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Lem, Stanislaw – Robotermärchen (Lesung)

Wer das Wort „Märchen“ hört, denkt jetzt vielleicht an Rotkäppchen, den bösen Wolf oder an Hänsel und Gretel. Das ist Kinderkram. Denn die vorliegenden Märchen richten sich nicht an Kinder von Menschen, sondern an die neuprogrammierten Sprösslinge von Robotern, klar? Es sind Märchen von Robotern für Roboter, und Menschen kommen darin nur am Rande vor, und das nicht einmal in einer positiven Rolle. Dennoch interessieren sie uns brennend und bereiten uns Vergnügen. Und warum? Weil die hier geschilderten Silbrigen, Eisernen und Kupfernen noch menschlicher sind als Menschen es je sein können. Märchenhaft.

Hinweise zur Bezeichnung: „Bleichlinge, Weiche, Bleiche“ usw. sind Menschen. Alle anderen sind Roboter, also die Silbrigen, Eisernen und Kupfernen, ja, sogar die, die unter Wasser leben, wie König Hydrops und sein Volk. Tja, und dann gibt es noch den Großen Kosmogonischen Konstrukteur. Über den gibt es viele Theorien und wenig Wissen. Deshalb kommt er nur in Märchen vor. Oder dergleichen.

Der Autor

Stanislaw Lem, geboren am 12. September 1921 in Lwòw, dem galizischen Lemberg, lebt heute in Krakow. Er studierte Medizin und war nach dem Staatsexamen als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie tätig. Privat beschäftigte er sich mit Problemen der Kybernetik, der Mathematik und übersetzte wissenschaftliche Publikationen. 1985 wurde Lem mit dem |Großen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur| ausgezeichnet und 1987 mit dem |Literaturpreis der Alfred Jurzykowski Foundation|. Am bekanntesten wurde er für die literarische Vorlage für zwei Filme: „Solaris“, das 1961 veröffentlicht wurde.

Wichtige weitere Bücher Lems:

Eden, 1959
Summa technologiae, 1964
Der Unbesiegbare, 1964
Kyberiade; Robotermärchen, 1965
Sterntagebücher, 1959/1971
Der futurologische Kongress, 1971

Der Sprecher

Michael Schwarzmaier verzeichnet in seinem Wirken Engagements am Staatstheater Hannover, den Kammerspielen München. Unzählige Film- und Fernsehrollen unter Regisseuren wie August Everding, Peter Beauvais und anderen. Seine Spezialität ist das komödiantische Charakterschauspiel.

Der Regisseur

Regie führte Hans Eckardt. 1939 in Berlin geboren, studierte Germanistik und Sprachwissenschaft, wurde Buchhändler und Schauspieler. Vierzehn Jahre arbeitete er am Theater als Schauspieler, Regisseur und Chefdramaturg. Zahlreiche Lehrverpflichtungen an verschiedenen Hochschulen, auf Rezitationsveranstaltungen und bei Studioproduktionen schlossen sich an. 1982 übernahm Eckardt für zehn Jahre die Leitung der ältesten Hörbücherei in Deutschland, der Deutschen Blindenhörbücherei in Marburg a. d. Lahn. Lehre, Regie, eigene Rezitation und die Förderung von Sprechertalenten in seiner Eigenschaft als Verleger stehen nunmehr im Zentrum seiner Arbeit.

Die zwölf Märchen

I) Drei Elektritter

Es war einmal ein genialer Konstrukteur, der schuf nicht nur viele geniale Kleinodien an Maschinen, sondern auch ein ganzes Volk, die Kryoniden. Auf deren ruhmreiche Schätze hatten es aber etliche Raubritter abgesehen. Der erste davon war der Messinger, danach kamen der Eiserne und der Quarzer. Diese drei Elektritter abzuwehren, oblag den Feldmarschällen und Obersten der Kryoniden: Boreal, Albucid und Ohroaster. Doch den Quarzer abzuwehren, gelang nur dem Weisen Baryon, der eine raffinierte List einsetzte.

II) Die Uranohren

Ein wahrlich traurige Fabel! Einst war es dem großen Konstrukteur gelungen, zusammen mit seinem „Zauberlehrling“ Sonnen und Planeten zu erschaffen, darunter auch den Planeten Aktinurioa, auf dem das Reich der Palatiniden entstand, das von einem bösen Tyrannen namens Archithor beherrscht wurde.

Sonder Zahl waren die Aufstände und Rebellen, die versuchten, sein Joch abzuwerfen. Doch weil die einfachen Bewohner allesamt radioaktiv waren und, um das Zustandekommen einer kritischen Masse samt Kettenreaktion zu vermeiden, ihre Köpfe nicht zusammenstecken konnten, flog jede Vorbereitung eines Aufstands auf.

Der wichtigste Rebell war Pyron, doch den steckte Archithor in seinen tiefsten Kerker, wo er elendiglich verschmachten musste. Davon hörte endlich der Große Kosmogonische Konstrukteur und kam dem unterdrückten Volk zu Hilfe.

III) Erg Selbsterreg überwindet den Bleichling

König Schlagenot sammelt Kuriositäten und ist mächtig stolz auf sie. Ständig denkt er über Neuerwerbungen nach. Also ruft er den Elektrowisser Halazon herbei. Der schlägt ihm einen lebenden Antrobus aus dem Zwischensternreich vor, den er für ihn fangen wolle. Gesagt, getan! Der König lässt bereits einen Käfig errichten, in den alsbald der gefangene Antrobus gesteckt wird. Dieser Bleichling, der mit einer edlen Maschine keinerlei Ähnlichkeit aufweist, ist von ekelerregender Widerwärtigkeit.

Doch Prinzessin Elektrina, die ein klein wenig unterbelichtet ist, freundet sich mit ihm an, weil er gar so exotisch ist. Sie will von ihm einen Zahn haben, denn so etwas kennt sie nicht. Doch der Bleichling verlangt von ihr im Tausch ihren goldenen Schlüssel, mit dem sie jeden Morgen aufgezogen wird. Vertrauensselig überreicht sie ihm das lebenswichtige Werkzeug. Doch er betrügt sie, und nach Ablauf ihrer Feder fällt sie um.

Nun ist guter Rat teuer. Denn für den Schlüssel verlangt der Bleichling ein Raumschiff, das ihn zu seiner Heimat bringe. Das bekommt er, doch er nimmt den Schlüssel mit – zur Rache! Wer kann nun die schlafende Prinzessin erwecken? Der König, nicht faul, verkündet, derjenige Ritter, der ihm den Schlüssel beschafft oder den Bleichling, solle die Hand der Prinzessin erhalten und den Thron erben.

Viele Scharlatane folgen Schlagenots Ruf, doch nur einer, der quecksilbrige Erg Selbsterreg, vermag die holde Elektrina zu erwecken, auf geniale Weise.

IV) Die Schätze des Königs Biskalar

König Biskalar behauptet stolz, es gebe nichts mehr, dass er nicht schon besäße. Dieser Stolz fordert den Konstrukteur Kreazius heraus. Er lässt sich die Schatzliste geben und eine Prise Sand. Diesen verwandelt er in ein neuartiges Kleinod – und verwandelt es in Sand zurück. Der König ist darob sehr erbost und befielt Kreazius, ihm das Radium-Ei aus seiner tiefsten Schatzkammer zu bringen.

Doch Kreazius verfügt über ein Döschen winziger Assistenten, die ihm nicht nur helfen, zahllose Wächter, sondern auch die raffiniertesten und tödlichsten Schlösser zu überwinden. Wütend deportiert Biskalar den Konstrukteur auf einen Wüstenplaneten, auf dass er von dort zurückfinden möge. Erschreckt stellt Kreazius fest, dass ihm die königlichen Handlanger sein Döschen stibitzt haben. Was nun? Doch erst die dritte Aufgabe stellt Kreazius‘ Fähigkeiten auf eine harte Probe.

V) Zwei Ungeheuer

Es waren einmal drei Städte der Argenser, der Silbrigen. Sie wurden von der Dynastie der Energer beherrscht. Noch können sie die Invasion der Siderianer abwehren, doch Schlimmeres wird prophezeit: Dereinst würden zwei Ungeheuer die Argenser vernichten. König Inhiston lässt seine Vielwisser kommen und befielt Maßnahmen. Der Groß-Archidynamikus, der Groß-Kyberneur und der Groß-Abstraktor stecken die Köpfe zusammen.

Gegen das erste Ungeheuer, das den ganzen Planeten verwüstet, bauen die Weisen drei Ritter: den Kupfernen, einen Riesen; den Quickkopf, einen Vielgestaltigen; und etwas, das der Groß-Abstraktor verborgen hält. Und als dessen Zeit gekommen ist, da entpuppt er sich als Antimaterie. Doch weh und ach! Der Ungeheuer entstanden viele auf einem alten Schrottfriedhof, und der Untergang des Energerreiches war nahe.

Da entsann sich der König der prophetischen Inschrift auf seinem Zepter, zerbrach’s und las die leuchtende Schrift an der Wand. Hinter all dem steckte der schlimmste Feind der Maschinen: der Mensch. Da ward König Inhiston sehr traurig und bitter und befahl das Einzige, was zu tun übrig blieb.

VI) Der weiße Tod

Der Planet Aragena ist nicht von Städten bedeckt, sondern nach innen, in die Tiefe ausgebaut, wo es vor Edelsteinen und Spiegeln wimmelt. Solcherart versteckt sich das listige Volk der Enteralen vor seinen Feinden. König Metamerius aber besteht aus Milliarden von Gliedern, in deren erstem jeweils der Verstand wohnt. Er stammt von den Aurigonen ab, deren Erzfeinde von jeher die Weichen oder Bleichen gewesen sind. Seit Jahrtausenden wacht Metamerius und schützt sein Volk vor den Verfolgungen der Bleichen, und seine Raumgegend wird gemieden.

Doch eines Tages zerschellt ein Raumschiff vor einem Höhleneingang der Enteralen. Man zerrt das harmlos aussehende Schiff in eine Höhle und öffnet vorsichtig eine Hülle nach der anderen. Das letzte Türschloss muss mit einem Wort geöffnet werden. Eingedenk uralter Legenden erinnert sich Metamerius, dass es „Rache“ lautet.

Das Schiff ist tot und leer, auf dem Boden schwimmt nur eine rote Pfütze, daneben liegen Kleiderfetzen. Doch weh! „Das Rot ist des Weißen Todes Lebenselixier!“ Eilig befielt der umsichtige König die sofortige Zerstörung und Atomisierung des Schiffes. Zu spät! Eine Spore des Weißen Todes ist der Sterilisation entkommen. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf …

VII) Wie Winzlieb und Gigelanz die Nebelflucht auslösten

Dieses Märchen liefert eine Erklärung für das, was vor dem Urknall passiert sein könnte. – Im vorigen Universum gab es nämlich zwei kosmogonische Konstrukteure, nicht bloß einen: Winzilieb und Gigelanz. Sie zerstritten sich, weil sie unterschiedlicher Meinung darüber waren, wie ein neues Denkinstrument zu konstruieren sei, mit dem sie die Geheimnisse der Materie erkunden könnten.

Um die Richtigkeit ihrer Meinung unter Beweis zu stellen, konstruieren sie jeweils einen Krieger für sich und schicken diese in einen Zweikampf. Gigelanz erschafft den Kosmobold, doch Winzlieb nur Kleinzeug: einen Rubin. Dieser Winzling verspottet den galaxiengroßen Kosmobold. Der aber sucht den Winzling und dreht sich dabei ständig um die eigene Achse, wodurch die in ihm enthaltenen Galaxien schon bald aus der Mitte nach außen fliehen. Es kommt zum Urknall. Doch darüber, wer den Disput für sich entschieden hat, streiten ihre Schöpfer noch heute.

VIII) Das Märchen von der Rechenmaschine, die gegen den Drachen kämpfte

König Poleander, der auf der Kyberei lebt, ist Kybernetiker und Krieger, so dass sein Reich vollkommen geschützt ist. Leider ermangelt es ihm an Gegnern. Daher lässt er künstliche Ziele erschaffen, um sie zu vernichten, auch wenn darob die Untertanen murren. Denn wo gehobelt wird, fallen bekanntlich Späne. Doch so mächtig auch der Gegner ist, stets gelingt es Poleander, ihn zu bezwingen. Schließlich geht er mit seinem Krieg netterweise auf den Mond. Dort konstruiert er eine tüchtige Rechenmaschine, die alles herstellen kann. Doch wegen eines Übermittlungsfehlers bei ihren neuen Befehlen erschafft sie nicht Elektrokrach, sondern einen Elektrodrach.

Schon bald fallen Felsen mit zerstörerischer Wirkung vom Mond auf die Kyberei. Nun ist guter Rat teuer. Der König, dessen Palast bombardiert wird, sucht den Rat einer uralten Strategie-Rechenmaschine, die er schon lange nicht mehr konsultiert hat. Das hätte er lieber bleiben lassen sollen, denn es bedeutet, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

IX) Die Räte des Königs Hydrops

Die Wasserwelt Aquatia wird von König Hydrops regiert. Er hat beschlossen, einen Sohn als Erben und Nachfolger erschaffen zu lassen und fragt seine Räte, wie denn dieser Sohn optimal beschaffen sein soll, damit dieser Aquatias würdig sei. Die Räte sind Ammasid, Diopterich, Bricklerich und Philonaut. In der Kammer, in der sie bei ihrem Konklave eingesperrt sind, hebt nun eine Welle von Intrigen gegeneinander an. Denn jeder denkt nur an den eigenen Vorteil. Endlich kommt ein Kompromiss zustande und sie legen die Matrize für die Sohneserschaffung fest.

Der künftige Sohn wird nur kleine Dinge lieben. Um sich aber Liebkind zu machen, lassen sich die Räte verkleinern. Der Rat Diopterich nimmt dazu die Hilfe eines Kesselflickers namens Froton in Anspruch, der sich als Belohnung die Hand von Diopterichs Tochter Aurentina erbittet. Doch er empfängt nur Undank, und damit beginnen für ihn und Diopterich schwere Zeiten, wobei auch Frotons wissbegierige erste Frau eine Rolle spielt.

X) König Globares und die Weisen

Auf dem Planeten Eparis herrscht der allwissende König Globares. Er ist es müde, schon alles zu kennen und befiehlt seinen Weisen, ihm bei Strafe des Geköpftwerdens eine wundersame Geschichte zu erzählen. Köpfe rollen, als die beiden ersten Weisen kläglich versagen, den König zu amüsieren. Denn dieser ist sehr spitzfindig und hat immer Recht, selbst wenn er Unrecht hat.

Da tritt der dritte Weise auf und weigert sich rundweg. Der König verlangt, dass er ihn verspotte und lächerlich mache. Der Weise entgegnet, er werde beweisen, dass es etwas gebe, das absolut lächerlich sei und dennoch von niemand verspottet werde: der Kosmos. Und er werde zeigen, dass dieser Kosmos der Beweis sei, wie lächerlich der König sei. (Was ihm auch gelingt, allerdings nur über etliche Umwege.)

XI) Das Märchen vom König Murdas

Der junge König Murdas, der gerade den Thron bestiegen hat, ist ängstlich und obendrein ehrsüchtig. Er will sich den Beinamen „der Große“ erwerben. Er lässt alle Prophezeiungen, Omen und Orakel verbieten. Doch in einem alten Wachturm stößt er eines Tages auf eine winzige Pforte, hinter der ein alter Orakelkasten ihm eine Weissagung bereithält. Es ist ein sehr langes Gedicht, das ihn vor bösen Verwandten warnt und ihn zu deren Ermordung auffordert. Schon bald rollen die Köpfe aller seiner Verwandten.

Fast aller: Denn er träumt, ein Onkel namens Zenander sei seiner Verfolgung entgangen. Also lässt er eine riesige Statue von sich herstellen. Diese ist so groß, dass sie die ganze Hauptstadt umfasst und noch einiges Land darüber hinaus. Nun kann Murdas mit Recht sagen: „Der Staat bin ich.“ Doch er hat weiterhin Träume von einer königsfeindlichen Verschwörung. Er beschließt, einen Anti-Traum zu träumen. Es gelingt ihm nur unter Mühen. Kann man träumen, wach zu sein? Allmählich vermag Murdas kaum mehr zwischen Traum und Wachen zu unterscheiden, und ein wahrer Krieg der Träume entbrennt, es gibt sogar Träume n-ter Potenz.

Das kann nicht lange gut gehen, und so ist es dann auch.

XII) Zifferotikon

Der genaue Titel dieses Textes lautet: „Aus dem Werk ‚Zifferotikon‘, das ist: Von Irr- oder Abschweifferey, Versteiffung & Thorheit des Hertzens“.

Dies ist das Märchen vom Königssohn Ferrenz und der Prinzessin Kristalla. Ferrenz hat sich in sie verliebt, doch seine Verwirrung ist groß, als ihm sein Vater verrät, dass Kristalla komplett wahnsinnig sei: Sie wolle nur einen Bleichling zum Mann nehmen. Dabei sei doch die ekelerregende Evolution der Bleichlinge bekannt sowie ihre abstoßende Art, sich zu vermehren. Sie programmieren nicht einmal ihre Nachkommen! Leider ist es auch wahr, dass diese Wesen die Maschinen erschufen. Dank sei Urvater Genetophorius, der die Maschinen aus der Knechtschaft in die Freiheit führte!

Was ist zu tun? Ferrenz konsultiert den Weisen Polyphases. Er rät dem Prinzen, sich als Bleichling zu verkleiden und so Kristalla zu täuschen. Doch es ist nicht damit getan, den edlen Körper des Prinzen mit Klitsch und Schleim und Fransen zu bedecken, er muss auch noch Blasen voll Luft und Wasser versteckt transportieren. Ferrenz ist von sich selbst angeekelt. Doch Polyphases überzeugt ihn und gibt ihm noch ein paar richtige Antworten auf zu erwartende Fragen Kristallas auf den Weg. Ferrenz besteht auf seiner Begleitung.

In König Aurenzius‘ Hauptstadt bietet Polyphases, verkleidet als Kaufmann, den neuen Bleichling feil, was sofort die Mägde Kristallas der Prinzessin hinterbringen. Sie lässt Polyphases vorladen. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Sie stellt den Bleichling, der sich selbst „Sabbermümmel“ nennt, auf die Probe. Ob er sie wohl besteht und ihr Mann wird? Lest selbst, ob seine Liebe groß genug ist!

Mein Eindruck

Stanislaw Lem hat sich in den hier versammelten „Robotermärchen“ mit drei Themenbereichen befasst.

I) Der unschuldigste und abstrakteste Bereich ist die Entstehung des Kosmos. Dafür bemüht er in seinen Märchen den Großen Kosmogonischen Konstrukteur – da Maschinen keine Vorstellung von abstrakten leiblichen Eltern haben, die sie Gott und Göttin nennen können, kommt ihnen die Vorstellung des Konstrukteurs – oder Programmierers – natürlich vor. Das ist wiederum ironisch, denn sie selbst sind keine Geschöpfe der Natur, noch verfügen sie über eine natürliche Evolution. Also muss ein Konstrukteur den Kosmos und alles, was sich darin feststellen lässt, erschaffen haben.

II) Dieser Mythos wird jedoch durch das zweite Thema als Fiktion und Wunschvorstellung der Robotergenerationen entlarvt. Hier geht es um die Auseinandersetzung mit den Erschaffern der Maschinen und Roboter, bis hin zu deren Exodus und ihrer Emanzipation. Dafür verfolgen ihre menschlichen Schöpfer sie offenbar bis zum Jüngsten Tage, denn wo immer Menschen Roboterwelten heimsuchen, spielt das Wort „Rache“ eine Rolle („Der weiße Tod“, „Zwei Ungeheuer“).

Selbst so harmlos scheinende Märchen wie „Erg Selbsterreg bezwingt den Bleichling“ und „Zifferotikon“ durchzieht die Linie der Konfrontation mit den Menschen auf einer existentiellen Ebene. Nicht nur, dass Menschen so widerwärtige Leiber besitzen, stößt die Roboter ab, sondern noch vielmehr die Boshaftigkeit der Menschen. Selbst in der „Schneewittchen“-Parodie „Erg Selbsterreg …“ ist der Bleichling das Inbild von Lug und Trug. (Das wäre jeder Mensch, den man gefangen genommen hat.) Und für diese Tat der Roboter, die ihn gefangen haben, sinnt er auf Rache.

III) Der dritte, umfangreiche Bereich, der den eigentlich Stoff der Märchen verarbeitet, greift die menschlichen, allzu menschlichen Eigenschaften der Roboter und ihrer diversen eigenartigen Welten und Herrscher auf. Könige mit unermesslichem Reichtum, größtem Wissen und Fürsorglichkeit stehen Tyrannen von arroganter Kühnheit, ängstlicher Paranoia oder schierer Gedankenlosigkeit gegenüber.

Ihre Weisen und Ritter erweisen sich in der Mehrzahl – dem Märchengesetz gehorchend – als in aller Regel unfähig oder Scharlatane. Es ist stets der Letzte der Weisen und Ritter, der obsiegt oder die Aufgabe erfolgreich bewältigt, möge sie noch so perfide gestellt worden sein. Eines der Märchen folgt beispielsweise dem Muster, das die Abenteuer des Herakles vorgegeben haben.

Die Boshaftigkeit des Tyrannen fällt in aller Regel auf ihn zurück. Denn wie heißt es so schön am Ende von „Erg Selbsterreg“? „Und der Schwindel kam nie ans Licht. Daraus seht ihr sogleich, dass ich kein Märchen erzählt habe, sondern die Wahrheit. Denn im Märchen siegt immer die Tugend.“ Man kann sich Lem gut mit einem Augenzwinkern vorstellen, wenn er dies schreibt. Denn fast alle seine Märchen lassen die Tugend siegen.

Der Märchenbrunnen

Der Brunnen, aus dem Lem seine Märchenmuster schöpft, sind in der Mehrzahl die bekannten Texte der Gebrüder Grimm und nicht etwa russische Märchen. So kommt etwa kein einziges Mal eine böse Hexe oder Zauberin vor, wie sie etwa die ukrainische Hexe Baba Yagá verkörpert (die sogar im Film verewigt wurde). Auch ein Überheld wie der „Starke Wanja“ fehlt, der als Einziger die Baba Yagá zu bezwingen vermag. Griechische Sagen standen häufig Pate: Die Abenteuer des Herakles und das Trojanische Pferd („Der weiße Tod“) lieferten Stilvorlagen für Lems Kyberiaden.

Vielmehr sind es oftmals Heroen des Geistes, die den Sieg davontragen: Weise, Konstrukteure und dergleichen. Besonders lächerliche Geistesheroen sind jedoch die Konstrukteure Trurl und Klapauzius, die leider in dieser Sammlung fehlen. Diese beiden erfinden sogar einen „Dämon zweiter Ordnung, um Mäuler den Mäuler zu besiegen“. Lem ist der Dünkel der Erfinder nicht unbekannt. Er hat ihn schon in den „Sterntagebüchern“ durch den Kakao gezogen.

Die Räte hingegen sind Opfer persönlicher und fremder Machtinteressen – Inbegriff oder Karikatur von Politikern (vgl. „Die Räte des Königs Hydrops“). Am schlechtesten kommen eigentlichen Prinzessinnen weg: Die arme Elektrina in „Erg Selberreg“ ist leider naiv und ahnungslos, als sie dem durchtriebenen Bleichling ihren goldenen Aufziehschlüssel aushändigt. Und Kristalla in „Zifferotikon“ ist sogar so verblendet, dass sie nur einen Bleichling heiraten will. Kein Wunder, dass sie für wahnsinnig gehalten wird. Ob sie wohl geheilt werden kann? Leset selbst!

Sprachkunstwerke

Das Wichtigste an den „Robotermärchen“ ist jedoch die Sprache. Mit ihrem Einfallsreichtum, ihrer Variationsbreite und der Treffsicherheit der Parodie, an Wortwitz und unwahrscheinlichen Gedankenfiguren suchen sie bis heute ihresgleichen. Diese raffiniert ausgesponnenen Lügenmärchen à la Münchhausen vom Kuriosen bis zum Wunderbaren und Traurigen sind eine Lust zu lesen. Es ist den beiden Übersetzern I. Zimmermann-Göllheim und Caesar Rymarowicz zu verdanken, dass sie den Sprachreichtum des Originals in ein angemessenes Deutsch übertragen haben, das uns doch selbst an alte Buchausgaben von Grimm’schen Märchen gemahnt.

Denn mögen auch die Ideen der einzelnen Texte auf Wissenschaft und Psychologie, Politik und Biologie zurückverweisen, so bleibt doch das Fundament, auf dem sie stehen, die Sprache. Wäre das nicht so, so könnten dies keine Märchen mehr sein, sondern man würde sie als trockene Traktate und Pamphlete betrachten, die nur von kurzem Reiz wären. Das Kleid des Märchens verleiht ihnen überzeitliche Dauer und Aussagekraft. Außerdem sind sie fast überall, wo man Märchen liest, zu verstehen – in Zeiten der Globalisierung sicherlich kein Nachteil.

Der Sprecher

Der dritte wichtige Beiträger zur Wirkung dieser herrlichen Texte ist der Sprecher. Michael Schwarzmaier hat die Seele der Märchen erfasst, trägt sie absolut ernst und überzeugend vor, um so die Stoßrichtung der Aussage jedes Textes klarzumachen, bis die Aussage ihre Pointe gefunden hat. Dabei hat der Hörer den Eindruck, als ob Schwarzmaier nicht zum ersten Mal Märchen und Fantasien vortrage. Das ist zutreffend: Er hat auch schon „Ijon Tichys Erinnerungen“ aus Lems „Sterntägebüchern“ vorgetragen, und zwar mit ebenso viel Verve und Einfühlungsvermögen für das Tempo und die Intonation von Sätzen. In einem Märchen steigert er das Tempo bis zum Gehtnichtmehr. Normalerweise würde dies grotesk erscheinen, doch der Text ermuntert dazu: Es ist der dramatische Höhepunkt von „König Murdas“, als sich der Vortrag im |prestissimo| seinem Finale nähert. Herrlich.

Unterm Strich

Die „Robotermärchen“ sind eine Reihe von Parodien, in denen der Autor weder Zukunftsprobleme noch aktuelles Geschehen der Entstehungszeit (1964/65) aufgreift, sondern vielmehr überzeitlich gültige Themen wie: Ursprung und Entstehung des Kosmos, allzu menschliche Fehler und Schwächen von Herrschern, auf Roboterkulturen übertragen und das künftige Verhältnis von Mensch und – unabhängig gewordener – Maschine, Schöpfer und Schöpfung (vgl. „Frankenstein“).

Dabei rührt das Vergnügen am Lesen der Texte nicht mal so sehr von den konventionellen Erzählmustern oder den mitunter ungewöhnlichen Ideen her, sondern vor allem von der herrlichen Sprache, die wir auch in der Übersetzung genießen dürfen. Der Sprecher Michael Schwarzmaier ist in der Lage gewesen, dieses sinnliche Vergnügen weiterzugeben – mit einem lebendigen Vortrag, der es auch an Sensibilität für Sätze und einzelne Wörter nicht mangeln lässt.

Ich habe das gesprochene Wort mit dem gedruckten in der |Suhrkamp|-Ausgabe von 1978 verglichen und konnte keine Fehler von Bedeutung feststellen. Und ich kann euch sagen, dass es in einem Lem-Text immer ein paar schwere Brocken gibt: Groß-Kyberneur, Abstraktor, Kosmogoniker – das sind noch die leichtesten.

Mein Fazit lautet daher, dass dieses Hörbuch ein lohnender Kauf ist, sofern man auch nur ein winziges Bisschen für Märchen übrig hat. Dass der Preis ein wenig höher ist als etwa bei |Lübbe|-Hörbüchern, liegt vermutlich an der niedrigen Auflage, die der Verlag produzieren konnte. An der Ausstattung lag es wohl nicht, denn die ist recht bescheiden ausgefallen: Es gibt weder Musik noch Geräusche, und auch ein Booklet sucht man im Faltkarton vergeblich.

Wer kann, sollte sich die zusätzlichen Texte in der Buchausgabe sichern, die im Hörbuch weggelassen wurden. Das Buch trägt den Titel „Kyberiade“.

Norbert Sternmut & Birte Schumann – Pfeilschrift. Reflexionen über die Liebe

Dieses umfangreiche Buch ist wieder mal eine Kooperationsarbeit in Norbert Sternmuts lyrischem Werk: Birte Schumann schrieb die Essays und stellte Märchen zum Thema „Liebe und Tod“ zusammen. Sternmut schrieb die Gedichte zum Thema. Warum Märchen? Weil sie eine der ältesten Formen der Poesie und Dichtung darstellen.

„Ganz besonders hat es ihnen ein klassisches Liebesmärchen angetan: Dornröschen. Dieses Märchen birgt in seinen Fassungen von Basile ganze Dramenstränge über die Abgründe der Liebe, spielt aber auch mit der tiefen, offenkundigen Schönheit, die der Liebe seit Menschengedenken anhaftet.“ (Verlagsinfo)
Norbert Sternmut & Birte Schumann – Pfeilschrift. Reflexionen über die Liebe weiterlesen

Carlo Collodi – Pinocchio

Lehrreiche Abenteuer eines hölzernen Straßenjungen

Wer kennt ihn nicht, den von Tischlermeister Geppetto aus einem Stück Holz geschaffenen kleinen Taugenichts Pinocchio, der sich in den Kopf gesetzt hat, ein richtiger Junge zu werden! An der liebevoll produzierten neuen Hörspiel-Version von Titania Medien werden kleine und große Hörer ihre helle Freude haben. (Verlagsinfo)

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Winterfeld, Daniela – geheime Name, Der

Fina hat es satt! Seit sie denken kann, ist sie mit ihrer Mutter auf der Flucht vor ihrem Vater. Noch nie hat sie es geschafft, auch nur ein halbes Jahr an ein und demselben Ort zu verbringen. Als ihr ihre Mutter eröffnet, dass sie schon wieder umziehen müssen, reißt Fina aus und fährt zu ihrer Großmutter… und damit direkt in die Höhle des Löwen!

Es ist nicht besonders neu, dass Märchen als Fantasy-Romane adaptiert werden. Tatsächlich bietet es sich geradezu an: Figuren, Magie und ein gelungener Plot… es ist bereits alles da. Es scheint, als müsse der Autor nicht mehr allzu viel tun, und bei dem wenigen könne auch nicht viel schief gehen. Dass es so einfach nicht ist, beweisen die vielen miserablen Literatur-Verfilmungen, die ebenfalls auf eine gute Vorlage zurückgreifen konnten, und trotzdem um Längen hinter dem Original zurückbleiben. Und auch unter den Romanadaptionen von Märchen finden sich Fehlgriffe. Seltsamerweise ist es dabei nicht unbedingt die Anpassung des Stoffes an das Jetzt, die die größten Probleme bereitet.

Daniela Winterfeld ist die Anpassung ihrer Rumpelstilzchen-Version sehr gut gelungen. Sie hat die Lebenssituation der armen Müllerstochter aus dem Märchen so in die Neuzeit überführt, dass die Handlungen und Motive sowohl der Müllerstochter als auch des Vaters zeitgemäß sind, ohne die Bedingungen für die richtige Entwicklung des Märchens zu untergraben. Alles ist sowohl in sich als auch zur Vorlage schlüssig. Obwohl ich die Tatsache, dass Finas Mutter tatsächlich eine Müllerstochter ist, fast schon ein wenig zu nah am Märchen fand. Denn das Märchen ist ja älter, es kommt in der Realität von Winterfelds Geschichte vor. Und die Geschichte beginnt ja schon damit, dass der Wicht, der das Kind einfordert, eben _nicht_ Rumpelstilzchen heißt! Deshalb hätte es mir fast besser gefallen, es wäre hier um die Tochter eines Heidebauern gegangen. Auch für Landwirte gibt es genug Möglichkeiten, in dieselbe Situation zu geraten, in die Finas Großvater geraten ist.

Aber das war im Grunde nur eine Kleinigkeit, die nicht wirklich störte. Denn die Autorin hat es zusätzlich zu der sauber ausgearbeiteten zeitlichen Verlagerung verstanden, ihrer Erzählung das Flair eines Märchens zu erhalten. Das liegt unter anderem auch an der geschickten Auswahl des Schauplatzes und seiner stimmungsvollen Beschreibung. Obwohl Moore heutzutage für Besucher erschlossen sind wie andere Naturräume – etwa Seengebiete oder Gebirgsalmen – verbinden wir mit ihnen noch immer gleichermaßen Geheimnisse wie unterschwellige Bedrohung, Überbleibsel aus der Zeit, als das Betreten von Mooren tatsächlich noch Lebensgefahr bedeutete.

In Daniela Winterfelds Roman existieren diese beiden Ebenen unmittelbar nebeneinander. Ihr Schauplatz ist ein Moor wie viele andere heute, mit angelegten Wanderwegen, auf denen Jogger und Hundebesitzer unterwegs sind. Gleichzeitig ist ihr Moor ein Ort der Geheimnisse und der Magie, und das nicht nur, weil er von Nebeln verhangen und mit schwarzen Tümpeln durchsetzt ist. Sondern vor allem, weil eine uralte Kreatur dort lebt, deren Aufgabe es ist, diesen Ort zu beschützen.

Vergangenheit und Gegenwart sind nur durch eine hauchdünne Linie voneinander getrennt, und nur mit Magie ist es möglich, diese Grenze zu überschreiten. Dabei ist es nicht so, als würde der Wechsel tatsächlich eine Zeitreise bedeuten. Es ist nur so, dass jenseits der Grenze die Zeit sozusagen stehengeblieben ist. Der Wicht, der dort wohnt, hat den Fortschritt der Zeit nicht mitgemacht. Warum sollte er auch? Er ist ein magisches Geschöpf, dem die Beweggründe der Menschen nichts bedeuten.

Tatsächlich ist dieser Wicht die interessanteste Figur des ganzen Buches, und das deshalb, weil er so widersprüchlich ist. Er ist der Wächter des Moores und des Waldes, derjenige, der dafür sorgen sollte, dass keines von beidem angetastet und zerstört wird. Aber er ist jähzornig und lässt seine Wut dann an der Natur aus, die er eigentlich beschützen sollte. Weil er von seinesgleichen abgeschnitten ist, ist er einsam, trotzdem misshandelt er Mora aufs Grausamste und verspielt damit die Möglichkeit, seine Einsamkeit zu mildern. Denn der Wicht hasst die Menschen, die immer mehr von seinem Reich vernichten. Fina dagegen scheint er nicht zu hassen, obwohl auch sie ein Mensch ist. Er legt sogar wert auf ihre Zuneigung, die für die Erfüllung des Zwecks, den er Fina zugedacht hat, eigentlich nicht nötig wäre.

Mora ist das Kind, mit dem Finas Mutter den Wicht betrogen hat, um ihr eigenes Kind zu schützen. Er legt ein Verhalten an den Tag, das für viele misshandelte Kinder typisch ist: da der Wicht seine einzige Bezugsperson ist, betrachtet Mora ihn als seine Familie, er will ihm gefallen und seine Liebe gewinnen. Gleichzeitig hasst er ihn für die Grausamkeiten, die er ihm antut, was dafür sorgt, dass er sich zumindest im Kleinen gelegentlich widersetzt. Mora ist mutiger und stärker, als er selbst glaubt.

Fina wiederum ist ziemlich emotional und eine Romantikerin. Die Geheimnisse ihrer Mutter fasst sie als Verrat und persönliche Kränkung auf, und sie verliebt sich Hals über Kopf in den wilden Waldjungen.

Dass es zu Fina so wenig zu sagen gibt, ist ein wenig schade. Immerhin ist das, was diese Figur ausmacht, sehr lebendig, nachvollziehbar und glaubwürdig geschildert, was auch für Mora gilt. Und die Manipulation des Wichtes sorgt dafür, dass die Liebesgeschichte der beiden nicht ins Klischee abrutscht. Dennoch ist der Wicht der heimliche Held dieser Geschichte, auch wenn die Sympathien des Lesers den beiden Jugendlichen gehören.

Während Mora und Fina also ihre gegenseitige Zuneigung entdecken und in diesem Zusammenhang mit einigen Missverständnissen zu kämpfen haben, wächst allmählich der Druck durch den Wicht, der endlich seine Braut für sich haben will. Zwar ist er in gewisser Weise sehr mächtig, seine Macht unterliegt jedoch gewissen Regeln. Mora kennt diese Einschränkungen und weiß sie zu nutzen, ist aber nicht in der Lage, die Macht des Wichts wirklich zu brechen. Der Leser erlebt daher mit, wie Fina und Mora immer mehr in die Bredouille geraten.

Umso abrupter empfand ich den Punkt, an dem der stetig steigende Spannungsbogen auf einmal unterbrochen wird – für eine Reise nach München. Zwar liefert dieser Abstecher eine Menge Antworten auf eine Menge Fragen. Zu diesem Zeitpunkt wichtig ist allerdings nur die Information, dass der Wicht in der Lage ist, Finas Mutter und alle, die sie liebt, zu manipulieren. Möglicherweise hätte es eine andere Möglichkeit gegeben, Fina diese Information zukommen zu lassen, ohne den Leser aus der entrückten und gleichzeitig gefährlichen Situation, in die er gerade so schön vertieft war, herauszureißen. Das hätte ich begrüßt, aber zumindest ist die Unterbrechung kurz, sodass man rasch wieder zurückfindet. Die Spannung steigt dann bis zum Showdown noch ein wenig an, um sich dann auf erstaunlich einfache Weise aufzulösen.

Um es kurz zu machen, „Der geheime Name“ gehört zu den gelungenen Versuchen einer Märchenadaption, trotz der Kleinigkeit mit der Müllerstochter, obwohl mir Finas Großmutter in jeglicher Hinsicht erstaunlich unbesorgt erschien, und trotz des logischen Knackses, dass Fina so problemlos die Kreditkarten ihrer Mutter benutzen konnte (Unterschrift? PIN?). Nach dem vielversprechenden Prolog hat es ein wenig gedauert, aber als Fina dann bei ihrer Großmutter ankam, nahm die Sache Fahrt auf und löste das Versprechen des Prologes mühelos ein. Tatsächlich hat die Geschichte mich gänzlich gefangen genommen. Als ich die Lektüre wegen eines Termins für kurze Zeit unterbrechen musste, war ich ziemlich ungehalten. Besonders gelungen fand ich den Bösewicht. Selten habe ich einen Antagonisten erlebt, der so viel Profil, so viel Persönlichkeit besaß. Aber auch der Schauplatz war so stimmungsvoll ausgearbeitet, dass man problemlos völlig darin versinken konnte.

Die meisten Männer werden der ausführlichen Liebesgeschichte wegen wohl nicht viel mit dem Buch anfangen können. Auch wer unbedingt Action oder ausgiebige Verwicklungen braucht, oder auch Wert legt auf mindestens zwei Lacher pro Seite, der ist hier falsch. Allen anderen kann ich das Buch nur wärmstens empfehlen.

Daniela Winterfeld stammt aus Nordrhein-Westfahlen, studierte Literaturwissenschaften, Psychologie und Geschichte. Schon in ihrer Jugend schrieb sie Kurzgeschichten für Literaturzeitungen. „Der geheime Name“, ihr erster Roman für Erwachsene, erschien unter Pseudonym. Zuvor hatte die Autorin unter ihrem bürgerlichen Namen Daniela Ohms bereits zwei Jugendbücher veröffentlicht, „Harpyenblut“ und „Insel der Nyx“. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin und arbeitet, zusätzlich zum Schreiben, in einer Literaturagentur.

Taschenbuch 524 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-51127-5

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