Andrea Maria Schenkel / Norbert Schaeffer – Tannöd

Intensive Atmosphäre des Verhängnisses

Auf dem abgelegenen Tannödhof in der Oberpfalz hüteten die Bewohner ein Geheimnis, von dem einige wussten. Nun liegen sie erschlagen in Stall und Haus: der alte Danner selbst, seine verhärmte alte Frau, die Tochter mit den beiden Kindern, die neue Magd. Ermordet mit einer Spitzhacke. Eine Familientragödie archaischen Zuschnitts und das Porträt einer von Katholizismus und Bigotterie beherrschten bäuerlichen Dorfgemeinschaft, dargestellt in Monologen, Protokollen, Gebeten.

Die Autorin

Andrea Maria Schenkel ist 44 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Regensburg. Für ihren Bestseller „Tannöd“ erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis 2007. Die Lesung von Monica Bleibtreu wurde mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2007 ausgezeichnet. Inzwischen ist ihr zweiter Roman „Kalteis“ erschienen.

Die Sprecher

Zu den 20 Sprechern gehören die bekannten Sprecher Udo Wachveitl, Jörg Hube und Michael Habeck. Des weiteren wirken u. a. Charlotte Bufler, Elisabeth Tscharke und Christa Berndl mit, die ich leider alle nicht kenne. Die Musik komponierte Martina Eisenreich.

Der Regisseur und Bearbeiter

Norbert Schaeffer, geboren 1949 in Saarbrücken, ist ein renommierter Hörspielregisseur. Er studierte Germanistik, Soziologe und Politologie. 1979 bis 1981 machte er eine Ausbildung zum Rundfunkjournalisten beim Saarländischen Rundfunk und arbeitete schließlich als Regieassistent. Von 1984 bis 2006 war er als freier Regisseur und Bearbeiter tätig. Seit März 2006 ist er Leiter der Hörspielabteilung des NDR in Hamburg. Hier hat er u. a. „Schnee“ von Orhan Pamuk inszeniert.

Handlung

Es ist im Jahr 1955, also nur zehn Jahre nach Kriegsende, als die Magd Marie auf den einsamen der Oberpfalz gelegenen Dannerhof, das so genannte Tannöd, kommt. Begleitet wird sie von ihrer Schwester Traudl, die uns davon berichtet. Auf dem Hof leben der alte Danner, seine ältere Gattin, seine erwachsene Tochter Barbara und deren zwei Kinder, das Mädchen Marianne und ihr zweijähriger Sohn Josef. Alles sieht ganz normal aus, aber wenn der Postbote die Tageszeitung bringt, sind nur sehr wenige Menschen, wenn überhaupt jemand, zu sehen. Auch dem Techniker der Landmaschinenfirma fällt auf, dass niemand sich auf sein Rufen meldet. Na ja, es sind sowieso nur geizige Eigenbrötler, die hier leben. Er repariert den Generator trotzdem, meint aber, einen Schatten vorbeihuschen zu sehen, richtig unheimlich. Und dauernd bellt der Hofhund. Das war am Dienstag, den 4. April.

Der alte Danner ahnt etwas von dem ungesehenen Besucher und fragt seinen Nachbarn danach. Aber niemand auf seinem Hof weiß etwas von dem ungebetenen Besucher, der es sich auf dem Dach der Scheune gemütlich gemacht hat. Der Michel hat es auf das Ersparte des Danners abgesehen. Er plant, als Ablenkung von seiner Tat einen Brand zu legen. Doch stattdessen wird er Zeuge ganz anderer Ereignisse …

Der alte Danner hat seit jeher seine Frau geschlagen, so dass sie ihm hörig wurde und nicht mehr aufmuckte. Sogar als sie in die Wehen kam, schickte er sie zum Arbeiten auf den Kartoffelacker. Dort brachte sie die Barbara zur Welt, dass ihr das Blut die Beine hinablief. Als ihre Barbara zwölf Jahre alt war, nahm der Alte sie zum ersten Mal und danach immer wieder. Die einzige Frau, die sich ihm je verweigert hat, war die polnische Fremdarbeiterin Amelie während des Krieges. Aber weil sie nirgendwohin konnte und niemand ihr half, hängte sie sich kurzerhand auf. Der Bürgermeister, auch ein Nazi, versteht sich, soll dem Danner geholfen haben, den Vorfall zu vertuschen.

Der alte Danner fühlt sich wie der Hergott auf seinem einsamen Hof, doch während der Wind durch die Ritzen heult, beten die Frauen im Stall um Erlösung von ihrem Leid. Denn sie wissen, über dem Danner gibt es noch eine höhere Instanz. Der Danner ist schwer von ihrer Beterei genervt. Als der kleine Josef zur Welt kommt, geht die Barbara zum Pfarrer im Bachbarort und lässt ihn als Sohn vom Hauer-Vinzenz eintragen. So hat alles wieder seine Ordnung. Denn der Hauer hat seine Frau vor drei Jahren verloren und nur einen Sohn, den Hansl.

Es ist der Hansl, dem das Brüllen des Viehs auf dem Dannerhof als erstem auffällt. Er benachrichtigt seinen Vater, der seine Nachbarn dazuholt, bevor er den Hof betritt. Als Erstes schauen sie nach, warum das Vieh brüllt. Dabei stolpert einer über etwas im Stroh. Es ist Fuß. Nacheinander entdecken sie den Danner, seine Frau und Barbara im Stroh. Der Hauer-Vinzenz stürmt ins Haus. Dort findet er weitere Tote …

Die Pfarrersköchin sagt, die Toten seien vom Teufel geholt worden. Sie habe ihn genau gesehen, wie er am Waldrand stand und den Hof beobachtete. Ob das wohl die richtige Erklärung für den Mord ist? Die Polizei jedenfalls ermittelt weiter.

Mein Eindruck

Der dramaturgische Ansatz, jede der Haupt- und Nebenfiguren ganz subjektiv zu Wort kommen zu lassen, gewährt dem Hörer Zugang zum Innenleben der Figuren. Das ist ein bedeutsamer Zugang zum Verständnis, wie es zu dieser Verbrechen kommen konnte. Hier sind die Monologe und Gebete ein zentrales Mittel zum Zweck, und hier entfaltet sich die menschliche Tragödie wie ein antikes Verhängnis, um einen Tabubruch zu sühnen: den Inzest Danners mit seiner Tochter Barbara und das Schweigen und Dulden ihrer Mutter. Besonders erschütternd ist der innere Monolog Barbaras.

Aber auch die Außenperspektive kommt zu ihrem Recht. Hier läuft die kriminalistische Ermittlung ab, ohne dass wir je einen Polizisten zu Gehör bekämen. Aussagen des Postboten, des Technikers, der Pfarrersköchin, des Pfarrers und viele mehr bieten ein anderes Bild. Der Hörer fragt sich: Warum hat denn niemand eingegriffen, wenn doch so viele Leute ahnten, welches Verbrechen der Danner an seiner Tochter beging? Sowohl der neuen Bürgermeister wie auch der neue Pfarrer, der seit zehn Jahren da ist, stehlen sich aus ihrer jeweiligen Verantwortung.

Bleiben also noch die Nachbarn, die etwas hätte unternehmen müssen. Sie verhalten sich aber nach dem Motto „Leben und leben lassen, ein jeder nach seiner Fasson“ und können sich jederzeit darauf berufen, dass sie nichts über die Vorgänge auf dem Dannerhof wussten. Auch der Techniker hat ja niemanden gesehen oder gehört. Nur ein Schatten, der vorbeihuschte, jagte ihm Angst ein.

Es gibt allerdings eine Ausnahme von dieser Regel: Vinzenz Hauer. Er hat den kleinen Josef als seinen Sohn anerkannt. Warum hat er sich dazu bereitgefunden, fragt man sich. Hatte er ein Liebesverhältnis mit Barbara, nachdem seine Frau Anna gestorben war? Oder mischte sich Michel auf dem Dachboden ein, der verhinderte Räuber? Dieses Geheimnis soll hier nicht verraten werden.

Alles in allem bleibt der Eindruck eines unaufhaltsamen Verhängnisses, das sich durch die verschiedenen Aussagen und Monologe dem Hörer schrittweise enthüllt. Es kann nicht ausbleiben, dass der Hörer über die Geschehnisse auf dem Dannerhof betroffen nachdenkt. Insbesondere die Frage, warum ausnahmslose alle Bewohner des Hofes sterben mussten, sorgt für erschütterte Beunruhigung.

Schwächen

Ich hatte aber auch Probleme mit der Darstellung. Gerade weil die Aussagen und Monologe eine völlig subjektive Perspektive präsentieren, ist es nicht einfach, einen objektiven Eindruck vom eigentlichen Geschehen zu erhalten. Die obige Inhaltsschilderung ist daher nur meine Interpretation der geschilderten Ereignisse. Ich kann auch völlig danebenliegen. So ist mir bis jetzt nicht klar, warum der Hauer mit Vornamen Vinzenz heißt, vom Geist seiner verstorbenen Frau aber „Georg“ genannt wird. Ob Barbara eine Tochter hatte, ist mir auch nicht ganz klar. Manchmal ist die Rede von einer Marianne, aber damit kann auch ihre Mutter gemeint sein. Man sieht also, dass das Hörspiel ein Fall für das wiederholte Hören ist.

Anders als bei einem Mankell oder Simenon geht es weder der Autorin Schenkel noch dem Regisseur und Hörspielbearbeiter Schaeffer um eine irgendwie objektiv benennbare Wirklichkeit oder gar Wahrheit. Vielmehr ist es ihnen um die Auslotung des bäuerlichen und katholischen Milieus der Oberpfalz und der menschlichen Tragödie auf dem Dannerhof zu tun.

Dass das eine mit dem anderen zu tun hat, wird durch die regelmäßig eingeblendeten Gebete der Frauen – Barbara und ihre Mutter – deutlich. Die Gegend ist erzkatholisch, zumal in den fünfziger Jahren, als kein Fernsehen und selten genug Tageszeitung und Radio die Landbewohner aufklärten, was los war. Bürgermeister und Pfarrer waren die höchsten weltlichen und geistlichen Instanzen. Sie vermittelten den Kontakt mit den beiden entsprechenden Gesetzgebern: der Regierung in Bonn und der Kirche in Rom. Und Letztere förderte nach Kräften den Glauben an einen Trost und Liebe spendenden Erlösergott sowie an Jesus, den Heiland. Ich bin selbst in einer katholischen Sippe aufgewachsen und erlebte dieses Milieu bis in die siebziger Jahre hinein. Wie viel schlimmer muss es dann in den Fünfzigern gewesen sein?

Das letzte Wort im Hörspiel ist ebenfalls ein Gebet: ein „Miserere“, in dem Jesus um Erbarmen angefleht wird. Wer dieses Flehen nicht ernst zu nehmen in der Lage ist, versteht einen wichtigen Aspekt der Bedeutung der Geschichte nicht. Nämlich, dass Barbara und ihre Mutter auf die Erlösung von ihren Leiden und Sünden – wozu Inzest zweifellos zählt – hoffen. Erschüttert hat mich Barbaras Aussage, dass sie ihrem Vater eine gute Tochter sein wollte und ihm „wie Lots Töchter“ dienen wollte. Lots Töchter gebaren ihrem Vater, der „bei ihnen lag“, mehrere Nachkommen, denn Lots Frau war, als sie auf das brennende Sodom zurückblickte, von Gott bekanntlich in eine Salzsäule verwandelt worden. Das Überleben der Familie hing von den Töchtern ab.

Diese Vorbildfunktion der Bibel ist natürlich ebenfalls fester Bestandteil der katholischen Kultur, die in den Familien umgesetzt wurde. Barbara gehorchte einem Patriarchen, ihrem Vater, der sich dementsprechend wie der Herrgott selbst fühlte. Als sie jedoch schwanger geworden war, hatte sie eine Handhabe gegen ihn, denn dumm war sie keineswegs. Sie verweigerte sich dem Mann, den sie zu verabscheuen gelernt hatte und zwang ihn, ihr den Hof zu überschreiben. Mit diesem Besitz hätte sie ihren Vater vertreiben und/oder mit einem anderen Mann – dem Hauer? – eine neue Existenz aufbauen können. Warum es dazu nicht gekommen ist, bleibt relativ unklar. Jemandem sind jedenfalls die Sicherungen durchgebrannt, was dann zu dem Massenmord führte.

Die Inszenierung

Die Sprecher

Udo Wachveitl, Jörg Hube und Michael Habeck sind unter den Mitwirkenden, doch wer nun welche Rolle spricht, erfährt man weder aus dem Booklet noch aus dem Abspann. Das ist nicht gerade hilfreich, um die Leistungen der einzelnen Sprecher würdigen zu können. Am eindringlichsten sind mir die Stimmen von Danner und seiner Tochter Barbara in Erinnerung geblieben, denn sie bestreiten die einzige Szene, in der man von so etwas wie einem Dialog sprechen könnte.

Die Musik und Soundeffekte

Es mag zwar keine Geräusche geben – nie hört man den Hund bellen -, wohl aber Soundeffekte. Dazu gehört vor allem der Halleffekt. Dieser wird immer dann eingesetzt, wenn die Frauen beten und Gott anrufen, um den Eindruck zu erwecken, sie täten dies in einer Kirche. Die Fürbittgebete waren ein fester Bestandteil katholischer Messen auf dem Lande, besonders an bestimmten Feiertagen wie etwa Karfreitag. Man kann auch berücksichtigen, dass der authentische Massenmord im April stattfand, traditionell die Jahreszeit der Feiertage, mit Ostern als dem Höhepunkt. Obwohl es das Hörspiel mit Daten nicht sonderlich genau nimmt (ein Unding bei einer Ermittlung), würde es mich nicht wundern, wenn der Mord an einem Karfreitag geschah. Das würde den Mord an dem Kind Josef noch um einiges tragischer wirken lassen.

Die Musik von Martina Eisenreich hält sich gänzlich fern von Melodien und Kadenzen, sondern beschränkt sich auf die Erzeugung von Stimmungen und einer unheimlichen Atmosphäre. Es ist nicht einmal eine Kirchenorgel zu hören. Dafür wirkt die Musik aber unterschwellig umso stärker. Niemand kann sich ihren subliminal wirkenden Klängen entziehen.

Unterm Strich

„Tannöd“ ist als Hörspiel – auch ein Hörbuch liegt vor – sicherlich ein qualitativ hochwertiges Hörwerk, aber der Hörer sollte sich im Klaren darüber sein, dass er keine linear und eindimensional erzählte Kriminalgeschichte vorgesetzt bekommt. Zwar führt die erste Hälfte geradlinig auf die Entdeckung des Massenmordes hin, doch die zweite Hälfte hat es dann in sich. Eine sehr wichtige Rückblende wird gefolgt von einer Geistererscheinung. Das fällt dann ein wenig aus dem Rahmen und lässt ein wiederholtes Anhören ratsam erscheinen.

Die Umsetzung im Hörspiel fordert den Hörer also gewissermaßen auf der ästhetischen Ebene heraus. Folgt man diesem Konzept, so wird man mit einem eindringlichen, wenn nicht sogar unheimlichen Hörerlebnis belohnt. Für eingefleischte Fans von realistischen Ermittlungen ist das sicherlich nichts, das sie ernst nehmen können. Aber darum geht es ja schon der Autorin nicht. In ihrem Ansatz erinnert sie mich an die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer („Die Wand“), die mit ihrer Novelle [„Wir töten Stella“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1925 (Hörbuch auch bei Hörbuch Hamburg) ebenfalls eine intensive Stimmung des Verhängnisses in einer Familie heraufbeschwört.

71 Minuten auf 1 CD
www.hoerbuch-hamburg.de

(Visited 1 times, 1 visits today)