Brown, Dan – Meteor

Ein neuer NASA-Satellit hat unter dem Eis der Arktis ein großes Objekt entdeckt. Rachel Sexton und andere Zivilisten werden auf Bitten des US-Präsidenten eingeflogen, um die Echtheit des Fundes zu bestätigen. Sie finden heraus, dass es sich bei dem großen Felsbrocken a) um einen Meteoriten handelt und b) dass darin außerirdische Lebensformen als Fossilien eingeschlossen wurden. Die Begeisterung der Wissenschaftler ist ebenso so groß wie bei den NASA-Mitarbeitern. Der Präsident wird mit dieser Sensation sowohl die NASA retten als auch seinen Wahlkampf gewinnen.

Doch als der riesige Felsen gehoben ist und die Sektkorken knallen, macht einer der Wissnschaftler in dem nun offenen Schacht im Gletscher eine sehr beunruhigende Entdeckung. Doch keine Sorge, Mister President – der Mann befindet sich bereits im Visier einer gut bewaffneten Truppe, die dafür sorgt, dass es keine unliebsamen Überraschungen gibt.

_Der Autor_

Dan Brown unterrichtete Englisch, bevor er freier Schriftsteller wurde. Als Sohn eines Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen, was sich in seinen Romanen widerspiegelt. Davon sind inzwischen vier erschienen: „Diabolus“, „Meteor“, „Illuminati“ und „Sakrileg“.

Er lebt mit seiner Frau in Neuengland und schreibt derzeit an einem Thriller über die Freimaurer in Washington, D.C., wo noch heute in der Nähe der Stadt ein Freimaurer-Monument steht, das ich mal besucht habe – sehr geheimnisvoll. Die Freimaurer sind auch auf dem Dollarschein verewigt, denn der erste US-Präsident George Washington war eines ihrer Mitglieder.

|Dan Brown bei Buchwurm.info:|
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[Illuminati]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=687 (Hörbuch)
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[Diabolus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1064
[Diabolus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1115 (Hörbuch)

_Handlung_

PROLOG.

Der kanadische Geologe Charles Brophy hätte sich nicht träumen lassen, dass ihn in der endlosen Leere der arktischen Eiswüste bewaffnete Männer gefangen nehmen, an Bord eines Flugzeugs entführen und ihn dann mitsamt seines Hundegespanns aus ebendiesem Flieger stoßen würden …

HAUPTHANDLUNG.

Rachel Sexton ist die Tochter des wichtigsten Wettbewerbers bei den US-Präsidentschaftswahlen. Senator Sedgewick Sexton (er liebt die Alliteration) jedoch ist ein egoistischer Rabenvater, der bei seinem Rennen um die Präsidentschaft über Leichen geht. Er ist der schärfste Gegner der NASA, die seiner Ansicht nur Steuergelder verschleudert, die man dringend für Schulen benötigt. Seine Tochter geht ihm vorsichtshalber lieber aus dem Weg.

Rachels Ersatzvater ist William Pickering, der Direktor des National Reconnaissance Office (NRO), einer weltweit tätigen Regierungsbehörde, die sich der Sicherung der nationalen Sicherheit durch Informationsbeschaffung und -auswertung widmet. Rachel ist eine seiner intelligentesten Mitarbeiterinnen, und er ist ein aufrechter Streiter für die Gerechtigkeit und das Wohl der Nation. Denkt sie.

Während Rachel an Bord eines militärischen Düsenjets Richtung Nordpol jagt, fragt sie sich ernsthaft, warum sie sich nur vom US-Präsident Zach Herney hat breitschlagen lassen, auf diese Wahnsinnsmission zu gehen. Die F-16 landet mitten auf einem Gletscher bei Ellesmere Island, und – hol’s der Teufel! – der leibhaftige Administrator der Raumfahrtbehörde NASA holt sie ab. Nicht ganz freiwillig: Der Präsident hat ihn dazu gezwungen. Schließlich ist Rachel die Tochter seines schärfsten Kritikers.

Nach einem Spießrutenlaufen der Begrüßungen darf Rachel endlich einen Blick auf das werfen, worum es ihr am Ende der Welt eigentlich geht. Unter 65 Metern Gletschereis liegt ein Felsblock, der angeblich vor rund 300 Jahren als Meterorit aus den Weiten des Alls und hier auf die Erde stürzte. Was ihr die anderen zivilen Wissenschaftler – Eis-, Stein-, Ozean- und Erdgeschichtsforscher – berichten, ist ziemlich unglaublich. In dem Meteoriten sind Fossilien einer außeridischen Spezies eingeschlossen. E.T. ist eine Laus.

Die Eisforscherin Norah leitet die Hebung des Felsens aus dem Eis, denn sie ist auf eine geniale Idee gekommen, wie dies zu bewerkstelligen ist. Man erhitzt den Brocken per Laserstrahl, bis das Eis darüber schmilzt und zieht dann kräftig nach oben. Dauert zwar ein Weilchen, aber es funktioniert. Schon bald kann der Ozeanforscher Michael Tolland, durch seine Dokuserie ein Fernsehstar, seine Kameras darauf richten.

Jetzt schlägt Rachels Stunde. Ihre Aufgabe ist es, die Beweise zusammenzufügen und der versammelten Belegschaft des Weißen Hauses klarzumachen, dass es sich tatsächlich um einen Stein von den Sternen mit einer fremden Lebensform handelt. Tollands Doku dient nur als Illustration. Gesagt, getan. Und wenige Stunden später wird der Präsident der Nation diesen enormen Fund verkünden. Die NASA hat ihre Existenzberechtigung: Ihr neuer Polarbeobachtungssatellit war es, der den Felsen gefunden hat. Senator Sexton hätte ausgespielt. Herneys Wiederwahl wäre gesichert.

Was aber Rachel und ihre zivilen Kollegen zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Sie alle werden scharf von jener Truppe bewaffneter Männer beobachtet, die auch den kanadischen Geologen eliminiert hat. Und als sich der Paläontologe über das Leuchten von Plankton in dem freigelegten Eisschacht wundert (was hat Salzwasserplankton in Süßwasser zu suchen?), ist es an der Zeit, dass das Spezialkommando dafür sorgt, dass die kommende Botschaft des Präsidenten in keiner Weise gefährdet wird.

Aber damit fangen die Probleme für Rachel natürlich erst an.

_Mein Eindruck_

Dieser Thriller ist schon ein verdammt clever erzähltes Stück Spannungsliteratur, und die kurzen Kapitelchen lassen den Leser durch deren reichlich eingesetzten Cliffhanger-Schluss rasch weiterblättern. Vordergründig geht es in der Story darum, wer der nächste US-Präsident wird: der Amtsinhaber Herney oder sein Herausforderer Sexton. Und in der Tat spielt sich im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Organisationen eine abwechslungsreiche Hälfte der Handlung ab. Gabrielle Ashe, die junge engagierte Wahlhelferin Sextons, sieht sich bald mitten in einem Minenfeld, das zur Kampfzone geworden ist. Hier wird auf beiden Seiten mit harten Bandagen gekämpft. Willkommen in Washington, D.C.!

Aber das ist, wie gesagt, eben nur die eine Hälfte der Handlung. Die andere Hälfte fokussiert sich auf das Geschehen um Rachel und ihre Wissenschaftskollegen. Sie decken die ungeheuerliche Täuschung auf, die der Meteorit darstellt – und werden doch selbst laufend hinters Licht geführt. Und selbst dann, wenn der Leser meint, er habe den richtigen Drahtzieher schon lange vor Rachel identifiziert, versetzt ihm der Autor einen regelrechten Schock, indem er jemand anderen als Marionettenspieler enthüllt.

Die Story im Hintergrund dreht sich um die Existenzberechtigung der NASA und die Frage, warum sie und die Regierung es nicht zulassen, dass die private Industrie sich am Raumfahrtprogramm der USA beteiligt. Angesichts fast leerer Kassen, zahlreicher Misserfolge und eines andauernden Sicherheitsproblems der Behörde (brisante Luftaufnahmen werden von Hackern gestohlen und an fremde Geheimdienste verscherbelt) gehört die marode Behörde nach Ansicht Senator Sextons schon längst liquidiert – oder zumindest den anderen militärischen Sicherheitsbehörden wie der NRO gleichgestellt, wie William Pickering meint.

|Die Figuren|

Die Figuren sind nur sehr spärlich mit einer Charakterisierung und Psychologie ausgestattet, schließlich soll sich der Leser mit ihnen halbwegs identifizieren können und nicht zu sehr von ihnen provoziert werden. Die Intelligenzbestie Rachel, Mitte 30, hatte beispielsweise als Kind ein traumatisches Erlebnis, als sie im Eis eines Flusses einbrach. Seitdem fürchtet sie sich vor Wasser und Eis – und beides gibt es in der Aktis im Überfluss. Aber das ist noch gar nichts gegen das, was sie im dramatischen Finale erleben wird.

Sie knüpft zarte Bande zum Ozeanforscher Mike Tolland, dem gutaussehenden Naturburschen, der aber auch Köpfchen hat. Er trauert seit rund einem Jahrzehnt seiner großen Liebe Celia nach, die durch eine tödliche Krankheit aus seinen liebenden Armen gerissen wurde. Seitdem lebt er wie ein Mönch, der sich nur seiner Arbeit widmet. Eine Beziehung zu Rachel könnte ihm quasi seelisch das Leben retten. Daumen drücken!

Astrophysiker Corky Marlinson ist das junge Genie, das nie erwachsen geworden ist. Er hat keine Manieren, redet wie ein Student mit losem Mundwerk und hat keinen Schlag bei den Frauen. Armer Corky – er wird immer die komische Figur abgeben, neben der das Traumpaar Rachel und Michael wie die Verkörperung der Zukunft aussieht.

Die Nebenfiguren verfügen zwar auch über eine Charakterisierung, doch ihre Psychologie ist noch holzschnittartiger als die der Hauptfiguren. Und wenn man es genau betrachtet, dienen sie hauptsächlich dazu, Informationen auszutauschen, aufzufinden, zu verhökern, damit zu drohen oder sonstwas damit zu machen. Denn in in der Hauptstadt der USA ist Information Macht, denn die Medien kreisen hier wie die Aasgeier auf der Suche nach neuen Opfern und Storys.

Und im Hintergrund zieht unerkannt der „Controller“ die Fäden. Seine Spezialtruppe ist sein verlängerter Arm, und so hat er praktisch stets den Finger am Abzug einer Waffe. Natürlich wird erst kurz vor Schluss seine wahre Identität enthüllt – ein echter Knalleffekt.

|Schwächen|

Diese Überraschung stellt sich aber im Nachhinein als ein großes Problem heraus, denn die Plausibilität des Verhaltens dieser Figur ist durch die 180°-Kehrtwendung schwer beeinträchtigt. Wenn diese Figur die NASA aus persönlichen Gründen hasst, warum soll die NASA dann mit Hilfe der Meteor-Täuschung davor bewahrt werden, durch einen Präsidenten namens Sexton demontiert zu werden? Irgendwie ist das nicht ganz schlüssig. Kein Wunder, dass diese Figur am Schluss nichts mehr zu sagen hat und lediglich als Zuschauer fungiert.

Auch die anderen Figuren dienen nicht dazu, die Bedingungen der menschlichen Existenz auszuloten, sondern ein Machtspiel zu enthüllen, das ziemlich fies eingefädelt ist. Dabei steht der US-Präsident stets mit weißer Weste da – so viel Patriotismus muss der Autor schon beweisen, sonst gibt’s Haue von der Leserschaft. Kein Gedanke an das, was Nixon getan hat. Nein, der Präsi ist das unschuldige Opfer seiner Berater und Behördendirektoren. Die kloppen sich denn auch ständig wie kleine Kinder, bis Papi ein Machtwort spricht.

Dass Tolland im Finale versucht, eine Maschinenpistole abzufeuern, von der er ganz genau weiß, dass ihr Magazin kurz zuvor leer geschossen wurde, ist natürlich eine ziemliche dämliche Sache. Sein unplausibles Verhalten dient lediglich dazu, auch dem dümmsten Leser klarzumachen, dass die Maschinenpistole wirklich nutzlos und der Held folglich wehrlos ist. Es sei denn, ihm fallen noch ein paar Tricks ein. Was dann ja auch erfolgt. James Bond, bitte abdanken!

Auch Michael Crichton sollte abdanken, denn in Browns Thriller steht die Wissenschaft als Beschaffer kritischer Informationen, die die Wahlen entscheiden können, im Vordergrund. Und dies ist ja bekanntlich Crichtons Spielweise. Sie war es zumindest bis vor wenigen Jahren. Und so ziehen sich die Diskussionen zwischen Rachel, Tolland und Marlinson über Seiten auf ermüdende Weise hin.

Immerhin ergibt sich aus dem Gelaber die Notwendigkeit, Tollands Schiff anzusteuern statt blindlings in die Falle des Controllers zu laufen. Das Schiff erweist sich in seiner eigentümlichen Struktur und Platzierung als idealer Schauplatz für das dramatische Finale.

_Unterm Strich_

Der Angelsachse nennt solche spannenden Romane halb ironisch „unputdownable“. Und so erging es auch mir im letzten Drittel: Ich konnte das Buch einfach nicht aus der Hand legen, sondern musste unbedingt erfahren, wie die Sache für Rachel & Co. ausgeht. Trotz der vor überraschenden Wendungen strotzenden Handlung fielen mir die oben aufgeführten Schwächen praktisch auf jeder Seite auf. Der Sinngehalt des Buches ist denkbar gering, und was der Leser an Erkenntnissen mit nach Hause nimmt, lässt sich in einem Fingerhut sammeln. Aber wenigstens hat man sich gut dabei unterhalten. Genauso gut könnte man aber auch in einen Bond-Krimi oder einen Star-Wars-Film gehen. Der Eintrittspreis ist ungefähr der gleiche.

Die deutsche Übersetzung lässt sich leicht lesen: kurze Sätze, nicht allzu anstrengendes Vokabular, übersichtliche Handlungszusammenhänge. Die einzige Sache, die das Lesen anspruchsvoll macht, ist der wissenschaftlich-technische Jargon. Der Autor selbst beleuchtet diesen wissenschaftlichen Kauderwelsch mehrmals auf komisch-ironische Weise, so etwa dann, wenn Corky, der Clown im Buch, solche Bildungstrümmer benutzt. Doch wenn es um neuartige Waffen geht, kennt Browns ernst gemeinte Begeisterung leider keine Grenzen. Die Beschäftigung mit Kunstwerken und verstaubten Dokumenten, die er in „Sakrileg“ zeigte, ist da doch wesentlich unverfänglicher. Und er kommt Michael Crichton nicht mehr ins Gehege.

|Originaltitel: Deception Point, 2001
Übersetzung von Peter A. Schmidt|

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