Alle Beiträge von Alexander Graeff

Auster, Paul – Mann im Dunkel

Dies ist keine Buchbesprechung, sondern eine Huldigung. Wem das missfällt, der sollte sofort die Lektüre einstellen. Wer die nicht existente, durch äußeren Anstrich verdeckte Grenze zwischen Literatur und Kult nicht erkennt oder einfach eine andere Art der Literaturkritik erwartet, muss unabwendbar enttäuscht werden. Dies ist ein Tanz auf dieser Grenze.

Wir huldigen keinem Schöpfer, auch wenn ich innerlich mit mir streite, es vielleicht doch zu tun. Auch wollen wir kein Buch ins Zentrum unseres Kultes erheben. Stattdessen soll einer Idee, einem Thema gehuldigt werden. Das mag recht absichtsvoll klingen, doch fällt es mir schwer, einen passenden Begriff für das Sujet zu finden, das wir hier verehren wollen. Fest steht, dass unser Sujet das Thema von Paul Austers neuem Buch „Mann im Dunkel“ ist. Es ist ein rätselhaftes Buch, vielleicht Austers rätselhaftestes. Austers Thema entbehrt eben eines eindeutigen Begriffes. Ich kann nicht benennen, ich muss beschreiben:

Ein alter Mann erinnert sich, macht sich Gedanken über sein Leben, seine Familie und seine Fehler. Er versetzt sich an besondere Orte innerhalb seiner Gedanken, die allesamt von demselben Zustand berichten: von der Zerrissenheit zwischen Welt und Selbst. Hier haben wir unser Sujet.

In eben diesem Gedankenspiel entstehen unterschiedliche Parallelwelten: Die „wunderliche Welt“, die ganz Poesie ist. Die „große kaputte Welt“, in die es gilt hinauszuziehen, um zu entdecken, „wie es sich anfühlt, ein Teil ihrer Geschichte zu sein.“ (S. 212). Und dann die „unsichtbare Welt“, die scheinbar nicht existiert und doch schmerzhaft ihre Spuren im Leben hinterlässt. Alle diese Welten werden in der Zerrissenheit des Subjektes erst deutlich, die Weltgeschichte verläuft keinesfalls parallel, sie verändert sich je nach Erinnerung, Einbildung und Gedanke. Gewiss gibt es eine kollektive Instanz, ein Alltagsmuster, das rügt und mahnt, dass es nur eine kollektive Geschichte gäbe. Das erfährt auch Austers Mann im Dunkel, doch kollektive Instanzen können sich irren, und dann fügt sich am Ende doch alles zusammen: Subjekt wird Welt und Welt wird Subjekt. „Das Reale und die Einbildungen sind eins.“ (S. 216)

Paul Austers „Mann im Dunkel“ beschreibt keine herkömmlichen Reflexionen eines Menschen im letzten Lebensabschnitt. Es geht um mehr. Um Möglichkeitsräume, um Realitätsmodelle und die huldigungswürdige Idee, dass sich der Mensch von Alltagsmustern befreien kann, um nicht wie Austers Romanfiguren Brick und Flora „in ihrem ehelichen Nichts“ (S. 120) nur dahinzutreiben, um das „kleine Leben“ eines Menschen zu leben, der dem Irrtum auferlegen ist, „dass es nur diese eine Welt gibt und das alltägliche Einerlei“ (S. 120). „Mann im Dunkel“ ist auch ein nachdenkliches Buch. Ein poetisches. Und in eben dieser Poesie, die beschreibt, nicht benennt (keinen exakten Begriff findet), legt Auster seine Geschichte an, lässt den Mann im Dunkel wachliegen, nachdenken, erinnern und resümierend erkennen: „Gedanken sind real, selbst Gedanken an nicht reale Dinge.“ (S. 216) Und dem wollen wir huldigen.

|Originaltitel: The Man in the Dark
Deutsch von Werner Schmitz
219 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-498-00080-6|
http://www.rowohlt.de

Mace, Stephen / Irminsul, Tula von / Cid, LaCasa del – Denn Orpheus ist\’s: Okkultismus – Kunst – Ars vivendi

Das im |Bohmeier|-Verlag Leipzig erschienene Buch „Denn Orpheus ist’s“ von Stephen Mace und Tula von Irminsul widmet sich einem mittlerweile zum Zeitgeist gewordenen Thema. Die Autoren wagen sich an die Grenze ihrer eigenen Grenzwissenschaften, an die Grenze der Magie: Sie zeigen, wie eng ihre Erlebnisse in manch ritueller und magischer Arbeit mit der ästhetischen Erfahrung einerseits und künstlerischen Ausdrucksformen andererseits verwandt sind. Die Herausstellung dieser Verwandtschaft ist die individuelle Leistung der Autoren; dem Zeitgeist entspricht das Thema des Buches vor allem deshalb, weil nach jahrelangem Zähneknirschen und Stirnrunzeln seitens vieler Wissenschaftler und Künstler der Wert esoterischer und okkulter Theorien, Weltbilder und Praxen dieser Tage erkannt worden ist. Zahlreiche Ausstellungen über die Rolle des Okkulten in der Kunst der letzten Jahre bestätigen diesen Zeitgeist (z. B. die Ausstellung „Spuren des Geistigen“ im Haus der Kunst in München).

Der amerikanische Autor und Okkultist Stephen Mace ist für seine modernen Auffassungen über Magie bekannt. Er hält nicht an dogmatischen Objektivierungsphantasien fest, wie nicht wenige esoterische Autoren dieser Tage. Mace geht es keinesfalls um das vormoderne Diktum der Magie, keine persönlichen Änderungen an Tradition und Funktion der okkulten Übungen vornehmen zu dürfen; ihm geht es allein um Kreativität, Subjektivität und Effektivität! Das mutet mitunter etwas technisch an, ist wohl aber der moderne Ansatz eines oftmals als rückständig bezeichneten Arbeitsfeldes.

Hinter dem Pseudonym Tula von Irminsul verbirgt sich eine Berliner Künstlerin, die aus magischen Bewusstseinszuständen heraus ihre Bilder malt. Sie zeigt, zusammen mit Maces Magieansätzen, dass Kunst und Magie nicht nur eng miteinander verwandt sind, sondern durchaus gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen. So bringen die Autoren etwa die ewige Frage der Magier, die immer auch schon die ewige Frage der Künstler gewesen ist, so auf den Punkt: |“Alle, die sich mit Magie [und Kunst] befassen, legen letztlich mit ihrem gesamten Leben Zeugnis darüber ab, […] ob Magie [und Kunst] gelebt werden kann, ob man in allen Welten ein lebendiger und ganzer Mensch sein kann und ob man sein Leben nach eigenem Wunsch erfüllt und gelungen gestalten kann …“| (S. 143)

„Denn Orpheus ist’s“ ist ein sehr frisches und anregendes Buch. Die magischen Erlebnisse, von denen Irminsul und Mace berichten, lesen sich fast wie spannende Erzählungen; die Autoren streuen eher beiläufig ihr profundes Wissen über Magie, Mystik und heidnische Traditionen ein, was sehr angenehm ist, und sie wissen auch zu inspirieren. Verstärkt wird diese Absicht durch eine CD, die der Musiker LaCasa del Cid zum Buch beisteuerte. Die ungewöhnlichen (mal heiteren, mal finsteren) New-Age-Klänge versetzen den Leser an vielen Stellen in eine Art Trance, in der die Zeilen im Buch beginnen, zur Musik von LaCasa del Cid zu tanzen. Unbedingter Tipp: Musik und Buch gleichzeitig genießen.

Mich hat das Buch sehr inspiriert. Allerdings muss ich gestehen, dass ich das Phänomen von der anderen Seite angegangen wäre: Die Magie hat längst gezeigt, dass sie Grenzen zu anderen Praxen überschreiten kann und will, die Kunst – die hierfür ebenso prädestiniert ist – scheint mir dieser Tage aber vorrangig an der Reihe zu sein, (neue) Grenzen zu überschreiten. Die wenigen bekannten Experimente vor allem der Performancekunst reichen meines Erachtens nämlich nicht aus, die Gemeinsamkeiten von Magie und Kunst für ein breites Publikum verständlich zu machen. Das (Kunst-)Paradigma, welches vonnöten wäre, muss ein, und da stimme ich Stephen Mace zu, „transkulturelles Zeitalter“ (S. 36) sein, in dem der Stellenwert subjektiver Wirkung von Kunst vor scheinbar objektiven Kriterien der Künste steht.

Irminsul und Mace haben diese These aus ihren eigenen okkulten Erlebnissen gewinnen können; schade nur, dass das Buch, so intensiv und frisch es das Thema Magie beleuchtet, den Blick auf die produktionsästhetische Seite der Kunst weitestgehend ausspart. So erfährt man viel über Irminsuls Magie, ihre bildende Kunst bleibt aber leer (und dies, obwohl sich Mace in einem Kapitel um eine Interpretation der Irminsulschen Bilder bemüht). Man kann Irminsul und Mace aber zugute halten, dass es ihnen ja gerade um die ästhetische Wirkung ihrer magischen Rituale geht, doch müssen sich die okkulten Künstler eines wie hier beschworenen Zeitalters auch Gedanken über die Fragen der Produktion ihrer Werke machen; und diese Fragen haben mehr mit Ästhetik zu tun als die Fragen nach der Wirkung von Kunst.

|288 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-89094-548-4|
http://www.bohmeierverlag.de
http://www.magick-pur.de

Gößling, Andreas – Freimaurer, Die. Weltverschwörer oder Menschenfreunde?

Andreas Gößling stellt sich eine altbekannte Frage: „Die Freimaurer, Menschfreunde oder Weltverschwörer?“ Den gleichlautenden Titel seines 2007 erschienenen Buches über die Freimaurerei könnte man für müßig halten. Zu oft haben uns Autoren unterschiedlicher Couleur mit ihren x-fachen Abhandlungen über Freimaurerei gelangweilt. Gößling scheint auf den ersten Blick mit seinem plakativen Titel genau hier anzuknüpfen, er beackert ein vorbelastetes Feld. Doch seine Ausführungen stechen aus der Masse einschlägiger Literatur zum Thema heraus – inhaltlich und stilistisch. Gößling arbeitet akribisch, historisch genau und bedient sich einer gleichsam verständlichen und anspruchsvollen Sprache. Die flüssige Prosa verhindert, dass man sein Buch mit dem polarisierenden Titel gelangweilt zur Seite legt.

Gößling macht kein zusätzliches Geheimnis um freimaurerische Termini, er erläutert sie – und das ist hervorhebenswert – in ihrer modernen und ursprünglichen Bedeutung. Die Ambivalenz zwischen den freimaurerischen Wurzeln, etwa den antiken Mysterienkulten, und der seit der Aufklärung um- und neugedeuteten Symbole der Freimaurerei gehört zu Gößlings Schwerpunkten. Bezeichnend hierfür sind seine Thesen:

(1) Die moderne, „symbolische“ Freimaurerei basiert auf einer „humanistischen Umdeutung“ archaischer Symbole. Das „Mysterium“ der Freimaurer ist der Prozess kultureller Überführung von synkretistisch-okkulten Lehren in die Moderne.

(2) Die aktuelle Freimaurerei besteht aus Überbleibseln archaischer Männerbünde, die z. B. auf den Mithras-Kult oder die Mysterien der Isis zurückgehen. Magie und Mystik spielten in diesen archaischen Bünden stets eine große Rolle. Der Kerngedanke der bis in die Moderne gelangten Weiterentwicklungen dieser Bünde ist, trotz der aufklärerischen Einflüsse, von magisch-mystischen Denkfiguren geprägt. Die Betonung der Freimaurerei auf ethisch-humanistische Werte ist kein Widerspruch zu magischen Weltbildern. Nur vordergründig schließen Aufklärung und Humanismus den Bezug auf Emotionales, Numinoses und Okkultes aus. Vielleicht zeigt sogar die Versöhnung von Magie und Ratio am Beispiel der Freimaurerei, dass es den magischen Theorien unserer Vorfahren im Kern auch um ethische Fragen ging (die Alchemie bezeugt diese These); oder sie zeigt, dass das Weltbild der Aufklärung auch die okkulten Aspekte von Welt und Selbst zu integrieren vermag.

(3) Gößling bezeichnet nicht ganz frei von Ironie den Freimaurerorden als „Geheimbund ohne Geheimnis“. Das maurerische Geheimnis ist laut Mythologie bekanntermaßen verlorengegangen. Aber im Kollektiv der Brüder kann es erneuert werden; das soziale Gefüge bringt es – angepasst an Zeit und Kontext – beständig neu hervor. Somit ist es kein normatives Geheimnis, ja eigentlich auch keine „teilbare Erkenntnis“, denn es „lebt“ erst in jedem Einzelnen.

Wohl aber besitzt es einen archetypischen, exemplarischen Kern: die Tatsache, dass es in der Geschichte als „Geheimnis“ bezeichnet wurde. Und Kennenlernen kann es logischerweise nur, wer am Kollektiv der Freimaurer partizipiert. Das „verlorene Meisterwort“ – das subjektive Geheimnis – dient als Hülse facettenreichster Deutung; das macht auch Gößling deutlich, wenn er die wesentlichen Unterschiede zwischen Johannismaurerei, schottischer Hochgradmaurerei, französischer Co-Maurerei und anderen zum Teil nationalen Formen des Ordens anführt.

Gößling referiert spannungsreich das überlieferte Wissen der Freimaurer; er nimmt den Leser mit auf 16 Reisen durch die Mythologie und Geschichte des Ordens. Dabei scheint er sich am Einweihungsweg der Brüder selbst zu orientieren. Vom Lehrlingsgrad über den des Gesellen bis hin zum Meistergrad führt er in die ambivalente Symbolik und Ritualistik der Freimaurerei ein. Der Autor tut dies kritisch und scheut sich nicht, auch exakte Anleitungen wie zum Beispiel Vereidigungstexte aus den Initiationsritualen zu zitieren.

Gößling ist an zeitgemäßer Deutung der Freimaurergeschichte interessiert. Er streift mit seinen Thesen aktuelle Fragestellungen der internationalen Esoterikforschung. So zeigte beispielsweise auch Kocku von Stuckrad, dass okkulte und esoterische Weltbilder seit dem Mittelalter das soziale Phänomen, das wir „Moderne“ nennen, mit hervorgebracht haben.

Gößlings „Die Freimaurer. Weltverschwörer oder Menschenfreunde?“ ist ein spannend geschriebenes Buch, das mehr als einen flüchtigen Einblick in die Geschichte der Freimaurerei bieten kann. Das Buch bleibt nicht bei der Geschichte stehen, sondern thematisiert letztlich auch die Probleme und Grenzen eines auf archaischen Wurzeln ruhenden sozialen Gefüges in einer individualistischen und rationalistischen Zeit.

http://www.andreas-goessling.de
http://www.droemer-knaur.de

_Andreas Gößling auf |Buchwurm.info|:_
[„Faust der Magier“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3904

Kümmel, Anja – weiße Korsett, Das

In der klassischen Gothic Novel werden Geistergeschichten erzählt. Der Verlauf ist einfach, zumeist tragen sich an geheimnisumwitterten Orten unfassbare Ereignisse zu: der Poltergeist im Gemäuer, die weiße Frau im Garten oder das Gespenst im Schrank.

Anja Kümmels Buch handelt von einer jungen Ausländerin in Amerika. Kein einfacher Verlauf: abgebrochenes Studium, notorischer Geldmangel, unstetes Leben und mancher Ausflug in die subkulturelle Musikszene der Stadt. Doch damit nicht genug. Überdies wird die Protagonistin von einer mysteriösen Erscheinung heimgesucht. Ein Alp, der ihrer eigenen Vergangenheit entsprungen scheint, an die sie sich nur bruchstückhaft erinnern kann.

„Das weiße Korsett“ ist eine moderne Gothic Novel. Hier lebt die Protagonistin im Schrank, nicht der Geist; und doch knüpft Anja Kümmel – klischeefrei – bei den Geisternovellen des 19. Jahrhunderts an: „Dabei hätte ich es wissen müssen – körperlose Seelen fristen zumeist nur ein begrenztes Erdendasein, bevor sie verblassen …“ (S. 203). Sprache und Stilistik sind aber die eines zeitgenössischen Romans.

Anja Kümmel versteht es, dem Leser die Geheimnisse, die eine geisterhafte Erscheinung wohl unweigerlich umranken (heute wie im 19. Jahrhundert), portionsweise zu verabreichen. Die Gedanken und Erinnerungen der Protagonistin bauen spannend aufeinander auf, eine Andeutung verschachtelt sich in der nächsten; so entsteht ein fast abstrakt anmutender Handlungsstrang.

Leider nicht immer plattitüdenfrei beschreibt Anja Kümmel das von Orientierung und Abgrenzung geprägte junge Leben der Protagonistin. Der Gebrauch szenetypischer Kodierung, welche die Autorin einsetzt, steht der intelligent-abstrakten Handlung und der originellen Beschreibung des Geistes hier und da im Wege. Am Ende des Buches wird aber deutlich, warum Anja Kümmel manche Gothic-Szenefloskel verwendet: Sie stellt auf der Metaebene den selbst gewählten Entwicklungsweg durch eine ambivalente Jugendkultur in Frage. „Auch hier sind es die Ideen, Auswüchse der Fantasien von Kindern, die sich langweilen – Kinder, die vergessen haben, dass sie längst erwachsen sind – …“ (S. 205). Die Protagonistin reift an ihrer Erinnerung, an einer unglaublichen Begegnung genauso wie an der Verarbeitung eines „sehr realen“ Geheimnisses.

http://www.teamofdestruction.de/

Wilson, Robert Anton – Cosmic Trigger 3: Mein Leben nach dem Tod

Am 11. Januar dieses Jahres starb Robert Anton Wilson, bekannt für seine anarchistische und verquere Literatur. Just ist nun die deutsche Übersetzung von Wilsons \“Cosmic Trigger 3\“ erschienen, und just trägt das Buch den Untertitel \“Mein Leben nach dem Tod\“. Das ist doch mal eine interessante Synchronizität!

\“Cosmic Trigger 3\“ erschien in Originalsprache im Jahr 1995. Das Buch ist anders als die übrigen Werke Wilsons. Es ist – trotz Wilsons unverkennbaren Zynismus\‘ – ein nachdenkliches Buch. 1994 starb Wilsons Freund und Kollege Robert Shea an Krebs. (Zur Erinnerung: Mit Shea schrieb Wilson die \“Illuminatus!\“-Trilogie, mit der beide Schriftsteller bekannt wurden.) Wilson schreibt nun in \“Cosmic Trigger 3\“ über den Tod seines Freundes, und über seinen eigenen. Angeblich, so hieß es in einem der zahlreichen \“Weltverschwörungsforen\“ im Internet, sei Wilson 1995 verstorben. Verblüfft über den eigenen Tod, nimmt sich Wilson dieses Gerücht zum Anlass, über seinen eigenen Tod zu schreiben. Im Sinne seiner eigenen Weltbildentwürfe schließt Wilson letztlich nicht völlig aus, dass er sich über seinen eigenen Tod nicht auch von einem Gerücht eines Besseren belehren lassen könnte. Es folgt die typisch Wilson\’sche Bearbeitung: Generierung und Vermischung von Fakt und Fiktion – Guerilla-Ontologie eben.

Synchronizität oder Zufall? Ganz gleich, wie man diese Verquickung bewertet, sie ist für das Werkverständnis nicht uninteressant, denn sie ermöglicht einen zusätzlichen Zugang zu Wilsons nicht immer einfacher Schreibweise. \“Cosmic Trigger 3\“ thematisiert diesmal die Erzeugung subjektiver Realität und ihre \“Ontologisierung\“ in der objektiven Welt auf eine besondere Art und Weise. Wilsons Bezugssystem, aus dem er seine Anekdoten und Beispiele herleitet, ist die \“Welt des schönen Scheins\“, wie es Schiller nannte, die Kunst.

Nach sechsunddreißig praktischen Kapiteln folgt ein theoretisches: Wilson \“erlöst\“ den Leser von der geballten Fülle seiner konkreten Beispiele und schreibt vom allgemein philosophischen Prinzip besagter Realitätserzeugung durch \“ästhetische Masken\“. Es geht um die künstlerische Inszenierung von Welt, mit der man es schaffen könne, \“echte\“ Realität zu erzeugen. Dieser Ansatz ist nun bei weitem nicht mehr so skurril wie manche Anekdote in \“Cosmic Trigger 3\“ auf den ersten Blick vermitteln mag, dieser Ansatz zeugt von der Möglichkeit eines ernsthaften In-Beziehung-Setzens von kulturell erzeugten Werken und agierendem Subjekt. Die künstlerischen \“Weisen der Welterzeugung\“, von denen Wilson spricht, erinnern stark an eine ästhetische Theorie, die zum Beispiel bei Nelson Goodman ihresgleichen findet.

\“Cosmic Trigger 3\“ ist anders. Es markiert eine besondere Phase in Wilsons Leben und Schreiben. Es bedient sich nicht außerordentlich ungewöhnlicher Sujets, besitzt doch aber innerhalb Wilsons Werk einen besonderen Stellenwert. Die deutsche Ausgabe von \“Cosmic Trigger 3: Mein Leben nach dem Tod\“ ist im |Phänomen|-Verlag erschienen. Das Buch selbst präsentiert sich als \“künstlerische Maske\“: Der Maler Tate Tränensohn hüllte es in eines seiner abstrakten Ölgemälde.

http://www.phaenomen-verlag.de/

Irtenkauf, Dominik – Worträtsel. Aufgabe in Mensch und Wort

Dominik Irtenkauf versteht es, den verheißungsvollen Untertitel, den sein zweites Buch trägt, mit Leben zu füllen. Seine Literatur ist aus zweierlei Gründen eine Alchemie: Zum einen transformiert sie Sprache, sodass sich die Worte beginnen zu krümmen und zu strecken und schließlich einen farbenfrohen Zoo lebendiger Literaturen ergeben, zum anderen geht es Irtenkauf um eine Erforschung der verborgenen Prägungen seiner Texte. Er kann selbst nicht mit Gewissheit sagen, ob er das, was nun verfasst vor ihm liegt, selbst vollständig entschlüsseln kann. Seine literarische Erforschung des Rätselhaften bleibt unabgeschlossen. Das ist ihm ein wichtiger Zug.

„Worträtsel. Aufgabe in Mensch und Wort“ ist ein unaufgeregtes Buch. Es wirkt nüchtern; es ist keinesfalls bockbeinig, wie Irtenkaufs Vorgänger [„Der Teufel in der Tasche“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2657 Die vielen Rätsel zwischen den Zeilen kommen völlig ohne subversiven Stachel aus, sie sind eher subtil, aber nicht trocken. Das offene Bekenntnis spricht Irtenkauf auf Novalis. Denn sein rätselhafter Weg führt nach Innen. „Meine ehrliche Absicht liegt in der Bewusstmachung der verschrobenen Wege im eigenen Kopf“, wie es im Nachwort heißt.

Irtenkauf spielt mit verträumter Anmut, keine Frage, doch begegnet sie dem Leser keineswegs in Form romantischer Trunkenheit. Die Erzählungen führen uns in wohlüberlegte Denkfiguren ein: in Erkenntnis- und Entwicklungswege und, wen wundert’s, in Rätsel, deren spürbare Verschlossenheit gerade den Reiz der erzählten Geschichten ausmachen.

Dominik Irtenkauf präsentiert mit „Worträtsel. Aufgabe in Mensch und Wort“ eine Sammlung unterschiedlicher Erzählungen: frühe Werke, aktuelle Werke, alles dabei. Wir erleben eine Expedition, fahren mit dem Taxi durch die nächtliche Stadt, besuchen den Zirkus und unternehmen Reisen in archaische Zeiten. Die Vielfalt ist Programm, das betrifft Form und Inhalt. Irtenkaufs Geschichten zeigen nicht zuletzt, dass der Literat von heute keine Schreibstubenkultur betreibt, sondern sich – wie Irtenkauf betont – mutig unserer komplexen Welt entgegenwirft, die Konfrontation nicht scheut und auch mit nüchternen Worten den Oberflächenbewohnern zu zeigen imstande ist, dass Dreidimensionalität im 21. Jahrhundert nicht aus der Mode gekommen ist.

_Aus dem Inhalt_

Byzantinischer Schlaf
Abziehbild eines Ausgangs
Kubbeln
Nur ein Flügel hat gestreift
Jenseitstraum
Rasender Schwund
Rabenwetter
Verunglückung
Nachwort: Rätsel in Wort und Mensch

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Fürch, Hardy – Von Mangos und anderen Früchten. Sex, Politik & die Essenz des Lebens

Als ich Houellebecqs „Elementarteilchen“ las, konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich die Welt der Protagonisten Bruno und Michel sympathisch oder abstoßend finden sollte. Der Mix aus libidogesteuerter Abhängigkeit und angepasster Bürgerlichkeit bestätigte mich in dem Gefühl des Unschlüssigseins. Dabei trifft die literarische Beschreibung einer nie wirklich aus der Mode gekommenen menschlichen Sinnsuche, die allen Versuchen zum Trotze nicht in den Projekten einer utopischen Technik aufzugehen scheint, den Geist der Zeit. Hardy Fürchs Roman „Von Mangos und anderen Früchten“ malt ein analoges Bild: Das Thema besitzt eine kollektive Dimension.

In Fürchs Roman leidet der Protagonist Zackowski an chronischer Sexualisierung seines gesamten Lebensumfeldes. Zackowski erschafft sich eine Welt basierend auf den Stereotypen einer von „männlicher Energie“ und „weiblichem Instinkt“ (S. 44) geprägten Vorstellung. Und er hat damit Erfolg – ganz im Gegensatz zu Houellebecqs Bruno. Fürch inszeniert die Handlung als ein Wechselspiel aus spiritueller Sinnsuche, unkontrollierbarer Sexsucht und latenter Abhängigkeit von den Vorzügen der bürgerlich-situierten Lebensstandards. Trotz Zackowskis Streifzügen in die Welt der Spiritualität sind es letztlich die Bastionen des Materialismus – Geld und Technik –, die Zackowski so etwas wie Sinn im Leben erfahren lassen.

Hardy Fürch ist es gelungen, einen eigensinnigen und spannenden Roman über das Leben eines zwiegespaltenen Zeitgenossen zu schreiben. Das Wechselspiel aus Sympathie und Antipathie erzeugt beim Leser eine ambivalente Verbundenheit mit dem Protagonisten. Man mag ihn nicht, aber man liest trotzdem weiter! Vielleicht versteckt sich hinter Zackowskis Leben ein kollektives Dasein, inklusive aller Abhängigkeiten von der postmodernen Welt der Technik und der, im krassen Gegensatz dazu, unterdrückten Triebnatur? Die entscheidenden Stationen auf Zackowskis Sinnsuche bauen fatalistisch aufeinander auf; umso bedauernswerter ist das für meinen Geschmack zu abrupte Ende des Romans.

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Palme, Oliver / Hillen, Boris / Nowak, Stefan (Hgg.) – Fotosynthesen. Anthologie

Im Frankfurter |Pahino|-Verlag ist eine Anthologie mit dem Titel „Fotosynthesen“ erschienen, die ein reizvolles Konzept aufzeigt: Anspruch war es, Text und Bild miteinander zu verbinden und ein Gesamtarrangement in Form eines Buches herauszugeben. Es wurden 18 literarische Reaktionen auf 18 Fotografien gesammelt, und versucht, einen Zusammenhang zwischen dem narrativen Element der Erzählungen und der Momentaufnahme des Fotos herzustellen. Die Anthologie folgt keinem zentralen Thema, die Erzählungen der beteiligen Autoren und Autorinnen kreisen um beliebig ausgewählte Fotos. Für die Sammlung schrieben u. a. Autoren wie Dietmar Dath, Buddy Giovinazzo und Feridun Zaimoglu.

Im Vorwort heißt es, dass die Bilder nicht als Illustrationen, also als Verzierung der Texte, und die Texte nicht als Kommentar zu den Bildern verstanden werden sollen. Dieser Anspruch konnte leider nur zum Teil eingelöst werden. Eine Text-Bild-Synthese beginnt meiner Meinung schon mit einem konzeptionalisierten Thema und sollte doch gerade Wert auf die Bildauswahl legen. Wenn dagegen nach dem Prinzip der Beliebigkeit gearbeitet wird, kann zwar eine gelungene Sammlung von Erzählungen entstehen, doch der Versuch, dass sich Bild und Text in einem Zusammenhang, als Synthese, vorstellen, kann nur durch eine einheitliche Basis als geglückt bezeichnet werden. Jeder Text in „Fotosynthesen“ würde – für sich genommen – auch ohne das zugehörige Foto funktionieren, doch ein einzeln betrachtetes Foto verliert seine Substanz, wenn das narrative Element genommen wird. Zurück bleiben beliebig ausgewählte Fotografien und meist Schnappschüsse. Der im Vorwort beschworene Zusammenhang zwischen Text und Bild wurde nur einseitig eingelöst: Das Gesamtarrangement ist nicht so gelungen wie angedacht.

Das Gefühl der Beliebigkeit wird nicht zuletzt auch durch die recht nervöse Gestaltung des Buches verstärkt. Die vorgefundenen Fotos, auf die es literarische Reaktionen gab, wurden bewusst zerfasert und ihre Teilausschnitte als Dekoelemente in den Textfluss eingefügt. Ein gestalterisches Konzept, welches die einheitliche Basis von Text-Bild-Synthesen enorm fördert, war mir nicht erkennbar.

Auch wenn die Fotografien neben den Texten keinen eigenständigen Raum erhalten, sind der Großteil der Erzählungen lesenswerte Beiträge. Die Vielfalt der Textformen und Inhalte ist in dieser Hinsicht ein Pluspunkt. Besonders zu empfehlen sind die Beiträge von Melanie Stumpf, Kathleen Weise, Markolf Hoffmann, Boris Hillen, Feridun Zaimoglu und Boris Koch.

„Fotosynthesen. Anthologie“ wurde herausgegeben von Boris Hillen, Stefan Novak und Oliver Palme. Mit Beiträgen von Dietmar Dath, Buddy Giovinazzo, Peter Glaser, Boris Hillen, Markolf Hoffmann, Sakura Ilgert, hci-krauskopf, Boris Koch, Mustang Lamar, Tobias O. Meißner, Mathias Mertens, Stefan Nowak, Frank Schuster, Melanie Stumpf, Jamal Tuschick, Kata W. Fonsen, Kathleen Weise und Feridun Zaimoglu.

http://www.pahino.de

Tränensohn, Tate – Babel, oh mein Babel. Und andere Geschichten

Tate Tränensohn alias Sebastian Gräff, der bisher mit abstrakter Malerei in Erscheinung getreten ist (siehe aktuelle Ausstellung im Nibelungen-Museum Worms), schreibt auch: Das Beste aus über sieben Jahren selbstreflexivem Schreiben ist jetzt im |Mischwesen Verlag München| erschienen. Das Buch mit dem programmatischen Titel „Babel, oh mein Babel“ ist eine Reise in die sehr persönliche und mitunter skurrile Welt des Autors. „Babel, oh mein Babel“ versammelt in erster Linie Gedichte, aber auch Erzählungen und einige Entwürfe für Bühnenstücke. Illustriert wurde das Buch von der Berliner Illustratorin und Malerin S. Beneš, die mit ihren nicht minder bizarren und irgendwie liebenswerten Zeichnungen, die ein wenig an Tim Burton erinnern, das Werk auch optisch zu etwas Besonderem machen.

Das Thema des Buches scheint einfach und wirft doch gleichsam eine komplizierte und elementare Menschheitsfrage auf. „Klebt das Leben an mir fest oder kann ich mich befreien?“ Das ist Tate Tränensohns Übersetzung dieses urmenschlichen Zerwürfnisses: Wem ist mehr zu trauen – dem luftigen Luzifer, der den Rechtsbewahrern dieser Erde sein unbarmherzigen „Non serviam!“ entgegenschmettert, oder dem Ahriman, der uns zurück auf den Boden der Tatsachen zieht, uns im Materiellen verhaftet sehen und jeden Höhenflug im Keim ersticken will? Tate Tränensohn stellt sich die Frage, ob der Mensch über sich hinauszukommen in der Lage ist. Dabei ist er selbst immer wieder Träger ambivalenter Rollen und Identitäten: einmal fliegender Gottkönig, dann wieder ein Gefangener des Lebens. Einmal jongliert er mit Planeten, ein anderes Mal ist er der depressive Madenmeister (allein im Namen steckt die Ambivalenz von Herrschen und Kriechen).

„Babel, oh mein Babel“ ist eine echte Chimäre. Auf den ersten Blick ein Kinderbuch; doch schnell revidiert man die voreilige Bewertung und könnte sagen: ein Fantasybuch. Aber auch das trifft es nicht vollends. Die klassischen Figuren der Fantasyliteratur – Vampire, Trolle & Co. – spielen zwar eine gewisse Rolle; wenn dieses Sujet jedoch derart dekonstruiert wird, wie in Tate Tränensohns Texten geschehen, ist die Bezeichnung unzureichend. Handelt es sich etwa um ein Tagebuch? Das trifft es, denn die Texte in „Babel, oh mein Babel“ sind durchweg in Worte geronnene Biographie. Die einzelnen Kapitel führen durch die Entwicklungsphasen des Autors: von den ersten Reimversuchen aus der Jugend über adoleszente Reflektionen bis hin zu gereifter Lyrik ist alles versammelt. Aber das Buch ist noch mehr. Es ist auch ein Hörbuch, denn Tate Tränensohns Lyrik ist Melodie und Rhythmus pur. Ein unbequemes, radikalromantisches Stampfen tausend kleiner Käferbeine, die wachrütteln und dem Leser einmal mehr zeigen, was aus einer Welt geworden ist, der eine Vernichtungs- und Verdummungsmaschinerie den Takt vorgibt, der Einzelne aber erkennen muss, wie schwer es ist, dagegen anzukämpfen. Wenn man der Melodie von „Babel, oh mein Babel“ also sorgfältig lauscht, wird man einen unterschwelligen Querrhythmus vernehmen können.

|Gedichtprobe

_Alethea_

Ich tauche lange Zeit, phantastische Visionen sehend, in tiefste Welten, in das Meer der Geister.
Weltenflucht von Euch genannt und dabei nichts dergleichen ahnend.
Doch dann dort, noch weiter unten, fliegend, schwebend, stets hinein,
treffe ich sie, mehrfach kostbar.
Sie, von größter Macht der Ketherwesen Weisheit angeleckt, geht mit mir das Gebo ein, wunderbar, von größter Pracht.
Alethea ist ihr Name, und ich nehme sie stets auf, mit in diese Welt,
vor der ich fliehe, voll von Hominidendreck.
Offenbarung, Prophezeiung, erkenntnisreiche Traumvisionen, bringe ich aus ander’n Reichen mit in diese eure Welt.
Ignoranz ist euer Wesen, dummer Vater, träge Mutter, eure Kinder heißen „Zukunftslos“ und „Faul“.
So sollt ihr hören stets auf Neues aus dem Haus der Wiedergötter,
freier Klang und Schrift der Freiheit, Ketten sollen sprengen.
Denn das „non“ vor dienen ist nicht allgemein gemeint, sondern nur der falschen Herren Sklavenfessel vorbehalten.
Kehrt hinein in eure Ebenen des Lebens, folgt dem Käfergeneral, und ihr werdet sehen, der Logos liegt in eurem Selbst.|

http://www.mischwesen-av.de/

Weinert, Simon – Drache regt sich, Der. Eine phantastische Erzählung

Der Meister des Gagaismus, wie Simon Weinert seine dadaistisch-skurrilen Streifzüge durch gleichermaßen Phantastik und Gesellschaftskritik selbst bezeichnet, legt mit „Der Drache regt sich“ eine „geile Fantasygeschichte“ (S. 81) vor. So können wir aus dem Buch erfahren, was die Studentin Golde und eine Familie im Venedigurlaub mit Fantasyliteratur zu tun haben. Weinert verknüpft nicht nur phantastische Elemente mit Sarkasmus und scharfer Kritik an der einen oder anderen Einrichtung unserer Informationsgesellschaft, sondern zieht konsequent die Facetten und Phrasen des Fantasygenres durch den Kakao. Alle müssen dran glauben: Black-Metal-Fans, potente Drachtöter, die sich Sexsklavinnen halten, Live-Rollenspieler, Handy-Zombies, abgestumpfte TV-Jünger und J. R. R. Tolkien.

Simon Weinert liefert mit seinem Buch aber keine hohle Abrechnung mit den rückwärtsgewandten und wirklichkeitsfremden Aspekten diverser Fantasy-Geschmacklosigkeiten, vielmehr gelingt es ihm mit seiner mitunter gewöhnungsbedürftigen Erzählform – eine, die zum Denken anregt und den Leser gerade nicht mit altbekannten und x-fach wiederholten Vampir-Drachen-Helden-Abziehbildern einlullt – zu zeigen, dass ein Drache mehr sein kann als ein „Phantasiewesen aus albernen Fantasyromanen“ (S. 55).

Man wird wirklich überrascht sein, etwa wenn Golde das sagenumwobene „schwarze Land“ in Bayern vermutet, die geheimnisvollen Hallen des heldenhaften Drachentöters in Venedig zu finden sind und der Drache, der menschlicher ist, als es dem Leser vielleicht lieb sein könnte, auf einer Ostseeinsel haust.

Simon Weinerts Buch „Der Drache regt sich“ ist aber auch deshalb ein gelungenes Werk, weil es in einem Verlag für phantastische Literatur erschienen ist! Die |Edition Medusenblut| bewegt sich in die richtige Richtung: Die notwendig gewordene Kritik am Fantasygenre wird durch intelligente Selbstironie nicht nur zugelassen, sondern scheint ein wichtiger Bestandteil des Verlagsprogramms zu sein. „Der Drache regt sich“ bereichert Boris Kochs |Edition Medusenblut| enorm, weil das Buch phantastische Literatur ist, die sich nicht auf kitschige Stereotype stürzt, sondern dabei hilft, Phantastik wieder als ernst zu nehmende Literaturform begreifen zu können.

http://www.medusenblut.de/

Timothy Leary – Info-Psychologie

Achtung, Science-Faction!

Sie haben richtig gelesen, es handelt sich bei „Info-Psychologie“ um ein Werk der Science-Faction – nicht der Science-Fiction. Worin der Unterschied besteht? Nun, streng genommen gibt es keinen, zumindest meint das Timothy Leary. Beide – Fakt und Fiktion – seien ganz im wittgensteinschen Sinne Konstrukte, die außerhalb ihres eigenen Theoriekorsetts nicht mehr als subjektive Spekulationen sind. Von daher macht es folglich auch keinen Unterschied aus, ob ein Autor von Flügen ins Weltall oder von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Gentechnik berichtet.

Timothy Leary – Info-Psychologie weiterlesen

Amarque, Tom – White Series: Die Evolution der Psyche

Was ist Psyche? Der Begriff ist alltagstauglich geworden und längst kein gepachteter Begriff der Psychologie mehr. Er steht für einen bestimmten Sachverhalt, der im täglichen und auch wissenschaftlichen Sprachgebrauch ansonsten mehr genannt wird als beschrieben oder erklärt. Was ist das also genau: Psyche? Wenn man versucht, über Psyche nachzudenken, begibt man sich sozusagen in einen selbstreferentiellen Prozess des Beobachtens und Reflektierens. Man fragt demnach nach dem, was man selbst besitzt oder selbst ist, oder?

„Psyche“ von Tom Amarque liefert eine Reihe interessanter Erklärungen zu dieser Art der Selbstbeobachtung; er zeigt auf, wie sich die menschliche Psyche in Bezug auf die Bio-, Sozio- und Nous-Sphäre hat entwickeln können. Dabei greift der Autor in erster Linie auf kybernetische, systemtheoretische und radikalkonstruktivistische Ansätze zahlreicher Wissenschaftler (z.B. Humberto R. Maturana und Ernst von Glasersfeld) zurück. Selten kam mir eine derart gelungene Verquickung besagter naturwissenschaftlicher Theorien mit den Ansätzen grenzwissenschaftlicher Autoren wie Ken Wilber oder Don Beck unter. Sprache und Theoriebildung erfolgen nicht, wie man erwarten könnte, im psychologischen Gestus, sondern in einer Synthese der verschiedenen wissenschaftlichen Ansätze. Obgleich aber der Entwicklungspsychologe Jean Piaget zu Wort kommt und auf seine Entwicklungsstadien des Kindes eingegangen wird, kommen für meinen Geschmack erziehungspsychologische und lerntheoretische Ansätze etwas zu kurz. Das Buch weist dennoch keine Lücken auf, hinsichtlich der Entwicklung des Menschen, die ja das Thema dieses Buches ist, hätten aber derartige Positionen bestimmt ihren Teil beisteuern können. Amarques Thesen sind von der radikalkonstruktivistischen Metabetrachtung gekennzeichnet, und diese findet sich in der modernen Erziehungswissenschaft ebenso wie in der Lerntheorie, wenn auch nicht in der radikalen Form eines Varelas oder Maturanas.

Amarques funktional-systemische Sprache eröffnet dem Leser eine strukturierte und systematisierte Leseführung, lässt allerdings bei klassisch geisteswissenschaftlicher Fragestellung wie der nach Liebe und Sinn noch einige Ungewissheiten zurück. Zu Beginn des Buches betont Amarque, dass das Paradigma, unter dem „Psyche“ verstanden werden will, ein kybernetisches sei. Auch wenn ich mir persönlich eine Ausweitung der philosophischen Tragweite vieler Begriffe gewünscht hätte, wird das Buch durch seine wissenschaftliche Sprache aber zu einem hervorragenden Nachschlagewerk, wenn man mal wieder rasch nachgucken muss, wie im konstruktiven Prozess Bewusstsein und Wirklichkeit erzeugt werden. Und daran sollte man sich stets erinnern!

„Psyche“ ist in summa ein wirklich gelungenes Buch, denn es zeugt von einem reflektierten Geist, der die Phänomene – auch die, die wir scheinbar nicht begreifen können – auf die subjektive Interpretations- und Inszenierungsleistung des Subjekts zurückgeführt (ohne in Solipsismus zu verfallen), eine echte Alternative zum dualistisch-logozentrischen Paradigma aufweist und, ganz nebenbei, die Stärkung des Individuums im reflexiven Abgleich mit Welt in einer nachhaltigen Ethik aufgehen sieht. Eine Menge Ansprüche – dieses Buch setzt richtig an, sie zu erfüllen!

http://www.phaenomen-verlag.de/

Hacke, Axel – kleine Erziehungsberater, Der. Mit Bildern von Michael Sowa

Auf den ersten Blick: ein Buch über eine bundesdeutsche Familie, die ein Reihenhaus in einem Vorort von München bewohnt … Der Kulturschock ist vorprogrammiert, gerade auch deshalb: Es soll um Erziehung gehen!

Doch der erste Blick trügt, denn Axel Hacke, ein auf allen Ebenen überforderter Vater, den man wohl früher ein „stolzes Familienoberhaupt“ genannt hätte, weiß seinen Alltag in über einem Dutzend kurzen Anekdoten ganz vortrefflich zu beschreiben. Da bleibt kein Auge trocken!

„Der kleine Erziehungsberater“ liefert jedoch nicht nur Anlass zur köstlichen Unterhaltung, sondern malt ein ausgesprochen realistisches Bild von Kindererziehung. Eines, das die Rolle „Kind“ und „Erziehungsberechtigter“ mitunter stark zu verwischen in der Lage ist. Im nervenaufreibenden Spannungsfeld aus Autorität, Laissez-faire, Resignation und der schmerzlichen Erfahrung seitens der Eltern, dass die illusionäre Vorstellung eines unfehlbaren Vaters endlich überwunden ist, wachsen Hackes Kinder in einem reflektierten und liebevollen Familienumfeld auf – so scheint es zumindest.

„Der kleine Erziehungsberater“ ist eine unterhaltsame Lektüre, die im Gegensatz zu Super Nanny & Co. einen lohnenden Beitrag zu Kindererziehung leisten kann. Denn Lachen hat noch nie geschadet!

http://www.kunstmann.de/

Leopold, Heinrich – Was bleibt. Gedichte und Aphorismen für Freimaurer. Mit einem Nachwort von Peter Marginter

Was bleibt bei der Leserschaft zurück, wenn ein Freimaurer Gedichte veröffentlicht? Welche Eindrücke hinterlassen mal gereimte, mal ungereimte Ergüsse eines „initiierten Bruders“? Die Frage ist vielleicht schon falsch gestellt, denn die bevorzugte Leserschaft eines vergleichbaren Gedichtbandes ist zumindest in dem Beispiel von Heinrich Leopolds „Was bleibt“ bereits abgesteckt. Der Untertitel des schmalen Bändchens lautet: „Gedichte und Aphorismen für Freimaurer“. Die Bezugnahme auf die Initiation als Bruder ist also an dieser Stelle keinesfalls willkürlich gewählt.

So mancher Vers in Leopolds Band erschließt sich in der Tat erst dann, wenn zumindest Grundlagenwissen über die freimaurerischen Statuten vorhanden ist. Erst, wer weiß, was Leopold beispielsweise mit dem Großen Baumeister aller Welten oder dem Inneren Herakles meint, vermag die Lyrik seiner Gedichte zu fühlen.

Tja, und so hätten wir wieder einen Beitrag zur sachgemäßen Verschleierung eines Teils abendländischer Kultur, der längst an der Reihe wäre, entschleiert zu werden. Die Entschleierung wurde ja schon oft und umfassend beschworen. Doch ist sie eingetreten? Wie würde sich ein Gedichtband wie „Was bleibt“ positionieren, wenn die Geheimnisse und Symbole der Freimaurerei entschleiert wären?

Ganz gleich, welche Haltung man zu dem Versuch der aufklärenden Wissenserzeugung einnimmt, eines stünde fest: Literarische Bemühungen eines Dan Brown & Co. blieben uns erspart!

Das Nachwort von Peter Marginter, mit dem „Was bleibt“ schließt, ist durchaus aufschlussreich und bringt – man könnte fast sagen – Erleuchtung, hinsichtlich der Intention Leopolds. Denn die Frage ist keinesfalls vom Tisch, ob der Autor nur Freimaurer mit seinen Gedichten erreichen will, oder auch Nicht-Brüdern (gar Nicht-Schwestern? Uiuiui!) einen kurzen Blick in die geheime Ordenswelt der Freimaurerei ermöglichen möchte. Entscheidet selbst!

Loers, Veit (Hrsg.) / Kunsthalle Schirn – Okkultismus und Avantgarde. Von Munch bis Mondrian 1900 – 1915

Was ist typisch für die historischen Avantgardebewegungen? Ihr politisches Engagement? Ihre Versuche, Kunst in den lebenspraktischen Raum zu überführen? Oder ihr radikales Programm und die auf Schockwirkung setzende Kunst?

Gewiss sind dies Forderungen, die Futurismus, Surrealismus, Dadaismus & Co. für sich beanspruchen, doch gibt es weitere Anknüpfungspunkte, die viele Avantgardisten mit den Vertretern jenes gesellschaftlichen Phänomens teilen, das Okkultismus genannt wird. Dabei erscheinen die pseudowissenschaftlichen und ersatzreligiösen Bestrebungen von Theosophie und Spiritismus innerhalb der Kulturwissenschaften keinesfalls nur als Kompensation auf den zunehmenden Materialismus, sondern können gerade als immanent für die Kunst der Moderne beschrieben werden.

Der umfassende Katalog der gleichlautenden Ausstellung „Okkultismus und Avantgarde“ der Frankfurter Kunsthalle Schirn 1995 ist Zeugnis für eine historische Analyse und Darstellung der bedeutenden Gemeinsamkeiten und gegenseitigen Inspirationen von Avantgardisten aller Couleur und Okkultisten des frühen 20. Jahrhunderts.

In keinem mir bekannten Werk wird derart deutlich an Text und Bild gezeigt, wie eng die okkulten Strömungen und Weisheitslehren Künstler und Okkultisten gleichermaßen beeinflussten. Diese wichtige Verbindung scheint mir für die historischen Betrachtungen der gesellschaftlichen Umbrüche (z. B. Beginn der Modernen Kunst, Lebensreform, Neue Mystik usw.) des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert bisweilen vergessen. „Okkultismus und Avantgarde“ besitzt den Umfang eines Werkes, welches diese Lücke im kulturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Kanon zumindest anzudeuten im Stande ist. Die erwähnten Verbindungen von Okkultismus und künstlerischer Avantgarde sind allzu vielfältig und tief greifend, als dass sie nur ein Werk abdecken könnte. Der Katalog kann aber als wichtige Referenz für weiterführende Arbeiten und Forschungen auf diesem Gebiet dienen.

Auch wenn die postmoderne Kunst dem Reflex der klassischen Moderne, die Ursachen künstlerischer Potenziale entdecken zu wollen, nicht mehr in dem Maße zu folgen scheint, gibt es doch bis heute vereinzelte Überlegungen dieser „geistigen Haltung“, wie es Teio Meedendorp (in: Der Okkultismus als praktische Wissenschaft: Der Archeometer, in: „Okkultismus und Avantgarde“) bezeichnet, zuteil zu werden. Von Zeit zu Zeit schließen sich daher Künstler zusammen, die sich der Erforschung des künstlerischen Ausdrucks verschrieben haben (z.B. der Kunstorden O.T.R.D.).

„Okkultismus und Avantgarde“ beinhaltet neben Fachtexten und Essays auch zahlreiche Farbabbildungen der Kunstwerke, die in der Ausstellung gezeigt wurden. Verblüffend wirkte vor allem der Umstand auf mich, dass Künstler, deren Werke nie den Anschein zulassen würden, dass sie spirituelle oder okkulte Ideen inspiriert haben könnten, in einem Atemzug mit Vertretern der „spirituellen Kunst“ wie Rudolf Steiner oder August Strindberg genannt werden.

_Die „Bibel“ des modernen Okkultismus!_

http://www.tertium.de/

Hoffmann, Claas – Nuit. Aleister Crowley\’s Liber AL and the Thoth Tarot. Band 1 / Volume 1

Fürst Claas vom Mars, wie sich der Autor nennt, gibt sich in seinem Arbeitsbuch „Nuit“ mal wieder die Ehre als Schriftsteller. Der Allroundkünstler machte sich bereits in den Sparten Musik, Skulptur, Malerei und Literatur einen Namen.

Das vorliegende Werk ist deshalb ein Arbeitsbuch, weil es meines Erachtens dazu anregt, über die von Hoffmann behandelte Thematik nachzudenken und sie selbst auszuprobieren. Claas Hoffmann nimmt sich Aleister Crowleys Werk als Ganzes vor, versucht Verbindungen aufzuzeigen und mitunter neue, spannende Deutungen zu geben. Seine Herangehensweise ist gerade nicht die vieler anderer Autoren in diesem Genre, die nur das Liber AL oder das Buch Thoth oder das Buch der Lügen kommentieren. Hoffmann geht akribisch vor: Er schürft in Crowleys wichtigsten Werken nach ihren Beziehungen untereinander, um neue, durch seinen kreativen Umgang hervorgebrachte Interpretation vieler thelemitischer Ideen vorzustellen. Hoffmanns Ausführungen zeugen von einer etwas schieferen Sicht auf das Ganze. Ergebnis sind leicht verständliche Einführungstexte zu den 66 Versen des ersten Kapitels des Liber AL und damit korrespondierenden Collagen, bestehend aus den Karten des Thoth-Tarots. Hoffmann verquickt die poetischen Verse mit den Bildern und Symbolen aus dem Tarot und erzeugt eine bisher einmalige Synthese. Er bricht einerseits starre Einzelbedeutungen der Karten auf und bringt durch die Zusammensetzung der symbolischen Fasern zusätzliche Deutungsmöglichkeiten hervor.

Hoffmanns Arbeit erweckt einmal mehr den Eindruck eines notwendig gewordenen, kreativen Umgangs mit Offenbarungen in Crowleys Manier. Er geht dabei als Künstler an das Liber AL heran, was einem vergleichbaren Werk voller Poesie und Allegorie bestimmt gerecht wird. „Nuit“ ist aber nicht zuletzt deshalb auch ein Arbeitsbuch, weil es eine unkonventionelle und erfinderische Handhabung der Thelema-Philosophie begünstigt; als neu-aeonisch ist das durchaus zu bezeichnen, denn Fürst Claas vom Mars zeigt, dass Thelema keine religiös verbrämte Pseudooffenbarung ist, sondern eine kreativ-philosophische Methode, die in einer reflektierten Lebenskunst aufgehen kann.

Das Buch enthält neben den Collagen und den Begleittexten in deutscher und englischer Sprache auch einige Essays zum Thema Thelema und Anthroposophie u.v.m. Auf weitere Bände ist zu hoffen; das Liber AL bietet mit den Kapiteln „Hadit“ und „Ra-Hoor-Khuit“ ja noch genug Möglichkeiten.

http://www.akron.ch
http://de.wikipedia.org/wiki/Liber__AL__vel__Legis
http://de.wikipedia.org/wiki/Thelema
http://de.wikipedia.org/wiki/Aleister__Crowley

Ulrich Beck – Entgrenzung und Entscheidung. Was ist neu an der Theorie reflexiver Modernisierung?

Schonungslos, kritisch, erleuchtend!

Etwas Neues kann nur entdecken, wer Grenzen kreuzt oder verlässt – wer quer denkt und an den Grenzen entlang denkt. Gerade ein Grenzwissenschaftler sollte sich nicht vor Modernitätskonzepten und aktuellen Meinungen verschließen. Doch wo finden wir Überlegungen zu relevanten Modernitätskonzepten? Wo können wir Theorien der Grenzen entdecken? Die Antwort ist klar: in diesem Buch.

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Peter Bürger – Theorie der Avantgarde

Die Theorie der Avantgarde als Meilenstein einer kritischen Literaturwissenschaft

Ist die Kunst nun losgelöst von gesellschaftlicher Praxis oder ist sie gerade in dem Spannungsfeld von Zweck und Zweckfreiheit zu finden? Ist sie selbstständig gegenüber kunstexternen Verwendungsansprüchen, wie es Habermas formulierte, oder muss sie in der Lebenspraxis aufgehen? Dieses zuletzt genannte Aufgehen im unmittelbaren Lebensumfeld forderte die historische Avantgarde; Letztere ist aber auch Peter Bürgers Untersuchungsgegenstand, den er in seinem bahnbrechenden Buch „Theorie der Avantgarde“ abhandelt.

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Butler, Walter E. – Das ist Magie

_Interessanter Briefwechsel, praktische Anleitungen_

Kritische Auffassung eines kulturhistorischen Phänomens gefällig? Dazu: Praktische Anleitungen und Erklärungen, was Magie eigentlich ist – anspruchsvoll zusammengetragen? Dieses Buch bietet beides. Welches andere Werk, in unseren Kreisen liebevoll verkürzt „Der Butler“ genannt, könnte sonst gemeint sein? In diesem Fall gibt es einfach keine Doppeldeutigkeit.

Die Originalität und der fachlich-inhaltliche Wert dieses Buches sind eindeutig, der Text gut verständlich. Der Autor hat es geschafft – und diesen Anspruch teilt er nicht unbedingt mit allen Kollegen dieses Genres –, die in der Praxis anwendbare Magie, wie er es nennt, und ihre theoretischen Hintergründe (z.B. Kabbala) für einen breiten Empfängerkreis erschließbar zu machen.

Seine Methode? Er nutzt zum einen bewusste Stimuli in seinem Werk, die einen blutigen Anfänger und gesellschaftlich abgestumpften Vertreter der wollenden, aber leider nicht mehr könnenden Kategorie in die Bereiche seines eigenen Selbst führen, z. B. mittels Meditationsanleitungen. Zum anderen erhebt Butlers Buch durchaus den Anspruch, den in das Phänomen „Magie“ eingeweihten Lesern keine Durststrecken der Langeweile zu bescheren.

Man erfährt praktische Hinweise zu Techniken wie Meditation, Kontemplation, Visualisation, Projektion, usw. – im Prinzip ist das Buch eine umfassende Anleitung der kompletten Bandbreite westlich-magischer Grundlagen. Mit dem ersten Teil, „Einweihung in die Magie“, beschreibt Butler die besagten Grundlagen in Form eines Briefwechsels. Der zweite Teil, „Magie und Kabbala“, dient mehr dazu, dem Leser die geschichtlichen Hintergründe der Kabbala näher zu bringen. Im ersten Teil des Buches geht es um Magiepraxis, im zweiten um Magietheorie.

Bereits in der Einleitung – verfasst von Dolores Ashcroft-Nowicki (ebenso kein unbeschriebenes Blatt in diesem Bereich) – wird deutlich gemacht, welchen angenehmen Geist Butler zu Lebzeiten vertrat und wie weitreichend seine Arbeit, auch viele Jahre nach seinem Tode, war. Zusammenfassend: „Das ist Magie“ von Walter E. Butler gehört meines Erachtens zu den besten Werken aus dem Bereich moderner Magie.

Jung, Carl G. – Archetypen

_Ein treuer Weggefährte im Archetypen-Dschungel_

C.G. Jungs Archetypen spielen nicht nur in seiner Analytischen Psychologie eine große Rolle, sondern waren auch ausschlaggebend für die Ästhetik. Hierüber fand ich Zugang zu der Theorie und zu diesem Buch.

Auch wenn es mir nicht möglich war, selbiges in einem Rutsch zu lesen – zu komplex sind Sprache und Text – ist es für mich seit über fünf Jahren ein treuer Weggefährte durch den Archetypen-Dschungel; sei dieser künstlerischer oder okkultistischer Natur.

|“Jung legt der Kunst verborgene Archetypen bzw. Urbilder zugrunde, die zwar vom Künstler unbewusst kommuniziert werden, aber – nach Bewusstmachung durch Interpretation – eine kollektiv-primitive Urskizze gewisser Situationen (z. B. Opfertod, Höllenfahrt, Wiedergeburt, Mutterschaft, Transzendenz usw.) darstellen können.“| (siehe Aufzeichnungen zur Okkulten Kunst)

Jungs Beschreibungen eines kollektiv vererbten Kulturpotenzials sowie einer Ideenlehre gehen auf Platon und Schopenhauer zurück. Bei diesen Philosophen ließ sich Jung inspirieren und überführte deren Ansätze in seine empirische Psychologie. Im Sinne der Empirie stellt er den Archetyp lediglich als präformativ dar, weil sowohl der kollektive Einfluss des Archetyps als auch seine Interpretation von innen, aus der Psyche des Subjekts erfolgt. Der exklusive Zugang zu einem normativen, absoluten Muster kann nicht empirisch erfasst werden. Jungs Auffassungen eines menschlichen Potenzials schöpferischer Phantasie gipfelte schließlich in einer Kunsttherapie.

Wichtig erscheint mir, dass die Charakteristik des jungianischen Konzepts der Archetypen in einer zukünftigen, reflektierten Kultur ihren festen Platz erhält. Deshalb kann ich das Buch empfehlen. Es beinhaltet die Grundlagen der jungianischen Theorie und ist ein Tor zugleich, welches mir zumindest Zugänge zu (m)einem verborgenen Potenzial verschaffte.