Amélie Nothomb – Mit Staunen und Zittern

Aus Übermut und Neugier hat Amélie eine Stelle bei einem japanischen Unternehmen angenommen. Als Dolmetscherin, so glaubte sie, doch sie wird wegen ungebeten guter Leistungen alsbald strafversetzt – in die Buchhaltung. Dort wird ihr ein Crashkurs in Sachen Hierarchie erteilt. Da wird ihr klar: Eine Frau, zumal eine Langnase aus Europa, kann nur ganz unten einsteigen. Und noch tiefer fallen. Amélies letzte Wirkungsstätte sind daher folgerichtig die Toiletten. Und an diesem Örtchen verbringt sie die lustigste Zeit ihres Lebens.

Die Autorin

Amélie Nothomb, 1967 in Kobe/Japan geboren, verbrachte ihre Kindheit als Tochter eines belgischen Diplomaten in Japan und China. Nach ihrem Philologiestudium begann sie zu schreiben. Besonders in Frankreich feiert sie Erfolge. Sie lebt in Paris. „Mit Staunen und Zittern“ trug ihr den „Prix de l’Académie Francaise“ ein.

Bei Hörbuch Hamburg sind bereits ihre Romane „Quecksilber“, „Metaphysik der Röhren“ und „Der Professor“ erschienen. Die Buchfassungen erscheinen bei |Diogenes|.

Die Sprecherin

Fritzi Haberlandt, geboren 1975 in Berlin, feierte noch während ihrer Schauspielausbildung erste Bühnenerfolge mit dem amerikanischen Bühnenpionier Robert Wilson in Berlin und New York City. Ab 2000 erhielt sie mehrere Auszeichnungen. Zurzeit ist sie am Hamburger Thalia-Theater fest engagiert, wo sie u. a. Frank Wedekinds „Lulu“ spielt. Sie trat in den Spielfilmen „Kalt ist der Abendhauch“, „Liegen lernen“ und „Erbsen auf halb sechs“ in beeindruckender Weise auf.

Das Hörbuch bietet die ungekürzte Lesung des bei |Diogenes| veröffentlichten Buches.

Handlung

Amélie erzählt von sich selbst, als sie 1990 bei jener japanischen Firma Yumimoto arbeitete, von der sie hier so bewegend berichtet. Als Dolmetscherin eingestellt, geht ihre Laufbahn schon bald in einen Sturzflug über. Sie hat ein unheilvolles Faible für den Blick aus dem 44. Stockwerk des Tokioter Wolkenkratzers. Sie stellt sich gerne vor, wie ihr Körper in die Tiefe fällt …

Hierarchie. Hierarchie ist das Wichtigste im Leben eines Japaners, wie es scheint, und es ist seine höchste Aufgabe, zu wissen – oder herauszufinden, wo sein Platz ist. Der Platz der Frau ist übrigens immer unter dem des Mannes.

Amélies Vorgesetzte ist Fräulein Fubuki Mori. Skandalös, dass sie mit 29 Jahren noch unverheiratet ist! Mit 25 war ihr Verfallsdatum schon abgelaufen. Über Frl. Mori stehen Herr Abteilungsleiter Saito, darüber Herr Vizepräsident Omoji und über diesem Gott persönlich: der Präsident Haneda. Amélie hat eigentlich keinen Platz in der Stufenleiter: Als Westlerin ist sie eine Null. Daher kommt es für sie wie ein Schock, als man sich über ihre hervorragenden Japanischkenntnisse aufregt, die sie bei einem Tee- und Kaffeeempfang an den Tag legt. Sie darf kein Japanisch mehr sprechen und verstehen.

Erste Strafversetzung: in die Buchhaltung. Sie meint, in Frl. Mori eine Freundin gefunden zu haben. Sie hat keine Ahnung! Nachdem Hr. Omoji die aufmüpfige Westlerin durch wiederholtes Kopierenlassen einer Golfklubsatzung schikaniert hat, erblickt Amélie in Herrn Tenjis Anfrage, für ihn eine Expertise über fettärmere Butter zu erstellen, die Rettung für ihren Platz in der Firma. Doch zu ihrer Bestürzung ruft diese glorreiche Tat bei Herrn Omoji Mordgelüste hervor, der sie und Herrn Tenji abkanzelt. Durch ihre Ahnungslosigkeit macht es Amélie nur noch schlimmer. Als sie erfährt, wer sie denunziert hat, bricht sie fast zusammen: Frl. Mori!

Nachdem sie auch die zweite Strafversetzung zum Aktensortieren und zur Prüfung der Spesenabrechnungen völlig verbockt hat, fragt Frl. Mori sie, was Amélie eigentlich sei: eine Verräterin oder geistig behindert? Amélie beteuert glaubwürdig, dass ihre Dummheit im Umgang mit Zahlen nur auf eine geistige Behinderung zurückzuführen sein könne. Selbst die Spesenabrechnungen, die als „Herausforderung ihrer Intelligenz“ gedacht waren, kann sie nicht bewältigen: Sie hat eine Aversion gegen Zahlen. Offenbar sind westliche und japanische Gehirne grundsätzlich verschieden! Welches davon das Überlegenere ist, sei ja wohl unbestreitbar, meint Frl. Mori. Und wenn man bedenkt, dass Amélie für die blöden Spesenabrechnungen sogar auf ihren Nachtschlaf verzichtet, kommt einem das sehr wahrscheinlich vor.

Unweigerlich folgt eine weitere Strafversetzung, die Frl. Mori über sie verhängt: Der Job als Putzfrau in der Damen- UND der Herrentoilette dürfte wohl nicht über ihre geistigen Fähigkeiten gehen, oder? Amélie versucht ihr Bestes, doch auch das geht buchstäblich in die Hose. Schon bald meiden alle 99 Männer der 44. Etage das Herrenklo (mit Ausnahme Herrn Omojis). Die zusätzliche Zeit, die sie brauchen, um ins nächste Stockwerk zu fahren, wird als Sabotage aufgefasst, was aber wiederum Frl. Mori vorgeworfen wird. Das Damenklo, das nur noch von Frl. Mori besucht wird, wird zum Schauplatz einer ideologischen Auseinandersetzung.

Kurz bevor ihre Anstellung offiziell am 7. Januar 1991 ausläuft, beschließt Amélie zu kündigen. Damit setzt sie offenbar die belgisch-japanischen Beziehungen endgültig aufs Spiel …

Mein Eindruck

Amélie, die Westlerin in der japanischen Arbeitswelt, kommt sich am Schluss vor, als habe sie einen fremden Planeten besucht. Und dort hat sie sich verändert. Als Kind wollte sie immer Gott werden, später bloß noch Jesus Christus. Nun wird sie jedoch zur Heiligen und zur Märtyrerin. Denn Götter gibt es hier in der Firma Yumimoto bereits: Sie heißen Männer, und der Präsident thront über allen. Nur dem Kaiser nähert man sich laut Hofprotokoll „mit Zittern und Staunen“. Aber das Gleiche gilt für eine Frau auch gegenüber japanischen Männern.

Verbale Vergewaltigung

Die außenstehende Belgierin beobachtet unglaubliche Szenen. Einmal vergewaltigt Herr Omoji Fräulein Mori nur mit seiner Stimme. Er baut seine 150 Kilo vor ihren zierlichen 50 Kilo auf und macht sie minutenlang derart zur Schnecke, dass sie zittert und wankt. Dabei macht sie kein einziges Mal den Mund auf. Die Sitte des Systems verlangt von ihr, dass sie dem Angriff tapfer standhält. Nachdem ihr dies gelungen ist, rastet sie erst bei Amélies unüberlegter Mitleidsbekundung aus: Sie meint, Amélie wolle sich auch noch an ihrer Demütigung durch Omoji delektieren!

Die Aporie des Systems

Da erkennt Amélie endlich, in welchem System Frl. Mori gefangen ist. In einem eindrucksvollen Katalog der Begrenzung und Einschnürung, der Demütigung und des Verzichts, den Amélie aufzählt, werden die Dogmen sichtbar, die die japanische Gesellschaft für Frauen bereithält. Am Schluss steht die gnadenlose Erkenntnis des unauflöslichen inneren Widerspruchs dieses Systems: „Die Einhaltung seiner Regeln führt zum Regelverstoß!“ Selbst dann also, wenn sich die Frau hundertprozentig regelkonform verhält, kann sie der Bestrafung nicht entgehen.

Selbst wenn sich Frl. mit einem Westler wie dem hübschen Holländer Piet Kramer einließe, so wäre dies keine Lösung: Sein Schweiß stinkt. Und das ist unvereinbar mit dem Reinlichkeitsfimmel der Japaner.

David Bowie?

Amélie vergleicht ihre Beziehung zu Frl. Mori mit dem Spielfilm „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“, in dem sich David Bowie und Ryuichi Sakamoto als Vertreter zweier grundverschiedener Kulturen gegenüberstehen. Frl. Mori weist den einleuchtenden Vergleich dennoch von sich: Amélie sehe nicht aus wie David Bowie. Da hat sie auch wieder Recht.

Komik und Chaos

Amélie spielt gerne den „Sisyphos der Buchhaltung“, die Märtyrerin der Spesenabrechnung. Dies treibt sie, wie erwähnt, so weit, dass sie auf Schlaf verzichtet. Infolgedessen gerät sie eines Nachts in einen entrückten Zustand, als ihr Geist „umkippt“: „Ich war GOTT!“ Sie reißt sich die Kleider vom Leib, hüpft und springt im verlassenen Büro herum, ergeht sich in Allmachts- und Märtyrerfantasien gleichermaßen: Sie stellt sich selbst als Jesus beim Abendmahl vor, wie er Pfeffer statt Wein und Brot verteilt: „Nehmet hin meinen Pfeffer!“ Sie stellt sich vor, wie alle Jünger in hemmungsloses Niesen ausbrächen.

Einen weiteren Gipfel der Komik erklimmt ihre Erzählung, als sie gegenüber Frl. Mori ihre Kündigung begründet. Anstatt den Einflüsterungen eines schalkhaften Dämons zu folgen, spielt sie Mori die dumme Westlerin vor: Sie sei zu dumm, um das Klo zu reinigen. Das westliche Gehirn ist einfach von minderer Qualität. Und ihres, Amélies, sogar geistig behindert. Ob man sie wohl bei der Müllabfuhr arbeiten ließe? Mori stimmt begeistert zu! Hätte Amélie auf den Dämon gehört, so hätte sie auf die ausgezeichnete Expertise hingewiesen, die sie für Herrn Tenji über fettarme Buttter angefertigt hatte. Aber damit hätte sie sich natürlich wieder auf eine gleiche Stufe mit Mori gestellt und sie somit anmaßend kritisiert und gedemütigt. Dann schon lieber eine surreale Parodie der Realität liefern.

Die Sprecherin

Fritzi Haberlandt liest schnell, deutlich und mit hörbarer Lust an den fein gedrechselten Sätzen. Selbst schwierigste französische Wörter, japanische Ausdrücke und ausgefallene deutsche Fremdwörter bewältigt sie tadellos und mit Bravour.

Unterm Strich

Die Geschichte hat das Potenzial zu einem Trauerspiel à la Kafkas „Verwandlung“, doch Amélie Nothomb gelingt es in der lebhaften Darstellung durch Haberlandt, das Ganze so unterhaltsam und witzig zu gestalten, dass die Zeit wie im Fluge vergeht.

Im Kern dieser Groteske steht jedoch eine hammerharte Kritik am japanischen System der Hackordnung, das Frauen dazu zwingt, selbst bei hundertprozentiger Befolgung aller Regeln gegen die Regeln zu verstoßen und sich dafür Strafe einzuhandeln. Obendrein befindet sich Amélie, solange sie der Hackordnung des Büros angehört, stets in Konkurrenz zu irgendjemandem, und vor allem auch zu ihrer Vorgesetzten und vermeintlichen Freundin, Fubuki Mori (der Name bedeutet „Schneesturm Wald“ und kommt Amélie ungeheuer romantisch vor).

Erst als Amélie als Putzfrau endet, steht sie außerhalb der Hierarchie und wird folglich gemieden, außer von Mori und Omoji, ihren Peinigern. Hier erfreut sich Amélie der „Umkehrung aller Werte“. Dies erinnert mich an den ähnlich angelegten satirischen Roman „Schweinerei“ von der Französin F. Darrieusseq, in dem eine Friseuse den Herren Liebesdienste leistet, immer fetter wird und sich schließlich in ein (intelligentes) Schwein verwandelt. (Ich glaube, das Buch wurde als „Fat Girl“ verfilmt.)

Nothombs Beobachtungen sind scharf und unparteiisch, aber in der Perspektive ihrer Heldin können durchaus satirische Überspitzungen passieren. Die Folgerungen aus den Beobachtungen sind die oben genannten kritischen Bemerkungen: ein ganzer Katalog der Dogmen. Und manche dieser Dogmen kann man auch im Westen finden. Das ist vielleicht das Wichtigste – und Traurigste – an diesem erstaunlichen und lebhaft/lebendig erzählten Hörbuch.

Originaltitel: Stupeur et tremblements, 1999
Deutsch von Wolfgang Krege
175 Minuten auf 3 CDs