Bill Napier – Die Offenbarung

Das geschieht:

Dr. Fred Findholm gilt als das schwarze Schaf seiner Familie, die im schottischen Aberdeen als renommierte Anwaltsdynastie etabliert ist. Jeder Sohn ist bisher dort eingetreten, doch Fred hat sich davongemacht. Bis in die Arktis hat es ihn verschlagen. Dort besitzt er eine kleine Wetterstation, deren Daten er verkauft. Das sichert ihm mehr schlecht als recht sein Auskommen. Deshalb greift Findholm zu, als ihn die „Norsk Advanced Technologies“ anheuert, um einem polaren Rätsel nachzugehen. Unweit der Insel Grönland und gefährlich nahe an den Ölförderstätten der Gesellschaft treibt ein Eisberg, auf dem ein geheimes Lager entdeckt wurde.

Findholm soll herausfinden, was dort vor sich geht. Er stößt auf eine mysteriöse Gruppe angeblich US-amerikanischer Forscher und Militärs, die ein abgeschossenes Flugzeug bergen wollen. Vor fünf Jahrzehnten ging es nieder, an Bord nicht nur die Leiche des Kernphysikers und berüchtigten Atomspions Lev Baruch Petrosian, sondern auch dessen Tagebücher. Mit diesen macht sich Findholm nach seiner Rückkehr aus dem Staub, als er merkt, dass er für die „Norsk“ und deren geheimnisvolle Hintermänner höchst gefährliche Kastanien aus dem Atomfeuer holen sollte. Petrosian hat einst eine Möglichkeit gefunden, die Ur-Energie des Universums anzuzapfen. Das potenzielle Ergebnis: eine Waffe, mit der sich die ganze Welt vernichten ließe.

Kein Wunder, dass sich zwielichtige Gruppen für die Tagebücher interessieren. Sie verraten das Versteck, in dem Petrosians Formeln verborgen liegen. Während Findholm und seine neuen Verbündeten, die Studentinnen Romella Grigorian und Stefi Stefanowa, auf ihrer Suche die ganze Welt bereisen, werden sie erbarmungslos gejagt. Nur ständige Flucht und viel Köpfchen können Findholm retten, doch nicht immer kann er damit gegen großkalibrige Waffen antreten …

Atom-, Wasserstoff-, kosmische Bombe

Wieder einmal steht der mögliche Weltuntergang ins Haus. Allerlei Wirrköpfe probieren es dieses Mal mit den Urkräften des Atoms. Die hat man vor knapp sechs Jahrzehnten in Bombenform gezwungen. Weil der daraus resultierende Schrecken nicht lange vorhielt, potenzierte man ihn und konstruierte die Wasserstoffbombe. Der Vernichtungskraft stellte sogar die härtesten Hardlinern diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs, der damals die Welt in „Gut“ (Westen) und „Böse“ (Osten) teilte, zufrieden.

Was wäre, wenn es darüber hinaus noch eine weitere Steigerung gegeben hätte: die ultimative Superbombe, mit der sich die ganze Welt in Flammen setzen ließe? Eine Waffe, die Freund wie Feind gleichermaßen auslöscht: Würde man sie denn wirklich realisieren – und wer würde es tun? Das sind die Prämissen, von der Bill Napier in diesem Roman ausgeht. Er ist nicht nur ein fähiger Erzähler, sondern auch vom Fach, ein Physiker und Astronom, was eine glückliche (und seltene) Mischung ergibt.

„Die Offenbarung“ ist im Grunde Science Fiction; Petrosians Bombe (erfreulicherweise) nur (gut erfundene) Fiktion. Das mindert die Spannung überhaupt nicht, weil Napier um seine Bombe ein ebenfalls abstruses, aus bekannten Elementen des Thrillers zusammengesetztes, aber schlüssiges und spannendes, sich nicht allzu ernst nehmendes Garn spinnt.

Keine sichere Gewissheit möglich

Schon der Auftakt ist buchstäblich grandios und von klassischem Hollywood-Format; er spielt im Inneren eines zusammenbrechenden Eisbergs. Es geht trivial aber vielversprechend weiter, wenn die gemeingefährlichen Spinner des „Tempels der Himmlischen Wahrheit“ die Szene betreten. Geschickt hält Napier die Ungewissheit aufrecht, wer dem armen Findholm noch nach dem Leben trachtet, indem er ihm weitere undurchsichtige Verfolger hinterherschickt. Auch nach deren Entlarvung darf Findholm sich niemals sicher sein, wer Freund und wer Feind ist; das schließt sogar oder gerade seine wenigen Freunde und Helfer ein.

Napier enthüllt die Geschichte der Superbombe durch Rückblenden in die 1940er und 50er Jahre. Wir werden auf Zeugen einer merkwürdigen Entwicklung, die Wissenschaftler im angeblichen Dienste des Friedens und im Kampf gegen die Nazis und später gegen den Sowjetkommunismus die furchtbarsten Massenvernichtungswaffen entwickeln ließ. Der fiktive Petrosian ist einer davon; Napier lässt an seiner Person den Triumph, die Selbstzweifel und die Verzweiflung kondensieren, von denen die Mitarbeiter des „Manhattan-Projekts“ und anderer Atomwaffen-Vorhaben geplagt wurden.

Die Kraft der Maus

Fred Findley ist der klassische Jedermann des Thrillers à la Hitchcock. Ohne eigenes Verschulden gerat in eine brandgefährliche Lage entdeckt und dabei Kräfte in sich, von denen er zuvor nichts ahnte. Er ist kein Held, sondern ‚nur‘ ein ehrlicher Mann, der über keine besonderen Talente als Verschwörer oder Kämpfer verfügt. Dadurch gerät er stets in aussichtslose Situationen, wenn ihm seine Verfolger Todesfallen stellen. Der Leser zittert und fragt sich, wie er jetzt entkommen könnte. Dann gibt es eine Überraschung, die meist auf einem Zufall basiert. Wenn man wie Napier weiß, wie man solche Konfrontationen einfädelt, macht so etwas sehr viel mehr Spaß als eine schnöde Schießerei oder Verfolgungsjagd.

Petrosian ist kein Schurke, kein Verräter, sondern in erster Linie Opfer. Sehr anschaulich schildert Napier ihn als Waffenschmied aus Furcht vor dem Sieg des Terrors, den er Zeit seines Lebens erdulden musste: durch Stalins Inquisitoren und durch die Nazis. Umso bitterer ist die Erkenntnis, durch die Flucht in die angebliche US-amerikanische Freiheit auch nur wieder vom Regen in die Traufe geraten zu sein: Napier lässt Petrosian in die Mühlen der McCarthy-Kommunistenhatz geraten und zerrieben werden. Die Amerikaner fabrizieren sich ihren späteren „Atomspion“ auf diese Weise praktisch selbst.

Glücklicherweise kann sich Findholm auf ein Netz treuer und unterhaltsam unkonventioneller Freunde stützen. Mit Köpfchen kompensieren sie den Fluch der Friedfertigkeit. Sympathisch sind sie allemal. Da sieht man gern über allzu große Unwahrscheinlichkeiten hinweg. Wie groß mag die Wahrscheinlichkeit sein, in kritischer Lage auf Anhieb zwei hübsche und abenteuerlustige Studentinnen anheuern zu können, die sich sogleich in eine definitiv brandgefährliche Hetzjagd über Meere und Kontinente stürzen? Aber ganz ohne holde Weiblichkeit geht die Thriller-Chose halt nicht, und hier fügen sich selbst klischeestarke Elemente zu einem unterhaltsamen Ganzen.

Autor

William Napier wurde 1940 im schottischen Perth geboren. Er wuchs im Städtchen Strathaven im Westen auf, studierte an der Universität zu Glasgow und verließ sie mit einem Doktortitel in Astronomie, bevor er für ein Jahr am Royal Holloway College in Surrey lehrte. Er übernahm dann einen Posten am Royal Observatory in Edinburgh, den er 25 Jahre innehatte, bis er 1992 in den vorzeitigen Ruhestand trat. Nach einem kurzen Gastspiel als Dozent in Oxford ging Napier als Astronom ans Observatorium in Armagh, wo er noch heute tätig ist.

Erst in Armagh begann Napier sich ernsthaft als Unterhaltungsschriftsteller zu versuchen. Der Science-Thriller „Nemesis“, der sich um den drohenden Einschlag eines Riesenmeteoriten auf die Erde dreht, brachte ihm auf Anhieb den Durchbruch. Den sicheren Boden der Astronomie verließ Napier 2000 mit seinem Thriller „Revelation“ (dt. „Die Offenbarung“). Noch ein Stück weiter ging er mit „The Lure“, in dem er die Konsequenzen einer klassischen „Begegnung der dritten Art“ beschreibt.

2003 sprang Napier auf den Dan-Brown-Express auf und trug sein Beitrag zur aktuellen Bestseller-Verschwörungstheorie bei, nach der die christliche Kirche seit zwei Jahrtausenden mit Hilfe vorzeitlicher Super-Hightech, albinotischer Meuchelmörder oder maskierter Außerirdischer klammheimlich die Welt regiert & die Menschheit für dumm verkauft.

Taschenbuch: 445 Seiten
Originaltitel: Revelation (London : Headline Book Publishing 2000)
Übersetzung: Teja Schwaner
http://www.rowohlt.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar