Robert A. Heinlein – Die grünen Hügel der Erde. SF-Erzählungen


Klassische SF-Erzählungen vom Altmeister

Diese Erzählungen von einer Menschheit im Weltall, die in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden, sind heute zwar klassisch, aber meist bereits vergessen – allzu optimistisch ist ihr Grundton. Es ist, als würde der Propagandaminister der Raumfahrtbehörde NASA ein farbenfrohes Szenario nach dem anderen verbreiten wollen. Auch wenn es mal ironisch daherkommt.

Der Autor

Robert Anson Heinlein (1907-1988) wird in den USA vielfach als Autorenlegende dargestellt, sozusagen der „Vater der modernen Science Fiction“. Allerdings begann er bereits 1939, die ersten Storys im Science-Fiction-Umfeld zu veröffentlichen. Wie modern kann er also sein?

Wie auch immer: Heinleins beste Werke entstanden zwischen 1949 und 1959, als er für den Scribner-Verlag (bei dem auch Stephen King veröffentlicht) eine ganze Reihe von Jugendromanen veröffentlichte, die wirklich lesbar, unterhaltsam und spannend sind. Am vergnüglichsten ist dabei „The Star Beast / Die Sternenbestie“ (1954). Auch diese Romane wurden vielfach zensiert und von Scribner gekürzt, so etwa „Red Planet: A Colonial Boy on Mars“ (1949, vollständig erst 1989).

Allerdings drang immer mehr Gedankengut des Kalten Krieges in seine Themen ein. Dies gipfelte meiner Ansicht nach in dem militärischen Roman „Starship Troopers“ von 1959. Im Gegensatz zum Film handelt es sich bei Heinleins Roman keineswegs um einen Actionknaller, sondern um eine ziemlich trockene Angelegenheit. Heinlein verbreitete hier erstmals ungehindert seine militaristischen und antidemokratischen Ansichten, die sich keineswegs mit der der jeweiligen Regierung decken müssen.

Mit dem dicken Roman „Stranger in a strange land“ (1961/1990), der einfach nur die Mowgli-Story auf mystisch-fantastische Weise verarbeitet, errang Heinlein endlich auch an den Unis seines Landes Kultstatus, nicht nur wegen der Sexszenen, sondern weil hier mit Jubal Harshaw ein Alter Ego des Autors auftritt, der als Vaterfigur intelligent und kühn klingende Sprüche von sich gibt. „Stranger“ soll Charles Manson zu seinen Morden 1967 im Haus von Sharon Tate motiviert haben. Sharon Tate war die Gattin von Regisseur Roman Polanski und zu diesem Zeitpunkt schwanger.

Als eloquenter Klugscheißer tritt Heinlein noch mehrmals in seinen Büchern auf. Schon die nachfolgenden Romane sind nicht mehr so dolle, so etwa das völlig überbezahlte „The Number of the Beast“ (1980). Einzige Ausnahmen sind „The moon is a harsh mistress“ (1966, HUGO), in dem der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg auf dem Mond stattfindet, und „Friday“ (1982), in dem eine weibliche und nicht ganz menschliche Agentin ihre Weisheiten vertreibt.

Größtes Lob hat sich Heinlein mit seiner Future History (1967) verdient, die er seit den Vierzigern in Form von Stories, Novellen und Romanen („Methuselah’s Children“, ab 1941-1958) schrieb. Dieses Modell wurde vielfach kopiert, so etwa von seinem Konkurrenten Isaac Asimov.

Die Erzählungen

1) Grundsätzliche Erwägungen (Delilah and the space-rigger, 1949)

Die erste Raumstation wird von Tiny Larsen und “Dad” Witherspoon in der Kreisbahn gebaut. Larsen hat seine Männer alle fest im Griff, doch als mit dem nächsten Shuttle eine Frau eintrifft, rastet er selbst aus. Gloria Brooks McNye soll die neue Funkerin werden, doch angeblich gefährdet sie die Moral von Tinys Truppe. Sie selbst ist nicht auf den Mund gefallen und gibt ihm Saures. Schließlich kündigt er ihr, doch das löst unerwartete Folgen aus: Viele der Monteure, die sich in Gloria verliebt haben, wollen lieber kündigen als die Schikanen Tinys länger zu ertragen. Es ist kein Streik, und deshalb kann ihnen Tiny nichts gegen diese Solidaritätskundgebung unternehmen. Was tun? Dad schlägt vor, weitere Frauen auf die Station zu holen. Dann wäre die Gefahr, die angeblich von einer einzigen Frau ausgehe, beseitigt. Am besten lässt man auch gleich einen Pfarrer kommen…

Die Story ist ein typisches Beispiel, wie Heinlein Technik und Gesellschaft verknüpft. Frauen auf der Baustelle – ein Graus! Aber nicht für Heinlein, der mit der selbstbewussten Virginia verheiratet war.

2) Ein gefährlicher Beruf (Space Jockey, 1947)

Jake Pemberton will gerade mit seiner Frau Phyllis ins Theater gehen, als ihn der Ruf erreicht, sich zum Dienst zu melden. Er ist Pilot für die Raumschiffe, die zwischen den Raumstationen von Erde und Luna verkehren, also Kurzstrecke. Während sich Phyllis aufregt und um ihn sorgt, düst Jake zur Station Supra-New York, lässt sich seinen Kurs vom Computer geben und nimmt auf dem Schiff seinen Pilotensitz ein. Kapitän Kelly heißt ihn an Bord willkommen.

Doch auf halber Strecke besucht ein VIP mit seinem 13-jährigen Sohn den Kontrollraum. Jake denkt, er hätte an alles gedacht, indem er die Stromzufuhr zu den Kontrollen abstellte, doch der Junge ist erfinderisch: Er löst den Meteoralarm aus. Sofort zünden die Triebwerke automatisch, und wegen der einsetzenden Schwerkraft purzeln alle Anwesenden durch die Gegend. Jake wird kurz bewusstlos.

Als er wieder erwacht, befindet sich das Schiff auf dem falschen Kurs. Nachdem er es geschafft, die verwünschten VIP von der Brücke zu schaffen, berechnet er einen neuen Kurs auf eigene Faust und ohne Computerhilfe. Er hofft, keinen Ballast abwerfen zu müssen, wie der Kapitän befürchtet…

Mein Eindruck

Die Story ist eien typische Home-Story über die Ehepartner, die auf verschiedenen Welten leben und deren Ehe einer Zerreißprobe ausgesetzt wird. Aber es ist auch ein Abenteuer auf einem Passagierschiff, das zeigt, was alles auf der Kurzstrecke passieren kann. Die astrogatorischen Angaben erscheinen höchst glaubwürdig. Vielleicht hatte der Autor auch Hilfe, um sie zu berechnen. Der technische Realismus der Schilderung trägt viel dazu bei, die Handlung für männliche Leser interessant zu machen. Aber die psychologische Seite, für die vor allem die Frauen zuständig sind, wird ebenfalls nicht vernachlässigt.

Es gibt einen kleinen Widerspruch. Erst denkt Jake, dass seine Frau auf dem Mond verrückt werden würde, doch dann holt er sie dorthin. Der Widerspruch lässt sich auflösen, weil Jake seinen Job wechselt – vom Raumpiloten zum lunaren Oberflächenpiloten. Er wird also Phyllis viel häufiger sehen können. Was das Verrücktwerden wohl verhindern soll.

3) Die Wache (The long watch, 1948)

Im Jahr 1999 versucht die militärische Raumpatrouille, die auf Luna stationiert ist, einen Umsturz, um die Kontrolle über die Erde zu gewinnen. Anführer der Rebellen ist der Stellvertretende Kommandant Towers. Er stellt den Bombenoffizier John Ezra Dahlquist vor die Wahl, sich ihnen anzuschließen oder liquidiert zu werden. Dahlquist erbittet Bedenkzeit. Towers verrät ihm, dass von den Atombomben, die auf der Basis stationiert sind, ein oder zwei auf Städte der Erde abgeschossen werden sollen – als Warnung.

In seiner Bedenkzeit eilt Dahlquist zum Bombenlager, überlistet den Wachposten und schließt sich ein. Dann macht er alle Bomben außer einer unschädlich. Doch dabei zieht er sich eine tödliche Strahlenvergiftung durch das Plutonium zu. Nur durch eine Totmannschaltung kann er Towers Männer davon abhalten, das Lager zu stürmen. Würden sie Dahlquist erschießen, verlöre er den Griff um die T-Schaltung, die dann wiederum die letzte Atombombe zur Explosion brächte.

In der Zwischenzeit gelingt es einem regierungstreuen Raumschiff, die Rebellion niederzuschlagen. Dahlquist stirbt nicht umsonst.

Mein Eindruck

Obwohl nicht allzu viel passiert, ist die Story doch spannend. Ganz besonders der Umgang mit dem tödlichen Plutonium macht den Nervenkitzel aus. Die Zeitgenossen wussten anno 1948 noch gut über das „Manhattan“-Projekt zum Bau der ersten amerikanischen Atombombe Bescheid. – Dahlquist wird wie zahlreiche Vorgänger zum Nationalhelden. Dadurch erhält die Story einen patriotischen Tenor, der sich nur dadurch erklären lässt, dass der Autor die Geschichte der American Legion geschenkt hat, die nun das Copyright innehat.

4) Nehmen Sie Platz, meine Herren! (Gentlemen, be seated!, 1948)

Reporter Jack Arnold will eine Story über den Mond schreiben, der Zahlmeister des Richardson-Forschungsprojekts, Mr. Knowles, führt ihn herum. Natürlich nur in den unterirdischen Tunneln. Diese werden unter der Leitung von Mr. Fatso Konski vorgetrieben. Das einzige, was diese Tunnel beschädigen kann, seien Mondbeben, sagt Knowles. Plötzlich wackelt die Welt und die Lichter gehen aus.

Als Arnold wieder zu sich kommt, sieht er im Schein von Konskis Taschenlampe, wie dieser ein Leck im Tunnelboden inspiziert. Es ist mehr als fingerdick, saugt kostbare Atemluft und Wärme ab. Eines der den Tunnelabschnitt verschließen Schotts ist zu, und durch das andere muss jemand gehen und Hilfe holen. Gleichzeitig muss aber auch jemand dafür sorgen, dass das Leck abgedichtet wird. Konski teilt die Aufgaben, dann beginnt ein Wettlauf um Leben und Tod. Doch woher rührt die Beschädigung?

Mein Eindruck

Das ist wirklich ein winziges Abenteuerchen, das der Autor hier erzählt. Und er tut es auch noch auf so läppische Weise, die angestrengt humorvoll sein will, dass absolut kein Vergnügen aufkommt. Hier biedert sich Heinlein an die Arbeiterklasse an, die sich mit dem fettarschigen (daher der ach so lustige Titel!) Konski identifizieren soll. Schwamm drüber.

5) Das Versteckspiel (The black pits of Luna, 1947)

Die Familie von Richard Logan unternimmt einen Ausflug auf den Mond. Sogar der etwa 13- bis 15-jährige Sohn Dickie und der Knirps dürfen mit, aber nur weil sie Mutter und Vater überreden. Das gleiche passiert auf dem Mond selbst und dann, wenn es darum geht, auf der Mondoberfläche einen Spaziergang zu machen. Mr Perrin, der Ranger, führt sie zum Naturdenkmal des Teufelsfriedhofs und zu einem Mahnmal, das anlässlich einer Katastrophe aus dem Jahr 1984 errichtet wurde.

Plötzlich ist der Knirps verschwunden. Während die Mutter einen Schwächeanfall nach dem anderen erleidet, beginnt eine hektische Suche, denn der Knirps hat nur Luft für vier Stunden…

Mein Eindruck

Noch so eine Familiengeschichte, noch dazu auf dem Niveau von kleinen Kindern. Für die könnte das kleine Abenteuerchen ganz unterhaltsam sein, für Erwachsene ist es todlangweilig oder nervend.

6) Die Mondsüchtigen („It’s great to be back!“, 1946)

Allan und Josephine McRae haben drei Jahre auf dem Mond gelebt und sich an das dortige Leben gewöhnt. Doch nun hat Jo so großes Heimweh nach dem blauem Himmel der Erde entwickelt, dass sie zurückkehren. Was, zurück zu den „Erdschweinen“, spottet man. Doch ihr Entschluss steht fest. Allan nimmt seine Forschungsunterlagen mit, denn er plant, auf der Erde ein Buch daraus zu machen.

Auf dem Flug zur Erde wird beiden schlecht, den mit dem Freien Fall kommen sie nicht zurecht. Und als sie dann auf der Erde stehen, brechen sie fast zusammen. Sie sind die sechs Mal höhere Schwerkraft physisch nicht gewöhnt. An all dies könnten sie sich gewöhnen, aber es ist auch die Borniertheit der Erdschweine, die den rückfälligen „Mondsüchtigen“ den letzten Nerv raubt. Als sie dann aufs Land in ein geerbtes Haus ziehen, bekommen sie es mit feindseligen Dorfbewohnern zu tun. Die wollen die Mondsüchtigen einfach nicht mehr bedienen.

Schon bald steht ihr Entschluss: schnellstens zurück nach Luna City, wo es wenigstens Zivilisation gibt! Dort werden sie schon erwartet.

Mein Eindruck

Die Ironien in dieser Geschichte zwischen Erde und Mond nehmen fast kein Ende, und das macht sie so amüsant. Allerdings gibt es auch ein paar Merkwürdigkeiten. So wird die Erde etwa als „grüner“ Planet beschrieben, während sie in Wahrheit blau und braun ist. Liegt das am Wunschdenken des Autors? Außerdem kommen mir die beiden McRaes als sehr naiv vor. Wissen sie nichts von der höheren Schwerkraft auf der Erde? Wahrscheinlich schon, denn sie sind intelligent, aber warum haben sie dann nicht ihre Muskulatur und ihren Kreislauf dafür gestärkt? Schließlich wird heute auf jeder Raumstation auf diese Fitness geachtet.

7) Alldienst macht alles („We also walk dogs“, 1941)

General Services ist ein Dienstleistungskonzern der besonderen Art. Die Feldagenten führen nicht nur Hunde aus, wie es das Firmenmotto vorschreibt, sondern organisieren auch mitunter exklusive Parties in letzter Sekunde. Heute bekommt Firmenchef Jay Clare Besuch von einem Geheimagenten der Regierung. Der bittet um Mithilfe bei der supergeheimen Vorbereitung einer supergeheimen Konferenz aller supergeheimen Teilnehmer aller besiedelten Welten, also auch von den Jupitermonden etc.

Damit gibt es natürlich ein kleines Problem: die irdische Schwerkraft. Sie würde die Niedrigschwerkraftbewohner einfach zerquetschen. Ausweichen gilt nicht, der Mond kommt nicht in Frage, sagt der Agent der Regierung. Der Boss bittet um 24 Stunden Bedenkzeit, ob es sich machen lässt. Wie sich herausstellt, lässt es sich machen. Das Problem besteht allerdings darin, den entsprechenden Physikexperten O’Neil zur Zusammenarbeit zu bewegen. Dafür muss General Services auf unorthodoxem Wege besorgen, was sein Herz begeht: eine kleine Porzellan-Schale aus der Ming-Epoche. Sie ist Eigentum des Britischen Museums…

Mein Eindruck

Diesmal beschäftigt sich der Autor mit wieder mit Erwachsenen und technischen Problemen. Die Story ist ein weiteres Beispiel für Heinleins Credo: das Ingenieure Lösungen für fast alles liefern können und dass es besser sei, die Privatwirtschaft für diese Lösungen zu engagieren statt die Regierung (die aus unfähigen Politikern, zwielichtigen Agenten und überflüssigen Bürokraten besteht).

Schon die bemannte Raumfahrt zum Mond wurde von dem Privatmann Harriman auf die Beine gestellt, dagegen ist doch die Erfindung einer Antischwerkraft-Vorrichtung ein Klacks für einen Konzern wie General Services. Allerdings hütet sich der Autor davor, auch nur ansatzweise das Funktionsprinzip des Apparats zu beschreiben. Aber ihm ist zumindest klar, wie groß der wirtschaftliche Nutzen dieser Erfindung ist, da sie sich auf allen möglichen Gebieten einsetzen lässt.

8) Das All hat keinen Boden (Ordeal in space, 1947)

Bill Cole war Ersatzpilot auf dem Passagierschiff „Walküre“, als ihn die Höhenangst befiel. Er tauschte eine Außenantenne auf der Hülle des Schiffs aus, als ihm der Schraubenschlüssel aus der hand rutschte und er in den Abgrund der Sterne blickte. Fortan war er unfähig, sich zu bewegen und zurück in die Sicherheit des Schiffsinneren. Ein Patrouillenboot des Mars fischte ihn auf.

Nun hat Bill den Raumdienst quittiert. Er will sich nicht den merkwürdigen Blicken und dem Getuschel der Veteranen aussetzen. Unter falschem Namen tritt er in eine Elektronikfirma ein und verrichtet einen sehr einfachen Job. Seine Kollege Tully verschmäht ebenfalls den Fallschacht und zieht den Lift vor, daher gehen sie regelmäßig zusammen zum Essen. Tully lädt ihn zum Abendessen ein.

In der Nacht, nach einem weiteren Albtraum, hört er ein Miauen. Ein kleines Kätzchen hat sich auf einem Außensims des Hochhauses verirrt. Schon der Anblick lässt es Bill schlecht werden. Doch wenn er daran zurückdenkt, wie es zu seiner Höhenangst gekommen ist, merkt er, dass er ja nicht ewig damit leben kann. Er beschließt, alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, das Kätzchen zu retten – und so auch sich selbst.

Mein Eindruck

Diese feine Story widerlegt das Vorurteil, dass Ingenieursgeschichten keine tiefere Psychologie aufweisen würden. Sie ist spannend, aber einfach gestrickt. Und der Autor hat eine Rückblende eingebaut, einen literarischen Kniff, den man bei Heinlein nur selten findet.

9) Auktion auf der Venus (Logic of empire, 1941)

Humphrey Wingate ist ein Rechtsanwalt von der Erde. Leider wettet er betrunken in einer Kneipe, dass es keine Sklaven mehr gebe. 24 Stunden später findet er sich zwangsverpflichtet, und zwar zum Arbeitsdienst auf der Venus. Als ihm der zuständige Beamte den entsprechenden Vertrag zeigt, befindet sich Humphreys Unterschrift darauf. Die moderne Sklaverei sieht nicht viel anderes aus als die im Jahre 1864: Er wird an den Meistbietenden auf einer Auktion verkauft. Sein neuer Herr ist ein Unternehmen namens Van Huysen. Die Vertragslaufzeit lautet auf fünf Jahre.

Tagsüber schuftet Humphrey nun in den Sümpfen, zusammen mit den amphibischen Eingeborenen der Venus. Sie ernten eine bestimmte Wurzel. Doch nachts muss sich Humphrey erst mit Alkohol betäuben, um einschlafen zu können, doch der Schnaps wird ihm auf die Vertragslaufzeit draufgeschlagen – ein Teufelskreis. Deshalb beschließt Humphrey, der sich mit der Tochter des Gutsbesitzers angefreundet hat, zu fliehen. Sie hilft ihm, Hartley und Jimmie. Zusammen schaffen sie es in die nebligen Sümpfe.

Zu Humphreys Erstaunen existiert hier eine Rebellenregierung, die sogar einen eigenen Gouverneur hat. Aber auch diese Kolonie ist in Gefahr, durch ihren Funkverkehr von der Company aufgespürt und zerschlagen zu werden. Humphrey erinnert sich an seine technischen Fähigkeiten beim Bau eines Funkgeräts. Nach sechs Wochen hat er ein abhörsicheres Gerät fertig und installiert es in anderen Rebellennestern. Außerdem schreibt er ein Buch über seine Erlebnisse.

Wenig später taucht endlich sein Kumpan Sam Houston Jones auf, der mit ihm in die Bredouille und in die venusianische Sklaverei geraten ist. Er will Humphrey befreien. Das stellt Humphrey vor eine ungewöhnliche Wahl – er hat die Venus liebgewonnen.


Mein Eindruck

Die lange Erzählung liest sich stellenweise wie der Entwurf zu einem Roman . So erfahren wir nie, wie der Name des Rebellen-Gouverneurs lautet. Er ist also nur aufgrund seiner Funktion für die Handlung wichtig. Auch Abläufe wie die Gründe, die zur Rückkehr von Sam Houston Jones führten, werden nur gerafft dargestellt, so dass sie mitunter wenig realistisch erscheinen. Aber was ist an einer tropischen Venus, wie man sie sich noch 1941 vorstellte, realistisch?

Wichtig ist jedoch das Grundthema, auf das der Titel hinweist: Logik des Imperiums impliziert, dass dieses Imperium Kolonien besitzt, die es ausbeutet: Venus & Co. Dort schuften die Sklaven als billige Arbeitskräfte, während auf der Zentralwelt hochbezahlte, teure Arbeitskräfte die Produkte dieser Kolonien verwalten und für ihre Weiterverarbeitung sorgen. Der wirtschaftliche Mechanismus ist seit dem 17. Jahrhundert bekannt, seit in Frankreich und Großbritannien Manufakturen errichtet wurden.

Trotzdem stellt Heinlein diese Art der Kolonialwirtschaft als einen Auswuchs von Dummheit dar (Wingate will das System als Auswuchs von Schlechtigkeit hinstellen, aber das wird als moralische Diffamierung abgelehnt). Wenn Sklavenwirtschaft „dumm“ ist, warum hat sie dann seit der Antike funktioniert? Und zur Sklaverei zählen auch Lohn- und Zinsknechtschaft sowie Leibeigenschaft in einem Feudalsystem.

Wie man sieht, packt Heinlein auf halbwegs unterhaltsame Weise ein heißes Eisen an. Er hätte auch einen Schundroman schreiben können, so wie ihn Wingates Ghostwriter fabriziert. Bemerkenswert ist die Story u.a. auch, weil in ihr der Fernsehprediger Nehemiah Scudder zweimal erwähnt wird, den Heinlein erstmals 1939 in „If this goes on“ hat auftreten lassen.

10) Die grünen Hügel der Erde (The green hills of Earth, 1947)

“Noisy” Rhysling ist der Barde, der die Hymne „Die grünen Hügel der Erde“ schuf, die inzwischen jedes Schulkind und jeder Raumfahrer kennt. Doch wer war Rhysling und wie entstand dieses wundervolle Lied? Davon erzählt diese Geschichte.

Rhysling war ein Raumschifftechniker, der alle Häfen zwischen Mars, Jupiter, Venus und Erde besuchte und die Bars mit seinem Durst beehrte. Daher war er bei allen anderen Technikern relativ bekannt. Doch als er einen defekten Raumantrieb reparierte und so das Schiff rettete, erblindete er. Nun lebte er nur noch von einer kleinen Abfindung und den Almosen, die ihm seine Lieder in den Bars und Kneipen einbrachten. Er wurde wesentlich bekannter.

Schließlich wurde er ein alter Mann und will zurück in seine Heimat, die terranischen Ozark Mountains. Er besteigt ein Schiff auf der Venus, doch der Kapitän ist ein junger Schnösel, der direkt von der Harriman-Akademie kommt, und will ihn nicht an Bord bleiben lassen. Doch als er seinem Profos befiehlt, den bekannten Barden rauszuwerfen, entschuldigt sich dieser mit einer verrenkten Schulter und die Mannschaft macht sich dünne. Rhysling beruft sich auf eine Sonderklausel für die Passagierbeförderung. Wider Erwarten kann er doch mit.

Er begibt sich an seine gewohnte Arbeitsstation, wo er sich als Blinder eben am besten auskennt: im Reaktorkontrollraum. Der dortige Mechaniker Macdougal hat jedoch einen Fehler gemacht, und es kommt zu einem Notfall. Nur Rhysling kann das Schiff vor einem explodierenden Reaktor bewahren, aber dafür muss er bis zum letzten Moment in einer Strahlenhölle ausharren. Die letzten Worte, die er durchgibt, sind die Hymne „Die grünen Hügel der Erde“.

Mein Eindruck

Die letzten Zeilen sind wirklich ergreifend, wie sich leicht vorstellen lässt, und setzen dem blinden Barden des Weltraums und seiner Eroberer ein bleibendes Denkmal. Deshalb taucht Rhysling als eine der wenigen Figuren in der Chronologie der FUTURE HISTORY auf. Es ist eine sentimentale Story über einen Helden der besonderen Art, halb Ingenieur, halb Dichter. Eine Story voll Stimmung und vielen Liedern, so dass sie lange in Erinnerung bleibt – passend als Titelgeschichte für die gleichnamige Story-Sammlung.

Unterm Strich

Manche dieser zwischen 1941 und 1949 veröffentlichen Storys würde man heute sicherlich nicht mehr in dieser Form schreiben, aber das tut der Bedeutung dieser Zukunftsentwürfe keinen Abbruch. Diese klassischen Storiy dürften viele Leser zufriedenstellen, die seine letzten Romane nicht so gelungen fanden. Sie sind leicht zugänglich, geschrieben für Leser der „Saturday Evening Post“ in Familien mit Kindern – also kein Lesefutter für Singles.

Leider die Auswahl einen Schönheitsfehler: In ihr fehlt jene richtig gute Story mit dem Titel „Das Ekel von der Erde“ (The menace from Earth, 1947), in der ein attraktives Erdmädchen seinen Platz auf dem Mond, unter den „Lunies“, finden muss. Der Grund für das Fehlen: Diese Erzählung erschien erst in einer weiteren Sammlung, der sie den Titel gab.

Handlung

Luna City ist inzwischen eine blühende Metropole, allerdings unter der Oberfläche, die vom Meteorschild bedeckt wird. Zwanzig Stockwerke tief erstreckt sich die Stadt, und ein Stadtplan ist dafür ziemlich sinnlos. Exakt so einen Stadtplan will aber die Erdtouristin Ariel Brentwood, die an die 16-jährige Lunarierin Holly Jones verwiesen wird.

Die Fremdenführerin Holly erzählt uns, was sie mit diesem Erdschwein-Playgirl alles erlebt. Den Guide-Job macht Holly nur als Zubrot, um ihr Studium der Raketenkonstruktion zu finanzieren. Sie hat mit Jeff Hardesty ein eigenes kleines Konstruktionsbüro und entwirft das nächste Generationenraumschiff, die „Prometheus“. Kein Wunder, dass sie sich am Riemen reißen muss, als das Erdschwein Brentwood ihr die üblichen dummen Fragen stellt.

Doch dann will die Dame einen Ausflug auf die Oberfläche machen. Weil Holly dafür keine Lizenz hat, springt ihr Partner Jeff ein. Der verliebt sich allerdings in die kurvenreiche Schönheit von der Erde. Holly, die dachte, sie wäre über Eifersucht erhaben, versucht sich mit Arbeit abzulenken. Aber eine Woche später bittet Jeff Holly, Brentwood das Fliegen beizubringen. Dies geht im Lüftungsschacht, der drei Kilometer hoch und mehrere Kilometer breit ist, ausgezeichnet. Die Frau stellt sich auch nicht dumm an, aber als sie dann mal nach unten schaut, wird sie von Panik ergriffen und stürzt ab. Obwohl die Schwerkraft nur ein Sechstel der auf der Erde beträgt, kann Holly sie nur in letzter Sekunde vor einem Aufschlag bewahren, der ihr sämtliche Rippen gebrochen hätte…

Mein Eindruck

In eine simple Dreiecksgeschichte eingebettet greift Heinlein die alte Rivalität zwischen „Erdschweinen“ und Mondsüchtigen auf, verknüpft diese mit einer höchst anschaulichen und unterhaltsamen Freiflugszene und lässt ganz nebenbei die Idee mit dem Generationenraumschiff anklingen. Diese Mischung haben ihm viele Autoren wie Niven, Pournelle, John Barnes, Spider Robinson und John Varley abgeschaut – und nur selten mit der gleichen Qualität erreicht. Es ist eine von Heinleins gelungensten Geschichten, vor allem weil die Ich-Erzählerin Holly Jones ein ungewöhnlicher Typ Frau ist: selbstbewusst, selbständig, eine Ingenieurin im Teenageralter, die aber auf reizvolle Weise erst noch ihre Gefühle erkunden muss.

Hinweis

Wer längere Novellen oder gar Kurzromane sucht, wird in Heinleins Future History „Methusalems Kinder“ fündig, die bei Bastei-Lübbe anno 2000 (als Reprint der Heyne-Übersetzung von 1988) veröffentlicht wurde. Zusammen mit den Stories dieser Sammlung bietet die Future History die gelungensten Erzählungen des Altmeisters.

Taschenbuch: 191 Seiten
Originaltitel: The Green Hills of Earth, 1951
Aus dem US-Englischen von Tony Westermayr
www.randomhouse.de/Verlag/Goldmann

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