John Dickson Carr – Tod im Hexenwinkel

Das geschieht:

Student Tad Rampole, Sohn reicher Amerikaner und in diesem Jahr 1930 auf einer Bildungsreise durch das alte Europa, besucht in England den berühmten Privatgelehrten und Amateurdetektiv Dr. Gideon Fell. Dieser residiert in Chatterham, einem pittoresken Flecken in der Grafschaft Lincolnshire, wo die Uhren irgendwann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stehengeblieben zu sein scheinen.

Die ländliche Idylle wird seit jeher getrübt durch die unweit des Ortes dräuende Ruine des alten Gefängnisses, das seit 1837 leer steht. Der alte Anthony Starberth, ein bigotter, grausamer Mann, hatte es einst über dem alten Hinrichtungsplatz für Kapitalverbrecher und Hexen errichtet. Besonderes Grauen verbreitet der „Hexenwinkel“; dort stand der Galgen, und zu seinen Füßen ließ Anthony einen tiefen Brunnen graben, in den die Leichen der Gehängten geworfen wurden. Kein Wunder, dass es im Hexenwinkel umgehen soll! Anthony fühlte sich im Alter von den Geistern der von ihm Gemarterten verfolgt und endete mit gebrochenem Genick am Rande des verfluchten Brunnens. Seinen Sohn ereilte dasselbe Geschick, und seither starb kaum ein Starberth im Bett.

Das Oberhaupt der Starberth-Sippe muss sich einem bizarren Ritual stellen, dessen Urheber Vorfahr Anthony ist: An seinem 25. Geburtstag des Mitternachts muss der Erbe den Tresor im alten Büro des Gefängnis-Governeurs öffnen, die dort hinterlegten Dokumente lesen und dem Familienanwalt zum Beweis dieser Tat anschließend Bericht erstatten. Jetzt ist Martin an der Reihe, dessen Nervosität berechtigt ist, denn Dr. Fell und der junge Rampole finden ihn mit eingeschlagenem Schädel im Hexenwinkel. Der Mörder muss aus Chatterham stammen – es sei denn, man schließt sich der Meinung der braven Bürger an, dass der Teufel die Finger im Spiel hat, worauf tatsächlich diverse Hinweise schließen lassen …

Ganz großes (Grusel- & Krimi-) Kino!

„Tod im Hexenwinkel“ ist nicht nur ein britischer Landhaus-Krimi der klassischen Art, sondern vor allem die Bühne für den ersten Auftritt des Dr. Gideon Fell, der in der Welt des Kriminalromans zu den ganz großen Amateur-Detektiven gehört. Dick ist er und lahm, ein weltfremder Gelehrter und fröhlich aber trügerisch harmlos sowie mit einem scharfen, ganz im Hier & Jetzt beheimateten Verstand gesegnet, wie so mancher Lump zwischen 1930 und 1967 – so lange lief die Fell-Serie – zu seinem Leidwesen feststellen musste. Von den stützenden Gehstöcken verschwand der eine rasch, der Doktor wurde beweglicher – und impertinenter, denn Gideon Fell polarisiert Leser und Literaturkritiker vielen Jahrzehnten als vorlauter, eingebildeter Besserwisser, der mit seinem immensen kriminalistischen Wissen knausert, um im Finale einen großen Auftritt vorzubereiten, mit dem er der Welt wieder einmal sein Genie unter die Nase reiben kann.

Heute ist es schwer zu entscheiden, ob die Zeitgenossen ähnlich dachten. Sie kannten womöglich noch Fells reales Vorbild – den grandiosen Gilbert Keith Chesterton (1876-1936), Menschenfreund, Sozialreformer, Journalist, Literat und als Schriftsteller selbst Vater eines unsterblichen Krimi-Helden, obwohl Father Brown nichts Heroisches an sich. Unerhört bekannt und beliebt war dieser Chesterton, der stets die guten Seiten des Lebens schätzte, ohne die dunklen darüber zu verleugnen: fürwahr die geeignete Blaupause für Gideon Fell.

John Dickson Carr war ein geborener Erzähler, der in einer bald fünfzig Jahre währenden Karriere über 90 Romane unterschiedlichster Genres verfasste. Anno 1930 war er noch ein junger Mann, der sich die Arbeit ein wenig erleichtern wollte. Das heißt freilich nicht, dass „Tod im Hexenwinkel“ als ungelenkes Erstlingswerk gelten muss: Die Carrschen Qualitäten prägen bereits jetzt Handlung und Stil.

Die Liebe zum Unheimlichen

Fell-Romane sind pure Fiktion. Die Realität (in den späteren Bänden z. B. der II. Weltkrieg) werden zwar erwähnt, spielen aber nicht wirklich eine Rolle. Der Detektiv jagt seine Opfer stets in Winkeln, die quasi jenseits von Zeit und Raum beheimatet sind. Carr liebte den (deutschen) Schauerroman mit seinen düsteren Burgruinen, verwunschenen Landsitzen und lauschigen Weilern, deren Bewohner von alten Flüchen, seltsamen Ritualen oder gar Gespenstern geplagt werden. Mit Chatterham treibt er es schon früh auf die Spitze: Hier befinden wir uns noch tief im 19. Jahrhundert.

Mit dieser künstlichen Kulisse muss sich der Leser anfreunden können, sonst wird er (oder sie) keinen Zugang finden. Gelingt es, verzeiht man dem Verfasser den überkomplizierten, einer nüchternen Betrachtung sicherlich nicht standhaltenden Plot und die ungelenk in Szene gesetzte und sichtlich der Konvention geschuldete Liebesgeschichte. Die krude Vergangenheit der Starberth-Sippe und der wirklich furchterregende Hexenwinkel entschädigen voll und ganz für solche Schwächen. Daneben gibt‘s für den Hardcore-„Cozy“-Fan immer wieder Episoden, die schnurriges Landvolk mit ebensolchem Verhalten in den Mittelpunkt stellen.

Heute können Carrs Dr.-Fell-Romane wirksamer denn je als Medizin gegen Melancholie verschrieben werden. In seiner Welt gibt es keine Alltagsprobleme, die den nachgeborenen Leser betreffen und an die trübselig stimmende Gegenwart erinnern. Das macht sicherlich den weiter anhaltenden Erfolg dieser ansonsten einer anderen, längst versunkenen bzw. nie existenten Welt entstammenden Werke aus. Da John Dickson Carr mit Talent und handwerklichem Geschick gesegnet war, lässt man sich gern von ihm in den Hexenwinkel, auf die „Schädelburg“, in den ehrwürdigen Tower von London oder eine der vielen anderen Nischen entführen, in denen der Träumer aus einem Sozialstaat, der sich in eine Bananenrepublik verwandelt hat, wenigstens eine Weile verschnaufen darf.

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbare englische Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Die fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 blieb. Volker Neuhaus weist in seinem Nachwort zur „Die schottische Selbstmordserie“ (DuMont’s Kriminal-Bibliothek Bd. 1018) darauf hin, dass seine Kriminalromane so lebendig und scharf konturiert wirken, weil hier ein Fremder seine neue Heimat erst entdecken musste und ihm dabei Dinge auffielen, die den Einheimischen längst zur Selbstverständlichkeit geworden waren.

Carr fand schnell die Resonanz, die sich ein Schriftsteller wünscht. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane – übrigens nicht nur Thriller. Seine Biografie des Sherlock-Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 sogar mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen „Detection Club“ zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus; die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei daher nur auf diese verwiesen, die diesem Rezensenten ganz besonders gut gefallen hat.

Taschenbuch: 203 Seiten
Originaltitel: Hag’s Nook (New York : Harper & Row, Publishers, Inc. 1933)
Übersetzung: Andreas Graf
http://www.dumont-buchverlag.de

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