Laymon, Richard – Rache

Los Angeles im Hochsommer: In der Stadt herrscht eine erdrückende Hitze, Buschbände wüten am Rand, Sirenengeheul tönt durch die heißeste Nacht des Jahres. Das junge Pärchen Sherry und Duane verbringt den Abend in Duanes Wohnung. Die beiden sind seit ein paar Wochen zusammen. Sherry arbeitet als Aushilfslehrerin, Duane handelt mit alten Büchern. In dieser Nacht wollen sie zum ersten Mal miteinander schlafen – doch es fehlen die Kondome. Sherry ist eine Gesundheitsfanatikerin und hat Angst vor AIDS, also zieht sich Duaine schnell etwas über und fährt zwei Blocks weiter, um welche zu kaufen. In spätestens zehn Minuten will er wieder da sein. Sherry wartet und lenkt sich ab. Nach einer Dreiviertelstunde ist Duane aber immer noch nicht zurück. Sherry wird immer nervöser. Sie fürchtet, dass ihrem Freund im nächtlichen L.A. etwas zugestoßen ist. Schließlich verlässt sie seine Wohnung und geht selber zum Speed-D-Markt.

Auf dem Parkplatz steht Duanes weißer Lieferwagen, doch von ihm fehlt jede Spur. Der Verkäufer bestätigt, dass er ihn vor einer Weile bedient hat, kann jedoch nicht sagen, wohin er gegangen ist. Während Sherry ratlos überlegt, was sie tun soll, spricht sie ein etwa achtzehnjähriger Junge an. Toby gehört zu den Schülern, die sie kürzlich aushilfsweise unterrichtet hat. Er kann sich noch gut an sie erinnern und erzählt obendrein noch, dass er Duane gesehen hat, wie er mit einem Mann in die entgegengesetzte Richtung verschwand. Kurzerhand bietet Toby Sherry seine Hilfe an. Der schüchterne, dickliche Junge erscheint ihr harmlos, dazu beschäftigt sie die Sorge um ihren Freund. Sie steigt in seinen Wagen und sie fahren durch die Nacht, auf der Suche nach Duane.

Sherry ahnt jedoch nicht, dass es kein Zufall ist, dass Toby sie mitgenommen hat. Sie ahnt auch nicht, dass er alles andere als ein harmloser Schüler ist. Stattdessen hat Toby einen perversen Plan, was er mit Sherry anstellen will …

Während Richard Laymon in Amerika den Ruf eines Kultautors besitzt, ist er hierzulande noch eher unbekannt. Das ändert sich möglicherweise in Zukunft, denn nach und nach werden auch seine älteren Werke inzwischen auf Deutsch übersetzt.

|Hardcore ja, Splatter nein|

Dass „Rache“ in der neuen |Hardcore|-Reihe von |Heyne| erscheint, deutet bereits an, womit der Leser rechnen darf: Viel Gewalt und brutale Handlungen, ohne Beschönigungen und viel Drumherumgerede. Diese Rechnung geht auch auf, aber wer wiederum ein Gemetzel oder puren Splatter erwartet, wird enttäuscht. Zwar gibt es tatsächlich ein, zwei harte Szenen, bei denen man als Leser ein mulmiges Gefühl in der Magengrube bekommt, vor allem wenn empfindliche Körperstellen wie Augen oder Ohren traktiert, Gegenstände wie Bohrmaschinen und Schraubenzieher ganz plötzlich zweckentfremdet werden und ein Anflug von Kannibalismus ins Spiel kommt.

Der Antagonist der Story, der kleine Perversling Toby, ist äußerst phantasievoll, wenn es darum geht, seine Opfer zu quälen und schließlich auch zu töten. Allerdings übertritt der Autor hier keine Grenze, die versierte Horrorleser nicht auch schon von anderen Werken gewohnt sein dürften. Auch die bekannten Vertreter wie Stephen King oder Dean Koontz scheuen sich nicht, die eine oder andere Gewaltszene detailliert zu beschreiben, in einigen ihrer Romane geht es sogar noch um einiges blutiger zu als hier. Der Roman ist mitnichten eine Aneinanderreihung von Abscheulichkeiten, sondern setzt seine Brutalismen gezielt und bewusst an die den passenden Stellen ein. Mehr noch – in manchen Szenen verzichtet der Autor sogar darauf, eine explizite Schilderung folgen zu lassen und überlässt stattdessen der Phantasie des Lesers die Ausmalung der grausigen Details.

|Mitreißender Beginn|

Der Anfang des Buches reißt den Leser direkt hinein ins Geschehen. Ohne Umschweife wird man mit Sherry und Duane konfrontiert, die wie das nette Pärchen von nebenan wirken und grundsätzlich sehr sympathisch sind. Die Atmosphäre transportiert das nächtliche Los Angeles über die Buchseiten hinaus zum Leser. Man spürt die Hitze, die auf den Figuren lastet, den kühlenden Wind, der durchs Fenster hineinweht, die Leidenschaft und das spielerische Necken der beiden Verliebten. Das erste Drittel des Romans ist zugleich auch das überzeugendste, was vor allem an der Identifizierung mit Sherry liegt. Die junge, äußerlich etwas burschikose Frau erscheint intelligent, humorvoll und liebenswert. Von Duane erfährt man nicht viel, aber das wenige genügt, um sich mit ihm ebenso anzufreunden.

Umso stärker kann man nachempfinden, was in Sherry vorgehen muss, als ihr Freund von seinem Kurzeinkauf nicht zurückkehrt. Die Gedanken der jungen Frau sind realistisch und genau wie sie wägt man ab, wie man in der entsprechenden Situation handeln würde: Warten, bis Duane wiederkehrt, weil ihm doch bestimmt nichts passiert sein kann in der kurzen Zeit? Oder Sorgen machen und seine Spur nachverfolgen? Immer wieder versucht Sherry, sich zu beruhigen und mit allen möglichen Tätigkeiten abzulenken. Aber jeder neue Blick auf die Uhr ist wie ein Stich ins Herz, der ihr verrät, dass irgendetwas passiert sein muss. Auch beim Leser siegt schließlich die innere Unruhe und gespannt begleitet man Sherry auf ihrer Suche nach Duane.

Die Begegnung mit Toby ist ebenfalls realistisch gestaltet. Der Leser ist durch den Klappentext vorgewarnt, doch Sherry kann man nicht verübeln, dass sie zu Toby ins Auto steigt. Als Lehrerin sieht sie in dem Jungen keine Bedrohung, sondern einen Schüler, der offensichtlich ein wenig für sie schwärmt, ansonsten aber einen durch und durch harmlosen Eindruck macht. Dazu kommt die immer größer werdende Sorge um Duane, der sich laut Toby in Begleitung eines merkwürdigen Mannes befand. Grund genug also für Sherry, auf Toby zu vertrauen, der scheinbar nicht mehr will, als ein bisschen mit einer hübschen Frau zu plaudern und mit ihr durch die Gegend zu fahren.

|Schwindende Glaubwürigkeit|

Dieser Realismus verliert sich leider im Verlauf der Handlung. Die Glaubwürdigkeit bekommt spätestens an der Stelle Risse, als Sherry erfährt, was mit Duane geschehen ist und Toby sie in seine Gewalt nimmt. Obwohl ihr jetzt sonnenklar ist, dass sie in der Hand eines perversen Mörders steckt, kommen ihr hin und wieder trocken-ironische Kommentare in den Sinn, die nicht zu ihrer Lage passen wollen. Überhaupt liegt hier ein Manko in Sherrys Charakterisierung vor, die zuvor so schön überzeugend auf den Leser gewirkt hat: Sherry präsentiert sich als erstaunlich abgeklärtes Opfer.

Sie leistet sich keinen Nervenzusammenbruch, obwohl ihr Freund soeben auf grauenvolle Weise gestorben ist, obwohl sie weitere tödliche Angriffe von Toby auf andere Menschen miterleben muss, obwohl sie beständig in Lebensgefahr schwebt und keine Rettung zu erwarten ist. Im Gegenteil nutzt sie jede Gelegenheit, um vor ihrem Peiniger zu schauspielern und Toby phasenweise vorzutäuschen, dass sie ganz auf seiner Seite ist, um ihn vor weiteren Quälereien abzuhalten. Die Wirksamkeit dieses Plans steht außer Frage, aber es ist unwahrscheinlich, dass ein Opfer sich tatsächlich so sehr zusammenreißen kann, um seinen Peiniger zu täuschen. Natürlich muss nicht jede Frau zwangsläufig in wilde Hysterie ausbrechen, aber diese Reaktion erscheint uns etwas zu nüchtern.

Mangelnde Glaubwürdigkeit muss man auch anderen Charakteren vorwerfen, die im weiteren Verlauf auftauchen. Die beiden halbstarken Teenager Pete und Jeff, die in der zweiten Romanhälfte eingeführt werden, reagieren ebenfalls unnatürlich gelassen auf die plötzliche Konfrontation mit einer Leiche und einem verrückten Mörder. Wenn man bei Pete immerhin noch einige Zweifel erkennt, so erscheint Jeff dagegen als übertrieben cooler Möchtegernheld, der sich nichts sehnlicher wünscht als eigenhändig auf Killerjagd zu gehen und sich dabei grenzenlos überschätzt. Jungs in diesem Alter mögen sicherlich einen härteren Ton anschlagen und sich bisweilen unsensibler benehmen, aber hier wird zumindest einer von ihnen überstilisiert zum Klischee eines lüsternen Playboys, den eine nackte Frauengestalt elektrisiert – auch wenn es sich dabei um eine Leiche handeln sollte.

Wie Darsteller eines C-Movies agieren leider zum Teil auch die Freunde von Brenda, Sherrys Schwester, die im letzten Drittel des Romans zu Tobys Zielscheibe wird. Im Gegensatz zu Sherry reagiert Brenda angemessen auf die katastrophalen Geschehnisse, aber von ihrer Clique kann man das kaum behaupten. Mit einer Portion Wohlwollen könnte man über diese Schwäche noch hinwegsehen. Wirklich störend ist aber eine Nachlässigkeit, die sich Toby erlaubt und die ihn in eklatante Schwierigkeiten bringt. Anstatt zu kontrollieren, ob eines seiner Opfer wirklich tot ist, entlässt er es unabsichtlich in Freiheit – ein Lapsus, der sehr konstruiert wirkt und den Zufall und das Glück überstrapaziert.

|Hohes Tempo in Handlung und Stil|

Ein Pluspunkt ist der locker-flüssige Stil, der sich problemlos lesen lässt und keine Konzentrationsanforderungen stellt. Trotz eines Umfangs von immerhin gut 550 Seiten lässt sich der Roman in ein oder zwei Tagen verschlingen. Laymon vermeidet Abschweifungen oder unnötige Ausführlichkeit. Der Stil passt ideal zum hohen Handlungstempo, reißt mit, sodass man in kürzester Zeit von Seite zu Seite fliegt. Bis zum Schluss darf man sich nicht sicher sein, wer das Killerszenario überlebt. Nach dem Lesen verflüchtigt sich der Eindruck jedoch recht bald wieder. Wenn die Reaktionen der Charaktere nicht teilweise so unrealistisch wären, hätte Laymon hier einen fulminanten Horrorthriller abliefern können. So allerdings bleibt nur ein ordentlicher Hardcore-Schmöker, in dem nur teilweise umgesetztes Potenzial schlummert.

_Fazit:_ Ein junger Mann verschwindet, seine Freundin macht sich auf die Suche und fällt dabei in die Hände eines Psychopathen – vor allem Fans von rasanten Thrillern, die nicht mit Gewaltschilderungen geizen, kommen hier auf ihre Kosten. Nach einem sehr überzeugenden Beginn schleichen sich leider nach und nach Schwächen in die Handlung ein, vor allem in Punkto Glaubwürdigkeit der Figuren. Wer Abwechslung zu den bekannten Stars der Branche wie Stephen King oder Dean Koontz sucht, findet mit diesem Roman vielleicht kein Highlight, aber eine unterhaltsame Alternative.

_Der Autor_ Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und ist einer der meistverkauften Horrorautoren der USA. Er studierte englische Literatur und arbeitete unter anderem als Lehrer und Bibliothekar, ehe er sich dem Schreiben widmete. Im Jahr 2001 verstarb er überraschend früh und hinterließ eine Reihe Romane, die vor allem wegen ihrer schnörkellosen Brutalität von sich Reden machten. Nur ein kleiner Teil davon ist bislang auf Deutsch erhältlich. Zu seinen weiteren Werken zählen u.a. „Parasit“, „Im Zeichen des Bösen“ und [„Vampirjäger“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1138 Für diesen Sommer ist in der |Heyne Hardcore|-Reihe noch „Die Insel“ geplant.
Mehr über ihn auf seiner offiziellen [Homepage.]http://www.ains.net.au/%7Egerlach/rlaymon2.htm

http://www.heyne-hardcore.de

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