensentscheidung. Er beugt sein Haupt nicht vor einem eifersüchtigen Gott Jahwe, sondern er glaubt aus Gründen, die direkt mit seinem eigenen Leben zu tun haben.

|Religion und Science Fiction?!|

Religion und Science Fiction also? Ein unheilige Allianz? Keineswegs. Denn auch in so hochgelobten „Kultromanen“ wie [„Der Wüstenplanet“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1662 von Frank Herbert gehen Religion (Muad’dib als der verheißene Messias), Ökologie und politische Herrschaft eine Allianz ein, wie immer man sie auch bewerten mag. Und es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele, beispielsweise Mary Doria Russells zwei Jesuitenromane „Sperling“ und „Gottes Kinder“.

Wer sich mit diesem Themenkreis nicht befassen möchte, blendet wichtige Fragen wie etwa moralische Prinzipien und Verantwortung, Glaubensvorstellungen von einer besseren Zukunft usw. aus. Wer dagegenhält, dass diese Dinge heute von den Politikern und den Wissenschaftlern geregelt würden, der hat bereits kapituliert: Denn beide Eliten haben bereits mehrfach ihren moralischen Bankrott unter Beweis gestellt.

|Originaltitel: The Call of Earth, 1993
Aus dem US-Englischen übertragen von Uwe Anton|

Card, Orson Scott – Die verlorene Erde (Homecoming 1)

_Exodus vom Planeten der Frauen_

Der Autor der erfolgreichen „Ender“-Saga und des Alvin-Maker-Zyklus erzählt in seiner fünfbändigen „Homecoming“-Saga von einem fernen Planeten und wie dessen Bewohner wieder zurück zur verlassenen Erde gebracht werden. Bibelfeste Leser werden sich schon bald an das Alte Testament („Buch Mose“) erinnert fühlen.

_Handlung_

Vor 40 Millionen Jahren wurde der Planet Harmonie von Menschen der Erde besiedelt, die dem von Atomkrieg und Umweltzerstörung zugrunde gerichteten Planeten entflohen, um eine bessere Welt zu gründen. Um das Gedeihen ihrer Kolonie sicher zu stellen, installierten sie den gigantischen Computer Überseele, um über die Friedlichkeit der Kolonie zu wachen. Mit seinen Satelliten im Orbit vermag er bewusstseinsverändernde Strahlen in entsprechend genmanipulierte Gehirne zu schicken. Diese Gehirne sollen nie auf den Gedanken kommen, Wagen und Waffen zu erfinden, Dinge, die die Erde zerstören halfen. Und die Bewohner von Harmonie haben eine Kultur errichtet, in der ihnen wie selbstverständlich Träume, Visionen und Eingebungen geschickt werden. Alles in Butter also.

Denkste! Nun sieht sich der Computer Überseele selbst in Gefahr; seine Systeme drohen zusammenzubrechen, und die Zahl seiner Satelliten ist auf ein Viertel ihrer Sollstärke gesunken. Revolutionäre, gewalttätige Gedanken entstehen und greifen um sich. Um der Vernichtung seiner selbst und seiner Schützlinge zu entgehen, muss Überseele auf die Erde zurückkehren, denn nur dort kann der Master Computer repariert werden. Und nur dort gibt es den Hüter der Erde …

Überseele hat keine andere Wahl, als die ahnungslosen Menschen seines Planeten langsam an die Geheimnisse der Raumfahrt heranzuführen. Doch zuallererst müssen sie natürlich einen Grund sehen, überhaupt Harmonie verlassen zu wollen. Allerdings scheint sich Überseele einen sehr unbedeutenden und nutzlosen Knecht als Werkzeug für seine Pläne ausgesucht zu haben: Nafai ist gerade mal 14 Jahre alt und träumt davon, mal Schauspieler zu werden wie sein Bruder Mebbekew.

Doch Nafai ist ein aufgeweckter und rebellischer Geist, der etwas von Computer und Datenbanken versteht, genau wie sein behinderter Bruder Issib, der alle Sprachen ausforscht. Issib, so findet Nafai verblüfft heraus, hat sich inzwischen immun gegen die Strahlen von Überseele gemacht und kann Dinge denken, die Nafai vor Schmerz aufschreien lassen. Und Issib vergisst nicht alles gleich wieder.

Daher ist Nafai der ideale Agent, um für den Hauptcomputer die wichtigste Datenbank schlechthin zu besorgen: den Palwaschantu-Index. Dumm nur, dass der Index im Besitz des Todfeindes von Nafais Familie ist. Wär ja auch sonst zu einfach gewesen.

_Beobachtungen und Anmerkungen_

Die Stadt, in der sich das Geschehen dieses Bandes abspielt, ist Basilika (die Bezeichnung für eine Kirche). Basilika liegt zwischen Wüste, Bergen und dem „Pfadlosen Wald“. In ihr regieren die Frauen, und in ihren mittelalterlichen Mauern darf ein Mann nur wohnen, wenn er mit einer Frau verheiratet ist. Um ein wenig Abwechslung in die Gesellschaft zu bringen, können sich Frauen schon nach einem Jahr von ihrem Mann scheiden lassen und einen Ehevertrag mit einem anderen schließen. Heiraten können sie schon mit 15 Jahren. Will sich ein Mann die Hörner abstoßen, hält er sich an die „Wilden Frauen“.

Und die Frauen haben sogar noch mehr Macht über die Männer, weil nur sie am Spaltsee leben dürfen, der in der Mitte der Stadt liegt. Sein Anblick ist den Männern verboten, und dort empfangen die Frauen die Visionen und Eingebungen der Überseele: das spirituelle Zentrum Basilikas. Kein Wunder, dass die Stadt so friedlich ist. Sie widmet sich den Künsten, dem Handwerk und dem Handel.

Es ist erstaunlich, wie durchdacht die Struktur und die Gesellschaft Basilikas sind. Dies trägt erheblich zur Glaubhaftigkeit des Geschehens bei, in das zahlreiche Bewohner der Stadt verwickelt werden. Schließlich werden so dem Leser die psychologischen Motive für die seltsamen Handlungen klar, die hier vor sich gehen.

Es ist aber auffällig, wie stark manche Figuren und ihre Motive denjenigen im Alten Testament der Bibel ähneln – da wird ständig um Erbschaft und Vorherrschaft und Rangfolge der Söhne gestritten. Das rührt natürlich daher, dass Card das „Buch Mormon“ in neuem Gewand erzählt. Das Buch Mormon, die Bibel der „Heiligen der Letzten Tage“, erzählt vom Exodus der Heiligen aus Israel, von ihrer Aufspaltung und Konfrontation und ihrer letztlichen Ankunft auf dem amerikanischen Kontinent. Diesmal führt der von der Überseele veranlasste Exodus allerdings „heim“ zur Erde – zumindest in den folgenden vier Bänden.

_Fazit_

„Die verlorene Erde“ ist durchaus spannend und glaubhaft erzählt. Lediglich solche Leser, die absolut nichts mit Träumen, Visionen, Propheten und der „Überseele“ anfangen können bzw. wollen, werden vom Geschehen nicht gefesselt sein. Denn Card erzählt Nafais Geschichte keineswegs wie ein Evangelist, sondern so, als sei er dabei gewesen, als sich Nafai mit seinen Brüdern und Nichten in den Haaren lag und sie einander schier die Haare ausrissen.

Natürlich kommen auch romantische Liebesmomente vor und eine Exkursion über den verbotenen Spaltsee. Doch vor allem ist es der Umstand, dass sich dem Leser immer wieder neue Geheimnisse offenbaren, der dazu beiträgt, dass er weiterliest.

Natürlich ist Nafai eine Moses- oder Jesus-Gestalt – warum auch nicht? Vermutlich waren diese Figuren auch einmal Menschen. Und als sie ihrer Berufung folgten, da hatten sie ebenso wie Nafai schreckliche Gewissensbisse, als sie Taten begehen mussten, die sie sonst nie begangen hätten. Card macht es äußerst deutlich, dass und warum Nafai keine Schuld trifft, als er im Auftrag der Überseele einen Mord begeht, um Millionen weitere Tote zu verhindern.

Card ist keineswegs ein selbstgerechter Evangelist, sondern vielmehr ein aufmerksamer Beobachter der conditio humana. Sein Erfolg kommt nicht von ungefähr, und wir dürfen noch etliche gute Romane erwarten. In letzter Zeit hat er die Vorgeschichte von „Ender“ erzählt ([„Enders Schatten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=951 und „Shadow of the Hegemon“). Aber seine Fantasy ist ebenfalls vom Feinsten, beispielsweise „Enchantment“.

|Originaltitel: The Memory of Earth, 1992
Aus dem US-Englischen übertragen von Uwe Anton|

McIntyre, Vonda N. – Traumschlange, Die

_Preisgekrönte feministische Science-Fiction_

Feministische Science-Fiction, die nicht nur spannend, sondern auch einfühlsam erzählt ist.

_Handlung_

In ferner Zukunft, einige Jahre nach einem atomaren Holocaust, leben die Menschen in Stämmen in der Wüste oder zusammengedrängt in den Ruinen der Städte. Ärzte wandern von ihrem Zentrum aus, um zu helfen. Die junge Heilpraktikantin Schlange kuriert mit Hilfe von manipuliertem Schlangengift Verletzte und Todkranke, oft erfolgreich, machmal kommt sie auch zu spät. Sie kämpft gegen Fremdenangst und Ignoranz, dabei wird ihre Traumschlange getötet, mit der sie die Patienten beruhigt.

Doch die Heiler können die Traumschlangen, die von fremden Welten stammen, nicht selbst züchten, sondern müssen sie in der alten Stadt kaufen. Dort jedoch wird Schlange abgewiesen. Auf ihrer Reise adoptiert sie ein junges Mädchen, Melissa, das sehr unter erlittenen Verbrennungen leidet. Sie will Melissa zur Heilerin ausbilden und nimmt sie auf ihre Suche mit. Ein junger Mann verliebt sich in sie und folgt ihrer Spur.

In dem Relikt einer Bunkerfestung findet sie schließlich Traumschlangen in rauhen Mengen, doch deren Besitzer, ein gigantischer Albino, hasst alle Heiler und hält sich Leute als Sklaven, die vom Gift der Traumschlangen abhängig geworden sind. Er wirft Schlange und ihre Adoptivtochter in eine Grube voller Traumschlangen. Hier entdeckt sie das Geheimnis der Fremdwesen.

Beide geraten in Lebensgefahr, doch Schlange gelingt es zu entkommen und Melissa mit knapper Not zu retten. Zu guter Letzt taucht auch ihr junger Freund auf und gibt den beiden Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft zu dritt. Drei ist die magische Zahl in diesem Buch – auch Traumschlangen vermehren sich nur zu dritt.

_Fazit_

Das Buch ist nicht nur eine gelungene Synthese aus Science-Fiction- und Fantasy-Elementen, sondern zugleich eine einfühlsame Studie einer jungen Frau, die im Wesentlichen auf sich allein gestellt das Leben in einer lebensfeindlich gewordenen Welt meistert. Die Autorin macht weder den Fehler, eine problemlose Idylle zu schildern, noch zeigt sie die Heilerin als besser funktionerenden Mann. Vielmehr wird hier eine im Grunde realistische Geschichte im Fantasy-Gewand erzählt, und die Heldin bewältigt ihre Schwierigkeiten aus sich selbst heraus, durch Einsatz ihrer besonderen Fähigkeiten als Frau, als Mensch.

Zu der Zeit seiner Entstehung Anfang der siebziger Jahre dürfte die Schilderung von Ehegemeinschaften aus drei Mitglieder und von Dörfern, in der Familien aufgrund von Adoption zustande kommen, für einiges Aufsehen gesorgt haben. Auch die Themen Kindesmissbrauch und Vergewaltigung dürften hier zum ersten Mal in der SF aufgetaucht sein.

|Die Autorin|

Die 1948 geborene Autorin erhielt 1973 für die Novelle, die die Grundlage dieses Romans bildet, den „Nebula Award“, und für den 1978 erschienenen Roman die zwei wichtigsten Preise der Science-Fiction. Bei uns wurde sie mit dem „Starfarer“-Zyklus bekannt und der historischen Fantasy „Am Hofe des Sonnenkönigs“.

Koontz, Dean R. – Eiszeit

_Eisberg-Thriller, so gut wie Alistair McLean_

Ein nervenzerfetzender Thriller aus der Arktis, dessen Handlung in nur zwölf Stunden abläuft – aber in einem Countdown, spannend bis zur letzten Sekunde. Laut Verlag stand dieser Roman wochenlang auf den US-Bestsellerlisten.

_Handlung_

Das Buch beginnt mit einer Art Prolog, der aus Meldungen besteht: Seit Jahren schwören internationale Wissenschaftler auf die Möglichkeit, aus den Eisbergen der Arktis und Antarktis reines Trinkwasser zu gewinnen, das man während Dürreperioden gebrauchen könnte, beispielsweise in Kalifornien. Natürlich gilt es zunächst, die Machbarkeit eines solchen Vorhabens zu erkunden.

Nun haben Harry Carpenter und vier weitere Forscher und Helfer den letzten Schritt gewagt, ein Lager in Grönland aufgeschlagen und bereiten eine enorme Sprengung vor: Der so produzierte Eisberg soll nach Süden zu wartenden Fischereischiffen treiben, die ihn zum Festland schleppen sollen. Das war der Plan.

Doch was sich schon seit Tagen angekündigt und worauf Harry nicht gehört hatte, wird nun schreckliche Wahrheit: ein Seebeben löst eine riesige Tsunami-Welle aus, die das Randeis, auf dem sich Harry und Co. befinden, einfach wie einen Kartoffelchip zerbricht: Nun sitzen Harrys Leute plötzlich selbst auf einem Eisberg fest. Dieser treibt in die arktische See, auf ein Sturmgebiet zu.

Nicht genug damit: Sie haben ihre Sprengung noch nicht ausgelöst, doch die sechzig Bomben, die sie noch eben so fleißig platziert haben, werden pünktlich um Mitternacht ferngezündet: genau unter ihren Füßen. Zum Glück haben sie ein Funkgerät dabei, so dass sie mit der Zentralstation Verbindung halten können. Wenig später findet Harry einen der Männer aus seiner Gruppe bewusstlos geschlagen auf dem Eis – unter ihnen befindet sich ein potenzieller Mörder.

Als ob das noch nicht Grund genug wäre, jetzt völlig durchzudrehen, taucht zu guter Letzt ein russisches Spionage-U-Boot auf, das die Eisbrüchigen retten möchte. Leider kann es weder am Eisberg anlegen noch können die Eisbrüchigen zu ihm hinabsteigen. Der Sturm wird stärker, und die Lage ist verzweifelt.

_Fazit_

In einem Nachwort verrät der Autor, dass er diesen Roman als Hommage an den Thrillerautor Alistair MacLean schrieb. MacLean schrieb unter anderem die verfilmten Roman „Eisstation Zebra“ und „Die Kanonen von Navarone“. „Ich wollte nur mal sehen, ob ich so etwas schreiben könnte“, meint Koontz etwas flapsig. Er hat das Experiment mit Bravour durchgeführt. Natürlich musste der „etwas holprige Stil des Originals“ aufpoliert werden. Außerdem brachte Koontz die Fakten auf den neuesten Stand: So schreibt einer der Helden vom Eisberg nicht einen Brief, sondern eine E-Mail.

Bei aller Action und all dem Tempo und dem Zeitdruck bleibt doch immer wieder Zeit, in die Vergangenheit der einzelnen Figuren zurückzublenden und ihre psychologischen Tiefen auszuloten. So ist etwa Harrys Frau ein Opfer von krankhafter Angst vor Eis, Kälte und Schnee, weil sie als sechsjähriges Mädchen ihre Eltern in einer Lawine verloren hatte und selbst stundenlang darunter begraben war. Andere Kollegen entkamen nach traumatischen Erlebnissen in die Freiheit. Doch ausgerechnet der Psychopath in Ritas Gruppe wird nicht vorgestellt, lediglich sein Tagebuch verrät ihn. Natürlich verschweigt uns der Autor seinen Namen.

Unterm Strich geht es um zwei hohe Werte: um stilles Heldentum und die Völkerverständigung, die von verantwortungsbewussten Einzelnen wie dem U-Boot-Käptn realisiert wird. Und dies auch nur deshalb, weil der Kalte Krieg vorüber ist und die kommunistischen Sowjets die Macht abgegeben haben – und keine Kalten Krieger auf US-Seite dazwischenpfuschen.

Ist dies also ein U-Boot-Thriller à la Tom Clancy? Keineswegs, wie uns Koontz klar macht. Die ätzende Technikverliebtheit und der Militarismus des Amerikaners fehlen hier. Im Vordergrund stehen die Einzelschicksale einer bunt zusammengewürfelten Wissenschaftlergruppe einerseits – und der U-Boot-Besatzung andererseits, die unglaublich diszipliniert agiert. Kurzum: ein spannender Thriller, in dem Menschen sowohl gegen die feindliche Natur als auch gegen ihre eigenes inneres Wesen ankämpfen müssen, um zu überleben.

|Originaltitel: Icebound, 1993
Aus dem US-Englischen übertragen von Uwe Anton|

Paxson, Diana L. – Brunhilds Lied (Die Töchter der Nibelungen 1)

_Spannender Fantasyroman über die Nibelungen_

„Brunhilds Lied“ (O-Titel: „The Wolf and the Raven“) ist der erste Band der Trilogie „Die Töchter der Nibelungen“ und schildert, wie die zwei Hauptfiguren aufwachsen werden und einander treffen: der Held Sigfrid und die Walküre Brunhild. Nun sollte jeder seine Erinnerungen aus der Jugend oder Schulzeit hervorkramen, wie die Story ausging, als Richard Wagner oder das „Nibelungenlied“ sie erzählten. Paxson liefert uns eine ganz andere Version.

_Die Autorin_

Diana L. Paxson war zu Lebzeiten Marion Zimmer Bradleys deren engste Mitarbeiterin sowie die Co-Autorin der „Avalon“-Romane. In ihren eigenen Büchern verbindet Paxson genaue historische Recherche mit Elementen aus Mythos und Sage. Als eine der führenden Vertreterinnen der neo-heidnischen Bewegung in den USA zeigt sie dabei ein besonderes Interesse für die paganen Religionen der Spätantike (so etwa das 5. Jahrhundert) und des Mittelalters: Sie kennt die alten Göttinnen und Götter nicht nur aus Büchern, sondern möglicherweise auch aus eigenem Erleben, etwa von Besuchen an deren Tempeln und Altären. Mehrere genaue Beschreíbungen solcher Orte in ihrem Nibelungen-Zyklus sprechen dafür.

_Handlung_

Mitteleuropa im 5. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung. Es ist die Zeit der Völkerwanderung, eine Zeit, da die ganze bekannte Welt in Bewegung ist. Die Germanenstämme suchen besseres Land im Westen und Süden und überrennen schließlich das Römische Reich, das 453 untergeht. Natürlich machen sich die Stämme auch untereinander Konkurrenz, und so bleiben Schlachten nicht aus.

Das Steppenvolk der Hunnen ist bis nach Passau und Regensburg vorgestoßen, wo die Grenze des weströmischen Reiches verläuft. Der Khan der Hunnen ist Attila. Sein Hauptmann Bladarda schickt seine Tochter Brunhild nach (Schwäbisch) Halle, wo sie zusammen mit der Burgunderprinzessin Gudrun Abenteuer erlebt.

Als sie bei einem Fest den geheimen Brunnen der Hallenser entweihen, schaut Brunhild zum ersten Mal das Antlitz desjenigen Gottes, der ihr ganzes Leben bestimmen wird: Wodan. Er ist der Obergott der Germanen und häufig sieht man ihn unterwegs als Wanderer mit Schlapphut und Wanderstab, doch besitzt er nur ein Auge und seine Begleiter sind stets zwei Raben. Als Gott führt er die Wilde Jagd an, gebietet dem Donner und sucht die Helden in der Schlacht, um sie zu sich nach Walhall zu holen. Dabei dienen ihm die Walküren.

|Die Walküren|

Nach ihrem Frevel werden Brunhild und Gudrun verbannt: Gudrun nach „Heidelberg“ auf die Burg ihrer Mutter Grimhild, bis ihr Bruder Gundohar (= Gunther) König wird. Brunhild jedoch geht einen ganz anderen Weg: Der (erfundene) Frauenorden der Walkyriun lernt sie an, bildet sie aus und nimmt sie schließlich nach harten Prüfungen auf. Diese Kriegerpriesterinnen nennen sich nach den Dienerinnen Wodans und verfügen offenbar über echte Magie. Die Magie rührt vor allem von ihrer Beherrschung der Geisterwelt und des Runenzaubers her. Das hat die Autorin sehr deutlich herausgearbeitet. Das Auftreten einer Walküre im Kampf ist ebenfalls recht eindrucksvoll geschildert. In der Schlacht treten die Walkyriun immer zu neunt auf.

|Siegfried der Schmied|

Währenddessen wächst der junge Sigfrid auf. Er ist der Sohn eines Helden namens Sigmund und einer Frau namens Hiordisa. Nachdem Sigmund von der Hundingssippe getötet worden war, verbarg Hiordisa Sigfrid auf der Burg ihres zweiten Mannes Alb in der Nähe von Oldenburg. Doch die Hundinge entdecken das Geheimnis des gelbäugigen Sigfrid und bedrohen mehrmals sein Leben.

Daraufhin nimmt Ragan der Schmied den Jungen als Ziehvater an und bildet ihn in seiner Schmiede im Teutoburger Wald aus. Doch der Junge lernt viel mehr von den Tieren des Waldes, besonders von den Wölfen. Kein Wunder: Von seinem Vater Sigmund hat er die Fähigkeit des Gestaltwandels geerbt: Er kann sich in einen Wolf verwandelt, wenn es darauf ankommt. Diese Waldszenen sind sehr schön und spannend geschildert.

|Der Nibelungen Hort|

Doch Ragans Sippe ist auch nicht ohne. Sein Vater Hreidmar gehörte dem viel älteren Erdvolk an und verfügte über Gestaltwandelmagie. Er hatte drei Söhne: Ragan, den Metallformer; Ottar, der in Ottergestalt von Burgunden, genauer: von ihrer Königssippe, den Niflungen, getötet worden war; und schließlich den boshaften Fafnar, der alle piesackte. Der Mord an Ottar musste mit Blutgeld gesühnt werden – und hier beginnt die ganze Geschichte: Die Niflungen (= Nibelungen) plündern die wertvollen Goldschätze, die einer heiligen Quelle der Erd-Göttin geopfert worden waren. Darunter sind zwei besondere Stücke: ein Ring und ein Runenstab. Andwari, der Hütter der Quelle, verflucht die Plünderer, die sich nun freikaufen. Doch Fafnar ermordert seinen Vater Hreidmar für das Gold und rafft den Hort an sich, um ihn als Drache zu bewachen, in einer Höhle über dem Rhein, dem Drachenfels.

|Ragans Plan|

Ragan, selbst nicht ohne Goldgier, plant nun, Fafnar den Hort abzujagen! Dazu braucht er Sigfrids Hilfe. Er macht ihn zu seinem Helden. Mit Wodans Hilfe schmiedet Sigfrid das zerbrochene Schwert seines Vaters und macht es zu einer Waffe, die es mit einem Drachen aufnehmen kann. Dann ziehen die beiden gen Westen, um Ragans Bruder zu töten. Ein verhängnisvolles Vorhaben, denn auch Sigfrid ist mit Fafnar verwandt. Es folgen einige der faszinierendsten Szenen des ganzen Buches. Nicht so sehr wegen der Action, sondern weil hier Wahn und Wirklichkeit, Lüge und Wahrheit aufeinandertreffen.

|Brunhilde in der Waberlohe|

Bei einer Schlacht der Burgunden gegen die Alemannen um das Land am Oberrhein stellt sich der Orden der Walkyriun auf die Seite der Alemannen. Seltsam jedoch, dass die Burgunden trotzdem die Schlacht gewinnen. Ihr König Gundohar, eigentlich ein Angsthase, begegnete Brunhild und wurde von ihr verschont – Wodan will Helden, keine Hosenscheißer.

Nachdem Gundohar, von Wahnsinn gepackt, die Schlacht gewendet hatte, wird Brunhild von ihren Schwestern des Verrats angeklagt. Man entehrt sie, entkleidet sie und kettet sie auf der Erde an, auf dass der erstbeste Mann sie nehme. Doch Wodan, ihr Schutzherr, umgibt sie mit einem Kreis aus Feuer, der bekannten „Waberlohe“. Und wer befreit sie nun aus ihrer misslichen Lage? Na, dreimal dürfen wir raten.

|Hilfreiches Beiwerk|

Eine Landkarte des damaligen Germanien um 410-420 erweist sich während der Lektüre als wertvoller Helfer. Leider hat der Verlag die Karte aus der Hardcover-Ausgabe etwas vereinfacht, so dass die Provinznamen und -grenzen fehlen. Etliche der Ortsnamen sind im umfangreichen Glossar erklärt.

Stammtafeln verdeutlichen die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Geschlechtern und erklären etwa, warum Sigfrid ein Sippenmörder ist (Ragan und Fafnar waren über seine Großmutter mit ihm verwandt). In dieser Ausgabe fehlt die Stammtafel für die Niflungen, also Gudrun und Gundohar (König Gunther von Burgund). Das ist zu verschmerzen, denn es vermindert die Verwirrung.

Ganz wichtig für das Buchverständnis sind der germanische Kalender und die Runen. Alle Kapitel sind nicht mit den römischen Monatsnamen datiert (Januar etc.), sondern mit den germanischen Namen (Heumond = Juli). Auch die Festtage der Germanen finden eine Erklärung.

Die nordisch-germanischen Runen sind für die Magie, die Brunhild und die Walkyriun ausüben, von zentraler Bedeutung, rufen sie doch die Mächte der Natur und der Götter herbei. In einer wichtigen Szene erhält Brunhild ihre Zaubermacht durch die geistig-spirituelle Aufnahme der Runen, in einer anderen bedeckt sie ihren Geliebten Sigfrid von Kopf bis Fuß mit einer Heilsalbe und stärkenden Runen.

In einem Abschnitt „Hintergründe und Quellen“ liefert die Autorin einen geschichtlichen Abriss des fünften Jahrhunderts und erläutert, warum sie den jeweiligen Buchteil so und nicht anders geschrieben hat. Das ist insofern wichtig, weil sie ja in unzähligen Einzelheiten vom historisch überlieferten „Nibelungenlied“ und erst recht von den Wagner-Opern abweicht.

Neueste Theorien der Kulturgeschichte werden hier relevant. Die Quellen, die sie anführt, sind meist ältere Bücher aus den sechziger Jahren. Sie erlaubten ihr u. a. das Schmieden eines Schwertes oder die Ausbildung einer Magierin nachzuzeichnen und lebendig zu schildern. Außerdem finden sich hier Hinweise auf die Herkunft der zahlreichen Gedichte und Zaubersprüche, die Paxson in die Erzählung eingestreut hat.

_Fazit_

Für mich war „Brunhilds Lied“ eine spannende und sehr unterhaltsame Lektüre. Dies lag vor allem an der lebendigen Schilderung der Abenteuer und des völlig unterschiedlichen Lebensweges der zwei Hauptfiguren, Brunhilde und Sigfrid. Es ist, als ob man die zwei wie Geschwister kennen lernte.

Nur wenn man ihr Umfeld genauer versteht, bekommt man einen gewissen Zugang dazu, worum es im Nibelungenlied eigentlich geht: um die Umschichtung miteinander in Konflikt stehender Werte. Sigfrid und Brunhilde kommen beide mit den Werten ihrer jeweiligen Gemeinschaften nicht mehr zurecht, beiden sind Ausgestoßene. Das, was sie tun und was sie an neuen Werten vertreten, bewegt das Schicksal ganzer Völker, namentlich der Burgunder.

Zu erfahren, welche Völker vor den Germanen in Mitteleuropa lebten, war recht überraschend. Das Erdvolk Hreidmars und die Kelten gehören dazu. Die germanischen Stämme wie die Alemannen hingegen bestanden aus Bruchstücken mehrerer anderer Stämme, die in den Territorialkämpfen Mitteleuropas zersplittert wurden. Sie treffen wiederum auf die Römer, die links des Rheines intakte Provinzen bewirtschaften und schützen. Außerdem begegnen die Burgunder erstmals dem Christentum und nehmen es an, wohingegen die Alemannen die alten Götter bewahren (deshalb stellen sich die Walkyriun auf ihre Seite). Es ist ein Wunder, dass die Burgunder nicht zwischen allen Fronten – da sind ja auch noch die vorrückenden Hunnen im Osten – zermalmt werden.

Wie man sieht, war das fünfte Jahrhundert nicht nur turbulent, sondern entscheidend für die Entstehung der deutschen Königstümer der Franken etc., bis schließlich Kaiser Karl der Große ein ganzes Reich daraus schmiedete.

|Für wen sich dieses Buch eignet|

Auch wenn man die ganzen geschichtlichen Hintergründe und die faszinierende Magie nicht beachtet: Es bleibt doch immer noch ein spannendes und bewegendes menschliches Drama, das sich da entfaltet. Und so kann es im Grunde jeder mit Vergnügen und Gewinn lesen.

|Originaltitel: The Wolf and the Raven, 1993
Aus dem US-Englischen von Helmut W. Pesch|

Peter F. Hamilton – Die Nano-Blume (Mindstar 3)

Spannender SF-Krimi mit Schreckensvisionen
„Die Nano-Blume“ ist der Abschlussband der furiosen Mindstar-Trilogie, mit der sich der Brite Peter F. Hamilton seinen Platz auf den vordersten Ränge im Science Fiction-Genre erobert hat: eine gekonnte, rasante Mischung aus Detektivkrimi und Science Fiction, ein Actionreißer aus der nahen Zukunft, in dem auch Aliens ein Wörtchen mitreden.
Peter F. Hamilton – Die Nano-Blume (Mindstar 3) weiterlesen

Hamilton, Peter F. – Spinne im Netz, Die (Mindstar 1)

_Die Post geht ab im Cyberspace_

Mit seiner Mindstar-Trilogie verhalf der Engländer Hamilton der Space-Opera in der Science-Fiction wieder zu neuen Ideen und neuem Glanz. In stilistischer Hinsicht ist „Die Spinne im Netz“ ein spannender Actionkrimi vor dem Hintergrund einer phantasievoll weitergeführten Wirklichkeit.

_Handlung_

Im Mittelpunkt dieses Romans steht Greg Mandel, ein rechter Kerl, der zuzupacken versteht. Und gleich in der ersten Szene befreit er eine hübsche junge Frau, Eleanor, aus den Klauen einer Sekte, die von ihrem Vater geführt wird. Zum Glück besteht Eleanor nicht nur aus Arsch und Titten, sondern trägt beherzt und intelligent wesentlich zum Erfolg der Mission bei, auf sich ihr Freund nun einlässt.

Mandel ist ehemaliges Mitglied einer britischen Elitetruppe namens Mindstar-Bataillon. Dessen Angehörige waren experimentell mit Extradrüsen ausgestattet worden, um so ihre geistige Kapazität zu erhöhen. Inzwischen verdient sich Mandel als Privatdetektiv seine Brötchen und zwar mit einer ausgefallenen Eigenschaft: Er kann feststellen, ob jemand lügt. Seine Drüse schüttet Neurohormone aus, die es ihm erlauben, die Hirnaktivität seines Gegenübers zu scannen. Leider ist das Aktivieren der Drüse auch sehr erschöpfend – dann hat Mandel einen „Neurokater“.

In einer Hightech-Zeit, in der Verbrechen von bezahlten Hackern per Computernetz verübt werden, in einer Zeit der Künstlichen Intelligenz ist Mandel derjenige, den man ruft, wenn es hart auf hart kommt, will heißen, wenn böse Buben üble Dinge tun. So auch, als ein Saboteur das mächtige Wirtschaftsunternehmen Event Horizon bedroht.

Nachdem die globale Erwärmung zahlreiche Küstenstädte hat absaufen lassen, wurde wertvolle Produktionskapazität in den Erdorbit verlegt. Event Horizon (wörtlich: „Ereignishorizont“) hat eine wichtige Orbitalfabrik für Chips, liefert aber 35 Prozent Ausschuss. Wie kann das sein? Der Sicherheitschef der Firma, Morgan Walshaw, rekrutiert Mandel im Auftrag seines Bosses, Philip Evans, um mal die Belegschaft der Fabrik auf Saboteure zu scannen. Evans lebt krank in seinem luxuriösen Schloss mit seiner hübschen Tochter Julie, die allerdings KI-mäßig aufgerüstet ist und Mandel durchaus folgen kann. Sie wird nach dem Tod ihres Opas Philip die Firma leiten.

Nachdem Mandel den Fall geklärt hat, geht der Spaß erst richtig los. Denn der Hintermann der Orbitaloperation ist Kendric di Girolamo, ein stinkreicher Freelance-Unternehmer, der mal mit Julie ein Verhältnis hatte. Kein Wunder, dass zwischen den beiden große Abneigung herrscht. Girolamo hat zudem Julies Freundin Katerina unter Drogen gesetzt und zu seiner Sexsklavin gemacht.

Und hinter Girolamos Angriffen auf Evans‘ Zentralcomputer steht die abgesetzte ehemalige Regierungspartei, die SVP. Das scheint eine Art linke Nazipartei gewesen zu sein, die das Land komplett in den zehn Jahren ihrer Herrschaft komplett herunterwirtschaftete, aber wieder zurückkommen will. Die SVP hat es zudem auf eine neue Erfindung Event Horizons angesehen: Der Gigaleiter könnte billige Energie an jedem Ort der Erde bereitstellen. Es könnten also auch noch andere Unternehmen dahinterstecken.

Mandel macht einen Hacker nach dem anderen dingfest, doch der Mann im Hintergrund hat noch ein As im Ärmel: Er nimmt Mandel und dessen präkognitive Gehilfin Gabriel gefangen. Es scheint ernst zu werden. Aber was wäre Greg ohne seine Eleanor? Und Julie ist ja auch noch da.

_Fazit_

Diese weiterentwickelte Kombination aus Cyberpunk und Actionthriller ist durchaus gut zu lesen und recht unterhaltsam. Lediglich die gewundenen Intrigen könnten etwas verwirren, etwa durch sehr viele Namen. (Ein Personenverzeichnis gibt es nicht.)

Hamilton hat sich außerdem so seine Gedanken über eine mögliche Zukunft seines Landes gemacht. Diese Visionen sind womöglich noch weitaus interessanter. Jeder Hackerfan aus dem grauen Cyberpunkzeitalter, jeder Ökofreund wird in dem Buch etwas für seinen persönlichen Geschmack finden. So viele Interessen bedient Hamilton, dass es schon wieder ein wenig suspekt und beliebig erscheint.

Ich habe mich in der Mitte etwas allein gelassen gefühlt, als der zweite Plot einfach nicht richtig in die Gänge kommen wollte und Personen wie Julie im Vordergrund standen. Diesen toten Punkt muss man eben überwinden, denn die letzten hundert Seiten sind Action und Spannung pur.

Gut fand ich aber, dass sich die Hauptfiguren aufgrund der Ereignisse weiterentwickeln: Julie, Greg, Eleanor. Das unterscheidet das Buch von reiner Massenware. Dennoch sind noch zu viele Klischees in der Figurenzeichnung zu finden: der kernige Greg, die sexy Eleanor, die unschuldige Julie, der weise (aber skrupellose!) Opa usw.

|Originaltitel: Mindstar rising, 1993
Aus dem Englischen übertragen von Thomas Schichtel|

Eric R. Eddison – Der Wurm Ouroboros

Früher Fantasy-Klassiker: ein Anti-Tolkien?

Es gab schon vor Tolkien gute englische Fantasy. Dies belegt dieser selten gelesene (und verlegte) Heroic-Fantasy-Klassiker aus England, den |Bastei Lübbe| 1993 in einer endlich gültigen Ausgabe verlegt hat.

Der Autor

Sein Autor Eric Rucker Eddison (1882-1945) war ein Beamter, Schriftsteller und Gelehrter für Altnordisch, der ein äußerlich unscheinbares Leben führte, um seine intensive Kreativität zu verbergen. In seinen Werken wie etwa der Zimiamvia-Trilogie (veröffentlicht 1935-1958, verlegt bei Heyne) und „Der Wurm Ouroboros“ zeigt er sich tief beeinflusst von der jakobinischen Rachetragödie (Handlungsverlauf) und von Fantasyautor William Morris, was die Landschaften und den Sprachstil anbelangt.

Ruckers Stil ist dekorativ, beschreibend, dicht gedrängt und ergeht sich in langen, zuweilen pathetischen Sätzen – für heutige Leser nicht sonderlich attraktiv.

Die zweite deutsche Ausgabe

Die |Bastei|-Ausgabe von 1993 macht die alte |Heyne|-Übersetzung von 1981 überflüssig, die sich erstens nicht sehr an das Original anlehnte und zweitens bringt die Pesch-Übersetzung zahlreiche Erläuterungen, die in der Heyne-Ausgabe fehlen. Die Erklärungen herauszufinden, muss eine Menge Arbeit gewesen sein.

Handlung

Krieg ist entbrannt in Merkurien. Auf der einen Seite steht der grausame König Gorice von Hexenland mit seinem Heer, angeführt von den besten Strategen. Auf der anderen Seite stehen die Fürsten von Dämonenland, von übermenschlichen Leidenschaften verzehrt, doch stolz und kühn.

Nur wenn einer von ihnen den Fuß auf den Gipfel des höchsten aller Berge setzt, von dem kein Sterblicher je zurückgekehrt ist, vermag er das Mittel zu finden, dem mächtigen Hexenkönig Paroli zu bieten. Denn Gorice umgibt ein altes, düsteres Geheimnis, das ihn unsterblich fortleben lässt. Er trägt einen Ring in der Form des Wurms Ouroboros, des Drachen, der seinen eigenen Schweif verschlingt – das Symbol ewigen Lebens.

Lessingham stammt von unserer Erde, wurde aber irgendwie nach Merkurien verschlagen, eine alternative Fantasywelt. Er beobachtet, wie sich der große Krieg anbahnt. Dabei scheinen den gegnerischen Parteien die Gründe für den Kampf viel weniger wichtig zu sein als die Tatsache des Krieges selbst. Obwohl die teilnehmenden Nationen nach bekannten Wesen wie Hexen, Dämonen, Ghouls und Kobolden/Trollen benannt sind, unterscheiden sie sich von den bei Tolkien vorkommenden Völkerschaften, die unser modernes Verständnis davon prägen.

Lessingham verschwindet allmählich aus dem Bild, doch der Krieg geht weiter, bis Gorice, der Zaubererkönig aus dem Hexenland, definitiv besiegt ist. Doch die versammelten Sieger, die einen schalen Geschmack in der Luft wahrnehmen, bitten die Götter, dass die Zeit sich wie der Wurm Ouroboros in den Schwanz beiße, auf dass sich der Konflikt wiederholen könne. Dieser Gefallen wird gewährt, und so kann alles von vorne beginnen.

Mein Eindruck

Solch einen Schluss hätten weder Tolkien noch sein Professorenkollege C. S. Lewis gut oder witzig gefunden. Die beiden stehen für christliche Fantasy, die sich dadurch auszeichnet, dass ein Kampf Gut gegen Böse stattfindet und dieser mit einer Erlösung endet. Vertreter der beiden gegenerischen Seiten sind durch Farbkodierung deutlich zu unterscheiden. Im „Herr der Ringe“ gibt es beispielsweise zwei Turm-Paare: 1) den Turm von Isengard und den Schwarzen Turm Saurons, sowie 2) Minas Tirith (strahlend weiß auf dem Westufer das Anduin) und Minas Morgul (düster auf dem Ostufer).

Bei Eddison wird der Leser jedoch mehrfach schockiert: durch anders angewendete Farbkodierung, andere Benennung von Wesen, die fehlende Erlösung am Schluss. Der Krieg ist kein spiritueller oder gar religiöser Kampf, sondern ein quasi ritterlicher Zweikampf um des schieren sportlichen Vergnügens willen – für Tolkien praktisch Blasphemie! Daher wurde Eddison mehrmals missverstanden. Dennoch ist „Der Wurm Ouroboros“ von allen seinen Werken noch das lesbarste und beliebteste.

Originaltitel: The Worm Ouroboros, 1922/26
Aus dem Englischen übertragen von Helmut W. Pesch
ISBN-13: 9783404282159

https://www.luebbe.de

John Brunner – Sonnenbrücke

Philosophisch: Die Teufel von Azrael

Die Erfindung des interstellaren Brücken-Systems hat die Chance eröffnet, die besiedelten Welten wieder zusammenzuführen und galaxisweiten Planetenverbund zu schaffen. Doch dagegen sperrt sich die Welt Azrael. Zwei Agenten, ein Mann und eine Frau, suchen die Dissidentenwelt auf, um die Gründe dafür zu erfahren – und sehen sich plötzlich mit der Frage nach dem Sinn der Zivilisation konfrontiert. (aus der nicht ganz zutreffenden Verlagsinfo)
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John Brunner – Das Geheimnis der Draconier

Warnung an die Erde: Genetischer Kapitalismus

Im Jahr 2020 stößt eine internationale Expedition 19 Lichtjahre von der Erde entfernt auf die Spuren einer menschenähnlichen Kultur: die der Draconier im System Sigma Draconis. Als spektakulärstes Artefakt hinterließen sie ein Teleskop, das sie aus einem natürlichen Mondkrater herausarbeiteten. Nachfolgende Expeditionen liefern den Beweis, dass die Draconier schon 3000 Jahre nach ihrer Entstehung untergingen. Eine fieberhafte Suche nach dem Grund für das Verschwinden der Fremden beginnt, damit eine ähnliche Entwicklung auf der übervölkerten Erde verhindert werden kann. Im Jahr 2028 landet die vierte Expedition auf der fremden Welt – und sie soll über die Schließung der Kolonie entscheiden.
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Holdstock, Robert – Odins Wolf (Berserker-Saga 1)

Die Berserker-Saga:

Band 1: „Odins Wolf“
Band 2: „Die Jägerinnen von Connacht
3) „The Horned Warrior“ (1979, nicht übersetzt)

Dem Ewigen Helden ebenbürtig, aber lausig übersetzt

Harald Schmetteraxt, ein junger Norweger, von Odin verflucht, wird zu einem wahnsinnigen Krieger, der Tausenden den Tod bringt. Wenn ihn der Kampfrausch überkommt, treibt er ganze Heere in die Flucht, und nicht einmal seine eigene Familie ist vor ihm sicher. Verzweifelt flieht er vor dem eigenen Schicksal, aber wohin er auch kommt, bringt er Tod und Verderben – er ist ein Berserker. (Verlagsinfo)
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