Amyas Northcote – Brickett Bottom (Gruselkabinett 135)

Gruselige Landidylle: Ein Mädchen verschwindet

Der betagte Reverend Arthur Maydew tauscht die Gemeinde mit einem Kollegen auf dem Lande. Seine unverheirateten Töchter Alice und Maggie begleiten ihn und nutzen die Zeit, um die idyllische Gegend zu durchstreifen. Bei einem ihrer Spaziergänge sehen sie in der Ferne ein einsam gelegenes Backsteinhaus, das eine der Töchter magisch anzuziehen scheint… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörspiel ab 14 Jahren.

Der Autor

Amyas Northcote (1864–1923), geboren in Devonshire, war ein englischer Schriftsteller. Als 7. Sohn des adligen Schatzkanzlers des Premierministers Disraeli konnte er durchaus Friedensrichter werden: in Buckinghamshire. Er verbrachte eine gewisse Zeit in Chicago, wo er 1890 Helen Dudley heiratete und mit ihr dortselbst zwei Kinder großzog. Northcote war Investmentbanker und wohlhabend. Die Volkszählung von 1911 berichtet, dass er in einem Landsitz in Berkhamsted lebte, der über 19 Räume verfügte.

Er schrieb Geistergeschichten in der Tradition von M.R. James, die 1921 in seinem einzigen Buch „In Ghostly Company“ zwei Jahre vor seinem Tod veröffentlicht wurden. Es wurde 2010 neu aufgelegt und ist bei Amazon als E-Book verfügbar. Mehr Info: http://wordsworth-editions.com/author/northcote-amyas

Die Sammlung umfasst folgende Erzählungen:

1. `Brickett Bottom‘
2. `Mr. Kershaw and Mr. Wilcox‘
3. `In the Woods‘
4. `The Late Earl of D.‘
5. `Mr. Mortimer’s Diary‘
6. `The House in the Wood‘
7. `The Young Lady in Black‘
8. `The Downs‘
9. `The Late Mrs Fowke‘
10. `The Picture‘
11. `The Governess’s Story‘
12. `Mr Oliver Carmichael‘

Montague Summers nahm „Brickett Bottom“ 1931 in seine klassische Auswahl „THE SUPERNATURAL OMNIBUS“ auf.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen:

Bodo Primus: Rev. Roberts, der Erzähler
Horst Naumann: Rev. A. Maydew
Daniela Bette: Maggie
Reinhilt Schneider: Alice
Dagmar von Kurmin: Mrs. Paxton
Rolf Berg: Gärtner Smith
Thomas Balou Martin: Mr. Rumbold

Die Macher

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden bei Titania Medien Studio, Make Music! und den Planet Earth Studios statt. Die Titelillustration trug Ertugrul Edirne bei.

Handlung

Im Jahr 1825 nimmt der 75-jährige Reverend Arthur Maydew das Angebot seines Kollegen Reverend Roberts an, mit ihm die gemeinde zu tauschen. Maydew bittet seine zwei unverheirateten Töchter Alice und Maggie um ihre Zustimmung. Alice, die naive, unerfahrene Jüngere, ist enthusiastisch, doch Maggie, die erfahrenere Ältere, wird das gesellschaftliche Leben vermissen, befürchtet sie: Worcestershire, wo Rev. Roberts lebt, liegt praktisch am Rande der bewohnten Welt. Aber ihr Vater hofft auf Besserung seiner angeschlagenen Gesundheit, die von der schlechten Stadtluft herrührt, die er täglich atmen muss. Das stimmt Maggie um.

Schon am Freitag eine Woche später geht die Reise los. Reverend Roberts begrüßt die Familie freundlich. Maggie bemerkt, wie einsam das Haus des Pfarrers liegt, abseits vom Dorf Overberry. Auf dem Rasen hinterm Haus kann man zwar ausgezeichnet Krocket spielen, doch die langen Spaziergänge ziehen die Schwestern vor. Während ihr Vater Roberts‘ Bibliothek durchackert, erkunden die Schwestern das Land.

Eines Abends im August erspäht Alice das Backsteinhaus in Brickett Bottom. Maggie sieht es nicht, denn sie ist kurzsichtig. Aber dass Alice Lichter und Rauch aus dem Schornstein sieht, glaubt sie ihr. Noch am gleichen Abend verstaucht sich Maggie den Fuß, als sie die Treppe zum Obergeschoss hinaufgehen will. Das bedeutet das Ende der gemeinsamen Wanderungen, denn Maggie muss das Bett hüten.

Alice berichtet ihr, welch netten Bewohner sie in dem Backsteinhaus kennengelernt hat: ein altes Ehepaar. Mrs. Paxton schnitt die Rosen und der Oberst saß auf der Veranda. Sie luden Alice zum Tee ein. Seltsam, dass Rev. Roberts diese Leute nie erwähnt hat, wundert sich Maggie besorgt. „Was soll mir denn schon passieren?“, fragt Alice. Auch am nächsten Tag besucht sie das Haus der Paxtons.

Doch sie kehrt nie wieder zurück…

Mein Eindruck

Mit ihrem Schauplatz, der scheinbar so friedlichen Landidylle, lullt die Geschichte den Hörer erst ein. Doch als Alice nicht wieder zurückkehrt und jegliche Suche von Gärtner, Bauern und Polizisten erfolglos verläuft, beschleicht den Hörer ein leichtes Schaudern. Schließlich kehrt auch Rev. Roberts zurück und bringt allerlei beunruhigende Kunde: Das Backsteinhaus hat es schon seit sechzig Jahren nicht mehr gegeben. Der lokale Großgrundbesitzer hat es nämlich nach dem Kauf von einem Erben sofort abreißen lassen.

Gerüchte, nur Gerüchte

Diesem Verkauf müssen furchtbare Ereignisse vorausgegangen sein, so munkelt man im Dorf, sagt Roberts. Der Oberst diente tatsächlich in Indien, doch er machte sich zahlreiche Feinde im Dorf, als er sich als gewalttätiger Sadist entpuppte. So kam er der heimlichen Verlobung seiner einzigen Tochter mit einem jungen Mann auf die Schliche, woraufhin die Tochter wenig später starb. Mrs Paxton segnete drei Monate später das Zeitliche, der Oberst folgte vier Wochen später. Der einzige Erbe hielt es nur eine Nacht lang aus, in der sich sein Haar schlohweiß färbte, und verkaufte das Haus zu einem Spottpreis an den Lord.

Verschwinden

Doch seitdem seien immer wieder junge Frauen in dieser Gegend spurlos verschwunden, raunt Rev. Roberts ominös: eine junge, zugereiste Assistentin des Lords, eine junge Frau aus dem umherziehenden Volk, nur eben keine Leute aus der Gegend, denn die wissen über Brickett Bottom Bescheid. Maggie macht sich schwere Sorgen um Alices Seele: einem Sadisten in die Hände zu fallen, der womöglich die eigene Tochter auf dem Gewissen hat, gehört zu den schlimmsten Schicksalen, die sie sich vorstellen kann.

Wahrnehmung

Bemerkenswert aber ist die Wahrnehmung der Gefahr. Nur Alice kann das Backsteinhaus der Paxtons sehen, Maggie aber nicht. Als sie mit ihrem Vater vom Gärtner Smith zu der Stelle gefahren wird, können nur sie und ihr Vater Alices Hilferufe vernehmen, Smith jedoch nicht. Denn die Kommunikation läuft offenbar auf rein seelischer Ebene ab. Und so wird auch erklärlich, dass Alice zuletzt von einem Landarbeiter gesehen wurde, als sie einen entrückten Gesichtsausdruck trug, fast als ob sie hypnotisiert worden wäre.

Warnt hier der Autor im Jahr 1921 sein Publikum vor den aktuellen Gefahren der Hypnose, indem er ein Beispiel aus dem Jahr 1825 anführt? Wohl kaum, denn die Welle des Spiritismus, die mit Madame Blavatskys Wirken Ende der 1880er Jahre begann, muss bis 1921 schon längt verebbt sein. Andererseits hat Northcote bewusst in der Manier von M.R. James geschrieben, dessen Studienfreund er war. James erfand die moderne Geistergeschichte, denn er versah sie mit einer klaren Aussage: Geister sind Erinnerungen an die Vergangenheit, die nach Aufklärung und Erlösung verlangen.

Northcote wollte die Paxtons demnach wohl als warnendes Beispiel an die Damenwelt verstanden wissen, sich vor Sadisten und Mördern, die in Gestalt eines Vaters auftreten, in Acht zu nehmen. Es wäre sehr interessant, die Hintergrundinformationen über den Tod der „abtrünnigen“ Paxton-Tochter zu erhalten. Aber auch die täuschende Doppelbödigkeit der Paxtons ist nicht zu übersehen. Die alte Dame ist nett und scheint harmlos, als sie mit der naiven Alice plaudert. Doch der Oberst lauert im Hintergrund, sein Gesicht liegt im Schatten, eine latente Gefahr.

Darüber, welchen Reiz dieses Paar auf die unerfahrene Alice ausübt, kann man nur spekulieren: Sucht sie eine behütende Mutterfigur, da sie selbst ja mutterlos aufwuchs? Nun erweist es sich als verhängnisvoll, dass die ältere, erfahrenere Maggie, Alice nicht vor dem Gang in die Geisterwelt bewahren kann. Wie gesagt: Dieses Schicksal widerfährt nur jungen Frauen, die nicht aus der Gegend sind und deren Geschichte nicht kennen. Brickett Bottoms gibt es überall.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Bodo Primus: Reverend Roberts, der Erzähler
Horst Naumann: Rev. A. Maydew
Daniela Bette: Maggie
Reinhilt Schneider: Alice
Dagmar von Kurmin: Mrs. Paxton

Die Senioren

Es ist bemerkenswert, dass entweder recht junge Figuren auftreten – die beiden Schwestern – oder recht alte. (Ich ignoriere dabei den Bauern Rumbold und den Gärtner Smith, die nur kurz auftreten.) Die beiden Reverends zählen zu letzteren Rollen, aber auch die freundliche Mrs. Paxton. Sie wird von Dagmar von Kurmin gesprochen, einem Urgestein des „Gruselkabinetts“. Niemand kann sich vorstellen, dass sie ein Geist sein könnte. Sicher nicht der 90-jährige Horst Naumann (Traumschiff“), der den Reverend Maydew spricht und neben dieser Dame auf dem Foto lächelt, das auf der Rückseite des CD-Einlegers abgebildet ist. Auch nicht Bodo Primus, der als Rev. Roberts aus unerfindlichen Gründen auch als Erzähler fungiert.

Die Schwestern

Das wichtigste Sprecherpaar sind Daniela Bette als misstrauische Maggie und Reinhilt Schneider als naive Alice. Eigentlich soll Maggie, ausgestattet mit tieferer Stimme und höherem Verstand, als Mutterersatz auf die „kleine“ Alice aufpassen, doch der verstauchte Fuß verhindert, dass sie ihre Aufpasserfunktion erfüllt. Außerdem ist sie zu selbstkritisch und nennt sich „kurzsichtig“ statt genau hinzusehen, was Alice das als Illusion erblickt.

Alice erinnert durch ihren Namen sofort an die doppelbödigen Märchen von Lewis Carroll alias Lewis Dodgson, einem Mathematiker. Sie nimmt alles, wie es ist und sich anbietet, ganz besonders, wenn es ein freundliches Gesicht trägt und sie zum Tee einlädt. Sie ist reines, unschuldiges Gefühl, denkt aber nicht nach. Das wird ihr zum Verhängnis. Schneider spricht sie genau richtig, also nicht etwa als Dummchen, sondern als romantische Schwärmerin. Sie geht nicht sofort ins Paxton-Haus, sondern erst nach Rücksprache mit Maggie. Aber sie kann den Bann, der auf ihr liegt, nicht abschütteln. Das enthebt sie jeglicher Schuld. Die letzte Äußerung, die wir von ihr hören, ist nicht etwa der vergebliche Hilferuf nach Maggie, sondern ein Lachen.

Geräusche

Eine große Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Das idyllische Land macht sich lautstark und vielfältig bemerkbar. In Worcestershire zwitschern die Vögel, was die kleinen Lungen hergeben, wiehern die Pferde und rauschen die Bäume. Schritte erklingen nicht mehr auf Parkettboden oder Kopfsteinpflaster, sondern auf gestreutem Kies in der Auffahrt. In den einführenden Szenen hingegen sind Papierrascheln, klappernde Teetassen, knisterndes Kaminfeuer und eine Standuhr zu vernehmen – all diese Samples setzt die Tonregie zur Genüge ein, um einer Szene eine Fülle von realistisch klingenden Geräuschen zu vermitteln. Der Kontrast zwischen Stadt (Maggie) und Land (Alice & Co.) ist recht reizvoll und deutlich herausgearbeitet.

Interessant ist der Einsatz von Hall, wann immer die verschwundene Alice nach Maggie und ihrem Vater ruft. Sie tut dies mehrmals, und es ist jedes Mal sehr anrührend.

Die Musik

Die Geschichte beruht vor allem auf der zunehmend unheimlicher werdenden Stimmung. Das macht die Musik zu einem zentralen Instrument, um die Stimmung des Zuhörers zu beeinflussen. Das Intro kündigt bereits unheimliche Ereignisse an, doch die heimelige Szene im Pfarrhaus von Rev. Maydew straft diese Andeutung – zunächst – Lügen. Alles lässt sich bestens an, und die Musik schwelgt ab dem Umzug nach Overberry in idyllischer Romantik. In der Szene mit der Sichtung des Paxton-Hauses wird die Musik unheimlich und erzeugt Spannung: Wo kann hier nur die Gefahr liegen? Nun setzt die Musik bereits auf tiefe Bässe und sogar auf Chöre. Der Ausklang wird von elegischen Kadenzen bestritten.

Das Booklet

Das Titelmotiv zeigt die Szene, in der sich die beiden Maydew-Geschwister erstmals das rote Haus in Brickett Bottom erblicken. Sie sind viktorianisch statt im Regency-Stil von 1825 gekleidet und sehen wie untadelige junge Damen aus – Pfarrerstöchter eben. Doch beide erwartet ein trauriges Schicksal…

Im Booklet sind die Titel des GRUSELKABINETTS sowie der SHERLOCK-HOLMES-Reihe verzeichnet. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf.

Ab Frühjahr 2018

Nr. 132/133: Sweeney Todd 1+2
Nr. 134: Willy Seidel: Das älteste Ding der Welt
Nr. 135: Amyas Northcote: Brickett Bottom
Nr. 136: H.G. Wells: Das Königreich der Ameisen
Nr. 137: Robert E. Howard: Aus finsterer Tiefe

Ab Herbst 2018

Nr. 138: Lovecraft: Die Ratten in den Wänden
Nr. 139: Poe: Der Rabe
Nr. 140: M. R. James: Runenzauber
Nr. 141: Julian Osgood Field: Der Judas-Kuss
Nr. 142: Rudyard Kipling: Das Zeichen der Bestie
Nr. 143: Grant Allen: Der Wolverden-Turm

Unterm Strich

M.R. James hätte seinem Kollegen Northcote, dem Autor, sicherlich applaudiert. „Brickett Bottom“ ist stilsicher an James‘ eigenen stimmungsvollen Geistergeschichten ausgerichtet und sendet die gleiche Botschaft: Die Sünden der Vergangenheit sind nicht getilgt, sondern wirken weiterhin verhängnisvoll fort, bis sie getilgt werden. Alice Maydew ist nur ein weiteres Opfer in einer Reihe junger Damen, die die Paxton-Gespenster auf dem Gewissen haben. Man fragt sich, warum Rev. Roberts seinen Kollegen nicht vor dieser Gefahr gewarnt hat. Er war wahrscheinlich zu sehr mit dem Umzug in die ferne Stadt beschäftigt.

Durch eine fein dosierte Verabreichung von Informationshäppchen erzeugt der zurückgekehrte Roberts gegenüber Maggie und ihrem Vater zunehmende Furcht vor dem, was der verschwundenen Alice zugestoßen sein könnte. Die Erwähnung des mörderischen Sadisten Paxton, eines Offiziers aus Britisch-Indien, bringt das Fass schließlich zum Überlaufen. Jeder Zuhörer kann sich selbst einen Reim darauf machen, was ihm der Autor hier sagen will. Es ist festzuhalten, dass die Opfer der beiden Geister stets Ortsfremde sind, die sich der Gefahr nicht bewusst sind und meinen, auf dem Lande gäbe es nur Unschuld und Idylle. Für ihre naive Schwärmerei bezahlen sie mit dem Verschwinden.

Da keinerlei nennenswerte Action zu verzeichnen ist, wird das Hörspiel ganz von der Stimmung bestritten, die die Musik und der Kontrast zwischen Stadtmenschen und Land-Horror erzeugen. Die Stimmung wird zunehmend unheimlicher, bis Rev. Roberts Informationshäppchen richtigen Grusel erzeugen.

Das Hörspiel

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Stimmen wie Dagmar von Kurmin, Bodo Primus oder Horst Naumann sind deutschen Filmfreunden von zahlreichen amerikanischen und britischen Darstellern oder aus deutschen TV-Serien wie „Das Traumschiff“ (Naumann) bekannt.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling. Für Sammler ist die Reihe inzwischen ein Leckerbissen.

CD: Länge: über 51 Minuten
Originaltitel: Brickett Bottom, 1921
ISBN-13: 9783785756263

www.Titania-Medien.de

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