Robin Cook – Tauchstation

cook-tauchstation-cover-kleinEine Forschungsexpedition stößt tief unter dem Grund der Tiefsee auf ein „vergessenes Reich“, das die hochtechnisierten und friedlichen aber erdmenschenfeindlichen „Interterraner“ bevölkern. Es kommt zum Konflikt, sodass die Besucher ihr Heil in der Flucht suchen müssen … – Die Mischung aus Abenteuer und (wissenschaftlichem) Thriller ist ein Desaster und inhaltlich Robin Cooks Offenbarungseid als Schriftsteller: ein Buch, dessen Manuskript eigentlich eingestampft gehört aber möglicherweise aufgrund bestehender Verträge veröffentlicht werden musste.

Das geschieht:

Durch den Atlantik pflügt Forschungsschiff „Benthic Explorer“. Eigner Perry Bergman ist Gründer und Präsident der Firma „Benthic Marine“, die sich einen Namen mit schwierigen Tiefsee-Bohrungen gemacht hat. Im Moment arbeitet man allerdings auf eigene Rechnung. Bergman verfolgt ein ehrgeiziges Projekt: Dort, wo sich tief unter dem Meeresspiegel zwei Erdschollen reiben und den Gebirgskamm des Mittelatlantischen Rückens aufwerfen, plant er eine Magmakammer anzubohren.

Die Stimmung an Bord ist gereizt, denn die Arbeit geht nicht recht voran. „Benthic Marine“ droht das Geld auszugehen. Der Chef beschließt, den Schwierigkeiten im wahrsten Sinn des Wortes auf den Grund zu gehen. Das U-Boot „Oceanus“ unter dem Kommando von Donald Fuller taucht mit Bergman und der Ozeanografin/ Geophysikerin Suzanne Newell hinab zur Bohrstelle. Zeitgleich gehen die grenzdebilen Taucher Richard, Michael und Louis mit einer Taucherglocke in die Tiefe, um einen auszutauschen.

Auf dem Meeresgrund gähnt ein riesiger Schacht. Allzu neugierig wagt sich die „Oceanus“ hinein und wird in den Abgrund gerissen. Ebenso ergeht es Michael und Richard. Nach einer wahren Höllenfahrt finden sich U-Boot-Fahrer und Taucher in dem Unterwasser-Berg wieder, den sie anbohren wollten: Er ist hohl, mit Luft gefüllt und entpuppt sich als gewaltige Schleuse, die in ein märchenhaftes Reich tief im Inneren der Erde führt. Dort lebt seit Jahrmillionen das Volk der Interterraner, deren Wissen das der Landbewohner weit übertrifft. Nicht nur die Tiefsee wurde längst von ihnen kolonisiert: Sie kennen sogar die interstellare Raumfahrt!

Allerdings fürchten die Interterraner die Erdlinge, die sie aufgrund ihrer Gewalttätigkeit meiden. Das ist eine wertvolle Information, als sich herausstellt, dass die Unterwasser-Menschen ihre ‚Gäste‘ nicht mehr ziehen lassen wollen. Doch diese sind zur Flucht quasi gezwungen, denn Richard und Michael wurden bereits als Mörder aktiv. Zwar sind die Interterraner friedlich, aber ihre Klondiener sind es nicht, was zu einem Wettlauf auf Leben und Tod führt …

Projekt-Schiffbruch oder Satire auf Leser-Kosten?

„Oh, heiliger Sankt Benedikt! Schon wieder bin ich eingenickt!“: Dieser schöne Spruch zierte einst – tief eingeschnitzt – eine der Hörsaal-Bänke, die dieser Rezensent vor vielen Jahren ausgiebig drückte. Wie sich herausstellte, lässt er sich auch außerhalb des Elfenbeinturms Universität im wahren Leben wunderbar zur Anwendung bringen. Im Beispielfall „Tauchstation“ kann tatsächlich nur jenen Zeitgenossen zur Lektüre geraten werden, die von ernsten Schlafproblemen geplagt werden. Sie müssen allerdings auf Strudel akuten Blödsinns gefasst sein, die sich im Lesefluss auftun und zumindest diesen Rezensenten schockhaft aus dem Dämmerzustand rissen, in den ihn sein Hirn zum Selbstschutz versetzt hatte.

„Tauchstation“ ist der sicher einer der dümmsten Romane, der mir jemals unter die Augen geraten sind. Robin Cook schlägt hier sogar den König der Blöden: James Rollins hat mit „Sub Terra“ ebenfalls einen Kavernen-Kracher der grotesken und unfreiwillig komischen Art fabriziert, aber Cook schlägt ihn um viele, viele Längen! „Tauchstation“ ist eine Zumutung; ein schräg einsetzendes Unterwasser-Abenteuer (schlecht abgekupfert von einem ohnehin zur Selbstkarikatur verkommenen Clive Cussler), das in einem Science-Fiction-Szenario verendet, welches offenbar 1 : 1 aus den US-Pulp-Groschenheften der 1930er Jahre übernommen wurde.

Wie es verhängnisvoll üblich ist unter Mainstream-Autoren, die in fremden Genre-Gefilden wildern, ignoriert Cook die Regeln der Science Fiction sowie deren Geschichte. Stattdessen glaubt er das Rad neu erfinden zu können. Dabei würde es nicht einmal der schundigste SF-Schriftsteller wagen, die mausetote Mär von Shangri-La unter dem Meer wiederzubeleben. Naiv, lächerlich und tödlich langweilig ist die Welt der „Interterraner“. Schon der Name ist ein Hohn. Doch Cook erwartet allen Ernstes, dass sein Publikum offenen Mundes über sein Spießbürger-Utopia staunt!

Hohle Erde – hohle Köpfe

Die missglückte Kulisse wird noch weit in den Schatten gestellt durch die Pappkameraden, mit denen Cook sie bevölkert. Er hat hier Figuren von geradezu brüllender Dämlichkeit erschaffen, die einen lange darüber rätseln lassen, ob er wohl mit Absicht handelte. Schließlich nennt er im Abspann als eine Quelle seiner Inspiration Jules Vernes „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“. Ein naives Abenteuer mit Nostalgieschimmer wie dieser Klassiker könnte ihm also vorgeschwebt haben. Doch Verne war ein weitaus besserer Schriftsteller, als ihm dies die Kritik lange zubilligen wollte – einen Robin Cook im „Tauchstation“-Modus schlägt er jedenfalls noch heute mit Leichtigkeit!

Es kann außerdem kaum in Cooks Absicht gelegen haben, eine Horde durchweg unsympathischer Hohlköpfe über das wässrige Tiefsee-Imperium herfallen zu lassen. Damit sind nicht nur die matschbirnigen Taucher-Rüpel Michael und Richard gemeint, sondern auch ihre angeblich besonnenen Vorgesetzten. So tief unter dem Ozean fehlt es offenbar an Sauerstoff, sodass sich auch Geschäftsmagnaten, Kapitäne oder Wissenschaftlerinnen rasch in Idioten verwandeln. Auf die Interterraner trifft dies allemal zu; das verraten schon Alien-Namen wie „Arak“ und „Sufa“, die selbst hochgradig bescheuerte Atlantis-Jünger nicht mehr in den Mund nehmen würden, sofern sie es nicht darauf anlegen, tüchtig ausgelacht zu werden.

Die Story von „Tauchstation“ selbst ist konsistent in dem Sinn, dass sie von ihrem Anfang bis ins Finale völlig ohne Überraschungen auskommt. Eine gewisse Abweichung lässt sich höchstens auf den letzten Seiten feststellen: Hier meint Cook sein Werk mit einem Schlussgag zu krönen, der originell sein soll und es insofern auch ist, als der Leser inzwischen wirklich dachte, dass es hirnrissiger nicht mehr ginge. Weit gefehlt, und in dem Schock geht immerhin gnädig unter, dass Cook die bei den Interterranern zurückgebliebene Dr. Suzanne irgendwie vergessen hat: Was aus ihr wird, als sich im Reich der Maulwurfmenschen die Aufregung wieder legt, erfahren wir mit keiner Silbe; nicht, dass uns dies mit besonderer Trauer erfüllt. Es schürt nur die Angst vor einer Fortsetzung, vor der wir uns jedoch viele Jahre nach dem Erscheinen dieses Buches sicher fühlen dürfen.

Die ungeschminkte Kehrseite der Unterhaltungsindustrie

Gibt es eine Erklärung für dieses Desaster, das einst von der offenbar tüchtig geschmierten „Chicago Tribune“ angeblich als „eine Aufsehen erregende Geschichte – provozierend, intelligent und absolut packend“ gerühmt wurde? Robin Cook (geb. 1940) begann seine Schriftsteller-Karriere in den 1970er Jahren mit Thrillern im Mullbinden-Milieu; er war selbst Arzt. Diese waren durchaus lesenswert: „Coma“ (verfilmt u. a. mit Michael Douglas) gehört zu ihnen.

In den folgenden Jahrzehnten ließ Cook so ziemlich jede denkbare und unerhörte Katastrophe über brave Mediziner und Forscher hereinbrechen. Spätestens in den 1990er Jahren war dieser Claim ausgebeutet. Verzweifelt begann Cook zu experimentieren, wobei sich Wagemut und Talent die Waage hielten: auf recht niedrigem Niveau, was peinlich offenbar wurde, wenn er vertrautes Terrain verließ. „Chromosome 6“ (dt. „Chromosom 6“) war so ein Rohrkrepierer; ein dreister Versuch, auf den damals noch unter Volldampf stehenden Seuchen-Thriller-Zug aufzuspringen.

Mit „Tauchstation“ löste sich Cook völlig von seinen Anfängen – und erlitt prompt Schiffbruch. (Der Kalauer sei mir gestattet.) Zu den Mirakeln des modernen Buchmarkts gehört es, dass dies dem Verkaufserfolg dieses und weiterer Cook-Abenteuer keinerlei Abbruch tat: „Robin Cook“ ist längst ein Markenzeichen, unter dem sich auch Murks vermarkten lässt. Sein Zielpublikum lässt sich recht präzise quantitativ erfassen und mit dem Cook-„Branding“ umgarnen. In der Tat behauptet sich der Verfasser weiterhin erfolgreich im Buchgeschäft; so muss man es wohl bezeichnen, und so stellt es sich auf Cooks Website dar.

Taschenbuch: 475 Seiten
Originaltitel: Abduction (New York : Berkley Books 2000)
Übersetzung: Bärbel Arnold
www.randomhouse.de/blanvalet

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