Gemmell, David – Im Zeichen des dunklen Mondes

Dies ist ein spannender, wenn auch nicht unbedingt mitreißender Fantasy-Action-Roman. Es geht um Wahrheit, Menschlichkeit, Liebe, Hass und Versöhnung. Im Mittelpunkt steht die Frage: Gibt es eine biologische und soziale Notwendigkeit bzw. Rechtfertigung für Gewalt und Krieg?

_Der Autor_

David Gemmell (geb. 1948), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde ab 1984 er mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.

Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.

_Handlung_

Der Schwertkämpfer Tarantio begibt sich nach verlorener Schlacht in die große Stadt Corduin, eine der vier Hauptstädte im Land, die, in wechselnden Allianzen, miteinander im Krieg liegen. Seit sieben Jahren kämpft man um den Besitz der kostbaren Perle der Eldarin, eines verschwundenen Volkes friedliebender Elfenwesen. Tarantio macht es sich mit seinem etwas zurückgebliebenen Gefährten Brune gemütlich. Leider ist er eine schizophrene Persönlichkeit: Dace, der wilde und rachsüchtige Teil von ihm, lässt ihn immer wieder in Streit geraten. Schon bald darf er sich auf ein Duell freuen.

Herzog Sirano von Prentuis hat das Geheimnis der Perle in seinem Besitz mittels Magie gelüftet und den Bann, den sie speichert, aufgehoben. Als Folge dessen löst sich das Gefängnis um die Welt der von den Eldarin verbannten fremdartigen, brutalen Daroths auf: Sieben ihrer Städte erscheinen in der Welt der Menschen. Die Daroths, die sich mittels Telepathie verständigen, sind praktisch unsterblich, denn alle zehn Jahre wird ein Daroth durch eine jüngere Version ersetzt. Kein Wunder, dass sie für so kurzlebige Wesen wie die Menschen nur Verachtung übrig haben: Sie essen sie und nehmen ihr Land.

Tarantios friedliche Tage sind gezählt. Als die Feldherrin Karis, deren Truppen ihn besiegten, in Corduis auftaucht und bekannt wird, dass die Daroth die Stadt bedrohen, wird er von Karis und dem Herzog Albreck kurzerhand eingezogen, ebenso wie sein Duellgegner Vint. Corduis erfährt vom Untergang der Stadt Prentuis und dem Verschwinden Herzogs Sirano, macht sich selbst für die Belagerung bereit. Tarantio begegnet dem Harfner und Heiler Duvodas, der eine alte magische Gabe des Oltor-Volkes, das von den Daroth vernichtet worden war, geerbt hat: Seine Musik heilt und bringt Wohlstand. Als Tarantios Freund Brune vom Geist eines Oltor besessen wird, weist dieser den Weg zur Rettung vor den Daroth. Doch diese liegt nicht in Waffen und List, sondern in der Magie und dem Glauben an Frieden und Liebe.

Als die Daroth-Armee vor den Mauern von Corduis auftaucht, haben deren Bewohnern und Soldaten einige Überraschungen bereit, aber auch Duvodas ist nicht untätig. Er reitet direkt in die Hauptstadt der Daroth …

_Mein Eindruck_

Gemmell stellt uns zwei alternative Gesellschaften vor. Am Schluss versucht er eine versöhnliche Antwort zu geben. „Im Zeichen des dunklen Mondes“ ist ein stellenweise fast schon nachdenklich erscheinender Fantasyroman. Doch die Figuren (außer den „Pazifisten“) ergehen sich nicht in langen Monologen, sondern setzen ihre jeweiligen Überzeugungen ohne Zögern in die Tat um. Actionfans kommen hier also voll auf ihre Kosten. So weit so schön, fast wie in der Drenai-Saga.

Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen, und das sind bezeichnenderweise jene Figuren, die durch die Liebe verändert werden: Tarantio, Duvodas, Karis. Und hier kommen dann die Erotikfans voll auf ihre Kosten, denn entsprechende Szenen gibt es hier reichlich.

Doch Liebe muss nicht immer Segen bringen: Ihre Kehrseite ist der Hass, und von dem ist Duvodas erfüllt, als seine schwangere Frau Shira von den Daroth getötet wird. Duvodas wird erst wieder menschlich, als er Jahre später seinen tot geglaubten Sohn wiederbekommt – ausgerechnet von den Daroth. Gemmell zeigt hier, dass er nicht auf einem Auge blind ist, wie so viele Autoren von heroischer Fantasy und anderen romantischen Genres. Vielmehr schaut er den Tatsachen ins Gesicht und konfrontiert den Leser mit der ungeschminkten Wirklichkeit des Lebens.

Das Titelbild ist wie fast immer bei dieser Reihe sehr gelungen, obwohl es schon etwas älter ist: Es zeigt eine weibliche japanische Samurai, wie man sie sich in den achtziger Jahren vorstellte. Tatsächlich war dies die Illustration zu „Tomoe, die Samurai“, einem Fantasyroman, der ebenfalls bei |Bastei Lübbe| erschien. Jedem Kapitel ist die kleine Vignette eines Mondes vorangestellt – ein reizvolles optisches Element. Insgesamt hat mich die Lektüre sehr zufriedengestellt.

|Originaltitel: Dark Moon, 1996|