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Grote, Paul – Champagner-Fonds, Der

Der „Gourmet-Krimi“ ist inzwischen fester Bestandteil des Krimigenres und speziell der Wein hat es den Autoren dabei offensichtlich sehr angetan. Auch Weinexperte Paul Grote spürt seiner kriminalistischen Ader nach und liefert mit „Der Champagner-Fonds“ seinen mittlerweile sechsten Weinkrimi ab. Mit jedem Band seiner Reihe schickt er seine wechselnden Hauptfiguren in ein anderes Anbaugebiet, um die Besonderheiten der örtlichen Weine wie auch der Menschen zu ergründen.

_Philipp Achenbach arbeitet_ als Chef-Verkoster bei France-Import, einem auf französische Weine spezialisierten Importeur in Köln. Eigentlich ist er mit seinem Job sehr zufrieden. Sein Chef schätzt seine herausragende Kompetenz bei der Auswahl der Weine und immer wieder führt die Arbeit Achenbach in die verschiedenen französischen Anbaugebiete, um neue interessante Weine aufzuspüren.

Nun kommt Klaus Langer, sein Chef, mit einem ganz neuen Anliegen, das dem Weinkenner Achenbach schon vom Grundsatz her Kopfschmerzen bereitet. Lange möchte mit der Firma in einen Champagner-Aktienfonds einsteigen und den Vertrieb der im Fonds gehandelten Champagner übernehmen. Parallel soll die Firma radikal vergrößert werden und nicht nur Spezialist für französische Weine bleiben, sondern ihre Arbeit auf andere Anbaugebiete ausdehnen. Achenbach steht dem Vorhaben äußerst skeptisch gegenüber, auch wenn der Chef mit einer Beförderung und neuen Kompetenzen lockt.

Phillips erste Aufgabe besteht darin, in die Champagne zu reisen, vor Ort mit den Verantwortlichen des Fonds zu sprechen, Keller und Lagerbestände zu besichtigen und den Einstieg von France-Import in den Fonds vorzubereiten. Vor Ort stößt Achenbach schon bald auf ein paar Ungereimtheiten. Zwar nur Kleinigkeiten, aber als man ihn dann auch noch verfolgt, entschließt Philipp sich dazu, mal etwas tiefer zu graben. Was er dabei entdeckt, sieht nach Betrug aus. Philipps Schnüffeleien stoßen auf wenig Gegenliebe, auch von Seiten seines eigenen Chefs. Doch Philipp lässt sich dadurch nicht beirren. Er ermittelt weiter und bringt damit nicht nur sich selbst in Gefahr …

_Paul Grote lässt_ seinen Roman recht ruhig anlaufen. Der Leser hat Zeit, in Ruhe die Protagonisten kennenzulernen: Philipp Achenbach und seine Leidenschaft für Wein, seinen Sohn Thomas, der sein BWL-Studium zugunsten einer Winzerlehre hinschmeißen will und Achenbachs zarte Anbandelungsversuche mit der neuen Sekretärin von France-Import. Es wird viel über Wein diskutiert, aber auch über Wirtschaft allgemein und das Finanzwesen im Speziellen.

Ehe auch nur die ersten Dinge auftauchen, die man typischerweise in einem Krimi erwartet, hat man schon so viele Seiten umgeblättert, dass man geneigt ist, den Aufdruck „Kriminalroman“ auf dem Buchdeckel für einen Druckfehler zu halten. Um die kriminalistischen Romanelemente der ersten Romanhälfte aufzuzählen, braucht man nicht einmal alle Finger einer Hand: Jemand lügt und unser Held wird verfolgt – das war es auch schon an krimitypischer Stilistik.

Die Geschichte ist zwar sicherlich nicht uninteressant und vor allem Wein- bzw. Champagnerfreunde können ihren Wissensdurst stillen, die Spannung bleibt dabei in der ersten Romanhälfte aber leider völlig auf der Strecke. Erst nachdem Achenbach in der Champagne erste Unstimmigkeiten aufdeckt, kommt zunehmend Spannung auf. Wirklich Tempo entwickelt die Handlung dann vor allem im letzten Drittel. Dann überschlagen sich die Ereignisse, die Lage wird für Achenbach und seine Helfer und Informanten gefährlich und der Leser hat endlich Gelegenheit mitzufiebern. Was Grote im letzten Drittel auffährt, überzeugt und entschädigt den Leser, der bis hierhin durchgehalten hat, dann doch noch ein wenig.

Positiv fällt Paul Grotes Schreibstil auf. Er schreibt eingängig und verständlich, so dass der Leser eine Menge Wissen aus dem Buch mitnehmen kann. Er lässt sich über alle Facetten der Champagner-Herstellung aus, vom Boden, über die verschiedenen Rebsorten bis zur Lagerung und Degustation. Man merkt, dass hier ein Experte am Werk ist, der weiß, wovon er spricht.

Die Protagonisten sind allesamt sehr greifbar und authentisch. Sie wirken nie überzeichnet oder gekünstelt. Auch das kann man durchaus wieder als einen der Vorzüge des Romans gelten lassen.

_Bleiben unterm Strich_ gemischte Gefühle zurück. Grote beweist viel Sachkenntnis und hat ein ziemlich großes Bedürfnis, diese dem Leser unter Beweis zu stellen. So braucht das Grundgerüst des Romans recht lange, bis es steht und Spannung entsteht in der ersten Romanhälfte dadurch leider überhaupt nicht. Wer nicht die Flinte ins Korn (bzw. in die Maische) wirft, wird am Ende zwar noch mit einem durchaus spannenden Krimi belohnt, muss aber eben auch einen langen Atem haben.

|Taschenbuch: 400 Seiten
Wein-Krimi-Reihe Band 7
ISBN-13: 978-3423212373|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de

Bradley, Alan – Mord ist kein Kinderspiel (Flavia de Luce 2)

_|Flavia de Luce|:_

01 [„Mord im Gurkenbeet“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5930]
02 [„Mord ist kein Kinderspiel“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6689

Nach dem furiosen Auftakt, den Alan Bradley mit seinem Debütroman [„Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5930 hingelegt hat, liegt mittlerweile der Nachfolgeband der Reihe vor. Und schon beim Blick auf das liebevoll gestaltete Cover freut man sich auf das nächste Abenteuer von Flavia, denn man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass sie eine der ungewöhnlichsten Ermittlerinnen der Krimigeschichte ist.

_England, 1950:_ Der begnadete Puppenspieler Rupert Porson bleibt, wie es der Zufall will, mit seinem Wagen in Bishop’s Lacey liegen und der Vikar lässt die Gelegenheit nicht ungenutzt, den Puppenspieler und seine Assistentin Nialla einzuladen, eine Vorführung im Pfarrhaus abzuhalten, bis ihr Wagen repariert ist. Porson willigt ein, und weil Flavia gerade in der Nähe ist, darf sie beim Aufbauen der Bühne helfen.

Und so versammelt sich am Samstagabend ganz Bishop’s Lacey im Gemeindehaus, um sich von den Künsten des Rupert Porson in eine andere Welt entführen zu lassen. Alle sind hin und weg – ganz besonders, als zum Finale die Leiche des Puppenspielers auf die Bühne fällt. Die Polizei tappt im Dunkeln und so muss Flavia Inpektor Hewitt und seinen Kollegen mal wieder auf die Sprünge helfen. Sie findet heraus, dass sich jemand an der elektrischen Anlage zu schaffen gemacht hat. Was zunächst nach einem tragischen Unglücksfall aussah, entpuppt sich als Mord.

Und so steckt Flavia wieder einmal ihre Nase in Angelegenheiten, die sie eigentlich nichts angehen und findet dabei erstaunlich viel heraus. Mit ihrem kindlichem Charme kann sie schließlich jedem im Dorf ein paar wichtige Details aus der Nase ziehen, die ihr messerscharfer Verstand dann zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Und so ist sie Inspektor Hewitt wieder einmal um Längen voraus. Muss sie schon wieder ganz alleine gegen den Strippenzieher des Mordes bestehen?

_Wer den ersten Band mochte_, der wird sich auf das Wiedersehen mit Flavia in jedem Fall freuen. Flavia ist ein Charakter der polarisiert. Sie ist so überspitzt dargestellt, dass Alan Bradley mangelnden Realismus vorzuwerfen, eigentlich schon ein Hohn wäre. Natürlich ist Flavia an sich eine unrealistische Figur. Welche fast 11-Jährige ist schon Herrin eines eigenen Chemielabors und ersinnt dort immer wieder ausgeklügelte Methoden, um z. B. die Pralinen ihrer Schwester zu panschen? Flavia ist dermaßen gerissen und scharfsinnig und hat dabei einen so ausgeprägten Sinn für alles Morbide – nicht umsonst gilt ihre Leidenschaft der Giftmischerei – dass man sie sich schwerlich als realistisches Kind vorstellen kann. Macht aber auch nichts, denn Flavias ungewöhnliche Art trägt nun mal doch sehr erheblich zum Unterhaltungswert der Reihe bei.

Um Flavia herum konstruiert Bradley seine Geschichte so gewitzt und mit einem feinen Sinn für Humor, dass man gar nicht anders kann, als sie zu mögen. In gleichem Maße wie Flavia eine höchst ungewöhnliche Protagonistin ist, sind die Geschichten um sie eben auch höchst unterhaltsam und ein Lesevergnügen, das auf jeden Fall im Gedächtnis haften bleibt. Der Plot an sich tendiert dabei oft eher in Richtung Belletristik als in Richtung Krimi. Es dauert gute 150 Seiten, ehe es überhaupt eine Leiche zu beklagen gibt, und wäre Bradley nicht ein durchaus gekonnter Erzähler, wäre bis dahin vermutlich schon längst Langeweile aufgekommen.

Dennoch nutzt Bradley die Gelegenheit leider nicht so wie gehofft, um seinen Protagonisten etwas mehr Tiefe zu verleihen. Er hat bereits im ersten Band Flavias komplizierte Familiengeschichte angedeutet – Mutter gestorben, Vater findet wenig Zugang zu seinen drei Töchtern, Zukunft auf dem Familiensitz Buckshaw ungewiss – dennoch wirft Bradley leider keinen tiefgreifenderen Blick auf die Figuren. Zwar taucht mit Tante Felicity eine weitere Verwandte auch, die auch etwas Licht in das Dunkel bringen könnte, dennoch sind einem die Figuren am Ende des Buches kaum vertrauter als zu Beginn. Die Skizzierung der Figuren ist also in jedem Fall noch ausbaufähig.

Dennoch geht Flavia wie schon im Vorgängerband selbstbewusst ihren Weg zur Überführung des Täters. Sie ist unglaublich scharfsinnig und eine äußerst genaue Beobachterin. Die Hintergründe des Verbrechens, die Flavia dabei aufdeckt, sind dabei recht komplex und die Aufklärung war für meinen Geschmack dann leider auch nicht bis in den letzten Winkel schlüssig und glaubwürdig. Manches wirkt einfach ein wenig konstruiert. Die Geschichte bleibt dabei aber bis zum letzten Moment spannend.

_Insgesamt ist „Mord ist kein Kinderspiel“_ in jedem Fall eine gelungene Fortsetzung von „Mord im Gurkenbeet“. Flavia ist und bleibt eine absolut einmalige Krimiheldin, und wenn man sie einmal ins Herz geschlossen hat, mag man sie nicht mehr missen. Es gibt sicherlich vereinzelte Schwächen in der Konstruktion des Falls und die Hauptfiguren hätten auch eine etwas tiefgreifendere Betrachtung verdient, dennoch ist „Mord ist kein Kinderspiel“ immer noch ein höchst unterhaltsames Lesevergnügen, abseits ausgelatschter Krimipfade.

|Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Originaltitel: The Weed that strings the Hangman’s Bag
ISBN-13: 978-3764530297|
[www.randomhouse.de/penhaligon]http://www.randomhouse.de/penhaligon
[www.flavia-de-luce.de]http://www.flavia-de-luce.de

Läckberg, Camilla – Engel aus Eis

_Erica Falck und Patrik Hedström:_

Band 1: [„Die Eisprinzessin schläft“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3209
Band 2: [„Der Prediger von Fjällbacka“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2539
Band 3: „Die Töchter der Kälte“
Band 4: [„Die Totgesagten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5860
Band 5: „Snöstorm och mandeldoft“ (noch ohne dt. Titel)
Band 6: _“Engel aus Eis“_
Band 7: „Sjöjungfrun“ (noch ohne dt. Titel)
Band 8: „Fyrvaktaren“ (noch ohne dt. Titel)

Mit „Engel aus Eis“ liefert die Schwedin Camilla Läckberg nunmehr ihren fünften Krimi rund um die sympathischen Protagonisten Erica Falck und Patrik Hedström in Deutschland ab. Die Vorgängerromane waren fast durch die Bank weg sehr gelungen, lediglich mit ihrem letzten Werk „Die Totgesagten“ konnte sie das hohe Niveau nicht mehr so ganz halten. Ein Ausrutscher? Oder setzt sich diese Entwicklung mit „Engel aus Eis“ weiter fort?

_Der Handlungsabriss im Klappentext_ klingt vielversprechend. Der pensionierte Geschichtslehrer Erik Frankel wird ermordet in seinem Haus aufgefunden. Frankel war in Neonazikreisen äußerst unbeliebt – vor allem auch, weil sein Bruder Axel sein Leben dem Aufspüren alter Nazischergen gewidmet hat. So vermutet die Polizei den Täter im Umfeld der Neonazis.

Erica ist geschockt, als sie von der Ermordung Frankels erfährt, hatte sie ihn doch noch vor wenigen Wochen um Hilfe gebeten, weil unter den wenigen Habseligkeiten, die sie von ihrer Mutter Elsy in einer Kiste auf dem Dachboden gefunden hat, auch ein mysteriöser Naziorden war. Ericas Interesse ist geweckt, und obwohl sie sich eigentlich voll und ganz in ihre Arbeit stürzen wollte, solange die Elternzeit von Ehemann Patrick dauert, beginnt sie mit Nachforschungen.

Erica und ihrer Schwester Anna war ihre Mutter immer ein Rätsel. Elsy war immer distanziert, kühl und wirkte abwesend. Erica hat sich deswegen oft gefragt, ob sie ihre Mutter überhaupt richtig gekannt hat. Als Erica nun herausfindet, dass Elsy und Erik in ihrer Jugend befreundet waren, beschließt sie tiefer zu graben und fragt sich schon bald, ob das Motiv für den Mord nicht vielleicht eher in der Vergangenheit, als in der Gegenwart zu finden ist. Unterstützt wird sie in ihren Nachforschungen von Patrik, der mit seiner Elternzeit und seiner damit verbundenen Auszeit aus dem Polizeidienst sichtliche Schwierigkeiten hat …

_Wie bei jedem Läckbergschen Roman_ fällt auch bei „Engel aus Eis“ der Einstieg sehr leicht. Schnell taucht man in die Geschichte ein und hat die Figuren lebhaft vor Augen. Erika ist mit ihrer Familie ein liebgewonnenes Herzstück der Reihe geworden und man freut sich als Leser regelrecht über jedes Wiedersehen. Diesmal ist Patrick dran, mit der Elternzeit, aber da nun mal wieder in einem Mord zu ermitteln ist, ist er hin- und hergerissen. Einerseits möchte schauen, dass bei den Ermittlungen der Kollegen alles gut läuft, andererseits will er gerne seine Zeit mit seiner Tochter Maja verbringen. Das sorgt immer wieder für Spannungen zwischen Erica und Patrik.

Sehr schön ist auch, dass Camilla Läckberg mit „Engel aus Eis“ an einer Stelle ansetzt, die in früheren Romanen immer ein Mysterium war. Das sehr unterkühlte Verhältnis zwischen Elsy und ihren beiden Töchtern Erica und Anna ist immer wieder angedeutet, aber nie näher ausgeleuchtet worden. Läckberg geht damit einer Frage nach, die so manchen angestammten Leser schon beschäftigt haben dürfte. Da die persönliche Entwicklung der Figuren im Umfeld von Erica kontinuierlich weiter verläuft, sei jedem Neueinsteiger zur chronologischen Lektüre der Läckberg-Romane geraten.

Spannung baut die Schwedin kontinuierlich auf. Sie nimmt sich zwar immer wieder Zeit für Betrachtungen ihrer Haupt- und Nebenfiguren, dreht aber ganz nebenbei auch ständig an der Spannungsschraube. Der Plot ist in viele einzelne Erzählstränge aufgesplittet, zwischen denen Läckberg hin- und herspringt, was sich sehr positiv auf den Spannungsbogen auswirkt. Zusätzlich wirft sie immer wieder einen Blick zurück in die Zeit zwischen 1943 und 1945, um zu erzählen, wie es Ericas Mutter und ihrer Clique in jungen Jahren ergangen ist.

Was Läckbergs Romane neben dem spannenden Verlauf dank der beständigen Perspektivenwechsel ausmacht, ist die menschliche Seite. Läckbergs Figuren wirken sehr authentisch und zu keinen Zeitpunkt überzeichnet. Unterhaltsame Schilderungen des Alltags der Protagonisten sind nicht bloß Füllmaterial, sondern ein markantes Merkmal ihrer Romane. Immer wieder schafft sie Platz für intime Augenblicke, die Einblick in das Seelenleben ihrer Figuren ermöglichen und würzt das Ganze mit ihrer augenzwinkernden Sichtweise. Besonders an Patriks Vorgesetztem Bertil Mellberg hat Läckberg stets ihre humoristische Seite ausgelebt. Das ist auch diesmal wieder der Fall, allerdings zeigt sie dem Leser Mellberg diesmal auch von einer ganz anderen Seite, was eine schöne Bereicherung ist.

Positiv fällt auch Paula auf, die ihren Dienst in Fjällbäcka neu angetreten hat und eine echte Bereicherung für die dortige Polizei darstellt. Mit Paula hat Läckberg wieder einmal eine Figur geschaffen, die man schnell ins Herz schließt und die man für die Zukunft nicht mehr missen möchte. Auch der Fall an sich ist sehr überzeugend konstruiert. Die Geschichte bleibt bis zum Finale spannend und die Auflösung besticht durch ihre Plausibilität.

_Bleibt unterm Strich_ also nur jede Menge Lob. Nachdem Läckberg mit „Die Totgesagten“ ein wenig geschwächelt hat, läuft sie nun mit „Engel aus Eis“ wieder zu alter Form auf und legt einen rundum gelungenen Krimi vor, der zu den besten gehört, die sie belang geschrieben hat. Erica und Patrik bleiben uns hoffentlich noch lange erhalten, und wenn Camilla Läckberg auf dem jetzigen Niveau weiterschreibt, darf man sich schon auf viele weitere schöne Schmökerstunden freuen, in denen man auf Reise ins schwedische Fjällbäcka gehen darf.

|Hardcover: 503 Seiten
Originaltitel: Tyskungen
Aus dem Schwedischen von Karin Frey
ISBN-13: 978-3-471-35015-7|
[www.ullsteinbuchverlage.de/listhc]http://www.ullsteinbuchverlage.de/listhc

Sington, Philip – Einstein-Mädchen, Das

Romane, die die Grenze zwischen Realität und Fiktion aufweichen, haben immer einen besonderen Reiz. Dies trifft auch auf Philip Singtons Roman „Das Einstein-Mädchen“ zu. 1986 wurde erstmals eine bis zu diesem Zeitpunkt geheime Korrespondenz zwischen Albert Einstein und seiner ersten Frau Mileva Marić öffentlicht. Daraus geht hervor, dass ein Jahr vor der Hochzeit der beiden eine Tochter zur Welt kam, über deren Schicksal bis heute zu gut wie nichts bekannt ist.

Genau hier setzt Philip Sington mit seinem Roman an, dessen Geschichte damit beginnt, dass 1932 in einem Wald in Berlin eine bewusstlose junge Frau gefunden wird. Als sie aus dem Koma erwacht, erinnert sie sich an nichts, und da niemand die Frau kennt, wird sie von der Presse zunächst einmal „Einstein-Mädchen“ getauft – schließlich fand sich in ihrer Manteltasche der Programmzettel eines Vortrags von Albert Einstein.

Martin Kirsch, Psychiater an der Berliner Charité ist fasziniert von dem Fall, allerdings nicht nur aus rein medizinischer Sicht. Er ist sich sicher, dem „Einstein-Mädchen“ zuvor schon begegnet zu sein und ihre Unergründlichkeit übt eine ungemeine Faszination auf ihn aus. Immer mehr fühlt Kirsch sich im Laufe der Zeit zur „Patientin E.“ hingezogen und stellt eigene Nachforschungen an. Kirsch stößt auf ein Notizbuch mit mathematischen Formeln und einen Brief, der an Mileva Einstein-Marić, Einsteins erste Frau, adressiert ist.

Kirsch macht sich auf nach Zürich, um sich mit Mileva zu treffen und lernt dort Eduard kennen, Einsteins Sohn, der im Burghölzli, eine Nervenheilanstalt, therapiert wird. Eduard scheint einiges zu wissen. Während Kirsch sich in Zürich seinen Nachforschungen widmet, ändert sich in Deutschland mit der Machtergreifung der Nazis die politische Lage dramatisch …

_So ziemlich jede_ Pressestimme im Klappentext lobt „Das Einstein-Mädchen“ als herausragenden Thriller und weckt damit gleich schon mal falsche Erwartungen. Als Thriller mag man „Das Einstein-Mädchen“ eigentlich kaum gelten lassen. Es fehlt an zu vielen typischen Thrillerelementen. Zwar baut Sington von Anfang an einen gewissen Spannungsbogen auf, der dem Leser auch im ersten Moment vermitteln mag, er habe es mit einem Thriller zu tun. Aber im Laufe des Romans stagniert die Spannung zunehmend – zu sehr, als dass man „Das Einstein-Mädchen“ noch wirklich als Thriller bezeichnen könnte. Besser ist es, sich von Anfang an auf einen belletristischen Roman einzustellen, so werden eventuelle falsche Erwartungen nicht so leicht enttäuscht.

Nach belletristischen Maßstäben ist „Das Einstein-Mädchen“ dann über weite Strecken auch wirklich gelungene Lektüre. Sington lässt sich Zeit, seine Protagonisten wirklich detailliert zu skizzieren. Insbesondere die Hauptfigur Martin Kirsch wird in all ihren Facetten sehr gut ausgeleuchtet. Kirschs persönliche und familiäre Situation spielt dabei ebenso eine gewichtige Rolle wie seine beruflichen Ansichten.

Die Psychiatrie steckt noch in den Kinderschuhen und Kirsch selbst steht seiner Profession teils sehr kritisch gegenüber. Die Experimente seines Kollegen mit der Insulinschocktherapie sind ihm ein Dorn im Auge. An der Charité macht er sich durch seine kritische Haltung nicht gerade beliebt und doch klettert er stetig die Karriereleiter rauf, nicht zuletzt dank der Beziehungen seines Schwiegervaters in spe, der im Hintergrund so manchen Hebel in Bewegung zu setzen weiß.

Kirschs Persönlichkeit an sich macht dabei mit zunehmender Seitenzahl einen stets labileren und zerrisseneren Eindruck. Er führt gewissermaßen ein Doppelleben. Während seine Verlobte noch in ihrem Elternhaus in Oranienburg wohnt, schätzt Kirsch das geschäftige Treiben rund um seine Wohnung am Prenzlauer Berg, damals ein Viertel der einfachen Leute. Der Leser hat so die Chance, möglichst tief in das Berlin der 30er Jahre einzutauchen. Sington versteht es den Roman atmosphärisch recht dicht aufzubauen und dazu gehört auch die ausgefeilte Szenerie des Berlin der 30er Jahre.

Albert Einstein spielt als historische Figur dabei eine durchaus gewichtige Rolle. In Kirschs persönlichen Anschauungen genauso, wie in der öffentlichen Meinung. Die letzte Erinnerung Kirschs an seinen im Krieg gefallenen Bruder, ist die Debatte über Einsteins Theorien. Einstein selbst, wie auch das Auftauchen des mysteriösen Einstein-Mädchens, hat für Kirsch damit auch stets eine persönliche Dimension. Immer wieder lässt Sington auch Einsteins Theorien einfließen, wenngleich die wissenschaftlichen Einschübe hier und da etwas zu ausschweifend ausfallen. Das drückt dann schon mal ein wenig die Spannung. Etwas weniger wäre hier etwas mehr gewesen.

Insgesamt beginnt der Spannungsbogen im Laufe des Romans ein wenig zu stagnieren. Fällt der Einstieg in die Geschichte noch recht leicht und legt Sington die Figuren noch so interessant an, dass man schnell in den Roman eintaucht, so bleibt die anfängliche Spannung mit zunehmender Seitenzahl ein wenig auf der Strecke und steigt erst zum Finale wieder an, bei dem Sington dann auch noch eine Überraschungsauflösung aus dem Hut zaubert. Das ist insofern etwas schade, weil die Zutaten ansonsten durchaus stimmen.

_Unterm Strich bleibt_ zwar ein positiver Eindruck zurück, der aber nicht ganz ungetrübt ist. Die Zutaten sind gut gewählt. Handlungsort und -zeit versprechen Spannung und eine interessante Atmosphäre. Die Figurenskizzierung ist durchaus ausgefeilt und tiefgreifend und die Thematik interessant gewählt. Dennoch fehlt das letzte Quäntchen Spannung und auch eine etwas straffere Erzählweise hätte hier und da nicht geschadet. Von diesen Kritikpunkten abgesehen, ist „Das Einstein-Mädchen“ aber durchaus gelungene Lektüre.

|Taschenbuch: 464 Seiten
Originaltitel: The Einstein Girl (2009)
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
ISBN-13: 978-3-423-24783-2|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de

_Philip Sington bei |Buchwurm.info|:_
[„Das Einstein-Mädchen“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6424

Chattam, Maxime – Alterra: Im Reich der Königin (Band 2)

_Die |Alterra|-Romane:_

Band 1: [„Die Gemeinschaft der Drei“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5929
Band 2: _“Im Reich der Königin“_
Band 3: „Le Coeur de la Terre“ (noch ohne dt. Titel)

Nun liegt sie also endlich vor, die Fortsetzung von Maxime Chattams Roman „Alterra“. Es war schon recht überraschend, wie sich „Alterra“ im Laufe der Lektüre als unvermuteter Mehrteiler entpuppte und so abrupt man vor einem Jahr aus der Handlung herausgerissen wurde, so leicht und schnell ist man am Beginn des Nachfolgebandes „Alterra: Im Reich der Königin“ wieder in die Handlung eingestiegen. Chattams düstere Endzeitvision geht damit in die nächste Runde und entwickelt sich dabei sogar noch ein Stück düsterer und ganz bestimmt nicht weniger fantasievoll als im ersten Teil der Reihe.

_Doch zunächst ein paar Worte zum Inhalt._ Matt, Amber und Tobias – die Gemeinschaft der Drei – haben die Carmichael-Insel und damit die Gemeinschaft der Pans schon vor einer Weile hinter sich gelassen. Sie sind auf dem Weg nach Süden, einerseits, um Gefahr für die anderer Pans auf der Insel abzuwenden, zum anderen um herauszufinden, warum der Torvaderon Jagd auf Matt macht. Warum suchen die Zyniks überall nach ihm? Matt will es selbst herausfinden und begibt sich dafür auf eine lange und beschwerliche Reise gen Süden, in das Reich der Königin.

Seine beiden Freunde Tobias und Amber stehen ihm dabei zur Seite. Auf dem Weg durch die Wildnis lauern viele Gefahren. Der Torvaderon ist immer noch hinter Matt her und Matt und seine Freunde geraten dadurch mehr als einmal in brenzlige Situationen. Doch das ist nicht das einzige Mal, dass der Mut der Drei auf eine harte Probe gestellt wird. Auf ihrer Reise stehen sie plötzlich vor dem undurchdringlichen Blinden Wald. Bevölkert von riesigen, unheimlichen Tieren und bewachsen mit schier endlos in die Höhe ragenden Bäumen, die den Grund des Waldes in Dunkelheit tauchen, muss die Gemeinschaft der Drei hier all ihren Mut zusammen nehmen, um nicht umzukehren.

Kaum dass sie den Wald betreten haben, scheint die Reise auch schon ein jähes Ende zu nehmen: Wie aus dem Nichts werden Matt, Amber und Tobias vom Waldboden in die Höhe gerissen und auf ein seltsames Luftschiff entführt, das von ameisenartigen Wesen gesteuert wird und auf dem sie wie Gefangene gehalten werden. Ist dies das Ende ihrer Reise?

_Chattam knüpft mit dem zweiten Teil_ seiner Reihe mehr oder weniger nahtlos an den ersten Teil an. Auch wenn seit der Lektüre des ersten Teils schon einige Zeit ins Land gezogen ist, fällt der Wiedereinstieg in die Geschichte leicht. Man taucht sofort wieder in die Welt von „Alterra“ ein und hat die drei Freunde Matt, Amber und Tobias lebhaft vor Augen.

Die Spannungskurve strebt von Anfang an stetig aufwärts. Immer wieder geraten die drei Freunde in brenzlige Situationen. An jeder Ecke lauern Gefahren, und obwohl sich diese Dauerspannung natürlich im Laufe der Zeit auch ein wenig abnutzt – zumal man sich mit der Zeit immer sicherer ist, dass die Drei die Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen, schon irgendwie meistern, bleibt die Geschichte auf einem spannenden Niveau.

Die drei Freunde schaffen es, so ziemlich jede brenzlige Situation zu meistern, was mit der Zeit einen kleinen Kratzer an der Glaubwürdigkeit der Figurenskizzierung hinterlässt – Stärke und Mut lassen sich eben dann doch nicht immer befriedigend durch die Alteration, die speziellen Fähigkeiten, die die Pans in der neuen Welt entwickelt haben, erklären. Man glaubt irgendwann nicht mehr so hundertprozentig, dass sie jemals in wirkliche Gefahr geraten können. Irgendwie kommen sie schon aus jeder Situation heraus.

Und so muss Chattam stets neue unlösbare Probleme aus dem Hut zaubern, damit die Spannungskurve nicht abfällt. Das gelingt ihm im Großen und Ganzen wirklich gut, und obwohl er kurz davor zu stehen scheint, schafft er es, den Bogen nicht zu überspannen. Mit „Alterra“ hat der Autor eine ungemein vielfältige Welt geschaffen, in der er seine Fantasie austoben kann. Und so gibt es für den Leser reichlich Stoff zum Staunen: die Welt des Blinden Waldes mit den ameisenartigen Kreaturen in ihren Luftschiffen, z. B. oder die Stadt in der Höhle mit dem riesigen Wasserfall. Chattam skizziert eine fantastische Welt, teilweise bis ins Detail und beweist dabei einen wunderbaren Einfallsreichtum.

Vor diesem Hintergrund wird man ihm auch wohl verzeihen müssen, dass die Figurenskizzierung der drei Helden nicht sonderlich vertieft wird. Die Figuren bleiben bei all dem Einfallsreichtum und all den fantastischen Spielereien ein wenig blass. In Anbetracht der Tatsache, dass „Alterra“ auf eine jugendliche Leserschaft zugeschnitten ist, sicherlich ein verzeihliches Manko.

Der Aufbau der Geschichte ist wie schon im ersten Teil so angelegt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Auch wenn sich der Spannungsbogen aus den oben genannten Gründen mit der Zeit ein wenig abnutzt, bringt Chattam immer wieder neue Entwicklungen ins Spiel und splittet die Handlung in einzelne Stränge auf, zwischen denen er hin und her springt, so dass er die Spannung im Großen und Ganzen bis zum Ende gut halten kann.

_Bleibt unterm Strich_ also ein positiver Gesamteindruck. Zwar offenbart Chattam einzelne Schwächen in der Figurenskizzierung und er steht hier und da mal kurz davor, den Bogen ein wenig zu überspannen, kratzt aber dann doch noch die Kurve und bringt den Roman gut zu Ende. Zwar warte zumindest ich nach dem zweiten Teil nicht so sehnsüchtig auf den dritten Band, wie ich seinerzeit auf den zweiten gewartet habe, aber gespannt darauf, wie es weitergeht, bin ich dennoch. „Alterra“ ist und bleibt eine düstere, außerordentlich fantasievoll erzählte und spannende Geschichte, die nach allem was sich andeutet, in einem nicht minder düsteren und spannenden dritten Teil gipfeln dürfte.

|Hardcover: 400 Seiten
Originaltitel: Autre Monde: Malronce (2009)
ISBN-13: 978-3426283066|
[www.pan-verlag.de]http://www.pan-verlag.de
[www.maximechattam.com]http://www.maximechattam.com

Jussi Adler-Olsen – Schändung

Mit „Schändung“ legt der dänische Autor Jussi Adler-Olsen nun den Nachfolgeroman zu seinem vielgepriesenen Debüt „Erbarmen“ vor. Adler-Olsens Chefermittler Carl Mørck rollt am Schreibtisch seines Büros im Keller der Kopenhagener Polizei für das Sonderdezernat Q alte, ungelöste Fälle auf. Ihm zur Seite stehen sein Assistent Hafez el-Assad und die ihm neu zugeteilte Sekretärin Rose.

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Ollestad, Norman – Süchtig nach dem Sturm

Mit „Süchtig nach dem Sturm“ hat Norman Ollestad die Geschichte seiner Kindheit auf Papier gebannt. Da sich Normans Kindheit doch ziemlich eklatant von anderen Kindheitsgeschichten seiner Zeit unterscheiden dürfte, ist daraus ein Buch entstanden, das gleichermaßen spannend wie facettenreich daher kommt.

Norman Ollestad wurde 1967 geboren und wuchs in Topanga Beach, Malibu auf – damals eine schillernd bunte Welt voller Hippies, Musik und Surfer. Das Surfen spielt auch in Normans Kindheit eine groß Rolle, denn sein Vater „Big Norm“ ist ein begnadeter Surfer, immer auf der Jagd nach den größten Wellen und dem perfekten Tuberide. Seinen Sohn „Little Norm“ nimmt er schon von klein auf mit auf die Wellen – anfangs noch auf seinem Rücken, später solo mit dem eigenen Brett.

Während andere Kinder vor dem Fernseher sitzen oder im Hof mit dem Ball spielen, reitet Norman Wellen, die größer sind als er selbst, fährt mit Skiern waghalsige Abfahrtsrennen oder verschneite Tiefschneehänge hinunter und tingelt von Eishockeyspiel zu Eishockeyspiel. Was immer er macht, stets ist sein Vater da, um ihn anzuspornen, seine Angst zu überwinden und alles zu geben und ihm zu helfen, wenn es brenzlig wird. Hat Norman die Angst einmal überwunden, ist das Erlebniss, das dahinter wartet, stets großartig und stets etwas Besonderes, aber dennoch wünscht Norman sich oft genug, sein Vater würde ihn mit seinen speziellen Vater-Sohn-Ausflügen einfach in Ruhe lassen.

Dreh- und Angelpunkt von „Süchtig nach dem Sturm“ ist ein Flugzeugabsturz, der sich im Terminstress zwischen Eishockeyspiel und Skirennen ereignet, als Normans Vater wegen der knappen Zeit eine Cessna gechartert hat. Die Maschine stürzt mitten in einem schwer zugänglichen Bergmassiv ab. Normans Vater und der Pilot sind sofort tot und Norman ist auf sich gestellt.

Als der elfjährige Norman sich schließlich auf den Weg macht, den völlig vereisten und eigentlich viel zu steilen Abstieg in Richtung Tal anzugehen, sind die endlosen Lehrstunden auf Surfbrett und Skiern endlich zu etwas gut. Norman weiß mit seiner Angst umzugehen und spornt sich selbst dazu an, nicht aufzugeben. Sein zäher Überlebenswille wird schließlich honoriert, als Norman nach schier endlosen, einsamen Stunden endlich in Sicherheit ist.

Norman Ollestad erzählt zwei Geschichten parallel. Er springt immer hin und her zwischen den Ereignissen des Flugzeugabsturzes und den Erinnerungen an seine Kindheit, größtenteils vor dem Absturz, aber auch an die Zeit danach. Durch die Sprünge zwischen den unterschiedlichen Handlungsebenen erzeugt Ollestad enorm viel Spannung und „Süchtig nach dem Sturm“ entwickelt schon annähernd Page-Turner-Qualitäten. Was er dazwischen skizziert, ist zum einen das Bild einer ungewöhnlichen und für sich schon spannenden Kindheit und zum anderen die Geschichte einer komplizierten, aber auch stets sehr intensiven und besonderen Vater-Sohn-Beziehung.

Norman empfindet viel Respekt für seinen Vater, bestaunt das Leuchten in dessen Augen beim Eintauchen in tiefen Pulverschnee oder beim Erzählen von großartigen Tuberides. Die Zeit, in der Big Norm seinem Sohn die Welt auf Skiern und Surfbrett zeigt, war noch eine ganz andere als die heutige. Man spürt den Pioniergeist, mit dem vor allem Normans Vater bei der Sache ist. Big Norm muss eine enorm charismatische Persönlichkeit gewesen sein, der Andere mit seiner charmanten Art, seinem Gitarrenspiel und seinen Surfskills um den kleinen Finger wickeln konnte. Für Norman ist all dies gleichzeitig faszinierend und beängstigend. Immer wieder muss er an seine Grenzen gehen – was ihn oft genug verzweifeln lässt, ihm aber ebenso immer wieder großartige Erlebnisse beschert.

Die ganze verzwickte Komplexität dieser Vater-Sohn-Beziehung verdeutlicht Ollestad vor allem anhand einer Reise der Beiden durch Mexiko – eigentlich angetreten, um Normans in Mexiko lebenden Großeltern eine neue Waschmaschine zu bringen. Aber Big Norm wäre nicht Big Norm, wenn das Ganze nicht zu einer ereignisreichen Surfreise entlang der mexikanischen Küste verlaufen würde.

Ollestad erzählt von all diesen Erlebnissen so farbenfroh und facettenreich, dass das Buch sicherlich auch ohne die Dramatik des Flugzeugabsturzes höchst angenehme Lektüre wäre. Das Studium des Creative Writing an der University of California hat da sicherlich sein Übriges getan.

„Süchtig nach dem Sturm“ nimmt den Leser gefangen, lässt ihn mitfiebern und mitträumen von mexikanischen Stränden und feinstem Pulverschnee. Alles in allem hat Norman Ollestad ein höchst lesenswertes Buch abgeliefert, das gleichzeitig Chronik einer ungewöhnlichen Kindheit und die Skizzierung eines ebenso komplizierten wie intensiven Vater-Sohn-Verhältnisses ist. Ein Buch, das nicht nur denen, die sich Surfbrett und Skiern verbunden fühlen, nahe gehen dürfte, sondern eigentlich niemand kalt lassen kann und daher uneingeschränkt empfehlenswert ist.

|Gebundene Ausgabe: 349 Seiten
ISBN-13: 978-3100552150
Originaltitel: Crazy for the Storm
Übersetzt von Brigitte Heinrich|

Sigurdardóttir, Yrsa – Eisblaue Spur, Die

In bislang drei Romanen ([„Das letzte Ritual“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5891 , „Das gefrorene Licht“ und „Das glühende Grab“) konnte man der Reykjaviker Anwältin Dóra Gudmundsdóttir bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen. Nun legt Yrsa Sigurdardóttir den vierten Roman ihrer Island-Krimireihe vor. Es waren in der Vergangenheit stets recht ungewöhnliche Fälle, die Dóra immer wieder aus dem beschaulichen Büroalltag herausgerissen haben. Dem steht auch ihr neuester Fall in Nichts nach.

Diesmal verschlägt es Dóra sogar nach Grönland. Diesen Ausflug hat sie ihrem Lebensgefährten Matthias zu verdanken, der als Sicherheitschef bei einer isländischen Bank arbeitet, die nun um ihre Finanzierung eines Forschungscamps in Grönland fürchtet. Dort ist eine Bergbaufirma mit Probebohrungen betraut, da aber zwei isländische Arbeiter spurlos aus dem Camp verschwinden und der Rest der Truppe sich weigert, ins Camp zurück zu kehren, gerät der Zeitrahmen und damit das ganze Projekt in Gefahr.

Dóra und Matthias sollen nun herausfinden, was vor Ort vorgefallen ist. Zusammen mit einem sachkundigen Team machen sie sich auf den Weg und stoßen schon bald auf viele Ungereimtheiten: Da wäre ein verschwommenes Video, aufgenommen mit einer Webcam, das möglicherweise einen Mord zeigt. Dann wären da noch die so feindlichen Einheimischen, die keinerlei Hilfestellung bei der Aufklärung der Vorkommnisse bieten. Von wem stammen die menschlichen Knochen, die das Team in den Schreibtischschubladen der Mitarbeiter der Bergbaufirma findet und wohin sind die beiden verschollenen Mitarbeiter verschwunden? Schon bald sind Dóra und ihr Team wegen eines heraufziehenden Schneesturms von der Außenwelt abgeschnitten und ganz auf sich allein gestellt …

Yrsa Sigurdardóttir scheint sich diesmal wieder recht viel versprechender Krimizutaten zu bedienen. Mit Grönland greift sie auf einen recht unverbrauchten Handlungsort zurück und ein von der Außenwelt abgeschnittener Ort sorgt eigentlich so gut wie immer für einen kräftigen Ruck an der Spannungsschraube.

Mit Dóra hat Sigurdardóttir sich obendrein über drei Romane eine sympathische Figur aufgebaut, die der Leser an sich schon gleich im ersten Band ins Herz schließen muss. Dóra ist eine liebenswerte Chaotin, deren turbulentes Durcheinander zwischen Kanzlei und Familie auch immer wieder zum Schmunzeln anregt. Sie ist nicht nur alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, sondern hat obendrein auch noch einen mittlerweile 18-jährigen Sohn, der sie schon sehr früh zur Großmutter gemacht hat. Und da Dóra nebenbei auch noch die Kanzlei schaukeln muss, verläuft ihr Leben oft genug chaotisch.

Ein schöner Gegensatz ist da ihr deutscher Lebensgefährte Matthias, der inzwischen in Reykjavik wohnt. Stets akkurat und wohlorganisiert, stellt er ein schönes Kontrastprogramm zu der chaotischen Dóra dar, was immer wieder zu scherzhaften Kabbeleien zwischen den Beiden führt. Dieses Duo wird spätestens seit dem letzten Roman „Das glühende Grab“ ergänzt durch Bella, Dóras unfähige und sozial eher wenig kompetente Sekretärin. So hat man mit Blick auf die Protagonisten schon mal eine durchaus unterhaltsame Konstellation.

Der Einstieg in „Die Eisblaue Spur“ verspricht zunächst viel Spannung. Die ungewisse Situation im Forschungscamp nach der Ankunft von Dóras Team, die seltsame, zurückweisende Art der Einheimischen, die merkwürdigen Funde menschlicher Knochen und mysteriöser Artefakte – das alles trägt erheblich zur Spannung bei. Dóra und ihre Mitreisenden können sich kein klares Bild von der Situation machen, die dazu geführt haben könnte, dass zum einen Menschen verschwunden sind und sich zum anderen der Rest der Truppe der Rückkehr ins Camp widersetzt. Der Ort an dem das Camp liegt, scheint für die Einheimischen eine tiefere Bedeutung als ein Ort zu haben, den man auf keinen Fall betreten darf. Über das Warum schweigen sie sich aus und so hat Dóra auch hier keinen rechten Ansatzpunkt für Nachforschungen.

Erst als sie eine weitere grausige Entdeckung machen und sie die Polizei einschalten, kommt Bewegung in die Geschichte, aber dann sind Dóra und ihr Team auch ganz schnell aus den Ermittlungen raus, weil die Polizei sie kalt stellt. So stagniert ab diesem Moment auch die Spannung ein wenig. Was anfangs noch nach einem viel versprechenden Spannungsbogen aussieht, verliert im Laufe der Geschichte ein wenig an Intensität.

Auch die Auflösung kommt dann etwas plötzlich. Sigurdardóttir schmeißt unterwegs viele Andeutungen in den Raum, verwebt das Ganze mit der Inuit-Kultur und alten Mythen, berichtet vom Mobbing der Mitarbeiter der Bergbaufirma untereinander in der Abgeschiedenheit des Forschungscamps, das sie schön plastisch darzustellen vermag, und streut viele Hinweise aus. Dennoch strebt der Spannungsbogen nicht so stetig aufwärts, wie man es sich wünschen würde.

Die Ansätze sind wunderbar, auch die Komplexität des Falls hat so ihre Vorzüge, dennoch entwickelt sich die Geschichte in ihrem Verlauf eher zu einem mittelmäßigen Krimi. Durch die Abgeschiedenheit in der grönländischen Einöde kommt logischerweise auch Dóras mitunter so unterhaltsam chaotisches Familienleben viel zu kurz. Auch die Personenentwicklung, die Sigurdardóttir in den vorangegangenen Romane gerade auch mit Blick auf Dóra und Matthias stetig vorangetrieben hat bleibt ein wenig auf der Strecke.

Sprachlich weiß die Isländerin zwar immer noch insofern zu überzeugen, dass sich das Buch flott und locker runterlesen lässt, dennoch hat sie auch schon mal gezeigt, dass sie es eigentlich besser kann. Insbesondere ihre ersten beiden Krimis „Das letzte Ritual“ und [„Das gefrorene Licht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4547 gefielen mir insgesamt besser.

Unterm Strich hat „Die Eisblaue Spur“ sicherlich so einige Vorzüge, zu denen vor allem auch der grönländische Handlungsort mit der dazugehörigen Atmosphäre gehört, dennoch macht Sigurdardóttir es sich mit diesem Roman, wie auch schon mit dem Vorgänger „Das glühende Grab“ zunehmend im Mittelmaß gemütlich. Sie hat schon bewiesen, dass sie es besser kann. Bleibt also zu hoffen, dass sie sich mit dem nächsten Roman wieder auf alte Qualitäten besinnt, denn dann kann wieder ein erstklassiges Krimivergnügen daraus werden.

|Broschiert: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3596183432
Originaltitel: |Auðnin (Veins of Ice)|
Übersetzt von Tina Flecken|

Huston, Charlie – Clean Team, Das

Dass Charlie Huston sich auf verzwickte Geschichten über sympathische Verlierertypen versteht, hat er bereits mit seiner Hank-Thompson-Trilogie bewiesen. Nach seinem Ausflug in blutsaugende Gefilde mit der Vampir-Reihe um Joe Pitt kehrt Huston ein Stück weit wieder zurück zu den Wurzeln.

Hustons neue Romanreihe handelt wieder von einem echten Loser-Typen, der, kaum dass er seinen Hintern dann doch endlich mal vom Sofa erhebt, auch schon gleich in dicken Schwierigkeiten steckt.

Eigentlich hat Ex-Lehrer Webster Filmore Goodhue sich ein gemütliches Leben als leidenschaftlicher Müßiggänger aufgebaut. Würde da sein Kumpel und Mitbewohner Chev nur nicht immer an ihm herummosern. Da Chev aber nun einmal Webs letzter noch nicht vergraulter Freund ist, beugt Web sich schließlich dem Generve und nimmt den Job an, den Chevs Kumpel Po Sin ihm anbietet: Er steigt bei dessen „Clean Team“ ein.

Und so findet Web sich schon am nächsten Morgen – seinem ersten Arbeitstag – in einer herunter gekommenen Wohnung mitten in einem Heer von Kakerlaken wieder und trägt Tüten voller Exkremente zu einem Müllcontainer. Das „Clean Team“ ist halt auf Reinigungsarbeiten der ganz besonderen Art spezialisiert: Tatortreinigung. Wo immer beispielsweise ein Selbstmörder bei seinem Ableben all zu viel Dreck hinterlässt, gibt es Arbeit für das „Clean Team“. Sie machen Wohnungen wieder bewohnbar, putzen penibel jeden noch so kleinen Blutspritzer von den Tapeten und das alles so korrekt und diskret wie möglich.

Doch Tatortreinigung scheint in Los Angeles ein hart umkämpftes Terrain zu sein. Web gerät schon bald zwischen die Fronten rivalisierender Tatortreinigungsunternehmen. Und als wäre das nicht schon genug, handelt er sich schnell weitere Schwierigkeiten ein. Schon bei seinem zweiten Auftrag verguckt Web sich in Soledad, die Tochter eines steinreichen Selbstmörders aus Malibu. Ihr zur Liebe fährt er dann auch auf eigene Faust des Nachts mit dem Reinigungswagen zu einem schäbigen Motel, wo seine Fähigkeiten als Tatortreiniger gefragt sind. Damit handelt Web sich allerdings noch viel größere Schwierigkeiten ein und so nimmt der Schlamassel seinen Lauf …

Von Haus aus ist Charlie Huston Drehbuchautor und das kann er auch bei seinen Romanen nie so ganz verbergen. Er pflegt einen Stil der schnellen Schnitte und hat eine sehr direkte und gradlinige Art zu Erzählen. Das resultiert wie von selbst in einem hohen Erzähltempo. Gepaart mit der Vorliebe von Hustons Protagonisten für eine rüde, vulgäre Ausdrucksweise ergibt das Ganze einen Stil, der, dank Hustons lakonischer Art zu Erzählen, ein wenig an Filme wie „Pulp Fiction“ denken lässt.

Es ist eben auch Hustons Hang zur Ironie, der seine Antihelden so sympathisch macht. Das funktionierte bei Hank Thompson schon wunderbar und auch mit Webster Goodhue funktioniert es prächtig. Web lümmelt eigentlich tagein tagaus auf dem Sofa in dem schmierigen Tattoostudio seines Freundes Chev herum, der immer wieder mittels kleiner Botengänge versucht, Web dazu zu animieren, mal den Hintern vom Sofa zu erheben – mit mäßigem Erfolg.

Web war vor seinem Sofa-Leben Lehrer, möchte diese Zeit aber lieber abhaken und vergessen. Für ihn gibt es kein Zurück mehr, aber da es sich ohne Geld schlecht lebt und man schließlich nicht ewig seine zugekiffte Mutter anschnorren kann, ergreift Web die Chance, die sich ihm durch Chevs Kumpel Po Sin bietet: Den Umstieg in eine gänzlich andere Branche.

Tatortreinigung ist eine Sparte, wie sie einfach wunderbar passend für einen echten Antihelden á la Charlie Huston ist. Ein Berufszweig, wie er eigentlich nur in den USA existieren kann. Wenn Po Sin und sein „Clean Team“ Gehirnmasse von Tapeten und Schränken kratzen, wirkt das so surreal wie in einem Film der Coen-Brüder. Charlie Hustons Romane haben die Angewohnheit, sich vor dem inneren Auge wie ein rasanter, schwarzhumoriger Kinofilm abzuspulen.

Die Geschichte, in die Web sich dank seines neuen Jobs verstrickt, gibt dem Plot einen Großteil seines Tempos. Web wird ohne viel eigenes Zutun in einen krummen Deal hinein gezogen, aus dem er nicht so leicht heraus kommt, ohne um irgendjemandes Leben fürchten zu müssen. Und so entwickelt sich eine rasante, nicht immer ganz unblutige Geschichte, die sich größtenteils spannend und temporeich liest und den Spannungsbogen bis zum Ende auf hohem Niveau hält, wenngleich Huston seinem Protagonisten diesmal eine längere Warmlaufphase gönnt, als beispielsweise noch in [„Der Prügelknabe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1469 .

Charlie Huston ist sicherlich nicht unbedingt ein Autor, der für seinen Tiefgang bekannt ist, aber er schreibt unterhaltsame, temporeiche Geschichten, die sich anfühlen wie Kinofilme. Auch „Das Clean Team“ reiht sich in die Reihe sympathischer Antihelden-Geschichten ein, die Huston mit der Hank-Thompson-Reihe angefangen hat, wenngleich „Das Clean Team“ im Vergleich zum Auftaktroman „Der Prügelknabe“ aus der Hank-Thompson-Reihe dann doch den Kürzeren zieht. „Der Prügelknabe“ und auch der Nachfolger [„Der Gejagte“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1518 ist im Vergleich zu „Das Clean Team“ dann doch noch etwas rasanter und lässt auch Hustons Humor noch besser durchschimmern.

Bleibt unterm Strich ein durchaus guter Eindruck zurück. „Das Clean Team“ ist in jedem Fall ein unterhaltsamer, leicht schwarzhumorig angehauchter und sympathischer Antihelden-Roman. Dennoch wird der Eindruck dadurch etwas getrübt, dass man weiß, dass Huston es schon mal besser gemacht hat. Die drei Romane aus der Hank-Thompson-Reihe „Der Prügelknabe“, „Der Gejagte“ und [„Ein gefährlicher Mann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3142 legen die Latte auf jeden Fall sehr hoch und so schafft Huston es dann doch nicht ganz, das hohe Niveau seiner Vorgängerromane zu erreichen.

|Taschenbuch: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3453407305
Originaltitel: |The Mystic Arts of Erasing all Signs|
Übersetzt von Alexander Wagner|
http://www.heyne.de/

Read, Cornelia – Es wartet der Tod

Nachdem Cornelia Read mit [„Schneeweißchen und Rosentot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5079 ein durchaus beachtenswertes Debüt abgeliefert hat, liegt nun das Nachfolgewerk „Es wartet der Tod“ vor, in dem der Leser erfährt, was seit den Geschehnissen im ersten Roman in Madeline Dares Leben so vor sich geht …

Nach den nervenaufreibenden Ereignissen vor einem Jahr (nachzulesen in „Schneeweißchen und Rosentot“) hat Madeline Dare immer noch an den Folgen zu knabbern. Grund genug für eine berufliche Neuausrichtung und einen anständigen Tapetenwechsel, und so hat sie die Zeitungsredaktion in Syracuse gegen eine Privatschule in den Berkshires eingetauscht, an der sie als Hilfslehrerin Geschichte unterrichtet.

Doch so ganz wohl fühlt Madeline sich in ihrer Rolle nicht. Das liegt sicherlich nur zum Teil an den Schülern, die allesamt zur schwer erziehbaren Sorte gehören. Die Santangelo Academy ist die letzte Hoffnung leidgeprüfter, gut betuchter Eltern, die angesichts der psychischen Störungen ihrer Kinder gerne jeden Preis bezahlen, damit die Kinder gut untergebracht sind.

Was hinter den Mauern von Santangelo vor sich geht, scheint die meisten Eltern im Detail eher wenig zu interessieren, Hauptsache es wird überhaupt etwas getan. Und so ist Madeline eine der Wenigen, die angesichts der teils höchst fragwürdigen Unterrichts- und Erziehungsmethoden stutzig wird.

Es herrscht eine ganz eigentümliche Atmosphäre an der Santangelo Academy, wo einerseits die ständigen Therapiesitzungen (die auch für die Lehrkräfte fester Bestandteil des Alltags sind) ein Klima der Offenheit und Vertrautheit hervorrufen sollten, andererseits aber viel mehr eine giftige Atmosphäre ständigen Misstrauens in der Luft liegt.

Madeline versucht sich davon nicht beeinflussen zu lassen und trotzdem ein gutes Verhältnis zu ihren Schülern aufzubauen. Das gelingt ihr insofern, als dass ihr Schüler Mooney sie ins Vertrauen zieht, als sich herausstellt, dass seine Freundin Fay schwanger ist. Kurze Zeit später ist das Liebespaar tot – vergiftet. Was zunächst nach Selbstmord aussieht, weckt sofort Madelines Instinkte. Sie ist sich sicher, dass die Beiden auf gar keinen Fall Selbstmord begangen haben und versucht selbst Beweise zu finden, die ihre Mordthese stützen …

Mit „Es wartet der Tod“ scheint Cornelia Read einen Teil ihrer eigenen Biographie in die Waagschale zu werfen, zumindest geht dies aus der Widmung am Anfang des Romans hervor. Ein wenig verwunderlich ist Madelines berufliche Umorientierung allerdings schon. Was mich aber am meisten gewundert hat ist, dass fast sämtliche Lehrer von Santangelo keinen pädagogischen Hintergrund haben. Gerade für ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche, wo es eben nicht um reine Wissensvermittlung geht, sondern viel mehr um den psychologischen und pädagogischen Ansatz, kommt mir das sehr merkwürdig vor.

Zeitlich ist das Buch Ende der Achtziger Jahre angesiedelt und auch inhaltlich erinnert Read immer wieder an die Scharlatanerie der New-Age-Zeit in den Siebzigern. In diesem Dunstkreis scheint man auch Santangelo mit seiner „pädagogischen“ Ausrichtung einordnen zu müssen, denn anders sind viele der praktizierten Methoden und auch der bunt zusammengewürfelte „unpädagogische“ Personalstab wohl nicht zu erklären.

Wie bereits im Vorgängerroman pflegt Read auch hier wieder einen geradezu lockeren Plauderton, der durchzogen ist von einer feinen sarkastischen Ader. Schon „Schneeweißchen und Rosentot“ war kein Krimi von der Stange, sondern viel mehr ein belletristischer Roman um einen Kriminalfall. Ähnlich verhält es sich auch in diesem Roman.

Der Plot nimmt sich Zeit, um Fahrt aufzunehmen, Protagonisten und Örtlichkeiten werden erst einmal ausgiebig beleuchtet und es dauert, ehe überhaupt erst einmal richtig Spannung aufkommt. Dass sich der Roman dennoch locker und flott herunterlesen lässt, liegt an Reads erfrischendem Erzählstil und daran, dass Madeline eine so von Grund auf sympathische Protagonistin ist. Sie hat seit dem Vorgängerroman nichts von ihrem Charme eingebüßt.

Das Zusammenspiel zwischen den unterschiedlichen Figuren, zwischen Madeline und ihren Schülern, zwischen Madeline und ihrer besten Freundin und Kollegin Lulu oder auch die Sticheleien mit Hassobjekt Mindy sorgen dafür, dass die erste Romanhälfte bis zum Auftauchen der beiden Leichen unterhaltsam bleibt. Man hätte diesen Teil zwar sicherlich hier und da straffen können, aber dennoch hält Read den Leser bei der Stange.

Read dreht zwar spät an der Spannungsschraube, dafür aber umso kräftiger. Auf einmal überschlagen sich die Ereignisse und ehe Madeline sich versieht, steht sie auch schon im Zentrum des Geschehens. Der Fall bleibt bis ganz zum Ende spannend und entschädigt damit mühelos für den gemütlichen Start.

Bleibt unterm Strich ein insgesamt positiver Eindruck zurück. Mit „Es wartet der Tod“ hat Cornelia Read einen Roman abgeliefert, der mit dem Debüt „Schneeweißchen und Rosentot“ durchaus mithalten kann, wenngleich ich das Debüt noch einen kleinen Tick besser fand. Read punktet wieder einmal mit ihrem lockeren Erzählstil im Plauderton und ihrem trockenen Humor. Der Krimiplot braucht wie schon im Vorgänger etwas Zeit um auf Touren zu kommen, entwickelt sich dann aber mit ungebremster Spannung bis zum Ende. Wer etwas übrig hat für einen unterhaltsamen Mix aus Belletristik und Krimi, der kann mit Cornelia Read auch bei ihrem zweiten Roman nicht viel Falsch machen.

|Originaltitel: |Crazy School|
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
337 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3423247535|

http://www.dtv.de
http://www.corneliaread.com

Bradley, Alan – Mord im Gurkenbeet (Flavia de Luce 1)

Es gleicht schon einer Sensation, was Alan Bradley mit seinem ersten Roman auf die Beine gestellt hat. Bereits vor Erscheinen des Buches wurde „Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet“ mit dem renommierten Dagger Award für das beste Krimidebüt geehrt – und das lediglich auf der Basis des ersten Kapitels, da der Roman zum Zeitpunkt der Preisverleihung noch gar nicht fertiggestellt war. Das sind reichlich Vorschusslorbeeren, die zwar einerseits dafür sorgen, dass man seine Erwartungen nicht unbedingt tief stapelt, andererseits schwingt bei so viel Lobhudelei aber auch immer eine gewisse Skepsis mit. Kann „Flavia de Luce“ all die Erwartungen halten, die man in den Roman steckt?

_England, Anfang_ der 50er Jahre. Die elfjährige Flavia de Luce lebt zusammen mit ihren beiden älteren Schwestern Ophelia und Daphne und ihrem Vater auf dem altehrwürdigen Herrensitz Buckshaw. Flavia ist Hobbychemikerin und verbringt einen Großteil ihrer Zeit im Labor, das einer ihrer Vorfahren auf Buckshaw eingerichtet hat. Flavias große Leidenschaft gilt dabei Giften aller Art.

Dieses Wissen ist ihr unverhofft von Nutzen, als sie eines Morgens in aller Frühe im Gurkenbeet eine Leiche entdeckt. Jeder hält Flavias Vater für den Mörder und auch Flavia selbst kann sich von diesem Verdacht nicht ganz befreien, hat sie doch Abends vorher ihren Vater und den Toten lauthals streiten hören. Doch Flavia will an die Unschuld ihres Vaters glauben und stellt kurzerhand eigene Ermittlungen an.

Auf ihre kindlich unschuldige Art fragt sie allen Beteiligten und Zeugen Löcher in den Bauch, recherchiert in der örtlichen Bibliothek und durchsucht das Zimmer des Mordopfers. Sie folgt hartnäckig jeder noch so kleinen Spur und zieht in ihrer messerscharfen, rationalen Art so klare Schlussfolgerungen, dass der ermittelnde Inspektor Hewitt eigentlich vor Neid blass werden müsste.

Ihre Ermittlungen bringen Flavia auf die Spur eines alten Geheimnisses, in das auch ihr Vater verwickelt zu sein scheint. Als Flavia dann der Wahrheit ein gutes Stück näher kommt, wird es auch schon bald brenzlig für die junge Nachwuchsdetektivin …

_Die großen Erwartungen_ an „Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet“ sind nicht unberechtigt. Alan Bradleys Debütroman ist in der Tat eine Bereicherung für das Genre. Natürlich erfindet Bradley nicht das Rad neu, aber mit Flavia de Luce hat er eine Titelheldin geschaffen, die vom Fleck weg sympathisch ist und in ihrer präzisen und hartnäckigen Ermittlungsarbeit und ihren messerscharfen Schlussfolgerungen ein jugendliches Detektivtrio wie die Drei ??? ganz schön alt aussehen lässt.

Flavia de Luce wirkt in ihrer kindlich unschuldigen Neugier wie eine junge Miss Marple – nur, dass sie obendrein noch eine begnadete Chemikerin ist. Raffiniert setzt Flavia sich auf ihre ganz eigene Art mit ihren Schwestern und deren ständigen Versuchen sie zu Schikanieren auseinander. Da mischt sie der großen Schwester auch schon mal Gift in den innig geliebten Lippenstift und dokumentiert die Ergebnisse dieses Versuchs mit wissenschaftlicher Präzision in ihrem Tagebuch.

Flavia ist eine Außenseiterin. Freunde scheint sie keine zu haben. Ihre beste Freundin ist Gladys, ihr Fahrrad. Ihr Lieblingsort ist ihr Labor. Flavia macht einen schrägen, etwas verschrobenen Eindruck. Im Vergleich zu ihren Schwestern schlägt sie etwas aus der Art, aber genau das macht sie so herrlich sympathisch. Man braucht keine zehn Seiten, um sie zu mögen.

Und so ist es insbesondere auch Flavias Art und ihre Sicht der Welt, die für das besondere Lesevergnügen sorgt. Gewitzt und ironisch erzählt Bradley von Flavias Ermittlungen und es ist eben auch der schräge Kontrast der Giftmischerin, die sich hinter der unschuldigen, kindlichen Fassade verbirgt, der den Charme der Geschichte ausmacht.

Der Fall entwickelt sich dabei durchaus spannend. Flavia sammelt eifrig Aussagen und Indizien und kommt schon bald auf die Spur der wahren Hintergründe der Tat. Doch Flavias Ermittlungen dienen nicht nur dazu ein Verbrechen aufzuklären, sie sorgen auch für eine ganz ungewohnte Nähe zwischen Vater und Tochter in einem ansonsten eher unterkühlten Familienleben.

Der Vater, Colonel de Luce, weiß nach dem Tod seiner Frau nicht so Recht etwas mit den drei Töchtern anzufangen. Um das Wohlergehen der Kinder scheint sich eher die Haushälterin Mrs. Mullet zu kümmern, während der Vater sich lieber im Arbeitszimmer hinter seiner Briefmarkensammlung verschanzt. Erst durch die Ermittlungen kommt Flavia ihrem Vater überhaupt einmal ein Stückchen näher und so erzählt „Mord im Gurkenbeet“ ein Stück weit auch eine tragische Familiengeschichte im Spiegel ihrer Zeit.

Alan Bradley hat mit seinem Romandebüt einen hochgradig unterhaltsamen Krimi abgeliefert, der sich flott und spannend herunter liest. Flavia ist seit Langem die sympathischste Krimiheldin, die mir untergekommen ist, und mit seiner gewitzten, ironischen Art die Geschichte zu erzählen, bewegt Alan Bradley sich nicht all zu streng innerhalb der Grenzen des Genres. Zum Ende hin entwickelt der Plot gar noch einiges an Dramatik, als Flavia im Showdown dem Mörder gegenüber steht.

_Alles in Allem_ ist „Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet“ ein herausragendes Lesevergnügen. Alan Bradley hat die Vorschusslorbeeren auf seinen Roman nicht ohne Grund geerntet. Flavia ist eine Titelheldin, die vom Fleck weg sympathisch ist und durch ihre hartnäckige Ermittlungsarbeit und ihre messerscharfe Kombinationsgabe begeistert. „Mord im Gurkenbeet“ ist spannend, schräg, gewitzt und hochgradig unterhaltsam und fährt damit eine stimmige Mischung auf, die zu überzeugen weiß.

|Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3764530273|
Originaltitel: |The Sweetness at the Bottom of the Pie|
Aus dem Englischen von Gerald Jung, Katharina Orgaß

Chattam, Maxime – Alterra: Die Gemeinschaft der Drei (Band 1)

Es ist nichts geringeres als das Ende der Welt, das der Franzose Maxime Chattam in seinem Jugendroman „Alterra: Die Gemeinschaft der Drei“ heraufbeschwört. Fast so als wolle sich die Natur für alles rächen, was der Mensch ihr aufgebürdet hat, holt sie zum Gegenschlag aus und lässt die Welt im Chaos versinken. Das Szenario ist für sich genommen beklemmend, aber es ist gleichzeitig der Beginn von etwas Neuem und der Aufbruch in ein spannendes Abenteuer.

_Alles beginnt_ damit, dass ein Orkan über New York herein bricht, der stärker und monströser ist als jeder vorangegangene Sturm. Der 14-jährige Matt beobachtet schon vor dem Sturm seltsame blaue Blitze, die die Menschen zu verschlingen scheinen – zurück bleibt nur ein Häufchen Kleidung. Als der Sturm an Intensität gewinnt, tauchen im dichten Schneetreiben in der ganzen Stadt blaue Blitze auf. Matt will seine Eltern warnen, wird aber selbst von einem Blitz nieder gestreckt. Als er aufwacht ist die Wohnung leer – von seinen Eltern ist nur ein Häufchen Kleidung zurückgeblieben.

Als Matt auf die schneebedeckte Straße tritt, wird ihm schon bald klar, dass nicht nur seine Eltern verschwunden sind, sondern so ziemlich alle Erwachsenen. Matt macht sich zusammen mit seinem Freund Tobias auf die Suche nach weiteren Überlebenden der Katastrophe. Doch die Suchenden merken schnell, dass sie es sind, die gesucht werden. Seltsame Wesen mit gleißenden Augen, die auf hohen Stelzen zu laufen scheinen, jagen sie. Matt und Tobias bleibt nur die Flucht aus der Stadt.

Vor den Toren der Stadt bietet sich den Beiden ein gänzlich anderes Bild. Die Welt hat sich in einen wilden, undurchdringlichen Dschungel verwandelt. Matt und Tobias schlagen sich irgendwie durch und stoßen im Westen schließlich auf einer abgelegenen Insel auf eine Gruppe von Kindern, die sich „Die Pans“ nennen. Sie arrangieren sich mit den neuen Lebensumständen und bilden eine verschworene Gemeinschaft. Hier treffen Matt und Tobias die kluge Ambre, die den Beiden schnell zur besten Freundin wird.

Als sich andeutet, dass es in der Gruppe einen Verräter zu geben scheint, bilden Matt, Tobias und Ambre die „Gemeinschaft der Drei“. Gemeinsam wollen sie die Pans vor den Gefahren der neuen Welt beschützen und die Pan-Gemeinschaft retten. Dabei sind die Bedrohungen vielfältig. Von Norden her nähert sich ein bedrohlicher Schatten. Auch die Zyniks, die letzten verbliebenen Erwachsenen machen Jagd auf die Kinder und dann wäre da noch das ungelöste Problem mit dem Verräter …

_Was Maxime Chattam_ in „Alterra: Die Gemeinschaft der Drei“ entwirft, ist eine düstere Endzeitvision und ein spannender Abenteuerroman zugleich. Die Natur schlägt zurück und lässt die Menschheit für all das bezahlen, was sie verbockt hat. Nur die Kinder scheinen ihre zweite Chance zu bekommen. Als einzige Überlebende der Katastrophe müssen sie sich mit der neuen Welt arrangieren.

Doch den Kindern wird der Neuanfang nicht leicht gemacht. Gejagt von den letzten verbliebenen Erwachsenen und konfrontiert mit einer dunklen unbegreifbaren Macht, ist das Überleben nicht gerade ein Zuckerschlecken. Und damit steckt der Leser dann auch schon mittendrin in einer Fantasygeschichte, die dem gängigen Schwarz-Weiß-Schema folgt: Die dunkle Macht, die ihre Schatten auf die Welt wirft und der tapfere Held (Matt), der sich ihr entgegen stemmt.

Schon sehr bald wird klar, dass Matt in der neuen Welt eine besondere Rolle zukommt. Die Stelzenläufer in New York scheinen speziell auf der Suche nach ihm zu sein. Matt scheint dabei so etwas wie der personifizierte Traum eines jeden jugendlichen Fantasy-Rollenspielers zu sein. Mit Aragorns Schwert auf dem Rücken (das Weihnachtsgeschenk der Eltern für den begeisterten Herr-der-Ringe-Fan), stapft er durch das menschenleere New York. Da werden Rollenspielerträume wahr.

Die klassischen Fantasyeinflüsse sind in Chattams Roman genauso offensichtlich wie andere offensichtliche Inspirationsquellen. Wer denkt beim Anblick der Pan-Gemeinschaft auf ihrer Insel nicht an William Goldings „Herr der Fliegen“? Und wer fühlt sich beim Anblick der seltsamen Stelzenläufer in New York nicht an die „Dreibeinigen Herrscher“ erinnert? Was Chattam aus all diesen Einflüssen macht, steht dennoch durchaus für sich. Es ist kein Abklatsch verschiedener anderer Romane, sondern kann sich durchaus als eigenständiges Werk behaupten.

Schnell kommt der Plot in Fahrt und entwickelt eine Menge Spannung. So liest sich der Roman flott herunter. Dass es den Figuren dabei hier und da etwas an Tiefe mangelt, mag man Chattam dennoch nachsehen. Schließlich ist „Alterra“ eben auch ein Jugendroman, da ist eine etwas oberflächlichere Charakterskizzierung nicht allzu verwunderlich. Sicherlich hätte Chattam hier noch etwas mehr herausholen können, dennoch tut diese Schwäche der Spannung keinen Abbruch.

Was irritierend wirkt, ist die Tatsache, dass „Alterra“ sich erst im Laufe der Lektüre als Mehrteiler entpuppt. Man ahnt es bereits im Verlauf der Geschichte, da im letzten Romandrittel einfach noch zu viele Fragen offen bleiben. Das offene Ende der Geschichte lässt einen dann aber dennoch erst einmal gehörig in der Luft hängen – zumal die Geschichte wirklich mittendrin abbricht und der Spannungsbogen dadurch abrupt abgerissen wird. Es ist für den Leser immer angenehmer, wenn er vor der Lektüre weiß, ob er es mit einem abgeschlossenen Roman oder einer Romanreihe zu tun hat. Dies erst im Nachhinein durch einen Cliffhanger vermittelt zu bekommen, hinterlässt einen faden Beigeschmack.

_Dennoch bleibt unterm Strich_ insgesamt ein positiver Eindruck zurück. Chattam erfindet zwar nicht das Rad neu und zeigt recht deutlich, welche Werke ihn inspiriert haben, dennoch ist „Alterra: Die Gemeinschaft der Drei“ ein spannender Roman, der auf eigenen Füßen steht. Die Figuren sind überzeugend, wenngleich sie sicherlich tiefgreifender skizziert sein könnten. Der stetig aufwärts strebende Spannungsbogen lässt einen aber über solche Details gerne hinwegsehen.

„Alterra“ ist ein spannendes Endzeitabenteuer, bei dem man sich gerade auch durch das abrupte Ende wünscht, die Fortsetzung möge möglichst bald erscheinen, denn so lassen Autor und Verlag einen dadurch, dass sie den Leser nicht im Voraus wissen lassen, dass er sich auf einen Mehrteiler einlässt, unschön in der Luft hängen.

|Gebundene Ausgabe: 389 Seiten
ISBN-13: 978-3426283004|

Sigurðardóttir/Sigurdardottir, Yrsa – letzte Ritual, Das

Unter den Skandinavien-Krimis im Allgemeinen hat sich der „Island-Krimi“ längst als eigenständiges Genre herauskristallisiert. In die Reihe vielversprechender isländischer Krimiautoren reiht sich auch die Ingenieurin Yrsa Sigurðardóttir ein, die, während sie in der isländischen Einöde eines der größten europäischen Kraftwerksprojekte als technische Leiterin betreut, Romane schreibt, wenn sie des Abends einsam in ihrer Hütte hockt. Mit „Das letzte Ritual“ hat Sigurðardóttir 2005 ihr Debüt abgeliefert, das ein Jahr später auf Deutsch erschien.

Die Putzkolonne der Universität Reykjavík stößt eines Morgens auf die entstellte Leiche des deutschen Geschichtsstudenten Harald Guntlieb. Der Leiche wurden die Augen entfernt und Runen in die Haut geritzt. Die Polizei kann diese Zeichen nicht so recht einordnen und verhaftet einen Drogendealer, da obendrein kurz vor Haralds Tod ein großer Geldbetrag von dessen Bankkonto verschwunden ist.

Doch Haralds Eltern in Deutschland misstrauen den Ermittlungen der Polizei und schicken ihren Bevollmächtigten Matthias Reich nach Island. Zusammen mit der jungen Anwältin Dóra Guðmundsdóttir soll er den Fall noch einmal neu aufrollen und den wahren Täter finden.

Für Dóra und Matthias bedeuten die Ermittlungen eine Reise in ein dunkles Kapitel der Geschichte, denn Haralds besonderes Interesse galt der Zeit der Inquisition, alten Hexenkulten und dunkler Magie. Dieses Interesse beschränkte sich dabei nicht nur auf Haralds Studienarbeiten, sondern war auch ganz privater Natur. Harald schien ein durch und durch bizarrer Mensch mit einigen geradezu unheimlichen Eigenarten zu sein. Dóra und Matthias suchen nach einem Motiv für den Mord an Harald und erfahren dabei schon bald mehr über dunkle Rituale, als ihnen lieb ist …

Mit „Das letzte Ritual“ hat Yrsa Sigurðardóttir einen durchaus beachtenswerten Debütroman abgeliefert. Man taucht schnell in die Geschichte ein und mit der jungen Anwältin Dóra schickt Sigurðardóttir eine Protagonistin ins Rennen, die einem schnell ans Herz wächst. Mag man ihr auf der einen Seite vielleicht vorhalten, dass ihre Figuren nicht sonderlich vielschichtig sind, so kann man die leichte Zugänglichkeit der Protagonisten durchaus als positiven Faktor verbuchen.

Dóra lebt nach der Scheidung mit ihren beiden Kindern allein und herrscht über einen etwas chaotischen Haushalt. Ähnlich chaotisch scheint es in ihrer Kanzlei zuzugehen, nicht zuletzt dank ihrer unfähigen Sekretärin Bella. Insgesamt ist Dóras Figurenskizzierung bei aller Einfachheit aber auch gut nachvollziehbar angelegt. So ist sie auf Anhieb sympathisch, und auch dieser Faktor trägt nicht unerheblich dazu bei, dass man schnell in die Geschichte eintaucht.

Auch das Zusammenspiel zwischen Matthias und Dóra trägt zum Unterhaltungswert bei. Mit einem ironischen Unterton spielen sich die beiden immer wieder gegenseitig die Bälle zu und lockern die ansonsten eher düstere Geschichte dadurch sehr gut auf. Die Ermittlungsarbeit ist dabei zunächst eine eher nüchterne Angelegenheit. Dóra arbeitet eine Mappe mit Unterlagen zu Haralds Lebensweg durch, die Stück für Stück seine Persönlichkeit nachskizzieren.

Einzelheiten zu den Geschehnissen in der Mordnacht und zu den Hintergründen der Tat tauchen erst im Laufe der Ermittlungen auf, als sich ein Puzzleteil in das andere zu fügen beginnt. Aufbau und Spannungsverlauf sind so gesehen auch recht klassisch. Der Leser wird durch Andeutungen und Perspektivenwechsel bei Laune gehalten. Zum Ende hin dreht Sigurðardóttir dann noch einmal kräftig an der Spannungsschraube, so dass der Roman wahre Page-Turner-Qualitäten entwickelt. Das tröstet über kleinere Hänger in den ersten zwei Dritteln des Buches locker hinweg. Sigurðardóttir erfindet eben nicht das Genre neu, sondern liefert einen gut durchdachten und cleveren Krimi ab, der obendrein durch seine interessant gewählte Thematik zu überzeugen weiß.

Die Autorin hat offensichtlich viel recherchiert und streut damit einiges Wissen zum Thema Hexenverfolgung in die Handlung ein. Das gibt dem Ganzen eine besondere Würze und trägt ebenfalls zur Spannung bei. Sigurðardóttir bleibt dabei aber stets auf dem Teppich und driftet nicht zu sehr ins Übernatürliche ab.

Bleibt unterm Strich ein durchaus positiver Eindruck zurück. Sigurðardóttir schickt mit Dóra und Matthias zwei sympathische Protagonisten ins Rennen, erzählt gewitzt und mit eingängigem Schreibstil und dreht mit fortschreitender Handlung dermaßen an der Spannungsschraube, dass man das Buch kaum zur Seite legen mag. Die geschichtlichen Details zum Thema Hexenverfolgung und die bizarre Persönlichkeit des Mordopfers sind dabei das Salz in der Suppe. Alles in allem ein durchaus gelungenes Debüt, nach dessen Lektüre man sich am liebsten sofort in den Nachfolgeroman [„Das gefrorene Licht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4547 vertiefen möchte.

http://www.fischerverlage.de

Läckberg, Camilla – Totgesagten, Die

_Mit ihren ersten drei Romanen_ hat sich die Schwedin Camilla Läckberg als hervorragende Krimiautorin bewiesen. Grund genug, auch für den vorliegenden vierten Band ihrer Krimireihe um den Polizisten Patrik Hedström und die Schriftstellerin Erica Falk die Erwartungen nicht zu tief anzusetzen.

_Patrik und Erica_ stecken mitten in den Vorbereitungen für ihre bevorstehende Hochzeit, als Patrik einen neuen Fall auf den Schreibtisch bekommt. Zusammen mit seiner neuen jungen Kollegin Hanna Kruse wird er zu einem vermeintlichen Autounfall gerufen. Eine Autofahrerin ist mit ihren Fahrzeug von der Straße abgekommen und wird am Unfallort tot aufgefunden. Schnell gibt es erste Zweifel daran, dass es sich um einen Unfall handelt. Schon bald deuten erste Indizien auf Mord hin.

Während Patrik und seine Kollegen noch mit den Ermittlungen beschäftigt sind, geschieht ein weiterer Mord, der schon bald die Medien auf den Plan ruft. In einem Müllcontainer wird die Leiche einer Teilnehmerin der Reality Show „Raus aus Tanum“ entdeckt. Für die Medien ein gefundenes Fressen, und für Patrik und sein Team ist es nicht leicht, unter diesem Druck erste Ermittlungsergebnisse zusammenzutragen.

Doch je weiter die Kollegen die beiden scheinbar zusammenhanglosen Fälle beleuchten, desto wahrscheinlicher wird eine Verbindung zwischen beiden Taten. Als sie das verbindende Indiz zwischen den beiden Fällen endlich entdecken, offenbart sich ihnen aber etwas noch viel Größeres: Es gibt weitere, ganz ähnliche Fälle, verteilt über ganz Schweden, und bei allen Opfern wurde eine herausgerissene Seite aus „Hänsel und Gretel“ gefunden. Patrik und seine Kollegen müssen den Serienkiller möglichst schnell zur Strecke bringen, bevor es weitere Opfer gibt …

_Camilla Läckbergs Krimis_ haben ihre ganz eigene Qualität, welche die Autorin bislang geschickt mit jedem ihrer Romane weiter entwickelt hat. Aus ganz gewöhnlich erscheinenden Protagonisten und geschickt gesetzten Perspektivensprüngen fabriziert sie einen spannenden und mitreißenden Plot. Läckbergs Romane waren bislang stets so angelegt, dass man sich als Leser mit einer ganzen Reihe Verdächtiger konfrontiert sieht.

Es tauchen viele Figuren auf, von denen viele ein dunkles Geheimnis mit sich herumtragen, das dem Leser immer wieder hier und da angedeutet wird. Dadurch gibt es enorm viele glaubwürdige potenziell Verdächtige, aus denen sich erst spät der wahre Täter herausschält. Es gibt dadurch auch viele parallel verlaufende Handlungsstränge, die erst im Laufe des Romans immer dichter miteinander verwoben werden. Auf diese Weise schafft Läckberg es, die Spannung durchweg auf hohem Niveau zu halten – eine Rezeptur, die bislang in jedem ihrer Romane wunderbar aufging.

Umso bedauerlicher ist es, dass ihr dieses Kunststück mit dem neuen Roman nicht mehr ganz so gut glückt wie mit den Vorgängerwerken. Anders als sonst, hatte ich schon recht früh eine Ahnung davon, wer der Täter sein könnte, ohne dass mir die Zusammenhänge wirklich klar wurden. Konnte man sonst immer bis zum Ende mitfiebern und sich nicht wirklich sicher sein, wer genau der Täter nun ist, gibt es bei „Die Totgesagten“ nicht ganz so viele Möglichkeiten. Und so verliert sich leider ein Teil der Spannung schon im Verlauf des Romans.

Die Lektüre macht zwar dennoch Spaß, und dass dem so ist, verdanken wir größtenteils dem immer noch sehr eingängigen Schreibstil der Autorin, aber sie hat eben schon mehrfach bewiesen, dass sie es eigentlich besser kann.

Erica Falk, im ersten Läckberg-Roman eigentlich noch die Hauptfigur, wurde schon in den letzten Romanen zugunsten von Patrik Hedström mehr und mehr aus dem Mittelpunkt verdrängt. Erica wird auch in diesem Roman zunehmend zur Randfigur. Ihr bleiben das Aufpäppeln ihrer psychisch angeschlagenen Schwester (deren Genesung dann etwas zu schnell vonstatten geht) und die Vorbereitung der Hochzeitsfeierlichkeiten.

Ihre humorige Seite lebt Läckberg dann auch wie gewohnt überwiegend mit Blick auf Erica Falk aus und mit den typisch ironischen Betrachtungen von Patriks Vorgesetztem Bertil Mellberg, aber auch diese Facette bleibt in diesem Roman etwas dünner als beispielsweise in ihrem immer noch unübertroffenen ersten Roman [„Die Eisprinzessin schläft“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3209

Was immer noch typisch bleibt, ist die Bodenständigkeit ihrer Protagonisten. Alle wirken wunderbar authentisch, nichts erscheint überzeichnet oder unrealistisch. Läckberg hat einfach ein Gespür für eine realistische Figurenskizzierung, und so macht die Lektüre in jedem Fall Freude.

„Die Totgesagten“ lässt sich flott herunterlesen. Quereinsteigern sei aber dringend dazu geraten, die Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen, da gerade die persönliche Entwicklung der Protagonisten von einem Roman zum nächsten aufeinander aufbaut. Wer sich hier nichts vorenthalten möchte (schließlich hält auch das Privatleben von Erica Falk mit Blick auf ihre Schwester einiges an Spannung bereit), der sollte strickt der Reihe nach lesen:

[„Die Eisprinzessin schläft“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3209
[„Der Prediger von Fjällbacka“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2539
„Die Töchter der Kälte“
„Die Totgesagten“

_Es bleiben unterm Strich_ gemischte Gefühle zurück. Camilla Läckberg versteht sich immer noch auf unterhaltsame, spannende Krimis. Vor dem Hintergrund der Vorgängerromane wirkt „Die Totgesagten“ aber etwas blasser, als man es von Camilla Läckberg sonst gewohnt ist. Sie hat eben schon bewiesen, dass sie es besser kann, und so bleibt zu hoffen, dass „Die Totgesagten“ nur ein kleiner Ausflug ins Mittelmaß ist und sie mit dem nächsten Roman wieder zu alter Form aufläuft.

|Originaltitel: Olycksfågeln
Aus dem Schwedischen von Katrin Frey
413 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-471-35012-6|
http://www.aufbauverlag.de

French, Ray – Ab nach unten

Ray French erzählt in seinem Roman „Ab nach unten“ die Geschichte eines Arbeitskampfes der besonderen Art. Schon jahrelang hat Aidan in Crindau, einem Ort in Südwales, für den Elektronik-Konzern „Sunny Jim“ gearbeitet, als die Konzernleitung beschließt, zwecks Senkung der Kosten den Standort zu schließen und die Produktion nach Asien zu verlagern. Nun sollen Aidan und seine Kollegen sich also in das ohnehin in Südwales schon nicht kleine Heer der Arbeitslosen einreihen.

Aidans Leben hat seit dem Tod seiner Frau sowieso schon kaum mehr eine Perspektive. Die Kinder sind längst aus dem Haus und gehen ihre eigenen Wege und des Abends sinniert Aidan mit seinen Kumpels im Pub über die immer gleichen alten Geschichten. Aidan war nie ein großer Rebell, aber der drohende Jobverlust und das damit einhergehende Schwinden jeglicher Perspektive treibt ihn schließlich auf die Barrikaden.

Aidan entschließt sich zu einer einzigartig radikalen und bisher nie dagewesenen Strategie, um seinen Arbeitsplatz zu kämpfen. Er kauft sich einen Sarg, um sich lebendig in seinem Garten begraben zu lassen und erst dann wieder zurück in die Welt der Lebenden zu kehren, wenn „Sunny Jim“ von seinen Schließungsplänen abrückt.

Aidans Kumpels unterstützen ihn nach anfänglichem Zögern bei der Sache. Mobiltelefone werden angeschafft – für den Notfall – und die Verpflegung sowie die Entsorgung von Aidans Ausscheidungsprodukten wird organisiert. Als der große Tag kommt, steigt Aidan mutig in seinen Sarg und lässt sich von seinen Kumpels begraben.

Das ungewöhnliche Spektakel ruft schon bald die Medien auf den Plan, die sich wie die Geier auf Aidans Aktion stürzen. Schon bald wird Aidans Garten zu einer Pilgerstätte für eifrige Journalisten und die unterschiedlichsten verkrachten Existenzen, die dem Mann im Sarg ihr Herz ausschütten. „Sunny Jim“ hingegen zeigt sich zunächst gänzlich unbeeindruckt. Wie lange muss Aidan nun in der Tiefe ausharren?

Der Klappentext zieht von „Ab nach unten“ Vergleiche zu Filmen wie „Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten“ und „Ganz oder gar nicht“. Eine tragikomische Geschichte aus dem britischem Arbeitermilieu, scheinbar einfach gestrickte Charaktere und eine Geschichte, die vor dem Hintergrund von Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise in den letzten dreißig Jahren immer zu irgendeinem Zeitpunkt etwas bestechend Aktuelles an sich hatte.

Von den Zutaten her reiht sich Ray French mit seinem Roman hier wunderbar ein. Seine Geschichte ist so tragisch, wie sie komisch ist, und so skurril, wie eigentlich nur Geschichten aus dem Vereinigten Königreich sein können. Wer den britischen Humor und insbesondere tragikomische Geschichten von der Insel mag, der kommt auch bei „Ab nach unten“ voll auf seine Kosten.

Zwar reiht French nicht gerade einen Schenkelklopfer an den anderen – sein Humor ist sehr viel feinsinniger und ironischer -, dennoch gibt es so manche schöne Stelle mit reichlich Stoff zum Schmunzeln. Sehr schön ist z. B. gleich eingangs Aidans Versuch, bei seinem örtlichen Bestatter einen Sarg „anprobieren“ zu dürfen. Unvergessen auch die Szene, in der des Nachts der „echte“ Tom Jones an Aidans Sarg pilgert, um ihm sein Herz auszuschütten.

„Ab nach unten“ kann einiges an skurrilen und herrlich komischen Situationen vorweisen, steckt aber nichtsdestotrotz auch voller tragischer und trauriger Momente. Aidan ist ein ziemlich einsamer Mensch. Obwohl er seine Kumpels hat, gibt es doch so richtig niemanden, dem er sein Herz ausschütten kann – eine Sache, die ihm in der drückenden Einsamkeit unter der Erde erst so richtig bewusst wird. Und so ist „Ab nach unten“ eben auch ein Lehrstück über den Wert echter Freundschaft.

French schafft es, all diese Dinge so einfühlsam zu verpackend, dass „Ab nach unten“ zugleich unterhält und nachdenklich stimmt. Es gibt viele leise Zwischentöne, Momente, die rührend sind, und Szenen, die herrlich komisch sind. „Ab nach unten“ ist trotz der eigentlich etwas absurd anmutenden Grundidee wunderbar realitätsnah, einfach weil die Protagonisten so gelungen authentisch skizziert wurden. Man kann sich Aidan und seine Kumpels wunderbar als real lebende Figuren vorstellen, denn French beweist ein Händchen im Umgang mit seinen Darstellern.

Auch sprachlich ist „Ab nach unten“ ganz angenehme Lektüre. Getragen von Frenchs feinsinnigem Humor, mit durchaus spürbaren dramaturgischen Akzenten im Plot, liest sich der Roman ganz locker von der Hand weg.

Bleibt unterm Strich ein wirklich positiver Eindruck zurück. Anlass zur Kritik gibt es kaum. „Ab nach unten“ ist ein wunderbarer Unterhaltungsroman mit toller Figurenskizzierung, einer schönen Mischung von Tragik und Komik und einer herrlich schrägen Grundidee – Freunden britischen Humors wärmstens zu empfehlen.

|Originaltitel: Going Under
Deutsch von Martin R. Becker
412 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-24694-1|
http://www.dtv.de

Honisch, Ju – Obsidianherz, Das

_Hätte ich zuerst Tanya Huffs Urteil_ im Klappentext gelesen, hätte „Das Obsidianherz“ sich vermutlich niemals in mein Bücherregal verirrt. Tanya Huff attestiert dem Roman nämlich, die |“besten Elemente historischer Liebesromane und zeitgenössischer Phantastik“| zu verbinden. Und da ich bei dem Begriff „historischer Liebesroman“ vor meinem geistigen Auge stets eine schmachtende Frau in wallenden Kleidern an eine (meist ganz oder zum Teil entblößte) Männerbrust gepresst sehe, krempelt sich mir für gewöhnlich schon beim Gedanken daran der Magen um. Entsprechende Bücher werden somit kategorisch ignoriert. Dieses Schicksal blieb Ju Honischs Roman „Das Obsidianherz“ erspart, da ich den Hinweis schlichtweg übersehen hatte – zum Glück, wie sich herausstellen sollte …

_“Das Obsidianherz“_ spielt im Jahre 1865 in München. Ludwig II. hat gerade seine Regentschaft als König von Bayern angetreten. Zu dieser Zeit tragen sich im Nymphenburger Hotel – Münchens erste Adresse – so einige mysteriöse Dinge zu. Ein Mord ist geschehen und ein magisches Manuskript verschwunden, doch es ist nicht irgendeines, sondern das mächtigste und wertvollste, das in den falschen Händen die Welt ins Chaos zu stürzen vermag.

Der britische Colonel Delacroix, seines Zeichens Agent für besondere Aufgaben, soll das wichtige Schriftstück mit der Unterstützung zweier bayerischer Offiziere wiederbeschaffen. Die vierte im Bunde ist die Opernsängerin Cérise Denglot, die der bayerische König höchstselbst für die Mission auserkoren hat – aufgrund welcher Qualitäten auch immer. Unterstützt wird das Team zusätzlich von einem Magiewissenschaftler. Dieser hält das Nymphenburger Hotel unter einem magischen Bann. Dank dieses Banns können alle magischen Geschöpfe, genannt Fey oder Sí, das Hotel nicht verlassen. Dies will das Team um Delacroix dazu nutzen, das seltsame Schattenwesen, das sie mit dem Verschwinden des Manuskripts in Verbindung bringen, dingfest zu machen.

Während der Jagd auf das Wesen kreuzen sich ihre Wege schon bald mit denen der jungen Corrisande Jarrencourt, die zusammen mit Anstandsdame und Zofe extra zur beginnenden Ballsaison nach München gereist ist – schließlich gilt es, einen passenden Kandidaten für eine möglichst gewinnbringende Eheanbahnung aufzutun.

Da kommt es natürlich reichlich ungelegen, dass das rätselhafte Schattenwesen obendrein noch ein Auge auf Corrisande geworfen hat und ihr fortan an den Fersen hängt. Doch Delacroix und sein Team stehen Corrisande mutig zur Seite und versuchen das Wesen von ihr fernzuhalten.

Delacroix und Co. sind dabei nicht die Einzigen, die sich für das Wesen und das Manuskript interessieren. Schon bald spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu und Corrisande muss um ihr Leben fürchten. Obendrein gibt es so manchen im Hotel, der etwas im Schilde führt und auf die eine oder andere Art in die Angelegenheit verwickelt zu sein scheint …

_Nun gut_, historischer Liebesroman trifft auf Phantastik. Übertragen auf die Erzählepoche könnte man auch sagen „Sissi meets Mystery“ und hätte damit Recht und läge genauso falsch. Was Ju Honisch mit „Das Obsidianherz“ abgeliefert hat, ist vor allem ein historisch angehauchter Spannungsroman voller Witz und Fantasie.

Beeindruckend ist schon, dass die Autorin über 800 Seiten mit fast nur einem einzigen Handlungsort auskommt. Nur am Ende verlassen die Protagonisten für den finalen Showdown das Hotel. Der Rest des Plots spielt sich im Stil eines „Whodunit“ komplett in den Räumlichkeiten des Nymphenburger Hotels ab. So ist die Handlung einem Theaterstück gleich einerseits sehr konzentriert und liefert andererseits aber auch eine große Bühne für die Protagonisten ab. Zum Teil lebt der Roman von den Protagonisten und ihren Interaktionen.

Dabei versteht Ju Honisch es auf wunderbare Art, die Steifheit der Zeit und die Überbetonung der Etikette mit einem höchst unterhaltsamen, ironischen Unterton zu verzieren. So hat der Leser viel zu schmunzeln, und das vor allem dann, wenn Ju Honisch ihn an den Gedanken der Figuren teilhaben lässt und die gleiche Szene aus unterschiedlichen Blickwinkel abspult. So entwickelt der Roman eine herrlich lockere und unterhaltsame Art, bei der die Autorin mit so mancher verschmitzten Formulierung immer wieder den Nagel auf den Kopf trifft. „Das Obsidianherz“ ist in dieser Hinsicht eben weit weniger historischer Liebesroman als vielmehr ein phantastikdurchtränkter historischer Unterhaltungsroman.

Der Fantasyanteil beschränkt sich dabei vor allem darauf, dass es in Honischs Welt Fabelwesen aller Art gibt und entsprechend begabte und ausgebildete Menschen Magie praktizieren. Die Fabelwesen sind nicht selbstverständlich in den Alltag integriert, sondern eher eine Randerscheinung, die nicht selten mit Ressentiments zu kämpfen hat.

Die Protagonisten werden stets mit einem Augenzwinkern betrachtet. Jeder bekommt sein Fett weg, und dazu werden natürlich gerne auch mal die Klischees der Zeit bedient: die Anstandsdame, die über jede noch so unbedeutende Kleinigkeit wacht, die ihrem Zögling als undamenhaft vorgeworfen werden könnte; der raubeinige Colonel, der im Eifer des Gefechts auch schon mal die Regeln des Anstands vergisst; die temperamentvolle Operndiva und das zarte Fräulein, das es faustdick hinter den Ohren hat. Ju Honisch spielt sehr viel mit den gesellschaftlichen Normen der Zeit, mit Standesdünkel und Etikette.

Dass dabei dennoch nicht die Spannung zu kurz kommt, ist dem Geschick zu verdanken, mit dem die Autorin Phantastik, Spannungs- und Unterhaltungsroman miteinander verknüpft – und dabei kommt dann auch die Liebe nicht zu kurz. Ju Honisch vermischt all diese Zutaten zu einem stimmigen Ganzen, das sich trotz seiner 800 Seiten Umfang flott und locker runterliest – nicht zuletzt auch wegen des kontinuierlich aufwärts strebenden Spannungsbogens.

_Alles in allem_ ist „Das Obsidianherz“ ein Roman, der sich als höchst angenehme Lektüre entpuppt. Ein unterhaltsamer Lesespaß, der nicht mit Spannung geizt und dessen fantastische Komponente überzeugend in den Plot eingewoben ist. Ju Honisch hat einen höchst lesenswerten Genremix abgeliefert, der von vorne bis hinten Lob verdient. Freunden fantastisch angehauchter Romane sei „Das Obsidianherz“ wärmstens empfohlen.

|809 Seiten, kartoniert mit Illustrationen
ISBN-13: 978-3-86762-028-4|
[www.feder-und-schwert.com]http://www.feder-und-schwert.com

Smith, Tom Rob – Kolyma

Mit [„Kind 44“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4948 hat der Brite Tom Rob Smith einen höchst spannenden Krimi vor dem Hintergrund der Stalin-Zeit abgeliefert. Nun liegt mit „Kolyma“ der Nachfolger vor, der erzählt, wie die Geschichte um den ehemaligen KGB-Agent Leo Demidow weitergeht.

Wir schreiben mittlerweile das Jahr 1956. Chruschtschows Geheime Rede sorgt für politische Unruhe in Moskau. Leo Demidow arbeitet immer noch für das geheime Morddezernat, das in diesen Tagen wieder vor einem Haufen Arbeit steht: Zwei Geheimdienstler werden ermordet. Die Taten scheinen mit der Geheimen Rede Chruschtschows im Zusammenhang zu stehen. Überlebende der stalinistischen Säuberungen prangern die Taten vergangener Tage an, und so zweifelt niemand daran, dass die beiden ermordeten Geheimstdienstler einem Racheakt zum Opfer fielen.

Leo versucht herauszufinden, wer hinter den Taten steckt, doch ist das wie üblich nicht so einfach. Seine Abteilung muss immer noch im Geheimen operieren, und auch die alten KGB-Kollegen legen ihm Steine in den Weg.

Doch schon bald bekommt der Fall für Leo eine persönliche Tragweite, als seine Adoptivtochter Soja entführt wird. Um ihre Freiheit zu erkaufen, soll Leo den Priester Lasar aus dem Gulag in Kolyma befreien. Leo hatte ihn vor Jahren verhaftet und dafür gesorgt, dass Lasar in den Gulag geschickt wurde.

Um Soja zu retten, hat Leo keine andere Wahl als sich auf den Deal einzulassen. Und so lässt Leo sich als Gefangener getarnt in das Lager am Rand Sibiriens einschleusen. Doch die Operation verläuft anders als geplant: Schon am ersten Abend wird Leo erkannt und ist schutzlos der grausamen Rache der Gulag-Häftlinge ausgeliefert …

Bereits bei „Kind 44“ lag der besondere Reiz der Geschichte in der Verquickung von Krimi und jüngerer Historie. Smith hat sich eine Epoche der Geschichte als Bühnenbild ausgesucht, die für sich genommen schon Spannung verheißt: eine Gesellschaft, die geprägt ist von ständigem Misstrauen und der Angst davor, wegen irgendeiner Kleinigkeit bei den Behörden denunziert zu werden.

Chruschtschows Geheime Rede markiert einen wichtigen Punkt in der Sowjet-Ideologie: Erstmals kritisiert die Führung selbst Stalins Taten (auch wenn die Rede wenige Monate später massiv entschärft wird) und stellt damit die Weichen für eine Entspannung der Lage. Doch der Eindruck trügt. Noch immer sitzen überwiegend Leute an den Hebeln der Macht, deren Glaube an das System unerschütterlich ist.

Leo selbst hat inzwischen seine Zweifel an eben diesem System und diese Zweifel sind natürlich nicht neu. Noch immer eckt er allein durch die Tatsache, dass er für das Morddezernat arbeitet, überall an. In den Augen der alten KGB-Kollegen ist Leo immer noch ein Verräter. Seine KGB-Vergangenheit wird Leo auch zu Hause von Adoptivtochter Soja stets unter die Nase gerieben. Für sie ist Leo immer noch der Mörder ihrer Eltern. Dass er mit seiner Frau Raisa sie und ihre kleine Schwester Elena aus dem Waisenhaus geholt hat und ihr dank seiner Stellung ein verhältnismäßig luxuriöses Familienleben bieten kann, wiegt dagegen zu wenig. Schuld und Sühne sind das beherrschende Thema des Plots.

Leo hadert also immer wieder mit seiner Vergangenheit, und das macht eben auch den Reiz dieses so ambivalent angelegten Protagonisten aus. Er wird nie so ganz der strahlende Held sein können, und so ist eben auch für reichlich Spannung gesorgt, wenn Leo dann im Gulag seiner Vergangenheit direkt in die Augen blickt. Der Teil des Plots, der in der sibirischen Eishölle von Kolyma spielt, hat so auch seinen ganz besonderen Reiz und ist einer der Spannungshöhepunkte des Romans.

Doch auch darüber hinaus hält die Spannung bis zum Ende des Romans an. Smith schwingt sich immer wieder zu neuen Spannungsmomenten auf und garniert den Plot mit unverhofften Wendungen. Dabei kommt den politischen wie auch den gesellschaftlichen Verhältnissen stets eine nicht ganz unwichtige Nebenrolle zu. Smith spannt einen nachvollziehbaren Bogen vom Anfang bis zum Ende und beleuchtet dabei das Schicksal seiner Hauptfiguren möglichst glaubwürdig und authentisch.

Sprachlich formuliert Smith gewohnt glasklar und ohne viele Schnörkel, und so ist „Kolyma“ ein spannender Thriller, der mal ganz flott an einem verregneten Winterwochenende durchgelesen ist.

Bleibt unterm Strich ein sehr positiver Eindruck zurück. Mit „Kolyma“ hat Tom Rob Smith „Kind 44“ gelungen fortgesetzt und einen durchweg spannenden Thriller abgeliefert, der besonders auch dadurch gefällt, dass ihm komplexe Hintergründe und ambivalente Protagonisten zugrunde liegen. Dies ist kein schlichter „Junk-Food-Thriller“, sondern Unterhaltung auf durchaus hohem Niveau, die dennoch so konsequent spannend erzählt ist, dass man die Finger kaum von dem Buch lassen kann. Wer „Kolyma“ liest, sollte aber möglichst auch „Kind 44“ schon kennen, da die Figurenentwicklung auf die Geschehnisse im Vorgängerroman aufbaut.

|Originaltitel: ›The Secret Speech‹, Simon & Schuster (London) 2009
Übersetzung von Armin Gontermann
480 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3-8321-8089-8|
http://www.dumont-buchverlag.de

Wilks, Mike – Mirrorscape – Gefangen im Reich der Bilder

_Eigentlich ist es eine trostlose Welt_, in welcher der junge Melkin Womper lebt. Die Gilden kontrollieren im Land Nem so ziemlich alles, was irgendwie von Wert ist, und so muss der Sohn einer einfachen Weberfamilie in der Provinz sich damit begnügen, sich aus Ruß und Wasser selbst Tusche zu mixen, um seiner Leidenschaft nachgehen zu können: dem Zeichnen. Mel ist äußerst talentiert, und weil das auch sein Mentor Fra Theum erkannt hat, bekommt Mels Familie eines Tages Besuch von einem Boten aus der fernen Hauptstadt, der Mel gerne als Lehrling für die berühmte Künstlerwerkstatt von Ambrosius Blenk anwerben möchte.

Mel kann sein Glück kaum fassen, und ehe er sich versieht, tritt er im Hause Blenk auch schon seine Lehrstelle an. Als jüngster Lehrling und Provinzler hat er es nicht leicht. Er bekommt immer die unangenehmsten Arbeiten zugeschoben und wird von Oberlehrling Groot pausenlos schikaniert. Die einzigen Freunde, die er findet, sind sein Lehrlingskollege Ludo und das Küchenmädchen Wren.

Zu dritt erkunden sie häufig die verborgenen Dienstbotengänge der alten Schule und beobachten dabei eines Tages, wie ihr Meister Ambrosius Blenk in einem Gemälde verschwindet. Offenbar sind die Bilder Portale in eine andere Welt. Ludo, Wren und Mel sind höchst fasziniert und machen sich daran, die Welt hinter den Leinwänden auf eigene Faust zu erkunden. Das entpuppt sich schon bald als gefährliches Unterfangen, denn sie begegnen dort den unheimlichsten Kreaturen.

Auch die Schergen der machtgierigen Gilden scheinen ihre Finger schon bis nach Mirrorscape, die Welt hinter den Bildern, auszustrecken. Als sie eines Tages Ambrosius Blenk entführen, um Mirrorscape in ihre Gewalt zu bringen, liegt es an Mel, Ludo und Wren, ihrem Meister zur Seite zu stehen. Doch alleine sind auch sie machtlos. Sie können nur auf die Hilfe der Rebellen hoffen, die sich tief unter der Stadt vor den Häschern der Gilde versteckt halten. Mel, Ludo und Wren stehen vor dem größten und gefährlichsten Abenteuer ihres Lebens …

_Es ist eine höchst eigenwillige Welt_, die Autor und Illustrator Mike Wilks mit „Mirrorscape – Gefangen im Reich der Bilder“ entworfen hat. Man kann ein Gemälde betreten und die komplexe Welt, die sich hinter der Leinwand verbirgt, erkunden. Was den Protagonisten dort alles begegnet, zeugt von der unbändigen Fantasie des Autors. Die seltsamsten Kreaturen tummeln sich dort und die eigenartigsten Dinge passieren. Es gibt schaurige Ungeheuer, monströse Welten, in denen einem die Zeit Streiche spielt, lebende Häuser und noch vieles mehr.

Mike Wilks hat sich in seinem künstlerischen Schaffen durchaus schon einen Namen als Illustrator surrealer Traumwelten gemacht. Seine Bilder haben es unter anderem schon bis ins |Museum of Modern Art| in New York und ins |Victoria and Albert Museum| in London geschafft.

Diesem Anspruch wird er auch mit seinem bislang ersten Roman gerecht. „Mirrorscape“ ist ein Ort, der vor Fantasie nur so strotzt, und Wilks zeigt dabei, dass er seine fantastischen Ideen eben nicht nur mittels Bildern greifbar machen kann, sondern auch mit Worten. Das ist einerseits ganz schön, denn so bleibt es dem Leser überlassen, sich ein eigenes Bild von „Mirrorscape“ zu machen, andererseits wären Illustrationen sicherlich eine sehr schöne Ergänzung der Geschichte gewesen. So muss sich der Leser mit einigen wenigen Zeichnungen am Anfang des Buches begnügen. Schade eigentlich.

Wilks schafft es aber nicht nur, die Welt hinter den Bildern sehr fantasievoll anzulegen, auch das Land Nem, die reale Welt, braucht sich nicht hinter den Fantasiewelten zu verstecken. Jede Gilde kontrolliert in Nem einen der fünf Sinne. Farbpigmente sind dabei das Kostbarste, was es gibt, und so kontrolliert die fünfte Gilde dieses wertvolle Gut und hat sich damit zur mächtigsten Institution im Land aufgeschwungen. Farben verwenden darf nur, wer sich die entsprechenden Pläsiere leisten kann und dadurch eine Legitimation erwirbt. Und so sind Kunst und bunte Kleider eben ein purer Luxus, von dem Mel in seinem bisherigen Leben in der Provinz nur träumen konnte. Auch die reale Welt von Nem bringt einige skurrile Eigenarten mit sich, wie die von Menschenkraft betriebenen Straßenbahnen und die Sklaven auf der Insel Kig, die vom Abbau der kostbaren Farbpigmente mit der Zeit eine farbige Haut bekommen. Nem ist für den Leser ein ähnlich skurriler Ort wie Mirrorscape.

Klingt also nach den Zutaten eines lesenswerten fantastischen Romans, dennoch muss man der Geschichte eine nicht geringe Schwäche ankreiden. Wilks Fantasie zeichnet den Roman aus, erzählerisch weist er aber so einige Schwachpunkte auf. Dass die Figurenskizzierung eher oberflächlich bleibt, ist sicherlich nicht verwunderlich, da es sich schließlich um ein Jugendbuch handelt. Dass man aber mit der Zeit mit Mel nicht mehr so richtig mitfiebert, weil er einfach zu souverän jedes eigentlich lebensgefährliche Abenteuer in Mirrorscape besteht, ist dann doch ein wirklicher Makel.

Als Mel zusammen mit Ludo durch eine Leinwand tritt, sieht es erst noch ganz vielversprechend aus. Die beiden werden von sonderbaren Kreaturen bedroht – eine Begegnung, die Ludo beinahe das Leben kostet. Mel schafft es nur mit Mühe und Not, seinen Freund zu retten. Doch schon beim nächsten Besuch in Mirrorscape mutiert Mel dann zum Überflieger. Er stellt sich jeder Herausforderung, und nichts kann ihn aufhalten. Kein Bösewicht ist zu mächtig, keine Gefahr zu groß. Das drückt im Laufe des Romans, der sich ab etwa der Hälfte größtenteils in Mirrorscape abspielt, dann doch ziemlich die Spannung.

Sprachlich ist das Ganze recht einfach und kindgerecht gehalten. Für die jüngeren Leser dürften manche Stellen des Buches aber ziemlich harter Tobak sein. Wie schon Wilks Illustrationen, die oft einen beunruhigenden, düsteren Einschlag haben, so ist auch der Roman teils düster und sogar gruselig. Für all zu zartbesaitete Gemüter also vielleicht nicht ganz die passende Lektüre.

_Bleiben unterm Strich_ gemischte Gefühle zurück. Zwar fasziniert Wilks mit seinen fantastischen Ideen und seiner bizarren Welt, dennoch offenbart er aber vor allem mit Blick auf den Spannungsbogen erzählerische Schwächen. Zwar strebt der Spannungsbogen kontinuierlich aufwärts, aber er wird durch die Souveränität, mit der Protagonist Mel von einem brenzligen Abenteuer zum nächsten wandert, ziemlich untergraben. So geht leider einiges an Potenzial verloren, aber wer weiß, vielleicht gelingt es Wilks ja schon mit dem nächsten Band, wieder einiges an Boden gut zu machen – schließlich ist „Mirrorscape“ als Trilogie angelegt.

|Originaltitel: Mirrorscape
446 Seiten, gebunden
Einbandgestaltung von David B. Hauptmann
Mit Vignetten von Mike Wilks
Aus dem Englischen von Bettina Münch
Empfohlen ab 12 Jahren
ISBN-13: 978-3-7891-5125-5|
http://www.oetinger.de

Gaiman, Neil – Messerkönigin, Die (Hörbuch)

_Dass Neil Gaiman_ heutzutage einer der fantasievollsten und vielseitigsten Autoren ist, stellt keine große Neuigkeit dar. Auch seine Kurzgeschichtensammlung „Die Messerkönigin“ ist nicht mehr wirklich neu und hat mittlerweile schon etwa acht Jahre auf dem Buckel. Für seine |Lauscherlounge| hat nun Oliver Rohrbeck Gaimans skurrile Geschichten noch einmal eingelesen. Herausgekommen ist ein kurzweiliger Hörgenuss, der liebevoll inszeniert ist – ganz wie eine Hommage an den Autor höchstselbst.

Vereint werden auf insgesamt drei CDs sechs Geschichten, von der jede ihren ganz eigenen Reiz besitzt. Jede Kurzgeschichte wird von einem anderen Komponisten begleitet, von denen jeder zu ganz unterschiedlichen musikalischen Mitteln greift. So hat jede Geschichte, maßgeblich von der musikalischen Begleitung beeinflusst, ihren ganz eigenen Charakter.

_Die Geschichten_, die Neil Gaiman in „Die Messerkönigin“ zusammenträgt, sind ähnlich unterschiedlich und vielseitig wie die Musik der Hörbuchfassung. Teils lustig, fast immer schräg, teils melancholisch, teils düster – Gaimans Erzählungen sind ein Kaleidoskop unterschiedlicher Stimmungen, die er wunderbar pointiert einfängt.

In „Ohne Furcht und Tadel“ lässt Gaiman die betagte Mrs. Whittaker in einem Oxfam-Laden zwischen lauter Plunder den Heiligen Gral finden. Fortan bekommt sie deswegen Besuch von Galahad, seines Zeichens Ritter der Tafelrunde, der nichts unversucht lässt, Mrs. Whittaker per Tauschgeschäft den Heiligen Gral abzukaufen. Doch Mrs. Whittaker entpuppt sich als harte Nuss, die sich nicht so leicht um den Finger wickeln lässt …

In „Der Preis“ erzählt Gaiman die Geschichte eines Katers, der sich immer wieder des Nachts in mysteriöse Kämpfe verstrickt. Jeden Morgen finden seine Besitzer ihn mit neuen Verletzungen, bis sein Herrchen sich eines Nachts daranmacht herauszufinden, mit wem sich der Kater jede Nacht anlegt …

„Die Trollbrücke“ erzählt die Geschichte eines folgenschweren Paktes, den ein Junge aus der Not heraus mit einem Troll eingeht – in der Hoffnung, dass der Troll im Laufe der Jahre schon vergessen würde, seinen Preis einzufordern. Doch der Troll vergisst das Geschäft nicht so einfach …

„Charlotte“ dreht sich um eine mysteriöse Frau, über deren Bilder ein Fotograf seit seiner Jugend immer wieder stolpert. Die Frau – Charlotte – lässt ihn nicht mehr los, und er versucht immer wieder ihre Spur aufzunehmen – bis sie eines Tages vor ihm steht.

„Shoggoth’s Old Peculiar“ ist eine kleine Hommage an H. P. Lovecraft. Ein amerikanischer Rucksacktourist reist die britische Küste entlang und landet eines Tages in [Innsmouth,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=424 wo er die Bekanntschaft einiger äußerst sonderbarer Gestalten macht …

„Der Goldfischteich und andere Geschichten“ dreht sich um die Traumfabrik Hollywood. Eine schöne, melancholische Geschichte um eine vergessene Stummfilmdiva, die ein britischer Autor aufstöbert, als er gerade in Hollywood verweilt, um seinen Roman in ein Drehbuch umzuwandeln.

_Gaimans Geschichten_ entpuppen sich auch dank der besonders gelungenen Inszenierung als wahre Kleinode der fantastischen Literatur. Oliver Rohrbeck liest die Geschichten ganz ausgezeichnet und erweckt sie dadurch so schön zum Leben, dass man das Hörbuch gerne auch noch ein zweites oder drittes Mal hören mag. Er greift die unterschiedlichen Stimmungen der Geschichten gut auf, liest gewitzt und bringt auch die einzelnen Charaktere der Geschichten sehr schön zur Geltung. Lesung und Musik sind vortrefflich aufeinander abgestimmt und kehren die Eigenarten der einzelnen Geschichten sehr schön heraus.

Gaiman selbst stellt mit „Die Messerkönigin“ ein weiteres Mal seine Vielseitigkeit unter Beweis. Egal welche Darstellungsform er wählt, ob Comic, Roman oder Kurzgeschichte, er brilliert in jeder Disziplin. Auch wenn ich mich häufig mit Kurzgeschichten schwertue und nicht so recht Zugang finde, bereitete mir „Die Messerkönigin“ größten Hörgenuss. Die Geschichten sind pointiert, hochgradig unterhaltsam und dabei durchaus spannend erzählt. Wer bislang noch gar nichts von Neil Gaiman kennt, für den dürfte „Die Messerkönigin“ ein sehr geeigneter Einstieg sein.

_Bleibt unterm Strich_ ein sehr positiver Eindruck festzuhalten. Gaimans Geschichten überzeugen wie üblich. Sie sind gleichermaßen schräg, düster und gewitzt. Die Hörbuchproduktion kehrt diese Vorzüge durch ihr gekonntes Zusammenspiel von Lesung und Musik wunderbar heraus. „Die Messerkönigin“ sei daher jedem Hörbuch-Freund ans Herz gelegt, ganz besonders auch denen, die bislang noch nichts von Neil Gaiman kennen und mit diesem Hörbuch einen wunderbar unterhaltsamen Einstiegspunkt finden.

|3 Audio-CDs
ISBN-13: 978-3-7857-3746-0|
http://www.lauscherlounge.de/
http://www.luebbe-audio.de

_Neil Gaiman auf |Buchwurm.info|:_

[„Mr. Punch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3976
[„Sandman: Ewige Nächte“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3498
[„Sandman 1 – Präludien & Notturni“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3852
[„Stardust – Der Sternwanderer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4336
[„Sternwanderer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3495
[„American Gods“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1396
[„Anansi Boys“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3754
[„Coraline – Gefangen hinter dem Spiegel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1581
[„Die Bücher der Magie 5 – Verlassene Stätten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2522
[„Die Bücher der Magie 6″ – Abrechnungen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2607
[„Die Messerkönigin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1146
[„Die Wölfe in den Wänden“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1756
[„Keine Panik! – Mit Douglas Adams per Anhalter durch die Galaxis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1363

Ruiz Zafón, Carlos – Spiel des Engels, Das

Nachdem Carlos Ruiz Zafón mit [„Der Schatten des Windes“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2184 einen großartigen Roman und Weltbestseller geschaffen hat, der inzwischen schon in immerhin mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde, liegt mit „Das Spiel des Engels“ nun der lang herbeigesehnte Nachfolger vor. Der Erwartungsdruck ist verständlicherweise enorm hoch, hofft der geneigte Leser doch zu Recht darauf, dass Zafón auch mit seinem zweiten Werk wieder so zu begeistern vermag wie mit seinem vorangegangenen Roman.

Wieder nimmt Carlos Ruiz Zafón uns mit auf eine Reise in das Barcelona vergangener Tage. Wieder dreht sich alles um die Magie der Bücher. Wieder tauchen die Buchhandlung Sempere und Söhne und der Friedhof der Vergessenen Bücher auf und wecken positive Erinnerungen an den „Schatten des Windes“.

Der junge David Martín verdient im Barcelona vor dem Bürgerkrieg seine Brötchen mehr schlecht als recht mit dem Schreiben von Schauergeschichten. Das Schicksal meint es nicht gut mit David: Sein schriftstellerisches Talent wird verkannt, die Liebe seines Lebens erfüllt sich nicht und er droht schon bald an den Folgen einer schweren Erkrankung zu sterben.

In ganz Barcelona scheint nur ein Mann an David Martíns Talent zu glauben: der mysteriöse Pariser Verleger Andreas Corelli. Corelli macht Martín ein unwiderstehliches Angebot, bei dem er sein Talent endlich voll zur Geltung bringen kann. Doch nachdem Martín sich auf das Angebot Corellis eingelassen hat, bringen ihn eine Reihe mysteriöser Ereignisse ins Grübeln, und er beginnt im Stillen, Corellis Motive zu hinterfragen. Doch steckt er auch schon mittendrin in einem unaufhaltsamen Strudel, der sein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen droht …

Zusammen mit Anna Gavaldas aktuellem Roman [„Alles Glück kommt nie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5414 dürfte „Das Spiel des Engels“ der Titel 2008 sein, den ich am meisten herbeigesehnt habe. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, schließlich war „Der Schatten des Windes“ einer der großartigsten belletristischen Romane der letzten Jahre. „Der Schatten des Windes“ ist ein derart packender Roman, dass man ihn kaum aus der Hand legen mag. Man taucht tief in die Geschichte ein. Schicht um Schicht legt Zafón neue Facetten seiner Erzählung frei, und so geht von dem Roman eine Faszination aus, der man sich kaum entziehen kann.

„Das Spiel des Engels“ soll hier offensichtlich anknüpfen, trifft der Leser schließlich in Zafóns neuestem Werk einige altbekannte Figuren wieder: Señor Sempere und seinen Sohn in der Buchhandlung in der Calle Santa Ana, Semperes Kollegen Gustavo Barceló und nicht zuletzt den fantastisch anmutenden Friedhof der Vergessenen Bücher. Auch „Das Spiel des Engels“ dreht sich schließlich um die Magie der Bücher. Zafón bleibt seinem Thema treu.

Und so dauert es auch diesmal nicht allzu lange, bis man in die Geschichte eintaucht und Barcelona mitsamt Zafóns Protagonisten zum Leben erwacht. Schnell wird David Martín zum schicksalsgebeutelten Sympathieträger. Alles in allem durchaus vielversprechend.

Und doch ist mit diesem Buch alles so vertraut und anders zu gleich. Man taucht zwar schnell ein und ist bereit, sich von Zafón durch eine Geschichte leiten zu lassen, von der man keinen Schimmer hat, welche Richtung sie einzuschlagen vermag, dennoch schleicht sich bei „Das Spiel des Engels“ auch ein ungutes Gefühl mit ein. Mit „Der Schatten des Windes“ vermag Zafón den Leser tief im Innern zu berühren. „Das Spiel des Engels“ hat zumindest in mir trotz großer Sympathien für den Autor und seine Art, Geschichten zu erzählen, keine derartigen Gefühle ausgelöst.

Je weiter sich die Geschichte entwickelt, desto mehr scheint sie auch auf Distanz zum Leser/Hörer zu rücken. Zwar entwickelt sie sich höchst spannend, aber trotz der Sympathien für die Hauptfigur David Martín fühlt und leidet man längst nicht so intensiv mit, wie man dies noch bei „Der Schatten des Windes“ konnte.

Die Spannung wird hier vor allem von der Frage genährt, wer sich hinter Andreas Corelli verbirgt. Was will er von Martín? Was führt er im Schilde? Im Laufe der Geschichte passieren eine Menge Dinge, die Corelli immer wieder in einem höchst eigenartigen, teils mystischen Licht erscheinen lassen. Insgesamt entwickelt sich die Geschichte diesmal sehr düster – sehr viel düsterer als „Der Schatten des Windes“. Vor allem zum Ende hin, wo es teils sogar noch ziemlich blutig wird, dominieren die dunklen Töne das Geschehen.

Zu Zafóns vertrauten Romanzutaten (Liebesgeschichte, Hommage an die Literatur, ein bisschen Kriminalgeschichte, ein leicht fantastischer Einschlag) gesellt sich diesmal ein guter Schuss Noir. Das ist auf jeden Fall eine sehr reizvolle Entwicklung. Inspirieren ließ Zafón sich diesmal ganz offensichtlich auch von Goethes „Faust“, denn man findet im Plot durchaus Bezugspunkte.

Das Ganze gipfelt in einem Finale, das zwar sehr spannend ist, den Leser/Hörer aber auch ziemlich unbefriedigt zurücklässt. Kann „Der Schatten des Windes“ gerade auch deshalb so überzeugen, weil der Roman so eine wunderbar runde Sache ist, so verliert Zafón sich hier in losen Fäden. Wirklich aufgelöst wird die Geschichte nicht. Sie endet einfach mit einem etwas merkwürdigen Schlusspunkt, von dem der Leser/Hörer halten kann, was er will. Man wartet so lange auf das große Finale, in dem sich die Geschichte aufklärt, und wird dann so herb enttäuscht.

Diesmal schafft Zafón es einfach nicht, den Bogen zu spannen und die Geschichte in sich zu schließen. Sie bleibt einfach in der Luft hängen, und das hinterlässt schon einen ziemlich faden Beigeschmack. Konnte man schon im Verlauf der Geschichte keine so tiefe Bindung zu den Protagonisten aufbauen, wie es noch bei „Der Schatten des Windes“ möglich war, so entzweit einen das Finale endgültig.

Dass man nach Genuss des Hörbuchs dennoch nicht das Gefühl hat, man hätte sinnlos seine Zeit verplempert, ist zum einen Zafóns plastischer Erzählweise zu verdanken und zum anderen auch der gelungenen Vortragsweise von Hörbuchsprecher Gerd Wameling. Mit wunderbar warmer Stimme liest er die Geschichte und schafft es dabei sehr gut, die unterschiedlichen Nuancen der verschiedenen Persönlichkeiten herauszuarbeiten.

Es bleiben unterm Strich gemischte Gefühle zurück. Zwar ist „Das Spiel des Engels“ ein Hörbuch, dem man gerne lauscht, doch bleibt die Geschichte hinter den hochgesteckten Erwartungen deutlich zurück. Der Noir-Einschlag verleiht der Geschichte zwar ihren Reiz, dennoch taucht man nicht ganz so tief in den Plot ein und fiebert längst nicht so intensiv mit den Figuren mit wie noch bei „Der Schatten des Windes“. Das mystisch aufgebauschte Finale vermiest den Eindruck dann noch zusätzlich. War „Der Schatten des Windes“ eine wunderbar runde und facettenreiche Geschichte, so gerät „Das Spiel des Engels“ am Ende zusehends ins Stolpern. „Der Schatten des Windes“ bleibt damit absolut unübertroffen.

|Originaltitel: El juego del angel
Aus dem Spanischen von Peter Schwaar
611 Minuten auf 9 CDs
ISBN-13: 978-3-86610-606-2|
http://www.argon-verlag.de/