C. J. Cherryh – Yeager. Ein Alliance-Union-Roman

Am Rande der Schlacht und der Existenz

Caroline Cherryh erhielt 1981 für ihren Roman „Downbelow Station“ (dt. bei Heyne als „Pells Stern“) den begehrten HUGO Award, weil sie das Leben an Bord einer Raumstation so realistisch geschildert hatte, als habe sie dort schon einmal selbst gelebt. „Yeager“ („Rimrunners“, 1989) ist mindestens ebenso realistisch, aber noch weit härter und desillusionierter in seinen Schilderungen.

Die Autorin

Caroline Janice Cherryh, geboren 1942 in St. Louis, ist von Haus aus Historikerin und lebt in Oklahoma. Sie erhielt schon 1980 ihren ersten Science Fiction-Preis für ihre umwerfende Novelle „Kassandra“***. 1983 folgte der erste HUGO Award für „Pells Stern“, später ein weiterer für „Cyteen“. Beide Romane gehören zu ihrem Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus, der eine Future History darstellt, wie sie schon von anderen Größen des Science Fiction-Feldes geschaffen wurde, darunter Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov.

***: Die Story ist jetzt im Sammelband „The short fiction of C.J. Cherryh“ (Januar 2004) zu finden.

Wichtige Romane und Trilogien des Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus:

„Downbelow Station“ („Pells Stern“): PELL 1
„Merchanter’s Luck“ („Kauffahrers Glück“): PELL 2
„40.000 in Gehenna“ (dito): PELL 3
„Rimrunners“ („Yeager): PELL 4
„Heavy Time“ („Schwerkraftzeit“): PELL 5
„Hellburner“ („Höllenfeuer“): PELL 6
„Finity’s End“ („Pells Ruf“): PELL 7
„Tripoint“ (dito): PELL 8
„Cyteen“ (3 Romane im Sammelband „Geklont“)
„Serpent’s Reach“ („Der Biss der Schlange“)
„Cuckoo’s Egg“ („Das Kuckucksei“)

Hintergrund und Vorgeschichte

In „Pells Stern“ (PELL #1) schildert die Autorin, wie es zur Entstehung von Kauffahrer-Allianz und Kolonien-Union kam. Die Union besteht aus selbständig gewordenen Kolonien, die sich gegen die Flotte der Erde zur Wehr setzen, die die Earth Company gegen die abtrünnigen Kolonien in Marsch gesetzt hat. Der Verlauf des Konflikts erinnert in bestimmten Merkmalen an den Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Kolonien gegen das Mutterland England.

Zunächst hatte die Earth Company nur eine Station nach der anderen gebaut, die um andere Welten nach dem Vorbild der erdnahen Sol Station kreisten. Die einen großen Kreis fliegenden Frachter versorgten die Stationen mit Waren, die nur die Erde herstellen konnte, v.a. Lebensmittel. Sie lieferten dafür Rohstoffe, v.a. Erze. An den Profiten wurde die Company fett, satt und träge. Dann gewannen die Isolationisten großen Einfluss, die der Company den Einfluss neideten. In der Folge entfremdeten sich die Stationen von der Company, und umso mehr dann, nachdem eine lebensfreundliche Welt entdeckt worden war: Pells Welt.

Mit Pell und seiner Station änderten sich die Regeln des Spiels. Denn nun konnten sich die Stationen selbst versorgen und waren nicht auf Nachschub von der Erde angewiesen. Sie schlossen sich zur Union zusammen, insbesondere auf Betreiben der Regierung, die auf der neuentdeckten und autarken Welt Cyteen herrschte und Unmengen von Klonen herstellte, um die umliegenden Welten und Stationen zu bevölkern (man lese dazu die „Cyteen“-Trilogie). Die auf Pells Welt lebenden Fremdwesen war friedliche Kreaturen auf der Stufe von Primaten. Sie stellten keine Gefahr dar. Pells Welt ließ sich ausbeuten. Weil man auf Cyteen auch die Sprung-Technologie erfunden hatte, ließen sich die Reisezeiten von Jahren auf Monate, Wochen oder gar Tage reduzieren. Das Draußen rückte enger zusammen.

Die Earth Company sah ihre Felle davonschwimmen. Zuerst versuchte sie es mit Steuern, genau wie seinerzeit die Engländer. Und manche Stationen und Kauffahrer zahlten, doch andere, rebellischere weigerten sich. Also baute die Earth Company eine Kriegsflotte: die „America“, die „Europe“, die „Australia“ und die „Norway“ waren die größten ihrer Schlachtkreuzer, allesamt Sprungschiffe. Die erdnahen Stationen zahlte Steuern nun wie einen Tribut, doch die rebellische Union breitete sich immer weiter erdabgewandt aus und verweigerte die Zahlungen. So manches ungeschützte Ziel wurde abgeschossen.

Dann änderte sich die Erdpolitik abermals, und die Earth Company stellte die Unterstützung für ihre eigene Flotte ein: zu teuer. Der erneute Isolationismus zwang die Flotte, sich selbst zu versorgen, und aus 50 Schiffen wurden nur noch fünfzehn, die sich als Piraten betätigten. Nach einem ihrer Befehlshaber, Conrad Mazian, wurden sie Mazianni oder Mazianer genannt. Sie verbreiten Furcht und Schrecken, wo sie auftauchen.

Handlung

Bet Yeager ist eine ausgebildete Space Marine, eine Killer-Expertin für Spezialaufgaben im Vakuum und in Schwerelosigkeit – doch das zuzugeben, würde ihren Tod bedeuten, wenn nicht Schlimmeres, beispielsweise Versklavung. Deshalb hat sie gelernt, sich mit allen Mitteln in einer feindlichen Umwelt zu behaupten.

Sie wurde von ihrer Truppe, den Mazianni, getrennt und sitzt auf „Thule“ fest, einer dem Verfall preisgegebenen Raumstation am Arsch der Galaxis, die nur noch selten von Schiffen angeflogen wird. Yeager hofft auf irgendeine Passage, um sich durch feindliche Linien, deren Verlauf niemand genau kennt, in Richtung Erde durchzuschlagen.

In der Zwischenzeit versucht sie zu überleben so gut es eben geht. Sie prostituiert sich für eine Mahlzeit, einen Schlafplatz, sie gerät an zwielichtige Typen, die ihre Notlage schamlos auszunützen und sie zu erpressen versuchen. Mehr als einmal wird sie zur Mörderin.

Die Wende

Endlich ist ein Schiff im Anflug, die „Loki“ (Loki war derjenige nordische Gott, der alle anderen aufs Kreuz legte), ein umgebauter und bewaffneter Raumer zweifelhafter Herkunft und mit einer seltsamen, bunt zusammengewürfelten Besatzung. Es handelt sich möglicherweise um einen Tramp-Frachter. Bet Yeager setzt alles aufs Spiel, um an Bord zu gelangen und mitgenommen zu werden. Sie weiß, dass sie nichts mehr zu verlieren hat. Aber sie muss bald feststellen, dass sie vom Regen in die Traufe geraten ist.

Die „Loki“ ist ein Rimrunner, ein Schiff von Plünderern, die die Überreste der bei einer Raumschlacht geschlagenen Flotte aufspüren, jene Schiffe, auf denen Yeager einst als stolze Space Marine gedient hatte.

Hoffnung

Sie freundet sich mit einem weiteren Außenseiter an, NG Ramey, der selbst keinem traut, dem aber auch niemand vertraut. Yeager öffnet Ramey wieder die Welt und ermöglicht ihm erneut Kommunikation und Zusammenleben. Nur zusammen überstehen sie die Krise, die unausweichlich heraufzieht, als eine der Flotten zurückkehrt…

Die Übersetzung

Die gelungene Übersetzung und die tollen Zeichnungen von James Stewart tragen sehr viel dazu bei, das spannende Geschehen richtig zur Geltung zu bringen.

Unterm Strich

Mit „Yeager“ hat C.J. Cherryh nicht irgendeine schon tausend Mal geschriebene Space Opera neu belebt. Sie hat vielmehr aus der Sicht einer verborgen lebenden Ex-Space-Marine beschrieben, wie wichtig Hartnäckigkeit und der Glaube, das Richtige zu tun, für unser Leben sind, gerade dann, wenn man nicht im Strom der Masse mitschwimmt. Yeager gehört zu den am besten herausgearbeiteten Figuren in Cherryhs gesamtem umfangreichen Werk. An Yeager erinnert man sich vielleicht nicht gerne, aber sehr gut.

Cherryh führt ohne erhobenen Zeigefinger vor Augen, wie wichtig der andere ist, dass Liebe und vor allem Vertrauen unauflöslich mit dem Menschsein, mit Humanität verbunden sind. Insofern ist Cherryhs Roman, der in ferner Zeit weit weg spielt, für die Gegenwart von höchster Bedeutung.

Wer über die Fehde zwischen Cherryh und John Norman informiert ist, ahnt, dass Cherryh mit Bet Yeager eine direkte Antwort auf Gor, die gegenerde, formuliert hat: Selbständige Frauen, die zwar tough bis zum Mord sind, aber auch ihre Humanität bewahren und in der Lage sind, sie mit anderen zu teilen.

Taschenbuch: 411 Seiten
Info: Rimrunner, 1989
Aus dem US-Englischen übertragen von Rosemarie Hundertmarck
www.heyne.de

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