Dick, Philip K. – besten Stories von Philip K. Dick, Die

Über diesem himmelblau gefärbten Titelbild steht in breiten Lettern PLAYBOY. Was soll uns das sagen? Handelt es sich um erotische Storys, in Hugh Hefners Auftrag geschrieben? Oder wurden hier nur PLAYBOY-Autoren beauftragt, Einschlägiges über Häschen und damit verbundene Freuden zu Papier zu bringen?

Leider wird auch der Häschen-Liebhaber enttäuscht, denn die Storys dieses Bandes stammen aus der Schreibfabrik eines einzigen, wenn auch bekannten Science-Fiction-Autors. Und der schrieb zwar ab und zu mal für Hefners Häschen-Blatt (denn es zahlte gut), aber leider in den seltensten Fällen über Einschlägiges. Vielmehr waren die zwei Fragen „Was ist menschlich?“ und „Was ist die Wirklichkeit?“ seine Hauptanliegen.

Das Vorwort schrieb 1976 John Brunner. Er war zu dieser Zeit selbst einer der renommiertesten britischen Science-Fiction-Autoren.

_Der Autor_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstress‘ durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“, „Screamers“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood verfilmt hat. Ben Affleck soll in naher Zukunft in einem Film namens „Paycheck“ auftreten, der auf einer Dick-Story beruht.

_Die Storys_

Und da liegt dann das Wobb

Auf dem kolonisierten Mars nehmen die Astronauten unter Captain Franco ein einheimisches Lebewesen an Bord, das sie zunächst für ein Schwein halten und als Nahrungsmittel vorgesehen haben. Das Wobb beginnt zu sprechen, denn es hat erhebliche Einwände gegen die Vorstellung, verspeist zu werden. Es würde sich lieber über menschliche Mythen wie Odysseus unterhalten, fern der Heimat, sich nach Hause sehnend… Nachdem sich Captain Franco und seine Matrosen von ihrer Überraschung erholt haben, knallt Franco das Wobb kaltblütig ab. Er lässt es zubereiten und servieren. Während die anderen kaum etwas davon runterbringen, lässt es sich Franco schmecken. Und dann fordert er Peterson zu einer Fortsetzung der unterbrochenen Diskussion über Odysseus auf, fern der Heimat, sich nach Hause sehnend. Peterson starrt ihn entsetzt an… Gute Pointe, nicht wahr? Auf eine solche Verteidigungsstrategie der Wobb-Spezies muss man erst einmal kommen.

Ruug

Boris ist ein braver Wachhund, der das Heim der Cardossis zuverlässig bewacht. Aber auch er hat keine Chance, als die Ruugs kommen. Die schnappen sich eines Nachts einfach die „Opfergaben“, die die Menschen in einer Tonne vor der Haustüre abstellen.- Die Aliens als Müllmänner? Warum nicht! – Stellen wir uns mal die Story im Kontext des Kalten Krieges vor: Was, wenn die bösen Sowjets es „nur“ auf amerikanischen Müll abgesehen hätten statt auf amerikanische Töchter? Lächerlich genug? – Oder wenn die Alien-Armada käme, um die Menschen um ihren Müll zu erleichtern? Willkommen genug? Aber wir befänden uns dann in der Lage des machtlosen Wachhundes Boris. Und diese Vorstellung ist wohl nicht so angenehm.

Die Zweite Variante

Diese grimmige Geschichte von 1953 wurde unter dem Titel „Screamers“ mit Paul Weller in einer der Hauptrollen verfilmt. – Im 3. Weltkrieg setzen die verfeindeten Parteien statt Menschen Androiden ein, die feindliche Soldaten liquidieren sollen und zu diesem Zweck als kleine, hilflose Kinder oder verletzte Kameraden getarnt sind. Gesteigert wird diese Perversion der Verhältnisse, als diese Androiden außer Kontrolle geraten und nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden.

Der amerikanische Major Hendricks begegnet einer Gruppe russischer Überlebender, die ihm von den verschiedenen Androidenvarianten berichten. Doch inzwischen gibt es eine „zweite Variante“. Hendricks hat mit einer jungen Frau geschlafen, bei der es sich um eine Androidin der zweiten Variante handelt. Er verhilft ihr nichts ahnend zur Flucht auf den Mond, dem letzten Rückzugsgebiet der Menschheit. Die Folgen sind furchtbar: Schlussendlich werden die Androiden auch die letzten menschlichen Überlebenden auslöschen.

Wie der Autor die Kriegsverhältnisse beschreibt, ist eindrucksvoll, aber hart (genau wie im Film). Die Pointe der Geschichte ist nur als grausam zu bezeichnen und somit sehr wirkungsvoll. Wieder einmal hat Dick die Unterschiede zwischen Mensch und (Androiden-)Maschine ausgelotet. Die Intelligenz des Menschen kommt dabei nicht besonders gut weg.

Der Infiltrant (Impostor)

Diese Story wurde mit Gary Sinise („Forrest Gump“) in der Hauptrolle verfilmt, allerdings nicht sonderlich erfolgreich: Der Streifen kam nie in unsere Kinos.

Spence Olham arbeitet seit Jahr und Tag unbescholten an einem geheimen Projekt der Regierung mit, das eine Waffe entwickelt, mit denen sich die feindlichen Aliens vernichten lassen, die die Erde belagern. Die Erde wird nur durch eine Blase geschützt, deren Natur nicht weiter beschrieben wird. Eines Tages wird Spence auf der Fahrt zur Arbeit vom Sicherheitsdienst verhaftet und sofort zum Mond geflogen. Die Anklage: Er sei ein Hochstapler, ein Alien-Agent, der sich als Spence Olham ausgebe, mit dessen Aussehen und Erinnerungen, doch mit einer Bombe in seinem Roboterkörper, um das Projekt zu vernichten.

Olham kann dem Sicherheitspolizisten Peters und seinem Tod in letzter Sekunde entkommen und rast zur Erde, um seine Unschuld zu beweisen, denn er kann sich nicht erinnern, jemals etwas anders gewesen zu sein als eben der Mensch Spence Olham, verheiratet mit Mary Olham. Marys Gesichtsausdruck verrät ihm zu Hause rechtzeitig, dass die Polizei ihn bereits erwartet, und er kann entkommen. Da fällt ihm ein, wo das Raumschiff seines Doppelgängers abgestürzt sein könnte. Dort entscheidet sich sein Schicksal. Leider erleben er und seine Verfolger eine böse Überraschung, „die man noch bis zum Alpha Centauri sehen kann“…

Kolonie

Planet Blau ist endlich bereit für die Übergabe an die Siedler von der Erde: eine idyllische Welt, die der Mensch in Besitz nehmen kann, nachdem er die Erde mehr oder weniger zur Sau gemacht hat. Es gibt nicht einmal richtige Krankheitserreger hier. Nur etwas ist merkwürdig, muss Major Lawrence Hall eines Tages feststellen: Gegenstände werden lebendig und greifen Menschen an! Nachdem er beinahe das Opfer seines Mikroskops geworden wäre, unterzieht sich Hall einer psychologischen Untersuchung: nichts. Dann erfolgt der nächste Angriff…

Offenbar kann die beherrschende Lebensform jede beliebige Gestalt annehmen. Nicht mehr nur Menschen haben sich gegen Hall & Co. verschworen, sondern alles vom Handtuch bis zum Raumschiff. Paranoia in höchster Vollendung: No-one here gets out alive!

Entbehrlich

Eine kleine Phantasie über einen einsamen Mann ohne Namen, der die Tiere versteht. Nicht irgendwelche Tiere, sondern jene Insekten, die sein Haus zu belagern scheinen: Raupen, Spinnen, Ameisen. Vögel, Gott sei Dank, nicht. Er leidet eindeutig unter akutem Verfolgungswahn.

Mit Recht! Denn die Ameisen blasen zum Angriff. Zu oft hat der Mann Angehörige ihrer Spezies vernichtet. Nun gelingt es ihm zwar dank einer Warnung der Spinne an seinem Gehweg, einen Großangriff der Ameisen zurückzuschlagen, doch das bedeutet nur einen Aufschub, keinen Sieg.

Immerhin bieten sich ihm nun die Spinnen als Verbündete an. Schließlich seien die Menschen auf der Erde auch nur Zugereiste. Folglich müssten sie sich gegen die Einheimischen – Ameisen etc. – zur Wehr setzen. Man könnte sich ja zusammentun: Spinnen und Menschen gegen Ameisen. Aber für ihn, den Mann, als Individuum, sei es leider zu spät. Er selbst erweist sich als entbehrlich. Zu schade!

Diese kurze Parabel scheint auf verschlüsselte Weise die Diplomatie des Krieges zu schildern. Die Vereinigten Staaten suchen Verbündete in der Dritten Welt, natürlich gegen die Kommunisten. Leider müssen die Verbündeten, vielleicht ein wenig zu spät, erfahren, dass sie ein ganz klein wenig „entbehrlich“ sind. Denkt man an die Südvietnamesen, wird ein Schuh draus.

Foster, Du bist tot

Diese Story war die erste, die Dick auch in die Sowjetunion verkaufen konnte.- Mike Foster hat’s in der Schule schwer. Sein Vater, ein Möbelhandlungsbesitzer, ist der einzige Bürger der Stadt, der keinen privaten Schutzbunker besitzt, keine Beiträge für die Permanente Nationale Verteidung zahlt und auch die Gebühr für den Schulbunker nicht entrichtet hat. Kein Wunder, dass die Lehrerin, Mrs. Cummings, darüber sehr erstaunt und enttäuscht ist, von seinen Mitschülern wird Mike wie ein Aussätziger behandelt.

Doch Bob Foster entgegnet auf die Vorwürfe seines Sohnes und seiner Frau Ruth, dass diese Bunker erstens zu teuer für ihn seien und zweitens der reinste Konsumterror. Ja, der Präsident hat sogar die Städte zu einem Wettbewerb untereinander angespornt. Nur um damit den Umsatz von General Electronics zu steigern. Aber er lässt sich breitschlagen und kauft das neueste Bunkermodel, einen GEC S 1972 für 20.000 Dollar auf Raten. Mike ist total happy, und auch die Nachbarn begrüßen den früheren Abtrünnigen in ihrer Mitte.

Doch kaum ist der Bunker unter der Erde verbuddelt, kommt die Nachricht, die Sowjets hätten Bohrgranaten entwickelt, und gegen die müsse man nun Adapter kaufen. Bob Foster hatte Recht: Dieser Konsumterror wird ewig weitergehen. Seinem Sohn bricht es fast das Herz, als er erfährt, dass sein Vater den Bunker hat zurückgeben müssen. Er fühlt sich so tot, wie alle sagen, dass er es bald sein werde, wenn er nicht…

Diese Erzählung ist wirklich erstaunlich gelungen, nicht nur in ihrer Aussagekraft, sondern auch in der emotionalen Kraft der Charakterisierung von Figuren, die sich einer bizarren Situation ausgesetzt sehen, die aber allen außer einem (Mikes Vater) völlig normal und vernünftig vorkommt.

Das Vater-Ding

Der achtjährige Charles Walton ist entsetzt: Er hat seinen Vater doppelt gesehen. Doch das Wesen, das sich nun an den Tisch zum Abendessen setzt, kann nicht sein richtiger Vater sein. Es sieht nicht echt aus. Und es droht ihm mit Prügel, sollte er nicht zur Vernunft kommen. Doch Charlie weiß sich zu helfen. Er geht zu Tony Peretti, dem 14-jährigen Schulrabauken, der bereits ein Luftgewehr besitzt. Peretti glaubt Charlie erst, als er die abgestreifte Haut von Charlies echtem Vater in einer Tonne in der Garage gezeigt bekommt. Doch Peretti fällt an dem lebenden Vater-Ding auf, dass es irgendwie ferngesteuert wirkt. Doch wodurch und woher? Der beste Sucher ist Bobby Daniels, und tatsächlich: Unter einem Betondeckel im Garten findet sich ein riesiger Käfer. Leider nützt das Luftgewehr nichts gegen das Viech, und das Vater-Ding greift das Trio an. Charlie flieht in ein Bambusgebüsch und erstarrt: Dort wächst bleich wie ein Pilz – ein Mutter-Ding. Und einen Meter ist ein Charlie-Ding schon fast herangereift. Und dahinter warten noch andere Dinger. Da packt ihn das Vater-Ding…

Der gute (gütige) Vater verschwindet und wird durch den schlechten (strafenden) Vater ersetzt: eine der verbreiteten Kindheitsängste. Offenbar auch die von Philip K. Dick. Obwohl die Story von 1954 sehr gut in das paranoide politische Klima der McCarthy-Ära passen würde, die in jedem linken Amerikaner ein kommunistisches Monster vermutete.- Die Story ist sehr lebendig, spannend und einfühlsam erzählt. Sie erinnert am Schluss stark an Jack Finneys Roman „Invasion of the body-snatchers“, der nur ein Jahr später veröffentlicht wurde. Dieser sah bislang zwei Verfilmungen, 1956 von Don Siegel und 1978 durch Philip Kaufman.

Wartungsdienst

David Courtland ist Forschungsdirektor bei einem Farbenhersteller in San Francisco. Da schneit eines Abends ein Servicetechniker herein, um seinen „Swibbel“ zu reparieren. Courtland wusste gar nicht, dass er so etwas besitzt. Doch der sofort wieder weggeschickte Techniker hat seinen Auftragszettel auf der Fußmatte hinterlassen: Seine Firma wurde 1993 gegründet – Courtland lebt im Jahre 1955!

David wittert eine Riesenchance für einen lukrativen Geschäftszweig und trommelt seinen Boss, diverse Techniker und eine Stenographin zusammen. Vielleicht kommt der Mann aus der Zukunft ja zurück. Als dieser Fall eintritt, wird er von den Männern ausgequetscht, die sich natürlich dumm stellen. Aber ihre Gesichter werden mit jeder weiteren Erklärung länger: Swibbel wurden nach dem ersten europäischen Krieg 1991 von R. J. Wright erfunden, um das Problem der Überläufer zu lösen. Die künstlich gezüchteten Organismen sorgten durch Telepathie für totale Loyalität. Und wer nicht loyal sein wollte, wurde von ihnen gefressen. Im zweiten europäischen Krieg von 2005, dem Großen Krieg, bewährten sie sich ausgezeichnet.

Als der Service-Techniker alles erklärt, vom Nichtvorhandensein eines Swibbels in Courtlands Haushalt erfahren hat und wieder in seine Zeit zurückgekehrt ist, versuchen sich die Versammelten von ihrem Schock zu erholen. Da klingelt es schon wieder an der Tür: Es sind vier Service-Techniker aus der Zukunft. Was werden sie wohl bringen?– Eine echt paranoide Story: Nicht nur die Regierung hat sich gegen die Bürger verschworen (siehe Edgar Hoover und Nixon), sondern auch die Maschinen und Haushaltsgeräte.

Autofab

Nach fünf Jahren Atomkrieg kriechen die Menschen (d.h. die Amerikaner) wieder aus ihren Löchern und bauen sich ärmliche Siedlungen. Aber sie haben es im Vergleich zu anderen Völkern noch gut: Automatische Fabriken, die sie zuvor unterirdisch angelegt hatten, versorgen sie mit allem, was sie brauchen: Medikamente, Lebensmittel, Kleidung, you name it.

Doch „der Mensch ist Mensch, weil er begehrt“ – und das gilt besonders für die Freiheit. Eines Tages beschließen die Oberen von dem, was einst Kansas City war, sich einen Autofab-Experten zu holen, um endlich selbst die Leitung der Automatischen Fabriken – kurz „Autofab“ – zu übernehmen. Denn die Autofab lässt sich nicht abschalten. O’Neill hat ein paar geniale Ideen, und nachdem die anderen ihre Wut an unschuldigen Androiden abreagiert haben, kommt er auch zum Zuge: Er legt einen Köder aus dem seltenen Metall Wolfram aus, um den sich garantiert zwei Autofabs streiten müssen. Tatsächlich scheint sich die Autofab von Pittsburgh über den Haufen raren Rohstoffs zu freuen, da fallen die Jäger und Roboter aus Detroit über ihre Maschinen her. Pittsburgh sucht sich Verbündete, Detroit natürlich ebenfalls – schon bald ist der schönste Krieg im Gange.

Leider haben die Menschen jetzt zwar Freiheit, aber nichts mehr von den Autofab-Annehmlichkeiten. Mehrere Monate später geht O’Neill der halb zerstörten Autofab von Kansas auf den Grund und hört ein Rumoren, Surren und Grummeln. Tut sich da was? Und was, um Himmels willen, wird da unten produziert?

Man hat diese Story als Vision einer außer Kontrolle geratenen Ökologie gedeutet, als eine „grüne“ Warnung. Das scheint mir zu weit hergeholt. Denn die Autofab ist die Verkörperung einer Technologie, die sich aufgrund der Survival-Ideologie des Militärs inzwischen der Kontrolle des Menschen entzieht. Die Autofab-Kultur kann denn auch nur mit einer militärischen List außer Gefecht gesetzt werden, jedoch nicht mit einem Frontalangriff. Richtig fies wird die Story dann am Schluss, als aus der Wiederauferstehung der Fabrik ihre Ausbreitung auf den Rest des Universums folgt.

Was menschlich ist

Die Story aus dem Jahr 1955 lotet menschliches und fremdartiges (androidisches, außerirdisches) Verhalten aus, so dass sie Dicks Credo beinhaltet, was für ihn „menschlich“ ist. – Lester Herrick mag vielleicht ein guter Wissenschaftler sein, aber er ist in den Augen seiner Frau Jill ein gefühlskalter Pedant, dem sie nichts recht machen kann. Eines Tages wird er auf einem Fremdplaneten von einem Alien übernommen – und wird plötzlich zu einem liebevollen Ehemann.

Jill überwindet ihr Misstrauen und bewahrt daraufhin das Alien vor der Vernichtung: Sie hat ihrem Bruder Frank ihre Verwunderung über Lesters Verhaltensänderung gestanden, doch Frank arbeitet beim Nachrichtendienst. Ihm ist klar, dass Lester auf Rexor Interview von einem Alien übernommen worden sein muss, das von seiner sterbenden Welt fliehen wollte. Doch ohne Jills Zeugenaussage kann er die Vernichtung des Aliens und die Umkehrung der Veränderung nicht veranlassen… –

Nicht der Umstand, wo oder mit welcher Hautfarbe man geboren wurde, macht Menschlichkeit aus, sondern Freundlichkeit und Mitgefühl gegenüber den Mitmenschen. Dieses Credo findet sich in fast allen Alien- und Androidengeschichten Dicks.

In „Was menschlich ist…“ protestiert er einerseits gegen den McCarthyismus seiner Zeit, lässt aber auch einen Alien auftreten, der sich anhand veralteter terranischer Bücher den Charme eines Gentleman von vor 200 Jahren angeeignet hat. Dieses Detail erinnert an die Story von „Kate und Leopold“. Jill Herricks ist über den neuen Gentleman an ihrer Seite sicherlich nicht unglücklich und will ihn noch eine Weile behalten.

Oh, wenn man ein Blobel ist!

Auch in dieser Farce wird wieder der Geheimdienst auf die Schippe genommen. – George Munster geht zu einem Automaten-Psychiater, denn er hat ein Problem. Dr. Jones, der mit oberbayerischem Dialekt zu sprechen anhebt, verfällt sogleich in Hochdeutsch. Munsters Problem besteht darin, dass er als Militäragent bei den Blobels leben muss und, um sie zu infiltrieren, deren wabbelige Gestalt annehmen musste. Das tut seinem Geschlechtsleben überhaupt nicht gut, und so heiratet er eine von den Blobels. Er hat sogar Kinder, die teils gänzlich Mensch oder Mensch, zum Teil aber auch gemischt sind. Dr. Jones tut sich schwer mit seinem Rat…

Der Glaube unserer Väter

Dick verknüpft in einer seiner Anstoß erregendsten Visionen den Sieg des Kommunismus über die westlichen USA, halluzinogene Drogen, Sex und Theologie. Dennoch ist die Story von A bis Z völlig verständlich geschrieben und wirkt keineswegs abgehoben.

Hauptfigur ist der kleine Parteifunktionär Tung Chien, der in einem Schmalspurministerium in Hanoi (Nord-Vietnam) Dienst tut. Von einem Straßenhändler bekommt er ein Anti-Halluzinogen, das, wie ihm eine hübsche junge Frau namens Tanya Lee mitteilt, die Realität, wie sie wirklich ist, zeigt. Die Partei füge nämlich dem Leitungswasser täglich und überall Halluzinogene bei.

Und so kommt es, dass Tung Chien die persönliche Fernsehansprache, die der Unumschränkte Wohltäter als oberster Parteivorsitzender an ihn richtet, auf völlig andere Weise wahrnimmt als gedacht: nämlich als einen rasselnden Mechanismus, aus dem Scheinfüßchen hervorwachsen. Tanya Lee vom Untergrund hat etwas ähnlich Furchterregendes gesehen.

Nachdem sie ihm geholfen hat, eine dogmatische Prüfung durch Parteibonzen zu bestehen, wird Tung zur Villa des Unumschränkten Wohltäters eingeladen, der sich vor Ort „Thomas Fletcher“ nennen lässt. Doch Tung sieht sein Erscheinen unter dem Einfluss des Anti-Halluzinogens ganz anders: als gottähnlichen, substanzlosen, aber kannibalischen Alien. Und dieser hat ein Wörtchen mit Tung zu reden…

Allein schon die Vorstellung, die Chinesen könnten einen Krieg gegen die USA gewinnen und diese zur Hälfte (der Rest leistet noch Widerstand) unter ihr kommunistisches „Joch“ gezwungen haben, war 1967, während des Vietnamkrieges, ein Gräuel. Dass Dick obendrein auch noch die Natur (eines/des) Gottes erörterte und den christlichen Glauben in Zweifel zog, war geradezu Blasphemie. Außerdem gab es noch Drogenkonsum und Sex, also all das, was die Hippies praktizierten und ihre Eltern schockierte. Für uns heute ist die Story v.a. hinsichtlich der theologischen Erörterung interessant, da sich alle anderen Streitpunkte erledigt oder relativiert haben.

Die elektrische Ameise

Garson Poole, Geschäftsführer von Tri-Plant im New York des Jahres 1992, hält sich für einen Menschen, findet aber nach einem Unfall die Wahrheit heraus: Er ist ein Roboter. Doch was lässt ihn ticken? Es ist ein Lochstreifen mit einem Programm darauf. Durch einen Supercomputer erfährt er, worin das Programm besteht: Es steuert seine gesamte Realitätswahrnehmung.

Poole manipuliert in mehreren Tests den durchlaufenden Lochstreifen und somit seine eigene Programmierung: „Wenn ich den Streifen [des Programms] kontrolliere, dann kontrolliere ich die Realität. Zumindest soweit sie mich betrifft. Meine subjektive Realität… aber eine andere gibt es ohnehin nicht. Objektive Realität ist ein synthetisches Konstrukt, das Resultat einer hypothetischen Universalisierung einer Vielzahl subjektiver Realitäten.“ (s. 687)

Doch der Roboter Poole täuscht sich ebenso wie seine menschliche Umgebung: der „idios kosmos“, seine eigene Wirklichkeit, die mit seinem Tode – nach dem Kappen des Lochstreifens – erlöschen wird, entpuppt sich als der „koinos kosmos“, die geteilte Wirklichkeit allen Seins. Als die elektrische Ameise ihre vermeintliche ureigene Realität vernichtet, annihiliert sie zugleich das gesamte Universum. Für jeden Menschen gibt es letzten Endes nur seine eigene Wirklichkeit. Aber sie ist Teil eines größeren Ganzen. Dieser Schluss ist metaphysisch und sogar solipsistisch: Das Ich ist das Universum, folglich muss der Tod des Ichs auch den des Universums nach sich ziehen.

_Unterm Strich_

Diese Sammlung, die noch zu Dicks Lebzeiten erschien, nämlich 1977, enthält einige wichtige Geschichten wie etwa „Das Vater-Ding“, „Foster, du bist tot“ und „Glaube unserer Väter“. Aber es fehlen ebenso wenig witzige Pointen-Geschichten wie „Ruug“, „Wobb“ und „Blobel“. Insgesamt sind hier mehr Geschichten versammelt, die Dick als den Ideen-Autor der fünfziger Jahre zeigen statt den Realitätssezierer der sechziger Jahre. Aus den Sechzigern stammen „Glaube unserer Väter“, „Blobel“ und „Elektrische Ameise“.

Ich vermisse die Vorlage zu „Total Recall“: „Erinnerungen en gros“. Auch amüsant-ironische Geschichten wie „Nanny“ oder „Die Verteidiger“ hätten in die Sammlung Eingang finden sollen, aber wahrscheinlich war wieder einmal kein Platz dafür.

Wie auch immer: Auch diese Sammlung ist eine gute Einführung in Dicks Story-Werk und sollte dazu anspornen, sich mal den einen oder anderen Roman vorzunehmen, beispielsweise „Zeit aus den Fugen“, der eine unübersehbare Ähnlichkeit mit „The Truman Show“ hat. Er wurde aber bereits 1959 veröffentlicht.

_Michael Matzer_ ©2003ff

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