Schlagwort-Archive: Philip K. Dick

Uwe Anton (Hg.) – Kosmische Puppen und andere Lebensformen. Ein Philip K. Dick Reader

Wieder-Entdeckung eines Klassikers

Philip K. Dick, dem wohl kontroversesten amerikanischen Science Fiction-Autor („Blade Runner“, „Total Recall“, „Minority Report“), ist dieser umfangreiche Reader gewidmet. Solche Reader sind hierzulande absolute Mangelware und daher umso mehr zu begrüßen.

Für den Dick-Fan bietet der Reader bislang in Deutschland großteils unveröffentlichte Storys und einige wichtige Vorträge des SF-Meisters. Ein in Deutschland geführtes Interview aus dem Jahr 1977 und der einzige Fantasyroman Dicks runden das Paket ab. Mal sehn, was davon zu halten ist.
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Philip K. Dick – Eye in the Sky

SF-Satire: Freifahrschein für eine Himmelfahrt

Beim Besuch eines Forschungszentrums in Kalifornien geraten acht Menschen in den Strahl eines Protonenbeschleunigers. Als sie wieder aufwachen, befinden sie sich in einer seltsamen Welt. Hier herrscht ein alttestamentarischer Gott, der Lügen und Blasphemien sofort bestraft, Gebete erhört und Wunder wirkt. Jack Hamilton, ein Elektrotechniker, kapiert nach einer Weile, dass dieses Szenario nur dem Kopf eines Mannes aus ihrer eigenen Gruppe entspringen kann, dem eines Militärveteranen. Sind sie nun für immer in seiner privaten Phantesiewelt gefangen?
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Philip K. Dick – Ubik

Joe Chip hinter den Spiegeln, eine Geistergeschichte?

Glen Runciter ist tot – nur warum finden sich dann Botschaften von ihm auf Zigarettenpackungen und Dosenetiketten? Es ist das Jahr 1992 – doch wieso ist die Stadt voller Autos auf den 1930ern? Und was zur Hölle ist UBIK – ein gewöhnliches Raumspray oder womöglich das einzige Mittel gegen den drohenden Zerfall der Realität? (Verlagsinfo)

Der Autor

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Dick, Philip K. – Eine Handvoll Dunkelheit

_Unterschiedliche Qualität, vereinzelte SF-Klassiker_

Der Storyband bietet eine Auswahl von 22 Erzählungen, die zwei Originalsammlungen entstammen: „The Preserving Machine“ (1969) und „A Handful of Darkness“ (1955). Die Qualität ist recht unterschiedlich, aber es sind ein paar Klassiker darunter, so etwa die Story, auf der der Film „Total Recall“ basiert (Nr.12). Leider fehlen die klassischen Stories „Colony“ und Impostor“ in der deutschen Ausgabe.

_Der Autor_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als [„Eine andere Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=198 bei |Heyne|) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon.

Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967. Ab 1977 erlebte einen ungeheuren Kreativitätsschub, der sich in der VALIS-Trilogie (1981, dt. bei |Heyne|) sowie umfangreichen Notizen (deutsch als „Auf der Suche nach VALIS“ in der |Edition Phantasia|) niederschlug.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu [„Blade Runner“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1663 umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood verfilmt hat. Ben Affleck spielte in einem Thriller namens „Paycheck“ die Hauptfigur, der auf einer gleichnamigen Dick-Story beruht. Als nächste Verfilmung kommt „A scanner darkly“ (Der dunkle Schirm) in unsere Kinos, möglicherweise noch in diesem Jahr.

_Die Erzählungen_

1) |Planet für Durchgangsreisende| (Planet for Transients, 1953)

Jahre nach dem Atomkrieg ist die Erde eine radioaktive Hölle geworden. Trent macht sich auf den Weg durch die Wildnis, um Siedlungen von Überlebenden zu suchen. Was er findet, sind lediglich Mutanten wie die Käfer, die Renner, die Tümmler – sie alle können ohne Radioaktivität nicht mehr leben. Als ihm schließlich der Sauerstoff auszugehen droht und verstrahlter Schnee fällt, landet eine Rakete vor seiner Nase. Menschen steigen aus, gehen in den Untergrund der Ruinen, holen wertvolle Dinge wie Bücher oder Gemälde und wollen wieder wegfliegen. Norris erklärt ihm, warum: „Wir Menschen müssen uns eine andere Welt suchen, denn diese hier ist erstens tödlich für uns geworden und zweitens gehört sie jetzt den anderen Spezies, den Mutanten. Wenn wir hier künftig landen wollen, werden wir um Erlaubnis bitten müssen!“

Der Autor dreht das alte Klischee vom heroischen Pionier, der als Eroberer auf eine fremde Welt kommt, völlig um und zeigt so die weiteren schrecklichen Folgen eines Atomkriegs auf. Eine effektive Pointe, aber konventionell erzählt. Der Text wurde später in den Roman „Deus Irae“ aufgenommen, den Dick zusammen mit Roger Zelazny schrieb.

2) |Der berühmte Autor| (Prominent Author, 1954)

Henry Ellis ist ein kleiner Berichteschreiber, der in einer großen Firma im New York der Zukunft arbeitet. Sein Chef Miller hat ihm einen neuartigen Soforttransporter zum Testen gegeben. Mit dieser Technik benötigt er statt zwei Stunden nur noch eine Minute zum Büro. Eines Morgens bemerkt er jedoch am Boden des Dimensionstunnels ein paar winzige Gestalten, die ihm ein winziges Stückchen Papier geben. Dieses lässt er übersetzen: Es sind Fragen. Die Antworten holt er von der Bundesdatenbank ein und lässt diese in die Sprache des Originals übersetzen. Er übergibt sie den kleinen Leuten und geht frohgemut von dannen. Doch am nächsten Tag gibt man ihm neue Fragen, und zwar nicht von den gleichen Leuten. Dieses Spiel geht eine Weile und Ellis fühlt sich immer besser. Zu seinem Vergnügen bemerkt er, dass ihm die kleinen Leute einen Tempel errichtet haben und Brandopfer darbringen. Fantastisch! – Am nächsten Morgen kriegt er einen wütenden Anpfiff vom Boss, der ihm vorwirft, den Test missbraucht zu haben. Und wisse er, Ellis, eigentlich, welche Sprache, die angeblich Centaurianer sprechen, das ist, welche für ihn übersetzt wurde? Althebräisch! …

Die Story beantwortet die alte Frage, woher die Zehn Gebote und die Geschichten des Alten Testaments kommen, auf originelle und sympathische Weise. Zugleich ist sie ein Kommentar auf die Arbeit eines jeden mit Sprache arbeitenden Künstlers, wie Dick einer war.

3) |Der Baumeister| (The Builder, 1954)

Ernest Elwood baut in seinem Hinterhof ein Boot, aber es hat weder Motor noch Segel. Dass dies recht seltsam ist, findet vor allem seine Frau Liz, die immer wütender wird. Denn Ernest kann ihr überhaupt nicht sagen, warum er dieses verflixte Boot baut. Er weiß nur, dass es eilt, doch nur sein jüngerer Sohn Todd hilft ihm, während Bob, der ältere, frotzelt, es sei ein atomgetriebenes U-Boot. Elwood versteht erst, was er da tut, als die ersten dicken schwarzen Regentropfen fallen …

Die Story greift wie „Der berühmte Autor“ auf das Alte Testament zurück: Elwood ist ein moderner Noah. Doch wichtiger als diese Pointe ist die Stimmung des drohenden Dritten Weltkriegs, denn die Jungs müssen für Atomschutzmaßnahmen üben (bekanntes Motto: „Duck and cover!“). Im Büro werden rassistische Äußerungen gemacht, und auch von Kommunistenhatz ist die Rede. Es ist eine allgemeine Stimmung der Angst und Paranoia. Als der drohende Weltuntergang in Form der Sintflut schließlich wirklich eintritt, ist nur Elwood darauf vorbereitet.

4) |Die kleine Bewegung| (The Little Movement, 1952)

Die Spielzeuge proben den Aufstand – ein intelligenter kleiner Spielzeugsoldat lässt sich von einem Straßenhändler an einen Jungen verkaufen und versucht diesen Jungen zu einem gehorsamen Werkzeug seines Willens zu machen. Er und seine Kollegen wollen nämlich die Welt, die von der Rasse der „Erwachsenen“ beherrscht wird, in einem revolutionären Kampf erobern, um selbst die Herrschaft zu übernehmen. Aber „Mein Gebieter“, wie er sich nennen lässt, hat nicht mit dem Widerstand der anderen Spielzeuge gerechnet …

Eine kleine satirische Story über „toy soldiers“, die das Schicksal von Revoluzzern behandelt. Eine kleine Fehlkalkulation, und schon ist es vorbei mit der glorreichen Revolution – besonders wegen der unvermutet auftauchenden Konterrevolutionäre.

5) |Die Konservierungsmaschine| (The Preserving Machine, 1953)

Doc Labyrinth ist ein Genie und Musikliebhaber. Und als solcher ist ihm der Gedanke zuwider, dass in einem Atomkrieg all die kostbaren Partituren der wundervollen Musik Mozarts und Beethovens vernichtet werden könnten. Nach einer genialen Vision lässt er die Konservierungsmaschine konstruieren, die auch einwandfrei funktioniert. Er legt eine Partitur ein und die Maschine produziert ein Lebewesen. Aus Beethoven wird ein bulliger Käfer, aus Mozart ein wunderschöner Vogel, aus Wagner ein elegantes Raubtier. Doc lässt wie weiland Noah (s. o.) alle Tiere im nahen Wald frei. Als er mit seinem Freund, dem Ich-Erzähler, nachsieht, was aus ihnen geworden ist, erlebt er eine böse Überraschung. Die Gesetze der Wildnis haben voll zugeschlagen …

Die Story ist eine einfallsreiche Kontemplation der Beziehung zwischen höchster Kunst (Musik) und der rohen Natur (Wildnis). In einem schlagenden Experiment beweist Dick, dass es keine Brücke gibt. Die von der Wildnis veränderten Musik-Tiere produzieren eine abscheuliche Musik. Fazit: Musik kann nur im Reich des Menschen und des Geistes überleben.

6) |Der unmögliche Planet| (The Impossible Planet, 1953)

Eine alte Lady von 350 Jahren bittet zwei Raumfahrer, Norton und Andrews, um ein Ticket zur Erde. Sie haben von ihrem Großvater davon gehört: eine grüne Welt, mit blauen Meeren. Zuerst lehnen sie verblüfft ab: Diesen Planeten gebe es nicht, er sei nur Legende. Doch ein entsprechend hohes Entgelt überzeugt zumindest Andrews. Und tatsächlich finden sie einen Planeten, der als dritter mit einem Mond in einem Neun-Planeten-System existiert. Aber die Oberfläche ist eine deprimierende Hölle: eine Endzeitvision. Die beiden Betrüger, denen es nur ums Geld geht, versichern der tauben Alten und ihrem Dienstroboter, die sei wirklich die alte Erde – allerdings nach einem verheerenden Krieg gegen die Centaurianer. Während der Roboter die alte Lady im Meer bestattet, findet einer der beiden eine Metallscheibe mit der Aufschrift „E pluribus unum“(*). Er wirft sie in den Müllschlucker und fliegt nach Hause.- Die Story ist einfühlsam geschrieben und weiß durchaus zu beeindrucken, trotz des bitteren Untertons.

*: Inschrift auf einem Dollarstück, das Nationalmotto der USA: „aus vielen (Einzelteilen) eines (ein Ganzes)“.

7) |Der unermüdliche Frosch| (The Indefatigable Frog, 1953)

Prof. Hardy behauptet, dass gemäß Zenos 2000 Jahre altem Paradox vom Frosch und dem Brunnen der Frosch niemals den Brunnenrand erreichen könne. Der Grund: Mit jedem Sprung des Frosches halbiert sich die Sprungweite. Die Folge: Auch bei seinen letzten Sprüngen ist es dem Frosch unmöglich, den Brunnen vollends zu berühren – er nähert sich ihm asymptotisch. Doch Prof. Grote ist gegenteiliger Ansicht. Um dem Streit der beiden ein Ende zu bereiten, verdonnert der Dekan sie, Zenos Paradox experimentell zu beweisen. Dieses hat erst für den eingesetzten Frosch und dann auch für Prof. Grote erstaunliche Folgen.

Das Phänomen des schrumpfenden Menschen, der schließlich in submolekulare Bereiche vorstößt, war z. B. Asimov bereits 1939 bekannt. Insofern ist die Story nicht sonderlich originell. Die Physik an sich ist sogar ziemlich fantasyhaft. Kein Glanzpunkt der Sammlung.

8) |Das kreisende Rad| (The Turning Wheel, 1954)

Jahrhunderte nach dem Atomkrieg ist die Erdoberfläche noch verwüstet, aber tief unter ihr hat sich eine neue Kultur entwickelt. Sie lebt nach der Lehre des kreisenden Rades, wonach jeder auf einer Stufe der Leiter der Existenz wiedergeboren wird. Barde Sung-wu, ein Angehöriger der obersten Kaste, hat wegen einer Sünde Angst, er werde als Schmeißfliege auf einem Sumpfplaneten wiedergeboren werden – nachdem er an einer Seuche in naher Zukunft gestorben ist. – Da erteilt ihm sein vorgesetzter Barde Chai den Auftrag, auf der Oberfläche nachzusehen, was es mit diesem neuen Kult der Tinkeristen auf sich habe. Es soll sich um haarige und schmutzige Kaukasier handeln und, was noch schlimmer ist, um Technos! Als Sung-wu dort auftaucht, erlebt er mehrere Überraschungen, von denen sich die letzte und größte als recht angenehm erweist.

Diese Story präsentiert zwei ausgeformte religiöse Systeme, die die Post-Holocaust-Zukunft beherrschen: die deterministische des Kreisenden Rades und die vom freien Willen bestimmte Religion der Tinkeristen, der wir Westler heute schon anhängen. Welche davon siegen wird? Selber lesen!

9) |Nachwuchs| (Progeny, 1954)

Ed Doyle ist die 4,3 Lichtjahre von Proxima Centauri, wo er Badezimmer verkauft, zur Erde geeilt. Gerade noch rechtzeitig langt er im Krankenhaus an, um seinen frischgeborenen Sohn Peter bewundern zu können. Janet, die Mutter, ist auch schon wieder wohlauf. Die modernen Methoden helfen doch sehr, die Entbindung komplikations- und schmerzlos hinter sich zu bringen. Der Robotarzt Dr. Bish zeigt Ed seinen Sohn. Doch als Ed ihn auf dem Arm zu nehmen wünscht, löst er mit diesem Ansinnen Entsetzen aus, und Janet ist entrüstet. Nur Roboter dürfen Babys in den Arm nehmen, und nur sie dürfen Kinder aufziehen. Nicht auszudenken, welche Neurosen ihr kleiner Sohn sonst von seinen Eltern übernehmen könnte! – Aber wann er denn dann seinen Sohn sehen könne, will Ed niedergeschlagen wissen. Nun ja, nach neun Jahren sei Peters Geist voll ausgeformt und er käme in die Ausbildung, aber dort würden ihn ebenfalls Roboter in ihre Obhut nehmen. Mit 18 also. Vielleicht. – Ed fliegt wieder nach Proxima, aber nach neun Jahren kehrt er zurück. Er hat sich von Janet getrennt. Von Dr. Bish, der im Gegensatz zu Ed kein bisschen gealtert ist, erhält er die Erlaubnis, seinen Sohn 90 Minuten lang zu sehen. Das Treffen verläuft allerdings anders als geplant …

Die anschaulich und lebhaft erzählte Story ist eine erschreckende Vision von einer Zukunft, in der die Roboter das Kommando darüber übernommen haben, wie die Kinder ihrer einstigen Herren aufwachsen. Und deshalb darf es nicht verwundern, dass die Kinder nicht wie Menschen fühlen, sondern wie Roboter denken. Das Szenario erinnert an Jack Williamsons Klassiker „The Humanoids“ aus dem Jahr 1949.

10) |Die Keks-Dame| (The Cookie Lady, 1953)

Bernard Surle ist ein guter Junge, der brav seine Hausaufgaben macht. Seine Eltern erlauben ihm, Mrs. Drew, die alte Dame in der Nachbarschaft, zu besuchen, die immer so leckere Kekse backt. Heute liest ihr Bernard etwas über Peru vor, nachdem er die erste Ladung Plätzchen verputzt hat. Jedes Mal, wenn sie neben ihm sitzt, fühlt sie sich 30 Jahre jünger, doch wenn er wieder geht, kehrt das Alter zurück. – Als Bernard nach Hause kommt, fühlt er sich erschöpft. Erschrocken verbieten ihm seine Eltern, weiter zu der Keks-Dame zu gehen, das heißt: ein einziges Mal darf er noch. Doch dieses Mal wird sein letztes Mal …

Wow, eine echte Horrorstory vom Meister der Science-Fiction! Und eine richtig gruselige obendrein! Sehr stimmungsvoll, einfühlsam, ein wenig sinnlich und sogar anrührend. Sutins Meinung: Eine Abwandlung des Märchens von Hänsel und Gretel …

11) |Markt-Monopol| (Captive Market, 1955)

Edna Berthelson ist eine Ladenbesitzerin in Walnut Creek im Kalifornien des Jahres 1965. Die ältere Dame hat schon eine ganze Familie aufgezogen, doch die Kinder sind inzwischen fast alle weggezogen. Nur ihre Tochter und deren Sohn Jack leben bei ihr. Sie sind die einzigen, die mitbekommen, dass Edna jeden Samstag an einen unbekannten Ort fährt. Diesmal aber gelingt es Jack, unbemerkt mitzufahren und sich in der Ladung des Lasters zu verstecken. Großmutter lenkt ihren Wagen aber seltsamerweise nicht in die Stadt, sondern in das Gebirge des Mount Diablo und dort löst sich ihr Laster plötzlich in Nichts auf, so dass Jack in den Staub des Straßengrabens fällt. –
Was er nicht weiß: Ednas Ziel ist das Lager von abgerissenen Überlebenden eines Atomkriegs. Sie haben aus einer gestohlenen Atomrakete ein Raumschiff gebaut, mit dem sie zur Venus fliegen wollen. Edna bringt die letzten benötigten Ausrüstungsgegenstände und sie bezahlen sie mit Dollarnoten, die für sie selbst längst allen Wert verloren haben, für Edna jedoch nicht. Sie ist die einzige Händlerin für diese Kunden, und das stinkt ihnen gewaltig, weil sie sich ausgenutzt fühlen.

Nun sagen sie ihr, sie brauchen sie nicht mehr. Ihre Proteste, sie habe weitere Waren bestellt und die müssten bezahlt werden, verhallen nutzlos. Sie geht wütend wieder zurück in ihre eigene Zeit, aber sie wird sich rächen: Sie findet die Zeitlinie, in der das Raumschiff einen Defekt hat und wieder zur Erde fällt. Ihre Kunden sind für immer auf Ednas privatem Markt gefangen. (Daher der doppeldeutige O-Titel „Captive Market“: Markt der Gefangenen.)

Die böse Story wendet das Prinzip des Kapitalismus auf die Überlebenssituation nach dem Atomkrieg an – keine schönen Aussichten. Bemerkenswert ist die Art und Weise der Zeitreise: ein Gleiten von einer Dimension zur nächsten. Edna ist eine Art Präkog: Sie kann zwischen den Ereignisketten der möglichen Zukünfte wählen und findet todsicher die gewünschte heraus – Pech für die Venusfahrer.

12) |Wir erinnern uns für Sie en gros| (We Can Remember It For You Wholesale, 1966)

Die Handlung verläuft ein wenig anders als in der von Paul Verhoeven inszenierten Action-Brutalo-Oper „Total Recall“ mit Arnold Schwarzenegger als Douglas Quail. Quail wünschte sich in der reglementierten Realität der Erde schon immer, einen aufregenden Job zu haben, zum Beispiel auf dem Mars. Seine bodenständige Frau Kirsten spottet ihn aus.

Und so geht Dougie zur REKAL AG. Dort erhebt sich die Frage: Verfügt Douglas Quail über vom Militärgeheimdienst implantierte Erinnerungen, ein Agent auf dem Mars zu sein, oder ist er wirklich einer? In jedem Fall ist die Antwort sowohl interessant als auch verblüffend. Das Ersatzprogramm erweist sich als Desaster …

Die Story ist eine Extrapolation der Gehirnwäsche, die das Militär und dessen Geheimdienst an seinen Mitgliedern vornehmen könnte. Ein Vorbild war sicherlich der Film „The Manchurian Candidate“ von John Frankenheimer. In die gleiche Kerbe schlug übrigens 1968 John Brunner mit seinem SF-Roman „Morgenwelt“ („Stand On Zanzibar“), in dem ein harmloser Wissensarbeiter vom Militär zu einem paranoiden Superkiller umgekrempelt wird.

13) |Über der öden Erde| (Upon the Dull Earth, 1954)

Die Aliens sehen wie weiße Engel aus: geflügelt, majestätisch – und blutgierig. Silvia Everett hat sie mit Blut aus ihrer Dimension auf die Erde gerufen, denn sie will sich ihnen unbedingt anschließen – so wie eine Raupe, die auf der öden Erde umherkriecht, sich in einen frei fliegenden Schmetterling verwandeln will. Silvias Freund Rick ist hingegen skeptisch, denn er will die 19-Jährige eigentlich heiraten und mit ihr eine Familie gründen.

Doch die Aliens schnappen sich Silvia aus dem Keller des elterlichen Hauses und entführen sie in ihre Dimension. Rick erhebt sich aus der Verwüstung, klagt über Silvias verbrannten Körper und beschwert sich bei einer Abordnung der Engelartigen. Wie sich herausstellt, hat eine Fraktion der Fremden übereilt gehandelt: Silvia darf zurückkehren. Allerdings gibt es dabei einen Haken: In welchen Körper soll Silvias Seele nun zurückkehren? Als es wirklich passiert, ist das Ergebnis für Rick ebenfalls deprimierend: Jede Frau auf Erden sieht wie Silvia aus – und bald auch jeder Mann. Jeder …

Die Story beginnt sehr romantisch: mit Engeln und einer begeisterten jungen Frau. Doch ganz allmählich breitet sich zunehmendes Grauen aus, das bis zur letzten Konsequenz ausgespielt wird. Bemerkenswert ist vor allem das philosophische Konzept, dass eine Seele aus dem „Jenseits“ zurückkehren könnte, dabei jedoch mangels Ursprungskörper in ALLE verfügbaren Menschenkörper eindringt und diese verformt: „form follows function“, um einen alten Designgrundsatz zu zitieren. Es handelt sich um eine quasi-göttliche Invasion der besonders gruseligen Art. Sutins Meinung: Dicks Variation des Mythos von Orpheus und Eurydike.

14) |Ausstellungsstück| (Exhibit Piece, 1954)

Miller ist Angestellter der Geschichtsagentur im 22. Jahrhundert und betreut die Ausstellung für das 20. Jahrhundert. Er hat sich allerdings auf seine Epoche viel zu weit eingelassen, findet der Politkomissar Fleming, der Vertreter des Weltdirektorats. Miller raucht sogar Pfeife und trägt eine Lederaktentasche, es ist kaum zu fassen. – Als Miller ein Geräusch aus seiner Ausstellung hört, geht er hinein und stößt dort auf eine Mutter mit zwei Jungen. Sitzen beim Frühstück und erkennen in Muller ihren Vater bzw. Gatten George. – Miller geht zum Psychiater Dr. Grunberg, um herauszufinden, welche der beiden Welten real ist. Antwort: beide! Den Beweis findet Miller, als er zurück zur Grenze in die Welt der Geschichtsagentur geht. Sein Chef droht, die Ausstellung zu zerstören. Miller lacht und zieht es vor, in seiner neuen „Welt“ zu leben. Da erlebt er eine böse Überraschung …

Eine typische Dick-Story über Realitätsverlust, diesmal aber mit einer makaberen Pointe.

15) |Kriegsspiel| (War Game, 1959)

Generäle spielen Kriegsspiele, das weiß jeder. Aber in einer von Krieg und Militarismus beherrschten Nation (wie etwa der amerikanischen) spielen auch Kinder Kriegsspiele. Buchstäblich. Und diese muss ja jemand testen. Die Tester von der Importkontrolle erhalten Spielprototypen von einem mysteriösen Hersteller, der auf dem Jupitermond Ganymed herstellen lässt. Und die Ganymedianer sind ja bekanntlich ziemlich hinterlistige Burschen.

Den Testern ist ihnen nicht ganz klar, um wen es sich bei den Ganymedianern genau handelt, aber das Spiel ist interessant, geradezu realistisch – und didaktisch. Die Tester werden trainiert, ohne es zu merken. Aber wenn die Hersteller nun Aliens wären, die die Abwehrbereitschaft der Erde prüfen wollten?

„Kriegsspiel“ ist eine unterhaltsame und augenzwinkernde Satire auf Militär und Geheimdienst, die es in sich hat.

16) |Die Kriecher| (The Crawlers, 1954)

Gretry untersucht im ländlichen Tennessee des Jahres 1954 das Auftauchen der Kriecher. Schon wieder ist einer überfahren worden: ein weicher Körper, maximal einen Meter lang, mit Scheinfüßchen, aber einem Kopf mit erstaunlich menschlichen Augen. Diese Wesen bilden eine Kolonie und bauen in die Tiefe, weiß Gott, wie tief. Und wo kommen sie bloß her? Kann das Strahlenlabor hinter den Hügeln daran schuld sein?

Gretry besucht die Familie Higgins auf ihrer Farm. Die Alte fordert ihn auf, die Wesen möglichst rasch auszurotten, aber ihre 19-jährige Tochter hat eines der Wesen zur Welt gebracht. „Sie fressen nur Blätter und Gras“, sagt sie. Der Nachbar hat sein Kriecherjunges erschossen, aber sie und ihr Mann bringen das nicht übers Herz. Sie geben es Gretry mit, auf dass er es der Kolonie der Kriecher übergebe. Doch er hat andere Pläne: Extermination. Unterdessen wundern sich die Kriecher in der Tiefe, dass manche Mütter Missgeburten hervorbringen: Diese schreien und habe steife Gliedmaßen. Aber man kann sie schnell loswerden und für immer zum Schweigen bringen.

Die Story schildert die mutierende Wirkung radioaktiver Strahlung auf sehr drastische Weise. Unbehaglich ist die Vorstellung, dass Menschenbabys programmiert sein könnten, eine Art Maulwurfs-Kolonie zu binden. Noch unschöner ist jedoch der Gedanke, Frauen könnten Kriecher gebären und sie NICHT töten wollen. (Man sollte bedenken, dass Dick selbst drei Kinder hatte.)

17) |Kriegsveteran| (War Veteran, 1955)

Eine bis zum Schluss sehr spannende und clever konstruierte Story. Man schreibt den 4. August 2169, als ein Mann namens David Unger im Krankenhaus von New York City auftaucht, der behauptet, im Jahr 2154 geboren worden zu sein. Dabei sieht aus wie ein Neunzigjähriger. Hat er eine Zeitreise gemacht? Dr. Vachel Patterson und seine Kollegin Dr. Evelyn Cutter stehen vor einem Rätsel.

Doch was der Kriegsveteran über die Erde der Zukunft zu erzählen hat, ist brisanter Zündstoff. Denn inzwischen bahnt sich durch den von Konzernchef Gannett angeheizten Nationalismus der Erde ein Krieg an. Die Venusier werden bereits als „Schwimmfüße“ beschimpft, weil sie grüne Haut und Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen haben. Die Marsianer disqualifiziert man gleichfalls: als „Krähen“. Auch ihre Kriegsschiffe sind schwarz. Gannett hofft offensichtlich, einen Wirtschaftskrieg mit Mars und Venus gewinnen zu können.

Doch Veteran David Unger erzählt etwas anderes. Er sei der einzige Überlebende der irdischen Schlachtflotte, die unter Commander Nathan West flog und von den Flotten der zwei Kolonialwelten völlig vernichtet worden sei. In der Folge wurden sowohl die Erde durch „C-Raketen“ (Kobaltbomben vermutlich) und auch alle Archen vernichtet.

Doch Patterson entdeckt eine Unstimmigkeit: Die ID-Nummer, die David Unger vorweist, passt auf einen 15-jährigen Rekruten, aber der heißt nicht Unger, sondern Ben Robinson. Folglich kann Unger kein Mensch von der Erde sein. Ist er überhaupt ein Mensch? Aber wer hat ihn gebaut? Wahrscheinlich weiß der Venusier V-Stephens mehr, aber er ist soeben aus seiner Verwahrzelle in der Klinik entkommen …

In dieser komplexen Story vermischt der Autor zahlreiche Zutaten der Science-Fiction zu einem abenteuerlichen Garn mit einem verblüffenden Schluss. Die Story hat Novellenlänge: Sie ist 50 Seiten lang. Und jede dieser Seiten ist gespickt mit einer überraschenden Wendung und / oder mit gewalttätiger Action, bei der vornehmlich „Kältestrahler“ zum Einsatz kommen. Die Story beweist, dass Dick auch die längere Form einwandfrei und sehr unterhaltsam handhaben konnte.

18) Die Nummer eins unter den Stellvertreter-Jobs (Top Stand-By Job, 1963)

Eine feindliche Alien-Flotte greift die Ränder des Sonnensystems an und im Weißen Haus herrscht ein Notstand. Der Vizepräsident Gus Schatz ist gestorben und man holt als Ersatz Maximilian Fischer, ebenfalls einen alten Gewerkschafter. Die Gewerkschaften stellen per Gesetz den Stellvertreter des US-Präsidenten. – Zunächst erwartet Max nur ein ruhiger Job, den er mit einem Hobby ausfüllen kann. Der Vize hat ja keine Entscheidungsbefugnis, im Gegensatz zum Präsidenten. Und der Präsident wird von Unicephalon 40-D, einem leistungsfähigen Problemlösungsroboter, gestellt. Stressig wird es jedoch für Max Fischer, als die Aliens den Unicephalon 40-D durch einen Angriff ausschalten: Max ist jetzt selbst Präsident! Aber in keiner Weise dafür ausgebildet.

Die Story macht ziemlich kiritische Bemerkungen darüber, ob die Gewerkschaften in der Lage wären, das Land im Fall des Falles zu führen. Die Antwort lautet eindeutig nein. Vetternwirtschaft und Skrupellosigkeit in Kombination mit Machthunger gehen eine unheilvolle Verbindung ein.—In dieser Story tritt erstmals Jim Briskin auf, die Hauptfigur in Dicks Roman „Das Jahr der Krisen“ (The Crack in Space, 1966). Er ist in der Story der News-Clown und hat bereits die Ambitionen auf die Präsidentschaft, die sich im Roman erfüllen.

19) |Hätte es Benny Cemoli nicht gegeben| (If There Were No Benny Cemoli, 1953)

Zehn Jahre nach dem Atomkrieg trifft im Jahr 2180 die Menschenflotte von Proxima Centauri ein, um erstens den Wiederaufbau zu beginnen und zweitens die Kriegsverbrecher mit ihrer Polizei aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen. Doch in den Ruinen von New York City, wo die entsprechenden Köpfe ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben, kann man sich an keine Kriegsverbrecher nicht erinnern. Vielleicht weiß die Zeitung mehr? Man setzt das Elektronengehirn Cephalon der „New York Times“ wieder instand und freut sich auf die erste Ausgabe.

Die Verwunderung ist groß, als in der Erstausgabe die Rede von einem gewissen Benny Cemoli ist, der einen Aufstand gegen die Invasoren von Centauri anführe und deren Barrikaden stürme. Nachforschungen ergeben, dass es sich um reine Fiktion handelt. Aber warum und wozu? Wie wie kommt eine selbstlenkende Zeitung dazu, so etwas zu erfinden?

Die Story lässt sich leicht auf die Kriegsverbrecherjagd nach dem Zweiten Weltkrieg anwenden und als recht ironischer Kommentar verstehen. Indem den Centaurianern ein fiktiver, aber gut „dokumentierter“ Sündenbock präsentiert wird, lenkt die Jagd nach ihm ihre Aufmerksamkeit von den echten Verbrechern ab. Diese residieren weiterhin in einer großen Parteizentrale in Oklahoma City …

20) |Rückzugs-Syndrom| (Retreat Syndrome, 1964)

John Cupertino wird auf dem Higway nach Los Angeles wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten – ein schweres Vergehen. Der „Befriedungsoffizier“ Myers ist jedoch ebenso geschockt wie seine Cops, als er sieht, wie Cupertinos Hand im Armaturenbrett des Wagens verschwindet. Gerne entspricht er dessen Wunsch, sofort seinen Psychiater sprechen zu wollen.

Dr. Gottlieb Hagopian frischt Cupertinos Gedächtnis auf. Er lebe seit drei Jahren auf Terra, nachdem er auf dem Jupitermond Ganymed beinahe seine Frau Carol umgebracht hätte. Carol hatte zuvor die Umsturzpläne der Ganymedianer, in die ihr Mann eingeweiht war, an die gleichgeschalteten Medien verraten. Daraufhin hatte Terra Ganymed abgeriegelt, und der geplante Aufstand war gescheitert. John wollte sie erschießen, verfehlte sie aber.

Cupertino ist aber felsenfest überzeugt, sie erschossen zu haben. Er fährt zu der von Hagopian angegebenen Adresse Carols bei Los Angeles. Tatsächlich: Carol lebt. Natürlich ist sie nicht gut auf ihn zu sprechen. Allerdings kann auch hier Johns Hand in das Videofongerät eindringen – dieser Ort ist nicht real. Aber wo befindet sich dann Cupertino wirklich? Und wie schafft man es, ihn in dieser terranischen Illusion gefangen zu halten? Ist er es selbst, durch sein Schuldgefühl?

Wie bei Sartre ist der Protagonist in seiner privaten Hölle gefangen, die er sich bei seinem Rückzug aus der Realität selbst gezimmert hat. Der Autor hat hier den Schritt von der Suche nach der allgemeinen zur persönlichen Wirklichkeit (koinos kosmos vs. idios kosmos) getan.

21) |Der Preis für den Kopierer| (Pay For the Printer, 1956)

Die Erde ist nach dem Atomkrieg wüst und unwirtlich, aber noch schlagen sich ein paar Siedlungen durch. Sie schaffen das, weil die Biltong, Aliens aus dem Centauri-System, für sie ihre Zivilisationsgegenstände kopieren: Objekte, Essen, Kleidung, sogar Autos und Häuser. Aber als Alle Fergesson, Charlotte, Ben Untermeyer und John Dawes zu einem der Biltongs fahren, um kostbare Originale kopieren zu lassen, werden sie bitter enttäuscht: Der Biltong liegt im Sterben. Er kann sich auch nicht fortpflanzen, weil die unnatürliche Trennung von seinen Genossen ihn geschwächt hat.

Aber die Tätigkeit des Kopierers hat die Mitglieder der Siedlung so lange Jahre verwöhnt, dass sie nun frustriert und wütend sind, als es für sie keinen Wohlstand auf Pump, sondern nur noch Not gibt. Sie töten ihn. Fergesson & Co. können dem Mob gerade noch entkommen. Aber es gibt Hoffnung: Dawes lebt schon lange ohne Biltong-Kopierer und hat eine hölzerne Tasse und ein Messer mit eigenen Händen hergestellt – unfassbar, denkt Untermeyer.

Der Autor warnt davor, sich auf Hilfe von außen zu verlassen, wenn der Fall der Fälle eingetreten ist. Das Ende der künstlichen Versorgung bedeutet nicht den Untergang der Menschheit, sondern eine Chance für den Neuanfang – sofern man sie als solche begreift, wie Dawes es tut.

22) |Was die Toten sagen| (What the Dead Men Say, 1964; 60 Seiten)

Diese Erzählung von 1964 bildet eine Vorstufe zu Dicks Roman „UBIK“ (1969).-
Im Kälteschlaf-Institut von Herbert Schönheit von Vogelsang in L.A. können Menschen im Kältepack dennoch für gewisse Zeit – das „Halbleben“ – mit ihrer Umwelt kommunizieren, etwa um Ratschläge zu erteilen und Anteil an bestimmten Entwicklungen zu nehmen. Doch Louis Sarapis, der mächtigste Industriemagnat des Sonnensystems, reagiert nicht auf Versuche, ihn im Halbleben zu reaktivieren. Stattdessen meldet er sich plötzlich aus einer Lichtwoche Entfernung aus dem Weltall, um die Nominierung seines Präsidentschaftskandidaten zu forcieren. Hintergrund dieses Phänomens ist offenbar, dass Sarapis‘ Erbin Kate Egmont Sharp, eine drogensüchtige Psychotikerin, zusammen mit diesem Kandidaten die Stimme aus dem All vorgetäuscht hat. Johnny Barefoot, einer der beiden Protagonisten der Story und Sarapis’ Ex-PR-Berater, bricht am Schluss auf, um die Frau auszuschalten, obwohl er sich in sie verliebt hat.

Wenngleich der Autor eine logische Erklärung für die Vorgänge findet, haftet der Geschichte über weite Strecken ein starkes Gefühl der Verfremdung und des Unbehagens an. Motto: Die Welt ist aus den Fugen geraten, doch Dicks Helden geben niemals den Versuch auf, die Rätsel aufzuklären. Dick hat hier das Potenzial verschenkt, die Aspekte des Halblebens im Kältepack auszuloten. Das hat er 1969 in „UBIK“ nachgeholt. Außerdem ist die Novelle über weite Strecken ziemlich langweilig, denn es passiert nichts. Die entscheidende Wende wird erst sehr spät herbeigeführt. Das Phänomen, dass Sarapis’ Sender auf allen elektronisch gesteuerten Funkkanälen (TV, Telefon, Funk, Radio) zu empfangen ist, wird nie erklärt. Das ist ebenfalls ziemlich unbefriedigend.

_Die Übersetzung_

Der Name des Übersetzers wird als Thomas Ziegler angegeben. Dahinter verbirgt sich der Autor und Übersetzer Rainer Zubeil. Seine Arbeit war offenbar schlecht bezahlt, denn er leistete sich ein paar Schnitzer, die er bei sorgfältigerer Arbeit wohl vermieden hätte. In der Story „Kriegsveteran“ ist die besagte Titelfigur mal 98 Jahre alt (Seite 272), dann aber wieder 89 Jahre alt (S. 289). Was ist nun richtig? Der Leser kann es leicht selbst ausrechnen. Das hätte der Übersetzer aber für ihn erledigen können, oder?

„Sein Antlitz verriet eisernes Entsetzen …“, heißt es auf Seite 61. Auch dieser Flüchtigkeitsfehler lässt sich zum Glück enträtseln. Statt „eisern“ muss es „eisig“ heißen. Noch eine Kostprobe gefällig? „… als er sein miniaturenes Abbild davonrennen sah.“ (S. 99) Nun ist „miniaturen“ kein deutsches Wort, passte aber offenbar so schön in die Zeile, dass der Übersetzer es stehen ließ. Richtig sollte es „miniaturisiertes“ oder „en miniature“ heißen. – Lassen wir’s mit den Beispielen dabei bewenden. Der Eindruck ist klar genug.

_Unterm Strich_

Diese Sammlung enthält 22 Storys Philip K. Dicks, die meistens in den fünfziger Jahren geschrieben und veröffentlicht wurden. („The Preserving Machine“ erschien zwar 1969, enthielt aber nur vier Storys aus den Sechzigern, der Rest stammte aus den Fünfzigern.)

Sie veranschaulichen demjenigen, der sich Dicks Werk erschließen möchte, Zugang zu einigen zentralen Themen der frühen Schaffensperiode darin: Immer wird das Thema des Atomkriegs durchgespielt, ganz besonders in seinen Folgen und in seiner Rechtfertigung. Die Folgen können humorvoll dargestellt werden wie in „Das kreisende Rad“, meist aber besteht eine Art Trauma.

Ganz besonders ironisch sind Post-Holocaust-Stories, in denen die Kriegsverbrecher ungeschoren davonkommen. Dagegen sind Erzählungen über Realitätsverlust wie etwa „Ausstellungsstück“ noch selten. Solche Storys sind eher in der zweiten Schaffensphase ab 1962 die Regel.

Im Nachwort umreißt Herausgeber Hans-Joachim Alpers noch einmal die grundlegenden Merkmale und Interessen des Autors, die in seinen Erzählungen und über 40 Romanen zu finden sind. Als Alpers dieses Nachwort schrieb, lebte Philip K. Dick noch. Er starb erst im März 1982.

Alpers hätte besser mal die Tatsache erklären sollen, warum die Sammlung ausgerechnet „Eine Handvoll Dunkelheit“ heißt. Eine Story dieses Titels gibt es nach meinen Informationen nicht, sondern das ist der Titel der Original-Collection. Eine mögliche Erklärung: Wenn man dieses Buch in der Hand hält, schaut man in eine Hand voll Dunkelheit …

Die Übersetzung ist gekennzeichnet von schlechtem Deutsch und von Flüchtigkeitsfehlern, was zu Punktabzug führt. Wenigstens stört das den Lesefluss meist nicht, so dass man den Text in der Regel einwandfrei genießen kann.

|Originaltitel: A handful of darkness, 1955 & The preserving machine, 1969
|Aus dem US-Englischen von Thomas Ziegler und Andreas Brandhorst|

Dick, Philip K. – Nach der Bombe

(Relativ) optimistischer Neuanfang nach dem Weltuntergang

Was geschieht, wenn die Bombe fällt, wenn ein weltweiter Nuklearkrieg unsere Städte dem Erdboden gleichmacht? Bedeutet dies das Ende – oder geht es danach weiter, anders, vielleicht sogar besser? Nur Philip K. Dick weiß es. Und erzählt es in dieser ungekürzten Neuübersetzung.
Dick, Philip K. – Nach der Bombe weiterlesen

Dick, Philip K. – Jahr der Krisen, Das

_Folgenreicher Durchbruch zur Anders-Erde_

Das Jahr 2080: Ein Präsident soll gewählt werden und steht vor unlösbaren Aufgaben: Immer größer wird der Druck der Massen, jene Millionen von Tiefschläfern wieder aufzuwecken, die in einer übervölkerten Welt in den Schlaf geschickt wurden. Aber wohin mit ihnen? Da stößt man auf den Zugang zu einer Parallelwelt, auf der der Pekingmensch zur beherrschenden Menschenrasse geworden ist. Nachdem man etliche Siedler hingeschickt hat, stellt sich heraus, dass etwas schrecklich schiefgegangen sein muss … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er in fast 30 Jahren 40 Romane und über 100 Kurzgeschichten veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung außerhalb der SF zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als [„Eine andere Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=198 bei |Heyne|) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon.

Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967. Ab 1977 erlebte er einen ungeheuren Kreativitätsschub, die sich in der VALIS-Trilogie (1981, dt. bei |Heyne|) sowie umfangreichen Notizen (deutsch als „Auf der Suche nach VALIS“ in der Edition Phantasia) niederschlug.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu [„Blade Runner“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1663 umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood verfilmt hat. Ben Affleck spielte in einem Thriller namens „Paycheck“ die Hauptfigur, der auf einer gleichnamigen Dick-Story beruht. Als nächste Verfilmung kommt „A scanner darkly“ (Der dunkle Schirm).

_Handlung_

Jim Briskin ist der erste farbige Kandidat für das Amt des US-Präsidenten. Er hätte eigentlich gute Chancen, den Wahlkampf zu gewinnen, denn die Farbigen stellen im Jahr 2080 die Bevölkerungsmehrheit. Aber angesichts seiner Ziele ist sein Wahlkampfstratege Salisbury Heim skeptisch. Erstens will Briskin den Vergnügungssatelliten |Goldenes Tor|, ein fliegendes Bordell der Gebrüder Walt, schließen lassen, um dessen Pornokanäle zum Verstummen zu bringen. Zweitens will er all die Millionen Tiefgekühlten, die Flakkies (von „Flaschenkind“), wieder aufwecken lassen, weil es zu viele werden. Aber wohin mit diesen Massen?

Deshalb lautet Briskins dritter Vorschlag, den Mars zu bewässern und so zu terraformen, um sodann die Flakkies dorthin als Kolonisten zu schicken. Sal Heim hält diesen alten Vorschlag eines gewissen Bruno Mini für hirnrissig, doch Briskin lässt sich nicht davon abbringen. Als Sal Heim zwecks Entspannung von seinem Frust den Pornosatelliten besucht, setzen ihm die Eigentümer die Pistole auf die Brust: Entweder Briskin nimmt sein Ansinnen, den Satelliten zu schließen zurück, oder sie unterstützen Schwarz, den Gegenkandidaten. Heim reicht seinen Rücktritt ein.

Unterdessen richtet sich die Aufmerksamkeit der Massenblätter und ihrer ungebildeten Leser auf den Skandal, den die Scheidungsklage des Starchirurgen Lurton Sands gegen seine Frau, die Abtreibungstherapeutin Myra Sands, eingereicht hat. Lurton hat sie mit seiner Geliebten Cally Vale betrogen. Doch wo sich Miss Vale im Augenblick befindet, kann Myra Sands niemand auf der Erde sagen, nicht einmal Top-Detektiv Tito Cravelli.

|Ricks neue Welt|

Da macht ein kleiner Mechaniker namens Rick Erickson in Kansas City eine erstaunliche Entdeckung. Er soll den Jiffi-Scoutporter, mit dem Lurton von A nach B fliegt, reparieren, denn er fliegt nicht mehr zum vorgegebenen Ort, sondern sonst irgendwohin. Als er das Gefährt näher untersucht, stößt er auf einen Dimensionsriss im Boden und kriecht hindurch. Hier muss Lurton also sein Gspusi versteckt haben!

Rick landet auf einer idyllischen Welt: menschenleer, grün, bewaldet, mit frischer Luft, mit der gleichen Schwerkraft wie die Erde – göttlich! Aber leider taucht die Lady, die er erblickt, mit einem Lasergewehr in der Hand auf. Der rasche Rückzug, den Rick antritt, kommt zu spät. Ein Loch im Hinterkopf lässt sich auch von einem Starchirurgen nicht mehr beheben. Sein Kollege zieht ihn in die Werkstatt zurück und verständigt die Behörden.

Sofort verständigt Top-Detektiv Cravelli, der nun endlich weiß, wo die gesuchte Miss Vale steckt, zuerst den Präsidentschaftskandidaten Briskin. Denn wäre die von Erickson entdeckte Welt nicht ein idealer Ort, um die Flakkies zu entsorgen? Er verlangt als Gegenleistung nur eine Kleinigkeit: den Posten des Justizministers.

|Das Attentat|

Doch Briskin geht in die Offensive und verkündet Cravellis Information auf allen TV-Sendern. Das hat ein politisches Erdbeben zur Folge. Denn erstens werden alle Verwalter der Flakkie-Lagerhäuser nun arbeitslos, ebenso natürlich auch staatliche Abtreibungsberater wie Myra Sands: Man kann sich nun wieder Kinder leisten. Und drittens wird keiner mehr den Bordellsatelliten mehr besuchen wollen, sobald sich Sex mit gebärfähigen Frauen wieder realisieren lässt.

Das sehen die Gebrüder Walt genauso und geben ein Attentat in Auftrag. Die Rassistenorganisation von Verne Engel freut sich über eine großzügige Spende und setzt einen arbeitslosen Lagerverwalter in Marsch. Davon bekommt Cravelli Wind. Es ist Essig mit seinem Ministerposten, wenn Briskin erledigt wird. In Windeseile ergreift er Gegenmaßnahmen und infiltriert den Satelliten Goldenes-Tor-Momente-der-Freude, wo seine Freundin Francy als Hostess arbeitet. Ob er wohl noch rechtzeitig kommt, damit George Walt den Attentäter zurückpfeifen kann?

_Mein Eindruck_

Die erste Hälfte des Romans wurde 1963 geschrieben und im Juli 1964 unter dem Titel „Cantata 140“ im „Magazine for Fantasy and Science Fiction“ veröffentlicht. Die zweite Hälfte schrieb Dick 1964, so dass der komplette Roman 1966 erscheinen konnte. Der Titel „Cantata 140“ bezieht sich auf die Bach-Kantate Nr. 140, die „Wachet auf“ heißt. Das lässt sich leicht auf die Schläfer in den staatlichen Lagerhäusern beziehen. Sie wurde eingefroren, um das Problem der Überbevölkerung zu lindern.

Sie sollen ja auf die Anders-Erde auswandern und eine Kolonie gründen – darum geht es vordergründig im Roman. Das Problem ist jedoch, dass sich schon bald herausstellt, dass die Parallelwelt die gleiche Welt zur gleichen Zeit ist, aber einen alternativen Geschichtsverlauf eingeschlagen hat, in dem der Pekingmensch (Pithecanthropus sinanthropus) zur dominanten Menschenrasse geworden ist – mit bemerkenswerten Fähigkeiten.

|Es ist Wahlkampf|

Die Wahlkämpfer um den schwarzen Präsidentschaftskandidaten Jim Briskin (eine Figur, die Dick schon seit 1956 auftauchen lässt) freuen sich zunächst, dass Briskin eine Lösung für das Problem der Überbevölkerung gefunden hat, sind aber konsterniert über die Nachricht, die Parallelwelt sei besiedelt. Sal Heim, dem Wahlkampfberater, sind sofort die schrecklichen Konsequenzen klar: Entweder schließt man sofort ein Abkommen mit den Pekingmenschen, oder es wird so enden wie der Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern. Der Pekingmensch würde ein zweites Mal ausgerottet werden.

Aber das Dilemma löst sich von alleine auf: Die Pekingmenschen ergreifen die Initiative, nachdem ihnen George Walt, der Mutant, Bescheid gegeben hat, was eigentlich Sache ist. Daraufhin öffnen sie ihrerseits ein Tor in unsere Welt und starten ihre eigene Invasion. Das ist natürlich sehr ironisch und unterläuft jede Doktrin, die John W. Campbell, der maßgebliche Magazin-Herausgeber der US-amerikanischen SF, jemals ausgegeben hat. Die Aliens sind schlauer als wir. Sie haben überlegene Fähigkeiten, und sie zahlen uns zurück, was wir ihnen antun wollten.

|Der Zwillingsmutant|

George Walt ist sicherlich die interessanteste Erfindung des Autors in diesem außerordentlich durchschnittlichen Dick-Roman. George Walt besteht aus zwei Körpern, die sich aber nur einen Kopf und ein Gehirn teilen. Es sind also George und Walt, die vorgeben, zwei zu sein. Aber wie sich herausstellt, besteht nur eine Hälfte dieses Doppelkörpers aus einem Menschen, die andere Hälfte besteht aus synthetischen Prothesen. Walt (oder George?) war beim frühen Tod seines Partners so traurig, dass er die Trennung nicht aushielt und sich einen künstlichen Partner schuf.

Dieses Phänomen verweist darauf , das Philip Dick zeit seines Lebens seine Zwillingsschwester Jane vermisste, die 1929 fünf Wochen nach ihrer Geburt starb – wofür er seine Mutter Dorothy verantwortlich machte. Philip ist neben Jane begraben. (Das Foto von ihrem gemeinsamen Grabstein ist in Lawrence Sutins Biografie „Divine Invasions“ zu finden.) Auch in „Nach der Bombe“ hat Dick dieses Trauma verarbeitet.

George Walt machen ihren Lustsatelliten dicht und begeben sich zu den Pekingmenschen. Wie Cortez bei den Azteken wird er dort aufgrund von Prophezeiungen als Gott angesehen und erteilt einflussreiche Informationen über die Welt des Homo sapiens, der dabei ist, die schöne idyllische Welt des Sinanthropus in Besitz zu nehmen. Bis die Weisen unter seinen Gastgebern seinen Schwindel mit der künstlichen Körperhälfte durchschauen, vergeht eine ganze Menge Zeit. Und Jim Briskin ist es, der die Wende herbeiführt.

|Menschliche Charaktere|

Briskin ist ein „menschlicher“ Charakter, im Gegensatz zu vielen anderen wie etwa Sal Heim oder Tito Cravelli, die lediglich Manipulatoren sind. Ich könnte mir vorstellen, dass Briskin, den Dick schon 1956 erfunden hatte, eine gewisse Ähnlichkeit mit Dicks schwarzem Freund James Pike, einem Bischof der Episkopalischen Kirche, hatte, der 1969 in der israelischen Wüste umkam. Briskin ist der Einzige, der bereit ist, mit dem weisen Anführer der Pekingmenschen und mit George Walt zu verhandeln. Weil er dabei einen kognitiven Durchbruch erzielt – Walts Entlarvung – endet die Invasion der Pekingmenschen.

Aber das löst natürlich nicht das Problem der „Flakkies“, der 100 Millionen auf Eis gelegten Menschen, die ursprünglich in die Parallelwelt entsorgt werden sollten. Aber vielleicht haben ja die Pekingmenschen – unter ihnen v. a. „Bill Smith“ – dazu eine Idee. Das wird dann leider nicht mehr ausgeführt. Was ebenfalls auffällt, ist das völlige Fehlen eines Realitätsverlusts, wie er für Dick fast schon kennzeichnend ist, ganz besonders in dem Jahr, als er „Palmer Eldritch“ schrieb (1964).

|Die Übersetzung|

Martin Eisele hat den Roman ins Deutsche übertragen und Hans Joachim Alpers sein Ergebnis redigiert, wie Alpers im Nachwort schreibt. Eiseles Stil ist manchmal etwas holprig. So schreibt er auf Seite 100 von „glückseligen Bäumen“, auf Seite 157 von „zerrütteten Organismen“ statt von verrotteten, auf Seite 158 von einer „Hochertrags-Energieversorgung“ statt von Hochleistungsenergie.

Und schließlich gibt es noch einen schönen Dreckfuhler – Pardon: Druckfehler zu bestaunen. Auf Seite 186, auf der Zielgeraden, wird aus einem „sehr“ ein „sein“ fabriziert, das den aufmerksam Leser doch ziemlich verwirren dürfte. Ich brauchte eine Weile, bis ich dahinterkam, worin der Fehler bestand und bis der Satz einen Satz ergab.

_Unterm Strich_

„Das Jahr der Krisen“ ist sicherlich kein überragender SF-Roman, schon gar nicht nach Dick-Maßstäben. Lawrence Sutin verleiht ihm nur 2 von 10 möglichen Punkten. Zum Vergleich: Der immerhin ebenso durchschnittlich angelegte Roman „Die rebellischen Roboter“ bekommt von Sutin 6 von 10 Punkten, ganz einfach wegen der herausragenden Behandlung der Beziehung des Helden zu dem obsessiven „dunkelhaarigen Mädchen“ (siehe dazu meine Rezension).

Sutin nennt „The Crack in Space“ (der Titel bezieht sich auf den Dimensionsriss, der die beiden Erden miteinander verbindet) eine „liberale Geschichte mit guten Absichten“, aber ich sehe mehr Meriten. Es ist eine Satire auf den typischen US-Wahlkampf, auf voreilige Patentlösungen des Problems der Überbevölkerung, auf den Dünkel des Homo sapiens und auf die Hoffnung, ein Mutant könnte eine Lösung herbeiführen – ähnlich wie bei Asimovs Mutant „das Maultier“ (Foundation-Trilogie Band 2).

Zu lesen ist das Buch sehr einfach, denn es besteht zu 99 Prozent aus Dialog. Die erste Hälfte (die ursprüngliche Kurzgeschichte „Cantata 140“) ist jedoch stark verdichtet und erfordert eine gewisse Aufmerksamkeit. Die zweite Hälfte konzentriert sich entgegen meinen Erwartungen nicht auf die Erkundung der Anders-Erde, sondern auf die hiesigen Folgen der Entdeckungen, die dabei gemacht werden. Die Entwicklung der Dinge ist dabei sehr ironisch gestaltet. Aber das wäre bei Dick immer zu erwarten. Ich würde also dem Buch mindestens 5 von 10 Punkten geben.

|Originaltitel: The Crack in Space, 1966
192 Seiten
Aus dem US-Englischen von Martin Eisele|

Dick, Philip K. – rebellischen Roboter, Die

_Abraham Lincoln und das dunkelhaarige Mädchen_

Sie begannen mit elektronischen Heimorgeln und automatischen Klavieren. Dann verbesserten sie ihre Technik und stellten Menschen her: keine Roboter, sondern genau programmierte Nachbildungen berühmter Zeitgenossen. Aber da war ein entscheidender Denkfehler: Denn die genaue Nachbildung eines berühmten Menschen kann keine lenkbare Marionette sein … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er in fast 30 Jahren 40 Romane und über 100 Kurzgeschichten veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung außerhalb der SF zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als [„Eine andere Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=198 bei |Heyne|) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon.

Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967. Ab 1977 erlebte er einen ungeheuren Kreativitätsschub, die sich in der VALIS-Trilogie (1981, dt. bei |Heyne|) sowie umfangreichen Notizen (deutsch als „Auf der Suche nach VALIS“ in der Edition Phantasia) niederschlug.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu [„Blade Runner“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1663 umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood verfilmt hat. Ben Affleck spielte in einem Thriller namens „Paycheck“ die Hauptfigur, der auf einer gleichnamigen Dick-Story beruht. Als nächste Verfilmung kommt „A scanner darkly“ (Der dunkle Schirm).

_Handlung_

Louis Rosen, der Ich-Erzähler, und Maury Rock sind Teilhaber in einer kleinen Firma, die sowohl elektronische Stimmungs-Heimorgeln als auch automatische Klaviere (Spinette) herstellt und im Nordwesten der Vereinigten Staaten vertreibt. Weil aber die Heimorgeln, für die Louis zuständig ist, sich nicht verkaufen, erhält Maury die Oberhand in der Firma. Und Maury sagt: Wir bauen Simulacra!

So ein Simulacrum ist nicht bloß eine mechanische Puppe mit ein paar Klamotten dran, nein, darin verbergen sich auch ein Gedächtnis und ein Verhaltensprozessor, der über ein Magnetband Befehle entgegennehmen kann: ein Android wie in „Blade Runner“. Das erste Simulacrum, das Maury auspackt, ist Edwin Stanton, dem Kriegsminister Abraham Lincolns, nachgebildet. Ein paar Knöpfe gedrückt, und schon kann der Stanton drauflos plaudern.

Louis Rosen kommen schwere Zweifel. Nicht, dass er seinem Partner diese Erfindung neiden würde. Es liegt vielmehr an dem Umstand, dass der Android von Maurys geisteskranker junger Tochter Priscilla Frauenzimmer erfunden und entworfen wurden. Wer weiß, wozu dieser Android fähig ist? Pris wurde aus einer staatlichen Heilanstalt auf Bewährung entlassen und ihr Verhalten grenzt ans Monomanische: Sie zerschneidet mit Vorliebe Badezimmerkacheln.

Pris’ Wahnsinn jagt Louis kalte Schauer über den Rücken: Sie ist gefühlskalt, berechnend, ehrgeizig und skrupellos. Auf seine Gefühle oder gar sein Selbstwertgefühl nimmt sie keinerlei Rücksicht, so dass er am liebsten im Boden versinken würde. (Merke: Louis ist nicht sonderlich selbstbewusst.) Sie behandelt ihn, als wäre er ebenfalls ein Automat, so wie ihr Stanton. Als sich Louis deswegen bei Dr. Horstowski psychotherapeutisch behandeln lassen will, kommt ihm der Arzt wie ein Automat vor. Scherzeshalber gibt er vor, selbst ein Automat zu sein. Den Arzt wundert das überhaupt nicht, was Louis ins Grübeln versetzt. Fortan gibt er überall vor, ein Simulacrum zu sein.

Und jetzt auch das noch: Pris will einen Job beim Milliardär Sam Barrows, der selbst im Nordwesten zu den skrupellosesten Immobilienhaien zählt und seinen Einfluss auch auf Mars, Venus und Luna ausweiten konnte. Maury erhält von Barrows einen Brief, in dem Barrows den geschäftlichen Vorschlag, Simulacra für die Neuinszenierung des amerikanischen Bürgerkrieges zu benutzen, für die Idee einer privaten Bürgerinitiative hält. Wie peinlich! Nix war’s mit dem Massenabsatz von Stantons.

Aber Maury, ein hartnäckiger Yankee, gibt nicht auf. Er will Barrows mit einem Meisterwerk überzeugen: einem Simulacrum von Abraham Lincoln! Auch hier hat Pris ihre Finger im Spiel: Sie hat alles über Lincoln gelesen und den neuen Automaten entsprechend programmieren lassen. Louis schwant dabei nichts Gutes, wie immer, wenn Pris beteiligt ist.

Der große Augenblick kommt einen Tag, bevor Sam Barrows seinen Besuch ankündigt, denn er hat Stanton in Seattle kennen gelernt und ist vom Wert der Simulacra für seine zukünftige Mondkolonie überzeugt. Man legt am Lincoln den Schalter um, und er erwacht zum Leben. Er öffnet die Augen. Er redet rückwärts – upps!

_Mein Eindruck_

Der Autor hat den Roman anlässlich der Hundertjahrfeier des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865) geschrieben und das Manuskript 1962 fertig gestellt. Durch verschiedene Umstände wurde es aber erst zehn Jahre später als Roman veröffentlicht. Daher sieht es nun so aus, als wäre der Roman „Simulacra“ von 1966 zuerst geschrieben worden. In Wahrheit hat sich der Autor die Verkäufer der Simulacren, Maury Frauenzimmer und Louis Rosen, aus dem früheren Roman „Die rebellischen Roboter“ ausgeliehen.

Für das Lincoln-Simulacrum gab es bereits ein Vorbild: in Disneyland, Anaheim. Dort war Dick zu Besuch und schwer (ironisch) beeindruckt. Er erkundigte sich offenbar auch nach allen Automaten, die wie Menschen auftreten, zum Beispiel indem sie schreiben oder Klavier spielen. Aber wie so oft, sind bei ihm die Maschinen schlauer und menschlicher als die Menschen selbst. Und so verwundert es nicht, dass der Lincoln-Sim mit Sam Barrows einen Disput darüber führt, was menschlich sei. Dabei ist es nicht der Automat, der leugnet, dass es so etwas wie die Seele gebe, sondern es ist Sam Barrows, der skrupellose Milliardär.

Die zwei Unternehmer Rock und Rosen sehen sich bei Barrows’ Ankunft einer unerwarteten Gefahr ausgesetzt: Barrows will ihr Unternehmen mit Haut und Haar schlucken. Natürlich fallen ihm dann die Patente für die zwei Androiden zu und er kann sie in Massen fertigen lassen. Louis wird übel, als er Barrows’ Plan hört, Simulacra als Abbilder einer irdischen Familie in die neuen Mondkolonien verfrachten zu lassen, nur um mit diesem Bild familiärer Idylle beweisen zu können, dass es auf dem Mond so schön ist, dass auch normale Sterbliche dort wohnen wollen. Ist das nicht Betrug?

Als es Rock und Rosen mit Hilfe von Stanton und Lincoln (dieser war ja schließlich Anwalt) gelingt, ihre Firma vor Barrows zu bewahren, erweist sich Pris als Verräterin. Sie betrachtet ihren Vater und seinen Partner Louis als Nieten, die es nie zu etwas bringen werden. Und es ist ihr nicht gelungen, Louis zu verführen. Kein Wunder, ist sie doch völlig kopfgesteuert und verströmt so viel Wärme wie eine Eisscholle.

An Pris erweist sich Dicks Obsession mit dem „dark-haired girl“ seiner Fantasien. Sie ist zickig, dickköpfig und falsch wie eine Schlange. Aber auch ungemein anziehend in ihrer Kreativität, Lebhaftigkeit und Energie. In Begriffen des Psychoanalytikers C. G. Jung verkörpert sie die Große Mutter. Die Szenen zwischen Louis und Pris sind von einer erstaunlichen Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit – kein Wunder, denn der Autor hat darin seine Konversationen mit seiner damaligen Frau Anne verewigt. Es ist, als würde man einem Ehestreit zuhören, bei dem die Frau bizarre Argumente ins Feld führt, denen die Logik des Mannes kaum etwas entgegenzusetzen hat. Kein Wunder, dass sich Louis Rosen allmählich wie ein Simulacrum vorkommt …

Pris hat anfangs nur eine untergeordnete Rolle inne und die geschäftlichen Beziehungen Rock & Rosens zu Barrows stehen im Vordergrund. Doch als der Streit um die beiden Simulacra losgeht, erweist sich Pris als Joker im Spiel: Ohne sie (und einen Ingenieur) können die beiden Unternehmer keine gleichwertigen Simulacra mehr entwickeln und bauen. Im Konflikt zwischen den beiden „kleinen Protagonisten“ und dem „großen Protagonisten“ Barrows stellt Pris einen Katalysator dar, der für Louis erst zur Obsession wird und ihn dann veranlasst, psychotisch und gewalttätig zu werden: Er will Pris zurückhaben, koste es, was es wolle.

Der Höhepunkt des Romans ist eine ausgezeichnet realisierte Szene in der Bar eines Konzerthauses, wo ein farbiger Bluessänger auftritt. Der Gag bei dieser Auseinandersetzung besteht darin, dass Louis zwar Lincoln auf seiner Seite hat, aber Barrows das Simulacrum von Lincolns Mörder John Wilkes Booth mitbringt! Dieses Patt der Drohungen wird erst durch Pris’ Eingreifen aufgelöst.

Danach schwenkt die Handlung des Romans – wie in mehreren Büchern aus dieser Zeit nach 1962 – um und wendet sich der psychologischen Auseinandersetzung zwischen der – schizophren eingebildeten – Pris und Louis zu, der in eine staatliche Heilanstalt eingewiesen wird. Dort hofft er, von seiner Obsession geheilt zu werden. Doch stattdessen findet er die reale Pris ebenfalls in der Anstalt (sie war schon früher dort). Wieder kommt es zu einem Aufkeimen von Hoffnung, Pris endlich zu gewinnen. Doch so, wie wir sie kennen gelernt haben, ahnen wir bereits, dass sie Louis auch diesmal im Stich lassen wird.

Nach dem zu urteilen, was ich in den diversen Sachbüchern über dieses Buch und den Autor im Jahr 1961/62, als es entstand, gelesen habe, war Dick sehr gut mit den Behandlungsmethoden von Schizophrenie vertraut. Tatsächlich ließ er seine eigene Frau Anne daraufhin untersuchen und sogar behandeln. Dass dies nicht gerade Vertrauen aufbaute, liegt auf der Hand. Aber sie enttäuschte ihn sehr, indem sie eine Abtreibung vornehmen ließ, ohne ihn zu fragen. Im Buch greift er dieses Thema auf, indem er Louis von einer Pris fantasieren lässt, die einem kleinen Jungen namens Charles das Leben geschenkt hat, worüber Louis unendlich glücklich ist. Diese Wunscherfüllung findet in Louis’ Realität allerdings keine Entsprechung, wie ich oben erwähnt habe.

Dass die Handlung nicht mehr zu den faszinierenden Simulacra zurückkehrt, hat mehrere Kritiker, die Kim Stanley Robinson in seinem Buch „Die Romane des Philip K. Dick“ aufführt, verärgert und die Leser enttäuscht. Wenn es einem ebenso ergeht, so sollte man einfach zu demjenigen Roman Dicks greifen, in dem es fast ausschließlich um diese Automaten geht – natürlich zu „Simulacra“, das nur ein Jahr später geschrieben und 1964 veröffentlicht wurde.

_Unterm Strich_

Obwohl der Roman in inhaltlicher wie künstlerischer Hinsicht Schwächen hat, so besitzt er doch eine ganz starke, überzeugende Handlungslinie, die es in kaum einem anderen Dick-Roman gibt: die zum Scheitern verurteilte Liebe Louis Rosens zu Pris Frauenzimmer (die sich nach ihrem Weggang „Pristine Womankind“ nennt). Louis ist 33, während Pris erst 18 und damit nach dem (fiktionalen) Gesetz noch minderjährig ist. Das ist eine also heikle Sache. Aber diese einseitige Liebesbeziehung wird so realistisch und anrührend geschildert, dass sie keinen Leser kalt lässt. Diese emotionale Ehrlichkeit und Stärke habe ich erst wieder in dem Roman „Valis“ wiedergefunden (aber das ist rein subjektiv) und am Ende von „Eine andere Welt“.

Das SF-Element der künstlichen Menschen, die menschlicher sind als ihre Schöpfer, findet nicht nur hier eine ironische Behandlung, sondern natürlich in vielen weiteren Romanen Dicks, so etwa in „Simulacra“ und in dem allseits bekannten Roman „Blade Runner“.

|Originaltitel: We can build you, 1972
160 Seiten
Aus dem US-Englischen von Tony Westermayr|

Dick, Philip K. – Blade Runner

_Typisch Dick: Humor, Philosophie und Action_

Los Angeles, ca. 2020: Blade Runner, Sondereinheiten der Polizei, jagen in den dunklen Straßenschluchten der Mega-Städte nach entflohenen Androiden. Rick Deckard ist einer dieser speziell ausgebildeten Prämienjäger. Mit allen Mitteln versucht er, die Unterwanderung der Menschheit durch die Androiden zu stoppen. Aber ist Deckard selbst ein Mensch? (Verlagsinfo)

|Der Autor|

Philip Kindred Dick (1928-1982) wurde am 16.12.1928 in Chicago geboren. Im Alter von 12 Jahren schrieb er bereits kleinere Gedichte und Kurzgeschichten, mit 14 seinen ersten Roman „Return to Liliput“. Gerade 18 Jahre alt, verließ er sein Elternhaus und begann 1949 an der Universität Berkeley ein Germanistik- und Philosophiestudium. Doch schon bald wurde er von der Uni zwangsexmatrikuliert: Dick hatte Kontakte zur Kommunistischen Partei und wurde vom FBI beobachtet.

Er beschloss als freier Autor zu arbeiten: 1952 verkaufte er die erste Kurzgeschichte, 1955 erschien sein erster Roman „Solar Lottery“. Dick wurde in der Science-Fiction-Szene schnell bekannt und gewann 1963 mit „The Man in the high castle“ (deutscher Titel: „Das Orakel vom Berge“) den Hugo Gernsback Award. Am 2. März 1982, im Alter von 54 Jahren, starb Dick an Herzversagen. (Verlagsinfo)

|Die Sprecher|

Udo Wachtveitl, geboren 1958, spielte jahrelang an deutschen Theaterbühnen, bevor er 1979 für den Film entdeckt wurde. Seit 1991 ist Wachveitl als Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr Ermittler im BR-„Tatort“. Im Jahr 2000 gab er sein Debüt als Fernsehautor und -regisseur mit „Silberdisteln“ sowie in der Gaunerkomödie „Krieger und Liebhaber“. Sein neuestes Drehbuch „Gute Feen“ wird mit ihm selbst in der Hauptrolle im Sommer 2005 gedreht. Wachveitl spricht die Rolle des Deckard.

Sophie von Kessel, geboren 1968, ist die Androidin Rachael in „Blade Runner“. Die Diplomatentochter kam ganz schön herum, bevor sie von 1988 bis 1992 in Wien zur Schauspielerin ausgebildet wurde. 1997 bis 2002 war sie Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele, in den letzten Jahren hat sie sich vermehrt ihrer Arbeit für Film und Fernsehen gewidmet. Für den |Hörverlag| las sie bereits Zeruya Shalevs Roman „Liebesleben“ und wirkte an der Produktion von Manns „Zauberberg“ sowie Galsworthys „Die Forsyte-Saga“ mit.

|Die Inszenierung|

Das Hörspiel wurde 1999 vom Bayerischen Rundfunk (BR) inszeniert und erschien noch im gleichen Jahr erstmals im |Hörverlag|. Es handelt sich also um eine Wiederveröffentlichung. Die Musik stammt von Thomas Bogenberger, um Ton und Technik kümmerten sich W. Hauer und D. Röder, Regie führte Marina Dietz, die auch die Hörspielfassung erarbeitete.

_Handlung_

Die Handlung verfügt über zwei Stränge, und das kann ein wenig verwirren.

Natürlich ist da zum einen Rick Deckard, der Prämienjäger. Aber da gibt es auch John Isidore, der ihm Film wohl am ehesten der Figur „John Sebastian“, gespielt von William H. Macy, entspricht. Isidore ist ein freundlicher, aber geistig „langsamer“ junger Mann vom „B-Typ“, der als frommer Anhänger der Staatsreligion des Mercerismus ein Herz für alles „biologische Leben“ hat. In diese Kategorie fallen Androiden aber nicht, und so bekommt Isidore ein kleines moralisches Problem, als die Androidin Priss in seinem Haus auftaucht. (Der Mercerismus liefert die rechtliche Begründung für die Verfolgung künstlichen Lebens, also der Androiden.)

Priss gehört zu fünf Androiden der neuesten Generation: Nexus 5. Sie wurde auf dem Mars als Dienerin für die Kolonisten eingesetzt, doch diese Ausbeutung gefiel ihr ebenso wenig wie den vier anderen Androiden (sie werden an keiner Stelle „Replikanten“ genannt). Und so flohen sie, Roy, Polokov und andere auf die Erde, um sich dort zu verstecken.

Da es einen Unfall mit einem Androiden gegeben hat, ist bei der Polizei ein Mann ausgefallen, und deshalb bittet Inspektor Bryant den Prämienjäger Rick Deckard einzuspringen. Deckard und seine Frau Irene sind zu arm, um sich ein lebendiges Schaf auf dem Dach zu leisten. Das wäre ein tolles Statussymbol, denn alle echten Tiere sind wegen Verstrahlung nach dem Atomkrieg „World War Terminus“ ausgestorben und nur elektrische oder gezüchtete Tiere „überleben“ noch. Der Mercerismus schreibt aber die Liebe zum Leben vor. Ein richtiges Schaf wäre das höchste der Gefühle für die Deckards. Das elektrische heißt übrigens „Groucho“.

Um den Unterschied zwischen einem Menschen und einem Androiden vom Typ Nexus 5 feststellen zu können, misst Deckard mit einer Fragenliste die Reaktionsverzögerung. Das Ergebnis ist nicht hundertprozentig sicher, denn auch „langsame“ Menschen wie Isidore weisen die Verzögerung auf, aber alle Fragen involvieren irgendwelche Tiere. Um Deckard zu zeigen, dass er seinen Test wegschmeißen kann, lädt ihn der Androidenhersteller Eldon Rosen zu einem kleinen Test ein: Er soll Rosens „Nichte“ Rachael dem Voight-Test unterziehen. Sie beantwortet alle Fragen richtig und ist als Mensch beinahe schon bestätigt, da trickst Deckard sie mit einer Bemerkung, dass seine Tasche aus Babyhaut sei, aus: Sie reagiert nicht. Und ist überrascht darüber: Sie weiß nicht, dass sie kein Mensch ist, weil Rosen ihr falsche Erinnerungen eingepflanzt hat.

Doch inzwischen haben die Nexus 5 die Behörden unterwandert. Dem „russischen Kollegen“ Shando Kadaly kann Deckard durch einen Zufall entkommen und ihn ausschalten, doch dann wird er von zwei „Polizisten“ abgeholt, von deren Behörde er noch nie gehört hat. Es sind beides Androiden. Sie haben noch nicht einmal vom Voight-Test gehört, sondern haben einen eigenen, von Bonelli. Doch einer der beiden weiß nicht einmal, dass er ein Android ist, weil man ihm ebenfalls falsche Erinnerungen eingepflanzt hat. Auch diesmal springt Deckard dem Teufel noch einmal von der Schippe, aber er wird nun selbst auf Menschlichkeit getestet (eine Knochenmarksprüfung).

Unterdessen ist Isidore ein richtig guter Freund von Priss geworden und will die Ärmste sogar mit einer Waffe beschützen. Ein Großteil der Menschheit ist zu anderen, unverseuchten Welten ausgewandert. Und so stehen riesige Apartmentblöcke leer, und Isidore ist froh über eine Nachbarin, auch wenn sie ein wenig traurig erscheint.

Da trifft Roy als letzter und einziger Überlebender der Nexus 5 ein. Er installiert ein Frühwarnsystem, das ihn vor dem Prämienjäger Deckard schützen soll. Es reagiert nur auf Menschen. Bei Isidore schlägt es sofort an, bei Priss aber nicht, und so erkennt Isidore, mit wem er es zu tun hat. Er will den Nexus 5 trotzdem helfen, denn sie sind, wie er, „Andere“. Roy ist unbarmherzig und erklärt ihm, dass der Mercerismus ein aufgelegter Schwindel sei, den sich ein Werbepsychologe hat einfallen lassen. Isidore prüft diese Angaben nach und erhält von dem Computer Wilbur Mercers eine niederschmetternde Antwort …

Inzwischen hat Deckard die letzten Nexus 5 ausfindig gemacht und soll sie eigentlich eliminieren. Doch er hat sich auf eine erotische Nacht mit der Nexus 5 Rachael eingelassen und statt sie anschließend zu erschießen, wie es seine Pflicht wäre, lässt er sie am „Leben“. Dass er selbst ebenfalls ein Android ist, weiß er noch nicht, sein Auftraggeber aber schon.

Es kommt zum Showdown mit Priss und Roy, der aber ganz anders verläuft als im Film. Dass es überhaupt eine Auseinandersetzung mit Roy gegeben hat, erfahren wir später nur durch einen Nebensatz von Isidore. Das ist eine herbe Enttäuschung.

_Mein Eindruck_

Die Buchvorlage ist sicherlich nicht Dicks bester oder genialster Roman. Der stets in Geldnot steckende Autor hat ja sehr viel veröffentlicht, manchmal sogar aneinandergereihte Kurzgeschichten, und das Buch wurde sicherlich ebenfalls in sehr kurzer Zeit produziert. Aber das Buch, auf das sich das Hörspiel stützt, ist immer noch besser als der Film. Während der Film auf die Actionelemente abhebt und die Philosophie nur an der Oberfläche kratzt (wenn auch sehr stimmungsvoll), schürft der Roman wesentlich tiefer und ist wenigstens humorvoll. Das wird im Hörspiel keineswegs unterschlagen.

Die Handlung kreist um das Wesen des Menschseins. In Deckards Figur sind tiefgründige Zweifel an der einfachen Formel „Künstlichkeit = Unmenschlichkeit und Gefühllosigkeit“ personifiziert. Das von Zerfall geprägte Szenario stellt die Frage nach der Natur der Realität. Düster ist auch die These des Autors, dass wer handelt, unweigerlich auch Schuld auf sich lädt.

|Offene Fragen|

Aber das Hörspiel lässt eine ganze Menge Fragen offen. Nicht nur wundert man sich, dass Roys Tod, der im Film in einer langen Sequenz zu einer Apotheose der Humanität emporstilisiert wird, mit einem Nebensatz abgetan wird („Roy hatte keine Waffe“). Nein, auch die Behauptung Rachaels, dass der Rosen-Konzern die Vernichtung der Nexus 5 verhindern will, um sie zu studieren und somit den Nexus 6 zu erschaffen, ergibt wenig Sinn: Denn sie ist ja selbst ein Nexus 5, kann also ausgiebig zu Experimenten herangezogen werden – zumal da sie ja als Androidin Eigentum des Konzerns ist.

Außerdem kommt ständig eine rätselhafte Eule vor, die für Isidore lebendig ist (aber er kann ja eh nicht zwischen lebendig und künstlich unterscheiden, wie die erste Szene verdeutlicht), doch Deckard bekommt laufend bestätigt, dass Eulen genauso wie alle anderen Tiere komplett ausgestorben sind, weil die Strahlung sie tötete. Die Eule ist ein Dingsymbol für biologisches Leben, für Hoffnung und Freiheit – alles sehr wichtige und erstrebenswerte Werte für Androiden. Und Symbole müssen nicht restlos erklärt werden, im Gegenteil.

|Sexy Rachael|

Warum wird Rachael vom Rosen-Konzern für Sex mit Menschen, Prämienjägern zumal, eingesetzt? Damit diese menschliche Sympathie für Androiden wie sie empfinden (Nexus 5 sind laut Bryant sehr attraktiv) und somit unfähig werden, Androiden zu töten. Nur gibt es dabei einen Haken: Es gibt nicht nur einen Androiden, der so sexy aussieht wie Rachael, sondern mindestens einen weiteren. Und das stört Deckard ganz erheblich.

Und überhaupt, die Frage aller Fragen: Träumen Androiden? Diese Frage liegt auf der gleichen Ebene wie das Problem, dass Deckard Sympathie für Androiden fühlt – er kann also kein Android sein, oder? Aber was ist er dann? Bryant sagt es ihm nicht, aber er und wir wissen, dass Deckard ein Android ist. Was folgt daraus? Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen träumenden Menschen und fühlenden Androiden. Der Nexus 6 ist überflüssig.

|Die Sprecher|

Die Sprecher sind allesamt kompetent, aber ihre Sätze entbehren allzu oft der Kraft, ein Gefühl, eine Stimmung auszudrücken. Mit Ausnahme von Sophie von Kessel scheint dies den Sprecherinnen am besten zu gelingen, am ehesten von „Lena Luft“ (Nexus 5) und „Irene Deckard“ (Menschin?). Sophie von Kessels Vortrag gefällt mir überhaupt nicht: Ihre Stimme ist zu tief, klingt überhaupt nicht erotisch, und als sie Deckard fragt, ob er mit ihr schlafen will, könnte sie genauso gut nach einem Bahnticket fragen. Sehr gut gefielen mir Wachtveitl (Deckard) und Mendl (Bryant). Beide sind gelernte Bühnenschauspieler, wissen mit begrenzten Mitteln das Maximum auszudrücken. Leider wird Mendl im Booklet nicht gesondert hervorgehoben.

|Geräusche und Musik|

Das Tempo der Handlung ist sehr straff – zu straff für meinen Geschmack. Wann wird es endlich mal eine vollständige Lesung des Romans geben?! Der Lautstärkepegel ist leider viel zu leise eingestellt (oder ich habe einen ernsten Hörschaden). Die Geräusche sind völlig in Ordnung und erzeugen eine tragfähige Illusion von Realismus: Polizeisirenen, Hubschrauber (in Stereo), Alarmanlage, Laserschüsse, elektrische Entladungen, Durchsagen, TV-Sendungen, Wettermeldungen – all diese Elemente einer Welt-Kulisse entführen den Zuhörer in einen akustischen Film.

Die Musik von Thomas Bogenberger plätschert sehr dezent im Hintergrund der jeweiligen Szene. Mit ihrem Rhythmus wirkt sie entweder entspannend oder dynamisch und angespannt. Nur einmal dröhnt die Musik aus dem „Radio“, wobei ein rockiger Rhythmus zur Geltung kommt. Das hat eine dramaturgische Funktion, die man selbst hören sollte.

_Unterm Strich_

Obwohl alle Mitwirkenden sich redlich bemüht haben, eine professionelle Produktion auf die Beine zu stellen, so fehlt doch das letzte Quäntchen, um den Zuhörer für die Darstellung zu begeistern. Das liegt sicher zum Teil daran, dass das Hörspiel immer an Buch und Kultfilm gemessen werden wird.

Zum Teil liegt es aber auch an der Dramaturgie und an Sophie von Kessels Stimme – mir gefiel sie nicht und ich fand sie unpassend für die Rolle der Rachael: ein 19-jähriges Mädel, das einen Prämienjäger um den Finger wickelt? Nicht undenkbar, aber etwas stimmt hierfür nicht in Kessels Darstellung. Bei ihr klingt Rachael, als wäre sie schon 35 und hätte Prämienjäger reihenweise flachgelegt.

Höchste Zeit für eine ungekürzte Lesung des Originalromans. Es würde sich nämlich lohnen.

|Originaltitel: Do androids dream of electric sheep?, 1968
Aus dem Amerikanischen von Norbert Wölfl, überarbeit von Jacqueline Dougoud
53 Minuten auf 1 CD|

Dick, Philip K. – galaktische Topfheiler, Der

_Hey Joe: Heb die Kathedrale!_

Joe Fernwright ist einer der talentiertesten Topfheiler der Erde. Doch leider gibt es kaum mehr Keramikware, die man ihm zum Reparieren überlässt. Bis ihn eines Tages der Glimmung, ein sonderbares, gottähnliches Wesen von einem Planeten der Sonne Sirius, mit einem ganz speziellen Auftrag betraut: Zusammen mit einem Team ähnlicher Talente soll er eine Kathedrale vom Meeresgrund holen und restaurieren, das Relikt einer untergangenen Kultur: Heldscalla.

Doch bevor es dazu kommen kann, muss Joe zahlreiche Hindernisse überwinden und es mit Glimmungs Gegenspielern, den Kalenden, aufnehmen. Sie sagen die Zukunft voraus, und die sieht gar nicht gut aus für Joe.

_Der Autor_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als [„Eine andere Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=198 bei |Heyne|) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon.

Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967. Ab 1977 erlebte er einen ungeheuren Kreativitätsschub, der sich in der VALIS-Trilogie (1981, dt. bei |Heyne|) sowie umfangreichen Notizen (deutsch als „Auf der Suche nach VALIS“ in der Edition Phantasia) niederschlug.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu [„Blade Runner“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=197 umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood verfilmt hat. Ben Affleck spielte in einem Thriller namens „Paycheck“ die Hauptfigur, der auf einer gleichnamigen Dick-Story beruht. Als nächste Verfilmung kommt „A scanner darkly“ (Der dunkle Schirm) in unsere Kinos, möglicherweise noch in diesem Jahr.

_Handlung_

Joe Fernwright lebt im Cleveland des Jahres 2046 mehr schlecht als recht. Die Gesellschaft ist durchbürokratisiert und automatisiert, der Staat sorgt für alles: amerikanischer Kommunismus, wie er nicht im Buche steht. Dieser Staat jedoch, fühlt Joe täglich, ist darauf aus, seine Bürger zu demütigen. Einmal geht Joe zu langsam, weil unmotiviert, und wird prompt von einem Polizisten angeschnauzt, gefälligst schneller zu gehen, wie alle anderen auch. Seine Ex-Frau, von der er seit Jahren geschieden, ist ihm auch keine große Hilfe.

Joe hat den Job seines Vaters übernommen: Topfheiler. Doch die Aufträge lassen seit Monaten auf sich warten, dabei lief es nach dem letzten Krieg doch recht gut – Joe konnte viel kaputt gegangenes Porzellan reparieren. Auf die Idee, selbst Töpfe und dergleichen zu produzieren, ist Joe jedoch noch nicht gekommen. Bis dahin ist es ein weiter Weg. Er führt auf eine andere Welt.

Eines Tages erhält Joe per Rohrpost rätselhafte Anfragen. Jemand möchte ihn als Topfheiler engagieren und wäre bereit, ihm 35.000 Crumbles dafür zu zahlen. Nachdem er sich durch die Bürokratie hat gehörig demütigen lassen, stellt sich heraus, dass 35.000 Crumbles so viel in amerikanischem Geld wären, dass sie das Finanzsystem zusammenbrechen lassen würden. Kein Wunder, dass schon Minuten nach dieser Nachricht die Staatspolizei bei ihm auf der Matte steht! Selbstverständlich werden alle Telefongespräche abgehört. Für seine paar gehorteten Dollars aus alten Zeiten interessiert sich die Polizei weniger.

Allmählich geht es Joe auf, dass Werte ziemlich relativ sein können. Aber wem ist sein Knowhow so viel Geld wert? Es ist ein Wesen namens Glimmung, das auf dem Planeten Plowman im System Sirius lebt. Glimmung ist, wie Joe bald feststellt, ein halb göttliches, halb außerirdisches Wesen, dessen wahre Gestalt und Absicht er erst auf Plowman herausfindet. Glimmung schickt seine Botschaften beispielsweise auf alten Grammophonplatten, in der Toilettenspülung und vielen anderen Kanälen. Zudem wechselt er ständig die Erscheinungsform.

Auf dem erstbesten Raumschiff Richtung Plowman trifft er eine ganze Reihe anderer Handwerker und Spezialisten. Am faszinierendsten ist eine dunkelhaarige junge Frau namens Mali Yojez, die nicht von Terra stammt. Sie ist mit einem kritischen, aber keineswegs demütigenden Verstand ausgestattet und wird noch eine wichtige Rolle in Joes Leben spielen.

Bald ist klar, worin die Mission besteht: Glimmung will eine versunkene antike Kathedrale heben und die entsprechende Religion wieder zum Leben erwecken. Um die Kathedrale zu heben und zu restaurieren, sind Experten wie ein Telekinet, die Taucherin Mali und der Topfheiler Joe nötig. Doch wird Glimmung auch zahlen? Diesem extraterrestrischen „Faust“ traut man nicht. Die Handwerker bilden vorsichtshalber eine Gewerkschaft.

Kaum sind sie am Raumhafen von Plowman eingetroffen, beginnen die Schwierigkeiten. Ein seltsames Buch prophezeit, dass Joe den Glimmung töten werde. Und zu Joes Überraschung gibt es a) zwei Glimmungs und b) auch zwei Kathedralen. Aber welche/r ist jeweils der oder die richtige?

_Mein Eindruck_

Dieses Buch repräsentiert laut Verlag erstmals die ungekürzte und vollständig überarbeitete Fassung des Romans von anno 1969, der früher den biederen Titel „Joe von der Milchstraße“ trug. Der Roman basiert auf dem 1966 geschriebenen Kinderbuch „The Glimmung of Plowman’s Planet“ (deutsch bei Edition Phantasia, Bellheim). Die Vorlage wurde 1968 grundlegend überarbeitet und ausgeweitet, so dass praktisch nur das Konzept des Kollektivwesens, zu dem Glimmung und seine Handwerker werden, übernommen wurde.

Die scheinbar banal erscheinende Handlung hat es dennoch „Faust-Dick“ in sich. Der Ozean, an dessen Grund die Kathedralen im Modder versinken, beherrscht den Planeten Plowman wie eine riesige Kraft, die alles in sich hineinzieht und in Chaos versinken lässt. Der Endzustand ist abzusehen: Entropie, der Ausgleich aller Unterschiede, der Stillstand aller Prozesse. Es ist ziemlich unübersehbar, dass die Wasserwelt Plowman viel Ähnlichkeit mit unserem eigenen Universum besitzt.

Und nun kommt dieser Glimmung daher und will ein antikes Artefakt ans Tageslicht heben. Wird dieser prometheische oder faustische Akt den Niedergang in die Entropie aufhalten können? |“Dort unten“|, erklärt ein ziemlich melancholischer Roboter (nein, er heißt nicht „Marvin“!) dem Topfheiler, |“ist der Verfall die einzige Kraft, die existiert. Aber hier oben – wenn die Kathedrale gehoben ist – wird es Kräfte geben, die nicht der Zerstörung, dem Verfall dienen, sondern entgegengesetzt wirken. Kräfte des Bejahens und des Wiederrichtens, Kräfte des Auftauens und des Schaffens sind, wie in Ihrem Fall, Kräfte des Heilens. Darum werden Sie so sehr gebraucht. Sie und die anderen werden durch Ihre Arbeit, durch Ihre Fähigkeiten dem Prozess der Zerstörung Einhalt gebieten.“|

Doch die Hoffnung, die Joe wie einst König Sisyphos im Angesicht des Verfalls und des unausweichlichen Nichts trotzig hoffen lässt, ist sinnlos, wenn sie alleine steht (im „idios kosmos“). Deshalb liefert die Chance, in das Kollektivwesen des Glimmungs aufgenommen zu werden, eine Chance, eine gemeinsame Erfahrungswelt (koinos kosmos) erschließen zu können, die von mehreren Wesen – nicht nur Menschen – gemeinsam wahrgenommen wird. |“Wir hörten auf, zum Scheitern verurteilte Individuen zu sein.“|

Und doch lehnt Joe diese Existenzform nach vollbrachtem Werk schließlich ab. Er verlässt das Kollektivwesen. Täte er das nicht, verlöre er sein Ich, seine kritische Distanz, die ihn zu dem macht, was er ist und fühlt und denkt. Er existiert in beständigem, angespanntem Konflikt mit dem Universum und in dem Bewusstsein, das daraus resultiert.

Endlich ist Joe auch in der Lage, eigenständig Töpfe zu formen, fachmännisch zu dekorieren und zu brennen – und das Ergebnis mit Kennerblick zu beurteilen: „Der Topf war scheußlich.“ Dies kann nur jemand sagen, der sich des Wertes der eigenen Arbeit mit kritischem Blick bewusst geworden ist. Doch Joe gibt bestimmt nicht auf, er wird weitere Töpfe fertigen und so Erfüllung finden. Denn endlich hat er etwas ganz Wesentliches gefunden: die Liebe zu Mali und eine Zukunft für sich selbst.

In diesem Erfolg und dieser Zuversicht hat Joe Fernwright viele Dinge den anderen gebrochenen Helden von Philip K. Dick voraus, so etwa Jack Bohlen aus „Marsianischer Zeitsturz“ oder Joe Chip aus [„Ubik“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=652 Der Schluss ist versöhnlich und somit ein Hinweis darauf, dass Dick seine zweite Schaffensphase, Mitte/Ende der 1960er, bald abschließen würde.

Es sollte aber noch ein fürchterlicher Roman folgen: [„Irrgarten des Todes“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1428 (1968/70), der ebenfalls in der Heyne’schen Dick-Edition erschienen ist. Darin finden fast alle Protagonisten den Tod – nur um in der nächsten Simulation zu erwachen und zu sterben – und in noch einer und noch einer …

|Meine Leseerfahrung|

Zunächst liest sich der „Topfheiler“ wie ein beschwingte Parodie oder gar Satire auf sämtliche Utopien des sozialistischen Gemeinwesens, doch lässt sich unterschwellig ein gewisses Grauen vor dieser Existenzform nicht verhehlen. Charakteristisch ist beispielsweise das „Spiel“. Dabei tauscht Joe mit seinen Spielpartnern irgendwo auf der Welt absurde Übersetzungen aus, die ein japanischer Computer von englischen Vorlagen angefertigt hat. Aus dem absurden Ergebnis muss man das Original erraten. Niemand kann gewinnen und höchstens in der Platzierung nach Punkten aufsteigen, aber dafür gibt es keinen Blumentopf zu gewinnen. Hier hat Dick eine teils komische, teils traurige Variante von sinnlosen Spielen geschaffen, wie sie bei ihm des Öfteren vorkommen, z. B. in „Solar Lottery“.

Als der Ruf des Glimmung Joe erreicht, kommt ihm daher dieses Spiel reichlich dämlich vor. Endlich kann er wieder hoffen. Und ist das Heben einer Kathedrale nicht ein hehres Unterfangen? Heldscalla heißt sie, welch ein glorreicher Name! Könnte glatt aus dem „Beowulf“ stammen. Doch so heroisch wird’s dann auf Plowman doch nicht. Im Gegenteil: Joe könnte glatt zum Negativhelden werden, wenn er den Gott Glimmung tötet, wie man ihm prophezeit.

Da erweist sich Joes Yankee-Pragmatismus als die bessere Hälfte der Weisheit: Er schaut erst mal nach, was Sache ist. Seine Starrköpfigkeit treibt Mali schier zur Verzweiflung. Sie, die rationale Frau, kann nicht verstehen, dass Joe wider besseres Wissen, gegen jede Wahrscheinlichkeit an diesem offensichtlich sinnlosen Unterfangen festhält. Doch als der falsche, der schwarze Glimmung Malis Raumschiff angreift, kann er sie genau deshalb rechtzeitig warnen. Niemand sonst als Joe hätte wohl auf die seltsamen Flaschenpostbotschaften des „guten“ Glimmung geachtet oder vertraut. Joes Glaube an Glimmung rettet die gesamte Mission.

_Unterm Strich_

Im Vergleich zu den schwierigen Romanen wie „Ubik“ oder „Irrgarten des Todes“ ist „Der galaktische Topfheiler“ ein täuschend leichtfüßiges Garn. Das verwundert aber nicht, wenn man weiß, dass das Buch aus einem Kinderbuch heraus entstanden ist. Dementsprechend leicht ist das Buch zu lesen, doch man wird in der zweiten Hälfte auf recht philosophische Dialoge stoßen, die es durchaus ernst zu nehmen gilt, sonst erscheint der Rest entweder sinnlos oder verspielt. Von der vordergründig heiteren, aber hintergründig ernsten Stimmung her gleicht der Roman Dicks erstem Hardcover-Roman [„Zeit aus den Fugen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=199 (ca. 1958), doch ebenso wenig wie dieser ist Joes Geschichte ein Fliegengewicht.

Für den Einstieg in Dicks Werk ist „Der galaktische Topfheiler“ nur bedingt geeignet, weil es in seiner heiteren Tonart relativ untypisch ist. Dafür seien schon eher „Zeit aus den Fugen“, „Das Orakel vom Berge“ und „Marsianischer Zeitsturz“ empfohlen. Wer ein paar harte Nüsse knacken will, greife zu „Ubik“, „Der dunkle Schirm“ (Verfilmung mit Keanu Reeves, Robert Downey Jr., Woody Harrelson, Winona Ryder; produziert u.a. von George Clooney und Steven Soderbergh) und vor allem zur VALIS-Trilogie.

|Originaltitel: Galactic pot-healer, 1969
Aus dem US-Englischen übersetzt von Joachim Pente, überarbeitet von Alexander Martin|

|Philip K. Dick bei Buchwurm.info:|
[Blade Runner]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=197
[Die besten Stories von Philip K. Dick]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=203
[Eine andere Welt]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=198
[Erinnerungsmechanismus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=824
[Irrgarten des Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1428
[Minority Report]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=142
[Nach der Bombe]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=868
[Paycheck – Die Abrechnung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=211
[Ubik]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=652
[Der unmögliche Planet]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=209
[Zeit aus den Fugen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=199

Philip K. Dick – Irrgarten des Todes

Vierzehn Personen werden von unterschiedlichen Welten aus gleichzeitig auf den Planeten Demark-O geschickt. Alle haben sich freiwillig zur Besiedlung dieser scheinbar fremden Welt gemeldet und jeder Siedler ist seines alten Lebens und seiner vorherigen Routineaufgaben überdrüssig geworden.

Doch kaum auf dem fremden Planeten angekommen, stellen die vermeintlichen Siedler fest, dass sie hier festsitzen, keiner ein rückflugtaugliches Raumfahrzeug mitgebracht hat.

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Philip K. Dick – Nach der Bombe

Warum wird Philip K. Dick außerhalb des Science-Fiction-Genres kaum wahrgenommen? Eigentlich unbegreiflich, denn seine Romane und Kurzgeschichten handeln von Menschen und ihren Beziehungen zueinander. Seine Beobachtungen sind dabei derart präzise, dass wohl jeder Leser sich selber in den Figuren seiner Geschichten wiedererkennt. Wie in einem Comic sind die Verstrickungen, in denen sich die Protagonisten bewegen, überspitzt dargestellt. Das mag der Grund sein, weshalb der Autor sich in dieses Genre „geflüchtet“ hat. Ein Roman über die Welt, in der wir leben, könnte schwerlich den tiefen Einblick in das Wesen des ganz normalen Menschen tragen, den Dick uns in seinem Werk schenkt.

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Philip K. Dick – Der unmögliche Planet

Philip K. Dick (1928-82) ist in Hollywood angesagt: Der letzte Höhepunkt der Verfilmungen seiner Werke besteht in Steven Spielbergs Actionkrimi „Minority Report“ und nun auch „Paycheck“. Aber die Verfilmungen begannen schon 1980 mit Ridley Scotts „Blade Runner“, und das ist nun ein wahrer Kultfilm geworden. Andere Filme wie „Matrix“, „eXistenZ“, „Vanilla Sky“ und „Die Truman Show“ verdanken Dicks Ideen ebenfalls sehr viel, ohne ihm allerdings dafür nachträglich zu danken.

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Philip K. Dick – Die besten Stories von Philip K. Dick

Über diesem himmelblau gefärbten Titelbild steht in breiten Lettern PLAYBOY. Was soll uns das sagen? Handelt es sich um erotische Storys, in Hugh Hefners Auftrag geschrieben? Oder wurden hier nur PLAYBOY-Autoren beauftragt, Einschlägiges über Häschen und damit verbundene Freuden zu Papier zu bringen?

Leider wird auch der Häschen-Liebhaber enttäuscht, denn die Storys dieses Bandes stammen aus der Schreibfabrik eines einzigen, wenn auch bekannten Science-Fiction-Autors. Und der schrieb zwar ab und zu mal für Hefners Häschen-Blatt (denn es zahlte gut), aber leider in den seltensten Fällen über Einschlägiges. Vielmehr waren die zwei Fragen „Was ist menschlich?“ und „Was ist die Wirklichkeit?“ seine Hauptanliegen.

Das Vorwort schrieb 1976 John Brunner. Er war zu dieser Zeit selbst einer der renommiertesten britischen Science-Fiction-Autoren.

_Der Autor_

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Philip K. Dick – Eine andere Welt

Dieser Parallelwelt-Thriller leitete Dicks dritte und letzte Schaffensperiode ein. Er brachte ihm nicht nur hohe Bekanntheit, sondern auch die Verfolgung durch die US-Behörden ein.

Jason Taverner gehört zur genetisch gezüchteten Elite der Gesellschaft um 1988: Der Sänger und Unterhaltungskünstler tritt jede Woche im Fernsehen auf, um ein Millionenpublikum mitzureißen. Bis ihm sein Betthäschen eines Tages einen tödlichen Alien-Schwamm auf die Brust setzt und er ohnmächtig ins Krankenhaus eingeliefert wird. Er erwacht in einer ungewohnten Umgebung: einem schäbigen Hotelzimmer, neben ihm ein Haufen Geldscheine, und kein Mensch scheint ihn mehr zu kennen, auch seine Freundin nicht.

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Philip K. Dick – Blade Runner

Dieser Roman ist die literarische Vorlage für Ridley Scotts kultigen Science-Fiction-Film „Blade Runner“ von 1982, in dem Harrison Ford einen seiner besten Auftritte hat, neben Rutger Hauer und Daryl Hannah. Dabei hieß der Roman ursprünglich ganz anders: „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“.

Philip K. Dick, der von 1928 bis 1982 lebte, war einer der fruchtbarsten und inzwischen wichtigsten Science-Fiction-Autoren. Von ihm stammen u.a. die literarischen Vorlagen zu den Filmen „Minority Report“ (mit Tom Cruise), „Total Recall“ (mit A. Schwarzenegger), „Screamers“ (mit Paul „Robocop“ Weller) und „Impostor“ (der bei uns nie ins Kino kam, mit Gary „Das letzte Gefecht/The Stand“ Sinise).

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