Willy Seidel – Das älteste Ding der Welt (Gruselkabinett 134)


Der Dämon vom Saturn: Lovecraft-Grusel

Dem 18-jährigen Harald von Calmus, einziger Sohn des bejahrten Reichsfreiherrn von Calmus-Dunkelstedt, ist es durch eine kleine Finte wieder einmal gelungen, seinem Hauslehrer in die freie Natur zu entkommen. Im nahen Pfaffenwäldchen hat er an jenem Nachmittag mehrere unheimliche Erlebnisse, die imstande sind, sein noch junges Leben aus den Angeln zu heben… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.

Der Autor

Willy Seidel (1887-1934) war ein deutscher Schriftsteller mit großer Kenntnis der Südseevölker.

Er war ein jüngerer Bruder der Lyrikerin Ina Seidel und ein Neffe des Ingenieurs und Schriftstellers Heinrich Seidel. Sein Vater war praktischer Arzt. 1895 zog die Familie nach dem Tod des Vaters von Braunschweig nach Marburg und von dort 1897 nach München. Dort besuchte Willy Seidel das Maximilian-Gymnasium.

Nach dem Abitur studierte er an den Universitäten in Freiburg/Breisgau, Jena, Marburg und München; nach fünf Semestern Biologie und Zoologie wechselte er zur Germanistik. 1911 promovierte er in München mit einer Arbeit über Theodor Storm zum Doktor der Philosophie. 1914 wurde er auf einer Reise durch Samoa vom Kriegsausbruch überrascht, ging in die USA und kam erst 1919 nach München zurück. Er starb 1934 in München nach einem Herzinfarkt.

Sein erzählerisches Werk hat mehrere Facetten: In seinen frühen Arbeiten war er als Schilderer ferner Länder ein typischer Vertreter des wilhelminischen Exotismus; allerdings ging Seidel bald darüber hinaus und übte Kritik am Kolonialismus. Die Schilderung seines Amerika-Aufenthalts von 1914 bis 1919in dem Roman „Der neue Daniel“ (1921) ist ausgesprochen amerikakritisch.

In den Zwanzigerjahren schrieb Seidel vorwiegend Romane und Erzählungen, die der phantastischen Literatur zuzurechnen sind. Wegen dieser Werke genießt der ansonsten weitgehend in Vergessenheit geratene Autor auch heute noch in Fachkreisen einiges Interesse. Daneben war Seidel auch Verfasser von satirischen und humoristischen Werken wie der Jenseitsgroteske „Der Weg zum Chef“ und dem Schwabing-Roman „Jossa und die Junggesellen“. (Wikipedia)

Marc Gruppe ist der Autor, Produzent und Regisseur der erfolgreichen Hörspielreihe GRUSELKABINETT, die von Titania Medien produziert und von Lübbe Audio vertrieben wird.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen:

Peter Weis: Erzähler
Louis Friedemann Thiele: Harald von Calmus
Matthias Lühn: Dr. Sze
Horst Naumann: Reichsfreiherr
Dagmar von Kurmin: Reichsfreifrau
Bodo Primus: Hausarzt
Kathryn McMenemy: Magd Mechtild
Rolf Berg: Fabrik-Direktor
Sascha von Zambelly: Hauslehrer

Die Macher

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden bei Titania Medien Studio statt. Die Illustrationen trug Ertugrul Edirne bei.

Handlung

Der 18-jährige Harald von Calmus, Sohn eines pensionierten Offiziers und seiner Frau, ist seinem Hauslehrer ausgebüxt und erforscht nun frohgemut das nahe Pfaffenwäldchen. Unter ihm liegt das traute Limburg im Tal der Lahn, doch Harald zieht es hinauf zum Hügel mit dem Hünengrab. Auf dem Weg fallen drei Tropfen Blut auf seine Haut, ein böses Omen, doch er macht sich keine Sorgen. Als er an das Hünengrab gelangt, bemerkt er erst den Hexenring aus giftigen Fliegenpilzen. Eine Ringelnatter hat es auf einen Frosch abgesehen, doch er tötet sie. Ein Grollen ertönt aus der Erde und ein metallischer Klang. Harald legt sich müde hin und döst ein.

Durchs All

Als er mitten in der Nacht zu Hause anlangt, macht sich die Magd Mechtild schon Sorgen um ihn. Als er auch noch das Hügelgrab erwähnt, keucht sie bestürzt auf. Doch Harald achtet nicht darauf, sondern wankt todmüde ins Bett. Ein Traum entführt ihn in die Tiefen des Hall, bis er an einen roten Planeten gelangt, der von großen Ringen umgeben ist. Ein Angstgefühl weckt ihn. Seinen Eltern tischt er fadenscheinige Erklärungen auf und entschuldigt sich. Seine Schwindelanfälle werden häufiger, so dass ihn schließlich der Hausarzt krankschreibt: Er solle sich gründlich ausruhen. Seine Studien für die Abschlussprüfung setzt er dennoch eifrig fort, bis er besteht.

Der Chinese

Erneut zieht es ihn hinaus ins Weite, ins Freie, erneut erklimmt er den Hügel. Doch ein Mann in Strohhut und Anzug folgt ihm auffallend unauffällig. Als Harald mal verschnaufen muss, bietet ihm der Mann, der wie ein Chinese aussieht, seine Hilfe an. Sein Blick ist bezwingend und hypnotisch, findet Harald. Doktor Chin stellt sich als Geologe vor, der in Marburg arbeite und hier im nahen Limburg Urlaub mache.

Harald spürt, dass er dem Doktor vertrauen könne und bittet ihm um Rat. Diese Schwindelanfälle, seit er am Hünengrab war – woher rühren die? Dr. Chin will alles genau wissen, jedes noch so geringe Detail, und so erzählt ihm Harald sogar von den drei Blutstropfen, die damals auf ihn fielen, von der Schlange, dem Hexenring und dem Metallbrocken am Grab. Der Chinese lauscht aufmerksam, doch dann besteht er darauf, sich ein paar Tropfen Blut von Harald zu besorgen, aus der Herzgegend. Der Schnitt geht so schnell, dass Harald keine Gegenwehr aufbringen kann. Was für ein merkwürdiger Kerl!

Doch die Wunde schließt sich unter einer Salbe, die Sorge schwindet. Anschließend besprenkelt der Chinese die Spitze des Hügels mit dem abgezapften Blut. Nachdem er ihm versprochen hat, über alles zu schweigen, kehrt er nach Hause zurück, sehr zur Freude der Eltern. Doch in der Zeitung steht Wochen später, ein ostasiatischer Gelehrter wolle auf dem Hügel ein Labor bauen, das Wäldchen entwässern und in einem Labor Experimente anstellen. Die Leute beginnen, neugierig zu werden. So auch Harald.

Das Labor

Der Winter kommt und geht, erst im März erfolgt der Ruf des Chinesen, und Harald macht sich willenlos auf den Weg. Einmal im Innern des schwerbewachten Hauses gibt es kein Entkommen: Die Haustür hat innen keine Klinke. Aber es gebe viel zu tun, versichert ihm sein Meister. Denn Harald habe einen Jahrtausende alten, riesigen Meteoriten gefunden. Diesen müssten sie zusammen ausgraben und mit Mitteln des Labors untersuchen. Am schwersten fällt es Harald, dass er während dieser Arbeiten keinen Kontakt mit seiner Familie aufnehmen darf. Der Chinese verabreicht ihm eine Droge, die es dem Jungen erlaubt, ohne Unterlass zu graben und zu schuften, bis sein Meister ihn aufhält.

Das Erwachen

Der im überdachten Innenhof des Hauses zum Vorschein kommende Meteorit aus Nickeleisen hat die Form eines riesigen Kopfes. Doch der Schlund ist voller Hauer und weist ein satanisches Grinsen auf – offenbar ein Götzenbild aus einer fernen Welt. Dr. Chi nennt es das „älteste Ding der Welt“. Schließlich ist die Nacht der Nächte gekommen: Dr. Chi besprenkelt das Dach des Götzenschädels mit Blut, Haralds Blut. Der Gott erwacht, und die Verzerrung der Zeit beginnt…

Mein Eindruck

„Die Erzählung sprengt den Umfang einer Kurzgeschichte und weist Parallelen zu Lovecrafts Meisterstück „Die Farbe aus dem All“, das ebenfalls von nichtmenschlichen Einflüssen auf die Menschheit handelt, auf, nimmt jedoch einen anderen Verlauf.“ (Amazon.de) Die parallele zu Lovecraft dürfte auch der Grund von Titania Medien gewesen sein, diese Novelle zu einem Hörspiel zu verarbeiten. Die Länge von knapp anderthalb Stunden strapaziert so manches Aufnahmevermögen der Hörer, wie ein Blick auf die Reaktionen unter Amazon.de belegen.

So mancher Hörer findet sogar die Handlung verwirrend, obwohl sie recht geradlinig zu nennen ist. Sobald der fremde Gott erwacht, den es vom Saturn auf die Erde verschlagen hat, muss er mit so viel Blut gesättigt werden, dass es sein eigenes Gewicht – immer Tonnen von Nickeleisen – aufwiegt. Sobald dies gelungen sei, so Chi, so sei der Gott zerstört. Welche das Logik ist, weiß nur Chi selbst.

Wie auch immer: Den Anfang macht Harald als erstes Opfer, das ist ja irgendwie naheliegend. Aber der Gott fordert Ströme von Blut, Ströme, die nur ein Krieg erzeugen kann. Chi begibt sich zu einem Limburger Waffenfabrikanten, um ihm eine Ladung Nickeleisen anzubieten, die gerade in der Gegend herumliege…

Cargo Kult

Die Logik, die Dr. Chi ständig so unfundiert bemüht, könnte vom Cargo Kult der Südsee-Insulaner herrühren. Wo schon in der Biografie erwähnt, besuchte der Autor Samoa und die umliegenden Inseln. Die Cargo-Kulte entstanden im 19. Jahrhundert, konnten also gut auch im deutschen Bismarck-Archipel heimisch sein. Die Wikipedia-Karte von Melanesien zeigt eine von Neu-Guinea bis nach Fidschi reichende Zone: „Es handelt sich um eine politische, religiöse Bewegung aus Melanesien. Die Gläubigen leben von der Erwartung der durch symbolische Ersatzhandlungen herbeigeführten Wiederkehr der Ahnen, die westliche Waren mit sich bringen sollen.“

„Der Kult hat seine Wurzeln in der Begegnung von Melanesiern und Europäern, die neuartiges und ‚wunderbares‘ Frachtgut (Englisch: cargo) in ehemals isolierte melanesische Kulturen brachten, und ist als Reaktion auf die teilweise radikalen sozialen Veränderungen durch Missionierung und Kolonialherrschaft zu betrachten. Beobachtet und dokumentiert wurde das Auftreten erstmals Ende des 19. Jahrhunderts.“ (Wikipedia)

„Der Begriff ‚Cargo-Kult‘ ist demnach ein im Nachhinein verallgemeinernder Begriff und keine eigenständige Bewegung. Er wurde lange als typisch melanesisches Phänomen betrachtet, doch nach neueren Forschungen kamen Cargo-Kulte schon zu früheren Zeiten und auch in Afrika, Europa, Nord- und Südamerika, China und Japan vor.“

„Die Mansren-Koreri-Bewegung war gleichzeitig die längste Cargo-Bewegung, denn sie ereignete sich in den Jahren zwischen 1857 und 1901. Der Kult hielt sich etwa 44 Jahre lang. Propheten verkündeten in dieser Zeit mehrfach die Ankunft des Kult-Idols Mansren, der die Welt erschaffen habe, um dann in den „Westen“ zu verschwinden. Aus dieser Richtung würden die ersehnten Cargo-Güter kommen.“ (Wikipedia)

Zazels Herkunft

Im Gegensatz zu Heilsbringern wie Mansren steht jedoch der böse Dämon Zazel, den Chi ausbuddeln lässt und mit Blut tauft. Sein ausgefallener Name geht wahrscheinlich auf ein frühes symbolisches Gedicht des englischen Mystikers William Blake (1757-1827) namens „Tiriel“ aus dem Jahr 1789 zurück. Tiriel ist ein Tyrann, der einen seiner Brüder, Zazel, in einer Höhle in den Bergen ankettet. ((https://en.wikipedia.org/wiki/Tiriel_(poem))) Das passt ja zum Hügel im Pfaffenwäldchen.

Zazel könnte bei Blake symbolisch für einen ausgestoßenen Genius stehen. Sein Name wurde aber wohl dem antiken Schriftsteller Agrippa entnommen, wo Zazel mit dem Saturn und dem Element Erde (gemäß den vier antiken Elementen Erde, Feuer, Wasser und Luft) assoziiert wird. Da der Autor Willy Seidel klassisch gebildet war – siehe die Biografie -, sind diese Verbindungen keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Zazel könnte entsprechend den Kenntnissen Seidels auch eine Abwandlung des hebräischen Wortes „Azazel“ sein, das im Buch Leviticus auftaucht, und dort als „Sündenbock“ übersetzt wird. Das passt aber wenig zum satanischen Wesen des bösen Saturn-Dämons.

Sturmbringer

Die Ausgrabung des vom Saturn gekommenen Meteoriten und seine Bluttaufe sind Erweckungshandlungen an einem Gott, der den Sturm bringt und Blut ernten will. In diesem symbolisch verschlüsselten Sinne kritisierte der Autor anno 1923 die Kriegstreiber und -gewinnler, namentlich die Waffenfabrikanten. Dass die Gefahr wohl nicht vorüber ist, macht er ebenfalls klar: Mit der Veröffentlichung anno 1923, fünf Jahre nach dem Krieg, warnt er vor dem nächsten. Es dauerte dann ja nur 16 Jahre, bis der nächste Weltkrieg ausbrach.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Louis Friedemann Thiele spricht den unerfahrenen, naiven und schnell hypnotisierten Jüngling Harald von Calmus. Nach anfänglicher Initiative wird Harald zunehmend zum Opfer, und der Sprecher bemüht sich, ihn nicht als völlig hirnlos darzustellen, was ihm auch gelingt.

Horst Naumann spricht den Reichsfreiherrn und Gruselkabinett-Urgestein Dagmar von Kurmin die ebenso besorgte Reichsfreifrau des problematischen Sprösslings. Ich fragte mich, wie die beiden betagten Herrschaften zu einem so jungen Nachkommen gelangt sind, der durchaus ihr Urenkel sein könnte.

Die schwerste Aufgabe hat Matthias Lühn übernommen, denn er spricht den Chinesen Dr. Chi (der im Booklet Dr. Sze genannt wird). Lühn muss seine Stimme in ungeahnten Höhen schrauben, dass man glauben könnte, sie gehöre einem Kastraten. Der Effekt ist jedoch der gewünschte: Dr. Chi wirkt undurchsichtig und trotz seiner Freundlichkeit unnachgiebig.

Über die Nebenfiguren gibt es nur wenig zu sagen. Lediglich der Hausarzt, gesprochen von Bodo Primus, fällt auf, weil er sein letztes Wort oder Phrase immer wiederholt – so als wäre er sein eigenes Echo. Mit solch einfachen Mitteln kann man eine Rolle also auch bemerkenswert gestalten.

Geräusche

Eine schier unglaubliche Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Im Wald sind zahlreiche Geräusche wie etwa Blätterräuschen und Vogelgezwitscher detailreich (also in hoher Auflösung) eingefangen.
Papierrascheln, Hundeknurren, klappernde Teetassen, knisterndes Kaminfeuer – all diese Samples setzt die Tonregie zur Genüge ein, um einer Szene eine Fülle von realistisch klingenden Geräuschen für Interieurs wie auch Außenszenen zu vermitteln.

Ob man bei dem, was der Metallkopf von sich gibt, von einer Stimme oder einem Geräusch sprechen kann, darüber sollen sich andere Leute den Kopf zerbrechen. Ich würde es als ein Zwischending zwischen Brüllen und Grollen bezeichnen.

Die Musik

Die häufig orchestral instrumentierte Hintergrundmusik steuert die Stimmung des Zuhörers, beispielsweise durch tiefe Bässe oder schräg klingende Dissonanzen. Am Anfang, als Harald sich befreit in den Wald begibt, erklingen idyllische Harfen und Flöten – sicherlich hüpfen gleich die süßen Elfen aus dem Unterholz hervor. Doch die Vertreibung aus dem Paradies folgt auf dem Fuße: Drei Blutstropfen fallen auf ihn. Von da an wird die Stimmung zuerst traumhaft, schließlich die eines Alptraums, der kein Ende zu nehmen scheint: dem Gong des Chinesen folgt das tiefe Brüllen des metallenen Dämons. Erst im Epilog endet der Alptraum.

Das Booklet

Im Booklet sind die Titel des GRUSELKABINETTS bis zum Herbst 2018 sowie die verfügbaren Titel der SHERLOCK HOLMES Reihe verzeichnet. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf.

Ab Frühjahr 2018

Nr. 132/133: Sweeney Todd 1+2
Nr. 134: Willy Seidel: Das älteste Ding der Welt
Nr. 135: Amyas Northcote: Brickett Bottom
Nr. 136: H.G. Wells: Das Königreich der Ameisen
Nr. 137: Robert E. Howard: Aus finsterer Tiefe

Ab Herbst 2018

Nr. 138: Lovecraft: Die Ratten in den Wänden
Nr. 139: Poe: Der Rabe
Nr. 140: M. R. James: Runenzauber
Nr. 141: Julian Osgood Field: Der Judas-Kuss
Nr. 142: Rudyard Kipling: Das Zeichen der Bestie
Nr. 143: Grant Allen: Der Wolverden-Turm

Unterm Strich

Von Action kann ebenso wenig die Rede sein wie von Romantik. Die Anziehungskraft des Hörspiels beruht vor allem auf der rätselhaften Handlung, die eine Art Sog erzeugt. Doch was Lovecraft mit der „Farbe aus dem All“ geschafft hat, das fehlt: kein kosmisches Grauen erfasst den Hörer, sondern eher die mitempfundene Furcht vor dem zunehmend lauter grollenden und brüllenden Gott Zazel, der Blutopfer fordert. Dass diese Opfer sich zunächst nur auf Harald beschränken, mutet etwas sehr begrenzt an, so als hätte der Dämon mehr verdient, ähnlich wie bei Lovecraft. Der Epilog beim Waffenfabrikanten entschädigt dafür: Der Weltkrieg – ganz gleich, mit welcher Nummer – wird Ströme von Blut fließen lassen, die Zazel befriedigen dürften.

Zwielichtig

Was die meisten Hörer verwirren dürfte, ist die zwielichtige Erscheinung des Chinesen. Tritt Chi zunächst freundlich auf, so zwingt er Harald bald unter seinen Willen, erst mit Hypnose, dann mit Drogen. Dabei behält er stets seine freundliche Sprechweise bei, so dass man ihn für einen der Guten halten könnte. Er ist alles andere als das, sondern ein Agent des Bösen. Er gibt Harald offenbar Cocablätter zu kauen und beutet ihn skrupellos aus, um den metallenen Dämonenkopf, den Meteoriten, freizulegen, dann opfert ihn dem fremden Kriegsgott. Das freundliche Auftreten dieser Loki-Gestalt verhilft ihr auch beim Fabrikanten zum Erfolg: Aus dem Meteoreisen werden schon bald Kanonen gegossen, die Tod und Verderben bringen – mehr Ströme von Blut für den Kriegsgott, quasi in einer Art Götterdämmerung der europäischen Großmächte.

Ein Chinese

Warum ausgerechnet ein Chinese? Anders gefragt: Warum nicht? Die Chinesen sind eine uralte Kultur, und Chi weist mehrfach auf „uralte Handschriften der Weisen“ hin. Man weiß beispielsweise von astronomischen Aufzeichnungen über die Supernova des Jahres 1054, die den Krebs-Nebel entstehen ließ. Vielleicht hat ein Chinese des Jahres 1900 genügend Grund, sich an den ausländischen Besatzern – u.a. das deutsche Kaiserreich – zu rächen, die sein Vaterland seit Jahrzehnten ausbeuten und die Bevölkerung unterdrücken. Dieser Zustand führte zum Opiumkrieg und zu den Boxeraufständen, die zahlreiche Opfer forderten.

Mehr Informationen dazu liefern die Wikipedia und das Buch „Sechs Pflanzen verändern die Welt“ von Henry Hobhouse (siehe meinen Bericht). Ein Rachemotiv zu vermuten, erscheint also keineswegs abwegig. Der Krieg ist einfach nach Hause gekommen. Der Autor Seidel hat dafür aber eine recht ausgefeilte Metapher gefunden, die seine Aussage spannend und anrührend vermittelt.

Das Hörspiel

Das Hörspiel gehört zu den längsten, die das Gruselkabinett je auf eine einzige CD gepresst hat: 88 Minuten erfordern eine Menge Sitzfleisch. Da sich die Handlung auf mehrere Phasen verteilt, muss der Hörer auch ein entsprechendes Aufnahmevermögen mitbringen, was leider in der MTV-Generation nicht mehr jedem gegeben ist. Wenigstens beschränkt sich das übersichtliche Personal im Wesentlichen auf zwei Rollen, nämlich Harald und Dr. Chi.

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für spannende Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars Clooney und Malkovich vermitteln das richtige Kino-Feeling.

Hörspiel: Länge: 88 Minuten
ISBN-13: 9783785756526

www.titania-medien.de

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