Alle Beiträge von Michael Drewniok

Mats Strandberg – Die Überfahrt

Auf einem skandinavischen Fährschiff geht es hoch her: Der Alkohol ist zollfrei und billig, es wird heftig getrunken, die Hemmungen schwinden. Die üblichen Exzesse werden durch zwei mitreisende Vampire erheblich verstärkt, denn die Suff-Fähre verwandelt sich in ein Totenschiff … – Die ungewöhnliche Kulisse sorgt für Interesse, doch ungelenk und viel zu ausführlich setzt Autor Strandberg sein Garn an, das erst nach Ausbruch der Vampir-Katastrophe in Schwung kommt und diese vor allem blutig auf die Spitze treibt: Grusel-Mission recht bedingt erfüllt. Mats Strandberg – Die Überfahrt weiterlesen

Chad Taylor – Shirker

Ein ausgebrannter Spekulant gerät im neuseeländischen Auckland zufällig auf die Spur eines womöglich unsterblichen Serienmörders. Fasziniert und auf der Suche nach einem neuen Lebensinhalt kommt er diesem mit fatalen Folgen zu nahe … – Mit kühlen Worten und knappen Sätzen erzählt der Autor nicht nur einen (phantastischem) Thriller, sondern schildert auch ein sinnleeres Großstadtleben. Das Ergebnis ist konsequent düster, rätselhaft und sehr spannend; kurzum: ein gar nicht alltägliches Lesevergnügen. Chad Taylor – Shirker weiterlesen

David Moody – Straight to You

Kurz nachdem sich die Eheleute Steven und Samantha getrennt haben, beginnt die Sonne zu pulsieren. Das Ende der Welt durch stetig zunehmende Hitze steht bevor, aber bevor es soweit kommt, will Steven seine Frau wiedersehen und schlägt sich durch ein England im Zusammenbruch zu ihr durch … – Die übliche Apokalypse-Story wird ‚individualisiert‘ und aus der begrenzten Sicht eines ‚normalen‘ Mannes beschrieben; das Geschehen bietet keine Überraschungen, die emotionalen Einschübe wechseln zwischen pathetisch und peinlich: ein Routine-Garn, dem der Ehrgeiz des Verfassers nachdrücklich schadet. David Moody – Straight to You weiterlesen

Michael Connelly – Dunkler als die Nacht (Harry Bosch 7)

Ausgerechnet Harry Bosch, Kriminalist mit Leib und Seele, gerät in Verdacht, zur Selbstjustiz zu greifen, um Verbrecher zu strafen, die der Justiz durch die Lappen gingen; er rechtfertigt sich, sondern beginnt ein vor allem für ihn lebensgefährliches Katz-und-Maus-Spiel … – Es ist kein Spoiler, dass Harry Bosch in seinem siebten Fall natürlich nicht zum Rächer degeneriert, sondern tatsächlichen Schurken auf der Spur ist, die das Gesetz missbrauchen. Die Story ist spannend und wendungsreich, und sie führt die Figuren gleich dreier Connelly-Serien in einem Thriller zusammen. Michael Connelly – Dunkler als die Nacht (Harry Bosch 7) weiterlesen

Edward Lee – Golem

Ende des 19. Jahrhunderts sollten magisch belebte Lehm-Menschen („Golems“) die jüdische Gemeinde von Lowensport schützen. Das misslang bzw. gipfelte in einem Massaker. Während die Tragödie in Vergessenheit geriet, blieb das Wissen um die Golems erhalten; sie sollen nun Gangstern helfen, den lokalen Drogenmarkt zu übernehmen … – Verfasseruntypisch, d. h. nicht auf die bloße Reihung ekliger Sex-Szenen beschränkt, erzählt Edward Lee auf zwei Zeitebenen eine Geschichte, die sich in der Gegenwart verzahnt; dies buchstäblich, denn Lees Golems sind Mord-Monster, die für Horror der simplen, aber unterhaltsamen Art sorgen.
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Michael Cadnum – Totenlicht

Leonard, in dessen Oberstübchen große Unordnung herrscht, ist bei der Untersuchung eines angeblichen Geisterhauses verschwunden. Auf Bitten der Mutter macht sich Cousin Paul in die Wildnis auf, um ihn zu suchen, stößt dabei jedoch auf Leonards Großvater, der nachweislich schon lange tot ist … – Gelungene Mischung aus Psychothriller und Horror; der Mensch bzw. sein Hirn bilden die Quelle des eigentlichen Schreckens, was erfreulich überzeugend in Szene gesetzt ist. Michael Cadnum – Totenlicht weiterlesen

Rudolph Wurlitzer – Zebulon

Nach einer Schießerei zwischen Leben und Tod schwebend, begibt sich Trapper, Räuber und Mörder Zebulon Shook auf eine unstete Odyssee durch einen nicht nur wilden, sondern völlig aus den Fugen geratenen, von Außenseitern und Getriebenen bevölkerten US-Westen … – Kein ‚richtiger‘, sondern ein ‚psychodelischer‘ Western, der Ort und Zeit einerseits aufleben lässt, um andererseits eine metaphysisch mehrdeutige Geschichte zu erzählen, die jeder Leser nach Herzenslust interpretieren darf: schräg und stimmungsvoll, schön übersetzt, zudem ‚künstlerisch‘ trivial genug, um ‚literarisch‘ gepolte Kritiker vor die Köpfe zu stoßen. Rudolph Wurlitzer – Zebulon weiterlesen

James Warner Bellah – Der Mann, der Liberty Valance erschoss

Senator Stoddard gilt als Held, der einst den berüchtigten Revolverhelden Liberty Valance im fairen Zweikampf tötete, Karriere machte und eine schöne Frau heiratete. Tatsächlich ist die schöne Geschichte eine Lüge, der Stoddard endlich ein Ende bereiten will … – Der scheinbar simple Western als tragische Dreiecksgeschichte und bissige Abrechnung mit dem schönen Schein einer glorifizierten Vergangenheit: auch als Roman zum klassischen Film von John Ford (1962) ein Vergnügen mit Widerhaken.
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Nate Southard – Down

Als das Flugzeug einer Rockgruppe abstürzt, landet es nicht nur in einem menschenleeren Einöd-Wald, sondern auch im Territorium eines Bigfoot-Monsters, das umgehend mit der Jagd auf die Eindringlinge beginnt … – Handwerklich solider, über weite Strecken geradezu altmodischer Horrorroman, der das oben skizzierte Szenario leichenreich durchdekliniert, sich abschweifungsarm auf das Wesentliche konzentriert einen unerwarteten Verlauf nimmt, jedoch unter einem schwachen Finale leidet: Futter für blutrünstige Monster und Leser, die solches Wüten lieben.
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Barbara M. Gill – Seminar für Mord (Inspector Maybridge 2)

Der „Golden-Guillotine-Club“ hat Inspektor Maybridge als Krimi-Experten eingeladen. Als Höhepunkt des Wochenendes wird der Vorsitzende umgebracht und der Gast vom Mörder als Ermittler herausgefordert … – Der zweite Maybridge-Krimi bietet zeitloses britisches Krimi-Handwerk vom Feinsten. Obwohl 1985 entstanden, ist dies ein „Whodunit“ reinsten Wassers, der überraschend modern, spannend und witzig den Vergleich mit den Klassikern dieses Genres keineswegs scheuen muss.
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Jeffery Deaver – Der talentierte Mörder (Lincoln Rhyme/Amelia Sachs 12)

Ein handwerklich begabter Serienkiller manipuliert simple Alltagsgeräte, die sich in Mordinstrumente verwandeln. Das Ermittler-Duo Lincoln Rhyme und Amelia Sachs jagt einen Täter, der aus der Ferne morden kann, aber auch gern ganz altmodisch zu Hammer und Säge greift … – Der zwölfte Band der Rhyme/Sachs-Serie bietet autorentypisch einen verwickelten bzw. mehrzügigen Plot, der unrealistisch aber spannend zu einem Fall zusammenfließt: Ungeachtet der eingeschliffenen Serienmechanik ist Deaver als Erzähler handwerklich ebenso erfolgreich wie sein Mörder.
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Jeffery Deaver – Lautloses Duell

Als ein genialer Hacker zum Serienkiller mutiert, aktiviert die Polizei dessen ehemaligen Kampfgefährten, der nun im Gefängnis sitzt und reuevoll die Chance auf vorzeitige Entlassung nutzt, was wiederum den erwähnten Ex in Rachewut versetzt … – Computer-Thriller aus der (relativen) Frühzeit des Subgenres, der aufgrund klassischer Spannungselemente die Altertümlichkeit der beschriebenen Digital-Wunder verzeihen lässt und trotz ausgeprägter Figurenklischees gute Unterhaltung bietet.
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Edward Lee – Gewürm

Ahnungslose Forscher, geile Teenies und mörderische Rednecks geraten auf eine Tropeninsel, die von mutierten Würmern heimgesucht wird, die ihre menschlichen Wirtskörper kontrollieren und nach neuen Opfern gieren … – Typischer Trash-Horror, der auf vordergründigen Ekel, Schmuddel-Sex und Brachial-Gewalt setzt, was auf die Spitze (und darüber hinaus) getrieben wird, sodass es durch die Übertreibung klamaukhaften Unterhaltungswert gewinnt: Hier ist richtig, wer gern lacht, weil unsympathische Zeitgenossen geschreddert werden!
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Edward Lee – Innswich Horror

Auf den Spuren des Schriftstellers H. P. Lovecraft gerät Hobby-Forscher Morley in die neuenglische Kleinstadt Olmstead, die sich als reales Vorbild des Schreckensortes Innsmouth erweist und von furchterregenden Wesen aus dem Meer beherrscht wird. Das soll nicht an die Öffentlichkeit, weshalb dem allzu neugierigen Morley besagte Wesen bald hart auf den Fersen sind … – Lees Hommage an sein Idol Lovecraft lehnt sich inhaltlich eng an dessen Novelle aus dem Jahr 1936 an, erweitert das Geschehen durch grotesk-sexuelle Drastik und Splatter-Gewalt und ist vordergründig dort, wo Lovecraft Grusel-Stimmung bot: trotzdem unterhaltsam und angenehm kurz.
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Tim Curran – Skull Moon

In einem Wild-West-Nest kommen 1878 zwielichtige Bürger bizarr zu Tode. Ein US-Marshall untersucht den Fall und muss feststellen, dass eine uralte, böse Kreatur geweckt wurde, um ein bitteres Unrecht zu rächen … – Bis es zum großen, besonders gewalttätigen Finale kommt, bleibt dem Verfasser genug Raum, um detailreich die Zergliederung diverser Pechvögel zu schildern. Interessant ist die gänzlich pathosfreie Darstellung eines wahrlich wilden = nur oberflächlich ‚zivilisierten‘ Westens: ein interessanter Zwitter aus Western- und Horrorroman.
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Beverley Nichols – Der Tote gibt Indizien (Horatio Green 5)

Sir Owen Kent wird anonym bedroht. Hobby-Detektiv Horatio Green will helfen und checkt in das Sanatorium des Auftraggebers ein. Dort kann er Sir Owens Ermordung nicht verhindern, was seinen Ermittlungs-Ehrgeiz anstachelt … – Der fünfte (und letzte) Green-Krimi bietet noch einmal auf, was der Verfasser zum klassischen Whodunit beizutragen hat. Die Handlung schreitet gemächlich voran, die Ermittlungen werden der Leserschaft fair präsentiert, und stets bleibt Raum für schräge Typen, sanfte Ironie und bizarre Indizien, die in einem großen Finale ins nie tragische aber spannende Mord-Mysterium eingepasst werden.
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Robert E. Howard – Kull: Verbannt aus Atlantis

Nur drei Storys veröffentlichte Robert E. Howard (1906-1936) zu seinen Lebzeiten. Dennoch schuf er eine konturenstarke Figur, die er mit einer umfangreichen ‚Biografie‘ ausstattete und in jene mythische Urzeit versetzte, in der auch Conan, der Barbar, ‚lebte‘: Dieser (reich illustrierte) Band sammelt sämtliche Kurzgeschichten, Entwürfe und Fragmente, die aus Howards Feder stammen. Sie werden kundig kommentiert, sind vorzüglich übersetzt und belegen einmal mehr, wie nachhaltig Howard das Fantasy-Genre geprägt hat.
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Ian Rankin – Ein kalter Ort zum Sterben (John Rebus 21)

Das schottische Edinburgh droht zum Schauplatz eines Unterweltkriegs zu werden. Der pensionierte Polizist Rebus mischt sich wie üblich fintenreich ein, während er außerdem in einem nie geklärten Uralt-Mord in Prominenten-Kreisen ermittelt und dabei ebenfalls für Unruhe sorgt … – John Rebus ist in seinem 21. Fall aktiver denn je, auch wenn ihn Gesundheitsprobleme plagen. Das Talent des Verfassers vertuscht, dass ein solcher Grad von Pensionärs-Präsenz kaum realistisch ist; hinzu kommt eine spannende, mehrschichtige Krimi-Story und nicht aufdringliche Figuren: Die Reihe bleibt lesenswert!
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J. D. Barker – The Fourth Monkey: Geboren, um zu töten (Sam Porter 1)

Seit fünf Jahren jagt Cop Sam Porter einen irren, aber natürlich genialen Serienkiller. Der hat gerade ein Mädchen entführt, als er vor einen Bus läuft. Aus den bei der Leiche entdeckten Indizien muss die Polizei die Spur zum Opfer rekonstruieren, das in einem rattenverseuchten Kerker schmachtet … – Ideenübersichtlicher, auf Tempo getrimmter, mit logikarmen ‚Überraschungen‘ (und Ekeleffekten) gespickter Routine-Thriller, der von der Werbung zum ‚Bestseller‘ gehypt werden soll.
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Jeffery Deaver – Der Insektensammler (Lincoln Rhyme/Amelia Sachs 3)

Während eines Aufenthalts in den US-Südstaaten wird der gelähmte Ermittler Lincoln Rhyme von der Polizei um Hilfe bei der Jagd auf einen Mehrfach-Mörder und Kidnapper gebeten; ausgerechnet Rhymes Assistentin glaubt an die Unschuld des Verdächtigen und schlägt sich auf seine Seite … Im dritten Band der Rhyme/Sachs-Serie zieht Autor Deaver abermals sämtliche Spannungsregister, während die Glaubwürdigkeit allmählich auf der Strecke bleibt: Lesenswert, doch die Machart schimmert allmählich deutlich durch.
Jeffery Deaver – Der Insektensammler (Lincoln Rhyme/Amelia Sachs 3) weiterlesen