Sebastian Fitzek – Der Heimweg

Jules Tannberg übernimmt von seinem Freund „Caesar“ die Nachtschicht beim Begleittelefon – einem Service, den Frauen anrufen können, wenn sie alleine auf dem nächtlichen Heimweg sind und sich unwohl fühlen. Während er auf den ersten Anruf wartet, läuft im Hintergrund im Fernsehen eine Folge von „Aktenzeichen XY … ungelöst!“, in der sie nach dem sogenannten Kalender-Killer suchen – einem Mörder, der seinen Opfern mit Blut ihr Sterbedatum an die Wand schreibt. Dann klickt es in der Leitung und Jules nimmt einen Anruf entgegen, der zur folgenschwersten Unterhaltung seines Lebens wird.

Am anderen Ende der Leitung ist Klara, eine verheiratete Frau und Mutter einer kleinen Tochter, die ihrem Leben ein Ende setzen möchte. Denn Klara hat Schlimmes erlebt: Ihr Ehemann quält und misshandelt sie regelmäßig und verschachert seine Frau bei Sadistenpartys an den Meistbietenden, der fortan mit ihr machen darf, was immer er möchte. Klara ist eine gebrochene Frau, die eigentlich nichts mehr fürchtet und deswegen in dieser Nacht ihren Selbstmord plant. Das Begleittelefon hat sie offenbar nur aus Versehen angewählt, denn eigentlich ist sie auf der Flucht vor einem Mann, der sie am 30. November umbringen möchte. Denn Klara ist das nächste Opfer des Kalender-Killers und fürchtet nun, dass Jules ebenfalls in Lebensgefahr schwebt, wenn er mit ihr telefoniert und der Kalender-Killer dies später bemerkt.

Zwischen Jules und Klara entspinnt sich ein intensives Gespräch, in dem sie sich gegenseitig von ihren Seelenqualen berichten, denn auch Jules hat in seinem Leben Schreckliches erlebt, und er bemerkt im Laufe des Gesprächs viele Gemeinsamkeiten und auch Berührungspunkte, die ihn immer mehr vermuten lassen, dass dieses Gespräch kein Zufall ist.

Die Zeit verrinnt, und der Tag, an dem Klara sterben soll, rückt immer näher. Da bemerkt Jules, dass auch er in seiner Wohnung offenbar nicht allein ist, denn in der Küche ist das Brotmesser verschwunden und die Abstellkammer kurioserweise verschlossen…

In einer denkwürdigen Nacht

Sebastian Fitzek reißt den Leser bereits mit seinem Prolog in die Geschichte hinein: Eine seelisch gebrochene Frau erlebt das erste Glück in ihrem Leben, hat sich einem Mann vollkommen hingegeben und fühlt sich endlich wieder gut, als sie mit Schrecken bemerkt, dass sie einem Mörder vertraut hat und ihre Tage damit gezählt sind.

In der nächsten Szene beginnt das denkwürdige Telefonat zwischen Jules und Klara. In kurzen Kapiteln springt der Leser von Jules zu Klara und wieder zurück und begleitet die beiden Protagonisten in dieser finsteren Nacht. Jules sitzt zuhause an seinem Laptop und betreut eine Schicht des Begleittelefons, während Klara vor ihrem Mörder flieht und versucht, ihr Leben unter ihren Bedingungen zu beenden. Doch dann schlägt das Telefonat sie in ihren Bann und sie vertraut sich nach und nach Jules an. Aber jemand ist ihr auf den Fersen und bedroht sie.

Die Spannung steigt ins Unermessliche und von Anfang an rätselt man fieberhaft mit. Das erste Rätsel, das es aufzuklären gilt, ist das um Jules Vergangenheit. Denn schnell ist klar, dass sein Leben ebenfalls zerbrochen ist nach einem schrecklichen Unglücksfall. Er hat seinen früheren Job beim Notruftelefon aufgegeben und trauert. Doch um was? Was ist geschehen? Und was sind das für merkwürdige Berührungspunkte mit Klaras Leben? Denn die Privatklinik Berger Hof, in der Klara an psychologischen Experimenten teilgenommen hat, kennt auch Jules…

Sebastian Fitzek schafft es hier wie immer, die Fäden vollkommen in der Hand zu behalten und die Schicksale seiner beiden Hauptfiguren geschickt miteinander zu verweben. Lange dauert es, bis er uns verrät, was Jules passiert ist und was auch Klara in ihrem Leben schon durchgemacht hat. Aber das Gespräch wird immer merkwürdiger, und spätestens, als sich der Schlüssel in Jules‘ Wohnungstür zu drehen beginnt und er bemerkt, dass in der Küche das Brotmesser verschwunden ist, kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Heimweg mit tödlichem Ausgang?

Natürlich präsentiert uns Sebastian Fitzek am Ende wieder eine Auflösung, die es in sich hat. Wie gewohnt stellt er damit seine gesamte Handlung auf den Kopf, lässt die Leser praktisch verzweifeln und zurückdenken: Kann das wirklich sein? Ist das logisch? Kann das alles so gewesen sein? Passt alles zusammen? Am liebsten würde man nach Lesen der letzten Seite direkt von vorne anfangen, um alles zu kontrollieren und um zu gucken, ob man wirklich so an der Nase hatte herumgeführt werden können. Ja, konnte man. Ich habe tatsächlich alle Bücher von Sebastian Fitzek gelesen, habe durchaus in manchen davon auch schon geahnt, was wirklich hinter allem steckt, habe mir aber bei anderen wiederum auch am Ende die Haare gerauft, weil die Auflösung so dermaßen abstrus war, dass ich total enttäuscht war.

Aber nicht so beim vorliegenden Buch. Weder hatte ich diesen Ausgang geahnt, noch bin ich enttäuscht davon. Das Ende war überraschend, aber doch nicht unlogisch. Beim Zurückerinnern an das Gelesene finde ich im Nachhinein nicht alles logisch (daher ein kleiner Abzug in der Gesamtnote), aber ganz grundsätzlich kann das alles wirklich so geschehen sein.

„Der Heimweg“ ist ein absoluter Pageturner, den ich an nur zwei Tagen verschlungen habe, weil die Geschichte mich nicht mehr losgelassen hat. Was Sebastian Fitzek hier allerdings an Gräueltaten schildert, die Klara durch ihren Mann ertragen musste, ist für die weibliche Leserschaft nur schwer zu ertragen. Ich mag nicht glauben, dass es Männer gibt, die ihren Frauen so etwas antun. Mich hat die Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite komplett mitgerissen. Darüber hinaus ist das gebundene Buch in der „Limited Edition“ ein wahres Schmuckstück mit einem komplett schwarzen Cover mit schwarzer Schrift, schwarz geränderten Seiten und einem „Guckloch“ im Buchdeckel, das den Blick freigibt auf eine flüchtende Frau (ebenfalls in schwarz, auf der silbrig glänzenden Innenseite).

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
ISBN-13: 978-3426281550
www.droemer-knaur.de

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