Robert Galbraith – Die Ernte des Bösen (Cormoran Strike 3)

Als ausgerechnet dem einbeinigen Privatdetektiv Cormoran Strike ein abgetrenntes Frauenbein zugeschickt wird, ahnt dieser, dass jemand, mit dem er einst aneinandergeriet, Rache nehmen will. Leider gibt es mindestens drei Kandidaten, die sämtlich untergetaucht sind … – Der dritte Strike-Roman schildert primär das Aufwärmen kalter Spuren, was wortreich mit den Beziehungsproblemen der Mit-Detektivin Robin verwoben wird. Da Autorin Joanne K. Rowling – sie steckt hinter dem männlichen Autoren-Pseudonym – schreiben kann und über trockenen Witz verfügt, wird die Überlänge dieses Romans nur selten zum Problem.

Das geschieht:

Weil ihm in Afghanistan eine Mine den rechten Unterschenkel abriss, nahm Ex-Militärpolizist Cormoran Strike seinen Abschied von der Army und gründete in London eine Privatdetektei. Nach schwieriger Anfangszeit läuft das Geschäft deutlich besser, weil Strike zwei Mordfälle lösen konnte, während die Polizei das Nachsehen hatte.

Das Medienecho hat jedoch einen Nachteil: Es lockt einen Mann zurück auf Strikes Spur, der dem Detektiv Blutrache schwor, weil ihn dieser vor vielen Jahren gedemütigt und um jene Prominenz gebracht hat, die sein Feind für sich beansprucht, ohne sie jemals gewinnen zu können. Inzwischen hat sich dieser Mann zum Serienkiller entwickelt, der es auf Frauen abgesehen hat, die er auf überaus brutale Weise zu Tode bringt.

Nun schreitet der Mörder zu neuen Taten: Er nimmt Strike aufs Korn, will diesen jedoch nicht einfach umbringen, sondern ihn vorab terrorisieren und sein Leben zerstören. In seinen Racheplan bezieht er Strikes Freunde und Bekannte skrupellos ein. Deshalb ist es nicht der Detektiv, sondern seine Assistentin Robin Ellacott, der per Paketboten das abgetrennte Bein einer ermordeten Frau zugestellt wird.

Natürlich gedenkt Strike parallel zur Polizei zu ermitteln. Dummerweise hat er es sich im Laufe seiner kriminalistischen Laufbahn mit diversen Strolchen verscherzt, weshalb ihm auf Anhieb vier potenzielle Kandidaten einfallen, die ihm zu Leibe rücken könnten. Gern würde er sich solo der Herausforderung stellen, die seit Jahren untergetauchten Männer ausfindig zu machen, doch Robin hat gerade ihre Verlobung gelöst und benötigt Ablenkung. Also begibt man sich zu zweit auf die schwierige und sackgassenreiche Suche, während der Täter seinen nächsten Zug einleitet …

Zu viele Feinde, zu wenige Spuren

Zum dritten Mal schickt „Robert Galbraith“ – wie wir in dem Wissen, wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt, ‚ihn‘ hier weiterhin nennen wollen – den einbeinigen Privatermittler Cormoran Strike – den bizarren Namen verdankt er seiner Hippie-Mutter – auf eine ausgiebige Mörderjagd. Diese Feststellung bezieht sich nicht nur auf die Handlung: Mit beinahe 700 Seiten ist „Die Ernte des Bösen“ erneut ein sehr aktueller Kriminalroman geworden – seitenstark und mit ellenlangen Nebengeschehnissen, die einer gewissen Fraktion von Leser/innen mindestens ebenso wichtig sind wie die Aufklärung der geschilderten Untaten.

Der Purist beklagt dagegen das deutliche Aufschäumen einer Story, die problemlos auf die Hälfte der Seitenstärke durchgespielt werden könnte. Tatsächlich wirken die Ermittlungen wie ein Geschmacksverstärker: Gleich dreifach kann Galbraith die irrtums- und sackgassenreiche Fahndung nach dem wahren Mörder abspulen. Naturgemäß führen zwei dieser Spuren ins Leere. Um für den gewaltigen (Seiten-) Aufwand, der darum getrieben wird, eine Rechtfertigung zu schaffen, bemüht sich der Verfasser, dies wenigstens mit interessanten Nebengeschichten zu verbrämen.

Das gelingt erstaunlich gut. Galbraith verfügt über die beachtliche Fähigkeit, auch jene Ereignisse, die mit dem Plot nur marginal zu tun haben, unterhaltsam zu präsentieren. Dass er dabei nicht nur viel Seifenschaum aufwirbelt, sondern auch typische Krimi-Klischees bedient, ist heutzutage weder neu noch ein Vergehen, wenn es sich amüsant lesen und notfalls überspringen lässt, um an das eigentliche Geschehen anknüpfen zu können.

Die Guten, die Bösen, der Hässliche

Cormoran Strike selbst ist ein Archetyp – der engagierte aber geschäftlich und privat schlecht organisierte und deshalb dauerhaft finanzschwache und meist allein lebende Schnüffler. Selbstverständlich schleppt Strike ein Trauma mit sich herum, das ihn aber nicht genreüblich zum Saufen zwingt. Stattdessen fehlt ihm ein Bein, auch das kein originaler Einfall; schon Michael Collins‘ Dan Fortune schlug sich dreigliedrig durch sein Detektiv-Dasein, wobei er allerdings auf einen Arm verzichten musste. Faktisch behindert Strike das Holzbein nicht. Stattdessen unterstreicht es jene unkonventionelle Aura, die ein Privatdetektiv ausstrahlen muss, wenn er in Krimi-Serie gehen soll. Darüber hinaus zieht Strike schöne Frauen an, obwohl er übergewichtig und schlampig sowie – es wurde schon erwähnt – knapp bei Kasse ist.

Im Laufe der Ermittlung treten mehrfach Strolche auf, die uns Galbraith mit großer Liebe zum fiesen Detail vorstellt. Dabei muss man ihm einfach ein gewisses Quantum absichtlicher Ironie unterstellen, da einige Fieslinge hart an der Kante zur Lächerlichkeit segeln. Immerhin wird eines deutlich: Für Galbraith sind erfolgreiche Verbrechen nicht zwangsläufig schlau. Sie werden nur spät erwischt, weil das Gesetz überlastet und unterbesetzt ist.

Strike verfügt als Kriminalist über Talent. Er ist kein begnadeter Gauner-Jäger, aber findig und erfahren – ein Ermittler-Niveau, das Galbraith plausibel in Szene zu setzen vermag und deshalb nicht auf Geistesblitze oder Zufälle angewiesen ist. Dazu passt die Figur eines Mörders, der brutal und rücksichtslos über seine Opfer kommt und ein perfides Komplott schmiedet, um Strike zu schaden. Gleichzeitig ist dieser Killer ganz sicher kein Hannibal Lecter. Er patzt und begeht immer neue Fehler. Nur seine Anonymität sichert dem Täter lange den Erfolg bzw. seine Freiheit. Letztlich überschätzt er sich jedoch gewaltig und bringt sich selbst mit zu Fall – eine Entwicklung, die Galbraith glaubwürdiger als (zu) viele andere Autoren zu beschreiben weiß.

Die Frau an seiner Seite

In einem Punkt vermag Galbraith das Gleichgewicht zwischen Krimi- und Nebenhandlung nicht in Balance zu halten. Die andere Hälfte des Detektivbüros Strike bildet die junge, hübsche und emotional außerordentlich unausgeglichene Robin Ellacott, eine Figur, die zumindest denjenigen Lesern, die ihre Seifenopern nicht gar zu laut hören mögen, zunehmend verärgert, weil sie sich aufdringlich ins Geschehen drängt, ohne Substanzielles beitragen zu können. Nach dem Willen des Verfassers soll es zwischen Detektiv und Assistentin sacht erotisch knistern, was wiederum Robins Verlobten – eine ungemein unsympathische Gestalt – in ständige Verärgerung versetzt.

Dieses Dreigestirn kreist ohnehin sinnlos umeinander, aber das genügt längst nicht, um zwischenmenschliche Dramatik zu generieren. Robins Eltern mischen sich ein, die junge Frau war früher selbst das Opfer eines Kapitalverbrechens, weshalb sie jetzt besonders labil ist. Auf die Nerven geht sie dem Leser weiterhin durch ihr Beharren auf individuelle Ermittlerarbeit dort, wo Strike sie ihr ‚verboten‘ hatte, um sie zu ‚schützen‘ – ein Anti-Einfall, denn natürlich begibt sich Robin anschließend erst recht in Lebensgefahr.

Parallel dazu schwelgt Strike selbstzerstörerisch in Erinnerungen an seine promiskuitive, rauschgiftsüchtige, willensschwache etc. pp. Mutter, die ein übles Ende fand: Längst vergangenen sind die schönen Zeiten, als emotionale Wallungen dem Kriminalroman untergeordnet blieben. Immerhin: Der Fall wird gelöst. Allerdings: Viel von dem beschriebenen Ballast wird in die weiteren Bände der Serie überlappen. Die gute Nachricht zum Schluss: Vom Schwätzer-Niveau einer Elizabeth George ist Robert Galbraith weiterhin erfreulich weit entfernt …

Autorin

Joanne Kathleen Rowling wurde am 31. Juli 1965 in der englischen Kleinstadt Yate bei Bristol geboren. Sie wuchs in Winterbourne – ebenfalls in der Grafschaft South Gloucestershire gelegen – und ab 1974 in Tutshill, Wales, auf. Ab 1983 studierte Rowling Französisch und Klassische Altertumswissenschaft an der University of Exeter (Grafschaft Devon), das sie 1987 abschloss. Außerhalb des universitären Elfenbeinturms schlug Rawlings sich anschließend als Bürokraft durch. Mit ihrem damaligen Lebensgefährten zog sie 1989 nach Manchester. In dieser Zeit entstand die Figur Harry Potter.

Schon zuvor hatte Rowling sich als Autorin versucht, die Ergebnisse jedoch niemals veröffentlicht. „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“ (dt. „Harry Potter und der Stein der Weisen“) erschien 1995; die inzwischen verheiratete und wieder geschiedene Mutter eines Kindes lebte von Sozialhilfe. Nach zunächst mäßigem Erfolg fand der Roman sein Publikum, und es begann eine der erfolgreichsten Schriftstellerkarrieren aller Zeiten. Harry Potter wurde global & multimedial zum populärkulturellen Phänomen und J. K. Rowling zu einer steinreichen Frau.

Seit 2001 wieder verheiratet und Mutter zweier weiterer Kinder, schloss Rowling – erhoben 2000 zum O.B.E. (Officer of the Order of the British Empire) – mit dem siebten Band die Harry-Potter-Serie 2007 ab. Sie orientierte sich schriftstellerisch neu und ließ sich Zeit dabei; erst 2012 erschien der Kriminalroman „The Casual Vacancy“ (dt. „Ein plötzlicher Todesfall“). Im folgenden Jahr veröffentlichte Rowling unter dem Pseudonym „Robert Galbraith“ einen weiteren Krimi. „The Cuckoo’s Calling“ (dt. „Der Ruf des Kuckucks“) wurde der erste Band einer geplanten Serie um den Privatdetektiv Cormoran Strike. Das Pseudonym blieb nicht lange ungelüftet, woraufhin auch diese Romane zu Bestseller-Ehren gelangten – ein vor allem marketingbeförderter Status, den Literaturkritiker nur bedingt teilen.

Taschenbuch: 670 Seiten
Originaltitel: Career of Evil (London : Sphere/Little, Brown Book Group 2015)
Übersetzung: Wulf Bergner, Christoph Göhler u. Kristof Kurz
www.randomhouse.de/blanvalet
robert-galbraith.com

E-Book: 1715 KB
ISBN-13: 978-3-641-18858-0
www.randomhouse.de/blanvalet

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