Eleanor Herman – Im Bett mit dem König. Die Geschichte der königlichen Mätressen

Seit jeher bringt das Amt des Königs gewisse Privilegien mit sich. Vielleicht das interessanteste ist zweifellos das „Recht“, sich neben der eigenen Gattin – verantwortlich primär für die Produktion von Königskindern (Prinzen als Thronfolger, Prinzessinnen für Heiratsabkommen mit Nachbarn & Feinden) – eine „Zweitfrau“ zu halten. Die „Mätresse“ zählt zu den fast sagenhaften Gestalten der Geschichte. Sie hat dort tiefe Spuren hinterlassen, die indessen vom Staub übler Nachrede, sensationslüsterner Vermutungen und einfallsreicher Vertuschungsversuche weitgehend zugeweht wurden.

Eleanor Herman unternimmt nun den Versuch, zumindest die letzten 500 Jahre Mätressen-Historie freizulegen. Diesen Zeitraum wählt sie nicht, weil es zuvor keine königlichen Geliebten gegeben hätte. Die Quellenlage ist für die Zeit des Mittelalters eingeschränkt; Schweigen aufgrund rigoroser kirchlicher Verbote plus Analphabetismus ziehen einen Schleier über die zweifelsohne trotzdem verbreitete Sittenlosigkeit.

Nach 1500 ändert sich das Bild: Nicht nur schreibt und liest man mehr – die Könige werden mächtiger, die Kirche verliert an Einfluss. Die Mätresse wird nicht mehr versteckt. Sie zieht sogar bei Hofe ein, lebt nicht selten in der Nachbarschaft der (wenig erbauten) Königin. Schließlich entsteht ein eigener Titel: „maîtresse en titre“, „offizielle königliche Mätresse“, darf sich die Herzensdame des Herrschers nennen.

Mit dem „Amt“ ist große Macht verbunden. Niemand steht dem König näher als seine Mätresse. Sie beeinflusst seine Stimmungen und seine Entscheidungen, fördert die schönen Künste, verteilt Almosen an Arme und Kranke, umschmeichelt ausländische Diplomaten. Nicht selten gewinnt sie eine politische Stimme, wird gar wie Diane de Poitiers oder Gabrielle d’Estrées zur „inoffiziellen Ministerin“, deren Wort viel gilt im Land.

Aber der Job ist hart und die Zeit jeder Mätresse ist begrenzt. Während die ungeliebte und vernachlässigte Königin schmollt und grollt, darf sie sich immerhin dessen gewiss sein, dass sie ihre Stellung immer behalten wird. Die Mätresse hingegen altert, ihr launischer königlicher Liebhaber findet eine neue Bettkandidatin, die bisherige Favoriten wird ohne viel Federlesen ausgetauscht (oder unter fadenscheinigen Vorwänden einen Kopf kürzer gemacht – Heinrich VIII. von England bevorzugte diesen Weg).

Wer zuvor nicht gut vorgesorgt und sich Geld, Adelstitel und Grundbesitz verschafft hat (wobei manche Dame bemerkenswerte Vorausschau und Meisterschaft unter Beweis stellt), steht vor dem gesellschaftlichen und finanziellen Aus. Plötzlich wird aus der von Höflingen und Bittstellern umschwärmten Frau an der Seite des Königs wieder die „Hure“, die es christlich zu schneiden gilt. Der Herrscher hingegen, seinen Untertanen von Gott gesandt, geht rein wie Schnee aus der Affäre hervor und mehrt auch fürderhin die Zahl seiner illegitimen Nachkommen. (August der Starke, Kurfürst von Sachsen, soll es auf mehr als 300 gebracht haben – glücklicherweise nicht mit derselben Frau …)

Mit dem allmählichen Niedergang des „absolutistischen“ Herrschertums verliert der König im 19. Jahrhundert die uneingeschränkte Macht. Nun erreicht ihn nicht nur Volkes Stimme, sondern manchmal sogar dessen Stiefel: Mätressen werden zwar noch geduldet, aber nur, wenn sie sich unauffällig verhalten. An eine Position à la Pompadour ist kein Denken mehr. Könige, die wie Ludwig I. von Bayern glauben, als Galan der feurigen Lola Montez die veränderte Situation ignorieren zu können, werden eines Schlechteren belehrt und sogar zur Abdankung gezwungen.

Herman schließt mit einem kurzen Rückblick auf die Mätressen des 20. Jahrhunderts. Den Tiefpunkt sieht sie mit der Affäre zwischen Wallis Simpson und König Edward VIII. erreicht, die auch diesem den Thron kostete. Dass die Mätresse keineswegs ausgestorben und womöglich sogar im Aufwind begriffen ist, demonstriert Herman am multimedialen Dauerbrenner Prinz Charles von England – Prinzessin Diana – Camilla Parker-Bowles. Hier erläutert sie außerdem die Macht besagter Medien, um die sich die Herrscher der frühen Neuzeit noch keine Gedanken machen mussten, während ihre modernen Nachfahren inzwischen gelernt haben, sich ihrer zu bedienen.

„Im Bett mit dem König“ ist ein Geschichtsbuch besonderen Kalibers. Das liegt gar nicht so sehr am frivolen Thema: Nur recht verklemmte Zeitgenossen goutieren noch den schwiemeligen, gern als „pikant“ bezeichneten „Oh-la-la“-Aspekt, der dem Mätressen-Kapitel der Welthistorie viele Jahre aufgeprägt wurde. Eleanor Herman geht erfreulich unbefangen und mit klaren Worten an die Sache heran.

Wobei der Tonfall nicht dem „üblichen“ Geschichtsbuch entspricht: „Im Bett mit dem König“ fällt durch den bemerkenswerten Humor auf, mit dem sich die Verfasserin ihrem Stoff widmet. Dies ist ein legitimes, von ihr gewähltes Stilmittel, das höchstens den Sachbuch-Puristen stören könnte: „Im Bett mit dem König“ ist jedoch kein Fachbuch im eigentlichen Sinn, sondern ein unterhaltsamer Überblick.

Wohlgemerkt: Die Fakten sind stimmig, so gut man sich auf die ausgewerteten Quellen verlassen kann. Der Anhang verrät, dass diese sekundär sind. Herman hat sich nicht selbst in staubige Archive gewagt, sondern sich auf bereits vorhandene Literatur gestützt. Inwieweit diese den historischen Kern der jeweiligen Sache trifft, bleibt unklar.

Darauf kommt es ohnehin weniger an. „Im Bett …“ vermittelt einen Gesamteindruck, der sich aus grundlegenden Tatsachen zusammensetzt, die durch unzählige Anekdoten illustriert werden. Vor allem von seinen Randglossen lebt dieses Buch. Die Geschichte ist glücklicherweise wahrlich reich an unglaublichen Ereignissen. Wenn Sex ins Spiel kommt, erhöht sich bekanntlich der Anteil einschlägiger Vorfälle explosiv.

Herman enthält sich dabei deutlich jeder Wertung. Sie lässt die Fakten für sich sprechen. Gegen die gibt es ohnehin keine Argumente: Mätressen sind weder Gesandte des Teufels noch unschuldige Opfer patriarchalischer Gewalt. Stattdessen stellen sie eine bemerkenswerte historische Erscheinung dar, die nicht propagandistisch instrumentalisiert, sondern sachlich betrachtet werden sollte. Trotz der Flut heiterer, tragischer und bizarrer Informationen, mit der uns Herman konfrontiert, schimmert dieser Anspruch immer wieder durch.

Eleanor Herman wurde in Baltimore, US-Staat Maryland, geboren. (Wann dies war, hält sie gut geheim; in dieser Hinsicht hat ihr das Wissen um die Geheimnisse berühmter Mätressen offenbar gute Dienste geleistet …). Sie studierte Journalismus und Sprachen an der Towson State University. Weitere Sprachkenntnisse erwarb sie in Europa.

Ihre Sprach- und Weltgewandtheit sicherte Herman eine interessante berufliche Laufbahn, die u. a. acht publizistische Jahre im Dienst der NATO und dreizehn Jahre Arbeit für einen deutschen Verlag in Bonn umfassen. Heute lebt Herman wieder in den USA (in McLean, Virginia). Sie ist freie Autorin und beschäftigt sich – wie ihr Verlag es so hübsch ausdrückt – mit „historischen Themen aus weiblicher Sicht“.

Gebundene Ausgabe: 303 Seiten

(Visited 1 times, 1 visits today)