Niven, Larry / Pournelle, Jerry / Barnes, Steven – Heorots Vermächtnis

_Actionabenteuer auf der Siedlerwelt_

Auf der ersten von Menschen besiedelten Welt bekommen es die Kolonisten mit gefährlichen Raubtieren zu tun. Der Einzige, der darauf vorbereitet ist, gegen die Monster zu kämpfen, wird gedemütigt und vertrieben. Zu spät merken die Siedler, was sie an dem ausgebildeten Soldaten haben.

Dieser Roman erzählt die Vorgeschichte zu „Beowulfs Kinder“, das von Niven/Pournelle mit Michael Flynn zusammen geschrieben wurde. Das Buch erschien ebenfalls im |Bastei-Lübbe|-Verlag.

_Die Autoren_

Der Mathematiker Larry Niven (*1938) ist einer der bedeutendsten Vertreter der naturwissenschaftlich orientierten Science-Fiction. Zu seinen wichtigsten Werken gehört der „Ringwelt“-Zyklus (ab 1971). Seine bekannteste Kooperationsarbeit mit Pournelle ist der Katastrophenroman „Luzifers Hammer“, aber auch „Der Splitter in Gottes Auge“ ist sehr beliebt. Niven ist ein Spezialist im Austüfteln und Schildern fremder Welten. Seine These: Technischer Erfindergeist erweist sich letztlich als vorteilhaft.

Steven Barnes (*1952) ist ein enger Freund Nivens und versteht sich auf das Erfinden von Monstern und Spielewelten. Außerdem kennt er sich mit Kampfsport und Kriegskunst aus.

Jerry Pournelle (*1933) besitzt Titel in Politikwissenschaft, Psychologie und Ingenieurwissenschaft. Er arbeitete fünfzehn Jahre lang im amerikanischen Raumfahrtprogramm und ist ein rechtskonservativer Unterstützer militärischer Hierarchien – nicht nur in der Science-Fiction. Sein |CoDominium|-Zyklus hat als Hauptfigur einen schlauen Militärführer namens Falkenberg, der sich in einer Zeit des kulturellen Niedergangs um das Überleben der menschlichen Kolonien bemüht – ähnlich wie Weyland in „Heorots Vermächtnis“. Seit Jahren schreibt Pournelle Kolumnen für amerikanische Computermagazine.

_Handlung_

Das Raumschiff „Geography“ ist mit den ersten Kolonisten von der Erde auf dem Planeten Avalon im „nahen“ Sonnensystem Tau Ceti gelandet. Auf einer großen Insel, der man den Namen Camelot gab, gedeiht die Kolonie zunächst prächtig. Die Energieversorgung ist einigermaßen gesichert, und auch für den Anbau von Nahrungsmitteln findet sich ein fruchtbarer Boden. Rund 200 Kolonisten setzen ihre Talente ein, sei es nun als Verwaltungsheini oder als Schmied oder Zimmermann. Nur einer fragt sich nach wie vor, was er in diesem Paradies soll: Cadmann Weyland.

Cadmann Weyland, liebevoll kurz „Cadzie“ genannt, ist nämlich Soldat. Er war Oberst bei den Friedenstruppen der Vereinten Nationen. Er weiß ziemlich genau, wie man eine Siedlung verteidigt. Doch wenn es keine Feinde gibt, sieht ein Soldat bereits nach wenigen Monaten ziemlich überflüssig aus. Bis eines Abends die Rinder und Hunde komplett verrückt spielen: Etwas aus dem Fluss macht ihnen nachts Angst. Und die Biologin hatte sich schon gewundert, warum es keine Raubtiere auf Avalon gibt.

Doch wie es nun mal mit einer fremden Ökologie laufen kann: Man muss erst einmal kapieren, wie alles zusammenhängt. Das ist auf Avalon nicht anders als auf Dune, wo Paul Atreides, der Guerillaführer der Fremen, den Metamorphosezyklus des Sandwurms erforschen muss, um daraus seinen endgültigen Machtanspruch ableiten und durchsetzen zu können (kein Sandwurm – kein Spice!). Mit einem ähnlichen Metamorphoseprozess hat es Cadmann Weyland zu tun. Und das Ergebnis dieser Verwandlungen ist ein Wesen, das so gefährlich ist und so aussieht wie ein Velociraptor: ein Grendel. („Grendel“ hieß das erste Ungeheuer im Beowulf-Epos.)

Und so dauert es eine ganze Weile, bis die Gefahr erkannt ist. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass sie auch gebannt ist. Ein Grendel kommt selten allein, wie sich zeigt. Und Cadmann hat bald alle Hände voll zu tun, die ungläubigen Siedler dazu zu bringen, sich angemessen zu verteidigen. Es wird spannend.

_Mein Eindruck_

„Heorots Vermächtnis“ erzählt ziemlich getreu die Vorlage aus dem alten englischen Heldenepos „Beowulf“ nach, das u. a. von Prof. Tolkien übersetzt wurde. John Gardner hat die Geschichte aus Sicht des Ungeheuers erzählt („Grendel“). „Heorot“ ist im Gedicht die große Halle, in der König Hrothgar seine Krieger bewirtet. Als ein Ungeheuer, Grendel, seine Männer dezimiert, taucht ein besonderer Held auf: Beowulf. Er und seine Helfer erschlagen Grendel und nageln seinen Arm an die Wand von Heorot. Doch dann taucht Grendels Mutter auf, und die ist mächtig sauer …

Auch der Science-Fiction-Roman folgt den Grundzügen der Story, doch wird die Grundsituation auf eine Erdkolonie übertragen und zudem nach den plausibel erscheinenden Maßgaben der Fremdbiologie (Xenologie) erweitert. Dabei bleibt jedoch das Ungeheuer keineswegs ein verabscheuungswürdiger Dämon, der aus Lust tötet.

Das Grendel wird vielmehr selbst als einer der Akteure geschildert: Wir erfahren von seinen Reaktionen, Gefühlen und Absichten, vor allem von den anatomischen Besonderheiten seiner Spezies. Zunächst fasst es die Jagd im Umkreis der Menschen als spannendes Spiel auf, dann aber als Wettstreit gegen die Menschen – im Lernen und Lehren. Das Grendel ist so intelligent wie ein Gorilla, wenn nicht sogar wie ein Frühmensch.

Das fügt sich schlecht, denn die meisten der Kolonisten sind ihm nicht unbedingt an Intelligenz überlegen. Sie mögen als Genies von der Erde losgeflogen sein, doch das Auftauen aus dem hundert Jahre langen Kälteschlaf hat bei manchen Gehirnschäden verursacht: verlorene Erinnerungen, beeinträchtigtes Konzentrationsvermögen, ja sogar charakterliche Veränderungen. Im Fall von Weylands Helfer Ernst ist aus einem einstigen Genie sogar ein kindlicher Idiot geworden. Die Menschen sind also dem Grendel keineswegs überlegen, sondern die beiden Spezies begegnen sich auf der gleichen Ebene von Fähigkeiten.

Dies ist einer der Gründe, warum der Roman so spannend ist. Der andere liegt natürlich in der anschaulichen Darstellung von Action und Kampf. Lediglich derjenige Leser, der den „Beowulf“ bereits kennt, weiß, wie der Kampf verlaufen wird. Aber auch er kennt nicht den Schluss.

Was die Spannung auflockert, ist die menschliche Seite des Geschehens. Dazu gehören zunächst die erotischen Geplänkel zwischen Männlein und Weiblein, schließlich das Zusammenkommen und Kinderkriegen – schließlich haben die 200 Siedler vor, sich den Planeten „untertan zu machen und sich zu vermehren“, wie es in der Bibel heißt.

Die politischen Ansichten der Autoren bleiben zum Glück meistens im Hintergrund. Am ehesten entspricht einer solchen Äußerung das Zitat, das jeweils einem Kapitel vorangestellt ist. Häufig wird Kipling zitiert, aber auch William Blake. Im Text selbst findet sich der unvermeidliche Nietzsche-Spruch: „Was uns nicht umbringt, wird uns stärker machen.“ Nur hin wieder taucht ein Absatz erklärender Prosa auf, der ein direktes Statement darstellt. Dafür dürfte wohl meist Pournelle verantwortlich sein. Er kann das Belehren nicht lassen.

|Die Übersetzung|

… weist nur einen Fehler auf. Wieder einmal wird das englische Wort „radio“ eins zu eins übernommen. Im Deutschen sollte jedoch Funkgerät stehen, denn ein „Radio“ ist lediglich ein Empfänger, ein englisches „radio“ jedoch ein Empfänger und Sender. (S. 118) Und Druckfehler gibt es auch in genügender Menge.

Wie alt das Buch ist, merkt man am deutlichsten an der Stelle, als beschrieben wird, wie ein Computer startet: „Laufwerke klackten und ratterten.“ (S. 264) Zumindest diese Geräusche sollten heutzutage nicht mehr die Regel sein.

_Unterm Strich_

„Heorots Vermächtnis“ ist also die action- und abenteuerreiche Übertragung des „Beowulf“-Epos aus dem 11. oder 12. Jahrhundert in die nahe Zukunft in etwa 200 Jahren. Die drei Autoren entwerfen eine halbwegs glaubwürdige, wenn auch sehr optimistische Planetenumgebung, in der diese Geschichte stattfinden kann. Die meist amerikanischen Pioniere auf Avalon wiederholen die Besiedlung ihres eigenen Kontinents.

Die größte Gefahr droht dabei von zwei der legendären Ungeheuer, wie sie man sie aus dem Heldengedicht kennt. Doch Avalons Monster sind normale Reptilien, wenn auch recht intelligente. Sie erinnern an die Velociraptoren aus den drei „Jurassic Park“-Filmen. Immerhin ist der fragliche „Park“ in „Heorots Vermächtnis“ zum Überleben geschaffen worden und nicht zum Vergnügen von Besuchern.

Aber der Ausgang des Buches ist stets der gleiche wie in den Filmen. Dann heißt es: „Töte oder du wirst getötet.“ Selbst das Einfangen eines Grendels hilft nichts: Es stirbt aufgrund seiner besonderen Körperchemie. Eine friedliche Verständigung ist unmöglich, folglich werden die Grendels als reine Fressmaschinen betrachtet. Diese Auffassung erweist sich als schwerer Fehler, denn sie lässt die Ökologie Avalons außer Acht. Immerhin haben die Autoren auch diese berücksichtigt – und entwickeln so die Vorlage weiter.

Ich habe dieses Buch in drei Tagen weggelesen. Wer aber nach Tiefgang sucht, der sollte sich woanders umsehen, z. B. bei Ursula Le Guin.

|Originaltitel: The legacy of Heorot, 1987
Neuauflage des Titels „Der Held von Avalon“
Aus dem US-Englischen übersetzt von Heiko Langhans|

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