Robin Hobb – Die Gabe der Könige (Die Chronik der Weitseher 1)

Fitz ist ein Bastard, der Sohn eines Prinzen und eines Bauernmädchens. Doch schon in jungen Jahren nimmt ihn der König in seine Dienste. Noch ahnt Fitz nicht, was er für seine Treue aufgeben muss – seine Ehre, seine Liebe, sogar sein Leben!

Denn die Intrigen bei Hofe sind mannigfaltig, und Fitz kann seine Augen nicht vor dem drohenden Unheil verschließen, das dem Reich droht. Doch da befiehlt ihm der König, genau das zu tun. Fitz muss sich entscheiden: Wird er gehorchen oder seinem eigenen Gewissen folgen? (Verlagsinfo)

Die Autorin

Robin Hobb ist der Autorenname von Megan Lindholm. Geboren 1952 in Kalifornien, zog mit neun Jahren Alaska und studierte Kommunikationswissenschaft. Nach der Hochzeit mit ihrem Mann lebte sie mit ihrem Mann auf der Insel Kodiak, einer kleinen Insel an der Küste. Im selben Jahr veröffentlichte sie ihre erste Kurzgeschichte. Sie hat vier Kinder und lebt heute in Tacoma bei Seattle.

Wegen ihrer großen Erfolge mit den zwei Weitseher-Zyklen und der Lifeship-Trader-Trilogie ist die Autorin in Deutschland eher unter dem Autorennamen „Robin Hobb“ bekannt, obwohl sie auch jede Menge Bücher als „Megan Lindholm“ veröffentlicht hat, darunter die Windsänger-Trilogie (alle Bände bei Goldmann). Neben ihren bekannten Fantasy-Zyklen um den Weitseher und die Zauberschiffe schreibt sie auch SF und Fantasy, die in der modernen Welt spielt. Für eine ihrer Kurzgeschichten wurde sie für den Nebula Award nominiert.

Handlung

Im alten von sechs Jahren wird der namenlose Junge an das Tor der Bocksburg gebracht und dort dem Wächter übergeben. Erst jetzt erkennt, dass der Mann, an dessen Hand er geht, nicht sein leiblicher Vater ist: Dieser sei vielmehr Prinz Chivalric, der „König-zur-Rechten“. Mithin ist also „Junge“ ein Bastard von königlicher Abkunft und das macht sich schon bald bemerkbar.

Ein strenger, kriegerisch aussehender Mann mit einem Hinkebein nimmt sich Junges an und nennt ihn „Fitz“, denn alle Bastarde heißen Fitz. Dieser Mann ist Burrich und der Stall- und Jagdmeister von Prinz Chivalric, zuständig für die Aufzucht und Pflege von Hunden, Pferden und Falken. Das ist deshalb auch das erste, was Fitz erlernt. Schon nach wenigen Tagen schließt er Freundschaft mit Naseweis, einem Welpen, in dessen Geist er unwissentlich eindringt. Er sieht mit Naseweises Augen und riecht mit Naseweises feiner Nase. Das verleiht Fitz die Fähigkeit, seine Umgebung schärfer und tiefer wahrzunehmen als andere Jungs. Und auf einer so großen Königsburg gibt es vieles wahrzunehmen.

In den wenigen Stunden, die er frei bekommt, entschlüpft Fitz den Burgmauern, um mit Naseweis die Straßen und Kaimauern des Hafens zu erkunden. Hier streunen Jungs und Mädchen herum, um etwas Essbares zu finden oder ein Spiel mit den Seeleuten und Krämern zu treiben. Schon bald ergattert Fitz mit seinen Gefährten Botengänge und den dazugehörigen Lohn. Fitz lernt nicht nur den Lohn (mehr oder weniger) ehrlicher Arbeit mit dem gewöhnlichen Volk kennen, sondern auch Molly Blaufleck, die die Tochter eines Kerzenziehers und Trunkenbolds ist. Sie hat kein einfaches Los, doch er hilft ihr all die Jahre, bis er fünfzehn und ein Mann geworden ist.

Auf Burrichs Geheiß lernt Fitz Fechten, Schreiben und alle Künste, die im Stall nötig sind. Burrich ist es auch, der Naseweis tötet und Fitz strikt verbietet, die Alte Macht anzuwenden. Fitz fühlt sich einsam. Doch der Ruf des Schicksals lässt nicht auf sich warten. Schon sein bloßes Erscheinen hat dazu geführt, dass Prinz Chivalric sich der Untreue überführt und bloßgestellt sah, weshalb er einfach zurücktrat und sich auf ein Gut zurückzog. Nun buhlen die Prinzen Veritas und Edel um die Gunst von König Listenreich. Sie sind einander nicht grün, denn Edel ist der ehrgeizige und verschwenderische Sohn der zweiten Königin Desideria und arbeitet im Hintergrund daran, jeden Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Eines Nachts tritt ein seltsamer Mann durch eine Geheimtür in das Zimmer, das Fitz nunmehr sein Eigen nenn darf: Der König hat gelobt, für ihn zu sorgen, sofern Fitz ihm Treue schwört, was natürlich nicht abzulehnen war. Der Unbekannte ist der Assassine und Giftmischer des Königs. Chade ist ungewöhnlich geradeheraus und fasst Zuneigung zu dem ahnungslosen Jungen, den er nun in seine Obhut bekommen hat. Schnell erweitert sich Fitz‘ geistiger Horizont, und Chade wagt es, ihn auf Missionen zu schicken. Doch eines weigert sich Fitz strikt auszuführen; den König zu bestehlen. Wie sich herausstellt, besteht Fitz einen Test, den sich der König fieserweise selbst ausgedacht hat. Der König entschuldigt sich bei seinem Bastardsohn. Aber wer weiß noch von diesem Vorgang? Alle im Schloss tratschen, was das Zeug hält.

Die Roten Korsaren

Eine seiner Missionen führt Fitz an der Seite von Chade zu nächtlicher Stunde und auf Schleichwegen nach Barren, einem Hafenstädtchen nördlich von Bocksburg. Hier und an anderen Orten entlang der Ostküste plündern und rauben die Roten Korsaren, die von den Äußeren Inseln kommen. Sie entführen die Bewohner und fordern Lösegeld, doch nicht etwa gegen Androhung des Tötens der Geiseln, sondern gegen deren Freilassung. Der König weigert sich, das geforderte Lösegeld zu entrichten. Die Freigelassenen sind schlimmer als Leichen: Mit dem Sinn der Alten macht entdeckt Fitz, dass sie über keinerlei Bindung mehr zu ihren Mitmenschen mehr verfügen, seien es die eigenen Kinder oder Eltern. Er nennt sie „Die Entfremdeten“. Chade beginnt, Experimente mit einer von ihnen, Netta, durchzuführen, doch kein Mittel, das er anwendet, hilft, das Übel zu beenden: Netta bleibt entfremdet, egozentrisch, gierig und aggressiv.

Die Bemühungen des Königs und von Prinz Veritas, dem Übel ein Ende zu bereiten oder wenigstens Einhalt zu gebieten, versanden in den Streitigkeiten zwischen Küsten- und den Inneren Provinzen des Königreichs. Immerhin hat Fitz Gelegenheit, sich auf diplomatischer Ebene nützlich zu erweisen. Eine junge Herzogin ist von einem Tag auf den anderen wie ausgewechselt, so dass Poeten sie als Vorbild ihres Volkes preisen und besingen.

Die Gabe der Könige

Der Krieg wird auch auf geistiger Ebene geführt, offenbar Chade seinem Lehrling. Es sei die „Gabe der Könige“, die es Prinz Veritas und König Listenreich erlaube, die Sinne der Korsarenkapitäne zu verwirren und sie auf die Klippen steuern zu lassen. Aber nun sei Not am Mann, und Galen, der Gabenmeister des Königs, müsse mehr Lehrlinge in der Nutzung der Gabe unterweisen – darunter auch Fitz.

Galen ist Fitz alles andere als sympathisch, als er das erste Mal mit der Reitpeitsche zuschlägt, um seine Schüler zu züchtigen. Aber etwas Seltsames geschieht: Unter Galens Fuchtel bildet sich eine egozentrische Elite heraus, die stolz auf sich selbst ist und nach Galens Zustimmung giert. So ergeht es auch Fitz, wenn auch nicht im gleichen Maße wie anderen: Er schottet sein Inneres ab, damit Galen nicht entdeckt, dass er über die verbotene Alte macht verfügt. Es kommt zu einer endgültigen Machtprobe, in der Fitz unterliegt und Galen ihn umpolt, bis er bereit ist, vom Turm zu springen. Nur ein befreundeter Hund rettet ihn vor dem Sprung

Die Prüfung

Was sein Lehrmeister mit ihm angestellt hat, erkennt Fitz allerdings zu spät. Die Aufnahmeprüfung besteht darin, an einen unbekannten Ort gebracht zu werden und sich von dort mittels der Gabe nach Bocksburg durchzuschlagen. Die anderen Adepten des Kreises sollen gemäß Protokoll geistigen Kontakt aufnehmen und Fitz nach Hause lotsen. Nichts davon geschieht. Vielmehr entdeckt zu seiner Bestürzung, dass Galen ihn mitten im Gebiet der Entfremdeten hat aussetzen lassen…

Mein Eindruck

Dieser Auftakt zur ersten Weitseher-Trilogie ist sowohl die Biografie eines Jugendlichen als auch die Chronik eines teuflischen Verrats am Königshof und der Verteilung eines Anschlags. Jugendliche Leser können sich sicherlich gut mit dem Beinahe-Waisenjungen Fitz identifizieren. Er ist in vielerlei Hinsicht beraubt: „Fitz“ ist nur die Bezeichnung für einen Bastard, also nicht mal ein Eigenname. Und Burrich, sein Ersatzvater, nennt ihn eh bloß „Junge“. Was er liebt, wird ihm weggenommen, aber das macht ihn einerseits einsam, andererseits wenig angreifbar – wichtig für einen angehenden Assassinen.

Die Lerninhalte dieser verteilten Schule des Lebens sind vielfältig: Attentatswissen wie etwa Giftmischerei, aber auch Zeichnen, Schreiben usw. Am liebsten arbeitet Fitz jedoch mit Tieren, denn bei diesen einfachen Kreaturen kann er seine Alte Macht ein ganz klein wenig einsetzen – wenn Burrich es nicht merkt. Und wer bis zum Schluss durchhält, wird erkennen, dass es die Alte Macht ist, die Fitz das Leben rettet, nicht die neumodische „Gabe der Könige“. Doch woher Fitz diese Alte Macht geerbt hat, bleibt – noch – im Dunkeln, denn Prinz Chivalric kommt als Vererber dafür kaum in Frage.

Fitz lernt die Liebe erst spät kennen, und dann ist sie auch schon wieder weg: Molly Blaufleck braucht jemanden, der für sie da ist, nicht einen Streuner, der auf des Königs Geheiß Tag und Nacht Aufträge erledigen muss. So richtig auf die Probe gestellt wird Fitz erst durch Galen, den Gabenmeister. Dieser Hochstapler wird Fitz‘ größter Feind. Kein Wunder, denn er steckt mit den Verschwörern am Königshof unter einer Decke.

Gegenentwürfe zu der Gesellschaft im Reich bilden die Roten Korsaren und das Bergkönigreich Chyurda. Die Piraten verfügen über die Magie, um Zombies herzustellen: die Entfremdeten. Wie ihnen dies gelingt, müssen die weiteren Bände aufdecken. Das Königreich Chyurda ist weniger rätselhaft: Erstaunlich modern klingt die Auffassung des Königshauses, dass der Herrscher dem Volk dienen soll – daher auch sein Beiname „Opfer“. Dass auch die Chyurdaner nicht ohne Biss sind, erfährt Fitz gleich bei seinem ersten Spaziergang im Botanischen Garten: Er wird ganz beiläufig vergiftet. Jemand muss ihn verleumdet haben…

Das Finale ist mit großer Sorgfalt vorbereitet und ausgeführt, so sorgfältig, dass es manchen Actionfan in den Fingern kribbeln mag, wenn er sich fragt: „Wann geht’s denn endlich los?“ Zu diesem Zeitpunkt ist das halbe Finale bereits vorüber – wir sind mittendrin. Endlich findet Fitz heraus, warum Burrich so gegen Magie eingestellt ist und wozu die Gabe der Könige wirklich gut ist.

Die Übersetzung

Eva Bauche-Eppers ist eine der besten und versiertesten Übersetzerinnen des Bastei-Lübbe-Verlags, zumal da sie selbst einen Fantasyroman veröffentlichte. Aber ihr Sprachstil stammt aus den neunziger Jahren (1995ff) und musste aufpoliert werden. Bei der Penhaligon-Ausgabe handelt es sich laut Verlag um „vollständig überarbeitete Neuausgabe“. Wer diese Arbeit erledigte, wird nicht angegeben. Als Redakteur wird Alexander Groß angegeben.

S. 43: „auf des Nachbarn Fels zu säen“. Diese Metapher für das Fremdgehen von Prinz Chivalric ist fragwürdig, und das nur wegen eines einzigen falschen Buchstaben. Kein Bauer, der noch bei Verstand ist, würde auf FELS säen, wohl aber auf einem FELD…

S. 450: „überdies hatte er sie ganz offenbar geschwängert“. „Offenbar“ bedeutet so viel wie „anscheinend“, das ist aber hier nicht gemeint, denn die Frucht der Schwängerung ist eindeutig, nämlich Fitz. Statt „offenbar“ sollte es besser „offenkundig“ heißen.

Diese Ausgabe enthält eine vierfarbige Landkarte der sechs Provinzen des Königreichs. Diese Karte fand ich äußerst hilfreich, um mich zurechtzufinden.

Unterm Strich

In sehr anschaulichen Szenen und mit wunderbar trockenem Humor erzählt der erste Band der Weitseher-Trilogie von Fitz‘ Eintreffen und Werdegang am Königshof. Er muss sehr schnell lernen, sich zu behaupten. Nicht alles ist Gold, was hier glänzt, und es gibt viel Schatten und Zwielicht. Es gibt falsche Identitäten, die auch den Leser verblüffen dürften, und es gibt Finsterlinge, die wie Apoll selbst aussehen.

Dieser Band schildert Fitz‘ ersten zehn Jahre bei Hofe, vom sechsten bis zum 15. Lebensjahr. Es ist eine Geschichte, in die sich jeder Leser gleich welchen Alters hineinversetzen kann, besonders natürlich Jugendliche im gleichen Alter wie der Held. Zwar mangelt es vielleicht an Action, aber dafür hagelt es Einsichten. Wer das Leben auf dem Lande kennenlernen möchte, das die Autorin ja aus erster Hand kennt, der ist hier genau richtig. Wer denkt, bei Hofe ginge alles mit rechten Dingen zu, wird schon bald merken, dass alle Dinge – und vor allem Politiker – zwei Seiten haben.

Diese Neuausgabe der rund 20 Jahre alten Übersetzung erleichtert das flüssige lesen mit kürzeren Sätzen – zumindest bis Seite 470, wo wieder so ein Bandwurmsatz den Leser abschreckt. Sehr hilfreich ist die vierfarbige Landkarte für die Orientierung, aber ein Namensregister hätte auch nicht geschadet. Was für „Game of Thrones“ recht ist, sollte für Fitz Weitseher nur billig sein. Die PR-Abteilung war fleißig und hat sich von GRR Martin ein Zitat zu Robin Hobbs Romanen schreiben lassen. Gewitzt, wie der Meister ist, hat er sein Urteil auf alle Hobb-Romane gemünzt. Dennoch: „Die Gabe der Könige“ ist kein Reinfall, sondern das erfüllte Versprechen auf eine großartige Trilogie.

Taschenbuch: 604 Seiten
Info: Assassin’s Apprentice, 1995
Aus dem US-Englischen von Eva Bauche-Eppers
www.randomhouse.de/Verlag/Penhaligon

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