Alle Beiträge von Alexander Graeff

Auster, Paul – Mann im Dunkel

Dies ist keine Buchbesprechung, sondern eine Huldigung. Wem das missfällt, der sollte sofort die Lektüre einstellen. Wer die nicht existente, durch äußeren Anstrich verdeckte Grenze zwischen Literatur und Kult nicht erkennt oder einfach eine andere Art der Literaturkritik erwartet, muss unabwendbar enttäuscht werden. Dies ist ein Tanz auf dieser Grenze.

Wir huldigen keinem Schöpfer, auch wenn ich innerlich mit mir streite, es vielleicht doch zu tun. Auch wollen wir kein Buch ins Zentrum unseres Kultes erheben. Stattdessen soll einer Idee, einem Thema gehuldigt werden. Das mag recht absichtsvoll klingen, doch fällt es mir schwer, einen passenden Begriff für das Sujet zu finden, das wir hier verehren wollen. Fest steht, dass unser Sujet das Thema von Paul Austers neuem Buch „Mann im Dunkel“ ist. Es ist ein rätselhaftes Buch, vielleicht Austers rätselhaftestes. Austers Thema entbehrt eben eines eindeutigen Begriffes. Ich kann nicht benennen, ich muss beschreiben:

Ein alter Mann erinnert sich, macht sich Gedanken über sein Leben, seine Familie und seine Fehler. Er versetzt sich an besondere Orte innerhalb seiner Gedanken, die allesamt von demselben Zustand berichten: von der Zerrissenheit zwischen Welt und Selbst. Hier haben wir unser Sujet.

In eben diesem Gedankenspiel entstehen unterschiedliche Parallelwelten: Die „wunderliche Welt“, die ganz Poesie ist. Die „große kaputte Welt“, in die es gilt hinauszuziehen, um zu entdecken, „wie es sich anfühlt, ein Teil ihrer Geschichte zu sein.“ (S. 212). Und dann die „unsichtbare Welt“, die scheinbar nicht existiert und doch schmerzhaft ihre Spuren im Leben hinterlässt. Alle diese Welten werden in der Zerrissenheit des Subjektes erst deutlich, die Weltgeschichte verläuft keinesfalls parallel, sie verändert sich je nach Erinnerung, Einbildung und Gedanke. Gewiss gibt es eine kollektive Instanz, ein Alltagsmuster, das rügt und mahnt, dass es nur eine kollektive Geschichte gäbe. Das erfährt auch Austers Mann im Dunkel, doch kollektive Instanzen können sich irren, und dann fügt sich am Ende doch alles zusammen: Subjekt wird Welt und Welt wird Subjekt. „Das Reale und die Einbildungen sind eins.“ (S. 216)

Paul Austers „Mann im Dunkel“ beschreibt keine herkömmlichen Reflexionen eines Menschen im letzten Lebensabschnitt. Es geht um mehr. Um Möglichkeitsräume, um Realitätsmodelle und die huldigungswürdige Idee, dass sich der Mensch von Alltagsmustern befreien kann, um nicht wie Austers Romanfiguren Brick und Flora „in ihrem ehelichen Nichts“ (S. 120) nur dahinzutreiben, um das „kleine Leben“ eines Menschen zu leben, der dem Irrtum auferlegen ist, „dass es nur diese eine Welt gibt und das alltägliche Einerlei“ (S. 120). „Mann im Dunkel“ ist auch ein nachdenkliches Buch. Ein poetisches. Und in eben dieser Poesie, die beschreibt, nicht benennt (keinen exakten Begriff findet), legt Auster seine Geschichte an, lässt den Mann im Dunkel wachliegen, nachdenken, erinnern und resümierend erkennen: „Gedanken sind real, selbst Gedanken an nicht reale Dinge.“ (S. 216) Und dem wollen wir huldigen.

|Originaltitel: The Man in the Dark
Deutsch von Werner Schmitz
219 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-498-00080-6|
http://www.rowohlt.de

Gößling, Andreas – Freimaurer, Die. Weltverschwörer oder Menschenfreunde?

Andreas Gößling stellt sich eine altbekannte Frage: „Die Freimaurer, Menschfreunde oder Weltverschwörer?“ Den gleichlautenden Titel seines 2007 erschienenen Buches über die Freimaurerei könnte man für müßig halten. Zu oft haben uns Autoren unterschiedlicher Couleur mit ihren x-fachen Abhandlungen über Freimaurerei gelangweilt. Gößling scheint auf den ersten Blick mit seinem plakativen Titel genau hier anzuknüpfen, er beackert ein vorbelastetes Feld. Doch seine Ausführungen stechen aus der Masse einschlägiger Literatur zum Thema heraus – inhaltlich und stilistisch. Gößling arbeitet akribisch, historisch genau und bedient sich einer gleichsam verständlichen und anspruchsvollen Sprache. Die flüssige Prosa verhindert, dass man sein Buch mit dem polarisierenden Titel gelangweilt zur Seite legt.

Gößling macht kein zusätzliches Geheimnis um freimaurerische Termini, er erläutert sie – und das ist hervorhebenswert – in ihrer modernen und ursprünglichen Bedeutung. Die Ambivalenz zwischen den freimaurerischen Wurzeln, etwa den antiken Mysterienkulten, und der seit der Aufklärung um- und neugedeuteten Symbole der Freimaurerei gehört zu Gößlings Schwerpunkten. Bezeichnend hierfür sind seine Thesen:

(1) Die moderne, „symbolische“ Freimaurerei basiert auf einer „humanistischen Umdeutung“ archaischer Symbole. Das „Mysterium“ der Freimaurer ist der Prozess kultureller Überführung von synkretistisch-okkulten Lehren in die Moderne.

(2) Die aktuelle Freimaurerei besteht aus Überbleibseln archaischer Männerbünde, die z. B. auf den Mithras-Kult oder die Mysterien der Isis zurückgehen. Magie und Mystik spielten in diesen archaischen Bünden stets eine große Rolle. Der Kerngedanke der bis in die Moderne gelangten Weiterentwicklungen dieser Bünde ist, trotz der aufklärerischen Einflüsse, von magisch-mystischen Denkfiguren geprägt. Die Betonung der Freimaurerei auf ethisch-humanistische Werte ist kein Widerspruch zu magischen Weltbildern. Nur vordergründig schließen Aufklärung und Humanismus den Bezug auf Emotionales, Numinoses und Okkultes aus. Vielleicht zeigt sogar die Versöhnung von Magie und Ratio am Beispiel der Freimaurerei, dass es den magischen Theorien unserer Vorfahren im Kern auch um ethische Fragen ging (die Alchemie bezeugt diese These); oder sie zeigt, dass das Weltbild der Aufklärung auch die okkulten Aspekte von Welt und Selbst zu integrieren vermag.

(3) Gößling bezeichnet nicht ganz frei von Ironie den Freimaurerorden als „Geheimbund ohne Geheimnis“. Das maurerische Geheimnis ist laut Mythologie bekanntermaßen verlorengegangen. Aber im Kollektiv der Brüder kann es erneuert werden; das soziale Gefüge bringt es – angepasst an Zeit und Kontext – beständig neu hervor. Somit ist es kein normatives Geheimnis, ja eigentlich auch keine „teilbare Erkenntnis“, denn es „lebt“ erst in jedem Einzelnen.

Wohl aber besitzt es einen archetypischen, exemplarischen Kern: die Tatsache, dass es in der Geschichte als „Geheimnis“ bezeichnet wurde. Und Kennenlernen kann es logischerweise nur, wer am Kollektiv der Freimaurer partizipiert. Das „verlorene Meisterwort“ – das subjektive Geheimnis – dient als Hülse facettenreichster Deutung; das macht auch Gößling deutlich, wenn er die wesentlichen Unterschiede zwischen Johannismaurerei, schottischer Hochgradmaurerei, französischer Co-Maurerei und anderen zum Teil nationalen Formen des Ordens anführt.

Gößling referiert spannungsreich das überlieferte Wissen der Freimaurer; er nimmt den Leser mit auf 16 Reisen durch die Mythologie und Geschichte des Ordens. Dabei scheint er sich am Einweihungsweg der Brüder selbst zu orientieren. Vom Lehrlingsgrad über den des Gesellen bis hin zum Meistergrad führt er in die ambivalente Symbolik und Ritualistik der Freimaurerei ein. Der Autor tut dies kritisch und scheut sich nicht, auch exakte Anleitungen wie zum Beispiel Vereidigungstexte aus den Initiationsritualen zu zitieren.

Gößling ist an zeitgemäßer Deutung der Freimaurergeschichte interessiert. Er streift mit seinen Thesen aktuelle Fragestellungen der internationalen Esoterikforschung. So zeigte beispielsweise auch Kocku von Stuckrad, dass okkulte und esoterische Weltbilder seit dem Mittelalter das soziale Phänomen, das wir „Moderne“ nennen, mit hervorgebracht haben.

Gößlings „Die Freimaurer. Weltverschwörer oder Menschenfreunde?“ ist ein spannend geschriebenes Buch, das mehr als einen flüchtigen Einblick in die Geschichte der Freimaurerei bieten kann. Das Buch bleibt nicht bei der Geschichte stehen, sondern thematisiert letztlich auch die Probleme und Grenzen eines auf archaischen Wurzeln ruhenden sozialen Gefüges in einer individualistischen und rationalistischen Zeit.

http://www.andreas-goessling.de
http://www.droemer-knaur.de

_Andreas Gößling auf |Buchwurm.info|:_
[„Faust der Magier“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3904

Kümmel, Anja – weiße Korsett, Das

In der klassischen Gothic Novel werden Geistergeschichten erzählt. Der Verlauf ist einfach, zumeist tragen sich an geheimnisumwitterten Orten unfassbare Ereignisse zu: der Poltergeist im Gemäuer, die weiße Frau im Garten oder das Gespenst im Schrank.

Anja Kümmels Buch handelt von einer jungen Ausländerin in Amerika. Kein einfacher Verlauf: abgebrochenes Studium, notorischer Geldmangel, unstetes Leben und mancher Ausflug in die subkulturelle Musikszene der Stadt. Doch damit nicht genug. Überdies wird die Protagonistin von einer mysteriösen Erscheinung heimgesucht. Ein Alp, der ihrer eigenen Vergangenheit entsprungen scheint, an die sie sich nur bruchstückhaft erinnern kann.

„Das weiße Korsett“ ist eine moderne Gothic Novel. Hier lebt die Protagonistin im Schrank, nicht der Geist; und doch knüpft Anja Kümmel – klischeefrei – bei den Geisternovellen des 19. Jahrhunderts an: „Dabei hätte ich es wissen müssen – körperlose Seelen fristen zumeist nur ein begrenztes Erdendasein, bevor sie verblassen …“ (S. 203). Sprache und Stilistik sind aber die eines zeitgenössischen Romans.

Anja Kümmel versteht es, dem Leser die Geheimnisse, die eine geisterhafte Erscheinung wohl unweigerlich umranken (heute wie im 19. Jahrhundert), portionsweise zu verabreichen. Die Gedanken und Erinnerungen der Protagonistin bauen spannend aufeinander auf, eine Andeutung verschachtelt sich in der nächsten; so entsteht ein fast abstrakt anmutender Handlungsstrang.

Leider nicht immer plattitüdenfrei beschreibt Anja Kümmel das von Orientierung und Abgrenzung geprägte junge Leben der Protagonistin. Der Gebrauch szenetypischer Kodierung, welche die Autorin einsetzt, steht der intelligent-abstrakten Handlung und der originellen Beschreibung des Geistes hier und da im Wege. Am Ende des Buches wird aber deutlich, warum Anja Kümmel manche Gothic-Szenefloskel verwendet: Sie stellt auf der Metaebene den selbst gewählten Entwicklungsweg durch eine ambivalente Jugendkultur in Frage. „Auch hier sind es die Ideen, Auswüchse der Fantasien von Kindern, die sich langweilen – Kinder, die vergessen haben, dass sie längst erwachsen sind – …“ (S. 205). Die Protagonistin reift an ihrer Erinnerung, an einer unglaublichen Begegnung genauso wie an der Verarbeitung eines „sehr realen“ Geheimnisses.

http://www.teamofdestruction.de/

Wilson, Robert Anton – Cosmic Trigger 3: Mein Leben nach dem Tod

Am 11. Januar dieses Jahres starb Robert Anton Wilson, bekannt für seine anarchistische und verquere Literatur. Just ist nun die deutsche Übersetzung von Wilsons \“Cosmic Trigger 3\“ erschienen, und just trägt das Buch den Untertitel \“Mein Leben nach dem Tod\“. Das ist doch mal eine interessante Synchronizität!

\“Cosmic Trigger 3\“ erschien in Originalsprache im Jahr 1995. Das Buch ist anders als die übrigen Werke Wilsons. Es ist – trotz Wilsons unverkennbaren Zynismus\‘ – ein nachdenkliches Buch. 1994 starb Wilsons Freund und Kollege Robert Shea an Krebs. (Zur Erinnerung: Mit Shea schrieb Wilson die \“Illuminatus!\“-Trilogie, mit der beide Schriftsteller bekannt wurden.) Wilson schreibt nun in \“Cosmic Trigger 3\“ über den Tod seines Freundes, und über seinen eigenen. Angeblich, so hieß es in einem der zahlreichen \“Weltverschwörungsforen\“ im Internet, sei Wilson 1995 verstorben. Verblüfft über den eigenen Tod, nimmt sich Wilson dieses Gerücht zum Anlass, über seinen eigenen Tod zu schreiben. Im Sinne seiner eigenen Weltbildentwürfe schließt Wilson letztlich nicht völlig aus, dass er sich über seinen eigenen Tod nicht auch von einem Gerücht eines Besseren belehren lassen könnte. Es folgt die typisch Wilson\’sche Bearbeitung: Generierung und Vermischung von Fakt und Fiktion – Guerilla-Ontologie eben.

Synchronizität oder Zufall? Ganz gleich, wie man diese Verquickung bewertet, sie ist für das Werkverständnis nicht uninteressant, denn sie ermöglicht einen zusätzlichen Zugang zu Wilsons nicht immer einfacher Schreibweise. \“Cosmic Trigger 3\“ thematisiert diesmal die Erzeugung subjektiver Realität und ihre \“Ontologisierung\“ in der objektiven Welt auf eine besondere Art und Weise. Wilsons Bezugssystem, aus dem er seine Anekdoten und Beispiele herleitet, ist die \“Welt des schönen Scheins\“, wie es Schiller nannte, die Kunst.

Nach sechsunddreißig praktischen Kapiteln folgt ein theoretisches: Wilson \“erlöst\“ den Leser von der geballten Fülle seiner konkreten Beispiele und schreibt vom allgemein philosophischen Prinzip besagter Realitätserzeugung durch \“ästhetische Masken\“. Es geht um die künstlerische Inszenierung von Welt, mit der man es schaffen könne, \“echte\“ Realität zu erzeugen. Dieser Ansatz ist nun bei weitem nicht mehr so skurril wie manche Anekdote in \“Cosmic Trigger 3\“ auf den ersten Blick vermitteln mag, dieser Ansatz zeugt von der Möglichkeit eines ernsthaften In-Beziehung-Setzens von kulturell erzeugten Werken und agierendem Subjekt. Die künstlerischen \“Weisen der Welterzeugung\“, von denen Wilson spricht, erinnern stark an eine ästhetische Theorie, die zum Beispiel bei Nelson Goodman ihresgleichen findet.

\“Cosmic Trigger 3\“ ist anders. Es markiert eine besondere Phase in Wilsons Leben und Schreiben. Es bedient sich nicht außerordentlich ungewöhnlicher Sujets, besitzt doch aber innerhalb Wilsons Werk einen besonderen Stellenwert. Die deutsche Ausgabe von \“Cosmic Trigger 3: Mein Leben nach dem Tod\“ ist im |Phänomen|-Verlag erschienen. Das Buch selbst präsentiert sich als \“künstlerische Maske\“: Der Maler Tate Tränensohn hüllte es in eines seiner abstrakten Ölgemälde.

http://www.phaenomen-verlag.de/

Irtenkauf, Dominik – Worträtsel. Aufgabe in Mensch und Wort

Dominik Irtenkauf versteht es, den verheißungsvollen Untertitel, den sein zweites Buch trägt, mit Leben zu füllen. Seine Literatur ist aus zweierlei Gründen eine Alchemie: Zum einen transformiert sie Sprache, sodass sich die Worte beginnen zu krümmen und zu strecken und schließlich einen farbenfrohen Zoo lebendiger Literaturen ergeben, zum anderen geht es Irtenkauf um eine Erforschung der verborgenen Prägungen seiner Texte. Er kann selbst nicht mit Gewissheit sagen, ob er das, was nun verfasst vor ihm liegt, selbst vollständig entschlüsseln kann. Seine literarische Erforschung des Rätselhaften bleibt unabgeschlossen. Das ist ihm ein wichtiger Zug.

„Worträtsel. Aufgabe in Mensch und Wort“ ist ein unaufgeregtes Buch. Es wirkt nüchtern; es ist keinesfalls bockbeinig, wie Irtenkaufs Vorgänger [„Der Teufel in der Tasche“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2657 Die vielen Rätsel zwischen den Zeilen kommen völlig ohne subversiven Stachel aus, sie sind eher subtil, aber nicht trocken. Das offene Bekenntnis spricht Irtenkauf auf Novalis. Denn sein rätselhafter Weg führt nach Innen. „Meine ehrliche Absicht liegt in der Bewusstmachung der verschrobenen Wege im eigenen Kopf“, wie es im Nachwort heißt.

Irtenkauf spielt mit verträumter Anmut, keine Frage, doch begegnet sie dem Leser keineswegs in Form romantischer Trunkenheit. Die Erzählungen führen uns in wohlüberlegte Denkfiguren ein: in Erkenntnis- und Entwicklungswege und, wen wundert’s, in Rätsel, deren spürbare Verschlossenheit gerade den Reiz der erzählten Geschichten ausmachen.

Dominik Irtenkauf präsentiert mit „Worträtsel. Aufgabe in Mensch und Wort“ eine Sammlung unterschiedlicher Erzählungen: frühe Werke, aktuelle Werke, alles dabei. Wir erleben eine Expedition, fahren mit dem Taxi durch die nächtliche Stadt, besuchen den Zirkus und unternehmen Reisen in archaische Zeiten. Die Vielfalt ist Programm, das betrifft Form und Inhalt. Irtenkaufs Geschichten zeigen nicht zuletzt, dass der Literat von heute keine Schreibstubenkultur betreibt, sondern sich – wie Irtenkauf betont – mutig unserer komplexen Welt entgegenwirft, die Konfrontation nicht scheut und auch mit nüchternen Worten den Oberflächenbewohnern zu zeigen imstande ist, dass Dreidimensionalität im 21. Jahrhundert nicht aus der Mode gekommen ist.

_Aus dem Inhalt_

Byzantinischer Schlaf
Abziehbild eines Ausgangs
Kubbeln
Nur ein Flügel hat gestreift
Jenseitstraum
Rasender Schwund
Rabenwetter
Verunglückung
Nachwort: Rätsel in Wort und Mensch

http://www.mischwesen-av.de/

Palme, Oliver / Hillen, Boris / Nowak, Stefan (Hgg.) – Fotosynthesen. Anthologie

Im Frankfurter |Pahino|-Verlag ist eine Anthologie mit dem Titel „Fotosynthesen“ erschienen, die ein reizvolles Konzept aufzeigt: Anspruch war es, Text und Bild miteinander zu verbinden und ein Gesamtarrangement in Form eines Buches herauszugeben. Es wurden 18 literarische Reaktionen auf 18 Fotografien gesammelt, und versucht, einen Zusammenhang zwischen dem narrativen Element der Erzählungen und der Momentaufnahme des Fotos herzustellen. Die Anthologie folgt keinem zentralen Thema, die Erzählungen der beteiligen Autoren und Autorinnen kreisen um beliebig ausgewählte Fotos. Für die Sammlung schrieben u. a. Autoren wie Dietmar Dath, Buddy Giovinazzo und Feridun Zaimoglu.

Im Vorwort heißt es, dass die Bilder nicht als Illustrationen, also als Verzierung der Texte, und die Texte nicht als Kommentar zu den Bildern verstanden werden sollen. Dieser Anspruch konnte leider nur zum Teil eingelöst werden. Eine Text-Bild-Synthese beginnt meiner Meinung schon mit einem konzeptionalisierten Thema und sollte doch gerade Wert auf die Bildauswahl legen. Wenn dagegen nach dem Prinzip der Beliebigkeit gearbeitet wird, kann zwar eine gelungene Sammlung von Erzählungen entstehen, doch der Versuch, dass sich Bild und Text in einem Zusammenhang, als Synthese, vorstellen, kann nur durch eine einheitliche Basis als geglückt bezeichnet werden. Jeder Text in „Fotosynthesen“ würde – für sich genommen – auch ohne das zugehörige Foto funktionieren, doch ein einzeln betrachtetes Foto verliert seine Substanz, wenn das narrative Element genommen wird. Zurück bleiben beliebig ausgewählte Fotografien und meist Schnappschüsse. Der im Vorwort beschworene Zusammenhang zwischen Text und Bild wurde nur einseitig eingelöst: Das Gesamtarrangement ist nicht so gelungen wie angedacht.

Das Gefühl der Beliebigkeit wird nicht zuletzt auch durch die recht nervöse Gestaltung des Buches verstärkt. Die vorgefundenen Fotos, auf die es literarische Reaktionen gab, wurden bewusst zerfasert und ihre Teilausschnitte als Dekoelemente in den Textfluss eingefügt. Ein gestalterisches Konzept, welches die einheitliche Basis von Text-Bild-Synthesen enorm fördert, war mir nicht erkennbar.

Auch wenn die Fotografien neben den Texten keinen eigenständigen Raum erhalten, sind der Großteil der Erzählungen lesenswerte Beiträge. Die Vielfalt der Textformen und Inhalte ist in dieser Hinsicht ein Pluspunkt. Besonders zu empfehlen sind die Beiträge von Melanie Stumpf, Kathleen Weise, Markolf Hoffmann, Boris Hillen, Feridun Zaimoglu und Boris Koch.

„Fotosynthesen. Anthologie“ wurde herausgegeben von Boris Hillen, Stefan Novak und Oliver Palme. Mit Beiträgen von Dietmar Dath, Buddy Giovinazzo, Peter Glaser, Boris Hillen, Markolf Hoffmann, Sakura Ilgert, hci-krauskopf, Boris Koch, Mustang Lamar, Tobias O. Meißner, Mathias Mertens, Stefan Nowak, Frank Schuster, Melanie Stumpf, Jamal Tuschick, Kata W. Fonsen, Kathleen Weise und Feridun Zaimoglu.

http://www.pahino.de

Weinert, Simon – Drache regt sich, Der. Eine phantastische Erzählung

Der Meister des Gagaismus, wie Simon Weinert seine dadaistisch-skurrilen Streifzüge durch gleichermaßen Phantastik und Gesellschaftskritik selbst bezeichnet, legt mit „Der Drache regt sich“ eine „geile Fantasygeschichte“ (S. 81) vor. So können wir aus dem Buch erfahren, was die Studentin Golde und eine Familie im Venedigurlaub mit Fantasyliteratur zu tun haben. Weinert verknüpft nicht nur phantastische Elemente mit Sarkasmus und scharfer Kritik an der einen oder anderen Einrichtung unserer Informationsgesellschaft, sondern zieht konsequent die Facetten und Phrasen des Fantasygenres durch den Kakao. Alle müssen dran glauben: Black-Metal-Fans, potente Drachtöter, die sich Sexsklavinnen halten, Live-Rollenspieler, Handy-Zombies, abgestumpfte TV-Jünger und J. R. R. Tolkien.

Simon Weinert liefert mit seinem Buch aber keine hohle Abrechnung mit den rückwärtsgewandten und wirklichkeitsfremden Aspekten diverser Fantasy-Geschmacklosigkeiten, vielmehr gelingt es ihm mit seiner mitunter gewöhnungsbedürftigen Erzählform – eine, die zum Denken anregt und den Leser gerade nicht mit altbekannten und x-fach wiederholten Vampir-Drachen-Helden-Abziehbildern einlullt – zu zeigen, dass ein Drache mehr sein kann als ein „Phantasiewesen aus albernen Fantasyromanen“ (S. 55).

Man wird wirklich überrascht sein, etwa wenn Golde das sagenumwobene „schwarze Land“ in Bayern vermutet, die geheimnisvollen Hallen des heldenhaften Drachentöters in Venedig zu finden sind und der Drache, der menschlicher ist, als es dem Leser vielleicht lieb sein könnte, auf einer Ostseeinsel haust.

Simon Weinerts Buch „Der Drache regt sich“ ist aber auch deshalb ein gelungenes Werk, weil es in einem Verlag für phantastische Literatur erschienen ist! Die |Edition Medusenblut| bewegt sich in die richtige Richtung: Die notwendig gewordene Kritik am Fantasygenre wird durch intelligente Selbstironie nicht nur zugelassen, sondern scheint ein wichtiger Bestandteil des Verlagsprogramms zu sein. „Der Drache regt sich“ bereichert Boris Kochs |Edition Medusenblut| enorm, weil das Buch phantastische Literatur ist, die sich nicht auf kitschige Stereotype stürzt, sondern dabei hilft, Phantastik wieder als ernst zu nehmende Literaturform begreifen zu können.

http://www.medusenblut.de/

Timothy Leary – Info-Psychologie

Achtung, Science-Faction!

Sie haben richtig gelesen, es handelt sich bei „Info-Psychologie“ um ein Werk der Science-Faction – nicht der Science-Fiction. Worin der Unterschied besteht? Nun, streng genommen gibt es keinen, zumindest meint das Timothy Leary. Beide – Fakt und Fiktion – seien ganz im wittgensteinschen Sinne Konstrukte, die außerhalb ihres eigenen Theoriekorsetts nicht mehr als subjektive Spekulationen sind. Von daher macht es folglich auch keinen Unterschied aus, ob ein Autor von Flügen ins Weltall oder von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Gentechnik berichtet.

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Hacke, Axel – kleine Erziehungsberater, Der. Mit Bildern von Michael Sowa

Auf den ersten Blick: ein Buch über eine bundesdeutsche Familie, die ein Reihenhaus in einem Vorort von München bewohnt … Der Kulturschock ist vorprogrammiert, gerade auch deshalb: Es soll um Erziehung gehen!

Doch der erste Blick trügt, denn Axel Hacke, ein auf allen Ebenen überforderter Vater, den man wohl früher ein „stolzes Familienoberhaupt“ genannt hätte, weiß seinen Alltag in über einem Dutzend kurzen Anekdoten ganz vortrefflich zu beschreiben. Da bleibt kein Auge trocken!

„Der kleine Erziehungsberater“ liefert jedoch nicht nur Anlass zur köstlichen Unterhaltung, sondern malt ein ausgesprochen realistisches Bild von Kindererziehung. Eines, das die Rolle „Kind“ und „Erziehungsberechtigter“ mitunter stark zu verwischen in der Lage ist. Im nervenaufreibenden Spannungsfeld aus Autorität, Laissez-faire, Resignation und der schmerzlichen Erfahrung seitens der Eltern, dass die illusionäre Vorstellung eines unfehlbaren Vaters endlich überwunden ist, wachsen Hackes Kinder in einem reflektierten und liebevollen Familienumfeld auf – so scheint es zumindest.

„Der kleine Erziehungsberater“ ist eine unterhaltsame Lektüre, die im Gegensatz zu Super Nanny & Co. einen lohnenden Beitrag zu Kindererziehung leisten kann. Denn Lachen hat noch nie geschadet!

http://www.kunstmann.de/

Loers, Veit (Hrsg.) / Kunsthalle Schirn – Okkultismus und Avantgarde. Von Munch bis Mondrian 1900 – 1915

Was ist typisch für die historischen Avantgardebewegungen? Ihr politisches Engagement? Ihre Versuche, Kunst in den lebenspraktischen Raum zu überführen? Oder ihr radikales Programm und die auf Schockwirkung setzende Kunst?

Gewiss sind dies Forderungen, die Futurismus, Surrealismus, Dadaismus & Co. für sich beanspruchen, doch gibt es weitere Anknüpfungspunkte, die viele Avantgardisten mit den Vertretern jenes gesellschaftlichen Phänomens teilen, das Okkultismus genannt wird. Dabei erscheinen die pseudowissenschaftlichen und ersatzreligiösen Bestrebungen von Theosophie und Spiritismus innerhalb der Kulturwissenschaften keinesfalls nur als Kompensation auf den zunehmenden Materialismus, sondern können gerade als immanent für die Kunst der Moderne beschrieben werden.

Der umfassende Katalog der gleichlautenden Ausstellung „Okkultismus und Avantgarde“ der Frankfurter Kunsthalle Schirn 1995 ist Zeugnis für eine historische Analyse und Darstellung der bedeutenden Gemeinsamkeiten und gegenseitigen Inspirationen von Avantgardisten aller Couleur und Okkultisten des frühen 20. Jahrhunderts.

In keinem mir bekannten Werk wird derart deutlich an Text und Bild gezeigt, wie eng die okkulten Strömungen und Weisheitslehren Künstler und Okkultisten gleichermaßen beeinflussten. Diese wichtige Verbindung scheint mir für die historischen Betrachtungen der gesellschaftlichen Umbrüche (z. B. Beginn der Modernen Kunst, Lebensreform, Neue Mystik usw.) des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert bisweilen vergessen. „Okkultismus und Avantgarde“ besitzt den Umfang eines Werkes, welches diese Lücke im kulturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Kanon zumindest anzudeuten im Stande ist. Die erwähnten Verbindungen von Okkultismus und künstlerischer Avantgarde sind allzu vielfältig und tief greifend, als dass sie nur ein Werk abdecken könnte. Der Katalog kann aber als wichtige Referenz für weiterführende Arbeiten und Forschungen auf diesem Gebiet dienen.

Auch wenn die postmoderne Kunst dem Reflex der klassischen Moderne, die Ursachen künstlerischer Potenziale entdecken zu wollen, nicht mehr in dem Maße zu folgen scheint, gibt es doch bis heute vereinzelte Überlegungen dieser „geistigen Haltung“, wie es Teio Meedendorp (in: Der Okkultismus als praktische Wissenschaft: Der Archeometer, in: „Okkultismus und Avantgarde“) bezeichnet, zuteil zu werden. Von Zeit zu Zeit schließen sich daher Künstler zusammen, die sich der Erforschung des künstlerischen Ausdrucks verschrieben haben (z.B. der Kunstorden O.T.R.D.).

„Okkultismus und Avantgarde“ beinhaltet neben Fachtexten und Essays auch zahlreiche Farbabbildungen der Kunstwerke, die in der Ausstellung gezeigt wurden. Verblüffend wirkte vor allem der Umstand auf mich, dass Künstler, deren Werke nie den Anschein zulassen würden, dass sie spirituelle oder okkulte Ideen inspiriert haben könnten, in einem Atemzug mit Vertretern der „spirituellen Kunst“ wie Rudolf Steiner oder August Strindberg genannt werden.

_Die „Bibel“ des modernen Okkultismus!_

http://www.tertium.de/

Ulrich Beck – Entgrenzung und Entscheidung. Was ist neu an der Theorie reflexiver Modernisierung?

Schonungslos, kritisch, erleuchtend!

Etwas Neues kann nur entdecken, wer Grenzen kreuzt oder verlässt – wer quer denkt und an den Grenzen entlang denkt. Gerade ein Grenzwissenschaftler sollte sich nicht vor Modernitätskonzepten und aktuellen Meinungen verschließen. Doch wo finden wir Überlegungen zu relevanten Modernitätskonzepten? Wo können wir Theorien der Grenzen entdecken? Die Antwort ist klar: in diesem Buch.

Ulrich Beck – Entgrenzung und Entscheidung. Was ist neu an der Theorie reflexiver Modernisierung? weiterlesen

Peter Bürger – Theorie der Avantgarde

Die Theorie der Avantgarde als Meilenstein einer kritischen Literaturwissenschaft

Ist die Kunst nun losgelöst von gesellschaftlicher Praxis oder ist sie gerade in dem Spannungsfeld von Zweck und Zweckfreiheit zu finden? Ist sie selbstständig gegenüber kunstexternen Verwendungsansprüchen, wie es Habermas formulierte, oder muss sie in der Lebenspraxis aufgehen? Dieses zuletzt genannte Aufgehen im unmittelbaren Lebensumfeld forderte die historische Avantgarde; Letztere ist aber auch Peter Bürgers Untersuchungsgegenstand, den er in seinem bahnbrechenden Buch „Theorie der Avantgarde“ abhandelt.

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Evers, Michael / Moritzen, Reinhart – Mysterium am Ende der Moderne, Das. Schriften zur Verteidigung der Kunst. No. I-XX

_Spirituelle Aufklärung und Kunsttransformation_

„Im Großen gesehen kommt es darauf an, zwischen westlicher Aufklärung und Metaphysik die Synthese zu finden, also den Begriff der Aufklärung spirituell zu verstehen – was er tatsächlich ursprünglich war, bevor er materialistisch reduziert wurde.“ (Michael Evers)

Ist schon ein spannender Ansatz, den Michael Evers in seinem Aufsatz „An der Wellenfront: Neoplatonischer Idealismus und Alchemie“ vorstellt; zumal es recht wenige aktuelle Schriften über Kunst und ihre spirituellen Wurzeln gibt. Für Evers kann eine ästhetische Betrachtung westlich-europäischer Kunst ohne eine Bezugnahme auf die hermetische Philosophie, den Neuplatonismus und den Spiritualismus nicht stattfinden. Glaubt man Evers, sei eine kunsthistorische und kunsttheoretische Betrachtung, welche derartige Bezüge ausklammert, nur ein unvollständiger Abriss.

Neben einem absolut-idealistischen Agens, den Evers in der wahren Kunst erkennen will, stellt er durchaus auch konstruktive Überlegungen zu einer neuen spirituellen Kunst an. Für ihn besteht kein Zweifel, dass es an der Zeit ist, nicht nur reflektierte Rückbesinnungsarbeit zu leisten, sondern Kunst auch in einem organisch-ganzheitlichen Gestaltungsprozess zu begreifen. Ganzheitlich bedeutet für Evers, dass an dem Prozess des Kunstschaffens gleichsam emotionale und kognitive Anteile beteiligt sind. Dem Künstler müsse dies bewusst werden, damit eine transformatorische Synthese und spirituelle Kunstidentität entstehen könne.

Evers Aufsatz bewegt sich gekonnt an den Wurzeln spiritueller Philosophien, übt Kritik an einer philosophiearmen Kunst und vermag interessante Dimensionen abendländischer Kulturgeschichte aufzuzeigen; etwa dann, wenn Evers die Aufklärung als im Kern spirituell beschreibt.

Michael Evers erhält lyrische Rückendeckung von Reinhart Moritzen, der mit seinem Beitrag „Europa und ihr Kind“ den Band „Das Mysterium am Ende der Moderne“ vervollständigt.

Evers Aufsatz und Moritzens Lyrik sind in der Reihe „Schriften zur Verteidigung der Kunst“ in der |AQUINarte Presse| Kassel erschienen. Die Reihe befasst sich literarisch und kunsttheoretisch mit dem Phänomen der Moderne und ihrer spirituellen Einflüsse. Die Frage nach alchemistischen Einflüssen auf die europäische Kunst ist ein Schwerpunktthema. Die Bände beinhalten jeweils einen theoretischen Aufsatz und einen lyrischen Beitrag.

http://www.aquinarte.de/

Braun, Bernhard – Feuer des Eros, Das

_Ein ganzes Universum der Liebe_

Der Eros, heute zu einem kitschigen Abbild eines kleinen Engels mit Pfeil und Bogen verkommen, kann während des Lesens von Bernhard Brauns Buch „Das Feuer des Eros“ im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Erleuchtung führen. Ein ganzes „Universum des Eros“ eröffnet sich bei der Lektüre dieses Buches.

Ich habe selten ein Buch gelesen, das auf solch grandiose Art und Weise Philosophie und essayistisch-lebensweltliche Beschreibung zu verbinden weiß. Braun gelingt es, in prosaischer, ungetrübter Sprache Mythos und Logos zu versöhnen. Er spart auch nicht mit polarisierten Vergleichen zwischen dem „asozialen Herumlümmeln vor dem TV-Gerät“ und den Lobreden bei einem gepflegten Becher Wein – Braun bringt es auf den Punkt!

Er zeichnet die Reden in Platons Symposion nach, um sich der mythologischen, mystischen und philosophischen Idee des Eros zu nähern. Sehr reizvoll ist der Sachverhalt, dass Braun den antiken Eros als spiritualistischen und mystischen Prozess beschreibt: der des Zum-Menschen-Kommen Gottes und des Gottwerdens des Menschen.

Der Eros kann nach Braun als Schnittstelle zwischen den olympischen Aspekten des Gottes in der menschlichen Seele und der materiellen Welt betrachtet werden. Eros verbinde die Einzelseele mit der Weltseele und die Gottheit mit dem Menschen.

„Das Feuer des Eros“ trägt den Untertitel „Platon zur Einführung“, was nicht übertrieben ist. Neben Brauns Beschreibungen des Eros werden Platons Ideen, seine Philosophie und sein literarischer Stil vorgestellt, und – im Gegensatz zu vielen anderen Büchern über Platon – verständlich gemacht.

Das Buch ist ein echter Geheimtipp! Ich habe es in einem der hinteren Regale einer Bibliothek gefunden. Dort stand es, leider etwas abseits der vielen Standardwerke. Man müsste es ganz nach vorne holen, zu den Werken, die Klassiker genannt werden. Dieses Buch schafft es nämlich, die (versiegelten) Türen des akademischen Elfenbeinturms zu öffnen und dem Laien, wie der Philosoph „die Anderen“ bezeichnet, einen Zugang zur Philosophie aufzuzeigen.

Irtenkauf, Dominik – Subkultur und Subversion. Wanderer zwischen Zeichen, Zeiten und Zeilen

_Die Grenzkünstler haben schon begonnen, sich zu versammeln._

Es war im Jahr 2003. Dominik Irtenkauf veröffentliche eine kleine, aber feine Schrift über die Subkultur. Die Schrift war schnell vergriffen! Irtenkaufs Thesen schwingen aber bis heute über einer Szene, die sich längst nicht mehr in dem Maße der Eigenreflexion bedient, wie dies vielleicht früher einmal der Fall war. Daher: ein Rückblick auf „Subkultur und Subversion“.

„Die Grenzkünstler haben schon begonnen, sich zu versammeln.“ Derartige Offenbarungen begegneten dem Leser des 2003 erschienenen Essays von Dominik Irtenkauf. Irtenkauf, selbst Grenzkünstler und Ausnahmeliterat, war bereits in einigen subkulturellen Magazinen (AHA, Ikonen, subKULTur.com) und in der Literaturwerkstatt im Rahmen des WGT auffällig geworden. Er lieferte mit seinem Werk „Subkultur und Subversion. Wanderer zwischen Zeichen, Zeiten und Zeilen“ eine auf eigenen Erfahrungen basierende Beschreibung des Phänomens von Subkulturen ab. Dabei verzichtete er laut eigenem Bekunden auf überkanditelte Wissenschaftsdefinitionen, sondern bezog sich direkt auf die Aussagen von „Szenegängern“.

Wo aber findet man die Personen, die (reflexiv) über ihre Subkultur berichten? Irtenkauf „hatte sich seit vielen Jahren in der so genannten Subkultur herumgetrieben, sich in modrigen Kellern getroffen“; er ist selbst „durch sämtliche Szeneclubs im ganzen Land getingelt“. Trotz dieses persönlichen Bezugs wird an keiner Stelle deutlich, welche Szenen oder Subkulturen Irtenkauf meint. Es werden gerade keine plakativen Insider-Typologien, selbstdarstellerische Bekenntnisse oder pubertären Phantasien zitiert. Vielmehr begreift der Autor die subkulturellen Ausprägungen von Szenen als Chance, verborgene kulturelle Potenziale zu entfesseln.

Ein wirklich gelungenes Werk. Und, bei aller Lobpreisung, vielleicht entscheidet sich der |Crago|-Verlag doch für eine 2. Auflage!

Irtenkauf, Dominik – Teufel in der Tasche, Der. Ein Reisebegleiter in seine Welt

Nicht nur die Wege des Herrn sind unergründlich … auch eine Reise in die literarischen Welten des Teufels, wie sie Dominik Irtenkauf in seinem Reisebegleiter versucht, dem Leser näher zu bringen, scheint Verwirrung stiften zu können. Das Buch ist eine Mischung aus Sachtext und fiktiver Prosa. Ein Lesebuch, das die Textformen derart mischt, dass man sich beim Lesen häufiger fragt: „Ist das jetzt wirklich passiert oder nur Fiktion?“ Ein herrliches Wirrsal!

Der Teufel selbst kommt auch zu Wort, gegen Ende des Buches offenbart er die Autorschaft eines kleinen Aufsatzes über seine teuflische Telephonie. Er betont, dass alles, was die Menschen über ihn geschrieben haben (Irtenkauf führt einen wahren Werkkanon des Teufels an: Namen wie Dvorak, Freud, Baudelaire, LaVey, Byron usw. dürfen da nicht fehlen), doch nur unzureichende Beschreibungen dessen waren, was er wirklich sei. In Irtenkaufs Buch wird in der Tat ein facettenreiches Bild des Teufels gezeichnet: Mal ist er der kleine Kinimod, mal der galante Musketier, dann wieder ein Neurotiker, der seiner Mutter Briefe schreibt. Das vielfältige Bild des Teufels wird durch die Figuren deutlich, seine nichtduale Verkörperung, die Irtenkauf betont, allerdings nicht immer. Dies kritisiert des Teufels Mutter selbst: Ihr geliebter Sohn suche zwar, die Dualität aufzulösen, denke aber selbst in dualen Schablonen.

Ich will nicht kleinlich erscheinen, aber Irtenkauf versieht den Teufel mit einem maskulinen Gestus, und dies obgleich er ihn inhaltlich zwiegespaltenen Geschlechtes einführt. Die besagte Mutter räumt mit dieser kleinen Unzulänglichkeit zwar auf („Ohne uns Frauen seid ihr nur halb so viel wert.“), das Bild, welches die unterschiedlichen Texte jedoch hinterlassen, ist zu stark geprägt von einer Reduzierung des Weiblichen auf Äußerlichkeit und mangelnde Rhetorik. (Und dies, obgleich das Buch Eva, dem Prototyp der Frau, gewidmet wurde.) Der Einsatz der weiblichen Figuren bestärkt diese Behauptung: Die Frau tritt größtenteils als Hure, Mutter oder schutzbedürftiges Fräulein auf.

Hiervon einmal abgesehen, stellt „Der Teufel in der Tasche“ ein empfehlenswertes Lesebuch zum Kulturphänomen des Teufels dar. Irtenkauf gelingt es mit seiner ganz persönlichen Art und Weise, einem Thema, wie es umfassender nicht sein könnte, eine literarisch spannende Plattform zu verschaffen.

Den Leser erwarten: die Erzählung „Aus Satans Retorte“, der herausragende Essay und Selbstbekenntnis des Autors „Was ich vom Teufel halte?“, die Erzählung „Der Teufel steckt im Punkt!“, ein Adressbuch des Teufels, welches im Vergleich zu den anderen Texten inhaltlich und formal etwas hinterherhinkt, sowie der Briefzyklus „Briefe an meine Mutter“, eine sehr gelungene Anklage des Teufels gegen festgefahrenes Denken, gegen Dualismus und Stagnation. Nichts und niemand kommt ungeschoren davon – ein Rundumschlag, wie wir es vom Teufel ja gewohnt sind.

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