Alison Croggon – Die Gabe (Die Pellinor-Saga 1)

Die Pellinor-Saga:

Band 1: „Die Gabe
Band 2: „Das Rätsel“
Band 3: „Die Krähe“
Band 4: „Das Baumlied“

Die junge Maerad führt ein erbärmliches Leben als Haussklavin in der heruntergekommenen Feste eines brutalen Lords. Sie hat keine Freunde, wird aber von den rauflustigen Kriegern ihres Herrn weitgehend verschont. Denn seit einer von ihr auf mysteriöse Weise erfolgreich abgewehrten Vergewaltigung, bei der ihr Peiniger an peinlicher Stelle zu Schaden kam, gilt sie als Hexe, und keiner traut sich mehr an sie heran. Da sie ein Händchen für Tiere hat, versorgt sie seitdem die Pferde, Schweine und Hunde. Ihr Leben ändert sich grundlegend, als sie einen geheimnisvollen Fremden im Stall entdeckt. Dieser ist selbst auf der Flucht, bietet ihr aber an, mit ihm zu fliehen.

Der Fremde entpuppt sich als der Barde Cadvan von Lirigon, der in ihr eine mächtige Gabe erkannt hat: Auch sie besitzt die magischen Fähigkeiten der Barden des Landes Edil-Amarandh. Bald offenbart ihr, dass sie der letzte Spross der untergegangenen Pellinor-Linie ist. Sie könnte die Auserwählte sein, die das Rätsel des Baumlieds lösen und das Land vom Würgegriff des Namenlosen, einem der Dunkelheit verfallenen Barden, befreien wird.

Die Autorin

Mit „Die Gabe“ führt die Australierin Alison Croggon (* 1962) uns in ihre Welt Edil-Amarandh ein. Der erste Band des als Tetralogie angelegten Zyklus erschien bereits 2002 und wurde für zwei |Aurealis Awards| nominiert. Ein interessanter Kniff ist die Erzählform: In Vorwort und Anhang bezeichnet die Autorin ihr Buch als Übertragung des Naraudh Lar-Chanë, des Rätsels des Baumlieds, aus dem Annarischen.

Das Bardentum von Edil-Amarandh

Alison Croggon selbst bezeichnet in ihrem Blog den Pellinor-Zyklus als epische Fantasy im Stile Tolkiens. Dem kann ich nicht zustimmen, denn ihr Fokus liegt auf zwischenmenschlichen Beziehungen und der Beschreibung von Landschaften, Tieren, Naturschönheit im Allgemeinen. Epische Breite hingegen erreicht die Autorin trotz eines Anhangs mit historischen Anmerkungen zur Geschichte ihrer Welt und fingierten Literaturverzeichnissen nicht. Eine gewaltige und imposant erscheinende Weltkarte mag geneigt sein, diesen Eindruck zu erwecken, doch leider handelt es sich um reine Schaumschlägerei. Liebe Alison Croggon, Sie schreiben nicht wie Tolkien, Sie pflegen einen ganz anderen Stil. In Zeiten, in denen ambitionierte Fantasyautoren sich bemühen, sich von den ausgetretenen Pfaden des Altmeisters zu lösen, erscheint mir dies als recht dreister und unnötiger Etikettenschwindel.

Trotz der ausdrucksstarken und detaillierten Beschreibungen von Landschaften, Tieren und zwischenmenschlicher Gefühle (übrigens tadellos übersetzt von Michael Krug) tritt die Handlung auf der Stelle. Man kann kein wirkliches Ziel ausmachen, der Leser wird im Ungewissen gelassen. Schlimmer noch, selbst am Ende des zweiten Bandes – um etwas vorauszugreifen – bleibt diese Ahnungslosigkeit sogar bei den Hauptfiguren bestehen. Die verlorenen Hälften des Baumlieds werden gesucht, damit der Namenlose, ein gefallener Barde, es sich nicht einverleiben kann. Der typische Kampf Gut gegen Böse, und die Maerad verfolgenden Untoten (untote Barden, im englischen Original „Hulls“ genannt, man darf sie ruhigen Gewissens mit den Nazgûl auf der Suche nach Frodo gleichsetzen), macht eine Hälfte des Romans aus. Die andere spielt während Maerads Ausbildung in Bardenschulen, Orten des Lichts und der Gelehrsamkeit voller sympathischer Gutmenschen.

Die Bardenschulen scheinen nicht nur kulturelle Zentren zu sein, sie nehmen auch Abgaben von den umgebenden Ländereien und lehren dafür das Volk im Gegenzug Lesen, Rechnen oder andere Künste, ebenso sorgen sie für fruchtbare Felder und gute Ernte. Über sonstige Machtinstanzen erfährt man nichts, außer über das dunkle Land des „Namenlosen“, Dén Raven. Sein wahrer, ursprünglicher Name wird allerdings zu meiner Verwunderung bereits in diesem ersten Band offenbart. Unter seinem Einfluss droht das Land zu verderben, immer mehr Barden wenden sich dem Bösen zu, ganze Bardenschulen scheinen bereits unterwandert. Böse Barden erkennt man daran, dass sie Maerad nicht mögen und ihr böse Blicke zuwerfen und auch sonst sehr frech sind. Mag sich Alison Croggon auch um eine differenzierte Charakterisierung bemühen, was ihr auch sehr gut gelingt und eine der Stärken des Buchs ist, sie legt von vorneherein Charaktere auf das simple Gut-Böse-Schema fest. So eine extreme Schwarzmalerei findet sich nicht einmal im „Herr der Ringe“! Innerhalb dieses Schemas werden aber die „guten“ Charaktere durchaus differenziert beschrieben.

Barden – eine unzureichende Übersetzung des annarischen Dhillareare, „Sternensänger“ – sind in Edil-Amarandh mehr als nur Sänger, wie bereits oben erwähnt. Sie sind Magier, Druiden und Gelehrte in Personalunion. Das schränkt das Personal leider auch ein wenig ein, denn magisch begabte Monster wie Grabunholde werden stets als „Schwarze Barden“ bezeichnet, dem Bösen verfallene Barden als „Untote“. Weltliche Herrscher oder Geistlichkeit scheinen auf dieser Welt gar nicht zu existieren; außer dem kaum erwähnten kleinen Despoten Gilman, der Maerad und ihre Mutter versklavte, wird in den ersten beiden Bänden kein einziger erwähnt. Dafür existieren Elementarwesen, Naturgeister, die Elidhu genannt werden. Maerad hat natürlich auch Elementarblut in sich – wie auch immer das geschehen sein mag.

Maerad ist sich ihrer Kräfte nicht bewusst; für eine unausgebildete Bardin ist sie außerordentlich mächtig, denn sie verfügt über eine scheinbar unbegrenzte Anzahl an magischen Talenten und Fähigkeiten. Diese aktivieren sich stets zur rechten Zeit in Gefahrenmomenten, und so gehen untote Barden und Grabunholde reihenweise in Flammen auf. Mit handfester Anwendung von Magie wird nicht gegeizt, aber auch Naturmagie und -schönheit wird viel Raum eingeräumt. So reisen Maerad und Cadvan durch dunkle Täler oder wunderschöne lichtdurchflutete Wälder, der Zustand des Ortes alleine reicht aus, um anzuzeigen, was die beiden hier jeweils erwartet. Der Dichtkunst und Musik des Bardentums wird auch eifrig Rechnung getragen, aber auch kulinarischen Genüssen. An köstlichen Weinen und Leckereien herrscht kein Mangel, unter schlechter Ernährung leidet man nur auf der Flucht vor den Untoten. Tiere wie ein edler Berglöwe oder ebenso edle Pferde, mit denen Barden sich natürlich in der Tiersprache unterhalten können, oder Raben, die als Boten fungieren, sind ebenfalls vorhanden.

Fazit:

Das ist keine epische Fantasy im Stile Tolkiens – hier wird viel Substanz vorgespiegelt, letzten Endes aber nur Katzengold geliefert. Zwischenmenschlichen Beziehungen und ihrer differenzierten Beschreibung bei gleichzeitig extremer Schwarz-Weiß-Malerei wird sehr viel Raum eingeräumt. Teilweise einfach zu viel. Egal wie bedrohlich die Lage ist, Maerad verfasst ständig Briefe an ihr liebe Personen, scheinbar ist sogar im größten Ödland stets ein Botenrabe greifbar. Lobenswert ist das Titelbild: Es zeigt eine mit der Beschreibung im Buch tatsächlich übereinstimmende Abbildung Maerads, sogar ihre blauen Augen wurden berücksichtigt.

„Die Gabe“ liest sich allerdings widerstandsfrei und gefällig, was gewöhnlich gute Rezensionen nach sich zieht. Besondere Komplexität des Weltenbaus, Innovation oder starke Charaktere vermisse ich jedoch. Alison Croggons Sprache kann auch in der gelungenen Übersetzung durch Michael Krug (|Otherworld|-Verlag) verzaubern, doch dieser Zauber währt nicht lange. Ich konnte keine wirkliche Beziehung zur Heldin, anderen Charakteren oder der Handlung herstellen, denn das ist mir einfach zu viel Wohlfühl-Fantasy ohne wirklich eigenen Charakter, die auf der Stelle tritt und etwas unsympathisch nicht vorhandene Größe vorspiegeln will.

Taschenbuch: 496 Seiten
Originaltitel: The Gift
www.alisoncroggon.com
www.bastei-luebbe.d