Peter Bürger – Theorie der Avantgarde

Die Theorie der Avantgarde als Meilenstein einer kritischen Literaturwissenschaft

Ist die Kunst nun losgelöst von gesellschaftlicher Praxis oder ist sie gerade in dem Spannungsfeld von Zweck und Zweckfreiheit zu finden? Ist sie selbstständig gegenüber kunstexternen Verwendungsansprüchen, wie es Habermas formulierte, oder muss sie in der Lebenspraxis aufgehen? Dieses zuletzt genannte Aufgehen im unmittelbaren Lebensumfeld forderte die historische Avantgarde; Letztere ist aber auch Peter Bürgers Untersuchungsgegenstand, den er in seinem bahnbrechenden Buch „Theorie der Avantgarde“ abhandelt.

Bahnbrechend ist es deshalb, weil Bürger versucht, eine von den Einzelinhalten der facettenreichen Avantgardeströmungen unabhängige, literaturkritische Theorie zu begründen, andererseits mit den der Avantgarde gemeinhin zugewiesenen Kategorien reflektiert hantiert. Dabei werden gerade die |commensence|-Thesen über die Avantgarde nicht bestätigt, im Gegenteil. Nur die wenigsten Behauptungen, die gemeinhin über die Avantgarde aufgestellt wurden, werden von Bürger bekräftigt – und wenn, dann äußerst ausdifferenziert. So steht für ihn keinesfalls unumstürzlich fest, dass z. B. die Kategorie des Neuen ein kultur- und traditionskritischer Indikator für Avantgarde-Kunst ist. Er schreibt beispielsweise:

|“Der Begriff des Neuen ist zwar nicht falsch, aber zu allgemein und unspezifisch, um das Einschneidende eines solchen Traditionsbruchs präzise zu bezeichnen. Aber auch als Kategorie zur Beschreibung avantgardistischer Werke dürfte sie kaum taugen, nicht nur, weil sie zu allgemein und unbestimmt ist, sondern vor allem auch deshalb, weil sie keine Möglichkeit an die Hand gibt, um zwischen modischer (beliebiger) und historischer notwendiger Neuerung zu unterscheiden.“| (Bürger, S. 86).

Gleichsam verhält es sich mit der Kategorie des Zufalls, denn nur weil einige Protagonisten der historischen Avantgarde (z. B. Aragon) Zufall als wichtiges Prinzip verstanden, kann sie in die Theorie der Avantgarde nicht einfach überführt werden. Die Theorie der Avantgarde ist ohnehin weitaus mehr an die historisch-vergleichenden und globalen Entwicklungen der bürgerlichen Gesellschaft geknüpft als an „systeminterne Thesen“ der Avantgardisten, so schein es.

Bürger postuliert darüber hinaus, dass die historische Avantgarde in theoretischer Weise mit neoavantgardistischen Entwicklungen nicht vergleichbar sei. Zeitgenössische Künstler, die auf die Schockwirkung oder auf die Forderung nach einer ins Leben integrierbaren Kunst setzen, knüpften lediglich instrumentell an die historischen Schablonen der Avantgarde an – ihre Inhalte seien aber nicht vom antibürgerlichen und antiinstitutionellen Geist der historischen Avantgarde erfüllt, so Bürger.

Auch wenn man über die individuellen Inhalte der historischen wie auch zeitgenössischen Künstler als solche streiten kann – Bürger legt mit der „Theorie der Avantgarde“ ein wichtiges Grundlagenwerk vor, welches hilft, ästhetische Positionen der Moderne – und nicht zuletzt, weil der Autor einen Abriss der wichtigsten ästhetischen Positionen (Benjamin, Habermas, Schiller, Kant, Adorno, Hegel, Lukács) in seinem Werk gibt – besser zu verstehen. Ein epochales Standardwerk!

Taschenbuch: 139 Seiten
Auflage: Oktober 2002
www.suhrkamp.de

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