Amelia B. Edwards – War es eine Illusion? (Gruselkabinett 113)

Metaphysische Ermittlung in düsteren Gefilden

Nord-England 1865: Ein Schul-Inspektor mit Namen Frazer reist zu einer ländlichen, von Sumpfland umgebenen Schule und hat dort alsbald Erlebnisse, die ihn gehörig an seinem Verstand zweifeln lassen… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.

Die Autorin

Amelia Ann Blanford (gelegentlich auch: Blandford) Edwards (* 7. Juni 1831 in Islington, London; † 15. April 1892 in Weston-super-Mare, North Somerset) war eine englische Romanautorin, Dichterin, Journalistin, Reiseschriftstellerin, Illustratorin und Amateur-Archäologin. Sie setzte sich für den Erhalt ägyptischer Altertümer ein, war Mitbegründerin des Egypt Exploration Fund (EEF) (heute: Egypt Exploration Society) und ermöglichte durch ihr Vermächtnis die Einrichtung des ersten Lehrstuhls für Ägyptische Archäologie und Philologie in Großbritannien und die Eröffnung des Petrie Museums in London. (Quelle: Wikipedia)

Wichtige Werke:

• My Brother’s Wife. (1855)
• The Young Marquis. (1857)
• A Summary of English History. (1858)
• Sights and Stories. (1862)
• Barbara’s History. (1863), online.
• The North-Mail. (1864)
• Untrodden Peaks and Unfrequented Valleys: A Midsummer Ramble in the Dolomites. 1873, online.
• A Thousand Miles up the Nile. (1876), online.
• Lord Brackenbury. (1880)
• Die Nachtkutsche der Nord-Post Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Heiko Postma. JMB-Verlag, Hannover 2013, ISBN 978-3-944342-11-5.
• Tausend Meilen auf dem Nil: Die Ägyptenreise der Amelia Edwards 1873/74. Übersetzt von Gerald Höfer. Phoibos-Verlag, Wien 2009, ISBN 978-3-85161-010-9.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen:

Patrick Bach: Frazer
Jannik Endemann: Philip Wolstenholme
Bernd Rumpf: Ebenezer Skelton
Jochen Schröder: Kutscher
Regina Lemnitz: Wirtin
Roman Wolko: Diener
Axel Lutter: Haupt-Minenarbeiter
Johannes Bade, Marcel Barion, Kai Naumann: Minenarbeiter
Lando Auhage, Bosse Koch, Alexander Mager: Schüler

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden im Titania Medien Studio und im Planet Earth Tonstudio statt. Die Illustrationen trug Ertugrul Edirne bei.

Handlung

Im düsteren November des Jahres 1865 befindet sich Mr. Frazer, seines Zeichens Schulinspektor Ihrer Majestät, der Königin Victoria, auf dem Weg nach Pit End irgendwo in der Kohleregion Nordenglands. Die Kutsche quält sich über einen Hohlweg, um zu einem Hochmoor zu gelangen, auf dem diese obskure Ortschaft liegen soll, doch nur bis zu einer Weggabelung. Wohin jetzt, links oder rechts? Im Nebel, der in der Dämmerung aufgekommen ist, kann Frazer nur wenig erkennen.

An einer Biegung des Hohlwegs kommt ihm ein Junge entgegen, der seltsamerweise eine Angelrute bei sich trägt. Frazer will ihn nach dem richtigen Weg fragen, doch der Junge beachtet ihn gar nicht und schlendert weiter. Gleich darauf folgt ein älterer Mann mit einem Hinkefuß, der aber auch nicht auf seine Frage antwortet. Konsterniert fragt sich der Schulinspektor, was hier wohl los sei.

Schließlich erreicht er wohlbehalten das Dorf. Die Wirtin des Gasthauses erzählt ihm, der Herr auf Blackwater Chase weile derzeit auf seinem herrschaftlichen Anwesen – ihm gehört alles Land ringsum. Frazer horcht auf, als er den Namen hört: Philip Wolstenholme. So hieß doch sein Kommilitone in Oxford, der in vor zwölf Jahren einlud, ihn mal zu besuchen. Na, wenn das nicht die optimale Gelegenheit wäre! Die Wirtin ist bereit, das Treffen zu vermitteln.

Nach einer erholsamen Nachtruhe inspiziert Frazer, was es eben hier in diesem Kaff zu inspizieren gibt: die Dorfschule. Hier wird nach Geschlechtern getrennt unterrichtet. Der Lehrer der Jungs ist Ebenezer Skelton, ein grauer, hagerer Mann, der dem alten Hinkebein, den Frazer im Hohlweg gesehen hat, ähnlich sieht. Skelton streitet dies vehement ab. Nach den Jungs sind die Mädchen an der Reihe, die von Mrs Green unterrichtet werden. Auch hier begrüßt man den Herrn Inspektor freundlich.

Als sie wieder vor der Schule stehen, erblickt Frazer auf einmal einen dritten Schatten, den eines Jungen. Als Frazer den Lehrer darauf hinweist, meint der bloß, es müsse sich um eine Illusion handeln. Wenig später trifft Philip Wolstenholme am Gasthof ein, und es gibt ein herzliches Wiedersehen zwischen den beiden Studienfreunden.

Entdeckung

Philip nimmt ihn mit auf einen Spaziergang durch den ausgedehnten Park, in dem ein schwarzer See liegt, und zu einer der Kohlenminen – dort gebe es noch Trolle und Kobolde. Die Kohle bringe zwar Reichtum, aber kein Glück, meint Philip rätselhaft. Zwei Tage später weckt ein Diener Frazer mit der Nachricht, er solle in den Park kommen. Wieso denn? Der See sei verschwunden und eine Mine sei geflutet worden.

Die Bergarbeiter sind mit knapper Not dem Ertrinken entronnen, aber der verschwundene See hat ein Geheimnis preisgegeben. Etwas ist im nassen Schlamm zu sehen: eine kleine Hand – und eine Angelrute…

Mein Eindruck

Frazer und Skelton sind die einzigen, die den Geist des Jungen sehen können, wohingegen Wolstenholme die Erscheinung stets als Illusion abtut. Der Grund für ihre besondere Sehweise: Sie sehen mit dem Herzen, statt mit dem Verstand, wie es „Der kleine Prinz“ formuliert hätte. Diese Fähigkeit macht Frazer zu einem einfühlsamen Ermittler und erklärt seine allererste Vision des von Skelton verfolgten Jungen im Hohlweg…

Die Autorin legt den Finger in eine Wunde, die im viktorianischen Zeitalter nur hinter vorgehaltener Hand erwähnt wurde: Erst zeugt jemand einen unehelichen Jungen, dann, unzufrieden mit dessen Begriffsstutzigkeit, bringt er ihn schließlich um. Dass die Obrigkeit, vertreten durch den Landeigentümer und Minenbesitzer Wolstenholme, der die meiste Zeit im Ausland weilt, nicht an der Aufklärung des Verbrechens interessiert ist, erscheint plausibel. Denn Wolstenholme ist ein kaltblütiger Ausbeuter, wie man leicht an der Tatsache ablesen kann, dass er die Stollen der Mine nicht gegen Wassereinbruch abgesichert hat. Dass die Bergarbeiter den Fluten des Sees entgehen, grenzt an ein Wunder.

Mit ihrer Erzählung einer Art „metaphysischer Ermittlung“ erregte die damals erst 34-jährige Autorin bestimmt Anstoß. Sie klagte die rücksichtslose Habgier der Minenbesitzer ebenso an wie die moralische Verkommenheit gewisser Lehrer, die doch eigentlich als Vorbilder fungieren sollten: der Junge ist ein unehelicher Sohn, der sofort weggegeben wurde. Was bei der Geschichte – beziehungsweise in dieser kürzenden Verarbeitung – allerdings fehlt, ist die Erwähnung der Mutter des Jungen. Die hätte doch eigentlich auch etwas zu Aufklärung des Kindsmordes beitragen können. In diesem Geflecht von verhängnisvollen Beziehungen fühlte ich mich an den späten Dickens erinnert, etwa an „Bleak House“ oder „Hard Times“.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Regie arbeitet mit einem listigen Kniff. Sie lässt Frazer, dargestellt von Patrick Bach, sympathischen, mitfühlenden Ermittler auftreten und nutzt diesen positiven Eindruck, um ihn auf Philip Wolstenholme (Jannik Endemann) zu übertragen, der aber im Grunde ein verantwortungsloses Subjekt ist. Die beiden waren zwar in Oxford Studienkollegen, doch aus Frazer wurde ein verantwortungsbewusster Schulinspektor, der sich um die Bildung der Kinder kümmert. Aus dem anderen wurde ein Lebemann, der auf das Wohl und Wehe seiner Untergebenen wenig gibt. Lediglich eine Gedenktafel erinnert an seine einzige gute Tat: Er stiftete offenbar die Schule in Pit End.

Höchste Zeit also, dass Frazer einem zwielichtigen Typen Ebenezer Skelton auf den Zahn fühlt. Bernd Rumpf spricht Ebenezer Skelton als Respektsperson, die einiges zu verbergen hat. In den Nebenrollen brillieren kompetent Jochen Schröder als Kutscher und Regina Lemnitz als herzensgute Wirtin (sie spielt Mrs. Hudson in den Sherlock-Holmes-Hörspielen).

Geräusche

Die Geräusche sind in etwa die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Szenen dicht und realistisch aufgebaut, meist aber reichen Andeutungen aus. Die meisten Szenen spielen draußen, sei es im Dorf, im Park oder in der wilden Botanik. Deshalb verwundert es nicht, wenn Krähen kreischen und Hunde bellen, Pferde wiehern und Vögel zwitschern.

Von Anfang an mischen sich jedoch unheimliche, verstörende Laute unter diesen Chor: Die Peitsche des Kutschers knallt, das obligatorische Käuzchen ruft den Wanderer als Nachtvogel zur frühen Ruh (des Todes?). Selbst wenn eine ganz gewöhnliche Standuhr die Stunde schlägt, so hat dies nichts Anheimelndes an sich, sondern mahnt vielmehr, wie die Zeit verrinnt. So ist das ganze Hörspiel an der Oberfläche ereignislos, da es keinerlei Action gibt, doch im Verborgenen regen sich unheilvolle Signale und Impulse. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Geheimnis des Mörders aufgedeckt wird und er sich zu erkennen geben muss…

Musik

Die untermalende Musik, die unterschwellig die Emotionen des Hörers steuert, wechselt zwischen idyllischen und unheimlichen Harmonien und Rhythmen. Titania Medien hat offenbar in einen nagelneuen Synthesizer investiert und zaubert damit nun die schönsten, wirkungsvollsten Klangensembles. So erklingt etwa so etwas wie eine Glasharfe, mit unirdisch schönen Tönen, ein anderes Mal wieder ein sehr tiefer Bass, der im Hörer Furcht erweckt.

Das Intro ist recht idyllisch, mit romantischen Harmonien, instrumentiert mit Piano, Harfe und Geigen. Zweimal erklingt ein krachender Sound, als ob etwas zusammenbrechen würde. Das erste Mal ist dieser Klang zu hören, als Philip Wolstenholme auftritt, das zweite Mal ganz am Schluss, als die Pointe erzählt wird.

Das Booklet

… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von Titania Medien. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher. Die Titelillustration von Ertugrul Edirne fand ich diesmal passend und stimmungsvoll. Sie zeigt einen der ersten Schlüsselmomente. Die Frage, die sich der Betrachter stellen sollte, lautet, ob die Gestalt im Nebel wirklich oder nur eingebildet ist.

Im Booklet sind Hinweise auf die nächsten Hörspiele zu finden:

Ab Herbst 2016:

9. September: Doppel-Folge 114/115 „Der Ruf des Cthulhu“ aus der Feder von H.P. Lovecraft
14. Oktober: Folge 116 „Der schwarze Stein“, nach Robert E. Howard
Und Folge 117 „Ewige Jugend“ nach Leopold von Sacher-Masoch
11. November 2016: Doppel-Folge „20.000 Meilen unter dem Meer“ nach Jules Verne

Sir Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes ermittelt im Herbst 2016 erneut stolze drei Mal. Diesmal gilt es die klassischen Fälle „Die Gloria Scott“, „Das Musgrave-Ritual“ und „Eine Studie in Scharlachrot“ (2 CDs!).

Unterm Strich

Auch wenn es zunächst nur wie eine gewöhnliche Schulinspektion ausseht, so verwandelt sich die Geschichte doch allmählich in eine Art metaphysischer Ermittlung – wobei der Inspektor seiner Bezeichnung alle Ehre macht. Doch keine Sorge: Hier werden nicht akribisch Indizien gesammelt und graue Zellen angestrengt. Frazer ist alles andere als ein Meisterdetektiv, doch er sieht Gespenster, die andere nicht sehen (oder die deren Existenz abstreiten) – er sieht mit dem Herzen. Sein Blick geht wesentlich tiefer. Doch welcher Mensch, der noch bei Verstand ist, würde ihm glauben?

Das ändert sich schlagartig zu Beginn des letzten Drittels, mit dem Leichenfund im verschwundenen See – eine weitere Oberfläche ist entfernt worden und das aufgedeckte verbrechen harrt der Aufklärung. Hier zeigt sich die perfide Seite in Wolstenholmes Charakter. Vielmehr ist es der Vormann der Bergarbeiter, der den ersten Hinweis auf die Vorgeschichte des Mordes liefert – offensichtlich ein Mann, der so etwas wie Verantwortungsbewusstsein kennt und praktiziert.

Die Autorin, eine der gelehrtesten Frauen der Viktorianer, wusste mit dieser Erzählung sicherlich anzuecken. Sie war einmal Journalistin und wurde später zu einer engagierten und einflussreichen Ägyptenforscherin. Ihr Reisebericht „Thousand Miles up the Nile“ soll laut Wikipedia und anderen Quellen zufolge einer der beliebtesten Reiseberichte des 19. Jahrhunderts gewesen sein. So lieferte sie etwa 1870 eine der ersten genauen Zeichnungen des Ramses-Tempels von Abu Simbel. Es ist anzunehmen, dass sie genau wusste, was sie tat, als sie mit „War es Illusion?“ Missstände in nordenglischen Minen anprangerte und zugleich vertuschte Kindsmorde aufs Tapet brachte.

Das Hörspiel

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Ausgezeichnet wird die zweigeteilte Stimmung erzeugt: oberflächlich idyllisch, romantisch, harmonisch, doch darunter verbergen sich verdrängte Gewalt und Verbrechen. Mich enttäuschte der Mangel an Action, doch die Spannung durch das Rätsel der Kindsleiche macht diesen Mangel wieder wett.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling. Für Sammler ist die Reihe inzwischen ein Leckerbissen.

Audio-CD
Spieldauer: 56 Minuten
www.titania-medien.de

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