Philip K. Dick – Blade Runner

Dieser Roman ist die literarische Vorlage für Ridley Scotts kultigen Science-Fiction-Film „Blade Runner“ von 1982, in dem Harrison Ford einen seiner besten Auftritte hat, neben Rutger Hauer und Daryl Hannah. Dabei hieß der Roman ursprünglich ganz anders: „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“.

Philip K. Dick, der von 1928 bis 1982 lebte, war einer der fruchtbarsten und inzwischen wichtigsten Science-Fiction-Autoren. Von ihm stammen u.a. die literarischen Vorlagen zu den Filmen „Minority Report“ (mit Tom Cruise), „Total Recall“ (mit A. Schwarzenegger), „Screamers“ (mit Paul „Robocop“ Weller) und „Impostor“ (der bei uns nie ins Kino kam, mit Gary „Das letzte Gefecht/The Stand“ Sinise).

Die Handlung ähnelt stark der des Films: Der Kopfgeldjäger Rick Deckard erhält den Auftrag, entflohene Androiden aufzuspüren und „in den Ruhestand zu versetzen“, d.h. zu eliminieren. Da es sich um künstliche und nicht um natürliche Organismen handelt, kann man nicht von „töten“ sprechen. (Diese wackelige Grenzlinie ist eines der Hauptthemen in Dicks Büchern.)

Die von der Tyrell Corporation hergestellten Konstrukte sind von natürlichen Menschen kaum zu unterscheiden: Man benötigt spezielle psychologische Tests. Einer davon verläuft gleich zu Beginn (des Films) tödlich für den Tester. Deckards Aufgabe, die von anderen Welten zurück auf die Erde geflohenen Androiden der Reihe Nexus-6 zu eliminieren, wird in 24 Stunden erledigt. Sechs Droiden „tot“, einer frei. Denn Deckard hat sich in die schöne Androidin Rachel Rosen verliebt (im Film: Sean Young) und lässt sie laufen.

Aber Deckard ist mit seinem ordentlichen Tagespensum nicht zufrieden. Denn lohnt es sich überhaupt, die Menschen und diese Erde zu schützen? Nach dem „World War Terminus“, in dem die Erdoberfläche radioaktiv verstrahlt wurde, starben alle Tiere aus, und es gilt als höchstes Statussymbol, ein künstliches Tier zu besitzen. Deckard hat ein solches Schaf auf dem Dach seines Hauses. Die andere Hauptfigur des Buches, der Hipster-Philosoph J. R. Isidore, erzählt ihm, was diese Welt noch im Überfluss zu bieten hat: „Kipple“. Kipple ist jener Abfall, den man am Abend herumliegen lässt, doch am anderen Morgen stellt man verwundert fest, dass es nun doppelt so viel Kipple gibt. Hmmm.

Außerdem hängen alle Figuren einer neuen Pseudoreligion an: dem Mercerismus. Sie erleben Visionen, während sie die Griffe an einer „Empathiebox“ festhalten. (Dieses Element fehlt im Film.) Ein Großteil der Menschheit ist zu anderen, unverseuchten Welten ausgewandert. Und so stehen riesige Apartmentblöcke leer, im Film z.B. das Bradbury-Haus, auf dem der Showdown stattfindet. Im Buch führt die Spur des letzten Androiden zu J. R. Isidores Apartment.

Ein weiteres Detail fehlt im Film: jeglicher Humor. Davon findet sich allerdings einiges im Buch. Deckard ist nämlich nicht jener einsame Cowboy des Films, sondern ein treu sorgender Ehemann. Er und seine Gattin besitzen eine Penfield-Stimmungsorgel. Diese schalten sie vor dem Zubettgehen ein und steuern so die Stimmung für den kommenden Tag.

Perverserweise programmiert seine Frau für sich sechs Stunden Depression mit Selbstvorwürfen. Er empfiehlt ihr, sich doch lieber auf „das Begehren, Fernsehen zu gucken“ zu programmieren, ganz egal, was gezeigt wird. Oder noch besser: „freudvolle Anerkennung der Tatsache, dass der Ehemann in allen Dingen über das höhere Maß an Weisheit verfügt“. Wie auch immer, am Abend nach Deckards getaner Arbeit beim Droidenkillen stellt sie die Stimmungsorgel so ein: „längst verdienter Friede“.

Der Roman ist sicherlich nicht Dicks bester oder genialster. Der stets in Geldnot steckende Autor hat ja sehr viel veröffentlicht, manchmal sogar aneinander gereihte Kurzgeschichten, und das Buch wurde sicherlich ebenfalls in sehr kurzer Zeit produziert. Aber es ist immer noch besser als der Film. Während der Film auf die Actionelemente abhebt und die Philosophie nur an der Oberfläche kratzt (wenn auch sehr stimmungsvoll), schürft der Roman wesentlich tiefer und ist wenigstens humorvoll.

Die Handlung kreist um das Wesen des Menschseins. In Deckards Figur sind tiefgründige Zweifel an der einfachen Formel „Künstlichkeit = Unmenschlichkeit und Gefühllosigkeit“ personifiziert. Das von Zerfall geprägte Szenario stellt die Frage nach der Natur der Realität. Düster ist auch die These des Autors, dass wer handelt, unweigerlich auch Schuld auf sich lädt.

Die vorliegende Ausgabe, die 1:1 von der Ausgabe des Haffmans-Verlags 1993 übernommen wurde, enthält die wertvollen Ergänzungen, die J. Dougoud an der Übersetzung durch N. Wölfl vorgenommen hat. Das ist besonders im Kapitel 9 zu sehen, wo nun ganze Absätze neu auftauchen. Ein anspruchsvoller Satz wie „Und wieder erkannte er sich sub specie aeternitatis [unter dem Aspekt der Ewigkeit] als Formzerstörer, hervorgerufen von dem, was er hier sah und hörte“ muss den ursprünglichen Herausgebern wohl zu schwierig erschienen sein, als dass sie ihn dem Leser zumuten wollten.

Wer in diesem Roman lediglich die Action sucht, wird schwer enttäuscht werden. Ist schon die Originalfassung nicht gerade die einfachste Geschichte der Welt, so finden sich auch in der jetzigen Übersetzung etliche Elemente, die ein flüssiges Lesen auf der Suche nach Action geradezu unmöglich machen. Man halte sich dann lieber an die Fortsetzungen, die z.B. K.W. Jeter geschrieben hat.

Wer einen philosophischen Roman mit tiefgründigen Fragestellungen nicht verschmäht – zumal wenn man Dick-Fan ist -, der liegt hier richtig. Und wer auch mit Humor in zwischenmenschlichen Beziehungen etwas anzufangen weiß, der dürfte sich zufrieden gestellt sehen.

Im Gegensatz zu den anderen Titeln dieser Heyne-Edition verfügt dieses Buch über keine Begleittexte, wie etwa ein Vor- oder Nachwort.

Taschenbuch: 272 Seiten
Originaltitel: Do Androids of electric sheep
www.heyne.de

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