Robin Hobb – Die Tochter des Drachen (Das Kind des Weitsehers 1)

Das Kind des Weitsehers

Band 1: „Die Tochter des Drachen“
Band 2: Die Tochter des Propheten
Band 3: Die Tochter des Wolfs (Dezember 2019)

Fitz Chivalric Weitseher lebt inzwischen auf Gut Weidenhag, zusammen mit seiner geliebten Molly und seiner Stiefmutter Philia. Mollys Kinder sind bereits erwachsen, und Fitz fehlt eigentlich nur eins zu seinem Glück: ein Kind mit Molly, dem er tatsächlich ein Vater sein kann.
Doch seltsame Ereignisse werfen ihre düsteren Schatten voraus, und als Molly tatsächlich schwanger wird, ahnt keiner von ihnen, welche Herausforderung das Kind sein wird …

Robin Hobb baut diesen neuen Zyklus um Fitz‘ Tochter Biene genauso sorgfältig auf wie den um Fitz selbst. So wird der Leser zunächst einmal Zeuge, wie Biene geboren wird und aufwächst. Der größte Teil der Handlung dreht sich um Alltägliches: Die Führung des Gutes, Mollys Schwangerschaft, die Reaktion der Dienstboten auf Biene und ihr Aufwachsen zwischen Mollys Garten, dem Arbeitszimmer voller Wachs und Kräuter und dem Nähzimmer.

Vor allem wird dadurch natürlich Biene charakterisiert. Sie ist zwar extrem klein und wächst nur sehr langsam. Aber sie ist hochintelligent und ziemlich frühreif. Was genau sie ist, ist dem aufmerksamen Leser relativ bald klar.

Fitz dagegen wird es bis zur letzten Seite nicht merken, obwohl spätestens im Zusammenhang mit dem Schmetterlingsflügel bei ihm sämtliche Alarmglocken hätten klingeln müssen. Auch sein Verhalten im Zusammenhang mit den Ereignissen rund um den Boten am Winterfest war mir unerklärlich! Nach all dem, was er erlebt hat, hätte er es besser wissen sollen!

Und dann wäre da noch Ungelitten, ein weiterer Weitseher-Bastard. Chade hat offenbar versucht, die junge Frau ebenfalls zur Assassinin auszubilden, doch jemand hat vor kurzem versucht, sie zu vergiften, weshalb Fitz sie nun beschützen soll. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich nur hochmütig, eitel und selbstsüchtig ist, was an sich schon schlimm genug wäre, oder ob das, was sie tut, einem bestimmten Zweck dient. Jedenfalls traue ich ihr nicht mal so weit, wie ich mein Auto werfen kann!

Die Charakterzeichnung ist genauso hervorragend, wie sie es in den anderen Weitseherbänden war, auch wenn ich Fitz ein paarmal wirklich gerne geschüttelt hätte, um ihn aufzuwecken. Er scheint in all der Zeit und trotz all dessen, was er durchgemacht hat, überhaupt nichts dazugelernt zu haben! Biene war eine großartige Entschädigung dafür. Sie scheint trotz ihres zarten Alters über eine weit bessere Menschenkenntnis zu verfügen als ihr Vater, ist aber trotz ihrer Frühreife noch immer glaubhaft Kind. Sehr gelungen.

An Handlungshöhepunkten ist dieser Band dagegen ziemlich arm. Bienes Ausbildung ist bei weitem nicht so spektakulär, wie es Fitzens war. Tatsächlich sind der Vorfall am Winterfest sowie die Sache mit dem Schmetterlingsflügel die einzigen nicht alltäglichen Begebenheiten, bis sich gegen Ende des Buches die Ereignisse auf einmal geradezu überschlagen. Nicht, dass der Leser es nicht hätte kommen sehen! Im Gegensatz zu Fitz, was natürlich einerseits einen Teil der Spannung ausmacht, andererseits aber dafür sorgte, dass ich genervt die Augen verdrehte. Zugegeben, Biene macht es Fitz nicht leicht, denn sie ist schweigsam. Hätte sie so manche ihrer Beobachtungen ihrem Vater gegenüber erwähnt … womit wir wieder bei der Spannung wären.

Ziemlich gewöhnungsbedürftig fand ich einige Formulierungen in der neuen Übersetzung. So wird der Kronprinz hier plötzlich König-zur-Rechten genannt, was vielleicht eine wortgetreuere Übersetzung, aber doch ein ziemlich umständlicher Ausdruck ist. Auch heißt ein Gabenzirkel inzwischen nicht mehr Zirkel, sondern Kordiale, was ich ebenso umständlich finde, und den Wechsel in der Übersetzung noch überflüssiger. Aber sei‘s drum.

Unterm Strich ist dieser neue Weitseher-Band einerseits dem ersten des Zyklus in mancherlei Hinsicht ähnlich, weil er so genau auf Bienes Kindheit und ihre Entwicklung eingeht wie der erste auf Fitzens. Andererseits gibt es aus dieser Zeit an besonderen Ereignissen nicht viel zu berichten, weshalb die Entwicklung von Bienes Charakter quasi den gesamten Band alleine trägt. Ihr Erzählstrang ist der weitaus interessantere, was auch ein wenig daran liegt, dass Fitz – trotz seiner Liebe zu seiner Tochter – noch immer zu einem großen Teil um sich selbst kreist! Ich kann nicht sagen, dass ich mich beim Lesen gelangweilt hätte, doch hat mich dieser Band bei weitem nicht so mitgerissen, wie es damals der Einstiegsband des Zyklus vermochte. Immerhin ist der Cliffhanger am Ende des Bandes vielversprechend, sodass ich wohl doch weiterlesen werde.

Robin Hobb war bereits unter dem Namen Megan Lindholm eine erfolgreiche, mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, ehe sie mit der ersten Weitseher-Trilogie erfolgreich ins Genre der Fantasy einstieg. Das Kind der Weitseher ist nach der Chronik der Weitseher und dem Erbe der Weitseher der dritte Abschnitt dieser Serie, außerdem stammen aus ihrer Feder der Zyklus der Zauberschiffe und eine ganze Anzahl weiterer Zyklen, die allerdings großteils nicht (mehr) oder nur noch antiquarisch auf Deutsch erhältlich sind. Robin Hobb lebt mit ihrem Mann in Tacoma/Washington.

Broschiert 976 Seiten
Originaltitel: Fool‘s Assassin
Deutsch von Maike Claußnitzer
ISBN 13: 978-3764532291

http://www.robinhobb.com/index.html
http://www.randomhouse.de/penhaligon/index.jsp

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