McKillip, Patricia – Lied des Basilisken, Das

_Poetische Fantasy: Ein Lied von Rache und Erlösung_

Diese Fantasy ist die wunderbar erzählte Geschichte einer Vergeltung für erlittenes Unrecht, eine Geschichte von Erlösung und Befreiung. Der Stil ist literarisch, die Bilder poetisch und komisch, der Schauplatz erinnert an die italienische Renaissance und den hohen Norden.

Dieses Buch sowie „Schatten über Ombria“ werden der amerikanischen Autorin hoffentlich endlich den deutschen Durchbruch als eine der bedeutendsten Fantasyautorinnen bescheren.

_Handlung_

Der Roman beginnt mit einem echten Schocker. Ich zitiere den Verlag: „Schwarzer Rauch steht über dem zerstörten Schloss des Hauses Tourmalyne. Die Leibgarde liegt hingemetzelt vor der Tür zum Großen Saal. Ein Anblick der Verwüstung. Da regt sich etwas in der Asche des geborstenen Kamins – ein Kind. Die Männer, die es finden, nehmen es in ihre Obhut. Sie nennen es Rook, den Raben, wegen seiner ungewöhnlichen schwarzen Augen.“ Rook hat alle Erinnerung an den Überfall verloren, bei dem seine Familie ausgelöscht und sein Besitz zerstört wurden. Erst als er ein bestimmtes Musikinstrument spielt, kommt die Erinnerung wieder, daran und an den feurigen, starren Blick des Basilisken.

Vier Jahrhunderte lang herrschte das Haus Tournalyne über die mauernumringte Stadt Berylon, bis das rivalisierende Haus Pellior, das von einem Fürsten, den man nach seinem Wappentier den „Basilisken“ nannte, sich erhob und die drei anderen Häuser angriff, um die Stadt zu übernehmen. Als einziger Nachkomme der Tourmalynes überlebt Rook das Massaker an seiner Familie. Damit der Angreifer mit den magischen Kräften ihn nicht findet, verwandelt er alle seine Gedanken zu Asche, denn in Asche hat er sich versteckt.

Nach seiner Rettung nennt er sich Caladrius, nach jenem Vogel, der am Sterbebett eines Königs singt. Er wird zur Insel Luly gebracht, einer entfernten Bardenschule in den Ländern des Nordens, am Rand der Welt. Dort verbringt er 37 Jahre, und mit der schönen Sirina hat er einen Sohn, Hollis.

Rook lernt auf der Bardeninsel die Magie der Musik: Eine bestimmte Tonfolge, gespielt auf einer bestimmten Flöte, lässt das Getreide wachsen, eine andere vermag Wunden zu heilen. Und eine unscheinbare Knochenflöte bringt, wenn sie gespielt wird, den Tod. Die Harfe meidet er, denn sie bringt Erinnerungen zurück. Doch ohne Harfe kann er kein Barde werden, nur Lehrer.

Als ein Abkömmling der Tourmalyne nach Luly kommt, um die unterstellte Magie eines Barden zu erlangen, wird in Caladrius‘ Mauer des Vergessens eine Bresche geschlagen. Als er in die Wildnis reist, träumt er von Feuer, erinnert sich an seine geheime Identität: Er sieht wieder, wie die Schlächter des Basilisken den Palast seines Vaters überfallen, wie sie Feuer legen und die Schätze plündern. Sein Entschluss steht fest: Er wird den machtgeilen Fürsten mit dem Basilisken im Wappen töten, er wird seine Eltern rächen, er wird die stumme Flöte ihr Todeslied singen lassen.

(Die Darstellung dieses Entschlusses erfolgt sehr poetisch: die Vision eines mythischen Untiers, das wie ein Drache aussieht und zu Caldrius sagt, es werde stets bei ihm sein, besonders dann, wenn er die Feuerbeinflöte spielt.)

Seine Geschichte wird abwechselnd mit der Giulias und ihres Freundes Justin erzählt. Die beiden leben in Berylon, gehören aber der Seite der im Untergrund wirkenden Rebellen an. Giulia unterrichtet an der übrig gebliebenen Musikschule der Tourmalyne und bereitet bei Hofe die Geburtagsoper des Fürsten vor.

Bei Hofe geht es zu wie während der italienischen Renaissance, mit allen Gefahren, die dort für Ruf, Leib und Leben besteht. Der „Basilisk“ ist kein gnädiger Tyrann, und seine Tochter Luna beherrscht die Schliche von Magie und Gift ebenso gut wie er. Ihr Spion Brio kommt Caladrius schließlich auf die Schliche.

Als Caladrius in Berylon eintrifft, folgt ihm Hollis, der sich den Rebellen anschließt. Caladrius wird Bibliothekar bei Hofe. Dort verliebt sich die egozentrische Tochter des Fürsten in ihn: Nur für ihn will sie in der Oper singen. Diese Szenen sind die komischsten des ganzen Buches. Denn natürlich kann Damiet nicht singen und wählt Musik vielmehr nach der Farbe ihrer Kleider aus („das malvenfarbene Lied“).

Als er von einer befreundeten Adligen eine Feuerbeinflöte erhält, hat Caladrius alles, um bei der Aufführung der ebenso lächerlichen wie verhängnisvollen Oper seinen Anschlag auszuführen. Doch er hat weder mit den Rebellen, noch mit Brio und seinem Sohn gerechnet. Es kommt alles ganz anders als geplant.

_Mein Eindruck_

Obwohl diese Geschichte wie so oft bei McKillip eine Geschichte von Vergeltung ist, geht es doch im Wesentlichen nicht darum, sondern um Liebe, Verwandlung und Macht. Diese Macht ist die Kraft von Erinnerung, Hass, Vergebung, der Familie, der eigenen Identität und immer wieder die Kraft der Musik. Dies deutet ja bereits der Titel an.

|Das Leitmotiv: Musik|

Musik ist das zentrale Leitmotiv der Geschichte: die mystische Musik der Barden von Luly, die Musik des Meeres und der übrigen Welt, die wilde Musik der Hinterland-Wildnis, die wohl geordnete, höfische Musik der Magister von Berylon. Nur der Basilisk und seine Tochter machen keine Musik: Sie ordnen sie an.

Musik versetzt Caladrius in die Lage, seine Vergangenheit zu vergessen und weckt dann wieder seine Erinnerung. Sie ist die Form der Rache, die er wählt (die Knochenflöte). Musik ist die reinste Form des Gefühlsausdrucks: Im ganzen Buch drücken die Figuren ihren Kummer, ihre Sehnsucht, ihre unerwiderte Liebe durch das bäuerliche Saiteninstrument des Picochets aus, das als Instrument der wilden Hinterlande mit den Kräften der Erde verbunden ist – sehr unhöfisch. Als die dämliche Damiet es spielt, erregt sie damit erheblichen Anstoß.

Caladrius‘ Reise im Namen von Vergeltung und Erlösung ist – obwohl er es nicht weiß – auch eine Queste, um endlich jener Barde zu werden, zu dem er bestimmt war: Er muss lediglich die seelische Kraft freisetzen, die durch bitteren Verlust und die Furcht vor dem Basilisken weggesperrt worden war.

|Der Erzählstil|

Gleich auf den ersten Seiten fällt dem Leser der bemerkenswerte Erzählstil auf, den die Autorin einsetzt. Sie erzielt damit ganz bestimmte Wirkungen. Diese Prosa singt, als wäre sie Poesie – oder Musik. Die Vergleiche sind keine Vergleiche mehr, sondern Gleichsetzungen: Metaphern. Caladrius ist nicht |wie| ein Vogel, sondern ist dies. Sein Rachedurst ist nicht wie ein wildes Tier, er ist wahrhaftig ein Monster. Seine Erinnerungen sind in Raben verkörpert, sein Kummer in Asche. Nur in diesen Metaphern wird uns sein Innenleben enthüllt – dies gilt in gleichem Maße für viele weitere Figuren, aber für ihn am häufigsten und intensivsten.

Diese intensive Wortmusik kann mehr als einmal übertrieben wirken und lässt viel an Zwischentönen anklingen. Sie beschreibt weniger, sondern evoziert vielmehr. Da dies viel Platz für Deutung lässt, kann bzw. sollte man eine komplexe Szene durchaus mehrmals lesen, so etwa, als Caladrius schließlich auf den Spion Brio stößt. Der Dialog der beiden ist auf den ersten Blick mehr als seltsam, denn Logik spielt hierbei eine untergeordnete Rolle. Lücken und Sprünge zeigen sich, die der Leser auszufüllen hat.

Anders als im realistischen psychologischen Roman werden die Ereignisse außerhalb der Figuren erzählt, doch besonders Naturmotive machen deren Innenleben deutlich. (Und natürlich Musik.) Dieser etwas distanziert erscheinende Stil fiel mir immer wieder auf. Manche Szenen mit den Rebellen lassen sich wie Filmszenen betrachten (z. B. wie „Wem die Stunde schlägt“). Andere Szenen wiederum eröffnen einen kurzen Blick auf das Gefühlsleben, dass es einem das Herz umdreht. Andere wiederum veranlassen zum Loslachen, besonders Szenen mit der grässlichen Damiet, die ihre Lehrerin Giulia zur Verzweiflung treibt.

|Zwei Bedeutungsschichten|

Der Eindruck könnte entstehen, als sei „Lied für den Basilisken“ anstrengende Lektüre. Das Gegenteil ist der Fall. Die lebhafte Schönheit der Beschreibungen, die ungewöhnliche Poesie in den Handlungen der detailliert charakterisierten Figuren und ihren Szenen, die Spannung, die im Anschlag auf das Leben des Fürsten liegt – all dies verleitet zu einer geradezu gierigen, angespannten Leseweise, als könnte man sich an dieser Geschichte betrinken: die Freude am Märchen.

Ich nenne dies die obere Schicht des Buches, die leicht zugängliche Schicht. Darunter liegt, wie bereits angedeutet, eine weitere Schicht: ein dichtes Geflecht von Symbolen, Leitmotiven und Querverweisen. Ein einfaches Beispiel ist die Szene, in der der Spion Brio den Magister Caladrius verfolgt, dann aber plötzlich von Raben angegriffen wird und verschwinden muss. Beide Figuren zeigen sich nicht als das, was sie in Wahrheit sind. Auch die Raben sind, wie wir nun wissen, nicht einfach nur Raben – sie sind Caladrius‘ Symbole für die Erinnerung an das gestürzte Haus Tourmalyne und Vorboten seiner Rache. Wie mag er sie wohl herbeigerufen haben? Natürlich mit einer magischen Flöte.

Die Fantasy von McKillip hat also durchaus literarische Qualitäten. Es würde sich lohnen, sie näher unter die Lupe zu nehmen, denn es gibt vieles darin zu entdecken, das den Entdecker bereichert.

_Unterm Strich_

Eine Fantasy abseits der Trampelpfade von Tolkien- und Pratchett-Epigonen, weit weg von Serienkost. Man muss sich dafür ein wenig Zeit nehmen, aber die Mühe lohnt sich. Am ehesten ist McKillip mit dem (hierzulande völlig unbekannten) Kanadier Charles de Lint („Grünmantel“) zu vergleichen.

_Die Autorin_

Die 1948 geborene Patricia McKillip hat 1975 den |World Fantasy Award| für ihren wundervollen Roman „Die vergessenen Tiere von Eld“ (dt. bei Heyne) erhalten, 1980 den |Locus Award| für „Der Harfner im Wind“ (Band 3 der Erdzauber-Trilogie).

Neben der Erdzauber-Trilogie sind noch „Die Königin der Träume“ (Heyne), „Winterrose“ und „Schatten über Ombria“ (Klett-Cotta) als neuestes Buch auf deutsch erschienen. Bei Bastei-Lübbe erschienen zwei schmale Romane, die Duologie „Das Herz des Schwans“: „Die Zauberin und der Schwan“ (1991; Nr. 20282) sowie „Der Prinz und der Feuervogel“ (1993; Nr. 20294). Im November 2005 erscheint „Im Drachenturm“ bei Blanvalet.

McKillip lebt in Roxbury im US-Bundesstaat New York.

|Originaltitel: Song for the basilisk, 1998
Aus dem US-Englischen übertragen von Hans J. Schütz|