Martin Suter – Lila, Lila

Lob der wahren Autorenschaft

Um von seiner Angebeteten beachtet zu werden, gibt ein junger Autor ein in einem Second-Hand-Möbel gefundenes Romanmanuskript als sein eigenes Produkt aus. Womit er nicht gerechnet hat: Sie findet die Geschichte toll und schickt sie an einen Verlag, der das Buch auch prompt veröffentlicht und zu einem Bestseller macht. Schön, dass sich Marie in ihn verliebt, aber mit dem Erfolg beginnen die Probleme …

Der Autor

Martin Suter, geboren 1948 in Zürich, lebt mit seiner Frau in Spanien und Guatemala. Er war Werbetexter und erfolgreicher Werber, ein Beruf, den er immer wieder durch andere Schreibtätigkeiten ergänzt oder unterbrochen hat, u. a. für zahlreiche Film- und Fernsehdrehbücher. Seit 1991 arbeitet er als freier Autor, seit 1992 schreibt er die wöchentliche Kolumne „Business Class“ in der „Weltwoche“. Im März 2004 erhielt er die Goldene Diogenes Eule für eine Million verkaufter Bücher.

Bei HörbucHHamburg sind bereits seine Romane „Ein perfekter Freund“, gelesen von Sebastian Koch, „Die dunkle Seite des Mondes“, gelesen von Heikko Deutschmann, und „Small World“, gelesen von Dietmar Mues, erschienen.

Der Sprecher

Daniel Brühl, geboren und aufgewachsen 1978 in Barcelona, ist meiner Ansicht nach einer der besten Schauspieler seiner Generation. Er war bereits in zahlreichen Kinofilmen zu sehen und wurde dafür mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, so etwa für „Good bye, Lenin“. Zuletzt trat er neben August Diehl, auch so einem herausragenden Darsteller, in „Was nützt die Liebe in Gedanken?“ auf, sowie in „Die fetten Jahre sind vorbei“. Demnächst wird er in der britischen Produktion „Ladies in Lavender“ neben Judi Dench zu sehen sein, der Übermutter des britischen Kinos. Sie spielte bereits die Chefin von James Bond.

Handlung

David Kern ist gerade mal 23 Jahre alt, jobbt in einem Szenelokal, dem „Eskina“, und trifft dort seine Traumfrau. Marie Berger, 24, hat gerade eine Beziehung mit einem Studenten der „Nationalökonomie“, also einem VWLer, hinter sich und findet an David nichts Besonders. Er ist eben nur ein durchschnittlich freundlicher Kellner. Und seine Clique um den Schriftsteller Ralf Grandt ist wesentlich interessanter für eine Studentin der Literaturwissenschaft. Deshalb wäre David gern auch ein großer Schriftsteller. Nur um Marie zu beeindrucken.

Das ändert sich jedoch, als David in einem alten Nachttischchen, das er einem Händler für Second-Hand-Möbel abgekauft hat, ein Romanmanuskript findet. Es trägt den Titel: „Sophie, Sophie“. Der Autor nennt sich Alfred Duster, sein Held heißt Peter Landweih. Es geht um eine unglücklich endende Liebe in den restriktiven fünfziger Jahren. Kurz nachdem er mit der Sechzehnjährigen geschlafen hat, wird sie von ihrem wütenden Vater in ein Internat in Lausanne verbannt. Sie tauschen zwei Jahre lang über Mittelsleute Liebesbriefe aus. Als Sophie zurückkehrt, ist sie von ihm jedoch enttäuscht und wendet sich anderen Männern zu. Das verkraftet er nicht …

David scannt die Seiten ein und korrigiert die Fehler, druckt das Ganze neu aus und präsentiert es Marie als Eigenproduktion. Der Trick klappt. Konnte sich Marie schon zuvor für David erwärmen und mit ihm schlafen, so kommt sie nun gar nicht mehr von ihm los. Ihre Begeisterung über den Roman veranlasst sie, eine Kopie des Manuskripts an einen Verlag zu schicken. Der deutsche Kubner-Verlag hat mit Karin Kohler eine freie Lektorin, die sofort das Potenzial sieht und einen Bestseller daraus machen will: „Lila, Lila“. Der Plan klappt, auch wenn David zunächst aus allen Wolken fällt. Alle Gelegenheiten, Marie reinen Wein einzugießen, lässt David, der Marie wirklich braucht, verstreichen.

Der siebzig Jahre alte Jacky – mit bürgerlichem Namen Jakob Stocker – liest von David Kerns Erfolg und schmiedet einen Plan. Momentan lebt er noch in einem Zürcher Männerheim und lässt sich abends in den Kneipen von Gästen freihalten, die er mit seinen mehr oder weniger erfundenen Anekdoten zu unterhalten weiß. Er kennt sich mit den Schwächen der Menschen ganz genau aus und weiß sie hervorragend zu manipulieren.

Nach einer der Lesungen in der tiefsten Provinz, die David nun laut Buchvertrag absolvieren muss, als wäre er ein Laufbursche oder Lohnsklave, lässt ein Mann sich sein Exemplar von „Lila, Lila“ als „Alfred Duster“ signieren. Nach der Lesung setzt er sich zu David, Marie und den Buchhändlern. Marie spürt sofort, dass etwas nicht stimmt und fasst eine tiefe Abneigung gegen Jacky, der sich zwischen sie und David drängt.

Schon bald wundert sie sich, dass David Kern, mit 50.000 verkauften Exemplaren ihr bestes Pferd im Stall, plötzlich anfängt, Ansprüche zu stellen und monatliche Abrechnungen zu verlangen. Sogar sein Lesungshonorar von 500 Euro will er erhöht haben. Woher denn plötzlich diese Gier? Sie hat weitreichende Pläne mit David, aber nicht nur aus Eigennutz, sondern auch um bessere Konditionen für Davids nächstes Buch herauszuschlagen. Daher fällt sie aus allen Wolken, als auf dem zentralen Event der Buchindustrie, der Frankfurter Buchmesse, dieser alte Knacker auftaucht und sich als Davids Agent ausgibt. Diesen Job wollte sie selbst haben.

Es kommt zu schweren Auseinandersetzungen an allen Fronten, in denen David keine gute Figur abgibt und sich Marie entfremdet. Die Krise verschärft sich, bis er keine andere Wahl mehr sieht, seinen Erpresser loszuwerden, als zum letzten Mittel zu greifen. Da kommt ihm der Zufall zu Hilfe.

Mein Eindruck

Dies soll kein Unterhaltungsroman sein und auch kein Krimi. Einer der Kritiker meinte, das wäre wohl eine gelungene Parodie auf den Literaturbetrieb, aber ich kannte die Story schon irgendwoher – von einem Amerikaner, glaube ich. Und lachen konnte ich auch nicht. Als Krimi funktioniert die Geschichte auch nur sehr bedingt – es gibt keine Mordopfer. Die Spannung wird erzeugt durch folgende Fragen: Wird Marie den jungen Autor erhören und ihm ihre Liebe schenken (klingt wie ein Groschenroman)? Wird Davids Betrug auffliegen? Und wird er seinen Erpresser umbringen und/oder Marie, weil sie ihn wieder verlässt?

All diese Fragen sind weder neu noch wirklich umwerfend, da sind wir doch schon härteren Stoff gewohnt. Dennoch schafft es der Autor, den Leser oder Hörer für das Schicksal des jungen David Kern zu interessieren. Das aber erfolgt auf einer ganz anderen Schiene als auf denen, die ich oben aufgezählt habe.

Wenn das Leben die Fiktion imitiert

Der Grund für mein Interesse läuft auf die Frage hinaus, ob das Leben die Fiktion imitiert. Ironischerweise ist diese Fiktion selbst vom Leben abgeschaut. Doch von vorne. Das Manuskript „Sophie, Sophie“ weist sehr starke biografische Elemente auf. Das macht schon der erste Absatz klar, der daraus zitiert. Der Held und Ich-Erzähler Peter Landweih fährt mit seinem Motorrad auf einen engen Tunnel zu. Erster und letzter Satz: „Lieber Gott, lass diese Geschichte nicht traurig enden.“

Im Zuge seiner Fahndung nach dem Urheber seines Fundstücks findet David Kern heraus, dass der Verfasser Alfred Duster mit Peter Weiland = Peter Landweih identisch ist. Und Weiland sei mit dem Motorrad verunglückt. Die Fiktion ist also autobiografisch, es gibt keinen Grund, an Weilands Liebe zu einer Sophie zu zweifeln. Und das zwingt David dazu, seinen Betrug fortzusetzen – er kann niemand anderen als Verfasser vorschieben.

Nun erst wird es interessant: Inwieweit wird der Verlaufs von Davids Leben und seine Liebe zu Marie auch das fiktive, biografische Vorbild von Peter & Sophie imitieren? Daher registriert man es mit großer Befriedigung, als sich David am Schluss vor seinen PC setzt und zu schreiben beginnt: „Dies ist die Geschichte von David und Marie. Lieber Gott, lass sie nicht traurig enden.“

Ist dies also ein Statement der Autors? Dass gute Literatur eben nicht gemacht (wohl aber verkauft) werden kann, sondern ihre Motive erst selbst gelebt worden sein müssen? Gelobt sei der wahre, echte, wirkliche und wahrhaftige Autor als Urheber! Dem gegenüber richtet der Betrug, den David nolens volens übt, erheblichen Flurschaden an, öffnet er doch anderen Betrügern Tür und Tor, um an Davids Erfolg zu schmarotzen.

Der Betrug als Institution

Dass dies heutzutage gängige und höchst erfolgreiche Praxis ist, sehen wir an den sogenannten Autobiografien oder Lebenserinnerungen von Promis und Pseudos, die gerade mal die 35 hinter sich haben: Dieter Bohlen, Boris Becker, Stefan Effenberg und wie sie alle heißen. Sie alle haben für das Handwerk („Kunst“ möchte man es nicht bezeichnen) einen Ghostwriter engagiert, der ihre dürftigen Ergüsse in aufregende und sprachlich passende Form bringt. Sozusagen als Marketing mit anderen Miteln.

Ein solches Buch ist ja nur noch eine Output-Form im Medienverbund. Zum „Printmedium“ gehören ja auch Hörbücher, Interviews in der „Bild“, TV- und Radio-Auftritte in Talkshows, Featurettes in irgendwelchen Promi-News-Shows wie „taff“ sowie natürlich Webespots („Dieter kauft bei Makromarkt“). In Martin Suters Augen dürfte dies alles unter die Rubrik „Realsatire“ fallen. Damit dekonstruiert sich der Literaturbetrieb für ernstzunehmende Erzähltalente selbst.

Aufruf

Also, Leute, lasst eure Herzen bluten, die Tastatur glühen und die Festplatte rotieren! Der Rest wird sich finden. Der Rest – das sind solche raren Dinge wie gefühlte und erlebte Wahrheit, auch „Erfahrung“ genannt. In einer Erlebens-Welt, die schon zu 90 Prozent aus Secondhand-Nachrichten und Ersatzbefriedigung wie TV-Glotzen besteht, ist Erfahrung schon fast in Vergessenheit geraten. Hauptsache, der Strom kommt aus der Dose.

Rätsel Marie

Was mich immer noch vor ein Rätsel stellt, ist natürlich das Geheimnis der Evastochter Marie. Warum setzt sie sich in den Kopf, David zum Erfolg zu helfen? Was gibt ihr die Geschichte von Peter und Sophie, dass sie sie unbedingt veröffentlicht sehen möchte? Sie liebt Bücher, schon recht, aber deswegen muss man nicht das (geklaute) Manuskript eines Lovers hinter seinem Rücken zur Publikation einreichen. Und als Folge verliert sie zwar nicht sein Vertrauen, wohl aber seine Zeit – er muss als Lohnsklave im Steinbruch des Verlags malochen.

Der Strichjunge des Erfolgs

Alle wollen Davids Agent sein: Marie, Karin Kohler und natürlich Jacky. So, als ob sie nur einen Strichjungen suchen, um sich als Zuhälter über seinen Erfolg zu freuen und daran teilzuhaben. Diesen bösen Eindruck hat zumindest David, kurz bevor er auszurasten droht. Und wenn er sich weigert, um seine Freiheit zurückzufordern, sind alle auf ihn böse. Nicht zuletzt auch Marie. Sie ist die problematischste Figur in diesem Spiel, denn sie hat es eigentlich nicht nötig, materiell von Davids Erfolg zu profitieren. Sie führt sich vielmehr wie eine Mutter auf, die ihrem Kind – David – zu einem großen Erfolg verhilft und enttäuscht darüber ist, wenn er es ihr nicht dankt. Dass sich ein Abgrund der Unehrlichkeit zwischen den beiden auftut, der von seinem Betrug herrührt, kommt noch erschwerend hinzu.

Der Sprecher

Daniel Brühls Stimme merkt man die langjährige Ausbildung an, deren Früchte man eindrucksvoll in so schönen Szenen wie in „Good bye, Lenin!“ bewundern konnte. Diesmal liest er die Geschichte eines jungen Mannes vor, der seiner eigenen Generationen angehören könnte. Seine Sensibilität ist jedenfalls die gleiche wie bei David. Hier palavert kein Macho daher, sondern ein Typ voller Selbstzweifel, der daher auch gegen Jacky kein schweres Geschütz wie ein Verbrecher auffährt, sondern dem alten Erpresser, dem er möglicherweise seinen Erfolg zu verdanken hat, kaum etwas entgegenzusetzen hat. Erst durch die glaubwürdige Darstellung Brühls erscheint uns dieses Verhalten nicht als Weichei-Larmoyanz, sondern als nachvollziehbare Rücksichtnahme eines Typen, dem übel mitgespielt wird.

Die Kunst der Pause

Ganz wichtig sind in dieser Charakterisierung des David (wie auch der Marie) die Pausen, die das Zögern in Fühlen und Denken anzeigen. David ist sich fast nie seiner selbst sicher, was Marie zunehmend auf die Palme bringt, obwohl sie es am Anfang noch „süß“ fand. Und die Pausen, das Stocken der Rede sind die Signatur des Zögerns und der Unsicherheit. Erst als die Unsicherheit durch Verzweiflung abgelöst worden ist, kann sich David dem Schreiben nicht mehr verweigern. Es ist eine innere Notwendigkeit geworden, nicht mehr ein Trick, um eine Frau herumzukriegen.

Röcheln für die Wahrheit

Brühl spricht an einer Stelle auch den heiseren Jacky, der fast völlig gelähmt in einem Krankenhausbett liegt und dem eine Sprechkanüle im Hals steckt. Ich frage mich immer noch, wie Brühl oder die Technik das hinbekommen haben. Denn es klingt unzweifelhaft echt, wenn „Jacky“ röchelt, um David die Wahrheit zu enthüllen. Wenn es kein Klangfilter ist, der dabei eingesetzt wurde, dann ist es Brühl hervorragend gelungen, seine Stimme zu verstellen. Vielleicht kann er es eines Tages noch mit Rufus Beck, dem Meister aller Klassen, aufnehmen.

Unterm Strich

Suter nimmt den modernen Literaturbetrieb aufs Korn, schon richtig. Nur dass es sich dabei realiter schon um einen Medienverbund handelt. Insofern ist David Kerns Aufstieg und Fall im Strudel des Erfolgs eine Parabel, die schon recht altbacken und ohne Pfiff daherkommt. Überzeugend fand ich lediglich seine ernsthafte und unprätentiöse Schilderung der Liebesbeziehung zwischen David und Marie, die durch Jackys Auftauchen eine erhebliche Richtungsänderung erfährt. Bei diesem Thema von der Liebe Glück und Leid sind Suter doch ein paar eindrucksvolle Szenen geglückt.

Daniel Brühl liest wie der professionelle Schauspieler, der er auch ist. Man muss also das Hörbuch nicht bloß wegen seines bekannten Namens kaufen (obwohl das dem Verlag sicher nicht unrecht wäre). Man kann es auch beruhigt wegen seiner Vortragskompetenz kaufen (oder leihen) und sicher sein, eine gefühlvolle Lesung hören zu werden.

Umfang: 357 Minuten auf 5 CDs
Hörbuch Hamburg