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H. P. Lovecraft / Lin Carter / Robert E. Howard / D. R. Smith / Christian von Aster – Der Cthulhu-Mythos (Lesungen)

Zwei dieser Horror-Erzählungen begründeten den Cthulhu-Mythos, die anderen führen ihn weiter. Die inszenierte Lesung wird getragen von der beeindruckenden und (in Grenzen) wandlungsfähigen Stimme von Joachim Kerzel. Ein Schmankerl sind die Lebensbeschreibung und die Story-Einführungen von „H. P. Lovecraft selbst“, geschrieben von Verleger Frank Festa.

Dieses Produkt wurde zum „Besten Hörbuch/Hörspiel des Jahres 2002“ (|Deutscher Phantastik-Preis| 2003) gewählt.

Die Autoren

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die |Großen Alten|, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Robert E. Howard (1906-1936) ist der Schöpfer mehrerer Fantasygestalten, der aber nur wegen einer einzigen in unserer Erinnerung fortlebt: wegen Conan, dem Barbaren. In einem |Heyne|-Sammelband aus dem Jahr 2003 sind diese Erzählungen professionell ediert zu finden, inklusive Varianten. Dass der Mann aus Texas, der ein enger Freund HPLs war, auch anständigen Horror zu schreiben vermochte, belegt die hier aufgenommene Erzählung.

Lin Carter (Pseudonym von Linwood Vrooman Carter, 1930-1988) war ein amerikanischer Herausgeber und Autor, der sich zwar um die Verbreitung von Fantasy in Taschenbüchern und Magazinen verdient gemacht hat, meiner Ansicht nach aber auch HPL einen Bärendienst erwies: Er nahm vom Meister Bruchstücke einer Erzählung oder gar nur Notizen für eine Idee zu einer Story – und baute diese dann im Namen HPLs aus, als wäre er ein regulärer Co-Autor des Meisters aus Providence gewesen. Das führte meines Erachtens dazu, dass seine minderwertigen Arbeiten das Ansehen von HPLs eigenen Arbeiten beeinträchtigte. Die „Encyclopedia of Fantasy“ lobt hingegen seine Leistung als Popularisierer von Fantasy und als Wiederentdecker von William Morris.

Über D. R. Smith (nicht zu verwechseln mit dem Könner Clark Ashton Smith) ist mir leider nichts Näheres bekannt. Der deutsche Autor Christian von Aster hingegen stellt sich ausführlich auf seiner Webseite http://www.vonAster.de vor. Er schreibt in allen Genres der Phantastik, tritt aber auch im Kabarett auf und beteiligt sich an Comic-Projekten.

Die Sprecher

Der Erzähler Joachim Kerzel ist Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.

David Nathan: ein Regisseur und einer der besten Synchronsprecher Deutschlands – die deutsche Stimme von Johnny Depp. Er spricht die Passagen von Lovecrafts fiktivem Ich.

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Gillian Anderson („Akte X“), spricht die Ansage.

Die Geschichten

{Anm. d. Lektors: Wem die Geschichten noch nicht bekannt sein sollten, der möge auf eigene Gefahr die jeweiligen Zusammenfassungen lesen, denn es werden wesentliche Wendungen der Handlung erwähnt.}

1) H. P. Lovecraft: „Der Ruf des Cthulhu“ (1928)

Dies ist die grundlegende Erzählung, die jeder kennen muss, der sich mit dem |Cthulhu|-Mythos und den |Großen Alten|, die von den Sternen kamen, beschäftigt. (Dies ist kein Privatmythos: Seit den 30er Jahren schreiben andere Autoren [s.u.] an diesem Mythos weiter.)

Der Erzähler untersucht die Hintergründe des unerklärlichen Todes seines Großonkels Angell, eines Gelehrten für semitische Sprachen, der mit 92 starb. Angel hatte Kontakt zu einem jungen Bildhauer namens Wilcox, der ein Flachrelief sowie Statuen erschuf, die einen hockenden, augenlosen Oktopus mit Drachenflügeln zeigten. Wie sich aus anderen Quellen ergibt, ist dies der träumende Gott Cthulhu (sprich: k’tulu), einer der |Großen Alten|. Er wird in Westgrönland ebenso wie in den Sümpfen Louisianas verehrt, wo man ihm Menschenopfer darbringt. Am wichtigsten aber ist der Bericht eines norwegischen Matrosen, der im Südteil des Pazifiks auf eine Insel stieß, wo der grässliche Gott inmitten außerirdischer Architektur hervortrat und die Menschen verfolgte – genau zu jenem Zeitpunkt, als Angells junger Bildhauer (und viele weitere Kreative) verrückt wurden. – Der Erzähler hat alle Beweise zusammen: Cthulhu und seine Brüder warten darauf, die Erde zu übernehmen, alle Gesetze beiseite zu fegen und eine Herrschaft totaler Gewalt und Lust zu errichten. Man brauche sie nur zu rufen, und sie würden in unseren Träumen zu uns sprechen …

Die Geschichte ist trotz ihres recht verschachtelten Aufbaus durchaus dazu angetan, die Phantasie des Lesers/Hörers anzuregen und ihn schaudern zu lassen. Das Erzählverfahren ist überzeugend, denn zuerst werden mehrere Berichte eingesammelt und überprüft, bevor im Hauptstück, dem Augenzeugenbericht eines Matrosen, das Monster endlich selbst auftreten darf, um seinen langen Schatten durch die Geschichte/Historie zu werfen.

Kerzel macht nur einen einzigen Aussprachefehler, den aber permanent: Er spricht den Namen der Jacht „Alert“ anders aus, als es ein Englischsprecher täte (nämlich „ejlert“ statt korrekt „ä’lört“).

Robert E. Howard: „Der Schwarze Stein“ (1931)

In dem Buch „Die namenlosen Kulte“, das der (fiktive) deutsche Exzentriker von Junst im Jahr 1839 veröffentlichte, findet der Erzähler den Hinweis auf einen schwarzen Monolithen, der Menschen im Umkreis des abgelegenen ungarischen Bergdorfes Stregolczkavar – was „Hexenstadt“ bedeutet – in den Wahnsinn treibt.
Er fährt selbst dorthin und wird, nach einigen unheilvollen Geschichten, zu der Berglichtung gewiesen, auf der der Schwarze Stein steht: eine dunkle Säule von etwa fünf Metern Höhe, die mit nichtmenschlichen Schriftzeichen bedeckt ist. In der Nähe liegt ein Fels, der wie ein Sitz geformt ist: Hier nimmt der Erzähler in der unheilvollen Mittsommernacht Platz – und schläft ein.

Ist’s ein Traum, was er erblickt, als er „aufwacht“? In Tierfelle gehüllte Ureinwohner des Landes tanzen frenetisch vor dem Monolithen, und ein Priester mit einer Goldkette um den Hals peitscht eine junge Tänzerin bis aufs Blut, die schließlich den Fuß der Säule küsst. Denn dort oben hockt ein Monster, das seine Verehrer beäugt und erst zufrieden ist, als ein Säugling an der Säule zerschmettert wird. Da wacht der Träumer auf.
An der Säule findet sich keine Spur, also auch kein Beweis. Doch er erinnert sich an eine türkische Schriftrolle, die 1526 dem ungarischen Verteidiger des Landes in die Hände fiel und mit ihm unter Burgruinen begraben wurde. In ihr findet sich der Beweis, dass der Monolith ein Schlüssel ist …

Auffällig ist die sorgfältige Konstruktion der Geschichte, die sich erst zahlreicher Zeugnisse bedient, bevor die eigentliche Horrorszene beschrieben wird – und die eine effektvolle Pointe nachreicht.

H. P. Lovecraft & Lin Carter: „Die Glocke im Turm“ (1989)

Ein frischgebackener Besitzer des verbotenen Buches „Necronomicon“, Williams, erzählt seinem Nachbarn davon, um ihn um Hilfe bei der Übersetzung des altertümlichen Latein zu bitten. Der alte Mann rastet total aus und warnt Williams dringend vor der Lektüre des unheiligen Buches. Der Grund liegt in der Lebensgeschichte dieses Lord Northams selbst. Er stammt aus einem Adelsgeschlecht, das bis in die Römerzeit zurückreicht. Im Stammschloss gibt es daher uralte Gemäuer und Grüfte. Eines Tages durchsuchte er die Familienbibliothek nach mehr esoterischem Wissen. Hinter dem „Necronomicon“ stieß er auf eine Geheimtür und stieg in einen Turm hinauf.
Dort oben befand sich eine leere Schreibstube, die von einer großen silbernen Glocke beherrscht wurde.

Die Aufzeichnungen seines Ururgroßvaters erzählten von Experimenten mit dieser Glocke und verwiesen auf eine Stelle im „Necronomicon“: Im „Buch der Pforten“ ist das „Ritual der Glocke“ mit einer dicken Warnung versehen. Northam führt das Ritual elfmal aus und gelangt immer tiefer in eine Anderswelt voll historischer und fremder Wesen – bis er eines Tages von den Anderen erblickt wird. Obwohl er sein Experiment sofort abbricht, transportiert ihn fortan der Klang von Kirchenglocken sofort in diese Furcht erregende Anderswelt, wo Pilger einem hungrigen Gott huldigen …

Leider nur eine minderwertige Story ohne „kosmisches Grauen“, sondern mehr über einen Sucher, der an Dinge rührt, von denen er lieber die Finger lassen sollte.

D. R. Smith: „Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ (1950)

Al Hazred ist der bereits von Lovecraft zitierte arabische Verfasser des Zauberbuches „Necronomicon“ aus dem 7. Jahrhundert. Erzählt wird eine von Al Hazred als letztes Kapitel wiedergegebene Episode aus dem Leben des Marcus Antonius, der durch seine Affäre mit Königin Cleopatra in die Geschichte einging. Er hat sich mit seinen Soldaten in einem engen kahlen Bergtal in den Alpen verirrt, als er schließlich auf einen Bach und eine finstere Höhle stößt, aus der ein unaussprechlicher Gestank hervorströmt. Als er hineingeht, um das Tier zu erlegen, das dort haust, hören seine Männer Geräusche eines Kampfes. Nach einer Weile kommt ihr Anführer mit einem seltsam schleimigen Wesen heraus, das er ins Feuer wirft und dessen Herz er danach isst. Es handelt sich laut Al Hazred um den Vater der |Großen Alten|, den verstoßenen Erzeuger von Azathoth und Cthulhu etc.

Man darf sich schon etwas verblüfft fragen, was zum Geier ein Obergott in einer obskuren Alpengrotte verloren hat und wie es kam, dass ein simpler Mensch ihn überwältigen konnte. Kein Wunder, dass Al Hazred darüber verrückt wurde.

H. P. Lovecraft: „Dagon“ (1917)

… ist der Prototyp zu dem viel besser erzählten „Der Ruf des Cthulhu“. Ein entkommener Kriegsgefangener des 1. Weltkrieg strandet nach einer Irrfahrt auf einer ungastlichen Insel im Südpazifik. Der Strand besteht aus einem schwarzen, toten, schleimigen und ekligen Sumpf, auf dem nichts lebt. Er schleppt sich vier Tage lang (ohne Wasser!) zu einem Hügel hoch, der sich als Vulkankrater entpuppt. Ist dies der Eingang zur Unterwelt?, fragt er sich. Sein Blick fällt auf einen weißen Monolithen auf der gegenüberliegenden Felswand. Er ist bedeckt mit Sinnbildern, Flachreliefs und Schriftzeichen: Zu sehen sind humanoide Fischwesen, die aber so groß wie Wale sind.

Eines dieser Wesen taucht aus dem Kratersee auf, um den Monolithen, einen Altar, zu verehren. Der Gestrandete wird wahnsinnig. Er findet heraus, dass es bei den Philistern der Antike einen Fischgott namens Dagon gab und fragt sich, wann Dagons Geschlecht die im Großen Krieg untergehende Welt übernehmen werde. Da ertönt ein Klopfen an der Tür, eine schuppige Hand zeigt sich. Der Erzähler springt aus dem Fenster seiner Mansardenwohnung. (Zu |Dagon| siehe auch den Kurzroman [„Der Schatten über Innsmouth“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=506 der ebenfalls in der Lovecraft’schen „Bibliothek des Schreckens“ als Hörbuch erschienen ist.)

Christian von Aster: „Ein Porträt Torquemadas“ (2002)

Diese ausgetüftelte Erzählung erreichte den 1. Platz in einem Cthulhu-Storywettbewerb.

In einem Hospital sitzt der vom Vatikan geschickte Dominikanermönch Cajetanus am Bett von Felix Ney, um sicherzustellen, dass Neys Aufzeichnungen niemand Unbefugtem in die Hände fallen. Ney war als Kunsthistoriker in München tätig, als er dort in der Pinakothek ein Gemälde zerstörte. Offenbar konnte ihn nur ein Hirntumor zu dieser Wahnsinnstat veranlasst haben. Doch dies ist Neys Geschichte aus seinem Tagebuch:

Ney untersuchte vier Gemälde eines florentinischen Malers des 15. Jahrhunderts auf Geheimnisse. Der Maler Delcandini, so findet er heraus, hat Bruchstücke einer geheimen Botschaft sieben Jahre lang über alle vier Gemälde verteilt. Das letzte Gemälde zeigt den spanischen Großinquisitor Torquemada, der Hunderttausende von Menschen auf den Scheiterhaufen schickte. Das Bücherregal im Bild zeigt – übermalt – das verbotene „Necronomicon“ des Abdul Al Hazred! Auch die anderen Gemälde hätte die Katholische Kirche nicht zerstört und so blieb die Botschaft erhalten.

Diese besteht aus dem Protokoll eines Gesprächs zwischen Torquemada und Papst Ignatius: Sie verbünden sich, um mehr Macht zu gewinnen. Allerdings ist Torquemada ein Anhänger Cthulhus und seiner Brut. Cajetanus befürchtet, dass Torquemadas Nachfolger immer noch im Vatikan wirken. Er ist nämlich selbst ein Handlanger der Inquisition.

Die HPL-Zwischentexte und Vorworte stammen von Verleger Frank Festa, die Ansage von Franziska Pigulla.

Den Abschluss bildet eine vierzehn Minuten lange Hörprobe aus der langen Novelle „Der Schatten über Innsmouth“ ausgezeichnete Einstimmung auf die eigentliche Geschichte aus dem Jahr 1931.

Die Sprecher

Joachim Kerzel verleiht den Erzählungen mit seiner tiefen, rauen Stimme erst den eigentlichen gruseligen Touch. Die düsteren Gothic-Chöre, die längere Passagen abtrennen, verstärken den Eindruck dunkler Mächte noch. Kerzel ist aber in „Der Schatten über Innsmouth“ als Zadok Allen noch viel eindrucksvoller.

David Nathan ist nicht sonderlich gefordert, wenn er die Sachtexte liest. Ab und zu hört man mal ein amüsiertes Heben der Stimme.

Was ist eine „inszenierte Lesung“? Es handelt sich um ein Mittelding zwischen Lesung und Hörspiel. Während die Lesung nur auf den Text setzt, bringt das Hörspiel auch Musik und Geräusche ein (von einschneidenden Kürzungen mal ganz abgesehen).

Dem Thema der bösen |Großen Alten| entsprechend, setzt die Musik von Andy Matern auf düstere Effekte à la „Dies irae“, ohne allerdings auf konkrete Vorbilder zurückgreifen. Die kompetente Regie führten Sven Hasper & Oliver Rohrbeck.

Unterm Strich

Hoffentlich machen schön inszenierte und rundum informativ gestaltete Hörbücher wie dieses bald Schule! Die Sprecher, die über den Erfolg entscheiden, gehören zu den besten (und bestbezahlten) der Republik (trotzdem ist auch Kerzel nicht gegen Aussprachefehler gefeit, s.o.).

Die Musik verleiht ihnen den emotionalen Rahmen, mit dem sie arbeiten können. Dem nicht genug, bekommt der Hörer auch hilfreiche Informationen zum Autor H. P. Lovecraft geboten. Sie erklären zwar nicht den Zweck des |Cthulhu|-Mythos, machen aber zumindest seine Entstehung verständlich. Diese literaturhistorischen Hinweise sind beim Hörbuch „Der Schatten über Innsmouth“ sogar stärker ausgebaut.

Umfang: 275 Minuten auf 4 CDs
www.luebbe-audio.de

Raymond Jean – Die Vorleserin

Nur wenige kennen jenen verschmitzt-erotischen Film von Michel Deville aus dem Jahr 1988: „Die Vorleserin“. (Der Film wurde 1988 bei den Filmfestspielen in Montreal mit dem Großen Preis ausgezeichnet.) Aber er ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Literatur und ihre Macht, sondern auch an die Erotik, die vom Akt des Vorlesens ausgehen kann. Denn Liebe und Lesen sind Verwandte: Beide stellen eine Reise dar, sagt Raymond Jean in seinem Werk, gleichgültig, ob es sich um Film, Buch oder – wie hier – um Hörspiel handelt.

Der Autor

Raymond Jean, geboren am 21. November 1925 in Marseille, ist ein französischer Schriftsteller, der zunächst vom Sozialrealismus und dem |Nouveau Roman| beeinflusst wurde. Außer „Die Vorleserin“ (1986), einer satirischen Sozialkomödie, verfasste er drei weitere Romane, darunter „Mademoiselle Bovary“ (1991), „Les Grilles“ (1963) und „La Vive“ (1968). Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Professor an der Universität der Provence. (Jedenfalls wurde sein Ableben noch nicht im Internet verzeichnet.) Erst durch den Erfolg des schönen Filmes von Michel Deville mit Miou-Miou in der Titelrolle wurde Raymond Jean mit seinem Werk bekannter.

Die Sprecher

Svenja Pages spricht Marie Constance, eine weitere bekannte Stimme ist Anne Moll. Ingesamt sind 14 Sprecher verzeichnet. |Radio Bremen| und |Saarländischer Rundfunk| produzierten das Hörspiel 1999 gemeinsam. Die Hörspielfassung stammt von Andreas Lammers, Regie führte Hans Helge Ott, und Rudolf Schmücker steuerte die Musik bei.

Handlung

Marie Constance, schon 34, hat ihr Studium abgebrochen, die Schauspielschule aufgegeben und lebt neben ihrem arbeitsbesessenen Mann Philippe in den Tag hinein. „Mach wenigstens etwas!“, drängt ihre beste Freundin Francoise. „Warum bietest du deine Dienste nicht einfach als Vorleserin an?“ Und das tut Marie Constance (MC) dann auch. Aber was soll sie vorlesen? Ihr alter „Meister“, das heißt ihr früherer Professor Roland, empfiehlt ihr Maupassant: „Die Hand“. Eine gruselige Erzählung.

Der Mann in der Anzeigenannahme der Zeitung rät ihr gleich, unzweideutig zu formulieren. Für was solle man sie denn halten? Also bietet sie nicht sich selbst, sondern lediglich ihre Vorlesedienste an. Die erste Kundin ist die Mutter des gelähmten Jungen Eric. Sie liest ihm „Die Hand“ vor, während ihr der Kleidsaum immer höher rutscht. Eric kommt mit einem schweren Asthmaanfall ins Krankenhaus, und MC fühlt sich schrecklich schuldig. Zum Glück strahlt Eric bald wieder. Der Kleidsaum darf künftig noch höher rutschen.

Kundin Nummer zwei ist die 82 Jahre alte Generalswitwe Dumesnil, kurz „Die Generalin“ genannt. Obwohl sie aus einer ungarischen Adelsfamilie stammt, ist sie glühende Verehrerin der Revolution und lässt MC prompt nur noch Karl Marx vorlesen. Welch grässliche Prosa, findet MC. Die Generalin schläft dabei regelmäßig ein.

Der dritte Kunde ist ein vielbeschäftigter Generaldirektor, der sich angeblich vorgenommen hat, etwas für seine Bildung zu tun. Nachdem er aber gestanden hat, seit einem halben Jahr von seiner Frau getrennt zu leben und sich nach weiblicher Gesellschaft zu sehnen, ist für MC der Fall klar. „Retten Sie mich!“ ruft Michel Dautrand. Sie bietet ihm hilfreich ihren Mund dar. Der weitere Weg führt ins Schlafzimmer. Denn Lesen ist wie die Liebe: beides ist eine Reise.

Die vierte Kundin ist eine gluckenhafte Geschäftsfrau mit einer total unterdrückten achtjährigen Tochter Clorinde. Dieser liest MC natürlich „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll vor. Während sie mit ihr anschließend in den Park spazieren geht, ruft die Mutter die Polizei und meldet eine Kindesentführung samt Juwelenklau …

Bei der Generalin geht es hingegen lustiger zu. Kur vor dem 1. Mai, sozusagen dem Feiertag der Revolution, spielt sie „Die Internationale“ ab und schwenkt eine rote Fahne. Marie Constance wird aufs Polizeirevier zitiert, wo man sie schon als notorische Unruhestifterin kennt, wie Kommissar Belloit meint. Das Einzige, was ihm an MC gefällt, sind offenbar ihr Beine.

Am 1. Mai schließlich kommt es zur Krise: Die Generalin zwingt MC, in der ersten Reihe der Arbeiterkundgebung mitzumarschieren. Und o weh! Da kommt auch die kleine Clorinde, um sich der Demonstration anzuschließen. Ihre Mutter wird außer sich sein. Prompt wird MC wieder aufs Revier zitiert. Die Anklage lautet auf Aufrührerei. Belloit warnt sie.

Doch es kommt noch schlimmer, und MC muss einsehen, dass auch ihre Toleranz beim Vorlesen eine Grenze kennt. Bei de Sade, den man sie vorzulesen bittet, hört der Spaß eindeutig auf.

Mein Eindruck

Marie Constance scheint, oberflächlich betrachtet, in mehrere amouröse, skurrile bis aberwitzige Situationen zu geraten. Da ist der querschnittsgelähmte Eric, die vernachlässigte Clorinde, die einsame Klassenkämpferin, der unter Sexentzug leidende Generaldirektor. Ihnen allen bringt die Literatur Linderung ihrer Leiden. Aber ist es wirklich das Vorgelesene und nicht vielmehr die Vorleserin selbst, die ihnen etwas gibt? Was könnte das sein?

Denn es gibt auch die Gegenseite: der Kommissar Belloit, der MC zur Rebellin und Aufrührerin hochstilisiert, um sie zu warnen; der Medizin-Professor D’Arc, der an ihr Verantwortungsbewusstsein appelliert, um MC zu kontrollieren; schließlich die Geschäftsfrau, die sofort die Polizei ruft, wenn ihr Töchterlein an die frische Luft will. Die Krönung dieses Unterdrückungsapparates bildet das „Vorlese-Fest“, das drei ehrenwerte Männer für MC vorbereitet haben: ausgerechnet der Kommissar, der Arzt und ein Magistrat mit distinguierter Stimme (s. u.). Symbolisch für ihr Begehren steht der Marquis de Sade.

Diesen „Kontrollorganen“ steht Marie Constance gegenüber. Einfach indem sie ihre Dienste und ihre erotisierende Präsenz anbietet, setzt sie bei ihren älteren – und jüngeren – Kunden eine Befreiungsbewegung frei: Dem Generaldirektor gewährt sie entspannte Liebe, der Generalin einen Ausbruch von klassenübergreifender Solidarität, der 14-jährige Eric entdeckt die Wonnen der Erotik („Könnten Sie nächstes mal bitte ohne Höschen kommen, Madame?“) und die kleine Clorinde reißt sich von der Mutterhand los, um sich an MCs Seite in die Mai-Kundgebung einzureihen.

Dass so viel Erotik und Befreiung als aufrührerisch und befreiend angesehen wird, kann nicht ausbleiben. Die Kontrollorgane ergreifen die Initiative. Diese junge Dame hat bereits genug gesellschaftlichen Erfolg gehabt, nicht wahr? Belloit & Co. machen nun die Probe auf’s Exempel: Wenn MC sich ihren demütigenden Wünschen beugt, soll sie auch in die höchste Ebene der „ehrenwerten Gesellschaft“ aufgenommen werden dürfen – quasi als Stiefelleckerin. Denn darum geht es bei dem Zitat aus de Sades „120 Tage“ (und um noch viel Intimeres). Im Klartext: Die Aufrührerin wird ihrer Ehre und Selbstachtung beraubt, woraufhin man sie an die Kandare legt, wenn sie alles erfüllt, was man von ihr verlangt. Ob sich MC wohl darauf einlässt?

Wenn man Raymond Jeans Text von der gefälligen Verpackung befreit, enthüllt sich eine handfeste Kritik der bürgerlichen Gesellschaft. Die Hörspielbearbeitung durch Andreas Lammers beschneidet diese Aussage nicht, sondern arbeitet sie vielmehr heraus, ohne dabei die vorgetragene Literatur zu unterdrücken (das wäre ja noch schöner!).

Die Sprecher, die Inszenierung

Als Erstes hören wir Svenja Pages‘ angenehme (erotisierende?) Stimme, die ein Gedicht von Charles Baudelaire rezitiert, und zwar so, dass die Verse und Worte deutlich und einzeln zur Geltung kommen. Im ganzen Hörspiel wird nichts heruntergeleiert, im Gegenteil: Allen Sprechern hört man die Sprechausbildung aus der Schauspielausbildung an. Dies hat mehrere Effekte.

Der Intimität, die zwischen den beiden Freundinnen MC und Francoise durch raschen Wechsel und sogar Überlagerung hörbar wird, stehen die Szenen gegenüber, in denen MC quasi im „Außendienst“ ist. Der Kontrast zwischen den Gedanken, die MC äußert, und dem, was sie sagt und sich anhören muss, führt oft zu Ironie. Diese Ironie ist häufig sympathisch gegenüber den Profiteuren von MCs Vorlesediensten, allen voran Eric und der Generaldirektor, manchmal aber auch recht kritisch, so etwa gegenüber dem geilen Kommissar.

Manchmal tritt MC auf wie eine Agentin im Auftrag ihrer Majestät, der Literatur und Erotik. Sie verkleidet sich mit einem strengen Kostüm und einer Brille mit nicht-optischen Gläsern. Sie wappnet sich mit Rüstung und Lüge, doch sie passt nie ihre Stimme an. Darum können wir andererseits nachvollziehen, wie aus der Agentin eine verehrende Jüngerin der Venus wird, wenn sie mit dem Generaldirektor ins Bett geht. Schöner gehauchte Zitate hat man selten gehört. (Man stelle sie sich dann auch noch in Französisch vor!)

Die schönste Stimme aber hat meiner Meinung nach die „Generalin“, die einmal „die schönste Frau auf den Bällen der Militärattachées“ gewesen sein will. Ihre Stimme klingt rauchig, gereift wie alter Wein, und doch kraftvoll. In bizarr-ironischem Kontrast dazu steht ihre närrische Vorliebe für die knöchernen Sätze des deutschen Frühkommunisten Marx. Wenn er über Edelmetalle doziert, bekommt sie beinahe einen Anfall der Ekstase – davon wird sie zum Glück von der Demo draußen auf der Straße abgehalten. Man kann sich die Ungarin in ihrer Jugend gut als feuriges Frauenzimmer vorstellen.

Die einzige Stimme, die meiner Ansicht nach nicht passt, ist ausgerechnet die des jungen Eric, den MC so aufreizend mit Baudelaire und hochgerutschtem Rocksaum beglückt. Eigentlich sollte er mit 14 Jahren ja seinen Stimmbruch bereits hinter sich haben, doch sein Sprecher klingt leider, als hätte er diesen vokalen Einschnitt noch weit vor sich.

Der verschlagenste Profi-Sprecher ist gegen Schluss zu hören: Mit der distinguiertesten, gepflegtesten und offensichtlich ehrbarsten Stimme bittet Jürgen Thormanns Figur des Magistrats um das schlimmste Stück Literatur, das MC bis dato untergekommen ist. Natürlich kann dessen Inhalt dem Hörer nicht vorenthalten werden, da es ja als Beleg für die finsteren Absichten des Kunden dient. Jürgen Thormann ist der Beweis dafür, wie sehr eine ausgebildete Stimme den Eindruck von den wahren Absichten seiner Figur zu verschleiern vermag. Thormann ist ein echter Künstler. Leider enthüllt das mager ausgestattete Booklet nichts über seinen Namen; aber man kennt Thormann aus Fernseh- und Kinofilmen, in denen er britischen Adligen seine Stimme leiht.

Musik

Alle Episoden sind durch Pausenmusik abgetrennt. Dabei handelt es sich um sehr gefällige Caféhausmusik, Piano-Jazz mit brasilianischen Rhythmen und Hintergrundgesang. Da diese Rhythmen aber auch die angenehmen Szenen dezent begleiten, entsteht dabei eine heiter-beschwingte Stimmung, wie sie den Spätsommer-Episoden sehr angemessen ist. Bei ernsten Szenen hingegen fehlt die Musik, aus hoffentlich verständlichen Gründen.

Unterm Strich

Das Hörspiel bietet eine sehr gefällige und heiter-beschwingte, leicht ironisierende Darbietung des Textes. Doch eine genauere Strukturanalyse ergibt, dass es sich bei „Die Vorleserin“ durchaus um ein handfestes Stück Kritik der bürgerlichen Gesellschaft handelt. Aber sowohl Leute, die sich unterhalten lassen wollen, als auch Hörer, die auf die tiefere inhaltliche Seite achten, kommen auf ihre Kosten. Die Episoden sind kurzweilig, überschaubar, skurril und aussagekräftig genug, um die Aufmerksamkeit des Hörers zu fesseln. Und manche Stellen sind wirklich o lalá.

Das Hörbuch

Das Hörspiel ist sehr professionell inszeniert, alle Sprecher bis auf eine Ausnahme klingen passend und professionell. Die Musik trägt die entspannt-verspielte Grundstimmung voran: Es ist Sommer … Möge die ‚Vorleserin‘ auch den Weg in eure Stuben finden.

Umfang: 58 Minuten auf 1 CD

Montgomery, Lucy Maud – Anne in Windy Poplars, Folge 16: Abschied von Summerside

_Taschentuchalarm: Rabenväter und Shotgun Weddings_

Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. (Fortsetzung von „Anne in Kingsport“)

Die Lage im Hause Sinclair spitzt sich immer mehr zu. Anne rät ihren Lieblingsschülern daraufhin zu einem gewagten Schritt – wohl wissend, dass dies sicherlich Ärger verursachen wird. Aber auch an anderer Stelle sorgt Anne für Wirbel. Der kleinen Elizabeth im Nachbarhaus stehen einige aufregende Stunden bevor …

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des sympathischen Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie, gesprochen von den deutschen Stimmen vieler Hollywood-Stars.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die 1. Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: [Die Ankunft]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4827
Folge 2: [Verwandte Seelen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4852
Folge 3: [Jede Menge Missgeschicke]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4911
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die 2. Staffel: Anne auf Avonlea

Folge 5: [Die neue Lehrerin]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5783
Folge 6: [Ein rabenschwarzer Tag und seine Folgen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5806
Folge 7: [Eine weitere verwandte Seele]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5832
Folge 8: Das letzte Jahr als Dorfschullehrerin

Die 3. Staffel: Anne in Kingsport (Frühjahr 2009)

Folge 9: Auf dem Redmond College
Folge 10: Erste Erfolge als Schriftstellerin
Folge 11: Die jungen Damen aus Pattys Haus
Folge 12: Viele glückliche Paare

Die 4. Staffel: Anne in Windy Poplars (Herbst 2009)

Folge 13: [Die neue Rektorin]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6084
Folge 14: [Ein harter Brocken]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6085
Folge 15: [Das zweite Jahr in Summerside]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6110
Folge 16: Abschied von Summerside

Die 5. Staffel: „Anne in Four Winds“ (Frühjahr 2010)

Folge 17: Ein neues Zuhause
Folge 18: In guten wie in schlechten Zeietn
Folge 19: Verwirrung der Gefühle
Folge 20: Ein neuer Anfang

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Erzähler: Lutz Mackensy (Synchronstimmer von: Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Synchronstimme von: Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Und viele andere.

Regie führten Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Illustration stammt von Firuz Askin. Hier ist einzige Kritik angebracht: Das Mädchen auf dem Titelbild, das Elizabeth darstellen soll, sieht meiner Auffasung nach viel zu alt aus, fast schon erwachsen. Und doch vergingen in Summerside nur zwei Jahre. Oder waren es doch drei? Wie die Zeit vergeht!

_Handlung_

Als Anne Anfang des neuen Jahres wieder nach Windy Poplars zurückkehrt, erzählt sie, dass Katherine Brooke mit dem kleinen Hündchen, dass sie ihr geschenkt habe, in ein neues Domizil ziehen werde, das gar nicht weit entfernt liege. Die Bewohnerinnen von Windy Poplars sagen ihr sofort, sie soll Katherine einladen, und diese verspricht auch zu kommen.

Im Nachbarhaus „Evergreens“ stehen die Dinge immer noch schlimm, denn Mrs. Campbell hat ihrer Urenkelin Elizabeth das Vorsingen verboten, worüber das Mädchen sehr traurig ist. Doch Anne weiß von Rebecca, dass Mrs Campbell eine erbitterte Feindin des Pringle-Clans ist. Sie braucht nur zu erwähnen, dass eines der Pringle-Mädchen sowieso besser als Elizabeth singen würde, als Mrs. Campbell auch schon ihre Erlaubnis erteilt. Elizabeth ist selig. Aber wer ist bloß dieser Rabenvater, der seine Tochter so im Stich lässt?

Die Sommerferien verbringt Anne ein letztes Mal zusammen mit Katherine Brooks. Die Bekehrte will nicht mehr als Lehrerin arbeiten, sondern hat sich für einen Kurs als Fremdsprachensekretärin am Redmond College eingeschrieben, denn sie sehnt sich nach den Orten im Orient, die zu bereisen sie sich schon immer gewünscht hat. Aber auch Elizabeth darf diesmal mit und findet in Davy und Dora zwei wunderbare Spielkameraden. Gilbert Blythe hilft beim Eisenbahnbau im Westen, um Geld für sein Medizinstudium zu verdienen.

|Shotgun Wedding|

Louis Allen, der angehende Fotograf, und Sophie Sinclair, die talentierte Schauspielerin, wollen eigentlich heiraten, aber Sophie hat schreckliche Angst, dass ihr Vater diese Verbindung ablehnt, weil er zu sehr auf die Familienehre bedacht ist. Anne soll sich nicht einmischen, hat aber nur einen Rat parat: In diesem Fall können Louis und Sophie nur durchbrennen und auf eigene Faust heiraten! Dann müsse sich Sophie nicht zwischen Louis und ihrem Vater entscheiden.

Alles ist für die heimliche Trauung im Haus der Armstrongs vorbereitet, wo Louis jetzt wohnt, und der Pfarrer wartet schon, doch wo ist die Braut? Verzweifelt fährt Louis durch den strömenden Regen zu Anne, um sie um Hilfe zu bitten. Es gibt nur eines zu tun: Sie muss Sophie umstimmen, denn die hat bestimmt die Hosen voll …

|Ein Rabenvater kehrt zurück|

Nach dem glücklichen Ende dieser Affäre begibt sich Anne im Sommer auf die versprochene Bootstour mit Elizabeth. Zusammen rudern sie zur Insel Flying Cloud, wo sich Elizabeths „Traumland“ befindet. Vor Monaten hat Anne dem Vater des Mädchens einen ermahnenden Brief geschrieben, aber bis zum heutigen Tage keine Antwort erhalten, was sie ziemlich frustriert. Elizabeth fürchtet, dass dies ihr Ende sein werde, was die Tanten in Windy Poplars mal wieder zum Schluchzen bringt, als sie davon hören.

Doch der Maitag auf der Insel ist wunderschön, und Anne hat einen Auftrag zu erledigen: Sie soll Mrs. Thompson, die hier wohnt, einen Brief bringen. Doch die Frau befindet sich am anderen Ende der Insel beim Pflücken wilder Erdbeeren. Während Anne losgeht, bleibt Elizabeth an der Landestelle. Da tritt ein Mann auf, der seinen Namen nicht nennt, aber so freundlich ist, dass er Elizabeth ein Eis mit Erdbeermarmelade spendiert. Aber als Anne zurückkommt, verschwindet er wieder. Wer mag er gewesen sein? Zusammen erkunden Anne und Elizabeth die Insel, finden ihn aber nicht, bevor sie heimkehren müssen.

Doch auf dem Heimweg gehen einem Kutscher die Pferde durch. Die stoßen Elizabeth so heftig um, dass sie in Ohnmacht fällt. Erst im Krankenhaus erwacht sie wieder. Zwei Erwachsene sprechen über sie. Der eine ist unverkennbar Anne, doch der Mann … der Mann, der ihr das Eis spendierte, gibt sich endlich als ihr Vater zu erkennen …

_Mein Eindruck_

Das gemeinsame Thema der beiden Episoden, die durch drei Folgen vorbereitet wurden und endlich ihren Abschluss finden, sind Väter. Man kann also sagen, dass das Fehlen der Väter ein Generalthema dieser Staffel ist. Auch Louis Allen und Teddy Armstrong sind vom Schicksal ihrer Väter betroffen, und Anne hat ihren eigenen nie kennengelernt. Matthew Cuthbert wurde ihr Ersatzvater, und seiner Liebe verdankt sie ihre positive Einstellung den Männern und dem Leben gegenüber.

Die Männer am Ende des 19. Jahrhundert sind rein rechtlich immer noch die unumschränkten Herrscher, doch im praktischen Alltag werden sie zunehmend von Frauen bestimmt, die auf mehr Rechte pochen. Das illustriert bereits Annes eigene selbstbestimmte Lebensweise. In dieser vierten Folge nimmt sie nun den Kampf mit zwei ganz verschiedenartigen Bastionen der Vaterschaft auf: Mr. Sinclair ist zu selbstherrlich und Mr. Grayson ist völlig abwesend. Welcher von den beiden ist schlimmer?

|Zwei Arten Väter|

Nun, beiden kann auf die Sprünge geholfen werden, wie sich zeigt. Das Gespräch mit dem patriarchalischen Mr. Sinclair verläuft ganz anders, als Anne befürchtet hat, denn am Ende ist der Patriarch sogar froh, dass sie ihm die ganze Arbeit abgenommen hat, Sophie zu verheiraten. Typisch Kerl! Andere die Arbeit machen lassen, um nur nicht das eigene Ansehen in der Sippe zu ramponieren! Anne weiß nicht zu wüten oder lachen soll. Als Diplomatin tut sie weder das eine noch das andere, sondern ist froh, ihren Lieben in Windy Poplars die frohe Botschaft überbringen zu können, dass das „Shotgun Wedding“ mit der „Runaway Bride“ Sophie ein gutes Ende gefunden hat.

|Rabenvater?|

Anne hat Mr. Grayson, den Vater ihres Schützlings Elizabeth, eigentlich in Paris vermutet, also schrieb sie einen geharnischten Brief an seine Firmenzentrale – ohne jedoch je eine Antwort zu erhalten. Nun taucht Mr Grayson unerwartet auf der Insel Flying Cloud und in Summerside auf. Wie Mr Sinclair ist auch er gottfroh, dass ihm Anne die Arbeit abgenommen und sich um seine Tochter gekümmert hat. Typisch Mann! Er hat nur die jämmerliche Entschuldigung vorzubringen, dass sein Boss etwas gegen Elizabeth gehabt hätte. Was nichts Gutes von diesem Boss erwarten lässt, oder? Wenigstens will sich Grayson fortan um die Tochter kümmern – reichlich spät, nachdem sie um Haaresbreite dem Tod von der Schippe gesprungen ist.

Wie man sieht, weiß die Autorin nicht allzu viel Gutes über das Verhalten von Vätern zu erzählen. Deshalb kommt den Frauen die Aufgabe zu, sich um die Ordnung solcher chaotischen Angelegenheiten zu kümmern, um wenigstens so den Fortbestand der menschlichen Rasse zu gewährleisten, vom Glück und Wohlergehen ihrer jüngsten und schwächsten Mitglieder ganz zu schweigen.

|Abschiede|

So viele Abschiede, so viele Tränen! Am besten ein dickes, großes Taschentuch bereithalten, um den Wasserfall aufzufangen!

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die zwanzigjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich jugendlich. Manchmal darf sie aber auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen, besonders mit „verwandten Seelen“.

Unter den weiteren weiblichen Sprecherinnen ragen die der Marilla Cuthbert (Dagmar von Kurmin) und der Rachel Lynde (Regina Lemnitz) heraus, die Anne regelmäßig im Sommer und zu Weihnachten besucht. Regina Lemnitz ist die Inkarnation der Plaudertasche und der wandelnden Gerüchteküche. Außerdem scheint ihre Rachel Lynde Vorsitzende des Dorfverschönerungsvereins zu sein und hat entsprechend viele Sorgen um die Ohren. Und sie ist natürlich die beste Freundin von Marilla Cuthbert, die die Witwe in ihr Haus aufgenommen hat.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1882, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Um die Epoche zu verdeutlichen, ist kein einziges Auto zu hören, sondern nur diverse Kutschen und Karren.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama, Rührung und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Besonders fiel mir die Variation von Heiterkeit und Rührung, von Verträumtheit und Aufbruchstimmung auf.

Als Intro erklingt die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Das Generalthema der Väter hat die ganze Staffel durchzogen und findet nun in zwei Varianten seinen Abschluss. Anne setzt sich jeweils konstruktiv mit den Vätern auseinander. Nachdem die vorhergehende Staffel das Thema der jugendlichen Liebe bis zur Verlobung durchexerziert hat, verweist diese Staffel nun bereits auf das kommende Generalthema voraus: Annes Ehe mit ihrem bisherigen Verlobten Gilbert Blythe. Ob er sich wohl als optimaler Vater ihrer Kinder erweisen wird? Nach dieser Staffel würden wir nicht unbedingt eine Million Euro auf ihn setzen, selbst wenn er als herzensguter Kerl erscheint. Mit anderen Worten: Für Anne Shirley bleibt es spannend, und es gibt wie immer jede Menge zu tun, was die Menschen brauchen.

|Das Hörspiel|

Man merkt dem Hörspiel die Mühe und Liebe an, die darauf verwendet wurden. Besonderes Vergnügen hat mir die akustische Umsetzung des Buches bereitet. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, das man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den „Spider-Man“-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln.

|1 CD mit 54 Minuten Spielzeit
ISBN-13: 978-3785741412|
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Wilhelm Hauff – Das Gespensterschiff (Gruselkabinett Folge 171)

Halligalli auf des toten Manns Kiste

Basra, 1825: nach dem Tod seines Vaters möchte der junge Kaufmannssohn Achmet sein Glück in der Fremde versuchen und besteigt daher mit seinem Diener Ibrahim ein Schiff nach Indien. Als sie nach knapp zweiwöchiger Reise in einen Sturm geraten und plötzlich ein geheimnisvoller Segler mit johlender Besatzung aus dem Nichts auftaucht, gerät der Kapitän in Panik, da er in der vorbeidonnernden Mannschaft den Tod persönlich zu erkennen meint. Tatsächlich sinkt kurz darauf sein Schiff, und Achmet und Ibrahim scheinen die einzigen Überlebenden zu sein… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.
Wilhelm Hauff – Das Gespensterschiff (Gruselkabinett Folge 171) weiterlesen

Hambly, Barbara / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – Jagd der Vampire. Teil 1 von 2 (Gruselkabinett 32)

Mystery-Actionkrimi unter den Jägern der Nacht

London 1907. Seit Jahrhunderten treiben die Vampire in den dunklen Gassen unbehelligt ihr Unwesen. Nun jedoch sehen sie sich einer ernstzunehmenden Gefahr gegenüber. Ein Unbekannter öffnet am Tag ihre Särge und setzt sie dem todbringenden Sonnenlicht aus. Nur einer kann den Blutsaugern noch helfen: der ehemalige Meisterspion James Asher … (Verlagsinfo)

Vom Verlag wird das Hörbuch empfohlen für Hörer ab 14 Jahren.

Die Autorin

Die Amerikanerin Barbara Hambly, geboren 1951, erzielte mit ihrer frühen Darwath-Trilogie – es gibt auch eine später geschriebene – den literarischen und kommerziellen Durchbruch im Fantasy-Genre. Inzwischen zählen die unter dem Titel „Gefährtin des Lichts“ zusammengefassten Romane zu den Klassikern der Fantasy-Literatur. Hambly wurde auch für ihre Vampirromane („Gefährten der Nacht“ und „Jagd der Vampire“) und zahlreichen Fantasy-Bücher bekannt, wie etwa den Wenshar- und den Sonnenwolf-Zyklus.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Rollen und ihre Sprecher:

Prof. James Asher: Wolfgang Pampel (dt. Stimme von Harrison Ford, Larry Hagman)
Lydia Asher: Claudia Urbschat-Mingues (Angelina Jolie)
Simon Ysidro: Nicola Devico Mamone (Gael García Bernal, Diego Luna)
Frau im Zug: Monica Bielenstein (Emma Thompson)
Bully Joe Davies: Markus Pfeiffer (Colin Farrell als ‚Alexander‘, Jeremy Piven, Adrien Brody)
Lady Anthea Ernchester: Astrid Bless (Pam Grier, Candice Bergen)
Lord Charles Ernchester: Peter Reinhardt (Jeff Daniels)
Lionel Grippen: Uli Krohm (David ‚Oirot‘ Suchet, Randy Quaid, Scott Glenn)
Chloé: Anja Stadlober (Paris Hilton, Jennifer Hudson)
Evelyn Westmoreland: Uwe Büschken (Matthew Broderick, Greg Kinnear, Hugh Grant)
Kutscher: Tobias Nath

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand in den Planet Earth Studios statt und wurde bei Kazuya abgemischt. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

Handlung

London Ende des 19. Jahrhunderts. Seit der Zeit von Elisabeth I. haben die Vampire unentdeckt in der englischen Metropole gelebt. Doch jetzt werden sie, einer nach dem andern, von einem Unbekannten ermordet, indem ihre Särge im tödlichen Sonnenlicht geöffnet werden.

Da der Killer am Tage zu Werk geht, müssen sich die Vampire entgegen ihrer Tradition an einen Sterblichen um Hilfe wenden. Prof. James Asher, ehemaliger Meisterspion der englischen Krone und inzwischen als biederer Oxford-Tutor zur Ruhe gekommen, findet eines Tages seine Frau betäubt in seiner Wohnung vor. Obwohl er tatkräftig und bewaffnet ist (ein Messer steckt stets in seinem Stiefel), wird er blitzschnell entwaffnet. Unglaublich, wie schnell sich der Angreifer bewegen kann!

Der Mann, der Lydia ebenso wie die Köchin und das Dienstmädchen betäubt hat, stellt sich mit einem langen Namen vor, der in Kurzform Don Simon Ysidro lautet. Er lädt Asher kurzerhand nach London ein, um einen Auftrag auszuführen. Asher sei aufgrund seiner profunden Kenntnisse über den Balkan und dessen Volkslegenden ausgewählt worden. Obwohl ihm Ysidro beileibe nicht alles erzählt, muss Asher dennoch widerwillig akzeptieren, denn ansonsten muss Lydia für seinen Widerspruch büßen.

Die verkohlte Kurtisane

Zusammen fahren sie per Zug zum ersten Tatort. Auf der Fahrt hat Ysidro Asher ins Bild gesetzt. Vier Vampire sind bereits getötet worden. Nummer vier war Lotta Harshaw, die in einer Gruft auf dem Highgate Hill-Friedhof ruht. Oder vielmehr ruhte, denn nun ist sie völlig verkohlt. Einst sei sie eine attraktive Kurtisane der Gesellschaft gewesen, erzählt Ysidro, und deshalb war der Pflock durch ihr Herz und die Abtrennung ihres Kopfes eine höchst niederträchtige Methode, die Untote endgültig ins Jenseits zu befördern.

Während sie zu Lottas Londoner Wohnung fahren, berichtet Ysidro, dass ein französischer Vampir namens Calvert das erste solche Opfer war, dann kamen der Diener Danny King und der Schöngeist Edward Hammersmith an die Reihe. Vier Opfer in kurzer Zeit – für Asher ist klar, dass alle Vampire in großer Gefahr schweben. Aber wer steckt dahinter?

Eine Komplizin

Zurück in Oxford, fragt Asher seine Frau um ihre professionelle Meinung als Pathologin. Lottas Kopf wurde wohl mit einem Fleischermesser oder einem Skalpell abgetrennt. Deshalb kommt auch ein Arzt als Täter in Frage. Lydia besteht darauf, ihrem James zu helfen und ihn nach London zu begleiten. Sie beschließen eine Doppelstrategie: Während er mit Ysidro nach dem Killer sucht, forscht sie nach weiteren Vampiren. Das ist einfach, denn die Untoten müssen in Häusern wohnen, die seit über hundert Jahren nicht mehr den Besitzer gewechselt haben.

Ashers Konkurrent

Außerdem verkehrte Lotta in Lydias eigenem früheren Bekanntenkreis, bei den Westmorelands und Blaydons. Bertie Westmoreland starb vor wenigen Monaten, und Dennis Blaydon war als Verehrer James‘ direkter Konkurrent. Will er vielleicht zusammen mit den Vampiren James eins auswischen? Unwahrscheinlich, aber man darf keine Spur ungeprüft lassen. Sie wollen sich in gegenüberliegenden Pensionen in Londons Zentrum einquartieren. Über die Garderobe des British Museum können sie Nachrichten und Dokumente austauschen. Gut, wenn man einen ehemaligen Meisterspion zum Mann hat! Natürlich dürfen die Vampire nicht das Geringste von Lydias Ermittlung ahnen!

Französische Konkurrenz

In London merkt Asher, dass er beschattet wird, aber nicht von Ysidro, sondern von einem einfachen Kerl, der sich Bully Joe Davis nennt. Von ihm erfährt Asher von dem Meister der Vampire in London. Lionel Grippen hat die meisten Vampire als seine Zöglinge selbst gemacht, steht ihnen aber nun mit Misstrauen gegenüber, falls sie mal seine Macht begehren sollten. Doch Bully Joe wurde nicht durch Grippen zum Vampir, sondern durch den französischen Einwanderer Calvert, der Grippen seine Stellung streitig machen wollte. Was, wenn es sich bei den Morden um innere Machtkämpfe handelt? Das würde aber nicht die Methode mit dem tödlichen Sonnenlicht erklären.

Angriff aus dem Hinterhalt

Lydia ist ein Goldstück! Auf ihrer Liste alter Häuser tauchen der ermordete Edgar Hammersmith und das Haus von Lord und Lady Ernchester auf. Für sie arbeitete Danny King. Lady Ernchester, Lotta Harshaws engste Freundin, findet Ashers Besuch ganz schön kühn, denn schließlich könnte sie ihn jederzeit angreifen und bis auf den letzten Blutstropfen aussaugen. Ihr Mann pflichtet ihr bei und schaut Asher gierig an. Während sie Asher mit einer schönen Geschichte vom großen Brand Londons anno 1666, als alle Vampire verbrannten, ablenken, stürzt sich unvermutet Lionel Grippen auf den ahnungslosen Sterblichen!

Doch auch für diese Eventualität hat der Meisterspion Vorsorge getroffen …

Mein Eindruck

Anders als in der traditionellen, meist europäischen Vampirliteratur (Stoker, LeFanu usw.) geht es diesmal nicht primär um die faszinierende Subkultur der Vampire, sondern um die Untersuchung der Verbrechen an den Vampiren, die Ermittlung des Täters. Es handelt sich also um einen klassischen Detektivroman. Es liegt der Verdacht nahe, dass Sherlock Holmes das Vorbild für James Asher geliefert haben dürfte. Auch die kühle deduktive Kombinationsmethode James Ashers legt dies nahe.

Aber Asher ist verheiratet und braucht keinen Dr. John Watson, Doktor der Medizin, um ihm zur Seite zu stehen. Denn er kann sich auf die Hilfe seiner klugen und gebildeten Lydia verlassen, einer der ersten Pathologinnen überhaupt. Dass Lydia eine Pathologin ist, war in der damaligen Zeit ein revolutionärer Einbruch in die rein männlich dominierte Domäne der Medizin.

Lydia ist es auch, die die wissenschaftliche Theorie aufbringt, dass es sich beim Vampirismus um die Wirkung eines Virus handelt. Viren waren erst ein Jahr zuvor, anno 1906, entdeckt worden. Was, wenn jemand versuchen würde, mit Hilfe von Viren bestimmte Vampirmerkmale zu übertragen oder gar zu verändern? Dann könnte vielleicht sogar Sonnenlichtverträglichkeit erzeugt werden!

Bis zum Beweis dieser Theorie gelangt die Geschichte im ersten Teil noch nicht. Wenn es auch manchem vorkommen mag, als ob recht wenig passieren würde, so kommt es doch zu unerwarteten Übergriffen der Vampire auf den Sonderermittler Asher, so etwa von Seiten Lionel Grippens, dem Meistervampir. Immerhin war Grippen mal ein Arzt und hat demzufolge Ahnung von Viren, was ihn in Ashers Augen doppelt verdächtig macht.

Spannend ist auch das Verhältnis zwischen Asher und Ysidro. Wie weit kann er dem alten Vampir trauen? Sie müssen einander vertrauen, um weiterzukommen, doch Asher muss erkennen, dass Ysidro ihn angelogen hat: Der Mörder ist einer aus Ysidros eigener Sippe.

Als sie in Calverts Wohnung eindringen, stoßen Asher und Ysidro bei diesem ersten Opfer der Serie auf eine Spur, die nach Frankreich führt, nach Paris, in eine ganz bestimmte Kirche. Dorthin wird sie nun ihr Weg führen.

Die Inszenierung

Die Sprecher

Die Sprecher könnten direkt aus einem viktorianischen Stück stammen, so stilecht werden sie präsentiert und so gepflegt wissen sich die meisten auszudrücken. Besonders Wolfgang Pampels Asher tritt souverän auf und hat stets eine schlagfertige, unerschrockene Erwiderung auf den Lippen. Diese Vampire jagen ihm keine Angst ein, und wenn sie noch so seltsame Fähigkeiten haben, beispielsweise telepathische Hypnose, mit der sie ihre Opfer unter ihren Willen zwingen. Pampel vermittelt mit Harrison Fords deutscher Stimme das nötige Maß an Autorität und Tatkraft – eine exzellente Sprecherwahl (Pampel las auch die Hörbücher zu „Illuminati“ und „Sakrileg“).

Don Simon Ysidro, spanischer Edelmann von annähernd 400 Jährchen, flößte mir ein leises Grauen ein, denn sein zischelnder spanischer Akzent gemahnte mich an eine Schlange, die jederzeit zustoßen könnte. Nicola Devico Mamone, die deutsche Stimme des Spaniers Gael García Bernal, ist für diese Figur eine sehr passende Wahl. Unheimlich ist seine Fähigkeit, niemals die Contenance zu verlieren und stets cool zu bleiben.

Ein weiteres Highlight, obwohl seltener gehört, ist Claudia Urbschat-Mingues, die deutsche Stimme von Angelina Jolie. Ihre Lydia Asher vermittelt Tatkraft, Intelligenz, aber auch Weiblichkeit und Emotionalität. Die restlichen Figuren sind alle nebensächlich, doch die Sprecher verleihen ihnen durch ihren Einsatz nichtsdestoweniger große Glaubwürdigkeit. Dazu gehört etwa der junge Vampir Bully Joe Davis. Dass er einen Akzent aus dem Stadtteil Holborn haben soll, hört man ihm allerdings nicht an.

Musik

Jede Auseinandersetzung mit einem der Vampire wird fein säuberlich durch musikalische Motive vorbereitet, denn schließlich handelt es sich dabei um die wichtigsten Höhepunkte der Handlung. Immer wieder ist vorher dramatische Musik von den Streichern zu hören, die sich manchmal bis zu einem Crescendo steigert.

Zwischen und nach diesen dramatischen Auseinandersetzungen darf sich der Hörer ab und zu entspannen, meist bei einem romantischen Piano-Motiv oder einer Harfe. Einmal wird sogar elegante Tanzmusik der Belle Epoque angestimmt – Lydia ist auf einem Ball der oberen Zehntausend und quetscht Evelyn Westmoreland nach der Todesursache seines Bruders Bertie aus, der Lotta Harshaws Geliebter war.

Die Musik gibt sehr genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und ist mit klassischem Instrumentarium produziert – keine Synthesizer für klassische Stoffe! Die Musik steuert nicht nur die Emotionen des Publikums auf subtile Weise, sondern bestreitet auch die Pausen zwischen den einzelnen Akten. Dann stimmt sie das Publikum auf die „Tonart“ des nächsten Aktes ein.

Geräusche

Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Szenen dicht und realistisch aufgebaut, meist aber reichen Andeutungen aus. Zugpfeifen deuten so einen Bahnhof an, knarrende Türen einen Durchgang und das Rumpeln einer Droschke eine entsprechende Fahrt von A nach B.

Sounds

Doch manchmal reichen Musik und Geräusche nicht aus. In der aktuellen Frühjahrs-Staffel der drei Gruselkabinett-Hörspiele „Die obere Koje“, „Die Jagd der Vampire“ und „Das Schloss des weißen Lindwurms“ spielen Sounds erstmals eine auffallend bedeutende Rolle, um die Atmosphäre einer Szene zu verstärken. Musik allein reicht einfach nicht mehr, um den Horror zu evozieren und zu veranschaulichen.

Nun ist die Beschreibung von Sounds stets auf Analogien angewiesen, und auch ich muss mich damit behelfen. Das erste Mal, dass Sounds eingesetzt werden, ist die Friedhofszene auf Highgate Hill. Begleitet von Hintergrundmusik ertönen unheimliche Sounds, die nicht von den üblichen Instrumenten erzeugen werden, fast schon die Klagelaute der Toten und das Heulen des Windes.

Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

Das Booklet

… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von |Titania Medien|. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher. Die Titelillustration von Firuz Akin fand ich wieder einmal sehr passend und suggestiv.

Diesmal sind wieder in einem zusätzlichen Katalog Hinweise auf die nächsten Hörspiele zu finden:

Nr. 32 + 33: Barbara Hambly: Die Jagd der Vampire (2 CDs, März 2009)
Nr. 34: F. M. Crawford: Die obere Koje (April 2009)
Nr. 35: Bram Stoker: Das Schloss des weißen Lindwurms (April 2009)
Nr. 36+37: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray (erscheint im Oktober 2009)
Nr. 38: Hanns Heinz Ewers: Die Spinne (erscheint im November 2009)
Nr. 39: H. P. Lovecraft: Der Tempel (erscheint im November 2009)

_Unterm Strich_

Hamblys Buch wurde mit dem Leserpreis des |LOCUS|-Magazins als bester Horrorroman des Jahres ausgezeichnet. Mir schien dies bereits in der Buchform (es erschien bei |Bastei Lübbe|) einer der unterhaltsamsten und sehr flüssig verfassten Romane zum Thema Vampirismus zu sein. In der Zwischenzeit sind rund 20 Jahre vergangen, und die Flut der Vampirromane ist kaum noch zu überblicken. Die Untoten sind überall, wo „Gothic“ draufsteht.

Im Vordergrund steht bei Hambly nicht die Darstellung der sattsam bekannten Traditionen und Historie der Vampire, sondern die Untersuchung der Verbrechen, die Ermittlung des Täters. Es handelt sich also um einen klassischen Detektivroman. Es liegt der Verdacht nahe, dass Sherlock Holmes das Vorbild für James Asher geliefert haben dürfte. Auch die nostalgisch verklärt wirkende Zeit- und Ortswahl dürfte den Leser nicht aus ihrem Bann lassen.

Der Mystery-Actionkrimi lebt vom Kontrast zwischen der Kultur der Lebenden und jener der Untoten. Ganz nebenbei wird sehr schön über die Existenzbedingungen der jeweiligen Art philosophiert. Die Autorin führt einige neue Elemente ein, wie etwa die Rolle von Medizin und Wissenschaft, die zu einer Sonnenlichtverträglichkeit der Untoten führen könnte. Hier spielt die Ideenwelt von Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder Der neue Prometheus“ hinein. Auch das Verhältnis von Meister und Zögling wird intensiv ausgeleuchtet – es ist eine besondere Art seelischer Vereinigung und nachfolgender Abstoßung.

|Das Hörbuch|

Das Team von |Titania Medien| hat sich mal wieder ins Zeug gelegt, um ein stimmungsvolles Hörspiel zu inszenieren, das zugleich schaurig-schön und actionreich wie ein Mystery-Krimi ist. Mit Wolfgang Pampel als James Asher, dem Sprecher des Simon Ysidro und Claudia Urschat-Mingues ist eine hervorragende Besetzung gelungen. Die Nebenfiguren stimmen ebenfalls und überzeugen durch Kompetenz.

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und Stimmen von Hollywoodstars einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Augen- bzw. Ohrenmerk sollte man auf die verstärkt eingesetzten Sounds richten. Ich hätte mir noch ein wenig mehr Action gewünscht, doch diese kommt dann verstärkt im zweiten Teil zum Zug.

Originaltitel: Those who hunt the night, 1989
148 Minuten auf 2 CDs
ISBN-13 der Doppel-CD-Ausgabe: 978-3785738238

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_Das |Gruselkabinett| auf |Buchwurm.info|:_

[„Carmilla, der Vampir“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=993 (Gruselkabinett 1)
[„Das Amulett der Mumie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1148 (Gruselkabinett 2)
[„Die Familie des Vampirs“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1026 (Gruselkabinett 3)
[„Das Phantom der Oper“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1798 (Gruselkabinett 4)
[„Die Unschuldsengel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1383 (Gruselkabinett 5)
[„Das verfluchte Haus“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1810 (Gruselkabinett 6)
[„Die Totenbraut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1854 (Gruselkabinett 7)
[„Spuk in Hill House“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1866 (Gruselkabinett 8 & 9)
[„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2349 (Gruselkabinett 10)
[„Untergang des Hauses Usher“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2347 (Gruselkabinett 11)
[„Frankenstein. Teil 1 von 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2960 (Gruselkabinett 12)
[„Frankenstein. Teil 2 von 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2965 (Gruselkabinett 13)
[„Frankenstein. Teil 1 und 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3132 (Gruselkabinett 12 & 13)
[„Die Blutbaronin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3032 (Gruselkabinett 14)
[„Der Freischütz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3038 (Gruselkabinett 15)
[„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3489 (Gruselkabinett 16-19)
[„Der Werwolf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4316 (Gruselkabinett 20)
[„Der Hexenfluch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4332 (Gruselkabinett 21)
[„Der fliegende Holländer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4358 (Gruselkabinett 22)
[„Die Bilder der Ahnen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4366 (Gruselkabinett 23)
[„Der Fall Charles Dexter Ward“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4851 (Gruselkabinett 24/25)
[„Die liebende Tote“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5021 (Gruselkabinett 26)
[„Der Leichendieb“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5166 (Gruselkabinett 27)
[„Der Glöckner von Notre-Dame“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5399 (Gruselkabinett 28/29)
[„Der Vampir“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5426 (Gruselkabinett 30)
[„Die Gespenster-Rikscha“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5505 (Gruselkabinett 31)

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Lebendig begraben (POE #8)

„Lebendig begraben“ ist der achte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch an den ersten vier Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: [Der Goldkäfer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=867
#7: [Die Morde in der Rue Morgue]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=870
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan der Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne ihn sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und verschiedene weitere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon sieben Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe von Albträumen – über „Die Morde in der Rue Morgue“ – nicht verschont.

_Handlung_

Zehn Tage sind seit der Ankunft in New Orleans vergangen. Leonie Goron und „Edgar Allan Poe“ logieren noch in ihrer kleinen Pension. Leonie wird hier immer noch wegen ihrer Verpflichtung in der Stadt festgehalten, den Sarg ihrer Freundin Lucy Monahan, den sie mitgebracht haben, der Familie zurückzugeben. Das ist schon klar. Aber dies gilt nicht für Mr. Poe. Sein Grund zu bleiben ist Leonie selbst: Er hat sich in sie verliebt.

Wieder einmal sind sie zusammen zum Hafenkontor gegangen, um sich zu erkundigen, ob jemand nach dem Sarg gefragt habe. Wieder einmal haben sie eine negative Auskunft erhalten. Auch der Adressat „Tempelten“ habe sich nicht gemeldet. Möglicherweise habe er noch nicht vom Untergang der „Demeter 2“ erfahren, die den Sarg über den Atlantik transportieren sollte. Es gibt noch keine Transatlantikkabel für Telegramme, geschweige denn fürs Telefon.

Wie erstaunt sind Leonie und Poe, als sie vor dem Hafenkontor auf Poes Psychiater Dr. Templeton stoßen! Poe glaubte ihn noch immer oben an der nördlichen Ostküste – und nun ist er hier im tiefsten Süden, den die Vereinigten Staaten den Franzosen 1805 abgekauft haben (zusammen mit dem ganzen Mittelwesten, ein riesiges Territorium, das die Franzosen „Louisiana“ nannten).

Templeton hat hier in der Nähe ein Landhaus, auf das er sie einlädt. Im Café erkundigt sich der Doktor nach Poes Träumen. Diese betrachtet er als eine Art Schlüssel zu Poes Erinnerung an seine wahre Identität. Poe erwähnt den Sarg als Grund ihres Bleibens, erwähnt aber auch die diversen Mordanschläge, verschweigt aber die letzten Worte des sterbenden Israel Hands von der „Independence“. Leonie erwähnt einen Mr. Tempelten als Adressaten des Sarges – ob es sich wohl um Dr. Templeton handeln könnte? Der Doktor verspricht, in seinem Familienarchiv nachzusehen, ob sein Familienname jemals so geschrieben wurde. Ob sie nicht mitkommen wollten?

Gesagt, getan. Mit Neugier bemerkt Poe, der gegenüber Templeton sowohl misstrauisch als auch eifersüchtig geworden ist, dass auf dessen Kutschenladefläche eine große, längliche Kiste transportiert wird. Ob darin wohl ein Sarg Platz finden könnte? Ohne Zweifel.

Das ausgedehnte Anwesen Dr. Templetons unterscheidet sich drastisch vom französisch-legeren Stil Louisianas. Das Herrenhaus ähnelt eher einer englischen Burg im gotischen Stil à la „Haus Usher“, inklusive Teich, und im Garten steht ein Mausoleum inklusive Familiengruft. Doch das Schloss an dessen Tür ist neu. Das erklärt Templeton bei seiner Führung mit dem Aberglauben des Südens. Was meint er bloß?, fragen sich seine Gäste.

Als die Tür der Gruft von alleine zufällt, erklärt er ihnen, dass er durchaus Angst habe, einmal lebendig begraben zu werden und aus diesem Grund dagegen Vorkehrungen getroffen habe. Erstens gebe es eine Klingel in der Gruft, die im Haupthaus Alarm schlägt. Dort befindet sich dann der Schlüssel zur Gruft. Zweitens habe er einen Geheimgang anlegen lassen, der die Gruft mit dem Haus verbinde. Er befinde sich hinter einer der Steinplatten, die das Mausoleum komplett auskleiden. Es ist kalt wie am Nordpol in den dunklen Mauern.

In den folgenden Tagen fallen den Gästen mehrere Ungereimtheiten auf, die in ihnen das Gefühl drohender Gefahr wecken. Erstens gibt es keinerlei Bedienstete, wohl aber Wache haltende Bluthunde auf dem Gelände. Zweitens entdecken sie in jener Kiste einen Sarg, der aber schon bald wieder verschwunden ist. Sie konnten nicht feststellen, ob es sich um Lucys Sarg handelt. Drittens stellt sich heraus, dass Templeton sie bezüglich verliehener Dokumente des Familienarchivs angelogen hat.

Und viertens stößt Poe zu guter Letzt im Arbeitszimmer seines häufig abwesenden Gastgebers auf einen Umschlag mit Schlüsseln und zwei Fotografien. Das eine Porträt zeigt eine gewisse Lucy Monahan (die mittlerweile sehr tot ist), das andere – ihn selbst! Der Name darunter lautet: „Jimmy Farrell“. Ist dies sein wahrer Name und Lucy seine Schwester?

Der Blitz der Erkenntnis streckt den labilen Poe augenblicklich nieder. Als er erwacht, findet er sich in einer verschlossenen Sargkammer wieder. Es ist stockdunkel, stickig und äußerst kalt. Er ist lebendig begraben und die Luft geht ihm aus …

_Mein Eindruck_

Ich bin etwas geteilter Meinung über diese Episode, die beileibe nicht die letzte der POE-Serie sein kann. Da muss noch einiges nachkommen. Zum Glück gibt es noch einige der besten Poe-Erzählungen zu verarbeiten, so etwa alle, in denen Frauen als Hauptfiguren vorkommen. Ich freue mich schon auf die berühmteste dieser Gestalten, die Lady Ligeia. (Siehe dazu auch meine Rezension über: Poe: [„Faszination des Grauens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=554 .)

Warum geteilt? Die Rahmenhandlung erfährt in Episode 8 endlich eine entscheidende Wendung: Poe findet heraus, wer er wirklich ist: Jimmy Farrell. Und er hat eine nahe Verwandte, möglicherweise sogar eine Gattin: Lucy Monahan. Doch dieser Gewinn wird bitter bezahlt: Seine neue Liebe Leonie Goron ist verschwunden. Und mit ihr der zwielichtige Dr. Templeton, der wahrscheinliche Drahtzieher aller seltsamen Geschehnisse, die Poe widerfahren sind. Wer weiß, was er mit ihr anstellt?!

Man sieht: Dieser Teil der Episode folgt der klassische Krimistruktur: Es wird ermittelt, was das Zeug hält, bis sich der Gastgeber als Hauptverdächtiger herausstellt. Doch wessen ist er schuldig? Das genau herauszubekommen, ist Poes Aufgabe am Schluss der Episode.

|Die Realität als Albtraum|

Die Träume, die sich bislang regelmäßig als eine Binnenhandlung betrachten ließen, sind diesmal verschwunden. Vielmehr hat sich die Realität in einen Albtraum verwandelt. Doch die Dauer dieser Szene ist ungleich kürzer im Vergleich zum Umfang dessen, was bislang als Rahmenhandlung angesehen werden konnte.

Die Szene in der Gruft wurde wieder einmal inspiriert von einer Erzählung Poes. Sie ist als „Die Scheintoten“ (besonders S. 322) in „Poe: Faszination des Grauens“ abgedruckt. Bei der Vorlage könnte es sich um „The premature burial“ von 1844 handeln. Dieses Original liegt mir nicht vor, so dass ich das nicht genau sagen kann. Auf jeden Fall kann es sich nicht um „Der Fall Valdemar“ (The facts in the case of Valdemar) handeln. Denn dort geht es um die Aufschiebung der Folgen des Todes mittels Magnetismus. (Man sehe sich beispielsweise die Verfilmung von Roger Corman mit dem unvergleichlichen Vincent Price in der Hauptrolle an.)

Die Vorkehrungen, die Templeton gegen den Fall des Lebendigbegrabenwerdens trifft, ähneln jenen, die der Ich-Erzähler in „Die Scheintoten“ vornimmt: die Alarmklingel, der Hebel, der die Türen öffnet und anderes mehr. Und wie diesem Erzähler nützen sie dem, der schließlich wirklich lebendig begraben wird, im Ernstfall herzlich wenig. Eine typische Poe’sche Ironie.

Diese Szene hat dennoch ihre eigentümliche Wirkung auf den Zuhörer. Denn bevor der lebendig begrabene Mr. Poe überhaupt an Wege denken kann, sich zu befreien, muss er erst einmal seine Panikattacken bewältigen, die ihn mit zügelloser Emotion daran hindern, überhaupt einen Gedanken zu fassen und sich an das zu erinnern, was sein Möchtegern-Kerkermeister über Fluchtwege gesagt hat. Die Szene hat mir gefallen, weil sie sowohl gruselig als auch recht spannend ist. Abgebrühte Zeitgenossen werden sie lediglich langweilig finden und sich vermutlich fragen, was das Ganze überhaupt soll.

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Jimmy Farrell|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge spielt die Entdeckung seiner Vergangenheit und Identität eine größere Rolle als irgendwelche Träume. Eine andere Figur kommt daher nicht vor. Aber die stimmliche Darstellung von Poes misslicher Lage in der Sargkammer fordert den Sprecher bis an die Grenzen seiner Ausdrucksmöglichkeiten: Anfängliche Panik wechselt ab mit Beruhigung und anschließendem Denken, nur um um erneut von einer Panikattacke hinweggefegt zu werden.

|Miss Leonie Goron|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Leider sind diese Qualitäten diesmal fast gar nicht gefragt, so dass ihre Figur in dieser Episode unverdient blass erscheint.

_Sound und Musik_

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Bis auf die Eingangsszene sind aber diesmal alle Szenen in Interieurs eingerichtet, so dass Sound eine untergeordnete Rolle spielt. Immerhin sind Effekte wie etwa Hall – für eine Art von innerem Monolog – und ein sehr tiefes Bassgrummeln festzustellen, das Gefahr anzeigt. In der Sargkammer erklingt Poes Stimme verzerrt, als dränge sie aus einer Tonne.

Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der zwei Hauptfiguren und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese rein untermalende Aufgabe ist auf den ersten Blick leichter zu bewerkstelligen als die Gestaltung ganzer Szenen, doch wenn es sich um actionarme Szenen wie diesmal handelt, zählt jede Note, jede Tonlage.

Die serientypische Erkennungsmelodie erklingt in zahlreichen Variationen und wird von unterschiedlichsten Instrumenten angestimmt. Als Templeton erwähnt, er spiele – wie einst Roderick Usher – Geige, erklingt das Poe-Motiv erneut, allerdings gespielt auf einer Kirchenorgel. Und genau so eine Orgel spielte Usher in der entsprechenden Hörspiel-Episode. Danach wird das Motiv auf einer Harfe wiederholt, um die Wirkung romantischer zu gestalten.

Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei sowie Solisten auf Violine und Singender Säge (Christhard Zimpel) – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen.

|Der Song|

In der neuen Serie hat Lübbe den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen.

_Unterm Strich_

Der eine oder andere Hörer dürfte wie ich schon einige Zeit – spätestens seit den Anschlägen in Episode 5 – Dr. Templeton im Verdacht gehabt haben, für zwielichtige Machenschaften rund um Mr. Poe verantwortlich zu sein. Doch wer weiß, wie tief seine Verstrickungen mit dem Schicksal von Poes Familie wirklich reichen? Ist er auch für den Selbstmord der armen Lucy Monahan verantwortlich? Vielleicht sogar für den Untergang des Schiffes, auf dem sich Leonie Goron befand. Es bleiben noch viele Rätsel zu lösen …

Und viele weitere Erzählungen von Edgar Allan Poe zu verarbeiten. Schließlich hat der Mann rund 15 Jahre lang Erzählungen publiziert. Und nur die wenigsten davon sind allgemein bekannt. Wir können also darauf hoffen, dass im nächsten Herbst wieder eine Staffel hervorragend gemachter Hörspiele veröffentlicht wird.

Die Episode „Lebendig begraben“ verfügt kaum über Action-Elemente und nur eine gruselige Szene. Für Unterhaltung ist also nur wenig gesorgt. Dennoch ist sie innerhalb der Serie eine der wichtigeren, weil sie innerhalb der bisherigen Rahmenhandlung eine entscheidende Wendung herbeiführt: Poe findet seine – wahrscheinlich – wahre Identität heraus, gleichzeitig verliert er seine neue Seelengefährtin Leonie. Der Zwiespalt dürfte Stoff für weitere Albträume liefern. Wir freuen uns schon darauf.

Wie ich in den Abschnitten über Sprecher, Sprecherin, Sound und Musik ausgeführt habe, kann die Episode zwar künstlerisch voll überzeugen, dramaturgisch jedoch nicht mit den vorhergehenden Hörspielen mithalten. Dennoch bietet sie den Reiz eines Kriminalhörspiels: Leonie und Poe ermitteln gegen ihren Gastgeber, mit durchaus handfesten Ergebnissen und einem drastischen Resultat: Poe wird lebendig begraben.

Fazit: Kann man hören, muss man aber nicht.

|Umfang: 66 Minuten auf 1 CD|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Morde in der Rue Morgue, Die (Poe #7)

„Die Morde in der Rue Morgue“ ist der siebte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch in den ersten vier Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: [Der Goldkäfer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=867
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

Seine Originalstory „The murders in the Rue Morgue“ lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Zwei grausige Morde haben in der Rue Morgue stattgefunden, doch die Polizei ist ziemlich ratlos. Sie können sich nicht vorstellen, wer als Täter in Frage kommt, noch wie es dem Täter überhaupt gelang, zum jeweiligen Tatort zu gelangen. Doch Auguste Dupin hält sich an die Gesetze der Logik, wie etwa an „Occams Rasiermesser“: „Wenn man alles, was nicht in Frage kommt, hat ausschließen können, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch aussehen mag.“ Folglich war der Mörder kein Mensch … – Der Rest ist eine ziemlich spannende Mörderjagd.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem |Bambi| und der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon sechs Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führen soll. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten …

_Handlung_

Endlich an Land! Möwen kreischen und Glocken bimmeln, um Leonie und den Fremden, der sich Edgar Allan Poe nennt, in New Orleans zu begrüßen. Er und seine Lebensretterin haben noch nicht herausgefunden, warum jemand ihn umbringen will, doch er will sich darüber keine Sorgen machen. Er erinnert sich jedoch, dass sein Psychiater Dr. Templeton dagegen war, dass er abreiste. Leonie prophezeit ihm, dass die Vergangenheit ihn einholen werde – wie ein Affe, den man nicht loswird und der einem ständig hinterherläuft.

Etwa so wie der Affe, der bei der Minstrel Show auf einer der Straßen Possen reißt und Passanten anbettelt, während ein Tamburin- und ein Knochenspieler, Mr. Tambo und Brother Bones, Musik machen. Leonie und Poe finden in einer billigen Pension am Hafen Quartier, unweit der Leichenhalle, der Morgue. Sie checken als Ehepaar ein, ihre Zimmer sind durch eine Tür miteinander verbunden. Poe döst in der Hitze ein und sein Geist kreiert wieder mal Phantasmen und einen bemerkenswert zusammenhängenden Traum …

(Übergang zur Binnenhandlung)

Die Szene wechselt nach Paris, wo ein gewisser Auguste Dupin, seines Zeichens Privatdetektiv, lebt. Doch der spielt erst ganz am Schluss eine Rolle. Man muss ihn jedoch kennen, denn er entscheidet mit seinen Erkenntnissen über das grausige Geschehen über das weitere Schicksal der Hauptfigur.

Dabei handelt es sich um einen Malteser Seemann, der auf einer Insel Schiffbruch erlitten hat und sich nun Ben Gunn nennt, nach der berühmten Figur aus Robert Louis Stevensons Roman „Die Schatzinsel“. Ein junger Orang-Utan hat sich ihm auf Borneo angeschlossen, und den nimmt er nach seiner Rettung auf einem Walfänger mit. Der Affe eignet sich Kunststücke an, so etwa ahmt er hervorragend das Bartschneiden mit Hilfe eines scharfen Rasiermessers nach.

Als Ben in Paris eintrifft, ist er kein armer Schlucker, sondern im Grunde ein reicher Mann: Er hat einen Schatz auf seiner Insel gefunden und einen kleinen Teil davon mitgebracht, hauptsächlich Gold in einem Beutel. Ben, der sonst eigentlich ein umgänglicher Bursche ist, sperrt den Affen ein, wenn er ausgeht, und prügelt und peitscht ihn, wenn das Tier unartig war. Dazu wird Ben leider mehrmals Anlass haben …

Eine lebhafte Hafenszene, mit Möwengekreisch, Glockengebimmel, Hufgetrappel, Hundegebell. Ben bemerkt zwei Bürgersfrauen, die ratlos das Hafenbüro suchen. Sie scheinen Mutter und Tochter zu sein. Ein Fass rollt auf sie zu und wirft die Tochter ins Hafenbecken. Wird sie ertrinken?! Ben zögert nicht, ihr nachzuspringen und sie aus dem Wasser zu retten. Doch sie ist bewusstlos, und er bittet einen vorüberhastenden Arzt, ihm zu helfen. Die Wiederbelebung ist erfolgreich, und Ben belohnt den seltsamerweise nur widerwillig Hilfe leistenden Dottore mit einem Geldstück. Die Mutter lädt Ben zum Tee ein.

Bevor sich Ben zur Rue Morgue begibt, wo Madame L’Espanaye und ihre Tochter wohnen, sperrt er seinen Affen ein. Während Ben sich zur jungen Dame sehr hingezogen fühlt, verbietet die sittenstrenge Mutter jeglichen unschicklichen Kontakt, besonders nachdem er zugegeben hat, einen Affen zu haben. Dieser Ausdruck ist insofern komisch, als er auch bedeutet, etwas zu viel über den Durst getrunken zu haben. Ben lässt sich zu einem Wortspiel hinreißen, in dem Muscheln und Perlen vorkommen. Eine vorwitzige Anspielung, die sofort von Madame niedergebügelt wird.

Nach seiner Rückkehr findet Ben sein Zimmer verwüstet vor, der Affe wurde freigelassen. Ständig hat er nun das Gefühl, von einem Schatten verfolgt zu werden. Für den Affenkäfig kauft er sich nun einen schweren Eisenriegel. Ob das hilft?

Am Abend trifft er zufällig Mademoiselle L’Espanaye wieder, die sich beim Hafenmeister nach einem Schiff namens „Dimitri“ erkundigt. Wie sie dem ihr sympathisch gewordenen Ben anvertraut, wartet sie auf einen Sarg, den die „Dimitri“ aus Osteuropa bringen sollte. Er enthalte ihre Verwandte Lucienne L’Espanaye, doch auch einige Erbstücke wie etwa Perlen, die ein kleines, aber dringend benötigtes Vermögen wert seien. Doch der Hafenmeister hat gerade Meldung erhalten, dass die „Dimitri“ in der Biskaya gesunken sei. Mademoiselle (wie erfahren nie ihren Namen) L’Espanaye ist untröstlich, und der hoffnungsvolle Ben darf sie nach Hause bringen und Zukunftspläne schmieden.

Wieder fühlt er sich verfolgt. Wohl mit Recht, denn in ihrer Wohnung sieht auch Mademoiselle ein Gesicht am Fenster, das aber gleich wieder verschwindet. Als er in seine eigene Wohnung zurückkehrt, erfährt er vom Besuch eines Arztes. Das Zimmer ist verwüstet, der Affe übt im Bad das Rasieren. Als Ben es einzufangen versucht, entkommt das Tier mitsamt dem scharfen Rasiermesser. Ihre Verfolgung führt sie zu einem gewissen Haus in der Rue Morgue …

_Mein Eindruck_

Wie ein kurzer Vergleich dieser Handlung mit der Originalstory zeigt, dreht es sich nun keineswegs um spannende Ermittlungen, sondern um eine romantische Liebesgeschichte, die in einer Bluttat grausig endet. Auch die Täter sind etwas anders verteilt, und die Motive sowieso. Insgesamt ist der neue Entwurf nicht ohne Reiz, denn er spricht nicht, wie Dupins rationale Logik, so sehr die Vernunft an, sondern vielmehr auch die Emotionen des Hörers.

Die Wirkung dringt ungleich tiefer als Poes Finale. Ich musste feststellen, dass die Bluttat, unterstrichen von einer enervierenden Musik, mich den Atem anhalten ließ. Soeben hat man sich noch (mit Bens Augen sehend) in die liebevolle und vom Schicksal gebeutelte Mademoiselle L’Espanaye verliebt, da wird ihr auch schon das Schlimmste angetan – von ihrer Mutter, der liebenswerten Schreckschraube, ganz zu schweigen.

Man kann daher durchaus Bens emotionales Chaos, seine Benommenheit nachvollziehen, als nach Hause zurückkehrt und anderntags einem gewissen Auguste Dupin gegenübersteht, der ihm die Leviten liest. Dieser Plot ist ein Meisterstück an subtiler Lenkung der Emotionen des Zuhörers. Dafür wird allerdings die Plausibilität des Geschehens vernachlässigt. Ein gestrengerer Kritiker könnte den gesamten Plot „wegen Irrationalität“ in die Tonne treten.

Nun könnte man sich natürlich – ob der Verlagseinordnung als Horrorhörspiel – zynisch fragen, was denn, bitte schön, an einem simplen Doppelmord so horrormäßig sei. Das Blut an den Wänden, auf der Straße? Na schön, vielleicht könnte es sich dabei um Horror handeln. Auch spannende Ermittlungen gibt es hier nicht zu besichtigen und voyeuristisch zu begleiten, in der Hoffnung, das Böse zur Strecke zu bringen. Ganz im Gegenteil: Diesmal ist es der vermeintlich Gute, der sich unversehens in eine Gräueltat verwickelt sieht. Können wir dem Universum noch trauen? Oder müssen wir hinter diesen Vorgängen – wie Ben Gunn – das Wirken eines finsteren Verfolgers vermuten, quasi eine (Welt-)Verschwörung?

Und schon wieder taucht ein Arzt auf …

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Ben Gunn|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge spielt die Liebe für seine beiden Figuren eine zentrale Rolle: Poe findet größten Gefallen an Leonie, und dass sie als Ehepaar einchecken, gibt ihm Anlass zu schönsten Hoffnungen. Mademoiselle L’Espanaye ist noch ein ganzes Stück jünger, aber dafür noch schnuckeliger, ein wahres Goldstück – oder, besser noch, eine Perle. Ihr schreckliches Ende trifft Ben umso härter. Pleitgen legt größtes Gefühl in seine Stimme, um den chaotischen Gemütszustand Bens auszudrücken. In solchen Szenen stellt er sein ganzes Können unter Beweis.

|Miss Leonie Goron alias Mademoiselle L’Espanaye|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Sie kann aber auch im richtigen Moment zuschlagen.

Mademoiselle L’Espanaye ist eine naive, weil streng behütete junge Dame. Wie gesagt: ein schnuckeliges Goldstück, das ein klein wenig an Amélie erinnert. Sie interessiert sich für Affen und – aufgepasst! – sie weiß um das Geheimnis von Muscheln und Perlen. Diese doppelthematische Symbolsprache zieht sich durch das gesamte Hörspiel in Binnen- und Rahmenhandlung. Die Autoren versuchen uns etwas damit zu sagen. Jeder Hörer muss es für sich selbst entschlüsseln.

|Auguste Dupin|

Besonders verblüfft hat mich das Auftreten von Auguste Dupin. Da seine Rolle von Manfred Lehmann gesprochen wird, erklingt auf einmal die (deutsche) Stimme von Gerard Depardieu. Das ist insofern sehr passend, als Depardieu in dem Detektiv-Horror-Fantasy-Thriller „Vidocq“ die titelgebende Rolle eines Meisterdetektivs gespielt hat. Es ist lediglich bedauerlich, dass „Dupin“ nicht die Gelegenheit ergreift, Ben zu erklären, wie er auf die Lösung des Falles gekommen ist. Dafür müssen wir dann wieder das Original von Poe lesen (siehe oben).

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet: siehe meine Beschreibung oben. Hier kann sich der Hörer einfühlen. Hier wünsche ich mir die dreidimensionale Empfindung, die Dolby Surround vermittelt. Vielleicht wird es einmal alle acht POE-Hörspiele auf einer DVD in Dolby Surround (DD 5.1) oder DTS geben – das wäre mein bescheidener Traum.

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen.

Ganz besonders eindrucksvoll fand ich die Szenen in Paris. Denn hier kommen noch ein charakteristisches Akkordeon (Klaus Staab) und eine Klarinette (Tim Weiland) hinzu. Während das Akkordeon – o là là! – romantische Gefühle weckt, ist die Klarinette für unheilvolle Untertöne zuständig. Auf dem Höhepunkt in der Rue Morgue erklingt eine chaotische Kakophonie, die perfekt zum blutigen Geschehen passt und geeignet ist, den Zuhörer entsprechend zu erschrecken. Das ist ganz schön makaber.

|Der Song|

In der neuen Serie hat Lübbe den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. Passt perfekt zum Perlenmotiv der Binnenhandlung.

_Unterm Strich_

Der Hörer sollte sich diesmal zufrieden geben und nicht die üblichen zwei oder drei Höhepunkte verlangen: Er bekommt nämlich diesmal nur ein Finale. Doch dieses ist so schön und geschickt aufgebaut, dass seine dramatische Wirkung umso nachhaltiger sein dürfte. Ich jedenfalls war ein wenig (ein ganz klein wenig) erschüttert.

Auch den üblichen Wahnsinn sucht man vergebens. Zunächst jedenfalls. Keine spinnerten Schatzsucher trampeln durch die Botanik; kein Mahlstrom lockt mit dem sicheren Tod in den Irrsinn. Allenfalls der Liebe süßer Wahn lockt unseren Helden durch Pariser Gassen. Der Tod offenbart sich in schrecklicher Zufälligkeit und sicher nicht, um irgendjemandes Nerven zu schonen.

Sprecher, Musiker, Toningenieure – ihre Leistung muss ich wieder einmal lobend hervorheben. Wie leicht könnte ein so emotionales Geschehen übertrieben, unecht oder gar abgeschmackt wirken. Hier ist vielmehr Subtilität gefragt, ohne die Lebhaftigkeit der Figuren zu verdecken. Dies gelingt den beiden zentralen Sprechern Pleitgen und Berben hervorragend.

|Ausblick|

Wieder ist ein kleines Puzzlestückchen enthüllt worden, das einen Hinweis auf den Drahtzieher der Anschläge auf Herr „Poe“ liefert. Ärzte allenthalben – sie spielen eine zwielichtige Rolle sowohl in Poes Träumen als auch in seiner Realität. Und sicherlich hat das eine mit dem anderen zu tun. Wir können außerdem nicht hundertprozentig sicher sein, dass nicht auch Leonie Goron etwas im Schilde führt oder in den Plänen eines Arztes eine Rolle spielt.

|Originaltitel: The murders in the Rue Morgue
66 Minuten auf 1 CD|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Goldkäfer, Der (POE #6)

„Der Goldkäfer“ ist der sechste Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hatte auch auf den ersten vier Hörbüchern der Serie die Hauptrolle inne:
– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan der Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen, wohin er 1830 zurückkehrte, um diese dann ein Jahr später endgültig zu verlassen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern. 1836 heiratete er seine damals dreizehnjährige Cousine Virginia Clemm.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne ihn sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und verschiedene weitere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem |Bambi| und der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und verschiedene weitere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon fünf Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führen soll. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Schau an!

_Handlung_

Einen Tag von New Orleans entfernt kreuzt die „Independence“, auf der sich der Mann, der sich Edgar Allan Poe nennt, befindet, in einer Flaute. Schon ist das Wasser knapp und der Ausguck hält nach einer Insel Ausschau, auf der sich vielleicht eine Quelle befindet.

Zu dieser Zeit erfährt Leonie Goron viel über Poes Leben und was er durchgemacht hat. Sie fragt ihn daher: „Glauben Sie an diese Träume?“ Will heißen: Sind seine Albträume Prophezeiungen, Botschaften seines Unterbewussten? Ein ziemlich moderner Gedanke. Wenig später nimmt Poe auch ihren Körper erstmals als attraktiv wahr …

Die Rahmenhandlung kommt etwas voran. Der Sarg, den Leonie von Europa aus begleitet, ist an einen gewissen Tempelten adressiert, abgeschickt vom Bruder der im Sarg Bestatteten, einer gewissen Lucy Monahan. Poe stutzt: Handelt es sich bei diesem Tempelten um seinen Dr. Templeton? Die Schreibweise weicht jedenfalls ab.

Er fragt sich auch: Wenn diese Lucy Monahan die beste Freundin von Leonie war, warum weiß Leonie dann so wenig über Lucys Familie? Lucy lebte nicht in Paris wie Leonie, sondern in einer Landschaft namens Bukowina, nachdem sie sich von ihrer Familie getrennt hatte. Als Lucy ihre Freundin per Brief zu sich rief, hatte sie nicht mehr lange zu leben. Als Leonie bei ihr eintraf, hatte sie Selbstmord begangen. Der Rest ist bekannt: Leonie begleitete ihren Sarg auf dem untergegangenen Schiff, der „Demeter 2“, über den Atlantik – bis Poe auf der „Independence“ beide an Bord nahm.

„Land!“ An Steuerbord wird eine Insel gesichtet. Kapitän Hardy (Jürgen Wolters) meint, es handle sich wohl um die Sullivans-Insel, einem „merkwürdigen Stück Land“, das nach den zahlreichen Myrtensträuchern durftet, die darauf gedeihen. Poe kommt der Name irgendwie vertraut vor. Als er sich ausruht, schläft er ein und träumt.

(Übergang zur Binnenhandlung)

Er schlüpft in die Rolle eines Mr. Simpson, eines schon etwas betagten Herrn mit nicht gerade allerbester Konstitution, der sich als Archäologe betätigt. Gerade wartet er auf Sullivan’s Island, einer Flussinsel (!) auf die Ankunft eines jungen Fräuleins, das ihn zu sich in ihre Hütte bestellt hat.

Diese intelligente junge Frau namens Lucy Legrand (bei Poe ist es ein William) ist ein höchst quirliges Frauenzimmer, auch wenn ihr Alleinleben irgendwie anstößig wirkt – jedenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nachdem sie sich wegen einer missbilligten Liebschaft mit ihrem Vater überworfen hatte, war sie vor zwei Jahren aus dem Elternhaus aus- und auf die Insel gezogen, wo sie sich nun offenbar mit amateurhaften Forschungen in der Pflanzen- und Insektenwelt die Zeit vertreibt.

Mr. Simpson soll ein außergewöhnliches Insekt begutachten: einen Goldkäfer. Er liegt schwer in der Hand und krabbelt noch. Auch einen Papierfetzen hat sie am Fluss gefunden, aber weil nichts draufsteht, wirft sie ihn zum Feuer, um ihn später zu verbrennen. (Bei Poe trägt der Käfer die Zeichnung eines Totenschädels. Der Diener Jupiter, den auch Lucy hat, ist abergläubisch und ahnt Schlimmes.)

Der Arzt des Städtchens, wo Simpson lebt, weiß von Legenden, in denen die Rede vom Geist eines Piraten ist, der einen unermesslichen Schatz an dieser Küste bewache. Als Simpson ihn wegen einer Erkältung konsultiert, erzählt er ihm auch von Lucys Hirngespinsten und dem Goldkäfer. Wenig später ruft sie ihn zum Fluss: Er soll auf eine Expedition mitfahren. Simpson staunt nicht schlecht: Spaten, Fernglas, Sense – und natürlich Jupiter. Was soll das bedeuten?

Aufgeregt erzählt ihm Lucy, dass der Papierfetzen mit einer Geheimschrift bedeckt sei: Es handelt sich um eine Schatzkarte. Dreimal darf er raten, welchen Schatz sie nun heben wolle!

Der brave Mister Simpson ist nun ebenso sicher wie der Diener Jupiter, dass die arme Miss Lucy komplett den Verstand verloren hat. Er soll sich irren. Doch er ahnt nicht, welch grausames Ende sein Abenteuer mit ihr nehmen wird.

_Mein Eindruck_

Ein Sack voll glücklicher Zufälle kommt der guten Lucy also zu Hilfe. Ich bin aber nicht sicher, ob es in Poes Original wesentlich logischer zugeht. Immerhin gelingt es jedes Mal, die kodierte und in unsichtbarer Tinte geschriebene (Zitronensaft?) Schatzkarte zu entschlüsseln. Die Schwierigkeiten beim Aufspüren der richtigen Grabungsstelle sind eine andere Sache, und daran ist vor allem der Diener Jupiter schuld …

Die Hörspielfassung ist selbstverständlich viel romantischer und konfliktreicher aufgezogen, als es Poes Original jemals war. Der Autor bekam seinen Wettbewerbsgewinn vor allem für die trickreiche Entschlüsselung der Schatzkarte, die noch heute als Lehrmaterial für angehende Kryptographen dienen könnte. Dieser Prozess gibt aber in dramaturgischer Hinsicht überhaupt nichts her und wurde deshalb gestrichen. Man erfährt aber, dass Lucy Erkundigungen bei einem alten Einsiedler unweit der Stadt eingezogen hat und so auf die richtige Lösung gekommen ist: Der Teufelssitz über der kleinen, abgeschiedenen Bucht muss der Ort sein, den das X markiert. Und dort wartet der unheilvoll aufragende Baum mit dem Totenschädel – siehe das Titelbild …

Diese Binnenhandlung führt zu einem recht unerwarteten Actionhöhepunkt, der für Mr. Simpson bzw. unseren träumenden Mr. Poe recht unangenehm endet. Aber der Hörer bekommt noch mehr geliefert: Auch die Rahmenhandlung verfügt über einen Höhepunkt, der es an Dramatik und Action durchaus mit der Goldkäfer-Story aufnehmen kann: Poe und Leonie erkunden das Eiland und stoßen auf einen riesigen Baum auf einer Lichtung, der fatal an den Baum auf dem Teufelssitz erinnert. „Glauben Sie an Träume, Miss Goron?“, fragt er daher ahnungsvoll.

Mr. Poe fällt auf, wie stark sich die beiden Handlungen ähneln: Die Lucy im Traum trug nämlich das gleiche Gesicht wie Miss Goron. Und auf beiden Ebenen spielte ein gewisser Doktor eine unheilvolle Rolle. Dies veranlasst mich zu dem Verdacht, dass in Poes Geist alle Ärzte eine sinistre Qualität angenommen haben, seitdem er in Dr. Templetons Behandlung gewesen ist. Und Poe tut vielleicht sogar gut daran, Ärzten zu misstrauen. Jemand will ihm ans Leben, doch wer steckt dahinter?

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Simpson|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge ist von Poes frohgemuter Stimmung nichts mehr übrig geblieben. Die beiden Anschläge haben ihn ebenso ins Grübeln gebracht wie der Traum vom „Sturz in den Mahlstrom“.

Deshalb bildet der joviale Mr. Simpson einen Ausgleich mit seinem menschenfreundlichen, aber leider zu vertrauensseligen Gemüt, durch das er Miss Lucy in schwere Bedrängnis bringt.

|Miss Leonie Goron alias Lucy Legrand|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5. In „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird.

Auch in der Rolle der wesentlich jüngeren Lucy Legrand, in der ich sie fast nicht wieder erkannt hätte, verleiht Iris Berben der Szene den gewissen Pfiff: Sie sorgt für Action in der Binnenhandlung und setzt ihre Intelligenz für ein ansonsten wahnwitziges Unternehmen ein: die Hebung eines Piratenschatzes.

|Israel Hands|

Der bekannte Schauspieler Benno Fürmann wird im Booklet als Sprecher eines gewissen „Israel Hands“ aufgeführt. Bei dieser Figur, deren Namen in Episode 5 und 6 nicht genannt wird, könnte es sich um den Matrosen handeln, der immer wieder lautstark in „Mahlstrom“ zu hören ist („Ein Sarg an Bord – das bringt Unheil“) und dann in „Der Goldkäfer“ einen recht wirkungsvollen Auftritt hat. Mehr darf nicht verraten werden.

|Jupiter|

Auch die Rolle des Dieners Jupiters darf nicht verschwiegen werden. Jupiter ist wichtig, weil er erstens Unheil ahnt, denn das Ausbuddeln von Skeletten und Schätzen ist seiner Ansicht nach bestimmt kein gottgefälliges Treiben. Und zweitens sorgt er mit seinem Fehler des Verwechselns von links und rechts für eine Erhöhung bzw. Verzögerung der Spannung bei der Schatzsuche.

Thomas B. Hoffmann gestaltet die Stimme und Ausdrucksweise Jupiters auf so lebhafte und glaubwürdige Weise, dass man kaum glauben würde, er sei nicht mit einer dunklen Haut auf die Welt gekommen. Seine Rolle des gottesfürchtigen Dieners, der lieber Reißaus nehmen würde als nach Knochen zu buddeln, trägt so auch stark zum komischen Aspekt der Schatzsuche bei und beleuchtet die verschrobene Natur dieses Unterfangens.

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Besonders auffällig ist dies während der beiden Höhepunkte: Der soundmäßige Hintergrund stimmt einfach von A bis Z. Und wer genau aufpasst, kann sogar die Schritte von Leonie an Bord der „Independence“ erlauschen.

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Ganz besonders eindrucksvoll gelingt dies auf dem Höhepunkt der Schatzsucher-Szene und dem anschließenden Überfall.

|Der Song|

In der neuen Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. O yeah, baby.

_Unterm Strich_

„Der Goldkäfer“ ist sozusagen Grusel für die ganze Familie – äh, ab 12. Schließlich können Jüngere wohl kaum etwas den Skeletten, Totenschädeln und mysteriösen Käfern abgewinnen, die in der Binnenhandlung das Dekor für eine abenteuerliche Schatzsuche bilden. Auch die Rahmenhandlung geht nicht ohne blutige Action zu Ende, und das sollte man vielleicht nicht unbedingt den Kleinen zumuten. Andererseits bekommen Splatterfreunde, für die nicht genug Lebenssaft spritzen kann, wenn es „guter“ Horror sein soll, hier fast nichts geboten, das ihren Blutdurst stillen könnte.

Wie schon „Sturz in den Mahlstrom“ ist „Der Goldkäfer“ in meinen Ohren eine sehr gute Hörspiel-Produktion, die auch sehr verwöhnte Ansprüche erfüllen kann. Die Sprecher, die Musiker, der Tonmeister – ihre Leistungen wirken hervorragend zusammen, um für eine Stunde ein perfektes Gruselerlebnis zu bescheren. Und das zu einem sehr annehmbaren Preis.

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Sturz in den Mahlstrom (POE #5)

„Sturz in den Mahlstrom“ ist der fünfte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch die ersten vier Hörbücher der Serie vorgelesen:
– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (gestorben 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Fremden, der sich „Edgar Allan Poe“ nennt.

|Die Sprecherin|

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und nach zehn Wochen entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon vier Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise.

_Handlung_

Mit dem Segelschiff „Independence“ begibt sich der Fremde, der sich den Namen Edgar Allan Poe zugelegt hat, auf eine Seereise nach New Orleans. Von dort will er weiter in den Fernen Osten. Der Segler und sein Kapitän Hardy scheinen in Ordnung zu sein, doch kurz vor dem Auslaufen sieht Poe, wie ein Fremder einem der Matrosen etwas übergibt.

Das Schiff ist noch nicht lange auf See, als ein schwerer Belegblock auf Poe herabstürzt und ihn nur um Haaresbreite verfehlt. Das Seil daran ist jedoch nicht durchschnitten, und so macht sich Poe keine Sorgen deswegen. Ein Sturm ist im Anzug, sagt Käptn Hardy mit knorriger Stimme (Jürgen Wolters). Und eines der Opfer dieser stürmischen Gegend wird wenig später gesichtet.

Poe rudert zwecks Erkundung des Schiffswracks mit der Mannschaft hinüber. Das Erste, was man entdeckt, ist ein Sarg an Deck. „Das bringt Unglück“, dürfte ja wohl klar sein. Obwohl der Bootsmann sich zum Verlassen des sinkenden Wracks anschickt, sucht Poe noch achtern in den Kajüten – und wird fündig: Eine weibliche Gestalt in langem weißem Gewand erscheint wie ein Gespenst und fragt ihn: „Wo bin ich?“

Das Boot ist weg, das Schiff sinkt. Poe und die Lady springen ins Meer und finden sich später neben dem ominösen Sarg treiben. Nachdem die „Independence“ sie aufgefischt hat, stellt sie sich als Leonie Goron (mit französischer Aussprache) vor. Sie fragt ihn, ob er an Zufälle glaube. In der folgenden Nacht schiebt Poe ebenfalls Wache, weil der Sturm erwartet wird. Nach seiner Ablösung verschwindet der andere Matrose spurlos. Vielleicht sollte er sich spätestens jetzt Sorgen machen.

Der Sturm bricht unvermittelt los, und Poe und Leonie müssen unter Deck. Hier hat Poe wieder mal einen seiner typischen Albträume. (Es ist die Handlung von Poes titelgebender Story.)

An der norwegischen Küste wird der Fisch zwischen den küstennahen Inseln knapp, so dass zweien der der letzten unabhängigen Fischer, den Brüdern Per und Tore, nur noch die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub bleibt: Sie verkaufen entweder ihr Boot und verdingen sich als Matrosen beim reichsten Fischer Lars Hansen – oder sie blicken dem Tod ins Auge und versuchen ihr Glück bei den Äußeren Inseln. Doch dort lauert in der Meerenge ein Verderben bringender Mahlstrom auf Fischer, die nicht rechtzeitig zurückfahren. Ganze Dreimaster habe er schon verschlungen, erzählt das Seemannsgarn in der Hafenkneipe.

Doch Per wettet, er sei ein besserer Fischer als Lars Hansen. Dessen höhnisches Gelächter bringt ihn auf die Palme. Er setzt sein Boot ein, doch Lars muss ihm die Erlaubnis geben, um die Hand seiner Schwester Susanne anhalten zu dürfen, wenn Per gewinnt. (Ist doch immer eine Frau im Spiel, nicht?) Listig gibt Susanne ihm eine Taschenuhr mit, so dass er den Tidenwechsel besser einschätzen kann.

Doch der Chronometer erweist sich als ebenso trügerisch wie das Meer über dem Mahlstrom. Zu spät bemerken Per und Tore, wie es sich verändert und schließlich zu einem riesigen Trichter öffnet. Ihr schlimmster Albtraum scheint in Erfüllung zu gehen, da erkennt Per den Weg zur Rettung. Tore hält ihn für völlig durchgeknallt. Kein Wunder: Wer würde im Angesicht des sicheren Todes schon sein Schiff verlassen?

_Mein Eindruck_

Während die Binnenhandlung, die im Albtraum erzählt wird, ziemlich genau Poes genialer Horror-Story „Descent into the Maelstrom“ folgt, verarbeitet die Rahmenhandlung in freier und kreativer Weise Motive aus Poes Story „The oblong Box“ („Die längliche Kiste“). Darin befindet sich ebenfalls ein Sarg an Bord eines Segelschiffes, das unseren Erzähler von A nach B bringen soll. Jeder Matrose, der einen Schuss Pulver wert ist, weiß natürlich, dass ein Sarg an Bord Unglück magnetisch anzieht. Und denen von der „Independence“ geht es genauso. Recht haben sie, wie die folgenden Geschehnisse belegen. Offenbar zweimal entgeht Mr. Poe einem Anschlag auf sein Leben. Wer steckt dahinter? Die zweite Frage lautet natürlich: Warum besteht Leonie Goron so hartnäckig darauf, den Sarg an Bord zu nehmen, statt ihn der See zu übergeben?

Die zentrale Erzählung, „Der Sturz in den Mahlstrom“, gehört zu den wirkungsvollsten Meisterwerken der Horrorliteratur. Ähnlich wie „Grube und Pendel“ gerät die Hauptfigur durch Furcht und Schrecken in einen seelischen Zustand, der ihm eine „gleichgültige Neugier“ erlaubt. In diesem Zustand quasi außer sich, bemerkt er wie ein vernünftig denkender Mensch ein Phänomen, das er normalerweise nie wahrgenommen hätte: Massereiche Gegenstände erreichen den zerstörerischen Grund des riesigen Strudels schneller als kleine, leichtere. Dieser Beobachtung lässt er sogar die richtige Handlungsweise folgen, so wahnwitzig und selbstmörderisch sie auch erscheinen mag. Kein Wunder, dass ihn sein Bruder für verrückt hält, widerspricht dies doch dem so genannten „gesunden Menschenverstand“. Und wir dürfen annehmen, dass Per nun die Hand der süßen Susanne sicher ist.

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Als das Schiff ausläuft, das ihn zu neuen Ufern bringen soll, klingt er richtig frohgemut – genau wie die Musik, die sich machtvoll zu einem vorwärts drängenden Thema aufschwingt.

Während der Binnenhandlung spricht er auch Per, der den Mahlstrom erforscht. Ihn begleitet als Tore, Pers Bruder, Manfred Lehmann, der verdächtig wie die deutsche Stimme von Nick Nolte klingt. Auch der bekannte Schauspieler Benno Fürmann wird im Booklet als Sprecher eines gewissen „Israel Hands“ aufgeführt. Diese Figur konnte ich aber nicht entdecken. Kommt vielleicht noch.

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn aus. Der wird wohl noch benötigt … Auch in der Rolle als Susanne Hansen, in der ich sie fast nicht wiedererkannt hätte, verleiht Berben der Szene den gewissen Pfiff: Sie ist das listige Frauenzimmer, hinter dem Per her ist, das aber offenbar auch eigene Pläne verfolgt.

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt: wenn der Stürm wütet, wenn die Möwen kreischen, wenn Poe und Leonie halbtot im Meer treiben, im Regen, das Knarren der Takelage und vieles mehr. Der Hörer kommt sich vor wie der blinde Passagier auf einer abenteuerreichen Seereise, wie einst [Arthur Gordon Pym.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=781

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Ganz besonders eindrucksvoll gelingt dies auf dem Höhepunkt der Mahlstrom-Sequenz, als die Musik die Katastrophe geradezu beängstigend spürbar macht.

|Der Song|

In der neuen Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe |Orange Blue| (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. O yeah, baby.

_Unterm Strich_

Mit diesem Hörbuch beginnt eine neue Staffel von POE-Hörspielen bei |Lübbe|. Waren die ersten vier Hörspiele schon ob ihrer hervorragenden Produktionsqualität mit dem |Deutschen Phantastik Preis| 2004 ausgezeichnet worden, so legt |Lübbe| diesmal noch einen drauf. War die erste Staffel vom Charakter eines Kammerspiels gekennzeichnet, so weitet sich nun die Bühne zu Breitwandfilm-Cinemascope-Dimensionen. Sound, „Film“-Musik, Sprecher, Schnitt, Erzählstruktur – alle tragen zu einem hörbaren Kinoerlebnis bei.

Der Ausflug in Phantasieregionen dauert nur rund eine Stunde, aber das ist völlig in Ordnung – die Erzählstruktur trägt nur zwei bis drei Höhepunkte und ist am Ende offen. Will heißen: Hier muss offenbar noch einiges nachfolgen. Bin schon sehr gespannt.

|Umfang: 68 Minuten auf 1 CD|

Byron, Lord / Polidori, John William / Gustavus, Frank – Vampyr, Der – oder Gespenstersommer am Genfer See (Hörspiel)

Literarischer Psychothriller

Juni 1816 am Genfer See, in der Villa Diodati: Der berüchtigte Schriftsteller Lord Byron, sein Leibarzt Dr. Polidori, der Dichter Percy Shelley, dessen Geliebte Mary Wollstonecraft (später Shelley) und deren Stiefschwester Claire Clairmont lesen Gespenstergeschichten. Hierdurch inspiriert, hat Byron eine Idee: „Wir wollen jeder eine Geistergeschichte schreiben!“ Es kommt zu dem berühmten Wettstreit, aus dem Mary Shelleys „Frankenstein“ und Polidoris „Der Vampyr“ hervorgehen. Polidori erzählt, was geschah. So gab einer der Gebrüder Grimm den Anstoß zu „Frankenstein“, und Lord Byron und „Der Vampyr“ wurden zum Fluch für den Möchtegerndichter Dr. Polidori. In einem Interview hält er im Jahre 1821 Rückblick auf jene verhängnisvollen Tage am See.
Byron, Lord / Polidori, John William / Gustavus, Frank – Vampyr, Der – oder Gespenstersommer am Genfer See (Hörspiel) weiterlesen

Lovecraft, Howard Phillips – Pickmans Modell (Gruselkabinett 58) (Hörspiel)

_Die Grenzen von Kunst und Horror_

Die Gemälde von Richard Upton Pickman schockieren die Bostoner Kunstwelt. Es sind Darstellungen abscheulicher Wesen in nicht minder grauenerregenden Situationen. Henry Thurber ist mit der einzige im eher konservativen Kunstverein, der nicht von den Bildern abgestoßen, sondern im Gegenteil sehr von ihnen fasziniert ist … (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörspiel ab 14 Jahren.

_Der Autor_

Howard Phillips Lovecraft, 1890-1937, hatte ein Leben voller Rätsel. Zu Lebzeiten wurde er als Schriftsteller völlig verkannt. Erst Jahre nach seinem Tod entwickelte er sich zu einem der größten Horror-Autoren. Unzählige Schriftsteller und Filmemacher haben sich von ihm inspirieren lassen.

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island geboren. Als Howard acht Jahre alt war, starb sein Vater und Howard wurde von seiner Mutter, seinen zwei Tanten und seinem Großvater großgezogen. Nach dem Tod des Großvaters 1904 musste die Familie wegen finanzieller Schwierigkeiten ihr viktorianisches Heim aufgeben. Lovecrafts Mutter starb am 24. Mai 1921 nach einem Nervenzusammenbruch. Am 3. März 1924 heiratete Lovecraft die sieben Jahre ältere Sonia Haft Greene und zog nach Brooklyn, New York City. 1929 wurde die Ehe, auch wegen der Nichtakzeptanz Sonias durch Howards Tanten, geschieden. Am 10. März 1937 wurde Lovecraft ins Jane Brown Memorial Krankenhaus eingeliefert, wo er fünf Tage später starb. Am 18. März 1937 wurde er im Familiengrab der Phillips beigesetzt. Nach seinem Tod entwickelte er sich bemerkenswerterweise zu einem der größten Autoren von Horrorgeschichten in den USA und dem Rest der Welt. Sein Stil ist unvergleichlich und fand viele Nachahmer. (abgewandelte Verlagsinfo)

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als Liebe spendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit. Auf Einstein verweist HPL ausdrücklich in seinem Kurzroman „Der Flüsterer im Dunkeln“.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

|Die Rollen und ihre Sprecher|

Henry Thurber: Dietmar Wunder (dt. Stimme von Daniel Craig)
Eliot Granger: Stefan Kaminski
Pickman: Sascha Rotermund
Dr. Andrew D. Reid: Matti Klemm
Schaffner: Hans Teuscher
Taxifahrer: Friedrich Georg Beckhaus

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden in den Planet Earth Studios statt. Alle Illustrationen trug Firuz Askin bei.

_Handlung_

Henry Thurber erwacht aus einem schrecklichen Traum. Er hat von jenem verfallenen Haus in einem Bostoner Elendsviertel geträumt, in das ihn der Maler Richard Pickman geführt hat. Und dort, in der Tiefe eines Brunnenschachts, begegnete er einem der Monster, die von Pickmans Gemälden glotzten …

Nun fährt er mit seinem Freund und Kriegskameraden – sie waren beide im Frankreichfeldzug 1917/18 – Eliot Granger zurück zu seinem eigenen Haus. Sie sind Mitglieder im Bostoner Kunstverein. Sie erinnern sich bei einem wärmenden Getränk, wie sie dort den absonderlichen Kauz Pickman kennenlernten. Dr. Reed nannte Pickman sogar „pervers“ und wollte ihn aus dem Verein ausschließen. Immerhin gelang es ihm, das inkriminierte Gemälde „Leichenfresser beim Fraß“ wegsperren zu lassen.

Henry gesteht Eliot, er sei von Pickman, der über solche Widrigkeiten des Spießertums bloß lachte, fasziniert gewesen. Pickman habe ihn nach Monaten der Bekanntschaft schließlich in sein Atelier im North End eingeladen, jenem Elendsviertel, das Henry seitdem solche Albträume beschert. Sie fuhren mit der U-Bahn hin und Pickman erzählte, dass das Viertel, da in Nähe des Bostoner Hafens, von einem Tunnelsystem durchzogen sei, an das wohl etliche der Häuser aus der Zeit vor 1700 angeschlossen seien.

Diese Tunnel dienten nicht nur lichtscheuem Gesindel wie Schmugglern, Piraten und Huren als Unterschlupft, sondern wohl auch den Okkultisten aus Salem. Denn aus Salem, der Stadt der Hexen und Hexer, stammte Pickman selbst. Die Hexenprozesse seien ja wohl mittlerweile weltbekannt.

Das verfallene Haus im North End barg nicht nur ein Atelier, sondern eine ganze Abfolge von Räumen. Die Gemälde zeigten nicht nur Ghoule auf dem Friedhof, sondern auch Wechselbälger und Hexen. Aber auch der Einbruch der Kreaturen in die hiesige Weg des Alltags wurde dargestellt. Was Henry so verblüfft, ist die Detailtreue und schiere Lebensechtheit der Darstellung. Kann das noch Phantasie sein?

Doch dann kam es im Keller zu einem Vorfall, der ihn vom Gegenteil überzeugte …

_Mein Eindruck_

Der Traum des Henry Thurber, der uns von seiner denkwürdigen Begegnung mit Pickmans Modell, ist lediglich der Auftakt zu einem Gespräch, das von zahlreichen Rückblenden lebt. Auf diese Weise erleben wir praktisch drei Zeitebenen: die Gegenwart mit Eliot Granger, die Vergangenheit mit Pickman – und im Traum eine mögliche Zukunft. Nur diese Struktur vermag es, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln. Denn einfach Lovecrafts berühmte Erzählung herunterzubeten wäre todlangweilig geworden. So aber sind wir Zeuge jeder einzelnen interessanten Szene – und jener Szene, auf die es ankommt.

Gibt es Pickmans Modell wirklich? Das ist die entscheidende Frage, und die Antwort muss nicht nur die Existenz von Ghoulen und Nachtmahren beurteilen, sondern auch die Legitmität dessen, was Kunst darstellen darf und was nicht. In dieser raffinierten Doppelbödigkeit liegt der Reiz der Erzählung. Denn wenn wir an Ghoule und Wechselbälger glauben, dann müssen wir zugestehen, dass unsere Wirklichkeit keineswegs die ist, für die wir sie halten – und dass Kunst die Aufgabe hat, diese andere Wirklichkeitsebene zu präsentieren, koste es, was es wolle.

Auf diese Weise lässt sich aber durch die Hintertür Lovecrafts eigene Kunst rechtfertigen. Zwar hat er uns nicht wie Henry Thurber ein Foto von Pickmans Modell, dem Nachtmahr der Tiefe, überliefert, dafür aber jede Menge schaurige Geschichten von der grausigen Anderwelt, die unsere bürgerliche Realitätsebene offensichtlich unterwandert hat. Natürlich nicht im wörtlichen Sinne auf physische Weise, sondern im metaphorischen Sinne: Die Monster sind nicht da drunten in irgendwelchen Brunnen und Tunneln, sondern in uns selbst.

Auf seine eigene Weise hat Lovecraft, der wirklich auf vielen Gebieten bewandert war und mit zahllosen Zeitgenossen korrespondierte, auch die Psychoanalyse (und woanders die Relativitätstheorie) in sein Werk eingebaut. Freud und Jung, gerade wieder in einem neuen Film von David Cronenberg zu sehen, sahen gemeinsame Nenner in der Psyche ihrer Zeitgenossen: verdrängte Ängste, Zwangshandlungen, Neurosen usw., aber auch Gemeinsamkeiten wie etwa die Archetypen.

Wie sonst wäre es zu erklären, fragt Henry Thurber, dass Füßli, Goya, Gustave Doré und viele andere solche Nachtmahre von jenseits der hellen Ebene der Realität verbildlichten? Nur Pickman ging einen Schritt weiter: Statt Symbolen für innere Wesen stieß er auch deren Entsprechungen in der äußeren Welt – und fiel ihnen wohl zum Opfer. Denn seit jener Nacht hat man ihn nie wieder gesehen.

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Dies ist im Grunde ein Drei-Personen-Stück. Den zentralen Dialog zwischen Henry und Eliot ergänzt in den Rückblenden lediglich Pickman. Man spricht also vielleicht besser von einem doppelten Zwei-Personenstück. Es ist Dietmar Wunder allein, uns die Empfindungen zu vermitteln, die ihn beim Anblick jener schaurigen Bilder Pickmans überkamen.

Witzigerweise muss er dies auf zwei Zeitebenen tun: gegenüber „Eliot“ und gegenüber „Pickman“. Das ist aber auch die Schwierigkeit für seinen Vortrag: In der Gegenwart darf Henry seinem Freund seine Gefühle offen zeigen, und sie sind geprägt von fortgeschrittener Paranoia, um es mal klar zu sagen.

Der Rundgang, auf den ihn Pickman mitnimmt, ist jedoch viel interessanter. Denn Henry ist ja längst ein glühender Verehrer von Pickmans gruseliger und unverblümter Kunst und Ästhetik geworden: Ha, so schockiert man das Bürgertum! „Epater le bourgeois!“ riefen die französischen Kunstrebellen zum Kulturkampf auf.

Doch Pickmans Kunst wird Henry immer unheimlicher. Rebellion, Affront – das ist alles schön und gut. Aber darf man solche Geschöpfe darstellen. Dietmar Wunder geht vom Wundern übers Frösteln bis zum Entsetzen die ganze Palette der angemessenen Empfindungen durch, die Richtung Horror führen. Und nur so können wir daran teilhaben. Das hat er glänzend hinbekommen, ohne durch übertriebene Ausrufe aus dem 18. oder 19. Jahrhundert („O mon dieu!“) für unfreiwilliges Gelächter zu sorgen.

Stefan Kaminski ist ihm dabei als Eliot Granger ein williger Sekundant. Pickman wird hingegen von Sascha Rotermund mit einer diebischen Schadenfreude gespielt. Er mimt den „Perversen“, der den Spießbürger erschreckt, mit Vergnügen. Doch selbst ihm vergeht schließlich das Lachen, als sein Modell aus der Tiefe emporsteigt. Nur gedämpft und fern hören wir seinen Kampf …

Weibliche Figuren kommen hier, wie in so vielen von Lovecrafts Erzählungen, nicht vor. Das hat nichts mit Misogynie zu tun, sondern mit Lovecrafts Unterdrückung des Sexus, die nicht zuletzt durch das Regiment seiner beiden Tanten ausgelöst wurde. Er war zwar immerhin verheiratet, aber von einem Sprössling ist uns nichts überliefert worden.

|Geräusche|

Die Geräusche sind, wie zu erwarten, reichlich unheimlich, ganz besonders in der zentralen Szene in dem verfallen Haus im North End. Hallende Schritte, quietschende Türen, hin wieder ein ominöses Grollen und Knurren im Hintergrund – die Gruselatmosphäre ist perfekt bereit. Den Kontrast dazu bildet die Vernissage des Kunstvereins, auf der lachen und Stimmengewirr bestimmend sind. Zusammen mit einer sehr flexibel gehandhabten Musik ergibt sich ein dichter Klangteppich, der die gruselige Handlung tragen kann.

|Musik|

Die Musik entspricht der eines Scores für ein klassischen Spielfilm, also nicht zwangsläufig für einen Horrorstreifen. Klassische Instrumente wie Violine, Cello und Kontrabass werden manchmal von elektronisch erzeugten Effekten ergänzt. Sehr leise Musik deutet entweder ausgeglichene Einsamkeit oder Harmonie an, doch schon bald erklingen schneidend hohe Streicher, die an den Nerven zerren.

In den drastischsten und grausigsten Szenen jedoch ist im Hintergrund, eingeleitet durch einen tiefen Pulsschlag, eine dramatische Musik zu hören, die mich an die Khazad-dûm-Sequenz in Jacksons „Herr der Ringe, Teil 1“ erinnert hat: ein tiefer Männerchor, flankiert von tiefen Blechbläsern; Kontrabässen und Celli, überlagert nur von höchsten Tönen. Dieser massive akustische Angriff, der bislang dem Dialog unterlegt war, bricht sich im Outro 30 Sekunden lang Bahn, bis er den Zuhörer in den Wahnsinn zu treiben droht!

Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

|Das Booklet|

Im Booklet sind die Titel des GRUSELKABINETTS verzeichnet sowie Werbung für Firu Askin zu finden. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf. Ein zweites Booklet listet sämtliche Titel von Titania Medien auf, und zwar auch alle Neuerscheinungen bis Mai 2012.

Hinweise auf die nächsten Hörspiele:

Nr. 59: Edith Nesbit: Das violette Automobil (November 2011)
Nr. 60: Robert E. Howard: Der Grabhügel (ab März 2012)
Nr. 61: Arthur Conan Doyle: Der Ring des Thot (ab März)
Nr. 62: Nathaniel Hawthorne: Rappaccinis Tochter (April)
Nr. 63: Robert E. Howard: Besessen (April)
Nr. 64: Francis Marion Crawford: Der schreiende Schädel (Mai)
Nr. 65: Mary Elizabeth Braddon: Gesellschafterin gesucht (Mai)

_Unterm Strich_

Was darf Kunst zeigen, scheint uns der Autor zu fragen. Nein, dieses Hörspiel ist nicht einfach nur dem schönen Gruseln gewidmet, welches Ziel es mühelos erreicht. Der Hörer soll sich auch unterschwellig fragen, was uns die Kunst zumuten und wie weit sie bzw. der Künstler dabei gehen darf? Sollten wir der Liberalität und dem Kunstbegriff lieber Grenzen setzen, wenn wir Bilder von Leichenfressern beim Nachtmahl angeboten bekommen? Dr. Reed tut es für uns und wird dafür von Pickman ausgelacht.

Andererseits gibt es ja durchaus eine verborgene Seite der Realität, nämliche jene, die in uns schlummert und sorgfältig versteckt wird. Die Psychoanalyse ist auf zahlreiche Nachtmahre gestoßen, und Gestalten des Albträume und der Hölle, wie sie schon das Mittelalter als Wasserspeier an Kathedralen anbrachte, gibt es wirklich: Die Hölle ist nicht dort draußen, sondern in uns, wie wir seit Freud und Jung wissen. Und Lovecraft wusste dies auch.

Vielleicht sollte man dieses Hörspiel daher nur anhören, wenn man sich auch an Horrorfilme wagt und bereit ist, sich seinen eigenen Dämonen zu stellen. Auf jeden Fall aber sollte man eine gute Portion Vorstellungskraft mitbringen, um die Ghoule in Pickmans Keller zum Leben zu erwecken …

|Das Hörspiel|

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Dieses Hörspiel kontrastiert hart mit dem gleichzeitig veröffentlichten „Das violette Automobil“. Dort herrscht eine ganz andere Stimmung, nämlich sehr feinfühlig.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling. Dietmar Wunder beispielsweise ist als deutsche Stimme von Daniel Craig vertraut. Er könnte auch gut als Geisterjäger auftreten (und in „John Sinclair“ ist er auch des öfteren zu vernehmen).

Wer jedoch mit Dramatik und Romantik absolut nichts am Hut hat, sich aber trotzdem zünftig gruseln will, der sollte zu härterer Kost greifen. Die Hörbücher der „Necroscope“-Reihe von Brian Lumley dürften dem Hörer eine ausreichend starke Dosis verabreichen. Leider werden schon längst keine Neuen mehr produziert.

|Audio-CD mit 66:30 Minuten Spielzeit
ISBN-13: 978-3-7857-4529-8|
[www.titania-medien.de]http://www.titania-medien.de

_Das |Gruselkabinett| bei |Buchwurm.info|:_
[„Carmilla, der Vampir“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=993 (Gruselkabinett 1)
[„Das Amulett der Mumie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1148 (Gruselkabinett 2)
[„Die Familie des Vampirs“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1026 (Gruselkabinett 3)
[„Das Phantom der Oper“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1798 (Gruselkabinett 4)
[„Die Unschuldsengel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1383 (Gruselkabinett 5)
[„Das verfluchte Haus“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1810 (Gruselkabinett 6)
[„Die Totenbraut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1854 (Gruselkabinett 7)
[„Spuk in Hill House“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1866 (Gruselkabinett 8 & 9)
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[„Untergang des Hauses Usher“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2347 (Gruselkabinett 11)
[„Frankenstein. Teil 1 von 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2960 (Gruselkabinett 12)
[„Frankenstein. Teil 2 von 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2965 (Gruselkabinett 13)
[„Frankenstein. Teil 1 und 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3132 (Gruselkabinett 12 & 13)
[„Die Blutbaronin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3032 (Gruselkabinett 14)
[„Der Freischütz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3038 (Gruselkabinett 15)
[„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3489 (Gruselkabinett 16-19)
[„Der Werwolf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4316 (Gruselkabinett 20)
[„Der Hexenfluch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4332 (Gruselkabinett 21)
[„Der fliegende Holländer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4358 (Gruselkabinett 22)
[„Die Bilder der Ahnen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4366 (Gruselkabinett 23)
[„Der Fall Charles Dexter Ward“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4851 (Gruselkabinett 24/25)
[„Die liebende Tote“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5021 (Gruselkabinett 26)
[„Der Leichendieb“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5166 (Gruselkabinett 27)
[„Der Glöckner von Notre-Dame“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5399 (Gruselkabinett 28/29)
[„Der Vampir“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5426 (Gruselkabinett 30)
[„Die Gespenster-Rikscha“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5505 (Gruselkabinett 31)
[„Jagd der Vampire. Teil 1 von 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5730 (Gruselkabinett 32)
[„Jagd der Vampire. Teil 2 von 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5752 (Gruselkabinett 33)
[„Jagd der Vampire“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5828 (Gruselkabinett 32+33)
[„Die obere Koje“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5804 (Gruselkabinett 34)
[„Das Schloss des weißen Lindwurms“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5807 (Gruselkabinett 35)
[„Das Bildnis des Dorian Gray (Gruselkabinett 36/37)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5919
[„Berge des Wahnsinns (Teil 1)“ (Gruselkabinett 44) (Hörspiel)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6736
[„Berge des Wahnsinns (Teil 2)“ (Gruselkabinett 45) (Hörspiel)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6737
[„Die Maske des roten Todes“ (Gruselkabinett 46)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6735
[„Verhext“ (Gruselkabinett 47)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6734
[„Die Maske des roten Todes“ (Gruselkabinett 46)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6735
[„Die Squaw“ (Gruselkabinett 48)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6774
[„Tauben aus der Hölle“ (Gruselkabinett 52)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7050
[„Abenteuer eines Geistersehers“ (Teil 1) (Gruselkabinett 54)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7119
[„Abenteuer eines Geistersehers“ (Teil 2) (Gruselkabinett 55)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7120
[„Pickmans Modell (Gruselkabinett 58)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7524
[„Das violette Auto (Gruselkabinett 59)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7510

Howard Phillips Lovecraft – Der Schatten über Innsmouth. Hörspiel

Klassiker des Cthulhu-Mythos

„Die atmosphärische Dichte dieser Novelle steigert sich vom anfänglichen Grauen bis hin zu blankem Entsetzen und endet im Wahnsinn“, schreibt der Festa-Verlag (oder LPL records oder Lübbe Audio) auf dem hinteren Einleger.

Der Autor
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Bradbury, Ray – Leviathan \’99 (Hörspiel)

Ahabs Begegnung mit dem Monster der Leere

Ismael fliegt 2099 mit einer bizarren Mannschaft im Raumschiff „Cetus 7“ den Sternen entgegen. Dem Kapitän raubte vor 30 Jahren der Komet Leviathan das Augenlicht. Seitdem ist er – wie einst Ahab vom weißen Wal Moby Dick – besessen, sich mit dem Riesenkometen zu messen. Ob das wohl gut geht?

Der Autor

Raymond Bradbury, geboren 1920 (und immer noch quicklebendig!) in Waukegan, Illinois, ist einer der bekanntesten Erzähler der USA, und zwar nicht nur in der Science-Fiction, sondern auch im sogenannten Mainstream. Als Ray vierzehn Jahre alt war, übersiedelte seine Familie nach Kalifornien, wo er 1938 seinen Highschool-Abschluss machte. Diesen Verlust der Heimat hat er immer wieder verklärend thematisiert.

1937 kam er erstmals mit der Science-Fiction-Szene Kaliforniens in Kontakt, als er Ray Harryhausen (Film), Forrest Ackerman (Fandom) und Henry Kuttner (Autor) traf. Zum Teil konnte er seine Träume mit ihnen erfüllen. Harryhausen wurde zu einem der größten Trick- und Special-Effects-Könner auf dem Gebiet des phantastischen Films („Kampf der Titanen“ u.v.a.), während Bradbury später als Autor weit über die Grenzen des Genres hinaus bekannt wurde.

Die Schriftstellerin und Drehbuchautorin („Star Wars Episode V“) Leigh Brackett beeinflusste ihn wesentlich in seiner Entwicklung. 1943 wurde sein Stil poetischer, nostalgisch und zeigte einen Hang zum Makabren. Die damals großen Magazine wie die „Saturday Evening Post“ sollen sich angeblich um seine Storys gerissen haben. Er schrieb für John Huston 1955/56 das Drehbuch zu „Moby Dick“.

In letzter Zeit ist es still um Bradbury geworden, aber von ihm erscheinen immer noch aufwändig gemachte Novellen- und Storybände. Ridley Scott hat in seinem Film „Blade Runner“ eine Hommage eingebaut: Das Hotel, in dem der Showdown stattfindet, heißt „The Bradbury“. Und der Regen fällt wie in Bradburys Story „The Day It Rained Forever“ unablässig.

Seine wichtigsten Werke:

[Fahrenheit 451]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=400 (1953, verfilmt 1966 von F. Truffaut)
Der illustrierte Mann (1951, verfilmt 1968 mit Rod Steiger, dt. Titel: „Der Tätowierte“)
[Die Mars-Chroniken]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1294 (1946-50, verfilmt 1980 mit Rock Hudson)

Die Sprecher und ihre Rollen

Ismael: Jürgen Goslar
Kapitän: Wolfgang Büttner
Quell: Günther Stutz
Redleigh: Heinz Stoewer
Rogers: Olaf Bison
Ellery Colworth: Anfried Krämer
Der Warner: Max Noack
Der Kleine: Yodok Seidl

Das Hörspiel hat Regisseur H. B. Fortuin 1969 für den Hessischen Rundfunk eingerichtet. Die Musik besorgte Tristram Cary.

Handlung

„Nennt mich Ismael.“ Man schreibt das Jahr 2099, und Ismael Jones, unser Erzähler, berichtet, dass er als erstes Kind im Weltraum geboren wurde und seine Eltern Ex-Marsianer waren. Sein Vater nannte ihn Ismael nach dem wandernden Gottessucher aus der Bibel. Und tatsächlich versteht sich Ismael als ein Wanderer, über Gras- und andere Meere, wie etwa die des unendlichen Kosmos, des Sternenmeers.

Eines Tages wird er im Raumfahrer-Wohnheim einem Zimmergenossen namens Quell zugewiesen. Quell ist drei Meter hoch und ein Telepath, er stammt von einer Inselwelt im Andromedanebel, wo Tiermenschen aufwachsen. Ismael fragt uns: „Was ist menschlich?“ Statt zu streiten, beschließen sie, lieber Freunde zu werden. Sie suchen eine neue Heuer, und ihre Wahl fällt auf die „Cetus 7“ (cetus = Wal), denn sie ist das größte jemals gebaute Raumschiff.

Hätten sie doch nur ein anderes Schiff gewählt! Ein „Warner“ namens Elias tut genau das: Er warnt sie vor dem Kapitän der Cetus 7, einem verrückten Albino, dem ein Unfall mit einem Kometen namens Leviathan die Augen ausgebrannt habe. Doch sie hören nicht auf ihn und helfen, das Schiff auszurüsten. Es ist eine seltsame Crew: zumeist Gnome und Zwerge, gezüchtete Genies, die allzu gerne spielen. Nur wenige Menschen sind an Bord, und der Käptn ist nirgends zu sehen. Vor dem Ablegen besuchen sie einen Gottesdienst und lauschen der Predigt des robotischen Pater Ellery Colworth, der schon seit hundert Jahren tot ist. Seine Botschaft: Alles ist Gottes Schöpfung, deshalb gilt es, alles Leben zu achten.

Am 2. August ’99 geht’s los. Vom Käptn hat Ismael nur ein seltsames Geräusch gehört: sein Körperradar, das der Blinde benötige, heißt es. Nach fünfzig Tagen nähert sich die Cetus 7, gesteuert vom Ersten Offizier Redleigh, einem Planeten im Sternbild Schwan. Doch statt ihn zu erkunden, befiehlt der Käptn eine Inspektion. Erstmals bekommt Ismael ihn zu Gesicht, den Albino mit dem Wärmesensor vor den Augen. Er kommt ihm unheimlich vor, wie „der Geist von Hamlets Vater, der neue Gespenster ausbrütet“.

Wer den Kometen Leviathan als Erster sichtet, bekommt eine Belohnung. Alle dreißig Jahre kommt das Ungetüm in diese Raumgegend, wo es einst dem Käptn das Augenlicht raubte. Dafür will er sich rächen und das Monster, diese „Lawine des Nichts“, für immer zerstören. Das ist der heilige Auftrag der Besatzung der Cetus 7. Und der Kapitän schwört sie gnadenlos darauf ein: den Kometen zerstören oder beim Versuch sterben. Es ist Wahnsinn.

Doch wo bleibt dabei die Achtung vor allen Geschöpfen Gottes, die Pater Colworth predigte, fragt der Erste Offizier. Das sei doch Gotteslästerung. Nichts da, bügelt der Kapitän die Kritik Redleighs nieder. Der Leviathan beging vielmehr als Erster eine Gotteslästerung an des Käptns Fleisch! Und für seine Rache sei er bereit, sich selbst zu opfern.

Die Monomanie des Kapitäns manifestiert sich immer wieder. Sie lassen einen Mond mit wundervollen toten Städten ebenso links liegen wie zwei irdische Raumschiffe. Nichts darf von der Jagd auf das Ungeheuer ablenken. Ismaels telepathischer Freund Quell ist von einer düsteren Vorahnung erfüllt; er „hört“ Stimmen von Toten und lässt sich eine Totenrüstung anfertigen (keinen Sarg).

Nach einem Hinweis von einem anderen Kapitän kommt es endlich zur finalen Konfrontation. Doch sie verläuft viel schrecklicher, als Ismael sich das hätte ausmalen können. Denn Leviathans furchtbare Kraft liegt nicht so sehr in seiner „körperlichen“ Erscheinung, sondern vielmehr in seiner Beeinflussung der Zeit …

Mein Eindruck

Die Zeit ist das zugrunde liegende Hauptthema der Erzählung, die 1968 zuerst veröffentlicht wurde. Das Universum wird hier endlich als das begriffen, was zu begreifen am schwersten fällt: Dass relativistische Zeit nicht immer die gleiche Rolle spielt und stets relativ zum Ort und zum Betrachter existiert.

Der Leviathan, der alle dreißig Jahre in die Nähe der Erde fliegt, ist wie ein Pendel der Regelmäßigkeit, während alles andere vergeht und verschwindet. Ganz besonders natürlich der Mensch. Deshalb muss der Kapitän aufbegehren. Allein schon der Flug mit Lichtgeschwindigkeit, den die Cetus unternimmt, entfernt die Besatzungsmitglieder mit relativistischer Geschwindigkeit von allen ihren momentanen Zeitgenossen. Sie stranden in ihrer eigenen Zeit, die sie wie in einer Kapsel mit sich nehmen: eine zusammengeschweißte Gruppe.

Sie begegnen auf ihrem Flug durch die Sternenmeere den „verlorenen Kindern der Zeit“: Radio- und Fernsehbotschaften aus dem Jahr 1939. Wir hören Reden des „Führers“, eine Ansprache von Chamberlain aus dem Jahr 1938, dann das Lied „Lili Marleen“ und dergleichen mehr. Doch für den Kapitän hat dies natürlich keine Bedeutung. Sollte es aber, ist er doch ebenfalls ein Rattenfänger, der seine Anhänger in den Untergang führt und den Rest der Welt mitreißt.

Und dann die erste Begegnung mit Leviathan. Seine unheimliche Weiße setzt Strahlen frei, die gemäß der Phantasie des Autors die Zeit krümmen. Die Cetus 7 gerät in ein Sargassomeer der Zeit, dümpelt in einer Flaute irgendwo im Abseits dahin, bevor sie sich aus eigener Kraft wieder befreit. Erneuter Angriff auf den Kometen, das große weiße Ungeheuer, zu dem der Kapitän es hochstilisiert.

Und als Ergebnis versprengt das große weiße Geheimnis die kleinen Menschlein in alle Zeiten, sei es in die Zeit Shakespeares oder in die Lincolns. Nur Quell in seiner Totenrüstung und Ismael, obwohl gestrandet in der Zeit, können hoffen, jemals wieder von einem Raumschiff gefunden zu werden. Und da Ismael uns Bericht erstattet, gelingt ihm das wohl auch. Er ist nicht nachtragend. Leviathan ist eben nur ein Geschöpf Gottes, nicht etwa Shiva selbst, der Gott der Zerstörung. Wer immer wieder vergeblich versucht, gegen das Universum aufzubegehren wie einst Faust und viele Heroen mehr, das sind gebrochene und wütende Menschen wie der Kapitän. Und dabei werden sie eins mit ihrem Ziel, das sie aufnimmt.

Besonders interessant ist vielleicht in diesem Zusammenhang, nun, da die Anklänge an „Moby Dick“ unübersehbar sind, dass es der Autor selbst war, der zusammen mit Regisseur John Huston das Drehbuch zur famosen Verfilmung von 1956 ablieferte. Diese Arbeit, die er 1955/56 in London verrichtete, hinterließ sicherlich einen bleibenden Eindruck bei Bradbury. Und nur ein Dutzend Jahre später wurde daraus die vorliegende Erzählung. Diese hat der Hessische Rundfunk in ein Hörspiel umgesetzt.

Die Sprecher

Es gibt drei oder vier Kategorien von Sprechern. Sie lassen sich gemäß ihrer Einstellung zum numinosen Leviathan einteilen. Da sind einmal die romantischen Träumer wie Ismael und Quell. Sie achten den Kometen als Gottes Schöpfung, bewundern auf eine passive Weise die Wunder des Weltraum. Ihnen diametral gegenüber steht der Kapitän, ein reiner Tatmensch, der keinen Zweifel an der Notwendigkeit zur Vernichtung des Kometen aufkommen lässt.

Und doch gibt es Zweifler. Zu ihnen gehört der Erste Offizier, der sogar an Meuterei denkt und den Kapitän, den er für offensichtlich wahnsinnig hält, mit der Pistole bedroht. In die gleiche Kategorie gehört der Warner Elias, dessen Worte Ismael und Quell in den Wind schlagen. Als letzte Kategorie könnte man diejenigen Crewmitglieder zählen, die kaum zu Wort kommen und einfach nur Mitläufer sind.

Der wichtigste Sprecher in diesem Reigen ist natürlich derjenige, der die Handlung am meisten bewegt: der Kapitän. Selbst wenn er nicht körperlich anwesend ist, so beherrscht sein Geist doch sein Schiff und die gesamte Besatzung. Durch die Weißheit seiner Haut, seine Blindheit, die Kyborg-Gerätschaften ist er als Über-Mensch ausgewiesen, und seine angeblichen Visionen heben ihn sowieso in den Status eines religiösen Führers empor. Einem solchen Mann zu trotzen, grenzt schon an Frevel.

Wolfgang Büttner füllt diese faustische Ahab-Figur mit einem enormen Stimme aus, die zum schmeichelnden Raunen ebenso fähig ist wie zum tobenden Brüllen. Das klingt dann sehr theatralisch. Und zudem kann er hier einen ellenlangen Monolog halten, als sei er Hamlet, der seines Vaters Tod kontempliert. Aber so wird „Ahab“ als ein gequälter Mensch sicht- und hörbar, der in der Vernichtung seines Zerstörers endlich Erlösung aus seiner Qual finden will. Untergang ist Befreiung. Galt das auch für Hitler? Diese Radiozitate aus den Jahren 1938/39 wurden nicht zufällig ausgewählt.

Jürgen Goslar als Ismael hingegen ist der genaue Gegensatz. Er hat stets etwas Heiteres, Insichruhendes in seiner Stimme, und wir können uns auf ihn verlassen, denn offensichtlich hat ihn „Ahabs“ Wahnsinn nicht angesteckt. Beim Angriff bleibt er als Einziger auf der Cetus 7 zurück. Er ist der außenstehende Beobachter, der nur berichtet, aber nicht wertet. Quell trägt ihm zu, was zwischen dem Kapitän und seinem Ersten Offizier vor sich geht. Wir müssen uns selbst einen Reim darauf machen, was passiert.

Musik und Geräusche

Die Musik wurde vollständig auf einem elektronischen Instrument erzeugt, das ich als Laie für einen Synthesizer halte. Für eine Orgel wären diese Töne und Klangfarben jedenfalls sehr ungewöhnlich, klassische Instrumente kommen überhaupt nicht vor. Da Synthis heutzutage völlig out sind, klingt diese Klanguntermalung ebenfalls antiquiert, und zwar so sehr, dass sie an „Raumpatrouille Orion“ erinnert und, wie die Kultserie, einen gewissen Retro-Charme ausübt. Die wenigen Geräusche, die vorkommen, sind nicht der Rede wert.

Unterm Strich

Obwohl das Hörspiel in der Art seiner Darstellungstechniken seine Entstehungszeit nicht verleugnen kann, so bietet es doch eine recht interessante Geschichte, die im Grunde von überzeitlicher Bedeutung ist: Der tätige Mensch muss es mit den Kräften des Kosmos aufnehmen, will er es wagen, dorthin vorzudringen. Und so ist das Scheitern immer ganz nahe im Bereich des Möglichen. Dass eine Raumreise aber auch die Begegnung mit dem Göttlichen sein kann, will jedoch dem Kapitän der „Cetus 7“ nicht in den Sinn: Er hält den Kometen Leviathan für eine Ausgeburt der Hölle.

Die recht geschickt und nah am Vorbild erzählte Geschichte ähnelt Herman Melvilles „Moby Dick“ bis ins Detail, denn Bradbury schrieb schließlich das Drehbuch für John Hustons famose Verfilmung des Romans. Wer sich jedoch ebenso deftige Action erhofft wie im Film, der wird vom Hörspiel ziemlich enttäuscht sein. Das Vergnügen ist eher intellektueller Natur, wenn auch die Regie versuchte, die Konfrontationen zur Erzeugung von Spannung zu nutzen. Der Erfolg dieser Bemühung hält sich in Grenzen.

Für Science-Fiction-Freunde ist das Hörspiel eine Gelegenheit, mal wieder eine Story aus dem Storyband „I sing the body electric!“ zu genießen. Doch schon 1968 war Bradburys Erzählkunst nicht mehr ganz taufrisch – kein Wunder, nach 30 Jahren ständiger Produktion (und der Mann schreibt heute noch!). Die große Erleuchtung oder Entdeckung sucht man deshalb in der Story vergeblich.

Originaltitel: Leviathan, 1968
Übersetzung von Hanns A. Hammelmann
80 Minuten auf 1 CD

Ambrose Bierce – Das Auge des Panthers (Gruselkabinett Folge 157)

In Liebe mit einem Werpanther

USA, 1890: Der Anwalt Jenner Brading ist einigermaßen überrascht, dass Irene Marlowe, die ihn zweifellos liebt, seine Heiratsanträge vehement ablehnt. Indes hat die begehrenswerte junge Frau mit den faszinierenden blauen Augen mehr als einen guten Grund, unverheiratet zu bleiben, wie sie ihm eines Abends in der freien Natur offenbart… (Verlagsinfo)
Ambrose Bierce – Das Auge des Panthers (Gruselkabinett Folge 157) weiterlesen

Hanns Heinz Ewers – Die Topharbraut (Gruselkabinett Folge 151)

Die Verschwörung der Totengräber

Berlin 1913: Auf Wohnungssuche begegnet der Schriftsteller Dr. Gunther Lutzke dem unauffälligen Fritz Beckers, mit dem er sich fortan in eine Art Wohngemeinschaft begibt. Er ahnt nicht, dass der freundliche Mitbewohner hinter seiner Fassade etwas Grauenvolles verbirgt, das er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.
Hanns Heinz Ewers – Die Topharbraut (Gruselkabinett Folge 151) weiterlesen

Pratchett, Terry – Wachen! Wachen!

Die Stadtwache von Ankh-Morpork ist sicher eine der glorreichsten Erfindungen Terry Pratchetts für seine Scheibenwelt. Auch wenn sie selbst nicht immer die glorreichste Rolle bei ihren Einsätzen spielt. Dieses Hörspiel, das es seit Herbst 2004 gibt, schildert eines der bekanntesten Abenteuer der Wache: das mit dem Drachen und dem König.

|Der Autor|

Terry Pratchett (Jahrgang 1948) und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa zwei bis drei Dutzend Bücher erschienen, in 27 Sprachen übersetzt, mehr als 23 Millionen Exemplare wurden verkauft. Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch [„Maurice, der Kater“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219 („The amazing Maurice and his educated rodents“), worauf „The Wee Free Men“ folgte.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden.

Der Roman „Wachen! Wachen!“ wurde bereits einmal zu einem genialen [Comicbook]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=253 verarbeitet.

_Handlung_

Karotte ist als Waise bei den Zwergen aufgewachsen. Eines Tages ruft ihn ein Brief in die Hauptstadt, nach Ankh-Morpork, um der Stadtwache beizutreten, bei der er sich beworben hat. Schweren Herzens nimmt er als rechtschaffener Zwergenbub von rund 1,90 m Größe Abschied von den einzigen Eltern, die er kennt. Seine wahren Eltern wurde einst überfallen und getötet. Er hat das Ankh-Morpork-Gesetzbuch geerbt, ein Schwert und ein seltsames Muttermal in Form einer Krone.

Doch ach! Die Stadtwache von Ankh-Morpork, sie ist ein demoralisierter Haufen, der sich nicht gerade auf die Durchsetzung von Gesetz und Ordnung spezialisiert hat. Hauptmann Mumm und seine Kollegen Corporal Nobbs und Sergeant Colon bezechen sich angesichts des kargen Lohns, den ihnen ihr Boss, Lord Vetinari, gibt, lieber in der „Geflickten Trommel“, als auf dunklen Gassen ihr Fell zu Markte zu tragen. Selbst das Mitternacht-Ausrufen erfolgt daher dezent und nervenschonend, ganz besonders in jenem verrufenen Viertel, das man „die Schatten“ nennt. Hier wacht die Diebesgilde eifersüchtig über ihre Vorrechte. Das Durchgreifen des neuen Kollegen Karotte gegenüber Sperrstundenbrechern ist ihren heroischen Mitgliedern geradezu peinlich.

Wie soll es dieser Haufen mit dem Geheimbund unzufriedener Bürger aufnehmen, der sich die Monarchie zurückwünscht? Denn die Kapuzenmänner der „Erleuchteten Brüder der dunklen Nacht“, angeführt von ihrem „Obersten Größten Meister“, beschwören zu diesem Zweck mit Hilfe eilig zusammengetragener „magischer Objekte“ und eines gestohlenen Zauberbuches einen Drachen, den der neue König – sicherlich ein strahlender Recke – besiegen soll, um zu beweisen, dass ihm allein der Thron und die Stadtherrschaft gebühren.

Während Hauptmann Mumm noch bei Madame Käsedick, einer Züchterin von Sumpfdrachen, die nötigen „Spezialkenntnisse“ erwirbt, um der neuen Gefahr aus der Luft zu begegnen, wird auch schon der Patrizier Lord Vetinari in den Kerker geworfen und der Luftkrieg gegen die Wache und allerlei Drachenjäger eröffnet. Leider gerät dem besagten Geheimbund das drakonische Ungetüm außer Kontrolle und bringt sämtliche Bürger in Gefahr.

Doch alles wird gut, so hofft die Wache noch. Bis einer der Sumpfdrachen Madame Käsedicks, die demnächst dem Drachen geopfert werden soll, sich sehr merkwürdig benimmt, weil er nämlich sein Verdauungssystem umgebaut hat. Unterdessen unternimmt der Bibliothekar der Unsichtbaren Universität, dem das Buch für die Drachenbeschwörung geklaut wurde, eine kleine Zeitreise …

_Mein Eindruck_

„Wachen! Wachen!“ ist sicherlich eines der spannendsten Abenteuer, die der Autor für seine Discworld erfunden hat. Anders als die Geschichten um TOD oder die Hexen steht hier eine ziemlich einfach gestrickte Truppe im Mittelpunkt des Geschehens. Die unterbezahlten und normalerweise angeheiterten Mitglieder der „Patrouille“ begucken sich die großen Ereignisse, die in ihrer Stadt auf politischer und gesellschaftlicher Ebene stattfinden, sozusagen von unten. Genau wie Bürger wie du und ich.

Und dabei haben sie sogar noch das bessere Los gezogen, wenn man ihr Schicksal mit dem der Großkopfeten vergleicht. Nehmen wir mal Lord Vetinari, den Patrizier. Der neue König wirft ihn als erste Amtshandlung in den Kerker. (Dort dressiert der Patrizier die gebildeten Ratten darauf, ihm beim Dinieren und Frisieren zur Hand zu gehen. Außerdem befindet sich der Riegel seiner Zellentür auf der INNENSEITE.) Wesentlich schlechter scheint es dem Kronrat zu gehen.

Die Ratsmitglieder müssen zu ihrem gelinden Entsetzen feststellen, dass der König eine Mahlzeit des wahren Königs geworden ist: des Drachen. Der neue Herrscher fordert durch sein Sprachrohr, den Sekretär Lupin Wonse, weitere Menschenopfer, sozusagen als mafioses Schutzgeld oder Steuer. Wird das Opfer entrichtet, sieht der neue drakonische Herrscher von Raubzügen unter der Stadtbevölkerung ab. Ganz einfacher Deal, oder? Ach ja, und alles Gold, das die Stadt hergibt, hätte er ebenfalls gerne. Dagegen gibt es doch nichts einzuwenden, ODER? Und so eine kleine Jungfrau einmal im Monat ist doch sicher nicht zu viel verlangt, ODER?

In diesem Kapitel verrät der Autor einen sarkastischen Humor und tiefe Einsichten in politische Machtmechanismen. Und wie bei jedem Machtwechsel gibt es auch hier Kriegsgewinnler, namentlich Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin-Schnapper, der geschäftstüchtige Wurst- und Andenkenverkäufer. Und die Revolution der Bürger wird natürlich im Keim erstickt – äh, Pardon, verbrannt.

Ob Madame Käsedick, die liebenswerte Züchterin von Sumpfdrachen und Herbergsmutter für Hauptmann Mumm, eine Jungfrau ist oder nicht, sei mal dahingestellt. Jedenfalls wird sie eines Morgens von der Ersatzstadtwache abgeführt und in den Palast gebracht. Spätestens jetzt sieht sich Mumm bei seiner Ehre gepackt und ergreift Maßnahmen. Wie diese aussehen, sei hier nicht verraten, doch dass es ein Happyend gibt, ist wohl mehr dem Narrenglück Mumms und seiner wackeren Garde (Colon hat einen Glückspfeil, mit dem er die „Empfindlichkeit“ des Drachen zu treffen gedenkt – so er sie denn findet) zu verdanken als seinen koordinierten Anstrengungen, den Tyrannen zu vertreiben.

Ironischerweise erweist sich die Liebe als stärkere Kraft: nämlich buchstäblich als „Himmelsmacht“. Und wie man in „Shrek 1“ mit größtem Vergnügen festgestellt hat, müssen nicht alle Drachen männlich sein …

_Das Hörspiel, die Inszenierung_

Von dem Schweizer Studio „Bookonear“ habe ich bislang noch nie etwas gehört. Die Produktion, die es mit „Wachen! Wachen!“ vorgelegt hat, ist jedoch in vielerlei Hinsicht professionell zu nennen. Die Sprecher, die bei uns allesamt unbekannt sind, legen eine bühnenreife Darbietung hin. Colon beispielsweise verfügt über eine heisere, raue Stimme, als ob er Kettenraucher wäre. Sein Sprecher hält diese Qualität mühelos durch. Auch der quengelige Verschwörer Verdruss hat mir sehr gut gefallen. Diese Leutchen erinnern mich an die einfachen Bürger in Shakespeares „Sommernachtstraum“.

Aber es gibt auch eindrucksvollere Stimmen. Mehrere Male tritt TOD auf und spricht hörbar in VERSALIEN. Witzig ist dabei, dass derjenige, den er abholt, kaum einen Unterschied in seiner neuen Existenzform gegenüber dem früheren Leben feststellt. Nörgler bleibt Nörgler. Da gibt es einige sehr ironische Momente.

Noch weitaus beeindruckender ist jedoch die Stimme des Drachenkönigs, der von der Decke der Halle des Thronsaals zu seinem Diener Lupin Wonse spricht. Der Drache spricht mit Donnerhall und einer sehr tiefen Stimme, so dass sich kaum etwas Eindrucksvolleres und Furchteinflößenderes vorstellen lässt (es sei denn, man ist kleiner als ein Mensch und hört auch Infraschall).

|3D-Sounds|

Praktisch alle wichtigen Klänge haben mit den diversen Drachen zu tun. So ein angreifender „draco nobilis“ klingt wie ein Sturzkampfbomber, komplett mit Flügelschlagen, Fauchen und Fenstersplittern inklusive Scherbenregen. Es klingt ungefähr wie ein mittlerer Weltuntergang. Natürlich in Stereo!

Dagegen wirkt der Stall, wo Madame Käsedick ihre Exemplare von „draco vulgaris“ hält, wie ein heimeliger Hühnerstall. Mit einer Ausnahme: Ihr kleiner Errol brütet etwas aus – aber was? Nun, im vorletzten Kapitel, beim Showdown, hören wir ganz genau, wie Errol klingt, wenn er seinen neuen Düsenantrieb testet … Ansonsten sind diverse Comic-Sounds zu hören, wie sie etwa einer Kneipenschlägerei wohl anstehen. Die Tonmeister Olift Maurmann und Gavin Maitland haben ganze Arbeit geleistet.

|Die, ähem, Musik|

Und hier scheiden sich die Geister, weil ja bekanntlich die Geschmäcker verschieden sind. Einerseits macht die mittelalterlich instrumentierte Pausenmusik, die die Szenen voneinander trennt, das Hörspiel zu etwas ganz Besonderem in der Audiobook-Landschaft. Andererseits ist sie für unsere Ohren sehr gewöhnungsbedürftig.

Die Musik „wurde nicht extra für dieses Hörspiel komponiert“, verrät das Booklet. „Aber für ungewöhnte Ohren ist sie so schräg, dass sie hervorragend zur Scheibenwelt passt und ich sie einfach verwenden musste“, schreibt der Regisseur Raphael Burri, der auch die Hörspielfassung bearbeitet hat. Er hat die Musik der CD „Tritonus – Alte Volksmusik aus der Schweiz“ von 1991 entnommen (mehr Infos zur Gruppe Tritonus und ihrer Musik gibt’s unter www.tritonus.ch).

Mit Querflöte und Harfe kann man sich ja noch gerne anfreunden. Sie sind für die romantischen Momente der Entspannung (o ja, es gibt sie!) genau richtig. Etwas heftiger wird es dann bei den seltsamen Instrumenten, die direkt aus dem Mittelalter stammen: Drehleier und Hackbrett etwa, vor allem aber die seltsamen Blasinstrumente, die wie ein Mittelding aus Oboe, Fagott und Klarinette klingen und dem Hörer wahrlich durchdringend eins auf die Ohren geben. Also, immer schön auf die Lautstärke achten! Da auch die Harmonielehre des Mitelalters befolgt wird, sind die „Melodeien“, die man zu Gehör bekommt, zusätzlich ungewohnt.

Nach spätestens drei CDs war ich von der Eignung dieser Musik für ein Scheibenwelt-Hörspiel durchaus, wenn auch nicht restlos überzeugt. Eine schräg erfundene Welt braucht eben auch schräg gespielte Musik. Solange man sich keine Überdosis davon reinzieht.

|Das Booklet|

Das Beiheft ist liebevoll gestaltet und einer solcherart von Liebhabern der Scheibenwelt gestalteten Produktion angemessen. Da findet sich ein Lebenslauf des Autors ebenso wie Hintergrundinfos über die Musik (s. o.), die Gestalter und sämtliche Sprecher. Am schönsten aber sind zwei Elemente: die detaillierte Tracklist für jede einzelne CD, von denen jede einen eigenen Titel trägt, z. B. „Draco nobilis“. Und natürlich die knuddeligen Zeichnungen Josh Kirbys, die allesamt der doppelseitigen Tittelillustration entnommen sind. Auch die Cover der einzelnen CDs wie auch die Einsteckplätze der CDs im Karton sind damit geschmückt.

|Abspann|

Am Schluss der letzten CD werden alle Sprechrollen noch einmal mit Zitaten bzw. Klangproben vorgestellt und ihrem Sprecher oder ihrer Sprecherin zugewiesen. Von der Crew sind lediglich die Techniker und der Regisseur genannt.

_Unterm Strich_

Es hat schon eine Reihe von Scheibenwelt-Hörbüchern gegeben, das erste erschien seinerzeit bei Heyne. „Das Licht der Fantasie“ war – trotz des engagierten Sprechers – so todlangweilig, dass ich es vorzeitig aufgab. Ich wage gar nicht, in die Produktionen neuerer Scheibenweltromane reinzuhören.

|Was Neues in Sachen Discworld-Audio|

„Wachen! Wachen!“ unterscheidet sich von diesen unzulänglichen Ergebnissen jedoch radikal. Meines Wissens handelt es sich hier um das erste deutschsprachige (es mag auch englische geben) Hörspiel zur Discworld überhaupt. Es ist um Lichtjahre unterhaltsamer als jene Lesungen. Es bietet die Action und Dramatik eines herorischen Fantasyfilms mit den ausgebildeten Stimmen und Soundeffekten einer professionellen Bühnenproduktion. Das Einzige, was fehlt, ist die visuelle Darstellung. Die können das Booklet und der Karton der Verpackung nur sehr begrenzt liefern – ist ja klar.

|Finale infernale|

Wer sich auf die einzelne Szene konzentriert, bekommt stets etwas mit auf den Weg, denn jeder Baustein baut auf dem vorherigen auf oder fügt einen Nebenaspekt hinzu. Schlussendlich mündet das komische Drama, das sich „Wachen! Wachen!“ – der Ruf hat jedes Mal je nach Kontext eine andere Bedeutung – nennt, in ein packendes, wenn auch etwas tragikomisches Finale. Dieses kann sich hören lassen. Und beim nächsten Mal freut man sich schon darauf.

|Gute Geldanlage|

Hinsichtlich der Qualität der Produktion würde ich dieses Hörspiel gleich neben die „Taran“-Hörspiele des SWR stellen. Nur habe diese den Nachteil, dass sie mit ca. 110 Minuten wahnsinnig kurz sind. Mit „Wachen! Wachen!“ bekommt der fantasybegeisterte Zuhörer fast dreimal so viel Unterhaltungszeit für sein Geld. Und für Pratchett-Sammler wird dieser Artikel schon in wenigen Jahren eine gute Geldanlage sein.

|Umfang: 321 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: „Guards! Guards!“, 1989
aus dem Englischen übertragen von Andreas Brandhorst 1991|

Mark Brandis – Blindflug zur Schlange (Folge 24)

Unter Weltraumpiraten: Action und Spannung

2133: Mark Brandis ist seit einem halben Jahr außer Dienst, als ihn die Nachricht von der Zerstörung des Patrouillenschiffs unter Grischa Romens Kommando erreicht. Als Zivilist hat Brandis keine Raumfluglizenz mehr. Zusammen mit Pablo Torrente macht er sich inkognito auf den Weg zu den Galapagosinseln. Von dort aus wollen sie versuchen, eine Passage zum Asteroidengürtel zu bekommen – in der Hoffnung, irgendwo in der von Piraten kontrollierten Region den Freund doch noch lebend zu finden … (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörspiel ab 12 Jahren.

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Doyle, Arthur Conan / Gruppe, Marc – Sherlock Holmes: Der Fall Milverton / Der Teufelsfuß (Krimi-Klassiker 5)

_Auf Großwildjagd nach Cornwall_

London in den 1880er Jahren: Lady Brackwell steht kurz vor ihrer Hochzeit mit dem Earl of Dovercourt, als sie Opfer einer infamen Erpressung durch Charles Augustus Milverton zu werden droht. Kann es der Meisterdetektiv mit dem Erzschurken aufnehmen?

Im zweiten Fall, „Der Teufelsfuß“, werden Holmes und Dr. Watson mit äußerst mysteriösen Vorgängen in Cornwall konfrontiert, wo Holmes eigentlich in Kur ist. Geht dort wirklich der Teufel um? Pfarrer Roundhay ist überzeugt davon und hat einen Großwildjäger um Beistand gebeten …

_Der Autor_

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um sein Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: „The Lost World“ erwies sich als enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt. Bereits 1913 ließ Doyle eine Fortsetzung unter dem Titel „The Poison Belt“ (dt. als Im Giftstrom, 1924) folgen.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Sherlock Holmes: Joachim Tennstedt (dt. Stimme von John Malkovich)
Dr. John H. Watson: Detlef Bierstedt (dt. Stimme von George Clooney u. a.)

|In „Der Fall Milverton“:|

Charles Augustus Milverton: Hans-Werner Bussinger (dt. Stimme von Michael Caine)
Madame X (eine Unbekannte): Rita Engelmann (dt. Stimme von Kim Novak)
Inspektor Jones: Christian Rode (dt. Stimme von Sean Connery)

|In „Der Teufelsfuß“:|

Pfarrer Roundhay: Heinz Ostermann
Mortimer Tregennis: David Nathan (dt. Stimme von Johnny Depp, Christian Bale, Leonardo DiCaprio)
Mrs. Porter: Dagmar Altrichter (dt. Stimme von Angela Lansbury)
Dr. Leon Sterndale: Jürg Löw

Die orchestrale Musik stammt von Manuel Rösler, Ko-Produktion, Buch & Regie steuerten Marc Gruppe und Stephan Bosenius bei, Aufnahme und Abmischung erfolgten durch Kazuya @ Bionic Beats.

_Handlung von „Der Fall Milverton“_

Holmes ist angewidert: Charles Augustus Milverton hat sich bei ihm zu Besuch angesagt. Und wer ist diese Person?, möchte der gute Doktor Watson wissen. Der „König der Erpresser“, lautet die erboste Antwort. Milverton kauft Briefe an, die Personen der „feinen Gesellschaft“ kompromittieren. Die Verkäufer sind meist Leute aus deren Haushalt, treulose Dienstboten und dergleichen.

Lady Brackwell steht kurz vor ihrer Hochzeit mit dem Earl of Dovercourt, doch Milverton hat mehrere kompromittierende Briefe der Dame gekauft, die sie in jugendlicher Verliebtheit geschrieben hatte – an einen mittellosen Gutsherrn. Nicht auszudenken, wie peinlich dem Earl die Kenntnis der Briefe wäre, vor allem dann, wenn sie schon bald, wie Milverton droht, in der Zeitung stünden. Der Erpresser fordert von Holmes, der für die Lady vermittelt, schlappe 7000 Pfund Sterling, also ein kleines Vermögen.

Doch Holmes‘ und Watsons Versuch, den Widerling festzuhalten und der Polizei zu übergeben, schlägt leider fehl: Der Kerl ist sogar bewaffnet! Derartigen Affront kann der Meisterdetektiv nicht auf sich sitzen lassen und organisiert einen einfachen aber wirkungsvollen Plan. Er verkleidet sich als agiler Klempner und gewinnt Vertrauen und Zuneigung von Milvertons Hausmädchen. Seine Ankündigung, sich verloben zu wollen, versetzt seinen Freund und Partner in beträchtliches Erstaunen. Kleiner Scherz am Rande, lieber Watson!

Mit den so erhaltenen Informationen kann es Holmes nun ohne größeres Risiko wagen, bei Milverton in Hampstead einzubrechen, dessen Safe zu knacken und die Briefe zu vernichten. Doch Watson will unbedingt mitkommen, um bei dem Coup dabei zu sein. Holmes freut sich schon darauf, in der potenziell auf sie wartenden Gefängniszelle auf so angenehme Gesellschaft hoffen zu dürfen.

Ein nächtliches Abenteuer mit etlichen Überraschungen und einer rasanten Fluchtszene beginnt.

_Handlung von „Der Teufelsfuß“_

Im Frühjahr 1887 fühlt sich Holmes völlig erschöpft und geht auf Anraten seines Arztes und besten Freundes nach Cornwall in Kur. Dort an der Küste soll die Luft ja besonders gut sein. Bei einem ihrer Spaziergänge werden Holmes und Watson von zwei Einheimischen abgefangen: Es sind Pfarrer Roundhay und Mortimer Tregennis, ein Bürger aus der Gegend.

Etwas Furchtbares habe sich ereignet, und ob der berühmte Detektiv wohl so freundlich wäre, bei der Aufklärung des mysteriösen Falles zu helfen? Holmes zögert keine Sekunde und eilt mit den anderen an den Tatort, während diese ihm berichten. Tregennis hat seine Schwester Brenda tot vorgefunden, nachdem er eine Weile hinausgegangen war, und seine Brüder Owen und George haben den Verstand verloren. In der Tat: Als Holmes die verstorbene Brenda ansieht, beschleicht ihn ein leises Grauen. Sie starrt entsetzt drein, als habe sie den Leibhaftigen erblickt.

Holmes analysiert messerscharf den Tatort – eine ungewöhnlich stickige Luft, die die Haushälterin fast das Bewusstsein verlieren ließ – und ein mögliches Motiv: Es gab Streit unter den vier Geschwistern. Doch warum überlebte Mortimer als einziger, und worin besteht die Tötungsmethode?

Die Lage wird komplizierter, als am nächsten Tag Leon Sterndale auftaucht, herbeigerufen vom Pfarrer, seinem guten Freund. Er habe sogar seine Abreise nach Afrika verschoben. Er wollte auf den dunklen Kontinent fahren, um auf Großwildjagd zu gehen. Holmes ist erstaunt, als sich Sterndale nach dem Stand seiner Ermittlungen erkundigt, doch Sterndales Angaben stellen sich alle als korrekt heraus. Dennoch traut ihm Holmes nicht hundertprozentig.

Dass Holmes nichts herausfindet, hat tragische Folgen: Mortimer Tregennis wird tags darauf tot aufgefunden. Wieder fällt Holmes die ungewöhnlich stickige Luft am Tatort auf. Vom Schirm der Lampe kratzt er ein wenig schwarze Substanz ab und verwendet sie, um ein Experiment auszuführen.

Er ahnt nicht, wie verheerend die Folgen dieses Selbstversuchs für ihn und Dr. Watson sind …

_Mein Eindruck_

Die beiden Episoden unterscheiden sich in ihren Erzählmitteln, der Thematik, dem Schauplatz und der verwendeten Ermittlungsmethode.

|“Der Fall Milverton“| präsentiert uns einen staatstragenden Meisterdetektiv (er schützt die Ehre einer Adligen in spe), der sich dennoch nicht scheut, in die Rolle eines einfachen Arbeiters zu schlüpfen, um den Bediensteten des verfolgten Schurken Informationen zu entlocken.

Am Tatort seines nächtlichen Einbruchs wird er sodann richtig kriminell aktiv, muss sich verstecken und wird unwillentlich Zeuge noch weitaus kriminellerer Machenschaften. An Action besteht hier kein Mangel, und mich erfreute vor allem der ironische Humor, den der Autor an den Tag legt.

Das Sahnehäubchen bildet praktisch der abschließende Besuch eines verzweifelten Inspektor Jones‘, der zwei Einbrecher sucht, die in Hampstead einen gewissen Milverton umgebracht haben sollen. Da ist er natürlich bei Holmes genau an der richtigen Adresse – aber anders, als er denkt. Er gibt sogar eine akkurate Beschreibung eines der Gesuchten, die auf Watson passt – und der kommt doch glatt ins Schwitzen!

|“Der Teufelsfuß“| befleißigt sich ganz anderer Methoden und Umstände. Zum einen befinden sich Holmes und Watson weit weg von der Großstadt, und die Beziehungen zwischen ihren zeitweiligen Nachbarn sind leicht durchschaubar. Das Leben verläuft hier meist in geregelten Bahnen, und so erregen der zweifache Mord und der Wahnsinn der zwei Brüder im Hause Tregennis enormes Aufsehen. Trotz aller Beobachtungen usw. kommt Holmes jedoch nicht weiter – bis zum zweiten Mord.

Dass Holmes zunächst keine Ermittlungsergebnisse erlangt, mag ihn dazu verleiten, nach diesem Mord den verhängnisvollen Selbstversuch mit der unbekannten Substanz aus dem Lampenschirm zu unternehmen. Diesmal übernimmt also die Chemie die Rolle, die in der anderen Story dem Einbrechen & Safeknacken zugefallen ist: Sie fördert die Wahrheit ans Licht, jedoch, wie es fast immer der Fall ist, um einen hohen Preis. Erst dann klärt sich der Begriff auf, der der Geschichte ihren Titel verleiht. Wer genau zuhört, wird bemerken, dass laufend von Teufelswerk und teuflischen Dingen die Rede ist, es aber in Wahrheit um einen Menschen geht, der sich wie ein Teufel verhält – und hiervon geht die Spannung aus: Was brachte jemanden dazu, die wunderschöne Brenda Tregennis auf so grauenerregende Weise zu töten?

Ich fand diese Episode beim ersten Anhören weniger prickelnd als die erste, und dass nicht nur Geld, sondern auch eine tragische Liebesbeziehung eine Rolle spielt, hätte ich mir fast denken können. Interessant ist jedoch die Verwendung von zwei Rückblenden, um die Motive des Täters darzulegen. Erst diese Rückblenden steigern die Spannung und führen im eigentlichen Sinne zu einem grauenhaften Höhepunkt: Mortimers Ermordung.

Bei beiden Episoden fällt auf, dass Holmes seine ganz individuelle Auffassung von Gerechtigkeit und Bestrafung hat. Er (ver)urteilt nie nach dem Buchstaben des Gesetzes, sondern folgt seinem „Herzen“, also seinem persönlichen moralischen Empfinden. Das ist recht bemerkenswert bei einem Mann, der sich kühler Logik rühmt.

_Die Inszenierung_

Mir hat, wie gesagt, „Der Fall Milverton“ hervorragend gefallen. Der Konflikt, die Gegenmaßnahmen, die Lösung des „Falles“ – alles ist so einfach, doch elegant inszeniert, dass ich dachte, einer Art Actionkomödie zuzuhören. Dabei kommt es jedoch nie zu Klamauk, wie man das vielleicht von Edgar-Wallace-Filmen aus den Sechzigern kennt.

Nur an einer Stelle fragte ich mich, ob es nicht unplausibel ist, wenn Holmes und Watson sich laut flüsternd unterhalten, während sie sich hinter einem Vorhang vor dem Objekt ihrer Neugier, nämlich Milverton, verstecken. Das erinnerte mich an die guten alten Karl-May-Hörspielplatten (antikes Vinyl!) wie etwa „Der Schatz im Silbersee“. Darin quasseln die heldenhaften Trapper (Sam Hawkins, Hobble-Frank und Tante Droll usw.) und Indianer selbst dann noch wie die Weltmeister, wenn sie sich gerade an den jeweiligen Gegner heranschleichen.

Über die Stimme des „Sean Connery“ – Christian Rode – wunderte ich mich ebenfalls. Sie klingt hier überhaupt nicht nach dem alten distinguierten Gentleman, als den man Connery in den letzten Jahren gesehen hat, und noch nicht einmal nach dem jungen Connery der frühen Bond-Filme.

In „Der Teufelsfuß“ bestehen keinerlei in akustischer Hinsicht heiklen Situationen, wohl aber eine hohe Gefährdung von Leib und Leben für Holmes und Watson. Wie das ausgeht, soll hier nicht verraten werden. Die Szenen spielen sich meist in Innenräumen ab. Vermittelt „Milverton“ den Eindruck einer Actionkomödie, so erscheint mir „Teufelsfuß“ eher wie ein kleines Drama, das sich über lange Zeit hin entwickelt hat und nun, in Holmes‘ Beisein, seinen tragischen Höhepunkt findet. Entsprechend ernst ist der Ausdruck der Darstellung auf allen Seiten. Dies ist der Punkt, an dem Jürg Löw als Dr. Leon Sterndale glänzt.

Auch dem Zyniker Holmes vergeht der Humor ziemlich schnell. Gäbe es irgendeine Art von Humor, so klänge er wohl wie das wahnsinnige Gelächter der beiden Brüder Brenda Tregennis‘. Die fahren johlend und kichernd in einer Kutsche an Holmes und Watson vorbei, schon auf dem Weg in die Irrenanstalt.

|Musik und Geräusche|

Schüsse fallen! Oh ja, doch bekanntlich gibt es Schüsse und Schüsse, genauso wie Revolver, Gewehre und Pistolen. Allerdings sind wir hier nicht bei Sergio Leone und reiten nicht durch die Prärie bei Flagstone in „Spiel mir das Lied vom Tod“. Demzufolge sind in Londoner Interieurs geradezu zivilisiert klingende Pistolenschüsse zu erwarten. Das ist auch der Fall, allerdings kommen sie wohl eher aus einer Pistole mit Platzpatronen als aus einer echten 9mm Beretta. Jedenfalls kommen Aficcionados von dreidimensionalen Soundwundern hier kaum auf ihre Kosten.

Brave Hausmannskost stellen die zahlreichen kleinen Hintergrundgeräusche dar: Türen quietschen, die hölzernen Bodendielen knarren, Teetassen klirren und hin und wieder zündet Holmes das Streichholz für eine neue Pfeife an (ein erstaunlich cooler Sound). Möwengekreisch und Meeresrauschen empfangen uns in Cornwall, aber auch auffallend viele Singvögel. Doch wie schade, dass man giftige Dämpfe nicht soundtechnisch darstellen kann.

Das ist vielmehr Aufgabe der Musik – und beileibe keine einfache. Der Verlauf des riskanten Selbstversuchs, den Holmes und Watson unternehmen, fordert den Einfallsreichtum eines Komponisten, gilt es doch unsichtbare Dinge wie Ängste und Wahnvorstellungen zu vermitteln, ja, sogar Todesangst. Manuel Rösler setzt als Einleitung zunächst Streicher ein, doch sobald die Albträume beginnen, werden sie durch elektronisch erzeugte Töne in sehr tiefer Lage abgelöst. Das Ergebnis kann sich hören lassen, und nur wer eiskalt ist, wird nicht davon berührt werden.

Dieser Moment wird übrigens später in der zweiten Rückblende wiederholt, und so ist der Hörer in der Lage, sich den Horror vorzustellen, den Mortimer in den letzten Augenblicken seines Lebens erlebt haben muss. Da sind die Schreie kaum nötig, die sich seiner Kehle entringen. David Nathan macht das recht realistisch, ohne jedoch zu übertreiben.

_Unterm Strich_

Mutet „Der Fall Milverton“ wie eine humorvoll inszenierte Actionkomödie an, so haben wir es bei „Der Teufelsfuß“ quasi mit einem kleinen Drama zu tun – alles Weitere siehe oben. Wieder einmal treffen Welten aufeinander: In „Milverton“ sind es die feine Gesellschaft und ihre weniger feinen Bediensteten sowie deren krimineller Nutznießer. In „Teufelsfuß“ muss sich Holmes mit einem Tötungsmittel aus exotischen Gefilden herumschlagen, ähnlich wie schon in „Das gefleckte Band“. Merke: je ausgefallener das Mordinstrument, desto kniffliger der Fall – und umso größer Holmes‘ Ruhm nach dessen Lösung. „Teufelsfuß“ bietet auch zwei echte Horrormomente (siehe oben).

Wer Gefahr läuft, auf der Jagd nach neuen Sherlock-Storys zu verhungern, kann gerne zu diesen wenig bekannten Erzählungen greifen. Der wahre Holmes ist das noch nicht, sondern eher ein – oder besser gesagt: zwei – Appetithäppchen. Dennoch kann das Hörbuch Vergnügen bereiten, wenn man sich auf einer kurzen Fahrt von 75 Minuten Dauer befindet.

Für den bescheidenen Preis von acht Euronen erhält man immerhin keinen Aufguss einer uralten Radiosendung von anno dunnemals, sondern neue Hörspiele mit aktuellen Sprechern, die etwas von ihrem Handwerk verstehen. Und selbst Zwölfjährige sollten den Text ohne Mühe verstehen und begreifen können. Schließlich stellt Watson stets die richtigen Fragen …

|75 Minuten auf 1 CD
Empfohlen ab 12 Jahren|

Taylor, Stephen B. / Lueg, Lars Peter – Gruselmärchen mit Alptraumgarantie

_Der wahre Horror der Brüder Grimm_

Sechs „Gruselmärchen“ trägt der junge Schriftsteller seinem Gastgeber vor, und sie erzählen von den Entbehrungen, denen unsere Vorfahren in Zeiten des Hungers, der Armut und des Krieges ausgesetzt waren. Hier treten auf: Engel, Teufel, Ungetüme, Menschenfresser, Untote und – wie könnte es anders sein? – der TOD.

_Die Autoren_

Als Autoren führt das Booklet lediglich Stephen B. Taylor und Lars Peter Lueg auf. Doch werden wenigstens die Brüder Grimm als Inspirationsquelle genannt. Aber das erweist sich als trügerisch, denn die beiden Brüder, die die bekannten „Kinder- und Hausmärchen“ im Jahr 1812 veröffentlichten, griffen ja ihrerseits auf die mündliche Überlieferung zurück, die sie auf ihrer Suche nach „unverfälscht deutschem“ Märchen- und Sagengut sammelten. Und diese Erzähler sind in den seltensten Fällen festzustellen.

_Der Sprecher_: Stéphane Bittoun; den „Gastgeber“ spricht der bekannte Hörbuchproduzent Lars Peter Lueg. Die Musik steuerte die Band Mountain Birds bei. Ein Booklet enthält einen kleinen Einführungstext sowie diverse Kinderzeichnungen mit gruseligen Motiven (siehe auch das Titelbild). Die Gesamtspielzeit der zwei CDs beträgt immerhin 131:52 Minuten, also über zwei Stunden.

_Die Rahmenhandlung_

Ein junger Schriftsteller bleibt eines Nachts während eines Unwetters mit dem Auto liegen. Er findet Zuflucht in dem Haus eines netten kultivierten Mannes, der in dieser Gewitternacht keinen Schlaf finden kann. Aus Dankbarkeit für das warme (und trockene) Plätzchen am Kamin liest ihm der junge Autor aus seinem neuesten Manuskript vor. Die Märchen, die er darin zusammengetragen hat, hörte noch nie ein Mensch zuvor. Doch ahnt der junge Autor nicht, wer sein Gastgeber in Wahrheit ist …

_Die „Gruselmärchen“_

|Eine Nacht auf dem See|

Der alte Fischer fährt um Mitternacht noch einmal auf den See hinaus. Nach einer Weile fällt ihm auf, dass es vollkommen still ist. Er staunt nicht schlecht, als mehrere große Fische in sein Boot hüpfen, als flöhen sie in Panik vor etwas. Bekanntlich ist Schrecken ansteckend, und so rudert der Fischer flugs zurück zum Ufer. Keinen Augenblick zu spät, denn hinter sich kann er im Mondlicht einen monströsen Schatten erkennen, der ihm folgt.

An einem Nagel verletzt er sich, doch stolpernd kann er sich zur nahen Fischerhütte retten. Im Schein der Laterne erblickt er ein Ungetüm, das sich über den Blutfleck auf dem Gras beugt und den Lebenssaft aufleckt. Sofort verriegelt der Fischer Tür und Fensterläden, doch zu spät – das Ungetüm hat ihn erspäht und rüttelt schon bald mit Macht an den Barrieren. Er flieht aus dem anderen Fenster und in den nahen Wald.

Während seine Hütte niederbrennt – die Laterne setzte mit ihrem Öl das Holz in Brand – gerät er auf die Landstraße, wo er das Licht eines Fuhrgespanns erblickt. Dass der Bauer mit seinen Ochsen noch so spät unterwegs ist, stört unseren Fischer nicht, denn er ist froh, den „Wegelagerern“, wie behauptet, entronnen zu sein. Der Fuhrmann fragt ihn nur, ob er vielleicht seinen Bruder gesehen habe, denn ihrer beider Mutter mache sich allmählich Sorgen um dessen Verbleib.

Da stoppt der Fuhrmann sein Gespann, denn auf der Straße vor ihnen liegt ein Mann am Boden. Als unser Fischer den Zustand der Leiche erkennt, kommen ihm erste Zweifel, ob dieses nächtliche Abenteuer für ihn gut ausgehen wird …

|Der Trank|

Eine Prinzessin im heiratsfähigen Alter, die von der perfekten Liebe träumt, hat schon viele Freier abgewiesen. Sie hauen meist sogar freiwillig ab, denn die Bedingung, die sie stellt, ist abschreckend: Der Ehemann soll ihr im Falle ihres Todes in die Gruft folgen. Das hält einen Prinz nicht ab, um sie zu freien, und so wird schon bald Hochzeit gefeiert.

Der Prinz ist jedoch nicht dumm und besorgt sich bei einem Alchemisten in der Stadt ein Elixier, mit dem sich Tote wiedererwecken lassen. Der Haken bei der Sache: Das Elixier fördert das wahre Wesen des Toten zutage. Doch Jahre vergehen, ohne dass sich der Prinz darum zu sorgen braucht. Als aber die Pprinzessin einer Krankheit zum Opfer fällt, wird auch der Prinz mit ihr in eine vorbereitete Zelle im Weinkeller eingemauert.

Der weise König hat zwei Wachen davor aufstellen lassen. Ihnen fällt fast die Lanze aus der Hand, als sie einen Tag und eine Nacht später lautes Rufen und Klopfen aus der Gruft vernehmen. Sie befreien Prinz und Prinzessin, welche wundersamerweise immer noch – oder schon wieder ? – quicklebendig sind. Darüber ist der König zunächst sehr froh, doch seine Freude verwandelt sich in Entsetzen, als er einen Tag später mit dem Prinzen ins Gemach seiner Tochter tritt: Der Mönch, der der Genesenden Beistand leistete, liegt zerfleischt in seinem Blut, doch von der Tochter findet sich keine Spur.

Wochen später kommen dem Prinzen die ersten Berichte zu Ohren, dass eine Hexe im Wald Kinder hole und sie fresse. Seine schlimmsten Befürchtungen sollen sich bestätigen …

|Gevatter Tod|

Ein armer Mann ist mit einem wahren Kinderreichtum gesegnet: Zwölf Kinder hat ihm sein Weib schon geboren, doch er hat seinen Job verloren und der Winter steht vor der Tür. Wie soll er die Brut nur ernähren? Die Geburt eines dreizehnten Kindes, eines Sohnes, lässt ihn vom Glauben an Gott abfallen, und Wochen später raubt er das Kindchen heimlich aus der Wiege und bringt es zum alten Friedhof, der schon längst aufgegeben worden ist.

Gerade als er dem Söhnchen, das ihn beständig anschaut, den Dolch auf die Brust setzt, meint er eine Stimme zu hören, die ihm Einhalt gebietet. Doch er vertreibt den Engel des Herrn, der um die Seele des Kleinen bittet. Als eine weitere Stimme von weitaus finsterer Natur um das Kind bittet, weiß der gute Mann auch den Versucher aus der Hölle zu vertreiben. Allerdings hat er vor Schreck seinen Dolch fallen lassen, der sein Kind im Gesicht verletzt hat. Sofort blutet die Wunde heftig.

Da ertönt eine dritte Stimme, und ihrem Klang kann sich der Mann nicht verschließen. Er blickt in das Gesicht des Wesens, das von einer Kapuze nur halb verdeckt ist: Es ist ein junger Mann, allerdings mit einer Narbe im Gesicht. Da willigt der Vater ein, dem TOD seinen Sohn zu überlassen, welcher ihn mit Vergessen seiner Tat besänftigt. Nur in unruhigen Träumen ahnt er, dass er seine eigene Nemesis geschaffen hat …

|Frisches Fleisch|

Es war einmal ein fahrender Händler, der neben Töpfen und Pfannen auch diverse Giftstoffe unters Volk zu bringen wusste. Es ist tiefer Winter, als er sein Fuhrwerk durch den Wald lenkt. Der Pfeil eines Wegelagerers tötet sein Pferd und ein weiterer verwundet den Händler, der unter seinem Pferd begraben wird, so dass eine Flucht unmöglich ist …

Wenig später taucht der Wegelagerer in der Verkleidung als wohlhabender Händler auf einem Bauernhof auf. Die tüchtige Bauerstochter namens Maria begrüßt den Neuankömmling freundlich und bittet ihn ins Haus. Dort macht er sich mit Klatsch aus der Stadt beliebt, doch er kann den Stallknecht nicht täuschen, der sein Gesicht noch aus der Dorfschenke kennt. Als der Knecht ihn heimlich zu erpressen versucht, wird er Opfer eines unglücklichen Sturzes von der Treppe.

Nach dem Begräbnis des armen Knechtes wundert sich der Wegelagerer beim Leichenschmaus, wie es diese armen Bauern geschafft haben, in so kurzer Zeit so viel Fleisch aufzutischen. Vorsichtshalber schaut er im Sarg nach, der ihm eh schon auffallend leicht vorkam. Tatsächlich ist die letzte Ruhestätte leer, und ein schrecklicher Verdacht beschleicht den Wegelagerer. Doch für eine Flucht ist es bereits zu spät.

|Bruder Lukas|

Lukas ging zu den Soldaten, um seinem Landesfürsten zu dienen, wunder was träumend, wie tapfer er sich gegen den Feind schlagen würde. In der ersten Schlacht starrt er entsetzt auf das Gemetzel, das unter seinen Kameraden angerichtet wird. Er fleht zu Gott, dass dieser Irrsinn enden möge, und anscheinend wird sein Gebet erhört: Obwohl die Pfeile dicht fallen wie Hagel, verfehlen sie ihn doch allesamt, und er kann unversehrt vom Schlachtfeld taumeln. Der Anblick eines Ritters in schwarzer Rüstung jagt ihm Grauen ein.

In einer niedergebrannten Hütte an einem See findet Lukas endlich Rast und Ruhe. Am nächsten Morgen taucht ein Junge auf, dem er erzählt, er wolle Prediger bei den Dominikanern werden, war doch sein Gebet auf wundersame Weise erhört worden. Vielleicht könnte er unter den Menschen noch viel Gutes tun. Als der schwarze Ritter erscheint, bringt die Furcht Lukas dazu, ihn fortzuschicken.

Doch weder der Ritter noch Lukas‘ Zustand erweisen sich als das, was sie zu sein scheinen. Er zeigt sich als Engel des Herrn und behauptet, Lukas sei bereits tot. Was für ein Unsinn, denkt Lukas. Doch da vernimmt er eine Grauen erregende Stimme hinter sich: „Nun gehörst du mir!“

|Furcht|

Diesmal berichtet der Autor eines Tagebuchs, wie er als Halbwaise zufrieden auf einem Bauernhof aufwuchs, bis er in einer nebligen Herbstnacht eine Stimme vernahm: „Ich fürchte nichts.“ Die Stimme behauptet, seinem unbekannten Bruder zu gehören. Er sei unter dem Holzstapel an der Scheune von seinem Vater eingesperrt worden. Ob sein Bruder wohl bitte die Tür öffnen könne? So blöd ist sein Bruder denn doch nicht, sondern öffnet nur eine enge Luftklappe. In dem Schacht dahinter sind zwei „brennende Augen“ zu erkennen. Ihn schaudert es.

Durch seine Unvorsichtigkeit konnte der Insasse des Verlieses jedoch den Holzstapel umkippen und entkommen. In dem bestialisch stinkenden Verlies findet unser Berichterstatter nicht weniger als sechs Leichen. Sie tragen allesamt einen Strick um den Hals: Gehängte!

Als er aus dem Verlies emporkriecht, ist es auf dem Bauernhof auffallend still. Wo ist sein Vater, damit er ihn vor seinem Bruder warnen kann? Denn dieser würde doch sicher Rache an seinem Vater üben wollen, oder? In der Schlachtkammer erkennt er, dass sein Bruder bereits zugeschlagen hat. Er ahnt noch nichts vom traurigen Schicksal, dass sein Bruder für ihn selbst bereithält …

_Mein Eindruck_

Wer dachte, er hätte schon alles gelesen, was die Brüder Grimm Anfang des 19. Jahrhundert gesammelt haben, wird eines Besseren belehrt, wenn er die vorliegenden „Grüselmärchen“ zu hören bekommt. Diesmal winkt dem Fischer jedoch nich nicht das Glück eines fetten Fangs mit drei freien Wünschen („Der Fischer un sine Fru“), sondern die Entdeckung einer ganzen Familie von „Ungetümen“ erweist sich als Ursache seines vorzeitigen Ablebens. Anklänge an die Ungeheuer im „Beowulf“-Epos sind unverkennbar, doch weit und breit ist hier kein Recke zu entdecken, der Grendel und seine Mutter erschlägt.

Ebenso schwarzen Humor legt auch die Geschichte um das wundersame Elixier an den Tag. Klingt die Handlung zunächst ähnlich wie das letzte Drittel von Shakespeares „Romeo und Julia“, in dem ja ein Scheintod künstlich herbeigeführt wird, so schlägt die Angelegenheit nach Wiedererweckung der Lady definitiv in finsterste Gefilde der Horror-Fantasy um: Oh ja, von menschenfressenden Hexen, die im Wald unschuldigen Kindern auflauern, meinen wir schon etwas gehört zu haben („Hänsel und Gretel“). Aber noch nie in so brutaler Eindeutigkeit. Und was noch schlimmer ist: Es gibt offenbar kein Ende des Schreckens, denn der Held versagt.

Dass kein gottgegebenes Schicksal ist, sondern vielmehr ein „Geschenk“ des Teufels sein kann, belegt die Geschichte „Gevatter Tod“. Diese Titelfigur mag ja auch gern in GROSSBUCHSTABEN sprechen, bloß hört man das relativ schlecht. Ungewöhnlich ist vielmehr das Konzept, dass jeder Mensch seinen „persönlichen Tod“ hat und – unter gewissen Bedingungen – sogar dessen Gesicht sehen kann. Und dieser Tod hat auch keinen trockenen Humor wie Pratchetts Sensenmann, sondern bietet sogar seine Hilfe an, wo Engel und Dämonen abgewiesen werden. Neu ist mir auch, dass der Tod Vergessen spenden kann (was keineswegs abwegig erscheint).

Da aber das hier ausnahmsweise einmal das genretypische Prinzip gilt, dass keine Untat unbestraft bleiben soll, muss selbst der bedauernswerte arme Mann büßen. Als der verlorene 13. Sohn zurückkehrt, artet seine Rachemaßnahme jedoch in ein Grand-Guignol-Theaterstück von makabrem Geschmack aus – als wär’s ein Stück von Clive Barker (der Grand Guignol als eine seiner Inspirationen nennt). Die Pointe kann man sich fast denken, kommt dann aber doch wie ein Tiefschlag. So viel Unglück auf einmal – darf das sein?

Dass der Tunichtgut seine gerechte Strafe erhält, indem er unter die Kannibalen gerät, ist ja – im Vergleich dazu – schon fast wieder eine aufbauende moralische Botschaft. Stephen King und Clive Barker lassen grüßen: Der Körper ist letzten Endes der soziale Kriegsschauplatz, den das Verbrechen hervorruft.

„Bruder Lukas“ bedient sich des gleichen erzählerischen „conceits“ wie der bekannte Gruselschocker „The Others“. Das Leben der Toten unterscheidet sich im Grunde keineswegs von dem der Lebenden, nur sind seine grundlegenden Bedingungen ein klein wenig anders. Doch unser Dominikanermönchlein in spe hat leider ein kleinen fatalen Fehler: Er hat sein Gottvertrauen doch ein ganz klein wenig eingebüßt und verkennt die Gestalt des schwarzen Ritters. Für ihn ist dieser nicht etwa ein Sendbotte Gottes, sondern einer aus der Hölle. Schwärzeste Ironie ist es daher, dass er durch seinen Irrtum eben dieser Hölle anheimfällt.

Die letzte Geschichte ist offensicht die ehrgeizigste und folglich auch die längste der Sammlung. Dennoch – oder deshalb? – hatte ich meine Mühe damit. Die erste Hälfte spielt, wie oben skizziert, auf dem Bauernhof des Erzählers, eines jungen Burschen. Für die vermeintliche Ermordung seines Vaters wird er (evtl. durch Anschwärzen herbeigeführt) verhaftet und in den Kerker geworfen.

Nein, falsch, dies ist nicht der Kerker, wie er erwartet hat, sondern seltsamerweise das Irrenhaus. Doch die Situation ähnelt sehr jener, in der sich sein Bruder im Verlies befand, als er unfreiwillig sechs Gehängten Gesellschaft leisten durfte. Nach einem halben Jahr im Irrenhaus-Verlies versteht unser Berichterstatter endlich, warum sein Bruder keine Furcht kannte, wie er behauptete: Furchtlosigkeit sieht genauso aus und fühlt sich wohl genauso an wie ein anderer Geisteszustand: Wahnsinn …

Die Spiegelstruktur der Story ist nicht auf Anhieb zu entdecken, sondern erst nach zwei- oder dreimaligem Anhören. Es fällt auf, dass der Schluss nur scheinbar offen ist, sondern aufgrund der reflexiven Umkehrung lediglich der Beginn eines weiteren Zyklus von Vergeltung unter Brüdern. Diese kreisförmige Struktur ist bereits bei „Gevatter Tod“ zu beobachten. Merke: Richtig schlimmes Unglück wie etwa Armut oder Wahnsinn haben keine Ende, sondern besteht in nicht beendbaren Schrecken, deren Kreislauf stets erneut Opfer fordert.

Den Schluss der Rahmenhandlung kann ich nicht kommentieren, ohne die Pointe zu verraten und lasse es daher lieber bleiben. Aber man geht sicher nicht fehl in der Annahme, dass es mit unserem jungen hoffnungsvollen Schriftsteller, aus dessen Feder all diese Geschichten flossen, kein gutes Ende nehmen wird. Fehlt eigentlich nur, dass sein Gastgeber eine Augenklappe und einen schwarzen Umhang trägt.

|Die Sprecher|

Den Erzähler Stéphane Bittoun kenne ich zwar nicht, aber an seinem Vortrag gibt es nichts auszusetzen. An Stellen, an denen diese Stilmittel angebracht sind, bedient er sich einer (künstlich?) tiefen Stimme, dann auch wiederum einer derangierten, „durchgeknallten“ Stimme, schließlich eines unheimlichen Flüsterns. Bittouns Kollege Lars Peter Lueg erweist sich als weit weniger sprachgewandt, und es scheint mir eine gute Sache zu sein, dass er sich zurückhält. Sein Part in der Rahmenhandlung ist auf wenige Sätze begrenzt.

Hin und wieder erklingt am Ende einer Story Babygeschrei oder ein hämisches Kichern (wie von einer Hexe), dann auch wieder Schreie. Obwohl es sich um Stimmen handelt, so stammen sie doch nicht vom Sprecher, sondern kommen vom Band. Sie sind eher der Kategorie „Soundeffekte“ zuzuordnen.

|Geräusche und Musik|

Es handelt sich nicht um ein Hörspiel, jedenfalls nicht im landläufigen Sinne, sondern um eine inszenierte Lesung. Dies ist am besten an der Rahmenhandlung festzustellen: Donnergrollen deutet ein Gewitter an, eine tickende Uhr macht sich durchweg im Hintergrund ebenso bemerkbar wie ein leise knisterndes Kaminfeuer.

In den Storys selbst wird weitgehend auf solche dekorativen Geräusche verzichtet, denn sie würden mit der Musik interferieren, die das hauptsächliche Mittel darstellt, um die Emotionen des Hörers zu stimulieren und zu steuern. Wenn’s richtig unheimlich werden soll, geht eben nichts über einen tief rumpelnden Bass. Die Instrumentierung ist nicht klassisch, verzichtet also weitgehend auf Streicher und Bläser, sondern ist modern, setzt also die Keyboards mit entsprechenden Effekten ein.

_Unterm Strich_

So hat man sich die Grimmschen Haus- und Kindermärchen sicher noch nicht vorgestellt. Engel, Teufel, Ungetüme, Menschenfresser, Untote, Wahnsinnige, Gehängte, Hexen und obendrein der Tod himself feiern ein schwarzhumoriges Stelldichein in diesen sieben Storys plus einer Rahmenhandlung von ähnlich makabrer Qualität. Durchweg ist jedoch ein relativ hohes Niveau im überraschungsreichen Verlauf der Story wie auch in den auftretenden Kalamitäten für die Opfer der diversen Schrecken festzustellen.

Obwohl die Figuren märchentypisch überhaupt nicht charakterisiert werden (allenfalls Bruder Lukas ein wenig), kann sich der Gruselfreund dennoch an den Schrecken (= terror) erfreuen, die nicht nur in der Story selbst auftauchen, sondern allzuoft auch am Grauen (= horror) nach deren Ende. Hier hat jemand den Unterschied zwischen terror und horror kapiert und dementsprechend erzählt.

Die Inszenierung verrät keinen allzu hohen Aufwand seitens der Produktion: Samples wie Donnern, Babygeschrei oder Kichern kommen wohl vom Band, und auch die Musik ist nicht die einfallsreichste. Aber dies macht der Sprecher Stéphane Bittoun wieder durch seinen genau auf den Inhalt abgestimmten Vortrag wett. Dafür, dass es sich um Lars Peter Luegs „Erstlingswerk“ handelt, ist das Hörbuch doch eine gelungene Sache, die sich der Gruselfreund mal zu Gemüte führen sollte. Nicht nur aufgrund der Grimmschen Quellen.

http://www.lpl.de

M. R. James – Das unheimliche Puppenhaus (Gruselkabinett Folge 145)

Mordzeugen wider Willen

Als Mr. Dillet, ein Sammler von Antiquitäten, im Gebraucht-Waren-Laden des Ehepaars Chittenden ein viktorianisches Puppenhaus entdeckt, ist er sich sicher, dass er es haben muss. Er ahnt nicht, dass es nun mit dem Nachtschlaf für ihn und seine Frau erst einmal aus und vorbei sein wird und die Chittendens im Grunde froh sind, das unheimliche Puppenhaus losgeworden zu sein… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt sein Hörspiel ab 14 Jahren.
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