Schlagwort-Archive: Bastei-Lübbe-Verlag

Ian McDonald – Rebellin des Glücks

Gescheiterte Utopie

Am Ende des 21 Jahrhunderts: Dank der allmächtigen Computer ist die Welt perfekt; keine Kriege, keine Krankheiten bedrohen die Menschheit. Jedermann hat glücklich zu sein — oder er macht sich eines Verbrechens gegen die Gesellschaft schuldig. In der Megalopolis Yu lebt die Zeichnerin Courtney Hau ihr verordnetes glückliches Leben, bis einer ihrer Cartoons der allgegenwärtigen Glückspolizei missfällt. Courtney muss fliehen und lernt plötzlich die andere Seite ihrer Schönen Neuen Welt kennen. In einem düsteren Labyrinth unter der Stadt kämpfen die Ver­rückten und Verbannten von Yu ums Überleben — und träumen von einer Rebellion der Freiheit, die plötzlich Wirklichkeit werden kann. (verlagsinfo)

Der Autor
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Ian McDonald – König der Dämmerung, Königin des Lichts

Drei Frauen im Kampf mit der irischen Vergangenheit

Eines der überraschendsten und schönsten Leseerlebnisse der neunziger Jahre hat mir der phantastische Roman des Nord-Iren Ian McDonald beschert. Es ist eine rätselhafte, poetische Geschichte von drei wunderbaren Frauen. Sie beginnt 1913, als die junge Emily mythische Figuren zum Leben erweckt, die fortan sie und ihre Nachkommen Jessica und Enye begleiten. Die drei Frauen dringen in das dunkle, lebendig gewordene Reich ihres Unterbewusstseins ein, das ihre reale, hektische Welt des 20. und 21. Jahrhunderts überlagert und verändert.

Auf unterschiedliche Weise versuchen Emily und ihre Nachfahren sich der Mächte der eigenen Traumzeit zu erwehren. Während die eine den mythischen Wesen nachgibt, versucht die andere, ihnen zu entkommen. Die dritte, Enye, hingegen bekämpft sie mit Drogen, Wut und einem Samurai-Schwert.

Der Autor
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Eric R. Eddison – Der Wurm Ouroboros

Früher Fantasy-Klassiker: ein Anti-Tolkien?

Es gab schon vor Tolkien gute englische Fantasy. Dies belegt dieser selten gelesene (und verlegte) Heroic-Fantasy-Klassiker aus England, den |Bastei Lübbe| 1993 in einer endlich gültigen Ausgabe verlegt hat.

Der Autor

Sein Autor Eric Rucker Eddison (1882-1945) war ein Beamter, Schriftsteller und Gelehrter für Altnordisch, der ein äußerlich unscheinbares Leben führte, um seine intensive Kreativität zu verbergen. In seinen Werken wie etwa der Zimiamvia-Trilogie (veröffentlicht 1935-1958, verlegt bei Heyne) und „Der Wurm Ouroboros“ zeigt er sich tief beeinflusst von der jakobinischen Rachetragödie (Handlungsverlauf) und von Fantasyautor William Morris, was die Landschaften und den Sprachstil anbelangt.

Ruckers Stil ist dekorativ, beschreibend, dicht gedrängt und ergeht sich in langen, zuweilen pathetischen Sätzen – für heutige Leser nicht sonderlich attraktiv.

Die zweite deutsche Ausgabe

Die |Bastei|-Ausgabe von 1993 macht die alte |Heyne|-Übersetzung von 1981 überflüssig, die sich erstens nicht sehr an das Original anlehnte und zweitens bringt die Pesch-Übersetzung zahlreiche Erläuterungen, die in der Heyne-Ausgabe fehlen. Die Erklärungen herauszufinden, muss eine Menge Arbeit gewesen sein.

Handlung

Krieg ist entbrannt in Merkurien. Auf der einen Seite steht der grausame König Gorice von Hexenland mit seinem Heer, angeführt von den besten Strategen. Auf der anderen Seite stehen die Fürsten von Dämonenland, von übermenschlichen Leidenschaften verzehrt, doch stolz und kühn.

Nur wenn einer von ihnen den Fuß auf den Gipfel des höchsten aller Berge setzt, von dem kein Sterblicher je zurückgekehrt ist, vermag er das Mittel zu finden, dem mächtigen Hexenkönig Paroli zu bieten. Denn Gorice umgibt ein altes, düsteres Geheimnis, das ihn unsterblich fortleben lässt. Er trägt einen Ring in der Form des Wurms Ouroboros, des Drachen, der seinen eigenen Schweif verschlingt – das Symbol ewigen Lebens.

Lessingham stammt von unserer Erde, wurde aber irgendwie nach Merkurien verschlagen, eine alternative Fantasywelt. Er beobachtet, wie sich der große Krieg anbahnt. Dabei scheinen den gegnerischen Parteien die Gründe für den Kampf viel weniger wichtig zu sein als die Tatsache des Krieges selbst. Obwohl die teilnehmenden Nationen nach bekannten Wesen wie Hexen, Dämonen, Ghouls und Kobolden/Trollen benannt sind, unterscheiden sie sich von den bei Tolkien vorkommenden Völkerschaften, die unser modernes Verständnis davon prägen.

Lessingham verschwindet allmählich aus dem Bild, doch der Krieg geht weiter, bis Gorice, der Zaubererkönig aus dem Hexenland, definitiv besiegt ist. Doch die versammelten Sieger, die einen schalen Geschmack in der Luft wahrnehmen, bitten die Götter, dass die Zeit sich wie der Wurm Ouroboros in den Schwanz beiße, auf dass sich der Konflikt wiederholen könne. Dieser Gefallen wird gewährt, und so kann alles von vorne beginnen.

Mein Eindruck

Solch einen Schluss hätten weder Tolkien noch sein Professorenkollege C. S. Lewis gut oder witzig gefunden. Die beiden stehen für christliche Fantasy, die sich dadurch auszeichnet, dass ein Kampf Gut gegen Böse stattfindet und dieser mit einer Erlösung endet. Vertreter der beiden gegenerischen Seiten sind durch Farbkodierung deutlich zu unterscheiden. Im „Herr der Ringe“ gibt es beispielsweise zwei Turm-Paare: 1) den Turm von Isengard und den Schwarzen Turm Saurons, sowie 2) Minas Tirith (strahlend weiß auf dem Westufer das Anduin) und Minas Morgul (düster auf dem Ostufer).

Bei Eddison wird der Leser jedoch mehrfach schockiert: durch anders angewendete Farbkodierung, andere Benennung von Wesen, die fehlende Erlösung am Schluss. Der Krieg ist kein spiritueller oder gar religiöser Kampf, sondern ein quasi ritterlicher Zweikampf um des schieren sportlichen Vergnügens willen – für Tolkien praktisch Blasphemie! Daher wurde Eddison mehrmals missverstanden. Dennoch ist „Der Wurm Ouroboros“ von allen seinen Werken noch das lesbarste und beliebteste.

Originaltitel: The Worm Ouroboros, 1922/26
Aus dem Englischen übertragen von Helmut W. Pesch
ISBN-13: 9783404282159

https://www.luebbe.de

John Brunner – Sonnenbrücke

Philosophisch: Die Teufel von Azrael

Die Erfindung des interstellaren Brücken-Systems hat die Chance eröffnet, die besiedelten Welten wieder zusammenzuführen und galaxisweiten Planetenverbund zu schaffen. Doch dagegen sperrt sich die Welt Azrael. Zwei Agenten, ein Mann und eine Frau, suchen die Dissidentenwelt auf, um die Gründe dafür zu erfahren – und sehen sich plötzlich mit der Frage nach dem Sinn der Zivilisation konfrontiert. (aus der nicht ganz zutreffenden Verlagsinfo)
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John Brunner – Das Geheimnis der Draconier

Warnung an die Erde: Genetischer Kapitalismus

Im Jahr 2020 stößt eine internationale Expedition 19 Lichtjahre von der Erde entfernt auf die Spuren einer menschenähnlichen Kultur: die der Draconier im System Sigma Draconis. Als spektakulärstes Artefakt hinterließen sie ein Teleskop, das sie aus einem natürlichen Mondkrater herausarbeiteten. Nachfolgende Expeditionen liefern den Beweis, dass die Draconier schon 3000 Jahre nach ihrer Entstehung untergingen. Eine fieberhafte Suche nach dem Grund für das Verschwinden der Fremden beginnt, damit eine ähnliche Entwicklung auf der übervölkerten Erde verhindert werden kann. Im Jahr 2028 landet die vierte Expedition auf der fremden Welt – und sie soll über die Schließung der Kolonie entscheiden.
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Holdstock, Robert – Odins Wolf (Berserker-Saga 1)

Die Berserker-Saga:

Band 1: „Odins Wolf“
Band 2: „Die Jägerinnen von Connacht
3) „The Horned Warrior“ (1979, nicht übersetzt)

Dem Ewigen Helden ebenbürtig, aber lausig übersetzt

Harald Schmetteraxt, ein junger Norweger, von Odin verflucht, wird zu einem wahnsinnigen Krieger, der Tausenden den Tod bringt. Wenn ihn der Kampfrausch überkommt, treibt er ganze Heere in die Flucht, und nicht einmal seine eigene Familie ist vor ihm sicher. Verzweifelt flieht er vor dem eigenen Schicksal, aber wohin er auch kommt, bringt er Tod und Verderben – er ist ein Berserker. (Verlagsinfo)
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Saul, John – Die Blackstone-Chroniken (Sammelband)

_Geschenke, die den Horror bringen_

John Saul ist ein gut verdienender Kollege von Stephen King. Und wie dieser wollte er eine schöne Tradition des 19. Jahrhunderts wiederaufleben lassen, den Fortsetzungsroman: Jeden Monat hat eine neue Episode des Romans zu erscheinen. King hatte bei diesem schwierigen und stressigen Unternehmen – der Autor kennt am Anfang den Ausgang nicht, steht aber unter Termindruck – mit „The Green Mile“ einen triumphalen Erfolg erzielt, der mit Tom Hanks verfilmt worden ist. Ob John Saul mit diesem Unternehmen Erfolg hat, werdet ihr gleich erfahren.

_Teil 1: Die Puppe_

|Auge um Auge, Zahn um Zahn|

Bedrohlich ragt das leer stehende Irrenhaus über der neuenglischen Kleinstadt Blackstone auf. An seiner Stelle soll ein modernes Einkaufszentrum entstehen, um der Stadt neuen Wohlstand zu bringen – und wohl auch Vergessen. Doch als die erste Mauer fällt, erwacht in dem alten Gemäuer etwas Unheimliches wieder zum Leben. Eine dunkle Gestalt hat Böses im Sinn, schleicht durch die Straßen Blackstones und verteilt geheimnisvolle Geschenke mit einer grauenvollen Vergangenheit, einer Vergangenheit, die die braven Bürger nur zu gern vergessen würden. Denn in der Irrenanstalt haben sich einst zahlreiche Verbrechen ereignet.

Unerwartet wird der Bankkredit für Bauunternehmer Bill McGuire gesperrt. Der Banker, Jules Hartwick, kann nichts dafür, die Zentralbank steckt angeblich dahinter. Doch für Bill hat das schlimme Folgen, schließlich hat er eine kleine Tochter, Megan, zu ernähren und eine Frau, Elizabeth, die bald ihr zweites Kind erwartet.

Die wunderschöne Puppe, die eines Tages ohne Absender bei ihm abgegeben wird, interessiert ihn nicht, denn er muss sich um einen neuen Auftrag in der Nachbarstadt kümmern. Dafür ist Megan jedoch umso begeisterter von dem Geschenk. Und auch Elizabeth erliegt allmählich dem unheimlichen Einfluss des blondgelockten Wesens. Die Rivalität zwischen Elizabeth und ihrer Tochter nimmt zu, und als Megan vom Regal stürzt, auf das ihre Mutter die Puppe gelegt hat, verliert Elizabeth durch die Anstrengung bei der Beseitigung des Regals ihr Baby.

Kaum heimgekehrt, nimmt Elizabeth die Puppe an Kindes Statt an, ganz so, als sei sie ein lebendiges Kind. Bill hält seine Frau für wahnsinnig, der Arzt jedoch nicht. Ihre boshafte Tochter sinnt unterdessen auf Rache.

Der Cefredakteur der Lokalzeitung, der junge Oliver Metcalf, erinnert sich in unwillkürlichen Flashbacks an Szenen aus dem Irrenhaus. Er lebte dort in einem kleinen Häuschen unweit von dessen Eingang. Er bekommt mächtige und offenbar permanente Kopfschmerzen.

_2. Teil: Das Medaillon_

|Unrecht‘ Gut gedeiht nicht gut|

Diesmal trifft es den Bankier, Jules Hartwick, den wir schon im ersten Band kennen gelernt haben. Er bekommt ein silbernes Medaillon geschenkt, auf dem seine Mutter Louisa zu sehen ist – aber nicht alleine! Der Mann neben ihr ist Malcolm Metcalf, einst Direktor der Irrenanstalt und Vater Olivers, des lokalen Zeitungsverlegers. In geistiger Umnachtung versucht Jules, seine Frau Madeline umzubringen – offenbar verdächtigt er sie ebenfalls der Untreue. Wenig später muss Oliver Metcalf mit ansehen, wie sich Hartwick vor dem Portal der Irrenanstalt ein Messer in den Bauch stößt und stirbt. Seine letzten Worte zu Oliver lauteten: „Sie müssen es aufhalten … bevor es uns alle umbringt.“

Oliver Metcalf hat weitere Flashbacks mit Szenen aus der Irrenanstalt. Sie zeigen ihn selbst als kleinen Jungen, der einer Behandlung unterzogen wird.

_Teil 3: Der Atem des Drachen_

|Asche zu Asche|

Die Racheakte gegen die Bürger von Blackstone treffen diesmal die Familie von Martha Ward, einer alten Frömmlerin. Einst brachte ihr Vater ihre Schwester ins Irrenhaus, nachdem diese von einem jungen Mann, der sie sitzen ließ, geschwängert worden war. Ihre Schwester bekam das Kind, es wurde ihr jedoch vom Anstaltspersonal auf Verlangen ihres Vaters weggenommen und verbrannt. Wenig später hatte sich Marthas Schwester aus Verzweiflung selbst verbrannt – mit Hilfe eines Feuerzeugs in Gestalt eines chinesischen Drachen, das ihr Martha einmal geschenkt hatte.

Nun, einige Jahrzehnte später, ist das Feuerzeug zurückgekehrt. In Marthas Haus lebt nur ihre 21 Jahre alte Nichte Rebecca, die Oliver Metcalf zum Freund gewinnt. Rebecca kauft das Feuerzeug auf dem Flohmarkt, um es ihrer Kusine Andrea anlässlich ihrer Rückkehr zu schenken. Andrea ist in den Augen ihrer Mutter, also Marthas, ein verlorenes Lamm, das sie verließ, um in Sünde zu leben.

Kaum einen Tag zurück, lässt Andrea ihr Baby abtreiben – eine weitere Todsünde in Marthas Augen. Eine tiefe Kluft zwischen Mutter und Tochter tut sich auf. Ob aus Verzweiflung und Absicht oder aus Versehen – eines Nachts versucht sich Andrea zu verbrennen, genau wie damals Marthas Schwester.

Oliver Metcalf hat nun außer Flashbacks auch noch stärker werdende Kopfschmerzen. Aber sein Arzt versichert ihm, es sei kein Tumor.

_Teil 4: Das Taschentuch_

|Eine Schlangengrube|

Vor einem halben Jahrhundert war Clara Wagner ein Mitglied des Dienstpersonals in der Irrenanstalt von Blackstone (vgl. Band 1-3). Sie hatte damals der schizophrenen Insassin Lavinia Willoughby, einer Dame der feinen Gesellschaft, ein handbesticktes Taschentuch mit dem Monogramm >R< weggenommen. Wenig später hatte sich Mrs. Willoghby umgebracht.

Nun taucht das Taschentuch auf dem Speicher von Oliver Metcalf in einem alten Aktenordner der Anstalt auf. Zufall oder Absicht? Wie auch immer, Oliver ist glücklich, seiner Angebeteten Rebecca (die mit dem R) das Taschentuch schenken zu können. Doch Rebecca wird es gleich wieder los – an Germaine Wagner, die Tochter von Clara Wagner. Beide haben Rebecca aufgenommen, nachdem Rebeccas Mutter, Martha Ward (Band 3), sich selbst verbrannt hatte. Leider missbrauchen sie die dankbare junge Frau als Putz- und Haushaltshilfe ohne Lohn.

Germaine wiederum schenkt das Taschentuch ihrer Mutter. Die erkennt es wieder, verbindet damit schlechte Erinnerungen und gibt es ihrer Tochter zurück. Germaine sieht daraufhin Hirngespinste wie etwa Insekten und Ratten, die sie angreifen, und die Eingangshalle hat sich in eine Schlangengrube verwandelt. Auf der Flucht versteckt sich Germaine im Schacht des Hausaufzugs – bis ihre Mutter auf die Schreie im Haus reagiert und mit dem Aufzug hinunterfährt …

Rebecca entflieht den Schreien und dem Schrecken im Haus der Wagners in Richtung von Olivers Haus, doch eine Hand mit Gummihandschuhen hält sie auf.

Oliver Metcalf, so erinnert er sich nun, war einst Opfer der Behandlung mit Elektroschocks. Weil dabei die Elektroden an seinem Kopf angebracht waren, hat er heute noch Kopfschmerzen. Man erfährt mehr über die Sippe der Metcalfs. Der 19. März scheint ein verhängnisvoller Tag zu sein. Und dieser Jahrestag ist nahe …

"Das Taschentuch" ist weitaus besser und sorgfältiger konstruiert als die Vorgängerbände. Die Psychologie ist ausgefeilter, und der Leser erhält tiefe Einblicke in die Vorgeschichte der Direktoren der Irrenanstalt bzw. ihrer Verwandten.

_Teil 5: Das Stereoskop_

|Der Tag der Abrechnung|

In der fünften Folge erfährt der Leser, dass die junge Unschuld Rebecca Morrison in die Hände des dunklen Unbekannten gefallen ist, der in der alten leer stehenden Irrenanstalt sein Unwesen treibt. Natürlich ist ihr Freund, Oliver Metcalf, außer sich vor Sorge um sie. Tagelang suchen er und die Polizei nach ihr, doch vergebens. Schließlich muss Oliver der nackten Wahrheit, die ihm so lange schon Kopfschmerzen bereitet hat, ins Auge sehen. Er besucht seinen Großonkel Harvey Conally und erfährt, dass er selbst am Tode seiner kleinen Schwester Mallory schuld war! Das Messer, das damals, 1956 – sie waren gerade vier Jahre alt -, eine Rolle spielte, dürfte im letzten Band von Bedeutung sein …

Der Anwalt für Zivilverfahren, Ed Becker, war bis vor zehn Jahren Strafverteidiger und verhalf so manchem schuldigen Kindermörder wieder zur Freiheit. Doch dem Prinzip des Fluchs der bösen Tat folgend, naht der Tag der Abrechnung – so der Originaltitel dieses Buchteils.

Als Ed in der schönen alten Kommode aus der Irrenanstalt ein Stereoskop entdeckt, ist seine fünfjährige Tochter Amy ganz begeistert. Mit dem altmodischen Spielzeug kann sie die beiliegenden Fotografien dreidimensional betrachten. Doch etwas ist merkwürdig: Alle Aufnahmen zeigen Eds eigenes Haus, wie es zu Zeiten seines Großvaters ausgesehen haben muss. Es scheint ein kurioser Zufall zu sein, doch schon bald wecken die Bilder allzu realistische Albträume.

Ed träumt, vor Gericht zu stehen, weil er Amys geliebten Hund überfahren habe. Schon am nächsten Morgen bewahrheitet sich seine Befürchtung. In der darauf folgenden Nacht träumt er, von seinem verrückten Großonkel Paul, der in der Irrenanstalt umkam, erschossen zu werden. Gerade noch rechtzeitig rettet er seine Familie aus dem Haus, bevor sich im Keller eine Gasexplosion ereignet. Kein Feuer bricht aus, doch die Kellerwände sind mit roter Farbe bespritzt, die wie Blut aussieht. In der dritten Nacht träumt Ed von seinem eigenen Tod …

_Teil 6: Das Irrenhaus_

|Überraschendes Finale| (VORSICHT: SPOILER!)

In der letzten Folge finden fast alle Rätsel ihre Auflösung. Der Leser fragte sich ja die ganze Zeit, wer die dunkle Gestalt ist, die die Geschenke verteilt und die Straßen der Kleinstadt unsicher macht. Nun, nachdem auch Harvey Connally, der Großonkel Olivers, ein Geschenk erhalten hat – ein Rasiermesser -, muss er Oliver die "Wahrheit" beichten: Oliver habe seine kleine Schwester Mallory im Alter von vier Jahren umgebracht. (Das erfuhr Oliver schon in Teil 5.) Melodramatisch stirbt Harvey nach diesem Geständnis.

Oliver denkt sich sein Teil und erinnert sich an die Behandlung, die ihm sein Vater widerfahren ließ, nachdem Oliver angeblich Mallory mit dem bewussten Rasiermesser die Kehle durchgeschnitten hatte. Oliver wird klar, dass dies sein Vater selbst getan hatte. Er bläute jedoch Oliver ein, er sei der Mörder gewesen. Diese Verdrängung der Wahrheit verursachte Olivers Kopfschmerzen und Blackouts.

In einem Versuch, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, betritt Oliver mit dem bewussten Messer die Irrenanstalt. Albtraumhafte Visionen suchen ihn heim, die ihn dazu bringen, die am früheren Tatort liegende Rebecca beinahe zu töten. Doch als er "nur" ihre Fesseln durchschneidet, sieht es für sie so aus, als habe er sie befreit. Dies erweist sich als pure Ironie.

Dem Sheriff gegenüber gesteht Oliver, dass er selbst es war, der unter dem posthypnotisch eingegebenen Zwang seines Vaters all die verhängnisvollen Geschenke verteilt hatte. Doch niemand in der Stadt hält Oliver, den Retter Rebeccas, dieses Verhaltens für fähig. Lieber geben sie dem toten Harvey Connally die Schuld. Dies ist die zweite Ironie.

_Mein Eindruck_

Die Handlung folgt dem altgedienten Muster des Horror-Romans: Ein Fluch liegt über den Einwohnern einer abgelegenen Kleinstadt – und so wie in Kings "The Fog" (verfilmt von John Carpenter) oder "In einer kleinen Stadt" müssen die Bürger für Sünden der Vergangenheit zahlen, meistens mit ihrem Leben. Es findet das alttestamentarische Prinzip der Rache Anwendung: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die späte Vergeltung wird vom dunklen Rächer in Gang gesetzt, als die Verbrechen nach fünfzig Jahren in Vergessenheit zu geraten drohen. Der Fluch der bösen Tat, um Schiller zu zitieren, verlangt nach Sühne. In Band 1 ist es der Tod von Olivers Tante Laurette in der Irrenanstalt. Ihr Mann hatte ihr ihren Sohn weggenommen, weil sie ihn immer in Mädchenkleider gesteckt hatte.

Diesem einfach gestrickten Prinzip folgt der Autor mit einem relativ simplen Handlungsverlauf – das Ende ist meist vorauszusehen – wie auch mit ebensolchem Stil und sprachlichem Ausdruck. Geschickt versteht er es jedoch, Spannung aufzubauen, indem er nur kleine Häppchen Information preisgibt.

Ab Teil 5 wird John Saul immer besser. Es sind nicht einmal die gruseligen Spezialeffekte, die nun den Horror, der über der Stadt und ihren Bürgern liegt, ausmachen. Es ist vielmehr die sich steigernde Beklemmung, die aus den psychologischen Phänomenen erwächst: Albträume, Flashbacks, üble Gerüchte usw. Schon ahnen die Bürger, dass ein Fluch auf ihnen liegt – den selbst der Sheriff nicht mehr lustig findet. Die Fortsetzungen streben ihrem Höhepunkt zu. Dann dürften neue grausige Wahrheiten ans Licht kommen, so etwa über die meist tödlichen Experimente, die Oliver Metcalfs Vater als Anstaltsdirektor mit den Patienten anstellte …

Sehr schön sind die Namen: Der Sheriff heißt Driver, der Feuerwehrhauptmann Schulze, der Bauunternehmer McGuire und der Anwalt Becker. So vermittelt der Autor ein Bild von der nationalen Herkunft und Vielfalt der Bürger, charakterisiert sie aber gleichzeitig: McGuire ist ein schottischer Name, der für Zupacken und Sparen steht; Becker steht jedoch eher für deutsche Tugenden: akademische Bildung, handwerkliches Können, das Beste im Beruf geben, leider aber nicht für Sparsamkeit (Ed hat für die Kommode zu viel bezahlt). Alle Namen von "guten" Frauen enden auf A: Rebecca, Clara, Martha, Melissa usw. (Olivers Mutter hieß Olivia.) Die weniger mit weiblichen Tugenden ausgestatteten Damen tragen hingegen Namen wie Germaine, Janice oder Lois. Zufall oder Absicht? Bei einem professionellen Autor wie Saul darf man getrost Absicht unterstellen.

Sehr gelungen finde ich die Verwendung von Ironie im letzten Band. So etwas findet man in Horrorromanen leider allzu selten. Insgesamt liest sich der Gesamtroman recht flott und leicht, doch es ist ein deutlicher Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Hälfte festzustellen. Die zweite legt mehr Wert auf Psychologie und inneres Erleben, wohingegen die erste noch verhältnismäßig stark an oberflächlichen Aktionen und plumpen Genretricks (Puppen, Talismane usw.) interessiert war. Basiert die erste Hälfte auf dem Alten Testament, so orientiert sich die zweite an Edgar Allan Poe (Blackouts, schwache Konstitution, die Rolle Rebeccas) und der Psychologie nach Freud (Schwestermord, posthypnotische Befehle).

In seinem ausführlichen Nach- und Dankeswort gesteht John Saul, sich durchaus einiger Fehler und Widersprüche bewusst zu sein, die sich im Laufe der Arbeit an den sechs Buchteilen eingeschlichen haben. Dies muss man ihm nachsehen – es war ein schwieriges Unterfangen, und offensichtlich nicht das letzte dieser Art. Danach versuchte sich auch Bestsellerautor Wolfgang Hohlbein an der Form des Fortsetzungsromans. In ["Intruder"]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=144 schickte er ein paar deutsche Männer in die raue Wüste Arizonas, wo es nicht ganz geheuer ist.

|Originalausgabe 1997
Aus dem US-Englischen übertragen von Joachim Honnef|

John Brunner – Der Kolonisator

Übermensch und Maria Magdalena: ein super Gespann

Als der Stern Zarathustra zur Nova wurde und in einer lebensfeindlichen Lichtflut explodierte, flohen die wenigen Überlebenden in alle Richtungen und suchten auf Planeten der Nachbarsonnen eine neue Heimat. Doch diese Welten waren grundverschieden, und jede war auf ihre Art menschenfeindlich. Und schon die geringste Abweichung von der gewohnten Norm konnte auf überraschende Weise tödlich sein.
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Grangé, Jean-Christophe – purpurnen Flüsse, Die

In der Nähe von Grenoble wird in einer Felswand eine Leiche gefunden. Der Mann wurde stundenlang gefoltert, seine Augen fehlen. Wenige Stunden später findet der Pariser Hauptkommissar Pierre Niemans im Gletscher über dem Dorf Guernon eine zweite, ähnliche zugerichtete Leiche. Hat er es mit einem Serienmörder zu tun? Doch so einfach ist der Fall nicht.

_Der Autor_

Jean-Christophe Grangé stammt aus einer Reporterfamilie und hat schon früh mit dem Recherchieren von Fakten angefangen. 1996 beschäftigte er sich mit dem Thema Genetik. Aus dem Gedankenspiel eines abgeschlossenen Experimentierfeldes entstand der vorliegende Roman, der zu einem nationalen Bestseller wurde und den Franzosen ihr eigenes Thrillergenre bescherte.

An diesen Erfolg schloss der beredte und gebildete Grangé mit „Der Flug der Störche“, „Der steinerne Kreis“ und zuletzt mit „Das Imperium der Wölfe“ an. Wider Erwarten stammt „Der Pakt der Wölfe“ nicht von ihm, sondern von Pierre Pelot.

_Handlung – im Vergleich zum Film_

Der PROLOG des Buches fehlt im Film. Regisseur und Hauptdarsteller hatten sich wegen der Brutalität dieser Szene dagegen ausgesprochen. Außerdem hätte sie dem Zuschauer einen falschen Eindruck vom Rest der Handlung vermittelt.

In einem Pariser Fußballstadion findet ein Pokalendspiel zwischen zwei ausländischen Mannschaften statt. Danach randalieren die Hooligans von der britischen Insel in den Straßen. Die Polizei ist gerüstet. Eigentlich soll Kommissar Pierre Niemans, ein Bulle von einem Kerl und verhinderter Soldat, nur für den Überblick sorgen, doch schon bald stürzt er sich ins Getümmel, wo er durch wütende Brutalität Furcht und Schrecken verbreitet.

Bei der Verfolgung zweier Bewaffneter tötet er einen von ihnen beinahe. Fortan liegt der Mann im Koma und Niemans wird vom Dienst auf der Straße abgezogen. Sein Chef, der ihn während der Untersuchung aus der Schusslinie haben will, schickt ihn in die Provinz: nach Guernon in der Nähe von Grenoble. Niemans stöhnt, kann aber nichts gegen die „Degradierung“ unternehmen.

Anders als im Buch übernimmt Niemans vor Ort die Ermittlungen und gibt jene Anweisungen, die im Film Dahmane, der Chef der Gendarmerie, erteilt. Im Gegensatz zum Film ist also Niemans ständig im Mittelpunkt des Geschehens und auf dem Laufenden. Hier ist er kein Außenseiter und Besserwisser, auch kein Professor, sondern nur ein stinknormaler Kommissar mit einem verhängnisvollen Innenleben: Wird er in die Enge getrieben, reagiert er mit unkontrollierter Gewalt. Und er hat wirklich Angst vor Hunden. Das ist der Grund, warum er beim Wehrdienst untauglich geschrieben wurde. Da war er 17. Seitdem hat er es weit gebracht: Die Gendarmerie kennt ihn als Star, als Verfolger von Mördern und Dealern.

Die erste Leiche ist Rémy Caillois, 25, Chefbibliothekar an der Elite-Universität von Guernon, einer der ältesten Unis in Europa. Der Wanderer wird hoch oben in einer Schlucht entdeckt, aber nur weil sich seine Leiche im Wasser des Flusses spiegelte. Die Entdeckerin ist Fanny Ferreira, 25, eine Professorin für Geologie und Glaziologie, die auf dem Fluss Kajak fahren wollte. Als Ersten vernimmt Niemans den Uni-Rektor Vincent Louize, der praktisch über das ganze Tal herrscht. Wichtiges Detail: Manche der Lehrer sind auch an der Klinik der Uni tätig. Das traf bis 1982 auch für den Augenarzt Edmond Chernezé zu, der später eine wichtige Rolle spielt. Im Film liefert er bereits ganz zu Anfang entscheidende Hinweise. Im Buch taucht er jedoch erst spät auf.

Der wichtigste Helfer Niemans‘ ist jedoch eine Figur, die im Film überhaupt nicht vorkommt: Der junge Gendarm Eric Joisneau bewundert Niemans und gibt ihm den wichtigen Hinweis, dass an der Uni etwas nicht stimmt: Es gebe hier in Gestalt der Professorenkinder eine regelrechte Elite von Menschen. Auch Fanny Ferreira, die Niemans vernimmt, gehört zur Elite. Sofort empfindet er Sympathie für die robuste und hochintelligente Schöne und baggert sie ganz unverhohlen an. Der Gegensatz zwischen der Härte ihrer Worte, der Robustheit ihrer Bewegungen und der Sanftheit ihrer ausgeprägten Kurven zieht ihn an. Verschüttete Gefühle brechen sich Bahn …

Die Witwe des Ermordeten, Sophie Caillois, ist ebenfalls intelligent, aber auf streitlustige, abwehrende Weise – kein Wunder: Sie hält sich für das nächste Opfer. Sie verrät, dass ihr Rémy an einer Doktorarbeit über das altgriechische Ideal des Athlon, des geistig gebildeten Olympiakämpfers, schrieb und darin Ansichten seines Vaters Etienne übernahm, der ja ebenfalls Chefbibliothekar gewesen war. Sophie wirft Niemans beinahe hinaus, was diesen wütend macht. Er erfährt, dass Caillois schizophren und gewalttätig war.

Zur gleichen Zeit, 200 Kilometer entfernt: Der Marokkaner Karim Abdouf, 29, ausgebildeter Scharfschütze und nun zum Provinzbullen degradiert, wird wegen einer Grabschändung und einem Einbruch in die Dorfschule von Sarzac, Departement Lot, gerufen. Es ist das Grab eines Jungen (!) namens Jude Itéro, 1972 bis 1982. Im Grab wie auch in der Schule fehlen die Bilder des Jungen. Sein Chef Crozier setzt ihn auf die falsche Fährte von Skinheads als Tätern. Nach einer Schlägerei, die es auch im Film zu sehen gibt, erhält er den Hinweis auf einen weißen Lada, der in der fraglichen Nacht am Friedhof gesehen wurde.

Im Gegensatz zum Film ist die katholische Nonne, die er besucht, nicht die Mutter Judes, sondern Schwester André, die für Fabienne Pasquot, die Mutter, versucht die Fotos zu stehlen und alle zu vernichten. Wie im Film erzählt sie von den „Teufeln“, die Mutter und Kind verfolgt hätten, weil das Gesicht des Jungen sie verrate. Sie liefert den Hinweis auf einen Rummelplatz, zu dem der Junge immer gegangen sei, als er zwei Jahre in Sarzac lebte. Dort fällt Karim praktisch aus allen Wolken: Ein Feuerschlucker erinnert sich gut an „Jude“, denn er brachte „ihr“ das Feuerschlucken bei. Wieso „ihr“? Na, Jude war ein Mädchen! Es dauert noch weitere Stunden, bis Karim auf den Trichter kommt: Jude Itéro klingt im Französischen genau gleich wie Judith Hérault!

Unterdessen verhilft das Regenwasser in René Callois‘ Augenhöhlen Niemans zu einem Hinweis: Der saure Regen muss schon vor Jahren gefallen sein. Beim Anblick der Bergriesen ringsum kommt ihm die Erleuchtung: Das Wasser stammt aus einem Gletscher! Er schnappt sich die Eisforscherin und Bergsteigerin Fanny und steigt mit ihr ins Innere der Gletscherwelt hinab. Sobald die Sonne aufgeht, beginnt das Eis zu schmelzen und das Schmelzwasser als Bach und Wasserfall zu Tal zu rauschen. (Diese Szene ist äußerst spannend inszeniert und weiß auch im Film zu faszinieren.) Trotz der zunehmenden Gefahr entdeckt Niemans eine zweite Leiche, allerdings sieht er zunächst ihr Abbild im Eis – ähnlich wie bei Callois. Diesmal handelt es sich um den Klinikpfleger Philippe Sertys, 26. Welche Verbindung gibt es zwischen den Morden?

Sertys gehörte der weiße Lada, der in Sarzac gesehen wurde. Diese Spur führt nun Karim Abdouf nach Guernon, gegen den Widerstand seines Chefs. Es sieht so aus, als müssten sich die beiden degradierten Außenseiter Niemans und Abdouf zusammentun, um das Rätsel dieser Morde zu lösen. Und dadurch und mit Joinnots Hilfe stoßen sie auf ein weit größeres Geheimnis, das das Ende der Universität bedeuten könnte.

_Mein Eindruck_

Die Handlung des Romans ist wesentlich vielschichtiger und verzweigter als die des Films. Im Film sind nicht nur Figuren weggefallen, sondern ganze Ermittlungsketten. Die Mutter von Judith Hérault erscheint im Buch als eine wirklich kluge und raffinierte Beschützerin, der mehrere falsche Fährten auslegte, die (zunächst) auch einen abgebrühten Kriminaler wie Karim in die Irre führen. Wer hätte gedacht, dass Judith als Junge beerdigt wurde! Und wer käme darauf, dass ihr Sarg statt einer Leiche zahllose Rattenskelette enthält?

Endlich wird hier die so genannte Hintergrund-Story der Verbrechen in Guernon deutlich und verstehbar. Sie wird im Film nur bruchstückhaft sichtbar. An einer Stelle, als Niemans und Kerkerian im Auto fahren, gibt Niemans Erkenntnisse wieder, die zuvor nicht an ihn weitergereicht worden waren – deshalb erscheinen sie völlig aus der Luft gegriffen. Der Leser des Romans, der Hörer des Audiobooks aber weiß Bescheid.

[SPOILER]

|Ist der Schluss wirklich „enttäuschend“?|

Was aber die Kritiker dem Buch immer vorgeworfen haben, ist der enttäuschende Schluss. Sowohl der inzwischen verdoppelte Täter als auch die Hauptfigur, die uns von Anfang an begleitet hat – nicht Abdouf – müssen dran glauben. Aber warum? Wollte es sich der Autor leicht machen und einfach alle Hauptfiguren abservieren und nur einen Zeitzeugen übriglassen? Das wäre eine (zu?) billige Art und Weise, um sich aus der Affäre zu ziehen.

Vielmehr ist es ja so, dass sowohl Abdouf als auch Niemans zu den beiden Schwestern unabhängig voneinander eine Liebesbeziehung aufbauen. Für Abdouf wird Judith für 24 Stunden zu einer Art Märtyrerin wird, die er gut zu kennen glaubt: von ihrer geheimnisvollen Geburt über „den kleinen Jungen“ bis hin zum traumatisierten, aggressiv gewordenen Mädchen. Was Niemans im Film sagt: „Nicht sie!“, müsste eigentlich Abdouf sagen. Aber das passiert ja auch mit anderen Figuren so.

Niemans hingegen ist ein ausgebranntes Wrack, am Ende der Fahnenstange angelangt, ein „Opfer seiner Phantome“. Und so trägt er selbst die Schuld am grausamen Tod des jungen Polizisten Joinot, der ihn bewunderte und ihm den Weg zum finsteren Geheimnis der Elite-Uni Guernon zeigte. Niemans war Joinot und seinem wichtigen Hinweis auf den Augenarzt Chernezé nicht nachgegangen, ließ ihn im Stich: Chernezé, ein Teil der Verschwörer aus der Hintergrundgeschichte, tötete Joinot ohne Skrupel und löste seine Leiche im Säurebad auf – zu starker Tobak selbst für diesen Thriller (im Gegensatz zu „Das Schweigen der Lämmer“).

Als sich also Niemans in die attraktive Fanny Ferreira verliebt (siehe oben), trifft ihn das Liebesglück völlig unverhofft. Anders als im Film wird diese Liebe nicht durch Blicke angedeutet – Fanny dreht sich vor ihrer Haustür zu ihm um -, sondern zu einem erotischen Ereignis aufgebaut. Die Liebe wird vollzogen. Deshalb bedeutet es für den beglückten Niemans eine Art Weltuntergang, als er herausfindet, dass er nicht nur Joinots Tod auf dem Gewissen hat (wie kann er mit dieser Schuld leben?), sondern auch in Fanny eine der beiden Killerinnen liebt. Für das Trio, das in dieses Verhängnis verstrickt ist, scheint es keinen Ausweg mehr zu geben.

Man kann sich aber fragen, warum auch Fanny dran glauben muss. Sie erzählt Abdouf die ganze Geschichte, wie sie und Judith zusammenkamen und sich fortan eine einzige Existenz teilten. Wie ging das zu, fragen die Kritiker. Herrje, heutzutage fallen viele Menschen in die Anonymität und es kümmert niemanden. Doch Guernon und seine Uni waren eine eng zusammengewachsene Gemeinschaft, in der das Doppelleben Fannys auffallen musste. Das ist ist letzten Endes ein Problem, das der Autor nicht befriedigend löst. Worin aber besteht Fannys Schuld, die sie in den Augen des Autors zum Tode verurteilt? Es muss wohl ihre Mitwisserschaft, wenn nicht sogar Mittäterschaft sein.

Dieser ganze Komplex existiert im Film nur als winziger Abglanz. Der Regisseur hat dafür den Showdown auf den Gletscher verlegt, was an sich schon symbolisch ist: Die Wahrheit muss ans Licht des Tages. Sie macht Fanny und den sie liebenden Niemans frei, während Kerkerian sozusagen ihren Schutzengel spielt. Mir gefällt der Filmschluss wesentlich besser als die Ausweglosigkeit, in der die Leben von Niemans und den beiden Schwestern enden. Und wenn das Ende an den Haaren herbeigezogen erscheint, so sollte man sich mal nach dem Realismus der restlichen Geschichte fragen: Sie ist ja lediglich ein Gedankenexperiment des Autors über Genetik und Eugenik.

[SPOILER Ende]

_Unterm Strich_

Die „purpurnen Flüsse“, die die Verschwörer von Guernon „beherrschen“, sind nicht nur die Blutadern, sondern auch die genetischen Erblinien, die in Guernon manipulativ weitergeführt werden. Eigentlich wollten die Verschwörer ein Ideal erreichen: den „Athlon“ wiedererschaffen, den Athleten mit einem gebildeten Geist. Das ist ihnen ironischerweise auch gelungen: die modernen „Bill Gates“, wie Kommissar Dahmane im Film sagt.

Leider ist etwas schief gelaufen und nun ein Preis zu zahlen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Roman nicht sehr von moralischen Märchen über verrückte Wissenschaftler, die in B-Filmen der fünfziger Jahre in amerikanischen Matinee-Kinos zu sehen waren. Doch diesmal erfolgt die Rache auf eine so vertrackte Weise, noch dazu von Seiten der Frauen, dass sich das Buch über die Masse der B-Movies erhebt und sich dem Niveau von „Das Schweigen der Lämmer“ annähert. Der Film erreicht dieses Niveau nicht ganz, keine Frage, aber das Buch, das man nun auch hören kann, ist schon verdammt nah am Hannibal-Level dran. Dass die Hintergrundstory so verzwickt ist, daran trägt der Autor die Schuld. Am besten macht man sich ein paar Notizen, um den Überblick zu behalten.

|Originaltitel: Les rivières pourpres, 1997|

David Gemmell – Im Zeichen des dunklen Mondes

Fesselnde Action-Fantasy

Dies ist ein spannender, wenn auch nicht unbedingt mitreißender Fantasy-Action-Roman. Es geht um Wahrheit, Menschlichkeit, Liebe, Hass und Versöhnung. Im Mittelpunkt steht die Frage: Gibt es eine biologische und soziale Notwendigkeit bzw. Rechtfertigung für Gewalt und Krieg?

Der Autor

David Gemmell (geb. 1948, gest. 2006), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde ab 1984 er mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.

Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.

Handlung

Der Schwertkämpfer Tarantio begibt sich nach verlorener Schlacht in die große Stadt Corduin, eine der vier Hauptstädte im Land, die, in wechselnden Allianzen, miteinander im Krieg liegen. Seit sieben Jahren kämpft man um den Besitz der kostbaren Perle der Eldarin, eines verschwundenen Volkes friedliebender Elfenwesen. Tarantio macht es sich mit seinem etwas zurückgebliebenen Gefährten Brune gemütlich. Leider ist er eine schizophrene Persönlichkeit: Dace, der wilde und rachsüchtige Teil von ihm, lässt ihn immer wieder in Streit geraten. Schon bald darf er sich auf ein Duell freuen.

Herzog Sirano von Prentuis hat das Geheimnis der Perle in seinem Besitz mittels Magie gelüftet und den Bann, den sie speichert, aufgehoben. Als Folge dessen löst sich das Gefängnis um die Welt der von den Eldarin verbannten fremdartigen, brutalen Daroths auf: Sieben ihrer Städte erscheinen in der Welt der Menschen. Die Daroths, die sich mittels Telepathie verständigen, sind praktisch unsterblich, denn alle zehn Jahre wird ein Daroth durch eine jüngere Version ersetzt. Kein Wunder, dass sie für so kurzlebige Wesen wie die Menschen nur Verachtung übrig haben: Sie essen sie und nehmen ihr Land.

Tarantios friedliche Tage sind gezählt. Als die Feldherrin Karis, deren Truppen ihn besiegten, in Corduis auftaucht und bekannt wird, dass die Daroth die Stadt bedrohen, wird er von Karis und dem Herzog Albreck kurzerhand eingezogen, ebenso wie sein Duellgegner Vint. Corduis erfährt vom Untergang der Stadt Prentuis und dem Verschwinden Herzogs Sirano, macht sich selbst für die Belagerung bereit. Tarantio begegnet dem Harfner und Heiler Duvodas, der eine alte magische Gabe des Oltor-Volkes, das von den Daroth vernichtet worden war, geerbt hat: Seine Musik heilt und bringt Wohlstand. Als Tarantios Freund Brune vom Geist eines Oltor besessen wird, weist dieser den Weg zur Rettung vor den Daroth. Doch diese liegt nicht in Waffen und List, sondern in der Magie und dem Glauben an Frieden und Liebe.

Als die Daroth-Armee vor den Mauern von Corduis auftaucht, haben deren Bewohnern und Soldaten einige Überraschungen bereit, aber auch Duvodas ist nicht untätig. Er reitet direkt in die Hauptstadt der Daroth …

Mein Eindruck

Gemmell stellt uns zwei alternative Gesellschaften vor. Am Schluss versucht er eine versöhnliche Antwort zu geben. „Im Zeichen des dunklen Mondes“ ist ein stellenweise fast schon nachdenklich erscheinender Fantasyroman. Doch die Figuren (außer den „Pazifisten“) ergehen sich nicht in langen Monologen, sondern setzen ihre jeweiligen Überzeugungen ohne Zögern in die Tat um. Actionfans kommen hier also voll auf ihre Kosten. So weit so schön, fast wie in der Drenai-Saga.

Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen, und das sind bezeichnenderweise jene Figuren, die durch die Liebe verändert werden: Tarantio, Duvodas, Karis. Und hier kommen dann die Erotikfans voll auf ihre Kosten, denn entsprechende Szenen gibt es hier reichlich.

Doch Liebe muss nicht immer Segen bringen: Ihre Kehrseite ist der Hass, und von dem ist Duvodas erfüllt, als seine schwangere Frau Shira von den Daroth getötet wird. Duvodas wird erst wieder menschlich, als er Jahre später seinen tot geglaubten Sohn wiederbekommt – ausgerechnet von den Daroth. Gemmell zeigt hier, dass er nicht auf einem Auge blind ist, wie so viele Autoren von heroischer Fantasy und anderen romantischen Genres. Vielmehr schaut er den Tatsachen ins Gesicht und konfrontiert den Leser mit der ungeschminkten Wirklichkeit des Lebens.

Hinweise

Das Titelbild ist wie fast immer bei dieser Reihe sehr gelungen, obwohl es schon etwas älter ist: Es zeigt eine weibliche japanische Samurai, wie man sie sich in den achtziger Jahren vorstellte. Tatsächlich war dies die Illustration zu „Tomoe, die Samurai“, einem Fantasyroman, der ebenfalls bei |Bastei Lübbe| erschien. Jedem Kapitel ist die kleine Vignette eines Mondes vorangestellt – ein reizvolles optisches Element. Insgesamt hat mich die Lektüre sehr zufriedengestellt.

|Originaltitel: Dark Moon, 1996
478 Seiten
ISBN-13: 9783404204977
Bastei-Lübbe

Ann Granger – Messer, Gabel, Schere, Mord [Mitchell & Markby 4]

Der Umbau eines Landhauses zum Nobel-Restaurant sorgt für Aufruhr unter den wenig begeisterten Nachbarn. Am Tage der Neueröffnung wird eine Frau im Weinkeller erstochen. Inspektor Markby steht vor vielen Mordverdächtigen, die mehrheitlich zwar keine Mörder aber keineswegs unschuldig sind … – Zwar bietet Band 4 der „Markby-&-Mitchell“-Serie bietet kaum Krimi-Spannung, will dies mit englischer Landhaus-Romantik nach Genre-Vorschrift wettmachen und trifft routiniert ins Herz eines entsprechend gepolten Publikums: Lesen oder Schlafen – der Unterschied ist marginal.
Ann Granger – Messer, Gabel, Schere, Mord [Mitchell & Markby 4] weiterlesen

Patrick Dunne – Die Keltennadel [Jane Wayde 1]

Pfarrer Lavelle aus Irland findet in seiner Kirche eine ‚geopferte‘ Frau. Als Spezialist für moderne Kulte (und Tatverdächtiger) beginnt er in eigener Sache zu ermitteln, wobei ihm ein freundlicher Polizist und eine Kunstexpertin helfen. Man kommt einer pseudoreligiösen Verschwörung auf die Spur, die einen neuen Kreuzzug plant, um diese sündige Welt zu ‚reinigen‘ … – Debütautor Dunne schert sich wenig um Handlungslogik oder Figurentiefe, sondern serviert, was das Genre seit Dan Brown dominiert: Kirchen-Geheimnisse und saftige Morde: Munkel-Thriller von der Stange. Patrick Dunne – Die Keltennadel [Jane Wayde 1] weiterlesen