Richard Matheson – Das Höllenhaus

Matheson Hoellenhaus Cover kleinDas geschieht:

Rolf Rudolph Urban, Konzernchef und Multimillionär, ist 87 Jahre alt und sterbenskrank. Verständlicherweise will er wissen, ob ein ‚Leben‘ nach dem Tod gibt. 100000 Dollar pro Nase zahlt er einem einschlägigen Expertenteam, an dessen Spitze der renommierte Physiker und Parapsychologe Professor Lionel Barret steht. obwohl dieser die Geisterwelt mit wissenschaftlicher Skepsis betrachtet. Barret will beweisen, dass Spuk nur eine exotische Form elektromagnetischer Energie ist, die der Mensch zu Lebzeiten abstrahlt: Energie, die sich manchmal nach dem Tode entladen und handfest in Poltergeisterscheinungen manifestieren kann.

Urban ebnet Barret den Weg in den größten psychokinetischen Dynamo der Welt. Das Belasco-Haus im US-Staat Maine gilt als Mount Everest der Spukhäuser. Erbaut von Emeric Belasco, einem sadistischen Psychopathen, war es in den 1920er Jahren Schauplatz perverser Orgien und Ausschweifungen, bei denen sich der Hausherr zum Meister über Leben und Tod für eine verschworene Gemeinde willenloser Jünger aufschwang. 27 grausam entstellte Leichen fand man 1929, als das Gesetz schließlich eingriff; Belasco war spurlos verschwunden.

1931 und 1940 untersuchten Wissenschaftler und Spiritisten das Belasco-Haus. Beide Unternehmen endeten katastrophal. Acht Menschen wurden von extrem gewalttätigen Spukerscheinungen getötet. Einziger Überlebender war 1940 der halbwüchsige Benjamin Franklin Fischer, und es dauerte 30 Jahre, bis er sich dem Grauen erneut stellen konnte.

Barret wird von seiner Gattin Edith begleitet, und Fischer erhält Verstärkung durch das Medium Florence Tanner. Mit Gottvertrauen will sie den Spuk bekämpfen, während Barret auf seinen „Reversor“ setzt, eine von ihm entwickelte Maschine, die jene elektromagnetische Strahlung, die der Professor für die Quelle der Phänomene hält, wie ein Blitzableiter ins energetische Nirwana lenken soll. Nur Fischer weiß aus eigener Erfahrung, dass Belasco ebenso real wie bösartig ist. Nicht simpler Bettlaken-Spuk erwartet die Geisterjäger daher, als sie das Belasco-Haus betreten, sondern ein grimmiges Phantom, das die persönlichen Probleme und Schwächen seiner ‚Gäste‘ ausnutzt, um ihnen die Hölle auf Erden zu bereiten …

Kopie mit gruseligem Eigenleben

Herzlich willkommen in Richard Mathesons „Höllenhaus“; falls es denn gelingt, den Eingang zu finden. Ganz so einfach ist das leider nicht, denn dieses Buch teilt zumindest hierzulande seit vielen Jahren das Schicksal des Belasco-Hauses und seines prominenten Bewohners: Es ist aus dem Diesseits deutscher Buchhandlungen in das unbestimmte Dunkel jenes Zwischenreiches verschwunden, in dem es nur gut ausgebildete Medien (hier „Antiquare“ genannt) finden können.

Dabei handelt es sich hier um ein kleines Grusel-Juwel. Auf 160 Seiten, gegliedert nach Datum und Uhrzeit wie ein Protokoll, werden sechs Tage Aufenthalt im Belasco-Haus zwischen dem 18. und dem 24. Dezember 1970 beschrieben, die einen wahrlich teuflisch spannender Roman ergeben! Die Geschichte vom Haus, in dem es umgeht, ist nicht gerade neu, aber sie wird hier so schwungvoll wie selten erzählt, weil ihr Erfinder sie, ihre Figuren und vor allem seine Leser ernst nimmt. Richard Matheson bläst die Spinnweben beiseite, die seine Vorgänger hinterlassen haben, und verpasst der Mär vom Spukhaus ein zeitgemäßes Gewand.

Die dabei an den Tag gelegte Meisterschaft weiß man erst richtig zu würdigen, wenn man sich vor Augen führt, dass das „Höllenhaus“ eigentlich ein (sogar ziemlich dreistes) Rip-Off des Phantastik-Klassikers „The Haunting of Hill House“ darstellt, den die Autorin Shirley Jackson 1959 veröffentlichte. Regisseur Robert Wise drehte 1963 den gleichnamigen Film (dt. „Bis das Blut gefriert“), der die Qualität der Vorlage mindestens halten konnte.

Spuk, Psychologie & Hightech

Es gibt kaum eine Szene dieses vielleicht großartigsten aller Spukhaus-Filme, von der sich Matheson nicht ‚inspirieren‘ ließ. Natürlich ermöglichte die Zeit ihm einige Neuerungen: Explizite Sexszenen musste sich Regisseur Robert Wise 1963 noch verkneifen. (Nicht, dass man sie vermissen würde,) Matheson konnte dies zehn Jahre später zusammen mit einigen Gewalt- und Ekelsequenzen nachholen. Aus heutiger Sicht muss man ihm allerdings zugestehen, dass er nicht nur vergleichsweise dezent blieb, sondern wiederum höchst effektiv arbeitete!

1970 orientierte sich der Geisterhaus-Grusel noch immer an klassischen Vorgaben. In der Regel war ein Haus deshalb verflucht, weil sich in seinen Mauern ein ungesühntes Verbrechen ereignet hatte. Täter und Opfer waren gezwungen, die böse Tat Nacht für Nacht aufleben zu lassen. Einmischungen aus dem Diesseits waren in der Regel deshalb gefährlich, weil sie diesen Teufelskreis unterbrachen.

Belasco ist eine Präsenz gänzlich anderen Kalibers. Er war schon vor seinem Ende ein Teufel, und daran hat sich durch seinen Tod nichts geändert. Man muss seine Aufmerksamkeit nicht erregen. Wie eine Spinne lauert er in seinem Haus und wartet hellwach auf ‚Gäste‘, mit denen er das von ihm geliebte ‚Spiel‘ treiben kann: Belasco ist süchtig danach, Menschen zu manipulieren. Er lässt sich Zeit; wenn Besucher in sein Haus kommen, fällt er nicht sofort über sie her. Stattdessen beobachtet Belasco sie, spürt seelischen Schwächen und Ängsten hinterher, die er anschließend gezielt gegen seine Opfer wendet.

Die sturmreife Seele

Lionel Barret ist ein Rationalist, der zu wissen meint, wie der Spuk von Hill House beschaffen ist. Er setzt auf moderne Technik und verlässt sich auf sie. Natürlich liegt er falsch, woraufhin ihm Belasco seine eigene Hölle bereitet. Gattin Edith ist Belasco ein besonderer Leckerbissen. Sie leidet unter Ängsten und Unsicherheiten und ist sexuell ausgehungert: Aufgrund einer nur teilweise überwundenen Kinderlähmung ist Lionel weitgehend impotent. Für hält Belasco eine besonders grässliche Überraschung parat.

Das Medium Florence Tanner glaubt daran, die Schrecken des Belasco-Hauses spirituell bannen zu können. Wie Barret wird sie zum Opfer einer Überzeugung, die mit der Realität nicht übereinstimmt. Fischer, ein buchstäblich gebranntes Kind, weiß es besser. Er rollt sich quasi zusammen und hofft, von Belasco übersehen oder wenigstens in Ruhe gelassen zu werden. Beide werden eines Schlechteren belehrt.

Belasco selbst hütet eigene Geheimnisse. Der selbsternannte Übermensch setzt alles daran, den Schein zu wahren. Die Existenz als Geist ist ihm hilfreich, denn Belasco peinigt am liebsten aus dem Hinterhalt. Er ist weniger allmächtig als verschlagen und auf die Schwächen seiner Opfer angewiesen. Wie der „Magicker“ Aleister Crowley (1875-1947), der zwischen 1920 und 1925 auf Sizilien der Abtei Thelema vorstand und sich als Meister einer Schar ihm ergebener Männer und Frauen aufspielte, ist Belasco ein Blender, bzw. ein ‚modernes‘ Gespenst, das seine Opfer sowohl physisch als auch mental zerstören will.

Im Schatten des Höllenhauses

Was verdankt die Phantastik dem „Höllenhaus“? Beinahe zeitgleich betrat William Peter Blatty mit „Der Exorzist“ die Bühne. Es fällt auf, dass eine ganze Reihe der Novitäten, die er ins bis dato leicht angestaubte Horror-Genre einbrachte, bereits bei Matheson zu finden sind. In erster Linie betrifft es den Dreh, den Grusel in die Welt der Gegenwart zu stellen. Bis in die späten 1960er Jahre des 20. Jahrhunderts musste die Phantastik eher ein Schattendasein fristen. Besonders in Hollywood wurde primär die infantile Fraktion des Publikums bedient. Das begann sich um 1970 zu ändern.

Pech für Richard Matheson, der ein wenig zu früh auf der Bildfläche erschien. Erst der erwähnte „Exorzist“ machte den Horror gesellschaftsfähig. „The Legend of Hell House“ (dt. „Tanz der Totenköpfe“ – ja, tatsächlich!) war 1972 jedenfalls ein billiges B-Movie altmodischen Stils, das nicht einmal gute Darsteller wie Pamela Franklin, Clive Revill oder Roddy McDowall vor und Drehbuchautor Matheson hinter der Kamera erträglicher gestalten konnten.

Man darf davon ausgehen, dass die Belasco-Villa mit Pate für das Amityville-Märchen stand. Es sorgte in den 1970er Jahren für Aufsehen, als ein (scheinbar) echter Spuk eine brave amerikanische Durchschnittsfamilie aus ihrer Behausung vertrieb, die sich als angeblicher Schauplatz eines grässlichen Massenmordes entpuppte. Selbst nachdem dieser Schwindel aufgedeckt war, hatte Matheson wieder das Nachsehen: Die Amityville-Story wurde verfilmt (und viel zu oft fortgesetzt), während seine „Höllenhaus“-Story nur immer wieder ausgeschlachtet wurde; u. a. im Kino-Desaster „Das Geisterschloss“ von 1999, das beileibe kein reines Remake des Wise-Klassikers von 1963 darstellt!

Autor

Richard Burton Matheson wurde am 20. Februar 1926 in Allendale (US-Staat New Jersey) geboren. Er studierte Journalismus an der University of Missouri, arbeitete jedoch hauptberuflich als Schriftsteller. Die nach dem II. Weltkrieg erneut boomende Magazin-Szene bot einem schnellen und professionellen Autoren kein üppiges aber ein ausreichendes Auskommen. Matheson lernte rasch, sich diesem Markt anzupassen. Schon 1950 gelang ihm mit der Story „Born of Man and Woman“ (dt. „Menschenkind“), veröffentlicht im „Magazine of Fantasy & Science Fiction“, der Durchbruch. Matheson machte sich einen Namen durch das Geschick, mit dem er die Genres SF und Horror miteinander kombinierte. Sein Romanerstling wurde 1953 jedoch ein Krimi („Fury on Friday“). Auch diverse Western-Storys hat Matheson veröffentlicht.

1954 erschien „I Am Legend“ (dt. „Ich, der letzte Mensch“ bzw. „Ich bin Legende“), 1956 „The Shrinking Man“ (dt. „Die seltsame Geschichte des Mr. C.“), 1958 „A Stir of Echoes“ (dt. „Echos“). Mit diesen drei Romanen zementierte Matheson seinen Ruf. Sie wurden sämtlich verfilmt. Zu „The Shrinking Man“ schrieb er selbst das Drehbuch und fasste auf diese Weise in Hollywood Fuß. In den nächsten Jahrzehnten bereicherte er die Kino- und Fernsehwelt mit innovativen Drehbüchern, für die er zahlreiche Preise einheimsen konnte.

In den 1990er Jahren konzentrierte sich Matheson wieder stärker auf seine schriftstellerische Arbeit. Seit 1951 lebte er in Kalifornien. Dort ist er am 23. Juni 2013 im Alter von 87 Jahren gestorben.

Taschenbuch: 158 Seiten
Originaltitel: Hell House (New York : Viking Press 1971)
Übersetzung: Kurt Spieler
http://www.randomhouse.de/heyne

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