John Willard – Die Katze und der Kanarienvogel (Gruselkabinett 84 + 85)

Gruselnacht mit Erbschleichern: Schauerkrimi-Klassiker

Am Hudson River 1921: In einem einsam gelegenen alten Haus findet 20 jahre nach dem Tod des Besitzers auf dessen ausdrückliche Verfügung hin die Testamentseröffnung vor seinen sechs verbliebenen Erben statt.

Die Klausel, dass der Erbe oder die Erbin die Nacht in der unheimlichen Bibliothek – dem Todeszimmer des Erblassers – verbringen muss und zudem das Erbe nur antreten darf, wenn er oder sie nach dieser Nacht noch bei Verstand ist, verwundert die angereiste bunte Schar potentieller Erben … (Verlagsinfo)

Der Autor

Der US-amerikanische Bühnenautor John Willard lebte von 1885 bis 1942. Sein Theaterstück „Die Katze und der Kanarienvogel“ (Erstaufführung 1922) wurde 1927 und 1939 (mit Bob Hope) sowie 1979 (GB) verfilmt. Das Stück wird in den USA immer noch aufgeführt, wenn man der Wikipedia glauben darf.


Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen:

Nana Spier: Annabelle West
Eckart Dux: Roger Crosby
Sascha Wussow: Harry Blythe
Patrick Bach: Charlie Wilder
Claus Thull-Emden: Paul Jones
Julia Stoepel: Cicily Young
Joseline Gassen: Susan Sillsby
Axel Lutter: Hendricks
Jürgen Thormann: Dr. Patterson
Dagmar von Kurmin: Mrs. Pleasant

Die Rollen von Allison Crosby und Cyrus West wurden also gestrichen. Außerdem fehlt der ziemlich bleihaltige Schluss.

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand bei Titania Medien Studio und in den Planet Earth Studios statt. Die detailreiche Illustration stammt von Ertugrul Edirne.

Hörprobe: http://www.titania-medien.de/audio/hoerspiele/ (ohne Gewähr)

Handlung

Anno 1921 finden sich im Anwesen des vor 20 Jahren verstorbenen Exzentrikers Cyrus West eine Reihe von Leuten ein. Sie werden alle von Mammy Pleasant, der geistergläubigen Haushälterin empfangen, die 20 Jahre das Haus bewohnt hat. Der Notar Mr Crosby trifft ein, denn es ist seine Aufgabe, das Testament Wests zu verlesen. Doch als er den Tresor, wo es verwahrt wurde, öffnet, stellt sich heraus, dass alle Dokumente bereits geöffnet worden sind. Wurden sie aber auch verändert? Nur ein Vergleich mit den Kopien, die er selbst in der Stadt besitzt, kann diese Frage beantworten.

Pünktlich zur Geisterstunde um Mitternacht treffen die ersten potentiellen Erben ein. Der blasierte Harry Blythe beleidigt Mammy und Crosby warnt ihn vor ihrer Voodoo-Magie. Als nächste kommen die junge, naive Cicily Young und die ältere Tante Susan Sillsby, für die Harry nur Spott übrighat. Ob Susan wirklich ein Medium ist, wie Mammy behauptet, muss sich noch erweisen. Sie wissen alle, dass sie die Nacht hier verbringen müssen, um den Bedingungen des Testaments gerecht zu werden.

Charlie Wilder, die Nr. 4, ist ein alter Feind Harrys, und Nr. 5, Paul Jones, lässt sich entschuldigen: Er komme später. Deshalb trifft Annabelle West, eine bekannte Illustratorin, vor Paul ein. Sobald alle vollzählig sind, kann Mr Crosby das Testament verlesen. Kaum hat er angefangen, ertönt ein Gong, und Mammy beginnt, mit einem Geist namens Eliza zu sprechen. Sie sagt den Tod eines Menschen in dieser Nacht voraus. Sehr beruhigend. Nur Annabelles Bitte zu bleiben hält den ängstlichen Paul Jones, einen „Pferdearzt“ und Automechaniker, vom Gehen ab.

Alle müssen ihre Einwilligung erteilen, das Testament anzuerkennen. Im zweiten Umschlag steht dann der Erbe: „derjenige, dessen Nachname >West< lautet.“ Das trifft nur auf Annabelle zu. In einem dritten. noch ungeöffneten Umschlag steht der Name des Ersatzerben. Dieser kommt zum Zuge, falls sie stirbt oder von den übrigen Anwesenden für verrückt erklärt werden würde. Der Grund für diese Klausel ist wohl der sporadisch auftretende Wahnsinn in der Sippe der Wests.

Das wichtigste Erbstück ist neben all den Staatsanleihen, die sie zur Millionärin machen, für Annabelle eine Halskette, die allein schon ein Vermögen wert ist. Diese Kette wird jedoch vermisst. Ob sich ein Hinweis auf ihren Verbleib in dem Umschlag befindet, den Mammy ihr übergibt, muss sich noch herausstellen. Zunächst wird sie nämlich von allerlei Vorfällen davon abgehalten, diesen Brief zu lesen.

Sie selbst soll laut Testament in der Bibliothek nächtigen. Folglich kommen alle anderen zu ihr hereingeplatzt. Harry ist ebenso ein abgelegter Liebhaber Annabelles wie Charlie, und beide versuchen ihr Glück, nur um wieder abzublitzen. Harry, Charlie, Paul und Susan bekommen Besuch von Hendricks, dem Wärter einer nahen Irrenanstalt. Einer der Patienten sei entsprungen. Er halte sich für eine Katze, dringe in Häuser ein und bringe die Bewohner um. Alle beschließen, Annabelle mit dieser Neuigkeit nicht zu beunruhigen. Doch Susan hat einen perfiden Plan, genau dies zu tun, um Annabelles geistige Gesundheit ins Wanken zu bringen.

In der Bibliothek will Mr Crosby Annabelle gerade vor einer drohenden Gefahr aus einer ganz anderen Richtung warnen, als er abrupt verstummt. Als sich Annabelle zu ihm umdrehen will, ist die Bibliothek leer. Nanu, beginnt sie nun tatsächlich den Verstand zu verlieren? Es dauert nicht lange, bis Tante Susan ihren ersten Verdacht in dieser Richtung äußert …

Mein Eindruck

Ich fragte mich beim Anhören wirklich, ob ich diese Handlung ernstnehmen soll. Sie ist stellenweise unglaublich unplausibel und ständig fällt die Heldin in Ohnmacht. Es handelt sich um eine Kombination aus Kriminal- und Schauergeschichte. Für dieses spezielle Genre sind eigentlich Geisterjäger zuständig, wie sie im Gruselkabinett schon mehrfach aufgetreten sind, etwa Aylmer & Vance oder das Hargreaves-Ehepaar.

Im Hörspiel ist das Haus von West für den Grusel zuständig. Wie wir im Verlauf erfahren, ist es durchsetzt mit geheimen Türen und Gängen – und es gibt nur zwei Personen, die sich darin bestens auskennen. Eine davon müsste ja Mammy Pleasant sein, die hier 20 Jahre lang wohnte, doch sie kommt nicht als Übeltäter infrage, der Annabelle in den Wahnsinn treiben will und Leute um die Ecke bringt. Allerdings beruhigen Mammys düstere Orakel über Toten und Dämonen die Nerven der Gäste nicht gerade.

Die andere Person muss folglich aus dem Kreis der Erbschleicher stammen, von denen einer verdächtiger ist als der andere. Das kriminalistische Vergnügen an der Handlung rührt von dem Versuch des Hörers her, eben diesen Täter auszumachen. Da sind die beiden halbseidenen Typen Harry Blythe und Charlie Wilder, flankiert von dem allzu naiv wirkenden, romantisch aufgelegten Paul Jones. Was Paul im Schilde führt, erfahren wir erst zum Schluss.

Tante Susan erscheint als alte Schreckschraube, die auf vielerlei Weise unerfüllt ist. Sie hat kein Geld und keinen Mann, weshalb sie in Begleitung von Cicily eintrifft. Die junge Frau schlottert schon bald vor Angst und kann bald aus dem Kreis der Verdächtigen ausgeschlossen werden, Tante Susan jedoch nicht. Sie versucht auf ihre hinterlistige Weise, Annabelle von ihrer geistigen Zerrüttung zu überzeugen. Wäre dies der Fall, so könnte Susan hoffen, die Ersatzerbin zu werden.

Und dann ist da noch die titelgebende Katze. So nennt sich bekanntlich der entsprungene Irre und Serienmörder. Tritt er wirklich selbst auf? Einen Moment lang glaubt Annabelle, sein Opfer zu sein und verliert das Bewusstsein. Nunja, Ohnmachten sind selten geeignet, einen Fall aufzuklären, es sei denn, man ist das weibliche Opfer. Ist Annabelle wirklich der Kanarienvogel im Käfig des West-Hauses und ein irrer Dämon spielt die Katze? Mammy Pleasant unkt wie erwartet üble Aussichten für Annabelles Fortexistenz.

An einer Stelle fragte ich mich, ob dem Skriptautor ein Fehler unterlaufen ist oder Annabelle tatsächlich imstande ist, Charlie, diesen Widerling, anzulügen: In Teil II behauptet sie ihm gegenüber, Harry sei eben bei ihr gewesen, dabei wissen wir doch genau, dass es Paul war. Wenn sie lügt, hat sie es ebenfalls faustdick hinter den Ohren.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Das Stück funktioniert bis heute deshalb so gut, weil eine Reihe genau gezeichneter Figuren auftreten, die alle irgendein mehr oder weniger verborgenes Ziel verfolgen: jeder hat einen geheimen Plan, und schließlich verdächtigen wir sogar den Arzt, der Annabelle untersucht. Auf dieser Weise erzeugt die verzweigte Handlung, die zum Glück nur an einem Ort, der Bibliothek, stattfindet, auf ihre Weise Paranoia im Zuhörer. Die sollte aber nicht dazu führen, das Denken einzustellen und sich dem Grusel zu überlassen.

Von den Sprechern lässt sich nur das Beste berichten. Alle füllen exakt ihre vorgegebene Rolle aus, wobei sie fast alle mehr oder weniger zweideutig wirken. Josseline Gassen nervt als Tante Susan, die olle Schreckschraube. Ein herausragender Auftritt soll auf jeden Fall erwähnt werden: Jürgen Thormann, einer der Doyens der deutschen Synchronsprecher, tritt als Dr. Patterson auf. Er spricht sehr langsam, als sei er müde – was nur wenige Stunden nach Mitternacht wohl auch kein Wunder ist. Immerhin findet er den zwischenzeitlich verschwundenen Paul Jones wieder.

Geräusche

Die Geräusche sind in etwa die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Szenen dicht und realistisch aufgebaut, meist aber reichen Andeutungen aus: Türen gehen auf und zu, das Kaminfeuer knistert, Klingeln ertönen usw. Das penetrante Ticken der Uhr auf dem Kaminsims ging mir jedoch ordentlich auf den, ähem, Wecker.

Zahlreiche Sounds steuern die Emotionen des Zuhörers unterschwellig. Ein Hauch, ein Knurren, ein Donnergrollen – es ist eine Nacht zum Fürchten und eine Umgebung zum Gruseln. Annabelle wird also auf eine Nervenprobe gestellt, und wir fragen uns gespannt, ob sie lange genug durchhalten wird, um ihr Erbe antreten zu können.

Musik

Dr. Pattersons unheimlicher Auftritt als der Bruder von Gevatter Tod wird mit einem tiefen Klavierton untermalt. Musik wird sehr sparsam und punktuell eingesetzt. In allen Actionszenen fehlt die Musik fast völlig, um ja nicht den Dialog zu überdecken. Erst im Ausklang erklingen harmonische Kadenzen, und wir wissen: alles wieder in Butter. Ruhige Harmonien des Klaviers und des Orchesters entlassen den Hörer wieder in die Welt.

Das Booklet

… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von Titania Medien. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher. Die zwei Titelillustrationen von Ertugrul Edirne fand ich sehr passend und hintersinnig. Man sollte sich alle Details genau anschauen.

Im Booklet sind Hinweise auf die nächsten Hörspiele im Herbst 2014 zu finden:

Nr. 90: H.P. Lovecraft: Die Farbe aus dem All
Nr. 91: J.M. Barrie: Mary Rose
Nr. 92: M.R. James: Zimmer 13
Nr. 93: N. Hawthorne: Das Haus der sieben Giebel
Nr. 94: Charles Rabou: Tobias Guarnerius
Nr. 95: Henry S. Whitehead: Die Falle

Unterm Strich

Das Original ist noch wesentlich umfangreicher und länger als diese gekürzte und verdichtete Fassung. Dass die Fassung auch entschärft ist, wird nur in Andeutungen und durch einen Vergleich mit der Vorlage erahnbar. Auf einmal hält Annabelle einen Revolver in der Hand. Harry, Charlie und ein angeblicher Anstaltswärter, der Charlies Komplize ist, liefern sich einen finalen Kampf. In der Vorlage wird die Gewaltanwendung wesentlich breiter dargestellt. Aber das ist gar nicht nötig, wie man am Schluss einsieht.

Zahlreiche Spannungsbögen helfen, den aufmerksamen Hörer bei der Stange zu halten. Dinge und Personen verschwinden – werden sie wieder auftauchen? Wird es Annabelle schaffen, die Prüfung ihrer geistigen Gesundheit zu bestehen? Eine Zeitlang sieht es übel für sie aus. Und was will ihr eigentlich dieser (scheinbar?) naive Paul Jones die ganze Zeit verklickern? Romantische Gemüter ahnen es schon: Es ist ein Heiratsantrag. Doch was, wenn sie ihn auslacht, wo sie doch jetzt Millionärin ist und er nur ein „Pferdearzt“?

Alles steht auf Messers Schneide, solange unsere Sympathien Annabelle gelten. Ist das nicht der Fall, so steht es schlecht um den Genuss dieser verschlungenen Handlung. Ja, es könnte sogar zu Verständnisschwierigkeiten kommen. Damit das nicht passiert, sollte man das Hörspiel möglichst zweimal anhören.

Das Hörspiel

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling. Für Sammler ist die Reihe inzwischen ein Leckerbissen.

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (3 Stimmen, Durchschnitt: 3,33 von 5)

2 Audio-CDs mit ca. 127 Minuten Spieldauer
www.titania-medien.de

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